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  1. Erfahren
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    [AT] Ein „Hoch!“ auf die Niederen Tauern!

    #1
    Mitreisende: OutofSaigon



    Warum wurden die Niederen Tauern auf den Outdoorseiten bisher kaum geschildert? Sie hätten es wahrhaftig verdient. Blauloke berichtet hier von seiner Überquerung der Schladminger Tauern, das war es auch schon. So erzähle ich euch nun im Folgenden, was ich Anfang Juli 2019 in den Niederen Tauern erlebt habe. Nichts war im Detail geplant, nichts war auf den Hütten reserviert, ich ging einfach auf gut Glück los („mal schauen, was sich ergibt“), und das klappte auch prima.

    Geändert von OutofSaigon (19.08.2019 um 11:05 Uhr)

  2. Erfahren
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    AW: [AT] Ein „Hoch!“ auf die Niederen Tauern!

    #2
    Radstädter und Schladminger Tauern

    Jetzt stehe ich also auf der Paßhöhe in Obertauern. Warum und wie ich hier her kam? Davon später! Es ist bereits 17 Uhr, und ich will trotz des „durchwachsenen“ Wetters noch bis zur Oberhütte gehen. „3h“ steht auf dem Wegweiser, aber ich glaube nicht, daß ich derartig lange brauchen werde. Die Wirtin der Hütte hat mir am Telefon gesagt, ich sollte mit 2:30 Stunden rechnen.

    Der Ort Obertauern im Bundesland Salzburg, zwischen Radstadt und St. Michael im Lungau, ist ganz auf den Wintertourismus eingestellt; im Sommer ist es eine Geisterstadt (mehr noch als Ischgl in Tirol). An den Eingangstüren vieler Hotels steht lakonisch geschrieben „Geschlossen bis Anfang Dezember“, und es sind kaum Menschen auf den Straßen. Beinahe gruselig, finde ich. Fragen kann ich niemanden, und so gehe ich durch die verlassenen Straßen auf einer Route, von der ich hoffe, daß sie mich richtig zum Tauern-Höhenweg Nr. 02 in Richtung Osten, also als erstes auf die Seekarscharte, bringen wird. Das klappt auch, und ich lasse diesen ungemütlichen Ort bald hinter mir. Der Himmel ist wolkenverhangen und grau, so daß selbst die Blumenwiesen nicht recht attraktiv wirken.


    #01: Blumenwiese in Obertauern bei grauem Wetter

    Leider habe ich keine andere Wahl, als die Asphaltstraße entlang zu latschen, die vom Ort zu einem etwas außerhalb gelegenen großen Hotel führt, dann von dort auf der Schotterstraße, die in Serpentinen den Hang hinauf führt, nahe den zahlreichen Liftanlagen für den Winter-Ski-Betrieb. Mit leichtem Schaudern betrachte ich die für diesen Betrieb so grausam „zurecht gehobelte“ Berglandschaft...


    #02: Skipisten bei Obertauern

    ... und schaue noch einmal zurück auf Obertauern.


    #03: Blick zurück auf Obertauern, ohne Bedauern

    Ohne Bedauern verlasse ich diesen Ort. Jetzt überschreite ich die Seekarscharte und gelange auf eine Art von kleinem Hochplateau. Dort oben befinden sich noch zahlreiche Schneefelder, Reste des außerordentlich schneereichen Winters 2018/2019, durchsetzt von Schmelzwasserpfützen. Die Trasse des Tauern-Höhenwegs ist noch zu einem erheblichen Teil von diesen Schneefeldern bedeckt, aber es gibt ausreichend viele und deutliche Dreckspuren, denen ich folgen kann.


    #04: Schneefelder auf dem Weg zur Oberhütte

    Ich überschreite eine zweite kleine Scharte, und dann folgt der sanfte Abstieg in das Tal, in dem die Oberhütte liegt.


    #05: Abstieg in Richtung Oberhütte

    Etwa Viertel nach sieben Uhr abend erreiche ich die Hütte, war also 2:15 Stunden unterwegs gewesen. Bemerkenswerterweise steht nahe der Hütte ein Wegweiser „Obertauern 2h“. Das ist reichlich unsinnig; denn Obertauern und die Oberhütte liegen praktisch auf der gleichen Höhe, und der Weg dazwischen hat ein symmetrisches Höhenprofil. Warum also sollte es in einer Richtung drei Stunden dauern, aber in der Gegenrichtung nur zwei Stunden? Das sind eben so die kleinen (oder auch nicht ganz so kleinen) Ungenauigkeiten bzw. Inkonsistenzen in der Beschilderung.

    Ich betrete also den Gastraum und will mir ein Abendessen bestellen. „Warmes Abendessen gibt es bei uns nur bis sieben Uhr“ sagt mir das Personal. Ich glaube mich verhört zu haben – das kann doch wohl nicht wahr sein. Aber es stimmt: das Personal putzt bereits die Küche. Zum Glück findet sich noch ein Rest Gulasch mit Knödeln, so daß ich nicht völlig leer ausgehe.

    Auf der Hütte hat sich eine Gruppe junger Frauen einquartiert: Absolventinnen irgendeiner höheren Schule. Sie bringen nicht nur „normales“ Leben in die Bude, sondern erfreuen die (wenigen) anderen Gäste auch mit Chorgesang, richtig gut. Die haben ihre Lieder schön einstudiert, und es macht Freude, ihnen zuzuhören. Die Oberhütte hat recht viele Schlafplätze und ist für so einen Gruppenausflug gut geeignet. Ansonsten unterhalte ich mich mit zwei jungen Österreicherinnen, Pia und Zoë. Sie sind auf dem Weg zur Ignaz-Mattis-Hütte, wo auch ich morgen hingehen will. Sie fragen mich, warum ich gerade hier wandern will, und ich erkläre es ihnen. Ich komme soeben aus Kärnten, wo ich ein paar Tage durch die Kreuzeckgruppe gewandert bin. Dort herrschte sehr stabiles Wetter, und so machte es nichts, daß die Hütten ziemlich weit auseinander liegen. Nun aber bin ich in die Niederen Tauern gekommen. Hier liegen die Hütten recht nahe beieinander, im Abstand von lediglich zwei bis drei Gehstunden, und das ist genau das Richtige, wenn Gewitter angesagt sind und du am Morgen nicht weißt, wie weit du an dem Tag noch kommst, bevor es los geht. Darüber hinaus habe ich liebe Erinnerungen an die Niederen Tauern (mehr davon ganz am Ende dieses Berichts).

    Von der Kreuzeckgruppe hatte mich ein Auto zum Bahnhof Greifenburg gebracht, dann ein Zug nach Spittal an der Drau, dann ein Postauto nach Rennweg am Katschberg. Dort machte ich eine kleine Pause im Gasthof „Zur Post“, wo ich den Türdrücker so passend fand:

    #06: Türdrücker am Gasthof „Zur Post“ in Rennweg am Katschberg

    Von Rennweg nach St. Michael im Lungau gibt es weder Zug nach Autobus, und so mußte ich ein Taxi nehmen, das mich dann durch den Katschbergtunnel gefahren hat. In St. Michael habe ich meinen großen Reiserucksack in einem Gasthof deponiert, bin nur mit meinem kleinen Wanderrucksack im Postbus nach Obertauern gefahren und von dort eben hierher gewandert.

    Pia und Zoë sind aus Wien, wo auch mein Großvater her stammte, und so unterhalten wir uns unter anderem darüber, bis es Zeit ist für die Nachtruhe.


    Am nächsten Morgen mache ich noch vor dem Frühstück einen Spaziergang um den kleinen See, an dessen Ufer die Oberhütte liegt. Es sieht nach Wetterbesserung aus:


    #07: Morgenspaziergang nahe der Oberhütte

    Mit Interesse sehe ich auch, daß das Wasser aus dem See für eine minimale Distanz mit einigem Gefälle abläuft, aber dann in einem Tümpel versickert. Das Hüttenpersonal sagt mir später, daß das Wasser nur wenige hundert Meter weiter unten dann wieder zum Vorschein kommt. Kein Wunder: wir sind ja hier in den Nördlichen Kalkalpen, also in einem Karstgebiet.

    Zum Frühstück gibt es ein gutes Büffet, dann ziehe ich los, etwa um acht Uhr. Pia und Zoë sind schon vor mir aufgebrochen. Etwa eine halbe Stunde nach meinem Aufbruch reißen tatsächlich die Wolken auf, und die Morgensonne streift die Latschenkiefern, den See und die Hütte.


    #08: Morgensonne nach dem Abmarsch von der Oberhütte


    Die Oberhütte liegt auf der Nordseite der Alpen, im Einzugsgebiet der oberen Enns. Das Gleiche gilt für die Ignaz-Mattis-Hütte, der ich nun zustrebe. Dazwischen aber führt die Wanderroute (der Tauern-Höhenweg Nr. 02) noch einmal kurz durch das „Territorium“ des Lungau, der ja wiederum zur Alpen-Südseite gehört. Zur Linken des Weges liegt die Steirische Kalkspitze, zur Rechten die Lungauer Kalkspitze.






    #09-11: Auf dem Weg von der Oberhütte zur Ignaz-Mattis-Hütte

    Von diesem Abschnitt ist mir nichts Besonderes in Erinnerung; es ist irgendwie ein „normaler“ Alpen-Wanderweg. Allerdings überschreite ich auf diesem Weg die Landesgrenze zwischen Salzburg und der Steiermark; dies geschieht auf der Akarscharte, um genau zu sein. Mindestens gefühlsmäßig ist die Akarscharte wohl auch die Grenze zwischen den Radstädter Tauern und den Schladminger Tauern; denn Radstadt liegt bekanntlich im Bundesland Salzburg, Schladming aber in der Steiermark.

    Ein freundlicher Herr begegnet mir, und wir plaudern ein wenig. Er kommt aus Scheibbs in Niederösterreich und ist alleine unterwegs (seine Frau ruhe sich auf einer Hütte aus, sagt er). Zwanzig Minuten später treffe ich seine Frau, die auch alleine unterwegs ist. Hmmm...

    Schließlich öffnet sich die Aussicht hinunter auf die Giglachseen:

    #12: Aussicht auf die Giglachseen
    Im Bild auch eine dieser Fahrstraßen, die in den Alpen so verdammt zahlreich sind; dabei ist mir weder im Gelände noch durch Kartenstudium klar geworden, wohin diese Straße führt und wozu sie gebraucht wird

    Am Fuß dieses Hangs hole ich Pia und Zoë wieder ein, und wir gehen gemeinsam weiter. Die Giglachseehütte lassen wir buchstäblich links liegen ...

    #13: Giglachseehütte
    ... denn es ist noch viel zu früh am Tag, um aufzuhören; außerdem wird die Giglachseehütte privat geführt, und ÖAV-Mitglieder wie die beiden jungen Damen bekommen dort keinen Rabatt auf den Übernachtungspreis. So gehen wir weiter zur Ignaz-Mattis-Hütte, was ohnehin nur zwanzig Minuten Fußweg sind. Hier ist zahlreiches Wandervolk unterwegs, denn bis zur nahe gelegenen Ursprungalm kann man mit dem Auto fahren, und das eine Stündchen auf breitem Wanderweg schaffen auch die weniger Kernigen.


    #14: Blick auf den Giglachsee auf dem Weg zur Ignaz-Mattis-Hütte

    Mittlerweile ist es richtig sonnig geworden, sogar heiß, und ich habe einen ordentlichen Durst bekommen. Aber dagegen gibt es ja Abhilfe:

    #15: Ein Glas „Skiwasser“ (Himbeersirup mit Zitrone) auf der Ignaz-Mattis-Hütte. Sieht grauenhaft künstlich aus, ist es wahrscheinlich auch, aber schmeckt nicht schlecht. Im Hintergrund übrigens die Lungauer Kalkspitze

    Für den Nachmittag sind Gewitter angesagt, und die Gewitterwolken türmen sich auch schon auf. So machen wir hier nicht nur Mittagspause, sondern melden uns auch gleich zur Übernachtung an und verbringen den Nachmittag plaudernd auf der Terrasse. Es blitzt und donnert ein wenig in einiger Entfernung, aber ein richtiges Gewitter entwickelt sich doch nicht. So bedauere ich schon fast, nicht doch bis zur nächsten Hütte weiter gegangen zu sein, aber hinterher ist man eben immer gescheiter. Der Hüttenwirt hier ist übrigens ein Herr Keinprecht, und ich sage spaßeshalber zu ihm, daß er in diesem Falle doch eigentlich auf die Keinprechthütte gehöre, die etwas weiter östlich liegt. Er lacht und klärt mich auf: die Keinprechthütte wurde in der Tat von seinem Großvater etabliert, erzählt er mir; sein Vater sei dann allerdings auf diese Hütte umgezogen, und so arbeite er eben nun hier bis auf den heutigen Tag. Also: die Keinprechts haben durchaus Tradition in den Niederen Tauern.

    Abends verabschiede ich mich von Pia and Zoë; denn sie wollen am nächsten Tag über die Hochwurzen-Route nach Norden wandern, während ich nach Osten in Richtung zum Hochgolling (dem höchsten Berg der Niederen Tauern) will, so weit wie ich eben komme. Nach Osten zur Keinprechthütte gibt es zwei Wege: einen direkten (den Tauern-Höhenweg, alpine Variante), und einen anderen, der einen Schlenker nach Norden macht und dabei an der Duisitzkarseehütte vorbei führt. Unter anderem weil auf dem Höhenweg noch viel Schnee liegt, habe ich eine Präferenz für die zweite Option, und Herr Keinprecht empfiehlt mir das ebenfalls.


    Am nächsten Morgen bin ich wieder einmal früh auf, während fast alle anderen noch schlafen. Nur einen einzigen anderen Gast, genauer gesagt: „eine Gästin“ (im sozio-politisch korrekten Neudeutsch), treffe ich am Ausgang.


    #16: Fünf Uhr morgens. Aufbruch von der Ignaz-Mattis-Hütte (MEIN Aufbruch jedenfalls)


    #17: Die Morgensonne streift den Gipfel der Lungauer Kalkspitze

    Nun gehe ich also auf dem Weg, der mich zur Duisitzkarseehütte führen soll, wo ich mein Frühstück einzunehmen gedenke. Noch ist früher Morgen, noch ist die Sonne nicht aufgegangen:


    #18: „Blaue Stunde“ auf dem Weg zur Duisitzkarseehütte

    Wenig später erreichen mich die allerersten Sonnenstrahlen, und dann taucht die Sonne meinen Weg in ein herrliches Morgenlicht:


    #19: Die allerersten Sonnenstrahlen ...




    #20-21: ... und dann die volle Morgensonne auf meinem Weg


    Weitere Bilder von dieser wunderbaren Morgenwanderung zum Duisitzkarsee:


    #22: Nach Überschreitung einer kleinen Scharte ...


    #23: ... folgt ein schöner aber langer Abstieg zum Duisitzkarsee, zunächst noch oberhalb der Baumgrenze, anschließend durch Lärchenwald





    #24-25: Der Duisitzkarsee ist nun endlich erreicht

    Auf dieser ganzen langen, wunderschönen Morgenwanderung habe ich übrigens keinen Menschen getroffen (und auch die Murmeltiere waren anscheinend noch nicht aufgewacht).

    Der Name „Duisitz“ bzw. „Duisitzkar“, so haben meine Recherchen ergeben, kommt keineswegs von dem deutschen Wort „sitzen“, sondern ist keltischen Ursprungs, ähnlich wie zahlreiche Ortsnamen im östlichen Oberfranken (z. B. Pegnitz oder Marktredwitz), die ebenfalls auf -itz enden. In diesem Bereich der Niederen Tauern sollen schon die Kelten noch allerlei Erzen geschürft haben.

    Wie auch immer, ich finde die Duisitzkarseehütte einfach herrlich: klein und urig-gemütlich, in wunderschöner Umgebung gelegen, mit einem riesigen holz-befeuerten Bullerofen mitten in der Gaststube, also fast die (jedenfalls meine) Ideal-Klischee-Vorstellung von einer Alpenhütte:




    #26-27: Die Duisitzkarseehütte

    An der Hütte treffe ich ein holländisches Paar (soeben aufgestanden, ahem): Die beiden wollen nun zur Ignaz-Mattis-Hütte gehen und freuen sich, daß ich ihnen genaueste Auskunft über den Weg geben kann.


    Mittlerweile ist es halb neun Uhr, also wahrhaftig Zeit für´s Frühstück. Es gibt ein Büffet, aber es gibt auch Essen à la carte, einschließlich - ich traue meinen Augen kaum - geräuchertem Forellenfilet mit gehobeltem Kren und Preiselbeermarmelade. DAS MUSS ich mir doch einfach bestellen; denn so etwas bekommt man nicht alle Tage (und in Saigon schon gar nicht, hahaha). Und als es mir dann serviert wird, tue ich das, was ich an Teenagern oft ein wenig lächerlich finde: ich fotografiere es.


    #28: Geräuchertes Forellenfilet mit gehobeltem Kren und Preiselbeermarmelade zum Frühstück


    Dergestalt hervorragend gestärkt, setze ich meine Wanderung fort. Zunächst werfe ich noch einmal einen Blick zurück:

    #29: Garten der Duisitzkarseehütte und die unmittelbar daneben gelegene Fahrlechhütte

    Dann geht es wieder in den Lärchenwald. Steinmännchen als Wegmarkierung auf kahlen Felsplateaus kennen wir alle, aber Markierung durch Holz-Skulpturen im Wald habe ich so noch nie gesehen:

    #30: Welch kreative Wegmarkierung!

    Der erste Teil meines Weiterweges zur Keinprechthütte ist ein wunderbarer Wanderweg durch Lärchenwald ...



    #31-32: Von der Duisitzkarseehütte zur Keinprechthütte geht es zunächst auf einem Wanderweg...

    ... der zweite Teil allerdings ist ein weniger berauschender Fahrweg:

    #33: ... dann aber einen Fahrweg entlang. Nichtsdestoweniger ist es eine schöne Landschaft


    Ich erreiche die Keinprechthütte um zwölf Uhr mittags. Wie bereits gestern, ist es auch heute sonnig und richtig gehend heiß. Daher sitze ich mich unter einen Sonnenschirm auf der Terrasse und sage dem Wirt, daß ich nun bis etwa drei Uhr erst einmal gar nichts tun werde, außer bei ihm zu essen und zu trinken. Damit ist er auch sofort einverstanden. Ich konsumiere ein Bier, danach ein „Bergsteigeressen“ (de facto so etwas wie Tiroler G´rösti), anschließend ein weiteres Bier. Es sind recht viele Gäste da: eine deutsche Familie, zwei tschechische Familien, und etliche Einheimische, von denen einer fast genauso aussieht wie der Kronprinz von Saudi-Arabien

    Ich schildere dem Wirt meine wunderbare morgendliche Wanderung von der Ignaz-Mattis-Hütte zur Duisitzkarseehütte, und er antwortet: „Freili´ is´ in der Früah am schönsten, aber d´ Leit´ kumma halt net in d´ Schuach“. Da muß ich lachen und versichere ihm, daß ICH auf jeden Fall in die Schuhe komme.

    Wir sitzen da so gemütlich, auf einmal ruft der Wirt: "Au weh!", greift rasch nach seinem Fernglas und schaut hinauf, dorthin, wo der direkte Weg von der Ignaz-Mattis-Hütte über ein großes Schneefeld herab führt. Wir alle schauen auch hinauf und sehen zwei Personen, von denen eine offenbar abgerutscht ist und sich verletzt hat. Sie wird von der anderen Person Erste-Hilfe-mäßig versorgt. Wir überlegen, ob unser Eingreifen erforderlich sein mag, aber das scheint nicht so zu sein. Die beiden Personen sehen natürlich die Hütte (sie ist ja nur noch ein paar hundert Meter entfernt) und würden sicherlich ein Signal geben, wenn sie Hilfe bräuchten. Nach einer Weile steigen die beiden weiter ab und treffen kurz danach auf der Hütte ein. Es sind Mutter und Tochter, beide aus Österreich, und sie rasten nun erst einmal. Die Tochter war abgerutscht, hatte sich aber nur leicht verletzt: ein paar Abschürfungen, nichts Schlimmes.

    Dann ist es drei Uhr, und ich mache mich langsam fertig für den Weiterweg zur nächsten Hütte, der Landawirseehütte. Zu meiner Verwunderung wollen die anderen Gäste (die Deutschen, die Tschechen und die Österreicherinnen) allesamt hier übernachten, obwohl der Tag noch lang ist und das Wetter nicht besser sein könnte. Naja, auch gut: so werde ich den Weg für mich alleine haben.




    #34-35: Der Weg von der Keinprechthütte zur Landawirseehütte steigt zunächst langsam an



    #36: Die Aussicht nach Nord-Nordwesten geht zu den Bergen nördlich von Schladming und sogar bis zum Hohen Dachstein (Bischofsmütze, ganz links hinten)


    Später wird der Weg immer steiler, und dann ist auf einmal die Trockenbrotscharte erreicht. Warum sie so heißt, konnte mir niemand erklären. Wie auch immer, sie bildet in diesem Bereich den Alpenhauptkamm.


    #37: Die Trockenbrotscharte. Der Pfosten ist halb verrottet, der obere Nagel ist heraus gefallen, und das Schild steht daher auf dem Kopf. Links der Hochgolling (wie erwähnt, mit 2862m der höchste Berg der Niederen Tauern) und die Gollingscharte, rechts oberhalb des Schildes ist schon die Landawirseehütte zu erkennen


    #38: An keiner anderen mir bekannten Stelle ist der Alpenhauptkamm ein derartig scharfer Grat: die Felsrippe hier ganz vorne mag nur etwa 20cm breit sein, und doch trennt sie klar und eindeutig die Alpen-Nordseite (rechts) von der Alpen-Südseite (links)

    Es folgt ein Abstieg ohne besondere Vorkommnisse und ohne besondere Merkmale. Ein ganz normaler Alpenhang, so finde ich. Daher bin ich recht überrascht, knapp unterhalb der Scharte diese Gedenktafel anzutreffen:

    #39: Gedenktafel unterhalb der Trockenbrotscharte
    Wie ist denn der arme Peter Ferner hier (HIER!) verunglückt? Er war ja offensichtlich kein Amateur. War es ein Blitzschlag? Ich frage später den Hüttenwirt, aber der weiß die genaue Antwort auch nicht und meint nur „das kann immer einmal passieren“.

    Wenig später, noch knapp oberhalb der Hütte, zweigt dann ein Weg nach links in Richtung Gollingscharte ab. Wie ihr seht, gilt er allerdings als „gesperrt“, da noch Schnee auf der Scharte liegt.

    #40: Traverse zur Gollingscharte
    Die Sperrung sei berechtigt, sagt mir später der Hüttenwirt; denn der Aufstieg zu dieser Scharte sei durchaus etwas gefährlich, und der Abstieg auf der anderen Seite noch mehr.

    Nun ist das Tagesziel erreicht: die Landawirseehütte, nahe den gleichnamigen kleinen Seen gelegen.

    #41: Die Landawirseehütte

    Der Wirt insistiert darauf, daß die Schreibweise „Landawirsee“ die einzig richtige sei (so wie ihr es auf Opentopomap seht), obwohl auf Landkarten und Beschreibungen auch andere Schreibweisen auftauchen. Auch diese Hütte ist klein und gemütlich, mehr als ausreichend für die wenigen Gäste (außer mir selbst eigentlich nur ein paar Holländer). Ich erzähle dem Wirt aber, daß in der Keinprechthütte noch weitere elf Personen sind, die alle zu mir gesagt haben, sie wollten als nächstes auf die Landawirseehütte; so kann er hoffen, morgen ein bißchen mehr Umsatz zu machen. Selbstredend freut er sich, das zu hören.

    „Der Tälerbus nach Tamsweg fährt morgen um 11 Uhr von Hintergöriach ab“, sagt mir der Hüttenwirt am Abend, „wenn du um halb zehn von hier aufbrichst, erreichst du ihn leicht“. Für Uneingeweihte: der Tälerbus ist eine österreichische Einrichtung: ein System von Kleinbussen, die in der Sommersaison auf den Zufahrtsstraßen zu Start- bzw. Endpunkten wichtiger Wanderrouten verkehren und damit das System der großen Postbusse ergänzen. Darauf stelle ich mich also ein.

    Am nächsten Morgen gehe ich um neun Uhr los, talabwärts. Einen richtigen Wanderweg gibt es nicht, nur die Zufahrtsstraße zur Hütte. Ein paar hundert Meter vor mir sehe ich die Gruppe der Holländer. Zu meiner Verwunderung biegen sie nach etwa 150 Höhenmetern Abstieg nach links ab und steigen wieder auf, in Richtung Gollingscharte. Ich schüttele nur den Kopf. Wenn sie sich schon so selbstbewußt über die Sperrung des Weges hinweg setzen wollen, dann hätten sie auch gleich die Traverse knapp oberhalb der Hütte nehmen und sich den Abstieg mit sofortigem Wiederaufstieg sparen können. Also, sehr professionell kommt mir das nicht vor, was die da treiben. Naja, sollen sie machen...

    Auf dem weiteren Abstieg kommen mir recht viele Wanderer entgegen, denn der Endpunkt der öffentlichen Straße ist ja nicht weit entfernt, und die Landawirseehütte ist ein nettes Ausflugsziel. Der Blick auf die Bergkette (für mich zurück, für die anderen nach vorn) ist auch nicht schlecht.


    #42: Almhütten unterhalb der Landawirseehütte

    So erreiche ich um etwa halb elf Uhr den kleinen Ort Hintergöriach und frage hier nun nach der Haltestelle des Tälerbuses. „Oh!“ sagt mir ein Einheimischer „der Tälerbus verkehrt nur in der Hochsaison, und die hat meines Wissens noch nicht begonnen. Aber die Haltestelle ist dort drüben, schauen Sie einmal auf den Fahrplan! Ich mag mich irren“. Ich gehe zur Haltestelle und schaue auf den Fahrplan. Tatsächlich: der Tälerbusverkehr hat noch nicht begonnen. Was mache ich jetzt?? Ich hatte mich fest auf diesen Bus verlassen und will nicht 15 Kilometer auf der Straße in Richtung Tamsweg latschen. Aber es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, wenn mich nicht jemand mitnimmt. So ein verdammter Mist!

    Aber fluchen hilft auch nicht weiter, und so gehe ich denn die Straße entlang und versuche, mich innerlich irgendwie positiv auf das Unvermeidliche einzustellen. Es ist ja auch keine Asphaltstraße, sondern ein schön gewalzter Weg mit ganz leichtem, gleichmäßigen Abwärts-Gefälle:


    #43: Die Straße nach Tamsweg

    „Schau“ sage ich mir: „für die meisten Urlauber, die älteren Herrschaften sowieso, ist so ein Weg doch der GAG (Größte Anzunehmende Genuß); es geht so leicht und locker dahin, es gibt keine Rinnen, Steine oder Wurzeln, über die du vielleicht stolpern und auf die Fresse fliegen könntest, du kannst also beim Gehen ohne Sorge den Kopf heben und diese herrliche Berglandschaft genießen – besser kannst du es doch gar nicht haben“. Hmmm, stimmt auch wieder.

    Trotzdem versuche ich, ein Auto anzuhalten. Das erste Auto, mit holländischem Kennzeichen, fährt einfach vorbei. Das zweite Auto, mit Wiener Kennzeichen, hält an; drinnen sitzen aber keine echten Wiener, sondern freundliche Menschen offenbar ost-europäischer Herkunft; sie sagen, daß sie sowieso bald wieder anhalten werden, und so kommen wir überein, daß es kaum Sinn für mich macht, hier einzusteigen. Das dritte Auto, mit Salzburger Kennzeichen, hält auch an; drinnen sitzt ein nettes Ehepaar, das nach Tamsweg will und mich gerne mitnimmt. So habe ich doch noch einmal Glück gehabt, richtig Glück sogar; denn die beiden fahren mich bis zum Bahnhof, von dem aus ich dann den Postbus zurück nach St. Michael nehmen kann. Damit ist Polen doch noch einmal gerettet.


    Fortsetzung folgt

    Zum Abschluß dieses ersten Abschnitts noch einmal ein Blick auf die Landkarte
    (Opentopomap, mit ergänzenden Eintragungen von mir selbst)
    Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende, SRTM | Kartendarstellung: © OpenTopoMap (CC-BY-SA)


    Geändert von OutofSaigon (07.09.2019 um 07:07 Uhr)

  3. Fuchs
    Avatar von Wafer
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    AW: [AT] Ein „Hoch!“ auf die Niederen Tauern!

    #3
    Hallo OutOfSaigon.

    Toller Bericht über eine tolle Gegend! Irgendwie sieht mir das so aus als müsste meines Vaters Sohn da mal hin! Ich mag die Gebirge, die sich zwischen der Baumgrenze und der Schneegrenze bewegen. Und wenn sie wenig bekannt sind, dann mag ich sie noch lieber! Danke für's mitnehmen!

    OT: was sind denn das für Arbeitszeiten: 4 Uhr 31 Erfassungszeit des Berichtes? Bist du in Saigon?

    Gruß Wafer

  4. Erfahren
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    AW: [AT] Ein „Hoch!“ auf die Niederen Tauern!

    #4
    Zitat Zitat von Wafer Beitrag anzeigen
    Hallo OutOfSaigon.

    Toller Bericht über eine tolle Gegend! Irgendwie sieht mir das so aus als müsste meines Vaters Sohn da mal hin! Ich mag die Gebirge, die sich zwischen der Baumgrenze und der Schneegrenze bewegen. Und wenn sie wenig bekannt sind, dann mag ich sie noch lieber! Danke für's mitnehmen!

    OT: was sind denn das für Arbeitszeiten: 4 Uhr 31 Erfassungszeit des Berichtes? Bist du in Saigon?

    Gruß Wafer
    Hallo Wafer und alle anderen!

    Ja, ich schreibe aus Saigon und bin der mitteleuropäischen Sommerzeit also fünf Stunden voraus.

    Freue mich sehr, wenn mein Berichtlein euch gefällt.

  5. Erfahren
    Avatar von OutofSaigon
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    AW: [AT] Ein „Hoch!“ auf die Niederen Tauern!

    #5
    Rund um die obere Mur

    Der Name „Lungau“ ist mir noch aus meinen Jugendjahren in Erinnerung. Vor allem ältere Herrschaften fuhren damals gerne zur Erholung dort hin, wie ich nachsichtig lächelnd registrierte. Seither sind fünf Jahrzehnte vergangen, und ich denke mir „Warum nicht?“ Na, und wie ich so die Optionen studiere, fällt mir die „Lungauer Seentour“ auf (siehe Beschreibung hier ). Keine schlechte Idee, finde ich, aber etwas lasch, und ich nehme mir vor, diesen Tourenvorschlag noch ein wenig „aufzupeppen“.

    “Der Tälerbus verkehrt leider erst ab 6. Juli, also morgen“ sagt die nette junge Dame im Fremdenverkehrsbüro von St. Michael zu mir und lächelt bedauernd dazu. Wie bereits im vorigen Abschnitt gesagt, ist der „Tälerbus“ eine österreichische Einrichtung: ein System von Kleinbussen, die in der Sommersaison auf den Zufahrtsstraßen zu Start- bzw. Endpunkten wichtiger Wanderrouten verkehren und damit das System der großen Postbusse ergänzen. Sie fahren, wie man sich denken kann, nur in der Hauptsaison. Wer vorher oder nachher kommt, hat leider Pech gehabt. Diese Lektion hatte ich ja schon am Morgen gelernt, am Ende meiner Wanderung durch die Radstädter und Schladminger Tauern (siehe oben). Wenn ich also heute noch ins oberste Murtal will, muß ich mir ein Taxi nehmen. Wir rufen bei einem Taxi-Unternehmen an, das bietet mir einen akzeptablen Preis, und so willige ich ein. Der Fahrer, ein netter älterer Herr, stammt aus Holland, und er fährt mich bis zu dem Punkt, von wo an die Straße für Autos gesperrt ist. Von hier an gehe ich dann zu Fuß zu meinem Tagesziel, der Sticklerhütte.

    Es ist eine ähnliche Art von Wander-Autobahn wie ich sie am Morgen in Hintergöriach angetroffen hatte. Darüber hinaus ist sie auch eine Mountain-Bike-o-Bahn; denn sie ist der erste (oberste) Teil des offiziellen Mur-Radwegs (auch von diesem hat uns Blauloke berichtet, und zwar hier ).


    #44: Die Straße zur Sticklerhütte


    #45: Lärchenwald

    Ich erreiche die Sticklerhütte bequem am Spätnachmittag und trinke zunächst ein Radler. Und während ich da so gemütlich sitze, sagt auf einmal Gerald, einer der Bediensteten, zu mir: „Du schaust aus wie ein richtiger Bergprofi“. Ich bin verblüfft, muß lachen und antworte ihm, daß ich mir wohl wünschte, ich hätte dieses Prädikat verdient, aber eigentlich nur ein normaler Wanderer bin. Später frage ich mich, ob Gerald mir vielleicht „durch die Blume“ etwas anderes sagen wollte. Ist mein Gesicht schon derart zerknittert? Oder sehen meine Schuhe und Klamotten schon so „außerordentlich bergerfahren“ aus, daß ich mir etwas Neues anschaffen sollte? Naja, sooo schlimm ist beides (noch) nicht, finde ich, und so trinke ich weiter mein Radler, wenn auch etwas verwirrt.

    Zum Abendessen bestelle ich mir Kalbsbratwurst (und natürlich ein weiteres Bier), und ein Jausenpaket für den nächsten Tag lasse ich mir ebenfalls herrichten. Dann geht es bald ab in die Falle.


    Am Morgen bin ich wieder einmal als erster auf. Es ist halb fünf Uhr, als ich die Hütte verlasse. Die Fahrstraße endet hier, und ab jetzt schlängelt sich nur noch ein Fußpfad durch die Wiesen talaufwärts. Obwohl dies der alleroberste Oberlauf der Mur ist, nicht einmal fünf Kilometer unterhalb der Quelle, hat der Bach hier schon eine beachtliche Breite, schätzungsweise drei bis vier Meter.

    #46: Der alleroberste Oberlauf der Mur im Morgengrauen

    Etwa eine Stunde nach Abmarsch von der Sticklerhütte stehe ich an einer Weggabelung; zum Mur-Ursprung ginge es geradeaus weiter, und rechts hinauf geht es zum Murtörl. Dort will ich hin, und dort steige ich also hinauf. Als ich schon ein wenig den Hang empor gekommen bin, werden die Berghänge am Talschluß von den ersten Sonnenstrahlen gestreift.

    #47: Erstes Morgenlicht auf dem Talschluß des Murtals

    Noch ist das Licht auf den Wiesen diffus, aber genau solch ein diffuses Licht bringt die Farben der Blumen oft besser zur Geltung als die Sonne.

    #48: Alpenrosen und ??? (wer weiß es?)

    Genau um sechs Uhr treffen mich die ersten Sonnenstrahlen:

    #49: Sonnenaufgang über dem oberen Murtal. Der Flußlauf ist deutlich zu erkennen

    Anschließend, während meines weiteren Aufstiegs in Richtung Murtörl, erstrahlen die Hänge, Wiesen und Blumen in der schier unglaublich satten Farbenpracht, die nur das Licht des frühen Morgens bringt:





    #50-52: Morgensonne beim Aufstieg zum Murtörl

    Der Winter 2018/2019 war sehr schneereich gewesen, und so finden sich selbst jetzt im Juli auf dem oberen Teil des Hanges zum Murtörl hinauf noch zahlreiche Schneefelder, die zum Teil recht ausgedehnt sind und immer noch mehrere Meter dick zu sein scheinen.




    #53-54: Schneefelder am Hang unterhalb des Murtörls – Bild #54: Blick ins obere Murtal

    Zwanzig Minuten vor sieben Uhr erreiche ich dann den Paß: das Murtörl. Nein, eigentlich ist es nicht so; vielmehr steige ich auf einem weiteren Schneefeld bergan, in die Richtung, wo ich den Paß vermute; als ich den Scheitelpunkt der Schneemassen erreiche, stelle ich fest, daß ich rund acht bis zehn Meter oberhalb des eigentlichen Murtörls stehe. Etwa so dick muß die Schneeauflage hier noch sein.

    #55: Das Murtörl ist erreicht. Der Wegweiser im linken Bilddrittel markiert die genaue Stelle der Paßhöhe, und diese Stelle liegt noch mehrere Meter unterhalb meines eigenen Standpunkts

    Das Murtörl ist ein signifikanter Punkt in den Alpen. Erstens ist es Teil des Alpenhauptkamms; denn es trennt das Murtal (Alpen-Südseite) vom Großarltal (Alpen-Nordseite). Dies ist ein geografischer Fakt, an dem es nichts zu deuteln gibt. Darüber hinaus gilt es als der Trennpunkt zwischen den Hohen Tauern (westlich und südlich) und den Niederen Tauern (östlich und nördlich). Dies ist aber natürlich eine von Menschen gemachte Definition, über die man diskutieren kann. – Obiges Foto zeigt den Blick nach Westen (mit der Sonne genau im Rücken), also in Richtung Hohe Tauern.

    Nun ist es sieben Uhr, ich bin jetzt 2:30 Stunden gelaufen und denke, daß ich mir jetzt ein Frühstück verdient habe. Ich suche mir ein schönes Plätzchen aus, und dieses seht ihr hier:

    #56: Frühstück beim Murtörl

    Nach dem Frühstück (dem Jausenpaket von der Sticklerhütte) gehe ich weiter in Richtung Norden; mit anderen Worten: ich traversiere die Ostflanke des Nebelkarecks. Auch hier sind zahlreiche Schneefelder zu queren:

    #57: Schneefelder entlang der Traverse unterhalb des Nebelkarecks

    Diese Schneefelder kosten mich eine Menge Zeit. Der Schnee ist aufgeweicht-sulzig und schwer zu begehen, und er rutscht immer wieder unter meinen Füßen weg (ich selbst damit natürlich auch). Logischerweise befinden sich diese Schneereste hauptsächlich in den Rinnen, was eben auch bedeutet: darunter fließt das Wasser her, und jedes dieser Schneefelder hat an irgendeiner Stelle eine Schneebrücke. Du weißt aber nie, wo genau und wie tragfähig diese ist. So passiert denn auch irgendwann einmal, was eben passieren mußte: unter meinem Gewicht sackt so eine Brücke in sich zusammen, und ich rutsche in den Bach, vielleicht zwei Meter tief. Schlimm ist das eigentlich nicht, aber ich bekomme natürlich nasse Schuhe und muß erst einmal wieder hinaus krabbeln. Noch mehr Zeitverlust.


    So dauert es denn auch deutlich länger, als es laut Wegweiser hätte dauern sollen, bis ich die Nebelkareckscharte erreiche:

    #58: Die Nebelkareckscharte ist zum Greifen nahe

    Dort raste ich wieder einmal; denn mein heutiges Tagesziel, die Tappenkarseehütte, ist nicht mehr allzu weit entfernt, und das Wetter sieht sehr stabil aus.


    #59: Rast auf der Nebelkareckscharte. Links im Bild das Großarltal (Alpen-Nordseite), rechts der obere Teil des Zederhaustals (Alpen-Südseite); in Bildmitte die Glingspitze. Die hohen Berge ganz im Hintergrund müssen meiner Meinung nach der Hochkönig sein, aber wenn ich mich da irre, dann sagt es mir!


    #60: Schafherde nahe der Nebelkareckscharte


    Ich schaue hinauf zum Gipfel des Nebelkarecks und denke mir: den solltest du doch mitnehmen!

    #61: Blick zum Gipfel des Nebelkarecks

    Ich lasse meinen Rucksack im Gras liegen und steige nur mit meiner Kamera auf. Wenige Minuten bevor ich das Gipfelkreuz erreiche, erblicke ich drei Geier, die recht nahe und recht niedrig über mir kreisen; Augenblicke später fliegt ein weiterer, der auf dem Boden gesessen hatte, erschrocken auf, als er meinen Kopf über dem Grashang erscheinen sieht. Ich versuche, Fotos von den Geiern im Flug zu machen, aber kann meine Kamera nicht so schnell fokussieren wie die Vögel sich bewegen und gebe den Versuch rasch auf. Vielmehr beobachte ich die Vögel einfach nur und erfreue mich an ihrem majestätischen Anblick (der ungefähr so war, wie ihr hier sehen könnt). Ich vermute, daß diese vier Geier irgendwo in der Nähe ein Aas entdeckt haben und daher eine Weile hier bleiben werden, aber diese Vermutung erweist sich rasch als falsch: die Geier steigen auf und segeln davon.


    #62: Gipfelkreuz des Nebelkarecks. Wer genau hinschaut, sieht einen der vier Geier noch ganz klein links neben der Spitze des Gipfelkreuzes

    Anmerkung
    : Nach meiner Wanderung kommunizierte ich mit schweizerischen und österreichischen Naturschutz-Stellen über meine Beobachtung, und wir kamen zu dem Schluß, daß es sich wohl um zwei erwachsene und zwei jugendliche Gänsegeier gehandelt haben mag.

    Der weitere Weg in Richtung Tappenkarseehütte ist unspektakulär und mit dem folgenden Foto eigentlich ausreichend illustriert:


    #63: Zwischen Nebelkareckscharte und Tappenkarseehütte

    Technisch gesehen ist der Pfad total lasch, aber die Entfernung ist doch nicht ganz unerheblich, und meine Wanderung zieht sich bis nach Mittag hin. Endlich nähere ich mich dem See und der Hütte. Es ist schon beinahe halb zwei Uhr, als mir drei Wanderer begegnen. Die sagen, sie wollten zur Sticklerhütte, aber sind offenbar erst nach Mittag aufgebrochen. Sie fragen mich, wie weit es sei, und ich nenne ihnen die Gehzeit, die ich selbst gebraucht habe, aber schlage stillschweigend eine weitere Stunde drauf; denn diese Kameraden sehen mir recht ungeübt aus und tragen arg große Rucksäcke. Sie machen große Augen, als ich ihnen sage „noch sechs Stunden“, aber ich vermute bis zum heutigen Tag, daß sie wirklich so lange gebraucht haben – schaut einmal, wie sich einer von ihnen schon jetzt, nach weniger als einer Stunde, ermüdet auf seinen Stock stützt!


    #64: Tappenkarsee und Tappenkarseehütte (oberhalb des Felsens)

    Die Tappenkarseehütte ist von der Talseite her leicht zu erreichen, sehr beliebt und stark frequentiert. Die Atmosphäre erinnert mehr an eine Ausflugsgaststätte als an eine Berghütte für echte Bergwanderer, aber das ist an sich ja nichts Schlimmes. Bei diesem sonnig-heißen Wetter schmeckt den zahlreichen Gästen das Bier richtig gut, der Wirt macht ordentlich Umsatz und ist dementsprechend guter Laune.


    #65: Auf der Tappenkarseehütte

    So genieße ich hier, wie die vielen anderen Gäste auch, diesen herrlichen Sommernachmittag auf der Terrasse.

    Ich habe mich nicht vorher angemeldet, und so sagt der Wirt zu mir: „Bedauere sehr, wir sind voll ausgebucht“, als ich ihn frage, ob ich hier übernachten kann. Eine Handvoll weitere Gäste sind in der gleichen Situation, und wir schlafen dann eben auf den Bänken der Gaststube; nicht gerade sehr bequem, aber erträglich.


    Fortsetzung folgt

    Geändert von OutofSaigon (26.08.2019 um 14:49 Uhr)

  6. Erfahren
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    AW: [AT] Ein „Hoch!“ auf die Niederen Tauern!

    #6

    Früh um fünf schaue ich aus dem Fenster und sehe einen schönen Morgen herauf ziehen. Als ich aber die Gaststube verlassen will, stelle ich fest, daß die Tür verschlossen ist. „Verdammter Mist!“ denke ich mir, „da kannst du wohl nur auf den Wirt warten“. Ich warte und warte, aber nichts passiert. Erst kurz nach sechs Uhr entdecke ich, daß man von der Gaststube, gleich neben den Toiletten, in den Keller hinunter gehen kann, und dort ist die Tür nach draußen nicht verschlossen. Sofort mache ich mich also davon, während die anderen Gäste noch schlafen oder dösen. Der Wirt ist allerdings schon auf, werkelt in seiner Küche herum, sieht, daß ich bereits davon marschiere und ruft mir vom Balkon noch schnell ein freundliches „Pfüati!“ nach, das ich selbstredend ebenso erwidere.

    Dann wandere ich nach Osten, also im Prinzip zurück in Richtung Murtal (die Tappenkarseehütte liegt im oberen Teil des Kleinarltals). Es ist ein Anstieg durch Wiesengelände ohne Besonderheiten. Kurz vor acht Uhr nähere ich mich der Weißgrubenscharte, die überragt wird vom Weißgrubenkopf.


    #65: Anstieg zu Weißgrubenscharte und Weißgrubenkopf


    #66: Weißgrubenscharte und Weißgrubenkopf. Dies ist (wieder einmal) der Alpenhauptkamm. Meine Wanderroute führt von links nach rechts durch das Bild

    Auf eine Besteigung des Berges verzichte ich, denn für heute ist Regenwetter angesagt, und ich will prioritär zur Franz-Fischer-Hütte gelangen.


    #67: Blick zurück auf das Gelände um den Weißgrubenkopf

    Hier finde ich interessantes Gestein: einige Felsbrocken sind eindeutig Kalk, ebenso wie der Weißgrubenkopf selbst, andere dagegen sind eher eine Art von Glimmerschiefer, ähnlich dem Gestein, aus dem das Nebelkareck aufgebaut ist. Anscheinend stehe ich hier nahe der Nahtstelle zwischen den Nördlichen Kalkalpen und den Zentralalpen.

    Was auch immer, es gibt wieder einmal schöne Blumen zu sehen:




    #68-69: Blumen am Wegrand

    Beim Weitergehen, am östlichen Fuß der Weißgrubenscharte, finde ich einen umgefallenen Wegweiser vor. Möglicherweise hat der Schnee des Winters ihn umgedrückt, und es hat ihn bisher niemand wieder aufgestellt. So übernehme ich denn diese noble Aufgabe, selbstredend wohl darauf achtend, daß die Orientierung absolut stimmt. Dies könnte ich nun dem ÖAV in Rechnung stellen, aber ich betrachte es als Spende.

    Der Weiterweg zur Franz-Fischer-Hütte ist ebenfalls leicht, mit nur einigen Stellen, wo der ÖAV Halteseile angebracht hat. Die Halterungen dieser Seile sind zwar mehrheitlich aus dem Fels gebrochen; dennoch komme ich problemlos über diese Stellen. Im Laufe des Morgens trübt das Wetter sich rasch ein. Ich passiere einen kleinen See (naja, was man in den Alpen halt als „See“ bezeichnet, eigentlich ist es nur ein Teich), wo mir die verschieden-farbigen Ränder des Eises auffallen:

    #70: Interessante Eisränder in verschiedenen Farben

    Nun ist aber Beeilung angesagt; denn die Regenwolken drücken mehr und mehr von Nordwesten herein. Ganz kurz vor der Franz-Fischer-Hütte ist noch einmal eine kleine Wasserfläche, deren Auslauf den Zufahrtsweg quert, und dann geht es noch nur ein paar Höhenmeter hinauf zur Hütte selbst.



    #71-72: Noch einmal ein Mini-See, und dann die Franz-Fischer-Hütte


    Noch bevor ich die Hütte selbst betrete, denke ich mir: hier hat offenbar eine Frau das Heft in der Hand. Wie komme ich darauf? Nun, an der Aufgangstreppe, noch bevor man die Terrasse betritt, hängt am Geländer eine Schmutzbürste für die Stiefel. Diese benutze ich natürlich, und dann gehe ich hinein. Evelyn und Marion begrüßen mich freundlich; es sind ohnehin nur sehr wenige Gäste da. Mittlerweile ist es zehn Uhr geworden, und ich habe mir nun wahrhaftig ein Häferl Kaffee und ein Stück Kuchen zum Frühstück verdient. Draußen beginnt es zu regnen. Kathi und Micha aus Münster (Westfalen) fragen mich interessiert nach dem Weg zur Tappenkarseehütte; denn dort wollen sie als nächstes hingehen. Gerne gebe ich Auskunft und weise sie vor allem auf die losen Halteseile hin. Dann warten wir gemeinsam auf das Ende des Regens. Dieses kommt auch ein paar Stunden später, und ich nutze das Zeitfenster, um ins Zederhaustal abzusteigen.


    #73: Abstieg ins Zederhaustal

    Die Abstiegsroute folgt weitgehend dem Zufahrtsweg, mit einigen Abkürzungen für Fußgänger, und nach einer Stunde oder so habe ich den Talboden erreicht. Nun folge ich der kleinen Asphaltstraße bis zur Schliereralm, die auch eine Gaststätte ist. Auf der Schliereralm ist richtig Remmi-Demmi. Da spielt die Musik: Posaune, Baßtuba, Klarinette und Akkordeon. Die Bude ist rappelvoll. Jemand hält eine kleine Ansprache, und ich verstehe irgendetwas von „Altbürgermeister Sowieso“. Zu mir an den Tisch setzt sich eine multi-nationale Gruppe (ein Kanadier, ein amerikanisches Paar, ein Brite und eine Österreicherin), und es entspinnt sich eine interessante Unterhaltung, soweit dies bei der Musik und dem allgemeinen Lärm möglich ist. Ein Hirschgulasch mit Spätzle kann man aber auch bei einem hohen Lärmpegel genießen, und genau das tue ich denn auch.

    Um sechs Uhr nachmittag kommt der Tälerbus zur Schliereralm. Seit gestern verkehrt er ja, wie wir vorgestern festgestellt haben. Er bringt mich nach Zederhaus, wo ich in den normalen Postbus nach St. Michael im Lungau umsteige. So fahre ich denn davon, und hinter mir versinkt das Zederhaustal im Regen...


    Fortsetzung folgt

    Auch hier zum Abschluß ein Blick auf die Landkarte
    (Opentopomap, mit ergänzenden Eintragungen von mir selbst)
    Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende, SRTM | Kartendarstellung: © OpenTopoMap (CC-BY-SA)


    Geändert von OutofSaigon (07.09.2019 um 06:59 Uhr)

  7. Erfahren
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    AW: [AT] Ein „Hoch!“ auf die Niederen Tauern!

    #7
    Letztlich: Noch einmal weit zurück geschaut

    Ich sagte es schon einmal weiter oben: ich habe liebe Erinnerungen an die Niederen Tauern. Diese Erinnerungen reichen weit zurück, bis ins „Zweiundsiebziger-Jahr“ (so hätte mein guter Onkel Bruno sich ausgedrückt). Damals war ich mit ihm zum Urlaub in Hüttschlag im Großarltal, und jener Urlaub weckte ihn mir ein für allemal die Liebe zu den Bergen und zum Bergwandern. Von meinen Eltern habe ich das nicht; für die war alles, was höher ist als 2000m, im Grunde genommen unheimlich und Furcht erregend. 1972 wanderten mein Onkel und ich von Karteis hinauf zu Zielen wie Draugsteintörl und Karteistörl; ich sah schon damals vom Karteistörl die Tappenkarseehütte, aber wir gingen nicht hin, weil es uns zu weit erschien (wir wollten unbedingt am Abend wieder zurück in Hüttschlag sein). Wie auch immer, es waren wunderschöne Wanderungen, an die ich immer in Dankbarkeit zurück denken werde.

    Die geistige Rückschau wird unterstützt und ergänzt durch einen physischen Blick zurück: von der Weißgrubenscharte (Foto #66) blicke ich quer über das ganze Kleinarltal hinüber zum Karteistörl:


    #74: Ein Blick zurück auf das Karteistörl und eine 47 Jahre alte Erinnerung

    Ich schaue und denke zurück: dort drüben stand ich 1972 mit meinem Onkel Bruno; irgendwie begann alles vor 47 Jahren dort drüben...
    Geändert von OutofSaigon (19.08.2019 um 11:28 Uhr)

  8. AW: [AT] Ein „Hoch!“ auf die Niederen Tauern!

    #8
    Gottfried, Du hast eine schöne Art zu Wandern mit Blick auf interessante Details. Soviel Musse in der Bewegung habe ich nicht (aber kann ja noch werden...).

  9. Fuchs
    Avatar von blauloke
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    AW: [AT] Ein „Hoch!“ auf die Niederen Tauern!

    #9
    Hallo Gottfried,

    mit diesen zwei Berichten hast du mir viel Freude bereitet.
    Beide zeigen jeweils ein Gebiet das mir bei meinen Unternehmungen wegen Regen verschlossen blieb.

    Bei meiner Überquerung der Schladminger Tauern wollte ich eigentlich auch über die Landawirseehütte gehen, bin dann aber wegen des starken Regens vom Klafferkessel gleich in das Lessachtal abgestiegen.
    Somit weiß ich jetzt wie die Berge dort aussehen.

    Das selbe bei deinem Bericht über die obere Mur. Da wollten meine Frau und ich mit dem Rad von der Sticklerhütte unsere Fahrt entlang der Mur beginnen. Ebenfalls wegen Regen haben wir den Start um zwei Tage verschoben, so dass wir ab Muhr los gefahren sind und am Ende auch nicht bis zur Mündung in die Drau kamen.

    Deine Berichte sind immer interessant zum lesen und ich hoffe, dass ich nächstes Jahr mal wieder in den Alpen unterwegs sein kann.
    Dieses Jahr war ich in Norddeutschland wandern, mal eine ganz andere Erfahrung.
    Du kannst reisen so weit du willst, dich selber nimmst du immer mit.

  10. Anfänger im Forum
    Avatar von Lederstiefel
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    AW: [AT] Ein „Hoch!“ auf die Niederen Tauern!

    #10
    Wie schön und löblich, daß du mit deinen beiden Berichten (diesem und dem von der Kreuzeckgruppe) zwei Regionen Österreichs schilderst, die hier bisher irgendwie viel zu kurz gekommen sind! Deine Schilderungen erwecken diese Regionen richtig zum Leben.

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