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    Avatar von Wildniswanderer
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    Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #1
    Mitreisende: Wildniswanderer
    Auch wenn ich schon seit Jahrzehnten wandernd durch die Welt ziehe, hatte ich merkwürdigerweise Neuseeland lange nicht wirklich auf dem Schirm. Das hat sich erst geändert, als ich die Bilder und Stories von meinem Freund Bernd gesehen und gehört habe. Bernd ist der bei weitem erfahrenste Wildniswanderer den ich kenne, und wahrscheinlich auch tatsächlich selbst weltweit gesehen, einer der meist gewandertsten Leute. Gegen ihn bin ich eher ein armes Waisenkind, was die Tourenbilanz angeht...
    Wir waren ja auch schon zusammen unterwegs, http://geraldtrekkt.blogspot.com/201...n-berge-1.html, http://geraldtrekkt.blogspot.com/201...raverse-1.html

    daher weiß ich, dass wenn er eine Gegend gut findet, sie für mich in der Regel auch ein lohnendes Ziel ist. Und Neuseeland spielt für ihn ganz weit vorne, was gute Trekkingländer angeht!
    Kurz gesagt, nachdem mir Bernd den Mund wässrig gemacht hatte, war mir klar, dass auch ich nach Neuseeland muss!
    Neuseeland besteht aus zwei Hauptinseln, die etwa gleich groß sind, und insgesamt etwas kleiner als Deutschland. Dagegen beträgt die Bevölkerung nur knapp 5 Mio. Einwohner, im Gegensatz zu 83 Mio bei uns! Na ja, wenn man dann noch berücksichtigt, dass 80 % der Neuseeländer auf der Nordinsel leben, ist schon auf Grund dieser Zahlen klar, dass die Südinsel das bessere Ziel für einen Wildniswanderer darstellt, wobei der Norden des Landes natürlich auch einiges zu bieten hat...
    Seit 2011 hat Neuseeland mit dem Te Araroa (TA) auch einen 3000 Kilometer langen Fernwanderweg, der über beide Hauptinseln führt, daher liegt es scheinbar nahe, diesen für die Erkundung der Südinsel zu nutzen.
    Allerdings macht schon ein Blick auf die Karte klar, dass der TA oft ausserhalb der Berge verläuft, und daher über weite Strecken nicht die attraktivste Route darstellt. Daher war bald mein Entschluss gefasst, auf einer eigenen Linie aus verschiedenen Trails und auch weglosen Abschnitten, die Südinsel im Norden startend zu erwandern. Bei der Planung stellte es sich aber schon bald als klar heraus, dass drei Monate auf einer anspruchsvollen Route nicht ausreichen, um die ganze Insel zu durchqueren. Egal, ich würde eben so weit laufen, wie ich komme, und in einem anderen Jahr die Durchquerung fortsetzen...

    Der lange Flug nach Neuseeland, wäre eigentlich eine Qual, aber zu meiner Überraschung erhalte ich bei meinem 15-stündigen Aufenthalt in China ein Hotelzimmer auf Kosten der Fluglinie!
    Von Christchurch, dem Hauptort der neuseeländischen Südinsel, geht es per Bus nach Nelson. Eigentlich hatte ich vor von dort weiter per Anhalter zu fahren, aber da ein Shuttle Bus direkt zum Beginn des Abel Tasman Coast Tracks, meinem ersten Ziel fährt, wähle ich die einfachere Variante.
    Der Coast Track gehört zu den bekannten Great Walks auf Neuseeland, das sind 9 landschaftlich sehr schöne, einfache Wanderungen, auf die ein Großteil des touristischen Marketings des Landes abhebt. Na ja, und dann ist der Coast Track mit etwa 200.000 Besuchern im Jahr auch noch der Beliebteste der Wege, also eigentlich nicht das was ich schätze...
    Nun, es reizt mich dennoch zum Auftakt meiner Wanderung auf der Südinsel die goldenen Strände und üppigen Wälder des Abel Tasman Nationalparks zu erkunden! Zudem beginnt jetzt, Anfang Dezember die Saison erst gerade, daher hoffe ich, dass noch nicht so viel los ist...

    1. Abel Tasman: Marahau- Takaka



    Am Start des 51 Kilometer langen Weges in Marahau bietet ein halboffener Pavillon gute Informationen zu der Strecke, und auch etwas Wetterschutz. Auf der Busfahrt hierher hatte es streckenweise gegossen, jetzt, genau zum richtigen Zeitpunkt klart es aber auf!



    Der Weg ist extrem gut ausgeschildert, man kann sich hier wirklich nicht verlaufen. Glücklicherweise stellt sich schon bald heraus, das zwar etliche Wanderer unterwegs sind, aber man keineswegs ständig in einem Pulk laufen muss...
    Meist verläuft der Trail im dichten Buschwald, aber häufig eröffnen sich auch Ausblicke auf schöne Buchten, zu denen meist ein Stichweg führt. Hier zeigt sich rasch, dass Abel Tasman, mit 225 qkm der kleinste Nationalpark Neuseelands, nicht nur bei Wanderern, sondern auch bei Kajakfahrern beliebt ist. Häufig sehe ich Gruppen, die sicher an einer geführten Tour teilnehmen.


    Abel Tasman ist auch bei Kajakfahrern beliebt



    Dichter Wald


    Eine "Wanderautobahn"

    Bald erfahre ich durch Hinweistafeln, dass hier, wie auch in ganz Neuseeland, ein regelrechter Krieg geführt wird. Vor der Ankunft der ersten Menschen, vor etwa 800 Jahren, gab es auf Neuseeland außer einer Fledermausart keine Säugetiere. Dementsprechend hatte sich hier eine ausgesprochen reiche Vogelfauna gebildet. Deren Niedergang begann bereits mit der Ankunft der Vorfahren der heutigen Maori, und beschleunigte sich nach dem Eintreffen der Weißen ab 1780. Große Vögel wie die Moas wurden schon durch die Jagd der Maori ausgerottet, viel schwerwiegender war aber der Einfluss der durch die Menschen mitgebrachten Tiere, vor allem von Ratten und Wieseln. Wurde der neuseeländische Wald von den ersten Entdeckern als voll von Vogelstimmen beschrieben, sind weite Teile des Landes heute fast leblos und still. Dies liegt daran, dass die Ratten und Wiesel fast alle Vögel, die sich nie an solche Feinde angepasst hatten, gefressen haben.
    Nun unternimmt Neuseeland große Anstrengungen, diese Entwicklung umzukehren. Dabei wird unter Anderem massiv mit Gift gearbeitet, wie ich später noch feststellen sollte, aber hier in Abel Tasman, soll ein dichter Gürtel von Fallen, die oft völlig offen an den Wegen plaziert sind, verhindern, dass Ratten und Wiesel die letzten Rückzugsgebiete vieler Vogelarten wieder erreichen. Dieses sind kleine Inseln vor der Küste, wo es gelungen war, die Raubtiere auszurotten, so dass sich die Vogelwelt erholen konnte.


    Fallen zum Schutz der Vögel

    Die Vegetation des Waldes ist ziemlich üppig, auch wenn es wenig wirklich dicke Bäume gibt. Am meisten begeistern mich die bis zu 20 Meter hohen Baumfarne, die typisch für Neuseeland sind. Während man Farne normalerweise ja nur als kleine Gewächse kennt, ähnelt der Wald hier wahrscheinlich ein wenig der Vegetation in Europa, zu der Zeit als die Kohlevorkommen entstanden! Neuseeland ist eben bereits seit unfassbaren 90 Millionen Jahren von anderen Landmassen getrennt, daher konnte sich hier eine einzigartige Vegetation entwickeln.


    Faszinierende Baumfarne


    Neuseeland ist generell sehr liberal was wildes Campen angeht, hier "Freedom camping" genannt. Fast alle Wandergebiete befinden sich auf öffentlichem Land, wo man überall frei campen darf, auch in den Nationalparks. Oft liest man, dass das an den Great Walks nicht der Fall sei, und man hier einen Zeltplatz reservieren muss.
    Dies ist aber nicht ganz richtig, da man auch hier in der Regel sein Zelt aufschlagen darf, wenn man 500 Meter vom Weg entfernt ist.
    Nun, ich habe keine Reservierung und würde ohnehin auch gerne einsam an der Küste zelten. Also biege ich am Nachmittag auf einen Stichweg ein, der wenig belaufen ist und zu einer malerischen Bucht führt. Leider verkünden Schilder hier, dass das Zelten verboten ist, daher gehe ich weiter und schlage schließlich mein Lager hoch auf dem Sand im Mündungsbereich eines Baches auf. Mir ist klar, dass zur Zeit Ebbe herrscht und das Wasser später steigen wird, gehe aber davon aus, dass es bei einer normalen Flut mein Zelt nicht erreichen wird...


    Noch ist mein Lager trocken...


    Nachdem ich einen Abendspaziergang unternommen habe, liege ich bereits im Zelt und bin auch schon eingeschlafen, als mich leises Plätschern weckt. Ich schaue aus dem Zelt und stelle fest, dass das Wasser nur noch zwei Meter von meiner Unterkunft entfernt ist!


    Das Wasser steigt...

    Irgendwann versetze ich das Zelt etwa zwei Meter nach hinten, wohl wissend, dass das nicht reichen wird, wenn der Höchststand der Flut noch nicht erreicht ist...
    Und tatsächlich, schließlich muss ich mein Lager räumen, und weiche in den angrenzenden Wald aus, wo der Hang aber viel zu steil zum Zelt aufschlagen ist.
    Es kann Stunden dauern, bis der Wasserstand wieder gefallen ist, und ich habe eigentlich keine Lust so lange im Wald zu sitzen und zu warten. Abgesehen davon, wird es bald dunkel.
    Schließlich fällt mir ein, dass ich ja ein Packraft dabei habe!
    Kurzerhand packe ich mein Zeug auf das Boot, und trete tatsächlich die Jungfernfahrt über den Mündungsbereich des Baches, zum etwa 200 Meter entfernten, höher gelegenen Strand an.
    Extra für die Tour auf Neuseeland habe ich mir ein neues, sehr leichtes Packraft gekauft, dass ich hier im Wesentlichen nur für Flussüberquerungen nutzen will. Zu Hause hatte ich das Boot noch nicht ausprobiert, aber ohne Probleme gelingt mir die Überfahrt, und ich schlage mein Zelt im letzten Licht wieder auf.


    Bootstour in der Dämmerung

    Am nächsten Tag laufe ich für längere Zeit entlang der goldgelben Sandstrände, die Abel Tasman auszeichnen. Zwar liebe ich ja eigentlich mehr die Berge, aber so eine schöne Küste hat auch etwas!






    Lange Strände

    Natürlich gibt es hier auch Meeresvögel. Besonders auffällig sind die schwarzen Austernfischer, die bereits recht große Junge haben. Austernfischer gibt es ja auch in Europa, allerdings mit mehr Weiß im Federkleid.


    Austernfischer

    Gegen Mittag gelange ich an die kilometerbreite Awaroa Bucht, die zu Fuß nur bei Niedrigwasser überquert werden kann. Einige Wanderer warten bereits bei einer Hütte.
    Aber ich habe ja mein Packraft dabei und beginne kurzerhand mit dem müllsackartigen Blasesack Luft einzufangen und dann zum Aufpumpen in das Boot zu pressen. Dabei reißt sofort das Pumpengewinde aus und die Ventilkappe schließt nicht mehr. Da scheine ich ja ein tolles Boot gekauft zu haben....
    Na ja, irgendwann bin ich fertig und beginne die Überfahrt. Zunächst ist das Wasser lange Zeit ziemlich flach, so dass man auch laufen könnte, dann wird es aber sehr tief. Zu dem ultraleichten Boot habe ich das passende, nur 365 g wiegende Paddel gekauft. Dies ist aber eher eine Art besserer Löffel, immerhin komme ich vorwärts, bin aber schon jetzt von meiner neuen Packraftausstattung alles andere als begeistert. Ich glaube ich habe einen Fehlkauf gemacht...


    Warten auf die Ebbe

    Am Nachmittag erreiche ich Totaranui, in der Nähe des nördlichen Endes des Coast Track. Man kann hierher mit dem Auto gelangen und es gibt sowohl eine Rangerstation als auch einen Zeltplatz.
    Die Gegend hier war ehemaliges Weideland und man sieht noch einige alte Farmhäuser. Schließlich verlasse ich den Coast Track und biege auf den Gibb Track ab, der wohl hauptsächlich als Mountainbikeroute genutzt wird. Bevor der Trail sich nach oben schraubt, schlage ich mein Lager am Rand einer ausgedehnten Wiese auf.
    In der Nacht regnet es ein wenig, so dass ich am nächsten Morgen sofort nasse Trailrunningschuhe und Socken habe, was aber nicht weiter schlimm ist. Ein erodierter Weg führt durch Buschland recht steil nach oben, wo sich noch einige Blicke über das Meer ergeben.


    Blick zurück zur Küste

    Für kurze Zeit wandere ich an Zäunen entlang durch Weideland, dann überquere ich am Pigeon Saddle eine Straße und habe den Inland Track erreicht, eine im Vergleich zum Coast Track wenig begangene Wanderroute im Abel Tasman Nationalpark. Der Weg hat nicht mehr viel mit dem Great Walk an der Küste gemein, und ist mit seinen vielen Steigungen ziemlich schwer!
    Nachdem der Wald an der Küste ja eher buschartig war, geht es jetzt teilweise durch sehr schönen Hochwald voller Baumfarne und mächtiger Bäume, die mehrere Meter Durchmesser erreichen. Nur zweimal begegne ich anderen Wanderern.
    Gegen Mittag erreiche ich die Awapata Hut. Ich hatte gedacht, dass es in dem regenreichen Neuseeland überall Wasser gibt, dass ist auf dem Inland Track aber keineswegs der Fall, daher freue ich mich um so mehr, dass die Hütte über einen Wassertank verfügt. Das Toilettenhäuschen ermöglicht eine fantastische Aussicht zur Küste des Abel Tasman Nationalparks!


    Klo mit Aussicht

    Während der Wald über weite Strecken schön und intakt erscheint, gelange ich auch immer wieder in Bereiche, wo fast sämtliche größeren Bäume abgestorben sind, und sich danach ein fast undurchdringliches Dickicht am Boden gebildet hat. Diese Bestände wurden wahrscheinlich durch Possums wiederholt kahl gefressen und starben dadurch ab. Die Possums, zu deutsch Fuchskusus, sind possierliche Beuteltiere, die ursprünglich aus Australien stammen und in Neuseeland wegen ihres Pelzes ausgesetzt wurden. Da sie hier keine Feinde haben, vermehrten sie sich rasant, so dass es heute etwa 6 mal mehr Possums als Menschen auf den Inseln gibt! Ebenso wie Ratten und Wiesel versuchen die Neuseeländer diese eingeschleppten Tiere in erster Linie mit Gift zu bekämpfen. Dazu werden aus der Luft Köder mit "1080" ausgebracht, Natriumfluoracetat, was auch in einigen Pflanzen natürlich vorkommt, und in der Natur rückstandslos abgebaut wird. Der Gifteinsatz ist in Neuseeland heftig umstritten, erscheint aber, wenn man das Verschwinden der Vogelwelt und den Kahlfrass vieler Wälder betrachtet, als notwendiges Übel.


    Abgestorbene Wälder


    Hier ist der Wald noch intakt

    Hinter dem Moa Saddle verlasse ich den Inland Track und wandere abwärts durch herrlichen Wald in das Wainui Tal. Manchmal finde ich hübsche, gelbe, ziemlich große Schneckenhäuser und einige Markierungen deuten daraufhin, dass hier ein Projekt zur Erforschung der Schnecken läuft.
    Auf Neuseeland gibt es einige Arten von nur auf den Inseln vorkommenden, fleischfressenden Schneckenarten, die mit 9 cm Länge und fast 100 Gramm Gewicht ziemlich groß werden. Natürlich leiden sie als "fette Beute" auch unter den eingeschleppten Raubtierarten.


    Großes Schneckenhaus

    Der Wald im Wainui Tal scheint noch ziemlich intakt zu sein, und wirkt auf mich mit seinen gigantischen Bäumen ziemlich eindrucksvoll.
    Ich schlage mein Zelt am Bach auf und setze mich etwas abseits in die Sonne zum Essen. Plötzlich nehme ich eine Bewegung wahr, und beobachte eine Hirschkuh, die dem Bach folgend in meine Richtung zieht.
    Natürlich war auch das Rotwild in Neuseeland nicht ursprünglich heimisch, sondern wurde von den Engländern im 19. Jh. eingeführt, um ihrem gewohnten Jagdhobby nachzugehen. Durch die Kombination aus fehlenden Feinden und guter Äsung vervielfachten sich die Bestände rasch und wurden zu einer regelrechten Landplage. Erst mit der Bejagung aus dem Hubschrauber konnte die Zahl der Hirsche wirksam reduziert werden.


    Eine Hirschkuh zieht bachaufwärts

    Erst als das Tier mein Zelt erreicht hat, bemerkt es mich schließlich doch, und nimmt reißaus.


    Besuch


    Schöner Wald im Wainui Tal

    Am nächsten Morgen folge ich dem Tal noch einige Zeit, bis ich abrupt aus dem Wald in eine offene Graslandschaft gelange, wo es natürlich auch Schafe gibt, für die Neuseeland ja berühmt ist.
    Irgendwann stoße ich auf einen Fahrweg, dem ich für lange Zeit bergab folge.
    Jemand hat einen Fuchskusu (Possum) überfahren, ein zwar häufiges, aber aufgrund seiner nächtlichen Lebensweise nur selten gesehenes Tier.


    Überfahrener Fuchskusu

    Hier in den grünen Hügeln gibt es eine Reihe ungewöhnlicher Häuser, sogar Jurten! Als ich eine Frau auf dem Weg treffe, erfahre ich, dass die Gegend um Takaka ein Zentrum für alternative Lebensformen in Neuseeland darstellt. Es gibt hier sogar einen Betrieb, der Jurten baut!


    Ungewöhnliche Behausungen

    Als ich die Asphaltstraße erreiche, nimmt mich sofort ein Auto die letzten sechs Kilometer nach Takaka mit, wo ich mich auf dem Zeltplatz einrichte. Als nächstes möchte ich meine Wanderung in den Kahurangi Nationalpark fortsetzen, mit über 4500 qkm, der zweitgrößte Nationalpark in Neuseeland.

    2. Kahurangi 1 - Gescheitert an den Drachenzähnen



    Bereits früh am nächsten Morgen bin ich wieder unterwegs. Zunächst folge ich der Straße Richtung Nelson, biege aber schon bald auf eine Nebenstraße ab, die sich nach fünf Kilometern in eine Schotterpiste verwandelt. Ich wandere hier durch flaches, grünes Weideland voller schwarzer Rinder, in denen verstreut einige Farmhäuser stehen.


    Durch Farmland Richtung Kahurangi Nationalpark

    Nach 11 Kilometern erreiche ich einen kleinen Parkplatz, wo Schilder darauf hinweisen, dass hier der Anatoki Track beginnt. Ab hier beginnt ein recht steiler Aufstieg über zugewachsene Pfade in Buschland, bevor der Wald im Nationalpark beginnt.
    Kahurangi ist mit 4500 qkm der zweitgrößte Nationalpark Neuseelands und wurde erst 1996 gegründet. Zwar erreichen die Berge hier nie die 2000 Meter Marke, aber die Mischung aus tiefen Waldtälern, schroffen Hängen und langen Graten macht diese Landschaft sehr attraktiv zum Wandern.

    Nach Verlassens des Privatlandes, wird der Weg deutlich besser und ich erkenne tief unter mir die Schlucht des Anatoki Flusses, der ich für den Rest des Tages folge.


    Anatoki Schlucht

    Es ist ziemlich heiss und da der Weg im Hang weit abseits des Flusses verläuft, dauert es auch recht lange, bis ich auf Wasser in einem Nebenbach stoße. Die steilen Hänge sind zunächst mit dichtem Busch bedeckt. Ohne Weg wäre hier kaum ein Vorankommen möglich!
    Manchmal führt der schöne, schmale Pfad an Felsen entlang. Ein steiles Stück ist sogar mit einer Stahlkette gesichert, was aber zumindest bei Trockenheit nicht wirklich notwendig ist.


    Mit Kette gesichertes Wegstück

    Am Nachmittag führt der Pfad recht häufig durch tief eingeschnittene Schluchten von Nebenbächen. Dennoch bleiben meine Füße trocken, da ich stets über Steine balancierend die Gewässer überqueren kann.


    Steilhänge mit dichtem Busch

    Als ich etwas höher gelange, wird der Busch durch schönen Hochwald abgelöst. Endlich Schatten!


    Die Farne werden von der Sonne angestrahlt

    Manchmal sehe ich den wild rauschenden Anatoki tief unter mir, meist erlaubt es der dichte Wald aber nicht, meinen Blick weit schweifen zu lassen.


    Jetzt fließt der Anatoki durch den Wald

    Es ist kaum möglich, in der dichten Vegetation einen Lagerplatz zu finden, daher schlage ich mein Zelt mitten auf dem Weg auf, was aber auch nur an ganz wenigen Stellen geht.
    Wie schon in Kanada bewährt, koche ich auch in Neuseeland nicht, sondern bereite mir eine kalte Mahlzeit aus je 100 Gramm Haferflocken und Erdnüssen, die ich mit Butter, Eiweißpulver und Wasser zu einer nahrhaften Mischung verrühre.
    Eigentlich könnte ein idyllischer Abend anbrechen, aber der Fluch Neuseelands, kleine Sandfliegen, peinigt mich leider sehr...
    Beim Frühstück am nächsten Morgen besucht mich eine neugierige Wekaralle, die sogar ihren Schnabel ins Vorzelt steckt! Diese flugunfähigen Vögel hatte ich auch schon in Abel Tasman gesehen. Sie sind wenig scheu und dafür berüchtigt, Wanderern gerne einmal etwas zu stehlen...
    Schon bald gelange ich an die Anatoki Forks Hütte, wo ich dem Hüttenbuch entnehme, dass vor 4 Tagen zuletzt jemand dort war. Kurz darauf überquere ich den Anatoki, was nicht ganz ohne nasse Füße abgeht. Aber die richtig tiefen Stellen kann ich bequem von Fels zu Fels umgehen.
    Ein Pfad führt über einen Rücken sehr steil aufwärts. Und steil heißt richtig steil, wie so häufig in Neuseeland. So etwas wie Serpentinen, scheint hier ein Fremdwort zu sein!
    Bald geht der Hochwald in niedrigeren Bergwald über, in dem exotische, Yucca-ähnliche Bäume wachsen. Schließlich öffnen sich erste Blicke in die dicht bewachsene Landschaft mit ihren steilen Kämmen.


    Steile, dicht bewachsene Hänge, typisch für Neuseeland

    Der Kamm wird immer schöner und aussichtsreicher. Voraus erkenne ich bereits die steilen Felsberge der Drachenzähne- Dragon's Teeth. Ziemlich einschüchternd, ob da wohl wirklich eine Route hindurch führt?




    Ein aussichtsreicher Kamm

    Von einem Pfad ist schon lange fast nichts mehr zu sehen, immerhin stoße ich dann und wann im Wald noch auf die für Neuseeland typischen, orangen Dreiecke aus Plastik, mit denen hier die Wege markiert sind. Eine sehr geschickte Art Wege zu kennzeichnen. Wo Farbe längst verblichen wäre, zeigt Plastik kaum Verwitterungsspuren.


    Typische Wegmarkierung

    Es geht erstaunlich viel auf und ab, mitunter ist sogar etwas leichtes Klettern notwendig, und ich suche mir selber die beste Route, statt noch nach irgendwelchen Markierungen zu suchen. Voraus erkenne ich bereits den markanten Gipfel des Yuletide, über den der Pfad führt. Bei etwa 1400 Meter erreiche ich die Baumgrenze, danach wandere ich hauptsächlich durch gelbes Gras.


    Der zerklüftete Grat zum Yuletide


    Aussichtsbalkon

    Leider bewölkt es sich jetzt zunehmend und als ich auf 1550 Meter den Gipfel des Yuletide erreicht habe, ist die Sicht leider nicht mehr so gut.
    Schließlich erreiche ich den Pass the Needle, von dem aus ich schon den kleinen See Adelaide Tarn erblicke, mein Tagesziel.


    Abstieg zum Adelaide Tarn


    Am See steht eine winzige Wellblechhütte, in der 3 Leute übernachten können. Diese Biwakschachteln sind in Neuseeland umsonst zu benutzen. Das die Wanderung hierher nicht ganz einfach ist, zeigt auch, dass ich für 9,5 Kilometer mehr als 9 Stunden benötigt habe!
    Im Hüttenbuch finde ich einen Eintrag von Annette und Michael, die ich 2017 in Patagonien kennen gelernt hatte. Ich hatte den Beiden meine geplante Route gegeben und sehe jetzt, dass sie eine Woche Vorsprung haben!
    Später klart es auf, und ich unternehme noch einen Abendspaziergang in die alpine Umgebung der Hütte.




    Adelaide Tarn


    Es gibt stellenweise einige Blumen, aber meist dominiert das Tussockgras.


    Blumen sind eher selten

    Ich wandere zu einem Pass, von dem man aber nicht absteigen kann, und erkunde dann den Anfang der Route für Morgen. Typisch für Neuseeland kommt Nebel auf, und erzeugt mit den Sonnenstrahlen die durch den Dunst dringen, eine interessante Stimmung.


    Sonne und Nebel
    Geändert von Wildniswanderer (04.05.2020 um 21:03 Uhr)

  2. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #2
    Kahurangi 1-Gescheitert an den Drachenzähnen- Fortsetzung

    Früh am nächsten Morgen breche ich auf zur Bezwingung der Dragon's Teeth High Route. Bis zu dem gestern Abend erkundeten Pass komme ich gut voran, dann folgt die Route einem felsigen Grat. Aus den Tälern steigt Nebeldunst auf, und zunächst scheint es, als könnte das Wetter schön werden...


    Morgendlicher Dunst steigt aus den Tälern auf


    Manchmal steige ich kurz ab in den Wald. Es gibt hier keine orangen Markierungen mehr, aber zumindest finde ich relativ regelmäßig einen Steinhaufen oder Cairn, der die Route markiert.
    Ich höre entfernte Rufe und sehe dann einen Bergpapagei sich auf einem Felsen nieder lassend. Die Keas leben nur in Neuseeland, und sind weltweit die einzigen Papageien, die über der Baumgrenze ihren Lebensraum haben. Leider fliegt der Kea ab, bevor ich ihn fotografieren kann. Irgendwann erscheinen die ersten von Nebeln umflossenen steilen Gipfel der Drachenzähne.



    Auf der Dragon's Teeth High Route


    Ein sehr steiler, glatter Schieferfelshang entpuppt sich als erstes Hindernis. Man sollte hier auf keinen Fall abrutschen, aber eigentlich ist der Fels recht griffig.
    Kurz danach verlieren sich die Cairns. In dichtem Bewuchs und steilem Gelände suche ich lange Zeit, bis ich wieder einen Felshaufen entdecke. Der GPS- Track, den ich für diese Strecke herunter geladen habe, entpuppt sich leider als ungenau, und hilft mir überhaupt nicht weiter.
    Entlang einer steilen, dicht bewachsenen Wand taste ich mich langsam weiter. Irgendwann ist die Route aber so zugewachsen, dass ich mir nicht vorstellen kann, hier noch richtig zu sein. Ich nehme an, dass die korrekte Route höher verläuft und ich hier in einer Sackgasse gelandet bin. Kurzerhand beschließe ich nach oben zu klettern. Inzwischen hat sich das Wetter deutlich verschlechtert, Nebel und Nieselregen kommen auf. Die Wand ist so steil, dass ich mich nur an den im Fels verankerten Büschen hoch ziehen kann. Irgendwann kommt mir der Gedanke, dass das was ich gerade tue, ziemlich verrückt ist, und trete den Rückzug an. Dabei stellt es sich heraus, dass es gar nicht so einfach ist, in dem steilen, dicht bewachsenen Gelände zurück zu finden. Viele Stellen sind einfach viel zu bewachsen oder abschüssig....
    Schließlich bin ich zurück an den Schieferplatten und suche noch mal nach der richtigen Route. In fünf Stunden bin ich gerade mal zwei Kilometer weit gekommen und muss einsehen, dass der Rückzug zum Adelaide Tarn das einzig Vernünftige ist.
    Eine goldrichtige Entscheidung, denn mit Regen und Nebel am Nachmittag, hätte ich keine Chance gehabt, die Drachenzähne zu bewältigen.
    Später lese ich von jemandem der die Tour schon oft gemacht hat folgendes Zitat "Entweder du kennst die Route, oder irgendwann muss dich der Hubschrauber holen". Das ist wahrscheinlich etwas übertrieben, spricht aber dafür, dass man die Drachenzähne nicht zu leicht nehmen sollte.
    Zurück in der Biwakschachtel, verbringe ich den Rest des Tages damit, in neuseeländischen Outdoormagazinen zu lesen, die jemand dort zurück gelassen hat. Sehr interessant und inspirierend!
    Nichts desto Trotz bin ich ziemlich frustriert und beschließe auf einer anderen Route nach Takaka zurück zu kehren, um dort neuen Proviant zu kaufen, und die Kahurangi Durchquerung von einem anderen Ausgangspunkt zu starten.
    Immerhin ist am nächsten Morgen das Wetter besser, so dass ich die Aussicht vom Yuletide zu den Dragon's Teeth genießen kann.


    Auf dem Yuletide


    Subalpine Vegetation

    Zurück am Anatoki biege ich auf den Pfad zum Lake Stanley ab, der im Gegensatz zur Dragon's Teeth High Route nicht in meiner GPS-Karte eingezeichnet ist.
    Stellenweise ist der Südbuchenwald, durch den ich laufe, ziemlich offen. Die Südbuchen sind nicht mit unseren europäischen Buchen verwandt, sondern bilden eine eigen Gattung, die ich ja auch schon aus Patagonien kenne. Hier in Neuseeland wachsen fünf Arten, von denen zwei sehr häufig sind.




    Südbuchenwald


    Ich überquere einen Pass im Wald auf 1100 Meter und folge dann dem Oberlauf des Stanley Rivers. Auf einem Baumstamm am Bach entdecke ich eine sehr seltene Vogelart: Die Blauente, oder auch Whio, nach ihren Pfeiflauten genannt. Ein Entenpaar mit einem Küken sitzt auf einem Baumstamm am Bach. Die Whio sind eine von nur zwei Entenarten weltweit, die sich auf schnelle, klare Bäche spezialisiert haben. Aufgrund der Verfolgung durch Ratten und vor allem Wiesel sind sie sehr selten geworden und es werden von der Naturschutzbehörde DOC große Anstrengungen zu ihrem Schutz unternommen.


    Whio Enten- Vom Aussterben bedroht

    Dagegen ist ein kleiner, neugieriger Vogel allgegenwärtig, und kommt häufig bis in meine unmittelbare Nähe: Der South Island Robin!


    Die South Island Robins kennen keine Scheu

    An einer Stelle passiert der Stanley River donnernd eine Klamm, und fällt dann in einen herrlich türkisen Pool.


    Ein idyllischer Platz

    Ich genieße es auf dem gut markierten Pfad wieder ausschreiten zu können, auch wenn es schließlich wieder zu regnen beginnt. Ich habe einen kleinen Schirm dabei, der hier zum ersten Mal in Neuseeland zum Einsatz kommt. Im weiteren Verlauf der Tour sollte er sich aber als überflüssig heraus stellen, nicht weil es so wenig regnet, sondern weil es dabei meist so windig ist, dass man keinen Schirm aufspannen kann.


    Unterwegs zum Lake Stanley

    Zu meiner Überraschung dringt Rauch aus dem Soper Shelter, einer Hütte, die eher einem Zelt ähnelt, und den einfachen Behausungen der Goldsucher in den 30'er Jahren nachempfunden ist. Seit Beginn meiner Wanderung im Anatoki Tal hatte ich noch keinen Wanderer getroffen!
    Nichts desto Trotz laufe ich weiter entlang des Lake Stanley und schlage schließlich, als der Regen heftiger wird, mein Zelt auf.
    Lake Stanley entstand als 1929 ein Erdbeben einen natürlichen Damm aufschüttete. Noch heute stehen zahlreiche Baumleichen in dem Gewässer.


    Lake Stanley

    Hinter dem Ende von Lake Stanley passiere ich ein große Blockhalde die ebenfalls von dem Erdbeben aufgeschüttet wurde. Schilder warnen, dass der Bereich auch heute noch instabil sei und schnell passiert werden sollte...


    Vom Erdbeben 1929 aufgeschüttet

    Hinter dem Zusammenfluss von Stanley und Waingaro River wird der Pfad deutlich besser und ich komme rasch voran. Die sogenannte "Kill Devil" Route darf auch von Mountainbikern benutzt werden. Bald gelange ich aus dem Wald in dichte Strauchvegetation. Dennoch eröffnen sich häufig schöne Ausblicke in das Waingaro Tal, tief unten. Die Routenführung entlang der Hänge ist wirklich spektakulär und sicher toll mit dem MTB zu befahren.


    Auf der Kill Devil Route

    Nach einem langen Abstieg über endlose Serpentinen erreiche ich schließlich nach etwa 30 Kilometern einen Parkplatz und kurz danach die Straße.
    Wie so oft habe ich Glück und das erste Auto das vorbei kommt hält und nimmt mich mit zurück nach Takaka.
    Interessanterweise sollte ich meinen Fahrer, der deutsche Vorfahren hat, die schon 1840 in die Gegend gekommen sind, viel später noch einmal treffen!
    Geändert von Wildniswanderer (04.05.2020 um 20:51 Uhr)

  3. Fuchs
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #3
    Hallo Gerald!

    Sieht bisher nach einer super tollen Tour aus!
    Wahnsinnig schöne Bilder!

    Eine faszinierende Welt ist das auf NZ. Diese Mischung aus weißen Stränden mit türkisem Wasser, den urigen, dichten Regenwäldern und darüber die wilden, kahlen Berge. Genial!

    Eines meiner ersten Projekte für die Rente ... vorher werde ich zu passender Jahreszeit hier nicht wegkommen ...

    Bin auf deine weitere Tour gespannt!

    Sylvia
    Kalender *Papageitaucher 2021* Familienplaner
    Das Wetter, das man jeden Morgen in sich selber macht, ist viel wichtiger als das Wetter draußen. Fynn

  4. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #4
    3. Der Heaphy Traclk



    Nach meinem gescheiterten ersten Versuch den Kahurangi Nationalpark zu durchqueren, möchte ich nun den Heaphy Track für einen erneuten Zugang benutzen. Dieser Weg gehört zu den bereits erwähnten Great Walks auf Neuseeland, und wird als solcher heftig beworben.
    Mit 78 Kilometern ist er der Längste dieser Trails und Start sowie Endpunkt des Heaphy sind relativ schlecht zu erreichen. Aufgrund dieser Umstände wird der Weg verglichen mit anderen Great Walks eher wenig frequentiert. Was mich am Heaphy Track reizt, ist vor allem die Vielfalt der durchquerten Landschaften, von Bergen bis Küste, die viel Abwechslung verspricht.
    Da ich mich spontan für den Heaphy Track entschieden habe, konnte ich keine Unterkunft vorab buchen, was hier obligatorisch ist. Allerdings gibt es in Neuseeland relativ häufig sogenannte I-sites, touristische Informationscenter, in denen kompetentes Personal einem unkompliziert hilft.
    So ist das auch in Takaka der Fall. Innerhalb von 10 Minuten habe ich zwei Zeltplätze und den Shuttle Bus zum Trailstart gebucht!
    Da wie gesagt, der Beginn des Weges an der Brown Hut ziemlich abseits liegt, halte ich die 11 Euro, die der Minibus kostet, für eine sinnvolle Investition.
    Noch bevor ich mit dem Buchen fertig bin, trifft der Shuttle ein. Aber da es in Neuseeland stets entspannt zugeht, wird halt solange gewartet, bis meine Buchung abgeschlossen ist, was dann tatsächlich nicht lange dauert.
    Wie schon bei der Fahrt zum Abel Tasman Nationalpark, regnet es auch jetzt, hört dann aber glücklicherweise auf, als wir den Parkplatz an der Brown Hut erreichen.
    Ausser mir beginnen lediglich drei andere Leute ihre Wanderung, schon jetzt ein Zeichen, dass hier weniger los ist, als in Abel Tasman.


    Mit dem Shuttle zum Heaphy Track

    Wie alle Great Walks ist auch der Heaphy mit Informationstafeln und Übersichtskarten bestens bestückt. Hier braucht man wirklich keine topographische Karte....


    Ja, Ja...


    Gut organisiert

    Die Wanderung startet bei lediglich 125 m über dem Meer. Bis auf etwa 400 Meter führt der Pfad durch dichten Busch, dann beginnt der richtige Wald mit einigen markanten Bäumen. Es sind nur wenig Leute unterwegs, aber zweimal führe ich eine nette Unterhaltung mit Neuseeländern, die gerade eine Pause machen. Tief unten im Tal fließt der Aorere River, auf den ich aber nur selten einen Blick erhasche.


    Aorere River Tal


    Streckenweise wirkt der Weg, als sei er mit einem Bulldozer in den Hang geschoben worden. Tatsächlich verläuft der Heaphy Track auf einer alten Handelsroute der Maori. Jade oder Pounamou, wie dieser grüne Halbedelstein auch genannt wird, kommt nur an der Westküste der Südinsel vor. Da Pounamou sowohl für die Werkzeugherstellung als auch für die Kultur der Maori von herausragender Bedeutung war, entwickelten sich einige Handelswege, um an die begehrten Steine zu kommen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die nach dem Entdecker Charles Heaphy benannte Route dann hauptsächlich von Goldsuchern benutzt, obwohl sich die Goldfelder an der Westküste als wenig ergiebig erwiesen...


    Ein Weg mit Geschichte

    Ich passiere bei 915 Meter den höchsten Punkt des Heaphy Track und erreiche kurz danach die Perry Saddle Hut, wo einiges los ist. Fast alle Besucher übernachten in der geräumigen Hütte, was mir ganz recht ist, da ich einen Zeltplatz für mich alleine finde. Schilder weisen tatsächlich darauf hin, dass Camper die Hütte nicht benutzen dürfen, was ich aber ohnehin nicht vor hatte.


    Perry Saddle Hut

    Später unternehme ich einen Abendspaziergang zurück zum höchsten Punkt, wo es einen Flanagan's Corner genannten Aussichtspunkt gibt.
    In dieser Gegend scheinen die Bekämpfungsmaßnahmen gegen die eingeschleppten Raubtiere erfolgreich zu sein, denn der Wald ist voll von exotischen Vogelstimmen, die man eigentlich eher in einem tropischen Regenwald vermuten würde!
    Von dem Aussichtspunkt aus beobachte ich taubengroße Tui's, mit ihrem metallisch glänzendem Gefieder, die zur Gruppe der Honigfresser gehören.


    Tui

    Erst in der Dämmerung laufe ich zurück zu meinem Zelt. Der Sonnenuntergang ist zwar nicht sehr farbenprächtig, trotzdem genieße ich die schöne Abendstimmung.


    Abendstimmung an Flanagan's Corner

    Es hat große Vorteile, wenn man Frühaufsteher ist, da offenbar die meisten Leute unterwegs lange schlafen, hat man so die ersten Stunden garantiert für sich!
    Ein herrlicher Tag bricht an und die aufgehende Sonne färbt den Dunst des Morgens im Tal hinter der Hütte orange.


    Die Sonne färbt den Morgendunst

    Während in den Tälern noch der Nebel hängt, heben sich die schroffen Silhouetten der Bergkämme ringsum scharf vor einem kristallblauen Himmel ab.


    Ein strahlender Morgen

    Schließlich steige ich in die weite Grasebene der Gouland Downs ab. Der sumpfige, nährstoffarme Boden hier lässt keine Bäume wachsen. Statt dessen beherrscht das klumpige Tussockgras die Szenerie.


    Abstieg in die Gouland Downs

    Interessanterweise macht ein "Verkehrsschild" auf die Kiwis aufmerksam, die hier noch vorkommen, obwohl sie in den meisten Gegenden Neuseelands durch Ratten und Wiesel ausgerottet wurden. Der Kiwi, eigentlich sind es fünf unterschiedliche Arten, ist der flugunfähige, nachtaktive Nationalvogel des Landes.


    Kiwi crossing!


    Die Weite der Gouland Downs setzt einen unerwarteten Akzent in die ansonsten meist dicht bewaldete Landschaft am Heaphy Track.


    Gouland Downs

    An einer Stelle passiere ich einen Pfahl, an dem Dutzende von alten Wanderstiefeln aufgehängt wurden. Ansonsten treffe ich den ersten Wanderer des Tages erst an der schön gelegenen Gouland Downs Hütte.


    Hier wurden schon einige Stiefel verbraucht

    Bei der Saxon Hut unterhalte ich mich zunächst einige Zeit mit Jens, einem dänischen Wanderer, der auch alleine unterwegs ist. Dann kommt die junge Rangerin Lana dazu und beantwortet bereitwillig meine Fragen. Sie erzählt, dass es neben den Kiwis in der näheren Umgebung der Hütte sogar Takahe Rallen gibt, eine Vogelart, die schon fast ausgestorben war, aber inzwischen an verschiedenen Stellen wieder angesiedelt wurde. Zur Zeit würden die Südbuchen so viele Früchte tragen, wie seit 20 Jahren nicht mehr. Das führt dazu, dass sich die Ratten sehr stark vermehren. Wenn dann allerdings die Samen der Südbuchen gekeimt, gegessen oder verfault sind, würden sie auf Vögel als Nahrung umsteigen. Das gilt auch für die Wiesel, die sich bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend von Ratten ernährt haben. Lana erzählt, dass dann nur der Einsatz des bereits erwähnten 1080 Giftes aus der Luft verhindern kann, dass viele Vogelbestände aussterben.


    An der Saxon Hut

    Während wir uns unterhalten, landet ein Hubschrauber an der Hütte und transportiert ein schweres Paket ab.


    Die Hütten werden mit dem Hubschrauber versorgt

    Nach den Gouland Downs wandere ich meist durch schönen, moosigen Wald. Es gibt aber immer wieder auch offene Abschnitte, manchmal öffnet sich sogar der Blick bis zum Meer. Der Weg ist sehr gut angelegt und eine regelrechte "Wanderautobahn" auf der es kein Problem ist, schnell voran zu kommen.


    "Wanderautobahn" durch Buschland

    Ab Mittag kommen Wolken auf, und es fallen einige Tropfen, aber kein wirklicher Regen. Hinter der James Mc Cay Hütte beginnt der lange Abstieg zur Westküste. Nur einmal kommen mir einige Leute entgegen, ansonsten ist der Heaphy Track, obwohl Great Walk, zumindest jetzt erstaunlich ruhig.
    Langsam wird der Wald exotischer und neue Baumarten tauchen auf. Diese zu den Steineiben, oder Podocarpaceen gehörenden immergrünen Nadelbaumarten wie Rimu und Rata, kommen nur in den Regenwäldern der feuchten Westküste vor.
    Als ich hinter der Lewis Hut den Heaphy River auf einer Hängebrücke überquere, treffe ich auf ein mächtiges Rata Exemplar. In Kombination mit den Nikau Palmen, die hier in der Flussebene wachsen, kann man fast meinen, in einem tropischen Regenwald zu sein.


    Gigantischer Rata


    Nikau Palmen

    Eigentlich habe ich eine Reservierung zum Zelten an der Heaphy Hut, die ich auch noch erreichen könnte, aber ich ziehe es mal wieder vor, einsam im Wald zu zelten. Es wimmelt hier von Wekas, die immer wieder mein Zelt inspizieren, um etwas zu erbeuten.
    Am nächsten Morgen sehe ich sogar eine der Rallen auf ihrem Nest, direkt neben dem Pfad!


    Weka auf Nest

    Bevor ich die Küste an der Heaphy Hut erreiche, geht es dann noch ein Stück weit durch den tropisch anmutenden Palmenwald mit vereinzelten Rata.


    Verzauberter Palmenwald

    Direkt hinter der Hephy Hut gelange ich an die Küste. Der Westen der Südinsel ist berüchtigt für schlechtes Wetter, aber heute wölbt sich ein perfekter, blauer Himmel über dem Meer!
    Die weißen Sandstrände werden von schroffen, üppig grün bewachsenen Hängen begrenzt. Meist führt der Weg unmittelbar am Strand entlang, wo die Wellen zwar toll aussehen, aber auch mit ungeheurer Wucht auf das Land prallen. Kein Wunder, das ich niemand baden sehe!








    Tolle Strände zum Finale des Heaphy Track

    Bereits gegen Mittag habe ich Kokaitai Shelter erreicht, den Endpunkt des Heaphy Track. Die Wanderdauer für den Weg wird zwischen 3 und 7 Tagen angegeben, aber auch zwei Tage sind auf dem Heaphy Track kein Problem...
    Ich habe Glück, schon bald fährt ein Shuttle Bus nach Karamea ab, der mich ca. 8 Euro kostet. Die Straße entlang der Küste ist asphaltiert und führt durch Weideland, nicht unbedingt besonders interessant zum Wandern.
    In Karamea kaufe ich in dem kleinen Four-Square Supermarkt für den nächsten Abschnitt ein und laufe dann zu dem Campingplatz ausserhalb des Ortes. Ich nutze die Küche des Platzes um mir mal wieder eine Mahlzeit zu kochen, wie geschrieben esse ich unterwegs auf dieser Tour keine warmen Mahlzeiten.
    O-Saft und Äpfel spenden mir heute wichtige Vitamine, obwohl ich auch jeden Tag eine Tablette konsumiere.
    Später hänge ich noch mit zwei Leuten ab, die ich auf dem Campingplatz kennen lerne: Qutaiba aus Kuwait und Walter, der aus Belgien stammt.
    Geändert von Wildniswanderer (04.05.2020 um 21:04 Uhr)

  5. Erfahren
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #5
    4. Von Karamea nach Murchison durch den Kahurangi Natiionalpark



    Früh am nächsten Morgen bin ich wieder unterwegs und laufe auf der Hauptstraße 5 Kilometer weiter Richtung Westport. Es ist noch niemand unterwegs, sonst würde ich meinen Daumen raushalten...
    Anschließend biege ich auf einen Kiesweg ab, der hauptsächlich durch grünes Weideland führt. Zwar komme ich selten einmal an einer Farm vorbei, aber auch hier gibt es keinen Verkehr!


    Farmpisten ohne Verkehr

    Nach knapp 17 Kilometern habe ich schließlich den Beginn des 60 Kilometer langen Wangapeka Tracks erreicht, eine Wanderroute die den Kahurangi Nationalpark von Osten nach Westen durchquert. Ebenso wie der Heaphy Track wurde der Wangapeka ursprünglich von Goldgräbern gebaut.
    In dem Buch in das man sich am Trailstart eintragen kann, gibt es kaum Einträge. Umso mehr bin ich überrascht, als mir 4 Schweden begegnen, die eigentlich mit einem Working Visa in Neuseeland sind, aber einige Tag hier mit Wandern verbracht haben.
    Zunächst ist das Tal des Little Wanganui, dem ich folge, recht breit und offen, verengt sich aber bald zunehmend. Immer wieder muss ich kurze Schluchten im Hang umgehen.


    Little Wanganui

    An manchen Stellen erfordern umgestürzte Bäume, die den Weg blockieren, etwas Klettern. Ich habe gelesen, dass hier vor nicht allzu langer Zeit ein Sturm gewütet hat, der viele Bäume zum Entwurzeln gebracht hat. Daraufhin hat die Naturschutzbehörde DOC beschlossen, den Weg nicht mehr so intensiv zu pflegen. Deshalb wird der einst beliebte Track wohl auch nicht mehr sehr häufig komplett begangen. Man muss sich aber nicht wirklich von den umgefallenen Bäumen abschrecken lassen, so ein schreckliches Hindernis sind sie nicht.
    Nachdem ich die Belltown Manunui Hütte, den Standort eines ehemaligen Molybdän Abbaugebietes passiert habe, wird der Pfad steiler und führt um einige Schluchten herum. Im dichten Südbuchenwald gibt es keine geeigneten Zeltplätze, daher bin ich froh, als ich einen Grasstreifen zwischen zwei Armen des Little Wanganui entdecke. Bei Hochwasser ist hier aber sicher landunter.
    Heute allerdings herrscht warmes, sonniges Wetter, was die lästigen Sandfliegen aber auch zu lieben scheinen...
    Egal, nach der Zeit auf dem Heaphy Track, genieße ich mein Lager in einsamer Wildnis!


    Lager im Flussbett

    Am Morgen ist es bedeckt und kühl. Durch dichten Wald steige ich steil weiter aufwärts, bis ich schließlich bei ca. 1100 Meter über die Baumgrenze gelange. Hier am Little Wanganui Saddle herrscht Nebel und die Umgebung der beiden kleinen Seen wirkt ziemlich ungastlich.
    Ein Stück weiter unten ist der Nebel verschwunden und ich bin zurück im Südbuchenwald. Zweihundert Meter tiefer erreiche ich beim Stag Flat Shelter den Oberlauf des Taipo Flusses, dem ich ab jetzt abwärts folge. Der knorrige, recht offene, dicht bemooste Wald hier gefällt mir sehr gut.


    Knorriger Wald am Oberlauf des Taipo

    Vereinzelt wachsen kleine, knallig pinke Pilze aus dem feuchten Waldboden.


    Hübsche Pilze

    Nach wie vor begegne ich den Wekas recht häufig, meist erhalte ich im dunklen Wald jedoch keine guten Bilder. Um so mehr freue ich mich, dass sich heute einer der neugierigen, zutraulichen Vögel porträtieren lässt.


    Weka-Porträt

    Ein Abschnitt des Taipo in einer engen Felsschlucht, mit sehr klarem, tiefen Wasser ist ziemlich beeindruckend.


    Tiefes, glasklares Wasser in einer Schlucht des Taipo

    Schließlich überquere ich den Taipo auf einer Hängebrücke und wandere dann auf einem schmalen Pfad hoch über dem Karamea, in den der Taipo mündet. Manche Abschnitte hier sind etwas ausgesetzt und mit Stahlketten sowie Zäunen gesichert.


    Über dem Karamea River

    Schließlich erreiche ich die Helicopter Flat Hütte, wo ich mein Zelt auf einem Grasstreifen aufschlage. Während die Hütten in Neuseeland eine kleine Gebühr kosten, darf man stets in deren Nähe umsonst campen.
    Als ich vor der Hütte sitze, nehme ich etwas am gegenüberliegenden Ufer des Karamea wahr. Den ganzen Tag ist mir bislang niemand begegnet um so erstaunter bin ich, als ich zwei Personen erkenne. Dann schaue ich durch mein Fernglas und glaube meinen Augen kaum zu trauen, Annette und Michael, die ich in Patagonien das erste Mal getroffen habe, sind am anderen Ufer!
    Ich sprinte zum Fluss, ziehe meine Schuhe aus, wate blitzschnell durch das Gewässer und falle meinen Freunden um den Hals. Was für eine Freude! Zwar wusste ich, dass die Beiden auf meiner geplanten Route laufen wollen, sich dann aber tatsächlich zu treffen, ist natürlich eine andere Geschichte!
    Als wir zur Hütte wollen, geschieht Michael ein Missgeschick: Er rutscht aus, und landet im Wasser. Kein großes Problem, aber leider ist seine Kamera auch nass geworden und wird vermutlich hinüber sein. Glücklicherweise stellt sich aber später heraus, dass der Fotoapparat das Bad überstanden hat!


    Annette und Michael

    Meine Freunde richten sich gemütlich in der Hütte ein, und wir sitzen Kaffee trinkend noch lange zusammen. Natürlich haben wir uns viel zu erzählen...
    Die Hüttenbücher sind stets interessant zu lesen. Besonders lustig finden wir einen Eintrag, den ein Neuseeländer über einen deutschen Touristen verfasst hat...


    Könnte ich sein, ha, ha


    Am nächsten Morgen regnet es heftig und auch der Wetterbericht, den Michael auf seinem Satelliten- Messenger abruft, verheißt nichts Gutes. Was soll's, einstweilen sitzen wir warm und trocken in der Hütte zusammen. Allerdings können wir dem Karamea beim Anschwellen zusehen. An eine Überquerung ist bald nicht mehr zu denken...
    Da der Fluss weiter aufwärts aber noch dreimal überquert werden muss, bleibt uns nichts anderes als Warten übrig.
    Gegen 12 lässt der Regen nach und als schließlich drei Stunden später der Wasserstand im Fluss zu sinken scheint, beschließe ich aufzubrechen, während Annette und Michael bei der Helicopter Flat Hütte bleiben wollen.
    Bald erreiche ich einen kleinen, aber stark angeschwollenen Nebenbach, über den ein sogenannter "Walkwire" führt. Diese interessanten Konstruktionen sind eine neuseeländische Spezialität. Während man auf einem Stahlseil balanciert, hält man sich an zwei anderen Seilen fest, an den Seiten gibt es kein Netz oder Ähnliches zur Absicherung. Dieser Walkwire hängt nicht allzu hoch über dem Bach, aber es gibt auch richtig abenteuerliche Konstruktionen, wie ich noch feststellen sollte...


    "Walkwire"

    Der Wald ist heute klatschnass und schlammig, und bietet daher kein besonders vergnügtes Wandererlebnis. Immerhin sind die beiden Durchwatungen des Karamea, die ich noch zu absolvieren habe, problemlos machbar.


    Im nassen Wald

    Am Fluss sehe ich einmal eine der seltenen Whio- Enten und an einer Lichtung kann ich 1,50 Meter hohe Grasbülten bewundern.


    Riesige Grasbüschel

    Vom Fluss steige ich aufwärts. Schilder weisen wieder einmal auf einen instabilen Erdrutsch hin, ja, Neuseeland hat eine bewegte Geologie. Schließlich erreiche ich mit dem Wangapeka Saddle den auf 1000 Meter im Wald liegenden, höchsten Punkt des heutigen Wandertages, wo ich mein Zelt aufschlage.


    Lager am Wangapeka Sattel

    Am Morgen tropft es von den Bäumen, aber hier im Wald bin ich noch relativ geschützt. Ein gut sichtbarer, mit den üblichen orangen Dreiecken markierter Pfad führt an die Baumgrenze, die ich schon nach einer Stunde erreicht habe.


    Bergwald nahe der Baumgrenze

    Hier oben weht ein scharfer Wind, der mir den Regen ins Gesicht peitscht. Der Pfad mit den Markierungen endet hier. Von nun an folge ich für lange Zeit weglos dem Grat der Matiri Tops. Diesen darf man sich aber nicht als flachen Kamm vorstellen, statt dessen sind zahlreiche Erhebungen zu überschreiten, weshalb diese Route ordentlich Höhenmeter beinhaltet. An einem schönen Tag wären die Aussichten in die Wildnis des Kahurangi Nationalparks sicher atemberaubend, heute verschluckt aber dichter Nebel meistens die Landschaft.
    Bald schon beginnt der Anstieg zum Nugget Knob, mit 1509 Metern der höchste Punkt des Grates. Vor einem besonders exponierten Steilstück denke ich zunächst, dass die Route nicht hier rüber führen kann, muss dann aber feststellen, dass es in den Flanken des Kamms keine Alternative gibt.
    Die Kletterei stellt sich dann aber als nicht zu schwierig heraus, selbst unter den ungünstigen Bedingungen mit denen ich heute fertig werden muss.
    Obwohl ich lieber besseres Wetter hätte, macht mir die Route großen Spass. Jeder einzelne Gipfel auf dem Grat ist eine neue Herausforderung.
    Gegen Mittag lässt der Regen nach und kurzzeitig lüftet sich der Nebelschleier, so dass ich die grandiosen Aussichten in waldgrüne Täler und über grasgelbe Kämme und Plateaus genießen kann. Nirgendwo ist ein Zeichen menschlicher Zivilisation zu sehen.






    Die Matiri Tops Route

    Zweimal steige ich in den niedrige, verschlungenen Wald unterhalb der Baumgrenze ab, und muss mich stellenweise regelrecht durch die mich fest haltenden Äste kämpfen. Glücklicherweise sind das aber nur kurze Passagen. An einem kleinen See wäre eigentlich ein idealer Zeltplatz, aber heute ist es mir hier oben zu ungemütlich.
    Am Nachmittag zweigen Nebengrate in verschiedene Richtungen ab, so dass ich dankbar für den GPS-Track bin, der mir bei der eingeschränkten Sicht hilft.
    Die Matiri Tops Route ist sehr schön, sollte aber vernünftigerweise nur bei gutem Wetter gegangen werden...
    Schließlich stoße ich wieder auf orange Markierungen, denen ich über einen Pfad abwärts folge. Zeitweise laufe ich dabei in einem grasigen Bachbett. Nach fast 12 Stunden erreiche ich schließlich die Hurricane Hut am Matiri Fluss.
    Es regnet wieder heftiger, daher bin ich froh, in der kleinen Hütte Schutz vor den Elementen zu finden. An der i- site in Takaka hatte ich einige Hüttentickets für je etwa drei Euro erworben, die man in der dafür vorgesehenen Box im Hütteninneren deponiert.


    Hurricane Hut

    Am nächsten Morgen schüttet es weiter, und ich döse erst mal vor mich hin und lese dann auf dem Smartphone. Gegen Mittag regnet es immer noch, aber ich denke, die 12,5 Kilometer bis zur nächsten Hütte sollte ich in jedem Fall schaffen...
    Trotz Regenhose sind meine Beine in dem hohen Gras schnell komplett durchnässt. Bald muss ich den Matiri durchwaten, was unerwarteterweise trotz des Regens ziemlich einfach ist. Hinter dem Lake Jeannette entfernt sich der Pfad vom Fluss und führt im Tal eines Nebenbaches aufwärts. Dieser ist ziemlich voll, aber dennoch relativ einfach zu durchwaten. Hinter einer offenen Grasfläche laufe ich lange über einen bewaldeten Rücken und gelange irgendwann zurück zum Matiri. Davon, dass ich eigentlich einem Pfad folge, merke ich ausser den Markierungen eigentlich nichts. Ätzendes, hohes Gras, und triefende Sträucher lassen eine Dusche nach der anderen auf mich niederprasseln. Dieser "Weg" wäre schon unter normalen Umständen schwierig, bei diesem Regen ist er sehr unangenehm....
    Regelrecht halsbrecherisch wird es, als mich die orangen Markierungen in ein ausgedehntes, lediglich spärlich bewachsenes Felslabyrinth führen. Die Steine sind von all der Nässe spiegelglatt und ich muss höllisch aufpassen, will ich mir hier nicht die "Haxen" brechen.
    Als nächstes muss ich auf steilen Uferböschungen über dem tosenden Matiri balancieren, der jetzt zu einem mächtigen Strom angeschwollen ist. Mittlerweile ist jeder Faden meiner Kleidung bis auf die Unterhose klitschnass, sehr unangenehm, dennoch muss ich meine Konzentration aufrecht halten, damit mir nicht ein folgenschweres Missgeschickt geschieht...
    Als die McConchies Hütte nur noch 500 Meter entfernt ist, gelange ich an einen tosenden Nebenbach. Obwohl er nicht besonders breit ist, sehe ich keine Möglichkeit ihn zu durchwaten. Theoretisch könnte ich auch mein Packraft in den Matiri einsetzen, aber ich muss nicht lange überlegen, um auch diese Idee zu verwerfen. Der Fluss ist einfach viel zu wild und unberechenbar.
    So suche ich mir einen halbwegs unbewachsenen Platz im Wald und schlage mein Zelt auf.
    Was für eine Wohltat aus den nassen Klamotten zu steigen, und die in einem Trockensack vor Nässe geschützte Ersatzkleidung anzuziehen!


    Ein nasses Lager

    Es ist ziemlich unangenehm am nächsten Morgen wieder in die klatschnassen Sachen zu steigen, es kommt aber natürlich nicht in Frage die Reservekleidung anzulassen!
    Da der Regen über Nacht aufgehört hat, ist der Wasserstand des Bachs, den ich gestern nicht überqueren konnte, stark gefallen, und die Überquerung ist heute kein Problem mehr.


    Von tosendem Strom zu plätscherndem Bach

    Die Route bleibt jetzt stets am Matiri, ist aber immer noch ziemlich schwierig. Hohes Gras und eingeschleppter Cotoneaster sind immer noch Wasser getränkt, so dass meine Kleidung nicht zum Trocknen kommt, obwohl jetzt die Sonne erscheint.


    Dichte Vegetation am Matiri


    Cotoneaster- eingeschleppt aus Asien


    Zwei Meter hohes Gras

    Zur Mittagspause auf einem Felsen hänge ich alle meine Sachen zum Trocknen auf. Das ist auch bitter nötig, da durch das Reiben der nassen Sachen an der Haut bereits unangenehme Scheuerstellen entstehen...


    Trocknungspause

    Der Matiri bleibt weiterhin ein abwechslungsreicher, wilder Fluss mit zahlreichen verblockten Stromschnellen. Nichts für ein beladenes Packraft...


    Am Matiri

    Schließlich erreiche ich den von feuchten Wiesen eingefassten Lake Matiri. Als ich vom See in die Uferhänge steige, gelange ich schließlich auf einen guten Pfad, kein Vergleich mit der Route seit der Hurricane Hut, die zwar mit den obligatorischen, orangen Dreiecken markiert ist, aber meist kaum die Andeutung eines Weges vorhanden ist.


    Lake Matiri

    Aus dem Hüttenbuch der Lake Matiri Hut erfahre ich, dass der letzte Besuch schon mehr als einen Monat zurück liegt!
    Zunächst geht der gute Pfad weiter, wenn auch an einer Stelle ein Felssturz am Fluss den Weg auf einigen Hundert Metern verschüttet hat.


    Ein wilder Fluss

    Irgendwann gelange ich aus dem Wald in offene Grashänge, die sicher vor nicht allzu langer Zeit als Weideland genutzt wurden. Über dem Ufer des Matiri schlage ich mein Lager auf, und kann endlich meine Ausrüstung richtig trocknen...
    Am nächsten Morgen muss ich noch einen großen Nebenarm des Flusses durchwaten, der bei höherem Wasserstand sicher schnell unpassierbar wird. Daher wurde in der Nähe eine Art Container aufgestellt, in dem Wanderer ein Unwetter aussitzen können.
    Bald beginnt ein Fahrweg durch Rinderweiden. An einem kleinen Parkplatz weist eine Tafel auf die Wandermöglichkeiten am Matiri hin. Na ja, mir scheint, dass sich nicht allzu viele Leute hierher verirren....
    Ich laufe an verstreuten Gehöften vorbei noch einige Kilometer, bis mich schließlich ein junger Farmer zur Hauptstraße mitnimmt, wo ich nach kurzer Zeit einen lift nach Murchison gefunden habe.
    Der Ort am Buller River ist bekannt als Rafting Paradies, und ich lasse mich auf dem großen Campingplatz ausserhalb des Ortes nieder.
    Auf dem nächsten Abschnitt durch den Nelson Lakes Nationalpark, gelange ich in deutlich alpinere Gefilde, aber Kahurangi, obwohl nicht mit hohen Bergen ausgestattet, hat mich mit seinen wilden Wäldern und schroffen Kämmen schon sehr fasziniert!
    Geändert von Wildniswanderer (04.05.2020 um 21:06 Uhr)

  6. Fuchs
    Avatar von uli.g.
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #6


    vielen Dank für die Impressionen aus einer Ecke dieser Welt, die ich „in echt“ nicht sehen und bewandern werden werde.
    "... goodbye to Rosie!"

  7. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #7
    Zitat Zitat von uli.g. Beitrag anzeigen


    vielen Dank für die Impressionen aus einer Ecke dieser Welt, die ich „in echt“ nicht sehen und bewandern werden werde.
    Gerne!

  8. Fuchs
    Avatar von berniehh
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #8
    Hi Gerald,

    deinen Neuseelandbericht kenne ich ja schon von deinem Blog. Es ist aber trotzdem interessant ihn hier nochmal zu lesen, gerade jetzt wo man viel zuhause rumsitzt.

    Super Fotos....

  9. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #9
    Vielen Dank Bernd! Und schon geht es weiter:

    5. Von Murchison zum Lewis Pass durch den Nelson Lakes Nationalpark



    Auf dem Abschnitt von Murchison zum Lewis Pass durch den Nelson Lakes Nationalpark, gelange ich erstmals auf meiner Neuseelandtour durch alpine Landschaften.
    Früh am Morgen laufe ich einige Kilometer auf der Hauptstraße Richtung Nelson, bis zum Abzweig der Mangles Valley Road, wo mich ein junger Mann, der als Imker und Lehrer arbeitet, fast sofort mitnimmt. Überhaupt erscheint mir das Trampen in Neuseeland sehr einfach zu sein. Toll wie offen und freundlich die Menschen hier sind!
    Nach 14 Kilometer Schotterstraße erreichen wir den Beginn des Tiraumea Tracks, wo dieser Wanderabschnitt jetzt aber wirklich beginnt!
    Na ja, eine komplett durchgängige Route zu laufen, ist zwar verlockend, aber wenn ich dafür auf Straßen wandern muss, halte ich im Zweifelsfall lieber den Daumen raus...
    Zunächst laufe ich durch Weideland in Privatbesitz, wo die Wegeführung nicht wirklich klar ist. Aber egal, solange ich im Tiraumea Tal aufwärts laufe, kann ich nicht falsch sein.


    Weideland am Beginn des Tiraumea Tracks

    Bald lasse ich die Weiden hinter mir, und wandere in ein liebliches Tal, wo sich offene Abschnitte und Wald zunächst immer wieder abwechseln. Nur selten ist die Andeutung eines Pfades zu sehen, und immer wieder muss ich etwas suchen, bis ich die nächste Markierung sehe. Das Tal steigt zunächst nur sanft an, daher gibt es auf den Grasstreifen hier eine Menge fantastischer Zeltplätze, aber zum Lagern ist es mir natürlich noch zu früh.


    Tiraumea Tal

    Später verschwinden die Wiesenstreifen und zeitweise muss ich mich ohne Weg durch den dichten Wald kämpfen. Wie schon zuvor, muss ich ständig die Seite des Tiraumea wechseln. Heute bei niedrigem Wasserstand kein Problem, dass kann aber sicher auch anders aussehen.


    Der Tiraumea muss ständig durchwatet werden

    Von Neuseeland gibt es übrigens eine ganz hervorragende topographische Karte im Netz, auf der man meine Route gut nachvollziehen kann!
    Schließlich gelange ich in eine flache, offene Landschaft um die Tiraumea Hütte. Es scheint hier viel Rotwild zu geben, was verhindert, dass sich die Grasflächen wieder bewalden. Dafür sprechen auch die Einträge im Hüttenbuch. Offenbar kommen häufig Jäger hierher um dem Wild nachzustellen.
    Ich laufe noch ein Stück weiter und schlage schließlich mein Lager auf einer offenen Ebene auf.
    Bei meinem obligatorischen Abendspaziergang beobachte ich eine ganze Reihe von kleinen Vögeln, und fotografiere mal wieder einen der allgegenwärtigen South Island Robins, der auf Deutsch Langbeinschnäpper genannt wird. Das kurz geweidete Gras zeigt an, dass es hier viel Wild geben muss, leider bekomme ich davon aber nichts zu Gesicht.


    Langbeinschnäpper


    Offene Graslandschaft in der Nähe der Tiraumea Hut

    Am nächsten Tag ist der Pfad viel deutlicher zu erkennen. Offenbar wird die Tiraumea Hütte eher von dieser Seite aus erreicht. Durch schönen, recht offenen Südbuchenwald erreiche ich auf dem Tiraumea Sattel den kaum wahrnehmbaren, höchsten Punkt auf 682 Meter.


    Durch offenen Wald zum Tiraumea Sattel

    Ich steige ab zum d'Urville River, dem ich kurze Zeit folge, bevor ich den Fluss vor seiner Mündung in den Lake Rotoroa durchwaten muss.
    Die ausgedehnten Kiesbänke zeigen, dass dieser Fluss zu Überschwemmungen neigt, aber bei dem jetzigen, niedrigen Wasserstand ist die Überquerung kein Problem.


    d'Urville River

    Am anderen Ufer irre ich eine ganze Zeit lang durch den hier fast dschungelartigen Wald, bis ich wieder auf die orangen Markierungen stoße.


    Baumtunnel

    Der Wald ist hier von kristallklaren, schmalen, aber tiefen Bächen durchzogen. An einer Stelle muss ich einige Zeit nach einer flacheren Watstelle suchen, ansonsten würde mir das Wasser sicher bis zum Bauch reichen!


    Klare, tiefe Bäche in dschungelartigem Wald

    Schließlich gelange ich an das Ufer des Lake Rotoroa. Leider hat es sich jetzt zugezogen, und fängt an zunächst leicht zu regnen. An manchen Stellen kann ich über den großen See blicken. Einmal beobachte ich einen schwarzen Schwan, der sich intensiv putzt. Diese majestätischen Vögel stammen ursprünglich aus Australien.


    Lake Rotoroa

    Als ich den Sabine River erreiche, muss ich diesem großen Fluss erst einige Kilometer aufwärts folgen, bis ich ihn über eine Brücke überqueren kann. Anschließend geht es flussabwärts zurück zum See.
    In den letzten zwei Tagen hatte ich keinen anderen Wanderer getroffen, aber an der Sabine Hut, ist heute, am ersten Weihnachtstag, eine ganze Menge los. Während ich meine Mittagsschokolade vor der Hütte esse, fressen mich die Sandfliegen fast auf. Mit einigen Leuten komme ich ins Gespräch, darunter ist auch eine Australierin, die ich in einigen Tagen tatsächlich noch einmal treffen sollte!
    Obwohl es mittlerweile ziemlich stark regnet, habe ich keine Lust bei der Hütte zu bleiben und biege auf die Mount Cedric Route ab, die von knapp 500 Meter am See steil bergauf führt.


    Mt. Cedric Route

    Irgendwann spanne ich meinen kleinen Regenschirm auf, das schützt mich zwar etwas, dafür kann ich aber auch die Wanderstöcke nicht mehr benützen. Als ich eine flachere Stelle erreiche, baue ich das Zelt auf, da ich mir denke, dass das Wetter über der Baumgrenze richtig schlecht ist...
    Den Nachmittag verbringe ich lesend und relaxend im Zelt, aber abends klart es dann auf, und ich sehe den weißen Dunst im Tal tief unter mir.
    Da ich kein Wasser mehr habe, breche ich am Morgen ohne Frühstück in den nassen Wald auf. Es geht weiterhin steil bergauf, dennoch genieße ich die typisch neuseeländische Nebelstimmung im üppigen Grün.


    Früh am Morgen


    Bei etwa 1200 Meter beginnt der niedrige Krüppelwald der subalpinen Zone und ab 1400 Meter gelange ich schließlich über die Baumgrenze. Während hier bereits strahlender Sonnenschein aus einem tief blauen Himmel herrscht, liegen unter mir dichte, Nebelbänke. Eine Stimmung als ob man aus einem Flugzeug schaut!


    Über den Wolken

    Die Steigung flacht jetzt etwas ab und ich folge über eine weite Strecke dem Grat zum Mount Cedric. Um mich herum ragen majestätische Gipfel auf. Hier habe ich den tatsächlichen Beginn der Südalpen erreicht!
    Obwohl es sonnig ist, weht ein scharfer Wind, der auch sicher für die klare Sicht verantwortlich ist. Die Mount Cedric Route ist auf jeden Fall einer der großen Höhepunkte auf dieser Wanderung bisher!
    Immer wieder brandet der Nebel auch gegen den Grat, verhüllt meine Route aber immer nur für wenige Minuten, danach ist es wieder klar.


    Mt. Cedric Route


    Der Nebel verhüllt den Grat immer nur kurz

    Bei etwa 1800 Meter sehe ich den See Hinapouri Tarn unter mir. Eigentlich führt der Weg dort entlang, was allerdings einen Umweg für mich darstellt. Daher beschließe ich den Pfad zu verlassen und weglos durch das alpine Terrain zum Sunset Saddle zu laufen.


    Hinapouri Tarn

    Das Gelände ist zerklüfteter als es von oben schien, aber ich gelange problemlos zu einem kleinen See, wo ich erst einmal esse...
    Der Anstieg zum Sunset Saddle sieht ziemlich steil aus, entpuppt sich dann aber als einfach und schon nach einer halben Stunde erreiche ich den Pass auf knapp 1900 Meter Höhe.
    Die Aussicht bei dem herrlichen Wetter ist fantastisch!


    Sunset Saddle


    Blick zurück zu Hinapouri Tarn und Lake Angelus

    Offenbar wird diese Route relativ häufig begangen, denn man kann hier sehr gut den Steinpyramiden (Cairns) folgen, die frühere Wanderer hinterlassen haben.


    Abstieg vom Sunset Saddle

    Dann gelange ich allerdings in schwierigeres Gelände. Steile, felsige Schrofen müssen entlang von einem Wasserfall passiert werden. Hier ist es wichtig eine günstige Route zu finden, um nicht an steilen Felsen klettern zu müssen oder in einer Sackgasse zu landen.


    Die Schlüsselstelle der Route

    Schließlich gelange ich ins Tal, dem ich abwärts bis zur Hopeless Hütte folge, die lediglich auf etwa 1000 Meter liegt! Hier beginnt dann auch wieder ein Wanderpfad, dem ich weiter abwärts bis zum Travers River folge.
    Dort stoße ich auf einen offenbar stark frequentierten Weg, den Travers Track, der hier ein Teilstück des TeAraroa ist, der bekannten, 3000 Kilometer langen Wanderroute durch ganz Neuseeland. Tatsächlich treffe ich hier auch einige Wanderer, schlage dann aber bald mein Lager auf einer offenen, mit niedrigem Gras bewachsenen Fläche am Fluss auf.
    Geändert von Wildniswanderer (04.05.2020 um 21:07 Uhr)

  10. Fuchs

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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #10
    Toll!
    Froh schlägt das Herz im Reisekittel,
    vorausgesetzt man hat die Mittel.

    W.Busch

  11. AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #11
    Geniale Bilder und wieder spannend erzählt.
    So möchtig ist die krankhafte Neigung des Menschen, unbekümmert um das widersprechende Zeugnis wohlbegründeter Thatsachen oder allgemein anerkannter Naturgesetze, ungesehene Räume mit Wundergestalten zu füllen.
    A. v. Humboldt.

  12. Erfahren
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #12
    Schön, dass euch der Bericht gefällt! Und weiter geht's:


    Travers River

    Am nächsten Morgen folge ich zunächst für ca. 2 Stunden dem Travers Track aufwärts, biege dann aber auf einen schmalen Pfad zur Cupola Hütte ab.
    Der Cupola Crek ist einer dieser wilden, schmalen Bäche in Neuseeland, die von dick, grün bemoosten Felsblöcken eingerahmt werden.


    Cupola Creek


    Der Weg endet an der Cupola Hütte, die auf knapp 1400 Meter an der Baumgrenze liegt, und tolle Aussichten in die umgebende Bergwelt gewährt. Sicher ein super Standquartier für alpine Erkundungen!


    An der Cupola Hut

    Glücklicherweise entdecke ich einen Pfad, der durch den alpinen Südbuchenbusch hinter der Hütte weiter nach oben führt. Aber schon bald bin ich in offenem alpinen Gelände und traversiere die Hänge unterhalb von Mount Cupola.
    Weiter voraus erblicke ich einen Pass, den ich überqueren muss.
    Na ja, als ich durch grobes Geröll aufsteigend den Einschnitt erreicht habe, stellt sich heraus, dass sofort nach einem kurzen Abstieg der eigentliche Pass angegangen werden muss.


    Durch alpines Gelände zum Pass

    Der Anstieg ist zwar sehr steil, aber meistens kann ich auf Grasstreifen laufen, so dass es nur kurz über unangenehmes, feines Kiesmaterial geht.
    Schließlich erreiche ich den Pass auf 1763 Meter Höhe. Von hier oben kann ich bereits die weitere Route überblicken. Ich steige nicht ins Tal ab, sondern bleibe etwa auf einer Höhe und traversiere zu einer grasigen Erhebung über dem Sabine Tal.


    Blick über die weitere Route

    Die Route entpuppt sich als nicht allzu schwierig, und ich kann die herrliche Bergwelt bei dem schönen Wetter so richtig genießen.
    Schließlich blicke ich dann aber doch ins Sabine Tal tief unter mir. Die Abstiegsroute sieht steil und schwierig aus. An den meisten Stellen scheinen unpassierbare Klippen zu lauern...


    Hoch über dem Sabine Tal


    Eine mit gelbem Gras bewachsene Lawinenbahn reicht weit in die Waldzone hinein. Sie ist steil, aber Schritt für Schritt gelange ich tiefer. Ich habe schon lange kein Wasser mehr gefunden, daher bin ich ziemlich durstig und entwickele sogar Seitenstiche. Schließlich dringe ich weglos in den Wald ein, der zunächst recht offen und einfach ist. Dann wird die Vegetation dicht und unübersichtlich. Ich gelange an einen Punkt oberhalb einer Klippe und sehe zunächst nicht, ob ich irgendwo absteigen kann, finde aber dann doch eine gute Stelle.


    Abstieg ins Sabine Tal

    Dann gelange ich an eine steile, trockene, unbewachsene Bachrinne, der ich weiter abwärts folge. Auf den glitschigen Felsen rutsche ich aus, und trage blutige Schürfwunden an Händen und Armen davon.
    Das GPS zeigt mir, dass es nur noch 600 Meter Luftlinie bis ins Tal sind. Das hört sich nach wenig an, ist in diesem Gelände aber ziemlich viel. Ich bin mir keineswegs sicher, ob ich nicht schließlich doch noch in einer unüberwindbaren Sackgasse lande...
    Erst 300 Meter weiter nimmt das Gefälle etwas ab, und schließlich gelange ich auf den Sabine Track, einen Teil des TeAraroa. Geschafft!
    Etwas später führt der Pfad über eine gurgelnde Klamm, die so eng und tief ist, dass ich den Boden nicht sehen kann. Unheimlich!
    Schließlich schlage ich zufrieden im Wald mein Lager auf. Das war ein weiterer toller Tag!
    Am nächsten Morgen steige ich noch ein Stück im Tal des East Sabine River ab und folge dann dem West Sabine aufwärts. An der West Sabine Hut sind etliche Leute, aber auf dem Trail ist fast noch niemand unterwegs.
    Immer wieder wird der Wald hier von felsigen Lawinenbahnen unterbrochen, auf die Warnschilder hinweisen. Früher in der Saison können hier tatsächlich noch Schneemassen abgehen. Auf diesen offenen Flächen erhasche ich immer wieder schöne Ausblicke in die Landschaft, zum Beispiel auf einen hohen Wasserfall, der über eine Felskante stürzt.










    Auf dem Sabine Track

    Bereits um 11 Uhr erreiche ich die Blue Lake Hut, und unternehme einen Abstecher zu dem gleichnamigen See.
    Dieser gilt als der klarste See der Welt, mit einer Sichttiefe von unglaublichen 83 Metern!
    Kein Wunder, dass etliche Leute dieses Naturwunder bestaunen.


    Blue Lake

    Hinter dem See steige ich weiter auf, und es wird schnell wieder einsam. Bald sehe ich den See bereits tief unter mir liegen.


    Blick zurück zum Blue Lake

    Nachdem ich eine Geländestufe erklommen habe, wird das Terrain wieder flacher und ich habe die Umgebung von Lake Constance erreicht. Dieser tolle Bergsee ist viel größer und wie ich finde auch in seiner alpinen Umgebung spektakulärer, als der Blue Lake.
    Hier treffe ich Ralph, einen jungen Schweizer, der auf dem TeAraroa bereits seit September unterwegs ist. Dies ist seine erste Fernwanderung und er ist bereits jetzt süchtig nach mehr. Das kann ich gut verstehen!
    Zunächst bleibt der Pfad über dem See und umgeht einige Felsabstürze, bevor er zum Strand des Gewässers absteigt






    Lake Constance

    Hinter dem See öffnet sich ein weites, flaches Grastal, in dem ich rasch voran komme. Aber dann beginnt der sehr steile Anstieg zum Waiau Pass. 300 Höhenmeter geht es in direkter Linie in unangenehmen, feinem Schotter aufwärts. Ich bin froh, dass ich hier nicht absteigen muss, obwohl das natürlich auch kein Problem wäre. Noch einmal blicke ich zurück zum Lake Constance und der gerade durchquerten Grasebene.


    Blick zurück zu Lake Constance

    Nach etwa 500 Höhenmetern Anstieg habe ich den Waiau Pass auf 1870 Meter erreicht. Scheinbar in greifbarer Nähe sehe ich Thompson Lake und den Pass oberhalb, Ziele für morgen....


    Blick vom Waiau Pass zum Thompson Pass

    Der Abstieg entpuppt sich als unerwartet schwierig. Im Schrofengelände muss man schon etwas schauen, um eine ungefährliche Route zu finden. Das ist mit etwas Ruhe und Umsicht aber kein Problem.
    Als ich den schwierigsten Teil hinter mir habe, höre ich eine Frau, die von mir wissen will, wo es weiter geht. Ich biete meine Hilfe an, aber schließlich findet sie alleine ihren Weg.


    Schrofengelände im Abstieg vom Waiau Pass

    Ein Stück tiefer entdecke ich einen grasigen Absatz und beschließe hier mein Zelt aufzuschlagen. Etwas später erscheint Zita, die den Abstieg auch ohne Probleme bewältigt hat. Sie stammt aus Frankfurt, lebt aber schon seit 7 Jahren in Neuseeland, und ist begeistert vom TeAraroa.
    Als ich am nächsten Morgen aufbrechen möchte, beginnt es zu regnen, so dass ich mich noch einmal hinlege, und dann erst um 11 losziehe. Es ist kühl und ungemütlich, das Wetter sieht recht unsicher aus. Das bestätigt auch das neuseeländische Paar, welches ich unten im Waiau Tal treffe. Ich überlege einen Moment, ob ich unter diesen Umständen meine ab hier geplante, weglose Route verändere, entscheide mich dann aber doch dafür bei meinem Plan zu bleiben. Man muss sich seinen Ängsten stellen...
    Durch eine zunächst noch recht dicht bewachsene, abweisende Berglandschaft steige ich auf bis zum herrlich gelegenen Lake Thompson, den ich schon gestern gesehen hatte.


    Lake Thompson

    Der Aufstieg zum auf 1750 Meter gelegenen Thompson Pass ist schnell und einfach. Von dort kann ich schon mein nächstes Ziel, den d'Urville Pass sehen. Allerdings entpuppt sich das Traversieren entlang der Hänge als nicht so einfach. Der Weg führt entlang steiler Schrofen zu einem ausgedehnten Schneefeld. Dieses einfach so zu überqueren erscheint verlockend, aber dort auszurutschen hätte fatale Folgen. Nun habe ich ja für solche Fälle Eispickel und Ministeigeisen dabei, aber ich habe wenig Lust die Sachen auszupacken, und beschließe das Schneefeld daher nach oben zu umgehen, was auch gut funktioniert. Immer wieder geht es auch über steile Blockhalden, aber wieder einmal bin ich auch bei dem heute nicht so schönen Wetter, fasziniert von der alpinen Umgebung. Und es hat halt einen besonderen Reiz nicht den Markierungen eines Wanderweges zu folgen, sondern sich seine eigene Route durch wegloses Gelände zu suchen.


    Traverse zum d' Urville Pass

    Auf dem Pass angekommen, verschlechtert sich das Wetter, Nebel kommt auf und es beginnt zu regnen. Glücklicherweise ist der erste Teil des Abstiegs in ein felsiges Hochtal ziemlich einfach und macht auch keine Orientierungsprobleme.


    Abstieg vom d'Urville Pass

    Glücklicherweise hört der Regen bald wieder auf, denn das Hochtal bricht abrupt steil zum East Matakitaki Fluss ab. Von oben kann ich nicht die beste Route ausmachen und steige rechts neben einem Wasserfall ab. Das ist sehr steiles, von Felsabstürzen durchzogenes Gelände, in dem ich nur mit großer Aufmerksamkeit für die beste Route und voller Konzentration unbeschadet weiter komme. Der schwierigste Abschnitt des heutigen Tages! Als ich schließlich in flacheres Gelände komme und zurückschaue, wird mir klar, dass es auf der linken Seite des Wasserfalls einfacher gewesen wäre...


    Schwierige Abstiegsroute

    Nachdem ich gestern schon eine Stockspitze verbogen hatte, habe ich es geschafft, heute die andere abzubrechen...


    Hier halten Wanderstöcke nicht lange...

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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #13
    Welch wunderbarer Reisebericht – irgendwann wollen wir da auch eine lange Tour machen!
    www.lustwandler.at
    Trekking in Schweden, Norwegen und Island
    Letzte Tour: Gränsleden – Nordkalottleden – Narvikfjell (Ritsem – Riksgränsen)

  14. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #14
    Zitat Zitat von bourne Beitrag anzeigen
    Welch wunderbarer Reisebericht – irgendwann wollen wir da auch eine lange Tour machen!
    Das ist eine sehr gute Idee!

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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #15
    Toller Bericht und wunderschöne Fotos! Ein traumhaftes Reiseziel, Zeit hätt ich jetzt ja...
    Grüße von Tilmann

  16. Erfahren
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #16
    Zitat Zitat von TilmannG Beitrag anzeigen
    Toller Bericht und wunderschöne Fotos! Ein traumhaftes Reiseziel, Zeit hätt ich jetzt ja...
    Grüße von Tilmann
    Danke Tilmann, das Lob weiss ich besonders von jemand zu schätzen, der auf seinen Touren so tolle Bilder macht!

  17. Erfahren
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #17
    Nelson Lakes Fortsetzung

    Zunächst geht es am nächsten Morgen durch Tussock und Blockhalden weiter entlang des trockenen Bachbetts. Bei etwa 1200 Meter beginnt dann der Wald. Ich bin gespannt, ob mir jetzt übles "sich durch den Busch kämpfen" bevor steht, aber ich komme recht gut vorwärts. Oft säumen Grasstreifen den Fluss, der jetzt auch Wasser führt. Nur selten muss ich mich tatsächlich durch den Wald kämpfen.


    Auf 1200 m beginnt der Wald am East Matakitaki

    Allerdings muss ich recht häufig die Flussseite wechseln. Zwar ist der East Matakitaki durchaus ein wilder Fluss, dennoch ist das Durchwaten bei dem jetzigen Wasserstand problemlos möglich.


    Ich folge dem Flussbett

    Zu meiner großen Überraschung begegnet mir in diesem weglosen Terrain dann tatsächlich ein Mensch: Es ist Deborah, die ich vor Tagen am Lake Rotoroa getroffen hatte!
    Sie kommt aus der Gegenrichtung und ist auf einer 8-tägigen Wanderung. Allerdings will sie nicht über d'Urville und Thompson Pass.


    East Matakitaki Tal

    Irgendwann gelange ich an eine ausgedehnte Grasfläche, etwas Unerwartetes in diesen dichten, düsteren Wäldern!
    Hier liegt die kleine East Matakitaki Hut, die ich bereits aus einem Buch kenne, dass ich auf meinem Smartphone habe. Miriam Lancewood und ihr Mann Peter haben hier Monate lang gelebt, während der vielen Jahre, die sie in der Wildnis Neuseelands verbracht haben. Ein sehr inspirierendes Buch!


    Ausgedehnte Grasflächen an der East Matakitaki Hut

    Ich folge jetzt einem guten, markierten Pfad. Ab 800 Meter Höhe wird der Wald auch wieder vielfältiger mit dickeren Bäumen. Nach einem längeren Abstieg gelange ich an den westlichen Arm des Matakitaki den ich auf einem "Walkwire" überqueren muss. Diese Konstruktionen kenne ich ja schon vom Karamea, aber es ist wirklich interessant nur auf einem dünnen Draht hoch über einem wilden Fluss zu stehen....


    Walkwire am West Matakitaki

    Am Ende einer weiteren großen Grasfläche steht Bob's Hut, die ebenfalls eine Zeit lang von Miriam und Peter genutzt wurde.
    In der Nähe der Hütte schlage ich mein Zelt auf.


    Bei Bob's Hut

    Am nächsten Morgen sieht es kühl und ungemütlich aus. Direkt hinter der Hütte weist ein Schild auf den 3- Tarn Pass, mein nächstes Ziel hin, allerdings verliert sich der Pfad dann im Wald schon bald. Ab und zu taucht noch einmal eine Markierung auf, aber streckenweise muss ich Verhaue von durch einen Sturm geworfenen Bäumen umgehen und komme nur langsam voran.


    Schwieriges Vorankommen

    Ab und zu nieselt es ein wenig und ich befürchte, dass es bald richtig anfängt zu regnen, was es dann aber doch nicht tut. Als ich aus dem Wald auf eine mit gelbem Gras bewachsene Schotterebene trete, komme ich deutlich besser voran.


    Ungemütlich

    Nachdem ich den Matakitaki ein letztes Mal überquert habe, beginnt ein sehr steiler, unangenehmer Aufstieg durch dichten Busch. Stellenweise muss ich mich regelrecht durch das zähe Astwerk quetschen. Sehr anstrengend! Immerhin kann ich mich auch an den Büschen weiter hoch ziehen, so gewinne ich Meter für Meter.
    Schließlich flacht das Gelände etwas ab und es geht in niedrigem Gras weiter aufwärts. Irgendwann sehe ich ein Tal unter mir, was zum 3-Tarn Pass leitet. Ich bleibe allerdings auf meiner Höhe und bewege mich am Hang talaufwärts. Schließlich erreiche ich die drei kleinen Bergseen und schlage mein Lager auf. Inzwischen kommt auch die Sonne mitunter zum Vorschein, und ich freue mich ein so schönes Lager am letzten Tag des Jahres zu haben!


    Lager an den 3- Tarns

    Nachdem ich gegessen habe, unternehme ich einen Abendspaziergang zu dem auf 1840 Meter Höhe gelegenen 3- Tarn Pass. Hier kann ich die interessanten Lichtstimmungen zwischen Sonne und Nebeldunst genießen.


    Blick vom 3- Tarn Pass


    Sonne und Nebel

    Wie an so vielen Tagen in Neuseeland sehe ich auch an Silvester keinen anderen Menschen, und bekomme natürlich auch nichts von irgendeinem Feuerwerk mit...
    Perfekt!


    Neujahrsmorgen an den 3- Tarns

    Schon bald stehe ich am nächsten Morgen wieder auf dem Pass und arbeite mich durch ein Blockfeld nach unten.


    Abstiegsroute


    Blick zurück zum 3- Tarn Pass

    Beim Abstieg muss ich einige steile Klippen umgehen und kämpfe mich später durch hohes Tussock Gras. Solche Flächen sehen von weitem einfach aus. Aber das Vorankommen ist dort auf Grund der Höhe des Grases und der tiefen Löcher zwischen den Buckeln ziemlich schwierig.
    Für das letzte Stück zur Ada Hut nehme ich eine weglose Abkürzung durch den Wald und gelange erst unmittelbar vor der Hütte auf eine offene Fläche.
    Zu meiner Freude treffe ich an der Ada Hut zwei junge Frauen, die am Lewis Pass ihr Auto geparkt haben, und anbieten, mich nach Hanmer Springs mitzunehmen. Die aus Deutschland stammende Hannah hat Erlebnispädagogik studiert und neben Neuseeland hat sie auch schon in China gearbeitet. Dagegen ist ihre Freundin Meegan Neuseeländerin. Beide arbeiten in einem Outdoorcenter, daher haben wir uns viel zu erzählen.
    Wir folgen dem Maruia River auf dem sehr gut ausgebauten St. James Walkway abwärts. Der Weg führt auch durch die Cannibal Gorge, wo wohl nach einer Maorischlacht die Opfer aufgegessen wurden.


    In der Kannibalenschlucht

    Nachdem wir den Maruia auf einer Hängebrücke durchquert haben, gehen wir schließlich das letzte Stück zum Lewis Pass durch offenes Moorland.


    Am Lewis Pass

    Hanmer Springs ist ein Touristenort, der natürlich an Neujahr absolute Hochsaison hat. Immerhin bekomme ich noch einen Platz auf dem Top 10 Holiday Park. Für Familien ist der Platz bestimmt ganz schön, mir als einsamen Wanderer gefällt es dort überhaupt nicht.
    Dennoch besuche ich am nächsten Tag noch die heißen Quellen des Orts, die tatsächlich sehr schön sind.

  18. Gerne im Forum

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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #18
    Vielen Dank für deinen schönen Bericht und die tollen Bilder. Ich kenne die Südinsel aus der klassischen Wohnmobiltouristen-Perspektive. Und mit Kleinkind (Elternzeit) sind solche Touren (abgesehen davon, dass es nicht drauf hätte) sowieso nicht drin. Einen Stück des Tracks im Abel Tasman sind wir aber auch gelaufen, war herrlich.

    In die Keas, die du ja auch gesehen hast habe ich mich regelrecht verliebt. Die Sandflies haben mich dagegen in den Wahnsinn getrieben.

    Kleine Klugscheißer-Anmerkung: Neben den Wieseln schein vor allem auch Hermeline (stoats) eine großes Problem für die heimische Tierwelt zu sein.
    Ein Abenteuer ist es nur, wenn es schief geht.

  19. Erfahren
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #19
    Zitat Zitat von Petetheneed Beitrag anzeigen
    Kleine Klugscheißer-Anmerkung: Neben den Wieseln schein vor allem auch Hermeline (stoats) eine großes Problem für die heimische Tierwelt zu sein.
    Das Hermelin wird auch großes Wiesel genannt, und ist tatsächlich die Art die ich meine, auf englisch halt stoat.

  20. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #20
    6. Vom Lewis Pass zum Arthur's Pass


    Lewis Pass- Arthurs's Pass

    Der nächste Abschnitt führt mich weiter auf zum Teil abenteuerlicher Route durch die wilde Bergwelt der Südinsel.

    Am nächsten Morgen dauert es nicht lange, bis ich einen lift von Hanmer Springs zur Hauptstraße gefunden habe.
    Als ich dort stehe, nimmt mich zwar zunächst niemand mit, aber ein Wagen hält und fragt, ob ich Weed möchte...
    Ja klar, meine Droge ist das Laufen durch die Berge!
    Nach einer halben Stunde kann ich bei einem netten Lehrer einsteigen, mit dem ich mich gut unterhalte und der mich direkt bis zum Lewis Pass fährt.
    Es ist kühl, windig und ungemütlich, natürlich sieht es auch stark nach Regen aus, dennoch schlage ich den Pfad zu den Lewis Tops ein, der durch moosigen, niedrigen Südbuchenwald nach oben führt.


    Bergwelt am Lewis Pass

    Über der Baumgrenze endet der Weg und ich folge dem zunächst flachen Grat durch eine weite Graslandschaft. Kurzzeitig klart es auf, aber bald setzt Regen ein, und dichter Nebel verhüllt die Landschaft.


    Kurzes Aufklaren an den Lewis Tops

    Ich überlege, ob es überhaupt Sinn macht, bei diesen Wetterverhältnissen weiter zu laufen, aber ich habe keine Lust schon jetzt im Zelt zu hocken und kämpfe mich daher weiter.
    An einem steilen Abstieg, ist mir die weitere Route nicht klar, aber Gott sei Dank gibt es ja GPS!
    Schließlich hört der Regen auf und die Wolken heben sich wieder.
    Ich traversiere um den Gipfel des Apprentice herum und überschreite auf schmalem, felsigen Grat Lucrezia, auf 1640 Meter Höhe.




    Lewis Tops

    Einmal rutsche ich im nassen Gras aus, und schlittere einige Meter nach unten, komme aber rechtzeitig vor einigen Felsen wieder zum Halten. Ja, bei Nässe sind die steilen Grashänge tückisch!
    Schließlich steige ich ab zum winzigen Brass Monkey Bivy, auf einem Sattel mit 2 kleinen Seen gelegen. Obwohl die Sonne zum Teil scheint, ist es sehr windig und kalt, so dass ich froh über den Schutz bin, den mir die Biwakschachtel gewährt.
    In der Nacht höre ich laubfroschartige Klänge aus dem Teich.


    Brass Monkey Bivy

    Am nächsten Morgen traversiere ich lange durch die Grashänge. Einmal steige ich zu einem Pass auf 1400 Meter auf. Danach geht es abwärts zum Oberlauf des Rough Creek.


    Wegloses Traversieren durch grasige Hänge

    Zwei Stück Rotwild flüchten vor mir als ich näher komme. Hier unten im Tal ist das Gras sehr hoch, so dass ich nur langsam vorwärts komme.


    Oberlauf des Rough Creek

    Im Hang auf der anderen Bachseite verläuft ein Pfad. Daher steige ich durch den Wald recht steil hoch, und gelange tatsächlich schließlich auf den deutlichen Weg Richtung Lake Christabel, der durch schönen, knorrigen Wald führt.


    Moosland

    Als ich an der Lake Christabel Hut Pause mache, treffe ich tatsächlich einen anderen Wanderer!
    Nach der Hütte geht es kurze Zeit durch einen recht offenen, beeindruckenden Wald im flachen Talgrund, aber später wandere ich talaufwärts auf zunehmend undeutlicher werdendem Pfad. Aber die genialen, neuseeländischen Markierungsschilder weisen dennoch meist recht zuverlässig den Weg.


    Ja, das Gras ist hoch...


    Sehr gute Wegmarkierungen

    An der Baumgrenze geht es durch eine dicht bewachsene Zone voller agavenähnlicher Pflanzen mit großen, fleischigen Blättern, und stacheligen gelben Blütenständen. Dieses "Speergras" ist bei den Vögeln sehr beliebt, so dass ich einige Aufnahmen machen kann.


    Silberauge


    Fächerschwanz

    Hier in der dichten Vegetation wird der Weg teilweise durch rot- weiße Pfähle markiert, dennoch komme ich nur mühsam vorwärts.


    Durch dichte, subalpine Vegetation

    Nach steilem Aufstieg erreiche ich einen grasigen Sattel, wo ich in einem Bächlein etwas Wasser finde und auf einer flachen Stelle das Zelt aufschlage. Auch heute Abend ist es windig und ungemütlich. Hoffentlich wird das Wetter beim Anstieg zum Mount Boscawen am nächsten Tag besser!


    Auf einem Sattel

    Als ich am nächsten Morgen aus dem Zelt schaue, ist es tatsächlich klar. Ein Kea kreist kurz rufend über mir, ein gutes Omen für den Tag?
    Zunächst komme ich einfach in flachem, grasigen Gelände voran. Doch schon bald steige ich zum Grat auf, dem ich hoffe zum Mount Boscawen folgen zu können. Als ich oben stehe, wird mir allerdings sofort klar, dass ich das vergessen kann. Zu steil und felsig ist diese Route und wohl ohne Kletterausrüstung nicht zu begehen.
    Also steige ich wieder ab, traversiere ein Stück im Geröllhang, und versuche es dann ein weiteres Mal. Der Hang wird immer steiler und felsiger, so dass ich stellenweise meine Hände zum Klettern einsetzen muss.
    Schließlich bin ich aber wieder oben, muss aber erkennen, dass ich auch hier dem Grat noch nicht folgen kann. Ein zweites Mal abzusteigen habe ich aber auch keine Lust...
    Nach genauer Musterung des Geländes entscheide ich mich schließlich ein Stück weit auf der anderen Seite hinunter zu klettern, um nach kurzer Traverse in erstaunlich einfachem Gelände wieder zurück zum Felskamm aufzusteigen. Ab hier ist es ziemlich einfach dem Grat bis zum Gipfel zu folgen, auch wenn dieser stellenweise messerschmal ist...
    Obwohl Mount Boscawen nur 1788 Meter Höhe erreicht, bietet er doch herrliche Aussichten in die umliegenden Täler und Berge.






    Aussichten vom Mount Boscawen

    Das Gipfelplateau ist zwar flach, aber so sehr ich mich auch umsehe, zunächst entdecke ich keine sich aufdrängende Abstiegsroute. Überall ultrasteiler Schotter. Eigentlich will ich in das Tal des Doubtful River absteigen, da mir aber die Route Richtung Nina River noch am ehesten machbar scheint, wähle ich schließlich diese.
    Bald wird der lose Schotter so steil, dass ich mich auf den Hintern niederlasse und langsam tiefer rutsche. Nicht elegant, aber machbar...


    Steiler als es aussieht

    Als ich schließlich in Gelände mit gröberen Felsbrocken gelange, wird mir klar, dass ich es wohl mal wieder geschafft habe...
    Zu allem Überfluss riss mir im Abstieg auch noch die Handschlaufe eines Wanderstockes, der darauf hin wie ein Flitzebogen durch die Luft schoss. Das sah ziemlich spektakulär aus, aber ausser einem leichten Sturz ist weder mir noch dem Stock etwas passiert...
    Während der Mittagspause beschließe ich spontan nicht abzusteigen, sondern im Hang weiter zum Devils Rampart zu traversieren, was mir machbar erscheint. Wie der Abstieg dann zum Devil's Den Biwak wird, werde ich sehen...
    Tatsächlich ist die Traverse um die steilen Oberläufe einiger Schluchten zunächst ziemlich mühsam.
    Später wird das Terrain aber flacher, und ich kann die tollen Aussichten bei dem herrlichen Wetter so richtig genießen!


    Traverse zum Devils Rampart

    Der Anstieg zur "Teufelsrampe" auf 1740 Meter ist dann sehr einfach, bei den 500 Höhenmeter Abstieg zum Devilskin Saddle bin ich mir da aber nicht so sicher...


    Devil's Rampart

    Steile Stücke wechseln sich mit flacheren Abschnitten ab, wo man sogar sehr gut zelten könnte. Einige steile Felsplatten muss ich umgehen, was aber zunächst gut funktioniert. Erst ziemlich weit unten, als ich das Devils Den Biwak bereits sehe, wird der Abstieg schwieriger und an zwei Stellen muss ich etwas suchen, bis ich eine geeignete Route gefunden habe.
    Gegen 18 Uhr erreiche ich schließlich die kleine Biwakschachtel auf 1232 Meter. Hier treffe ich Nora und Remy, Biologen, die die Kea's untersuchen. Heute haben sie allerdings noch keinen der Vögel gesehen, die sie auch fangen und besendern wollen. Als ich von meiner Beobachtung heute morgen erzähle, notieren sie sich die Koordinaten.


    Am Devil's Den

    Bald gelange ich auf der anderen Seite des Sattels in den Wald, und steige im Tal des Devilskin Stream ab. Es ist hier überall so steil und dicht bewachsen, dass ich irgendwann mein Zelt mitten auf dem Pfad aufschlage, was aber auch nur an wenigen Stellen möglich ist!

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