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  1. Anfänger im Forum

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    [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #1
    Mitreisende: Bergahorn
    Nach zwei nicht erfolgreichen Anläufen soll es dieses Jahr nun endlich mit einer Tour in der Hardangervidda klappen. Ich bin spät dran mit der Planung und sie verläuft etwas holperig, aber nach Einarbeitung in norwegische Bus- und Bahnverbindungen sowie dem Erstellen der Route mit ut.no kann ich mich ungebremst der Vorfreude und der Aufregung hingeben! Letztere bezieht sich weniger auf die Tour selbst, als auf die Reiserei, ich bin keine souveräne Weltreisende und mein Englisch ist auch nicht besonders fluently. Wird schon klappen! Die nächste Zeit bastele ich noch an der Ausrüstung herum, hier ein paar Gramm weniger, da ein paar Gramm mehr, viel leichter wird es kaum noch gehen…

    Dienstag, 6.8.

    Sehr früh geht es zu Hause los, natürlich waren alle meine Sorgen überflüssig, ich lande geschmeidig in Oslo, treffe mich noch mit einer Bekannten, die mir netterweise den Rødsprit , den ich noch brauche, mitbringt und steige dann um 23.00 Uhr in den Bus nach Haukeliseter. Schräg vor mir sitzt ein menschengroßer Rumpelwicht, ich hoffe mal sehr, dass er nicht auch in Haukeliseter aussteigt und dann „Wiesu denn bluß? Wiesu tut sie su?“ fragt.

    Mittwoch, 7.8.

    Erfreulicherweise bleibt er dann dort im Bus sitzen, ich bin die Einzige, die um 4.10 Uhr den Bus verlässt. Es fängt bereits an zu dämmern, leider nieselt es auch, so verziehe ich mich erst einmal unter ein Dach und sortiere den Rucksack von Flugzeug auf Wanderung um. Ich trödele noch ein wenig herum, starte dann aber gegen 5.30 Uhr in leichtem Niesel und der akustischen Knarzkulisse meines Rucksackes, der ganz offensichtlich auch schon wach ist, den kleinen Pfad über die Straße Richtung Natur hinauf.



    Rückblick auf Haukeliseter und den Ståvatn


    Das Gewicht von ca. 15kg merke ich schon, aber es wird ja im Laufe der Zeit weniger werden! Außerdem ist die erste Steigung schnell geschafft und nun kann ich den Blick auch nach vorne schweifen lassen und die mir unbekannte Landschaft visuell beschnuppern. Ich fremdele gar nicht, wie mir das manches Mal in noch unbekannter Landschaft ergangen ist, es passt perfekt, dass ich jetzt hier bin! Die vielen kleineren und größeren Seen begeistern mich trotz des trüben Wetters, an diesem ersten Tag werde ich wohl nahezu jeden fotografieren…



    Welcher See das nun ist, weiß ich leider nicht mehr...

    Noch stiefele ich etwas hölzern und ungelenk durch die Gegend, wahrscheinlich muss ich mich nach vielen Kilometern in Trailrunnern erst einmal wieder an die Bergschuhe und so richtig schöne kleine und unebene Pfade gewöhnen. Trotzdem möchte ich die Klumpen in diesem Gelände nicht eintauschen!
    Als es einmal aufhört zu nieseln, ziehe ich die Regenklamotten aus, die darf ich jedoch bald wieder anziehen, so lerne ich schnell, dass sich ein Wechsel bei dieser Wetterlage eher nicht lohnt! Irgendwann mache ich eine Art Frühstück, will sagen, koche heißes Wasser und genieße dazu diese Bitix-Haferkekse, die einen im normalen Leben wahrscheinlich schnell wie Evelyn nach dem Riegel-Testen in Loriots „Papa ante portas“ aussehen lassen, aber auf einer Tour gut genießbar sind und jede Menge der heißbegehrten Kalorien bieten.
    Heute habe ich richtig Glück, sehe ich doch schon bald ein paar Vögel, kleinere finkenartige Exemplare und eine XY-Läufer(?)-Mutter mit zwei Küken, die besonders nett aussehen: Je zwei bräunlich gesprenkelte Daunenbällchen, die Kopf und Körper sind, rennen ziemlich schnell auf überdimensional langen Beinchen durch die Gegend. Sehr süß, ich fände es ja noch toller, wenn ich wüsste, was für Vögel das sind. Leider kann ich mit dem Handy nur Schummerfotos machen, so dass ich auch zu Hause das Rätsel nicht lösen werde.
    Ab dem Mannevatn bessert sich das Wetter so rapide, dass im nächsten, kleineren See Anbaden angesagt ist. Herrlich, ich bin ja eigentlich keine Wasserratte, aber ein erfrischendes Bad in einem Bergsee lasse ich ungern aus!



    „Badesee“

    Meine Füße und die Schuhe sind sich allerdings noch nicht so einig, v.a. der rechte kleine Zeh ist mit dem Platzangebot nicht einverstanden. Liegt es an der neuen Besohlung, den anderen Socken oder einfach daran, dass die Schuhe leider ganze zwei Jahre quasi brach liegen mussten? Ich werde sehen… Ansonsten genieße ich die wunderschöne Landschaft, die weiten Blicke, das einigermaßen moderate Auf und Ab und staune, wie wenig mich der Schlafentzug der letzten Nacht bisher beeinträchtigt.
    Die Ausblicke auf einige Höhenzüge lassen die Idee aufkommen, hier mal vom Zelt aus die eine oder andere Tagestour auf einen der Gipfel zu unternehmen. Ein anderes Mal...
    Hin und wieder kommen mir ein paar Leute entgegen, ein kurzes „Hei“ und gut ist. Am Holmasjøen genieße ich eine Sonnenpause mit herrlichem Blick über den See. Dabei meine ich, immer mal wieder, von fern Stimmen zu hören. Da aber weit und breit niemand zu sehen ist, schiebe ich das schließlich auf meinen Schlafmangel. Doch nein, nach geraumer Zeit kommt schließlich doch eine große Gruppe plaudernder Wanderer vorbei. Eigentlich ganz beruhigend, dass ich nicht schon anfange, Stimmen zu hören!



    Holmasjøen

    Bei einem Abstieg überkommt mich dann doch plötzlich die Müdigkeit, es wird Zeit, dass ich nach einem Zeltplatz Ausschau halte. Es dauert allerdings noch ein Weilchen, bis ich den finde, ist das Gebiet hier doch erst einmal ziemlich sumpfig.



    Bei näherer Betrachtung ist es in der Ebene viel zu nass zum Zelten


    Gegen 15.00 Uhr findet sich oberhalb des Simletindvatn ein nahezu flaches Plätzchen, gar nicht weit davon auch eine gute Wasserstelle, so dass für alles gesorgt ist. Ich stelle das Zelt auf, drehe es dann aber noch einmal um, da es ihm besser tut, wenn der Wind nicht auf die senkrechte Rückseite steht. Also kein Seeblick aus dem Zelt – ich bin im Grunde auch viel zu müde dafür und werde bald schlafen. Ein kleines Nickerchen stellt sich spontan ein, dann koche ich aber noch richtig und schreibe danach Tagebuch. Dabei fängt es an zu regnen, so dass ich das Zelt erst einmal nicht wieder verlassen möchte. Darüber schlafe ich ein, ohne mich richtig „bettfein“ gemacht zu haben.


    Donnerstag, 9.8.

    Gegen 4.00 Uhr wache ich auf, dämmere aber immer wieder ein und träume jede Menge verrücktes Zeug. Dass sich das Unterbewusstsein in den ersten Nächten des Urlaubs eine wilde Mischung zusammenspinnt, kenne ich schon und denke erst gar nicht darüber nach, ob und wenn ja, welche Bedeutung diesen Träumen abgewonnen werden könnte. Dazu vergesse ich sie auch viel zu schnell. Als ich später gegen 7.00 Uhr von der Sonne geweckt werde, pelle ich mich schnell aus dem Schlafsack, fühle ich mich nun doch wesentlich fitter als gestern! Nach dem Frühstück in der Sonne findet die Packorgie statt, das flutscht alles noch nicht so richtig, aber ich habe ja zwei Wochen Zeit, mich in dieser Disziplin zu üben!



    „Entspanntes Zelt“ am Morgen

    Um 9.15 Uhr geht es dann endlich los. Heute ziehe ich die bewährten Wollsocken an, was meine Füße sehr begrüßen! Nicht nur deshalb bin ich jetzt weniger hölzern unterwegs, scheinbar habe ich mich an die schweren Bergstiefel und die so andere Gangart darin gewöhnt und fühle mich wieder mehr in meinem Element.
    Mein gemütliche Kunstfaserjacke gibt zwei Daunen von sich. Womöglich ist sie eine im falschen Körper geborene Daunenjacke? Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Daunen Ausreißer aus dem Schlafsack sind.
    Bei dem herrlichen Wetter heute ist die Landschaft noch viel schöner, schon auf dem Weg zur Hellevasbu erfreue ich mich nicht nur optisch an dieser herben, seenreichen Landschaft, sondern auch akustisch an den verschiedenartigen Geräuschen, die das Wasser macht und fange an, eine Begriffssammlung zu machen: gluckern, rauschen, plätschern, brodeln, donnern, tosen… mal sehen, was im Laufe der Tour noch dazukommt! Mir fällt ein, dass es von Franz Hohler ein kleines Gedicht über einen Bergbach gibt, in dem er viele Geräusche zitiert, leider bekomme ich es aber aus dem Gedächtnis nicht zusammen. Wieder zu Hause werde ich dann fündig:

    Es war einmal ein Bach
    Der machte großen Krach.
    Er rauschte, brauste, brodelte,
    er johlte, jauchzte, jodelte,
    Und rollte Steine auf dem Grunde
    Am Tag, zur Nacht, zu jeder Stunde.
    So tanzte er dem Stausee zu
    und ward verschluckt. Nun gab er Ruh.



    Bald passiere ich die erste „echte“ Brücke, danach geht es etwas langwieriger, als ich mir das vorgestellt habe, zur Hellevasbu, vor der es noch einmal eine schöne Hängebrücke zu überqueren gibt. Nichtsdestotrotz bin ich wieder von den Ausblicken, aber auch von der alpinen, kargen Flora beeindruckt. Ich sinne mal wieder darüber nach, warum mich dieses Karge, die Flechten, Moose, Kriechweiden und das fotogene Wollgras immer wieder so begeistern, mich üppige Vegetation eher nicht so berührt. Eine Erklärung finde ich allerdings nicht.



    Hellevasbu am Øvre Hellevatnet

    An der Hütte komme ich mit einer Mutter samt erwachsenem Sohn aus Haugesund sehr nett ins Gespräch. Sie sind schon fast eine Woche unterwegs und werden sich für die Strecke bis Haukeliseter zwei Tage Zeit nehmen. Recht haben sie, es gibt genug zu schauen und zu genießen!
    Nach der Hellevasbu geht es dann erst einmal ganz gut aufwärts, netterweise steht aber direkt am Weg ein „Sofastein“, auf dem es sich extrem komfortabel sitzen und Pause machen lässt! Die Gelegenheit lasse ich mir natürlich nicht entgehen!



    «Sofastein» zum Pause machen

    Danach wird es steiniger und alpiner (wobei sich alpin hier in der Hardangervidda selten auf die Steigung, mehr auf die Bodenbeschaffenheit bezieht) und zieht sich etwas zu. Immer wieder bewundere ich Seen mit Wollgrasparadiesen, außerdem fliegen hier viele „Viddafinken“ herum. Sie sind allerdings so flink, dass ich sie nie richtig vor die Linse bekomme. Merke: Vor der nächsten Tour in unbekannte Gefilde über die Tierwelt informieren!
    Auch heute stelle ich fest, dass es kein Gerücht ist, dass norwegische Gehzeiten eher knackig sind – jedenfalls für mich mit meinem Gepäck! Insgesamt ist selbiges ganz gut auszuhalten, heute tun die Gelenke nicht mehr weh, nur die üblichen Druckstellen an den Beckenknochen. Also alles im grünen Bereich! Trotzdem zieht sich gerade der Weg etwas, ich bin zudem wettermisstrauisch, aber bis auf ein paar Tropfen wird es heute trocken bleiben! Den Abstieg zum Kvennsjøen unterbreche ich, um mal die Füße von mir zu strecken. Hinter mir sind einige jüngere Wanderer, die scheinen auch etwas erschöpft zu sein.
    Nach dem Passieren eines Wollgrasparadieses und von zwei Brücken über Zuflüsse zu diesem See geht es bei viel Wind noch einmal zur Sache auf einen Pass mit Wegabzweig, dann mit Blick auf den Litlosvatn hinunter, um dann ein ganzes Stück an dessen Ufer entlang zu laufen.



    Wollgrasparadies



    Die erste der beiden Brücken



    Luxuswegweiser


    So langsam möchte ich mal Feierabend machen, allerdings nicht direkt am Weg das Zelt aufbauen, so lasse ich einige ebene Stellen wortwörtlich links liegen und steige dann quasi gegenüber der Litlos-Hütte etwas den Hang hoch, bis ich gegen 18.00 Uhr eine einladende Ebene erreiche. Ein kleiner Bach ist in der Nähe, einen Minihausberg, oder besser -zeltberg habe ich auch, das passt doch alles bestens! Das Zelt wird gleich in die richtige Richtung aufgestellt, dann gibt es richtig leckeres Abendessen: Woknudeln mit scharfem Paprika-Möhren-Gemüse. Hoffentlich habe ich davon noch mehr Portionen in meinen Vorräten. So genau weiß ich das nicht mehr, meine Dörraktion ist schon etwas länger her…
    In der Nähe kommen immer wieder Wanderer mit und ohne Angelzeug den Berg hinunter, laut Karte gibt es da keinen Weg, aber das muss hier wahrscheinlich nicht viel heißen. Später erklimme ich den mit Rentierflechten, Krähenbeeren und anderem krautigem Gewächs überzogenen Buckel neben dem Zelt, von dem aus man einen guten Überblick über den Litlosvatn hat. Ich bin mal wieder hin und weg von den Farben: Ein regenschwangerer dunkler Himmel lässt den See stahlgraublau aussehen, im Gegensatz dazu leuchten die sonnenbeschienenen Flechten unter meinen Füßen, einfach toll! Ich bleibe lange hier und lasse den Blick schweifen, auch zu meinem kleinen Zelt ein paar Meter weiter unten.



    Blick auf den Litlosvatnet



    Blick vom „Hausberg“ auf das Zelt

    Be-, wenn nicht gar verzaubert geht es zurück um Zelt, ich schreibe noch Tagebuch, hole die „Wäsche“ rein und lege mich dann nieder, müde genug bin ich. Je nach Windrichtung höre ich v.a. Wasser rauschen, manchmal auch das leise Brummen des Hüttengenerators, bald aber gar nichts mehr...

  2. AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #2
    Schöne Bilder. Vor allem das mit den weißen Blumen finde ich mega. Die hatte ich im Sarek auch, weiß gar nicht wie die heißen. Sehen aber so aus, als könnte man daraus eine vegane Daunenalternative basteln..

    Was ist das für ein Zelt? So ein Ultraleicht-Teil wo man den Trekking-Stock als Zeltstange benutzen kann?

    Hardangervidda hab ich irgendwo schonmal gehört, ist das auch so eine Art Fernwanderweg wie der Kungsleden mit regelmäßigen Hütten und festen Routen oder läuft man da querfeldein und bastelt sich seine eigene Tour zusammen?

  3. Anfänger im Forum

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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #3
    Dankeschön! Die "Blumen" sind Wollgras, eine typische Moorpflanze. Da gibt es so ca. 15 Sorten, welche das nun war, kann ich nicht sagen.

    Das Zelt ist "The One" von Gossamer Gear und wird mit zwei Trekkingstöcken aufgebaut. Ich fand es erstaunlich windstabil, habe allerdings keinen Vergleich zu anderen.

    Die Hardangervidda ist eine Hochebene mit Wanderwegen und Hütten, es gibt zwei klassische Durchquerungen, Nord-Süd und Ost-West. Ich habe mir meine eigene Route zusammengebastelt, dabei einen Großteil der Nord-Süd-Variante mitgenommen. Die Hütten fand ich als Backup ganz beruhigend, da meine Wildniserfahrung doch sehr beschränkt ist!

  4. Erfahren
    Avatar von Voronwe
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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #4
    Ah ,ein Hardangervidda-Bericht sehr schön, ist gleich abonniert.

    Hast Du nur gezeltet oder hast Du auch mal in einer Hütte übernachtet?

    Wollgras ist btw. ein guter Indikator für Nässe (auch in den Alpen) - wo das wächst sollte man nicht hintreten, da ist es feucht.

  5. Gerne im Forum
    Avatar von NF
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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #5
    Lese sehr gespannt mit.
    Wir sind am 10.8. in Finse Richtung Odda gestartet und fanden das Wetter nicht wirklich berauschend...
    Deine Fotos sehen super aus!

  6. Liebt das Forum
    Avatar von Prachttaucher
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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #6
    Die 3.te August-Woche fand ich auch bescheiden, aber Ende August gab es dann noch ein paar sehr feine Tage.

  7. Gerne im Forum

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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #7
    Schöner Bericht, mein Abend zieht sich in die Länge, 😎 gerne mehr davon.

    Vielen Dank und beste Grüße,
    Robert

  8. Anfänger im Forum

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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #8
    Danke für die netten Rückmeldungen, da schreibe ich doch gerne weiter!

    @Voronwe Natürlich verrate ich noch nicht, ob ich in Hütten übernachtet habe, sonst ist ja die ganze Spannung dahin

    Freitag, 9.8.

    Heute geht es mal früher los, um 7.30 Uhr! Das Zelt ist leider ziemlich nass, aber ich bin trotz Kondenswasser an den Wänden trocken geblieben! Das Wetter sieht ziemlich unzuverlässig aus, hoffentlich wird das noch, ich hätte heute die Chance, auf den Hårteigen zu steigen.
    Als ich an der Litlos-Hütte vorbeikomme, laufen ein paar verschlafene Gestalten herum, angesichts derer ich mich mit dem Überlegenheitsgefühl der Frühaufsteherin freue, in meinem kleinen „Eigenheim“ übernachtet zu haben!
    Während es eine ganze Zeit lang sanft hoch geht, kommt die Sonne immer mehr heraus, so dass ich in einem kleinen See eine Badepause einlege. Erfrischt und gereinigt geht es gleich doppelt so gut einen kleinen steinigen Aufstieg hinauf. Der Tag wird immer schöner, die Gegend verlockt mit viel Wollgras und zahlreichen Seen, die in der Sonne glitzern und glänzen, zum Herumtrödeln.



    Schäfchen zählen für Veganer...

    Ich beherrsche mich aber halbwegs, soll das Wetter doch ab morgen schlechter werden und ich hoffe auf heutiges Gipfelglück. Auf einer sehr windigen Kuppe trockene ich das Zelt im Wind, dabei muss ich richtig aufpassen, dass es mich nicht mitnimmt oder ich es loslasse! Wäre sicher ein nettes Bild, wie sich das Zelt, nur an zwei Punkten von mir in die Höhe gehalten quasi in der Luft aufstellt.
    Hier sehe ich auch das erste Mal heute den Hårteigen, der zunächst noch etwas unter einer Wolkenmütze versteckt ist, diese aber nach kurzer Zeit gelüftet hat. Ist schon ein merkwürdiger Berg, einfach so ein eigentlich nicht besonders ästhetischer Klotz, ein Trumm oder Kawentsmann, der aus der ansonsten eher weiten hügeligen Landschaft herausragt. Ich bin gespannt, ob und wie ich dort hochkommen werde!



    Hårteigen mit ....



    ...und ohne Wolkenmützchen

    Weiter geht es, an einer Steigung entdecke ich tatsächlich Enzian. Dieses intensive Blau haut mich ja immer wieder um!



    Bald danach stinkt es ganz gewaltig nach Schafkadaver. Als ich mich gegen die Windrichtung umdrehe, kann ich ihn sogar entdecken. Auf eine nähere Besichtigung verzichte ich jedoch und mache, dass ich davon komme, auf dass mir wieder bessere Düfte um die Nase wehen!
    Nun wird es immer steiniger, mitten auf dem Weg finde ich sogar einen Herzstein. Ich suche ja nie aktiv nach solchen, aber dieser hier lässt sich kaum übersehen! Dekorativ platziere ich ihn am nächsten Wegweiser. Damit könnte der DNT Reklame machen!



    Ach, es ist einfach ein Traumtag heute, mir fällt die Zeile „Ein Tag kann eine Perle sein...“ aus Gottfried Kellers Gedicht „Die Zeit geht nicht...“ ein. Dieser Tag ist definitiv eine solche Perle: Schauen, Staunen, Glücklichsein - ich bin in Wanderhochstimmung, oder wie man diesen Zustand bezeichnen soll! Die wird fast noch gesteigert, als ich zu dem fast unwirklich türkis in der Sonne blitzenden Sandvatn absteige – er wirkt schon viel arktischer, als ich auf diesen Breitengraden vermuten würde. Hier gibt es viele der hübschen, schon öfter gehörten und gesehenen Vögel, die ein „Tüüüüü-ipp“ pfeifen, auf ihren Streichholzbeinchen rasend schnell am kiesigem bis sandigem Strand des Sees herumrennen, aber auch in der Luft überhaupt keine schlechte Figur machen. Freihändig tippe ich mal auf irgendwelche Strandläufer, werde aber später nirgendwo fündig, was diese Annahme bestätigen könnte. Nach längerer Recherche im Internet kommen dann eigentlich nur Sandregenpfeifer in Frage. Das „Tüüü-ipp“ ist sehr eindeutig!



    „Kirche mit Gemeindehaus“ am Sandvatn


    Nur schwer reiße ich mich hier los, nach einem Aufstieg geht es in eine Art Mini-Canyon, der aufwärts steigt – wiederum eine ganz andere Umgebung! Nach der Querung eines breiten, aber niedrigen Baches, später einem kurzen Stück über ein Schneefeld an einem See und einem kurzen Anstieg komme ich am Einstieg zum Aufstieg zum Hårteigen an.



    Bei diesem Traumwetter bin ich natürlich nicht alleine, das hat aber den großen Vorteil, dass ich hier nicht aus Versehen vorbeirenne. Während einer kleinen Stärkung schaue ich, wo denn der „Weg“ hochgeht. Nachdem der kleine Rucksack mit dem Nötigsten wie Wasserflasche, ein paar Notkalorien, Erste-Hilfe-Set, Wertsachen und Regenjacke gefüllt und der große Rucksack sicher abgestellt ist, kraxele ich steil über Blockgestein von Steinmännchen zu Steinmännchen, immer wieder Schnaufpausen machend. Ich überhole sogar ein Vater-Tochter-Team (oder doch Paar???), die eigentlich superfit aussehen, dann geht es in steiles Steine-Schotter-Erden-Gemisch, bevor der Fels dominiert. An der einzigen richtig fiesen Stelle hängen Seile verschiedenen Alters und Zustandes herunter, die ich sicherheitshalber einfach alle auf einmal ergreife. Wenig elegant erklimme ich so eine hohe „Stufe“, danach geht es einfach weiter und - oh Wunder! - ein Stück mit niegelnagelneuem Drahtseil gesicherten Steiges am Berg entlang, bevor man dann wieder, quasi auf dem recht hubbeligen Plateau angekommen, normal gehen kann. Hier orientiere ich mich, wo es denn zum eigentlich Gipfel geht. Gar nicht so einfach, da auf jedem Nebengipfel Steinmännchen stehen. Dabei holen mich die Pseudosuperfitten wieder ein, die ich dann aber den Nebengipfeln überlasse und den finalen Gifelsturm in Angriff nehme. Alles einfach, schnell bin ich oben, hier treffe ich zwei junge, sehr knackig-fitte Norwegerinnen, mit denen ich beim gegenseitigen Fotografieren nett ins Gespräch komme. Auch die anderen kommen an, und dann höre ich viel Norwegisch…



    Premiumsteig

    Der Ausblick ist gigantisch, der Wind auch! Die ca. 40 min. Aufstieg hier herauf lohnen sich wirklich! Ich lasse den Blick schweifen, im Osten wird es flacher, im Westen und Norden sind Gletscher zu sehen. Der nördliche ist wohl der Hardangerjøkulen, um den will ich ja noch herumwandern.
    Ich bin sehr glücklich, dass ich bei diesem Wetter hier oben sein darf!



    Der Abstieg erfordert dann noch einmal einige Konzentration, v.a. eine heikle Stelle, an der ich ein paar cm zu kurz bin, um einen idealen Tritt zu erwischen. Egal, ich lasse mich dann einfach so hinuntergleiten, was bestens klappt. Ich frage mich nur, wie ich da eigentlich heraufgekommen bin…
    Im Folgenden geht es v.a. hinunter, erst recht steil nahe einem Bach, dann ziemlich lange durch immer höher werdendes Weidengestrüpp.



    Rückblick auf den Hårteigen

    Ich bin mittlerweile recht groggi, laufe etwas auf Autopilot. In diesem Gelände gibt es auch so gar keinen Zeltplatz und Wasserläufe sind rar, so dass es halt weitergehen muss. Bewölkung und Wind nehmen zu, ich habe keinerlei Zweifel am Wetterwechsel! Schon ziemlich nahe bei der Hütte Hadlaskard mache ich einen ersten Zeltaufbauversuch, scheitere aber wegen des starken Winds und zu wenig Erde auf den Felsen und richte mich schließlich unten am Fluss auf einem Plätzchen ein, das sicher nicht zum ersten Mal ein Zelt sieht. Es ist mittlerweile 19.00 Uhr und ich bin sehr glücklich über diesen Tag, aber wirklich erledigt! Letzteres muss anders werden, ich kann nicht täglich solche langen Etappen laufen, jedenfalls nicht mit diesem Gepäck. Soll ja Urlaub sein, keine Flucht! Wahrscheinlich werde ich den in den Osten der Hardangervidda geplanten Schlenker etwas abkürzen, das war ja von vornherein eine Option.
    Nun folgt noch das Haushaltsprogramm, dann grübele ich, wohin es morgen gehen soll. Eigentlich wollte ich ja in Richtung Sandhaug, aber im schlimmsten Wetterfall kann ich in die Hütte ans andere Ufer wechseln, oder kurz nach Hedlo gehen.
    Der Fluss ist sehr laut, mal sehen, wie ich schlafen kann. Auch der starke Wind macht einigen Krach, übertönt sogar manchmal den Fluss! Ich staune über mein Zelt, es hält dem wirklich gut stand, obwohl es nicht so ganz ideal aufgebaut ist. Irgendwie gab es heute Abend nur noch leicht schiefe Winkel… Später fängt es noch ordentlich an zu regnen, ich bekomme jede Menge „white noise“ geliefert, also das, was sich manche Leute per Konserve im heimischen Schlafzimmer als Einschlafhilfe geben. Bei mir tut es heute Abend auch das Original…

    Samstag, 10.8.

    Die Überraschung des Morgens: Das Zelt ist innen ganz trocken! Auch regnet es gerade gar nicht, trotzdem ist es so ungemütlich windig und die Wolken sehen so bedrohlich aus, dass ich das erste Mal im Zelt frühstücke. Dazu muss ich noch nicht einmal den kuscheligen Schlafsack verlassen, ich ziehe ihn einfach unter den Armen zu und kann nun den Kocher in der offenen Apsis bedienen. Sehr praktisch, ich befinde dabei, dass ich wie eine Made mit Armen aussehe und muss dabei an Franz Hohlers Geschichte „Made in Hongkong“ denken. Jetzt ist Made in Hardangervidda - und der Schlafsack hat seinen Namen weg. Passt eigentlich ganz gut zur Mimose, meiner hochsensiblen Luftmatratze, die schon vor längerer Zeit zu ihrem Namen kam.
    Nach dem Frühstück verschwinden sowohl Made als auch Mimose zusammen mit allem anderen Geraffel im Rucksack und ich gehe noch immer im Trocknen, aber schon in voller Montur gegen 8 Uhr los. Da die Wetterlage nicht katastrophal ist, entscheide ich mich, wie ursprünglich geplant, Richtung Sandhaug zu starten. Zunächst geht es auf recht schaukeliger Hängebrücke über den Fluss zur Hütte, wo einige Wanderer im Aufbruch sind. Mangels zu sehender Wegzeichen irre ich erst einmal etwas herum, finde aber schließlich im hohen Gras eines, von dem ich das nächste - schon auf Fels - sehen kann.
    Es gibt erst einmal ein paar Höhenmeter zum Warmwerden, bei denen sich die Regenhose schon bewähren kann, da es durch nasses Weidengestrüpp geht. Je höher ich komme, desto mehr pustet der Wind – natürlich von vorne, damit ich auch so richtig etwas davon habe.



    Rückblick am Morgen



    Der heftige Wind ist auf dem Bild leider nicht zu erkennen

    Dann führt der Pfad relativ eben durch ein flaches Hochtal. Die Wolken hängen tief, es regnet immer mal wieder, allerdings nicht so heftig. Irgendwie macht es ja auch Spaß, gegen die steife Brise anzukämpfen. Richtig heftig wird die allerdings, als ich auf einer Art Damm zwischen zwei Seen unterwegs bin. Aber die Landschaft begeistert mich trotzdem. Bei Sonne wäre das alles natürlich noch viel eindrucksvoller, aber schließlich ist die Landschaft hier ja u.a. wegen des hiesigen Klimas so wie sie ist, da sollte man nicht meckern, wenn man das mal erlebt!



    Kein Deich...

    Ich überdenke immer mal wieder die beiden Möglichkeiten für heute: Bei richtig schlechtem Wetter kann ich bis Sandhaug gehen und die Annehmlichkeiten einer Hütte genießen. Wenn das Wetter aber passt und ich einen geeigneten Platz finde, werde ich vorher zelten, ich will ja schließlich keine Gewaltmärsche mehr absolvieren. Je nachdem, wie wind- und regenumtost ich gerade bin, stelle ich mir die eine oder die andere Variante erstrebenswerter vor.
    Nachdem ich die vielen Seen verlassen und etwas an Höhe verloren habe, kommt mir doch tatsächlich ein Wanderer entgegen, ebenso verpackt wie ich es bin. Wir wechseln ein paar Worte, er spricht ein ganz feines Englisch und aus seinem Gesicht strahlt extrem viel Freundlichkeit. Tut gut an so einem Tag!



    Suchbild mit freundlichem Wanderer

    Weiter geht es erst noch ein wenig hügelig, dann recht flach, fast auf Höhe des riesigen Nordmannslågen, ein kleines Stück auf einem Fahrweg, worunter man sich aber keinen Feldweg vorstellen sollte, eher eine Abenteuerstrecke für Traktoren oder so… Hier treffe ich auf eine in recht unförmige Regenklamotten gekleidete „Wikingerin“, die über das ganze Gesicht strahlt! Irgendwie macht der Tag heute wohl gute Laune! Meine wird jedenfalls durch solche Begegnungen gehoben! Ansonsten beschränken sie sich auf Schneehühner, die ich unwillentlich aufscheuche und hier am See nun auf Vögel, deren wehmütiges „Tüüü“ ich schon so oft gehört habe. Bisher hatte ich auf den Goldregenpfeifer getippt, diese hier sehen aber nicht so aus, wie ich sie aus Island in Erinnerung habe. Erst die spätere Recherche im Internet bestätigt meine Vermutung. Das Gefieder glänzt wohl nur bei Sonne so richtig golden. Einstweilen nenne ich sie Cisvögel, da sie meistens auf einem zu hohen cis“ piepsen, nur manchmal ziehen sie es zum d“ hoch.
    Dann staune ich nicht schlecht, denn es kommt sogar noch die Sonne heraus! Gegen 15.00 Uhr finde ich nahe eines kleinen Baches einen geeigneten, einigermaßen windgeschützten Platz. Hier bleibe ich und genieße es, den Haushalt mal nicht völlig groggi zu erledigen. Es ist Reinlichkeit angesagt, ein Titanbecher eignet sich auch hervorragend, sich im Fluss mit sehr erfrischendem Wasser zu übergießen. Die Juchzer, die ich dabei von mir gebe, hört ja keiner! Außerdem beschließe ich ganz mutig, ein paar Klamotten zu waschen, v.a. das Merino-Shirt kann ich nicht mehr riechen. Ja, auch Merino stinkt irgendwann! Die Waschtüte hat zwar ein Loch, aber so pullert das Waschwasser immerhin gut verteilt in die Landschaft… Dann dekoriere ich die Spannleinen mit der Wäsche und gebe mich dem gepflegten Nachmittagstee hin!



    Tee kochen mit Aussicht. Die Aufschrift „Jeg er en flytende løsning» auf der Spiritusflasche konnte ich schnell auswendig

    Wie wunderbar, dass die Zeltvariante geklappt hat, ich bin höchst zufrieden mit diesem Wandertag! Außerdem studiere ich die Karte und ändere die ursprüngliche Planung ab, indem ich den Ostschwenk etwas abflache. So kann ich entspannter unterwegs sein, was den Genuss hoffentlich erhöht!
    Als die Wäsche schon relativ gut angetrocknet ist, fängt es an zu nieseln, und ich rette sie ins Zelt. Mal sehen, wie es morgen mit dem Weitertrocknen am Rucksack klappt!
    Drinnen kann ich schön die Regentropfen beobachten, die erst klein, etwas unschlüssig und langsam die Zeltplane hinabfließen, sich dann zu mehreren zusammenschließen, um schneller unterwegs zu sein, bis ein letztes Tröpfchen sie plötzlich im Affenzahn herunterflitzen lässt. Sehr meditativ! So habe ich auch keine Einschlafprobleme...



    Sonntag, 11.8.



    Morgenstimmung

    Ich wache recht früh entspannt und bestens ausgeschlafen auf, herrlich! Da macht es dann auch nichts, dass ich feststelle, dass die Frühstückspampe geschmacklich eigentlich gar nicht so ein Highlight ist. Muss halt rein und bringt Kalorien!
    Der erste Höhepunkt des Tages ist der Einstieg in feuchte Socken und ebensolche Schuhe – nicht so prickelnd! Egal, das wird schon noch wärmer! Das Zelt ist innen von Kondenswasser nass, außen vom Regen. Innen wische ich etwas, ansonsten wird es so eingepackt. Die halb getrocknete Wäsche wird gut gesichert an den Rucksack gehängt und darf weiter trocknen. Um 7.20 Uhr geht es los, immer in Sichtweite zum See weiter. „Cisvögel“, Schneehühner und ein Rabe sind schon wach, außerdem einige Möwen. Bei dieser Geräuschkulisse fällt mir der „Cantus Arcticus“ von Rautavaara ein, die Musik würde perfekt zur Atmosphäre heute morgen passen.



    Melancholie

    Kurz vor Sandhaug stehen ein paar Hütten, teilweise mit Traktoren daneben, am See liegen einige Boote, eines ist sogar auf dem See unterwegs. Um 9.00 Uhr bin ich an der Sandhaug Hütte, hier wirkt alles sehr verschlafen, einzig ein Ehepaar mit Hund absolviert eine Gassirunde.



    Sandhaug

    Ich gehe schnell weiter, es nieselt auch schon wieder, außerdem ist die Feuchtigkeitssättigung des Bodens mehr als erreicht... Die Wolken hängen ziemlich tief, aber da es hier insgesamt recht flach ist, kann man unter ihnen doch einigermaßen weit sehen. Ob es am Fehlen richtiger Berge als Orientierungspunkte liegt, dass ich immer wieder den Eindruck habe, in die falsche Richtung zu gehen? Jedenfalls checke ich das mehrmals mit Karte und Kompass und bin schließlich beruhigt. Immer mal wieder sehe ich Zelte, z.T. werden sie gerade abgebaut, es ist ja Wochenende und eine Straße nicht so weit. Ich komme an einer „Bank“ mit einem Holzgebilde vorbei und frage mich, was mir selbiges sagen will. Ist es eine Rune, ein Wikingergipfelkreuz, der Rest eines Bushaltestellenhäuschens? Im Zweifelsfall wohl Kunst!



    Was will mir dieses Zeichen sagen?

    Irgendwann müsste der Weg auf einem Fahrweg landen, ich hole die Karte heraus und versuche festzustellen, wo ich eigentlich bin. So recht will mir das aber nicht gelingen. Ich spreche zwei überholende „Nordmannen“, die eigentlich mit einem „Hei“ an mir vorbeirennen wollen, sehr nachdrücklich an und frage sie, ob sie mir sagen können, wo genau wir sind. Das können sie super, damit ist mir geholfen. Lustig, wenn ich in den Alpen oder gar im Pfälzerwald mit der Karte in der Hand da stehe, kommt viel zu oft unaufgefordert jemand mit der Frage. „Haben Sie sich verlaufen?“ (Klar, eine Frau, die auf die Karte schaut, muss sich ja verlaufen haben…) auf mich zu, so etwas passiert hier eher nicht! Ein Stück geht es nun tatsächlich auf und an einem Fahrweg entlang, aber kurz nach der Brücke am Langavatnet ab dem Abzweig nach Dyranut, wird es deutlich ruhiger! Hier mache ich auf einem sehr einladenden Stein Pause und genieße den Blick auf den See.



    Nach einem kurzen Anstieg an einigen kleinen Hütten vorbei, folgt ein langes Stück auf einer ziemlich trockenen Hochebene mit viel Flechtenbewuchs, ein paar kleinen Seen, Schafen und viel Unendlichkeit. Die Bewölkung unterstreicht eine Stimmung, die mich das Zeitgefühl verlieren lässt, irgendwie könnte ich scheinbar ewig so weitergehen. Weite, Ebene, Endlosigkeit…



    Irgendwann sorgt dann aber doch ein Schauer für Abwechslung und holt mich in die Realität zurück, ich verlasse die Ebene, wate wieder durch Matsch oder daran vorbei und lande im Bjoreidalen, wo es eine komfortable breite Brücke und zwei rote Häuser gibt. Danach stehen wieder echte Höhenmeter zur Verfügung, an denen ich merke, dass ich heute doch schon einiges in den Beinen habe! Mein Blick für ebene Flächen schärft sich, erfahrungsgemäß sind aber die ganz flachen kleine Sümpfe. Es dauert noch, bis ich einen schönen Platz entdecke. Er ist zwar recht nahe am Weg, aber das macht mir jetzt nichts, zumal das Wetter mehr als unzuverlässig aussieht! Man hört auch ein wenig die Straße, aber wenn ich noch weitergehen würde, könnte ich sogar zwei Straßen hören, also bleibe ich mal lieber hier! Der Zeltaufbau geht fix, dabei kann ich wieder Goldregenpfeifer hören und beobachten. Nach dem Essen geht ein heftiger Schauer nieder, das war mal wieder ein gutes Timing! Ich schreibe und koche dann noch einen Pott Tee. Währenddessen kommt die Sonne heraus und scheint ins Zelt, so muss ich dann noch einmal unbedingt raus und Fotos machen!





    Nach einer Weile kommen auf dem Weg zwei junge offensichtliche Trekkinganfänger vorbei. Sie sehen aus, wie aus einem Katalog entsprungen, tragen riesengroße Rucksäcke, an denen neben ebenfalls riesigen Solarpanelen noch weiteres Gebambel wie Becher und Isomatte baumeln. Ich vermute, ihre Lernkurve wird in den nächsten Tagen sehr steil verlaufen! Aber vielleicht liege ich ja mit meiner Einschätzung auch völlig falsch.
    Nach so viel Ebene heute bin ich froh über meine Routenänderung, das hätte ich jetzt nicht unbedingt viel länger gebraucht. Meine gewaschenen Klamotten sind so weit trocken, dass sie heute Nacht mit in den Schlafsack dürfen, wunderbar!
    Geändert von Bergahorn (07.10.2019 um 22:47 Uhr)

  9. Anfänger im Forum

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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #9
    Hi Bergahorn

    Danke für Deinen sympathischen Text! Sehr sehr schön zu lesen... Fühlt sich an, als habest Du - gefühlt ebenso wie gedanklich - jeden Augenblick nicht bloß genossen, sondern auch richtig entschieden... das kriegt nicht Jede (r) so gut hin!

  10. Anfänger im Forum

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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #10
    Vielen Dank für das Kompliment! Tatsächlich war ich am Ende der Tour u.a. mit meinen Entscheidungen sehr zufrieden! Ich schätze, eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass die Tour von vornherein im Prinzip die passende Kragenweite für einen hat und man nicht zu sehr nach Heldentum strebt. Erfahrung hilft natürlich auch...

  11. Erfahren
    Avatar von Blahake
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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #11
    Ein seeehr schöner Bericht, ich hab' mich mehrmals kringeln müssen (Made und Mimose ), die Wassertropfen auf dem Zelt hab' ich bildlich vor Augen - großartig, wie Du das beschreibst. Und Du weckst sechs Jahre alte Erinnerungen an meine Hardangerviddatour. Was kommen da schöne Erinnerungen hoch! Bin gespannt, wie es weitergeht.

  12. Anfänger im Forum

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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #12
    Dankeschön für die Lorbeeren! Made und Mimose lassen unbekannterweise grüßen!

  13. Anfänger im Forum

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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #13
    Montag, 12.8.

    Beim morgendlichen „Spaziergang“ zeigt sich der Himmel dramatisch, teils blau, aber teils auch dunkelgrau, also nicht sehr beständig. Als ich das Zelt abbauen will, fängt es an zu regnen. Ich warte erst einmal, aber es scheint sich einzuregnen, also beschließe ich trotzdem aufzubrechen, so wird halt das nasse Zelt eingepackt. 9.20 Uhr geht es los. Nach ein paar Metern kann ich von der Kuppe aus schon Dyranut sehen: Häuser, Straße, Zivilisation! Am See vorbei strebe ich im Regen dorthin.



    Unter einem Vordach eines der Gebäude packen zwei Männer ihre Rucksäcke, ein kurzes „Hei“, mehr nicht, obwohl ich offensichtlich am Suchen bin. Ich finde aber auch so das Café und gönne mir in der Wärme einen Kakao. Bald gehe ich im Regen weiter, es herrscht rundherum die reine Waschküche, so patsche ich etwas trübe durch viel Matsch vor mich hin. Um auch mal so ein Wetter zu dokumentieren mache ich das ein oder andere Foto.





    Beim Abstieg ins Langatjørndalen werden mir die abgeschliffenen Felsen zum Verhängnis, ich rutsche aus, dabei zerre oder überdehne ich oder was weiß ich einen Oberschenkelmuskel und lande und rolle so komisch auf der Seite, dass noch einige Rippen gedrückt werden. Nicht so toll! Zum Glück stellt sich aber heraus, dass ich gut weitergehen kann, der Muskel erholt sich recht schnell. Solange ich nicht wieder die Rutschbewegung mache, stört er nicht weiter. Übervorsichtig steige ich nun weiter hinab und bin froh, als ich im Talgrund ankomme. Immerhin hellt es auf, die Sonne zeigt sich ab und an ein wenig, so dass ich nach einiger Zeit, schon mit Blick auf die Kjeldebu das Zelt trocknen kann. An der Hütte mache ich dann so richtig gediegen auf einer Bank am Tisch Mittagspause.
    Weiter bin ich zunächst noch bei richtiger Sonne am rauschenden Bach unterwegs, die Gegend verwandelt sich immer mehr in eine Ronja-Räubertochter-Idylle mit kleinen Birken und Erlen(?).



    Auch der Blick über den Sysenvatnet entzückt mich.



    Kraftstrotzend donnert der Leiro, den ich auf einer Brücke überquere, zum See hin. Eine Weile betrachte ich respektvoll dessen gewaltigen Wassermassen, die sich über die Felsen herunterstürzen.



    Beim kurzen steilen Anstieg danach begegne ich einem jungen Wanderer mit zwei Huskys, die brav ihr Gepäck tragen. Denen geht es hier sicher bestens, ich hoffe nur für sie, dass sie nicht den Rest des Jahres in irgendeiner Großstadt leben müssen!
    Nun wird es immer matschiger, ich fange in der Hoffnung auf festeren Untergrund an, um den eigentlichen Weg herum zu mäandern. Das gelingt mal mehr, mal weniger, entschädigt werde ich aber mit immer wieder schönen Blicken über den Leirvatnet und bald auch in der Ferne auf den Hardangerjøkulen.



    Die Umgebung entschädigt ein wenig für die Matscherei

    Noch einmal geht es über den Leiro, dann weiter im Matsch bzw. als Alternative rutschigem Fels. Meine Regenhose ist bei der ganzen Patscherei mittlerweile zur Matschhose mutiert... Was mir aber eher Sorge bereitet: In dieser Moorlandschaft wird sich nur schwer ein Zeltplatz finden. Ein paar Mal weiche ich suchend vom Weg ab, aber es findet sich rein gar nichts. Nachdem ich gerade wieder einen Bach von Stein zu Stein tänzelnd überquert habe, fällt mir eine kleine trockene Fläche neben dem Weg ins Auge. „Hic Rhodos, hic zelte!“, denke ich, uhrzeitmäßig passt das auch bestens, ich wollte ohnehin gegen 17.00 Uhr den Wandertag beenden. Netterweise wird es jetzt ganz trocken, die Sonne gibt ihr Bestes, um zwischen den Wolken zur Geltung zu kommen, außerdem ist die Gegend rein optisch gigantisch: Seen, Wollgrasflächen, Blick auf Gletscherzungen, ich bin einfach nur platt und beeindruckt von so viel Schönheit! Welch Geschenk, hier sein zu dürfen!





    Ich gönne mir ein Bad im flachen und daher gar nicht so kalten, etwas moorigen See, koche Abendessen und versuche dann, die vorhin großzügig übersehenen Unebenheiten des Zeltplatzes auszugleichen. Gelingt so mittelmäßig, irgendwie rutscht meine Matratze doch immer wieder zur Seite und die Füllungen der „Täler“ im Zeltboden verlassen den ihnen zugedachten Ort. Naja, Prinzessin auf der Krähenbeere oder so… Ich bin aber nach diesem Matschkampftag müde genug, dass das alles wohl den Schlaf nicht sehr beeinträchtigen wird.
    Es beginnt mal wieder zu regnen, aber im Zelt ist mir das gänzlich egal! Ich freue mich darüber, dass ich meine Route geändert habe, denn so laufe ich näher am Hardangerjøkulen und habe womöglich die spektakuläreren Blicke. Vor dem Einschlafen beschäftige ich mich noch mit der existentielle Frage, ob Rødsprit für Mädchen ist und ob es auch Blåsprit gibt...



    Dienstag, 13.8.

    Trotz der „Buckelpiste“ unter dem Zelt habe ich gut geschlafen. Die Wolken hängen tief, die Luftfeuchtigkeit ist hoch und es ist deutlich kälter als gestern. Nach der üblichen Morgenroutine packe ich ein ziemlich nasses Zelt ein. Anfangs bietet der Weg noch viel Matsch, so gesehen macht es gar nichts, dass Socken und Schuhe erwartungsgemäß nicht getrocknet sind. Bald biegt aber der Weg in ein aufsteigendes Tal, das zum Glück mit trockenerem Untergrund punkten kann! Geht doch!





    Am See Skåltjørna mache ich Zelttrockenpause, hoffe vergeblich, das sich die Wolken über dem Gletscher heben und staune bald nicht schlecht, als ich einen recht breiten Bach so ohne Brücke nur auf Steinen überqueren soll. Einen Moment stehe ich da und suche die beste Möglichkeit, dann geht es los und das überraschend gut. Das war jetzt schon für Fortgeschrittene, finde ich.



    Mutterschafe, hier mit zwei schon großen Lämmern, gab es in diesem Tal viele

    Dann nehme ich eine Geländestufe in Angriff. Puh, ist das auf einmal steil, ich komme ganz schön ins Schwitzen und als ich gerade mal wieder mit ein paar Riesentritten ein paar Meter geschafft habe und verschnaufe, schaut mich ein hier liegendes wiederkäuendes Schaf so tiefenentspannt und völlig unbeeindruckt von meinem Zustand an, dass ich erst einmal einen Lachanfall bekomme.
    Mit jedem Höhenmeter wird es deutlich karger, es gibt immer mehr Steine und immer wieder Pseudo-Joche, nach denen man doch noch weiter nach oben darf. Linkerhand genieße ich immer wieder Blicke auf den Gletscher bzw. dessen Zungen. An einem See führt der Weg über Steine im Wasser, das ist auch mal etwas Neues, macht aber keine Probleme.





    Ein allervorletztes Joch...

    Mir begegnen ein Vater mit Sohn samt viel Angelzeug, aber irgendwie kommen sie kaum vom Fleck, dabei geht es für sie ja abwärts. Naja, kann ja auch kniffelig sein! Weiter oben überquere ich ein paar Schneefelder, was aber dank idealer Schneekonsistenz bestens gelingt.



    Nun habe ich den höchsten Punkt dieses Tages erreicht und mache mich nach einer Stärkung an den schier endlosen Abstieg Richtung Finse. Das Wetter ist kalt und ungemütlich, immer wieder bringt der kräftige Wind leichten Regen mit. Ich überlege, ob ich mir eine Hüttennacht gönnen soll, zum einen könnte ich dann v.a. die Schuhe mal richtig trocknen, zum anderen ein paar Klamotten waschen und nicht zuletzt eine Dusche mit Haarwäsche genießen. Zwischen diese Überlegungen schieben sich aber immer wieder Ablenkungen wie Ausblicke auf rötliches Gestein und bläuliche Gletscherzungen, bei Sonne sicher noch viel toller als jetzt, außerdem steht noch eine anspruchsvollere Bachquerung auf dem Programm. Hin und wieder begegne ich Gestalten, die sich wie ich durch das Wetter kämpfen, einmal drei jungen Leuten, von denen die ersten beiden überhaupt nicht auf mein „Hei“ reagieren, der dritte dann allerdings mit einem kernigen „Servus!“ antwortet.



    Irgendwann kann ich Finse erkennen und irgendwie strahlt die Zivilisation eine so unwiderstehliche Anziehungskraft aus, dass ich nach sich lang hinziehendem, weiter unten auch wieder matschigem Weg, in der Hütte lande.



    Am See oberhalb der Bildmitte liegt die „Oase“ Finse

    Die hat einen exquisiten Trockenraum, Dusche und einen recht netten Aufenthaltsbereich mit Ausblick auf den Finsevatn.
    Heute Abend werde ich bekocht, so dass ich in einen Faulenzermodus verfallen kann. Nach der heutigen Tour auch nicht schlecht! Zum Abendessen wird man in den Speisesaal (kann man bei der Größe schon so nennen) dirigiert und platziert und dann bin ich froh, nur den Hauptgang und nicht das volle Menü gewählt zu haben. Meine Trekkingküche ist ja leider meistens nicht stark genug gewürzt, aber hier ist es fast noch schlimmer. Egal, warm und nahrhaft und dazu ein Salat, den ich am allerbesten finde. Da im vollen Saal ein Höllenlärm herrscht, verschwinde ich schnell wieder und komme mit einem deutschen Fahrradfahrer ins Gespräch, der ganz auf dieses Essen verzichtet hat. Es wird ein echt netter Abend mit outdoortypischen Gesprächen u.a. über die amerikanischen Weitwanderwege und den gehegten Traum, mal den PCT zu laufen, aber natürlich auch über die Ausrüstung, die man einsparen kann und die, die man dann doch dabei haben sollte…
    Dann gehe ich auf das 24-er Lager, das zum Glück nicht einmal zur Hälfte belegt ist und schlafe relativ gut – mit einer Nacht im Zelt und der entsprechenden Frischluft ist das aber so gar nicht zu vergleichen!



    Mittwoch, 14.8.

    Gegen 6.00 Uhr steht jemand auf und ich schließe mich dem gerne an. Möglichst leise verschwinde ich mit meinem ganzen Kram und packe im Waschraum den Rucksack. Die Schuhe sind im Trockenraum fast ganz getrocknet, allerdings hat sich auch das Vorfußpolster einer Einlegesohle gelöst. Aber wozu habe ich schließlich dieses fiese silbergraue Panzertape dabei? Hier kommt es endlich mal zu Einsatz!
    Es ist wie angekündigt gutes Wetter, allerdings lausig kalt, mein Handy behauptet, 3°C. Kommt mir nicht so kalt vor, aber wahrscheinlich bin ich inzwischen etwas abgehärtet. Gegen 7.00 Uhr verlasse ich die Hütte, frage noch im Finsehotel für einen Kollegen, der am Sonntag hier ankommen wird, nach Gas und schreibe ihm meine Forschungsergebnisse.



    Finsevatn

    Auf dem Rallarvegen geht es am See entlang an vielen privaten Hütten vorbei.



    Vor der letzten richtigen Hütte mache ich Frühstückspause, bei dem kalten Wind kein so großes Vergnügen, aber mit leerem Magen mag ich auch nicht weitergehen! Dann darf ich noch durch matschige Zonen mäandern, penibel darauf achtend, dass meine Schuhe so trocken wie möglich bleiben, bevor es aufwärts in steinigere und damit trockenere Gebiete geht, näher an den Gletscher heran. Ein Schneefeld, das auch über einen Bach reicht, überquere ich dann doch mal lieber an der Seite, ich weiß ja nicht, wo es wie dick ist…



    Den Bach darf ich dann natürlich auch überqueren, was ich weit oberhalb der roten T's mache. Da geht es viel einfacher! Ich genieße die Sonne und das alpine Ambiente.



    Leider machen sich dann doch wieder Wolken breit, so dass ich in steiniger Mondlandschaft durch den Nebel gehe. Man bekommt ja leicht den Eindruck, dass hier gar nichts mehr wächst, aber wenn man genau hinschaut, ist es doch noch viel mehr als in so manchem modernen deutschen Vorgarten…



    Immer wieder reichen Gletscherzungen mit dazugehörigen Seen aus dem Nebel, hat ja auch irgendwie etwas! In dieser Einöde kommen mir einmal ein paar regenvermummte Gestalten entgegen, wir quatschen aber gar nicht, irgendwie kämpft sich jeder schweigend durch die Suppe. Für eine Pause ist es leider zu kalt, so stapfe ich unermüdlich weiter. Als es etwas hinab geht, wird es auch schon wieder grüner.



    Nach einer richtig schönen Hängebrücke kommt direkt die Billigvariante: Einfach nur ein paar dicke Bohlen übereinander über einen dann doch nicht zu unterschätzenden Bach gelegt. Ich überlege, ob ich hier besser eine Sitzüberquerung machen soll, aber das Holz ist wider Erwarten nicht so rutschig, so dass ich in Minischritten hinübergehe. Schon komisch, hatten sie da nach der schönen Brücke nichts mehr übrig für ein wenig mehr Komfort und Sicherheit?
    Da ich mich aber dank dieser Brücken gut orientieren kann, schaue ich mal auf die Karte. Ab jetzt geht es im Wesentlichen bergab. Ich möchte diese Bergwelt aber eigentlich noch nicht verlassen, außerdem hoffe ich auf noch mehr Sicht. So schaue ich nach einem Zeltplatz und werde auch bald oberhalb eines Sees fündig. Sehr hübsch und netterweise regnet es auch schon nicht mehr, so dass der Aufbau ganz entspannt stattfindet. Allerdings merke ich, wie dünn hier die Vegetationsdecke ist, es ist gar nicht so leicht, die Häringe einigermaßen weit in den Boden zu bekommen. Es ist zwar erst kurz nach 14.00 Uhr, aber so ein gemütlicher Nachmittag in der „Made“ beim Teetrinken ist nicht zu verachten! Immer wieder schauert es, so dass ich mit meiner Entscheidung, hier zu bleiben, sehr zufrieden bin. Da ich zudem recht gut in der Gesamtzeit bin, kann ich gut und gerne auch ein wenig herumbummeln!
    Abends gibt es Zucchini-Soja-Nudel-Suppenpampe "mit ohne" Würze, ansonsten ist der Abend auch nicht interessanter...

  14. Anfänger im Forum

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    AW: [NO] Hardangervidda 6.-22. 8. 2019

    #14
    Donnerstag, 15.8.

    Ich werde von der Sonne geweckt! Die Nacht war ziemlich frisch, es gab eindeutig Frost: Der Regen auf meinem Zelt ist gefroren.



    Bei dem blauen Himmel stehe ich frohgemut auf, lasse mir Zeit mit Frühstück und Packen, dann wird noch das Zelt „vom Eise befreit“ und los geht es! Es hat sich gelohnt, gestern früher Feierabend zu machen, es ist wirklich wunderschön hier oben!



    „Wenn ich groß bin, werde ich ein Matterhorn!“

    Eine Etage tiefer gibt es schon wieder so einen Traum von See, an dem ich in Sonne und Wind das Zelt trocknen kann.



    Der Abstieg zur Rembesdalseter ist gar nicht mal so kurz, die fiesen abgeschliffenen Felsplatten, vor denen mich ein Kollege immer wieder gewarnt hatte, existieren tatsächlich, sind aber glücklicherweise trocken, so dass sie kein Problem darstellen. Ausblicke in abgeschliffenen Felslandschaft mit mehr oder weniger fortgeschrittener Vegetation, aber auch auf den Gletscher bremsen mich immer wieder aus.



    Nach einem steilen Schlussstück durch höheren Bewuchs lande ich an einem See, an dem mir der Hüttenwart von Rembesdalseter begegnet. Er nutzt diesen herrlichen Tag für eine Tagestour. In der gemütlichen Hütte selbst treffe ich auf eine Frau und ein junges Pärchen, die, für mich unerklärlicherweise, bei diesem Wetter in der Hütte sitzen, schnacke mit ihnen und bereichere meinen Proviant um mehr oder weniger süße Kekse. Mit dem Mann gibt es noch ein wenig Erfahrungsaustausch, so weiß ich jetzt, dass es den Weg oben um den Rembesdalvatn herum nicht mehr gibt, d.h. eine entscheidende Brücke fehlt. Im Weiteren empfiehlt er mir den unteren Weg nach Liseth, man habe dort einen schönen Blick über die Fjorde. Ich hatte zwecks Bergwelt den oberen im Sinn, mal sehen! Aber jetzt zieht es mich schnell nach draußen, ich mache an einem kleinen See Pause und wasche meine immer größer werdenden Socken. Sie sind nicht mehr die allerneuesten, ich vermute, dass sich das Elastan nach und nach auflöst und deshalb die Socken "wachsen", so dass ich in ihnen rutsche. Jedenfalls habe ich mir einmal so in einem Vorvorgängersocken zwei fette Blasen geholt, ein Problem, das ich sonst glücklicherweise nahezu nie habe. Schade, ansonsten sind sie super! Hoffentlich hilft die Wäsche ein wenig, trocknen können sie jedenfalls heute sehr gut.
    Es ist erstaunlich warm hier unten, auch der Wind, aber der Himmel kündigt mit Schleierwolken einen Wetterwechsel an. Weiter geht es nach kurzem Anstieg durch eine Landschaft, in der man, soweit ich mir das vorstelle, die Entstehung von Mooren und überhaupt Bewuchs, nachdem die Gletscher fort waren, lernen kann. Muss ich mal zu Hause erforschen, ob ich da richtig liege. Zwischendurch genieße ich immer wieder den Ausblick auf den See und den Gletscher.



    Schließlich stoße ich auf einen Fahrweg, der hinab zur Staumauer führt. Danach wartet ein richtig fieser steiler Anstieg durch Matsch und Gestrüpp auf mich. Meine Güte, es ist ja kaum zu glauben, was man hier geradezu schuften muss! Mir begegnen amerikanischer (?) Vater und Sohn von vorgestern wieder, ich komme mit dem Vater ins Gespräch, sie sind den vierten Tag unterwegs und er findet es sehr anstrengend. Als ich sage, dass heute mein neunter Tag ist, meint er bewundernd: „You're my heroe!!!“ So aufgebaut spaziere ich begeistert immer weiter den Berg hoch, allerdings ist es mit meinem Heldentum dann schnell vorbei, als ich mich frage, wann ich eigentlich das letzte Mal ein rotes T gesehen habe… Ich erklimme noch - wenn ich ohnehin schon hier bin – schnell einen Hügel, aber die Aussicht hilft nicht bei der Wegfindung, so dass ich umkehre. Bald bin ich ich am entsprechenden Abzweig, den ich übersehen habe und laufe durch Wiesen und Wollgrasgelände. An einem Bach kann ich mal wieder die Flasche auffüllen, später komme ich an einem zum Zelten einladenden See vorbei und bald auch an den Abzweig, an dem ich mich für den oberen oder unteren Weg nach Liseth entscheiden kann. Ich wähle den oberen, der wieder in die steinigere Gebirgswelt führt, aber leider, je weiter ich komme, immer schlechter markiert ist. Hier ein Zelt aufzustellen, wäre eine Herausforderung, jedenfalls mit viel Steineschleppen verbunden. Zudem zieht es sich zu und weht immer mehr. Ich habe ja schon seit einigen Stunden die Schleier- und Föhnwolken (heißen die hier auch so?) immer misstrauischer betrachtet, dieser warme Wind ist mir auch irgendwie suspekt. Da ist doch garantiert ein baldiger Wetterumschwung im Anmarsch – fragt sich nur, was für einer!



    Mein Bauchgefühl ist, gelinde gesagt, nicht besonders wohlig. Ich halte inne, denke die Geschichte durch und kehre um. Zumindest mir hat es noch nie geschadet, auf dieses Bauchgefühl zu hören. Weiter unten schweift mein Blick suchend hin und her, aber es dauert noch eine ganze Weile, bis ich einen zum Zelten geeigneten Platz finde. Im Idealfall soll der ja flach, in Wassernähe und nicht zu windig sein, alles zusammen gibt es jedoch so gut wie nie. An dieser Stelle nehme ich den Wind in Kauf und werde von meinem Zelt mal wieder positiv überrascht werden! Das Aufstellen ist allerdings gar nicht so ohne, da es immer heftiger pustet. So beschwere ich die wichtigsten Häringe alle mit Steinen, sicher ist sicher! Nach gemütlichem Abendessen, natürlich schon in der Made, muss ich mich ziemlich überwinden, zum Abwasch die Wärme zu verlassen, was ich aber zum Glück mache, bevor es noch mehr Wetter gibt: Wind und Regen beuteln das Zelt und ich bin sehr froh, nicht noch weiter oben übernachten zu müssen! Beeindruckt bin ich, dass trotz allem die beiden Trekkingstöcke, mit denen das Zelt aufgestellt ist, nur leicht vibrieren. Dann widme ich mich ausführlich der Maniküre, will sagen, verarzte meine beiden Daumen, die wegen Kälte und Beanspruchung an den Kuppen aufgerissen sind. So etwas hatte ich ja schon in anderen Urlauben bei harschem Wetter, aber wenn die Geschichte verheilt war, immer wieder schnell vergessen, so dass ich keine Vorsorge z.B. durch fleißiges Eincremen getroffen habe. Tja, wer nicht lernen will, muss fühlen… Nachdem auch das getan ist, lausche ich nur noch der „Einschlafhilfe“ der Elemente.




    Freitag, 16.8.

    Ich wache um 6.00 Uhr auf und höre als erstes, dass es gar nichts zu hören gibt. Welch Kontrast nach dem gestrigen Abend! Mein Verdacht, dass es neblig ist, bestätigt sich beim ersten Blick aus dem Zelt: Dichte Suppe, ich sollte mich zu geschäftlichen Zwecken mal lieber nicht zu weit vom Zelt entfernen, sonst finde ich es womöglich nicht wieder! Aber wie gut, dass ich jetzt hier unten bin! Intuition ist ja angeblich die Summe der unbewusst gemachten Erfahrungen, vielleicht kam in diesem Fall auch noch etwas Urinstinkt dazu, wer kann das schon mit Sicherheit sagen. Ich denke zwar, dass ich weiter oben auch überlebt hätte, aber hier ist es doch etwas entspannter! Ich mache erst einmal Frühstück, trinke dann richtig viel Tee und beschließe, jetzt einfach mal abzuwarten, so ganz ohne Sicht durch diese schöne Gegend zu wandern, finde ich wenig erstrebenswert!



    „Blick“ aus dem Zelt, als es mal etwas mehr zu sehen gibt

    So verbringe ich den Vormittag mit Dösen, Denken, (zu viele) Kekse essen, eine Runde ums Zelt drehen, Schreiben, meine aufgerissenen Daumenkuppen salben und verpflastern, die Karte genauestens inspizieren und die restlichen Tage planen und schließlich einem frühen Mittagessen. So langsam scheint die Sonne den Nebel aufzulösen, ab und an wird es richtig hell und schließlich gibt es kleine Stücke blauen Himmels. Mittlerweile bin ich so zappelig, dass ich einfach aufbrechen muss! Um 14.30 Uhr geht es los, leider hat sich der blaue Himmel dann doch eher wenig durchgesetzt und ich muss auch erst einmal hinunter, also wieder in den Nebel eintauchen. Zum Glück tun sich dann aber doch ab und an einige Löcher auf und ich kann bis zu einem Fjord schauen.



    Der Abstieg ins Skytjedalen ist mit der sattsam bekannten Mischung aus nassem glatten Fels und Matsch recht haarig, aber der Blick ins Tal wunderschön: Ein mäandernder Fluss mündet schließlich in einen See mit Inselchen.



    Der Talgrund bietet jede Menge Nässe, ich matsche und patsche und springe von mehr oder weniger geeignetem Tritt zum nächsten. Eigentlich bilde ich mir ein, mittlerweile ganz gut abschätzen zu können, wo man hintreten kann und wo besser nicht. Das stimmt auch allermeistens, aber die eine oder andere Ausnahme gibt es dann doch, gefühlt natürlich meist in der Richtung, dass es nasser ist, als erwartet…



    Auch der Aufstieg an der anderen Talseite ist nicht premiumverdächtig, alles sehr naturbelassen, so kommt man auch garantiert nie in einen womöglich langweiligen Trott… Irgendwie bin ich etwas demoralisiert, liegt das am vertrödelten Vormittag, am krassen Wetter- und Temperaturwechsel - mittlerweile ist es so warm, dass ich im T-Shirt gehe - oder einfach daran, dass ich den 10. Tag in Folge unterwegs bin? Wahrscheinlich eine Kombi aus allem. Nach dem Aufstieg wird es aber besser, Matsch und Fels sind hier immerhin viel waagerechter. Leicht ansteigend bewege ich mich in trockenere Gefilde mit viel Rentierflechte.



    „Kurz vor dem Horizont“ finde ich einen schönen Platz mit fließend kalt Wasser in der Nähe und Schafglockengebimmel in der Ferne. Da es komplett windstill ist, baue ich das Zelt „mit Blick“ auf. Irgendwie bin ich ziemlich groggi, so dass auch das Wasser nicht zu einer ausführlicheren Reinigung genutzt wird, koche und lege mich dann hin. Im Laufe des Abends fängt es an zu regnen und Wind kommt auf – natürlich von der „falschen“ Seite. Naja, kann ich mal testen, wie sich das Zelt so schlägt!

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