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  1. Dauerbesucher
    Avatar von Dogmann
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    AW: [NO] Supert! Hill & Chill im Tafjordfjell

    #21
    Mitreisende: Borgman
    Hallo und Wow , was für Bilder, beneidenswert!
    Schöner Bericht, eine schöne Tour und nette Gesellschaft hattest du auch
    Du hast recht, die Plätze am Bach- Fluss- Wasser, die haben was.......
    Richtig wohl fühle ich mich nur draußen !

  2. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [NO] Supert! Hill & Chill im Tafjordfjell

    #22
    Zitat Zitat von Dogmann Beitrag anzeigen
    Hallo und Wow , was für Bilder, beneidenswert!
    Schöner Bericht, eine schöne Tour und nette Gesellschaft hattest du auch
    Du hast recht, die Plätze am Bach- Fluss- Wasser, die haben was.......
    An schönen Zeltplätzen und Wasser hat es uns wahrlich nicht gemangelt. Ich wünschte nur, wir hätten den Ruhetag hier verbracht und nicht auf dem vermaledeiten Ameisenhügel . Freut mich, dass Dir der Bericht gefällt bald geht es weiter.

  3. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [NO] Supert! Hill & Chill im Tafjordfjell

    #23
    Freitag, 12. Juli

    Die Mädchen verstehen sich blendend. Jedenfalls nachts, wie man trotz donnerndem Fluss im kleinen Zelt vernehmen kann. Umgekehrt proportional zur Helligkeit draußen scheint ihr Kommunikationsbedürfnis anzusteigen - und auch die Lautstärke mit der sie sich gegenseitig zu immer neuen Lachanfällen anstacheln. Haben die irgendwelche Aufputschmittel dabei? Lutschen sie vielleicht Süßstofftabletten? Dann ist ja klar, dass sie morgens nicht aus den Federn kommen.

    Heute wünsche ich mir wirklich einen frühen Aufbruch. Der wolkenlos blaue Himmel verspricht wieder einen warmen Tag, und wir haben außerdem eine längere Straßenetappe auf dem Programm. Später am Tag können wir dann ins Asbjørnsdal abbiegen, wo wir bestimmt irgendwo einen Zeltplatz finden. Pünktlich um sieben wird der Kaffee serviert und mit ihm die Bitte um Beeilung. Obwohl beide noch verschlafen wirken, zeigen sie ein gewisses Verständnis. Kurz vor halb neun sind wir abmarschbereit, so früh wie noch nie. Zum Glück geht es erst mal weiter auf dem Pfad am linken Flussufer, der größtenteils im Wald verläuft.



    „Wenn wir auf die Straße kommen, können wir doch per Anhalter fahren“ sagt Lenja, „auf Straße latschen hab ich keine Lust“ - „Ich auch nicht wirklich, aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand am Freitagmorgen drei Wanderer mit großen Rucksäcken talabwärts transportieren kann? Da werden doch die meisten mit Kind und Kegel in die Berge fahren.“ So machen wir uns keine großen Hoffnungen, als nach einer knappen Stunde das erste Haus von Kabben in Sicht kommt. Bevor man durch die winzige Siedlung geht, müsste laut Karte ein Pfad zur Fußgängerbrücke über die Ulvåa abzweigen. Da steht was, zwar kein Pfad, aber ein Wegweiser über die Wiese. Dann gehen wir da mal lang.




    Ulvåa talaufwärts…


    … und talabwärts, das ist unsere Richtung

    Von der Brücke führt ein Weg hoch zur Schotterstraße. Wir sind alle schon ziemlich durchgeschwitzt, deshalb halten wir am ersten Bach für eine technische Pause an. Kurz waschen, Sonnencreme auftragen, austreten und Wasserflaschen füllen. Wir richten uns auf einen langweiligen, ausdörrenden Marsch auf der Straße ein. Hatte ich schon gesagt, dass sich die Kinder niemals langweilen? Kaum sind wir die ersten Schritte gelaufen, fangen sie eine lebhafte Diskussion über irgendwelche Charaktere aus Fernseh- oder Netflix-Serien an, von denen ich natürlich noch nie gehört habe. Meine Beteiligung an dem Gespräch beschränkt sich dann auch weitgehend auf dumme Fragen, die eher als störend empfunden werden. Ja, es ist langweilig, aber nur für mich.



    Nach vielleicht einer guten halben Stunde, keine Ahnung, niemand hat auf die Uhr geschaut, ruft Isolde plötzlich „Papa! Bleib mal stehen.“ Ich bin gerade voraus, in meine eigenen Gedanken versunken und sehr überrascht, als ich mich umdrehe. Da steht ein blauer Transporter, und der Fahrer fragt, ob er uns mitnehmen soll. Wir sind in Norwegen, da machen die Leute so was. Bis auf einen süßen Jagdhund auf der Rückbank und ein bisschen Werkzeug im Laderaum ist das Auto leer. Hätten sogar vier von unserer Sorte reingepasst. Die Kinder strahlen.

    Wo wir denn hinwollen, fragt der Fahrer. Nach Bjorli, ist das deine Richtung? Nicht direkt, aber ich fahr euch da hin. Die Kinder flippen hinten fast aus vor Begeisterung. Sie wussten ja, dass die Norweger im Allgemeinen nett sind, aber das hätten sie nicht erwartet. Der Fahrer grinst, er hat selber zwei Töchter im Teenageralter und findet es toll, dass die beiden freiwillig eine Woche auf ihre Smartphones verzichten und mit in die Berge kommen. Ob wir schon in Åndalsnes waren, fragt er. Ja, da sind wir gestartet. Wir erzählen ein bisschen von unserer Tour und von zu Hause, da erreichen wir auch schon die E136. Hier stehen ein paar Autos am Straßenrand. Die fahren extra hierher, sagt unser Fahrer, weil es an dieser Stelle erst wieder ein Mobilnetz gibt. Das hatte ich gestern auch ohne Erfolg versucht, also eine Nachricht an meine Frau und Lenjas Eltern abzusetzen, damit sie wissen, dass wir wohlauf sind.

    Am Bunnpris setzt er uns ab und verdient sich noch einen dicken Extrapunkt bei den Mädchen. Bei dem Wetter könne man doch prima im Fluss baden und den Nachmittag lang herumgammeln. So sagt er das nicht wörtlich, aber das ist es, was die beiden verstehen. Tusen takk. Ich würde ja lieber die neu gewonnene Zeit für eine kleine Tour auf die Hochebene nutzen, da gibt es auch Badeseen. Aber die Mädchen haben sich natürlich schon auf den Fluss eingeschossen. OK, dann eben Fluss, morgen ist auch noch ein Tag.

    Obst und Gemüse ist jetzt das Wichtigste. Nur ist die Frischeabteilung im Bunnpris einigermaßen aussortiert, außer Äpfeln und Paprika gibt sie nicht viel her, nicht mal Gurken. Na, reicht auch fürs Erste. Eigentlich haben wir noch genügend Wandernahrung, aber der Gang durch den Laden weckt Begehrlichkeiten. Lomper natürlich, auf die stehen beide Mädchen, Nuss-Nougat-Creme und Marmelade für drauf. Eigentlich wickelt man da ja seine Würstchen drin ein, doch die wollen sie nicht. Dafür Leverpostei, Frischkäse, Chips und Gurkenscheiben aus dem Glas… und ein Kvikk Lunsj hat auch noch niemandem geschadet. Ich will eigentlich erst mal die Reste essen, komme dann aber doch ins Grübeln… wieder Tütennudeln oder doch lieber ein frisches Brot… dazu ein Bier… wäre doch nicht schlecht… wir brauchen doch sowieso was für die Zugfahrt am Sonntag.

    Schwer beladen machen wir uns auf den Weg zum Fluss, auf der Karte sieht es südlich von Bjorli ganz nett aus. Wir folgen auf gut Glück einem kleinen Weg hinter der Brücke und entdecken tatsächlich den perfekten Platz in einer Flussschleife. Sogar eine schattige Picknickbank gibt es, als wäre sie extra für uns aufgestellt worden. Nach den zahlreichen Hinterlassenschaften zu urteilen, ist das sonst eine Kuhweide, also Privatgrund, an der Einfahrt steht ein Traktor. Hoffentlich stört es den Bauern nicht, wenn wir hier den Nachmittag und vielleicht sogar die Nacht verbringen. Später will ich mal schauen ob ein Hof in der Nähe ist, wo ich fragen kann.



    Lenja und Isolde sind jedenfalls glücklich. Nach ihrem Fressgelage brauchen sie eine ausgedehnte Mittagsruhe, während am Sandstrand gegenüber mehrere norwegische Familien mit vielen Kindern auftauchen und sich einrichten. Sehr schön, dann kann ich die Mädchen ja unbesorgt für eine Weile allein lassen, wenn hier noch andere Menschen sind. Und so ganz privat scheint diese Badestelle auch nicht zu sein. Vielleicht treffe ich den Bauern oder finde einen anderen Platz, ansonsten bleiben wir einfach hier.

    Wie sich nach einer großen Runde durch die Gegend herausstellt, haben wir den absoluten Glückstreffer gelandet, nirgendwo sonst ist es auch nur annähernd so schön. Lenja hat schon soziale Kontakte zu den Kindern geknüpft und plantscht fröhlich im Wasser, während Isolde eher nur zuguckt. Sie schwimmt später, wenn es ruhiger ist.





    Eigentlich ein Urlaubstag, wie man ihn sich nicht besser wünschen kann, wir sind an einem schönen Platz aufgewacht, ein bisschen gewandert, hatten eine nette Begegnung, die uns den Marsch auf der Straße erspart hat, konnten einen Tag früher leckeres Essen kaufen und den Nachmittag an einer herrlichen Badestelle verbringen. Den ganzen Tag zeigte sich kein Wölkchen am Himmel, und zumindest im Schatten war die Temperatur immer angenehm. Die Kinder fühlen sich hier sehr sicher, machen total ihr eigenes Ding, bauen zum ersten Mal auf dieser Tour sogar ihr Zelt selber auf, ein Stück entfernt von meinem. „Damit wir dich nicht stören, wenn wir in der Nacht noch reden.“ Kein Problem, sie wollen bestimmt das Gefühl haben, dass sie hier Mädchenurlaub machen, ohne von Erwachsenen kontrolliert zu werden. Immerhin darf ich ihnen das noch Abendessen servieren.

    So ganz sicher fühle ich mich hier allerdings nicht. Die Straße ist zu nah, und die Wiese direkt mit dem Auto befahrbar. Jederzeit könnte jemand auftauchen. Als ich so darüber nachdenke woher dieses Unbehagen kommt, fällt mir eine Begebenheit aus meinem allerersten Zelturlaub in Schottland ein. Es war genau so ein Platz wie dieser, eine schöne Badestelle am Fluss, ganz in der Nähe der Straße. In der Dunkelheit wachte ich auf und hörte ein Auto kommen. Dann verstummte das Motorengeräusch, eine Autotür klappte zu. Ich lauschte. Meine Freundin war auch wach. Eine Ewigkeit später, eine Minute oder eine Viertelstunde, knallte plötzlich ein Schuss durch die Nacht, ganz nah. Wir bekamen einen Riesenschreck, natürlich, aber vor allem wurde uns bewusst, wie ungeschützt man in Wirklichkeit in einem Zelt ist. Bestimmt hatte der Schütze uns nicht mal bemerkt. Aber wieso ballert er mitten in der Nacht durch die Gegend? Ende Juli?

    Seitdem bin ich in der Nähe von Straßen immer etwas wachsamer als in der Wildnis, zumindest unterschwellig. Für die nächste Nacht darf es gerne ein wenig abgelegener sein, und eine kleine Bergwanderung zum Abschluss wäre auch nicht schlecht.

    Gegen halb zehn am Abend lässt die tief stehende Sonne alle Bäume um uns herum in ihrem warmen Licht aufleuchten. Der Mond schimmert dagegen wie eine durchsichtige Scheibe aus Eis, die kostbar und zerbrechlich am blauen Himmel schwebt. Gut, dass es kühler wird, sonst wäre sie in einer Stunde vielleicht schon geschmolzen...








  4. Erfahren
    Avatar von Detlef
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    AW: [NO] Supert! Hill & Chill im Tafjordfjell

    #24
    Zitat Zitat von Borgman Beitrag anzeigen
    Freitag, 12. Juli

    ..... Nach den zahlreichen Hinterlassenschaften zu urteilen, ist das sonst eine Kuhweide, also Privatgrund, an der Einfahrt steht ein Traktor. Hoffentlich stört es den Bauern nicht, wenn wir hier den Nachmittag und vielleicht sogar die Nacht verbringen. Später will ich mal schauen ob ein Hof in der Nähe ist, wo ich fragen kann......
    Auf beiden Seiten des Flusses (Rauma) bis hinauf zur Baumgrenze ist alles Privatgrund (sehr viele unterschiedliche Eigentuemer). Der Traktor steht dort 365 Tage im Jahr und wird nur zum Holzmachen benutzt. Ab etwa 10 m neben der Strasse bis zum Platz am Fluss, wo ihr gecampt habt, stehen immer wieder mal Zelte. Der næchste bewirtschaftete Hof ist relativ weit entfernt. Das gesamte Gebiet wird im Sommer von freilaufenden Kuehen und Schafen als auch von Elchen, Hirschen und Rehen sowie vielen anderen Tieren (Fuchs, Dachs, Biber, ...) bevølkert. Theoretisch (und auch praktisch) haette es dir auch dort passieren kønnen, dass du mitten in der Nacht einen Schuss gehørt haettest, aber nicht in unmittelbarer Naehe, sowohl 2017 (im Juli, da hat dort ein Pærchen gezeltet, habe diese beim Zeltaufbau vorgewarnt als ich gegen Mitternacht auf Nachsuche ging) als auch 2018 (August) habe ich jeweils in der Nacht, ca 500 m flussabwaerts, jeweils einen bei einem Autounfall auf der Europastrasse schwerverletzten Elch geschossen. Bei Unfaellen verletzte Tiere suchen allerdings nicht dieses "Campinggebiet" auf, da es auf der anderen Seite der Strasse kleinere Seen mit dichtem Gebuesch gibt, wo sie sich gerne aufhalten. Ich weiss, wo ich suchen muss

  5. Erfahren
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    AW: [NO] Supert! Hill & Chill im Tafjordfjell

    #25
    Interessant, danke dür die zusätzlichen Infos! Dass es sich damals in Schottland vielleicht um so ein verletztes Tier gehandelt haben könnte, war mir niemals in den Sinn gekommen. So ein Schuss nahe am Zelt, besonders mitten in der Nacht, jagt uns Nicht-Waidmännern doch einen gehörigen Schreck ein, da läuft die Phantasie auf Hochtouren. Nett jedenfalls, dass Du das campende Pärchen vorgewarnt hast

  6. Erfahren
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    AW: [NO] Supert! Hill & Chill im Tafjordfjell

    #26
    Samstag, 13. Juli

    Wie erwartet konnte ich nicht gut schlafen. Zu viele seelenlose Motorengeräusche. Autos auf der Europastraße, Motorräder, die hinter dem Ort voll aufdrehen, ein Traktor kurz vor Mitternacht auf der Nebenstraße. Meine unnötige Wachsamkeit hat jedesmal aus dem Halbschlaf heraus das Bewusstsein wieder angeschaltet. Was war das? Ein verdächtiges Geräusch? Muss ich nachschauen?

    Am Morgen gucke ich entsprechend gerädert aus dem Zelt. Nebel, gut, dann kann ich mich noch mal umdrehen. Wäre ich ohne die Kinder auch so wachsam gewesen? Oder wenn sie direkt nebenan geschlafen hätten? Um neun gehe ich jedenfalls rüber, da sind sie auch schon wach und wohlauf. Nur ein bisschen maulig, als ich darauf dränge, dass wir heute nördlich von Bjorli ein Stück den Hang hochgehen. Sie werden es überleben.

    Als ich vorschlage, auf dem Weg ein zweites Mal den Bunnpris zu entern, geht das Packen plötzlich ganz schnell. Viel ist wohl von dem gestrigen Raubzug nicht übrig geblieben. Wie sich herausstellt, war das eine gute Entscheidung, denn das Grünzeug ist inzwischen aufgefüllt worden. Pfirsiche, Nektarinen, mehr Äpfel und eine Gurke wandern zuerst in den Korb, mehr Lomper natürlich, noch eine Tüte Chips, mehr Frischkäse und ein Bier für mich. Dann ein Eis an der Tankstelle, und vom morgendlichen Unmut bleibt keine Spur mehr zurück.

    Hinter der Brücke biegen wir rechts in ein Wohngebiet und folgen dann westlich vom Bach einem Pfad hangaufwärts. Bald erreichen wir ein kleines Moor, das den Mädchen aus unerfindlichen Gründen als besonders gute Stelle für die Mittagspause erscheint. Wahrscheinlich sind es nur die vielen großen Steine im Bachbett daneben. „Nee, wieso Pause, wir können hier doch zelten, dann haben wir morgen früh nicht so einen weiten Weg zum Bahnhof.“ Auf den ersten Blick sehe ich keine guten Zeltstellen, fange aber keine Diskussion an. Wenn es ihnen hier gefällt, sollen sie ruhig erst mal bleiben. Sie stören sich nicht mal an den vereinzelten Mücken, die jetzt doch aufgewacht sind und sich auf die Suche nach Nahrung begeben. Ich will nach der Pause sowieso auf den Berg, Bjorlitoppen.



    Selbstverständlich wahre ich die Höflichkeit und frage beide, ob sie Lust hätten mich zu begleiten. Lenja kaut versonnen auf einem Apfelschnitz. Sie hat sich zum Lesen unter einer Birke eingerichtet und findet es zu warm zum Wandern. Isolde finde ich nach einigem Suchen mit ihrem Tagebuch ein Stück bachabwärts, sie will lieber am Wasser bleiben. Also schnappe ich einen der letzten Müsliriegel, fülle meine Farris-Flasche und los geht‘s. Lenja hatte nicht mal unrecht, nach ein paar Minuten auf dem Pfad wird mir tatsächlich ziemlich warm. Aber dann überwiegt doch der Spaß an den mühelos zurückgelegten Höhenmetern, dem herrlich freien Gefühl, ohne Rucksack zu wandern.


    Die Waldgrenze ist erreicht: freier Blick auf Bjorli



    Ein paar Wanderer kommen mir entgegen, offenbar ist Bjorlitoppen ein beliebter Ausflugsberg. Weiter oben wird das Gelände offener, und es weht ein angenehm kühler Wind. Der See Bøvervatn kommt in Sicht, dahinter die Berge Bøverhø und Raudmyrhøa. Jetzt sind es nur noch 200 Höhenmeter durch einfaches Gelände, das ging schneller als erwartet.


    Bøvervatnet




    Von hier hat man sogar einen schönen Blick zum Kaldbottind


    Brøstdalen, aus dieser Richtung sind wir gestern gekommen

    Nachdem ich ein bisschen auf dem Plateau herumgelaufen bin und mich sattgesehen habe, suche ich mir am Leehang ein windgeschütztes Plätzchen, um eine Viertelstunde auszuruhen, bevor es auf dem selben Pfad wieder bergab geht. Ich hätte eigentlich Lust auf eine größere Runde, aber zu lange müssen die Kinder auch nicht alleine sein. In Wirklichkeit würde ich jetzt am allerliebsten genau hier ein paar Tage durch die Berge zwischen Romsdal und Eikesdal laufen. Die haben einen besonderen Platz in meinem Herzen, weil ich vor 23 Jahren meine allererste mehrwöchige Wandertour mit einer aufregenden pfadlosen Etappe nach Åndalsnes beendet habe. Ein leises Gefühl von Sehnsucht macht sich bemerkbar.



    Andererseits freue ich mich auch darüber, dass diese Woche so gut geklappt hat, und dass ich vielleicht ein paar Erfahrungen an die Mädchen weitergeben konnte. Scheint ja das richtige Maß gewesen zu sein. Auf dem Rückweg halte ich Ausschau nach einem geeigneten Zeltplatz, wobei das hier im Wald gar nicht so einfach ist. Zu weit weg soll es ja nicht sein. Vielleicht oberhalb unserer Pausenstelle, da sieht es halbwegs eben aus. Isolde sagt, es ist egal für die letzte Nacht, ab morgen haben wir wieder ein Bett. Dann prüfen wir noch, wie nass das kleine Moor am oberen Rand ist. Geht eigentlich, hier bleiben wir.

    Als die Zelte stehen und jeder sich ein letztes Mal in erfrischend kaltem Bachwasser gewaschen hat, will Isolde unbedingt ganz alleine kochen. So ganz hat sie den Dreh allerdings noch nicht raus. Sie gießt zu viel Spiritus neben den Brenner in den Halter und entfacht damit ein überdimensioniertes Feuer, das wir vor dem zweiten Versuch lieber ganz ausbrennen lassen. Nix passiert, aber da hätte ich natürlich aufpassen müssen, zumal mein letzter Unfall mit dem Spiritusbrenner kaum ein Jahr her ist. Vielleicht sollte sie den Einstieg in die Outdoor-Küche besser mit einem Gaskocher wagen.

    Nach dem Abendessen sitzen wir zu dritt noch bis in die Nacht hinein bei einem feierlichen letzten Heißgetränk, reden über alles Mögliche und futtern die Chipstüte leer. Über dem Bach bildet sich ein Nebelstreifen, der sich bald über das ganze Tal zieht. Ein herrlicher, entspannter Abend. Mir fällt auf wie gelöst die Mädchen sind, anscheinend hat ihnen der Urlaub richtig gut getan. Hoffentlich können sie diesen Zustand zu Hause noch eine Weile erhalten.


    Sonntag, 14. Juli

    Unser Reisetag. Lange vor dem Weckerklingeln wache ich auf, döse noch ein bisschen, kann aber nicht mehr einschlafen. Eigentlich wollten wir heute das Frühstück ausfallen lassen und uns stattdessen in Bjorli an der Tanke einen Kaffee besorgen, aber da ich nun schon wach bin, kann ich auch noch für jeden ein allerletztes Heißgetränk machen und den friedlichen Morgen genießen. Hochnebel liegt über dem Tal, die Luft ist mild, ein paar Mücken schwirren träge umher. Um acht packen wir zusammen, und schon gegen halb neun sind wir auf dem Pfad. Da bleibt uns immer noch genügend Zeit, um der Tankstelle einen Besuch abzustatten, denn der Zug fährt erst 10:13 Uhr. Die Rucksäcke können wir aber schon am Bahnhof lassen, im völlig überheizten Warteraum.





    Kaffee und Eis, da sind sich wieder mal beide einig. Kurz danach kommt noch ein nettes deutsches Pärchen zum Bahnhof, auch mit Wanderstiefeln und großen Rucksäcken, an einem davon ist ein Hilleberg-Zelt befestigt. Sie sind eine sehr viel größere Runde als wir gelaufen und haben sich gestern mit dem Taxi bei Tunga abholen lassen. Gute Idee, man kann ja nicht unbedingt auf eine Mitfahrgelegenheit bauen...

    Die Zugfahrt ist dann erfreulich unspektakulär, kein buss for tog, alles fahrplanmäßig. Nach dem Umstieg in Dombås dösen wir alle nur noch träge vor uns hin, bis wir am Flughafen Gardermoen aussteigen müssen. Die netten Wanderer gehen direkt ins Terminal, aber wir fliegen erst morgen ganz früh. Für die letzte Nacht gönnen wir uns ein Hotelzimmer. Lenja fühlt sich nicht so gut und legt sich gleich hin. Nichts Ernstes, meint sie, vielleicht ist ihr nur die Zugfahrt nicht bekommen. Isolde überlegt noch, ob sie lieber fernsehen will, kommt dann aber doch mit raus für einen längeren Spaziergang. Sie braucht noch ein Eis und will für Lenja einen Blumenstrauß pflücken, was halt so am Straßenrand wächst.


    Damit bin ich von meiner Seite fertig mit dem Bericht über unsere entspannte kleine Wanderung im Tafjordfjell. Hoffentlich hat er Euch genauso viel Spaß gemacht wie mir beim Schreiben. Und vielleicht findet ja die/der eine oder andere darin sogar eine Anregung, was für eine Tour man mit Jugendlichen machen kann, die nicht unbedingt jeden Tag acht Stunden laufen wollen, aber trotzdem gerne draußen sind. Lenja und Isolde haben angekündigt, dass sie aus ihrer Sicht auch noch was dazu schreiben möchten... warten wir mal ab was daraus wird.

  7. Erfahren

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    AW: [NO] Supert! Hill & Chill im Tafjordfjell

    #27
    Ganz ganz toll!! Es war mir ein Vergnügen, den Bericht zu lesen; aber noch viel mehr hat mich die Tatsache gefreut, dass solche Touren mit den Kindern / Jugendlichen unternommen werden! (Da wurden Erinnerungen an Island mit der damals 11-jährigen wach... )
    Großen Dank an alle 3, und ein paar Zeilen der Jugendlichen wären natürlich sehr interessant!!

  8. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [NO] Supert! Hill & Chill im Tafjordfjell

    #28
    Gern geschehen, freut mich, dass es Dir gefallen hat . Ich weiß nicht, ob ich das im Text geschrieben habe, aber die Idee für eine gemeinsame Tour in Norwegen ging von Isolde aus. Die Gegend durfte ich aussuchen, unter der Bedingung, dass es nicht zu viele Höhenmeter werden und genügend Bademöglichkeiten gibt. Wie kalt das Wasser war hat sie überhaupt nicht geschreckt.

    Ich werde die Mädchen noch mal daran erinnern, dass sie ein paar Zeilen schreiben wollten. Wenn sie nur nicht schon wieder den Kopf voll mit anderen Dingen haben... Du weißt bestimmt auch, wie das in dem Alter ist: "Die Tour? Was für eine Tour?"

  9. Dauerbesucher

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    AW: [NO] Supert! Hill & Chill im Tafjordfjell

    #29
    Auch ich danke für den Bericht.
    Tolle Bilder von wunderschöner Landschaft und ein wunderbarer Berichtsstil. Ich finde es toll deinen philosophischen Gedankengängen auf Tour zu folgen. Habe ich manchmal beim Wandern auch, so schön in Worte gefasst bringe ich sie leider im Nachhinein nie zu Papier.

    Klingt als hat es deinen Mitwanderinnen gut gefallen. Ich muss gestehen, ich wäre ja wahnsinnig geworden mit all den Pausen und Pausentagen und spät aufbrechen. Ich werd schon leicht ungemütlich wenn mein Mitwanderer in der Früh nicht in die Puschen kommt und sich doch noch mal im Schlafsack umdreht. Wie du diese Gelassenheit aufgebaut hast im Laufe dieses Urlaubs ist für mich zwar unbegreiflich, war aber für den Tourfrieden und dein eigenes Wohlbefinden sicherlich die bessere Variante.

    Liebe Grüße
    Daniel
    Auf meinem Blog Longing for the Horizon:
    Sarek 2018 / Padjelantaleden 2017 / 4500km Radtour Berlin-Nordkapp 2017 / Kungsleden 2015 / Kungsleden 2014 / Israel-Hike 2014 und viele kleinere Radtouren (Berlin - Kopenhagen / Prag - Berlin etc.)

  10. Erfahren
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    AW: [NO] Supert! Hill & Chill im Tafjordfjell

    #30
    Zitat Zitat von theslayer Beitrag anzeigen
    Auch ich danke für den Bericht.
    Tolle Bilder von wunderschöner Landschaft und ein wunderbarer Berichtsstil. Ich finde es toll deinen philosophischen Gedankengängen auf Tour zu folgen. Habe ich manchmal beim Wandern auch, so schön in Worte gefasst bringe ich sie leider im Nachhinein nie zu Papier.
    Danke auch Dir, Daniel! An Deinen letzten Sarek-Bericht kann ich mich allerdings noch sehr gut erinnern, das war doch der, wo am Ende die Kamera kaputt ging. Du machst viel mit unglaublich stimmungsvolllen Bildern. Ich finde es toll und spannend, dass jeder seine eigene Art zu erzählen hat.

    Klingt als hat es deinen Mitwanderinnen gut gefallen. Ich muss gestehen, ich wäre ja wahnsinnig geworden mit all den Pausen und Pausentagen und spät aufbrechen. Ich werd schon leicht ungemütlich wenn mein Mitwanderer in der Früh nicht in die Puschen kommt und sich doch noch mal im Schlafsack umdreht. Wie du diese Gelassenheit aufgebaut hast im Laufe dieses Urlaubs ist für mich zwar unbegreiflich, war aber für den Tourfrieden und dein eigenes Wohlbefinden sicherlich die bessere Variante.
    Ja, wäre das in diesem Jahr meine einzige Tour, dann hätte ich auch versucht mehr aus der Wanderwoche rauszuholen . Aber ich bin von vornherein mit einer anderen Einstellung losgegangen als sonst, dadurch konnte ich mich leichter anpassen. Die Kinder sollten ja nicht abgeschreckt werden, sondern Spaß an der Sache bekommen. Wenn ich mir überlege, wie wichtig solche Wanderungen für mein seelisches Gleichgewicht sind, dann möchte ich das auch gerne weitergeben. Oder den Kindern zumindest diese spezielle Möglichkeit zeigen, sich selbst zu spüren. Dafür müssen sie eben auch sie selbst sein dürfen und das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse ernst genommen werden.

  11. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [NO] Supert! Hill & Chill im Tafjordfjell

    #31
    Zum Schluss noch wie versprochen ein Kommentar von Isolde. Lenja liest lieber als sie schreibt, das muss man respektieren.

    Ich bin nicht wirklich gut im Schreiben oder formulieren, also fasse ich mich kurz. Die Wanderung war super! Es gab keine langen Aufstiege, keine zu langen Etappen, eine sehr abwechslungsreiche Gegend, keine Langeweile (obwohl es keine Unterhaltungselektronik gab) und leckere Heizgetränke. Außerdem war das Wetter gut und ich kann jetzt (fast) mit einem Spirituskocher umgehen. Ich habe einige Fehler gemacht, unter anderem eine Sandale angekokelt, aber da man aus Fehlern lernt, will ich den Neuwanderern unter uns jetzt ein paar Kocher-Tipps geben:

    Schritt 1: Untergrund suchen
    Der Untergrund, auf dem der Kocher steht, muss sehr eben sein, sonst ist es gut möglich, dass mitten beim Kochen euer ganzes Bauwerk umfliegt und sich euer Wasser/Kaffee/Kakao/Nudeln in der Apsis verteilt. Also sucht euch einen ebenen Untergrund. Falls es keinen gibt, solltet ihr euch einen flachen Stein suchen, auf den ihr euren Kocher stellt. Das solltet ihr auch machen, wenn ihr auf trockenem Boden wie Heidekraut (oder wie dieses Gekröse heißt) zeltet. Niemand muss draußen kochen. Ihr könnt in der Apsis kochen und den Zelteingang eben einen Spalt offen lassen. So bekommt ihr von oben etwas frische Luft, aber euer Kocher ist windgeschützt.

    Schritt 2: Vorbereitung
    Wenn ihr den Kocher sicher vor euch platziert habt, seid ihr bereit für Schritt 2 – Spiritus. Es ist wichtig, dass ihr nichts von dem Spiritus verschüttet, sonst könnte euer Zelt ankokeln. Legt am besten die Öffnung der Flasche direkt an den Rand des Spiritusbehälters und gießt dann vorsichtig.

    Schritt 3: Kochen
    Kochen können wir hoffentlich alle, deswegen sag ich dazu nicht viel. Passt einfach auf, dass nichts anbrennt.

    Ich glaube, das Kochen hat mir am besten gefallen. Es gibt einem einfach ein angenehmes Gefühl, in der Wildnis ein warmes Essen zu haben (und die Macht, über die Essenszeiten zu bestimmen). Außerdem macht es Spaß, die ganzen Nudeln und Getränke zusammenzurühren. Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich noch schreiben soll. Mir hat die Wanderung sehr viel Spaß gemacht, und ich konnte mich super von der Gesellschaft erholen, trotz der aufmüpfigen Baboameisen und den paar Spinnen. Danke fürs Planen, Organisieren, Sachen tragen und die Geduld mit uns, Papa. Und danke an den netten Norweger, der uns nach Bjorli gefahren hat und natürlich an Lenja, dass sie mitgekommen ist.

  12. Erfahren

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    AW: [NO] Supert! Hill & Chill im Tafjordfjell

    #32
    Danke, Isolde!!!

  13. Erfahren
    Avatar von Blahake
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    AW: [NO] Supert! Hill & Chill im Tafjordfjell

    #33
    So, jetzt bin ich endlich dazu gekommen, Deinen Bericht zu Ende zu lesen. Wie schon gesagt, seeehr schön! Und von den beiden Mädels können wir Alten doch auch noch was lernen. Nämlich die Gegend zu genießen, statt viel zu schnell durchzuhechten. Ich habe den Eindruck, wenn die beiden an einer schönen Ecke Pause machen oder bleiben wollten, das liegt vielleicht daran, dass man sich an so einem Platz irgendwie "angekommen" fühlt. Da will man dann verweilen und genießen und auf sich wirken lassen. Und nicht gleich weiter. Als derjenige, der die Strecke im Vorfeld schon geplant und andere Etappen angedacht hat, ist das dann natürlich ein bisschen blöd. Ich finde es sehr gut, dass Du Dich den beiden da angepasst hast und sie nicht weitergetrieben hast.

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