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  1. Fuchs
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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #41
    Mitreisende: elbspitze
    Zitat Zitat von Sternenstaub Beitrag anzeigen
    ...
    OT: Wenn ich dazu eine kleine Anekdote erzählen darf: ne, mache ich doch nicht, vielleicht in einem Extrafaden, das würde zu lang.
    OT: Vor der Anekdote ... da war doch noch so ein angefangener Thread ...
    Das Leben ist schön. Von einfach war nie die Rede.

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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #42
    31.August | Gestrüpp-Abwehrcamp

    Die Beine fühlen sich wieder gut an, die Motivation ist förmlich am überschäumen. Wir wollen uns wieder austoben und brechen etwas zeitiger auf als sonst. Erster Stopp in Corner Brook. Nun bekommt auch Yvonne die Rampen zu sehen und noch mehr zu spüren. Da wir uns bald an einem typischen nordamerikanischen "market square" befinden, ist alles schnell besorgt. Alles ist fußläufig erreichbar, Lebensmittel und Benzin und schon kann es weiter gehen.


    Die Straßen von Corner Brook


    Steiler geht's kaum, kurz standen mal 19% auf der Uhr

    Die 100 Höhenmeter hier hoch sind nicht die letzten. Ich lotse uns irgendwie durch den Ort durch. Eine Route habe ich nun nicht mehr auf dem Navi. Auf den Track werden wir erst gegen Abend wieder stoßen. Wir fahren auf Nebenstraßen auf 250 m Höhe und kurz bevor wir uns den Highway antun, gibt es eine kleine Rast.

    Ein wenig unschlüssig bin ich, ob wir hier auf den Highway mit dem Rad drauf dürfen. Komischerweise ist dieser Abschnitt hier bei Komoot orange und nicht wie der Rest gelb gefärbt. Sind hier Räder verboten oder nicht? Da es sich aber nur um 1 km auf diesem orange gefärbten Stück handelt, gehen wir das Risiko ein. Einen anderen Weg gibt es zwar seitlich des Highways, doch ist unklar, ob dieser direkt auf den Highway drauf führt und/oder versperrt ist.


    Highway to hell

    Auf dem Highway geben wir Gas, bis die zwei Spuren wieder zu einer zusammenführen. Vorbeifahrende Autos hupen nicht und später hält uns auch kein Polizeiauto auf, also wird das schon in Ordnung gewesen sein. Wohler fühlen wir uns aber dann trotzdem, als wir wieder auf dem gelb gefärbten Teil sind. Täve winkt immer wieder auf meine Frage hin ab, ob er ans Seil will. Im Windschatten von Papa kommt er gut mit, dieser ist auch nötig um dem Gegenwind aus zu weichen. Ich kämpfe mich voran, bei moderaten Tempo frage ich immer mal wieder nach hinten durch, ob alles okay ist.

    Wider erwarten ist auf dem Highway wenig los. Mit dem Einkaufen haben wir viel Zeit auf der Strecke gelassen. Es ist bald Mittag und die Mägen knurren. Bis zum Highway waren es schon 15 km, nun haben wir uns 17 km auf dem Highway voran gekämpft. Zeit für eine Mittagspause, eine Tankstelle kommt da am Wegesrand genau richtig. Es kommt uns ein Mann mit Pommes und Fleichstückchen entgegen. "Sowas will ich auch haben" brüllt Yvonne. "Wir auch"!

    Yvonne bestellt das leckere Essen, wir entspannen im Schatten der Tankstelle. Sind nun noch um die 40 km. Ist zwar noch ein ganz schönes Brett, was wir bei dem hügeligen Terrain heute noch bohren dürfen, aber da der Gegenwind morgen auch noch so stehen soll, wird er uns morgen dafür den kompletten Tag in den Rücken blasen. Wir genießen die übergroßen Portionen an "Fries & Meat", entspannen in der Sonne und werden prompt von einem Jäger angesprochen.

    Dieser erzählt uns viel von der Tierwelt. Es gibt weiße Elche und die sind nicht selten. Loons darf man nicht abschießen, stehen unter strikten Naturschutz und es gibt hohe Strafen (Nun wissen wir es, er lacht immer die restliche Tierwelt aus, die zum Abschuss frei gegeben ist), man isst hier gerne Raben. Bären und Elche sind hier eine Plage, angeblich gibt es 50.000 Bären und 150.000 Elche. Deswegen darf man nun auch 4 anstatt 2 Tiere pro Person abschießen. Er hat echt viel erzählen und wir müssen noch viel Kilometer bewältigen.

    Der Highway Ritt geht in die zweite Runde. Wir haben uns eingerollert, Täve will und darf ans Seil, so haben wir ein konstanteres Tempo in der Ebene. Bergauf geht dafür fast nichts, aber unbewusst purzeln die Kilometer trotzdem dahin. Mit Erschrecken haben wir auf einmal km 50 auf der Uhr stehen. Hier trifft nun der geplante Track, vom T'railway kommend, wieder auf unsere heutige ungeplante Tour. Wir legen eine Pause ein. Die Landschaft zieht uns magisch an, wir müssen sie in Ruhe genießen.


    Wieder eine ganz andere Landschaft hier


    Das Wetter hält super, doch der Wind macht es etwas kälter

    10 km später wird es schlagartig ruhiger, als die Straße sich teilt. Ein Weg führt nach Stephenville, wo scheinbar Alle hinwollen. Wir sind nun sehr einsam auf dem Highway unterwegs. Wir können die bevorstehenden 10 km Abfahrt nun für uns genießen und neben einander dahin rollen. Gegen 18 Uhr erreichen wir den Abzweig, der als heutiges Ziel auserkoren wurde. Yeah, ich bin stolz auf die Beiden. Wir haben es geschafft, nun wird es ruhiger auf der Straße 480 Richtung Burgeo und wir machen uns auf die Suche nach einem Camp, mir ordentlich Rückenwind.


    Ab jetzt Rückenwind auf der Straße 480

    Jetzt wollen wir nicht wählerisch sein, wir nehmen was kommt. 2 km später lacht uns ein kleiner Weg am rechten Straßenrand an. Kurz inspiziert und für gut befunden. 500m von der Straßen entfernt gibt es Wasser, sogar eine Feuerstelle und ein windgeschütztes Lager. Wir rasten nicht erst, sondern bleiben im Arbeitsmodus. Schnell alles aufbauen und zurechtmachen bevor es dunkel wird. Wir schaffen es sogar noch im Hellen, den Schweiß des Tages im Fluss ab zu waschen. Das Holz aber müssen wir schon in der Dämmerung zusammen suchen. Dabei entdecke ich auf einmal jede Menge Bärenspuren auf einer etwas entfernten Freifläche.

    Als wir dann endlich am Lagerfeuer zum sitzen kommen, ist es dunkel. Wir haben es aber geschafft und liegen im Plan, den wir jetzt auch weiter verfolgen müssen, denn sonst kommen wir nicht pünktlich am Ziel an. Am Ende eines Urlaubes ein wenig unter Druck zu sein, kennen wir noch aus der Mongolei 2018. Wo wir vorher bei den Etappen gegammelt hatten, mussten wir am Ende ordentlich ackern. Dieses Mal fühlt es sich aber dieser Druck auf dem Rad angenehmer an, weil man ja schnell mal 15- 20 km / Tag auf dem Rad mehr schafft als sonst. 1-2 Stunden mehr Fahrzeit und ein wenig Zähne zusammen beißen und wir schaffen das auch.

    Am Lagerfeuer entspannen wir, komischerweise fallen die Augen noch nicht zu. Vielleicht auch, weil genau diese gemütlichen Abende am Lagerfeuer die Belohnung für die Strapazen sind. Sowas will man dann auch nicht nur 30 Minuten genießen. Kurz bevor wir zu Bett gehen, lege ich in dem u-förmigen Camp noch Gestrüpp am Eingang hin. So können wir hören, ob Tiere kommen oder sie vielleicht auch daran hindern, ans Zelt zu kommen. Konkret denke ich noch immer an die vielen Bärenspuren. Dieses Bollwerk scheint mich schon mehr zu beruhigen, ich habe keine Einschlafprobleme. Ob es was bringt? Wir werden es nie erfahren, denn die Tiere bleiben mal wieder fern.


    Zwischen Busch und Wall schlagen wir unser Zelt auf


    Lagerfeuer hat immer so was hypnotisierendes

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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #43
    Zitat Zitat von Sternenstaub Beitrag anzeigen
    OT: Wenn ich dazu eine kleine Anekdote erzählen darf: ne, mache ich doch nicht, vielleicht in einem Extrafaden, das würde zu lang.
    Na komm', erst heiß machen und dann? Her damit...

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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #44
    hm, ok, aber beschwere dich nicht, dass ich das Thema zugemüllt habe.

    OT: Überlege gerade, wann das in etwa war. Stimmt 1998 in den Sommerferien. Wir hatten für zwei Wochen ein Ferienhaus 6 km westlich von Saxemara in Blekkinge/Schweden gemietet. Da das Auto in den letzten Monaten aber nicht mehr richtig zuverlässig war, entschlossen wir (also meine Kinder und ich) mit den Rädern zum Ferienhaus und von dort wieder zurück zum Fährhafen in Trelleborg zu fahren. Bei der Hinfahrt klappte es mit den beiden Jugendherbergen und dem wirklich schönen alten Hotel in Sölvesborg sehr gut, von wo wir dann weiter nach Saxemara radelten. Das Hotel in Sölvesborg hatte ich vorher gebucht, aber auf der Rückfahrt würden wir mehr Zeit haben, da wir die Fähre zurück bewusst nicht gebucht hatten. Wir wählten eine Strecke durchs Landesinnere, erst in Richtung Norden und wollten an diesem einen bewussten Lachsfluss vorbei fahren, um uns das alles genau anzuschauen. Wir hatten keine Zelte dabei, weil wir ja auch Sachen für das Ferienhaus dabei haben mussten, die Ü zurück sollten meist in einer JH sein. Vom Lachsfluss aus radelten wir auf einen Höhenzug (A (mit Kringel(sen oder so, der nach Süden führte und wir verfranzten un ziemlich. In einem sehr kleinen Ort gab es zwar ein Geschäft, welches aber nicht geöffnet hatte, was Mist war, weil wir nicht wirklich viel mehr zu essen hatten. Genauer gesagt gar nichts mehr. hm

    Wir radelten also weiter und weiter und weiter, es wurde immer später. Wir hielten an, um Wasser zu trinken. Meine Tochter (9) heulend: ich will nicht im Wald bei den Elchen schlafen - mein Sohn (11) großspurig: das macht doch nix...stell dich doch nicht so an, wir decken uns eben zu mit einem Pullover. Was der Pullover jetzt helfen sollte, erschloss sich mir zwar nicht, aber wenigstens beruhigte sich meine Tochter etwas. Ein Stück weiter geradelt, plötzlich von vorne vom Sohn: ich hab Hunger, lass uns was essen, dann können wir schneller radeln. . ähem.... die letzten 40 km hatten wir keinen größeren Ort geschweige denn einen offenen Laden gesehen und der Proviant war bekannterweise leiderleider alle. Sohn tritt voller Wut ins Vorderrad bei voller Fahrt, legt einen nahezu perfekten Salto Mortale hin, das Rad landet ein-zwei Meter vor ihm und er liegt auf dem Boden und schimpft wie ein Rohrspatz. Als pflichtbewusste Mutter stelle ich natürlich mein Rad hin und gehe schnell zu ihm hin. Tochter fragt: Mama, lebt er noch? Ich : offensichtlich ja. Ich helfe ihm auf, scheint alles ok zu sein und hinter uns hält ein Auto an, ob das Kind sich was getan hätte. Sie habe gesehen, wie der Junge sich überschlagen hat. Er sagt etwas wehleidig, nein, alles ok, aber habe immer noch Hunger. ich frage, wie weit es zum nächsten Ort ist und ob es da vielleicht einen Laden und noch besser eine Pension/ein Hotel gibt. Der Laden könne schon zu haben, aber es gäbe ein Hotel in etwa 7 km.

    Das muntert unsere Lebensgeister auf, die Tochter jammert nicht mehr über Elche, im Hotel hätte sie keine Angst vor Elchen, was mir logisch erscheint Der Sohn strahlt, ein Hotel in 7 km, also ein Bett und was zu essen!!! Yippie.

    Wir radeln also munter weiter, auch dem Rad ist seltsamerweise nichts geschehen und erreichen bald ein kleines hübsches Städtchen mit einem ebenso hübschen Marktplatz (fragt mich nicht nach dem Namen) und da steht ein wundervolles Gebäude, richtig alt und vornehm. Jetzt fluche ich erstmals, es ist geschlossen, an der Tür steht, man solle wegen Zimmer anrufen. Ähem - erstens liegt mein Dinosaurierhandy kaputt zuhause und zweitens wäre es nett, wenn da auch eine 'Telefonnummer stünde. Wir gucken uns bedröppelt an. Da sehe ich, dass auf dem hintere Teil des Platzes einige Jungs auf Skateboards herum brettern und ich gehe auf sie zu. Hurra, sie verstehen mich und einer weiß sogar die Telefonnummer der Hotelbesitzer. Er ruft mit seinem handy an, es komme gleich jemand und öffnet uns, wir können aber nichts zu essen bekommen. Das bekommt der Junge mit und sagt, um die Ecke gäbe es eine Pizzeria, wo man Sachen zum Mitnehmen kaufen könne, die hätte vermutlich noch eine Stunde geöffnet. ich bedanke mich sehr herzlich und einer der Jungs sagt, die Kleinen hätten bestimmt auch bereits Hunger...

    15 Minuten später fährt die Hotelbesitzerin vor, begrüßt uns freundlich schließt auf und führt uns in ein hochherrschaftliches Zimmer. Die Räder können wir unten im Flur stehen lassen und hier sei der Schlüssel für die Haustüre. Während ich schnell zur Pizzeria eilte, nicht, dass die doch schon zu machen, entladen die Beiden die Räder und schleppen unaufgefordert alles nach oben.

    Ich kaufe zwei Riesenpizzen, verschiedenes an Limo und denke sehnsüchtig, dass ich jetzt gern ein Bier hätte. Aber wenigstens Kekse und Schoki haben sie.

    Den restlichen Abend verbringen wir in ausgesprochen guter Laune auf den Betten sitzend, futtern die Pizzen (die ich habe in Stücke schneiden lassen) ratzekahl auf, füllen uns die Bäuche mit Limo und Wasser, knabbern Süßkram und erzählen uns gegenseitig, wie toll wir sind. Wir sind eben ein gutes Team, das beste überhaupt, sagt mein Sohn etwas hochnäsig. Und notfalls hätten wir uns eben Pullover angezogen im Wald, ergänzt meine Tochter. Sohn zwinkert mir zu, ich denke, geschickt gemacht hat der Bursche das.


    @ Rattus - ich weiß und ab Mittwoch habe ich vermutlich auch wieder genug Energie, weiter zu schreiben.
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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #45
    @sternenstaub: siehste, es kann noch so schlimm kommen, irgendwann geht es wieder bergauf
    wenn man zusammen diese täler durchquert, sind die glücksmomente danach doppelt so viel wert. nette anekdote

  6. Alter Hase

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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #46
    Trotzdem wäre ich interessiert, auch mal zu hören, wie denn Yvonne die Tour gesehen hat. Sie wird hier so ein bißchen wie ein trotziges Kind beschrieben. Der Tour eigentlich nicht gewachsen. Im Gegenteil zu ihrem Sohn-Supertramp. Aber mit etwas List zu Hochleistungen zu bringen.

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    Avatar von Sternenstaub
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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #47
    OT: hm, Enja, wenn du die manchmal anklingende Ironie/Selbstironie nicht erkennen kannst....
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  8. Alter Hase

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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #48
    Im anekdotischen Teamvergleich ist doch Yvonne das, was in deiner Anekdote die kleine Schwester des heldenhaften aber trotzdem irgendwie rührenden kleinen Jungen ist. Und Mutter Sternenstaub hat das Schlamassel zwar verursacht. Aber natürlich nur, damit die lieben Kleinen daran wachsen. Und außerdem ist das Glück sowieso immer auf ihrer Seite. *ironie aus*

    Eigentlich hätte ich ganz gerne noch den Reisebericht ohne ellenlange Extras fertig gelesen....

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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #49
    Zitat Zitat von Sternenstaub Beitrag anzeigen
    OT: hm, Enja, wenn du die manchmal anklingende Ironie/Selbstironie nicht erkennen kannst....


    @Enja: Yvonne flucht auch manchmal einfach nur, um mich zu ärgern. Sie genießt es dann, wenn ich wieder am ausrasten bin. Frei nach dem Motto "Wer sich neckt, der liebt sich". Es kann nicht immer nur alles Friede, Freude, Eierkuchen sein. Klar, sind unsere Touren teilweise schon echt hart am Limit, physisch wie psychisch. Doch ich habe noch nie das Gefühl gehabt, dass Yvonne den Touren nicht gewachsen ist, im Gegenteil. Sie ist eine Kämpferin, motzt aber gern auch einmal, um Druck ab zu lassen.

    Vielleicht meldet sich Yvonne hier ja auch noch mal an und schreibt selbst ein paar Worte oder vielleicht auch in meinen Namen. Ich kann sie ja mal fragen, wenn Euch/ Dich das so brennend interessiert.

  10. Alter Hase

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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #50
    Mehr noch interessiert mich, wie der Bericht weitergeht.....

  11. Dauerbesucher
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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #51
    So, mal weiter im Text...

    01.September | Waldcamp

    Im Kopf sind wir bereit für den heutigen Tag, nur unten herum sieht es nicht so aus. Die Beine sind noch schwer. In der Sonne genießen wir das Frühstück, haben aber die Uhr im Blick. Auf der Straße ist ein Sog zu spüren. Der Wind bläst genau so stark wie gestern, wenn nicht noch stärker. Wir werden die 50 km Asphalt des Tages vermutlich in neuer Bestzeit bewältigen. Trotz des hügeligen Terrains geht es echt entspannt zu. Die Straße ist dermaßen einsam, dass das eine Auto pro Stunde, was hier entlang kommt, schon zur Belästigung avanciert.


    Vorm Zelt sieht man den natürlichen Bären-Zaun aus Gestrüpp

    Wir nutzen die vollen Breite unserer Spur, Täve rollt ohne Seil super mit, beschwert sich immer nur, dass er bergab immer treten muss, während wir dahinrollen. Daher schiebe ich ihn bergab ein wenig mit oder er düst im Sog meines Windschattens hinterher. Obwohl das Tagespensum auch heute wieder an die 70 km sein wird, lassen wir uns Zeit und machen Pausen, wenn uns danach ist. Meist ist hier Täve der Entscheidungsträger.


    "Wo bleibt Ihr denn, macht mal biss'l Druck!"


    Ein Foto sagt mehr als tausend Worte

    Wie machen Halt an einem Biberbau, den wir inspizieren. Täve und ich bestaunen die Baukunst des Dammes und wundern uns, was das Tier so für Stämme ran geschleppt hat. Täve fragt mich, ob die Bären oder Kojoten die Biber fressen. Ich entgegne nur, dass bei Bibern Todesursache Nummer eins umfallende Bäume sind, die sie selbst abgenagt haben. Täve bekommt einen Lachkrampf. Ja, Biber sind schon lustige Gesellen.


    Biberbau in EIgenheimgröße


    Der Damm! Was baut der Biber eigentlich zuerst? Damm oder Bau

    Die Straße, die nach Süden zum Hafen Burgeo führt, hatte ich in der ersten Planung eingebaut, wollte sie komplett befahren. Doch irgendeine Recherche ergab, dass dieses Straße wohl sehr befahren sei. Für uns jedenfalls ist es die wohl einsamste Asphaltstraße, die wir auf Neufundland erleben durften. So wird mit Genuss weiter in die Pedale getreten, schon mit etwas Druck im Anstieg, dafür mit Entspannung bergab. In der Ebene ist keine große Anstrengung nötig.


    Der See Silver Pond

    Wir erreichen nach 50 km eine scharfer Rechtskurve, wir zweigen nun auf die Schotterpiste ab. Machen aber erst einmal Pause. Wow, 50 km und das kurz nach dem Mittag. Mittlerweile scheinen wir topfit zu sein. Es gibt einen Pausenbonus, wir können es uns leisten. Uns fallen sogar mitten auf der Piste im Liegen die Augen zu. Kurz sind wir mal weg getreten. Obligatorisches Luft ablassen bevor es auf dem Schotter weiter geht.


    Die letzten Kilometer auf Asphalt


    und bald war Schotter angesagt

    Ein kleiner Anstieg von 100 Höhenmetern liegt noch vor uns, dann soll es flacher werden und bald runter gehen. Bis jetzt haben wir schon 500 Höhenmeter gemacht, also sind wir nun aufgewärmt und bereit für die letzte Anstrengung des Tages. Die Piste ist drei bis vier Autos breit. Nun denkt man, dass sich doch hier eine ideale Linie finden wird. Von hinten ist es witzig anzuschauen, wie Täve und Yvonne ihre eigene perfekte Linie suchen und sich dabei immer wieder in die Quere kommen, es folgen wilde Beschimpfungen. Bald stellen wir aber alle Drei fest, dass wir schon besseren Untergrund hatten, aber es noch im Rahmen liegt. Zum Fluchen und Ausrasten reicht es noch nicht.


    Der Anstieg ist bald zu Ende, Täves Ehrgeiz dagegen ist unendlich


    Tolle Stellen zum campen, wir aber müssen noch weiter

    Der Weg schlängelt sich an Seen vorbei, eingerahmt von idyllischer Landschaft. Immer wieder entdecken wir tolle Spots am Wegesrand, aber so lange wir noch fit sind und der Tag noch lang ist, so lange sollten wir weiter fahren. Bei km 70 erreichen wir den Lloyd River, der nun lange Zeit rechts des Weges entlang führt. Wir entscheiden nun, mal die Augen nach einem Camp auf zu halten.


    "Du hast doch gesagt, es wird flacher!"


    Kleine Anstiege halten die Muskeln warm

    Es ist mal wieder bezeichnend für die Campsuche. Immer dann, wenn wir entscheiden, was zu suchen, findest sich auf einmal nichts mehr. Es gibt weder links einen Weg in den Busch hinein, noch eine Möglichkeit rechts am Fluss zu zelten. Es ist zum Mäuse melken. Von hinten kommen Quads, wir stoppen und wollen sie vorbei lassen. Sie halten auch an und fragen mich, ob ich der Deutsche bin, der letztes Jahr hier schon lang gefahren ist. Witzig, da gab es einen Radreisenden aus Deutschland, der sich das gleiche angetan hat wie wir jetzt? Sympathisch! Der eine Mann meint nur, dass bald ein Weg links kommen würde. Dort sollte eine Möglichkeit vorhanden sein, das Zelt auf zu stellen.


    Der Lloyds River plätschert leise dahin

    Die Suche dauert nun schon geschlagene 7 km, aber nun werden wir am besagten Weg fündig. Er ist zugewuchert, nicht gleich auf den ersten Blick erkennbar. Täve und ich gehen auf Suche. Ein umgefallener Baum versperrt den Weg. Dahinter finde ich nur auf dem Weg eine Fläche fürs Zelt. Sie ist aber so abschüssig, dass ich noch weitersuche, aber nichts finde. Okay, die muss reichen. Auf dem Weg zurück, entdecke ich am Waldrand unter den Bäumen eine ebene Fläche mit viel Stämmen und Gestrüpp. Perfekt, die muss bloß noch frei geräumt werden, dann passt das super.

    Ziel erreicht, die Räder werden hoch geschoben, doch bevor wir andere Sachen erledigen, muss die Feuerstelle hergerichtet werden. Täve sammelt Holz und schnell flackert das Lagerfeuer. Nun können uns die Mücken mal kreuzweise. Entweder sind sie gar nicht da oder sie kommen in Scharen. Im Wäldchen ist es ziemlich dunkel, aber es dämmert auch schon leicht. Irgendwie haben wir unseren Zeitpuffer auf dem Schotterteil restlos aufgebraucht. Es wird so gegen 19 Uhr sein.

    Der Fluss ist nicht weit entfernt. Nachdem das Zelt steht, wird noch einmal Holz nachgelegt und dann geht's zum Fluss. Die Angel ist auch mit im Gepäck, aber ich zweifle daran, dass wir heute was fangen. Wir baden ausgiebig im Fluss, meine Augen suchen die Flussuferseiten nach Tieren ab. Mensch, der Fluss ist prädestiniert für Tiere, aber vielleicht meiden sie auch unseren nackten Anblick.


    Badesession vorbei, nein Nacktbilder gibt es nicht!


    Abendstimmung am Fluss

    Täve und ich platzieren uns auf einem Stein und werfen die Angel aus, während Yvonne wieder hoch zum Feuer muss. Es ist empfindlich kalt geworden. Wir Männer entspannen bei Flüstergesprächen am Fluss, wollen die Fische ja nicht verschrecken. Mich beeindruckt die Abendsonne, wie sie die gegenüber liegende Hügelkette anstrahlt. Totenstille, nur das Knistern des Lagerfeuers ist ganz leicht zu hören, der Qualm durch die Baumkronen dagegen ist nicht zu übersehen.


    Frisch gewaschen, geht es ans Angeln

    Am Zelt zurück, ohne einen Fisch gefangen zu haben, ist Yvonne bereits beim Zwiebeln und Wurst schneiden. Wir kochen im Feuer Wasser auf und ziemlich schnell ist auch das Abendmahl angerichtet, nun wird es Allen bald wieder besser gehen. Frisch geduscht und wohl gesättigt, damit lässt sich die Lagerfeueridylle noch besser genießen. Ich bin stolz auf meine Beiden, wir liegen gut im Zeitplan, fast die Hälfte der Strecke geschafft, noch 2.5 Tage sind übrig.

    Leider macht sich aber auch ein wenig Traurigkeit breit. Der Urlaub wird bald sein Ende finden. Machen wir also noch das Beste aus der verbleibenden Zeit.

  12. Erfahren
    Avatar von Ljungdalen
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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #52
    Zitat Zitat von elbspitze Beitrag anzeigen
    ... Was baut der Biber eigentlich zuerst? Damm oder Bau ...
    Wenn das Wasser auf natürliche Weise tief genug ist (min. 60 cm, gern > 90 cm), baut er erstmal gar keinen Damm, sondern erst in dem Fall, dass/wenn der Wasserstand später sinkt. Dann also erst den Bau.

    Sonst erst den Damm.

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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #53
    02.September | Aussichtscamp

    Gegen 7 Uhr wecken mich Geräusche von draußen, ich lausche ihnen, will nicht Lärm machen, um nach zu schauen. Etwa 3 m von unserem Zelt entfernt stolpert (vermutlich) ein Elch auf den Weg. Er bleibt kurz stehen, dann hört und spürt man seine bebenden Schritte. Nun bin ich wach, kann nicht mehr richtig schlafen. Im Zelt wachen nun auch die anderen Beiden auf, wir quatschen über dies und das, strecken uns und bequemen uns heraus.


    Unser Waldcamp


    Der breite Fluss

    Am Lagerfeuer wird nicht lang herum gefackelt, wir sitzen bald wieder auf den Rädern. 13 km fahren wir noch auf grenzwertigen Untergrund bis zum Beginn des Red Indian Lakes. Ein Autofahrer meinte, dass es ab hier besser werden würde. Damit hat er aber sicher nur den Untergrund gemeint. Denn direkt am See erwartet uns eine Rampe nach der anderen. Es geht nicht flach am See entlang, sondern mit kleineren Umwegen durchs Hinterland.


    Die letzten Meter am Lloyd River entlang


    Nun kommen auch wieder tolle Camps, jetzt!!!

    Die 3 km schieben wir nicht komplett die 100 Höhenmeter hoch, aber die 15%+Anstiege schon. Wir haben zuvor eine kleine Pause gemacht, aber ich fühle mich irgendwie nicht gut. Hoher Puls, toller Schweißfluss, etwas zittrig. Yvonne merkt es auch gleich und fragt mich, warum ich so ruhig bin. Mein Tritt fühlt sich schwer an. Yvonne und Täve schlachten mich an jedem noch so kleinen Anstieg ab und es wird nicht besser.


    Rechts befindet sich nun der See, oft von Bäumen verdeckt

    Bei km 30 machen wir an einer Brücke Pause. Dieses Mal muss ich was essen, auch eine Cola wird geleert. Fehlt mir etwa Zucker? Wir füllen auch noch die Flaschen auf, denn es ist wieder ein heißer Tag auf staubigen Pisten. Nach der Pause läuft es schon wieder viel besser, ich bin wieder zu Scherzen aufgelegt und habe nun auch wieder Kraft, mal nebenbei Täve die flacheren Anstiege hoch zu schieben.

    Nun macht es richtig Spaß, den Weg entlang zu fahren. Es ist zwar ein welliges Auf und Ab, ab es kommen keine langen Anstiege mehr, sie sind kurz und schmerzlos. Manchmal schiebe ich Täve und mich mit Schwung über die Kuppen. Bis jetzt war das Ufer unverbaut und wild, immer wieder tollen Ausblicke auf den lang gestreckten Red Indian Lake.


    Nur noch leichte Wellen

    Meine Hochrechnungen ergeben, dass heute 50 km auf der Piste genug sind. Dann wären noch 80 km für 1.5 Tage, davon aber 70 km Asphalt. Es passiert das gleiche wie gestern. Wir beschließen, ein Camp zu suchen und schlagartig nimmt die Uferbebauung zu und soll auch nicht mehr aufhören. Jeder Weg, der zum See führt, ist ein Privatgrundstück. Die wilden Abschnitte dazwischen sind undurchdringbar, kein Weg aus zu machen.

    Links des Weges wollen wir aber unser Zelt auch nicht aufschlagen, da 10 m entfernt eine große Waldschneise mit Strommasten steht. Immer, wenn Yvonne nicht wählerisch bei der Platzwahl ist, sind das schlechte Vorzeichen. "Was hast Du gegen die Strommasten?" Hallo? Ich schlage ja auch nicht das Zelt im Ortszentrum am Mc Donalds auf. Nein, ein wenig Idylle darf schon sein.

    Yvonne darf also bei km 55, wir haben 5 km vergeblich gesucht, pausieren. Täve und ich gehen links einen Weg rein, der über die Waldschneise hinweg wieder in unberührter Natur führt, Okay, so unberührt ist sie auch nicht, überall herum wurde der Wald stark dezimiert, aber wenigstens haben wir so freie Aussicht auf den See und man sieht die Strommasten nicht mehr.

    Nach lange Suchen finden wir einen tollen Platz, direkt auf einem platt gewalzten Weg. Yvonne übermittle ich die Nachricht mit positiven wie negativen Beigeschmack. "Platz gefunden, aber dorthin müssen wir die Räder schieben" Yvonne sieht es wie ich. Lieber noch einmal richtig abkotzen als weiter ins Ungewisse zu fahren.

    Oben angekommen bestätigt Yvonne die gute Auswahl, nur Täve jammert ein wenig. Heute kann leider nicht geangelt werden. Das Zelt wird sehr exponiert aufgebaut, ich schlage alle Heringe tief in das Stein-Erde-Lehm-Kies-Gemisch. Die halten bombenfest, hoffentlich kriege ich die auch wieder raus.


    Unser Aussichtscamp


    Hier die Aussicht

    Das Zelt steht in der richtigen Richtung. Der Wind nimmt zu und fegt voll über das Zelt drüber. Dahinter bauen wir die Feuerstelle auf und sammeln nun Holz. Am Zelt befindet sich direkt ein Wasserloch, die Qualität lässt aber zu wünschen übrig. Überall im Umkreis sind aber weitere kleine Wasserlöcher. Mit Tasse und Wassersack bewaffnet, schöpfe ich nun ein Loch nach dem anderen aus. Das Wasser muss aber auch noch mal durch den Filter.

    Täve hat weiter seinen Spaß am Holz ranschleppen und zerkleinern. Soviel können wir gar nicht verfeuern. Wir baden uns alle in dem kleinen, dreckigen See. Hauptsache, wir riechen lecker, Dreck stört uns schon lange nicht mehr. Yvonne findet den Platz toll, sie liebt diese weite Aussicht über den See. Am Feuer lassen wir es uns schmecken und klatschen schon jetzt gegenseitig ab. Nun kann man schon absehen, dass wir es bis zum Ziel schaffen werden. Die paar Kilometer sind doch ein Klax.

    An diesem Abend wissen wir jedoch noch nicht, das es morgen früh ganz anders kommen sollte.

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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #54
    03.September | letztes Camp oder ein fotofreier Tag

    Wie immer bin ich gegen 6 Uhr wach. In der Nacht hat es weiter gewindet, tut es immer noch. Ich drehe mich noch einmal um und schlafe wieder ein. Gegen 8 Uhr weckt mich ein sonst eher erwünschtes Geräusch. Heute und jetzt ist es aber völlig fehl am Platz. Es regnet und das nicht sparsam. Der Wind bläst von hinten schräg gegen das Zelt, ich koche in der Wind abgewandten Apsis erstmal Wasser auf.

    Der erste Blick aus dem Zelt stimmt mich eher traurig. Die Wolkendecke hängt tief und ist dunkel. Sie zieht zwar schnell vorbei, aber es wird nicht besser. Beim Frühstück gibt es nur ein Thema: Was tun? Wir loten alle Möglichkeiten aus, finden keine Lösung. Zum Glück haben wir hier schnelles Netz, ich buche einen Easy Travel Tag und schaue nach dem Regenradar bei accuweather. Hätte ich wohl nicht machen sollen.

    Die aktuelle Regenfront ist nur ein Vorbote in gelb und grün gefärbt. Bald soll rot und blau folgen, ergo zunehmender Starkregen. Wie lange es dauern wird, keine Ahnung. Wir frühstücken erstmal weiter und wollen abwarten und essen nicht nur sprichwörtlich ab und an Kekse.

    In einer kurzen Regenpause wasche ich das Geschirr ab und packe schon die eine oder andere Tasche, immer noch fest in der Annahme, heute doch noch starten zu können. Kaum wieder im Zelt, kommt die nächste Front und zwar heftig. So heftig, dass ich die Lüftung auf der Luv-Seite komplett schließen muss, es regnet aufgrund des starken Windes fast horizontal. Was soll das? Will uns der Wettergott abermals prüfen, ob wir noch ein kreatives Ass im Ärmel haben? Dem ist nicht so.

    Während wir uns im Zelt unterhalten, fällt mir hinter Yvonne's Rücken die Zeltinnenwand auf. Das Außenzelt drückt gegen das Innenzelt, die Gestängebögen biegen und wackeln rhythmisch im Wind. Ich muss nachschauen, während es gerade richtig schüttet. Leider liegen die Regenklamotten in der Satteltasche an Täve's Rad, was unter dem Tarp liegt. Ich setze mich also dem Starkregen ungeschützt aus und bin kurz darauf auch völlig nass.

    Wenigstens habe ich die Ursache der Instabilität gefunden. Alle Heringe der Abspannleinen hat es aus dem festen Boden getrieben, auch ein Hering am Apsisende hat es ausgerissen. Der scheinbar perfekte Boden kann so durchgenässt die Heringe nicht mehr halten. Er hat nun sandigen Charakter. Was tun?

    Ich schleppe einen schweren Stein nach dem anderen an, ramme die Heringe erneut ein und platziere die Steine drauf. Wo ich schon nass bin, sichere ich auch noch die intakten Heringe mit Steinblöcken. Ein wenig Spaß kommt auf, als ich mich im Zelt komplett ausziehe und trockene Klamotten anziehen möchte. Zwischen Aufschreien und Platzmangel bin ich bald wieder trocken gelegt.

    Wir haben es Mittag, die Idee steht immer noch im Raum, wenigstens heute noch ein paar Kilometer zu machen, um morgen nicht zu viel auf dem Tacho zu haben. Sehr optimistisch warten wir ab, die Uhr tickt und tickt. Ich zähle noch einmal die Fakten auf: noch 80 km (davon 10 auf Schotter), der Bus fährt 13.45 Uhr ab Badger und muss morgen erreicht werden.

    Die Versuche, sich im Zelt mit Karten spielen und anderen Dingen ab zu lenken, funktionieren nur so lange, bis erneut Regen einsetzt. Die Regenpausen sind meist nur von kurzer Dauer und reichen gerade mal für Toilettengänge. Wir chillen in der Horizontalen, dabei gleitet meine Hand auf den Zeltboden. Gott, hören die Probleme denn nie auf? Es drückt Wasser von unten durch. Unter dem Zelt steht das Wasser und das Nahtband, was sich bereits seit einiger Zeit leicht abgelöst hat, lässt Wasser durch. Nicht viel, aber es wird feucht.

    Wir legen die drei TAR Matten dicht aneinander, damit Schlafsäcke und Kleidung nicht nass werden. Ich bin permanent am wischen und kontrollieren, wenigstens halten die Heringe. Irgendwann, es ist so gegen 14 Uhr, lässt zwar die Intensität nach, aber von einer Schönwetterfront kann man nicht reden. Yvonne bringt es auf den Punkt: Ehe wir heute eine Stunde alles einpacken, später wieder eine Stunde alles auspacken und das alles nur, um vielleicht 20 km zu machen, lass' uns doch endgültig hier bleiben und dafür morgen zeitig aufstehen.

    Ich widme mich dieser Idee. 80 km mit einem pessimistischen Schnitt von 15 km/h und wir brauchen um die 5 Stunden. Also wollen wir 6 Uhr aufstehen, spätestens 8 Uhr losmachen und wir haben noch ein wenig Puffer. Das klingt nach einem Plan und noch machbar.

    Mit jeder Stunde lässt der Regen nach und der Wind verstummt. Gegen 17 Uhr mache ich Abendessen und da ich einmal die Auslandsflat gebucht habe, holen wir uns die Zivilisation ins Zelt. Wir schauen einen Film namens "Backcountry", wo Wanderer in den kanadischen Wäldern von einem Schwarzbären gejagt werden. Was tun wir uns da an? Schon mal den "Titanic" Film auf einer Kreuzfahrt oder den Film "Flight" im Flugzeug angeschaut?

    Nachdem der Film zu Ende ist, werden noch die letzten Genussmittel aufgeteilt und wir lachen uns kaputt, wie wir uns doch manchmal selbst das Leben schwer machen. Nach diesem Film kann Keiner so richtig ruhig einschlafen. Mit Musik und ein wenig Nieselregen ist aber bald Ruhe.

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    #55
    04.September | Der finale Tag



    Morgenstund' hat Gold im Mund

    6 Uhr klingelt der Wecker, es hat lange nicht mehr geregnet und ich wage einen Blick nach draußen. Es ist der einzige Morgen, wo wir einen Sonnenaufgang erleben. Bei weit geöffneter Apsis schauen wir uns das Schauspiel an. Wir brauchen die letzten Reserven auf, ein paar Snacks bleiben für die kleinen Pausen heute übrig.


    (INFO: Bitte kein Bildmaterial einfügen, das die Rechte Dritter verletzt. d.h. i.d.R. keine Musikvideos, TV-Serien etc. )

    Wir machen keinen Stress, aber bummeln dürfen wir auch nicht. Täve und Yvonne helfen mir, an einem Strang zu ziehen. Wir sind 2 Minuten nach 8 Uhr startklar. Während wir im Urlaub immer die Fahrten in den Sonnenuntergang genossen haben, dürfen wir heute die morgendliche Stimmung genießen.


    Im Morgenschein packen wir die Sachen

    Die Straße 370 ist schnell erreicht. Hier ist um die Zeit nichts los. Wir vergeuden keine Zeit im Luftdruck anpassen, treten weiter in die Pedale. Das Terrain ist nicht bergig, doch müssen wir ab und an 50 Höhenmeter Anstiege bewältigen. Mit ordentlich Druck und Motivation rollen wir dahin und entdecken an der Straße immer wieder gute Camps. Wir nehmen es so hin, pausieren nach den ersten 30 km erstmals. Wir liegen gut in der Zeit.


    So früh am Morgen sind nur Tiere unterwegs


    Weite Einsicht in den Straßenverlauf

    Obwohl uns die Zeit im Nacken sitzt, bleibt immer noch Zeit, nach links und rechts zu schauen. Wir fahren durch einen schönen Landstrich, dabei purzeln die Kilometer einfach so dahin. Die Mittagspause findet heute um 10 Uhr statt. Auf der Uhr steht mittlerweile ein 19er Schnitt. Wir können ein wenig mehr rasten.


    Täve ist ein großer Kämpfer, okay er ist auch leicht zu motivieren

    Gegen 12.30 Uhr erreichen wir Badger und haben nun alle Zeit der Welt, der Bus fährt in einer Stunde. Wir besorgen in der Tankstelle und dem Bagels Shop unsere Belohnung. Einzig steht nun in den Sternen, ob uns der Bus mitnehmen würde. Wir trocknen in der Sonne die nassen Klamotten und ich versuche derweil mit einem Tool die Pedalen abzuschrauben, so will es der Busunternehmer. Ich bekomme sie aber nicht ab, sie sind fest und ich habe einen zu kleinen Hebel.

    Ein Mann schreitet zur Hilfe und wir kommen ins Gespräch. Es ist fast eine göttliche Fügung. Er ist der Tankstellenbesitzer und meint, falls der Busfahrer die Räder nicht transportieren würde, könne er intervenieren. Das beruhigt uns ein wenig, aber als dann der Bus erscheint, steigt ein so lockerer Busfahrer aus, der es unnötig macht zu diskutieren. Wir fixieren die Räder im Gepäckraum mit einem Seil, legen das Tarp drüber und alles ist gut.

    Der Busfahrer verzichtet sogar auf die 100 Euro gesamt an Radtransportkosten. Er hätte genügend Fahrgäste, die Fahrt würde sich auch so schon rechnen. Wir strahlen über beide Ohren, so schnell kann das Glück auch wieder mal mit uns sein. Die 500 km auf dem Highway 1 werden nun inklusive der vielen Stopps ca. 8 Stunden dauern. Gegen 22 Uhr erreichen wir St. Johns.

    Nun kann uns alles egal sein, auch der einsetzende Regen. Die gesparten 100 Euro investieren wir nicht ganz im nahe liegenden Mc Donalds. Mit Stirnlampen bewaffnet bewältigen wir die restlichen 5 km. Am Guesthouse angekommen geht alles ganz schnell: Räder abgestellt, Taschen ins Zimmer geschleppt, geduscht und eingeschlafen.

    Abspann


    Am Morgen schaffe ich es dann doch noch, alle Pedalen ab zu schrauben. Die Räder sind gegen 9 Uhr verpackt, wir haben Zeit für einem ausgedehntes Frühstück. Gegen 11 Uhr sollen eigentlich zwei Taxen unseren Transfer arrangieren, aber in dem einen erscheinenden Taxi ist nicht genügend Platz. Es wird ein zweites geordert, die Zeit rennt davon. Schlussendlich sind wir noch pünktlich am Airport. Das Gepäck ist schnell eingecheckt, nur der Benzinkocher und die Flasche machen Probleme. Die Airline Air Canada will sie nicht befördern, sie riechen zu streng nach Benzin. Ich diskutiere ein wenig. Okay, die Flasche stinkt echt krass, aber der Kocher nicht. Der Airline Angestellte fragt eine dritte Security Person. Seine Antwort zum Geruch "Der riecht nach Baum" Heee, ich bedanke mich bei ihm später noch für seine Äußerung und er entgegnet nur, dass er selbst wandern und zelten geht und weiß, was so ein Kocher kostet. Nun ist alles geklärt. So richtig wissen wir nicht, ob wir uns auf den Rückflug freuen sollen. Wir fliegen mit gemischten Gefühlen nach Hause.

    Resümee

    Es war unsere erste lange Radtour und wird auch nicht unsere letzte gewesen sein. Mit diesem weiteren Reisemittel eröffnen sich für uns neue Ziele. Für Neufundland war es die richtige Wahl. Nur so können wir nun mit Recht behaupten, dass wir Neufundland gesehen, erlebt und genossen haben. Da wir mit dem Rad halt nur Trails, Pisten oder Straßen befahren konnten und die nun mal Ortschaften verbinden, war es uns klar, dass wir mehr Zivilisation vorfinden werden als beim Wandern. Als Gesamtpaket ist Neufundland eine Reise Wert. Die vielfältige Flora und Fauna reißen es raus. Landschaftlich spektakulär sind sicher andere Destination wie La Réunion oder Hawai'i. Den T'railway betreffend kann ich von einer (kompletten) Befahrung mit einem klassischen Reiserad nur abraten oder nur bedingt empfehlen. Es ist mühevoll und strapaziös. Es gibt gute Abschnitte, aber auch richtig schlechte. Dagegen kann ich die unbefestigten Pisten empfehlen, diese sind grenzwertig fahrbar.

    Jetzt, drei Wochen nach diesem Urlaub sind bereits alle Stresssituationen vergessen. Man erinnert sich nur mit einem Lächeln daran. Was bleibt, sind die vielen schönen Momente, die wir zusammen genießen durften. Neufundland wird uns so immer in Erinnerung bleiben und schafft es gedanklich in unserem Ranking auf Platz 3. Tja, Mongolei mit Pferd oder Kirgistan mit Eseln werden wohl schwer zu toppen sein.

    + + + E N D E + + +

  16. Fuchs
    Avatar von Rattus
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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #56
    Puh, geschafft Danke für den spannenden Bericht!
    Weißt du, wer da auf der Straße saß? Fuchs oder Coyote?
    Das Leben ist schön. Von einfach war nie die Rede.

  17. Dauerbesucher
    Avatar von Sternenstaub
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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #57
    Eigentlich wollte ich nur noch einmal kurz von außen ins Forum schauen, aber das Finale lockte mich doch, genauer hin zu schauen.
    Ein wirklich schöner letzter Tag und ein schönes Fazit.
    Danke fürs berichten!
    Two roads diverged in a wood, and I—
    I took the one less traveled by,
    And that has made all the difference (Robert Frost)

  18. Dauerbesucher
    Avatar von rockhopper
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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #58
    Ganz toller Bericht! Danke!
    Mental bin ich mit geradelt und habe fast die Schotterpisten unter den Reifen gespürt.
    Grüße
    rockhopper

  19. Alter Hase
    Avatar von codenascher
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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #59
    Wow! Mit was für einem Tempo du hier diesen Bericht hier abgelegt hast, irre. Ihr scheint wieder einmal eine schöne, wenn auch anstrengende Tour gefahren zu sein.

    Ich bin auch nach vier Wochen Neufundland und den vielen Bildern hin und her gerissen, ob mich dieses Reiseziel interessieren würde!? Bzw. klingt es natürlich unheimlich exotisch Neufundland bereist zu haben, groß anders als Skandinavien sieht mir das zumindest von der Straße allerdings nicht aus. Ein Bärchen ist jetzt auch nicht so der Brüller, war damals auch unsere Ausbeute auf Kamtschatka... Zum Belag eurer Trailetappen hate ich dir ja schon persönlich was geschrieben, ich glaube da muss man schon etwas Leidensfähig sein.

    Du und Yvonne haben echt schöne Räder, dicke zwei Daumen hoch dafür dass ihr immer mit Helm gefahren seid. Das sieht man in Reiseradler Berichten nicht so häufig. Gehört aber meiner Meinung nach ganz klar auf den Schädel. Und noch ein paar Daumen mehr für Täve, seine Leistung und sein immer strahlendes Lächeln!

    Merci

    Ich weiß noch immer nicht, ob ich nächste Woche Freitag arbeiten muss oder nicht. Falls nicht, wollen wir auch zu unserer ersten kleinen Radtour in Brandenburg aufbrechen. Mal sehen wie es den Kindern im Anhänger so gefällt.

    Bin im Wald, kann sein das ich mich verspäte

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  20. Erfahren
    Avatar von Ljungdalen
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    AW: [CA] Mit dem Reiserad 4 Wochen quer durch Neufundland

    #60
    Zitat Zitat von Rattus Beitrag anzeigen
    Weißt du, wer da auf der Straße saß? Fuchs oder Coyote?
    Kojoten gibt es übrigens auf Neufundland erst seit Mitte der 1980er, und richtig viele erst seit etwa 2010...

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