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  1. [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #1
    Mitreisende: Spartaner
    Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019 - Paddling on the beaten path

    Vorgeplänkel

    Es war im April 2016, als ich zufällig auf einen Reisebericht über eine Kanutour durchs Pantanal stieß. Zwei Kanadier, die im Falt-Canadier bevorzugt "Paddling off the beaten path" unterwegs sind, hatten 2013 das Pantanal von Rondonópolis bis Corumbá befahren (Link). Es ging ihnen überwiegend gut dabei, sie zelteten auf ausgedehnten Sandbänken und sahen viele wilde Tiere.

    Dieser Bericht hat mich sofort gepackt. Sollte ja easy sein, das nachzupaddeln, "auf ausgetretenem Pfade".

    Ich träume nämlich seit Jahren schon von tropischen Flüssen, die ich befahren könnte, und die mich der prallen Tierwelt dort näherbringen. Ich dachte dabei immer an Afrika, schaute nach Flüssen in Botswana, Sambia und Kamerun, das Okawango-Delta zB oder den Sambesi. Aber letztlich konnte ich mich auf keinen der Flüsse dort festlegen. Bootsverleiher hatten in Sambia aufgegeben, weil die Hippos ihnen die Alu-Canadier kaputt gemacht haben. Viele der Touren in den Nationalparken waren nur mit Guide möglich - für mich keine Option. Ich mag es einfach nicht, wie blöde hinter jemandem herzuteckeln, der alles für mich organisiert. Insgesamt halte ich die Sicherheitslage in diesen Ländern für zu gefährlich, um da mit hoher Wahrscheinlichkeit alleine heil durchzukommen. Hippos, Nil-Krokodile und bösartige Parasiten im Wasser, Löwen, Leoparden, Hyänen, Warzenschweine, Schlangen, Elefanten und wieder die Hippos an Land, die nachts die besten Zeltplätze überrennen, dazu eine allgemein hohe Spontan-Kriminalität, darauf wollte ich mich nicht einlassen.

    Angetestet hatte ich individuelles Reisen in Afrika mal 3 Wochen lang im Jahre 1991, Nairobi, Amboseli, Lake Manyara, Ngorongoro, Kilimandscharo, Mombasa und Tauchen am Diani Beach. War interessant, aber die ständigen Anmachen und Auseinandersetzungen mit den Möchtegern-Dienstleistern, das ständige Feilschen müssen, die mehrfachen Betrugsversuche, oder der aufgeschnittene Rucksack im Bus nervten. Die Kamera hat der Dieb zum Glück nicht rausbekommen. Ich konnte es erst gar nicht fassen, wie dreist, denn er agierte direkt vor meinen Augen, hat dabei die Jeansjacke über den Händen gehabt zur Tarnung. Nachdem ich endlich verstand, ihn mein Blick erfasst hatte und ich wütend aufsprang, bekamen auch die anderen Fahrgäste mit, was da vorging und verjagten ihn lautstark aus dem Bus.
    Kam ein Bus noch im Dunkeln an sein Ziel, verließ ihn ein großer Teil der Fahrgäste nicht, aus Angst vor Räubern. Erst mit Tagesanbruch trauten sie sich raus.

    Südamerika hatte ich in diese Überlegungen bezüglich Paddelgewässern nie mit einbezogen, ich weiß auch nicht warum. Wahrscheinlich, weil ich im Amazonas-Dschungel nicht so mit der prallen Tierwelt rechne. Und gefährlich ist es auch da. Mehrfach sind Paddler beraubt und ermordet worden (zB 2004, 2011, und 2017, 3 Tage zuvor schrieb sie’s schon auf Twitter).

    Vom Pantanal hatte ich vorher schon gewisse Vorstellungen. Es sei ein riesiges Sumpfgebiet irgendwo in Südamerika, großflächig überschwemmt, wegelos, örtlich sehr klares Wasser, fischreich, bissige Piranhas, 9m-Anakondas, Millionen Kaimane, Riesenotter, Jaguare und viele Wasserschweine. Cowboys reiten auf Pferden durchs Wasser. Im Rahmen von aufwendigen Expeditionen wird dort geforscht oder es werden prächtige Naturfilme gedreht. Für Otto-Normalbürger auf eigene Faust aber letztlich unzugänglich. Kann sein, dass ich meine letzte Pantanal-Dokumentation bereits in den 70er Jahren gesehen habe.

    Aber der neu entdeckte Bericht klang anders, das schien für mich einfach machbar. Ich habe mich also gleich hingesetzt, das Pantanal auf der Landkarte gefunden, den Bericht in allen Details studiert, die wahrscheinliche Fahrtstrecke ermittelt und deren Länge ausgemessen. Rund 900km mussten die beiden gepaddelt sein. Puhhh, eine ganze Menge, und das in 25 Tagen, also durchschnittlich 36km täglich. Das bei der Hitze und den kurzen Tagen dort in den Tropen. Auf meinen Touren komme ich normalerweise auf 15 bis 25km am Tag, aber wir lassen uns besonders morgens regelmäßig viel Zeit. Ich empfand die 36km erst mal als Hetze, da wollte ich gleich mehr Zeit einplanen.

    Das Pantanal liegt im Herzen Südamerikas und gilt als das größte kontinentale Sumpfgebiet der Welt. Der größte Teil der Fläche gehört zu Brasilien, kleinere Teile zu Bolivien und Paraguay. Um ein Gefühl für die Größenverhältnisse zu bekommen, habe ich mal die Staatsfläche der BRD auf das Pantanal gepackt. Berlin liegt etwa da, wo Rondonópolis eingezeichnet ist, Frankfurt/Main etwa da, wo Corumbá eingezeichnet ist (klick auf die Vorschau zum Original in Vollgröße):

    TheTrueSize.com

    Die Gesamtfläche des Pantanals entspricht nach manchen Angaben in etwa der Gesamtfläche der BRD vor 1990. Ich halte das für übertrieben. Es sind wahrscheinlich so um die 170000km², also etwa 2/3 der Gesamtfläche der BRD vor 1990 oder etwa der Hälfte der BRD heute.

    Hier jetzt mal eine Überblickskarte, die bereits den Streckenverlauf grob erkennen lässt. Es geht los im Nordosten in Rondonópolis, folgt dem hier nicht bezeichneten Rio Vermelho, weiter über den Rio São Lourenço und den Rio Cuiabá auf den Rio Paraguai bis zum Ziel Corumbá:

    https://www.pantanalescapes.com/locations/map_files/pantanalmap.png

    ↑ Ungefähre Grenzen des Pantanals in einer schematischen Karte. Grün die regelmäßig überschwemmten Niederungsflächen.

    Genauere Karte mit den Überschwemmungsgebieten (blau) und der Grenze und dem Relief des Einzugsgebietes auf brasilianischer Seite: ↓

    riosvivos.org.br

    Erstaunlich finde ich, wie klein das übrige, höhergelegene Einzugsgebiet im Verhältnis zum Überschwemmungsgebiet ist.

    Und die folgende Karte zeigt, dass die Natur auf großen Flächen des Überschwemmungsgebietes noch weitgehend erhalten ist. Die übrigen, höhergelegenen Teile des Einzugsgebietes sind jedoch überwiegend intensiv landwirtschaftlich genutzt:

    oeco.org.br

    Die roten Flächen zeigen, wo im Zeitraum 2002 bis 2008 Veränderungen der Landnutzung eingetreten sind, also Umwandlung von Natur in landwirtschaftliche Nutzfläche. 86.6% des Überschwemmungsgebietes bewahrten bis 2008 noch natürliche Vegetation, 11.1% sind Viehweiden, 0.3% Ackerland.



    Gleich zu Beginn meiner Recherchen habe ich wie schon zu anderen geplanten Paddelgewässern eine Pantanal-Seite im Faltboot-Wiki eingerichtet und viele für mich wichtige Informationen dort zusammengetragen. Gernot hat dann noch sehr viele meteorologische und historische Informationen dazugepackt.

    Dann habe ich mir einen Job gesucht, mit viel Bewegung, um meine Fitness zu erhöhen, etwas Zusatzknete für die zu erwartenden Sonderausgaben zu haben und den Rechtfertigungsdruck diesbezüglich zu mindern. Seitdem schwitze ich jeden Abend und kann mich 2 bis 4 Stunden lang schön auspowern. Kein schlechter Rhythmus, ich habe ja sonst nicht groß was zu tun.

    Außerdem hatte ich mir vorgenommen, etwas in die Sprache reinzuschnuppern. So ganz ohne Sprachkenntnisse, das ist doch auch nicht so schön, und mit meinem Rest-Rumänisch (ein paar Worte von Ende der 70er Jahre) würde ich wohl kaum was anfangen können. Wenigstens die Zahlen wollte ich lernen, damit ich beim Feilschen mithalten kann.
    Dazu habe ich einige Smartphone-Lernapps und digital herunterladbare Lehrbücher und CDs ausprobiert. Dazu ein paar nette Youtube-Filmchen, zB hier. Ein bisschen Zeit habe ich dann mit Bravolol und Duolingo verbracht. Aber was soll ich sagen? Ich war nicht besonders motiviert. Zeit genug hatte ich eigentlich dafür, bin aber meist mitten in der Lektion eingeschlafen. So hielt sich der Lernerfolg in sehr sehr engen Grenzen.

    Bezüglich des Materials habe ich ziemlich aufgerüstet, aber auch etliche Anläufe in bestimmte Richtungen im Laufe der Zeit wieder fallengelassen. Zum Beispiel habe ich einen neuen Ally gekauft, einen kleinen, leichten, schlanken Kahn, den Ally Scout (Pathfinder) 15.5’, der für Solotouren mit viel Gepäck und für Flugreisen zu zweit mit wenig Gepäck gut geeignet ist.
    Zeitweise dachte ich, ich könnte die Strecke alleine nur bewältigen, wenn ich mir ein Sonnendach aus Solarzellen auf diesen Ally baue und mich mit Elektromotor vorwärtstreiben lasse. Eine gute Idee, habe sie aber nicht weiter verfolgt, seitdem ich wusste, ich bekomme einen schlagkräftigen Mitpaddler. Auch den schlanken Ally habe ich zugunsten von mehr Zuladung wieder zurückgestellt und stattdessen meinen alten Ally Tour 16.5’ für das Pantanal ausgewählt.

    Eine richtig fette Sonderausgabe war auch meine neue Kamera, von der ich seit 10 Jahren träume. Eine Kamera mit richtig viel Zoom, guter Optik, größerem Chip als in den gewöhnlichen Superzoomknipsen, dennoch relativ kompakt. Dieses Ideal ist seit der Sony RX10M3 tatsächlich zu haben. Ich habe mir für den Erwerb viel Zeit gelassen, denn ich wollte nicht unbedingt viel eher kaufen, als bis ich solch eine Reise tatsächlich machen würde in so tierreiche Gegenden wie das Pantanal (oder das Donaudelta). Das war auch gut so, denn zwischenzeitlich kam die in einigen Punkten erheblich verbesserte Version RX10M4 heraus, die gerade für Sport- und Tierfotografie Vorteile bietet. Bessere Scharfeinstellung, erheblich höheres Tempo, aber leider auch unverschämte 1999€ UVP. Als dann der Preis der Kamera bei Amazon für einen einzigen Tag mal von 1800€ auf 1500€ fiel, habe ich am 21. September 2018 zugeschlagen. Dem Idealo-Preiswecker sei dank.

    Andere große Ausgaben waren der Wasserfilter, ein MSR Guardian, das Leichtzelt für tropische Nächte, ein MSR CarbonReflex 2, und ein großes Smartphone für die Navigation, ein Xiaomi MiMax2, dass ich bei der Rückfahrt vom Snow in Kiew gekauft habe. In Deutschland war es zu der Zeit noch nicht erhältlich. Es gefällt mir als Navi wegen dem großen Bildschirm und der langen Akku-Laufzeit. Die Garantieabwicklung wäre hier ähnlich aufwändig geworden wie beim Direktkauf in China, aber der Fall ist zum Glück nicht eingetreten.
    Was noch? Einen superleichten Daunenschlafsack Mountain Hardwear Phantom 45, es gibt ja im Pantanal im Winter auch ab und zu Nächte knapp über Null Grad, echt ein Schnäppchen für ~100€; sowie als Ersatz für den schweren Künzi einen MSP Core Stove, Titan natürlich; ein 15W-Solarlader, und ein zweites teilbares Stechpaddel für meinen Mitpaddler.

    Ganz zum Schluss kam noch eine Hängematte dazu, eine Warbonnet Ridgerunner - Double Layer mit Moskitonetz. Eine Schnapsidee, getrieben von dem Gedanken, mich von Schlangen, die unbemerkt unters Zelt kriechen, fernhalten zu wollen. Dazu ein leichtes Tarp aus China, dass ich nach dem Kauf wegen ein paar Zentimetern Untermaßigkeit auf 23€ reduzieren konnte.

    Überhaupt habe ich alles, was nicht von ausgesuchter Qualität sein musste, versucht, direkt in China zu kaufen. Überwiegend elektronische und andere Kleinteile, einen 1.8L-Titan-Kochtopf, -Löffel, -Windschutz, -Spirituskocher, eine ausdauernde Kopflampe, und und und.

    Mein schönstes China-Teil ist jedoch dieser preiswerte Schirmhut - eine geniale Erfindung, die sich aber bisher bei uns im Gegensatz zu China nicht durchsetzen konnte. Ich versprach mir im Vergleich zu einem brasilianischen Strohhut vor allem eine bessere Unterlüftung. Zudem ist er erheblich leichter und hat ein entschieden geringeres Packmaß. Bereits 1880 wurde der Umbrella hat von Robert W. Patten erfunden.
    Patten "was seen as eccentric because of his lifestyle and outrageous claims. He lived on a houseboat, walked around town with an umbrella on his head and spent most of his time outdoors." Also einer von uns.
    Ein erster Test in Deutschland ergab eine erstaunliche Wirkung auf Beobachter jeden Alters. Die Reaktionen gingen von sprachlosen Blicken über heimliches Tuscheln bis zu offener Bekundung von Freude und Zustimmung. Einigen unbeherrschten Beobachtern musste ich jedoch prophylaktisch das Lachen verbieten, insbesondere in Anwesenheit von Kindern.
    Gut, das Teil war so billig, dass es nach dem ersten Test-Wochenende in Deutschland bereits drohte auseinanderzufallen. Also musste ich mich mal ein Stündchen auf die Terasse setzen und die Befestigungen des Kopfbandes mit Hand nachnähen. Seitdem hält es problemlos.

    Ihr merkt schon, da verging einige Zeit, bis ich die Tour dann tatsächlich in Angriff nahm. Immer wieder kam was dazwischen, was mich am Pantanal hinderte. 2 Jahre sind wir dann noch den Sommer in die NO-Ukraine gefahren (2016, 2017), und 2018 auf den Bargusin und den Baikal in Sibirien. Das war mein finaler Test Flugzeugreise mit Faltboot-Gepäck. Danach hatte ich so viel Vertrauen in meine Flugtauglichkeit gewonnen, dass der großen Tour nichts mehr im Wege stand.
    Geändert von Ziz (21.11.2019 um 10:36 Uhr) Grund: Kein Hotlinking von geschütztem Material

  2. Fuchs

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    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #2
    es geht los

  3. Fuchs
    Avatar von Pfiffie
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    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #3
    Das sind wie bei Inti so Sache "Würde ich nie machen, aber lesen gerne"
    "Freiheit bedeutet, dass man nicht alles so machen muss wie andere"

  4. Fuchs

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    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #4
    Zitat Zitat von Pfiffie Beitrag anzeigen
    Das sind wie bei Inti so Sache "Würde ich nie machen, aber lesen gerne"
    ganz genau, 900 km durch tropische Sümpfe paddeln, da würde ich ja noch eher Nita durchs Pamir begleiten, da besteht wenigstens die Hoffnung auf einen schnellen Tod durch Steinschlag.
    Sehr löblich, was mache Foristen hier für Strapazen auf sich nehmen um uns mit Berichten zu beglücken. Danke schon mal!
    Geändert von qwertzui (08.11.2019 um 17:13 Uhr)

  5. Dauerbesucher
    Avatar von Intihuitana
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    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #5
    Ah sehr interessant. Bin schon gespannt.

    Ich wäre beinahe auch noch spontan ins bolivianische Pantanal gefahren. Ein Boot hatte ich ja, aber mir war das alles zu kurzfristig, ich hatte keinerlei Plan und die Distanzen sind ja auch sehr groß.

    Dann kann ich mir ja anhand deines Berichts ausmalen ob ich das nächste mal dann dort auch ne Spritztour machen möchte, oder lieber in den Kaa-Iya de Gran Chaco möchte.

  6. Fuchs
    Avatar von berniehh
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    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #6
    klingt schonmal sehr interessant.
    Bin gespannt wie es weitergeht und vor allem auf die Fotos

  7. Alter Hase
    Avatar von AlfBerlin
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    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #7
    Ich warte auf die Fotos, vor allem mit Schirmhut. Das wäre vielleicht auch was für die Befahrung von Brandenburger Flüssen.

  8. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #8
    Diesen dringenden Wunsch erfülle ich doch sofort:



    Wenn ich das recht überblicke, dann gibt es wahrscheinlich nur dieses eine einzige Handy-Foto von mir mit dem China-Hut auf der Tour. Das war gleich nach der Ankunft am Ziel in Corumbá.

  9. Alter Hase
    Avatar von AlfBerlin
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    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #9
    Zitat Zitat von Spartaner Beitrag anzeigen
    ... Wenn ich das recht überblicke, dann gibt es wahrscheinlich nur dieses eine einzige Handy-Foto von mir mit dem China-Hut auf der Tour. Das war gleich nach der Ankunft am Ziel in Corumbá.
    Wie? Hat er sich etwa nicht bewährt?

  10. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #10
    Doch, natürlich hat er sich gut bewährt. Du siehst ja, dass ich ihn auch am Ende der Tour noch trage.
    Tatsächlich habe ich ihn auf dem Fluss tagsüber fast immer auf dem Kopf gehabt. Erst anschließend, in der Zivilisation, habe ich wieder das Basecap aufgesetzt. Du weißt, Brasilianer sind sehr entgegenkommend und wenig kontaktscheu, und hätten mich wahrscheinlich am laufenden Band auf dieses tolle Produkt angesprochen.

  11. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #11
    Noch ein paar Themen Vorbereitung:

    Mitfahrer?

    Ende 2018 wurde es ernst. Ich habe mich entschlossen, nächsten Sommer soll die Tour starten.
    Lange habe ich hin und her überlegt, fahre ich alleine, oder suche ich mir doch einen Tourenpartner.

    Andrea kam für diese Paddeltour nicht in Frage. Rein zeitlich hätten die Sommerferien als Lehrer gerade so ausgereicht, aber sie ist leider überhaupt nicht tropentauglich. Sie kommt mit der Hitze nicht klar. Niemals hätten wir längere Zeit täglich in praller Sonne paddeln können, siehe unsere Euphrat-Tour. Damals schafften wir in 9 Tagen gerade einmal 113 km, und das bei flotter Strömung. Auf diese Art, mit täglich mehrstündiger Siesta, hätten wir niemals 900 km bewältigen können.

    Für das Alleine-Fahren spricht vor allem das viel intensivere Naturerlebnis, daneben die vollkommene Unabhängigkeit, die völlig freie Zeiteinteilung, der fehlende Zwang zu Kompromissen.
    Die wenigen mehrtägigen Solotouren der letzten Jahre auf Spree, Oder und Obra haben mir allesamt sehr gut gefallen.

    Gegen das Alleine-Fahren sprachen allerdings auch etliche gewichtige Gründe. Zunächst war ich mir überhaupt nicht sicher, ob ich diese lange Strecke tatsächlich alleine im Canadier schaffen würde. Gibt es auf diesen Flüssen eine signifikante Strömung? Bei dem geringen Gefälle, welches zu den großflächigen Überschwemmungen im Pantanal führt, hatte ich daran meine Zweifel. Darum die Experimente mit einem neuen schlanken Ally, den Solarzellen und dem Bootsmotor.
    Wobei ich sogar noch eine Boots-Alternative in der Hinterhand hatte! Ein Forist, mit dem ich einmal Telefonkontakt hatte, bot mir ein RZ85 an, welches in Campinas bereits seit Jahren in Brasilien lagerte. Das lange, schnittige Kajak ließe sich sicherlich viel flotter paddeln als der Ally. Es hätte eine neue Haut und ich könnte es für 450 € übernehmen. Das war eine bedenkenswerte Option. Der Transport des Allys hin und zurück als Sportgepäck mit Übermaß würde mich 300€ kosten. Aber was soll ich am Ende mit dem RZ 85 machen? Zu Hause habe ich bereits einen rumliegen, und ihn nach Ende der Tour vor Ort verkaufen oder einlagern war doch sehr unsicher.

    Was spricht noch gegen das Alleine-Fahren? Will ich überhaupt eine derartig lange Zeit alleine unterwegs sein? Ich weiß es nicht. Meine letzte lange Reise alleine ging in den 80er Jahren nach Bulgarien und Rumänien. Hin mit der Bahn, zurück nach Berlin, langsam, nach und nach trampend. Dazwischen Bergwanderungen, Städte und Kirchenburgen besuchen etc. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich am Ende der Sommerferien wieder ganz froh war, zu Hause angekommen zu sein.

    Nun bin ich aber bereits erheblich älter und sonderbarer geworden, also vielleicht geht das heute? Aber probiere ich das jetzt aus, bei dieser außergewöhnlichen Tour? Naja, wenn ich keinen Reisepartner gefunden hätte, dann wäre ich auch alleine gefahren, so viel ist klar.

    Und was spricht noch gegen das Alleine-Fahren? Na, all die praktischen Dinge, die zu zweit besser gehen. Am großen Bootsgepäck mit anfassen, das Boot in der Spur halten, wenn ich zum Fotoapparat greife, Blutegel vom Rücken zupfen, auf das Gepäck aufpassen, solange der andere Fahrkarten holt oder im Supermarkt einkauft, im Notfall noch handeln zu können. Die Sicherheit gewinnt enorm, wenn man zu zweit ist. Ich bin mir sicher, der Jaguar schreckt vor zweien eher zurück als vor einem einzelnen, genauso der Gelegenheits-Räuber. Also in der Summe, weil ich mir doch recht unsicher war, was die Verhältnisse dort angeht, tendierte ich eher zum Zu-Zweit-Fahren.

    Zwei Leute sprach ich direkt an, die Tropenerfahrung hatten, in den Tropen gepaddelt sind oder auch schon in Brasilien unterwegs waren. Aber die hatten jeweils schon eigene Pläne, zu wenig Zeit oder zu viel Angst. Dann annoncierte ich im Dezember 2018 hier auf ODS, auf falboot.org und im Canadierforum.de.

    Kurz darauf meldete sich B. Er ist schon öfter in den Tropen gepaddelt, auch längere Touren. Wir haben ein paar mal geskyped und waren uns im Prinzip schon einig, zusammen zu fahren. Er wollte allerdings tatsächlich nur die Hälfte der Strecke mitkommen, und sich dann in Porto Joffre verabschieden.

    Ich konnte mich noch ganz gut an einen von ihm verfassten Reisebericht über eine Paddeltour in den Tropen erinnern, bei dem ich an einigen Stellen stutzen musste und manche Dinge seltsam fand, damals auch mehr oder weniger zusammen mit einer kurzfristigen Internet-Bekanntschaft. Und ganz dunkel konnte ich mich erinnern, dass er schon mal zusammen mit einer Truppe Sachsen eine Tour unternommen hat, mit denen ich auch schon mehrfach unterwegs war. Am Silvester-Lagerfeuer am Schwielochsee traf ich einen dieser Sachsen und fragte ihn natürlich, wie das damals war zusammen mit B., wie der so drauf ist.
    Die Antwort gebe ich hier nicht in den Details wieder, jedenfalls riet er mir explizit ab, mit B. auf Tour zu gehen. Ich tat das erst mal ab, schließlich wollte ich jetzt die Flugtickets kaufen, bevor die Preise anfangen zu steigen.
    Ich wollte eigentlich an dem Wochentag buchen, zu dem die Preise am niedrigsten sind, aber B. bestand auf Samstag, dem 31.8., seinem Urlaubsbeginn. Ich buchte dann also Ende Januar meine Flüge, dazu im nächsten Abschnitt mehr.
    Doch die Zweifel an B. bewegten mich natürlich weiter. Nun wollte ich es doch genauer wissen, und rief Thomas an. Thomas kannte ich auch bereits von Touren zB 2013 in Lappland, von der Mulde, der Elbe und anderen Gelegenheiten. Mein potentieller Mitfahrer B. fuhr die besagte Tour vorne bei Thomas im 2er-Kajak mit.
    Thomas drückte sich zwar sehr zurückhaltend aus, bestätigte aber im Prinzip die andere Einschätzung. Da war ich natürlich arg im Zweifel, ob B. denn nun der richtige Reisepartner für mich sein könnte.
    Ich dachte schon wir sind am Ende des Telefonates, da fragt mich Thomas, ob nicht er selber mitfahren könnte. Ich erläuterte ihm die Tour in den Details und freundete mich rasch mit dieser überraschenden Wendung an. Am Ende des Telefonates waren wir uns einig und ich sagte B. ab, bevor er noch selber seine Flüge bucht.

    Thomas ist ebenfalls recht speziell, aber auf eine ganz andere Art als ich. Er hat mehrere Jahrzehnte fast alle Touren mitgemacht, die Roland (und andere) organisiert haben. Nur 2019 klappte das nicht. Roland hat seinen gut bezahlten Job stark zurückgefahren, um noch viel viel mehr Zeit zum Paddeln zu bekommen. Nun paddelt er und paddelt und paddelt, aber nicht mehr zu klaren, bereits am Jahresanfang feststehenden Terminen, sondern immerzu, meist kurzfristig geplant.
    Thomas sein Chef besteht dagegen auf langfristiger Urlaubsplanung, um immer wenigstens einen Mann für seine Maschine zu haben. Für dieses Jahr hatte Thomas nun noch gar keine Tour, an die er sich anschließen könnte, und diese Möglichkeit kam ihm sehr entgegen. Problem könnte höchstens die lange Urlaubsdauer sein, 50 Tage am Stück. Aber mit entsprechend vielen Überstunden vorgearbeitet wollte er das hinkriegen.

    Wieso 50 Tage am Stück? So lange hätte ich für die Paddeltour wohl auch nicht benötigt, wobei ein gutes Zeitpolster am Ende auch beruhigend ist. Der Grund war, es hat sich noch ein weiterer Mitfahrer gemeldet. Andrea wollte am Ende der Paddeltour doch noch zu uns stoßen. Dieses Jahr hat sie besonders lange Herbstferien, nämlich ausnahmsweise 3 Wochen am Stück. 2 Wochen reguläre Berliner Herbstferien plus eine Woche dank der vorangehenden jüdischen Feiertage dieses Jahr. Da lohnt sich dann schon die Fernreise.
    Für uns Paddler heißt das aber auch, dass es kein Zeitpolster mehr gibt. Wir müssen die 900km in 27 Tagen schaffen, wollen wir Andrea nicht alleine in Corumbá warten lassen.
    Oh je, wie will sie das überleben in den Tropen? Der einzige Weg, der mir einfiel, war, im Anschluss an unsere Paddeltour eine Mietwagentour zu organisieren. Wir fahren klimatisiert durch Südbrasilien, besuchen einige schöne Sehenswürdigkeiten wie Bonito mit seinen kristallklaren Flüssen, Itaipú, das lange Zeit leistungsstärkste Wasserkraftwerk der Welt, die Wasserfälle von Iguaçu, machen eine Bahnfahrt mit dem Serra Verde Express auf historischen Gleisen durch den atlantischen Regenwald unterhalb von Curitiba, besuchen das Oktoberfest in Blumenau, und baden an den Stränden von Florianopolis im Atlantik. Übernachten könnten wir in unseren Zelten irgendwo auf dem Lande, wild an Flussufern, so wie wir es auch in Osteuropa immer machen. Dann rentiert sich vielleicht auch der teure Mietwagen. So mein Plan, zusammengefasst auf einer Google-Map.

    Mein Chef hat den Urlaub anstandslos genehmigt. Ich habe zwar nur insgesamt 20 Urlaubstage im Jahr, aber den Rest bekomme ich unbezahlten Urlaub. Letztes Jahr musste ich noch kündigen, um die Reise nach Sibirien anzutreten, diesmal hat er den einfacheren Weg gewählt.

    Thomas hatte nach ein paar Tagen ebenfalls das Ok von seinem Chef.


    Flugbuchung?

    Die Frage der Flüge hat mich dieses mal auch sehr lange beschäftigt. Wegen dem großen Bootsgepäck reicht es ja nicht, die Flug-Suche-Portale zu bemühen. Bezüglich Übergepäck helfen die einem nicht weiter. Da habe ich mich Ende 2017 mal an ein auf Südamerika-Reisen spezialisiertes Reisebüro gewandt, um mir bei der Flugbuchung helfen zu lassen.
    Leider war ich nicht in der Lage, die genauen Maße meines Gepäcks anzugeben. Damals ging ich noch neben dem Ally von Mitnahme der Solarzellen und des E-Motors aus, Teile, die ich noch gar nicht hatte. Daraufhin hat das Reisebüro die Zusammenarbeit beendet, unter Hinweis auf einen ähnlichen Fall 2 Jahre zuvor, wo der Kunde dann am Flughafen mit seinem zu großen Gepäck, ebenfalls einem Faltboot, den gebuchten Flug nicht antreten durfte.

    Für uns kam dann erst mal Sibirien dazwischen.

    Die Sibirien-Flüge eigenständig zu klären, war recht einfach. Nach dieser positiven Erfahrung sagte ich mir, Ok, dann versuche ich das für nächstes Jahr auch ins Pantanal selber hinzubekommen. Erst dachte ich, direkt nach Rondonópolis zu fliegen. Ein gutes Angebot der Google-Flugsuche sah idR so aus:



    847€ ohne Gepäck, minimum. Aber der Wechsel der Fluggesellschaften beim Umsteigen machte es mir unmöglich, Gepäck-Preise zu erfahren, also wie das Gepäck dann preistechnisch gehandhabt wird. Das schaffen dann wohl doch nur die Reisebüros. Der Expedia-Mitarbeiter am Telefon konnte mit übermaßigem Gepäck aber auch nichts anfangen. Auch der Versuch, mit der brasilianischen Fluggesellschaft Azul direkt zu kommunizieren, blieb erfolglos. Das Englisch der Gegenseite war einfach zu rudimentär entwickelt und die Dame legte dann recht schnell immer wieder auf.

    Dazu sieht es so aus, als wenn die Anreise doch ziemlich stressig ist. Ankunft 00:50 Uhr im "Wilden Westen" Brasiliens. Und vor allem ist es teuer! Flöge ich zB nur nach São Paulo, dann würde ich zum selben Beispieltermin nur 264€ berappen müssen. Von São Paulo aus würde man dann mit dem Fernbus für 73€ nach Rondonópolis weiterfahren können (Σ337€). Allerdings dauert die Busfahrt 23 Stunden für über 1300km! Ankunft 19:05 Uhr. Ich bin bisher ohne jede Erfahrung im Fernbus-Reisen und dachte auch hier, noch mal einen ganzen Tag sitzen zu müssen, das würde wohl viel zu stressig.

    Anders sieht die Sache aus, wenn man in die Hauptstadt Brasília fliegt. Zwar ist der Flugpreis mit 413€ höher als nach São Paulo, aber die Flugzeit ist wegen dem kürzerem Zwischenstopp in Lissabon und der insgesamt kürzeren Flugzeit geringer. Die anschließende Busfahrt ist ebenfalls erheblich kürzer, "nur" 13:15h Fahrzeit mit Ankunft Mittags, 45€ für 915km (Σ458€). Das sind viel bessere Zeiten und preislich ein guter Kompromiss! Man kommt 11h später an, als wenn man nur geflogen wäre, aber spart sich auch eine Nacht im Hotel und das Taxi vom abgelegenen Flughafen mitten in der Nacht.

    Dadurch, dass man es bis Brasilien nur noch mit einer einzigen Fluggesellschaft zu tun hat, vereinfacht sich das Ganze sehr. Die TAP ist zudem europäisch, da sollte man doch gewisse Mindeststandards auch bei Auseinandersetzungen erwarten können.
    Mit der TAP konnte ich dann alle Fragen das Gepäck betreffend schon beim ersten Anruf klären. Das Boot würde als Sportgepäck akzeptiert werden, darf nicht mehr als 32kg wiegen und wurde von mir mit den Maßen 120x50x50cm angegeben. Das kostet für den Hinflug 150€ und wird nach dem Online-Kauf der eigentlichen Flugtickets übers Telefon dazugebucht. Das waren doch endlich einmal klare Aussagen. Ich war sehr erleichtert, als ich an diesem Punkt endlich weiterkam.

    Hier sind übrigens die Gepäckbestimmungen bei TAP Portugal (und nebenan von vielen weiteren Fluggesellschaften) recht übersichtlich aufgeführt. Das Bootsgepäckstück fällt zB unter die Kategorie "Sportausrüstung", "Typ 3: anderes Sportgepäck", "interkontinental".

    Ich kaufte dann also Ende Januar online meine Tickets TXL-BSB und zurück inkl. 2x23kg a 158cm für 939.36€, buchte für 300€ das Faltboot telefonisch hinterher. Auf meine Bitte hin hat sie extra "Faltboot" für die Mitarbeiter in Tegel und "Barca dobravel" für die in Brasília mit draufgeschrieben.
    Ein paar Tage später, als sich das mit Thomas geklärt hatte, buchte ich auch seine Tickets.

    Andrea kümmerte sich erst ein paar Wochen später darum. Ich hatte ihr ein Reisebüro empfohlen, welches Extra-Rabatte nur für Lehrer versprach. Ihr Flug war dann auch tatsächlich sehr günstig. Sie flog ebenfalls mit der TAP erst nach São Paulo, dann aber von einem 114 km entfernten Flughafen mit Azul weiter bis Corumbá, zurück dann wie wir von Brasília nach Berlin, und das ganze für gerade mal 800€. In der TAP galten für sie auch 2x23kg Gepäck, in der Azul aber gar nichts. Da wurde wohl was übersehen. Beim Einchecken in Viracopos waren sie dann aber sehr kulant und haben keinen Aufpreis für ihr aufgegebenes Gepäck berechnet.

    Während Andreas Flugbuchung im STA-Travel-Reisebüro stellte sich heraus, dass es den Rückflug BSB-TXL am 17.10., den ich selber 3 Wochen zuvor gebucht hatte, angeblich nicht gibt. Er war im System nicht auffindbar. Ich konnte es gar nicht glauben.
    Zu Hause probierte ich es selber, aber auch ohne Erfolg. Ich logge mich also im TAP-Kundenbereich ein und tatsächlich, die haben den gebuchten Flug gestrichen und mich einfach einen Tag vorverlegt, ohne mich zu informieren. Das geht natürlich gar nicht. Mit einem Anruf konnte ich den Abflug dann vom Mittwoch auf den eigentlich teureren Freitag verschieben. Das war in Ordnung so, so haben wir einen Tag länger in Brasilien.
    1½ Monate später kam dann die Mail, die auf die Verschiebung aufmerksam machen sollte. Bissl spät, denke ich: "TAP Air Portugal - O45X3P - Schedule Change" ha, ha ….


    Versicherung?

    Das Thema Versicherung hat mich auch eine ganze Weile beschäftigt. Unter anderem war die Frage, ob es sich bei dieser Reise um eine "expeditionsähnliche Reise" im Sinne einiger Versicherungen handeln könnte. Wenn ja, wäre Versicherungsschutz ausgeschlossen. Natürlich wollte ich eigentlich eine Rundum-Sorglos-Reiseversicherung, die alle Risiken abdeckt, denen man ausgesetzt sein könnte. Allein der Neuwert des Bootes und der mitgeführten Ausrüstung lagen zusammen bei ~10900€ (Zeitwertkalkulation habe ich nicht gemacht, vieles davon war ja gerade neu).
    Auslands-Krankenversicherung, Reiserücktritt, Reise-Abbruch, Reisegepäck, Reisehaftpflicht, Reise-Unfall, Suche und Bergung, Krankenrücktransport, etc. Die Risiken sind in Brasilien ja um einiges höher als beim gewöhnlichen Massentourismus-Pauschalurlauber, der wohl die Basis für die Versicherungskalkulation darstellt. So gesehen hätte solch eine Versicherung für meine Zwecke recht preiswert ausfallen müssen.

    Aber je mehr ich mich damit beschäftigt hatte, desto mehr wuchs die Abneigung diesem ganzen Thema gegenüber. Das Lesen des Kleingedruckten der jeweiligen Versicherungen mit ihren vielfältigen Ausschlusskriterien sowie die nach den öffentlich ersichtlichen Bewertungen im Netz häufigen Streitfälle, wenn es halt doch mal zu einem Versicherungsfall kommt, haben bei mir ein derartig schlechtes Gefühl hinterlassen, dass ich außer der einfachen Auslands-Krankenversicherung keinen weiteren Versicherungsschutz eingekauft habe. Abgehakt!

    Die Auslands-Krankenversicherung wurde die ReiseMed Tarif RD Einzel bei der DKV für 9.90€. Sie schneidet bei verschiedenen Tests gut ab. Suche und Bergung sind bis zu 10000€ abgesichert, das könnte vielleicht im Pantanal schon reichen.



    Reisemedizin

    Die empfohlenen Impfungen habe ich mir mit Andrea bereits Ende 2017 geholt, als ich noch an 2018 als Reisejahr glaubte. Das kostete ein paar Vormittage im Tropeninstitut. Es gab Gelbfieber, Tollwut und Hepatitis A und B. Auf Cholera haben wir verzichtet. Typhus und Meningokokken habe ich mir kurz vor der Reise noch geholt. Die Typhus-Impfung hält nicht lange an, deshalb erst kurz vor der Reise.

    Außerdem habe ich in Anlehnung an diese Medikamenten-Liste Arzneimittel zusammengestellt, diese mit meiner Ärztin durchgesprochen und Rezepte bekommen. So sah am Ende meine eigene Liste aus. Läppert sich auch ganz schön, auf 651€.

    Für Bandagen, Verbandmaterial etc habe ich einfach ins Auto gegriffen und das Erste-Hilfe-Set so wie es war mitgenommen. Dazu eine Zeckenzange und ein elektronisches Fieberthermometer. Ich wüsste nicht, ob ich eine beginnende Malaria sonst erkennen könnte. Wann hatte ich das letzte Mal Fieber gehabt? Jahrzehnte? Wie fühlt sich das an?
    Gegen die Malaria hatte ich Malarone mitgenommen, habe es aber nicht prophylaktisch genommen, sondern es nur im Verdachtsfall eingesetzt, also sobald ich der Meinung gewesen wäre, mir eine Malaria eingefangen zu haben.

    Mückenmittel kam von DM, Sonnenschutz 50+ von Aldi.


    Satellitentelefon?
    900km abgelegene tropische Wildnis ohne Mobilfunknetz, aber mit vielen gefährlichen Tieren, da habe ich überlegt, wie wir im Notfall Hilfe herbeiholen könnten. Satellitentelefon ist mir zu teuer und unnötig schwer, aber der Garmin InReach Mini, der hat mir gefallen. Zwei-Wege-Text-Kommunikation, klein, leicht (100g), bequemes Text-Tippen, wenn man es mit dem sowieso mitgeführten Smartphone koppelt, USB-Akku-Laden, kostenlose Übermittlung des Standortes, so oft man will.

    Solch ein Gerät selber kaufen kostet leider nicht nur den Kaufpreis von ~290€, sondern auch Jahresgebühr ~30€ und für die Phasen der Aktivierung Monatsgebühren ab 20€. Dazu kommen je nach Vertrag und bei Bedarf die Leistungen, die zusätzlich bezahlt werden müssen (selbstgeschriebene SMS, Tracking, Wetterbericht). Das lohnt sich nur, wenn man häufig in abgelegenen Gebieten unterwegs ist, oder wenn man das Gerät in den Nutzungspausen weitervermietet.

    Also Leihen. Es gibt kommerzielle Verleiher dieser Geräte, die zB für meine 2 Monate Mietdauer 149€ verlangen.

    Ich habe dann einen Privatmann gefunden, der mir das Gerät 2 Monate für 90€ verliehen hat. Dazu kam noch 1 Monat Aktivierung für 20€. Für die ersten ~7 Tage lief noch die vorhergehende Aktivierung. So war der gesamte Zeitraum auf dem Fluss aktiviert. Für die letzten 3 Wochen, in denen wir bereits wieder in der Zivilisation unterwegs waren, musste ich nicht noch einen zweiten Monat aktivieren. Sehr schön war, dass ich das Gerät ein paar Monate vorab schon mal für ein paar Tage aktiviert zum Testen bekommen konnte. So konnte ich mich in die Bedienung einfinden und schauen, ob mein Smartphone mit dem InReach zusammenarbeitet.

    Wenn man auf dem InReach den Notfall-Knopf drückt, dann wird eine Zentrale benachrichtigt, die dann Kontakt aufnimmt und die Rettung koordiniert. Also zB den örtlich zuständigen Rettungsdienst alarmiert. Im Falle des Pantanals ist das nach meinen Recherchen wahrscheinlich:

    Search and Rescue Ladário (Corumbá)
    https://www.marinha.mil.br/salvamarbrasil/content/contato

    SALVAMAR OESTE (RCC Ladário) 185, Brazil
    Tel (67) 3234-1030, (67) 3234-1032, (67) 3234-1031, Fax (67) 3234-1069
    rccladario@marinha.mil.br

    Für den Fall des Falles habe ich ein "Search and Rescue"-Dokument zusammengestellt, das unsere persönliche Daten zusammenfasst, Kontaktpersonen zu Hause benennt, unsere geplante Reiseroute darstellt, und Fotos von uns und Teilen der Ausrüstung zeigt. Also alles Angaben, die bei der Suche behilflich sein können. Das Ganze in Englisch und Portugiesisch. Den Link zu den Dokumenten habe ich dann im Garmin-Portal hinterlegt.

    Normalerweise würde ich täglich am Rastplatz eine vorformulierte Nachricht schicken, in der die aktuelle Position (des Lagerplatzes) enthalten ist. Am Ende der Tour sah das im Garmin-Portal so aus: Übersichtskarte mit täglichen InReach-Positionen
    Der Link zu der Karte war den Angehörigen bekannt. So waren sie immer über unsere Fortschritte informiert, was daheim für Beruhigung sorgte.



    Landkarten?

    Richtig detaillierte Landkarten vom Pantanal habe ich überhaupt nicht gefunden, aber auch nicht richtig gesucht. Häufig gibt es Übersichtskarten zu bestimmten Themen. Eine Auswahl von diesen habe ich bereits oben verlinkt.
    Aber ich bin ohnehin nicht mehr besonders scharf auf Papierkarten, seitdem die Navigation mit GPS auf dem Smartphone so gut funktioniert. Darum lag mein Fokus bei der OpenStreetMap und bei Google Maps Satellitenbildern.

    Der OpenStreetMap habe ich mich schon lange Zeit vor der Abfahrt gewidmet. Das Pantanal war vor 2016 nur relativ grob und mit wenigen Details kartiert. Ich habe mich vor allem den Fließgewässern und den Zeichen von Besiedlung entlang meiner Paddelstrecke gewidmet, Häuser, Fahrwege und Flugstreifen. Insgesamt habe ich 56852 Änderungen in 307 Changesets hinterlassen. Immer schön von den hinterlegten Bing-Luftbildern abgezeichnet.

    OSM-Heatmap

    Neben Wasserläufen, die im Satellitenbild klar befahrbar aussahen, habe ich auch mögliche Fließrinnen kartiert, die wohl nur im Hochwasserfall genügend Wasser führen bzw dann nicht zugewachsen sind. Diese sind auf der Karte gestrichelt dargestellt.

    Zwei, drei Monate nach den letzten Änderungen kann man dann bei Openandromaps.org die entsprechend aufbereiteten Karten für die Verwendung mit Locus pro auf dem Smartphone herunterladen.
    Brasilien ist bei Openandromaps auf zwei Regionen aufgeteilt, "Brasil_amazonas" und "Brasil_coast". Leider lag der Blattschnitt ausgerechnet mitten im Pantanal, so dass ich beide Teilkarten hätte mitführen müssen. Das wurde aber auf meine Bitte hin sehr schnell korrigiert.

    Dann habe ich noch das Kartenthema "Elements" so modifiziert, das Gewässer dunkelblau mit hohem Kontrast und Einzelgebäude sehr deutlich als großer roter Fleck dargestellt werden und damit im grellen Sonnenlicht besser erkennbar sind. Das hat unterwegs alles in allem hervorragend funktioniert.

    Auf Basis der OSM-Fließgewässerlinien habe ich anschließend für die gesamte Paddelstrecke eine genaue Kilometrierung erzeugt und die Kilometermarken als GPX in Locus pro importiert. Für den Rio Paraguai fand ich außerdem noch die Standorte und Bezeichnungen der amtlichen Seezeichen, die ich ebenfalls in die OSM übertragen habe sowie lokal als GPX importiert. Damit sind Kilometerpunkte und Seezeichen auch auf den Luftbildern sichtbar.

    Beispiel Kartenausschnitt:


    Wie man leicht sieht, taugt die OSM in ihrem jetzigen Zustand dennoch nur für die grobe Orientierung. Ich habe zB all die Seen im Gebiet nicht eingezeichnet. Auch das dichte Mosaik von verschiedensten Vegetationsformen habe ich nicht in die Karte gezeichnet. Dafür eignen sich Satellitenbilder viel besser. Diese wurden in einem relativ aufwendigen Verfahren entlang des geplanten Streckenverlaufes alle einzeln per Hand heruntergeladen, die JPGs kontrastverstärkt und aufgehellt, und für die Verwendung in Locus pro konvertiert.

    Beispiel Satellitenansicht mit Kilometermarken:


    Damit stand alles für mich relevante Kartenmaterial offline auf dem Smartphone zur Verfügung. Durch die langwierige Beschäftigung mit den Karten und Luftbildern wurde mir das Gebiet bereits sehr vertraut.
    So fielen mir dann auch Veränderungen auf, die im Laufe der Zeit auftraten. An einer Stelle gab es zB auf den Satellitenbildern von Anfang 2018 eine dramatische Veränderung. Ein Teilarm des Rio São Lourenço, den ich befahren wollte, hatte sich im Verzweigungsgebiet einen neuen Lauf durch die Landschaft gesucht. Der bisherige Lauf verlandete. Auch an etlichen anderen Stellen des Flusses veränderte sich das Flussbett sichtbar im Laufe der Zeit. Da wurden Flussschleifen abgeschnitten, Altarme verlandeten, an den Außenkurven sah man die Erosion voranschreiten, der Flusslauf verlagerte sich. Sehr interessant und alles vollkommen naturbelassen. Und zeigt auch, wie schnell gedruckte Landkarten in diesem Gebiet veralten würden.

    So, das war es erst mal mit den Vorbereitungen. Sollte mir noch was einfallen, trage ich das hier nach.
    Geändert von Spartaner (10.12.2019 um 23:39 Uhr)

  12. Erfahren
    Avatar von travelkai
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    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #12
    Eine faszinierende Region in der Du sicherlich viel spannendes erlebt hast.
    Ich freue mich auf die Fortsetzung...
    Die Natur braucht sich nicht anzustrengen, bedeutend zu sein. Sie ist es. Robert Walser (1878-1956) www.travelkai.de

  13. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #13
    10000km-Anreise

    Bereits am Vorabend ist Thomas mit seinem Auto aus Döbeln zu Andrea gekommen, und nachdem auch ich kurz nach 20 Uhr Feierabend machen konnte, packen wir das Gepäck soweit um, dass alle drei 23kg-Gepäckstücke in etwa gleiche Ausmaße haben (Stopp, das war nur der Plan, tatsächlich wiegen nur meine beiden aufzugebenden Gepäckstücke knapp unter 23 kg, Thomas sein Ortlieb Extremer XXL ist höchstens zur Hälfte gefüllt).


    Samstag, 31.8.2019, Hinflug

    Aufstehen 2:30 Uhr, Duschen, Pfefferminztee trinken, Andrea schmiert uns Stullen, Abfahrt kurz nach drei, das Gepäck geht gerade so in Thomas sein Auto rein. Andrea fährt seinen Nissan Qashqai zum Flughafen Tegel, zu den Halteplätzen innen im Terminal A. Nach dem Abschied bringt sie das 1½t schwere Gefährt wieder nach Karlshorst und parkt genau vor meinem. Wir haben die Autos extra am Rande eines ruhigen Wohngebietes auf der anderen Seite der Bahn abgestellt, wo die Wahrscheinlichkeit für die Einrichtung eines temporären Parkverbots, zB wegen Bauarbeiten oder Baumschnitt oder ähnlichem, sehr gering ist. Die Autos sollen ja 7 Wochen unbehelligt auf öffentlichem Straßenland stehen bleiben.

    Wir wuchten das Gepäck auf zwei Rollis und suchen unser Gate. Erst dachte ich, dass A01 oder A03 unsere Gates nach Lissabon sind, so jedenfalls meine Rechercheergebnisse vor 2 Wochen, als Andrea zur Kursfahrt nach Wien abgeflogen ist. Aber es ist heute Gate A08 und wir müssen noch ein ganzes Stück Wegs mit unseren 2 vollgepackten Rollies durch die Abflughalle zuckeln. Schon von weitem sehen wir eine lange Schlange vor dem Check-In warten. 04:05 Uhr stehen wir am Ende der Schlange. Kurz danach beginnt der Check-In. Nachdem die ersten zwei Leute abgefertigt wurden, hat der aber auch schon ein Ende. Das Förderband funktioniert nicht, und die Mitarbeiter telefonieren, dass jemand kommt, der sich darum kümmert.



    Mehr als eine Stunde tut sich jetzt erst einmal gar nichts. Niemand wird abgefertigt. Ich werde schon leicht unruhig, sehe meinen ganzen schönen Anreiseplan sich in Luft auflösen, der ohne Netz und doppelten Boden gestrickt ist. Denn wenn wir jetzt nicht pünktlich abheben, verpassen wir in Lissabon unseren Anschlussflug nach Brasília, der bereits eineinhalb Stunden nach unserer geplanten Ankunft in Lissabon abheben soll, damit auch den bereits gebuchten Bus in Brasília, und das Hotel in Rondonópolis wäre dann auch umsonst gebucht. Und selbst wenn wir persönlich es schaffen sollten, den Anschlussflug zu erreichen, bedeutet das noch nicht, dass das aufgegebene Gepäck es ebenfalls schaffen wird.
    Die Schlange hat sich derweil auch hinter uns weitere 100m verlängert.
    Mir reicht es jetzt. Ich gehe vor zum Schalter und frage die Damen am Check-In, ob ich wenigstens das Boot als Sperrgepäck einchecken kann. Mit dem muss ich ja noch zum Sperrgepäckschalter einen Stock tiefer gehen.

    Sie scheinen richtiggehend froh zu sein, mir helfen zu können. Schnell checken sie mich ein, und gehen mit mir zu unserem Platz in der Schlange, um dort die Banderolen am Gepäck zu befestigen. Und zwar nicht nur am Sperrgepäck, sondern auch an den übrigen drei großen aufzugebenden Gepäckstücken. Thomas wird anschließend auch gleich eingecheckt.
    Danach fällt ihnen ein, dass sie ja auch bereits die Leute, die nur mit Handgepäck unterwegs sind, abfertigen könnten.

    Ich kann problemlos das Sperrgepäck aufgeben, die beim Buchen des Tickets angegebenen Maße von 120x50x50cm sowie die 32kg wurden nicht überschritten. Als ich zurück bin in unserer Schlange, erscheint der erste Techniker, der sich um das kaputte Band kümmert. Irgendwann funktioniert das dann auch wieder, und der Check-In beginnt. Als wir an der Reihe sind, muss das aufzugebende Gepäck nur noch gewogen werden. Alles liegt im grünen Bereich. Ich liege mit beiden normal aufgegebenen Gepäckstücken knapp unter den erlaubten 23 kg, und Thomas hat noch viel weniger dabei. Das Handgepäck wurde überhaupt nicht weiter gecheckt.

    Insgesamt scheinen sich die Mitarbeiter jetzt richtig zu beeilen. Auch der Sicherheitscheck geht zügig vonstatten. Nur ich werde wieder einmal heraus gefischt. Ich muss im Handgepäck die Kisten mit der ganzen versammelten Technik aufmachen und vorzeigen. Im Röntgenbild war das Ganze doch viel zu unübersichtlich mit seinen vielen Ladekabeln, Foto-Akkus, Powerbank, Solarpanels, Ladegeräten, Kopflampe, Messinstrumenten, Satellitenmessenger, Smartphones usw. Der kontrollierende Sicherheitsbeamte fragt noch nach woher, wohin, und sorgt sich um unsere Sicherheit, weil er meint, in Brasilien stehe jetzt alles in Flammen. Aber ich kann ihn beruhigen, es handelt sich dabei überwiegend um eine Pressekampagne gegen Präsident Bolzonaro. Im benachbarten Bolivien brennt es dieses Jahr genauso häufig, aber der dortige Präsident Evo Morales wird von der Presse geschont. Dass es dieses Jahr viel häufiger brennt, liegt vor allem an der ausgeprägten Dürre der letzten Monate in Südamerika.

    Eine halbe Stunde nach der geplanten Abflugzeit sitzen wir nun tatsächlich in unserem Airbus A320. Ich kann sogar beobachten, wie unser Boot verladen wird, und wie es dabei von einem kräftigen Hünen rücksichtslos über den Riffelboden des Transporthängers geschliffen wird.
    Eine ½h später als geplant geht es dann endlich los, wir heben ab. Nachdem wir den Chaos-Flughafen Tegel verlassen haben, geht endlich alles seinen normalen Gang. Zwar ist das Flugzeug voll besetzt, der Sitzabstand eng, aber dafür gibt es ein Sandwich zum Frühstück, dazu ein Stück Kuchen und 2x 2 Getränke nach Wahl. Nicht nur Wasser, Kaffee, Tee, verschiedene Säfte, sondern auch Bier und Wein.

    Wir fliegen über Belgien, Nordfrankreich, die Biskaya, und Nordspanien nach Portugal.

    Nach 3½h Flug landen wir 08:52 in Lissabon, also zeitlich alles noch im grünen Bereich. Eine Stunde bleibt uns bis zum Abflug nach Brasília, und da wir nicht mehr in Berlin sind, sollte alles nach Plan laufen. Hier müssen wir zwar noch einmal durch eine Passkontrolle, aber das Handgepäck wird nicht noch einmal kontrolliert. Der Anschlussflieger ist schnell gefunden, er steht bereits am Gate.



    Kurz darauf können wir einsteigen. Thomas nimmt im vorderen Bereich der Economy-Klasse Platz, dort wo die Sitze rot markiert sind. Ich hatte auch so einen roten Platz zugewiesen bekommen, habe den aber beim Check-In vor 2 Tagen extra gegen einen Platz am Fenster ausgetauscht, im grünen Bereich. Nun muss ich mit Erschrecken feststellen, dass ich mich selbst in eine schlechtere Klasse manövriert habe. Der rot markierte Bereich 'Economy Plus' hat deutlich größeren Sitzabstand und ich glaube auch breitere Sitze. Außerdem ist hier nicht alles voll belegt. Ich dagegen sitze jetzt im grün markierten Bereich, wo sich die Leute drängeln. Im hinteren Bereich wurden anscheinend auch alle Familien mit kleinen Kindern untergebracht. Naja, das war halt die einzige Möglichkeit, am Fenster zu sitzen. Und den Fensterplatz mag ich, um was zu sehen und meine Strecke mit GPS tracken zu können. So weiß ich immer wo ich bin. Ich denke aber, beim Rückflug würde ich nicht mehr freiwillig aus dem roten Bereich herauswechseln. Wer schon vorher ganz genau wissen will, welche Qualitäten die einzelnen Sitzplätze aufweisen, kann hier nachlesen.

    Ich fliege das erste Mal mit dem A330. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht den Anschein hat, ist der Langstrecken-A330 doch erheblich größer als das Mittelstreckenflugzeug A320. Anstatt einem Mittelgang haben wir hier zwei Gänge. Man muss auch nur maximal eine Person bitten, aufzustehen, wenn man raus will. Unser A330-202 "Joao Gonçalves Zarco" ist Baujahr 2007 und wurde im 1. Halbjahr 2017 innen komplett saniert. Auf den 25 Sitzen der Executive-Class kann man jetzt liegen, die 244 Economy-Sitze haben auch etwas mehr Beinfreiheit bekommen.

    Das Startgewicht beträgt maximal ~238 Tonnen, und irgendwie merkt man das auch im Vergleich zu den 78t des A320. Es ist ruhiger als in den Mittelstreckenmaschinen. Wir drehen noch eine Runde über Lissabon, und verschwinden dann auf den Atlantik. Zuerst geht es westlich der afrikanischen Küste über die Inselgruppen der Azoren und der Kanaren, bevor der große Sprung über den Atlantik ansetzt. Möglicherweise hat diese Routenführung tatsächlich Sicherheitsgründe. Solange man noch in der Nähe der Küste oder der Inselgruppen fliegt, ist eine Notlandepiste nicht weit entfernt. Man erinnert sich ja noch gut an den Air-France-Flug 447 im Jahre 2009, übrigens mit dem selben Flugzeugtyp, in dem wir hier gerade sitzen.



    Nun fliegen wir stundenlang über offenes Wasser. Im Flugzeug ist alles ruhig, alle haben die Fensterläden geschlossen und versuchen zu schlafen. Thomas vorne hat genügend Platz, weil seine Nachbarplätze links und rechts frei bleiben, und kann sich zeitweise hinlegen.
    In der Startphase setzt er sich sogar ans Fenster, neben Felipe, der ihm den Platz zur Verfügung stellt. So kann er auch einmal aus dem Fenster schauen.

    Zweimal weicht das Flugzeug größeren Turbulenzgebieten aus. Nach ~7h Flug erreichen wir das südamerikanische Festland. Mein erster Blick auf die Neue Welt, auf Brasilien. Hinter einem ausgedehnten Sandstrand beginnt eine trockene Steppen- oder Savannenlandschaft. Aber das ist alles keine unberührte Natur mehr, überall sieht man Fahrspuren, Spuren der Landwirtschaft, Felder, Siedlungen. Das Land ist hier flächendeckend zersiedelt. Flüsse und Bäche sind vielerorts angestaut. Vereinzelt gibt es kreisrunde bewässerte Felder. Das sind auch die einzigen grünen Punkte in der Landschaft, ansonsten dominiert das Gelb, Braun und Grau der abgeernteten Felder, sowie in steileren Hanglagen Reste der Caatinga-Trockensavanne.





    Nur wenige Gebiete sehen auf größeren Flächen wie naturbelassene Caatinga aus.
    Der schönste Anblick ist der große Fluss São Francisco mit seinem türkisblauen Wasser. Mit ~3200km Länge ist er einer der 20 längsten Flüsse der Welt.

    Nach ~7400km in der Luft nähern wir uns ½4 Brasília, 5 Stunden beträgt die Zeitverschiebung seit Berliner MESZ. Im Landeanflug kann man die Stadt sehr schön überblicken. Nahezu senkrecht unter uns erkenne ich die berühmte, sehr spezielle Architektur des ursprünglichen Stadtzentrums von Brasília (Weltkulturerbe, nicht im Bild).



    Wir landen nahezu pünktlich. Auf dem Flughafen Brasília ist nicht sehr viel Betrieb, fast wie ein kleiner Provinzflughafen, mit ungefähr 5 täglichen Starts internationaler Flüge. Inlandsflüge starten einige mehr.



    So geht der Ausstieg recht flott, alle streben dem Gepäckband zu, wo ausschließlich Gepäck unseres Transatlantikfluges aus Lissabon kreist.
    Als erstes entdecke ich das Boot, das bereits neben dem Band liegt. Wir besorgen uns zwei Rollies, und warten weiter. Erst ganz zum Schluss gelangen meine beiden großen aufgegebenen Gepäckstücke auf das Band.

    Auf Thomas sein Gepäckstück warten ihr allerdings umsonst. Nachdem nichts mehr passiert und das Band gestoppt hat, melden wir uns bei einer Dame, die uns schnell weiterhilft. Es gibt einen extra Schalter für verloren gegangenes Gepäck. Nicht nur Thomas hat es getroffen, auch sein netter Sitznachbar Felipe vermisst ein Gepäckstück. Thomas sein Teil wurde bereits gefunden. Wir wissen leider nicht wo. Ich denke noch, es wurde in Lissabon nicht rechtzeitig umgeladen. Ein Irrtum, später klärt sich das.

    Wir füllen eine Vermisstenmeldung aus, und bekommen das Versprechen, dass das Gepäck nach Rondonópolis nachgeschickt wird. Allerdings wird es nicht bis ins Hotel gebracht, sondern muss am Flughafen von uns abgeholt werden. Soweit klingt das alles recht gut. Nur Thomas bleibt über die nächsten 24 Stunden recht skeptisch.

    Wir werden jedenfalls weiter unserem Plan folgen und jetzt zum Busbahnhof fahren. Kaum verlassen wir den inneren Bereich des Flughafens, nähert sich bereits eine dunkle Gestalt und zischelt uns zu: Taxi, Taxi. Wir lehnen erstmal dankend ab. Mein Plan ist, hier einen Uber aufzutreiben und uns für 4€ die 10km zum Interstate Busbahnhof fahren zu lassen, Rodoviária Interestadual. Diese Idee kann leider nicht umgesetzt werden, da wir hier auf dem Flughafen keine Netzverbindung bekommen. Es wird zwar Free Wifi angeboten, aber wir Scheitern an einem Login. Bei anderen erscheint bei der Anmeldung ein Pop-Up-Fenster, auf dem man die Anmeldung vollziehen kann. Bei mir nicht. Nun schauen wir uns um, ob man denn hier bereits eine SIM-Karte erwerben kann. Aber auch hier, negativ.

    So entschließen wir uns, doch ein ganz normales Taxi zu benutzen. Anstatt 4€ kostet das jetzt 10€. Ob alles mit rechten Dingen zuging, kann ich nicht sicher entscheiden. Es scheint aber im allgemeinen so zu sein, dass hier der Uber-Preis etwa 50% unter dem normalen Taxipreis liegt. Beim Taxi bleibt natürlich immer die Möglichkeit, dass man übers Ohr gehauen wird. Beim Uber entfällt das, man muss nicht mühsam erklären, wo man hin will, und Fahrtziel, Fahrstrecke und Fahrpreis sind bereits zu Beginn klar vereinbart.

    Die normalen Taxis scheinen für unseren Gepäckberg zu klein zu sein. So wird uns ein Großraumtaxi gerufen. Zumindest das ist gegenüber dem Uber vorteilhaft. Von UberBAG weiß ich zu dem Zeitpunkt noch nichts.
    In wenigen Minuten sind wir am Rodoviária Interestadual de Brasília. Der Busbahnhof wurde 2010 eröffnet und ist, typisch für diese Stadt, in futuristischer Architektur gehalten. Unter einem riesigen schattenspendenden Dach herrscht reger Betrieb in modernem Ambiente. Zunächst scheitern wir daran, einen Rolli aufzutreiben. So bleibt Thomas beim Gepäck, und ich suche die große Halle ab nach dem Schalter unserer Busgesellschaft Expresso São Luiz. Der ist unter 39 hier vertretenen Busgesellschaften rasch gefunden. Ich habe unsere Bustickets zwar bereits Zuhause vor 2 Tagen für 2 x 50.50€ über das Internet gekauft, aber hier am Schalter gibt es noch einmal einen richtigen Check-In mit Vorlage des Passes. Alles iO, ich bekomme mein Ticket. Anschließend schicke ich Thomas mit seinem Pass zum Schalter. Während ich auf das Gepäck aufpasse, wird direkt vor mir ein Rolli frei. Das Gepäck ist schnell aufgeladen, und ich rollere zu Thomas an den Schalter. Hier kann ich nun auch unseren Gepäckberg dem Angestellten des Busunternehmens zeigen und fragen, ob das so in Ordnung geht. Ich bekomme einen Daumen nach oben.

    Nun heißt es warten, wir haben ein paar Stunden Zeit bis zur planmäßigen Abfahrt des Busses um 21:55 Uhr. Thomas setzt sich mit dem Gepäckberg in den Wartesaal, und ich nutze die Zeit, eine SIM-Karte für das Handy zu besorgen. Das erweist sich als schwieriger als gedacht. Glücklicherweise finden sich in der Umgebung des Busbahnhofs mehrere große Einkaufszentren. Zunächst steuere ich den nächstgelegenen Extra an. Aber ich habe kein Glück, hier gibt es keine SIM Karten. Man verweist mich auf das gegenüberliegende Shoppingcenter. In diesem riesigen Einkaufstempel "ParkShopping" finden sich Läden aller vier großen Telefongesellschaften: Vivo, TIM, Claro und Oi. Überall ist viel Betrieb. In manchen dieser Läden muss ich Wartekarten ziehen. Aber ich bleibe in allen Läden erfolglos. Keiner verkauft mir eine Prepaid-SIM-Karte, ohne dass ich eine brasilianische Steuernummer, eine CPF, vorlegen kann. Dabei hatte ich im Vorfeld gelesen, dass anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2014 diese strengen Bestimmungen gegenüber Ausländern abgeschafft wurden.
    Am Ende verweist man mich auf zwei Ladenketten, die angeblich auch an Ausländer Prepaidkarten verkaufen. Und tatsächlich, im Fujioka werde ich fündig. Aber nicht etwa so, wie man sich das vorstellt, einfach so verkauft gegen Vorlage des Passes, nein das war dann doch nur ein rein persönliches Entgegenkommen einer netten Verkäuferin. Sie ist die einzige, die hier im Laden Englisch spricht. Nachdem ich ihr meine Odyssee durch all die Telefonläden geschildert habe, hat sie ein Erbarmen, und meldet meine SIM-Karte mit ihrer persönlichen CPF an. 25R$ ~5.70€ Prepaid ("Pré-Pago") zahle ich für 1 Monat und 4GB schnelles Internet LTE bei der Telefongesellschaft Oi. Das ist okay, wenn auch mehr als in Russland. Die Angestellten übernehmen auch die Anmeldung meiner Karte bei der Telefongesellschaft, so dass beim Verlassen des Ladens auch alles funktioniert. Hoi hoi hoi, was für ein Aufwand! Aber irgendwie auch ein interessantes kleines Microabenteuer.

    Zurück auf dem Busbahnhof, entdecke ich noch den VIP-Wartesaal unseres Busunternehmens Expresso São Luiz. Hier sitzt man klimatisiert, hat Free Wifi, mehrere Ladesäulen zwischen den Stühlen ermöglichen das Laden aller möglichen USB-Geräte, und eine Angestellte kümmert sich mit Snacks und Getränken um das Wohl der Passagiere. Alles tip top!







    Kurz vor Abfahrt finde ich mein Busticket nicht mehr. Kurze Aufregung, die Angestellten wollten schon ein Ersatzticket besorgen, da fällt mir ein, dass ich es in der Fototasche verstaut hatte. Okay alles gut. Das Busticket ist unbedingt notwendig, um überhaupt durch den bewachten Checkpoint auf die Bus-Terminals zu gelangen.

    Unser Bus steht bereits abfahrbereit da. Er wurde nicht in Brasilia neu eingesetzt, sondern hat bereits eine ~2000km lange Fahrt von Recife ganz im Nordosten des Landes hinter sich. Auch das Ziel ist nicht Rondonópolis, sondern der Bus fährt 1100km weiter über Cuiaba bis in die Stadt Alto Floresta.
    Wir werden allerdings am Einsteigen in den Bus gehindert. Ganz habe ich es nicht verstanden, aber es scheint mir so, als fährt der Bus noch mal kurz zum Flughafen, um weitere Passagiere einzuladen. Nach einer halben Stunde ist er wieder zurück.

    Wir steuern also für diese halbe Stunde die nächstgelegene Sitzbank hier im Außenbereich der Terminals an. Dort sitzt bereits eine hübsche Dame in den 40ern, vom Äußeren her eher obere Mittelschicht, die uns sogleich in eine für deutsche Verhältnisse eigenartige Unterhaltung verstrickt. Alles läuft über den Google Übersetzer. Brasilianerinnen sind offenbar sehr offen, was die Anbahnung von Kontakten betrifft. Sie freut sich, dass sie nicht alleine hier auf der Bank sitzen muss, und jetzt etwas Schutz vor ungewollten Belästigungen hat. Wir sitzen wohlgemerkt bereits im besonderen Einlass-kontrollierten Abfahrtbereich. Wir schäkern ein bisschen, unterhalten uns über das woher und wohin, und am Ende tauschen wir noch Telefonnummern aus.

    Nachdem der Bus wieder im Terminal steht, öffnen sich für uns die riesigen Gepäckluken. Sie haben fast Stehhöhe. Meine Sorge, das Gepäck könnte zu groß sein, war vollständig unbegründet. Trotzdem auch andere Reisende viel großes Gepäck verladen haben, ist immer noch Platz ohne Ende. Der Bus selbst ist ein großer hoher Reisebus mit Luxusausstattung. Es gibt insgesamt nur wenige Sitzplätze, und die Lehnen lassen sich alle sehr weit nach hinten legen. Jeder Sitz hat zwei USB-Ladebuchsen, und angeblich gibt es auch free WiFi. Habe ich aber nicht getestet.
    Der Bus ist eiskalt klimatisiert. Die Fahrgäste wissen das und haben vorsorglich warme Decken mitgebracht. Ich habe zum Glück auch Zugriff auf meine Fleecejacke. Nur Thomas muss frieren. Er kann sich nur noch ein zweites kurzes T-Shirt überstreifen.

    Um 22:10 Uhr fährt der Bus ab. Der Fahrer fährt sehr ruppig, man wird ordentlich durchgeschüttelt, und die Benutzung der recht dreckigen Bustoilette im Stehen verlangt höchste Konzentration und physische Anspannung. Unten im Gepäckraum höre ich immer wieder, wie Metall auf Metall knarzt. Es hört sich so an, als sei der Bootssack bereits aufgerieben und das Alu-Gestänge schabt innen an der Tür.
    In Goiana ist allerdings Schluss mit diesem Teufelsritt. Wir halten neben einem anderen Bus der Linie São Luiz und wechseln mitsamt dem Gepäck in den Nachbarbus. Dabei zeigt sich auch, dass unserem Gepäck bisher überhaupt nichts passiert ist. Alles tip top.
    Der neue Fahrer fährt ruhiger. Längst liegen alle Sitze flach und jeder versucht zu schlafen. Das gelingt auch ganz gut, die Sitze sind wirklich ziemlich bequem.


    Sonntag, 01.09.2019, Ankunft in Rondonópolis

    Es wird mit 932 km die längste Busfahrt meines Lebens. Insgesamt stoppt der Bus 9 mal an den Busbahnhöfen auf der Strecke. An einer Station steigt ein Kontrolleur ein und checkt die Fahrkarten aller Passagiere. Das ganze System scheint wasserdicht. Extrageschäfte des Busfahrers sind ausgeschlossen.



    Um 6:11 Uhr halten wir für eine ½h Pause in der Kleinstadt Jataí. Einige Leute verschwinden mit Zahnputzzeug im Sanitärbereich der Rodoviária. Der glatte Steinfußboden der Rodoviária ist so sauber, dass man davon essen könnte. An den Säulen im Außenbereich hängen große ungeschützte Flachbildschirme, welche bei uns in Deutschland wahrscheinlich in kürzester Zeit Opfer von Vandalen geworden wären.
    Innerhalb dieser halben Stunde Pause wechseln wir von der Nacht in den Tag, die bekanntlich sehr kurze Dämmerung in den Tropen. Jetzt haben wir noch sechs Stunden Busfahrt im Hellen, mit Aussicht in die Landschaft.



    Wie bereits vom Flugzeug aus gesehen, ist das gesamte Land kultiviert, großflächige Intensivlandwirtschaft dominiert. Stellenweise erinnert die Landschaft an die Ukraine. Angebaut wird hier anscheinend vor allem Mais und Zuckerrohr, Baumwolle und ich muss noch mal nachforschen andere Feldfrüchte. Neben den riesigen Ackerflächen finden sich nur kleine Reste von Trockenwald, Cerrado. Ab und zu stehen leuchtend gelb, rot oder violett blühende Bäume als Farbtupfer in der Landschaft. Manche dieser Bäume tragen zur Zeit keine Blätter, sondern nur ihre Blütenpracht. Es ist Trockenzeit.





    Anstelle unserer Kiefernschonungen werden hier Eukalyptusplantagen bewirtschaftet, im Bild oben zB links am Straßenrand. Überall stehen riesige Silos und andere großzügig dimensionierte landwirtschaftliche Anlagen. Es scheint gerade Erntesaison zu sein, große Laster mit Anhänger bringen den Mais, die Baumwolle und andere Feldfrüchte von den Fazendas zu den Sammelystemen. Auf den Straßen sind viel mehr dieser 9-achsigen Riesenlaster unterwegs als PKW. Überhaupt scheint mir das Land überraschend gut entwickelt, effizient organisiert, wenn auch mit etlichem Aufwand, um Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten. Mir kommt es bereits nach diesen ersten Stunden weiter entwickelt vor als Russland, ebenfalls ein BRICS-Staat und meine Lieblings-Referenz.



    Ein Tukan sitzt neben der Straße auf einem Baum.

    Gegen Mittag erreichen wir Rondonópolis und sehen hier zum ersten Mal unseren Paddelfluss.



    Wenige Minuten später stehen wir in der Rodoviaria. Mit einem Riesenrolli schaffen wir das viele Gepäck bis zum Taxistand.



    Einige Taxen warten hier, aber mit dem Luxus eines Großraumtaxis werden wir hier nicht verwöhnt. Der Fahrer sieht aber kein Problem. Diagonal und mit etwas stauchen (aua!) passt das 1.2m lange Bootsgepäckstück gerade so in den Kofferraum des Kompaktwagens. Die anderen großen Teile werden auf der Rückbank verstaut. So kommen wir in 8 Minuten bis zum Hotel Nacional, welches ich bereits in Berlin für 2 Nächte gebucht hatte.

    Das Hotel ist eines von der schlichtesten Sorte. Ok, kostet auch nur Σ47€ für 2 Mann & 2 Nächte inklusive Frühstück. Entgegen der Abmachung mit booking.com bekommen wir einen fensterlosen Raum. 2 Betten, Klimaanlage, Kühlschrank, Fernseher, ein Laken zum Zudecken, und ein Bad mit Dusche, ein Stück Seife und Klopapier, Handtücher, das ist alles. Wir bekommen sogar jeder einen Schlüssel. Das Zimmer ist sauber und die Technik bis auf die schief sitzende Klobrille weitgehend intakt. Ich überlege schon, den fensterlosen Raum zu reklamieren, aber wir bekommen schnell mit, das der Straßenlärm in den Zimmern mit Fenster viel lauter zu hören ist.







    Nach den insgesamt 39½h Anfahrt zum Startort der Paddeltour gönnen wir uns erstmal eine Dusche. Wir fühlen uns erstaunlich fit, die lange Anreise hat uns nicht sehr zugesetzt. Vor allem die bequeme Busfahrt mit Schlafmöglichkeit hat uns wieder auf die Beine geholfen.

    Danach erkunden wir in der größten Nachmittagshitze die Stadt. Viel ist nicht los heute am Sonntag. In einer Online-Kirche sitzen 3 Gläubige im großen Saal und lauschen der Predigt auf den Bildschirmen.





    Wir erkunden die Einsatzstelle kurz oberhalb der alten Brücke:



    Hier erkennt man auch gleich, warum der Fluss Rio Vermelho heißt, der Rote Fluss. Offenbar Trübstoffe, die aus dem Lateritboden im Einzugsgebiet eingetragen werden. Die Sichttiefe im Wasser beträgt vielleicht 10 - 20 cm.



    2013 sah die Einsatzstelle noch ganz anders aus. Die Treppe war neu und noch nicht verschlammt:


    (Foto Diana Svelnis, mit freundlicher Genehmigung)

    Der hintere Teil der Treppe ist heute völlig überwachsen. Am Fundament nagt die Erosion.

    Ein paar Meter stromauf schauen wir uns auch den Park östlich davon an, wo ein kleiner Bach mündet und die Leute baden gehen.



    Das ist der Bach 'Córrego Araréu' oder 'Rio Arareau':



    Ich hatte im Vorfeld überlegt, ob man nicht auch im Bach einsetzen könnte, aber vor Ort sieht das nicht danach aus.

    Dann gehen wir weiter zum Supermarkt "Big Master".



    Welche Überraschung, der hat heute am Sonntag sogar geöffnet! Täglich 07:30 - 21:00 Uhr. So können wir bereits erkunden, welche Nahrungsmittel von meiner vorbereiteten Lebensmittelliste hier verfügbar wären. Bis auf Erdnussbutter und Tomatenmark in Tuben ist alles zu haben. Es ist ein recht großer Supermarkt, größer als bei uns üblich, und auch die gewöhnlichen Verpackungseinheiten sind hier zT sehr viel größer als bei uns. Die Leute kommen vielleicht einmal im Monat oder im Halbjahr mit dem Auto zum Einkaufen, oft von weit her aus dem Umland der Stadt, und packen sich Berge von Lebensmitteln in die riesigen Einkaufswagen. Und während wir mühsam einzelne Waren in den Regalen suchen und zusammenstellen, haben sie die Möglichkeit, auf ¼m³-große Tüten mit bereits fertig zusammengestellter gewöhnlicher Küchenmischung des Grundbedarfs zuzugreifen:



    Diese enthält etwa die Hälfte Reis, dazu Bohnen, Öl, Maniokmehl, Zucker, Salz und etliche andere Sachen, die ich nicht erkannt habe.

    Wir dagegen bleiben heute bescheiden und schnappen uns nur ein Doppel-Sixpack Bier.
    Im Hotel empfängt uns ein gut gekühltes Zimmer. Das Bier wandert in das Eisfach des Kühlschranks und ist nach kurzer Zeit genießbar. Feierabend für heute.
    Geändert von Spartaner (07.12.2019 um 18:05 Uhr)

  14. Erfahren
    Avatar von EbsEls
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    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #14
    Sage ich doch immer: Auch die Anreise zum eigentlichen Abenteuer gehört zum Abenteuer.

    Danke für den Bericht: Schon drauf gewartet und werde ihn aufmerksam verfolgen.
    Viele Grüße aus Thüringen (oder von Sonstwo)
    Eberhard Elsner

  15. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #15
    Montag, 2.9.2019, Shoppen gehen

    Ich bin schon ab 3 Uhr wieder wach und gehe runter in die Hotel-Lobby, um die ersten 2 Tage ins Reisetagebuch zu diktieren. Ein starker Kaffee steht zur Selbstbedienung bereit.

    Ab um 6 Uhr gibt es Frühstück. Kaffee, warmes Wasser für Tee, verschiedene Beuteltees, heiße Milch und 2 verschiedene kalte Säfte zum Trinken, dazu Vollkorntoastbrot, normales Toastbrot, Brötchen, Butter, Käse, Schinkenwurst, 2 Kuchen, 11 verschiedene Müslizutaten zum Selbermischen, Honigmelone und eine andere Frucht, sowie eine warme Wurstsuppe, alles essbar.



    Neben einer Schale voller Eier steht ein Schälchen für die Eierschalen. Ich schnappe mir also ein Ei und beginne es zu pellen. Leider stellt sich heraus, es ist noch vollkommen roh. Ich hatte schon so ein Gefühl in diese Richtung, als ich das kalte Ei vorher geschüttelt hatte. Die schwarze Mamsell entschuldigt sich und nimmt die Eier wieder zurück in die Küche. Kurze Zeit später tischt sie Rühreier auf.

    Nach einem weiteren starken Kaffee und etlichen Glas gut gekühltem Orangensaft rufen ich uns kurz vor 7 meinen ersten Uber. Klappt alles wie am Schnürchen. Nach 5 Minuten steht Mauricio, ein seriös wirkender weißhaariger Mann portugiesischer Abstammung in unserem Alter, mit seinem kleinen, neuen Chevrolet Onix vor dem Hotel. Für 35.11R$=7.74€ geht es zum Flughafen, ca 20km außerhalb der Stadt. Mit normalem Taxi wären ~60R$ fällig gewesen.
    Gestern Abend gegen 22 Uhr kam noch eine Mail von TAP Portugal, dass das fehlende Gepäckstück mit dem Flug Azul AD5342 arriving at 23:55 pm geliefert wird. Das wollen wir jetzt abholen.

    Auf dem Flughafen Rondonópolis starten und landen wohl am höchstfrequentierten Wochentag Montag nur 3 Flugzeuge und so befürchte ich schon, dass der Flughafen die meiste Zeit des Tages verwaist ist. Und darum sind wir auch bereits so früh unterwegs. 6:45 Uhr landet eine kleine Asta-Linienmaschine und startet wieder um 7:15 Uhr.
    7:30 Uhr sind auch wir am Flughafen. Tatsächlich kann uns die Putzfrau einen Mann auftreiben, der uns nach etlichem hin und hergehen und einem längeren Telefonat unser vermisstes Gepäckstück herausgibt. Pff, geschafft, die Ausrüstung ist vollständig.





    Mauricio, unser Uber-Fahrer, ist uns die ganze Zeit nicht von den Fersen gewichen. Er freut sich, dass er uns auch wieder zurück in die Stadt fahren kann. Diese Fahrt kann ich nicht über Uber bestellen (und abrechnen), weil ich mit meiner Oi-Telefonkarte hier draußen kein Netz habe. Aber natürlich ist es kein Problem und für beide Seiten günstiger, außerhalb von Uber abzurechnen. Sergio muss uns nur versprechen, uns am Ende eine Quittung auszustellen.
    Er umfährt den Stau, der uns schon bei der Hinfahrt am zügigen Vorankommen gehindert hat, und um 8:15 Uhr sind wir wieder am Hotel. Die Quittung kann er nicht auf dem Quittungsblock des Hotels aufschreiben, aber in einer Autowerkstatt schräg gegenüber klappt das. Die Quittung benötigen wir, falls wir am Ende der Tour die Fahrtkosten von der TAP zurückerstattet bekommen wollen.

    Bei der Inspektion seines Gepäcks findet Thomas einen Zettel mit dem Hinweis, dass bei der deutschen Sicherheitskontrolle eine Powerbank sowie mehrere einfache Gasfeuerzeuge seinem aufgegebenen Gepäckstück entnommen und vernichtet wurden. Die Vorschriften sind in diesem Punkt eindeutig. Thomas nimmt das mit den Sicherheitsvorschriften recht locker, "ist ihm noch nie passiert, ging letztes Jahr nach Sibirien auch gut", naja, und deshalb schaffte es sein Packsack bereits in Berlin nicht mehr pünktlich in den Flieger nach Lissabon. Aber wenigsten ist jetzt alles beisammen und wir müssen nicht noch eine Camping-Grundausrüstung hier in Rondonópolis erstehen.

    Nach einer kurzen Pause auf dem Hotelzimmer gehen wir shoppen, Verpflegung für die nächsten 4 - 5 Wochen einkaufen. Auf der gesamten 900km langen Paddelstrecke gibt es wahrscheinlich nichts nachzukaufen. Einzig der Hotelstandort Porto Jofre nach 500km könnte ein Ort sein, wo man Verpflegung zukaufen könnte. Zumindest gehe ich davon aus, dass wir dort kühles Bier bekommen. Aber ich möchte natürlich auch nicht unbedingt zu Hotelpreisen nachkaufen. Das Boot ist groß genug, und kann auch die Verpflegung für die Gesamtstrecke bunkern.

    Ich hatte mir natürlich bereits im Vorfeld zur Verpflegung Gedanken gemacht. Wegen dem geringen Gewicht und der langen Haltbarkeit sollte es vor allem Trockennahrung sein. Vom Kochen habe ich ansonsten keine Ahnung, ich werde meistens verpflegt.

    Schon die benötigte Menge stellt mich vor Probleme. Wie hoch ist eigentlich der Tagesbedarf? Im Netz finde ich Angaben von 500 bis 700g täglich, das geht aber auch hoch bis ein Kilogramm. Berniehh nimmt auf seinen anstrengenden Treckingtouren zB 800g täglich zu sich. So viel werden wir nicht benötigen, Paddeln ist nicht so anstrengend, das ist schon mal klar. Also einige ich mich auf etwa 600g pro Tag. Das also zur Menge.

    Nun zu dem Was. Zu Hause hatte ich mir bereits eine Lebensmittelliste vorbereitet, auf der eine Reihe Artikel Trockennahrung und ihre in Brasilien übliche Übersetzung ins Portugiesische aufgelistet sind. Natürlich besteht die Unsicherheit, dass ich nicht weiß, welche dieser Produkte dann vor Ort im Supermarkt tatsächlich zu bekommen sind. Ich wollte die Lebensmittel alle erst in Rondonópolis kaufen, und keinesfalls von zu Hause oder aus Brasília mitschleppen. Und das, obwohl ich sogar explizit gewarnt worden war. Ich hatte nämlich zwei Jahre zuvor bereits Mail-Kontakt mit den beiden Kanadiern gehabt, die die Pantanal-Tour 2013 gemacht hatten.
    Brian Svelnis schrieb mir damals, "The supermarkets in Rondonopolis are like any that your familiar with though with different labels. We found the quality inferior to what is available in North America (think Eastern Europe). The aisles are full of packaged and canned goods as well as fresh foods. We recommend bringing as much dried food as you can transport and use the local supermarkets for perishables. The costs are relatively high for dry goods, especially when considering the poor quality."

    Nun ja, ich wollte es dennoch nicht von Zuhause aus mitschleppen. Man denke nur an all das Handling an den Flughäfen und zum Bus. Denn ein kurzer Überschlag ergibt doch eine ziemlich hohe Gesamtmasse an Verpflegung. 600g * 2 Personen * 27 Tage sind bereits 32.4kg, wenn ich noch ein paar Tage Sicherheit einrechne, komme ich schnell auf ~40kg Netto-Gewicht alleine fürs Essen. Also Einkaufen erst in Rondonópolis.

    Das Einzige, das ich von Zuhause mitbringe, sind ein paar Packungen Multivitamin- und Magnesium-Brausetabletten sowie mehrere Erbswürste. Die Erbswürste gibt es nun dort garantiert nicht zu kaufen. Übrigens auch schon in Deutschland nicht mehr. Dieses Traditionsprodukt, Outdoor-Komprimat der ersten Stunde, von mir leider auch erst vor wenigen Jahren entdeckt, wird seit Ende 2018 nicht mehr produziert.

    Diese Lebensmittelliste schickte ich dann an Thomas mit der Bitte, sich das alles anzuschauen, ob er denn damit was anfangen könnte, und zu sagen, was evtl. noch essentiell fehlt. Aber die Liste war aus seiner Sicht ok.

    Im Big Master ist heute am Montag mehr los als gestern. Diesmal füllen auch wir einen großen Einkaufswagen. Aber erst mal lauert ein Schock auf mich. Thomas erklärt mir, er kann nicht kochen, er kocht sich nie etwas.

    Eigentlich habe ich fest damit gerechnet, dass Thomas den Smutje spielt. Ich selber kann es nämlich auch nicht, wie Andrea bestätigen würde.

    Wie bereits vorgerechnet, peile ich ~40kg Trockennahrung an. Langsam füllt sich der Korb. Natürlich jetzt nur noch mit Sachen, von denen ich glaube, was draus machen zu können. Die Erbswurst reichere ich mit viel Haferflocken an. Tatsächlich finden wir feine Haferflocken, und 6kg wandern in den Einkaufswagen. Damit ist das Thema Erbswurst durch, deren "einfache Zubereitung auch von kochunkundigen Männern gewährleistet werden" kann.
    An anderen Abenden wird es Spaghetti geben (9.5kg Trockenmasse), angereichert mit 2kg Tomatenmark, 4.6kg Zwiebeln, 1.1kg Knoblauch, 1.8L Sojaöl, 1kg Salz und 5 kg Fischkonserven.

    Über den Tag wird es nichts zu essen geben.

    Morgens bescheiden wir uns mit Müsli (3.65kg), welches ich mit 2.4kg Trockenmilch und einem Teil der Haferflocken anreichern will. Dazu werde ich mir einen kalten Kaffee anrühreren, löslicher Kaffee mit Trockenmilch und 2kg Zucker. Das sind erst einmal die Hauptbestandteile unsere Tourenkost. Dazu kommen noch ein paar Kleinigkeiten, ein paar zusätzliche Rosinen fürs Müsli, ein paar Kekse und Waffeln, Erdnüsse und 3 Büchsen SPAM (auch ein Produkt, das sich im harten Outdoor-Einsatz bewährt hat: „Ohne Spam hätten wir unsere Armee nicht ernähren können", schreibt Nikita Chruschtschow in seinen Memoiren."). Und eine Flasche Wodka als Ersatz für Bier.
    Äußerlich sehen all diese Sachen nicht schlecht aus, von "osteuropäischer Qualität" merke ich bisher nichts.

    Wir rechnen so grob zusammen, müsste stimmen, damit müssten wir in etwa über die Runden kommen. Wenn ich jetzt während des Berichtschreibens nachrechne, hatten wir in der Summe sogar mehr als 48kg Lebensmittel am Start. Ja, soweit kann ich es vorwegnehmen, wir hatten genug zu essen.

    Die Verpflegung kommt in meine graugrüne Aldi-Tasche, den großen schwarzen Lidl-Packsack, und in 2 Transportsäcke von Thomas. Für den Heimweg ins Hotel buchen wir wieder einen Uber. Diesmal fährt uns Igor Edgar, ein junger Caboclo, wieder mit einem Kleinwagen, einem VW. Für 8R$ geht es vollbepackt zurück ins Hotel.

    Damit wären die wesentlichen Vorbereitungen abgeschlossen. Nach einem kühlen Bierchen im klimatisierten Zimmer kümmern wir uns noch um Kleinigkeiten wie Nachfüllgas für das noch unbefüllte nagelneue Jetflame-Feuerzeug, große Büroklammern zum Verschließen der angebrochenen Lebensmittelpackungen, und Angelzeug.

    Jeder einzelne der 3 Artikel wieder ein kleines Mikroabenteuer, was natürlich zuerst den fehlenden Sprachkenntnissen zuzuschreiben ist. Für das Nachfüllgas fragen wir zuerst in der Apotheke nahe dem Hotel. Ohne Erfolg. Die zweite Apotheke ein paar Meter weiter, nicht größer als unsere Standardapotheken, hat ca. 20 Mitarbeiter. Die Hälfte der Belegschaft steht zusammen und hat nichts zu tun. Sie können uns weiterhelfen. Einer von ihnen kann Bruchstücke Englisch und verweist uns auf den Tabakladen schräg gegenüber. Treffer! Wir bekommen 300ml Butangas für 18R$.
    Wieder ein paar Meter weiter erkenne ich ein Schreibwarengeschäft. Hier bekommen wir eine Packung großer Büroklammern, 5R$.

    Danach gelangen wir in den zweiten großen Supermarkt von Rondonópolis, den Atacadão. Dieser ist noch eine Spur größer, viel besser besucht, idR billiger und hat eine leicht größere Auswahl. Alle Kassen sind geöffnet, an jeder lange Schlangen. Trotzdem nehmen wir hier noch ein Doppel-Sixpack Bier mit.

    Anschließend fragen wir in einem Kleintierhandel nach einem Angelgeschäft. Es dauert eine ganze Weile, bis der Chef herausgefunden hat, was wir eigentlich wollen. Er dachte erst, dass wir nach einer Angelmöglichkeit fragen und empfahl uns so einen künstlichen Angelpark, wie es sie bei uns auch gibt (zB Forellenanlage Klein-Wall an der Löcknitz). Dann erkannte er, dass wir im Fluss angeln wollen, im Rio. Er blättert in seinem großen Stapel Visitenkarten und telefoniert bereits mit einer Pousada im Pantanal, als ich den Fehler erkenne.
    Dann endlich begreift er, dass es uns nur um das Angelzeug geht, nimmt uns bei der Hand und führt uns ein paar Straßenzüge weiter zu einem Angelladen. Leider geschlossen, und so führt er uns noch zu einem zweiten, Casa do Pescador. Großartig, diese Hilfsbereitschaft.
    Hier nun finden wir eine große Palette von Haken, Schnüren, Ruten, Rollen etc. Wir begnügen uns mit zwei recht großen Angelhaken (für den Paku), fertig konfektioniert mit Stahlvorfach, einem Stück Blei sowie einer passend starken Schnur. Das ganze für 16R$, =3.52€. Ich bin sehr skeptisch, ob wir denn damit etwas (an-)fangen werden.

    Den Abend widmen wir dem Umpacken des Gepäcks, was mir erst mal etwas Stress bereitet. Aber letztlich kommt es gar nicht so sehr auf Perfektion an. Das Boot ist groß genug und wird das alles schlucken.
    Der letzte Abend in klimatisierter Umgebung mit kühlem Bier.



    Damit sollten wir nun restlos abfahrbereit sein. Alle Vorbereitungen sind abgeschlossen. Bisher liegen wir gut im Plan.
    Geändert von Spartaner (18.11.2019 um 14:27 Uhr)

  16. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #16
    Bin gespannt auf den Bericht!

    Wenn du mit B. gefahren währst fände ich ihn noch spannender!

  17. Gerne im Forum

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    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #17
    Hallo Spartaner,

    schön das es doch noch mit einem Trip Buddy geklappt hat und ihr ein gute Tour hattet. Danke für die ausführlichen Berichte und ich hoffe auf mehr. Eine Frage vorab wie es mit den Mücken war?

    vG Guido
    (•¿•)› *«:::G:::» «:::U:::» «:::I:::» «:::D:::» «:::O:::» * ‹(•¿•) aka Bratgitarre
    - www.faltbootreise.de -
    [

  18. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #18
    Moin Guido, Mücken gab es wahrscheinlich wegen der ausgeprägten Trockenheit sehr wenige. Tagsüber gar keine, Abends und Nachts waren sie an den meisten Abenden störend. Genau zur Dämmerung haben sie begonnen aktiv zu werden. Wir sind dann immer schnell ins Zelt. Die mitgebrachten Mückenmittel haben wir kaum verbraucht. Das ebenfalls mitgebrachte Mückennetz für den Kopf kam nicht zum Einsatz.

    Gruß Michael
    Geändert von Spartaner (18.11.2019 um 11:34 Uhr)

  19. AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #19
    Dienstag, 3.9.2019, Erster Tag auf dem Wasser, 20km

    Wieder sitze ich ab um 4 in der Hotellobby und tippe Tagebuch. Diesmal bin ich nicht alleine. Die Nachtwache sitzt mit auf der Couch und sieht fern.

    Pünktlich um 6 wieder Frühstück, kurz vor ½8 rufen wir uns einen Uber. Da wir uns sicher sind, dass auch der wieder zu klein und/oder keine teilbare Rückbank haben wird, schicke ich Thomas schon mal zu Fuß vor zur vorgestern ausgeguckten Einsatzstelle.

    Diesmal ist es Osvaldelei mit seinem Chevrolet Onix, der mich mit unserem Gepäck für 6.75R$=1.49€ 1.5km bis unter die alte Stadtbrücke fährt, wo ich das Boot im Schatten der Brücke aufbauen möchte. Nach 9 Minuten sind wir da, wuchten das Gepäck aus dem Auto, und ich versuche, den Bootssack zu öffnen. Natürlich ist das Messer tief verpackt, und so bleibt mir nur die große Machete, um den Kabelbinder durchzuschneiden, den ich zur Sicherung des Verschlusses während des Fluges montiert hatte.





    Kurze Zeit später trudelt auch Thomas ein. Der Bootsaufbau gleicht einem Puzzle, seit die Mehrzahl der Verbindungsfedern, die die Gestängeelemente zusammenhielten, kaputt sind. Aber ich bin das mittlerweile gewohnt, der Aufbau geht immer noch flott, und wenn das Boot erst mal fertig aufgebaut ist, stören die fehlenden Verbindungsfedern in keiner Weise. Nach 40 Minuten bin ich fertig.



    Trotz Brückenschatten komme ich schon ziemlich ins Schwitzen.
    Anschließend tragen wir das Boot 60m aus dem Schatten der Brücke zu der Treppe mit den hohen Treppenstufen runter ins Wasser.



    Beim Beladen des Bootes passiert es dann: Thomas verhebt sich und kann sich fortan nur noch unter starken Schmerzen bewegen. Er kann sich weder bücken, noch kann er schweres Gepäck bewegen. Paddeln geht auch nur noch unter Schmerzen. Er hätte das schon öfter gehabt und es soll normalerweise nach einer Woche wieder gut sein. Die ganze Wahrheit offenbart er mir in diesem Moment noch nicht, zB dass er damit schon mal 3 Wochen lang in Skandinavien flach lag, darunter eine Woche im Krankenhaus.
    Immerhin soll es kein Bandscheibenvorfall sein, sondern 'nur' Muskelschmerzen. Einen Abbruch des Tourstarts scheint er nicht in Betracht zu ziehen.

    So öffnen wir denn unsere letzten beiden kühlen Biere, die Thomas die ganze Nacht im Eisfach gefrostet hatte, und stoßen an auf die bevorstehende Tour.



    Nachdem er sich unter Qualen ins Boot gesetzt hat, legen wir 9:05 Uhr ab. Endlich auf dem Wasser, die weite und anstrengende Anreise ist Geschichte. Vor uns liegt das Pantanal, vielleicht noch 50 bis 200km voraus, so genau kann ich die Grenze des Sumpfgebietes auf den Karten und Luftbildern nicht erkennen.





    Der Fluss ist flach, führt nur wenig Wasser und wir müssen sehr genau schauen, wo wir eine fahrbare Rinne finden (Foto von Sonntag). Der im Moment bezüglich Wasserführung kleine Fluss mäandriert sozusagen unter der Wasseroberfläche innerhalb seines sandigen Bettes noch einmal. Wir versuchen, der Fließrinne zu folgen. Durch das trübe Wasser sieht man nichts. Einzig leichte Kräuselungen der Wasseroberfläche verraten uns, wo es gut fließt und wo es zu flach wird. Achtet man nicht drauf, bleibt man schnell mal auf dem flachen Sand sitzen.
    Unser Track mäandriert im September 2019 natürlich etwas anders als die hier ersichtlichen Sandbänke aus einer Zeit mehrere Monate zuvor:







    Wir sind hier auf dem Höhepunkt der Trockenzeit, also bei den im Jahresverlauf geringsten Wasserständen unterwegs. Das hat den Vorteil, dass sich all die stark vom Wasser abhängige Tierwelt an den Ufern der Flüsse versammelt.

    Hinter den Ufern ist es allerorten besiedelt, in und auch noch einige Kilometer unterhalb der Stadt. Nach 10 Minuten unterqueren wir die große Brücke der Fernstraße, über die wir mit dem Bus aus Brasília gekommen sind.



    Thomas hat noch so einige Schwierigkeiten, den Kahn alleine in der Spur zu halten. Einfaches zartes Paddeln funktioniert aber ganz gut in seinem Zustand. Zusammen mit der Strömung des Flusses erreichen wir eine Paddelgeschwindigkeit von 6 - 8km/h.

    Nach weiteren 10 Minuten passieren wir die städtische Kläranlage von Rondonópolis. Im Luftbild von Mai 2019 sieht sie wie eine gut funktionierende Anlage aus.



    Frühere Luftbilder lassen eine erhebliche Entwicklung erkennen. Google Earth zeigt die Bau- und Betriebsfortschritte von Mai 2004 bis Mai 2019.

    Entsprechend riechen wir nichts, als wir an der Kläranlage vorbeikommen. 2013 war das noch anders. Brian schrieb: "About an hour after our start we passed the outlet for the city sewage treatment plant. The smell followed us for a few kilometers. The clouds of biting insects continued for the remainder of the day. At this point it became obvious to us why the locals were all dressing in long pants and shirts! We pulled out our long-sleeved shirts, Diana changed into her long pants and I regretted my decision to not bring a pair of long pants. The afternoon was torturous as the insects were relentless and I admitted that if this continued, we would not. As we put into shore for our first camp, Diana suggested to cut the legs off my old pair of calf-lengthed shorts and sewing them onto the bottom of my other paddling shorts. She did so right away and this brilliant idea solved the long pants issue."

    Trotzdem wir uns noch im Stadtgebiet bewegen, sind bereits viele interessante Vögel zu sehen. Vegetation und Tierwelt, alles ist neu für mich. An diesem Tag lege ich den Fotoapparat kaum aus der Hand.

    Nur diese beiden hier, die kenne ich bereits von Zuhause:

    Silberreiher (Ardea alba), die selbe Art wie bei uns:




    In Rondonópolis selbst flatterte auch schon ein alter Bekannter herum, Passer domesticus:



    Im Gegensatz zum Silberreiher wurde der Haussperling in Südamerika eingeschleppt.

    Der Kormoran hier, die Olivenscharbe (Phalacrocorax brasilianus, früher P. olivaceus), erinnert stark an unseren Kormoran. In Englisch wird die Sache klar, er ist einfach der Counterpart unseres Kormorans: Neotropic Cormorant.



    Die stark gezoomten Bilder des ersten Tages sind noch oft verwackelt, später habe ich dafür meist die Sport-Einstellung verwendet (Serienaufnahme, 1000stel Sek Belichtungszeit).

    Die meisten anderen Vögel waren dagegen echte Exoten

    Wie zB dieses Glattschnabelani-♂ (Crotophaga ani):





    Eine Art, die wir überall im Pantanal gesehen haben, ist der Bronzekiebitz (Vanellus chilensis):







    Auf den Flugbildern ist der Flügelsporn gut zu sehen, seine Angriffswaffe. In Brasilien heißt der Bronzekiebitz quero-quero, was so viel heißt wie "Ich will, ich will", quem-quem, tetéu oder xexéu. Auffällig sind die beiden Sporne im Brustbereich. Alarmrufe. Viele brasilianische Tiernamen sind nicht portugiesischen Ursprungs, sondern aus Indianersprachen übernommen oder abgeleitet, vor allem aus Guaraní.

    Der Hornwehrvogel (Anhima cornuta) ist schon eine sehr exotische Art:



    Diese großen Vögel saßen abschnittsweise auf jeder zweiten Sandbank, zumeist paarweise. Der Hornwehrvogel, brasil. Anhuma, ist ein großer, bis 3.5 kg schwerer Vogel mit einer Länge von 84 bis 95 cm und einem kleinen hühnerähnlichen Schnabel. Aus der Krone ragt eine lange stachelige Struktur hervor. Diese Struktur ist unter Vögeln einzigartig und stammt nicht aus einer Feder, sondern ist eine verhornte Struktur, die lose am Schädel haftet und kontinuierlich wächst, während sie häufig an der Spitze bricht. Öfter lassen sie ihre lauten Rufe hören.

    Der Vogel im Vordergrund rechts ist ein Rotstirn-Blatthühnchen (Jacana jacana). Es lebt eigentlich auf den Wasser- und Schwimmblattpflanzen auf den Sümpfen und Seen des Pantanal. Diese Vögel habe die neuzeitliche Genderlehre verinnerlicht und handeln entsprechend. Das Rotstirn-Blatthühnchen legt vier schwarz markierte braune Eier in ein schwimmendes Nest. Dann übernimmt das Männchen das Brutgeschäft, klemmt sich jeweils 2 Eier unter einen Flügel und hält sie dort auf Temperatur. Die Weibchen sind polyandrig und helfen, die Nester von bis zu vier Vätern zu verteidigen. Also alles genau andersherum als normal.

    Hier zwei Hornwehrvögel mit einem Rabengeier (Coragyps atratus) in der Mitte:



    Rabengeier gehören zu den 7 Arten Neuweltgeiern und haben verwandschaftlich wenig mit unseren Altweltgeiern zu tun. Gemeinschaftlich ist ihnen nur, dass sich ihre Ästhetik oft erst auf den zweiten Blick erschließt, um das mal gaaanz ganz vorsichtig auszudrücken.

    Auf einer Sandbank sitzen ~70 Witwenpfeifgänse (Dendrocygna viduata). Sie werden 40 bis 45 cm groß und leben im tropischen Südamerika, Afrika und Madagaskar. Manchmal werden Ansammlungen von Tausenden Gänsen beobachtet. Charakteristische Rufe.



    Unterhalb der Stadt lagern stellenweise viele Angler an den Ufern. Weiter unten sitzen sie oft auf soliden Schwimmstegen.





    Der Fluss schlängelt sich durch eine jetzt am Ende der Trockenzeit ziemlich ausgedörrte Landschaft. Einige Bäume werfen in der Trockenzeit ihr Laub ab.





    Andere Bereiche sind aber auch prall grün und es gibt viele blühende Bäume:



    An manchen Stellen wächst öfter mal hoher Bambus. Welche Art, weiß ich noch nicht, erinnert aber an Guadia-Bambus. Das Äffchen mit seinem Kind habe ich leider nicht scharf geschossen bekommen (Azara-Kapuzineraffe, Sapajus cay):



    Am Ufer und manchmal mitten im Fluss ragen Felsen hervor.





    Das Flusstal ist landschaftlich interessant, die Hügel ragen 200 bis 400m über den Talgrund. Die Hänge der Hügel scheinen alle noch natürlich bewachsen zu sein (Cerrado).













    Schon am ersten Paddeltag, also kurz hinter Rondonópolis, sehe ich, bereits hinter uns, wie sich mehrfach 2 große Köpfe jeweils kurz aus dem Wasser erheben. Sehen ähnlich aus wie Robben, können hier aber nur die Riesenotter sein. So kurz nach der Stadt schon die Riesenotter, das hätte ich nicht gedacht! Wahnsinn! Vielleicht 2 Brüder, die neue Reviere erkunden? Fotos gibt es von ihnen hier nicht.

    Tagesziel ist heute nach nur 3½h und 19km Paddeln auf dem Rio Vermelho ein von Süden her einmündender Nebenfluss, der Rio Ponte de Pedra bzw Ribeirăo Ponte da Pedra. Der Fluss liegt im Parque Estadual Dom Osório Stoffel, hat an seiner Mündung relativ sauberes Wasser, wird aber ~19km oberhalb der Mündung durch ein Wasserkraftwerk unterbrochen. Der Park schützt das Biom Cerrado.

    Das klare Wasser konnte ich bereits vor der Reise im Luftbild erkennen. Hier wirklich mal raufklicken, das Schrägluftbild zeigt gut, in was für eine phantastische Landschaft man auf diesem kleinen Fluss vordringt.

    Diesen Fluss paddeln wir stromauf. Gegen die Strömung halten wir mit kräftigen Schlägen ein Tempo von 3.7km/h. Hier entfernen wir uns von den oft belebten Ufern des Rio Vermelho und tauchen ein in die unberührte Dschungelwelt. Die Berge ringsum sehen aus wie im australischen Outback, rote Felsen, Trockenwald. Vogel- und Insekten-Konzert.



    Nach 600m taucht die große Sandbank auf, die ich bereits nach Satellitenbild zur Übernachtung auserkoren habe. Wir hätten sie fast nicht erkannt, weil sie mittlerweile stark zugewachsen ist. Aber am Ufer findet sich noch genügend Platz für 2 Zelte. Wir beenden den heutigen Paddeltag bereits kurz nach ½1. Damit haben wir genügend Zeit, hier draußen erste Eindrücke zu sammeln.





    Nachdem ich das Gepäck an Land gewuchtet haben, ist Thomas seine erste Handlung am gerade erreichten Rastplatz immer der Zeltaufbau, während ich mein Zelt gewöhnlich erst in der Dämmerung aufbaue. Ohne sich bücken zu können, ist Zelt aufbauen schon ein Problem. Heute beim ersten Mal darf ich noch helfen.

    Zum Abendbrot koche ich uns Spaghetti. Thomas mimt den Hilfskoch, schneidet Knoblauch und Zwiebeln und öffnet die Fischbüchse.





    Die Felsen oben in der Teleansicht, Abendsonne:







    Zwischendurch geht es zur Abkühlung immer mal ins Wasser. Hier im relativ klaren Wasser des Flusses Rio Ponte de Pedra können wir direkt sehen, ob sich bissige Piranhas oder Kaimane nähern.

    Über den Piranha informiert uns Philip Street 1971 in seinem Werk 'Die Waffen der Tiere': "Der Menschenhai und der Barracuda sind furchterregende Geschöpfe, aber an rasender Wildheit und Gefährlichkeit für den Menschen kommt nichts, was im Meer schwimmt, einem kleinen, in den Flüssen Südamerikas lebenden Fisch gleich. Das ist der Piranha. Er steht mit Recht im Ruf eines Menschenfressers, obgleich seine Länge selten 17,5 cm übersteigt und 25 cm bilden einen Rekord. Der Tod durch den Hai oder den Barracuda ist meist rasch und, verglichen mit dem Piranha, geradezu gnädig zu nennen. Jeder Mensch und jedes Tier, denen das Unglück widerfährt, an einer von diesem blutdürstigen Fisch heimgesuchten Stelle in den Fluss zu fallen, wird buchstäblich bei lebendigem Leibe aufgefressen, Hunderte erscheinen aus dem Nichts, und das Fleisch des Opfers wird in Zehntausenden kleiner Bisse abgefressen, bis nichts übrigbleibt als das nackte Skelett. Das grausige Werk ist kurz. Bei einer neueren Untersuchung wurde der Kadaver eines Schweines von 400 Pfund in einen Fluss herabgelassen, von dem man wußte, dass er von Piranhas wimmelte. Nach 10 Minuten waren nur noch die Knochen übrig. So klein er ist, besitzt der Piranha ein unglaublich scharfes Gebiß, mit dem er einen Finger samt Knochen auf einmal glatt durchbeißen kann. Gewöhnlich ist der Piranha ein geruhsamer Fisch, doch das Erscheinen des Opfers scheint ihn in eine Art von Raserei zu versetzen, und es ist nicht der Hunger allein, der ihn treibt. Lange nachdem sie sich sattgefressen haben, fahren sie mit ihren wütenden Angriffen fort, bis auch nicht das geringste bißchen Fleisch mehr übrig ist; die Abfälle häufen sich am Boden des Flusses, bis die Strömung sie wegschwemmt. Kein Lebewesen entgeht ihrer Aufmerksamkeit, auch keines der eigenen Gattung, und es ist unmöglich, mehr als einen von ihnen in einem Aquarium zu halten."

    Dementsprechend vorsichtig bewegen wir uns im Wasser.
    Aber außer ein paar kleineren Fischen sehen wir nichts. Ganz kleine Fischchen knabbern mich an. Wahrscheinlich ähnlich wie die Kangalfische aus dem Euphrat, die man auch zur Wundpflege einsetzt.





    Tierleben am Strand mit Leptotes cassius:



    Makroaufnahme von Leptotes cassius

    Spuren sehr aktiver Würmer:





    Bei dem Trittsiegel oben bin ich mir nicht mehr sicher, was ich da fotografiert habe. Entweder war es ein Wasserschwein oder ein Tapir. Auf jeden Fall haben wir dort am Strand Tapirspuren entdeckt, gleich hier am Beginn der Tour. Die drei Zehen in Verbindung mit der Größe sind ja eindeutig. Wasserschweinknödel und Tapirspuren haben wir im Verlaufe der Fahrt fast jeden Tag, auf fast jeder Sandbank gesehen. Diese beiden Arten sind also überall präsent.

    Abends zieht im Süden ein örtlich begrenztes Gewitter auf. Es blitzt und donnert ordentlich, aber das Gewitter erreicht uns nicht wirklich. Die Mücken sind aber hier im Dschungel abends sehr aktiv. So verziehen wir uns schnell ins Zelt.



    Bis nach Mitternacht ist es zu heiß, um sich zuzudecken. Bis auf 2 Nächte, in denen es regnet, zelte ich im Pantanal immer "oben ohne". Der Sound des Dschungels kommt absolut ungefiltert bis zu mir, und sehen kann ich auch genug.
    Die Zeltstelle gefällt mir ausnehmend gut, hier abseits des große Flusses, wo auch bis spät abends in der Ferne noch Motorboote zu hören sind.

    Aber ich habe mich getäuscht, auch hier bleiben wir nicht alleine. Nachts um 22 Uhr kommt ein Boot von Unterstrom gepaddelt, leuchtet auf Thomas sein Zelt, es fallen ein paar Worte und sie kehren wieder um. Also entweder wollten sie gezielt nach uns schauen, oder sie wollten auf unsere Sandbank und fanden sie besetzt vor.
    Geändert von Spartaner (19.11.2019 um 15:14 Uhr)

  20. Gerne im Forum

    Dabei seit
    28.10.2009
    Ort
    bei köln
    Beiträge
    57

    AW: [BRA] Paddeltour 900km durch das Pantanal, Brasilien 2019

    #20
    Wow, jetzt wird es interessant.
    Das Thema mit dem Rücken hatte ich auch mal auf meiner Ticino/Po Tour. Ich bin wirklich nur aus dem Boot gekrochen. Unangenehme Sache. Hoffentlich wird noch alles gut.

    vG Guido
    (•¿•)› *«:::G:::» «:::U:::» «:::I:::» «:::D:::» «:::O:::» * ‹(•¿•) aka Bratgitarre
    - www.faltbootreise.de -
    [

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