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    Avatar von Borgman
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    [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #1
    Mitreisende: Borgman
    Reisezeit: 03. Juli bis 19. Juli 2020

    Reiseziel: Island, südliches Hochland und ein paar Tage im Gebiet von Hveragerði





    Sonntag, 05. Juli: Fehlstart?

    So war das alles nicht geplant! Also … mal abgesehen davon, dass eigentlich für dieses Jahr überhaupt keine Island-Tour geplant war, aber das geht ja allen so. Nein, als vor wenigen Wochen der Flug gebucht war und alles so aussah, als könnte das sogar klappen, da hatte ich schnell einen konkreten Plan für die Tour. Endlich auch mal nach Landmannalaugar, wenn da nicht gar so viel Betrieb ist, und gleich richtig loslegen. Mal eben zackig am ersten Tag nach Hattver, ist ja nicht weit, dann bei Kaiserwetter am oder über den Torfakökull zur Strútslaug, Álftavötn, Hólaskjól, Eldgjá, Skælingar, Sveinstindur, ein bisschen am Langsjór entlang und in drei Tagen zurück nach Landmannalaugar. Nichts Exotisches, fast alles bekannte Routen. Hat man schon einiges drüber gelesen, will man mal selber sehen. Abgesehen von der Strecke am Torfajökull sollte alles gut machbar und planbar sein. Denkt man.


    Skalli

    Und dann das! Sechs große Schritte habe ich auf das Schneefeld am steilen Hang vom Skalli gemacht, da zittern mir die Knie. Donnerwetter ist das steil, da möchte ich nicht abrutschen. Wie habe ich es überhaupt vom losen Schotter über den vereisten Rand auf den doch recht griffigen Schnee geschafft? Das geht doch nahtlos ohne eine Trittstufe in den Hang über. Und warum kann ich meinen schweren Rucksack nicht vernünftig ausbalancieren? Ach ja, weil mir die Knie zittern. Warum sind meine Chainsen nicht an den Schuhen? Dabei hatten mich die vier Franzosen doch vor nicht mal einer Viertelstunde gewarnt, es würde nicht einfach sein. Und sie hatten nur leichte Tagesrucksäcke, und sie waren zu viert! Ich müsste nur weitergehen, dann hätte ich die Stelle bald geschafft. Aber dazu fehlt mir der Mut, oder, momentan, das Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten. Wenn ich hier schon zweifele, wie soll dann der restliche Weg sein? Die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen doch erst. Was, wenn Hattver eine Sackgasse ist und ich hier wieder zurück muss? Das möchte ich nicht.

    Mut ist vielleicht auch manchmal nur ein Mangel an Fantasie. Oder Angst umgekehrt ein Übermaß an Fantasie.

    Das geht mir alles zu schnell, ich muss zurück auf sicheren Boden und mich sammeln. Was mit zitternden Knien leichter gesagt ist, als getan. Umdrehen kann ich mich hier nicht, ich habe Angst, dass mich dabei der unstet schwankende Rucksack in die Tiefe reißt. Also rückwärts, schön langsam, einen Schritt, zwei, drei nach unten, fest in den Schnee treten. Beim nächsten rutscht der Schnee von der harten unteren Schicht weg und Wasser strömt heraus, ich finde keinen Halt mehr. Es ist zu warm, der Schnee löst sich auf. Runter ginge jetzt nur noch mit einem großen, mutigen Schritt, ich muss versuchen, seitlich zu queren und eine Stufe in den losen Schotter zu treten. Uff, das wäre geschafft! Und noch eine Stufe in den Rand, der durch den abgerutschten Schnee plötzlich ganz harmlos aussieht.




    Sieht doch eigentlich ganz einladend aus: Panikschneefeld

    Was war das? Eine Panikattacke gleich am Anfang der Tour? Von hier sieht die Stelle ja nicht unmöglich aus, wenn man die ersten paar Schritte mal geschafft hat. Soll ich es gleich noch mal probieren, wenn meine Knie sich beruhigt haben und mein Herz nicht mehr bis zum Hals schlägt? Die Chainsen liegen ganz oben im Rucksack, damit ist es bestimmt zu schaffen. Ich gehe zurück zur moosigen Ebene, setze mich hin, krame einen Müsliriegel heraus und schnaufe tief durch. Schaue mich zum ersten Mal richtig um, lasse die Landschaft auf mich wirken. Das ist alles sehr schön, die weiß gefleckten Bergen, die Grate und tiefen Täler, aber sie wirkt auf mich auch fremd und irgendwie surreal, wie eine Landschaft, in die man sich im Traum hineinversetzt sieht, ohne wirklich ein Verhältnis zu ihr zu haben. Eine Landschaft, die man noch nicht versteht.


    Blick zum Hábarmur (links) und Torfajökull (rechts)

    Da wird mir klar, ich habe das zu hastig angepackt. Statt auf mein Gefühl zu achten, bin ich einfach losgerannt. Aus dem heißen, voll besetzten Bus, ich hatte mich blöderweise auf die Sonnenseite gesetzt, als ich am BSÍ noch die Wahl hatte, war ich kaum ausgestiegen, da wollte ich auch gleich aufbrechen. Den ganzen Trubel möglichst schnell hinter mir lassen, quer über die Ebene zu der Stelle, wo ich den Beginn des Aufstiegs vermutete, laufen und rasch Höhe gewinnen. Das hat Spaß gemacht, keine Frage, ich war ganz begeistert vom Grat am Anfang und der Strecke über den Bergkamm danach.


    Landmannalaugar







    Vielleicht hätte ich es ruhiger angehen sollen, aber ich glaube, es war einfach nicht der richtige Einstieg in die Tour. Vor zwei Jahren brauchte ich in Island auch ein paar Tage um reinzukommen, fühlte mich fremd und sogar ein bisschen einsam, bis ich ein Gefühl für die Landschaft bekam und auf dieses Gefühl vertrauen konnte.

    So will ich das jetzt auch machen. Der Plan, der am Schreibtisch so gut aussah, passt einfach nicht, Wie zu kleine Schuhe, oder ein Rucksack, der sich dem Rücken nicht anschmiegt. Wäre ja nicht das erste Mal, dass sich die Tour ganz anders entwickelt als gedacht, und das war nicht immer schlecht. Nach kurzem Zögern (soll ich nicht doch lieber nach Landmannalaugar zurück gehen?) baue ich hier verbotenerweise das Zelt auf, komme erst mal an. Das sagt mein Gefühl, und auf das will ich fortan hören. Während das Kaffeewasser langsam heiß wird, spüre ich mich selber wieder bis in die Zehenspitzen, beim Ausatmen. Erst jetzt, als sie von mir abfällt, merke ich so richtig die Anspannung der vergangenen Tage.


    Keiner wusste ja so richtig, wie eine Islandreise 2020 aussehen würde. Es war angekündigt, dass Lufthansa ab dem 02. Juli wieder Keflavík ansteuert, also habe ich einen Platz für den Flug am 03.07. gebucht und gehofft, dass der auch stattfinden würde. Mein Geburtstag, da musste ich doch Glück haben! Die isländische Einreiseregelung, nach der jeder ankommende Passagier, der nicht in Quarantäne gehen will, einen PCR-Test absolvieren muss, schien mir aus der Ferne sehr vertrauenerweckend. Gute und detaillierte Informationen auf der covid.is Seite, täglich aktualisierte Zahlen seit dem 15. Juni, klare Ansagen, kein Wischiwaschi wie in anderen Ländern. Zwei Tage vorher habe ich mich registriert und den Test bezahlt, dann war eigentlich nur noch wichtig, dass ich keine Antikörper habe und der Typ neben mir im Flugzeug keine aktive Infektion. Eigentlich hätte ich ganz entspannt sein können, aber in Wirklichkeit war ich tierisch aufgeregt.

    Der Flieger landete dann einigermaßen pünktlich zwanzig Minuten vor Mitternacht. Mein zweiter Mundschutz war von den vielen Stunden Atemluft auch schon so feucht, dass ich das Gefühl hatte, kaum noch Luft zu bekommen. Wirklich, es ist kein Luxus, nach vier Stunden zu wechseln. Aber es sollte hoffentlich nicht mehr lange dauern. In Keflavík war alles erstaunlich gut organisiert. Wer den Test schon bezahlt hatte, konnte einfach durchgehen in die Halle, wo getestet wurde. Dann musste man nicht allzu lange warten, bis man in eine der 10 Testkabinen gewiesen wurde, scannte seinen Beleg und bekam einen Nasen- und einen Rachenabstrich gemacht. Fertig! Dann bekam man noch eine Broschüre, wie man sich bis zur Bekanntgabe des Ergebnisses zu verhalten hätte (direkt zur Unterkunft und warten, möglichst keine Kontakte) und durfte zur Gepäckausgabe. Ich war sogar so schnell durch, dass mein Rucksack noch nicht mal in der Katzenklappe lag, der kam erst nach ein paar Minuten.

    Das war gestern in der ersten Stunde des jungen Tages. Danach war mir erst mal alles weitgehend egal. Das Testergebnis würde ich frühestens am Vormittag über die Rakning C-19 App bekommen, der Flybus wartete noch eine Viertelstunde, die Nacht war mild, also genoss ich es einfach nur, den Mundschutz abzunehmen und bis zur Abfahrt die gute isländische Luft zu atmen. So still hatte ich diesen Flughafen noch nie erlebt.

    Gegen viertel vor zwei waren wir in Reykjavík. Bei so wenigen Fahrgästen wurden wir am BSÍ auch nicht in Kleinbusse verteilt, sondern einfach da abgesetzt, wo wir hin wollten. Ich stieg am 22 Hill aus und lief die paar Schritte zum REK Inn. Körperlich war ich wohl müde, schließlich war es schon 4:00 Uhr deutscher Zeit, aber seelisch noch so aufgetrudelt, dass ich erst mal einen Kaffee aufbrühte, damit durch die Straße schlenderte und eine rauchte. Wie gesagt, die Nacht war mild, und der Morgen kündigte sich langsam an. Erst um 3:00 Uhr Ortszeit ging ich rein, hoffte auf ein paar Stunden Schlaf.

    Dann hieß es warten. Ich beneide ja die Menschen, die immer und überall schlafen können. Mir fehlt diese Gabe. Die Stunden vergingen im Schneckentempo, und als der Morgen in den Vormittag überging, wuchs die Anspannung. Dauernd schaute ich aus Telefon. Noch keine Nachricht. Wenn der Test positiv ist, rufen sie an. Hoffentlich kein Anruf. Dass das Ding bloß nicht klingelt! Um 11:00 Uhr wurde es mir zu blöd, da ging ich rüber zum Bónus und kaufte mein restliches Essen für die Tour ein. Hoffentlich kein Anruf im Bónus, es wäre ja schwer zu verheimlichen, dass ich im Einkaufsladen war, statt brav im Zimmer zu warten.

    In Island gibt es keine Empfehlung der Gesundheitsbehörde für das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung, man soll bitte etwas Abstand halten. Da die empfohlenen 2 Meter in den meisten Situationen eher unrealistisch sind und die Isländer sich gegenseitig sowieso nicht so dicht auf die Pelle rücken, war das Einkaufserlebnis für einen verschüchterten Mitteleuropäer fast schon erschreckend normal. Ich fühlte mich anfangs tatsächlich etwas befangen, gewöhnte mich aber schnell daran und fand es herrlich. Eine Insel der Normalität mitten im Nordatlantik – ganz großartig! Hoffentlich darf ich hier bleiben.

    Genau um 12:00 Uhr dann die erlösende Nachricht: „You have not been diagnosed with Covid-19“. Trotzdem vorsichtig sein, es gibt manchmal auch falsch negative Ergebnisse usw., aber ich las nur: „Viel Spaß in Island!“ Danke, werde ich haben. Ich schrieb ein paar Nachrichten an alle, die in der Ferne auf das Ergebnis gespannt warteten und ging dann bei strahlendem Sonnenschein in die Stadt. Jetzt konnte ich mich also tatsächlich frei bewegen, ich war sehr erleichtert. Zurück in der etwas schäbigen, aber erstaunlich billigen Unterkunft, unterhielt ich mich eine ganze Weile mit meinem schwedischen Zimmernachbarn. Er hatte sich hier für fünf Tage einquartiert, wollte einfach mal raus. Da heute sein letzter Tag war und ich seine Einladung zum Sekt dankend ablehnte (das hätte mich auf der Stelle umgehauen), vernichtete er in kürzester Zeit seine restlichen Alkoholvorräte, eine Flasche Sekt und drei halbe Liter Bier, und ging am Abend in die Stadt um sich zu amüsieren. Robuste Natur, anscheinend. Zwei seiner engsten Arbeitskollegen in Gällivare sind schwer an Covid 19 erkrankt, aber er selber nur an einem milden Dachschaden, den er vermutlich schon vorher hatte. Na ja, den habe ich in den Augen einiger Menschen sicher auch. Zum Amüsieren egal welcher Art hatte ich nun überhaupt keine Meinung, wollte einfach nur mal gut schlafen. Das war also gestern, am Samstag.



    Heute klingelte um 5:00 Uhr der Wecker. Genügend Zeit, um ein letztes Mal gründlich zu duschen, Sache zu packen, einen starken Kaffee einzunehmen und die zwanzig Minuten zum BSÍ zu laufen. Da waren schon einige Menschen aus verschiedenen Ländern mit großen Rucksäcken versammelt, und es wurden immer mehr. Der Bus nach Landmannalaugar war dann tatsächlich bis auf den letzten Platz voll. Wer hätte das bei den wenigen Touristen, die zur Zeit ins Land kommen, gedacht? Nun wollte ich mich in Landmannalaugar sowieso nicht aufhalten, sondern umgehend starten, also konnte mir das egal sein.


    Ja, und dann bin ich doch nicht sehr weit gekommen. Mir ist natürlich bewusst, dass man im Friðland að Fjallabaki nicht zelten darf, aber für mich ist das jetzt die einzig richtige Maßnahme. Den Gang rausnehmen, den schönen Abend genießen und offen zu werden für alle Möglichkeiten, die diese einmalige Landschaft und ein Rucksack voll Essen für 10 Tage wohl bieten könnten.


    Camp 1 am Skalli

  2. Fuchs
    Avatar von dingsbums
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #2
    Einfach nur schön! Freue mich auf den ganzen Bericht.

  3. Fuchs
    Avatar von evernorth
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #3
    Was für ein Start......herrlich!
    Logisch, ich bin ja mehr als gespannt.
    My mission in life is not merely to survive, but to thrive; and to do so with some passion, some compassion, some humor and some style. Maya Angelou

  4. Erfahren

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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #4
    Tolle Bilder, packend geschrieben, ich freu mich schon sehr auf die weiteren Tage in deinem Bericht!

    Trotzdem fühlt es sich komisch an, in diesem Sommer, so einen Bericht zu lesen und das Gefühl zu haben, es wäre alles ganz normal. Und ich bin, wenn ich die Bilder sehe, doch *ein wenig* neidisch, dass du dich getraut hast und bei dir alles geklappt hat, Tom hatte mir vor 2 Wochen schon erzählt dass du einer der ersten warst der sich getraut hat .

    Zitat Zitat von Borgman Beitrag anzeigen
    Die isländische Einreiseregelung, nach der jeder ankommende Passagier, der nicht in Quarantäne gehen will, einen PCR-Test absolvieren muss, schien mir aus der Ferne sehr vertrauenerweckend. Gute und detaillierte Informationen auf der covid.is Seite, täglich aktualisierte Zahlen seit dem 15. Juni, klare Ansagen, kein Wischiwaschi wie in anderen Ländern. Zwei Tage vorher habe ich mich registriert und den Test bezahlt, dann war eigentlich nur noch wichtig, dass ich keine Antikörper habe und der Typ neben mir im Flugzeug keine aktive Infektion. Eigentlich hätte ich ganz entspannt sein können, aber in Wirklichkeit war ich tierisch aufgeregt.
    Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich unter diesen Voraussetzungen trauen würde. Was passiert denn, wenn der Test positiv ist? Man kann ja auch erkrankt sein ohne Symptome, ohne es zu bemerken. Oder der Typ in öffis aufm Weg zum Flughafen steckt dich an, keine Ahnung. Was wäre denn dann passiert? Stand dazu was in der Broschüre? Wird man dann angerufen und darauf hingewiesen, jetzt bitte für 100 Euro pro nacht für 2 Wochen ein Hotel zu nehmen und sich für 30€ am Tag Essen aus Zimmer bringen zu lassen? Darüber hast du dir doch bestimmt auch Gedanken gemacht (und ich denke mir, irgendjemand wird ja doch fragen.)

    Ich glaube sowohl finanziell wie auch psychisch (Wenn ich Urlaub nehme dann meist weil ich auch wirklich urlaubsreif bin) hätte ich dieses Risiko nicht eingehen wollen / können.

  5. Erfahren
    Avatar von Fjellfex
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #5
    Ui, es geht schon los - klasse!

    Beim nervenzerfetzenden Einstieg hätte ich wohl einen Herzinfarkt bekommen, wenn nicht das "Traumwandeln" im Titel ein gutes Ende angedeutet hätte. So gab es wohl lediglich Insektenplage ("Kopfnetz"...).
    Umkehren an besagter Stelle war natürlich völlig richtig. Mache ich in den Alpen auch immer öfter. (Wird man mit zunehmendem Alter ängstlicher...?)

    Bin gespannt...

  6. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #6
    @dingsbums: Danke! Ich muss gestehen, dass ich es noch nicht geschafft habe, Deiren Bericht aus Lappland mit Muße zu lesen (der ja wohl auch noch nicht ganz fertig ist ... ?). Hole ich aber sehr bald nach.

    @evernorth: Du bist ja nicht ganz unschuldig daran, dass ich genau diese Gegend ausgesucht habe , aber vielleicht ist sogar für Dich die eine oder andere kleine Überraschung drin, wer weiß?

    @Freedom33333: Danke auch Dir für die Vorschusslorbeeren. Warte mal ab, was noch kommt, es könnte ja auch sehr bald gähnend langweilig werden . Natürlich konnte ich auf der Reise das Corona-Thema nicht ausblenden und kann es auch in dem Bericht nicht, aber ich würde den Schwerpunkt doch gerne auf die Tour und die Landschaft legen. Fragen dazu gerne in separatem Faden oder als PN.

    Durch den frühen Zeitpunkt für die Reise wollte ich vermeiden, dass sich die günstigen Bedingungen nach den ersten Wochen eventuell wieder verschlechtern. Und natürlich wollte ich raus . Ich war mir bewusst, dass ein gewisses Risiko besteht, fand es aber einschätzbar. Die Regelung in Island ist, wie gesagt, sehr klar ausgestaltet und gut kommuniziert. Alle Infos findet man bei covid.is. Bei einem positiven PCR-Test hätte ich im Landeskrankenhaus weiter testen lassen können, ob ich eine aktive Infektion habe oder Antikörper von einer vergangenen. Diesen Test hätte ich noch selber bezahlen müssen. Alle weiteren Kosten für Behandlung und ggf. Unterbringung in Quarantäne hätte der islandische Staat übernommen. Die deutlich spürbare Anspannung kam also eher aus der Frage, ob die Tour stattfinden kann und nicht, ob sie mich finanziell ruiniert.

    Seit dem 16. Juli können Reisende aus Deutschland, Dänemark, Norwegen und Finnland ohne Test und Quarantäne nach Island einreisen.

    @Fjellfex: Mit zunehmendem Alter braucht man vielleicht nicht mehr jeden Kick. Wobei meine plötzliche Angstattacke mindesten teilweise einer gewissen Kopflosigkeit (schönes Wort) am ersten Tag geschuldet war. Drei Tage später hätte ich wahrscheinlich schon mehr Selbstvertrauen gehabt. Aber ich will nicht vorgreifen. Das Kopfnetz, da hast Du recht, wird jedenfalls nicht ungenutzt bleiben...

  7. Fuchs
    Avatar von Pfiffie
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #7
    Soweit wie bis nach Island habe ich noch nicht über den Tellerrand geschaut, ich freu mich auf deinen Bericht

    Grüße Maik

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    "Freiheit bedeutet, dass man nicht alles so machen muss wie andere"

  8. Erfahren
    Avatar von Dieter
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #8
    Núúúúú - hvað er Þetta?

    So ein Bericht freut mich doch! Erstklassige Bilder, flüssiger Text und in der Dramaturgie kein Rasenkantenhänger (mangels Cliff). So richtig zum Miterleben, wenn ich dieses Jahr schon nicht nach Island komme. Also - Du hast die Latte hoch gelegt, nun aber:

    áfram, goður mín!

    Dieter

  9. Erfahren
    Avatar von vobo
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #9
    Hallo Bernd,

    ich kann mir gut vorstellen, dass Du noch ganz high in Island angekommen bist - und das ganze Adrenalin rund um die Einreise den Tourstart anders als sonst gestaltet hat. Wie so oft ist schön, Deine Texte zu lesen und die Bilder machen Hunger auf mehr. Ich freue mich schon ...

    Für mich ist es jetzt der erste aktuelle Tourbericht aus dem hohen Norden - schön!

    VG, Volker.

  10. Anfänger im Forum

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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #10
    @Borgman: Sehr guter Start für einen hoffentlich auch weiterhin spannenden Bericht. Nur mache es bitte nicht zu spannend und warte zu lange
    Da hattest du bei deiner Einreise offensichtlich mehr Glück als ich. Ich meine nicht das Testergebnis (das war bei mir auch negativ) aber das Prozedere bei der Einreise am Flughafen und im Flybus.


    Zitat Zitat von Dieter Beitrag anzeigen
    ... wenn ich dieses Jahr schon nicht nach Island komme.
    Immer wenn ich in Reykjavik bin, habe ich ab und zu Ausschau nach deinem Zelt gehalten, aber das erübrigt sich ja nun. Vielleicht wieder im nächsten Jahr.

    Uwe

  11. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #11
    @Pfiffie: Kann ja noch kommen, das mit Island . Schön, dass Du dabei bist.

    @Dieter: Danke, danke! Nein, wir machen alles hübsch tageweise. Cliff- oder Schneefeldkantenhänger gibt es nur da, wo ich mich abends an der Kante festkralle und morgens genau da wieder aufwache. Áfram - sobald die Fotos hochgeladen sind, denn am Wochenende werde ich keine Zeit dafür haben.

    @vobo: Ja, nach der Ankunft war ich aufgeputscht, geplättet und ein bisschen durch den Wind, das war am dritten Tag noch spürbar, oder besser am dritten Abend. Dir auch herzlichen Dank für den Ansporn!

    @UG: Auf lange Pausen habe ich auch keine Lust, es schreibt sich flüssiger, wenn man drin bleibt. Nur sind es diesmal viel zu viele Fotos. Die Qual der Wahl - ich hab sie noch nicht mal alle durchgesehen.
    Gab es bei Dir Probleme mit der Einreise?

  12. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #12
    Montag, 06. Juli: Kilometer fressen gegen den Corona-Speck

    Nach einer angenehm kühlen Nacht weckt mich gegen 04:30 Uhr die Sonne. 2°C, leichter Wind, ein paar Wolken am Himmel, die sich langsam auflösen. Ich kann es gar nicht fassen, dass ich tatsächlich in Island bin. Noch fühlt es sich an wie ein Traum, den man beim Aufwachen im Halbschlaf hat. Wie geil! Und der ganze Urlaub liegt noch vor mir! Ein plötzlicher Euphorieschub durchbricht meine Morgenschläfrigkeit. Kaffee, Frühkeks, Karte. Was machen wir denn heute Schönes? Noch ein Versuch mit dem Skalli? Nee, eigentlich bin ich doch sehr froh, dass der ursprüngliche Plan verworfen ist. Nichts gegen gute Planung, es hilft sehr, wenn man sich schon eingehend mit der Karte und Luftbildern beschäftigt hat und Berichte kennt. Aber es hat auch was sehr Befreiendes, seinen Launen und Eingebungen zu folgen.

    Die ursprüngliche Richtung, Südost bis Ost, würde ich gerne beibehalten, denn da gibt es Einiges, was mich besonders interessiert. Álftavötn, Eldgjá und Uxatindagljúfur zum Beispiel möchte ich auf jeden Fall besuchen, dahin zieht es mich. Vom Bus aus habe ich gestern gesehen, dass die Verlängerung der F208 nach Hólaskjól noch gesperrt ist. Das wäre doch der passende Einstieg. Ein guter, reinigender Marsch durch schöne Landschaft auf der Piste. Das macht den Kopf frei und belastet die Nerven nicht übermäßig durch technische Schwierigkeiten. Also los, Aufbruch um 6:00 Uhr. Zurück nach Landmannalaugar.



    Skalli – wenn das bedeutet, was ich vermute, dann hat das dieselbe Wurzel wie das englische „skull“, wird nur etwas anders ausgesprochen. Wie ein glatzköpfiger Schädel sieht dieser Berg aus. Heute kann ich die aussichtsreiche Strecke über die Hügel und hinunter ganz anders genießen als gestern. Wirklich eine herrliche Gegend. Als Tourbeginn war das vielleicht ein Fehlstart, aber als Abstecher hat es sich allemal gelohnt. Die dünne Eisschicht auf den Schmelzwasserpfützen lässt erahnen, dass ich heute nicht viel Spaß auf den Schneefeldern gehabt hätte. Für ein kleines, hart überfrorenes Exemplar am Abstiegsgrat muss ich sogar die Chainsen anziehen, sonst hätte ich keine Chance, da rüberzukommen.







    Da ich jetzt Zeit und Muße habe, will ich auch erkunden, wo der starke Schwefelgeruch herkommt. Dort dampft es, am östlichen Rand der Ebene. Am Reykjakollur, der Name sagt es schon. Ich lasse den Rucksack liegen und laufe hin. Der Dampf kommt aus einer kleinen Vertiefung mit brodelndem Wasser, nicht größer als ein Handwaschbecken. Ein perfekter Topf zum Eierkochen, schade, dass ich keine dabei habe. Island ist schon eine seltsame Insel: Schneefelder, die nur Franzosen überqueren können und Gratis-Eierkocher am Wegesrand. Wer schleppt schon rohe Eier zum Wandern mit? Da darf man ja wirklich gespannt sein, was einem sonst noch begegnet.






    Brandsgil


    Grænagil


    Der warme Bach lässt viele Blumen gedeihen

    Jetzt noch das kurze Stück nach Landmannalaugar, wo es viel ruhiger zugeht als gestern. Ein paar Zelte, ein paar Autos, alles nicht so schlimm. Ich folge der Piste bis zum Abzweig und etwa zwei Kilometer der gesperrten F208, dann ist es 9:00 Uhr und damit wirklich Zeit fürs Frühstück. Drei Stunden war ich unterwegs. So viel zur Statistik.


    Jökulgilskvísl



    Wenn man früh aufbricht, kann man längere Pausen machen und ausgeruht weitergehen. Schon seit Jahren habe ich mich an diesen Rhythmus gewöhnt, zwei Pausen von anderthalb bis zwei Stunden einzulegen. Heute werde ich, wenn mir nichts besseres einfällt, nur noch auf der Piste laufen. Keine sehr spannende Variante, aber gut um in die Bewegung zu finden und sich an den Rucksack zu gewöhnen. Wie der Titel schon andeutet, habe ich in den vergangenen Monaten ein paar Pfunde angesammelt, zu gutes Essen, zu wenig Bewegung, zu viel Alkohol, die ich auf dieser Tour wieder loswerden möchte. Überhaupt der Alkohol. Ich kann jeden verstehen, der gerne eine Flasche guten Whisky mit auf Tour nimmt, aber mir tut es sehr gut, wenn man mal merkt, dass es auch ohne geht.

    Bei weiterhin kühlem, sonnigem Wetter laufe ich zur Brücke, durch ein sandiges Tal, um den See Kýllingavatn herum und um den Berg Kirkjufell herum zur ersten Furt, Kirkjufellsós. Warum die Piste wohl noch gesperrt ist? Reparaturarbeiten nach der Schneeschmelze? Wasserstand in den Flüssen noch zu hoch? Diese Furt ist jedenfalls kaum knietief. Kurz danach ist es schon Zeit für die Mittagspause. Weil sich hier passende Vegetationsflächen finden und die Sonne trotz leichtem Wind einigermaßen brennt, baue ich hier das Zelt auf und lege meine Jacke, Hose usw. als Sonnenschutz darauf, ich brauche ein bisschen Schatten. Sehr angenehm, nur die Fliegen werden langsam lästig. Ich suche schon mal das Kopfnetz heraus, für alle Fälle.


    Blick von der Brücke Jökulgilskvísl zurück nach Landmannalaugar...


    … und in die andere Richtung, zur Tungnaá


    Kýllingavatn mit Kirkjufell


    Kirkjufellsós

    Als ich gerade mein frugales Mittagessen aus Kornmo mit Käsestücken einnehme, kommt ein Wanderer vorbei und ruft aus mehr als angemessen coronasicherer Distanz, nämlich von der anderen Seite des Bächleins, auf deutsch eingefärbtem Englisch, ob ich wohl eine Socke verloren hätte. Nee, hab ich nicht, aber danke fürs Fragen. Dann kommt ein Radfahrer vorbei und zwei Autos, die wohl zusammengehören. Hier ist ja plötzlich was los! Wie sich herausstellt, sind das schon die einzigen Begegnungen des Tages. Auf der Piste bin ich wieder ganz allein. Was sehr gut ist, denn auf der staubigen Strecke bis zum Jökuldalakvísl möchte man ganz sicher keinen Autoverkehr haben. Alles in allem bin ich zufrieden mit dem Tag, ich komme gut voran, und die Piste ist weniger langweilig als befürchtet. Immer wieder hat man schöne Ausblicke.


    Bach aus der Illagil


    Jökuldalakvísl



    Mehrere Bäche sind zu furten, alle völlig problemlos. Keiner davon ist mehr als knietief. Nach der Furt am Halldórsfell mache ich mir langsam Gedanken um das Nachtlager. Bei dem sonnigen Wetter möchte ich unbedingt einen Berg im Westen haben, damit die Sonne irgendwann mal verschwindet. Noch ist kein Sonnenbrand zu befürchten, aber mehr muss auch nicht sein. Da sieht Réttarhnúkur doch ganz famos aus. Wenn es dahinter geeignete Plätze gibt, bleibe ich.

    Inzwischen ziehen mehr Wolken über den Himmel, und der Wind frischt merklich auf. Als ich einen Platz direkt am Bach gefunden und mich gründlich gewaschen habe, bin ich nicht nur rechtschaffen müde von einem langen Wandertag, sondern kann mich blöderweise kaum richtig bewegen vor Rückenschmerzen. Das ist nicht normal. Klar, der Rucksack drückt und zwickt immer an den ersten Tagen, aber so heftig kenne ich das nicht. Hoffentlich wird das morgen besser.


    Wegweiser zum Nachtlager


    Camp 2 am Réttarhnúkur

  13. Dauerbesucher
    Avatar von Blahake
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #13
    Ooohhhh! Ich will auch mal wieder nach Island!!! Obwohl ich gar nicht weiß, ob ich mich das trauen würde, jedenfalls nicht solche Touren, wie Du sie da machst!. Umso lieber reise ich jetzt virtuell bei Dir mit!

  14. Fuchs
    Avatar von evernorth
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #14
    Zitat Zitat von Blahake Beitrag anzeigen
    Ooohhhh! Ich will auch mal wieder nach Island!!! Obwohl ich gar nicht weiß, ob ich mich das trauen würde, jedenfalls nicht solche Touren, wie Du sie da machst!. Umso lieber reise ich jetzt virtuell bei Dir mit!
    Moin Anne,
    bisher war das doch gar nicht so schwer: Auf einem gut sichtbaren Pfad ein Stück in Richtung Hattver lustwandeln ( gut, das Schneefeld.....aber da ist Borgmann ja umgekehrt ), dann auf der Piste Richtung Langisjor, wo er dann nach gut zwei Tagen eintrifft ( wollen wir es hoffen..... ).
    Also „solche Touren“ kannst du doch schon lange!
    My mission in life is not merely to survive, but to thrive; and to do so with some passion, some compassion, some humor and some style. Maya Angelou

  15. Erfahren
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #15
    Zitat Zitat von evernorth Beitrag anzeigen
    ...dann auf der Piste Richtung Langisjor, wo er dann nach gut zwei Tagen eintrifft ( wollen wir es hoffen..... ).
    Nö. Du glaubst ja selber nicht an Deine Vermutung , wobei zu dem Zeitpunkt sogar diese einfachste Variante noch theoretisch möglich gewesen wäre. Tatsächlich wollte ich mir aber bis zum Schluss alles offen halten und mich von spontanen Eingebungen leiten lassen.

    @Blahake: Tom hat recht, auch wenn er es noch gar nicht weiß . solche Touren kannst Du (zum größten Teil, und den kleinsten kann man auch auslassen). Warte mal ab. Schön jedenfalls, dass Du dabei bist!

  16. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #16
    Dienstag, 07. Juli: Follow the yellow … Power Line?

    Mit dem schmerzenden Rücken konnte ich auf keiner Seite lange liegen, deshalb war die Nacht auch unterdurchschnittlich erholsam. Gegen 03:00 Uhr bin ich wach und kann nicht wieder einschlafen, drehe mich nur noch von einer auf die andere Seite. Der Impuls zum Aufstehen kommt dann wie gestern von der Sonne, die um halb sechs aufs Zelt scheint. Und von mindestens drei Goldregenpfeifern. Waren die gestern auch schon hier? Eine Stunde später bin ich abmarschbereit. Mit 4-5°C ist es nicht ganz so frisch, aber immer noch im perfekten Temperaturbereich, um schnell in die Gänge zu kommen. Mir ist es lieber, morgens etwas zu frieren, als zu viel anzuziehen. Gerade am Anfang bleibe ich nicht gern stehen. Da nervt es heute ein bisschen, dass gleich die erste Furt am Bach aus der Steinsgil zu tief für die Stiefel ist. Dieses Problem hat Tom zum Beispiel nicht, weil er mit seinen Trailrunnern einfach durchmarschiert. Andererseits, trockene Füße sind auch was wert.

    Bald komme ich in die Klappargil, die eigentlich ein hübsches, wildes Tälchen wäre, wenn nicht die Piste mittendurch liefe und die Stromleitung quer darüber. Langsam habe ich genug von der Piste und schaue schon mal, ob es einen direkten Aufstieg zur Hochebene gibt. In dem engen Tal sieht das nicht so gut aus, aber als es sich öffnet und die Piste sich in unnötig weiten Schleifen hangaufwärts windet, kann ich abkürzen.


    Klappargil




    Hochebene

    Eigentlich wäre es ja logisch, von hier nach Nordosten zum Langsjór zu laufen und meinen ursprünglichen Plan aus der anderen Richtung aufzunehmen, aber dagegen sträubt sich etwas in mir. Mein Gefühl sagt unmissverständlich: Álftavötn. Da soll es schön sein, da will ich hin. Vielleicht ist es einfach das saftige Grün, das mich anzieht. Und was läuft genau in diese Richtung? Genau: die Stromleitung. Eben hat sie mich noch gestört, jetzt dient sie zur Orientierung. So ganz verstehe ich meine eigene Entscheidung nicht, aber sie scheint unbewusst längst festzustehen, denn ich bewege mich schon seit einigen Minuten geradewegs auf den nächsten Strommast zu.

    Hier soll laut Karte auch eine Nebenpiste verlaufen, auf die ich dann ja bald treffen müsste. Sie stellt sich allerdings als eine ziemlich alte Fahrspur heraus, stellenweise gut zu erkennen, dann wieder gar nicht. Soll mir recht sein. Am Bach vom Tindafjall mache ich eine ausgiebige Frühstückspause. Zum Glück sind die Rückenschmerzen, die mich gestern Abend und auch noch in der Nacht geplagt hatten, auf der Morgenetappe fast verschwunden, und irgendwie fühle ich mich in dieser seltsamen Umgebung - graubraune, sandige Hügel, nur wenig Grün am Bachufer und eine völlig unpassende Stromleitung – gar nicht unwohl.


    Bach vom Tindafjall





    Weiter geht es kurz vor zehn, auf oder neben der Fahrspur, über Schutthügel und Schneefelder, immer der Stromleitung nach. Ein Bild kommt mir in den Sinn: Dorothy, Toto, Scarecrow und Tin Woodman, noch bevor sie auf den Cowardly Lion treffen, in Technicolor aus dem Film von 1939. Welchem Umstand habe ich denn bitteschön diese seltsame Assoziation zu verdanken? Hmm, da ist was mit dem Lied – We‘re off to see the wizard – ich krieg‘s nicht ganz zusammen. Muss ich nachgucken.

    „Follow the rainbow over the stream
    Follow the fellow who follows a dream
    Follow, follow, follow, follow
    Follow the yellow brick road“

    Das kommt so in diesem Film doch eigentlich gar nicht vor, oder? Haha, danke liebes Unterbewusstsein! Passt ja wirklich wie die Faust aufs Auge! So ein herrlich schräger Vergleich verdient Anerkennung. Dann will ich doch mal abwarten, wohin mich diese yellow … äh … Power Line führt. Emerald City wohl kaum, aber vielleicht Emerald Valley? Wow, das wäre mal ein abgefahrener Titel für einen Tour-Bericht: „Follow the fellow who follows a dream“.

    Ziemlich gut gelaunt durchquere ich eine ziemlich langweilige Landschaft, bis irgendwann ein paar weniger langweilige, eigentlich sogar recht interessante Berge ins Blickfeld kommen und kurz danach die Fahrspur in ein enges Tal abtaucht, Stóragil. Ein nicht gerade seltener Flurname in Island, bedeutet er doch nur „große Schlucht“.





    Der Bach heißt Strangakvísl und mündet an der Eldgjá in die Norðari-Ófæra. Aber die ist nicht mein Tagesziel, sondern die Álftavötn. Leider muss ich eine schlafende Mama und ihr properes Lamm stören, die es sich auf der Mini-Insel bequem gemacht haben. In diesem schönen Tal möchte ich mich für ein Weilchen hinsetzen und die besondere Atmosphäre oder, wenn man möchte, die Schwingungen aufsaugen. Das ist also die erste kleine Entdeckung dieser Tour, abseits der bekannten Attraktionen. Jetzt bin ich mir auch sicher, dass die rudimentäre Piste gesperrt ist, denn die Moospolster sind weitgehend unversehrt. Hier ist vermutlich seit Jahren kein Auto gefahren.


    Stóragil



    Danach geht es wieder hoch, in weitem Bogen um eine Nebenschlucht und hinunter in eine Ebene. Eigentlich hatte ich den hier eingezeichneten Bach für die Mittagspause ins Auge gefasst, aber der ist ausgetrocknet. Dafür sind an den Hängen der gegenüberliegenden Hügel größere Schneefelder, wo es Wasser gibt und eine sandige Stelle für das Zelt, denn es beginnt tatsächlich ein bisschen zu regnen.

    Als ich nach zwei Stunden weitergehe, ist der Stoff schon wieder trocken, das war nicht viel. Über die Hügel komme ich zur Álftavatnskrókur-Piste, der ich nach rechts bis zur Syðri-Ófæra folge.


    Yellow




    Álftavötn

    Mein Ziel, das wunderschöne Tal der Schwanenseen, oder etwas korrekter Singschwangewässer, ist schon in Sicht, strahlt aber von hier, vermutlich wetterbedingt, nicht im Glanz eines echten Smaragdtals. Dazu muss ich sagen, dass „álft“, also Singschwan, für mich eine besonders sehnsuchtsvolle Bedeutung hat, seit ich vor vielen Jahren die Folge von „Tiere vor der Kamera“ über die Singschwäne in Island gesehen habe, von Ernst Arendt und Hans Schweiger. Das war überhaupt der Grund, warum ich vor 22 Jahren zum ersten Mal nach Island gefahren bin, und noch heute geht mir beim Anblick und den Rufen dieser Vögel, wie man so schön sagt, das Herz auf.

    Eine knappe Stunde später überquere ich die Syðri-Ófæra trockenen Fußes auf einer natürlichen Lavabrücke und laufe den letzten Kilometer bis zur Hütte. Der Wind ist frisch geworden, es riecht nach Regen. Soll ich besser hier das Zelt aufschlagen und die Annehmlichkeiten der Hütte nutzen, falls das Wetter umschlägt?


    Syðri-Ófæra mit Brücke


    Álftavötn mit Hütte



    Nach einer kurzen Inspektion der Hütte (sauber, gut ausgestattet, unbewohnt) entscheide ich dagegen. Es ist erst kurz nach fünf, ich kann noch ein Stück weitergehen. Und als wollte der Himmel diese Entscheidung anfechten, beginnt es kräftig zu regnen. Na ja, eine kurze Pause kann doch nicht schaden, vielleicht hört es gleich wieder auf. Tut es auch, aber der nächste Schauer folgt auf dem Fuße. Ein Unwetter ist das jedenfalls nicht, also kann ich genauso gut aufbrechen.

    Von der Hütte zieht sich ein Reitweg durch das Lavafeld nach Nordosten, das dürfte dann auch der Wanderpfad sein. Das ist wirklich ein herrliches Fleckchen Erde hier, selbst im Regen. Links ein Bach mit wunderschönen Zeltwiesen, dann rechts der Bach vom Wasserfall mit genauso schönen Plätzen. Einladender kann es kaum sein. Soll ich hier bleiben? Nein, es zieht mich weiter. Dann komme ich in die Schlucht und … boah, ist das geil hier! Unbeschreiblich! Der Regen hat aufgehört. Fotos!!


    Bach vom Wasserfall


    Eingang der Schlucht




    Blick zurück





    Wie auf Bestellung kommt die Sonne durch. Das ist also das Smaragdtal! Das Ende des Regenbogens. Klar, deshalb konnte ich auch nicht früher zelten. Glücklich suche ich mir einen passenden Platz, richte mich ein und wasche mich in der Syðri-Ófæra. Die vielen Fliegen stören gerade überhaupt nicht, ich fühle mich sauwohl.


    Camp 3 in der Märchenschlucht

  17. AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #17
    Endlich geht es weiter. Ich wollte schon anfangen zu pöbeln. Wie immer schön zu lesen.

  18. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #18
    Zitat Zitat von ChuckNorris Beitrag anzeigen
    Endlich geht es weiter. Ich wollte schon anfangen zu pöbeln. Wie immer schön zu lesen.
    Ey, hier wird nicht gepöbelt, mein Guter! Aber Dein Interesee freut mich natürlich . Wenn Deine Tour in Lomsdal-Visten klappt (danach sieht es ja aus, ich drück Dir die Daumen), dann kannst Du gerne mit gutem Beispiel voran gehen und den Bericht sehr viel schneller abliefern als ich .

  19. Liebt das Forum
    Avatar von Prachttaucher
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #19
    In dieser schwierigen Zeit ist es besonders schön diese Bilder zu sehen und berichtet zu bekommen. Freue mich auf die Fortsetzung.

  20. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [IS] Kopfnetz statt Mundschutz: Traumwandeln zwischen Fjallabak und Langsjór

    #20
    @Prachttaucher: Danke! Geht schon weiter...


    Mittwoch, 08. Juli: Feuerspalte und Lavagarten

    An die hellen Nächte kann man sich gewöhnen. Wobei die Zahl Drei nicht ganz von der Hand zu weisen ist, denn das war die erste wirklich erholsame Nacht. Könnte natürlich auch an diesem traumhaften Platz liegen, oder daran, dass es gestern Abend noch mal ausgiebig geregnet hat. Bei Regen schläft es sich sowieso viel gemütlicher im Zelt.

    Beim ersten Gang nach draußen begrüßt mich wolkenlos blauer Himmel. Bis die Sonne das Zelt erreicht, wird es allerdings noch dauern, so lange will ich nicht warten. Nach einem schnellen Kaffee mit Haferkeksen packe ich ohne Trödeln zusammen, schnalle Hose und Stiefel gleich an den Rucksack und furte ziemlich genau um 6:00 Uhr die Syðri-Ófæra. Geht doch nichts über ein erfrischendes Fußbad zum Wachwerden. Wobei das Fußbad dann bis Mitte Oberschenkel reicht und eine mäßige Strömung aufweist. Nicht schwierig, nur kalt.





    In der Sonne bei nur leichtem Wind fühlen sich die 7°C Schattentemperatur schon richtig warm an, da kann die Softshell auch gleich in den Rucksack. Nachdem die Füße getrocknet sind, folge ich weiter dem Reitweg durch die Schlucht in das offene, hügelige Grasland. Ohne weiter darüber nachzudenken, lasse ich Hólaskjól aus und schwenke stattdessen mit dem Reitweg nach Nordosten. An der Áftavatnskrókur-Piste lasse ich kurz den Rucksack stehen und steige auf einen Hügel, von dem aus man mit etwas Glück ein Mobilnetz haben könnte. Hat man auch. Ich sende meiner Frau ein Lebenszeichen und checke die Wettervorhersage. Für heute und die nächsten zwei Tage sieht das richtig gut aus. Alles sehr erfreulich.


    Blick nach Süden


    Blick nach Norden. Gut zu erkennen: Gjátindur, der Spaltengipfel

    Dann will ich mal versuchen, den Kurs Nord-Nordost zu halten und pfadlos das von Erosionsrinnen durchzogene Grasland bis zur F208 zu queren. Die erste kann ich noch halbwegs umgehen, für die beiden folgenden findet sich auch jeweils schnell ein Übergang. Wenn man bedenkt, wie zerfurcht die Landschaft diesseits der Skaftá auf den Luftbildern aussieht (die Karte lässt davon kaum was erahnen), dann läuft es sich an dieser Stelle eigentlich sehr gut. Kurz hinter der F208 stoße ich auf den neu markierten Pfad Hólaskjól – Eldgjá, der auf der Karte zwar noch nicht eingezeichnet ist, den Tom aber bei der Vorbereitung schon erwähnt hatte. Der windet sich hier sehr idyllisch zwischen Lavabrocken und dem westlichen Flussarm der Norðari-Ófæra nach Norden.





    Jetzt sollte ich langsam überlegen, ob ich unten in der Eldgjá oder am oberen Rand gehen will. Beides klingt attraktiv. Die Entscheidung fällt dann zugunsten der höheren Route, weil ich mir von da eine nette Aussicht verspreche und den steilen Aufstieg am Ende vermeide. Also folge ich am Ende des Pfades nur kurz der F208 und biege dann auf die Nebenpiste ab. Jetzt sind beide Flussarme hintereinander zu furten. Mit Neoprensocken, damit die auch mal benutzt werden, aber die Hose fixiere ich nur über dem Knie, was ein Fehler ist. Selbst ein gutes Stück neben der ausgefahrenen Autospur reicht das Wasser noch bis Mitte Oberschenkel. Wobei das heute eigentlich egal ist, ich mache hier, also ein Stück flussabwärts, sowieso Frühstückspause, da kann sie trocknen. Und das Zelt gleich auch.


    Einer der Flussarme

    So mit dem leichten, kühlen Wind lässt es sich in der Sonne gut aushalten, nur ist er leider nicht stark genug, um die vielen Fliegen zu vertreiben, die zielstrebig Augen, Nasenlöcher und Ohren ansteuern. Also, ganz ehrlich, Schaf möchte ich hier nicht sein, saftiges Gras hin oder her. Wenn man kein Kopfnetz hat, wird man doch wahnsinnig bei dem Gewusel. Anders als vor zwei Jahren habe ich aber eins dabei und kann entspannt sein. Beim Fotografieren sind die Biester übrigens auch nervig – an der Anzahl der verwischten Flecken auf den Bildern lässt sich sehr genau der Fliegen-Belästigungsgrad ermitteln. Besser ein paar mehr machen und später aussortieren.

    Von hier kann ich leider nicht so direkt direkt zum Rand der Eldgjá hochgehen, wie ich eigentlich dachte, weil eine Schlucht den Weg versperrt. Warum bin ich überhaupt nach der Furt so weit flussabwärts gegangen? Also zurück zur Piste. Dort, wo sie einen weiten Bogen macht, kürze ich aber direkt über den Hang ab. Hässliche Reifenspuren im weichen, moosbedeckten Boden zeigen an, dass auch schon mal idiotische Autofahrer so dachten. Das ist für den Wanderer trotz aller landschaftlichen Schönheit ein Nachteil dieser Gegend, man kommt fast überall auch mit dem Auto hin. Na ja, bald komme ich zumindest auf einen richtigen Wanderpfad.

    Da ist schon der Ófærufoss, ja ja, ich weiß, ohne die Lavabrücke nur halb so imposant, aber immer noch wunderschön. Hier steigt auch ein markierter Pfad aus der Spalte hoch, der anscheinend immer nah an der Abbruchkante in meine Richtung verläuft.


    Ófærufoss


    Grasnelke


    Gjátindur und Moosberg (und gemeine Islandfliege)


    Ófærufoss noch mal näher


    Eldgjá, die Feuerspalte



    Das ist alles sehr schön, und es macht auch Spaß, dem Pfad durch diese Moos- und Schotterlandschaft zu folgen, aber die Eldgjá berührt mich nicht so, wie ich erwartet hätte. Also, es fügt sich alles ganz wunderbar, ich bin gut drauf, das Wetter ist perfekt, und trotzdem fehlt was. Das Phänomen haben auch andere schon beschrieben: man hat schon zu viele Bilder davon gesehen, es fehlt das Überraschungsmoment.

    Zum nördlichen Ende hin, dort wo auf beiden Seiten der Spalte rote Klippen leuchten, hören die Moospolster plötzlich auf, und man betritt eine mit Abertausenden von Blütenpflanzen gesprenkelte Wüstenlandschaft. Das ist irre! Leider gelingt es mir nicht, die eigenartige Atmosphäre in einem Bild adäquat einzufangen.










    Hier geht‘s runter in die Eldgjá

    Am Pfadabzweig setze ich mich für eine halbe Stunde auf die Steine und verspeise einen Müsliriegel. Hier weisen die Markierungspfähle tatsächlich eine Route den absurd steilen Hang aus Sand und feinem Schotter hinab. Runter kommt man wohl auf dem Hosenboden, wobei man die Hose danach sicher wegschmeißen kann, aber hoch? Alle Achtung, wer das mit schwerem Gepäck schafft! Nee, ich bin froh über meine Routenwahl.

    Da ich eben auch die Trinkflasche geleert habe, kann ich meine Mittagspause erst am nächsten Bach machen. Also weiter. Nach einem kurzen Anstieg führt der Pfad hoch zum Gjátindur, und rechts zweigt der Pfad nach Skælingar ab. Alles gut ausgeschildert, nicht zu verfehlen. Nur in der Karte ist er irreführend eingezeichnet.


    Eldgjá

    So richtig viel Wasser gibt es erst mal nicht. Die wenigen Schneefelder bilden nicht mal eine Pfütze, alles Schmelzwasser versickert sofort. Eigentlich könnte ich auch gleich die ganze Strecke runter nach Skælingar gehen, so weit ist das nicht. Aber dann höre ich ein Bächlein, das tief in einer Rinne fließt. Inzwischen brennt die Sonne ganz ordentlich, was die Fliegen und hier auch Kriebelmücken zu höchster Aktivität antreibt. Ich muss mich mal waschen und brauche eine Stunde Ruhe vor dem Viehzeug. Leider klappt es nur bedingt, das Zelt mit allen Klamotten in eine schattige Höhle zu verwandeln. Es ist einfach zu warm.


    Blick zur Skaftá

    Obwohl eigentlich immer Wolken am Himmel sind, laufe ich nach der unbefriedigenden Pause gefühlt nur noch in der Sonne. Bestimmt kriege ich heute mindestens einen leichten Sonnenbrand. Mal abgesehen davon, dass ich beim Wandern sowieso keine Sonnencreme auf der Haut mag, steht sie für Island immer ganz unten auf der Packliste, bei den Sachen, die man am Ende auch weglassen kann, weil man sie fast nie braucht.

    Momentan gehe ich immer noch davon aus, dass der Pfad zumindest so ähnlich verläuft, wie auf der Karte eingezeichnet. Deshalb verpasse ich auch die Stelle, wo die Markierungen links abbiegen und laufe weiter geradeaus auf einem Schafpfad. So kommt man zwar bestimmt auch zur Hütte, aber ich gehe trotzdem zurück, als ich den Irrtum bemerke und bin angenehm überrascht. Der Pfad führt hinunter in eine hübsche kleine Schlucht mit perfekten Zeltwiesen.






    Kleine Schlucht nordwestlich von Skælingar

    Noch ist es eigentlich zu früh, um den Feierabend einzuläuten, nämlich gerade erst kurz vor vier, aber ich bin schließlich im Urlaub und habe alle Zeit der Welt. Ich laufe noch bis zur nächsten Schlucht, die wieder Stóragil heißt, folge dem nach links abzweigenden Pfad hundert Meter und lasse den Rucksack an einem kleinen Quellteich stehen. Das ist schon die Richtung, in der ich mir später einen Platz suchen will. Aber zuerst erkunde ich die Gegend. Hier beginnt nämlich der wunderschöne Lavagarten von Skælingar, ein natürlicher Skulpturenpark, durch den sich idyllisch der Bach schlängelt. Da ist es, das an der Eldgjá vermisste Überraschungsmoment. Oder mir sind die kleinen Formen einfach näher als die ganz großen. Ich bin jedenfalls begeistert!




    Da ist die Hütte Skælingar











    An der Hütte steht ein Monsterjeep, aber es ist kein Mensch zu sehen. Eine ganze Weile klettere ich im Lavagarten herum und betrachte die fantastischen Formen aus unterschiedlichen Perspektiven. Trotz aller Fremdartigkeit gewinnt dieses Tal schnell etwas Vertrautes. Ein Ort, an den man zurückkehren möchte.

    Beschwingt gehe ich wieder zum Rucksack und laufe noch ein Stück in die Stóragil. Wo der Pfad rechts den Hang hoch führt, bleibe ich allerdings im Talgrund. Gute Zeltwiesen gibt es hier überall, deshalb schaue ich vor allem nach einen möglichst steilen Hang im Westen. Was dann doch nicht so einfach ist. Nach einiger Sucherei entscheide ich mich für eine Stelle, die noch lange nicht im Schatten ist und mache ohne Gepäck einen Spaziergang talaufwärts.


    Schafe gibt es hier natürlich auch


    Schatten, aber kein ebener Platz


    Wollgras


    Stóragil

    Jetzt kann ich aber wirklich langsam das Zelt aufstellen und mich ausgiebig im herrlich kalten Bach waschen. Der Quellteich von vorhin käme jetzt gerade recht, darin könnte ich ganz eintauchen. So heruntergekühlt entspanne ich mich und beginne mit dem Kaffeekochen, als der ersehnte Schatten dann endlich über das Zelt kriecht. Dazu frischt der Wind merklich auf. Einen Sonnenbrand habe ich wohl doch nicht bekommen, die Haut ist im Nacken und an den Oberarmen zwar gerötet, fühlt sich aber nicht übermäßig heiß an. Ich nehme noch mal die Karte zur Hand und bin ein bisschen erstaunt. Die Strecke von heute muss ähnlich lang gewesen sein wie die von gestern, aber sie kam mir viel kürzer vor. Ich zähle ja keine Kilometer, deshalb kann ich es nicht genau sagen. Früher oder später verliere ich in Island immer das Gefühl für Entfernungen.


    Camp 4 in der Stóragil

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