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  1. Erfahren
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    [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #1
    Mitreisende: OutofSaigon


    „Woll´n Sie auf die Emberger Alm?“ fragt mich ein Herr freundlich aus dem geöffneten Autofenster. „Ja“ sage ich, „sind Sie Herr Sattlegger?“ - „Jo, der bin i´; also foahr´ ma los!“ – So geschehen im Juni 2019 auf dem Bahnhofsvorplatz von Greifenburg in Kärnten, etwa auf dem halben Weg zwischen Lienz und Spittal an der Drau. Für diesen Sommer hatte ich wieder einmal einen Wanderurlaub in den Alpen geplant; das ließ sich gut verbinden mit anderen Dingen, die ich in Deutschland und Österreich zu erledigen hatte. Bei diesem Planen hatte ich unter anderem geschaut, für welche Bereiche der Alpen es noch keine Tourenberichte auf den Outdoorseiten gibt, und dabei war mir die Kreuzeckgruppe am südlichen Rand der Hohen Tauern aufgefallen. Für weitere Einzelheiten hatte ich mich stark auf die Website „Bergwelten“ gestützt; dort findet man eine Vielzahl von recht genauen Beschreibungen von Touren und Hütten in den Alpen. So war ich eben darauf gekommen, daß die Emberger Alm ein gutes „Basislager“ für Wanderungen in der Kreuzeckgruppe sein müßte, und hatte mir dort von den Betreibern, dem Ehepaar Sattlegger, ein Zimmer reservieren lassen. Da Herr Sattlegger an meinem Ankunftstag sowieso etwas im Talort Greifenburg zu tun hatte, holte er mich netterweise vom Bahnhof ab; denn die Zufahrt zur Alm selbst ist lang, und ich wollte sie nicht laufen müssen. So werde ich denn mit dem BMW die Asphaltstraße hoch gefahren und komme mir vor wie Graf Koks.

    Die erwähnte Website „Bergwelten“ listet die Emberger Alm als eine Berghütte auf (sonst hätte ich sie ja auch gar nicht gefunden), aber das ist nicht wirklich zutreffend. Vielmehr handelt es sich um einen Berggasthof, leicht mit dem Auto zu erreichen und dementsprechend stark frequentiert von älteren Herrschaften, Familien mit Kindern und anderen, die es im Urlaub gerne ruhig angehen lassen, aber dennoch ein wenig Bergluft haben wollen. Für mich aber ist sie ein sehr adäquates Basislager; denn ich habe ja nicht nur meine Wandersachen dabei, sondern noch einen zweiten, größeren Rucksack mit Stadtklamotten, Stadtschuhen und Arbeitsmaterialien für eine fünfwöchige Reise durch Mitteleuropa, also Dingen, die ich nicht auf den Bergen im Kreis herum tragen will.


    Als erstes bieten sich mir Bilder wie aus dem Fremdenverkehrs-Prospekt; Ahhh - Sommerfrische:

    #1: Emberger Alm


    #2: Emberger Alm

    Der Nordhang des Drautals ist auch ein Dorado für Gleitschirmflieger. Offenbar gibt es hier den ganzen Tag lang richtig gute Thermik, und so kommen die Gleitschirmflieger zu Hunderten hierher:

    #3: Gleitschirmflieger am Nordhang des Drautals

    So weit, so kitschig, könnte man sagen, und ich kann mir gut vorstellen, daß die Puristen auf diesem Forum schon beginnen, die Nase zu rümpfen: solche Fotos gehören doch nicht hierher! Keine Angst, Freunde: ich schwenke schon noch auf den „richtigen“ Kurs ein... *zwinker*


    Der Tag ist schon zu fortgeschritten, um noch eine längere Wanderung anzutreten, aber es reicht doch noch für einen kleinen Nachmittags-Spaziergang auf dem Fahrweg hinüber zur nahe gelegenen Oberberger Alm.


    #4: Herrliches Grün im Fichtenwald


    #5: Blumen am Wegesrand

    Ende Juni denken die Bauern bereits an den Almauftrieb; wenigstens treiben sie das Vieh schon einmal Zug um Zug auf immer höher gelegene Wiesen.


    #6: Rinderherde auf dem Weg zu einer höher gelegenen Wiese

    Nach einer guten Stunde Gehzeit erreiche ich die Oberberger Alm. Nichts Besonderes, aber ganz nett.


    #7: Oberberger Alm

    Der Gasthof „Tristenhaus“, den ihr z. B. auf „Opentopomap“ eingetragen findet, wird leider nicht mehr bewirtschaftet (davor hatten mich die Leute auf der Emberger Alm schon gewarnt), und so kann ich hier leider nicht die Radler-Halbe trinken, die ich verdient zu haben glaube. Aber so geht es eben im Leben: man bekommt keineswegs immer das, was man verdient zu haben glaubt. - So gehe ich denn - was bleibt mir anderes übrig? – ganz gemütlich den gleichen Weg wieder zurück.


    #8: Ich lege mich auf den Bauch, erfreue mich am Sonnenschein und an den Blumen...


    #9: ... und beobachte ohne jede Hast einen Schmetterling.


    #10: Es ist eben alles „Bergsommerurlaub, wie er im Buche steht“, und ein älterer Herr, der an mir vorbei spaziert, genießt ihn offenbar ebenso wie ich selbst.


    Beim Abendessen (heute: Hirschgulasch) nehme ich mir aber vor, daß es ab morgen früh richtig zur Sache gehen soll...



    Fortsetzung folgt

    Geändert von OutofSaigon (03.08.2019 um 09:45 Uhr)

  2. AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #2
    Das fängt schon einmal ganz gut an, und ich freue mich schon darauf, wenn es dann "richtig zur Sache" geht...

  3. Erfahren
    Avatar von OutofSaigon
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    AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #3
    Auf den Knoten, fertig, los!

    Eines hat dieser Berggasthof mit einer richtigen Berghütte gemeinsam: die Hinterausgang ist immer unverschlossen. So kann ich am nächsten Tag früh um halb fünf Uhr problemlos hinaus. Eine kleine Weile lang folge ich noch einmal dem Fahrweg in Richtung zur Oberberger Alm, dieses Mal allerdings im Schein meiner Stirnlampe; dann aber zweigt ein schmaler Wanderpfad nach rechts ab und führt langsam den Hang hinauf. Im ersten Morgengrauen erreiche ich eine Wiese und finde dort die Rinder vor, die ich gestern nachmittag schon gesehen hatte (siehe Foto #6). Die Wiese liegt wohl nahe einer Quelle, jedenfalls ist sie richtig sumpfig, und bevor ich es mich versehe, stecke ich schon drin und kriege mit meinen Zustiegschuhen gleich nasse Socken. Dann aber komme ich höher und über die Waldgrenze hinaus.


    #11: Im Morgengrauen schaue ich auf den Reißkofel in den Gailtaler Alpen, also bereits südlich des Drautals

    Nun wird es rasch heller, und ich nähere mich dem Sattel, der „Ochsentörl“ genannt wird (siehe Skizze am Anfang des nächsten Abschnitts). Vor mir liegt nun das Ziel dieser kleinen Morgenwanderung: ein Gipfel namens „Knoten“, 2214m hoch. Ich versuche, jetzt zügig dort hin zu kommen, um den Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu erleben; schließlich ist es nun schon beinahe halb sechs Uhr. Na, und wie ich so versuche, flott voran zu kommen, da passiert es: ich stoße mit der rechten Schuhspitze an einen Stein, es macht „Prrapp“, und die vordere Hälfte meiner rechten Schuhsohle hat sich abgelöst. Murphy´s Law: so etwas passiert immer dann, wenn man es absolut nicht brauchen kann. Ich versuche noch, weiter zu gehen, aber mit der halb abgelösten Sohle komme ich so schlecht voran, daß ich mir überlege: es ist wohl besser, sie gleich ganz abzureißen und in den Rucksack zu stecken, dann eben ohne Sohle weiter zu gehen, und am Nachmittag eine Reparatur vorzunehmen. So verfahre ich denn auch. Vor mir sehe ich zwei junge Leute, die flott auf den Gipfel rennen und zweifelsohne vor mir dort sein werden. Auch ich bin nun schon ziemlich hoch am Hang, und die ersten Sonnenstrahlen erreichen mich bereits.


    #12: Erste Sonnenstrahlen beim Aufstieg zum Knoten


    #13: Der Gipfel des Knoten ist nun zum Greifen nahe; zwei andere Wanderer sind schon dort

    Dann, um 5.45 Uhr, erreiche auch ich den Gipfel, war also ab Emberger Alm rund 1:15 Stunden unterwegs gewesen, mithin deutlich weniger lange als auf dem Wegweiser bei der Emberger Alm steht (1:50 Stunden). Zeit für eine kleine Pause, und vor allem: Zeit zum Genießen.


    #14: Morgensonne auf dem Gipfel des Knoten


    Tja, und dann gehe ich eben wieder zurück; zunächst zum Ochsentörl, von wo ich noch einmal auf den Knoten schaue.


    #15: Wegweiser am Ochsentörl mit Knoten im Hintergrund

    Für den weiteren Rückweg will ich nicht noch einmal durch den blöden Sumpf gehen müssen und schwenke daher um auf einen anderen Weg, der relativ direkt zur Fahrstraße zwischen Oberberger und Emberger Alm führt. Der Blick zurück auf den Knoten ist schön.


    #16: Alpenrosen mit Knoten im Hintergrund

    Mehr oder weniger an dieser Stelle schlägt Murphy´s Law ein weiteres Mal zu: auch von meinem linken Schuh löst sich plötzlich die vordere Hälfte der Sohle. Ich fackele nicht lange, reiße die Sohle gleich ganz ab und stecke sie in meinen Rucksack. Nun laufe ich also ohne Sohlen, und ich kann euch sagen: ohne jedes Profil hat man auf einem grasbewachsenen Abhang arg schlechten Halt. So taste ich mich denn vorsichtig und relativ langsam abwärts.


    Inzwischen bin ich tiefer gekommen und bereits wieder unterhalb der Waldgrenze. Dafür ist die Sonne höher gekommen und taucht den Lärchenwald in ein ganz wunderbares Licht mit unglaublich satten Farben:



    #17 und 18: Lärchenwald im Morgenlicht

    Ich denke an die Urlaubsgäste, die diese herrliche Morgenstimmung glatt verpassen, weil sie einfach nicht früh genug aus dem Bett kommen, und ich kann nur schmunzeln bzw. den Kopf schütteln.

    Dann erreiche ich die erwähnte Fahrstraße und latsche auf dieser - wie gesagt: an beiden Schuhen ohne Sohlen! - zur Emberger Alm zurück. Auch dies aber durch einen Lärchenwald, der sich im frühen Morgenlicht von seiner besten Seite präsentiert:




    #19 und 20: Rückweg durch den morgendlich beleuchteten Lärchenwald

    Ich erreiche den Gasthof um 7:45 Uhr, und das bedeutet: die Gäste dort haben bei meiner Rückkehr noch nicht einmal begonnen mit ihrem Frühstück! NOCH NICHT EINMAL BEGONNEN!!


    #21: Blick von der Emberger Alm auf den Reißkofel, noch vor Beginn des Frühstücks um acht Uhr


    Später am Tag, nach Verzehr einer guten Leberknödelsuppe, inspiziere ich meine Schuhe und überlege, wie ich sie wieder reparieren kann. Letztlich aber komme ich zu dem Schluß, daß dies wohl nicht mehr klappen wird bzw. nicht mehr sinnvoll ist: auch in anderer Hinsicht sind die Schuhe eben doch bereits stark abgenutzt. Nun will ich aber nicht meckern: dies sind die Halbschuhe, die mich im März 2016 auf dem Mount Meru in Tansania gerettet haben, als meine Stiefel sich auflösten. Ich muß ihnen dankbar sein für ihre Dienste. - Liebe Leser, ihr müßt wissen: alle meine Ausrüstungsgegenstände sind lebendig und haben eine Seele; sie haben vieles gemeinsam mit mir erlebt und erinnern sich daran. Aber sie haben nun einmal, wie alle Lebewesen, nur eine endliche Lebensdauer, und irgendwann einmal geht es einfach nicht mehr. So werden diese Schuhe nun im schönen Kärnten ihre letzte Ruhestätte finden, und ich werde ab morgen mit anderen Schuhen weiter ziehen.

    Am Nachmittag richte ich meine Wandersachen her und verstaue in meinem großen Rucksack alles, was ich nicht mit auf meine Bergwanderung mitnehmen will. Das wird bis zu meiner Rückkehr auf dem Gasthof deponiert. So bin ich bestens präpariert für den Abmarsch morgen früh.



    Fortsetzung folgt
    Geändert von OutofSaigon (07.08.2019 um 04:11 Uhr)

  4. Gerne im Forum
    Avatar von BitPoet
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    AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #4
    Schöner Bericht, bin gespannt wie es (mit hoffentlich weniger Auflösungsneigung bei den Schuhen) weiter geht. Die Kreuzeckgruppe ist super schön, war auch im Juni dort unterwegs und habe beim Bruno übernachtet. Mein Tourenbericht ist aber noch in Arbeit. Den Teerhatscher von Greifenburg rauf auszulassen war auf alle Fälle eine sehr gute Entscheidung. Ich bin das Stück bei 38° runter gelaufen, und der Spaß war begrenzt
    There is only one single long trail, and you never stop walking it.

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    AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #5
    Zitat Zitat von BitPoet Beitrag anzeigen
    Schöner Bericht, bin gespannt wie es (mit hoffentlich weniger Auflösungsneigung bei den Schuhen) weiter geht. Die Kreuzeckgruppe ist super schön, war auch im Juni dort unterwegs und habe beim Bruno übernachtet. Mein Tourenbericht ist aber noch in Arbeit. Den Teerhatscher von Greifenburg rauf auszulassen war auf alle Fälle eine sehr gute Entscheidung. Ich bin das Stück bei 38° runter gelaufen, und der Spaß war begrenzt
    38 Grad, sagst du? Das kann nur während der Hitzewelle der letzten Junitage gewesen sein. Genau zu der Zeit war ich auch dort. Wir müssen fast aneinander vorbei gelaufen sein. Warum hast du mich nicht angesprochen? Warst so in deine Poesie versunken, was? *zwinker*

    Der Berichtsteil von meiner Wanderung zu Bruno auf der Feldnerhütte kommt nächster Tage...

  6. Erfahren
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    AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #6
    Richtig klasse!

    Muß es denn immer Montblanc sein? Ein "Hoch!" auf die Kreuzeckgruppe!

    Ich gehöre auch zu den Irren, die gerne mit dem Hellwerden (oder eher) im Hochsommer unterwegs sind: angenehme Temperaturen, herrliche Licht-Schatten-Effekte, Stille, usw usw... echt traurig, daß die meisten das verpennen...

    Wenn nur Murphy´s Gesetz nicht wäre...

  7. Gerne im Forum
    Avatar von BitPoet
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    AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #7
    Zitat Zitat von OutofSaigon Beitrag anzeigen
    38 Grad, sagst du? Das kann nur während der Hitzewelle der letzten Junitage gewesen sein. Genau zu der Zeit war ich auch dort. Wir müssen fast aneinander vorbei gelaufen sein. Warum hast du mich nicht angesprochen? Warst so in deine Poesie versunken, was? *zwinker*
    Oder in die kühlen Biere aus dem Trog beim Turggerbach

    Mein schlaues Buch sagt, dass ich am 24.6. nach Greifenburg hinunter bin.
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  8. Erfahren
    Avatar von OutofSaigon
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    AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #8
    Zitat Zitat von BitPoet Beitrag anzeigen
    Mein schlaues Buch sagt, dass ich am 24.6. nach Greifenburg hinunter bin.
    Ich selbst bin am 26. Juni hinauf gefahren. Da war es sommerlich warm, aber hatte keinesfalls 38 Grad. Am 30. Juni war es unglaublich heiß.

    Aber mit solchen Details sollten wir die Leserschaft nicht langweilen. Die Leserschaft erwartet jetzt (und bekommt auch gleich) den nächsten Berichtsteil...

  9. Erfahren
    Avatar von OutofSaigon
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    AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #9
    Zur Feldnerhütte

    Wenn ich ein Frühstück schon bezahlen muß, dann konsumiere ich es auch, das ist doch wohl klar. Frühstück gibt es auf dem Gasthof, wie erwähnt, leider erst ab acht Uhr, und so ist es logischerweise fast neun Uhr, bevor ich wirklich unterwegs bin. So komme ich denn endlich wirklich „zur Sache“. Bereits nach zehn Gehminuten teilt sich der Weg, und man findet eine ganze Batterie von Wegweisern vor.

    #22: Wegweiser-Batterie

    Zum besseren Verständnis zeige ich euch hier die Haupt-Wanderwege in diesem Teil der Kreuzeckgruppe in vereinfachter Form:

    #23: Kartenskizze des südichen Teils der Kreuzeckgruppe

    Heute gehe ich an der oben gezeigten Weggabelung nach links, um die Feldnerhütte über das Sensentörl zu erreichen. Übermorgen werde ich von rechts her zurück kommen. Die Wege zwischen der Emberger Alm und dem Zweiseentörl sind beliebt und dementsprechend relativ stark begangen. Das liegt erstens daran, daß man eine Rundtour, auf welcher Weg-Kombination auch immer, leicht als Tagestour machen kann (sechs bis sieben Stunden Gehzeit). Zur Feldnerhütte allerdings braucht man rund fünf bis sechs Stunden je Richtung. Zweitens sind die Wege bis zum Zweiseentörl auch alle leicht begehbar, ich würde sie allesamt als T1 klassifizieren. Der Pfad zur Feldnerhütte dagegen ist schon eine etwas andere Liga.

    Der Weg führt stetig aufwärts, ich gewinne recht rasch an Höhe, so daß ich bald die Baumgrenze hinter mir lasse und leicht alpin anmutendes Gelände erreiche.

    #24: Blick ins Drautal auf dem Weg zum Naßfeldriegel

    Die Wanderroute zur Feldnerhütte geht zunächst zu einem kleinen Paß, der „Naßfeldtörl“ genannt wird. Es gibt noch ein zweites „Naßfeldtörl“, von dem im nächsten Abschnitt die Rede sein wird. Noch vor diesem ersten „Naßfeldtörl“ führt ein kleiner Nebenweg auf den Gipfel des Naßfeldriegels, der ja schon in der oben gezeigten Wegweiser-Batterie erwähnt war. Der Naßfeldriegel ist nur eine sanfte, mit Gras bewachsene Kuppe, die jedes dreijährige Kind problemlos „ersteigen“ könnte. Nur um das Gipfelkreuz herum liegen ein paar Steine:

    #25: Gipfelkreuz des Naßfeldriegels

    Beim Wieder-Abstieg auf die Haupt-Wanderroute schaue ich noch einmal auf den gestern früh bestiegenen Knoten sowie auf das Hochkreuz, den zweithöchsten Gipfel der Kreuzeckgruppe.

    #26: Blick vom Naßfeldriegel auf den Knoten (Bildmittelgrund) und das Hochkreuz (rechts oben)



    #27: Der Enzian blüht ...


    #28: ... und die Alpenrosen sowieso


    Nun wird der Weg ein wenig anspruchsvoller, einige Stellen sind sogar mit Halteseilen ausgestattet; diese dienen aber mehr zum leichteren Emporziehen über eine Felsstufe als zur Sicherung vor einem Absturz; der Weg ist nicht wirklich ausgesetzt oder gar gefährlich. Es ist immer noch ein leichter Weg, und die etwas schwierigeren Stellen sind vielleicht drei Mal zwanzig Meter lang.

    #29: Der Weg nach Norden zum Zweiseentörl

    Auf diesem Abschnitt begegnet mir ein älterer Herr (noch älter als ich selbst, bestimmt deutlich über siebzig), der mich beeindruckt: drahtig und durchtrainiert ist er, hat nur eine Wasserflasche dabei und Trailrunner-Schuhe an den Füßen. Wie gesagt: er kommt mir entgegen, ist also schon wieder auf dem Weg zurück nach Hause. Es ist ein Einheimischer, der offensichtlich regelmäßig hier herum läuft (wohlgemerkt: läuft, nicht geht). Wir wechseln ein paar freundliche Worte, dann trabt er in durchaus beachtlichem Tempo weiter talwärts. Ich schaue ihm nach und ziehe innerlich den Hut vor ihm: Respekt, Respekt!

    Schließlich erreiche ich den höchsten Punkt dieses Wegabschnitts, unterhalb des Gipfels der Hohen Tristen. Ich überlege, ob ich den Abstecher auf den Gipfel machen soll, aber verwerfe dann diese Idee, denn das würde mich wohl eine ganze Stunde kosten. Eine kleine Pause gönne ich mir nun aber doch; denn mittlerweile ist es bereits halb zwölf.


    #30: „Wanderstiefel mit Sensenspitze“, so könnte man dieses Bild betiteln, in Anlehnung an Ausdrücke wie zum Beispiel „Stilleben mit Sonnenblumen“; man könnte vielleicht auch sagen „Wanderstiefel mit Sensenspitze und Hohen Tauern“, in Anlehnung an Ausdrücke wie zum Beispiel „Sauerbraten mit Rotkohl und Klößen“. Naja, irgend so etwas eben...

    Ab hier traversiert der Weg dann westlich (also in obigem Foto links) unterhalb der Sensenspitze und erreicht wenig später das Zweiseentörl. Bis dorthin sind, wie gesagt, recht zahlreiche Wanderer auf der Route unterwegs. Vom Zweiseentörl bis zur Feldnerhütte, also über zwei Stunden lang, treffe ich dann allerdings niemanden mehr.


    Nach dem Zweiseentörl traversiert der Weg zunächst am Fuße eines Steilhanges unterhalb der Grafischen Tristen. Beim Gehen denke ich darüber nach, warum der Berg wohl „Grafische Tristen“ heißt; mit grafischer Kunst hat es wohl nichts zu tun. Kommt das von irgendeinem Grafen oder einer Grafschaft? Der Steilhang erscheint mir recht steinschlaggefährdet, und ich gehe deshalb zügig darunter her, ohne zu pausieren. Für ein paar Fotos nehme ich mir aber dennoch Zeit.


    #31: Blick nach Süden auf den Einsee; genau oberhalb davon der Gipfel des Knoten; ganz rechts oben das Hochkreuz


    #32: Der Pfad zum Lackentörl (rechts am Bildrand empor) ist relativ wenig begangen und auch nicht mehr ganz so einfach wie die vorherigen Wegabschnitte


    Wenig später eröffnet sich ein wunderbarer Blick nach Norden: wirklich eindrucksvoll, muß ich sagen.


    #33: Blick nach Norden auf die Hauptkette der Hohen Tauern und den Großglockner (rechts)


    Nach einiger Zeit, etwa anderthalb Stunden Gehzeit ab dem Zweiseentörl, erreiche ich dann einen weiteren kleinen Paß, das Lackentörl. Von hier aus sehe ich bereits mein Tagesziel, die Feldnerhütte.

    #34: Blick vom Lackentörl zum Glanzsee (in Bildmitte); rechts daneben, noch ganz klein aber bereits erkennbar, die Feldnerhütte. Links oben das Kreuzeck

    Gleich nach dem Lackentörl steht ein Wegweiser; „Feldnerhütte“ links; „Feldnerhütte (leichterer Weg)“ rechts. Hmmm. Ich entscheide mich für den leichteren Weg, bereue das aber wenig später. Die Markierungen des „leichteren Wegs“ sind alt, verwaschen und schlecht erkennbar. Darüber hinaus ist die Wegspur kaum zu sehen. Eben genau weil es ein sehr leichtes Terrain ist, geht der eine hier, der andere dort, so daß sich keine klare Wegspur bildet. Immer wieder muß ich stehen bleiben und nach der nächsten Markierung suchen; zum Schluß verbringe ich wohl ein Drittel meiner Zeit mit Suchen und nur zwei Drittel mit Gehen. Irgendwann verliere ich die Markierung ganz. Darüber hinaus führt der „leichtere Weg“ offensichtlich hinab in die Talmulde, und ich bin bald bereits unterhalb der Feldnerhütte. Letztlich sehe ich einen Wegweiser auf dem Grund der Mulde und steuere dann einfach darauf zu, wobei ich mich durch wegloses Gelände zwischen den Alpenrosen hindurch pflüge. Irgendwie bescheuert. Anschließend darf ich natürlich den Gegenanstieg zur Hütte hinauf steigen. Das Ganze geht mir auf den Keks, und ich nehme mir grummelnd vor, auf dem Rückweg auf jeden Fall die andere Route zu benutzen, wo und wie auch immer die sein mag. Für die kurze Strecke vom Lackentörl zur Feldnerhütte habe ich letztlich über eine Stunde gebraucht.


    Schließlich erreiche ich dann aber die Hütte, setze mich in die Gaststube und bestelle mir einen Spezi. Der junge Mann, der hier bedient, kommt aus Prag und weiß erst einmal gar nicht, was ein Spezi überhaupt ist. Ich erkläre es ihm und bekomme dann endlich meine Erfrischung. Puhhh... (Zur Erinnerung: diese letzten Junitage 2019 gab es in Mitteleuropa eine große Hitzewelle, die man selbst auf den Bergen spüren konnte).


    #35: Ein wohlverdienter Spezi in der Gaststube der Feldnerhütte


    Anschließend trete ich noch einmal vor die Türe und schaue zurück auf die Route, die ich gekommen bin.


    #36: Blick zurück in Richtung Lackentörl. Durch die Talmulde bin ich gekommen, aber irgendwo rechts am Hang muß es eine Traverse geben, mit der man die Talmulde umgeht und die ich für den Rückweg benutzen will

    Später am Nachmittag strawanze ich noch ein wenig in der Umgebung der Hütte umher, lege mich in die Sonne, lasse die Beine und die Seele baumeln in dem angenehmen Bewußtsein, mein Tagesprogramm erfolgreich abgeschlossen zu haben.


    #37: Der Tag klingt aus mit diesem Blick auf den Glanzsee und die Feldnerhütte


    #38: Entspannt sitze ich im Gras und schaue, wie die Spätnachmittagssonne die Alm beleuchtet und die Schatten der Felsen immer länger werden



    Am Abend treffe ich den Hüttenwirt der Feldnerhütte, Bruno. Er schaut aus, wie man sich einen richtigen Alm-Öhi vorstellt: weißgraues, leicht zerzaustes Haar, vom Wetter gegerbtes Gesicht, krachlederne Hosen. Als er aber zu reden beginnt, klingt er gar nicht wie ein Alm-Öhi: kein Wunder; denn Bruno ist, obwohl er schon seit vielen Jahren hier in Kärnten lebt, waschechter Berliner!

    Von Bruno und der Feldnerhütte hat auch Kamerad BitPoet geschrieben, nachzulesen hier . BitPoet hat allerdings eine ganze Alpenüberquerung gemacht, also etwas viel Ambionierteres als ich.


    Die Feldnerhütte gehört zu den (wenigen) Alpenhütten, die nicht mit dem Auto, nicht einmal mit einem Geländewagen, erreichbar sind. Die Versorgung erfolgt nur durch Hubschrauber. Entsprechend begrenzt ist die Speisekarte, und als Bruno sagt: „Heute abend gibt es Schnitzel“, dann gibt es heute abend eben Schnitzel. Ende der Durchsage. Bier gibt es aber, und das ist ja die Hauptsache.

    Viele Gäste sind nicht da. An einem Tisch sitzen zwei Tschechen, an einem anderen Markus aus Deutschland sowie Kurt und Karin aus Österreich. Ich setze mich zu ihnen. Markus will die Kreuzeckgruppe auf dem Kreuzeck-Höhenweg von Ost nach West durchqueren und zu diesem Zweck morgen früh zur Hugo-Gerbers-Hütte wandern, Kurt und Karin durchqueren die Kreuzeckgruppe von Nord nach Süd. Ich selbst will hier gar nichts durchqueren, sonst wird es mir am Ende zu mühselig, meinen auf der Emberger Alm deponierten Rucksack wieder abzuholen. Wir plaudern eine Weile nett und angeregt, gehen dann aber bald schlafen; denn wir alle wollen ja morgen früh ziemlich zeitig los.


    Fortsetzung folgt
    Geändert von OutofSaigon (03.09.2019 um 03:49 Uhr)

  10. Erfahren
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    AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #10
    Zitat Zitat von Fjellfex Beitrag anzeigen
    Richtig klasse!

    Muß es denn immer Montblanc sein? Ein "Hoch!" auf die Kreuzeckgruppe!

    Ich gehöre auch zu den Irren, die gerne mit dem Hellwerden (oder eher) im Hochsommer unterwegs sind: angenehme Temperaturen, herrliche Licht-Schatten-Effekte, Stille, usw usw... echt traurig, daß die meisten das verpennen...

    Wenn nur Murphy´s Gesetz nicht wäre...

    Vielen Dank, Fjellfex!

    Erstens weist dich die Liste deiner Reiseberichte als Norwegen-Liebhaber aus, und so freut es mich ganz besonders, daß du meinen Bericht liest.

    Zweitens: es muß in der Tat nicht immer Montblanc sein (als ob es auf diesem Forum dreihundert Berichte von dort gäbe!). Nichtsdestoweniger bewege ich mich durchaus gerne auch in der 4000-6000m-Zone, zuletzt an Ostern 2019, und davon wird noch die Rede sein.

    Drittens bin ich erleichtert zu hören, daß ich nicht der einzige Irre bin Morgenstund´ hat Gold im Mund. Daß die meisten das verpennen, stört mich nicht; so bleiben die Ruhe und die Stille für mich allein - siehe nächsten Berichtsteil...

  11. Erfahren
    Avatar von Fjellfex
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    AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #11
    Meine Reiseberichte sind in der Tat etwas skandinavienlastig.

    Aber auch bei Alpenberichten schaue ich gerne rein. Diese Gegend ist hübscher Alltag für mich. Und von mir daheim zur Kreuzeckgruppe sind es keine 2 Stunden... und so kenne ich die Gegend auch ein wenig.

    Und auch der andere angedeutete Bericht von Dir verspricht Verheißungsvolles....

  12. Erfahren
    Avatar von OutofSaigon
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    AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #12
    Die Umgebung der Feldnerhütte

    „Kreuzeck“ heißen in Österreich wohl Dutzende von Gipfeln. Auch oberhalb der Feldnerhütte gibt es ein „Kreuzeck“. Dieses hat der gesamten Gebirgsgruppe den Namen gegeben, obwohl es sieben Meter niedriger ist als das nahe gelegene Hochkreuz. Auf dem Wegweiser gleich neben der Hütte steht „2 Stunden“, aber Bruno hatte mir am Abend gesagt: „Das ist Quatsch; kein normaler Mensch braucht derartig lange, anderthalb Stunden reichen dicke.“ Nun gut. So mache ich mich denn um halb fünf Uhr morgens auf den Weg. Von Kurt, Karin und Markus sehe ich nichts, die schlafen wohl noch. Im Schein meiner Stirnlampe gehe ich den Wiesenweg hinauf, und als das erste Morgenlicht kommt, bin ich bereits nahe dem Kamm.


    #39: Im Licht des ganz frühen Morgens schaue ich nach Süden

    Auf dem Kamm nähere ich mich dem Kreuzeck-Gipfel. Ein paar Schafe sind mir zuvor gekommen und sind schon oben (womöglich bereits seit gestern oder noch länger). Ebenso wie das Gipfelkreuz werden sie schon von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet, während die Felsen noch im Schatten liegen.

    #40: Aufstieg zum Kreuzeck-Gipfel

    Einige Minuten später erreichen die Sonnenstrahlen auch mich...

    #41: Der Gipfel ist nun zum Greifen nah

    ... und noch einige Minuten später stehe ich auf dem Gipfel.

    #42: Geschafft! Das Kreuzeck! Genau in Bildmitte die Hohe Tristen, rechts daneben der Reißkofel

    Schafe sind nicht so dumm, wie man gemeinhin denkt. Sie stellen sich hier für mich zum Gruppenfoto auf und achten dabei schön darauf, daß sie gut von der Sonne beleuchtet werden:

    #43: Schafe auf dem Kreuzeck-Gipfel

    Noch einmal schaue ich nach Süden:

    #44: Die Sonne hat soeben den Gipfel des Knoten erreicht (genau oberhalb der roten Markierung im Vordergrund; der kleine helle Punkt ist das Gipfelkreuz)


    Auf die Feldnerhütte zurück gekehrt, genieße ich dann, etwa um acht Uhr, mein Frühstück. Markus ist inzwischen nicht mehr da, Kurt ist irgendwo in den Bergen unterwegs, während Karin beschlossen hat, heute einen Ruhetag einzulegen. Auch ich selbst mache nun ein paar Stunden Pause; denn es ist heiß. Ich lege nur meine Isomatte ins Gras vor der Hütte und genieße das Ambiente. - Anmerkung: ein Deutschlehrer unseres Gymnasiums hätte an dieser Stelle bemängelt, daß der Ausdruck “ich genieße” in diesem Absatz zwei Mal vorkommt, aber das ist durchaus Absicht meinerseits.






    #45-47: Herumgammeln an der Feldnerhütte


    Erst am mittleren Nachmittag mache ich mich wieder auf. Dieses Mal wandere ich von der Feldnerhütte nach Osten auf einem Wanderpfad, der auf der Landkarte als „Heinrich-Hecht-Weg“ markiert ist und Teil des Kreuzeck-Höhenweges darstellt. Der Pfad führt kinderleicht dahin, fast genau den Höhenlinien folgend, hin und wieder an einer Almhütte vorbei, und wenn da nicht das eine oder andere Murmeltier wäre, empfände ich ihn als geradezu etwas langweilig.




    #48, 49: Auf dem Heinrich-Hecht-Weg

    Schließlich erreiche ich einen kleinen Paß, das Naßfeldtörl, oder genauer gesagt: ein weiteres „Naßfeldtörl“ (das erste hatte ich ja schon am Vortag passiert). Hier schaue ich nun nach Norden auf den Hauptkamm der Hohen Tauern, und hier kehre ich dann auch wieder um, zurück zur Feldnerhütte.


    #50: Auf dem Naßfeldtörl


    Abends sitze ich dann wieder am selben Tisch mit Kurt und Karin zusammen. Markus ist, wie geplant, nicht mehr da. Dafür haben wir einen neuen Kameraden, Gerhard. Er erzählt uns von seiner Absicht, auf dem Kreuzeck-Höhenweg nach Westen zu wandern und dabei morgen gleich zwei Etappen zu gehen, also nicht nur bis zur Hugo-Gerbers-Hütte wie Markus heute, sondern schnurstracks weiter bis zum Anna-Schutzhaus. Das sind wohl rund zwölf Stunden reine Gehzeit, reichlich ambitioniert für einen einzigen Tag. Aber bitteschön: jeder darf tun, wonach ihn gelüstet. Mein eigener Plan für morgen ist, ebenfalls auf dem Kreuzeck-Höhenweg nach Westen zu wandern, aber nur ein kurzes Stück, allemal bis zum Hochkreuz (dem zweithöchsten Gipfel der Kreuzeck-Gruppe), dann wieder zurück zur Feldnerhütte.


    Am kommenden Morgen setze ich diesen Plan in die Tat um. Als ich um halb vier Uhr aufstehe, ist Gerhard schon weg. Bruno hat mir ein Jausenpaket gerichtet und auf den Tisch in der Gaststube gelegt; das sammele ich nun ein und mache mich davon. Für ein kurzes Stück ist der Weg derselbe wie am Vortag zum Kreuzeck, dann aber zweigt er nach links davon ab und führt hinauf zum sogenannten Glenktörl. Während meines Aufstiegs dort hin bricht der Morgen an.

    #51: Vier Uhr früh: Aufstieg zum Glenktörl. Der Mond ist soeben aufgegangen

    Nach Errreichen des Glenktörls wandere ich auf dem Kamm nach Westen, und eine knappe Stunde später geht die Sonne auf.

    #52: Sonnenaufgang über dem Kreuzeck-Höhenweg

    Noch besser ist der Blick nach Norden. Dazu kann man einfach nichts mehr sagen:

    #53: Blick vom Kreuzeck-Höhenweg nach Norden unmittelbar nach Sonnenaufgang


    Dieser Teil des Kreuzeck-Höhenwegs ist technisch deutlich anspruchsvoller als der eher langweilige Heinrich-Hecht-Weg von gestern nachmittag: das Gelände ist felsig, mitunter steil, und an einigen Stellen ist nicht ohne Grund ein Halteseil angebracht:

    #54: Eine leichte Kletterstelle an diesem Abschnitt des Kreuzeck-Höhenwegs

    Etliche Abschnitte des Pfades sind bedeckt von losem Schutt, der immer wieder abrutscht, und ich finde es nicht angenehm, hier entlang zu gehen. An einer Stelle, von der aus ich die weitere Route gut übersehen kann, setze ich mich schließlich hin, um das weitere Vorgehen zu durchdenken. Vor mir liegt nun das Hochkreuz:


    #55: Die Route zum Hochkreuz

    Durch das Fernglas bzw. Teleobjektiv sehe ich einen Wanderer nahe dem Gipfel. Ob das wohl Gerhard ist? Von der Zeit her könnte das passen. Ich weiß es nicht, und ich werde es niemals wissen...


    #56: Ein Wanderer im Morgenlicht auf dem Gipfel des Hochkreuz

    Ich überlege, ob es sich lohnt, dort hin zu gehen. Die Distanz ist doch noch ziemlich groß, der Zeitaufwand wäre erheblich, das Gelände sieht nicht besonders ästhetisch aus (hauptsächlich kahle Felsen und nur ein wenig Gras), und der rutschige Weg gefällt mir sowieso nicht. Die Entscheidungsfindung wird erleichtert durch ein plötzliches prasselndes Geräusch nicht weit rechts neben mir: unter dem Gewicht eines Schafes ist der lose Schutt auf dem Weg abgerutscht, und das Schaf poltert ein paar Meter den Hang hinunter. „Das muß nicht sein“, denke ich mir, „hier kehre ich um“.

    Auf dem Rückweg zur Feldnerhütte mache ich noch ein „Abschiedsfoto“. Es war absolut herrlich an diesem Morgen, ich bin tief dankbar dafür, aber man kann eben nicht alles haben, und das macht auch nichts.


    #57: Blick zurück zum Hochkreuz



    Fortsetzung folgt
    Geändert von OutofSaigon (07.08.2019 um 04:17 Uhr)

  13. Alter Hase

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    AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #13
    Der Pfad führt kinderleicht dahin, fast genau den Höhenlinien folgend, hin und wieder an einer Almhütte vorbei, und wenn da nicht das eine oder andere Murmeltier wäre, empfände ich ihn als geradezu etwas langweilig.
    ein himmelfahrtskommando!

    davon abgesehen sehr schöner bericht, super bilder!

  14. Erfahren
    Avatar von OutofSaigon
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    AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #14
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    Vom Rückweg auf die Emberger Alm gibt es nicht viel zu erzählen oder zu zeigen, was ich nicht schon erzählt bzw. gezeigt habe. Von der Feldnerhütte weg gehe ich, wie beabsichtigt, den anderen Weg zum Lackentörl, die Traverse rechts am Hang entlang. Diese folgt mehr oder weniger den Höhenlinien, anstatt erst abwärts und dann wieder aufwärts durch die Talmulde zu führen. Dafür ist sie felsiger, und man muß hin und wieder schon genau schauen, wohin man seine Füße setzt. Ein Holländer, der drei Tage vor mir hier entlang marschiert ist, hat das nicht sorgfältig genug getan, ist prompt hingeflogen und hat sich das Bein gebrochen. Seine Partnerin hat dann von der Feldnerhütte aus die Bergwacht alarmiert, und der Rettungshubschrauber holte den Verunglückten ab. Da ich alleine gehe, passe ich also gut auf, komme auch problemlos durch diese Strecke und bin letztendlich zufrieden mit meiner Entscheidung, lieber hier zu gehen als die Route meines Hinwegs.

    Nach etwa anderthalb Stunden erreiche ich das Lackentörl. Auf dem Wegweiser bei der Hütte stand „1h“, aber das ist ebenso ungenau wie die Angabe „2h“ zum Kreuzeck-Gipfel (siehe oben). Beide Wegabschnitte sollten mit „1:30h“ markiert sein, das käme ungefähr hin. Apropos Markierung: mit einer gewissen Belustigung stelle ich fest, daß der Weg mal rot-weiß-rot markiert ist, dann wieder weiß-rot-weiß, mal mit einem roten Punkt auf weißer Scheibe, dann wieder mit einem weißen Punkt auf roter Scheibe. Für die Kameraden, die den Pfad markiert haben, ist das alles äquivalent. Bevor man sich nun darüber mokiert, sollte man bedenken, daß dies ja auch kein Problem ist; denn es gibt nur diesen einen Pfad hier, und wenn der irgendwie markiert ist, verliert man ihn nicht. Das genügt doch, oder?

    Auf dem Lackentörl mache ich eine kleine Pause (wie bereits auf dem Hinweg), dann quere ich wiederum den Hang unterhalb der Grafischen Tristen auf dem Weg zum Zweiseentörl.


    #58: Querung des Hanges unterhalb der Grafischen Tristen

    Bald kommen der Einsee und die Hohe Tristen wieder ins Bild. Man erkennt sogar den vom Ochsentörl her kommenden Weg zum Einsee. Daß er selbst aus dieser Entfernung so klar zu sehen ist, kann eigentlich nur bedeuten, daß er recht breit sein muß und man darauf wohl gefahrlos den relativ steilen Hang queren kann.


    #59: Wiederum der Einsee, überragt von der Hohen Tristen

    Etwa zwanzig Minuten später erreiche ich wiederum das Zweiseentörl. Hier seht ihr es:

    #60: Das Zweiseentörl. Rechts noch einmal das Hochkreuz
    Vorgestern bin ich von links her gekommen und nach rechts oben weiter gegangen zur Feldnerhütte. Heute bin ich von rechts oben gekommen und gehe weiter nach rechts unten auf dem östlichen der drei möglichen Wege zurück zur Emberger Alm. Klar erkennbar ist auch, daß der Wanderweg hier unten am Bildrand eine andere Liga ist als der Pfad in Bild #58.


    Ihr wollt wissen, woher das Zweiseentörl seinen Namen hat? Voilà:

    #61: Zweiseen


    Von da an geht´s bergab, ganz buchstäblich. Es ist ein Wiesenhang ohne Bäume, und er liegt voll in der Sonne. So etwas hat man oft gerne, aber in diesen heißen Tagen ist es ganz und gar nicht willkommen. Die Sonne knallt mir auf die Birne, es ist affenheiß, und ich kann gar nicht genug trinken. So oft es geht, fülle ich meine Wasserflaschen an einem Schneefeld oder Bach auf; alle halben Stunden muß ich irgendwo rasten und trinke eine der beiden Flaschen leer. So viel trinke ich sonst nie, aber an diesem Tag muß es einfach sein. Es ist irre. Der Abstieg den Wiesenhang hinunter kommt mir viel länger vor als die gute Stunde, die es wirklich nur ist, danach erreiche ich wieder den Lärchenwald, in dem es wenigstens ein wenig Schatten gibt. Nach einiger Zeit stehe ich wieder an der Wegweiser-Batterie, an der ich vorgestern den anderen Weg genommen hatte:


    #57: Wieder zurück an der Wegweiser-Batterie vom Hinweg

    Noch zehn Minuten, und ich bin wieder auf dem Gasthof, wo ich nur drei Wünsche habe: rasten, duschen und trinken. Ahhh...

    - - - - - -

    Tja, ihr Lieben, das waren meine Erlebnisse in der Kreuzeckgruppe. Am folgenden Morgen bringt mich ein Auto wieder zum Bahnhof von Greifenburg, dann ein Zug nach Spittal an der Drau, dann ein Postbus nach Rennweg am Katschberg, und schließlich ein Taxi durch den Katschbergtunnel nach St. Michael im Lungau. Von dort aus will ich die Niederen Tauern durchwandern, und davon gibt es einen eigenen Bericht hier.

    Also für heute „Pfüat euch!“
    Geändert von OutofSaigon (03.09.2019 um 06:07 Uhr)

  15. Erfahren
    Avatar von Mythmonger
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    AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #15
    Ein sehr schöner Bericht, vielen Dank! Neben der entspannten Erzählstimme und den tollen Fotos hat mir der Hinweis auf den ausdrucksgewaltigen Deutschlehrer sehr gut gefallen.
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  16. AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #16
    Zitat Zitat von Mythmonger Beitrag anzeigen
    Ein sehr schöner Bericht, vielen Dank! Neben der entspannten Erzählstimme und den tollen Fotos hat mir der Hinweis auf den ausdrucksgewaltigen Deutschlehrer sehr gut gefallen.
    Mich amüsiert vor allem "Wanderstiefel mit Sensenspitze und Hohen Tauern" als Bezug auf "Sauerbraten mit Rotkohl und Klößen"

  17. AW: [AT] Kreuzeckgruppe, Kärnten, und ein Hüttenwirt aus Berlin

    #17
    Amüsant geschrieben und tolle Photos (wie eigentlich immer bei Dir!)

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