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    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #61
    Mitreisende: Spartaner
    Bin gespannt wann es hier weiter geht

    Ich mag die Art wie du von eurer Reise berichtest mit vielen Details und zusaetzlichen Informationen! Sehr informativ und spannend.
    Vor drei Jahren war ich auch im Pantanal, wenn auch etwas touristischer.

    Danke fuer den Bericht bisher und hoffentlich gehts bald weiter!

  2. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #62
    Freitag, 20.09.2019, Fazenda Dourados, 9km

    3:40 Uhr, der Wind frischt auf. Die Luft hat sich immer noch nicht weiter abgekühlt! Mein Thermometer zeigt über 30°C! Und das direkt am Ufer und bei Windböen! Ich habe mich die ganze Nacht nicht zugedeckt. Wir haben eine wirklich heiße Zeit hier, außergewöhnlich! Auch kurz vor Sonnenaufgang werden die 30°C nicht unterschritten:


    Unser Gastgeber meinte später übrigens, dass es weiter oben auf seinem Land kühler gewesen wäre als direkt am Wasser. Aber ob das stimmt?

    Ich wache dann erst wieder auf, als die Sonne schon etwas höher am Himmel steht:


    Unser Lager am Strand:




    Unsere Gastgeber laden uns zum Kaffee ein. Der Tisch steht unter den riesigen Mango-Bäumen im Schatten. Zeitgleich gesellen sich noch 2 Nachbarn dazu. Die Unterhaltung ist, wie bereits gewohnt, ziemlich einseitig. Die Google-Übersetzung von deutsch in portugiesisch funktioniert zufriedenstellend, umgekehrt geht gar nichts. Mir unerklärlich. Bei mir funktioniert sogar die Spracheingabe gut, portugiesisch funktioniert nicht einmal mit tippen. Selbst als ich auch noch die Tastatur auf portugiesisch umstelle, erkenne ich keine Verbesserung.

    Die Frau fertigt Korbwaren noch indianischer Sitte und breitet ihre Produkte vor uns aus:


    Zum Glück ist das nicht allein für uns gedacht, ich stehe nicht unbedingt auf diese Art Souvenirs. Diese Flechtwaren sind halt nur speziell für Touristen gefertigt worden, mehr oder weniger nur in Anlehnung an die jahrtausendelang genutzten Originale. Meine Schwester hat in den 90er Jahren im Manú-Nationalpark wirklich original genutzte Flechtgefäße im Urwald gefunden, die von Leuten gemacht wurden, die einen Touristen nicht mal aus der Ferne gesehen hatten (unkontaktierte nomadische Urwaldstämme). Diese Teile habe ich wirklich mit einer großen Ehrfurcht und Faszination in den Händen gehalten. Original Steinzeit bzw. kurz davor.

    Der Hausherr macht einen hellen Eindruck. Er jobbt für die Naturschutz-NGOs hier und ist zeitweise auch als Touristenführer unterwegs. Von ihm erhoffe ich mir herauszufinden, wo genau sich die Quellen und Bäche mit dem kristallklaren Wasser befinden. Dass es sie tatsächlich gibt, sieht man auf einer Webseite von Pantanal-Tours, wo es bezogen auf die Pousada Amolar (Acurizal) heißt: “Boat excursions are offered to cover a wider area and to visit one of the unique crystal clear water streams that can only be found in this region.”

    Ich zeige ihm beide Karten, die OSM und die Satellitenbilder, und bitte ihn, das rote Mittelkreuz auf die Quelle zu setzen. Er versucht es, will damit aber bis auf die Rückseite des Gebirgsstockes der Serra do Amolar, also weit nach Westen. 3 Stunden soll der Marsch dauern, nachdem man mit dem Boot mehrere Kilometer in die Nähe gefahren ist. Leider reicht mein Luftbild nicht so weit, und die groben Höhenlinien der OpenAndroMap helfen ihm auch nicht sicher weiter. So wird das nichts, das bleibt zu wage. Ich werde nicht wieder einen Marsch über ein Gebirge angehen, der 3 Stunden dauern soll, und von dem ich nicht weiß, ob er zum Ziel führt.

    Aber er kennt noch einen weiteren Ort mit kristallklarem Wasser. Er soll sich auf der linken, der sumpfigen Seite des Rio Paraguai befinden. Das wundert mich, aber kann ja sein. Er nennt den Flusslauf “Mata Cachorro”, “Toter Hund” oder so, 23km stromab. Oberhalb der Fazenda Porto São Pedro, an meinem Tour-Kilometer 694, soll es links reingehen. Auch hier bemerke ich eine gewisse Unsicherheit, wo genau im Luftbild sich diese Lagune befindet.

    Ein weiterer Nachbar kommt zu Besuch, unterhält sich ein Weilchen und hackt sich dann die Hälfte des gehäuteten Wasserschweins ab, das vor dem Haus am Baum hängt.

    Ein Thema, dass ich immer mal anspreche, ist die Frage nach der Zahl der Paddler, die die verschiedenen Gastgeber auf dem Fluss gesehen haben. Ich möchte ein Bild davon bekommen, wie populär das Paddeln hier im Pantanal ist. Die Frau erzählt, sie hätten dieses Jahr im Mai, Juni bereits einmal 2 Paddler gesehen, die den Rio Paraguai befuhren und in Cáceres gestartet sind. Das sei aber auch die einzige Begegnung mit Paddlern gewesen in ihrem Leben. Auch sonst hat sie noch nicht von weiteren Befahrungen gehört.

    Und dann berichten sie und der Nachbar noch von Thomas, einem Deutschen, der hier seit 6 Jahren leben soll, gar nicht weit weg, nur über den Flugstreifen der Fazenda do Amolar rüber. So habe ich es jedenfalls verstanden.

    Thomas möchte ich kennenlernen, er weiß sicherlich genauer, wo die Sehenswürdigkeiten der Gegend zu finden sind. Also Kamera geschnappt, 1L Wasser, und los geht's. Mein Thomas bleibt wieder hier.

    Zunächst muss ich quer über mehrere Grundstücke. Zum Glück ist von den scharfen Hunden vom Vorabend zZ nichts zu sehen.
    Auf einem Grundstück nebenan steht ein offizieller trigonometrischer Vermessungspunkt für Brasilien:




    Nach der Querung dreier jeweils abgezäunter Nachbargrundstücke überquere ich längs den Flugstreifen der Fazenda do Amolar (Map). Ich glaube zwar nicht, dass auf der huckligen Piste heute noch jemand landen würde, aber sie ist ganz interessant angelegt. Die zwei Hälften der Start- und Landebahn haben ein deutliches Gefälle mit der höchsten Stelle in der Mitte des 660m langen Flugstreifens.

    Ich irre etwas herum, vermute auch mal nordöstlich vom Flugstreifen eine Farm, dann mal wieder am Seeufer, und wundere mich immer mehr. Hier soll ein Deutscher wohnen? Am anderen Ende führt etwas, was einmal ein Weg war, weiter, jetzt wieder parallel zum Seeufer. Nach 2km stehe ich auf einem seit längerem verlassenen und weitgehend verfallenen Hausgrundstück:


    Der Weg führt auch noch mehrere hundert Meter weiter, aber dann kehre ich um. Niemand wird hier freiwillig im Hinterland wohnen, wenn er genauso gut am Seeufer wohnen kann und dort sein Boot liegt.

    Ich bin bereits auf dem Rückweg, da kommen mir 3 Männer entgegen, die ebenfalls das verlassene Grundstück besichtigen wollen. Sie können alle gut Englisch und sehen kompetent aus. Einer von ihnen ist der Chef der Organisation Instituto Homem Pantaneiro (IHP), Ângelo Rabelo:


    Ângelo Paccelli Cipriano Rabelo, ist Gründungspräsident des Instituto Homem Pantaneiro und Reserveoffizier der Polícia Militar Ambiental, der staatlichen Umweltpolizei, im Range eines Oberstleutnants. Er war seit 1986 15 Jahre direkt als Angehöriger und davon 5 Jahre als Kommandant der Policia Militar Florestal an der Bekämpfung der illegalen Jagd und des Handels mit Wildtieren im Pantanal beteiligt.


    Wir machen uns bekannt und unterhalten uns kurz. Auch ihnen gegenüber äußere ich meinen Wunsch, die genauen Orte der kristallklaren Gewässer kennenzulernen. Jetzt wollen sie sich aber erst mal die verlassene Fazenda ansehen, von der ich gerade komme, und die wahrscheinlich ebenfalls aufgekauft werden soll. Sie wollen zu meinem Gastgeber zurückkommen und mir dann mehr erzählen.

    Auch sie kennen den Deutschen Thomas Rosen, meinen aber, dass er bereits vor einiger Zeit nach São Paulo gezogen sei. Er war Betriebsleiter für die hier befindliche Außenstelle “Serra Negra” und leitete bei der Ecotrópica ein Projekt zum Schutz und zur Wiederansiedlung der Hyazinth-Aras im nördlichen Pantanal. Die Hyazinth-Aras kamen 2010 nur im südlichen Pantanal noch in größeren Populationen vor, im nördlichen Teil waren sie seltener. In einem ersten Schritt haben sie Ara-Vorkommen im RPPN Acurizal e Penha, einem von Ecotrópica betreuten privaten Schutzgebiet an der Grenze zu Bolivien und im benachbarten Parque Nacional do Pantanal Mato-Grossense erfasst. In ihre Untersuchungen flossen die Beobachtungen von Fischern, Landbesitzern und indigenen Stämmen ein (DUH Welt 4/2010).
    Das Projekt war offenbar erfolgreich, wir haben ja auf unserer Tour durch das nördliche Pantanal bereits mehrfach Hyazinth-Aras gesehen.

    Ok, dann konnte das mit dem Besuch ja nichts werden. Wahrscheinlich wohnte Thomas Rosen in Acurizal, 24km Luftlinie von hier entfernt, aber wenigstens in der angegebenen Richtung. Oder doch hier auf Amolar, in einer IHP-Außenstelle “Serra Negra”?
    Immerhin habe ich Thomas Rosen nach der Tour noch kennengelernt. Nicht direkt, nein, aber in einer Pantanal-Dokumentation, die seine Arbeit für die Hyazinth-Aras dort zeigte (Dokumentation Das Pantanal (1/3) - Aras im Paradies, 2010). Ich konnte mir die 3 Teile der von mir teuer mitfinanzierten Dokumentation glücklicherweise noch herunterladen, bevor sie aus den von mir teuer mitfinanzierten Mediatheken verschwand.

    Um ½10 bin ich wieder zurück bei unserem Lager am Fluss. Mein Thomas hat längst gepackt, und ich mache mich jetzt in der Gluthitze auf dem schattenfreien Strand auch daran.

    Als die drei Herren zu unserem Gastgeber zurückkommen, nimmt mich einer von ihnen zur Seite und ich dachte, jetzt bekomme ich die genauen Infos zu den gesuchten Gewässern. Aber stattdessen rät er mir, nur mit einem Führer in die Sümpfe abseits des Rio Paraguai einzufahren. Die Führer wissen, wo sich die gesuchten Gewässer befinden, sie seien auf keiner Karte verzeichnet. Sie wissen auch, wie genau man hinkommt und vor allem wieder zurück. Es seien schon einige Leute aus den unendlichen Sümpfen nicht wieder zurückgekehrt.

    Naja, nicht sehr hilfreich, diese Tipps. Ich merke deutlich, dass sie uns keine konkrete Auskunft geben wollen. Wir können wohl kaum noch einen Führer in unser Boot laden, und alternativ mit Motorboot wie ein x-beliebiger Tourist habe ich auch keine Lust, Stationen abzuklappern. Aber immerhin zeigt er auf Carlos Adriano, einen der beiden Bootsführer, die die Herren von Corumbá hierher gebracht haben. Ihn könnten wir auf der Fazenda Dourados antreffen und eventuell auch anheuern. Meine Hoffnung ist, dass ich den jungen Mann in der grünen Weste des Naturschutznetzwerkes “Rede de Proteção e Conservação da Serra do Amolar (RPCSA)“ auf der Fazenda Dourados wenigstens ausgiebig interviewen kann.

    Die Fazenda Dourados ist unser Ziel vielleicht für den Abend. Sie soll eine Station der Organisation “Instituto Homem Pantaneiro (IHP)” sein, die einen Teil der privaten Schutzgebiete rund um die Serra do Amolar betreuen.

    So paddeln wir ¾11 los. Zunächst wollen wir uns erst einmal die Lagoa Taquaral ansehen. Die Lagoa Taquaral ist ein 2km² großer See 2km südwestlich der Fazenda do Amolar, die mit dem Rio Paraguai in Verbindung steht, und von der aus man an den Zugang zu den kristallklaren Quellgewässern in der Serra do Amolar kommen kann, wenn ich unseren Gastgeber richtig verstanden habe. Das Satellitenbild zeigt 2 mögliche Zugänge zur Lagoa. Aber beide sehen so aus, als wenn sie nicht richtig durchgängig sind. OK, aber vielleicht geht da unter den Bäumen doch was durch.

    Der erste Zugang scheint schon durch einen Uferwall abgeschnitten zu sein. Der zweite ist schmal, aber fahrbar. Jedenfalls so weit, wie es im Satellitenbild zu erkennen ist. Dann verzweigt es sich, und alle Seitenzweige sind mit Holz und Schwimmpflanzen verblockt und zu flach. Das Satellitenbild hatte 100% recht, die Verbindung ist in der Trockenzeit unfahrbar:




    Also paddeln wir zurück auf den Hauptstrom des Rio Paraguai:




    1½km weiter lächelt uns an der Einfahrt zu einem größeren, stark durchströmten Kanal eine sehr schöne Sandbank an:


    Perfekt für eine längere Badepause. Ich bin irgendwie immer noch geschafft von den gestrigen Strapazen und der heißen Nacht, und bleibe diesmal so lange im Wasser, bis ich anfange zu frieren. Die Fingerkuppen werden auch schon ganz faltig. Was für eine Wohltat, diese Kühle!











    Dazu wimmelt es von Schmetterlingen, die zu Hunderten auf einem feuchten Fleck am Strand sitzen:


    In Bewegung kommt das natürlich viel besser rüber:


    Dem gefährlichen Fisch, der piken soll statt beißen, begegnen wir nicht. Von dem hat unser Gastgeber von heute Morgen erzählt. Sicherlich meint er einen Stachelrochen.

    Kleinflugzeug fliegt in niedriger Höhe. Es ist erst das 2. oder 3. der gesamten Reise, weniger, als ich zuvor annahm.

    Wir überlegen schon, für heute hier zu bleiben. Hinter der Sandbank hat jemand das Gelände vom Busch beräumt, groß genug für ein Nachtlager:


    Bis uns auffällt, dass die Fläche auch noch bepflanzt ist:






    Natürlich wollen wir die Mandioca-Pflanzung nicht zerstören und fahren weiter.

    Wir fahren jetzt auch hier den Nebenweg, weg vom Hauptstrom des Rio Paraguai. Der Kanal mäandriert zunächst 2km schön durch den Sumpf, im Hintergrund die Berge der Serra do Amolar:






    Dann geht es durch eine ausgedehnte Flachwasserzone auf eine Lagoa, die am Ende wieder breit in den Rio Paraguai mündet:








    Blick zurück nach Norden:


    Über den See und den folgenden Hauptstrom haben wir perfekten Rückenwind, gerade so noch nicht zu stark, um keine zu großen Wellen aufzubauen:




    So gelangen wir rasch bis zur Fazenda Dourados, die man schon von weitem am hohen Antennenmast auf halber Höhe des ufernahen Hangs erkennt:


    Nach nur 9km Tagespaddelstrecke heute landen wir bereits um 13 Uhr an:


    Der junge Mann mit der grünen Weste, Carlos Adriano Ximenes, ist ein paar Minuten vor uns angekommen, war ja, wie wir gesehen haben, vorher mit seinem Chef weiter oberstrom unterwegs. Irgendwas treibt ihn, und unser bisheriger indianische Gastgeber fährt ihn mit seinem Boot nach Süden:




    5h später kommen sie zurück.

    Das Boot der Fazenda Dourados wird derweil von 2 weiteren Mitarbeitern der Fazenda Dourados nach Corumbá gefahren. Jetzt ist Freitag Nachmittag, es geht ins Wochenende.



    Das Haupthaus der Fazenda liegt 80m den Berg hoch:




    In dem ufernahen Gebäude (Sala do Gerador) steht der Stromgenerator:


    Wir dürfen auch hier auf dem Gelände wieder problemlos zelten, obwohl das große Schild auf dem Hügel verkündet, não acampar, kein Feuer etc.




    Die ehemalige Fazenda Dourados ist heute eine Basisstation für das private Naturreservat “Reserva Particular do Patrimônio Natural Engenheiro Eliezer Batista” (RPPN, Video 4min). Das Schutzgebiet hat eine Fläche von >126km².

    Das Naturreservat Engenheiro Eliezer Batista gehört(e?) dem Bergbauunternehmen MMX Mineração e Metálicos S.A. und wurde am 21. Juli 2006 durch den Kauf zweier angrenzender ländlicher Grundstücke im Pantanal von Mato Grosso, am Ufer des Paraguay-Flusses, erworben. MMX hat als vorrangiges Nutzungsziel die Umweltforschung und Naturschutzmaßnahmen definiert, die mit lokalen sozioökonomischen Aspekten verbunden werden sollten.
    Das RPPN Eliezer Batista wurde durch die Verordnung Nr. 51 ICMBio vom 24. Juli 2008 gegründet. Um diese Ziele zu erreichen, wurde eine Partnerschaft mit dem Instituto Homem Pantaneiro gegründet. Im Bereich Umwelt übernahm das Institut die Verantwortung für die Verwaltung des gesamten Gebietes, um seine Schutz- und Forschungsziele zu erreichen.
    Das in einer sehr abgelegenen und noch wenig bekannten Region gelegene RPPN zeichnet sich durch die enge Verflechtung der Überschwemmungsebene und der Hügel der Serra do Amolar aus, was zu einer großen Vielfalt an Umweltbedingungen und einer Landschaft von seltener Schönheit führt.


    Blick vom Haupthaus in Richtung Südost den Rio Paraguai stromab:


    Haupthaus:


    Hinter dem Haus steht eine Solaranlage mit Bleibatterie-Speicher und der Wasserturm mit Wasseraufbereitung:






    Im Haupthaus befindet sich neben einer Küche der Speisesaal, der aber auch für alle anderen Zusammenkünfte auf der Fazenda genutzt wird:


    Poster im Speisesaal:


    Weitere Zimmer sind 3 Dormitórios (Schlafzimmer), 1 Laboratório, 2 Banheiros (Bäder), 1 Lavanderia (Wäscherei), und und und … (Lageplan).

    Vor dem ständig bewohnten Haus des Caseiro tummeln sich seine Hühner:




    Unser heutiges Lager:




    Während ich die Erbswurst koche, die wir übrigens erstmals auf dieser Reise mit Büchsenfleisch aufpeppen (SPAM, Rinderhack, sehr gehaltvoll und schmeckt in dieser Mischung!), schaut sich Thomas am Wasser um und entdeckt eine große Schlange am Ufer.

    Ich bin natürlich sofort hingeflitzt, das Essen muss warten:




    Es ist eine Gelbe Anakonda, eine Sucuri-amarela (Eunectes notaeus). Sie wird nicht ganz so groß wie die ebenfalls hier vorkommende Grüne Anakonda (Eunectes murinus). Während die Gelbe fast 6m lang und bis 70kg schwer wird, erreicht die Grüne Anakonda von der Wissenschaft bestätigte 9m und gerüchteweise bis zu 16m Länge! Riesige Monster! Im Pantanal ist die Grüne Anakonda selten, während die von uns gesehene Gelbe Anakonda häufiger anzutreffen ist.

    Ja, die Begegnung war kurz, und ich habe mich auch nicht getraut, sie zu verlängern, indem ich sie zB am Schwanz gepackt und herausgezogen hätte. Ich wusste ja in dem Moment noch gar nicht genau, um welche Art Schlange es sich handelt und ob es nicht zB auch eine gefährliche Giftschlange sein könnte. Nun gut, jetzt weiß ich bescheid (was aber nicht heißen soll, dass ich sie jetzt unbedingt am Schwanz packen würde ).

    Am Nachmittag quellen die Wolken, sie werden dichter und dichter, dann ertönt ein erster ferner Donner aus Bolivien. Das Zelt bekommt heute erstmalig sein Überzelt übergeworfen, das Boot seine Spritzdecke, alles andere wird halbwegs regengeschützt untergebracht:




    Um 4 Uhr nachmittags rum geht's dann auch bei uns los. Naja, ein richtiger fetter Tropenguss ist das noch nicht, die Regenzeit hat ja auch noch nicht begonnen. Nach einer Stunde ist alles vorbei. Wir verbringen diese Zeit oben im Haupthaus in der Hängematte, die diagonal im Flur hängt.

    Die Luft ist nicht abgekühlt, nur feuchter geworden. Diesmal sind wir pünktlich ein paar Minuten vor Erwachen der Mückenplage in den Zelten. Kurz darauf hören wir sie in der feuchten Luft summen, so laut wie noch nie auf dieser Reise.

    Nachts immer wieder Windböen, die sehr unangenehm am Überzelt rütteln. Ich bin mir nicht sicher, ob es in der Nacht wieder regnen wird. Darum lasse ich das knatternde Überzelt die ganze Nacht drauf. Wenigstens kühlt es gegen Ende der Nacht etwas ab. Es regnet nicht noch einmal.

    Angenehm fällt mir auf, dass der Generator, nur 40m von meinem Zeltplatz entfernt, abends und nachts nicht anspringt (und auch sonst nicht, während wir hier zu Gast sind). Offenbar reicht die solare Stromversorgung zusammen mit den Speicherbatterien aus, den Strombedarf des Caseiros und seiner Familie zu decken.

    ---------------------------------------
    Einige Youtube-Links zu Anakonda:
    Sucuri na Pousada Porto Jofre. Anaconda in Pantanal
    Sucurí Gigante Capturada
    Capture Anaconda 5.2m lang
    ATAQUES DE ANACONDAS EM HUMANOS
    12 COBRAS GIGANTES CAPTURADAS NO BRASIL
    TOP 8 - Videos Incríveis de SUCURI ATACANDO
    Sucuri pegando cachorro ,luta para salvar o animal
    Anaconda Attacks | National Geographic
    7m-Anakonda greift Truck an
    Geändert von Spartaner (01.07.2020 um 15:29 Uhr) Grund: 2 Bilder ergänzt

  3. Gerne im Forum

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    28.10.2009
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    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #63
    Hi
    selten einen so gut recherchierten/geplanten und ausführlichen Reisebericht gelesen. Als wäre man selbst dabeigewesen ) Danke dafür. Hast du für die Tier-Bestimmungen ein Bestimmungsbuch (nennt man glaube ich so) dabei gehabt?
    Ein echtes Abenteuer das zum Glück vor dem grossen Corona Shutdown wieder in D seine Ende gefunden hat.

    Ich verfolge die Tour einer Motoradfahrerin, die 2 Wo in Peru im Lockdown steckte und dann mit Sondererlaubnis über Lima mit einem Sonderflug nach Hause gekommen ist.

    Guido
    (•¿•)› *«:::G:::» «:::U:::» «:::I:::» «:::D:::» «:::O:::» * ‹(•¿•) aka Bratgitarre
    - www.faltbootreise.de -
    [

  4. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #64
    Ja, da bin ich auch sehr froh, dass mir noch kein Corona einen Strich durch die Rechnung machen konnte. Es waren ja immerhin ein paar Jahre, die ich mit der Idee schwanger ging. Nur ein Jahr später, und ich hätte alles abblasen müssen. Und es weiß ja auch noch niemand, wie es in den Folgejahren wieder losgeht mit dem internationalen Tourismus.
    Ich kann mir zB gut vorstellen, dass Fliegen generell ein paar Jahre _viel_ teurer sein wird als vor der Corona-Krise. Ganz ohne Zutun von FFF, nur aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen. Dieses riesige, komplexe, extrem effiziente System "Flugverkehr" ist ja erst mal vollkommen am Boden und muss neu in die Gänge kommen.

    Zum Bericht: Ich habe mein Reisetagebuch unterwegs jeden Tag in ein Google Docs-Dokument diktiert (Spracherkennung, die auch offline sehr gut funktioniert, ich mag kein Tippen auf dem Smartphone), und habe natürlich den ganzen Paddeltag und während der Wanderungen den GPS-Track aufgezeichnet. Nachträglich hätte ich mich kaum noch an all die Details erinnern können, oft unterscheiden sich die Tage ja nicht so grundlegend. Und jedesmal, wenn ich WLAN hatte, also viel häufiger, als ich vor der Reise geglaubt hatte, wurden die Google Docs ins Google Drive hochgeladen. Dort konnte Andrea in Berlin dann auch während der gesamten Paddeltour mitlesen, bevor sie selbst zu uns stieß.

    Für die Tier-Bestimmungen hatte ich ein Buch dabei, das einzige papierne Buch auf der Paddeltour. Es handelt sich um "Pantanal Wildlife. A Visitor's Guide to Brazil's Great Wetland", 217x135x11mm, 324g.
    Das Buch führt erst mal ganz gut ein in die Tierwelt des Pantanal. Allerdings hatte ich eigentlich damit gerechnet, dass man sich dann vor Ort hunderten, wenn nicht tausenden Arten gegenübersieht. Also ich hatte ein Gefühl der Ohnmacht, ich könne diese Diversität nie durchdringen. Bis auf ein paar Ausnahmen habe ich unterwegs dann nicht allzuviele Anstrengungen unternommen, die verschiedenen Arten zu bestimmen. Ich habe sie lieber auf Foto gebannt, und hoffte, sie später bestimmen zu können.

    In Wirklichkeit aber ist alles viel einfacher. Die meisten Arten, denen man tatsächlich öfter begegnet, sind in dem Buch beschrieben. Und das ist dann gar nicht mehr so viel, vielleicht doppelt oder drei mal so viel wie bei uns in vergleichbaren Landschaften. Diese Erkenntnis beruhigt mich und gibt Mut, das alles kennen lernen zu können.

    Jetzt während des Schreibens des Berichts bemühe ich mich, alle Arten genau zu bestimmen. Bei den Vögeln und Fischen ist das relativ leicht, da gibt es viel im Netz zu finden. Toll ist auch, dass man im Netz Experten findet, die die Vogelstimmen in den Tonaufnahmen identifizieren können. Bei den Schmetterlingen ist es schon schwieriger, allerdings bin ich auch noch nicht in speziellen Schmetterlings-Foren vorstellig geworden.

    Besondere Schwierigkeiten habe ich mit den Pflanzen. Zu denen gibt es die wenigsten frei erreichbaren Quellen im Netz. Selbst sehr häufige, dominante Arten kann ich nur mit großer Unsicherheit eingrenzen. Aber wenn ich später noch was herausfinde, werde ich das nachtragen.

    Ich habe jedenfalls ein gutes Gefühl jetzt, die Mehrzahl der beobachteten Tierarten sicher ansprechen zu können. Beim nächsten Mal sieht das dann auch vor Ort viel besser aus ....

  5. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #65
    Samstag, 21.09.2019, Mata Cachorro, 28km

    Am 29.9., also in 8 Tagen, wird Andrea in Corumbá ankommen. Von hier, der Fazenda Dourados bis Corumbá sind es noch 188km auf dem direkten Weg, auf dem Rio Paraguai. Das würden wir, strikt durchpaddelnd, in 4 - 5 Tagen schaffen.

    Falls der Wind auffrischt und uns zu kräftig entgegen bläst, könnten wir allerdings auch ein oder mehrere Tage beim Abwettern gefangen werden, so wie es den Kanadiern 2x ergangen ist. Die Wellen auf dem Rio Paraguai können eine beträchtliche Höhe erreichen und uns an der Weiterfahrt hindern. Wir wurden bereits mehrfach vor dem Rio Paraguai gewarnt diesbezüglich.
    Im Moment haben wir aber auf jeden Fall noch genügend Zeitreserve.

    Also haben wir noch prinzipiell 3 - 4 Tage für kleine Abstecher übrig. Und da ich sowieso kein großer Fan von Großem-Strom-Paddeln bin, versuche ich in den kommenden Tagen alles, auf kleineren Seitenkanälen dem großen Strom zu entrinnen und der Tier- und Pflanzenwelt an den Ufern näher zu sein.

    Vormittags nach dem Frühstück treffe ich mich mit Carlos Adriano Ximenes im Speisesaal des Haupthauses. Wir haben hier wieder Internet und die Verständigung klappt mit Google Translate in beide Richtungen ziemlich gut. Er benutzt ebenfalls die Spracheingabe und übersetzt mit seinem Smartphone von Portugiesisch nach Deutsch, ich mit meinem von Deutsch nach Portugiesisch. Es sieht zwar irgendwie befremdlich aus, wie jeder in sein Gerät spricht und dann dem Gegenüber den Bildschirm vorhält, aber es funktioniert. Auch kompliziertere Sachverhalte lassen sich so rüberbringen.
    Carlos Adriano ist übrigens der erste meiner Gesprächspartner, der das mit Google Translate absolut richtig macht. Er spricht in vollen Sätzen langsam, laut und akzentuiert in das Gerät, lässt ihm Zeit für die Übersetzung, und entsprechend gut sind die Ergebnisse. Es funktioniert ausgezeichnet.

    Er arbeitet für die Organisation Instituto Homem Pantaneiro (IHP), der die Fazenda Dourados gehört oder die sie zumindest verwaltet, und die sich für den Schutz der Natur im Pantanal einsetzt. Von hier aus betreut IHP das private Naturreservat “Reserva Particular do Patrimônio Natural Engenheiro Eliezer Batista”. Vor einigen Jahren wurden ein paar kurze Wanderwege in der Serra do Amolar angelegt und markiert, die hier von der Fazenda Dourados aus starten. Nebenbei erwähnt er, dass das IHP auch ab und zu Touristen betreut, hochkarätige Führungen anbietet und Unterkunft vermietet für 1000 - 1500$ die Nacht.

    Lage der Wanderwege im RPPN Eliezer Batista:


    (Trilha Amolar, Trilha Morrinhos und Trilha Mandioré)

    Carlos Adriano wohnt hier mit seiner Familie, ist Caseiro (Hausmeister? bzw Mädchen für alles), führt für das IHP Touristen ins Pantanal und hilft bei Geländearbeiten. Der Umgang mit Landkarten und Satellitenbildern ist ihm offenbar auch vertraut. Ohne zu zögern zeigt er mir den Zugang zur Mata Cachorro mit dem kristallklaren Wasser links des Hauptstromes auf dem Satellitenbild, und zwar ein paar Kilometer weiter den Rio Paraguai stromab von der Stelle, die mir der Indianer gestern früh zeigte. Ja, das sieht sehr sicher aus, ich denke er weiß bescheid und kann sich auf dem Luftbild gut orientieren. Ein wirklich fähiger junger Mann, und ich hoffe, seine Chefs sehen sein Potenzial ebenso und sind bereit, es zu heben und zu nutzen.

    Carlos Adriano weist mich allerdings auch darauf hin, man könne an der Mata Cachorro nicht übernachten, es gebe wenig festes Land und viele Jaguare. Dennoch gehe ich mit einem guten Gefühl aus diesem Gespräch, diesmal dürfte das klare Wasser zu finden sein, wenngleich ich mir nicht so recht vorstellen kann, dass es da linksufrig des Rio Paraguais in der Sumpfebene ähnliche Quelltöpfe gibt wie am Fuße der Berge.

    Er berichtet außerdem, dass vor einem Jahr drei Paddler mit drei Kajaks von Argentinien kommend den gesamten Rio Paraguai stromauf gepaddelt sind bis Cáceres. Sind das am Ende dieselben, von der mir die Frau des Indianers gestern früh erzählt hat? Nur dass ich die Geschichte gestern vielleicht nicht richtig verstanden habe?
    Wir dagegen seien die ersten Paddler dieses Jahr.

    Von der von ihm erwähnten Tour finde ich bisher keine Spuren im Netz. Eine ähnliche Tour aus dem Jahr 2011 ist dagegen dokumentiert. Vier Argentinier versuchten mit Seekajaks den Rio Paraguai 4000km von seiner Quelle bis nach Buenos Aires zu befahren (Bericht 1, 2, Foto). Die Expedition "A La Tierra Sin Mal" begann Mitte Mai und endete im September. "Hermann, Ezequiel, Lucas und Juan rudern zwischen 40 und 60 Kilometer pro Tag, die Summe hängt stark von den Wetterbedingungen ab. In Kajaks trägt jeder von ihnen - abgesehen vom Körpergewicht - durchschnittlich 100kg Nahrungsmittel, Kleidung, Ausrüstung und Zubehör."

    Unser Gastgeber von gestern, der Indio, ist später übrigens auch wieder zugegen.
    Als Carlos mit seinem Sohn fischen gehen will, packen wir zusammen, ich dusche nochmals auf dem schönen sauberen Schwimmsteg, und zum Schluss filtern wir noch mal Wasser in unsere Trinkflaschen. Dabei löst sich offenbar die Achse des Pumphebels und fällt ins Wasser. Das Sicherungsteil von der Gegenseite fällt danach auch herunter, kann aber von Carlos noch auf dem Steg gerettet werden. Schnell reagiert, Carlos, danke! Und eine schwache Leistung vom Hersteller MSR, so ein Teil darf sich doch nicht einfach so während des Gebrauchs lösen!

    Wir ersetzen die Achse durch ein Stück Ast, das durch die Öffnung passt, und ich wickle noch eine Lage Klebeband herum, um den Abrieb am Kunststoff gering zu halten und die neue Holzachse gegen Herausfallen zu sichern:


    Nach der Tour hat die Garantieabwicklung über Sportgigant.at, wo ich den Filter im März 2017 relativ günstig gekauft hatte, völlig problemlos und schnell funktioniert. Mit dem zugeschickten Ersatzteil konnte ich die Reparatur selber durchführen. Einziges Problem war, die Klebstoffreste vom Klebeband wieder sauber zu entfernen, ohne den Kunststoff mit aggressiven Lösungsmitteln anzugreifen.

    10 vor 10 legen wir ab. Auf dem großen Strom haben wir mäßigem Gegenwind. Zum Teil können wir uns im Windschatten der Ufervegetation halten. Erst später am Tag frischt der Wind auf und es zeigen sich vereinzelte Schaumkämme auf den Wellen. Da habe ich dann nicht mehr zur Kamera gegriffen, da bin ich gepaddelt.



    Die Flussinsel (Map) umfahren wir links:


    Auf der flachen Sandbank vor der Insel rasten Vögel:


    Es sind ~60 Scherenschnäbel, 2 Großschnabel-Seeschwalben, 4 Amazonasseeschwalben, 4 Herbstpfeifgänse und 2 Witwenpfeifgänse:


    Ausschnitt aus dem vorletzten Bild, welchen ich ausnahmsweise in Originalauflösung belassen habe:


    Die größte Ansammlung von Wasservögeln hier am Rio Paraguai!

    Blick zurück nach Nordwesten auf die Berge der Serra do Amolar:




    Zum Abschied von diesem schönen Gebirge gibt es hier noch verlinkt ein schönes Schrägluftbild aus Süden auf die Sierra do Amolar (Quelle). Zur Orientierung: ganz links die Laguna Mandioré, im Bildzentrum die Sierra do Amolar, und rechts der Rio Pagaguai und das brasilianische Pantanal, offenbar bei Hochwasser.

    Wir versuchen wegen dem Wind im Windschatten der Ufervegetation zu bleiben:




    Zeitweise lässt der Wind auch nach:




    ¼1 erreichen wir die Fazenda und Porto São Pedro (Map):






    Eigentlich wieder eine vielversprechende Fazenda, mit Flugstreifen und schickem Schnellboot/Bayliner am Ufer. Wir legen an, könnten wir doch hier vielleicht noch zusätzliche Informationen zur Mata Cachorro erhalten.



    Aber wieder ist das Anwesen zerfallen. Zwei Schwarze wohnen zZ hier. Der jüngere der beiden lebt in dem einen großen Raum des Haupthauses. Die Hälfte des Raumes ist mit Bauschutt angefüllt. Im Rest steht ein Tisch, ein paar Sitzgelegenheiten, ein großer alter Kühlschrank, und es läuft ein Fernseher. Er will das Haus offenbar nach und nach wieder herrichten.

    Neue Infos zur Mata Cachorro bekommen wir nicht. Immerhin kennt er die Örtlichkeit in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Theoretisch könnten wir hier 200m über Land umtragen und könnten dann in die großen flachen Lagunen einsetzen, die ebenfalls nach ~8 bzw 11km zur Mata Cachorro führen. Aber den Aufwand sparen wir uns.
    Dann fragen wir noch, ob wir hier kaltes Bier kaufen können und was das kostet. Ich verstehe erst 2R$ , aber er wollte uns mitteilen, dass er nur alkoholfreies Bier hier habe. Kein Problem, nehmen wir.
    Wir bekommen jeder eine kleine Flasche alkoholfreies. Eine Wonne, wie dieses edle Getränk an solch heißen Tagen die Kehle hinunterrinnt.

    Noch im Stehen merke ich, wie etwas an meinen Aldi-Latschen herumhackt. Ein vorwitziger kleiner Papagei, ein Mönchssittich (Myiopsitta monachus), macht sich an mir zu schaffen. Wir sitzen im dunklen Raum, wohlgemerkt.
    Er hört auch nicht auf, als wir uns mit den Bieren setzen. Der Sittich erklimmt meine Hose, die Hosenfalten bieten ihm Halt, bis er auf meinem Knie sitzt:


    Dann steigt er auf meinen angebotenen Zeigefinger und lässt sich auf meiner Schulter absetzen. Grad so, als wenn wir uns schon jahrelang kennen würden. Er flüstert mir auch etliche interessante Sachen ins Ohr, die ich aber mangels entsprechender Sprachkenntnisse nicht interpretieren kann. Meine Ohrläppchen lässt er heile.



    Thomas nimmt ihn auch mal und wir machen ein paar Fotos:






    Wirklich lustig, das Tierchen, und macht einen hochintelligenten Eindruck. Der wusste genau, was er tut und wie er uns zu nehmen hat.
    Nach einer halben Stunde zahlen wir 10R$ für unser Bier und verabschieden uns.

    Wieder auf dem riesigen Rio Paraguai:


    Der Strom ist hier etwa 400m breit.

    6km weiter finden wir die Einfahrt zur Mata Cachorro. Sofort fällt das klare Wasser auf, dunkelbraun wegen schlammigem Grund, aber ein wahnsinns Kontrast zu den schwebstoffreichen trüben Brühen der Rios Vermelho, São Lourenço, Cuiabá und Paraguai:


    Auch im Satellitenbild ist der Unterschied der beiden Wassermassen sehr gut erkennbar:

    Link zum Google-Satellitenbild

    Der Kanal ist im Satellitenbild 15 - 20m breit, aber jetzt von beiden Ufern stark zugewachsen mit großgewachsenen Exemplaren der Dickstieligen Wasserhyazinthe (Eichhornia crassipes). Die verbleibende Fließrinne ist vielleicht 5m breit und strömt uns mäßig entgegen.

    Nach 250m kommt von Norden ein weiterer breiter Kanal dazu (Map), seitdem strömt es mit uns.

    Lagune im Norden, die von hier in 2 Richtungen entwässert:


    Weiterer Verlauf unserer Paddelstrecke, weitgehend zugewachsen, jetzt mit uns strömend:


    Der Kanal schlängelt sich sehr schön durch die sumpfige Landschaft. Baumreihen zeigen höheres Land an, vielleicht alte Uferwälle:




    Der Wind lässt hier im Schutz der Bäume schnell nach und man hört wieder mehr von der Tierwelt. Zweimal flüchten große Kaimane, die wir zwar vorher nicht gesehen haben, die sich aber durch mächtiges Welle-Schlagen verraten. Wenigstens spritzen sie uns heute nicht das Boot voll.

    Nach 2km geht es 800m nordöstlich über einen See:




    Am Nordende des Sees verfahren wir uns etwas in den Schwimmpflanzen-Beständen:


    Man wäre auch über freies Wasser durchgekommen.

    Danach geht es gegen eine erhebliche Strömung das Sumpfland hoch. Das Wasser wird jetzt noch einmal bedeutend klarer:


    Das muss es sein, ich denke hier haben wir die eigentliche Mata Cachorro gefunden. Das Wasser ist einige Meter tief, wechselnd vielleicht 2 - 4m. Der Grund ist jetzt stellenweise auch hell sandig, so dass man ihn sehen kann und nicht nur in schwarze unergründliche Tiefen blickt.

    Es ist jetzt 15 Uhr. Wenn wir hier tief drin in der Wildnis keinen geeigneten Zeltplatz finden, dann müssten wir wieder rausfahren zum Rio Paraguai. Das widerstrebt mir sehr, möchte ich morgen doch noch viel weiter hier reinfahren.

    Die Ränder des Freiwassers sind fast immer von den Wasserhyazinthen eingenommen. Dann folgen schwimmende Seggenwiesen, die auch voll im Wasser stehen bzw auf ihm schwimmen. Dann gibt es Flächen, die von dem Knöterich bestanden sind, der die Sandbänke am Fluss überwuchert. Hier probiere ich aus, ob das Land darunter fest und trocken genug ist, um darauf zu zelten. Grenzwertig, der Untergrund gibt immer noch ziemlich nach. Ich hätte es im Notfall vielleicht gemacht, aber Thomas ist gegen Feuchtigkeit am Lagerplatz allergisch.

    200m weiter stromauf sehe ich aber schon Bäume bis ans Wasser ragen:




    Das sieht verheißungsvoll aus. Wenn es da keine Möglichkeit gibt, dann kehren wir halt um.

    Das Wasser wird flacher, der Grund ist trittfest:


    Wir zwängen uns zwischen ein paar Ästen hindurch und kommen an Land:






    Wir haben großes Glück, das Land ist hier gut erreichbar und trocken und der Platz ist ziemlich einladend. Zwar müssen wir ein paar stachlige Palmen und Schlingpflanzen wegsägen und weghauen, aber danach haben wir ausreichend Freifläche. Wasserschwein-Losung.

    Über unserem Landeplatz die Nester der Stahlkassike, Solitary Black Cacique, Iraúna-de-bico-branco ((Pro)Cacicus solitarius):


    Die Vögel selbst schwirren auch hier herum, bereichern den Sound des Dschungels, aber es gelingt mir kein Foto von ihnen. Darum hier eins aus dem Netz:

    Foto Francesco Veronesi, CC BY-SA 2.0

    Eigentlich will ich ja nicht noch einmal das Glück herausfordern und noch einmal so tief und einsam im Jaguarland zelten, wo es schon wieder heißt, hier leben besonders viele Jaguare, wie Adriano extra gewarnt hat. Aber rein vom Zeitablauf wäre es nun mal heute Abend sehr unpraktisch, noch mal aus diesem schönen Gebiet herauszufahren. Am Ufer des großen Stromes wäre es übrigens auch nicht unbedingt sicherer als hier. Vor allem hätten wir auch dort wieder ein ganzes Weilchen nach einem Schlafplatz suchen müssen.

    Mein Zelt kommt auf einen eigenartigen Platz, der frei von Falllaub ist. Der gäbe einen schönen Jaguar-Ruheplatz ab:


    Schnell stehen die Zelte, ich dusche im klaren Wasser, wir füllen unsere Wasserflaschen auf. Feierabend.





    Das Kochen sparen wir heute und knabbern ein paar süße Kekse. Die Hitze ist einfach noch zu groß, selbst hier im Schatten des Blätterdaches.

    Hier sind wir wirklich an einem einzigartigen Platz im Pantanal, tief abgelegen in der Wildnis. Ein schöner Sonnenuntergang, viele Tierstimmen am Abend, Vogelkonzert, Brüllaffen-Chor, mehrfach bewegte Unterwasserjagd vor unserem Rastplatz. Für mich ist so etwas wie hier der perfekte Ort, das Pantanal zu erleben.









    Es gibt kaum lästige Insekten. Selbst nach Sonnenuntergang hält sich die Mückenplage in Grenzen. Ich hoffe, dass uns der Jaguar diese Nacht ferner bleibt als vor 3 Tagen. Die Grenzen unseres Reviers hier haben wir jedenfalls zu allen Seiten hin markiert.
    Geändert von Spartaner (12.06.2020 um 09:57 Uhr)

  6. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #66
    Sonntag, 22.09.2019, Mata Cachorro, 17.5km

    Es ist sehr still hier in der Nacht, einige Insekten und Laubfrösche sind zu hören, aber kaum Vögel. In der Ferne hört man bei der Stille gerade so noch die vereinzelten Schiffe auf dem 3km Luftlinie entfernten Rio Paraguai.

    Im Morgengrauen erwacht die Natur wieder. Ich liege im Zelt und schnappe ich mir das Tonaufnahmegerät:


    Um 6 Uhr rum hört sich das so an:


    Das ist eine reine Tonaufnahme. Dominant im Vordergrund ist ein Ockerbauch-Schattenkolibri, Buff-bellied Hermit, Rabo-branco-de-barriga-fulva (Phaethornis subochraceus Todd, 1915) zu hören. In der Ferne brüllen ein paar Brüllaffen, und 3 mal hört man das tiefe Brüllen der Kaimane in der Nähe.

    Ich habe meine Tonaufnahme im Video zusätzlich illustriert mit einem Foto des Ockerbauch-Schattenkolibris, welches mir Gerald, unser ODS-Wildniswanderer, zur Verfügung gestellt hat. Er hat es 2016 im Noel Kempff Mercado Nationalpark aufgenommen, und zwar oben auf dem Huanchaca-Plateau, einem der entlegensten Orte in Südamerika, ~550km nordöstlich von meinem Standort hier im Sumpf an der Mata Cachorro.

    Die Huanchaca-Hochebene ist eine sehr abgelegene, riesige Sandstein-Meseta, die sich 500m über den umgebenden Regenwald zu einer Hochebene aus Grasland und trockenen Cerradowäldern erhebt, von wo aus spektakuläre Wasserfälle die steile Böschung hinunter in die Flüsse des Parks stürzen. Diese abgelegene Hochebene erstreckt sich über 7000km², knapp die Hälfte des Nationalparks, und inspirierte Sir Arthur Conan Doyle zu seinem Roman ‘Die vergessene Welt’ - zumindest laut Colonel Percy Harrison Faucett, dem legendären britischen Entdecker, der die Hochebene als erster Europäer sah, als er 1910 hierher kam, um die Grenzen Boliviens zu vermessen, und der die Landschaft später Conan Doyle in London beschrieb.

    Das Brüllaffen-Bild ist aus https://youtu.be/_NHBKei0gPE
    Der Kaiman-Ausschnitt ist stumm und beschnitten aus https://youtu.be/dzX9q-9Rj4g, wobei der Ton aber mein Originalton ist.


    Später sitze ich beim Frühstück mit Blick auf das Wasser und dem Kaffee in der Hand, da taucht direkt vor mir groß ein Riesenotter auf, schaut mir in die Augen und taucht wieder ab. Wieder gibt es eine wilde Unterwasserjagd vor unserem Lagerplatz.





    Das ist der Blick aufs Wasser, den Augenblick selbst habe ich natürlich nicht festhalten können, das ging alles zu schnell.

    Die Cacique, schwarze Vögel in Amsel-Größe, füttern wieder ihre Kleinen an den Hängenestern überm Boot.

    Heute machen wir einen Sonntagsausflug die Mata Cachorro aufwärts. Mal sehen, wie weit wir kommen.

    Kurz vor 9 sind wir bereits auf dem Wasser. Wir paddeln die Mata Cachorro weiter aufwärts gegen den Strom:








    Wieder schlängelt sich eine schmale offene Fließrinne durch ein breites Flussbett, welches von Unterwasser- und Schwimmblattpflanzen eingeengt wird, welches fast das gesamte Flussbett einnimmt, hauptsächlich die Azurblaue Wasserhyazinthe (Eichhornia azurea):






    Kann es sein, dass der Nährstoffgehalt des Wassers hier schon so gering ist, dass die Wasserhyazinthen kaum noch groß wachsen?

    Blüte einer Unterwasserart:


    Sehr schön, dieser Bach oder besser Fluss. Die Breite des offenen Gerinnes beträgt zwar nur 1 - 5, maximal 10m, aber der Durchfluss gleicht etwa dem der Müggelspree oder auch mehr. Viel fließt auch noch unter der Eichhornia-Pflanzendecke ab, die das offene Gerinne einengt. Wieviel das ist, lässt sich nur schwer einschätzen.

    Man sieht das ganz gut hier in diesem Ausschnitt aus der Google-Satellitenkarte:

    Link zur Google-Satellitenkarte mit meinen Tracks von heute

    Die grünen Bereiche sind Seggenwiesen und Wald- bzw. Buschgruppen. Der breite dunkle Bereich ist das eigentliche Gewässer, also ein Fluss von ~100m Breite, der hier von Ost nach West strömt. Der größte Teil der Fläche ist aber von Schwimmpflanzen, zB der Azurblauen Wasserhyazinthe (Eichhornia azurea) bewachsen. Die freie Fließrinne ist auch hier im Bild nur ~5 - 10m breit, manchmal gibt es auch breitere offene Ausweitungen. Es wird im weiteren Verlaufe der Trockenzeit aber sicher auch Phasen geben, wo die gesamte Oberfläche des Flusses mit Schwimmblattpflanzen zugewachsen ist.
    Wir müssen ganz schön paddeln und kommen nur langsam gegen die flotte Strömung und den teilweise heftigen Gegenwind voran (3.2 - 3.3km/h).

    Die Landschaft drumherum ist geprägt von großflächigen Seggenwiesen und Büschen und niedrigen Bäumen, die teilweise voll im Wasser stehen:


    Und ganz in der Ferne sieht man noch die Berge der Serra do Amolar über die Sumpfebene des Pantanal ragen.







    Teilweise sind ehemals hohe Wälder abgestorben, es ragen nur noch kahle Stämme empor:




    Ganz selten ist es auch mal über die gesamte Breite zugewachsen, so dass wir uns durch die Wasserhyazinthen kämpfen müssen, und ganz selten verzweigt es sich, wobei wir auch da mal in zugewachsene Enden geraten.

    Oft sind die Ufer unzugänglich:


    Selten gibt es seenartige Erweiterungen, und selten auch hohe Bäume auf kleinen Landflecken:






    Das Wasser ist für einen Sumpf im Flachland extrem klar:






    Der Grund ist von Wasserpflanzen bestanden, dunkel schlammig oder torfig oder sandig hell. Manchmal vertieft sich das Gerinne mehrere Meter, dann scheint der Grund aus Lehm oder Torf zu bestehen. Wobei ich jetzt gar nicht sicher bin, ob in diesen tropischen Sümpfen überhaupt Torf akkumuliert.

    An den Büschen und Bäumen erkennt man vielerorts eine scharf abgegrenzte Wasserlinie, die den höchsten Wasserstand der letzten Monate anzeigt, mehrere Meter hoch, vielleicht 2 - 3m über dem jetzigen Stand:








    Zu Hochwasserzeiten steht hier also alles flächendeckend unter Wasser, auch die zZ trockenen Landflächen, auf denen die Baumgruppen stehen.

    Tiere sind nicht sehr häufig zu sehen. Aber manchmal haben wir Glück. Selten flüchtet ein zwischen den Schwimmblattpflanzen liegender Kaiman mit lautem Platschen, öfter noch sehen wir Wasserschweine. Auch hier mehrfach panische Flucht ins Wasser mit ihren typischen Köppern.

    Wasserschwein ♂


    Eine neue Art, der Fischbussard, Black-collared hawk, Gavião-belo (Busarellus nigricollis):






    Schwarzbussard, Great black hawk, Gavião-preto (Buteogallus urubitinga):


    Riesenotter:






    Cocoireiher:


    Fische sehen wir während der Bergfahrt wenige, zurück viel mehr. Die einzigen Fische, die ich wiedererkenne, sind von einer Art mit 3 großen dunklen Flecken Richtung Schwanz, dem Dreipunkt-Engmaulsalmler, Piau-Três-Pintas (Leporinus friderici):

    Foto: Citron CC BY-SA 3.0

    Er kann eine Länge von ~40cm und ein Gewicht von ca. 1½kg erreichen und ist ein beliebter Speisefisch.

    Um 10, nach 4.3km stromaufpaddeln, verlassen wir den Bereich des Satellitenbildes, dass ich vor der Tour heruntergeladen hatte. Ab jetzt fahren wir völlig ohne Karte durch dieses reich strukturierte Sumpfgebiet. Ich fühle mich dennoch recht sicher, denn allzu viel kann ja nicht schiefgehen. Zurück müssen wir ja nur dem strömendem Wasser folgen. Außerdem haben wir den GPS-Track auf dem Smartphone.

    Um 11, nach knapp 7km stromaufpaddeln, erreichen wir den Abfluss eines Sees, markiert durch einen Motorradhelm, der auf einem Baum aufgepflanzt wurde. Oh menno, waren wir wieder nicht die ersten hier



    “So erhält mein Gefühl in der Wildnis zu sein, leider erst einmal einen Knacks…” ©

    Extrem flach führt ein Kanal nach Süden in Richtung See bzw. Sumpf:






    Das Wasser fließt aus dem See heraus. Das spricht wohl für ablaufendes Hochwasser, denn von Süden nach Norden sollte hier ansonsten nicht viel fließen, oder?.

    Auf den See/Sumpf fahren wir nicht weiter raus. Der Wind bläst uns entgegen, wir kehren um und machen auf einer sehr flachen, nassen Sandbank ½h Steh- und Duschpause:


    Gehäuse der Apfelschnecke:


    Apfelschnecken, die Aruás (Pomacea lineata) findet man häufig in den Sümpfen des Pantanals.





    Nach der erfrischenden Pause paddeln wir die Mata Cachorro weiter stromauf. Der Fluss wird flacher, Baumreste und kleinere lebende Bäume stehen direkt im Flussbett. Die Strömung zieht ganz schön, aber der Grund ist flach und fest genug um zu stehen. Hier könnte ich mal schnorcheln gehen. Bisher habe ich mich nicht getraut, aus dem Boot zu steigen, weil ich ohne Stand nur mit großer Anstrengung und alles nass machen wieder hereingekommen wäre. Aber hier kann ich mal versuchen, mich unter Wasser umzusehen. Ein Stachelrochen oder eine Anakonda sind gerade nicht zu sehen.

    Wir binden den Kahn an einem Baum fest:


    Blick von oben aufs Wasser:




    Selbe Stelle, Blick stromab:


    Man erkennt ganz gut, wie schnell es hier strömt. Besser erkennt man das noch in dem Video hier:


    Ich gehe mit Tauchmaske rein, aber ohne Schnorchel und Flossen, die waren mir zu sperrig zum Mitnehmen. Die Maske habe ich schon seit 1992, mit starken optischen Gläsern aus dieser Zeit. Die Gläser sind nicht mehr ganz die richtigen, ich hatte so um die -6 Dioptrien und das hat sich seit den 90ern noch um 1 - 2 Dioptrien verstärkt und auch die Zylinderwerte verändert. Trotzdem ist die Sicht mit diesen Gläsern um Welten besser als ganz ohne Optik. Der Maskenkörper war nach 27 Jahren unter der Nase bereits verhärtet, und so habe ich das selbe Modell(!) vor der Tour nachgekauft und die uralten Gläser in den neuen Maskenkörper eingesetzt. Funktioniert bestens!

    Das Wasser ist absolut klar und ich schätze 6 - 8m Sichtweite unter Wasser, deutlich mehr als eine Bootslänge:


    45s Video unter Wasser von der selben Stelle in Zeitlupe mit ½ Originalgeschwindigkeit:


    Der Huminstoffgehalt ist gering. Mir ist ein Rätsel, wo all dieses Wasser herkommt. Ist das noch das ablaufendes Hochwasser? Wir sind ja hier schon im unteren Bereich des Pantanal, wo das Wasser später abläuft. Oder wird dieser Abfluss von einem Fluss gespeist? Ich vermute ersteres. Es sammelt sich halt von einer sehr großen Fläche.

    Lange bleibe ich nicht drin. Es ist auf Dauer auch gar nicht so warm. Eine ¼h später paddeln wir weiter stromauf. Die offene Fließrinne wird noch enger, so um 1m breit. Nach 400m endet der offene Kanal des Hauptlaufes. Er ist jetzt vollständig zugewachsen, aber im Satellitenbild noch über mindestens 12km klar zu erkennen (Fazenda Marilândia):

    GoogleMaps-Link

    Stattdessen kommt ein offenes Gerinne von Norden dazu:


    Dem folgen wir noch für ~200m und befinden uns jetzt am Auslauf eines weitläufigen Sumpfgebietes. Vor uns liegt eine ~13km² große offene Sumpffläche. Erst 2 bis 3km quer über den Sumpf sind wieder Baumbestände zu erkennen:


    Der größte Teil der Fläche ist mit Wasserhyazinthen und anderen Sumpfpflanzen bewachsen, es sind aber auch immer mal offene Wasserflächen eingestreut (Map).


    Hier beenden wir unseren heutigen Vorstoß in die Sumpfwildnis des Pantanal. Ich sende mit dem InReach Mini eine "Alles OK"-Meldung außer der Reihe vom tiefsten Inneren des Pantanals, welches wir erreicht haben. Wir sind ~9km Luftlinie vom Rio Paraguai entfernt. Hier ist weit und breit keine Siedlung möglich.

    (Fortsetzung folgt. Der Tag wurde geteilt, weil mehr als 3 Videos in einem Post nicht zugelassen sind )
    Geändert von Spartaner (20.06.2020 um 15:18 Uhr)

  7. Anfänger im Forum

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    25

    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #67
    einfach mal ganz großer Dank für diesen intensiven Bericht,

    das Lernen und Staunen hält an

    Knuttchen

  8. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #68
    (Fortsetzung 22.9.2020, Mata Cachorro)

    Auch hier strömt es uns gut entgegen. Eine wirkliche Fließrinne ist voraus aber nicht mehr klar zu erkennen. Es ist tiefer als an der vorherigen Stelle und so verzichte ich darauf, selbst ins Wasser zu gehen. Wahrscheinlich wimmelt es hier von Piranhas, Kaimanen und Anakondas

    Aber die Kamera halte ich unter Wasser und kann so auch erstmals ein paar Fische “einfangen”:


    Neben den bereits bekannten Dreipunkt-Engmaulsalmlern sieht man einige xxx.
    Sieht von der Zeichnung her sehr ähnlich aus wie ein Augenflecksalmler, Aphyocharax paraguayensis, aber der ist nur bis 4.5cm lang. Meiner scheint mir deutlich größer zu sein, vielleicht 10 oder 20cm lang, und die helle “Seitenlinie” ist viel klarer gezeichnet.

    Diese Art ist also noch unbestimmt:


    Wir könnten jetzt die große Sumpffläche noch weiter vorwärts kommen. Aber das erscheint mir nicht mehr richtig spannend. Nach einer ¼h kehren wir um und verlassen diesen zivilisationsfernsten Ort, den wir im Pantanal aufgesucht haben.

    Beginn des Rückwegs:


    Mit der Strömung paddelt es sich federleicht:














    Auf dem Rückweg versuchen wir weitere Filmaufnahmen. Über Wasser mit der Sony RX10M4, Unterwasser mit der neuen Olympus TG-6.

    Überwasser:


    Unterwasser sieht es auch gut aus:


    An Fischen sind 3 Arten zu sehen, zuerst ein paar Dreipunkt-Engmaulsalmler, dann einige Piraputanga (Brycon hilarii, der mit der roten Schwanzflosse), und eine große Schule einer dritten Art, die ich nicht sicher erkennen kann. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um den Barbensalmler (Prochilodus lineatus).

    Die letztgenannte Art ist die am häufigsten vorkommende Fischart im gesamten Flusssystem des Río de la Plata, wozu auch der Rio Paraguai und das Pantanal gehören. Rund 60% der gesamten Fischbiomasse stellt alleine diese eine Art!
    Sie fressen Detritus, also abgestorbene Pflanzenteile, und bilden die wichtigste Nahrungsgrundlage vieler größerer Raubfische, wie zB dem Dourado und den Pseudoplatystoma-Welsen.
    Richtig ausgewachsen ist der Barbensalmler um 45cm lang, die größten Exemplare erreichen 80cm Länge und eine Masse von 9kg. Er wird auch in industriellem Maßstab befischt, Fischmehl und Fischöl daraus exportiert, was seine Bestände in Argentinien bereits örtlich bedroht.

    Fremdbild, auf dem man die Fische besser erkennt:

    Eine Schule Barbensalmler, Prochilodus lineatus (und ein einzelner Piraputanga, Brycon hilarii, oben links)
    Foto Jonas Techy Potrich, CC BY-SA 3.0

    Meine Unterwasseraufnahmen scheinen recht dunkel zu werden. Ich hatte das Gerät so eingestellt, dass sich die Belichtung während des Filmens nicht ständig automatisch anpasst. Und da die Kamera die Belichtung über der Wasseroberfläche fixiert hat, wurde es darunter zu dunkel. Die zu dunklen Aufnahmen ließen sich aber in der Nachbearbeitung aufhellen.
    Um das Ergebnis kontrollieren zu können kopiere ich die Filme aufs Smartphone. Allerdings ist es auch damit in der prallen Sonne nahezu unmöglich, die Aufnahmen ausreichend einzuschätzen.
    Teilweise sind die Filmchen was geworden. Ich musste nur erkennen, dass die Clips mit den derzeitigen Voreinstellungen nach 1min19sec automatisch enden (Aufnahme 120 Bilder pro Sekunde, FullHD, Wiedergbe mit 30fps, kein Ton).

    Andere haben das Gebiet übrigens auch bereits als außergewöhnlichen Tauchplatz entdeckt: “Mata Cachorro River, by Luciano Candisani”, und ich bin sicher, auch diese schönen Filmchen sind hier in der Nähe entstanden: Swimming with Brazil's Caimans, und “Croc”.

    Für die Nacht wollen wir einfach unseren letzten Übernachtungsplatz wieder ansteuern. Andere Möglichkeiten sehen wir unterwegs nicht.

    Kurz vor dem Ziel beobachten wir ein Wasserschwein, dass cool zwischen den Uferpflanzen sitzen bleibt, und sich weder von uns noch von der Jaçanã (Rotstirn-Blatthühnchen) stören lässt:




    Wir beobachten noch das Wasserschwein, da kommt doch am späten Nachmittag tatsächlich noch ein Schnellboot mit 3 Männern angerast, 2 Angeltouristen und ihr indianischer Bootsführer:


    Das Boot heißt “Celebridade” = Ruhm, Berühmtheit:


    Der Name des Bootes verrät uns, woher es kommt. Die Touristen wohnen auf dem Barco Hotel "Celebridade", einem Schiffshotel mittlerer Größe, welches Corumbá als Heimathafen hat und regelmäßig Angeltouristen auf dem Rio Paraguai spazieren fährt (Werbefilmchen Barco Hotel Celebridade - Expedição Pantanal 2017). Auf deren Facebook-Seite sieht man, dass auch hier noch regelmäßig prächtige, große Fische aus dem Wasser gezogen werden.

    Kurz darauf kommt ein zweites Boot, später noch ein drittes. Das dritte kehrt nach wenigen hundert Metern um, die anderen beiden rasen erst wieder nach Sonnenuntergang an unserem Schlafplatz vorbei. Keiner scheint unser Lager erkannt zu haben, vermuten wir. Wir habe auch extra das Boot an Land gezogen, ich möchte hier nicht unbedingt wahrgenommen werden.





    17½km sind wir heute unterwegs gewesen. Abends habe ich noch einmal eine "Alles OK"-Meldung abgesetzt. Heute ging sie, im Gegensatz zu gestern, ohne Probleme mit dem GPS-Empfang raus, wenn auch erst nach langer Wartezeit. Ich finde es aber schon bemerkenswert, dass mein Billig-Smartphone problemlos ein genaues GPS-Signal bekommt, der Spezialist Garmin beim InReach Mini aber Schwierigkeiten mit dem GPS-Empfang unterm Blätterdach hat.

    Die Strava-Heatmap, die mir schon die Wege der Jaguar-Touristen anschaulich machte, zeigt mir hier einen einzigen Track, der in die Mata Cachorro führt:


    Dieser führt bis zu dem Abzweig in den See, der mit dem Motorradhelm markiert war, und dann einen See, der von da aus weiter im Westen liegt. Ganz sicher wieder ein Angelrevier. Das rote Kreuz, dass ich weiter östlich eingezeichnet habe, ist der Punkt, an dem wir heute letztlich umgekehrt sind.




    Die Katastrophe am Rio Taquari

    Von der ‘Katastrophe am Rio Taquari’ habe ich erst 3 Tage später das erste mal etwas gehört. Aber inhaltlich passt es hier.

    Der Rio Taquari, in dessen nassem Delta wir uns gerade aufhalten, ist ein 842km langer linker Nebenfluss des Rio Paraguai. Er war früher schiffbar und eine wichtige Lebensader des Pantanal. Sein riesiger Schwemmfächer von 55509km² nimmt 36% der Gesamtfläche des saisonal überschwemmten Pantanals ein (Taquari megafan):

    Bild Embrapa, Open Access Embrapa Technological Information Repository, verändert

    Damit ist der Schwemmfächer des Rio Taquari fast 10x größer als das Donaudelta und mehr als doppelt so groß wie das Nildelta!

    Das folgende Bild zeigt einen Bereich des Deltas des Rio Taquari zu 2 verschiedenen Zeitpunkten, Dez 1984 und Dez 2016:


    2016 sind die dunklen Bereiche im Bild deutlich größer als 32 Jahre zuvor. Im Vergleich lässt sich das schön nachvollziehen. Das animierte Vollbild mit den beiden Abbildungen im Wechsel sieht man nur, wenn man auf das angezeigte Bild klickt.

    Hier ein ähnlicher Vergleich Sep 1989 zu Aug 2014, also garantiert ohne jeden Einfluss der Regenzeit.

    Diese dunklen Bereiche sind Sumpfländer, dauerhaft überschwemmtes Gebiet, genau solche Wasserflächen, wie wir sie an unserem zivilisationsfernsten Punkt im Pantanal überschaut haben (Bild). Tatsächlich haben sich diese Flächen hier stark ausgebreitet, viele Farmen auf ehemals trockenem Land sind im Laufe von 2 - 4 Jahrzehnten abgesoffen. Was ist da passiert?

    Der Grund für die ‘Katastrophe’ ist die verstärkte Erosion im hochgelegenen Einzugsgebiet (EZG) des Rio Taquari, also oberhalb der Stadt Coxim. Zwar gab es hier schon natürlicherweise eine hohe Erosion (ohne deren Sedimente wäre der Sedimentfächer des Rio Taquari nicht zu seiner enormen Größe angewachsen), aber die drastisch verstärkte Erosion im EZG hat in den letzten 40 Jahren zu massiven Veränderungen am Fluss Taquari geführt.

    Erosion im EZG des Rio Taquari:

    Bild Embrapa, Open Access Embrapa Technological Information Repository

    In den 70er Jahren gab es Regierungsprogramme, die finanzielle Anreize gaben, um die damals wenig erschlossenen Weiten des Westens Brasiliens zu kultivieren. Hervorzuheben ist POLOCENTRO, ein Bundesprogramm von großer Bedeutung, das zwischen 1975 und 1984 in der Cerrado-Region umgesetzt wurde.
    Im Jahr 1977 nahmen Äcker und Weiden nur 3.4% des Alto-Taquari-Beckens ein, der Rest war noch Natur, überwiegend Cerrado-Waldsavanne. Damals wurde nach der Abholzung 2 oder 3 Jahre lang Reis angebaut, später wandelten sich diese Gebiete zu Weideflächen für Rinder.

    Um das Jahr 2000 maßen die von Landwirtschaft und Viehzucht genutzten Flächen 61.9% des EZG, d.h. in nur 26 Jahren nahmen die von Landwirtschaft und Viehzucht genutzten Flächen mehr als 18-fach zu.

    Diese Zunahme der Landnutzung mit der damit verbundenen Entwaldung und Zerstörung des Oberbodens bewirkte die massive Erosion der Landflächen. Die Sedimente wurden vom Rio Taquari in sein Delta transportiert und lagerten sich in den langsamfließenden Abschnitten ab. Zunächst erhöhen sich dabei die Uferbänke und der Flussgrund wächst mit. Später werden die Uferbänke während Hochwasser an manchen Stellen durchbrochen und der Fluss ergießt sich in das tieferliegende Umland, sucht sich einen neuen Lauf, verzweigt sich, etc. So wird nach und nach das gesamte tiefliegende Land erhöht. Die ursprünglich auf höhergelegenen Stellen errichteten Fazendas werden vom wachsenden Sumpf verschlungen. Das ist in diesem Gebiet tatsächlich dutzende Male passiert. Heute existiert entlang des früheren Flusslaufes des Rio Taquari kaum noch eine intakte Fazenda. Im Film “Ruivaldo, o Homem que Salvou a Terra” (“Rivualdo, der Mann, der das Land gerettet hat”) zeigen die ersten Aufnahmen die überschwemmten Gebiete des Schwemmfächers des Rio Taquari, am Ende die Reste seiner Farm.

    Seit mindestens 20 Jahren wird die Katastrophe wissenschaftlich untersucht und im EZG werden Maßnahmen umgesetzt, um die Erosion einzudämmen, Aufforstung etc.

    Die im Luftbild oben schwarz erkennbaren ständig unter Wasser stehenden Sumpfflächen sind relativ gut vom Wasser des Rio Taquari durchströmt. Dabei bleiben mineralische Schwebstoffe und Algen nach und nach zwischen den Wurzeln der Wasserhyazinthen hängen und lagern sich am Grund ab. Das Wasser wird wegen der enormen Ausdehnung dieser Gebiete kristallklar. Es wird bereits überlegt, dieses neue Biom 'Payaguás do Xarayés' als Touristenattraktion zu vermarkten, ähnlich wie in Bonito.

    Naja, bisher ist es wohl eher ein Geheimtipp, so wie wir das Gebiet kennengelernt haben. Anders als in Bonito trifft eine touristische Erschließung auch auf bedeutende Hindernisse. Allein die Entfernungen zwischen diesen neuen Flächen und der ersten erreichbaren Unterkunft auf trockenem Land sind viel zu groß. Das wird so schnell nichts werden.

    Wie finanziell lohnender Tourismus und Naturschutz organisiert werden kann, haben sich die im Pantanal tätigen Chefs der Organisationen “Instituto Homem Pantaneiro” Ângelo Rabelo und “PantheraRafael Hoogesteijn und einige ausgewählte Mitarbeiter auf einer Dienstreise in das Okawango-Delta 2019 angesehen, dokumentiert in diesem schönen Filmchen. Natürlich ist das nicht die Art von Tourismus, die ich selber betreiben würde, aber durchaus lohnend für die Natur und ihre Anwohner.

    Filmchen mit Luftaufnahmen Payaguás dos Xarayés (1:13) vom Instituto AGWA Soluções Sustentáveis (mit englischen Untertiteln). Langfassung 10min: Instituto AGWA - Taquary, seu desastre e transformação no Payaguás dos Xarayes. Unterwasserschnipsel.
    Geändert von Spartaner (21.06.2020 um 10:55 Uhr) Grund: Barco Hotel "Celebridade" ergänzt

  9. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #69
    Montag, 23.09.2019, Porto de São Francisco, 31km

    Die Nacht war wieder sehr leise hier im abgelegenen Dschungel. Erst als es dämmert, beginnt ein Vogelkonzert. Auch die Brüllaffen tragen wieder ihr Scherflein bei. Dazu ein paar wenige große Kaimane mit ihren mächtigen Brüllern. Ein Jaguar in der Ferne.

    Eine kleine Hörprobe:


    Dominant sind hier die Rufe des Schwefelmaskentyrann, Great Kiskadee, Bem-te-vi (Pitangus sulphuratus) im Vordergrund (siehe Foto ↓). Im Hintergrund die Brüllaffen.


    Foto Mike & Chris, CC-BY-SA-2.0

    Der Vogel ist ein wirklicher Tyrann, nicht nur wenn er morgens schläfrige Paddler weckt, auch sonst, wenn er sich zB auf Greifvögel stürzt, um ihnen auf die Nerven zu gehen. Ähnlich wie unsere Rabenvögel, die auch gerne Adler und Bussarde ärgern.

    Übrigens gibt es auch auffällig wenige Lästlinge hier, tagsüber keine Mücken, auch nur wenige der besonders gerne an den Knöcheln beißenden, ständig aufdringlichen Fliegen.

    Das Zelt im Dschungel, etwas Morgensonne:


    Das morgendliche Wasserfiltern macht besonders Spaß, wenn schon das Rohwasser so extrem klar ist:


    Aber auch die trüben Wässer zu filtrieren hat mir bisher immer wieder Freude bereitet. Zu Beginn jeder Filteraktion sieht man schön, wie der Selbstreinigungsmechanismus des MSR Guardian funktioniert. Dann wird eine extrem trübe Brühe (mit Partikeln vom Vortag, die sich wohl wieder gelöst haben) aus dem zweiten Schlauch nach draußen befördert. Das lässt nach ein paar Pumpenhüben schnell nach, zumindest sieht man es dann nicht mehr so deutlich. Dieser Wasserfilter war eine der besten Anschaffungen für solch eine Tour!

    Das schöne Flusswasser hier direkt ohne Behandlung zu trinken riskieren wir nicht.

    Noch während wir frühstücken rast um 08:00 Uhr das erste Angeltouristenboot an uns vorbei die Mata Cachorro stromauf, ohne uns zu bemerken.

    Wir machen uns kurz vor 9 Uhr auf zur Rückfahrt die Mata Cachorro stromab:




    Auf dem See ein Boot mit 3 Anglern (nicht im Foto):


    Am Horizont sehen wir die Berge südlich der Laguna Mandioré, 8 bis 14km entfernt und bis zu 640m hoch:


    Wir versuchen einen alternativen Ausgang aus dem System, der uns bei km 708 wieder auf den Hauptstrom gebracht hätte. Über diesen Altarm des Rio Paraguai fließt offenbar eine ganze Menge des klaren Wasser aus dem nassen Delta des Rio Taquari ab und mündet nach 5½km in den Rio Paraguai. Das Satellitenbild zeigt nur ein einziges Hindernis 600m vom Südausgang des Sees, ein Verblockung durch Pflanzenmassen.

    Vielleicht wurde diese Verblockung während vergangener Hochwässer weggespült? Wir schauen nach, ob sich eine Lücke findet.

    Dem ist aber leider nicht so. Hoch türmen sich die Pflanzenmassen. Wieder hauptsächlich die beiden dominanten Arten, Wasserhyazinthen und der Knöterich, der die Sandbänke überwuchert. Es ist wohl doch ein permanentes Hindernis. Ich bin aber sicher, dass es darunter durchfließt.
    Ich schaue noch kurz nach, ob man das Hindernis auf Land umgehen könnte, bleibe aber nach ~30m im dornigen Dschungel stecken.

    Also Umkehren:


    Wir paddeln jetzt genau den selben Weg zurück, den wir vorgestern hineingefahren sind.

    Wieder auf dem See, Blick nach Norden auf die letzten, südlichen Ausläufer der Serra do Amolar:


    Kanalstrecke mit Galeriewald:






    Groß gewachsene Wasserhyazinthen, Mastexemplare:




    Um ½11 sind wir wieder auf dem Hauptstrom des Rio Paraguai. Insgesamt haben wir hier >29km auf den klaren Wassern des Rio Taquari-Deltas zurückgelegt (ein paar Kilometer kommen morgen noch dazu).

    Der Rio Paraguai ist in dieser Gegend bis zu 360m breit:


    Nach kurzer Zeit begegnet uns ein Riesenotter.

    Leichte Erhebung mit hochgewachsener Waldsavanne, Cerrado:




    Die Berge im Hintergrund machen ebenfalls noch den Eindruck absolut unberührter Natur.

    Nach 5km auf dem Rio Paraguai verlassen wir den Hauptstrom und machen einen Umweg auf schmaleren Kanälen. Zunächst biegen wir nach Westen ein auf den 40 - 50m breiten und 2km langen Zubringer zum Canal Mandioré:


    Ansiedlung von Fischern:




    Halsband-Wehrvogel auf wackliger Warte:






    Hier erreichen wir den Canal Mandioré:


    Auf dem Canal Mandioré, Blick nach Westen:


    Von hier aus sind es noch ~4km Luftlinie bis zur bolivianischen Grenze, oder 11km Wasserweg auf großen Schleifen auf dem Kanal.

    Der insgesamt 28km lange Canal Mandioré ist der Ausstrom aus der Laguna Mandioré, einem 152km² großen Pantanal-See auf der Grenze zwischen Bolivien und Brasilien mit stellenweise weißen Stränden, bisher noch nicht touristisch erschlossen.


    NASA 2008, public domain

    Der Canal Mandioré ist fast halb so breit wie der Rio Paraguai, hier zwischen 80 und 200m. Das linke Ufer ist eine relativ junge Aufschüttung des Rio Paraguai, das rechte Ufer dagegen ist altes Land, höher und streckenweise mit hohen Palmen und anderen Bäumen bewachsen.

    Das Wasser strömt aber nur minimal aus dem großen See. Die Wasserqualität unterscheidet sich offensichtlich auch nicht vom Rio Paraguai. Fließt der schon irgendwo weiter oben dazu? In die Laguna? So weit ich erkennen kann, nein. Oder strömt so wenig Wasser aus dem See, dass wir hier nur das Wasser des Rio Paraguai haben, welches gerade über unseren schmaleren Zubringer-Arm eingeströmt ist? Oder stammt die Trübung etwa nicht von Tonpartikeln, sondern von planktischen Mikroalgen?

    Schöne Hügellandschaft südlich/südwestlich des Canal Mandioré:




    Cerrado-Vegetation, etliche Bäume haben in der Trockenzeit das Laub abgeworfen:


    Cocoireiher:


    ¾12 machen wir eine kurze Schattenpause am Ufer des Canal Mandioré:




    Ein paar Meter weiter machen wir noch ¼h Steh- und Duschpause:


    Besonders gemütlich ist es hier nicht, die steilen Ufer sind schlammig, so dass wir uns bald wieder auf den Weg machen.

    Eine ½h später sind wir wieder auf dem großen Rio Paraguai. 400m entfernt tuckert eines der Barco Hotels mit Angeltouristen talwärts:




    Wir folgen dem Strom aber jetzt nicht weiter, sondern queren ihn nur und fahren gegenüber in einen weiteren, 2½km langen Seitenkanal (Map). Dieser ist schmaler als der Canal Mandioré, nur 50 - 60m breit.

    Blick vom Eingangsbereich des Seitenkanals nach Norden über eine seenartige Verbreiterung, im Hintergrund die Serra do Amolar in 18 - 40km Entfernung:


    Schlangenhalsvogel:


    Wasserschweine am Ufer, es waren 2 Halbwüchsige:


    Hier erwische ich mal eines der Kleinen beim Hechtsprung ins Wasser:

    Mit Klick aufs Bild gibt es eine Animation

    Wir haben die Wasserschweine (und sogar Kaimane) ja schon öfter so schwungvoll ins Wasser hechten sehen, aber meist haben wir sie vorher gar nicht gesehen. So waren wir immer überrascht und kein Foto möglich.

    Um 2 sind wir wieder auf dem Hauptstrom, Blick nach Norden:




    Wir brauchen wieder eine Pause, aber an Land findet sich kein einladendes Plätzchen. So machen wir diesmal Pause auf dem Wasser, legen die Beine hoch und lassen uns mit 1.86km/h treiben:




    Da es zur Zeit fast windstill ist, kann man die 1.9km/h hier mit der genauen Fließgeschwindigkeit des großen Rio Paraguai gleichsetzen. Am Track kann ich sogar sehen, dass die Fließgeschwindigkeit zum Ufer hin abnimmt. Im Hauptstrom treiben wir mit 2.1km/h, in Ufernähe nur noch mit 1.6km/h. Zum Vergleich: mit Paddeln bewegen wir uns hier mit 6 - 7km/h.

    Um ½3 testen wir dann doch noch etwas, was aussieht wie eine Pausen-Sandbank. Man will sich ja schließlich mal die Beine vertreten und evtl. wieder duschen. Aber wir versinken schnell bis über die Knöchel im lockeren Sand/Schlamm und paddeln weiter.

    700m weiter fahren wir kurz in einen Kanal, der wieder klares Wasser bringt:




    Hier ist es ähnlich schön wie auf der Mata Cachorro heute früh, aber wir finden hier wie auch auf dem Satellitenbild so auf die Schnelle keine Zeltmöglichkeit:




    Wieder ein Halsband-Wehrvogel:


    1km weiter fahren wir eine 2km lange, fast geradlinige Abkürzung einer großen Stromschleife durch einen 30m breiten, fast geraden Kanal.

    Auf der Inselspitze ein Gehöft einer Fischerfamilie:


    Entlang des Kanals finden sich wieder keinerlei freie Zeltmöglichkeiten. Es ist einfach zu dicht bewachsen:






    So fahren wir 1km weiter über den großen Strom zur nächstgelegenen Bebauung. Der offene Uferstreifen würde einen guten Zeltplatz bieten:


    Wir fragen, ob wir am Ufer zelten dürfen. Ok, das ist kein Problem. Es ist ½4, als wir unser Lager aufschlagen. Nachdem Thomas seinem ersten Grundbedürfnis, dem Zeltaufbau, nachgekommen ist, kochen wir Nudeln mit Fisch zum Abendbrot:


    Ich baue das Zelt erst später auf, wenn die Sonne untergeht. Vorher sitze ich im Luftsofa und versuche, ein bisschen von der Vogelwelt einzufangen.

    Lehmhans - Rosttöpfer - Töpfervogel:








    Rotrückentaube, Pomba-galega (Patagioenas cayennensis), Mönchssittiche:



    Abenddämmerung, Sonnenuntergang:








    Die dominanten Vögel im Video sind Mönchssittiche (Myiopsitta monachus). Daneben hört man noch Haushühner von der Fazenda in meinem Rücken, und Dante Buzzetti hört daneben auch den Chacoguan (Ortalis canicollis) und den Weißbrust-Ameisenwürger (Taraba major).

    Wir sind an einem richtigen Cowboy-Hof angelandet, einer Fazenda nahe Porto São Francisco. 3 Vaqueiros wohnen hier, ein junger, auffällig blonder, ein normaler Caboclo, und ein ziemlich alter Mann, der sich wie wir am Fluss wäscht und die Pflanzen auf dem Beet mit mehreren Eimern Wasser aus dem Fluss gießt. Er kommt immer wieder wie ein kleines Rumpelstilzchen rüber, wie er kindisch keifend, fuchtelnd und rennend das gefräßige Vieh von seinen Gemüsepflanzungen vertreiben will.

    Mehrere Pferde laufen frei auf dem Gelände umher, dazu etliche der hellen Nelore-Rinder. Später kommt noch eine kleine Herde Wasserbüffel dazu. Sie schnuppern kurz an Thomas seinem Zelt, bleiben aber auf Abstand zu uns. Diese Wasserbüffel werden von den Naturschutzorganisationen wie das Instituto Homem Pantaneiro (IHP) und Panthera hier im Pantanal den Bauern empfohlen als zusätzlicher Schutz der Nelore-Rinder vor dem Jaguar. Im Gegensatz zu den Rindern gehen die Wasserbüffel aktiv gegen den Jaguar vor, sollte eine Herde vom Jaguar angegriffen werden.
    So ganz ungefährlich sind die Büffel demnach wohl nicht.

    Mehrfach merken wir, wie unser Lager unter den Tieren Unruhe stiftet. Die Pferde quetschen sich erst angstvoll an uns vorbei, später dann nehmen sie lieber den Umweg rund um das ganze Gehöft, als noch einmal an uns vorbei zu laufen.

    Später, kurz nach Sonnenuntergang, wollen die Wasserbüffel baden gehen. Sie kommen vom hohen Ufer auf dem Weg zwischen zwei Gattern fast zu uns herunter. Nun stehen aber die Zelte im Weg. Da stehen sie und stieren uns an. Was tun? Sie überlegen eine Weile, bis der Leitstier, offenbar auch der schlaueste unter ihnen, auf die Idee kommt, seitlich an den Zelten vorbei zu gehen. Tolle Idee. Zögerlich folgen die anderen.

    Sie baden eine ¼h genüsslich, tauchen auch längere Zeit mit dem Kopf unter Wasser, um den Insekten zu entkommen:


    Dann verlassen sie das Wasser 50m entfernt am Anlegeponton. Meine Aufnahme ging durch die Zeltgaze hindurch, deshalb ist sie nicht ganz scharf. Ich hatte keine Lust, mich den Myriaden von Mücken draußen auszusetzen.

    Der Stromgenerator auf der Fazenda läuft von 18 bis 21:30 Uhr.

    22 Uhr, ein Hotelschiff auf Talfahrt, voll beleuchtet, laut! Ich höre es noch 45 Minuten, nachdem es Porto São Francisco passiert hat. Dass man es so lange hören kann, liegt auch an der Windstille dieser Nacht. Es wird wohl morgen früh in Corumbá sein, 144km stromab.

    Eine ¼h vor Mitternacht sind die Wasserbüffel wieder hier, grasen um die Zelte herum und gehen dann wieder ihre ¼h baden. Auch die Pferde kommen noch mal im Galopp angetrappelt. Mit so viel Betrieb hatte ich hier nicht gerechnet. Hoffentlich geht das gut im Verlaufe der Nacht.
    Geändert von Spartaner (25.06.2020 um 09:15 Uhr)

  10. Erfahren
    Avatar von EbsEls
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    AW: [BRA] Es ist Zeit Danke zu sagen ...

    #70
    Es ist Zeit "Danke" zu sagen!
    Diese Reportage ist großartig. Ich lese praktisch schon seit den ersten Ankündigungen dieses Projekts mit.
    Geändert von EbsEls (30.06.2020 um 07:26 Uhr) Grund: Link eingefügt
    Viele Grüße aus Thüringen (oder von Sonstwo)
    Eberhard Elsner

  11. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #71
    Dienstag, 24.09.2019, Fazenda Ilha Verde, 34km

    Kurz nach 5 Uhr kommen die Wasserbüffel der Fazenda São Francisco erneut zum Baden an den Zelten vorbei. Ich denke, die folgen einem festen Schema, haben einen sehr geregelten und dabei selbstbestimmten Tagesablauf. Diesmal bleiben sie bis um 6 Uhr im Wasser und begutachten und beschlabbern danach lange Zeit das Boot. Sehr interessierte Tiere.





    Frühstücksblick über den Rio Paraguai, das gegenüberliegende Ufer in der Morgensonne:


    Die Bewohner der Fazenda kommen vom morgendlichen Fischen (?) zurück:


    Das Wohnboot ist die Basis eines Trupps Bauarbeiter, die am Haus der Fazenda arbeiten:


    Eine Taube am Ufer:


    Es handelt sich um eine Weißstirntaube, White-tipped Dove, Juriti-pupu (Leptotila verreauxi). Sie ist überall im Pantanal verbreitet.

    Als das Boot fertig gepackt im Wasser liegt, verabschiede ich mich von den Bewohnern (oder sind es die Arbeiter von außerhalb, die das Haus sanieren?). Es ist übrigens das erste mal auf der Pantanal-Tour, dass wir mit unseren Gastgebern nicht ansatzweise ins Gespräch kommen.

    Blick über das Gartentor:


    Schon ab 8 Uhr paddeln wir wieder auf dem Hauptstrom Rio Paraguai. Aber nicht lange, denn heute bietet sich uns noch ein letztes Mal die Gelegenheit, auf schmale Seitenkanäle auszuweichen.

    So biegen wir bereits nach 1.7km links in den Beginn des Rio Paraguai Pirim ein:


    Auf der Ecke zeigt mir die OSM einen Campingplatz an, was mich etwas verwundert. Das will ich mir näher anschauen und wir legen an. Ein freundlicher schwarzer Mann wohnt hier in einer kleinen Hütte und hätte auch nichts dagegen, wenn wir hier zelten würden. Aber ich glaube, von einem Campingplatz wusste er nichts.

    Der Rio Paraguai Pirim ist 50 - 70m breit und schlängelt sich leicht dahin:


    Dieser Nebenstrom verspricht mindestens 12km Fahrt abseits des Hauptstromes, theoretisch sogar noch viel mehr.

    Schöne Ufervegetation:


    Nach 2½km mündet von links ein bedeutender Zustrom mit klarem Wasser:


    An der Mündung sitzen Angeltouristen im Boot.

    Dieser 20 - 25m breite und vielleicht 3 - 6m tiefe Wasserlauf ist ebenfalls Teil des nassen Deltas des Rio Taquari, genau wie die Tags zuvor verlassenen Mata Cachorro. Das lockt mich natürlich wieder, die klaren Wasserläufe zu erkunden. Hier paddeln wir 2.2km stromauf, bis zum Beginn eines großen offenen Gewässersystems.

    Ausgedehntes Sumpfland allerorten:




    Kurz nach uns kommen noch 5 Schnellboote hier hoch und überholen uns. Alle bremsen für uns ab und grüßen freundlich. Einige geben uns dazu noch einen Daumen nach oben. Das sind ausnahmsweise mal nicht die langen schmalen Standard-Blechboote von den Barco-Hotels, sondern moderne, breite, hochmotorisierte Daycruiser wohl reicherer Leute.

    Endpunkt unseres Paddelausflugs (Map), Blick auf die weiten Wasserflächen, auf die wir dann nicht noch gepaddelt sind:




    Das Wasser ist mit ~5m Sichtweite nicht ganz so klar wie in der Mata Cachorro. Trotzdem versuche ich hier noch einmal zu schnorcheln, diesmal ohne Kamera. Ich finde einen Zugang zum Land, von dem aus der Ein- und Ausstieg aus dem Boot bzw ins Wasser relativ problemlos ist. Das Wasser ist mehrere Meter tief, die Strömung spürbar.
    Schöne Fischwelt, ich glaube auch 2 Piranhas zu erkennen. Anakonda oder wenigstens mal einen Kaiman - leider Fehlanzeige. Trotzdem ist es irgendwie ein unheimliches Gefühl, sich hier so schwerelos und nackt im sumpfigen Nirgendwo zu bewegen. Nach einer ¼h habe ich genug gesehen.

    Nur ein Foto habe ich hier. Die Bestände der Wasserhyazinthen bieten Jungfischen eine relativ gut geschützte Kinderstube:


    Um ¼11 sind wir wieder zurück auf dem Rio Paraguai Pirim:


    2 Angeltouristen, im Heck der Bootsführer vom Barco-Hotel:


    Kormorane:


    Schlangenhalsvogel:


    Rio Paraguai Pirim:








    Den nächsten, ganz ähnlichen Abstecher gibt es 3½km weiter. Hier ist das Wasser noch etwas trüber, Sichtweite vielleicht 3m, aber der Wasserlauf ist schmaler und schön von hohen Bäumen begleitet:






    Auch hier geht es nach 1km in eine große amphibische Wasserlandschaft:


    Wieder ausgesprochen großgewachsene Bestände der Wasserhyazinthe:




    Bei diesem und mehr noch beim letzten Zustrom staune ich wieder über die große Wassermenge, die hier aus den Sumpfflächen abströmt. Die Gerinne sind mehrere Meter tief, fließen rasch und haben einen viel höheren Abflussquerschnitt als beim ersten Blick von oben erkennbar.
    Aber wie ich jetzt weiß und auch schon ober erläutert habe, ist das nicht einfach ablaufendes Hochwasser, sondern der wasserreiche Fluss Rio Taquari, der sich erst in seinem riesigen Delta verteilt und dann an diesen Stellen in den Rio Paraguai mündet.

    Wieder auf dem Rio Paraguai Pirim:




    Einmal noch schauen wir in einen ganz schmalen Kanal rein, der kein fließendes Wasser führt, müssen aber nach wenigen Metern wieder umkehren. Alles zugewachsen:


    Thomas ist erlöst. Ihn nerven die “sinnlosen” Umwege, ohne dass man vorwärts kommt.

    Nach 10½km erreichen wir auf dem Rio Paraguai Pirim einen Abzweig nach Osten, der uns 1.3km später wieder zum Hauptstrom zurückbringt. Theoretisch könnte man auf dem schmalen Rio Paraguai Pirim 128km durch den Sumpf weiterpaddeln und erst da wieder auf den Hauptstrom des Rio Paraguai stoßen, 25km unterhalb von Corumbá. Aber das Satellitenbild verrät, dass dieser schmale Flussarm an mehreren Stellen von Wasserpflanzenmassen zugesetzt ist. Deshalb versuchen wir das gar nicht erst, sondern streben jetzt wieder rechterhand dem Hauptstrom zu. Bei Hochwasser ist der Rio Paraguai Pirim wahrscheinlich auf seiner gesamten Länge passierbar.

    Vor kurzem haben sich hier entlang der Ufer Fischer angesiedelt:


    Mit Brandrodung versuchen sie sich in der Trockenzeit Land freizumachen:


    Die ganze Gegend hier ist erst in den letzten Jahren frisch zersiedelt worden. Alles kleine Höfe für je eine Familie, die hier in einfachsten Verhältnissen lebt. Einige der Häuser stehen auf Stelzen. Manche davon aber immer noch zu niedrig, wie die hellgrauen Hochwassermarken auf dunklem Holz zeigen (nicht im Bild).



    Ich weiß nicht so recht, inwieweit diese Landnahmen legal sind. So ganz ohne Risiko ist es jedenfalls nicht. Solange die Häuser nur den Fischern als Basis dienen, ist es wohl erlaubt. Wenn man aber dauerhaft hier wohnen möchte, ist es illegal und die Umweltpolizei geht gegen illegale Zersiedlung vor (Polícia Militar Ambiental de Corumbá interdita construção de rancho ilegalguai no Pantanal).

    Um ½1 sind wir wieder auf dem Rio Paraguai. Das war jetzt der letzte Abstecher in kleine Seitenkanäle auf der gesamten Paddeltour. Ab jetzt fahren wir weitere 5 Tage und 128km nur noch auf dem großen Strom.

    Kurz unterhalb der Mündung des Seitenkanals machen wir eine ¼h Steh-, Dusch- und Essenspause.

    Auch hier ist das Ufer weiter zersiedelt:




    Die Bewohner versuchen Fische und Ködertiere für die Angeltouristen zu verkaufen. Man könnte die Summe der Behausungen schon fast als Ortschaft ansehen. In der OSM trägt sie den Namen Santa Isabel.

    1½km weiter passieren wir die Hotelschiffe “Mogi Mirim” und “Kalypso”:


    Sie liegen am Ufer der Flussinsel Ilha Paraguai Mirim, die ebenfalls besiedelt ist und auf deren "Rückseite" sich sogar eine apostolische Kirche befinden soll (Map).

    Die “Kalypso” ist ein Barco-Hotel der größeren Sorte:




    14 Angelboote liegen im Moment drumherum im Wasser vertäut, 10 oder so weitere auf dem Dach. Mit aufgebauten Kränen könnten auch diese Boote zu Wasser gelassen werden. Ein anderer Teil wird wohl derzeit unterwegs sein.

    Die Angeltouristen sind auf ihren Angelgewässern, die Besatzung auf dem Schiff schlägt die Zeit tot. Leider kommen sie nicht auf die Idee, uns mit kühlem Bier zu bewerfen. Schwimmen eigentlich volle Bierbüchsen? Auch die kleinen ~300ml-Büchsen?

    Die “Kalypso” ist seit 1996 auf den Gewässern des Pantanal unterwegs. 2011 war es das größte Hotelschiff im Pantanal. Inwieweit das heute noch gilt, weiß ich nicht. Es hat 30 Kabinen für maximal 94 Passagiere, dazu kommen 70 Besatzungsmitglieder. Das Schiff fährt für die Angler jährlich in der Angelsaison (Trockenzeit) von März bis Oktober, je fünf Tage lange Touren auf dem Rio Paraguai ab Heimathafen Corumbá. Der Eigner Luiz Martins schätzt, dass die “Kalypso” in den 15 Jahren 1996-2011 mehr als 16000 Touristen beherbergt hat.

    200m unterhalb der Ilha Paraguai Mirim beginnt linksufrig wieder eine Ansammlung mehrerer Hütten, “Porto Esperança”. Am Ende dieses Bereiches wurden gerade Teile des Uferwaldes neu brandgerodet, es qualmt noch an mehreren Stellen:



    Hinter der nächsten Kurve fällt uns ein großes Gebäude in gutem baulichen Zustand auf. Die gelben Boote mit der Aufschrift "Escolar" am Strand verraten, dass es sich um eine Schule handelt.

    Schulbus-Haltestelle, Schule:




    Das sieht fast genau so aus, wie es die beiden Kanadier 2013 gesehen hatten:

    (Foto Diana & Brian Svelnis, mit freundlicher Genehmigung)

    Ok, die Schule ist zwischenzeitlich neu gestrichen worden, das Dach um eine große Veranda erweitert worden, und der ehemals schilfgedeckte Unterstand hat ein Ziegeldach bekommen. Außerdem sind im Hinterland einige Bäume abhanden gekommen.

    Einen Kilometer weiter passieren wir die Insel Ilha Verde auf der linken, schmalen Seite. Dahinter liegt links auf Land die Fazenda Ilha Verde (Map). Auch hier stehen große Gebäude in noch relativ gutem Zustand, große Trecker, Radlader, Erntemaschinen und Planierraupe auf dem Hof, Flugstreifen etc.

    Hier will ich es noch einmal genauer wissen, wir landen an:


    Aber auch hier werde ich wieder enttäuscht. Die einstigen Besitzer, die das ganze geschaffen haben, haben die Fazenda längst verlassen und wie bei allen anderen bereits besuchten Fazendas lebt jetzt eine einzige schwarze Familie von den Resten.

    Oder sind die jetzigen Bewohner noch die vom Besitzer eingesetzten Verwalter? So ganz genau kann ich diese Feinheiten nicht herausfinden. Auch nicht, wie lange die Fazenda jetzt bereits so verlassen liegt. Die Kommunikation über das nur in eine Richtung gut funktionierende Google-Translate ist wieder sehr schwierig hier.





    Allerdings ist hier auf dieser Fazenda alles noch so gut erhalten, hier könnte wohl von einem Tag auf den anderen wieder das alte Leben einziehen. Früher haben allein auf dieser großen Fazenda wahrscheinlich 20 Farmarbeiter-Familien ein Auskommen gehabt, plus natürlich der erhebliche Lebensstandard der Familie des Dons.

    Heute leben die übrigen Farmarbeiterfamilien wahrscheinlich in den Favelas der Großstädte, und die ehemaligen Herren in den "Gated Communities", den "Condomínio fechado" derselben Städte, mal ein bisschen überspitzt ausgedrückt.
    Oder die ehemaligen Farmarbeiter sind diejenigen, die sich heute die kleinen Gehöfte entlang der Flussufer bauen, die wir heute passiert haben.

    Nach einer ½h Unterhaltung mit den Bewohnern ziehen wir weiter:




    Jetzt gegen ½3 fangen wir an, einen Nachtplatz zu suchen. An der Mündung eines stark mäandrierenden Kanals, der einen 5km entfernten großen See, die Baía Vermelha (oder Baía Castelo?, oder Baía Conceição?), entwässert, vermuten wir unter hohen Bäumen einen geeigneten Zugang zum Land. Leider eine Fehleinschätzung. Das Ufer dort wird bei Hochwasser und/oder Wellenschlag stark erodiert, jede Menge Wurzeln liegen frei.
    Ein paar Meter weiter riecht es nach Jaguar. Hier gibt es genügend freien Platz für 2 Zelte. Das Ufer ist lehmig und entsprechend glatt und glitschig, nicht besonders einladend, das Hinterland dicht bewachsen. Am schlimmsten ist hier jedoch der Lärm vom Generator eines 300m entfernt am Ufer liegenden Hotelschiffes.

    Der bzw die Geier auf dem toten Kaiman lassen sich davon und von uns nicht stören:








    Selbst als ich mich ganz in der Nähe der beiden hinstelle, bleiben sie ohne Angst:




    Obwohl ich es eigentlich vorziehe, alleine in der Natur zu übernachten, entschließen wir uns nun schon wieder, von Menschen freigemachtes Gelände aufzusuchen. So queren wir den Fluss noch einmal geradlinig, um ¾4 auf dem gegenüberliegenden Hof nach einer Zeltmöglichkeit zu fragen.

    Der alte Mann, der uns schon eine Weile beobachtet hatte, als wir noch gegenüber nach einem wilden Platz suchten, ist sehr freundlich und entgegenkommend und lässt uns am Rande seines kleinen Hofes zelten. Er wohnt hier zusammen mit seiner Frau. Die 4 Kinder sind erwachsen und leben in der Großstadt, in Campo Grande, 116 Boots- und 430 Bus-Kilometer von hier entfernt. Seine Frau schaukelt in der Hängematte unter dem Haus, das hier wieder auf Stelzen steht.









    Das Gehöft ist eines von der einfachen Sorte, aber sieht irgendwie besser aus als viele der ähnlichen kleinen Gehöfte, die in letzter Zeit neu entstanden sind. Etliche Blumen schmücken das Gelände, und da, wo wir zelten, ist ein Gemüsegarten angelegt. Dazwischen suchen die Hühner etwas zu futtern.

    Der alte Mann ist Holzschnitzer (gewesen?) und zeigt uns zwei seiner Werke, ein großes Modell eines traditionellen Holzbootes und ein Küchenbrett.

    Im Hof steht ein großes hölzernes Gefäß, dass er ebenfalls geschnitzt hat und in dem Maniok gestampft wurde:


    Ich glaube aber, die Zeit ist vorbei, dass die Leute ihren Maniok noch selber gestampft haben.

    Später sitzen wir zusammen auf der Bank vor dem Haus. Die Mücken und Fliegen, die sich auf der Haut niederlassen wollen, vertreibt er nebenbei mit einem Penacho. Ein Penacho ist ein gewöhnlicher Gebrauchsgegenstand hier im Pantanal. Er wird, sobald man ihn braucht, also vor allem in der Regenzeit, aus dem Holz der Acuri-Palme hergestellt. Am Griff ist das Holz intakt, danach ist es sehr fein in viele lange Fasern zerteilt, ähnlich wie ein Besen.
    Mir gibt er einen nagelneuen Penacho in die Hand und möchte, dass ich ihn behalte. Ein sehr schönes Souvenir aus dem Pantanal, und am Ende das einzige menschengemachte, dass ich nach Hause mitgenommen habe (neben ein paar Druckerzeugnissen und einer Flasche Zuckerrohrschnaps).

    Auf die Frage nach dem Jaguar erzählt er, dass ihm die Unze hier auf dem Grundstück einen Hund geholt hat. Das ist allerdings schon ein paar Jahre her.

    Im Moment scheinen die Hunde unbesorgt:






    Draußen ziehen die Hotelschiffe ihre Bahnen:


    Auch andere, kleinere Boote sind hier reichlich unterwegs.

    Am Abend ziehen Wolken auf und verdustern den Himmel.

    Nach Sonnenuntergang beobachten wir heftiges Wetterleuchten über Bolivien westlich von uns. Der freundliche Alte erzählte uns schon von Regen in Corumbá. Hoffentlich zieht es nicht noch hierher. Ich habe mich jedenfalls entschlossen, das Überzelt erst zu montieren, wenn es ernst wird.

    21:30 Uhr, tieftste Nacht, das Wetterleuchten ist noch intensiver geworden. Ununterbrochen blitzt es am Himmel über Bolivien.

    23 Uhr, der Himmel hier über uns ist jetzt bedeckt.

    03:30 Uhr, ein Hotelschiff auf Talfahrt. Der Wind frischt auf, ich sehe aber wieder Sterne über mir. Das intensive Wetterleuchten westlich von uns hält an. Südlich von uns, aus Richtung Corumbá, und südwestlich sehe ich jetzt auch viele Blitze. Überhaupt sind es jetzt vielleicht nicht mehr so viele wie zu Beginn der Nacht, aber die Blitze sind näher, heller und kommen aus mehreren Richtungen.
    Jetzt sind es noch 2 Stunden bis Anbruch der Dämmerung. Wird es wenigstens bis dahin trocken bleiben?
    Ich glaube nämlich jetzt schon, ab und zu Mal Sprühregen durch die Mückengaze dringen zu spüren.

    3:50 erste ferne Donner zu hören.
    4:20 die Hähne krähen, die Blitze werden heller, der Donner laut. Ich glaub jetzt packe ich das Überzelt rüber.

    4:45 das Überzelt ist drauf und sofort kommen die ersten Tropfen. Wir haben hier jetzt tatsächlich ein mäßiges Gewitter. Das ganze Blitzgeschehen spielt sich aber über bzw besser zwischen den Wolken ab.
    Geändert von Spartaner (Gestern um 13:48 Uhr)

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