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  1. Anfänger im Forum
    Avatar von ChuckNorris
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    [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #1
    Mitreisende: ChuckNorris
    NORDLAND 2018



    ROUTENPLANUNG

    Unsere Tour wird uns vom Tysfjorden nahe Narvik nach Sulitjelma in der Nähe von Bodø führen. Oder so ähnlich. Die Idee war es, die Routen von Vobo und Bernie zu kombinieren und dabei sämtliche Schmankerl einzusammeln. Gränsleden, Bernies Panoramaroute, Rago und Blåmannsisen mit ein bisschen Padjelanta dazwischen. Es kam ein wenig anders als geplant.

    Hier erstmal die Übersicht zur Tour, so wie sie geplant war.

    01 - AUFWÄRMEN


    Wir starten in Storå im Tysfjord. Von Meereshöhe rauf auf gute 1000 Hm und dann dem Gränsleden folgend Richtung Schweden.

    Wegführung: die Route ist mit Steinmännchen markiert, von einem Weg kann man aber auf keinen Fall sprechen. Scheint selten begangen zu werden. Der Teil von Storå bis Riddabårre ist bei schlechter Sicht nicht zu empfehlen, dafür ist das Gelände zu unübersichtlich. Ab dem Riddabårre sind die Markierungen nicht zu verfehlen.

    Gelände: extrem steiler Aufstieg von Storå zuerst durch Gebüsch auf klar erkennbarem Pfad, dann weglos durch einen grasigen Hang. Oben im Gebirge teils zerklüftet, ein logischer Weg ist nicht immer sofort zu erkennen. Hier ist Aufmerksamkeit gefragt. Später dann bei sanfter Steigung über flache Grashänge die von Felsen durchzogen sind.

    02- AUF FRAGWÜRDIGEN PFADEN DURCHS SCHWEDISCHE GRENZLAND

    Eigentlich wollten wir Bernies Panoramaroute nachgehen. Hierfür wären wir kurz vor der schwedischen Grenze nach Südwesten abgebogen, zum Langvatnet rüber. Den See hätten wir wie Bernie auf den Kämmen der umliegenden Bergkette umgehen wollen. Anschließend wäre wir nach Süden gegangen um bei Hellmobotn diese Etappe zu beenden.
    Stattdessen gehen wir auf der schwedischen Seite der Grenze nach Süden. Bei Grenzstein 251, in der Nähe der Hütte am Røysvatn überqueren wir die Grenze und wechseln schließlich in der Nähe von Hellmobotn wieder nach Norwegen.





    Wegführung: meist gut markiert, aber in der Regel ohne sichtbaren Pfad. Im Sumpf beim Fluss Valldajåhkå haben wir die Markierungen verloren. Die gesamte Etappe folgt dem Nordkalottleden. Trotz gutem Wetter haben wir in den zwei Tage auf der Etappe nur wenige Leute getroffen. 3 Wanderer in Schweden, ein paar Gruppen in Hellmobotn.
    Gelände: teils weite hügelige Ebenen, oft zerklüftetes Gelände das von parallelen Felsrippen oder Hügeln geprägt ist. Am Ende sumpfig.

    03 - PADJELANTA





    Wir folgen Vobos Route in umgekehrter Richtung. An der Schlucht von Hellmobotn entlang. Am Hievsttinjávrre wechseln wir rüber nach Schweden und folgen hier mehr oder weniger der Grenze, die hin und wieder überquert wird. Am Vastenjaure entfernen wir uns ein wenig von der Grenze und betreten den Rago Nationalpark südlich des Snøtoppen.

    Wegführung: weglos. Meistens ist das Gelände übersichtlich genug um eine logische Route zu finden. Bei schlechter Sicht ohne GPS nicht zu empfehlen.

    Gelände: Es ist alles dabei von Bergpässen, Hochebenen voller Geröll und weiten Blicken über die großen Seen im Nationalpark. Gerade am Anfang und am Ende sehr spektakuläre Lanschaft.

    04 - RAGO NP





    Wir betreten den Rago NP südlich des Snøtoppen, kommen an der Ragohytta vorbei und queren dann weglos zum Litlverivatnet statt dem normalen Weg zu folgen. Am Litlverivassforsen endet dieser Abschnitt.

    Wegführung: im Nationalpark sind sämtliche Wege gut markiert. Auf unserer geplanten Route zum Litlverivatnet weglos durch gestuftes Gelände mit relativ guter Übersicht.

    Gelände: Abstieg in den Rago NP steil, auf blankem Fels. Bei Nässe muss man hier unbedingt auf die rutschigen Algen aufpassen, sonst geht es schneller runter ins Tal als einem lieb ist. Im Rago selbst dann eher hügelig mit einem kurzen steilen Abstieg zum Fluss.

    05 - ÜBERS EIS

    Am Ende des Rago Nationalparks wollten wir über das Lappfjellet wieder zurück Richtung Osten. Kurz vor der Grenze wollten wir nach Süden abbiegen, um nach 1-2 Tagen den Blåmannsisen zu erreichen. Diesen hätten wir auf Bernies Route überquert und die Tour in Sulitjelma beendet.
    Dazu ist es leider nicht mehr gekommen.

    ZWISCHENFAZIT

    Trotz einiger Änderungen und dem ein oder anderen Verhauer hatten wir eine großartige Tour die vor allem Urlaub sein sollte - und keine Quälerei. Im Lauf der Tour haben wir eine Liste von Punkten aufgestellt, die der perfekte Platz für die Zelte haben muss. In der Reihenfolge von "überlebensnotwendig" zu "purer Luxus":
    1. Wind
    2. Fließendes Wasser
    3. Weltklasse Panorama
    4. Ein Berg hinter dem die Sonne untergehen kann
    5. Eine Sauna
    Mal von so utopischen Forderungen wie einem Bierlager abgesehen, hatten wir fast immer die ersten drei und einmal sogar alle der Punkte beieinander.

    BEOBACHTUNGEN IN DER ZIVILISATION

    ÜBER WIKINGER

    Man hat ja so das Vorurteil, dass alle Norweger Wikinger wären. Man stellt sich vor, wie Bjarne im Schneesturm, mit bloßen Händen ein Loch in die Eisdecke auf einem See schlägt. Mit kaltem Blick starren seine eisblauen Augen auf das Loch. Plötzlich schießt die Hand ins Wasser und er zieht einen Fisch aus dem See…
    Wenn man sich dann aber in Narvik, oder Bodø auf den Straßen umschaut, dann fragt man sich schon woher dieses Vorurteil kommt. Der Blick ins Supermarkt Regal zeigt dann auch wie die Norweger zu ihrem oft stattlichen Leibesumfang kommen. Zwar hat man eine enorme Auswahl an Hotdogwürschteln und Formschinken, aber es wird schon wirklich schwer sowas wie geräucherten Speck oder eine anständiges Stück Salami zu finden. Dazu dann noch ein labbriges Toastbrot mit Tubenkäse und Bjarne kann wieder ins Fjäll. Auf dem Weg dahin, nochmal kurz an einem der riesigen Spirituosenläden halten und dann noch einen Hotdog von der Tanke.

    IN NARVIK

    Wir landen in Evenes (EVE), eine knappe Autostunde von Narvik entfernt. Mit knapp 19.000 Einwohnern ist Narvik nur ein größeres Dorf. Es gibt alles was man vor, oder nach einer Tour braucht. Abgesehen davon fällt mir aber kein Grund ein länger in Narvik zu bleiben.
    Der einzige Grund für die Existenz des Ortes scheint seine Funktion als Hafen für den Erztransport zu sein. Das war wiederum der Grund dafür, dass die Nazis am 9. April 1940 in den Ort eingefallen sind. 2018 war dann mal wieder eine deutsche Fregatte in Narvik. Die „Sachsen“ hat sich aber mit ihren eigenen Raketen abgefackelt und ging zurück ins Dock.
    Tatsächlich wird die Bucht, an der Narvik liegt, vom Verladeterminal für die Erzfrachter dominiert. Dieses befindet sich Mitten im Ort. Im Hafen liegt ein rostiger Frachter unter chinesischer Flagge, der wie das Klischee eines Seelenverkäufers aussieht.
    Wie gesagt, man bekommt hier alles was man braucht aber man muss nicht unbedingt länger als nötig bleiben.

    IN BODØ

    Wie Narvik, so wurde auch Bodø aufgrund der Eignung als Hafen gegründet. Hier ging es aber um Fischerei. Mit heute gut 50.000 Einwohnern kann man Bodø durchaus als kleine Stadt bezeichnen (zum Vergleich: Passau ist genauso groß). Auch Bodø spielte eine Rolle bei der Invasion Norwegens und wurde dabei fast vollständig zerstört. Heute gibt es keine historischen Gebäude mehr, trotzdem wurde Bodø 2016 zur attraktivsten norwegischen Stadt gekürt.
    Auch hier findet man alles was man nur irgendwie brauchen könnte. In Bodø kann man auch durchaus mal ein paar Tage ausruhen. Schon zweimal haben wir unsere Norwegen Touren hier beendet und es sehr genossen ein Einkaufszentrum nicht weit vom Campingplatz zu haben. Der Flughafen ist direkt in der Stadt, der Zeltplatz grenzt daran an. Die Einflugschneise verläuft direkt neben dem Campingplatz. Wobei die Verkehrsflugzeuge weit weniger störend sind, als die saumäßig lauten F16 die hier stationiert sind.

    ZUM TYSFJORD

    Bei Kjøpsvik, im Tysfjord, setzen wir mit einer kleinen Fähre nach Storå über. Kjøpsvik ist mit seinen 850 Einwohnern wirklich nur ein Nest. Storå ist nochmal viel, viel kleiner. Hier leben wirklich nur noch eine Handvoll Menschen. Die gesamte Kommune Tysfjord hat keine 2000 Einwohner und umschließt den ganzen Fjord.
    2017 kam heraus, dass sich hier seit 1953 ganze 40 Fälle von Kindesmissbrauch ereignet haben. Beim Blick über den Fjord am ersten Camp sorgt das für eine äußerst morbide Stimmung.

  2. Erfahren
    Avatar von Fjellfex
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #2
    Das nenne ich mal eine ambitionierte und spannende Route!

    Und die Worte "erstmal die Übersicht" interpretiere ich so, daß da noch was nachkommt; wäre zumindest schön.

  3. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #3
    Das hoffe ich auch ganz stark, zumal ich in drei Wochen in diese Gegend aufbreche . Wann genau wart Ihr denn dort? Und wie viele Tage habt Ihr Euch für die Strecke von Storå bis zum Rago genommen?

  4. Anfänger im Forum
    Avatar von ChuckNorris
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #4
    01 – AUFWÄRMEN

    TAG 1 | 8.7.2018

    Wir verlassen München früh morgens in Richtung Oslo - ... - ist doch wurscht, eigentlich interessiert die Anreise doch keinen.
    Das erste nennenswerte ist, dass mein Rucksack nicht ankommt. Nochmal Glück gehabt, dass wir entschieden haben am ersten Abend in einem Hotel abzusteigen. Zelten wäre ohne Zelt und Schlafsack wohl eher blöd geworden.
    Unser Ho(s)tel ist ziemlich im Zentrum von Narvik, keine 100 Meter eine Seitenstraße runter. Dummerweise ist aber keiner da. Ok, wir haben eine Handynummer mit der Buchung bekommen. Georg ruft da an - aber keiner geht ran. Wir stehen ein bisschen ratlos vor der Tür herum als ein weiterer Typ mit Rucksack ankommt. Zum Glück hat der eine E-Mail bekommen, in der steht wo der Code für das Schloss zu finden ist.
    Ach ja, ich hab‘ netterweise von der Airline ein kleines Sackerl mit dem Nötigsten bekommen. Unter anderem ein weißes T-Shirt, in der eleganten Form eines Sackes, in das ich wohl auch mitsamt meinem nicht verladenen 85 l Rucksack gepasst hätte. Da hätte ich sogar noch das Zelt außen dranhängen können, also am Rucksack - unter dem T-Shirt. Ich habe im Übrigen noch nie ein Kleidungsstück in der Hand gehabt, das so penetrant nach Chemie gestunken hat wie dieses Teil. Ernsthaft, den Scheiß hätte ich nicht mal dann angezogen, wenn mich jemand vollgekotzt hätte.
    Narvik selber, zumindest der Teil den wir gesehen haben, ist definitiv keinen Besuch wert. Die Stadt liegt an einer Bucht. Ein Teil der Küste wird von dem Eisenerz Verladeterminal eingenommen, eigentlich mitten in der Stadt selbst. Weiter draußen in der Bucht liegt ein chinesischer Erzfrachter vor Anker, der wie das rostige Klischee eines Seelenverkäufers aussieht.
    Wirkt jetzt beim Korrekturlesen ein bisschen düster. Eigentlich war meine schlimmste Befürchtung, dass der Rucksack erst spät nachgeliefert wird und wir vielleicht erst einen Tag später loskönnten. Das wäre jetzt auch kein Beinbruch gewesen, wir hatten ein paar Puffertage.

    TAG 2 | 9.7.2018

    Wir kaufen ein, frühstücken im Hostel und dann kommt tatsächlich, noch während wir essen, mein Gepäck. Wir haben sogar noch ein paar Stunden tot zu schlagen und können die Stadt mit dem geplanten Bus verlassen. Es geht nach Kjøpsvik. Zuerst durch ziemlich langweilige Landschaft, gegen Ende ein wenig interessanter.





    Den ganzen Tag über war es bedeckt und auch hier liegen die Wolken tief über dem Fjord. Wir setzen mit der Fähre über nach Storå, wo wir von Meereshöhe hoch ins Fäll müssen. Zumindest auf ca. 780 m müssen wir es heute schaffen. Dort scheint, an einem kleinen See, die erste mögliche ebene Stelle zu sein.
    Trotz GPS verpassen wir das versteckt angebrachte Schild das den Gränsleden ausweist und starten die Tour gleich mal mit einem Verhauer. Endlich wieder auf dem richtigen Weg, kommen wir mit voller Beladung erstmal sauber ins Schwitzen. Schon der Aufstieg zum Storåvatnet schlaucht übel, das sind aber nur die ersten 140 von unseren 780 Hm. Dem Vájsájåhkå, mehr Wasserfall als Bach, folgend geht es steil aufwärts. Richtig steil. Eigentlich ganz schön lächerlich, sich über poplige 800 Hm Gedanken zu machen, aber 28kg auf dem Rücken machen halt doch einen nennenswerten Unterschied aus.



    Ab ca. 500 Hm liegt alles in dicken Wolken, aber was man bis dahin sieht ist nicht gerade ermutigend. Der Hang wird immer noch steiler und es ist keine Stelle sichtbar auf der man die Zelte aufstellen könnte. Wenn, dann müssen wir zumindest bis in die Wolken steigen um einen Platz für die Nacht zu finden.
    Schritt - Pause - Schritt - Pause, so geht es rauf, bis irgendwo auf 500/600 Hm eine Holzstange einen Punkt markiert an dem man den Sturzbach überqueren kann. Hier bauen wir die Zelte auf. Es gibt hier mehrere gestufte Terrassen. Die sind zwar voller Rentierscheiße, aber nach einer Weile finden wir Platz für die Zelte. Der Abend klingt aus bei Scotch und einem weiten Blick über den Fjord. Irgendwann drückt es die Wolken tiefer nach Unten und wir verkriechen uns wegen der Nässe in die Zelte.



    TAG 3 | 10.7.2018

    Der Wecker klingelt und es ist hell im Zelt. Nach dem Auftakt gestern habe ich geschlafen wie ein Stein. Das erste Strecken vor dem Zelt fällt ein wenig schwer, aber es tut nichts weh und ich bin relativ erholt.



    Ein Blick hinters Zelt zeigt, dass wir mal wieder ein gutes Händchen bei der Platzwahl hatten. Wenige Meter von uns entfernt stürzt der Vájsájåhkå über mehrere Stufen den steilen Hang herunter und vor uns liegt der Tysfjorden. Unser Wetterglück scheint auch wieder zugeschlagen zu haben. Schon bei unserem letzten Trip in Norwegen, vor ein paar Jahren, gab es einen Jahrhundertsommer. Zumindest für heute scheint das Wetter besser nicht sein zu können.
    Na dann mal los. Wir haben noch gut 100-150 Hm vor uns bevor wir auf 784 Meter auf den Vájsájávrre treffen werden. Es bleibt brutal steil und schon nach wenigen Schritten kommen wir wieder ordentlich ins Schwitzen. Es fällt trotzdem viel leichter aufzusteigen, wenn man sieht wie man vorwärtskommt, verglichen mit dem Aufstieg in eine undurchsichtige Wolkendecke wie gestern.



    Als wir den See erreichen, machen wir eine erste längere Pause, fotografieren ein wenig und genießen es auf Tour angekommen zu sein. Auf der nördlichen Seite des Sees queren wir dann einen steilen Hang nach oben. Die Steinmännchen sind häufig und relativ leicht zu finden. Der Weg selbst ist eigentlich unschwierig, aber weil wir uns noch nicht an das Gehen und vor allem an das hohe Startgewicht der Rucksäcke (±28kg) gewöhnt haben fällt uns der Aufstieg auf den Sattel echt schwer. Es wird den ganzen Tag über nicht leichter werden. Immer wieder merken wir, wie uns eigentlich kleine Anhöhen an unsere Grenzen treiben. Ich teile mir einen 50 Hm Anstieg schon im Anmarsch auf 4 Etappen auf.







    Der Weg ist größtenteils leicht zu finden, doch an manchen Stellen finden wir keine oder kaum Steinmännchen und müssen trotz GPS schätzen wo es lang geht. Einmal reicht die Genauigkeit des Signals nicht um die richtige Rinne zum Aufstieg zu finden. Über eine kurze 60° steile Schneerampe kommen wir aber wieder in die richtige Rinne rüber und schleichen ein langgezogenes mäßig steiles Schneefeld nach oben. Hier öffnet sich der Blick herab auf den Austerskardvatnet. Statt westlich des Sees abzusteigen, wie auf dem GPS Track vermerkt, entscheiden wir über den Mølnelvtinden, bzw. dessen Südhang um den See herum zu wandern. Von unserem Standort sieht es aus, als könnte man hier leicht den Ab- und anschließenden Aufstieg vom See vermeiden. Der Blick auf die Karte, beim Schreiben dieser Zeilen, zeigt relativ klar, dass es sich hier definitiv nicht um die logischste Route handelt.



    Wir müssen nochmal ca. 100 Hm aufsteigen und folgen dann einem unübersichtlichen System von Bändern durch die Flanke, bis wir einen möglichen Abstieg ausmachen. Geduld hilft hier. Wären wir beim ersten gangbaren Punkt abgestiegen wären wir zwar nicht in eine wirklich gefährliche Stelle eingestiegen, aber es wäre deutlich weniger entspannt nach unten gegangen.
    Endlich geht es abwärts. Das erste Mal an diesem Tag läuft es bei mir. Es geht flott voran und ich genieße es zu gehen. Wir machen länger Pause bei einer Gruppe kleiner Seen und Tümpel, kaum 200 Meter östlich vom Austerskardvatnet. Das Wasser ist warm und ein wenig schal, aber man kann es trinken. Nach der Pause wird das Gehen wieder zäher. Gleich mit maximalem Gewicht vom Meer hoch auf ~1000Hm schlaucht. Das hat sich diesmal aber beim besten Willen nicht vermeiden lassen.



    Keine Chance auch nur annähernd in die Nähe unseres Tageszieles zu kommen. Wir sind sicher 7 km hinter Plan - wenn nicht mehr. Trotzdem, östlich des Sandvatnet ist Schluss für heute. Wir finden eine Stelle die halbwegs eben ist und bauen auf. Wasser gibt es in einem kleinen Tümpel 100- 200 Meter vom Zelt. Wir versuchen einen Platz im Wind zu finden, wegen der Mücken, aber wir haben Pech. Es scheint, dass die kleinen Biester in dem trockenen Moos hausen. Sobald man sich einen Schritt bewegt, werden sie aufgescheucht und sind nicht mehr los zu werden. So verschwinden wir früh und erschöpft in unseren Zelten. Blick zur Tür raus natürlich mit Postkartenpanorama.



    TAG 4 | 11.7.2018

    Boah, ich bin wach. Bei der Hitze kann ja kein Mensch schlafen! Ein Blick auf die Uhr zeigt: 6:00 Uhr morgens und etwa 34° C im Zelt. Tja, Mitternachtssonne - stimmt da war ja was.
    Ok, das hat alles keinen Sinn, ich muss raus. Sobald ich aus dem Zelt bin, wird es angenehm. Es hat vielleicht noch 18-20 °C und die Mücken haben sich verzogen. Fast den ganzen Trip über war es so, dass die Mücken in Horden am späten Nachmittag aktiv wurden. Je nach Lage zwischen 16:00 und 17:00. Ab dem Moment war es meistens den ganzen Abend nicht mehr auszuhalten, außer man konnte einen Platz im Wind finden. Morgens aber, war es meistens relativ angenehm.
    Wir folgen der Schlucht der Riehppejåhkå oberhalb über das Riddabårre. Plötzlich scheppert es gewaltig. Irgendwas sprengen die hier. Es ist nicht ganz klar was die da bauen. Ich habe gelesen es soll ein Windpark errichtet werden, aber einige der Seen sind aufgestaut worden, also ist es vielleicht auch ein Wasserkraftwerk?



    Obwohl die letzten zwei Tage hart waren, läuft es heute für mich. Ich habe mich über Nacht gut erholt und das Gelände tut sein Übriges. Meistens geht es stetig aber wenig steil aufwärts. Nachdem wir am Ende der Schlucht den letzten kleinen Anstieg hinter uns bringen, ändert sich das Gelände und wir folgen dem flachen Kessel des Småsvartvatnan. An dessen südlichem Zufluss machen wir eine lange Mittagspause.
    Nach dem Essen steige ich ein paar hundert Meter weiter auf um einen Überblick über die Gegend zu bekommen. In den leichten Laufschuhen, die ich eigentlich zum Furten mitgenommen habe, geht es richtig leichtfüßig den Hang hinauf. Ein himmelweiter Unterschied zu den Bergstiefeln und vor allem dem fehlenden Gewicht des Rucksacks.



    Es bietet sich ein Blick über eine wunderbar zerklüftete Landschaft. Zwischen dem Krokvatnet und dem Nordvatnet befindet sich ein Labyrinth aus Seen, Verbindungsstücken, Inseln und Felsrippen. Das sieht interessant aus. Ich bin mir sicher, dass man da einen Weg durchfinden kann und sich so die 200 Hm Anstieg sparen kann, die der Gränsleden nehmen würden. Wir wollen ja eh bald vom Gränsleden runter, also warum nicht gleich?



    Ich steige wieder ab und kann den Georg überzeugen einen Weg durch das Labyrinth zu suchen. Ich habe einige Beweisfotos mitgebracht - auf denen man ehrlicherweise aber keinen direkten Weg erkennen kann. Wir schauen zwar immer wieder auf die Karte und gleichen mit den erkennbaren Landmarken ab, aber wir verschätzen uns extrem mit den Distanzen. Lange Zeit glauben wir P710 direkt vor uns zu haben, bis wir dann 1 h später tatsächlich daran vorbeilaufen. Es geht moosig, teils matschig an Felsrippen und tiefen Wasserarmen entlang. Landschaftlich sehr geil und die Wegfindung macht Spaß. Obwohl wir unsere genaue Position auf der Karte lange Zeit falsch einschätzen, finden wir relativ problemlos einen Weg ans Ende des Nordvatnet.



    Das Gelände ist aber viel anstrengender als es auf den Karten erkennbar ist. Alles ist von hohen Felsrippen durchzogen, die auf der Karte in der 20 Meter Auflösung der Höhenlinien unsichtbar sind. Vor Ort aber sind die Rippen zwar selbst in steilen Abschnitten wegen der hohen Reibung einfach zu begehen, aber die Übersicht über den weiteren Weg ist fast immer verdeckt. Trotzdem, am Ende des Nordvatnet kommen wir auf einem Altschneefeld über einen tiefen Einschnitt und lassen das Labyrinth hinter uns.



    Von hier hat man einen weiten Blick über die Landschaft. Die Felsrippen überziehen die gesamte Ebene, immer wieder unterbrochen von tiefen Gräben. Es ist extrem zeitraubend hier quer zu den Rippen zu laufen, weil ständig kleinere und oft größere Einschnitte überquert werden müssen. Oft muss man erst nach einem möglichen Abstieg suchen.
    Die Schlucht des Tjoallebatjåhkå stellt dann das Ende unseres Tages dar. Erstmal ist kein Abstieg erkennbar und wir sind zu geschafft um jetzt noch nach einem zu suchen. Später stellt sich heraus, ein paar hundert Meter weiter könnte man rüber. Wir beschließen hier zu bleiben. Der Boden ist überall mit hohen Buckeln überzogen, so dass nur zwei Stellen bleiben. Eine auf etwa 2/3 Länge der Landzunge die hier weit in den See reicht oder ganz am Ende. Wir bleiben unserem Prinzip treu und bauen die Zelte ganz am Ende, am schönsten Platz, auf.



    Es ist windstill und der See liegt wie ein Spiegel vor den Zelten. Der Himmel ist fast wolkenlos und die Sonne strahlt noch ordentlich Wärme ab. Das sind genau die Faktoren, die du in Norwegen im Sommer auf keinen Fall haben willst - den See direkt neben uns nicht zu vergessen.



    Hundertausende Mücken schwirren in der Luft rum und im Zelt hat es gemütliche 34° C. Wir haben es auf einem Felsbrocken im See sogar noch ein/zwei Stunden ausgehalten. Als dann aber die Mückenapokalypse richtig losgeht bleibt uns nichts anderes übrig, als im Zelt im eigenen Saft zu schmoren. Bin ich froh, als irgendwann um 23:00 die Sonne endlich so tief steht, dass sie hinter einem Berg verschwindet und wir im Schatten sind. Die Temperatur fällt schnell ab und langsam kommt der Schlaf.


  5. Anfänger im Forum
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #5
    Das hoffe ich auch ganz stark, zumal ich in drei Wochen in diese Gegend aufbreche . Wann genau wart Ihr denn dort? Und wie viele Tage habt Ihr Euch für die Strecke von Storå bis zum Rago genommen?
    Datum ist direkt in den Etappenberichten. Von Stora bis Rago Parkplatz haben wir 16 Tage, inklusive Ruhetage, gebraucht.

  6. Anfänger im Forum
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #6
    02 – AUF FRAGWÜRDIGEN PFADEN DURCHS SCHWEDISCHE GRENZLAND

    TAG 5 | 12.7.2018

    Ab hier wollten wir Bernies Panoramaroute folgen um ein paar Tage später an der Schlucht Hellmobotn wieder auf einen Weg zu treffen. Die Aussicht oben am Kamm ständig auf- und abzusteigen macht uns heute aber gar nicht mehr an. Wir entscheiden die Ecke über Schweden zu umgehen. Außerdem wollen wir nie wieder in der Nähe von einem See zelten.

    Ich habe zwar keine Kartenausdrucke vom schwedischen Teil dabei, aber ich weiß noch von der Planung, dass ich das mal als Variante im Kopf hatte. Auf dem GPS finden sich einige Tracks auf schwedischer Seite. Da wird sich dann schon was finden.

    Östlich vom Nordvatnet steigen wir steil den Hang rauf um wieder auf den Gränsleden zu treffen. Die langen Rippen prägen auch hier noch die Landschaft, aber diesmal folgen wir ihnen anstatt quer rüber zu müssen. An einer besonders tiefen Rinne gehen wir auf verschiedenen Seiten weiter. Es dauert eine ganze Weile bis ich wieder auf die richtige Seite komme. Vorsicht bei Altschneefeldern in Schluchten, an der Seite kann der Schnee metertief abgetaut sein, nur von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. An einer Stelle wäre es direkt 3 Meter auf einen Felsbrocken runter gegangen.



    Wir laufen eine ganze Weile fad geradeaus, aber auf dem Weg ist man wenigstens schnell. Kurz darauf fällt die Landschaft dann ab und der Blick wird frei auf den riesigen Akkajaure in Schweden. Wir treffen auf einen Wegweiser und eine Entscheidung muss her. Entweder den 2 Tage längeren Weg gehen, oder einem suspekten Track auf dem GPS folgen.

    Der Track ist mir suspekt, weil er über viele Kilometer exakt schnurgerade eingezeichnet ist. Das kann auf keinen Fall ein echter Weg sein. Im besten Fall hat sich hier ein halbfertiger Track in OSM eingeschlichen.



    Stellt sich raus, das ist der Nordkalottleden und der gehört so. Tatsächlich sind die Steinwarten in einer exakten Linie bis zum Horizont gezogen. Was zwar nicht bedeuten würde, dass man immer den direkten Weg zwischen zwei Warten nehmen könnte, aber das Terrain ist ok zu gehen, auch wenn es viel rauf und runter geht. Wasser ist relativ selten zu finden, bis wir die Stelle erreichen, an der sich Vobo versenkt hat.



    Hier bauen wir die Zelte auf und lassen es für heute gut sein. Am Abend erschrickt mich tatsächlich ein Typ, der plötzlich auf der anderen Seite des Flusses auftaucht. Der erste Mensch, der uns begegnet seit wir Storå verlassen haben.

    Kassensturz: wir sind weit hinter unserem Zeitplan. Mindestens zwei Tage müssten wir irgendwann demnächst wieder aufholen. Das wird niemals klappen. Wenn wir uns nicht aufreiben wollen, dann müssen wir die Tour kürzen. Die einzige Möglichkeit ist den kompletten letzten Abschnitt zum und über den Blåmannsisen zu streichen. Das ist zwar schade, bringt uns aber 4 zusätzliche Tage ein. Zusammen mit den eh geplanten Ruhetagen haben wir jetzt eine Reserve von 6 Tagen. Das sollte dann aber doch reichen.





    Ah, hätte ich fast vergessen. Heute ist Waschtag - yeah!



    TAG 6 | 13.7.2018

    Wir queren unseren namenlosen Fluss problemlos und steigen steil auf der anderen Seite auf. Hier gibt es noch einen deutlich ausgetretenen Pfad durch das Gestrüpp, der sich aber nach dem Anstieg sofort wieder verliert. Es dauert eine ganze Zeit, bis wir die nächste Steinwarte entdecken. Im Prinzip wäre es am einfachsten gewesen die Steinwarten einfach komplett zu ignorieren und nur hin und wieder auf dem GPS die grobe Richtung zu überprüfen. Es gibt ohnehin nur ganz selten einen wirklichen Weg, meistens ist es einfach komplett egal wo man läuft.

    Schon eine ganze Weile bläst ein starker Wind, der in engen Einschnitten zu einem richtigen Sturm anschwillt. Nachdem wir den Rikkekjåhkå gefurtet haben, machen wir im Windschatten eines Felsbrockens, im weichen Moos Mittagspause. Schade, dass es so stürmt. Es wäre eine wunderbare Stelle für eine schön lange Pause. So aber ziehen wir schon nach kurzer Zeit weiter.



    Schon bald ändert sich das Gelände. Statt einfacher Wiesen geht es jetzt wieder quer über Felsrippen. Ständig müssen wir 10-20 Meter ab und sofort wieder aufsteigen. Ich könnt‘ kotzen! Hier habe ich meinen moralischen Tiefpunkt. Wie kann man überhaupt auf die scheiß Idee kommen hier einen scheiß Weg entlang anzulegen – verdammte Scheiße nochmal!

    Endlich erreichen wir eineinhalb Stunden später den Jiegnajávrásj. Hier ändert sich die Landschaft wieder. Eine weite, felsige Hochebene mit tausenden Findlingen liegt vor uns. Phantastisch. Schon bald steigen wir wieder steil neben einem Bach ab, um kurz darauf die Skájdejåhkå zu furten. Hier treffen wir auf zwei ältere Norweger (ich vermute Sohn und Mutter), die scheinbar genau unsere Route in umgekehrter Richtung gehen. Sie erzählen noch was von einer Sauna und ziehen dann weiter. Fast durch Zufall finden wir ein paar Tage später tatsächlich diese Saune. Geiler Scheiß!





    Aber erstmal wollen auch wir weiter und folgen einem Pfad, der stetig an der Flanke des Skájdevárre entlangführt. Kruzifix, jetzt ziagt si‘s aber langsam! Wir haben zwar ein nettes Panorama vor uns, aber man sieht kaum eine Änderung, wenn man vorankommt. Trotzdem sind wir schnell unterwegs. Immer weiter, auf meist gutem Pfad und dann ändert sich die Landschaft ein letztes Mal für heute.



    Endlich sind wir um den Skájdevárre rum. Ein paar Meter müssen wir noch absteigen, dann erreichen wir die weitläufige Schwemmlandebene des Valldajåhkå. Wir haben darauf spekuliert hier einen netten Zeltplatz zu finden, irgendwo neben dem Fluss. Eine viertel Stunde noch, dann war’s das für heute. So steigen wir die letzten paar Meter in die Ebene ab.



    Ach du Scheiße, das ist ja ein einziges riesiges Moorgebiet hier! Jetzt zählt jeder Meter doppelt. Immer wieder sinken wir bis zum Stiefelrand im Morast ein. Die Markierungen sind spärlich und der Verlauf des Weges deckt sich überhaupt nicht mit dem GPS Track. Irgendwann sind die Markierungen dann komplett verschwunden. Sicher noch zwei Stunden stapfen wir durch den Sumpf. Wir müssen mindestens noch einen breiten Flussarm queren, hier kann man nirgends ein Zelt aufbauen. Mehrmals geht‘s mehrere hundert Meter über Grassoden die bei jedem Schritt schwanken wie ein Schiff. Wir laufen auf einem riesigen Schwamm herum.



    In der Ferne sehen wir eine Seilbrücke über eine kleine Schlucht aber bis dahin kommen wir heute nicht mehr. Den ersten von zwei Flussarmen queren wir noch, bis wir dann gegen 22:00 endlich eine Stelle finden an der wir die Zelte aufschlagen können. Es wird schlagartig kalt als die Sonne hinter einem Berg verschwindet und wir verkriechen uns sofort nach dem Abendessen in die Schlafsäcke. Nachdem auch unsere blutsaugenden Freunde kurz nach uns im Camp ankommen ist das sowieso das einzig sinnvolle. Ab ins Bett!

  7. Anfänger im Forum
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #7
    03 – JA BIST DU DEPPERT!

    TAG 7 | 14.7.2018

    Eigentlich wollten wir heute ja einen Ruhetag einlegen, aber der Platz hier ist nicht so besonders. Es sind nur noch wenige Kilometer bis Hellmobotn und ich bin mir sicher, dass da die deutlich spektakuläreren Plätze zu finden sind. So gehen wir es ganz easy an und lassen uns viel Zeit für die 7 km.





    Den Sumpf lassen wir schnell hinter uns und unser Weg führt eine Weile auf gutem Pfad über eine grasige Ebene. Kurz vor Hellmobotn wird es dann schlagartig spektakulärer. Plattiger Fels mit vielen Seen und Tümpeln, flankiert vom massiven Berg Tjårok. Wir queren einen Arm des Gussajávrre auf einem kleinen Steindamm und nach einem kurzem aber knackigem Anstiegt liegt plötzlich Hellmobotn vor uns.





    Ja bist du deppert! Is‘ des geil hier! Wir machen eine kurze Runde ohne Gepäck, aber der schönste Platz ist schnell gefunden und wir bauen direkt unsere Zelte auf. Später ziehen wir dann nochmal nur mit den Fotoapparaten los. Egal wohin man schaut, das ist brutal geil hier! Und dann erst taucht die Schlucht vor uns auf. Der Wahnsinn. An den Kanonen machen wir noch ein paar Bilder und kehren dann wieder um.











    Den ganzen Tag über sehen wir vielleicht 10 Leute, und das obwohl Wochenende ist und Hellmobotn dann relativ einfach per Fähre zu erreichen ist. Was für ein Glück, dass es hier so ruhig ist. Ab dem Abend werden wir bis zum Ende unserer Tour keine Leute mehr treffen. An der Trolltunga treten sich die Lemminge gerade gegenseitig auf die Zehen und wir haben hier alles ganz für uns allein.

    Gegen Abend zieht es dann langsam zu. Wir sitzen noch bei dem ein oder anderen Whiskey draußen und verziehen uns dann irgendwann in die Zelte.



    TAG 8 | 15.7.2018

    Ruhetag. Es ist bedeckt, kühl und immer mal wieder nieselt es. Leider bleibt es auch den ganzen Tag so. Ich hatte eigentlich vor mit leichtem Gepäck einen der Berge im Norden zu besteigen. Ich entscheide mich dann dagegen, die Gipfel liegen sowieso in den Wolken.

    Nach dem Mittag steigen wir dann doch noch ein Stück die Flanke des Tjårok auf und versuchen Netz zu bekommen. Scheint, dass das S8 ein ziemlich beschissenes Funkmodul drin hat, ich bekomme nämlich gar nichts rein während Georgs Sony sogar den Wetterbericht ziehen kann. Die Aussichten sind gut. Heute scheint der einzige Tag mit schlechterem Wetter zu sein. Erst in ein paar Tagen kann es vielleicht mal wieder ein bisschen regnen.



    Irgendwann gegen Abend wird mir dann doch langweilig und ich gehe mir die nahe Hütte anschauen. Von unserem Platz aus sieht man sie nicht, aber ein Schild zeigt die Hütte in 400 m an. Dort stehen tatsächlich zwei Hütten, eine kleine und eine noch kleinere. Sie sind im traditionellen Stil der Samen gebaut, also letztlich zwei steile Hügel, die mit Torf bedeckt sind. Darunter befindet sich ein Holzgerüst mit Verkleidung usw. Wir haben keinen Schlüssel organisiert, also denke ich, dass wir eh nicht rein kommen aber ich probiere trotzdem mal den Türgriff. Und die Tür geht auf. Es ist eine super gemütliche Hütte für vielleicht vier Leute. Später stellt sich heraus, die Hütte ist prinzipiell offen und umsonst. Wer will kann dem Verein, der sie gebaut hat Geld auf deren Konto überweisen. Das machen wir auf jeden Fall, denn jetzt mache ich die Tür zur zweiten Hütte auf. Eine Sauna. Stimmt, die Wanderer vor ein paar Tagen haben davon erzählt.

    Ruck zuck wird Schnaps, Essen und Saunazeug gepackt. Dann hacken wir Holz und feuern den Ofen an. Wie geil ist das denn? Mitten in der Wildnis steht in grandiosester Landschaft eine Sauna und wir haben die auch noch für uns allein?

    TAG 9 | 16.7.2018

    Ich glaube, es hat schon am Morgen die Sonne geschienen. Wir haben keine Eile, die Etappe heute wird recht kurz. Warm und sonnig gehts an den Kanonen vorbei und dann weiter Richtung Tal. Der Weg führt oft steil und felsig durch Gestrüpp nach unten. Wir sind wieder tief genug für nennenswerte Vegetation. Hier sammelt sich schon früh die Hitze und obwohl es ständig abwärts geht schwitze ich wie die Sau.





    Wir dürfen unseren Abzweig nicht verpassen. Ein paar hundert Meter östlich vom Gurtejávrre wollen wir weglos zum See aufsteigen. Auf dem Weg würden wir stattdessen mehrere hundert HM absteigen, die wir alle wieder aufsteigen müssten. Das umgehen wir hier oben um kurz nach dem See die Sájvajåhkå auf der Brücke zu überqueren. Zumindest auf dieser Höhe muss man die Brücke finden. Der Fluss schießt hier durch eine schmale, wenige Meter tiefe Schlucht die anders nicht überquert werden kann.





    Es geht weiter und wir finden die Brücke auf Anhieb. Dann aber...
    … tja Scheiße! Keine Ahnung wo der Weg weitergeführt hätte. Da wo wir sind auf jeden Fall nicht. Ich glaube wir haben den Weg schon ein paar Meter hinter der Brücke verloren. War eher unpraktisch - wir haben ihn nämlich bis gegen Ende des Tages auch nicht mehr gefunden. Zum Ausgleich gab es aber zum Glück steilste, weglose Anstiege durch Gestrüpp, brutale Hitze in der vollen Sonne, ein paar Milliarden Mücken - und ich einen fetten, blasigen Sonnenbrand auf der Schulter.
    Ach so -- den Sumpf hab‘ ich noch vergessen.

    Neben dem ganzen Gekotze über die Umstände war's aber landschaftlich tatsächlich einer der beeindruckendsten Tage. Ab der Brücke führt uns unser "Weg" durch einen lichten niedrigen Wald aus knorrigen Birken und Kiefern. Schon bald dominiert ein riesiger Riss die Landschaft. Überhaupt ist es hier, trotz der Bäume, erstaunlich felsig. Der Boden besteht oft über weite Strecken aus blanken Felsplatten, in deren Ritzen richtige Bäume wachsen. Eine einmalige Landschaft.

    Die größte Felsplatte liegt in der Ferne bei besagtem Riss - und ist eigentlich ein Flussbett. Auf dem Fels schießen gewaltige Wassermassen ins Tal hinab. Wir machen auf einer heißen Platte eine lange Pause und schießen jede Menge Fotos.



    Gut, dass wir gerade noch am Genießen waren. Jetzt wird erstmal wieder gekotzt: zuerst durch einen Sumpf, dann wieder sakrisch steil durch Gestrüpp. Alle paar Meter Pause, wenn's geht im Schatten ohne zerstochen zu werden - oder Mücken zu atmen. Leider hilft das alles nix, das ganze läuft so:

    1. man steigt auf das knochentrockene Moos
    2. eine Wolke Mücken steigt auf
    3. man bleibt stehen um wieder zu Atem zu kommen
    4. die Mücken fallen über einen her
    5. Zigarettenrauch vertreibt die Viecher
    6. die Viecher fallen wieder über einen her
    7. man zieht weiter

    Wie dem auch sei. Irgendwann am späten Nachmittag und einige Sümpfe weiter, stoßen wir plötzlich wieder auf ein Steinmännchen. Wir folgen den Markierungen eine Weile über eine endlose Felsplatte mit etlichen Findlingen darauf, bevor wir wieder querfeldein gehen. Wir haben uns unterwegs auf der Karte einen Platz direkt an einem Wasserfall als Ziel ausgesucht. Wie in der Einleitung mal erwähnt – das soll ja Urlaub sein und da ist ein Camp ohne Hammeraussicht natürlich nicht akzeptabel.



    Die Aussicht von unserem Wunschplatz ist phänomenal, aber der Boden ist ziemlich uneben. Trotzdem findet nach einer Weile jeder einen Platz der irgendwie geht. Ich werfe meinen Rucksack auf den Boden und ziehe noch das Zelt aus der Tasche. Zum Aufbauen komme ich gar nicht mehr. Die Mücken gehen mir so dermaßen massiv auf den Sack, dass ich das Zelt fluchend fallenlasse und auf der Suche nach einem windigen Plätzchen abziehe. Ich habe in dem Moment noch nicht mal mehr die Ruhe gefunden, den Schnaps noch mitzunehmen.

    Direkt an der Kante, neben dem Wasserfall, weht tatsächlich ein leichter Wind, der die Mücken fernhält. Unten am See stapft gerade ein Elch aus dem Wald und steigt über den Bach. Schon ist er wieder verschwunden. Langsam bin ich wieder mit der Welt im Reinen. Ich sitze noch eine Weile auf dem warmen Felsen und baue dann das Zelt, mit Mückennetz auf dem Kopf, auf. Wir kochen direkt am Wasserfall, dann wird gebadet und fotografiert.



    Später finde ich noch einige Steinwarten die grob in Richtung des Tjårok zu führen. Auf der Karte ist zwar kein Weg eingezeichnet, aber ich bin mir relativ sicher, dass man von dort leichter hierherkommt als auf der Route die wir heute genommen haben. Auch jetzt, wo ich in Ruhe auf der Karte nachschauen kann, ist es mir ein absolutes Rätsel wo der eigentliche Weg hätte sein sollen.

    Der Abend entschädigt auf jeden Fall für die Strapazen des Tages. Lange noch sitzen wir in der Abendsonne an unserem Wasserfall und schauen über unseren Fjord. Nur unser Elch taucht nicht mehr auf.

    TAG 10 | 17.7.2018

    Wieder ein sonniger Morgen. Für uns geht es heute am Hievsttinjávrre vorbei Richtung Schweden. Bis zum Ufer des Sees geht es noch durch eine unübersichtliche Felslandschaft. Nach der gestrigen Quälerei sind heute schon kleine Stufen ernsthafte Hindernisse, die mit Bedacht angegangen werden wollen.



    Sobald wir das Seeufer erreichen wird die Route einfacher zu gehen. Wir bleiben auf der westlichen Seite und kommen relativ gut voran. Nach einer Pause mache ich beim Hochheben des Rucksacks irgendeine komische Bewegung und verreiße mir einen Muskel im Rücken. Super! Richtig bewegen kann ich mich jetzt nicht mehr und den rechten Wanderstock kann ich auch nicht mehr belasten. Da hilft erstmal alles nix, hoffentlich lässt sich das am Abend mit Tiger Balsam und Scotch wieder beheben.

    Wir müssen sagenhafte 50 Hm aufsteigen, um eine kleine Stufe zum nächsten See zu erklimmen. In einem Zug klappt das heute nicht mehr, also machen wir mittendrin nochmal kurz Pause. Ohne Rucksack sehe ich mich ein bisschen um. Wir haben eine schöne Stelle entdeckt. Der Fluss fließt unter einem Blockfeld durch, überall liegen große Felsbrocken. Am anderen Ufer liegt ein riesiges Rentiergeweih auf einer perfekten ebenen Fläche.



    Ohne große Überredungskunst lässt sich der Georg überzeugen, dass wir am besten gleich hierbleiben und unsere Zelte aufbauen. Schon nach kaum 7km und nur etwa 3h ist Schluss für heute, aber mehr war beim besten Willen nicht drin.


  8. Anfänger im Forum
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    #8
    04 – PADJELANTA

    TAG 11 | 18.7.2018

    Der kurze Tag gestern hat gutgetan. Ich habe versucht aus den beschränkten Mitteln das Beste zu machen und meinen lädierten Rücken irgendwie zu behandeln. Versuch mal dir selber den Rücken zu massieren während du auf einem Felsen rumkugelst. Blackroll ist doch was für Warmduscher! Der Tiger Balsam und das Ibuprofen haben sicher auch nicht geschadet. Alles in allem hat die Impro-Medizin offensichtlich funktioniert. Ich bin fast vollständig erholt und kann das Gehen heute wieder richtig genießen.

    Zuerst folgen wir dem Ræhtjátvágge nach Südosten über eine Reihe von Stufen und Bändern nach oben. Die Landschaft ist wunderschön und es macht Spaß sich einen Weg durch das Gelände zu suchen.

    Immer wieder stoßen wir heute auf Endurospuren. Ich bin mir zwar sicher, dass das wahnsinnig Spaß macht, aber wenn man sich den zerwühlten Boden anschaut, dann kann ich auch verstehen warum das hier strikt verboten ist.

    Ab der Passhöhe ändert sich die Landschaft wieder und es geht lange und recht eintönig über kahle Bergflanken voller Felsbrocken und Schutt. Einen Pass später kommt dann der Slahpejávrre in Sicht. Wir steigen an der Flanke des Ruonas weitläufig zum westlichen Ende des Sees ab. Gute 200 Hm geht es abwärts, aber es kommt mir viel weiter vor. Trotzdem macht es wieder Spaß hier zu gehen. Ohne groß zu überlegen kann man flott nach unten flitzen. Unten am See wird die Landschaft dann wieder interessanter. Das Gelände wird unregelmäßiger und mehr und mehr Felsen treten hervor. Auch hier treffen wir immer wieder auf die Endurospur.

    Den Moalkkomjåhkå furten wir noch und schlagen dann die Zelte auf. Gutes Timing, denn jetzt fallen schon die ersten Regentropfen. Den ganzen Tag über konnte man beobachten, wie massive Quellwolken über den Seen aufgestiegen sind. Jetzt haben sich daraus mehrere Gewitterzellen gebildet. Die erste zieht aber recht schnell über uns hinweg. In der Nacht blitzt, donnert und regnet es immer wieder aber das Gröbste zieht an uns vorbei.







    TAG 12 | 19.7.2018

    Morgens werden wir wieder von der Sonne geweckt. Scheinbar hat die lange Querung am steilen Hang meinem linken Fuß nicht besonders gutgetan. Am Morgen kann ich den Fuß gar nicht belasten, aber nach ein paar Schritten geht der Schmerz soweit zurück, dass es weiter gehen kann. Blöderweise erholt sich der Fuß nicht mehr komplett. Ab jetzt heißt es Zähne zusammenbeißen. Als das Zuhause immer noch nicht besser wurde habe ich mich mal schlau gemacht wie man sowas mit Tape stützen kann und dann wurde es schlagartig besser und war nach ein paar Tagen verschwunden. Wieder was gelernt, nächstes Mal wird gleich auf Tour getaped.



    Den Miehtjerjávrre passieren wir westlich und stiegen dann steil zum Njoammeljávrre ab. Hier geht es durch Gestrüpp und überwucherte Felsbrocken sehr anstrengend nach unten. Am Zufluss des Sees, direkt gegenüber einer Grenzwarte, machen wir Mittag. Schon während unserer Pause beobachten wir wie dunkle Wolken, nur wenige Meter über uns von Norwegen herüber gedrückt werden.

    Als wir nach der Pause weiterziehen, fängt es schon nach wenigen Schritten zu regnen an. Bis ich die Regenhose und Hardshell Jacke übergezogen habe schüttet es schon in Strömen. Wir müssen wieder aufsteigen, unser nächster Wegpunkt liegt knappe 150 Hm über uns. Ohne GPS wäre uns nichts übriggeblieben, als die Zelte aufzubauen und abzuwettern. Man sieht keine 20 Meter mehr und es ist unmöglich in diesem Gelände die Richtung zu halten. Ständig ändern wir die Richtung um Hindernissen auszuweichen. Den Großteil des Weges bis zum Gájtsasjjávrre legen wir auf der norwegischen Seite zurück.





    Ab dem See lässt der Regen etwas nach und hin und wieder sehen wir sogar den Bergkamm der Ridoalgge. Das wird unsere nächste Herausforderung werden. Gut 400 Hm Anstieg stehen uns bevor und nur selten können wir den Bergkamm überhaupt durch die Wolken sehen. Immer dann, wenn wir ein wenig Sicht haben müssen wir uns entscheiden welche Route wir nehmen wollen. Im GPS sind nur grobe Wegpunkte hinterlegt, die bestenfalls eine Himmelsrichtung bestimmen helfen. Die gesamte Navigation muss wie so oft auf Sicht erfolgen. Sobald wir Pause machen wird es saukalt, auch wenn der Regen größtenteils aufgehört hat.

    Das letzte Drittel des Aufstiegs, irgendwo östlich der Grenze, ist wieder mitten in den Wolken und man sieht fast gar nichts. Es zieht sich, man sieht kaum wie man vorwärtskommt und es geht steil nach oben. Als wir irgendwo östlich von P1050 die Passhöhe erreichen öffnet sich eine weite Senke mit dem Árajávrre vor uns. Ausgerechnet hier, wo wir wieder Sicht haben, kommen wir von unserem Track ab. Irgendwie schaffen wir es überhaupt nicht die Landschaft mit der Karte in Übereinstimmung zu bringen. Der See den wir sehen scheint eine andere Form zu haben als der Árajávrre, der auf der Karte eingezeichnet ist. Das kostet wohl noch mal ein paar extra Kilometer.



    Wir queren eine riesige Geröllhalde mit unzähligen Flüssen und Bächen. Wegen dem schlechten Wetter ziehen wir uns nicht mehr um und laufen einfach durchs Wasser. Erstaunlich wie tief das Wasser sein kann, ohne dass es durch die Hose dringt oder in die Stiefel läuft. Ich habe nicht mal Gamaschen. Wieder was gelernt, ab jetzt wird das nur noch so gemacht.
    Wir sehen eine große Herde Rentiere, sicher 50 Tiere die erstaunlich ruhig zuschauen als wir in nur wenigen Metern vorbeilaufen.

    Endlich sehen wir von einem Sattel aus den Vastenjaure. Wir sind zwischen P1020 und P899. Aber hier wollen wir nicht bleiben, die Mücken sind die Pest und es ist absolut windstill. Im Endspurt nehmen wir die letzten 1-2 km bis zur nächsten Stufe, wo wir uns ein wenig Wind versprechen. Wind gibt es da aber leider keinen, dafür umso mehr Mücken. Ist jetzt aber auch egal, heute geht nichts mehr. Die Füße schmerzen, wir sind am Ende. Maximal vermummt wird gekocht und gegessen, dann ab ins Bett.

    Obwohl wir heute das schlechteste Wetter der Tour hatten, kommen wir doch ordentliche 22 km weit. Ich habe schon öfter beobachtet, dass man bei miesen Bedingungen oft einfach durchläuft. Durch die wenigen Pausen die man macht kommt dann abends häufig eine anständige Strecke zusammen.

    TAG 13 | 20.7.2018

    Am Morgen hängen tiefe Wolken über den Zelten. Wir warten ab. Gegen Mittag klart es zwar auf, aber wir beschließen trotzdem heute nochmal einen Ruhetag einzulegen. Die Mücken halten sich wieder an ihren gewohnten Tagesablauf und gehen uns erst wieder abends auf den Sack. Bis dahin hab wir viel Zeit um zu lesen, im Teich zu baden und Wäsche zu waschen.

    Am Nachmittag laufe ich noch Richtung Vastenjaure. Es ist deutlich weiter als gedacht, aber in den leichten Turnschuhen fühlt sich das Gehen richtig leichtfüßig an.







    TAG 14 | 21.7.2018

    Heute löst sich endlich das Rätsel, warum wir meistens die geplanten Tagesstrecken nicht geschafft haben. Zum ersten Mal lasse ich den ganzen Tag das GPS mitlaufen. Am Abend stellt sich heraus, dass die tatsächliche Strecke im Vergleich zur groben Planung um den Faktor 1,3 länger ist. Dass der Unterschied so groß ist, hätte ich nicht gedacht. Das bedeutet, eine Etappe die mit 15 km geplant war ist echte 20 km lang. Das erklärt so einiges.



    Wir folgen der Ebene weit nach Westen, bis zum Báktegiesjjávrásj, und steigen dann neben einem Wasserfall steil zum Vastenjaure ab. Wieder geht es oft durch Gestrüpp und überwachsene Felsen. Vorsicht ist angesagt.

    Wir überqueren den Hurrejåhkå und machen kurz darauf am Guovddelisjåhkå Rast. Nach der Mittagspause ziehen schon wieder schwarze Gewitterwolken auf und es fängt gewaltig an zu stürmen. Auf der Karte ist nicht weit von hier eine Jagdhütte eingezeichnet. Dort versuchen wir Unterschlupf zu finden aber es ist alles verriegelt.

    Der Karte nach sollte es ganz in der Nähe eine super Stelle zum Zelten geben. In einem tief eingeschnittenen Tal direkt neben einem See. Das Wetter sieht aber dermaßen düster aus, dass wir darauf verzichten und an der erstbesten ebenen und halbwegs windgeschützten Stelle bleiben.



    Wir haben trotz allem Glück, das Unwetter zieht vorbei und es klart bald wieder auf. Gegen Abend machen wir noch einen größeren Fotospaziergang. Wir folgen dem kleinen Bach neben unseren Zelten hangaufwärts. Was von unten relativ langweilig aussah entpuppt sich als wunderschöner Bachlauf in sehr interessantem Gelände.







    TAG 15 | 22.7.2018

    Es ist bewölkt und windig. Wir packen zusammen, ziehen aber vorerst nur etwa einen Kilometer weiter. Hier deponieren wir die Rucksäcke und laufen mit leichtem Gepäck Richtung Westen. Wir wollen das Trolldalen erkunden. Ich glaube Bernie hat das Tal in seinem Bericht mal erwähnt, war aber auf der norwegischen Seite unterwegs. Wir wollen sehen wie weit man von schwedischer Seite ins Trolldalen vordringen kann. Die Karte lässt eine tief eingeschnittene, spektakuläre Schlucht erwarten.

    Der kurze Ausflug wird landschaftlich ein Traum. Viel Fels und Wasser, interessante Wegfindung und eine beeindruckende Schlucht am Ende. Von schwedischer Seite kommt man nur über eine abenteuerliche Querung am ersten See vorbei. Hier muss man sich nördlich halten, die Südseite ist unpassierbar. Auch hier muss man einen 60-70° steilen grasigen Abschnitt überwinden. Notfalls würde das auch mit schwerem Gepäck gehen, trittsicher und schwindelfrei sollte man aber schon sein.





    Von unserem Depot aus dauert es kaum eine Stunde, bis wir die Felskante über dem Trolldalen erreichen. Hier ist für uns Schluss. Ohne Kletterausrüstung kommt man hier kaum weiter. Für die unter uns, mit maximal ausgeprägten Testikeln gäbe es einen ziemlich kriminellen Abstieg ins Trolldalen an einem Wasserfall entlang. Das ist mir aber deutlich zu krass. Ganz eventuell könnte man die Schlucht südlich von P903 umgehen. Der Karte nach, wird es auf norwegischer Seite dann zwar wieder kriminell steil, aber das könnte theoretisch eine spektakuläre Route ergeben.



    Zurück am Depot machen wir kurz Mittag und ziehen dann mit den Rucksäcken weiter. Wir wollen heute noch bis zum Rago Nationalpark kommen und etwa auf Höhe der Grenze campen. Dazu folgen wir dem Tal südlich des Snøtoppen. Zuerst geht es nochmal anstrengend über Felsrippen aufwärts, dann folgen wir in leichtem Gelände einem Flusslauf. Schon bald wird die Landschaft wieder beeindruckender. Direkt am Fuß der Steilhänge des Snøtoppen (bzw. von P1204) folgen wir unserem Tal. Ein paar Kilometer vor der Grenze finden wir eine schöne Stelle neben dem Fluss. Hier bleiben wir.













    In höchstens drei Tagen ist unsere Tour zu Ende. Ich freue mich tatsächlich schon drauf zurück in die Zivilisation zu kommen, die letzten Tage werde ich aber nochmal genießen.

  9. Anfänger im Forum
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #9
    05 – RAGO

    TAG 16 | 23.7.2018

    Es ist bewölkt und kühl. Die meisten Sachen sind schon verpackt, als es doch noch zu regnen beginnt. Zum Glück stehen die Zelte aber noch. Wir warten bis zum späten Nachmittag trockenere Bedingungen ab und ziehen erst gegen 15:30 los.

    Der Einstieg in den Rago NP ist atemberaubend. Lange laufen wir über plattiges Gelände voller Findlinge, das immer wieder von Seen durchsetzt ist. Nach eineinhalb Stunden erreichen wir die letzte Stufe zum Rago runter. Die Aussicht ist grandios und sogar die Sonne kommt zur Feier des Tages nochmal kurz raus. Die letzten Schlucke Whiskey, extra hierfür aufgehoben, werden geleert. Wir haben das erste Mal seit Hellmobotn Netz und senden Lebenszeichen nach Hause.









    Etwa eine Stunde später erreichen wir die Ragohytta. Eine winzige Hütte für gerade mal 2 Personen, wieder unverschlossen und kostenlos. Wir bleiben und freuen uns darüber den Ofen anheizen zu können und der Kälte zu entkommen.



    TAG 17 | 24.7.2018

    Trotz bequemer Isomatte und warmem Schlafsack, nach zweieinhalb Wochen ist ein Bett in einer Hütte schon sehr viel wert. Nach dem Aufwachen heize ich den Ofen wieder an und koche Teewasser. Ganz gemütlich packen wir zusammen und räumen die Hütte auf. Zwei, vielleicht noch drei Tage haben wir dann erreichen wir das Ende unserer Tour.



    Die ersten Schritte fallen heute sehr schwer, der linke Fuß schmerzt gewaltig. Es dauert lange bis ich meinen Rhythmus finde. Am Anfang stolpere ich wie der erste Mensch in der Gegend herum. Landschaftlich wird der Tag wieder der Hammer - ein super Ausklang für eine großartige Tour.





    Wir hatten geplant östlich von P656 über den Sølvskarvatnan zum Litlverivatnet zu queren um schlussendlich beim Wasserfall abzusteigen. Ohne Gepäck kundschaften wir die Gegend um P656 aus und verschaffen uns einen Überblick über das Gelände.



    Die geplante Strecke wäre wunderschön. Über viele Stufen würde es durch Täler und über Kämme zwischen Seen hindurch gehen. Trotzdem entscheiden wir den Plan ein letztes Mal zu ändern und auf dem markierten Weg abzusteigen. Auf schweres, wegloses Gelände haben wir heute beide keine Lust mehr.

    Es folgt ein sehr steiler Abstieg für ca. 200-300 Hm, dann entlang eines Sees. Wir folgen dem Tal auf der Nordseite Richtung Osten zum Ausstieg. Wir dachten der Weg würde ab hier mehr oder weniger auf gleicher Höhe dem Fluss folgen. Wieder einmal reicht die Auflösung der Karte nicht aus. Es kommen einige leichte Kletterstellen und es geht ständig auf und ab. Wären wir einfach die 300 Hm wieder zum Litlverivatnet aufgestiegen, dann hätten wir heute weniger Höhenmeter machen müssen als auf unserem vermeintlich leichten Weg.

    Landschaftlich bleibt es aber weiterhin wunderschön, nur können wir es nicht mehr genießen. Alles tut weh und wir sind mit unseren Kräften am Ende. Wir umgehen eine Anhöhe in einem Tal voller großer Farne, Kiefern und Birken. Der Wald ist nach 15 Tagen Fjäll eine willkommene Abwechslung. Hier treffen wir auch wieder auf die ersten Menschen seit Hellmobotn.



    Es zieht und zieht sich, aber letztendlich erreichen wir den Parkplatz. Direkt vor uns sind zwei Norwegerinnen angekommen, die uns mit zur nächsten größeren Straße nehmen. Der nächste Bus würde erst in einigen Stunden kommen, aber schon nach 15 min nimmt uns ein Auto mit nach Fauske. Der Fahrer fragt noch ob er uns direkt zum Zeltplatz fahren soll, aber unsere Prioritäten sehen anders aus.

    Wir lassen uns am Supermarkt rausschmeißen und kaufen erstmal zwei Sixpacks Bier. Auf einer Bank direkt am Meer stoßen wir auf die gelungene Tour an. Die letzten 2,5 km zum Zeltplatz sind dann schnell erledigt. Heiße Duschen, eine Kaffeemaschine - die Zivilisation hat uns wieder. Wir sitzen noch bis spät abends auf der Terrasse, trinken Bier und hören Musik, während neben uns der Regen niederprasselt.



    "Chuck Norris has once beaten the ODS user interface and posted a travel report including photos." (Quelle: www.roundhousekick.de)

  10. Erfahren
    Avatar von Fjellfex
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #10
    Die beiden sixpacks habt ihr euch redlich verdient!

    Danke für´s Mitnehmen.

  11. Dauerbesucher
    Avatar von Pfiffie
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #11
    Klasse . Die vielen Anstiege mit dem schweren Gepäck, Respekt! Gefällt mir sehr gut dein Bericht und die tollen Fotos noch dazu. Mich schrecken so Steile Anstiege gerade am Anfang doch sehr ab, weiß nicht ob ich das so geschaft hätte.

    Den Faktor 1,3 kann ich nachvollziehen, das habe ich ähnlich erlebt gerade bei welligen Profil ist die Strecke wesentlich länger und anstrengender als auf der Karte berechnet.

    Grüße Maik
    "Freiheit bedeutet, dass man nicht alles so machen muss wie andere"

  12. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #12
    Vielen Dank auch von mir für den schönen Bericht . Mal abgesehen von den praktischen Informationen (ich hab mir Eure Route in der Karte markiert und vergleiche später noch mal mit Volkers und Bernies) und den nützlichen Fotos bist Du ja nie um ein treffendes Wort verlegen - sehr anschaulich, macht Spaß zu lesen.

  13. Anfänger im Forum
    Avatar von ChuckNorris
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #13
    @Borgman: Vielen Dank. Wenn du noch weitere Infos zu einzelnen Gegenden willst, dann sag Bescheid. Ich bin noch zwei Wochen erreichbar, dann geht es in den Lomsdal-Visten NP und hier ist erstmal Funktstille.

  14. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #14
    Zitat Zitat von ChuckNorris Beitrag anzeigen
    @Borgman: Vielen Dank. Wenn du noch weitere Infos zu einzelnen Gegenden willst, dann sag Bescheid. Ich bin noch zwei Wochen erreichbar, dann geht es in den Lomsdal-Visten NP und hier ist erstmal Funktstille.
    Das mach ich auf jeden Fall, danke. Vor allem interessiert mich der Abschnitt zwischen Slahpejávrre und Rago. Ich schick Dir am besten eine PN.
    Lomsdal-Visten also, spannend, da wünsche ich Dir schon mal viel Spaß und gutes Wetter. Hoffentlich wartest Du danach mit dem Bericht nicht wieder ein ganzes Jahr

  15. Anfänger im Forum
    Avatar von ChuckNorris
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #15
    Du kannst deine Fragen auch gerne direkt hier in den Thread schreiben. Vielleicht können dann auch andere von den Infos profitieren. Wenn es dir lieber ist, geht eine PN aber natürlich auch klar.

  16. Erfahren
    Avatar von vobo
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #16
    Hei, das hat ja Spaß gemacht den Bericht mit Chips und Sixpack zu lesen. Bin gerade in Straumen wieder in die Zivilisation gekommen und konnte einige Lücken der damaligen Tour schließen. Bericht dauert aber noch. Habe viele Orte durch Deine Bilder wiedererkannt, schön. Und die Worte sind so, wie ich sie mir häufig auch stumm ausspreche... danke.

  17. Anfänger im Forum
    Avatar von ChuckNorris
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #17
    Freut mich, dass es dir gefallen hat den Bericht zu lesen. Deine Tourbeschreibung war schließlich einer der Hauptgründe diese Route zu gehen.

    Dann bin ich mal gespannt, wo es dich diesmal hin verschlagen hat.

  18. Erfahren
    Avatar von Blahake
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #18
    Dein Bericht kam genau pünktlich, um mir vor dem Anstieg von Stora zum Vesterskardvatnet Bange zu machen. Bin kurz nachdem Du den Bericht angefangen hast gestartet. Zum Glück ging das dann doch ganz gut. Jetzt wieder zurück habe ich viel Spaß gehabt, Eure Tour weiterzuverfolgen. Hab' Dank für den sehr schönen Bericht!!

  19. Fuchs
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    AW: [NO / SE] Von Stora zum Rago NP

    #19
    Klasse Tour, prima Bericht und tolle Fotos!
    Vielen Dank dafür!
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    Das Wetter, das man jeden Morgen in sich selber macht, ist viel wichtiger als das Wetter draußen. Fynn

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