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  1. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #21
    Mitreisende: Wildniswanderer
    Am nächsten Morgen geht es weiter durch den dichten Bergwald bergab. Der Pfad ist relativ schwierig, daher komme ich nur langsam vorwärts. Etwas was in Neuseeland eher die Regel, als die Ausnahme ist!




    Abwärts im Tal des Devilskin Stream

    Gegen 10 Uhr erreiche ich bei leichtem Nieseln das breite Tal des Doubtful River. Meistens ist der Flusslauf hier von einem Grasstreifen gesäumt, so dass der Wald etwas zurück tritt.
    Dieses Tal scheint auch von Pferdetouren genutzt zu werden, deren Route sogar eigenen, leuchtgrünen Dreiecken folgt.


    Doubtful River

    Gegen Mittag durchwate ich den Doubtful River, was kein Problem darstellt, und wandere dann das Kedron River Tal aufwärts. Zunächst geht es flach entlang des Baches, dann entfernt sich der Pfad vom Fluss und verläuft oberhalb im Hang.
    Irgendwann wird der Wald wieder niedriger und die Stämme dünner und bereits am frühen Nachmittag erreiche ich das Lake Man Bivy, eine weitere, winzige Blechschachtel, in der man umsonst übernachten kann.
    Obwohl es stark nach Regen aussieht, unternehme ich noch einen Spaziergang zum Lake Man, oberhalb der Hütte. Es gibt nur für eine kurze Teilstrecke die Andeutung eines Pfades und zunächst kämpfe ich mich zeitweise durch dichtes Gebüsch.
    Dann endet das Tal und Wasserfälle kommen offenbar vom Lake Man heruntergestürzt. Die weitere Aufstiegsroute ist stellenweise recht steil, aber man kann schwieriger zu begehenden Felsabschnitten ohne Probleme ausweichen.


    Aufstieg zum Lake Man

    Hinter der Geländekante versteckt sich der See, sonst sicher sehr idyllisch, aber bei dem düsteren Wetter eher abweisend.


    Auf der rechten Seite des Tales sehe ich die Aufstiegsroute für morgen


    Lake Man

    Den ganzen Tag hatte ich noch niemand getroffen, um so mehr wundere ich mich, dass ich beim Abstieg auf ein französisches Pärchen treffe, das auch zum Lake Man will!
    Gerade rechtzeitig, bevor es richtig zu regnen beginnt, bin ich wieder an der Hütte. Dagegen laufen die Anderen noch tatsächlich zum Lake Man, und zünden nach ihrer Rückkehr ein Feuer bei ihrem Zelt in der Nähe der Hütte an!
    Allerdings ziehen sie sich bei dem Regen dann doch recht schnell ins Zelt zurück.
    Früh am nächsten Morgen wandere ich unter einem strahlend blauen Himmel wieder los. Da die Vegetation natürlich noch klatsch nass ist, trage ich zunächst meine Regenhose.
    Schon bald gelange ich aus dem Tal auf einen grasigen Sattel in ca. 1300 Meter Höhe. Der Pfad ist mit Pfählen gut markiert und bald gelange ich wieder in den Wald.


    Blick zum Hope Tal

    Ich folge zunächst schmalen Rücken weiter abwärts, allerdings ist das letzte Stück des Abstiegs zum Pussy Stream dann sehr steil.
    Am Bach angekommen, sehe ich zunächst nicht, wo der Pfad weiter führt. Erst nach einiger Zeit realisiere ich, dass das Bachbett selber hier der Weg ist! Mitunter stoße ich noch auf ein Plastikdreieck als Markierung, aber im Prinzip suche ich mir selber meinen Weg. Dazu muss ich häufig die Seite des Baches wechseln, was anfangs problemlos über die Felsen möglich ist. Schließlich muss der Pussy Stream dann aber doch einige Male durchwatet werden.
    Irgendwann wird das Kiesbett breiter und ich komme jetzt einfach voran, dann ist es aber auch schon nicht mehr weit bis zum Hope River.


    Den Pussy Stream abwärts

    Die weite Grasebene von Jacob's Flat am Hope River ist für mich wieder ein ganz neuer Aspekt der so vielfältigen Natur Neuseelands. Dazu ist es angenehm warm und einige Schäfchenwolken schmücken den strahlend blauen Himmel. Auch so kann Neuseeland sein!


    Jacob's Flat am Hope River

    Nach dem ich den Fluss ohne Probleme durchwatet habe, erreiche ich die gemütliche Top Hope Hut. In der Nähe gibt es ein Seitental mit einer heißen Quelle, leider lese ich im Hüttenbuch, dass diese zur Zeit ziemlich kalt ist, daher erspare ich mir den Umweg.
    Ich wandere im Tal weiter aufwärts, zunächst noch lange durch die Graslandschaft, in der ich rasch vorwärts komme. Allerdings führt der Pfad auch manchmal in den Wald wo ich von oben einige schöne Ausblicke über das Tal erhalte.


    Das Tal des Hope River

    Später wird das Tal zunehmend enger und steiler. Immer wieder muss ich die Flusseite wechseln, was zwar kein Problem darstellt, aber ziemlich kalte Füße verursacht. Streckenweise ist in der dichten Ufervegetation nichts von einem Pfad zu erkennen, so dass ich die Wahl zwischen dem Kampf gegen das Dickicht oder den kalten Füssen im Fluss habe. Meist entscheide ich mich für den Bach...
    Kurz vor dem Hope Pass entdecke ich noch einmal einen schmalen Grasstreifen, der einen super Lagerplatz bietet. Später unternehme ich dann einen Spaziergang zu dem auf lediglich 950 Meter gelegenem Pass. Morgen will ich allerdings nicht hinter dem Sattel absteigen, sondern weglos von meinem Lagerplatz zur Kette der Nelson Tops aufsteigen. Leider sieht der Hang überall ziemlich übel bewachsen aus, daher steht mir morgen wohl zunächst mal wieder ein kleiner "Buschkampf" bevor...
    Dieser entpuppt sich dann aber glücklicherweise als nicht sehr dramatisch. Meist kann ich trockenen, relativ wenig bewachsenen Rippen folgen, so dass ich mich nur auf kurzer Strecke durch den subalpinen Busch kämpfen muss.


    "Bushbashing" beim Aufstieg zu den Nelson Tops

    Schließlich werden die Büsche niedriger und herrliche Aussichten zurück ins Tal des Hope eröffnen sich, aus dem die Morgensonne bereits den Dunst aufsteigen lässt.


    Blick zurück ins Hope Tal

    Kurzzeitig scheint es so, als wollten die Wolken die Berge wieder verhüllen, aber schon bald setzt sich die Sonne durch.


    Sonne und Dunst streiten um die Herrschaft

    Ich steige zu einer Kuppe auf, und kann bereits meine weitere Route durch das goldene Gras zum Kamm der Nelson Tops ausmachen.
    Es ist herrlich, dem grasigen Kamm zu folgen, allerdings weht hier oben ein heftiger, eisiger Wind. Irgendwann ziehe ich trotz Sonne sogar Handschuhe an!




    Kammroute auf den Nelson Tops

    Einmal sehe ich ein kleines Rudel Rotwild vor mir, das mich aber nicht auf gute Fotoentfernung herankommen lässt. Etwas später, während ich meine Mittagsschokolade esse, kann ich die 4 Tiere dann aber für längere Zeit beobachten.
    Für mich ziemlich erstaunlich ist, dass man auch in dieser Höhe immer wieder einmal eine große Mantelmöwe sieht, Vögel die man eigentlich eher am Meer vermutet!
    Später weitet sich der Kamm zu einer steinigen, locker mit gelbem Gras bewachsenen Hochebene aus. In der Ferne sehe ich ein Stück des Lake Sumner und das Hurunui Tal, in das ich absteigen will.


    Hochebene


    Blick zum Hurunui Tal

    Schließlich bricht die Hochebene abrupt ab, und mir steht ein 500 Meter Abstieg durch den Wald bevor. Die Höhenlinien auf der Karte sind alle sehr dicht beieinander, wie fast immer in Neuseeland, wird es sehr steil hinab gehen. Ich hoffe nur, nicht auf unüberwindliche Klippen zu stoßen!
    Zunächst komme ich in recht offenem Wald gut voran, aber bald wird das Terrain steiler und die Vegetation sehr dicht. Alles hier ist mit dicken, nassen Moospolstern überzogen. Viele Äste an denen ich mich festhalten will, sind so morsch, dass sie sofort brechen.
    Und natürlich, irgendwann lande ich oberhalb von einer steilen Klippe, deren Ausdehnung ich in dem dichten Bewuchs nicht feststellen kann. An solchen Stellen folge ich ganz meiner Intuition, die natürlich aus früheren Erfahrungen entstanden ist, um die beste Route zu finden. Schritt für Schritt taste ich mich tiefer, kann aber wirklich gefährliche Stellen gut vermeiden.
    Später folge ich meist eingeschnittenen Schluchten muss dann aber einige Male vor einem Steilabsturz wieder rausklettern um am Hang weiter zu laufen. Die Schluchten sind voll mit umgestürzten Bäumen, in so einem Hindernisparcours kommt man nur sehr langsam vorwärts.


    Wegloser Abstieg zum Hurunui

    Irgendwann habe ich es geschafft, das Gelände flacht ab und ich habe das offene, breite Tal des Flusses erreicht. Im Gegensatz zu dem trockenen Hope Tal, ist es hier oft richtig sumpfig. Einmal schaffe ich es sogar, bis zur Hüfte in einem tiefen Sumpfloch zu versinken!


    Hurunui Tal

    Der Fluss verzeigt sich in mehrerer Arme, die von Kiesbetten gesäumt sind. Hier beobachte ich einige Austernfischer, die ich ja schon aus Abel Tasman kenne. Interessant, dass sie hier auch im Landesinneren vorkommen!


    Austernfischer

    Der Hurunui ist ein großer Fluss, dennoch kann ich selbst den Hauptarm ohne Probleme durchwaten. Meine Laufschuhe lasse ich dabei an, wie eigentlich immer beim Durchqueren größerer Gewässer.
    Zwischen Fluss und Waldrand schlage ich mein Zelt auf, und nutze das trockene, heiße Wetter, um mich und meine Wäsche zu waschen. Leider wimmelt es hier von Sandfliegen, daher ist das Badevergnügen nicht ganz ungetrübt.
    In der Nähe sehe ich zwei andere Zelte, denen ich später einen Besuch abstatte. Ein neuseeländisches Paar macht eine kürzere Tour und hat schon die heiße Quelle in der Nähe genossen.
    Dagegen ist Pim ein 25-jähriger Holländer, der dem TeAraroa, auf den ich hier wieder gestoßen bin, nach Süden folgt. Obwohl dies seine erste Fernwanderung ist, hat er bereits "Blut geleckt" und will mehr davon!
    Während wir so zusammen sitzen, bringt die untergehende Sonne den aus dem Tal aufsteigenden Dunst zum Leuchten.


    Abendstimmung am Hurunui

    Es ist krass, schon morgens vor Sonnenaufgang ist das Moskitonetz am Zelteingang voll von Sandfliegen, die mich offenbar regelrecht belagern!


    Sonnenaufgang im Hurunui Tal

    Ganz in der Nähe liegt die dampfende, heiße Quelle im Wald direkt am Weg. Sehr einladend, aber jetzt will ich mich nicht entspannen, der Tag beginnt ja gerade erst!


    Heiße Quelle

    Im Hurunui Tal wechseln sich schöne Südbuchenwälder mit offenen, grasigen und kiesigen Flächen ab. An zwei Hütten vorbei gewinne ich nur langsam an Höhe. In einem Magazin, in das ich in der Hurunui Nr. 3 Hütte schaue, entdecke ich einen interessanten Eintrag: Ein Inder will alle 970 neuseeländischen Hütten besuchen!


    Schöner Südbuchenwald


    Im Hurunui Tal

    Schließlich verengt sich das Tal und steigt für längere Zeit ziemlich steil an, bis ich am Harpers Pass den höchsten Punkt auf 962 Meter erreiche und ab jetzt ins Tal des Taramakau absteige.


    Blick von Harper's Pass ins Tal des Taramakau

    Beim Abstieg taucht irgendwann Pim auf, mit dem ich gestern Abend zusammen gesessen hatte. Wir haben soviel Gesprächsstoff, dass wir zusammen weiterlaufen. Daraus ergibt sich ein anderer Rhythmus als der in dem ich normalerweise gehe. Ich mache weniger Fotos, achte auch weniger auf die Umgebung und insgesamt laufen wir schneller.


    Oberlauf des Taramakau

    Bald wird das Tal flach und grasig. An manchen Stellen liegen Kuhfladen, wir sehen aber keine der Wiederkäuer.


    Schnelles Vorankommen am Taramakau

    Pim hat sogar eine Angelroute dabei und freut sich daher über die Raupen, die in Massen an einer Pflanze fressen, da er denkt, dass sie gute Köder ergeben.


    Köderraupen

    Später müssen wir einige Male den Taramakau überqueren, was aber kein Problem darstellt. Ein Unwetter scheint aufzuziehen, daher legen wir noch einmal einen Zahn zu, um in der Kiwi Hut Unterschlupf zu finden.


    Schlechtes Wetter im Anzug

    Tatsächlich haben wir erst einige Tropfen abbekommen, als wir gegen 19 Uhr nach 30 Kilometern die Kiwi Hut erreichen, die wir zu unserer großen Freude für uns alleine haben!
    In der Hütte gibt es einen offenen Kamin, an dem wir unsere Schuhe trocknen können. Ausserdem spendiert Pim Tee und Kaffee aus seinen Vorräten. Ungewohnter Luxus für mich! Nachdem ich Pim viel von meinen weglosen Touren in den Bergen der Südinsel erzählt habe, fragt er, ob er mich auf dem nächsten Abschnitt abseits des Te Araroa begleiten darf. Eigentlich bin ich ja lieber alleine unterwegs, und das weglose Laufen ist mit dem Langstreckenwandern auf einem etablierten Trail wie dem TA kaum zu vergleichen. Nichts desto Trotz habe ich bei Pim ein gutes Gefühl, und wir beschließen, die nächsten Tage auf meiner Route zusammen zu laufen.


    In der Kiwi Hut

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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #22
    Wieder spannende Etappen und tolle Fotos - Danke!
    Den Mix aus (markierten)Pfaden und nicht überharten weglosen Abschnitten finde ich faszinierend.
    Grüße von Tilmann

  3. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #23
    Ja, allerdings heißen Markierungen auf Neuseeland nicht viel, auch markierte Pfade sind oft erstaunlich schwierig zu laufen...

  4. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #24
    Es regnet die ganze Nacht und auch am Morgen gießt es weiter. Daher haben wir keine Eile los zu kommen und trinken gemütlich Kaffee, nach dem wir ausgeschlafen haben. Auch als es gegen 11 aufhört bleiben wir zunächst noch an der Hütte, da wir hoffen, dass der Wasserstand schnell sinkt...
    Als wir um 13 Uhr aufbrechen stehen wir bald wieder am Taramakau und merken, dass der Wasserstand deutlich gestiegen ist.
    Es dauert nicht lange, und wir müssen zum ersten Mal durch den Fluss waten. Das ist zwar gerade noch machbar, aber viel höher dürfte das Wasser nicht sein...


    Der Taramakau ist deutlich gestiegen

    Schließlich erreichen wir die Einmündung des Otehake und sehen gleich, dass keine Chance besteht, diesen Fluss zu durchwaten.
    Eigentlich wollen wir dem Taramakau noch ein Stück weit folgen, und dann über einen Pfad zum Lake Kaurapataka gehen. Da wir dies ja nicht umsetzen können, beschließen wir, schon ab hier dem Otehake 3 Kilometer weglos aufwärts zu folgen.
    Doch zunächst müssen wir noch zwei breite, tiefe Arme des Taramakau überqueren. Das schaffen wir so gerade noch, aber denken, dass wir jetzt wirklich die Grenze des für uns Machbaren erreicht haben...


    Schwierige Flussdurchquerungen am Taramakau

    Im Wald am Otehake kommen wir zunächst für eine kurze Strecke recht gut voran, müssen uns dann aber entlang der steilen Hänge durch die dichte Vegetation kämpfen. Pim der so etwas bisher überhaupt noch nicht kennt, bleibt gut gelaunt und schlägt sich sehr gut!


    Weglos am Otehake

    Irgendwann kommen wir zurück zum Fluss und versuchen jetzt entlang des Ufers im Wasser vorwärts zu kommen.




    Manchmal ist der Fluss der beste Weg

    An einem tiefen Arm vergesse ich, dass ich mein Smartphone noch in der Hosentasche habe. Glücklicherweise ist es ganz gut abgedichtet, daher richtet das Wasser keinen Schaden an!
    Zum ersten Mal überhaupt ist das Smartphone auf Neuseeland meine Hauptnavigationsquelle. Dazu habe ich apps installiert, die auch offline funktionieren. In der Topo NZ app, sind sogar die offiziellen topographischen Karten des Landes hinterlegt.
    Schließlich haben wir die drei Kilometer hinter uns, müssen jetzt aber doch einmal den Otehake komplett überqueren.
    Ich habe arge Zweifel, ob wir das schaffen, aber Pim stürzt sich als Erster mutig in die Fluten. Zunächst läuft auch alles gut, aber als in der Flussmitte das Wasser tief wird, signalisiert er mir, dass er unsicher ist, ob er weiter kommt. Aber tatsächlich schafft er es und dann bin ich dran...
    Es ist krass wie man förmlich merken kann, wie einen die Strömung anhebt und wegzuschwemmen versucht. Nur mit großer Körperanspannung kann man so einem Druck stand halten. Schritt für Schritt taste ich mich mit voller Konzentration weiter. Das Smartphone ist natürlich mittlerweile wasserdicht verpackt...
    Schließlich bin aber auch ich auf der anderen Seite und erst einmal ziemlich erleichtert...


    "Grenzwertige" Überschreitung des Otehake

    Nachdem wir uns den steilen Uferhang hochgearbeitet haben, gelangen wir an die Kreuzung von Otehake- und Lake Kauropataka Trail. Ein Spassvogel hat unter den Wegweiser zur Otehake Hut "Blood Trail" geschrieben. Das das vielleicht doch nicht so spassig ist, sollten wir bald merken...
    In unserer Naivität nehmen wir an, noch heute die nur wenige Kilometer entfernte Otehake Hut erreichen zu können...
    Bald jedoch merken wir, was das für ein "Pfad" ist, dem wir nun folgen. Ständig geht es in der dichten Vegetation auf und ab. Immer wieder sind kleine Klettereinlagen gefragt, bei denen Wurzeln und Äste als Reckstangen dienen. Dennoch ist es großartig hier auf dieser abenteuerlichen Route zu wandern.






    Auf dem "Otehake Track"

    Zunächst können wir noch den üblichen orangen Markierungen folgen, aber von einem Pfad ist nichts zu sehen. Dann sind die Plastikdreiecke plötzlich weg, so viel wir auch suchen.
    Irgendwann steigen wir dann ab zum Fluss, wo wir die einzige Stelle auf dem Track entdecken, wo es flach und unbewachsen genug ist, um die Zelte aufzustellen. Pim versucht einen Fisch zu fangen, leider ohne Erfolg und wir sinken irgendwann in den Schlaf, noch ganz erfüllt von dem abenteuerlichen, anstrengenden Tag.


    Unser Lager am Otehake

    Bereits um 7 Uhr morgens sind wir wieder unterwegs und steigen vom Fluss zurück in den Hang um die Markierungen des "Pfads" wiederzufinden. Für die Geschwindigkeit unseres Vorankommens machen die Plastikdreiecke zwar kaum einen Unterschied, aber dennoch möchten wir die Sicherheit, nicht irgendwo an einer unpassierbaren Stelle zu landen. Wir entdecken aber leider nichts und kehren zurück zum Fluss, wo wir tatsächlich irgendwann wieder auf "Orange" stoßen.
    Allerdings bleibt unsere Wanderung weiterhin sehr langsam und schwierig. Fast ständig klettern wir über irgendwelche Hindernisse hinweg, was durch die glitschig-nassen Moosbeläge nicht gerade einfach ist. Recht häufig müssen wir steile Schluchten der Seitenbäche durchqueren, wo es an kleinen Wasserfällen vorbei weiter durch den wunderschönen Südbuchenwald geht.


    Paradiesischer Wald


    Häufig geht es durch steile Bachschluchten


    Ja, es gibt auch Sumpflöcher


    Hindernisparcours

    Einmal gelangen wir noch zurück an den Otehake, wo wir eine kleine Pause auf der Kiesbank machen.


    Am Otehake


    Ein üppig grüner Wald


    Klettern

    Manche Stellen sind wirklich schwierig zu bewältigen, obwohl es für uns sehr anstrengend ist, genießen wir doch die abenteuerliche Herausforderung des Otehake, der immer wieder mit neuen Überraschungen aufwartet...


    Zahlreiche Schluchten müssen bewältigt werden


    Orange weist den Weg


    Balancieren auf glitschigen Stämmen


    Moosbewachsene Felsblöcke

    Es bleibt nicht aus, dass jeder von uns einige Male den Erdboden küsst, wir schaffen es aber uns jeweils gut abzufangen, so dass wir uns nicht verletzen. Wir wechseln uns immer wieder in der Führung ab, da es einfacher ist, der Route des Vordermannes zu folgen, als den besten Weg durch das unwegsame Labyrinth zu suchen.
    Der Otehake zwängt sich später donnernd durch eine Schlucht unter uns, aber wir bahnen uns weiterhin unseren Weg in den steilen Uferhängen.


    Der Otehake fliesst durch eine Schlucht

    Irgendwann stoßen wir auf einen Abschnitt, in dem der Pfad vor offenbar nicht allzu langer Zeit freigeschnitten wurde, was das Vorankommen ungemein erleichtert.
    Ein hoher Wasserfall, den wir an einer kurzen Stufe überqueren, stellt wohl den spektakulären Höhepunkt unserer Wanderung am Otehake da. Obwohl wir häufig unser Vorankommen auf dem GPS prüfen, können wir es kaum glauben, wie langsam wir sind...






    Wasserfalltraverse

    Schließlich erreichen wir die malerische auf einer Lichtung gelegene Otehake Hut. 6,5 Stunden für 7 Kilometer!
    Das Hüttenbuch verrät, dass der letzte Besuch schon etliche Wochen zurück liegt. Pim, der gerne einmal längere Zeit in einer neuseeländischen Hütte verbringen würde, überlegt, ob dies ein gutes Standquartier für ihn wäre. Nun, wir werden sehen, wie der Zugang von der anderen Seite ist. In der Hütte hängt übrigens eine Karte auf der unser gerade zurückgelegter Weg eingezeichnet ist. Er ist der Einzige mit der Beschriftung " Very difficult and slow track". Das ist wohl eher noch eine typisch neuseeländische Untertreibung...
    Wir lesen von Leuten, die es nicht vor Einbruch der Dunkelheit zur Hütte geschafft hatten, und irgendwo im Steilhang über dem Otehake biwakieren mussten...


    Otehake Hut

    Nach einer langen Pause, in der Pim Kaffee kocht, ziehen wir schließlich weiter. Obwohl wir lediglich auf 660 Meter sind, ist der Buchenwald schon deutlich niedriger und recht gut zu passieren. Kein Vergleich zu der Strecke unterhalb der Hütte!
    Vor dem Zusammenfluss von West- und Ostarm des Otehake laufen wir über ausgedehnte Schotterbänke. Bald müssen wir den Fluss durchwaten, was hier oben aber kein Problem mehr darstellt.


    Oberlauf des Otehake

    Anschließend entfernt sich der Pfad vom Fluss, der mal wieder in einer Schlucht verschwindet. Für kurze Zeit müssen wir uns durch dorniges Gebüsch kämpfen, aber generell fliegen wir jetzt förmlich dahin, verglichen mit dem Abschnitt unterhalb der Hütte.
    Wir können jetzt häufig Ausblicke in die schroffe, alpine Landschaft genießen.




    Oberhalb des Otehake

    Da wir nicht sicher sind, ob es am Taruahuna Pass Wasser gibt, schlagen wir unser Nachtlager auf einem flachen Absatz in Sichtweite eines von den umgebenden Hängen herabstürzenden Wassserfalls auf. Es ist schön, mal wieder ein offenes Lager in der alpinen Umgebung zu haben.
    In der Nacht wird es allerdings ziemlich frisch. Mein Daunenschlafsack wärmt nicht mehr richtig, daher ziehe ich meine Kunstfaserjacke beim Schlafen an!


    Lager unterm Taruahuna Pass

    Am nächsten Morgen ist es sehr kühl, und ich laufe erst einmal mit Handschuhen. Schon nach etwas über einer Stunde haben wir den Taruahuna Pass auf lediglich 1252 Meter erreicht.




    Aufstieg zum Pass

    Hier verlassen wir den Pfad und wandern weglos weiter. Es herrscht dichter Nebel, daher können wir die weitere Route kaum ausmachen. Allerdings habe ich den Eindruck, dass mein Gps- Track uns in zu steiles Gelände führt, daher suchen wir uns einen anderen Weg, und scheinen auch zunächst richtig zu sein, da wir auf einige Cairns stoßen, kurze Zeit später ist aber keiner der kleinen Steinhaufen mehr zu sehen.


    Aufstieg im Nebel

    Meist ist das Terrain ziemlich einfach, nur eine Blockrinne ist recht steil, so dass wir zeitweise auch die Hände benutzen.


    Steile Rinne

    Schließlich gelangen wir genau im passenden Moment, als sich der Nebel zu heben beginnt, auf einen Grat. Magische Momente!


    Tolle Stimmung, als sich der Nebel hebt

    Wir sind jetzt weit entfernt von meiner ursprünglich geplanten Route, und das Gelände sieht überall ziemlich steil und unpassierbar aus. Pim schlägt vor, um einen aufragenden Schuttberg herum zu traversieren, um dann doch auf die Ursprungsroute zu gelangen. Das funktioniert dann auch erstaunlich gut.


    Kleiner Mensch in großer Bergwelt

    Der Nebel hat sich mittlerweile komplett verzogen, so dass wir die fantastischen Ausblicke richtig genießen können.


    Aussichtsreiche Hochroute

    Irgendwann gelangen wir auf einen steinigen Grat, dem wir mit etwas auf- und ab, folgen können.


    Gratwanderung

    Jetzt sind wir auch zurück auf der ursprünglich geplanten Route und erblicken unter uns schließlich den herrlich türkisen Lake Mavis, zu dem wir nach steilem, aber einfachem Abstieg gelangen.


    Abstieg zum Lake Mavis

    Obwohl kein Pfad zu dem herrlich gelegenen See führt, zeigen Steinwälle von alten Lagerplätzen, dass das Gewässer offenbar relativ häufig besucht wird.
    Mittlerweile ist es angenehm warm und wir machen hier erst einmal eine ausgedehnte Kaffeepause!


    Lake Mavis

    Der Abstieg ins Tal des Mingha River beginnt zunächst recht sanft, bald aber fällt die Geländekante steil ab.


    Oberhalb des Mingha Tals

    Zu unserer Überraschung treffen wir eine 7-köpfige Wandergruppe, die sich als Mitglieder des Tramping Clubs Christchurch vorstellen. Trampen in Neuseeland hat übrigens nichts mit per Anhalter fahren zu tun, wie bei uns, sondern ist die gebräuchliche Bezeichnung für Wandern....




    Steiler Abstieg ins Mingha Tal

    Bereits von oben hatten wir einige Läufer gesehen und erfahren von der Wandergruppe, dass die Leute für ein Rennen von Küste zu Küste trainieren, in den Disziplinen Laufen, Rad- und Kajakfahren!
    Unten im Tal sind wir zurück auf dem TeAraroa, der hier zum Teil über Bohlenstege führt!
    An einem imposanten Wasserfall vorbei, gelangen wir rasch vorwärts.


    Imposanter Wasserfall

    Bei einer Pause treffen wir den Deutschen Christian, einen Bekannten von Pim, der auch auf dem TA wandert.
    Später lagern wir dann sogar zu dritt, und entfachen ein Lagerfeuer, auf einem bereits zuvor von anderen genutzten Platz. Es ist interessant, mal die Perspektive von jemand anderem zu hören, denn während Pim und ich ja begeistert vom Wandern in Neuseeland sind, macht ihm seine Reise eigentlich keinen Spass und er findet, das man Landschaften wie hier, auch in Europa findet...


    Seltenes Lagerfeuer

    Die restlichen Kilometer laufen wir am nächsten Morgen überwiegend auf einer breiten Schotterebene am Fluss. Schon nach einer Stunde haben wir Straße und Eisenbahnlinie von Arthurs Pass erreicht.


    Breite Ebene am Mingha Fluss

    Hier heißt es Abschied nehmen von Pim, der in den Tagen wo wir zusammen waren, für mich zu einem Freund geworden ist!
    Wir hatten eine tolle Zeit zusammen und mit ihm zu wandern war eine Bereicherung!


    Abschied von Pim

    An der Straße herrscht kaum Verkehr, dennoch habe ich schon nach einer halben Stunde einen Lift gefunden. Interessanterweise ist mein Fahrer ein älterer Amerikaner, der den TA laufen wollte, aber aufgrund von Rückenproblemen abbrechen musste. Jetzt nimmt er er in seinem Mietwagen gerne andere Wanderer mit!
    Wir halten im Dörfchen von Arthurs Pass, und trinken einen Kaffee, leider gibt es dort keinen Lebensmittelladen mehr, daher will ich eigentlich nach Kumara um dort einzukaufen. Allerdings scheint es auch dort nicht viel zu geben, daher fahren wir schließlich nach Greymouth, einem größeren Ort an der Westküste.
    Passenderweise schüttet es dort nachmittags wie aus Eimern, perfekt für einen (fast) Ruhetag, den ich im Global Village Backpackers verbringe.

  5. Erfahren
    Avatar von NF
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #25
    Ein toller Bericht aus einer Ecke von Neuseeland deren Schönheit mir gar nicht bekannt war!

  6. Fuchs
    Avatar von Meer Berge
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #26
    Das ist ja echt ein Abenteuertrail!
    Spannend, dass diese Urwaldwildnis tatsächlich markiert ist, ohne dass es aber scheinbar einen richtigen Pfad gibt.

    Toll auch die Kontraste zwischen dem Dschungel unten und der alpinen Welt oben!
    Herrlich abwechslungsreich!

    Die Flüsse sehe ich aber auch als echte Herausforderung. Ich habe da immer gehörigen Respekt.

    Super tolle Tour insgesamt!!!
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    Das Wetter, das man jeden Morgen in sich selber macht, ist viel wichtiger als das Wetter draußen. Fynn

  7. Dauerbesucher
    Avatar von Ljungdalen
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #27
    Vielen Dank, beeindruckend.

    Wie viele Leute trifft man so pro Tag abseits des Te Araroa? OK, weglos vermutlich niemanden, aber auf den Pfaden? Sind irgendwie markiert/gekennzeichnet?

    PS 11.05. Letzteres, ach so, hatte ich ja gelesen, orange Dreiecke...
    Geändert von Ljungdalen (11.05.2020 um 09:04 Uhr)

  8. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #28
    Zitat Zitat von NF Beitrag anzeigen
    Ein toller Bericht aus einer Ecke von Neuseeland deren Schönheit mir gar nicht bekannt war!
    Ja, besonders Kahurangi und der Nelson Lakes Nationalpark sind sehr toll

  9. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #29
    Zitat Zitat von Meer Berge Beitrag anzeigen
    Das ist ja echt ein Abenteuertrail!
    Spannend, dass diese Urwaldwildnis tatsächlich markiert ist, ohne dass es aber scheinbar einen richtigen Pfad gibt.

    Toll auch die Kontraste zwischen dem Dschungel unten und der alpinen Welt oben!
    Herrlich abwechslungsreich!

    Die Flüsse sehe ich aber auch als echte Herausforderung. Ich habe da immer gehörigen Respekt.

    Super tolle Tour insgesamt!!!
    Obwohl es auf Neuseeland immer noch eine ganze Reihe Hardcore Wanderer gibt, die schwierige, zum Teil weglose Touren machen, hat nach meinem Eindruck das Wandern insgesamt eher abgenommen. Die Great Walks und der TeAraroa sind davon natürlich ausgenommen. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass viele Wege kaum noch gepflegt werden, bzw. der Staat sich aus ganzen Gebieten zurückgezogen hat, wofür private Vereine eingesprungen sind. (siehe nächster Beitrag).
    Wald ist auch nicht gleich Wald auf Neuseeland. Während man auf der Westseite der Südalpen es tatsächlich oft mit einem eher buschartigen, fast undurchdringlichen Dschungel zu tun hat, gibt es auch offene, gut durchwanderbare Südbuchenwälder.
    Die Flüsse sind tatsächlich nicht zu unterschätzen und ich war überrascht, wie schnell der Wasserstand steigen kann. Sowas kannte ich bisher eher von Wüstengebieten!

  10. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #30
    Zitat Zitat von Ljungdalen Beitrag anzeigen
    Vielen Dank, beeindruckend.

    Wie viele Leute trifft man so pro Tag abseits des Te Araroa? OK, weglos vermutlich niemanden, aber auf den Pfaden? Sind irgendwie markiert/gekennzeichnet?
    Sehr wenige, daher habe ich solche Begegnungen eigentlich auch immer in meinem Bericht vermerkt. Umso erstaunlicher ist das mit 970 Hütten sehr umfangreiche Netz an Behausungen, die allerdings in der Regel ursprünglich nicht für Wanderer, sondern für Rotwildjäger angelegt wurden...

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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #31
    7. Arthur's Pass( Taipo River) - Hokitika


    Vom Taipo River nach Hokitika

    Diese Etappe verläuft komplett auf der Westseite der Südalpen. Wie ich bald merken sollte, erreicht die Wildheit Neuseelands hier neue Superlative...
    Nachdem ich im Hostel mit Kaffee, der den Gästen umsonst zur Verfügung steht, gemütlich gefrühstückt habe, versuche ich mein Glück beim Trampen zurück Richtung Arthur's Pass. Obwohl das in dem langgestreckten Ort Greymouth mir nicht ganz einfach erscheint, habe ich schon bald meinen ersten lift zum Abzweig der Küstenstraße bei Kumara. Auch dort stehe ich nur kurz, bis mich Ashley mitnimmt, die beruflich Outdoorprojekte mit schwierigen, jugendlichen Mädchen durchführt. Ihrer Meinung nach werden auch in Neuseeland die sozialen Probleme immer schlimmer, und die Schere zwischen Arm und Reich geht weit auseinander.
    Ashley war während des Erdbebens 2011 in Christchurch, als dort 200 Menschen starben!
    Ich habe auf der Karte auf meinem Smartphone gesehen, dass ich schon vor Arthur's Pass wieder in einen Wanderweg einsteigen kann, der irgendwann auf meine ursprünglich geplante Route stößt.
    Daher steige ich am Beginn des Taipo River Trail aus und beginne bereits vor 9: 30 wieder mit dem Wandern.
    Der dichte Wald voller Baumfarne wirkt mit dem lauten Konzert der Zikaden fast tropisch!
    Zunächst komme ich auf einer Schotterpiste durch dichten Wald gut voran, erreiche aber schon bald das breite, flache Tal des Taipo River, wo ein Pfad beginnt.
    Hier treffe ich auf zwei Arbeiter der Naturschutzbehörde DOC, die dabei sind, mit Motorsäge und Pestizidkanister den streckenweise von umgestürzten Bäumen und dichter Vegetation blockierten Weg zu räumen.


    Arbeiter der Naturschutzbehörde pflegen den Weg

    Bald endet der Pfad am Fluss und über weite Strecken suche ich mir meinen eigenen Weg entlang der ausgedehnten Kiesbänke. Immer mal wieder taucht ein Stück Weg auf, endet dann aber bald an einem der zahlreichen Flussarme.


    Taipo River

    Über mir fliegt häufig ein Hubschrauber, der ein Stück weiter etwas ablädt. Schließlich gelange ich an die kleine Hütte Dillon's Homestead, wo eine 8- köpfige, gemischte DOC Crew, dabei ist, den aus Europa eingeschleppten Ginster zu bekämpfen, der große Teile der Landschaft überwuchert hat.
    Die durch die Herbizideinwirkung abgestorbenen Pflanzen werden braun und bieten keinen schönen Anblick. Aber wie so häufig in Neuseeland, müssen rabiate Massnahmen ergriffen werden, um etwas von der ursprünglichen Natur zu erhalten.
    Auch wenn es wohl kaum möglich ist, hier den Ginster komplett auszurotten, wird auf diese Weise wohl seine Ausbreitung in weitere Bereiche verhindert.


    Bekämpfung des Ginster durch Gifteinsatz

    Schließlich verengt sich das Tal und ich wechsele über eine Hängebrücke auf die orographisch linke Seite. Der Pfad dem ich weiter folge ist ganz o.k, lediglich an einer Stelle muss ich einen Erdrutsch überqueren, der den Pfad verschüttet hat.


    Am Taipo River wechseln sich Schluchten und offene Bereiche ab

    Nach einem weiteren, von offenen Kiesflächen geprägtem Stück geht es in eine zweite Schlucht hinein, wo eine kurze Steilstufe mit einem Kletterseil bewältigt werden muss.
    Am Nachmittag schlage ich mein Lager schließlich nicht mehr weit entfernt von der Mid Taipo Hütte auf einer Grasfläche auf.
    Bald am nächsten Morgen erreiche ich den Abzweig Richtung Dunn's Creek Hütte. Ein steiler Pfad führt den Berghang empor. Mit dem Essen für mehr als zwei Wochen fühlt sich mein Rucksack noch sehr schwer an...


    Steiler Anstieg Richtung Dunn's Creek

    Schließlich gelange ich zu einem Sattel, der von mit hohem Gras bewachsenem, sumpfigen Gelände bedeckt wird. Ich kann keine der orangen Wegmarkierungen mehr entdecken und folge dem für mich logisch erscheinendem Weg in einem Bachbett, bis dieses so steil und zugewachsen ist, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass die Route hier weiter führt. Also gehe ich zurück bis zur letzten Markierung und suche noch einmal in einer anderen Richtung. Leider wiederum erfolglos...
    Schließlich entschließe ich mich, weglos auf meinem GPS- Track weiter zu laufen. Obwohl das Gelände nicht zu steil ist, ähnelt das Vorankommen hier einem extrem langsamen Spießrutenlauf. Die Vegetation würde man eher als dichten Busch bezeichnen. Stärkere Bäume wachsen nur vereinzelt. Dennoch rutsche ich ab, als ich über einen Baumstamm klettere. Glücklicherweise passiert mir beim Sturz nichts Ernstes, wenn auch das rechte Bein hinterher ziemlich schmerzt. Inzwischen ist das Gelände auch wieder ziemlich steil und ich befürchte irgendwann an einer unüberwindbaren Schlucht in eine Sackgasse zu geraten.


    Weglos durch dichten Busch

    Schließlich stehe ich am Rand der Schlucht des Dunn's Creek, aber sehe keine Chance zu dem wilden Bach herab zu gelangen.
    Also folge ich dem Bach stromaufwärts und stoße tatsächlich irgendwann wieder auf den verlorenen Pfad, der jenseits der Schlucht an den Bach führt, den ich jetzt problemlos durchwaten kann.
    Ein Stück weiter habe ich die Hütte erreicht, die wohl schon seit langem keinen Besuch mehr erhalten hat...
    Da die Zeit schon weit fortgeschritten ist, esse ich erst einmal meine Mittagsschokolade und hoffe dann einem richtigen Pfad weiter folgen zu können...
    Bisher habe ich starke 4,3 Kilometer zurück gelegt...
    Diese Hoffnung bewahrheitet sich aber nicht! Zunächst brauche ich längere Zeit um überhaupt die Fortsetzung des Weges zu finden und muss dann rasch erkennen, dass ab jetzt das Bachbett der Weg ist!
    Meist laufe ich im Wasser oder balanciere über die Uferfelsen. Immer wieder muss ich von dichtestem Busch eingefasste, kleine Wasserfälle umgehen. Ich bin nur froh, dass es heute trocken ist, ansonsten wäre dies eine noch üblere Tortur!


    Das Bachbett ist der Weg

    Immer wieder stoße ich auf ein oranges Dreieck, kaum zu glauben, dass hier das steile Bachbett tatsächlich als Wanderweg dient!
    Irgendwann entferne ich mich vom Bach und versuche in den steilen Grashängen höher zu gelangen, was aber auch nicht schneller und einfacher ist. Nichts desto trotz kommt schließlich der Newton Saddle in Sicht, zu dem ich aufsteigen muss. Die letzten 100 Höhenmeter sind dann noch mal wahnsinnig steil, so dass ich mich stellenweise an den Grasbüscheln hochziehe.
    Erst gegen 16:30 bin ich oben und bereits ziemlich erschöpft. Die Hoffnung, jetzt das Schwierigste überstanden zu haben, sollte sich jedoch schon bald zerschlagen...




    Auf dem Newton Sattel

    Der Anfang des Abstiegs ist ganz o.k, bald wird aus dem kleinen Bächlein aber ein mächtiges Wildwasser. Die häufigen Wasserfälle zu bewältigen hat mehr mit Canyoning als mit Wandern zu tun!
    Keine Frage, das hier ist aufregend, aber auch mörderisch anstrengend. Wenn ich nicht wüsste, dass die Route hier herunter führt, würde ich befürchten, irgendwann nicht weiter zu kommen, aber glücklicherweise kann man die höchsten Stufen immer durch den dichten Busch umgehen. In der milden Abendsonne durch die Schlucht zu klettern macht Spass, aber es wird später und später, und ich möchte nicht nach Einbruch der Dunkelheit hier noch festsitzen!


    Abwärts im Bett des Newton Creek

    Aber tatsächlich flacht das Tal irgendwann ab, ich gelange auf einen richtigen Pfad und erreiche schließlich um 21 Uhr noch rechtzeitig vor dem Dunkel werden die Newton Hut!
    Für schlappe 10 Kilometer habe ich 14 Stunden benötigt!
    Ein wirklich harter, aber auch spannender Tag geht zu Ende.

  12. Erfahren
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #32
    Am nächsten Morgen folge ich noch ein Stück weit dem Tal abwärts, bevor ich über einen niedrigen Sattel zum Arahura absteige. Dabei bricht einer meiner Wanderstöcke und ich schnitze mir gleich an Ort und Stelle Ersatz. Oberhalb des Arahura verläuft ein erstaunlich guter Weg, der, wie ich später herausfinde, für Packpferde während des Goldrausch ab 1864 erbaut wurde, und noch heute meist in gutem Zustand ist. Ich komme gut voran, bin aber sehr vom Wald enttäuscht. Hier auf der feuchten Westseite der Insel hatte ich einen üppigen Regenwald mit majestätischen Bäumen erwartet, aber meist laufe ich nur durch dichten Busch, aus dem die grauen Skelette abgestorbener Bäume ragen.
    Diese sind Opfer der "Possums", die auf Deutsch Fuchskusus heißen. Diese katzengroßen, possierlichen, australischen Beuteltiere wurden ursprünglich zur Pelzgewinnung eingeführt und haben sich seit dem 18. Jahrhundert über die ganze Insel verbreitet. Trotz intensiver Bekämpfungsaktionen schätzt man ihre Zahl auf etwa 70 Millionen, 15 mal mehr Possums als Menschen!
    Vor allem die majestätischen Podocarpaceenarten der Westküste werden von ihnen geliebt. Dabei wird Nacht für Nacht an einem Baum geknabbert, bis er kein Laub mehr hat, und oft stirbt.
    Trotz großer Anstrengungen ist es bisher nicht gelungen, dieses Problem in den Griff zu kriegen. Ein weiterer Faktor, warum Neuseeland's scheinbar unberührte Wälder unter großen ökologischen Problemen leiden.
    Kaum zu glauben, am selben Tag als mein Wanderstock zerbricht, finde ich einen Neuen, den ich gleich als Ersatz mitnehme!
    Schließlich wandere ich über den niedrigen, grasbedeckten Styx Saddle ins Tal des Styx River.


    Graslandschaft am Styy Saddle

    Unweit der Grassy Hut, wo ich die ersten Wanderer heute treffe, schlage ich mein Zelt auf. Später kommen noch zwei Männer in Tarnkleidung vorbei. Vater und Sohn sind Jäger, wie sich herausstellt. Sie wollen das Rotwild hier bejagen, wobei der Sohn einen High Tech Bogen dafür dabei hat. Die eingeführten Säugetierarten in Neuseeland gelten allgemein als Schädlinge, daher gibt es so gut wie keine Beschränkungen, was die Jagd angeht.
    Früh am Morgen sorgt der Nebel aus dem die Bergspitzen ragen, mal wieder für eine Neuseeland typische, mystische Stimmung.
    Toll!


    Mystische Morgenstimmung

    Um 7 Uhr bin ich schon wieder unterwegs. Bald zweigt der Pfad Richtung Browning Range Biwak ab. Zunächst geht es relativ flach durch etliche Wasserläufe, aber in Neuseeland lässt die nächste Steigung nie lange auf sich warten....
    Bald laufe ich lange in einem Bach über rutschige Steinbrocken. Dabei ist das Gewässer aber eher klein, und daher nicht so schwierig wie Dunn's- oder Newton Creek vorgestern!


    Der Bach ist der Weg

    Die Route ist durch Cairns markiert. Allerdings laufe ich einmal ein Stück zu weit, da ich einen der Steinhaufen verpasst habe.
    Nachdem ich den Bach hinter mir gelassen habe, geht es sehr steil durch dichten Busch weiter, bis ich schließlich nach drei Stunden das schön auf einem Rücken gelegene, winzige Biwak erreicht habe.


    Browning Range Bivy

    Im Inneren finden sich einige Botanikbücher, ein Fernglas und viele Aufzeichnungen. Offenbar hat ein gewisser Mark hier über mehrere Jahre die Vegetation erforscht. Quasi nebenbei hat er die Hütte in Schuss gehalten und die Pfade markiert und frei geschnitten!
    Während es bis hierher sehr heiß war, hat sich die Luft jetzt durch den Nebel deutlich abgekühlt. Bald geht es weiter steil einen Rücken hinauf. Trotz der eingeschränkten Sicht habe ich keine Orientierungsprobleme, da immer wieder orange Markierungen auftauchen.


    Steil bergauf durch dichte Vegetation

    Es gibt einige harmlose Kletterstellen, aber ich komme gut voran. Erst knapp unterhalb des Lathrop Saddle auf 1572 Meter lichtet sich der Nebel und ich sehe mehr von der alpinen Umgebung.


    Unter dem Lathrop Saddle

    Oben angekommen, mache ich in einer windgeschützten Mulde eine entspannte Mittagspause, zu der ich wie immer eine Nussschokolade esse. Anschließend geht es zunächst an zwei kleinen Seen vorbei flach weiter, bis schließlich der steile Abstieg ins Tal des Crawford Creek beginnt. Die Top Crawford Hütte erkenne ich schon von oben, dennoch dauert der Abstieg durch Geröll und steile Hänge mit hohem Gras länger als ich denke...
    Der Grasbewuchs ist so tückisch, dass ich mal wieder einige Male ausrutsche und hinfalle. Nach einem Sturz tut mir ein Knie erst einmal weh...


    Abstieg zum Oberlauf des Crawford Creek

    Das Durchwaten des Flusses stellt kein Problem dar, anschließend wandere ich auf meist recht gutem Pfad im Hang hoch oberhalb des Baches weiter. Offenbar wurde die Route vor nicht allzu langer Zeit frei geschnitten. Dabei kommt offenbar auch ein Herbizid zum Einsatz, wie die an einer Stelle deponierten Fässer mit der Aufschrift "Brushkiller" verraten...
    Gifteinsatz scheint in Neuseeland etwas Selbstverständliches zu sein, wie ich wieder einmal feststelle...
    Der dichte Busch aus dem oft viele graue Baumleichen ragen, gefällt mir nicht wirklich...
    Schließlich führt der Pfad wieder hinab zum Crawford River, der mittlerweile schon deutlich breiter und wilder ist.


    Crawford River

    Ein Stück laufe ich noch über die Uferfelsen und erreiche dann die Crawford Junction Hut, von der man einen schönen Überblick über die Mündung des Crawford in den Kokatahi hat.
    Da die Hütten hier auf der Westseite der Alpen nicht mehr vom DOC unterhalten werden, muss man auch nichts für die Übernachtung in ihnen bezahlen. Das Wegenetz und die Hütten werden von dem privaten Permolat Verein unterhalten, der natürlich für Spenden dankbar ist!
    Am nächsten Morgen folge ich dem Kokatahi aufwärts. Bald gelange ich an eine Seilbahn über den Fluss. Glücklicherweise kann man den Korb zum Beladen arretieren, ansonsten wäre es nicht so einfach mit dem Rucksack reinzukommen und zu verhindern, dass das Gefährt gleich losschiesst...


    Seilbahn am Kokatahi

    Mitunter führt der Pfad in den Wald, meistens jedoch muss ich mir meinen Weg über die kolossalen Uferfelsen bahnen. Etliche der Exemplare in meinem Weg sind ausgewachsene Boulderfelsen, so dass mal wieder etwas Kletterei angesagt ist.


    Über die Uferfelsen am Kokatahi

    Der Kokatahi ist ein toller Wildwasserfluss, in den häufig gischtende Seitenbäche münden, die von den steilen Uferhängen herabstürzen. Gegen Mittag wird das Vorankommen deutlich schwieriger. Den hohen Felsen in den ultradichten Busch auszuweichen ist keine wirkliche Option und auch der Fluss ist meistens zu tief und reissend, so dass ich nicht darin laufen kann.
    Schließlich gelange ich an eine Stelle wo es offensichtlich auf meiner Seite nicht mehr weiter geht. Nachdem ich mich etwas umgesehen habe, entdecke ich ein oranges Dreieck auf der anderen Flussseite. Aber wie kann ich das tosende Wildwasser überqueren?
    Der Fluss teilt sich hier in zwei Arme. Den ersten zu durchwaten gelingt mir problemlos, dann kommt die wirkliche Schwierigkeit: Der Fluss verschwindet in einem gurgelnden Spalt zwischen glatten Felsen. Kaum auszudenken, was passiert, wenn ich hier reinfalle!
    Egal, ich sehe keine andere Möglichkeit und balanciere vorsichtig auf einem der Felsen, bis ich mich an der Kante langsam hinsetze. Ich überlege eine ganze Zeit wie es weiter gehen kann, und komme zu einem gewagten Schluss: Ich rutsche auf dem Hosenboden ein Stück weit den Grat des Felsens hinab, stehe dann auf und springe ab, lande erst auf einem Felsen und springe aber sofort zu einem weiteren Brocken von dem aus ich dann unmittelbar zum anderen Ufer durch die Luft segele! Ein kompliziertes Manöver, da beide Landungsstellen schräg und glatt sind und ich verschiedene Bewegungen miteinander koordinieren muss. Mir ist bewusst, dass ein Fehlschlag fatal wäre, daher fangen meine Beine an zu zittern.
    Nach kurzer Zeit bekomme ich meine Angst aber in den Griff, konzentriere mich vollkommen und rutsche langsam tiefer. Dann erhebe ich mich vorsichtig und springe ab! Kaum zu glauben, das schwierige Manöver gelingt und ich lande butterweich auf dem gegenüberliegenden Ufer. Dort brülle ich die Anspannung heraus, selten zuvor habe ich einen so gefährlichen Sprung absolviert!


    Die gefährliche Schlüsselstelle




    Lange Kataraktstrecke im dichten Busch

    Glücklicherweise habe ich damit das Schlimmste überstanden. Bald verliert der Kokatahi deutlich an Wassermenge und ich kann ihn problemlos durchwaten. Einige Male muss ich mich aber auch noch den üblen Busch ein Stück weit durchqueren, doch schließlich erspähe ich die blaufarbene Top Kokatahi Hütte hoch über dem linken Flussufer. Als ich bei der Hütte ankomme ist es zwar erst 15 Uhr, dennoch lasse ich mich hier nieder und genieße von der Veranda die schöne Aussicht in das Kokatahi Tal. Ich kann ja nicht ahnen, dass sich dieses frühe Halt machen morgen rächen wird...


    Blick zur Top Kokatahi Hut

    Die Sonne kommt sogar noch kurz heraus, und ich kann einige wärmende Strahlen genießen, während ich mich lesend entspanne.

    Als ich um 7 Uhr aufbreche, liegt der Morgendunst noch in der Luft, ansonsten sieht das Wetter nicht schlecht aus.
    Doch gegen 9 Uhr fängt es dann zu regnen an, und um im Trockenen abzuwarten, wie sich das Wetter entwickelt, baue ich mein Zelt auf der einzigen halbwegs ebenen Stelle weit und breit, knapp unterhalb des Zit Saddle auf.
    Jetzt ist es 17 Uhr und es regnet nicht mehr, sondern schüttet wie aus Badewannen, was hier auf der Westseite der Südalpen, einer der regenreichsten Regionen der Erde, häufig vorkommt. Hier gab es schon Jahre mit knapp 17.000 mm Niederschlag, und selbst im Durchschnitt fallen hier noch satte 12000 mm. Zum Vergleich, in Marburg wo ich lebe, beträgt der jährliche Niederschlag nur etwa 700 mm...
    Seit Stunden versuche ich bereits, das ständig ins Zelt eindringende Wasser mit meinem Handtuch aufzunehmen, aber allen Anstrengungen zum Trotz ähnelt meine Wanderbehausung mittlerweile dennoch eher einer Tropfsteinhöhle als einem trockenen Unterschlupf.
    Irgendwann hat sich ein regelrechter Bach unter dem Zelt gebildet und langsam aber sicher wird mir klar, dass ich hier nicht länger bleiben kann...
    Es kostet mich große Überwindung, das immerhin noch wenigstens halbwegs trockene Zelt zu verlassen, aber mir bleibt keine andere Wahl. Ich könnte versuchen, zur Top Kokatahi Hütte zurück zu gehen. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass der wilde Bach, dem ich für längere Zeit folgen musste, inzwischen unüberquerbar geworden ist.
    Mir bleibt also nur die Flucht nach vorn, über den Zit Saddle zum Adventure Ridge Biwak, einer winzigen Nothütte, von der ich mir eine sichere Zuflucht verspreche. Seit Tagen bin ich in dieser abgelegenen Berggegend keinem Menschen mehr begegnet, allerdings hatte ich im Hüttenbuch der Top Kokatahi Hut gelesen, dass der Weg über den Zit Saddle undeutlich und schlecht markiert ist.
    Doch was solls, ich vertraue auf meine langjährige Wildniserfahrung und hoffe, dass ich trotz der Regenvorhänge, die den Blick auf die Landschaft fast komplett verhüllen, die Route finden werde.
    In Neuseeland sind die Wanderrouten mit orangen Plastikdreiecken markiert. Die bleichen nicht aus, und weisen daher stets recht gut den Weg, selbst wenn, wie häufig, überhaupt kein Pfad zu erkennen ist . So auch heute, und entsprechend erreiche ich den Sattel relativ schnell und ohne größere Probleme.
    Die Abstiegsroute verläuft auf einem steilen, mit hohem Tussockgras bewachsenem Grat. Von weitem sehen solche weiten, gelben Grasflächen einfach zu passieren aus, allerdings erreicht dieses auf klumpenförmigen Minihügeln wachsende Gras oft Brusthöhe. In dem dichten Bewuchs sieht man nicht, wohin man tritt und die Bodenoberfläche ist in der Regel keineswegs eben, sondern von Rinnen und Löchern durchzogen. So stolpert man über solchen Flächen mehr, als dass man läuft. Und ist es wie jetzt, obendrein auch noch nass, landet man alle paar Schritte auf dem Hosenboden. Dabei gleite ich einige Male in rasanter Fahrt abwärts, komme aber irgendwann immer wieder zum Halten.
    Das Vorwärts kommen ist dementsprechend ziemlich mühsam, und
    als ich endlich wieder die Buschzone erreiche, hoffe ich das Gröbste überstanden zu haben. Aber jetzt führen mich die orangen Markierungen zu allem Übel in eine steile Felsrinne. Diese ist sicher normalerweise knochentrocken, aber bei dieser Sintflut gleicht sie eher einem Wasserfall, als einem Weg. In den angrenzenden, ultradichten Busch auszuweichen ist auch keine Alternative und so bleibt mir nur der Abstieg in die schäumende Wildbach- Rinne. Klatschnass bis auf die Haut bin ich ja ohnehin schon.
    Um mich herum ist nichts als tosendes Wasser und Kübel voller Regen. Eine unwirkliche Erfahrung, die man unter normalen Umständen nie machen würde.
    Eine Ewigkeit später gelange ich an eine etwa drei Meter hohe Steilstufe, die ich umklettern muss. Als ich mich lediglich mit der linken Hand an einer Baumwurzel festhalte, gibt der Fels nach, auf dem ich mit einem Fuß stehe, und ich rutsche ab, unfähig mit nur einer Hand mein Gewicht zu halten. Glücklicherweise erweist sich der Rucksack den ich auf meinen Rücken geschnallt habe, jetzt als eine Art „Airbag“, indem er den Aufprall abfängt. Mit adrenalingeschüttelten Beinen erhebe ich mich und stelle fest, dass ich ausser dem Schreck von dem Sturz nichts davon getragen habe! Und an meiner Kleidung befindet sich ja ohnehin kein trockener Pfaden mehr, daher verschlimmert das Bad im Wasser meine Situation auch nicht weiter... Schließlich nähere ich mich dem Ende der Rinne, die in einen laut tosenden Wildbach mündet. Normalerweise ist das sicher ein kleines, plätscherndes Bächlein, aber jetzt kann ich mir kaum vorstellen, dass es möglich sein soll, diese schlammgrauen Wassermassen zu durchwaten. Allerdings sehe ich auch hier keinen Platz, wo ich mein durchnässtes Zelt erneut aufbauen kann.
    Mir bleibt also nichts anderes übrig, als es an einer möglichst zahmen Stelle zu versuchen! Vorsichtig setze ich meine Füße ins Wasser, wobei mir meine beiden Wanderstöcke etwas zusätzliche Stabilität verleihen. Schritt für Schritt taste ich mich vorwärts. Die Wasserwucht bringt die Stöcke zum Zittern und ich muss mich mit aller Kraft und voller Konzentration gegen die Strömung stemmen, um nicht weggespült zu werden. In solchen Momenten gibt es keinen anderen Gedanken als den nächsten Schritt. Intensive Anspannung die mich in einen fast meditativen Zustand versetzt, in dem ich voll und ganz im Hier und Jetzt bin.
    Es ist kaum zu glauben, aber irgendwann habe ich es tatsächlich geschafft, dieses brüllende Inferno zu durchqueren. Unter normalen Umständen hätte ich nicht im Traum daran gedacht, diesen Bach durchwaten zu können!
    Die Biwakhütte kann jetzt nicht mehr weit sein, aber nun sind zu allem Übel auch noch die Markierungen verschwunden!
    Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mein wasserdicht verpacktes Smartphone hervorzuholen, auf dem ich eine Karte mit dem Verlauf der geplanten Route gespeichert habe. Zwar ist das Handy angeblich wasserdicht, aber bei dieser Sintflut möchte ich mich nicht darauf verlassen...
    Dennoch hole ich es hervor, sehe dass die Route ein Stück oberhalb verlaufen muss, gehe in diese Richtung und habe
    kurze Zeit später eine Markierung entdeckt, auch wenn es dann doch noch länger dauert als gedacht, bis ich schließlich vor der orangefarbenen Minihütte stehe.
    Ich schreie vor Glück in dem Bewusstsein, es geschafft zu haben! - Intensive Gefühle, die man wohl nur nach der Bewältigung einer solchen, fast aussichtslosen Situation entwickeln kann!
    Das Biwak ist so winzig, dass ich nicht aufrecht stehen kann. Aber es ist trocken und das ist jetzt das Einzige, was zählt! Gleichermaßen glücklich wie geschafft hänge ich all meine durchweichten Klamotten notdürftig auf, und hülle mich in den Schlafsack. Der ist zwar ebenfalls nass, aber in Verbindung mit der dünnen Rettungsdecke aus Aluminium, in die ich mich einwickele, wird mir langsam aber sicher angenehm warm.
    Erst gegen 22 Uhr lässt der Dauerregen nach und es gehen lediglich noch Schauer nieder.


    Der Beginn eines krassen Tages

  13. Erfahren
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #33
    Am nächsten Morgen hat es aufgeklart, und ich kann die Aussicht von der winzigen, orangen Biwakschachtel genießen, die mir eine so bitter nötige Zuflucht geboten hatte.


    Adventure Ridge Bivy

    Der Name "Adventure Ridge" hatte meine Fantasie entzündet, tatsächlich ist der Abstieg den bewaldeten Grat entlang nicht besonders schwierig. Als ich nach einer halben Stunde realisiere, dass ich mein Smartphone in der Hütte vergessen habe, sprinte ich rasch zurück, und finde das wichtige Telefon natürlich wieder.


    Abstieg über die Adventure Ridge

    Schließlich erreiche ich den Toaroha River, dem ich den Rest des Tages folge. Meist führt ein recht guter Weg am Fluss entlang, an dem es zwar auch immer wieder eine Steilstufe zu überwinden gilt, aber generell ist das Vorankommen wesentlich einfacher als beispielsweise am Kokatahi.


    Toaroha River

    Lästig sind die Samen einer Grasart, die sich pfeilspitzenartig in die Haut bohren. Zwar versuche ich diesen Seggen so weit es geht auszuweichen, aber dennoch fange ich mir immer wieder eine Ladung Spitzen ein.


    Stachlige Grassamen

    Auch der Toaroha kann mit beeindruckenden Katarakten und Wasserfällen aufwarten, bleibt aber stets recht einfach.




    Am Toaroha

    Später am Nachmittag hat es sich wieder zugezogen und beginnt zu nieseln. Das Tal ist jetzt weit und offen, dennoch ist es nicht einfach durch die dichte Vegetation zu laufen.


    Das Tal wird offener

    Gerade rechtzeitig, als starker Regen einsetzt, erreiche ich die Top Toaroha Hut, in der ich den Ofen anheize, um meine noch immer nassen Sachen zu trocknen...
    Zwar ist meine Route auf der Westseite der Südalpen wirklich einsam und abenteuerlich, dennoch gefällt es mir hier nicht besonders. Der Busch ist einfach zu dicht, es ist zu nass und durch die überall wuchernde Vegetation fühle ich mich in meiner Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt...


    Top Toaroha Hut

    Am nächsten Morgen regnet es noch, daher breche ich erst um 9:45 auf. Mein linker Fuß kribbelt etwas. Hinterlässt die ständige Nässe ihre Spuren? Egal, er wird schon nicht abfallen...
    Zunächst führt der Weg relativ flach durch meist offenes Moorland, aber schon bald geht es im Bett des Bannatyre Creek steil aufwärts.


    sumpfiger Wald

    Schließlich wandere ich durch unangenehm hohes Tussockgras zum windgepeitschten Toaroha Sattel auf 1161 m. Von hier öffnet sich der Blick zurück ins Toaroha Tal.


    Blick zurück ins Toaroha Tal

    Der Abstieg ist recht einfach. Zum ersten Mal seit langem sehe ich einen Kea, der in einem Baum sitzt und jammert wie ein Kind...
    Schließlich gelange ich an den Mungo River. Dieser ist deutlich größer als die Flüsse, die ich bisher hier kennen gelernt habe, und wäre sicher ein Ziel für einen guten Wildwasserfahrer. Ich wandere flussabwärts und überquere irgendwann den Mungo auf einer Hängebrücke.
    Auf der anderen Seite warten 500 Höhenmeter sehr steiler Aufstieg auf mich...
    Wieder einmal rutsche ich aus und lädiere mir das Knie. Unter einer dünnen Laubschicht beginnt hier der Matsch, sehr tückisch!
    Der Aufstieg entlang von tiefen Abgründen und überhängenden Felsen ist sehr eindrucksvoll, aber auch schwierig. Immer wieder muss ich mich an Baumwurzeln und Felsen hoch ziehen.
    Im Hang wachsen sogar noch einige Steineiben, die die Possums offenbar noch nicht gefunden haben...


    Seltene Bäume unterhalb der Bluff Hut

    Schließlich erreiche ich die auf 941 Metern gelegene Bluff Hut, wo zu meiner Überraschung bereits ein Paar aus Hokitika an der Westküste mit ihrem Hund sich eingenistet hat. Die ersten Menschen seit fünf Tagen!
    Cass und Sheldon haben den Ofen bereits angeheizt und sie meinen, es sei genug Platz in der Hütte, daher richte ich mich ebenfalls in der Bluff Hut ein. Später erfahre ich, dass die Beiden Outdoor Education unterrichten. Ein Fach dass man im Austausch mit Geographie in Neuseeland belegen kann!
    Später wird ihr Hund draussen ziemlich unruhig, offenbar sind Possums weitere Bewohner der Hütte...
    Um 7 Uhr am nächsten Morgen bin ich wieder unterwegs. Es ist grau und nass, aber zumindest ist das Gelände nicht mehr so steil. Der Fluss, den ich gestern imposant als Wasserfall hinunterstürzen sah, ist der Hokitika River, dem ich später wieder begegnen sollte.
    Ich laufe durch Buschland und hohes Tussockgras, wobei die Regenhose mich noch halbwegs trocken hält.


    Bluff Hut


    Am Oberlauf des Hokitika River


    Eine kurze Strecke folge ich einer schmalen, wilden Klamm. Eindrucksvoll!


    Enge Schlucht des Hokitika River

    Sonne und Nebel kämpfen um die Vorherrschaft, eine Zeitlang könnte man glauben, dass das Wetter bald schön wird...


    Mystische Stimmung im Hochland

    Am Bach beobachte ich zwei Whio Enten, elegante Schwimmer, die in der rasanten Strömung förmlich in ihrem Element zu sein scheinen.


    Whio-Ente

    Zu meiner Freude, darf ich eine Zeit lang über fast ebene Schotterflächen ohne nennenswerte Vegetation laufen. Eine schöne Abwechslung zu Tussock und dichtem Busch!
    Schließlich führt mich ein kurzer, aber steiler Anstieg zum Frew Saddle auf 1308 Meter und dem ein Stück unterhalb liegendem Biwak.


    Frew Saddle Bivy

    Es regnet jetzt wieder stärker, daher ziehe ich erst mal meine nassen Sachen aus, und kuschele mich in den Schlafsack. Zwar würde ich gerne weiter wandern, genieße aber auch solche entspannten Stunden. Ich lasse meine Gedanken frei schweifen und gebe mir Raum für neue Pläne. Nie habe ich bessere Inspirationen als beim Wandern.
    Nach drei Stunden, gegen 15 Uhr scheint es aufzuklaren, und ich beginne den Abstieg zum Frew Creek, dem ich dann folge.


    Blick ins Tal des Frew Creek

    Wie fast immer auf der Westseite der Insel, ist auch der Frew Creek nicht einfach, aber trotz einige Kletterpartien etc. längst nicht so schwer wie Gunn's- oder Newton Creek.
    Leider beginnt es irgendwann wieder zu regnen...
    Weiter unten flacht das Tal ab, und zum ersten Mal seit langem wandere ich wieder durch richtigen Wald der fast tropisch wirkt, mit exotischen Vogelgesängen wie ich sie zum letzten Mal am Heaphy Track gehört hatte.
    Nachdem ich den mächtigen Whitcombe River erreicht habe, sind es nur noch 10 Minuten bis zur Frew Hut, an der Einmündung des Baches, dem ich gefolgt war.
    Es regnet jetzt ziemlich heftig, daher bin ich froh, diese tolle Unterkunft mit 8 Betten, Tischen und Bänken erreicht zu haben. Es gibt hier sogar ein Waschbecken unter der überdachten Veranda. Echter Luxus! Scheinbar ist dies eine der wichtigsten Stützpunkte für die Permolat Gruppe, die die Hütten und Wege hier unterhält.


    Die geräumige Frew Hut

    Trotz Regen ist es hier auf 220 Meter ziemlich warm und ein lautes Zikadenkonzert erklingt.
    Mir ist inzwischen klar, dass ich viel zu langsam bin, um mit meinem verbliebenem Proviant noch mein nächstes Etappenziel am Mount Cook oder Lake Tekapo zu erreichen, daher beschließe ich, dem Whitcombe River zur Küste zu folgen, um mich in Hokitika neu zu verpflegen.
    Am nächsten Morgen regnet es zunächst noch, aber gegen 9 sieht es so aus, als könne sich das Wetter bessern, und ich breche auf.
    Meist laufe ich über die großen Felsen entlang des Flusses, nur für kurze Abschnitte geht es in den Wald. Dann erblicke ich eine Ehrfurcht gebietende Hängebrücke über dem wilden Whitcombe River. Über eine Leiter muss man die Klippe hochsteigen und befindet sich dann hoch über dem Fluss. Kein Problem, aber ich weiss ja auch noch nicht, dass ich diese Hängebrücke unter ganz anderen Umständen wieder überqueren muss....
    Es regnet jetzt wieder, aber da es erst einmal im Wald weiter geht, merke ich zunächst nicht viel davon. Die häufigen Steilstücke sind allerdings bei der Nässe nicht ganz einfach zu bewältigen. Irgendwann regnet es dann nicht mehr, sondern schüttet wie aus Badewannen, unglaublich was für Wassermassen in kürzester Zeit vom Himmel stürzen.
    Gegen 12 Uhr gelange ich an einen kleinen Bach, der normalerweise sicher überhaupt kein Problem darstellt. Jetzt ist das allerdings kein schmales Rinnsal, sondern ein tosender Wasserfall, den ich unmöglich bewältigen kann. Ich weiche kurz in den Busch nach oben aus, in der Hoffnung eine bessere Stelle zu finden, aber das Gelände ist hier überall sehr steil, daher ist das aussichtslos.
    Irgendwann baue ich mein Zelt an einer halbwegs ebenen Stelle auf, in der Hoffnung, dass der Regen wieder nachlässt, und der Pegel des Nebenbaches schnell fällt.
    Allerdings kann auch meine Nylonbehausung diesen Wassermassen nicht stand halten, und schon nach kürzester Zeit steht ein See in meinem Zelt. Kurz entschlossen baue ich es wieder ab, und hoffe mich unter höhlenartigen Felsüberhängen, die ich kurz vorher passiert hatte, mich vor dem Unwetter in Sicherheit bringen zu können. Ich finde tatsächlich einen halbwegs trockenen Unterschlupf, allerdings ist es so ungemütlich und kalt in meinen klatschnassen Klamotten, dass ich bald beschließe, den Rückzug zur Frew Hut zu wagen.
    Als ich die Hängebrücke wieder aus den Wasservorhängen auftauchen sehe, glaube ich meinen Augen kaum zu trauen. Der jetzt heftige Wind schaukelt die Konstruktion hin und her! So muss es sich bei einem heftigen Sturm in der Takelage eines Segelschiffes anfühlen!
    Ich will unter allen Umständen die Hütte erreichen und traue mich daher auf die schwankende Hängebrücke, wohl 20 Meter über dem schlammgrauen, tosenden Wildwasser. Ich habe ja schon viele reissende Flüsse gesehen, aber selbst der Kali Gandaki in Nepal verblasst gegen diesen ungeheuren Malstrom. Schritt für Schritt taste ich mich vorwärts, während die Brücke heftig zur Seite schwingt. Von Adrenalin geflutet nehme ich gar nicht mehr war, wie durchnässt und kalt ich eigentlich bin.
    Irgendwann habe ich die Brücke bewältigt, aber noch warten weitere Hindernisse auf mich: Der Whitcombe ist rasant gestiegen. Wo ich vorher noch problemlos über die Uferfelsen laufen konnte, steht mittlerweile viel unter Wasser. Über das Steilufer in den Wald auszuweichen ist auch stellenweise unmöglich, so bleiben mir nur einige haarsträubende Klettereinen über die glatten, mächtigen "Boulderfelsen" oft dicht über der Wasseroberfläche. Jetzt abzurutschen ist keine Option!
    Natürlich muss ich auch etliche Seitenbäche überqueren, glücklicherweise ist keiner davon so wild, wie der an dem ich umkehren musste.
    Nach dreieinhalb Stunden habe ich es schließlich geschafft und bin zurück an der Frew Hut.


    Unwetter am Whitcombe

    Ich ziehe mich aus und hänge alle meine klitschnassen Sachen auf. Bald lodert ein wärmendes Feuer im Ofen und erzeugt wohlige Wärme. Die Spannung fällt von mir ab, und ich freue mich ein weiteres neuseeländisches Abenteuer gut überstanden zu haben!
    Es donnert und draußen toben die Elemente weiterhin. Erst gegen 19:30 scheint sich der Sturm beruhigt zu haben.
    Am nächsten Morgen ist der Whitcombe noch grau, aber der Wasserstand ist bereits erheblich gefallen und ich mache mich wieder auf den Weg.


    Am Tag danach

    Zwar ist das Wandern entlang des Whitcombe jetzt erheblich einfacher, aber die Felsen am Fluss sind immer noch ziemlich beeindruckend.


    Einer der krassen Uferfelsen


    Whitcombe River

    Schließlich sehe ich auch wieder die Hängebrücke, die mir heute jedoch ziemlich harmlos erscheint...




    Das war spannend gestern...

    Auch die Waldstrecke ist natürlich heute viel einfacher, aber das Kletterseil hängt nicht umsonst da...


    Herausforderung im Regen

    Der Nebenbach an dem ich gestern umkehren musste, ist auch heute noch imposant, aber kein Vergleich mehr zu dem was ich am Tag zuvor gesehen hatte...


    Gestern unüberwindbar, heute o.k

    Bald geht es weiter entlang der riesigen glatten Uferfelsen. Keineswegs einfach, aber machbar!


    Kletterei über die Uferfelsen

    Rapid Creek ist auch heute noch unfurtbar, glücklicherweise gibt es ein Stück oberhalb eine Hängebrücke.
    Ich passiere die kleine Rapid Creek Hut und gelange dann an eine Seilbahn, die mich auf die andere Seite des Hokitika bringen soll, in den der Whitcombe kurz zuvor eingemündet ist. Das Handling alleine ist etwas schwierig, da ich den Karabiner mit dem der Korb am Seil befestigt ist nicht lösen kann, wenn ich schon im Korb sitze. Aber so löse ich halt den Karabiner, halte den schweren Korb und schwinge mich dann auf meinen Rucksack. Schon beginnt die sausende Fahrt. Das letzte Stück muss ich mich dann mit einem Haken den Draht entlang vorwärts ziehen. Beim Aussteigen ist dann noch einmal ein bisschen Konzentration erforderlich.


    Seilbahn über den Hokitika

    Am anderen Ufer beginnt ein guter Weg. Zum ersten Mal seit langer Zeit kann ich richtig ausschreiten!
    Bald gelange ich in Weideland mit Zäunen und Buschwerk. Hier beobachte ich zu meiner Überraschung eine nicht scheue, wunderbar türkis-weiß gefärbte Maori- Fruchttaube.




    Maori Fruchttaube

    Auf einem Parkplatz, der der Ausgangspunkt für die Wanderungen hier ist, stehen zwei Autos. Ab dort beginnen Fahrwege, so dass ich schnell vorwärts komme.


    Ausgangspunkt der Wanderungen am Whitcombe

    Ein echter Kulturschock ereilt mich dann, als ich den Parkplatz an der Hokitika Gorge erreiche, eine Touristensehenswürdigkeit die auch von Bussen angefahren wird.
    Nach 30 Minuten nimmt mich Fabian mit, ein junger Deutscher Abiturient, der mit Work und Travel hauptsächlich Australien bereist.
    Hokitika an der Westküste ist ein netter, kleiner Touristenort. Nach etwas Rumfragen empfiehlt man mir die Lakeview Lodge etwas außerhalb, wo man für wenig Geld zelten kann, und einen schönen Blick über das Meer hat.


    Hokitika

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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #34
    Zitat Zitat von TilmannG Beitrag anzeigen
    Wieder spannende Etappen und tolle Fotos - Danke!
    Den Mix aus (markierten)Pfaden und nicht überharten weglosen Abschnitten finde ich faszinierend.
    Grüße von Tilmann
    Zitat Zitat von Wildniswanderer Beitrag anzeigen
    Ja, allerdings heißen Markierungen auf Neuseeland nicht viel, auch markierte Pfade sind oft erstaunlich schwierig zu laufen...
    Die Beweisführung ist beeindruckend gelungen - da waren krasse Etappen dabei!
    Danke und Grüße!

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    Avatar von Intihuitana
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #35
    Diese Urwälder und Schluchten sind der absolute Hammer.
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    Avatar von Sternenstaub
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #36
    absolut faszinierend. Ich habe ja schon immer deine Berichte sehr gern gelesen weil sie so absolut nicht selbst glorifizierend sind, aber hier wandere ich wirklich mit (wobei ich das sicherlich nicht! schaffen würde). Vielen Dank!!
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  17. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #37
    Danke für die netten Kommentare!

  18. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #38
    8. Vom Lake Tekapo nach Hokitika


    Lake Tekapo-Hokitika

    Auf diesem Abschnitt wandere ich von der trockenen Graslandschaft am Lake Tekapo über die weiten Kiesebenen der Gletscherflüsse Rangitata und Rakaia zum Hauptkamm der Südalpen, und gelange schließlich entlang des Whitcombe River zurück nach Hokitika an der feuchten Westküste der Südinsel.

    Da ich unbedingt neue Schuhe brauche und auch erst mal genug von der Nässe der Westseite habe, beschließe ich zunächst nach Christchurch zu fahren, und dann von der Ostseite der Südalpen zurück nach Hokitika zu laufen, um so die Verbindung zu meiner bisherigen Route wieder herzustellen.
    In Neuseeland gibt es ein sehr gut organisiertes Bussystem, daher kann man hier sehr einfach auch ohne Mietwagen das Land erkunden.
    Mit neuen Schuhen ausgestattet, fahre ich von Christchurch zum Lake Tekapo.


    Mit dem Bus unterwegs


    Das ist mein Ort...

    Da die Regenwolken in Neuseeland größtenteils bereits auf der Westseite der Südalpen abregnen, hat, die Ostseite ein viel trockeneres Klima, was sich in einer völlig anderen Landschaft wieder spiegelt. Statt üppig dichter, fast schon klaustrophobischer Vegetation, dominieren weite, gelbe Graslandschaften unter einem meist klaren, blauen Himmel. Ich freue mich unheimlich, hier mal wieder meine Blicke weit schweifen lassen zu können, und mich nicht bei jedem Schritt durch häufig unangenehm dichte Vegetation quälen zu müssen.
    Lake Tekapo ist ein kleiner Touristenort an dem gleichnamigen See. Zwar gibt es hier allerhand Besucher, aber verglichen mit anderen touristischen Zielen, hält sich der Andrang noch in Grenzen.
    Ab hier wandere ich für längere Zeit auf dem TeAraroa. Zunächst folge ich für etwa 20 Kilometer einer Piste am Ostufer des Sees. Glücklicherweise gibt es hier fast keinen Verkehr und die Blicke über den türkisen See zu den Gletscherbergen am Nordende sind spektakulär.


    Lake Tekapo

    Schließlich zweigt der Richmond Trail von der Piste ab, und führt durch ein Reservat. Das entsprechende Schild, zeigt mit lustigen Piktogrammen, was hier nicht erlaubt ist...


    Lustiges Verbotsschild

    Weiter geht es durch eine trockene, weite mit kurzem Gras bewachsene hügelige Landschaft. Immer wieder eröffnen sich Blicke zurück zum See. In der Nähe meines Abendlagers in einem mit dichtem Busch bewachsenen Tal, beobachte ich zu meiner Verwunderung ein ursprünglich aus Australien stammendes Wallaby. Natürlich hat jemand die kleinen Kängurus hier ausgesetzt...
    Endlich bin ich mal wieder in einer Gegend, wo man auch weglos umherstreifen kann, was ich bei einem Abendspaziergang ausgiebig genieße.




    Abendspaziergang in den Hügeln oberhalb des Lake Tekapo


    Später geht dann die Sonne in einem spektakulären Farbspiel über dem See unter.




    Fantastischer Sonnenuntergang

    Der Sonnenaufgang am Morgen ist dann aber ebenso spektakulär, mit lila- rosa gefärbten Wolken und dann den bereits orange leuchtenden, entfernten Bergen, während der Rest der Landschaft noch im Schatten liegt.




    Der Sonnenaufgang ist ebenso spektakulär

    Weiter geht es auf schönen, schmalen Pfaden, durch die trockene Graslandschaft. Interessanterweise sind nirgendwo Schafe zu sehen, die aber bestimmt zeitweise hier weiden. Immer wieder kommt noch der Lake Tekapo in Sicht, dessen Nordende mit den Gletscherbergen jetzt schon näher gekommen ist.




    Auf schmalen Pfaden durch weites Grasland

    Es gibt hier einige Wanderer, die auf dem TeAraroa unterwegs ist, meistens hat man die Landschaft aber für sich allein.
    Später folgt der Weg längere Zeit dem Tal des Camp Stream.


    Camp Stream

    Von anderen Wanderern habe ich erfahren, dass es eine interessante Variante zur Hauptroute des TA gibt. Diese folgt für lange Zeit aussichtsreichen Graten bis zum Stag Saddle, dem mit 1970 Metern höchsten Punkt des TeAraroa. Natürlich schlage ich diese Route ein, und werde grandios belohnt: Ständige faszinierende Ausblicke zum Lake Tekapo und in die umgebende Bergwelt, ein schöner schmaler Pfad, der den Grasbuckeln auf- und ab folgt, und nicht zuletzt der nahegelegene Mount Gerald, allerdings eher ein unbedeutender Hügel...






    Unterwegs zum Stag Saddle

    Knapp unterhalb des unschwierigen Passes stoße ich auf eine Quelle und schlage mein Zelt mit grandioser Aussicht auf die weitere Route auf. Beim Abendessen grast ein Rudel Thare in der Nähe. Diese Wildziegen stammen ursprünglich aus dem Himalaja und wurden wie auch Rothirsche und Gämsen in Neuseeland als Jagdwild angesiedelt. Die Tiere können leider auch große Schäden an der Vegetation anrichten, weshalb versucht wird, ihre Zahl in Grenzen zu halten.


    Lager unterhalb des Stag Saddle


    Thare besuchen mich beim Abendessen

    Der nächste Tag führt mich weiter durch die baumlose Graslandschaft. Allerdings scheint in dieser Höhenlage mehr Regen zu fallen, weshalb das Tussock Gras höher wächst.




    Grasige Weiten

    Die Hütten hier, wie Royal Hut und Stone Hut sind wellblechgedeckte, ehemalige Landarbeiterunterkünfte. Obwohl das Wetter heiß und trocken ist, scheinen die meisten Wanderer in den Hütten zu schlafen. Dabei ist die Mischung ziemlich international, ich unterhalte mich sowohl mit Neuseeländern, als auch mit US-Amerikanern und Niederländern.
    Jeder genießt das Unterwegs sein hier, auf einem der schönsten Abschnitte des TeAraroa.


    Royal Hut

    Über längere Zeit folge ich dem Tal des Bush Streams, den ich auch einige Male durchwaten muss, was aber bei dem derzeitigen Wasserstand kein Problem darstellt. Ich beobachte weitere Thare und überquere am Nachmittag den 1530 Meter hohen Pass, den ich schon vom Stag Saddle erblickt hatte.




    Bush Stream


    Abstieg vom Pass

    Auf einer kleinen Schotterfläche im hohen Tussockgras schlage ich mein Lager auf, von dem aus ich entfernt schon das breite Schottertal des Rangitata sehe.
    Noch im Dunkeln wird mein Zelt am nächsten Morgen von heftigen Windböen geschüttelt, die einen regelrechten Staubsturm über dem Rangitata Tal ausgelöst haben.
    Nach kurzem Abstieg habe ich oberhalb der Crooked Spur Hütte eine interessante Begegnung: Jorinde und Chris wandern mit ihren beiden Kindern Elisabeth 10, und Jonathan 7, den gesamten TeAraroa! Dabei haben sie Flüsse mit dem Packraft überquert und soeben ihren Tagesrekord von 40 Kilometern erreicht. Und das Tollste dabei ist, dass die Kinder offenbar unheimlich viel Spass dabei haben, und eher die Eltern pushen, als umgekehrt...


    Eine Familie erwandert den ganzen TeAraroa

    Hinter der Crooked Spur Hütte, führt mich ein steiler Abstieg zurück in das Tal des Bush Stream. In der geschützten Lage wächst hier auch wieder Wald, was auf der ganzen Strecke seit dem Lake Tekapo nirgends der Fall war.




    Abstieg in das Tal des Bush Stream

    Über den Schotterhängen werden mächtige Staubfahnen von den kräftigen Windböen herum gewirbelt.


    Staubsturm

    Als ich Stewart und Ian treffe, die sehr erfahren in neuseeländischen Wanderungen und Packraftingtouren sind, unterhalten wir uns erst einmal längere Zeit, zu Mal sie auch mit dem Greater Patagonian Trail liebäugeln!


    Interessante Begegnung

    Bald darauf beginnt es zu regnen, und ich schlage erst einmal mein Zelt auf. Nach zwei Stunden klart es dann wieder auf, und ich setze meinen Weg fort.


    Am Bush Stream

    Schließlich öffnet sich das Tal und ich gelange in die breite Ebene am Rangitata. Hier verlasse ich den TeAraroa und wandere zunächst flussaufwärts, zeitweise auf einem Schotterweg.


    Im Rangitata Tal

    Der Rangitata ist einer der großen Gletscherflüsse die aus den Südalpen in die Ebene der Canterbury Plains fließen und sich dabei auf einer Breite von bis zu 10 Kilometern in zahlreiche Arme verzweigt.
    Schließlich beginne ich dann die Überquerung der Schotter bedeckten Flutebene. Die ersten fünf Arme lassen sich mehr oder weniger einfach durchwaten, obwohl ich bereits merke, wieviel Power die Strömung hier hat. Offenbar hat es in den Bergen stärker geregnet, weshalb der Wasserstand des Flusses gestiegen ist. Dann gelange ich an einen wasserreicheren Arm. An einigen Stellen probiere ich ihn zu durchwaten, muss mich aber immer wieder zurückziehen, weil es zu tief wird, und die Strömung zu reissend. Es ist bereits 18 Uhr, daher überlege ich, die Durchquerung der Rangitata Ebene erst morgen anzugehen, entscheide mich dann aber dafür mein Packraft aufzublasen und über den Wasserlauf zu paddeln. Das geht dann auch recht schnell und klappt gut. Da ich mit weiteren unfurtbaren Armen rechne, laufe ich zunächst mit Boot und Paddel weiter. Das ist aber ziemlich umständlich, da der heftige Wind mir das Packraft entreissen will. Ich packe also wieder zusammen, nur um dann wenig später an den nächsten großen Arm zu gelangen. Also geht das Aufblasen und Rucksack auf den Bug schnallen von vorne los.
    Diesmal klappt die Überfahrt nicht besonders. An dem gegenüberliegenden Ufer gibt es kaum mögliche Anlegestellen, daher treibt mich die Strömung weiter als eigentlich gedacht. Einige Anlegeversuche scheitern, aber jedesmal hole ich mir eine Menge Wasser ins Boot. Da ich den Sitz des kleinen Packrafts zu Hause gelassen habe, sitze ich bald im Nassen. Sehr unangenehm. Schließlich schaffe ich es dann doch anzulegen. Danach ist mein Vertrauen in das mit 1,5 kg sehr leichte Packraft weiter angekratzt. Es fühlt sich einfach nicht so stabil und sicher an, wie die Boote, die ich bisher gefahren bin. Das nur 365 g schwere Paddel ist auch eher ein besserer Löffel, als ein ernst zu nehmendes Instrument in bewegtem Wasser...
    Egal, die weiteren Arme sind nicht mehr schwierig, und ich komme auf der Kiesebene schnell voran.


    Der Rangitata verzweigt sich in viele Arme

    Durch Nässe und starken Wind ist mir jetzt ziemlich kalt, weshalb ich noch einen Zahn zulege.
    Mein Ziel ist ein am Rand der Überschwemmungsebene aufragender Hügel, wo ich schließlich kurz vor dem Dunkel werden einen Zeltplatz an einem Teich finde. Obwohl der den Kühen als Tränke dient, entnehme ich mein Trinkwasser aus dem Gewässer...

  19. Erfahren
    Avatar von Wildniswanderer
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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #39
    In der Nacht friert es leicht und am nächsten Morgen ist es zunächst etwas unangenehm meine nassen Trailrunningschuhe wieder anzuziehen. Hinter einem Hügel in der Nähe liegt Erewhon, eine der abgelegensten Farmen Neuseelands. Diese bleibt mir jedoch verborgen. Dafür kann ich aber schon bald die Aussicht über das weite Tal des Clyde River genießen, der unweit von hier mit dem Havelock zusammenfließt und dann den Rangitata bildet.


    Clyde River Tal

    Der gestrige Regen hat in Verbindung mit dem Wind offenbar die Atmosphäre gereinigt, denn ich kann einen wolkenlosen, klaren Himmel genießen.


    Ein toller Morgen

    An einem weiteren Teich beobachte ich einige Stelzenläufer ähnliche Vögel, die sich in dem ruhigen Wasser spiegeln. Unweit entfernt sitzt ein Hase. Natürlich ebenfalls aus Europa stammend, fühlen sich Hasen offensichtlich in Neuseeland ziemlich wohl, da ich hier die Feldhasen sogar über der Baumgrenze gesehen habe.


    Stelzenläufer


    Hase in der Morgensonne

    Doch bald schon habe ich das Schotterbett des Clyde River erreicht. Zunächst komme ich erstaunlich gut vorwärts, dann muss ich aber doch einige der mäandernden Arme durchwaten. In dem trüben Gletscherwasser unterschätzt man leicht die Tiefe des Gewässers, daher ist meine Unterhose schon bald wieder nass... Natürlich von Wasser...
    Glücklicherweise fängt die Sonne aber jetzt bald an zu wärmen.




    Im Tal des Clyde River

    Unmittelbar vor der Einmündung des Lawrence River, dem ich weiter folgen will, habe ich dann noch die letzte und schwierigste Watstelle zu passieren, aber auch hier muss ich mein Packraft nicht noch einmal benutzen. Es gibt Scharen von flinken Seeschwalben mit gelben Schnäbeln, die durch die Luft wirbeln.


    Der Clyde River ist von Sedimenten getrübt

    Als ich zur Mittagspause meine nassen Sachen zum Trocknen ausbreite, erscheint zu meiner Überraschung eine Gruppe von vier neuseeländischen Wanderern, die sehr erfahren sind, und eine weglose Rundtour über Butler Saddle und McCoy Col machen wollen.
    Auch im Schotterbett des Lawrence komme ich sehr gut voran. Kein Vergleich zu den Flüssen auf der Westseite.


    Lawrence River

    Meist wandere ich im Talgrund, aber zur Lawrence Hut geht es über eine grasige Terrasse. Die Hütte ist fantastisch gelegen und lädt dazu ein, hier einige Zeit zu verbringen und die Umgebung zu erkunden. Zu meiner Freude finde ich einen Eintrag von Miriam Lancewood, deren tolles Buch über Neuseeland ich gerade mit der kindle app auf meinem iphone lese! Sie ist mit einer niederländischen Freundin unterwegs auf einer abenteuerlichen Wanderung durch Neuseelands Wildnis. Pim, der junge Holländer mit dem ich einige Tage gewandert war, hatte mir bereits von ihr erzählt und dass ich sie mit etwas Glück auf meiner Route treffen würde!


    Miriam und Tamar hätte ich gerne getroffen!

    Um zur Hermitage Hütte zu gelangen, wähle ich eine umständliche Route über schroffe Felsen, die mir aber wenigstens einen guten Ausblick über das Lawrence Tal verschafft.


    In der Nähe der Hermitage Hut

    Die Hütte stellt sich dann als verschlossener Privatbesitz heraus, aber in der Nähe fließt eine klares Bächlein und ich finde einen schönen Zeltplatz.
    Ich nutze das herrlich warme Wetter zu einer Wäsche im Bach und erkunde später noch die Umgebung. Mir waren schon vorher ab und zu Reifenspuren aufgefallen und stoße dann auch tatsächlich auf einen großen Pick-up, den jemand hier abgestellt hat. So erhält mein Gefühl in der Wildnis zu sein, leider erst einmal einen Knacks...
    Der nächste Morgen beginnt mit recht frischen Temperaturen und es geht zunächst relativ eben weiter auf der breiten Kiesebene des Lawrence River. Das gleichnamige Biwak liegt etwas abseits, daher passiere ich es nicht.
    Einige Male muss ich den recht tiefen und schnellen, gletscherblauen Fluss durchwaten, was aber kein Problem ist.






    Morgen am Lawrence River

    Als das Tal anzusteigen beginnt, sehe ich etwas abseits ein Zelt, dem ich, neugierig wie ich bin, einen Besuch abstatte.
    Dort treffe ich den Besitzer des Geländewagens, den ich gestern abend gesehen hatte. Der Mann ist ein Thar- Jäger, der die Besitzer von Erewhon kennt, die ihm die Durchfahrt hierher gestattet hatten.
    Gestern ist er schon von seinem Basislager weiter aufgestiegen, und hat etliche der Wildziegen gesehen, so dass er hofft, einen kapitalen Hornträger zu erlegen. Obwohl ich die Trophäenjagd mit gemischten Gefühlen sehe, finde ich es ziemlich cool, wie hier in Neuseeland Wildniswandern und Jagen miteinander verbunden wird!


    Einsamer Tharjäger

    Als ich in ein Seitental nach links abbiege, tauchen die vier Neuseeländer wieder auf, die ich schon gestern getroffen hatte. Sie haben am Lawrence Biwak übernachtet, und wollen auch zum Butler Saddle.
    Das Tal steigt recht steil an, ist aber unschwierig, bis auf eine Stelle, wo ich eine Schlucht auf der orographisch linken Seite umklettern muss.


    Ich umgehe die unpassierbare Schlucht

    Bald habe ich die Kiwis eingeholt und unterhalte mich beim Wandern intensiv mit Jonathan, einem weitgereisten Höhlenforscher und Kletterer.


    Anstieg in gerölligem Tal

    Irgendwann hat der Bach dem wir folgen, kein Wasser mehr, es geht meist über Geröll unschwierig weiter.
    Das letzte Stück ist dann aber doch noch einmal steiler und es gibt sogar ein Schneefeld unter dem Pass.


    Schlussanstieg zu Butler Saddle

    Schließlich haben wir dann Butler Saddle erreicht, auf 1852 m gelegen. Der Blick reicht weit zurück ins Lawrence Tal. Voraus liegt unterhalb das weite Kiesbett des Rakaia mit Gletscherseen und schroffen Spitzen. Toll!


    Blick zurück vom Butler Saddle ins Lawrence Tal


    Auf dem Butler Saddle

    Die Neuseeländer erzählen, dass der direkte Abstieg in eine unzugängliche Schlucht führt, daher muss man zunächst nach Westen traversieren. Da zwei Neuseeländer zunächst den nahegelegenen Gipfel besteigen wollen, breche ich alleine wieder auf. Ich bin etwas unsicher über die Route und stehe dann auch bald an einem steilen Abgrund von dem ich wieder aufsteige.
    Schließlich erreiche ich das Paradies: Ein flacher Absatz mit grünem Gras und einem Bächlein unmittelbar über der Abbruchkante mit fantastischem Blick in das Rakaia Tal. Ein besseres Lager, um meinen heutigen Geburtstag zu genießen, hätte ich kaum finden können!


    Mein "Geburtstagslager"


    Ausblick vom Lager

    Später kommen dann auch noch die Neuseeländer vorbei, und beneiden mich um meinen fantastischen Lagerplatz, steigen aber weiter ab.
    Nachdem ich gegessen habe, unternehme ich dann auch noch einen Abendspaziergang, auf dem ich schon mal die Route für morgen erkunde.


    Mein Zelt steht auf dem Absatz, rechts im Vordergrund

    Das erste Stück, hoch zu einem Grat sieht steil und schwierig aus, ist aber einfach zu bewältigen. Auf der anderen Seite gibt es grüne Matten, die noch in der Sonne liegen. Ein Rudel Thare steigt in der Felswand nach unten, immer wieder Pfiffe ausstoßend und ich höre die Rufe der Keas.
    Von den Aussichten über das Rakaia Tal mit den Ursprungsseen und Gletschern kann ich mich kaum satt sehen!


    Tolle Aussichten!

    Zurück beim Zelt erlebe ich dann einen schönen Sonnenuntergang. Das wohl schönste Lager der Reise ausgerechnet an meinem Geburtstag, ein viel schöneres Geschenk kann ich mir kaum vorstellen!




    Abendstimmung über Rakaia Tal und Ramsay Lake

    Später in der Nacht strahlen dann 1000 Sterne vom Firmament.


    Bergnacht

  20. Erfahren

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    AW: [NZ] Auf wilden Wegen durch Neuseeland

    #40
    Vielen Danke fuer den schoenen Bericht und alles Gute nachtraeglich.
    Bin besonders begeistert dass du den Bericht jeden morgen schon vor 7 Uhr updatest damit ich ihn dann waehrend dem Fruehstueck lesen kann

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