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  1. Anfänger im Forum
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    [IT] Auf der Alta Via Valmalenco

    #1
    Mitreisende: mcinnitzer
    Im Juli 2019 hatte ich eine Solotour rund um die Berninagruppe gemacht. Auf der italienischen Seite teilt dieser Rundweg für ein bis zwei Etappen die Strecke mit der Alta Via Valmalenco, einem alpinen Höhenweg, der seinerseits über dem Valmalenco eine Rundstrecke beschreibt. Motivation war einerseits die landschaftliche Schönheit und Bergeinsamkeit, andererseits lag bei der Berninaumrundung noch recht viel Schnee, sodass z.B. die Forcella Fellaria nicht passierbar war, was ich jetzt, Mitte August, nachholen wollte. Ich war wieder alleine mit dem Zelt unterwegs und hatte erstmals selbstgedörrten Proviant dabei, mit dem ich erste Felderfahrung gewinnen wollte.
    Den Vorabend der Abfahrt habe ich auf einer Geburtstagsfeier verbracht. Einer der Gäste hat mir einen großen Ohrenkaktus geschenkt, den er im Auto hatte.
    Die Anreise ins Valmalenco mache ich mit dem Auto aus Wien, mit dem Ohrenkaktus hinter dem Fahrersitz.


    Insgesamt sind es zehn Stunden Fahrt, erst über die Westautobahn nach Landeck, dann weiter über Martina in die Schweiz, wo es das Engadin bis Samedan hinauf geht. Von dort setzte ich die Fahrt über Pontresina und den Berninapass fort, was schöne Erinnerungen an die nicht lange zurückliegende Berninaumrundung weckt. Vom Berninapass ging es weiter über Tirano nach Sondrio, dann die Landstraße hinauf nach Lanzada, welches ich als Ausgangspunkt für meine Wanderung gewählt habe.

  2. Anfänger im Forum
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    AW: Auf der Alta Via Valmalenco

    #2
    Nach der langen Fahrt mache ich über Nacht am Campingplatz von Lanzada (999m) Rast. Der Platz ist einfach, sehr schön gelegen, nur eine Handvoll Zeltplätze in einem Wäldchen zwischen Fluß und einem Feld. Zum Campingplatz gehört auch ein Restaurant, eine Trampolinanlage und eine Kletterwand.
    Als ich mein Zelt aufgebaut habe, und zu kochen beginnen möchte, spricht mich ein junger Familienvater an, ob ich nicht mit seiner und zwei anderen befreundeten Familien essen möchte. So ein Angebot kann ich nicht ablehnen, und so nehme ich am langen Biertisch Platz. Es gibt Pasta mit Tomatensauce und einen selbst gebackenen Kuchen. Mit meinem Italienisch ist es nicht weit her, meine Gastgeber sprechen ein paar Brocken Deutsch und Englisch, und so lässt sich doch eine erstaunlich angeregte Unterhaltung führen. Die Leute sind aus der Gegend von Sondrio und kennen viele der Wanderwege. Dieses Wochenende möchten sie jedoch mit den Kindern am Campingplatz verbringen und ein wenig die Kletterwand und das Trampolin unsicher machen. Bei Einbruch der Dunkelheit bedanke ich mich für den schönen Abend und das unverhoffte Nachtmahl und wünsche eine gute Nacht.

  3. Anfänger im Forum
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    AW: Auf der Alta Via Valmalenco

    #3
    Am nächsten Morgen wache ich ausgeruht auf, packe meine Sachen zusammen und stelle mein Auto außerhalb des Geländes ab. Dem Kaktus gebe ich noch einen Schluck Wasser, dann geht es los.

    1. Tag Lanzada - Alpe Ventina

    Ich durchquere den Ort, wobei mich das Läuten der zahlreichen Kirchenglocken begleitet.



    In einer Bäckerei kaufe ich mir noch ein Frühstück. Die Strasse führt recht eben nach Chiesa in Valmalenco ( 960m ). Ich gehe durch den Ort bergauf, und nehme dann einen Steig, der hinauf nach Primolo ( 1269m ) führt, die letzte Ortschaft, bevor ich am Ende der Wanderung wieder in Lanzada ankommen würde. Die ersten 300 Höhenmeter sind geschafft.



    Von hier hat man bereits einen schönen Ausblick auf das Tal und die umliegenden Berge.



    Ich nehme den Weg 316 durch den Wald zur Alpe Pirlo, wo Ausflügler einen Griller aufgebaut haben. An einem Brunnen fülle ich meine Wasservorräte auf und erreiche bald die Alpe Pradaccio ( 1723m ). Hier mache ich Rast, esse Landjäger und Kekse und lüfte Zelt, Schlafsack und Isomatte, sowie natürlich meine Füße. Nach einer Stunde breche ich auf, Richtung Valle Sassera, das schon von der Alpe zu sehen ist.



    Zügig geht es bergauf, bald beginnt der Blockfels. Der Weg ist gut markiert, meine Hände muss ich nicht einsetzen.



    Bis zu den Laghetti di Sassera (2370m) begegne ich nur vereinzelt anderen Wanderern. Bei den Seen dürfte es sich dann doch um einen beliebten Picknickplatz handeln.



    Unter anderem treffe ich eine Gruppe junger Italiener, die wie ich mit dem Zelt unterwegs sind. Auch sie bieten an, ihr selbstgekochtes Essen mit mir zu teilen, doch ich lehne dankend ab. Es ist mir fast zu geschäftig heroben, ausserdem weht ein kalter Wind. Ich ziehe also weiter und erreiche immer noch im Blockfels bald den Passo Ventina (2712m). Schon von weitem sehe ich eine Gruppe mit Bergführer oben Rast machen. Sie haben auch einen Hund dabei, Lucy. Als ich oben ankomme und Kontakt aufnehme, räumen sie bald das Feld, sodass ich ganz alleine die Aussicht auf den Ventinagletscher im Westen und den Murettopass im Norden genießen kann.



    Der Abstieg gestaltet sich einfacher als der Aufstieg, zumal es sich um einen Trampelpfad handelt. Weiter unten überquere ich ein kleines Schneefeld und sehe Lucy zu, wie sie sich im Schnee wälzt.



    Der Weg erreicht die Talsohle und führt parallel zur Moräne des Ventinagletschers und des dazugehörigen Flusses zur Alpe Ventina (1962m). Nach dem langen Tag kehre ich zum Essen im Rifugio Ventina ein, es gibt Pasta und gebratenes Rindfleisch mit Salat. Ich unterhalte mich mit der alten Wirtin auf einer Mischung aus Italienisch und Französisch. Sie zeigt mir ein Foto von ihrem Sohn, damals fünfjährig, mit seinem Vater am Gipfel des Pizzo Cassandra, eines lokalen 3000er. Er trägt eine Knickerbocker aus Schnürlsamt mit herzförmigem Flicken am Hosenboden, Stutzen, sein Vater ein Seil, das größer wirkt als er selbst. Nein, er sei nicht verunglückt, aber schließlich Rechtsanwalt geworden. Nach dem Essen mache ich mich auf die Suche nach einem Zeltplatz und baue mein Zelt in der Nähe der Almkapelle auf. In der Kapelle hängen zahlreiche Bilder verunglückter Bergsteiger, die meisten kommen aus der Gegend. Doch auch Deutsche und Engländer sind offensichtlich seit vielen Jahrzehnten hier zu Gast, wie man aus den Gedenktafeln ersehen kann.



    Als ich bei Einbruch der Dunkelheit mein Zelt aufsuche, sehe ich die junge Truppe von den Laghetti, die auch auf der Wiese ihre Zelte aufstellen. Ich mache mich zum Schlafen bereit, doch kann die Ruhe nicht lange genießen. In meinem Bauch rumort es und ich spüre den Drang der Natur. Ein bißchen Durchfall, was soll’s, die Sonne, die Anstrengung, vielleicht das ungewohnte Essen. Ich schlafe schließlich ein, und freue mich, endlich wieder draußen oben am Berg zu sein.

  4. Anfänger im Forum
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    AW: Auf der Alta Via Valmalenco

    #4
    2.Tag Alpe Ventina - Murmeltierfelsen

    Am nächsten Tag wache ich auf, koche mir einen Tee und Porridge. Ich fühle mich ein bisschen flau, aber starte los. Durch den Wald geht es einen Steig hinunter, bis schließlich kurz vor Forbesina (1653m), einer Almsiedlung, der breite Fluß überquert wird.





    Von Forbesina führt der Weg weiter über eine Forststraße zum Rifugio Tartaglinone Crispo (ca 1700m). Ich mache eine kurze Rast. Die Alta Via würde jetzt eine Schleife zum Rifugio Grande Camerini (2563m) machen, um dann wieder nahe bei Forbesina herunterkommend über Chiareggio (1601m) hinunter und wieder hinauf zum Rifugio Longoni ( 2431m) zu führen. Nachdem ich mich nicht ganz fit fühle, beschließe ich, den Weg 226/1, der Richtung Nordwesten fast eben den Hang entlang führt, einzuschlagen. So würde ich über die Alpe Monte Rosso auf die nördliche Hangseite zur Alpe dell’ Oro wechseln, und von dort weiter nach Osten bei der Alpe Fora wieder auf die Alta Via stossen. Ich mache mich also auf den Weg. Erst verläuft der Steig im Wald, dann geht es in der Nähe eines Baches durch eine Wiese mit schulterhohen Gräsern und Blumen. Auf der Alpe Monte Rosso mache ich Rast. Zum Essen habe ich keine große Lust, vertrage aber Tee und Kekse problemlos. Zelt, Matte und Schlafsack trockne ich in der Sonne.



    Ein Paar mit dunklen Sonnenbrillen und Blindenstöcken zieht an mir vorbei. Es ist schwül, und am Himmel zeigen sich immer mehr Wolken. So breche ich wieder auf, überquere den Bach, und gelange am Gegenhang zur Alpe dell’ Oro (2031m), die mir schon von der Berninaumrundung bekannt ist. Inzwischen ist die Alm bewirtschaftet. Hier zu zelten ist, abgesehen von der Uhrzeit, es ist kurz nach Mittag, diesmal keine Option. Ich mache Pause am Brunnen, spüre einen kalten Wind aufkommen und setze meinen Weg fort. Ich folge dem Wanderweg 328 durch Wiesen und Wälder.





    Es beginnt leicht zu regnen, mit meinem Schirm werde ich nicht naß, und der Regen hört auch bald wieder auf. Ich erreiche die Alpe Fora, wo der Weg auf die Alta Via trifft.



    Jetzt geht es wieder bergauf. Der Steig kreuzt immer wieder Wasserläufe, und es fällt mir auf, wie sich die Vegetation in den letzten Wochen verändert hat. Am Wegrand finden sich Wacholder, reife Himbeeren und Heidelbeeren.
    Die Alpenrosen, die noch vor einigen Wochen das Bild dominiert haben, sind inzwischen verblüht. Dafür blühen jetzt Rittersporn und Disteln.
    Schließlich erreiche ich gegen 17 Uhr eine kleines von Bächen durchzogenes Palteau auf 2300m. Dahinter befinden steile Felsen, einer sieht aus wie ein Murmeltier. Noch weiter im Hintergrund erheben sich die Sassa Entova mit ihrer charakteristischen Streifenzeichnung.



    Es scheint eine kleine bewirtschaftete Alm zu geben, den Hirten sehe ich nicht, nur die Kühe in der Ferne. Ich halte nach einem Zeltplatz Ausschau, und achte darauf, dass er von der kleinen Almhütte aus nicht einsehbar ist. Kaum habe ich das Zelt ausgepackt, fallen die ersten Tropfen. Ich stelle das Zelt im Eiltempo auf, und kann mich, bevor der Regen richtig losgeht, mitsamt meinen Sachen darin zurückziehen. Es gießt in Strömen, blitzt und donnert, das Zelt biegt sich im Wind. Ich denke an das Rifugio Longoni, das zum Greifen nahe liegt, doch wäre es höchst unvernünftig gewesen, im Gewitter weiterzugehen. Nach zwei Stunden ist der ganze Spuk auch wieder vorbei und ich bin mit samt meiner Ausrüstung schön trocken geblieben. Vorsichtig öffne ich den Zelteingang, der Regen hat tatsächlich ganz aufgehört. Ich koche mir Nudeln mit Zucchini und Pilzen, die ich in getrockneter Form mitgenommen habe. Ein bisschen Olivenöl dazu, und ich bin mit dem Ergebnis ganz zufrieden.



    Die Körperpflege erledige ich am Bach und ziehe mich wieder ins Zelt zurück. Ganz in Ordnung ist mein Bauch nicht, mal sehen, wie es morgen wird.
    Zelt

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    #5
    3.Tag Murmeltierfelsen - Ponte degli Alpini

    Um 6 Uhr morgens wache ich auf. In der Nacht muss es nochmals geregnet haben, die Wiese, wie auch mein Zelt sind triefnass. Auch die Isomatte an der Unterseite, was eher auf Kondenswasser zurückzuführen sein muss, ist der Zeltboden ansonsten innen komplett trocken. Draussen ist blauer Himmel, zumindest über dem Morgennebel und hinter den Wolken. Ich fühle mich wieder fit, und breche nach einer Tasse Tee mein Lager ab.



    Kaum habe ich die Wiese überquert, breitet sich die Kuhherde, die sich zuvor weit im Hintergrund gehalten hat, über die gesamte Wiese aus. Der Rucksack fühlt sich trotz nasser Sachen leicht an, und ich erreiche über den Steig durch die Felsen bald das Rifugio Longoni (2431m).



    Dort freue ich mich über das Wiedersehen mit dem Wirt, Elia, den ich hier auf der Berninaumrundung kennengelernt habe. Auch die Gruppe von gestern ist wieder da, und so gibt es auch ein Wiedersehen mit Lucy.



    Ich bekomme ein ausgiebiges Frühstück und kann Schlafsack und Matte beim Ofen trocknen. Um 10 Uhr breche ich wieder auf. Der Abstieg zum Forstweg fällt mir diesmal leicht. Von dort geht es in Serpentinen aufwärts zum Lago d’ Entova.



    Vom vielen Schnee sind nur noch ein paar Fleckchen über, doch der See ist noch nicht ganz aufgetaut.





    Über dem See thront das ehemalige Rifugio Scersen, zu dem auch ein Weg hinauf führt. Ich begegne einem Trailrunner, der berichtet, oben bei der alten Hütte gewesen zu sein, man habe dort einen schönen Ausblick auf den Gletscher und die Gipfel der Berninagruppe. Ich bräuchte mit dem Rucksack wohl je eine Stunde hinauf und hinunter. Nach langem Überlegen beschließe ich, diesen sicher lohnenden Umweg auszulassen, und mir dieses Erlebnis für das nächste Mal aufzuheben. Also steige ich durch den Blockfels zur Forcella Entova auf.



    Oben weht ein kalter Wind. Auch der Abstieg ist nahezu schneefrei. Ausser mir sind wieder nur Murmeltiere und Schmetterlinge unterwegs. Ohne Schnee fallen mir die vielen verschiedenen Gesteinsorten auf.



    Oben sehe ich viele gesprenkelte Felsen, weiß, grün und orange mit schwarz, und schwarz mit weißen Sprenkeln. Weiter unten weiße, abgeschliffene Steine in allen Größen.



    Über Almwiesen und kleine Moränen geht es hinunter ins Val Scersen.



    Am Nachmittag erreiche ich die Ponte degli Alpini (2317m), vor der ich auf einer kleinen Wiese in Mitten von Blumen mein Zelt aufschlage.



    Im Hintergrund sieht man den Scersen Gletscher und die großen Gipfel der Berninagruppe, die mich auf meiner Wanderung weiter begleiten werden. Ich koche mir Spaghetti Bolognese. Dafür habe ich zu Hause Faschiertes gedörrt, der Rest des Soßenpulvers ist diesmal noch ein Fertigprodukt. Ich bin erstaunt über das Ergebnis, das Ragu ist von einem Fertigsugo nicht zu unterscheiden.



    Die Körperpflege erledige ich am Bach, dann geht wieder ein Gewitter los. Wäre der Umweg zum Rifugio Scersen zeitlich und konditionell auch kein Problem gewesen, so wäre ich doch am Ende in diesen strömenden Regen geraten. Naja, vielleicht ein saure Trauben Argument, aber froh bin ich doch, im Trockenen zu sein. Meine Gedärme bereiten mir keine Probleme, und so verbringe ich eine ruhige Nacht.

  6. Anfänger im Forum
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    AW: Auf der Alta Via Valmalenco

    #6
    4.Tag Ponte degli Alpini - Val Posciavina

    Die Nacht war kalt und sternenklar. Leider liegt mein Zeltplatz in der Früh noch im Schatten, sodass ich nur ungern den warmen Schlafsack verlasse.



    Ich koche Tee und Porridge, dann breche ich auf. Erst überquere ich die Brücke über den tosenden Fluß, der vom Scersengletscher kommt.



    Dann geht es steil bergauf durch die Felsen erst Richtung Südosten, bis ein kleines Plateau erreicht ist, wo der Weg einen Schwenk nach Osten zu den Laghetti delle Forbici macht.



    Auch hier ist der Schnee fast ganz weggetaut, und die Felsen spiegeln sich in den kleinen Bergseen.



    Eine kleine Rinne führt zur Bocchetta delle Forbici (2660m), von wo es nur ein paar Schritte hinunter zum Rifugio Carate Brianza sind.



    In der Rinne, keine zehn Minuten von der Hütte, findet sich ein Sammelsurium an Müll, man könnte meinen, es handle sich um ein Museum der Verpackungsindustrie. Dosen und Glasflaschen in jeder Felsspalte, hinterlassen von Wanderern der letzten hundert Jahre.



    Beim Rifugio angekommen, trockne ich Schlafsack und Matte in der Sonne, und genieße ein ausgiebiges Frühstück. Ich frage den Wirt, wie es diesmal mit der Forcella Fellaria aussieht. Er meint, die sei jetzt kein Problem, es gingen sogar die Kinder drüber. Also mache ich mich wieder auf den Weg. Gleich hinter der Hütte beginnt der Steig der über den Blockfels zur Scharte führt. Hier sind im Gegensatz zu den bisherigen Wegen recht viele Wanderer unterwegs, auch einige Gruppen mit Bergführer, viele haben ihren Hund dabei.



    Wieder bewundere ich die Felsformationen. Je näher es Richtung Scharte geht, desto mehr muss ich meine Hände gebrauchen, dennoch ist es nicht schwieriger als so mancher Steig in den Voralpen. Oben bietet sich ein grandioser Ausblick Richtung Osten sowie nach Süden, wo ich die Bergstation der Seilbahn ausmachen kann, die von Chiesa in Valmalenco hochkommt.



    Der Abstieg erfolgt auf einem gut ausgebauten Weg, der sich in erst über Serpentinen im Fels und dann über Blumenwiesen zur Alpe Fellaria hinab windet.



    Dort, schon in Sichtweite des Rifugio Bignami (2389m), herrscht reges Treiben.



    Auf Tischen wird Almkäse angeboten, Ausflügler haben Picknickdecken ausgebreitet, Kinder und Hunde spielen in der Sonne. Wirklich warm ist es hier heroben nicht, sobald ich Rast mache, muss ich eine Weste anziehen, damit mir nicht kalt wird. Ich kehre in der Hütte ein, und esse Polenta mit Gulasch, während mein Zelt und meine Schuhe draussen in der Sonne trocknen.



    Nach einer ausgiebigen Pause mache ich mich wieder auf den Weg. Über einen gut ausgebauten Wanderweg geht es erst in Serpentinen, dann parallel zum Ufer zum Staudamm des Gerastausees (2122m) hinunter. Der See strahlt milchig türkis in der Nachmittagssonne.



    Unten überquere ich den mit Kopfsteinpflaster versehenen Staudamm, um am anderen Ufer ein kurzes Stück auf der asphaltierten Straße entlang zu gehen. Bald biegt die Straße nach Nordosten zur Alpe Posciavina ab. Von hier führt ein Wanderweg sanft ansteigend das Tal hinauf. Nach der Alm begegnen mir nur noch wenige Wanderer. Etwas unvermittelt steht mitten im Tal ein Geländemotorrad, vom Besitzer keine Spur.



    Die Wiesen neben dem Weg sind von Kühen zertrampelt, wenig später kommt mir ein Hirte mit seinen Tieren entgegen. Ich gehe weiter, um einen geeigneten Zeltplatz zu finden. Schließlich werde ich, schon recht weit oben im Tal, auf einem kleinen Hügel abseits des Weges fündig. Um halb sechs stelle ich mein Zelt auf. Auf der anderen Seite des Hügels gibt es einen kleinen Bach, an dem ich Wasser holen und meine Körperpflege erledigen kann. Von meinem Zeltplatz habe ich eine schöne Aussicht, Piz Bernina und Piz Roseg stechen aus den Gletschern hervor.



    Jetzt erinnere ich mich an die Gletscheis Bonbons, die ich als Kind oft gegessen habe. Sie hatten tatsächlich das gewisse Blau des Gletschereises, wenn im Sommer kein Schnee darauf liegt. Später mache ich mir noch ein Abendessen mit Couscous, Zucchini und Paprika. Ich freue mich, das Dörren entdeckt zu haben, und werde es in Zukunft mehr für meine Trekkingtouren einsetzen.
    Es wird eine kalte sternenklare Vollmondnacht.



    So sehr ich den Ausblick genieße, nehme ich mir vor, nächstes Mal einen wärmeren Schlafsack mitzunehmen. Mehr als die Kälte beunruhigt mich meine Darmverstimmung, die mich um 4 Uhr Früh aus dem Schlaf weckt. Ich schlafe dann trotzdem wieder ein.
    Geändert von mcinnitzer (08.09.2019 um 18:36 Uhr)

  7. Fuchs
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    AW: Auf der Alta Via Valmalenco

    #7
    Und ich dachte schon, du nimmst den Kaktus mit auf die Tour ... man hat ja schon manch Skurriles gesehen ...

    Schöner Bericht, danke!
    Kalender *Papageitaucher 2019*
    Das Wetter, das man jeden Morgen in sich selber macht, ist viel wichtiger als das Wetter draußen. Fynn

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    AW: Auf der Alta Via Valmalenco

    #8
    5.Tag Val Posciavina - Lanzada

    Als ich aufstehe, bin ich zunächst vom großartigen Panorama überwältigt, diesmal verstellt keine einzige Wolke den Blick auf die großen Gipfel.



    Ich fühle mich trotz des nächtlichen Zwischenfalls fit, koche Tee und Porridge, dann packe ich meine Sachen zusammen und gehe los.



    Erst geht es weiter das Tal und den Fluß entlang nach Südosten auf einem sanft ansteigenden Trampelpfad zum Passo Canciano (2464m), der eine Grenze zur Schweiz darstellt. Die Route schwenkt nach Nordwest, führt kurz über ganz leichte Felsen zu einer Hochebene, wo es auch kleine Seen gibt. Von hier bietet sich ein fantastischer Blick auf Piz Palü und Piz Bernina, Eindrücke, die kein Foto wiedergeben kann.



    Über die weite blumenbewachsene Almwiese komme ich zu den letzten Ausläufern der Moräne des Scalino Gletschers.



    Ich überquere den Fluß und steige im Schotter zum Passo di Campagneda (2628m) auf. Von hier geht es erst kurz eben auf einer weiteren Hochfläche, dann beginnt ein langer Abstieg im Blockfels.



    Die Markierungen sind nicht ideal, aber in Kombination mit der Karte ist die Richtung eindeutig, westsüdwest zum Piano della Belma (2340m), eine sumpfige weite Wiese.



    Von hier führt der Wanderweg weiter den Hang entlang und abwärts zum Rifugio Cristina (2221m), bei dem ich kurz vor Mittag eintreffe.



    Ich stelle Zelt, Schuhe, Schlafsack und Isomatte zum Trocknen in die Sonne und kehre in der Hütte ein. Ich esse Polenta mit Käse, doch schaffe ich es trotz großen Hungers nicht, die ganze Portion aufzuessen. Die Polenta wird immer mehr. Etwas stimmt nicht.
    Ich packe zusammen, und mache mich auf den Weg, der den Hang entlang leicht abwärts zur Alpe Aquanera führt.



    Der Weg ist gesäumt von Heidelbeer- und Wacholdersträuchern, die reichlich Früchte tragen.





    Die Alpe Aquanera ist bewirtschaftet, es gibt Hunde und Ziegen.



    Eigentlich hatte ich geplant, noch mindestens eine Nacht am Berg zu verbringen. Doch meine Darmverstimmung ist mir nicht ganz geheuer, und so entschließe ich mich an einer Wegkreuzung kurz nach der Alm, den Weg 351 nach Lanzada zu nehmen. Der Weg führt durch den Wald, immer wieder finden sich verfallene Almhäuser inmitten hüfthoher Pflanzen, bis schließlich mit Brusada (1501m) eine gepflegte Almsiedlung erreicht wird.



    Noch gute 500 Höhenmeter führt der Weg zum Campingplatz in Lanzada hinab, den ich um 17 Uhr erreiche. Dort herrscht reges Treiben, es ist noch dazu der 15. August, ein wichtiger Feiertag in Italien. Wie mein Abmarsch ist auch meine Ankunft vom Läuten der vielen Kirchenglocken begleitet. Ich mache mich ein wenig frisch, fülle meine Wasservorräte auf und begebe mich zu meinem Auto. Der Kaktus ist auch noch da, und hat die 5 Tage gut überstanden.



    Jetzt merke ich, wie meine Augen und mein Atem glühen, ich habe sicher Fieber. Ein letzter Blick hinauf zu den Bergen, und ich beginne die lange Rückfahrt, diesmal über Bormio, das Stilfser Joch und den Reschenpass. Zu allem Überfluß fällt mir bei Bormio auch noch eine Plombe aus einem Backenzahn. Kurz vor Mitternacht, vier Stunden vor Wien, muss ich Pause machen und ein paar Stunden schlafen. Am nächsten Tag geht es früh weiter, ich fahre jetzt nonstop. Mit schlotternden Knien treffe ich um 11Uhr vormittags zu Hause ein. Mir wird klar, dass es höchste Zeit ist, einen Arzt aufzusuchen.
    Geändert von mcinnitzer (08.09.2019 um 18:36 Uhr)

  9. Anfänger im Forum
    Avatar von mcinnitzer
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    AW: Auf der Alta Via Valmalenco

    #9
    Zitat Zitat von Meer Berge Beitrag anzeigen
    Und ich dachte schon, du nimmst den Kaktus mit auf die Tour ... man hat ja schon manch Skurriles gesehen ...

    Schöner Bericht, danke!
    Ich danke
    Nein, der Kaktus war dann doch etwas unhandlich, und ich habe ihn im Auto gelassen
    Geändert von mcinnitzer (08.09.2019 um 18:15 Uhr)

  10. Anfänger im Forum
    Avatar von mcinnitzer
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    AW: Auf der Alta Via Valmalenco

    #10
    Nachwort

    Ich war dann beim Arzt, es war eine bakterielle Darmentzündung, die ich mir schon vor der Tour eingefangen haben muss.
    Jetzt ist alles wieder gut, der Backenzahn neu verplombt und auch der Kaktus hat sich prächtig erholt. Er hat sogar zwei neue Ohren bekommen.

    Geändert von mcinnitzer (08.09.2019 um 18:30 Uhr)

  11. Lebt im Forum
    Avatar von derSammy
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    AW: [IT] Auf der Alta Via Valmalenco

    #11
    sehr schön!!

  12. Erfahren

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    AW: [IT] Auf der Alta Via Valmalenco

    #12
    Coole Tour und prima Bericht.

  13. Erfahren
    Avatar von OutofSaigon
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    AW: [IT] Auf der Alta Via Valmalenco

    #13
    Hallo junger Freund,
    da hast du ganz offensichtlich - trotz Bauchgrimmen - eine schöne Tour gemacht, und wir bedanken uns, daß du das für uns "entdeckt" und mit Wort und Bild beschrieben hast. So stelle ich mir einen schönen Höhenweg vor. Bravo!!

  14. Anfänger im Forum
    Avatar von mcinnitzer
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    AW: [IT] Auf der Alta Via Valmalenco

    #14
    Vielen Dank für Euer Feedback, freue mich sehr darüber

  15. Erfahren
    Avatar von Voronwe
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    AW: [IT] Auf der Alta Via Valmalenco

    #15
    Eine sehr schöne Tour und gut, dass es dir wieder gut geht

    Die braunen Felsen auf einem Foto vom dritten Tag sehen fast wie Kissen aus,sind aber wohl weniger gemütlich

  16. AW: [IT] Auf der Alta Via Valmalenco

    #16
    Auch von mir ein "Daumen Hoch". Diese Tour wollte ich auch immer genau so machen, jetzt hab ich ja quasi einen Bericht dazu =) ... Vielen Dank dafür!

    Gruss
    Westi

  17. Anfänger im Forum
    Avatar von mcinnitzer
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    AW: [IT] Auf der Alta Via Valmalenco

    #17
    Zitat Zitat von Voronwe Beitrag anzeigen
    Eine sehr schöne Tour und gut, dass es dir wieder gut geht

    Die braunen Felsen auf einem Foto vom dritten Tag sehen fast wie Kissen aus,sind aber wohl weniger gemütlich
    Ja, genau Ich habe sie "mein neues Sofa" genannt.

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