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  1. Erfahren

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    [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #1
    Mitreisende: Sylvie
    Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    Diese Tour begann mit Hindernissen. Zwei Wochen vor Start kamen Stef und ich auf die grandiose Idee, noch eine dreitägige, durchaus knackige Paddeltour einzuschieben. Danach hatte ich massive Schulter-Nacken-Probleme. Irgendwelche Nerven waren eingeklemmt. Zumindest vermutete ich das, denn fast alle Finger meiner linken Hand waren taub. Vier Tage später hatte ich ein Gitarrenvorspiel. Da übt man natürlich fleißig im Vorhinein. Immer in dieser ungesunden Gitarristenhaltung: fein den linken Arm nach oben. Das Stück im Quartett haben wir gut gemeistert, auch wenn es sich seltsam anfühlte mit tauben Fingern zu spielen, aber meine Nackenverspannungen und Fingertaubheiten nervten danach umso mehr. Und nur noch eine Woche bis Kiilopää. Wie sollte ich mit diesen Schrott-Schultern einen 20-Kilorucksack tragen? Ich schangelte tagelang rum mit Schmerztabletten, Wärmepflastern und Kirschkernkissen, dann beschloss ich auf’s Äußerste zu gehen und meine Physiotherapeutin aufzusuchen. Die hat mich mit ihren goldenen Händen dann auch halbwegs wieder eingerenkt, ausgeknackst und deblockiert. Für’s erste sollte das reichen, sagte ich mir.

    Blieb vorerst nur noch mein zweites Problem: eine Wunde am Fußrücken, irgendwo aufgeschürft, gekratzt – der Heilungsprozess war langwierig. Normalerweise juckt mich eine solch kleine Wunde überhaupt gar nicht; ich heile sie konsequent mit Spucke, frischer Luft und aggressivem Abwarten, aber jetzt so kurz vor der Tour hatte ich recht ähnliche Bedenken. Die Füße werden ja massiv beansprucht auf so einer Wanderung. Den ganzen Tag luftdicht verschlossen in den stinkenden Botten? Ich kam mir vor wie im Parzifal: Die amfortische Wunde würde sich niemals schließen. Auch hier griff ich zu spezielleren Maßnahmen: fett Jodsalbe und ein dickes Pflaster drauf und die Wunde ignorieren, bis das Pflaster von alleine abfällt. Die Taktik hat sich bewährt. Heilungsfördernd kam, ganz nach Kneipp, immer mal eiskaltes Nass hinzu, in dem ich die Füße bei unseren Furten wässerte.

    Halb-invalidös begannen wir also unsere Tour durch den Urho-Kekkonen-Nationalpark (bei Stefan war alles im grünen Bereich). Dieses Jahr starteten wir nur zu zweit ganz im Nordosten an der Raja Jooseppi und liefen den Park (zunächst) nach Süden ab. Anfangs hatten wir keinen Plan, wir ließen uns vielmehr treiben von spontanen Ideen und Eingebungen. Mutig und sehr entschlossen kletterten wir immer wieder hoch in die wunderbar wilden Fjälls, um danach nur noch angetaner zu sein vom finnisch-lieblichen Märchenwald. Die Touren waren knackig; ich hatte ständig Hunger, denn unser Reiseproviant für acht Tage war knapp bemessen und wurde bis auf den letzten Krümel verspeist. Es gab wenige Hütten, vielmehr Schlafen im Zelt an verwunschenen Feuerstellen. Eine ganz wilde, romantische und äußerst anstrengende Tour war das. Mehr will ich vorerst nicht verraten. Kommt vorbei und schaut selbst!

    Mitternachtssonne am Luirojärvi. Der arktische Sommer zieht wieder alle Register.
    Geändert von Sylvie (27.07.2019 um 14:44 Uhr)

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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #2
    Ui, ein Sylvie Bericht ich freue mich.

    Katastrophen kurz vorm Urlaub hatten wir ja auch schon genug. Aber meist klappt's ja doch irgendwie.

    Ich bin sehr gespannt.

  3. Erfahren

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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #3
    Zitat Zitat von andrea2 Beitrag anzeigen
    Ui, ein Sylvie Bericht ich freue mich.

    Katastrophen kurz vorm Urlaub hatten wir ja auch schon genug. Aber meist klappt's ja doch irgendwie.

    Ich bin sehr gespannt.
    Hallo Andrea,
    ja, hab ich gelesen, bei Euch war die letzte Herbsttour ja auch erst mal hindernisbehaftet. Und ja, nach anfänglicher Sorge - ich bin ja noch nicht so lange im Wandergeschäft und hatte eine solche Situation vorher noch nicht - reißt man sich doch irgendwie am Zippel und alles klappt einigermaßen. Aber erst mal macht man sich Gedanken...

    Und nicht zu Unrecht, wie sich noch zeigen wird.

    Bis bald

    Sylvie

  4. Erfahren

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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #4
    Montag, 8. Juli 2019: Anreise und gleich reingetobt in den Wald

    Müde, müde, müde. Ich will den ganzen Tag nur schlafen und nicke in jeder Halle und jedem Flugzeug immer wieder weg. Die Nacht war kurz und die letzten Wochen anstrengend. Jetzt brauchen Stef und ich Erholung und also geht es erneut in den finnischen Märchenwald, der genau das verspricht. Ganz so spontan war es selbstredend nicht. Wie immer bei diesen Touren gehen dem eigentlichen Wanderspaß mehrere Wochen Planung voraus. Normalerweise wächst in dieser Zeit auch die Vorfreude, aber die kam dieses Jahr etwas zu kurz. Zu angefüllt waren unsere Tage mit Konzerten, Tagungen, Partys und Großveranstaltungen. Entsprechend abrupt fühl ich mich deshalb auch plötzlich im Wald abgekippt.

    Dieses Jahr ist alles anders. Wir nehmen nicht den Bus nach Sariselkä, keine Einstimmungsnacht im Hotel, wir lassen uns vielmehr vom Flughafen aus directement an die russische Grenze bringen. Zur Raja Jooseppi wollen wir, da gibt’s einen Parkplatz. Unsere Taxifahrerin ist sehr freundlich. Nehmt lieber den nächsten Parkplatz noch weiter im Osten, am Luttojoki, rät sie uns. Da gibt’s eine Brücke über den Fluss. Es hat die letzten drei Wochen fast ununterbrochen geregnet, meint sie. Die Flüsse sind tief, breit und wild in der Gegend, nicht gut zum Furten. Nehmt lieber die Brücke. Der Preis für die Fahrt ist der Gleiche. Also machen wir das. Wir haben schon immer den Rat der Einheimischen wertgeschätzt.

    Die Frau ist hier geboren. In Ivalo, ihre blauen Augen strahlen mich im Rückspiegel an. Ihr Vater und auch ihr Mann sind Sami. Ihr Vater hat noch ganz traditionell im Inari-See gefischt. Meine Neugier ist entflammt. Ich will wissen, ob sie Kinder hat. Nein leider nicht, ihr Blick trübt sich ein. Oh dumm, falsche Frage, falsche Frage. Oh sorry, sage ich, sorry für meine verdammte Neugier, aber sie lächelt schon wieder. Mit dem Wetter habt Ihr Glück, schwenkt sie um auf weniger morsches Gelände. Diese Woche soll es nicht regnen. Und in der Tat: der finnische Sommer begrüßt uns nicht nur; er umarmt uns mit sonniger Heiterkeit. Der Wald ist lindgrün, alles blüht, wir sehen Butterblumen und Wollgras, der Himmel strahlt babyblau, keine einzige Wolke gibt es heute da oben, es ist 15 Grad warm und ein frischer Wind pustet immer mal keck durch die Bäume.

    Die Fahrt nach Osten dauert etwas mehr als ne Stunde. Zwischendurch halten wir kurz an einer Tankstelle und kaufen Gas und zwei Büchsen Bier für den ersten Abend im Wald. Später dann, auf der Straße nach Osten, sind nur noch wir unterwegs. Und mehrere Rentierherden mit frischen Jungtieren im Gepäck. Die beäugen das Auto neugierig und machen nur ganz gemächlich die Straße frei. Wir zuckeln langsam dahin und plaudern uns den Weg kurz.

    Es kommen die üblichen Fragen: woher, wohin und wie lange. Als wir erzählen, dass wir zum fünften Mal schon im Park sind, wird die Frau plötzlich hellhörig. Ich kenne Euch, meint sie dann. Ich arbeite auch im Outdoorladen in Sariselkä, da wart Ihr schon mehrmals drinne. Das stimmt, geben wir zu und werden ein bisschen verlegen, weil wir anscheinend ein weniger gutes Gedächtnis haben. Aber langsam wundert mich auch nicht mehr, dass man sich kennt in diesen Breiten. Hier oben, am Ende der Welt, wo die Verrückten sich tummeln. Oder sollte ich sagen: die Entrückten? Die der Welt Entrückten, die finden sich hier in der nordischen Einsamkeit. Davon gibt es nicht allzu Viele. Da kann es durchaus passieren, dass man sich manche Leute immer mal merkt. Vorausgesetzt, man hat ein gutes Gedächtnis, wovon Stefan und ich ganz offenbar nicht profitieren.

    Kurz vor dem Ziel will ich noch wissen, ob der Klimawandel hier oben zu spüren ist. Ja, sagt die Fahrerin, irgendwie schon. Die Winter kommen später und sind sehr viel unbeständiger als früher. Zwischen den sehr kalten Phasen kommen immer mal wieder warme Tage. Dadurch gibt es mehr Schnee und auch viel mehr Wind. Man spürt es auch hier, dass die Welt sich wandelt.

    Aber der finnische Märchenwald, der wandelt sich nicht. Als wir endlich ankommen, zieht er uns wie ein Sog aus dem Auto. Wir springen hinaus und fackeln nicht lange: Mückenspray auf die Haut, Schuhe an, Wanderstöcke ausgefahren, Rucksack auf den Rücken geknallt – mach’s gut liebe Fahrerin, bestimmt sehen wir uns irgendwann wieder. Wir geben ihr zehn Euro Trinkgeld, winken fröhlich zum Abschied und ab geht’s über die Brücke hinein in den Park.


    Schnell noch ein Foto vor der Karte gemacht und frisch wie der Wind turnen wir rein in den Park.


    Zumindest am Anfang der Tour gibt's noch ne komfortable Flussüberquerung.


    Es ist abends halb neun und selbstredend ist es noch hell. Die Sonne steht hoch am Himmel und kein einziges Mal wird sie untergehen, während wir hier sind.


    Sommerbläue am Luttojoki

    Wie schon beschrieben: keine Busfahrt nach Sariselkä, kein „hey, hey, I saved the world today“ zur Vorbereitung, generell überhaupt keine geistige Vorbereitung oder liebgewordene Gewohnheit, mit der wir die Tour sonst immer einleiten – so rasend schnell und unvermittelt steh‘ ich plötzlich im Wald, nach einem endlos langen Reisetag voller Müdigkeit, mit schönen Momenten zwar, die mich aber gar nicht so richtig erreichen, so sehr im Nebel ist mein Kopf von der Ereignis-Dichte der letzten Wochen… Also kurz: Ich kann das noch gar nicht richtig begreifen. Während ich sonst immer fasziniert und begeistert das Fremde der nordischen Landschaft begrüße, ist es jetzt irgendwie ganz anders. Dieser lichte, heitere Wald mit seinen tanzenden Sonnenflecken auf hellgrünem Moos und Birkenstämmen, mit seinem Duft nach Kiefern und wildem Rosmarin, der einem unvermittelt entgegenwallt – das alles ist mir so vertraut. Ich habe gar nicht das Gefühl, ich laufe in die Fremde, ins Abenteuer – ich habe vielmehr das Gefühl, ich komme nach Hause. Ah, grüß Dich alter Wald, mein Freund, gibt es Dich immer noch in Deiner finnischen Lieblichkeit? Wir nicken uns still und erkennend zu, mein alter Bekannter und ich. Es liegt darin nichts Euphorisches, nichts Überschwängliches – er ist einfach da, und ich bin einfach da, und das ist gut so.

    Das ist neu, und es wundert mich. Dann jedoch bin ich vom Wandern gefangen. Langsam, aber zielstrebig taucht mein Kopf aus dem Nebel auf, denn mein Körper sendet Signale an ihn. Der Weg durch Finnisch-Lieblich ist angenehm zu laufen, keine Wurzeln, keine Steine, nur ab und zu feuchte Senken – aber ganz ehrlich, das Wandern ist niemals angenehm an den ersten Tagen. Irgendwas ziept, juckt, kratzt, drückt, schmerzt oder brennt immer. Ich will hier jetzt gar nicht zu sehr ins Detail gehen, weh tut noch nix, aber das permanente Brennen und Jucken auf der Haut, macht mich grad uschig. Es beansprucht meine Sinne sehr. Ist’s gar das Mückenspray, das ich nicht vertrage?

    Doch nach einer Weile werde ich ausreichend abgelenkt. Der Weg zieht am Fluss entlang, am Kiertämäjoki, und irgendwann wird daraus ein See, der untere Kiertämäjärvi.


    Kiertämäjoki

    Es gibt ein Shelter hier, bis dahin wollen wir heute noch gehen. Halb neun sind wir aufgebrochen, halb elf sind wir da. Die Sonne steht noch hoch über dem See. Das Shelter ist besetzt. Wir sehen es lange bevor wir ankommen an den frischen Fußspuren im Schlamm. Immer wenn ich Spuren von Wanderschuhen sehe, denke ich an Chingachgook, die große Schlange aus den Lederstrumpfromanen, die ich als Kind verschlungen habe. „Der weiße Mann ist zu laut und zu schwer“, pflegte Chingachgook immer zu sagen. „Seine Spuren gleichen denen einer Büffelherde.“

    Der Beweis kommt dann auch prompt: Zwei weiße Männer, nicht allzu schwer, aber mit großen Füßen, sitzen am Feuer, als wir das Shelter erreichen. Es sind Deutsche. Sie sind nach 20 Jahren wieder zum ersten Mal hier im Park. Wir setzen uns gleich mit dazu und zischen erst mal unser Bier weg. Dann quatschen wir bis in die Puppen. Erst gegen halb zwei verschwinden wir endlich im Zelt. Es wird ja nicht dunkel hier. Dafür aber empfindlich kalt, sobald die Sonne im Norden die Erde küsst. Im Zelt bei dieser Helligkeit schlafen zu wollen, kommt mir noch seltsamer vor, als in den Hütten. Dort ist es wegen der kleinen Fenster zumindest irgendwie schummrig. Im Zelt ist es hell wie am Tage. Ich rede mir ein, ich mache jetzt einen Mittagsschlaf. Müde bin ich nicht wirklich. Obgleich ich den ganzen Tag immer nur schlafen wollte.


    Abends halb zwölf am Kiertämäjärvi



    Seeblick aus dem Zelt
    Geändert von Sylvie (22.07.2019 um 23:43 Uhr)

  5. AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #5
    Wie ich deine Berichte liebe Sylvie! Da ich schon so oft da oben war, kann ich mich total gut hineinfühlen in eure Reise. Spannend euer Startpunkt! Von da oben sind wir noch nie gestartet. Wär ev. auch mal was. Bin mega gespannt auf die nächsten Beiträge von dir! Super geschrieben! Ganz liebe Grüsse auch an Stef! Und das mit dem "da oben kennt man sich", musste grad mega lachen...Euch haben wir ja schon gekannt, ohne dass wir euch live gesehen haben, nämlich von einem Bericht, den Jarno im Vorfeld unserer ersten Tour im Netz gelesen hat.

  6. AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #6
    Juhu, es gibt wieder einen Finnlandbericht!
    So möchtig ist die krankhafte Neigung des Menschen, unbekümmert um das widersprechende Zeugnis wohlbegründeter Thatsachen oder allgemein anerkannter Naturgesetze, ungesehene Räume mit Wundergestalten zu füllen.
    A. v. Humboldt.

  7. Erfahren

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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #7
    Zitat Zitat von Aurorahunter Beitrag anzeigen
    Wie ich deine Berichte liebe Sylvie! Da ich schon so oft da oben war, kann ich mich total gut hineinfühlen in eure Reise. Spannend euer Startpunkt! Von da oben sind wir noch nie gestartet. Wär ev. auch mal was. Bin mega gespannt auf die nächsten Beiträge von dir! Super geschrieben! Ganz liebe Grüsse auch an Stef! Und das mit dem "da oben kennt man sich", musste grad mega lachen...Euch haben wir ja schon gekannt, ohne dass wir euch live gesehen haben, nämlich von einem Bericht, den Jarno im Vorfeld unserer ersten Tour im Netz gelesen hat.
    Grüß Dich Jan,
    na, wie ich mich freue, dass Dir mein Bericht gefällt! Vielen Dank für Deinen Zuspruch. Ich muss sagen, ich habe selbst viel Freude daran, also am Aufschreiben, manchmal vermute ich ja fast, ich gehe eigentlich nur wegen des Schreibens immer wieder in diese inspirierende Landschaft. Das flutscht da alles wie gedruckt aus mir heraus. Ich muss den Ursprungstext kaum noch verändern. Hier zu Hause hab ich dann jede Menge Gaudi beim Antippen - da wird das Ganze gewissermaßen erst verdaut.

    Und ja haha.... unsere Begegnung der anderen Art im Herbst 2016 werde auch ich nie vergessen. Man kennt sich halt dort oben. Wenn nicht, lernt man sich kennen.

    Ich mach jetzt gleich mal bisschen weiter, morgen wird es nichts werden mit dem Schreiben und ab Montag erst recht nicht, da muss ich wieder arbeiten.

    Feine Grüße an Dich und auch an Jarno!
    Sylvie

    - - - Aktualisiert - - -

    Zitat Zitat von Mika Hautamaeki Beitrag anzeigen
    Juhu, es gibt wieder einen Finnlandbericht!
    Jawohl! Ich bin stets zur Stelle!

  8. Erfahren

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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #8
    Dienstag, 9. Juli 2019: Durch Finnisch-Lieblich

    Das Zelt stand abschüssig. Wir haben miserabel geschlafen. Ich träumte andauernd, mein Schiff geht unter und ich komme auf die schiefe Bahn. Ich rutsche beständig die drohende Schräge hinunter bis ich ins kalte und alles verschlingende Meer falle. Dann find ich mich jedes Mal an dieser eiseskalten Zeltwand wieder, wo ich schlotternd erwache. Stef hat so ein Ultraleichtzelt gekauft. Das Ding ist dünn wie ne Strumpfhose. Selbst als am Morgen die Sonne drauf scheint, wird es da drinne nicht warm. Dabei hatte ich auf die wärmende Sonne im Osten gehofft, denn ich friere die ganze „Nacht“ wie ein Schneeglöckchen.

    Aber immerhin: Die Sonne scheint fein. Wir schälen uns aus unserer Strumpfhose und springen erst mal in den See.



    So. Nun ist uns warm. Nun wird gefrühstückt. Die beiden Deutschen sind auch schon wach. Sie haben im Shelter übernachtet. Ein bisschen mückenzerstochen, aber sonst ganz munter, kriechen sie brabbelnd aus ihren Schlafsäcken. Wir essen gemeinsam am Feuer, dann packen wir alles zusammen und hopp – geht es los.

    Über Essen und Ausrüstung haben wir uns im Vorhinein viele Gedanken gemacht. Über den Weg hingegen nur grob. Wir wollen zunächst am Ostrand des Parks nach Süden marschieren, dabei möglichst viel offroad über die Fjälls gehen und irgendwann Richtung Nordwesten nach Kiilopää abbiegen. Wir wissen noch nicht, wie weit wir heute gehen wollen, aber erst mal gehen wir los. Wir peilen zunächst die Hütte am oberen Kiertämäjärvi an. Vielleicht laufen wir weiter, vielleicht auch nicht. Der Fluss zwischen den beiden Kiertämä-Seen mäandert sich liebreich durch die finnische Landschaft. Der Weg mäandert brav nebenher.



    Heute ist nicht nur der Wald äußerst lieblich, der ganze Rest ist es auch. Die Sonne scheint, aber nicht zu warm, der Weg ist wie gestern steinlos und wurzellos, nur immer mal sumpfig. Diese glatten Wege hier… eigentlich ist das ein russischer Märchenwald, denke ich während des Laufens. Der toppt den finnischen noch mal in seiner Lichtheit und Heiterkeit. Ich warte beständig darauf, dass Wasja und die schöne Aljona singend durchs Heidekraut gewandelt kommen. Das würde zur Stimmung hier passen.

    Mücken gibt es freilich. Aber sehr viel weniger, als vor vier Jahren im August. Sie fallen uns an, wenn wir Pause machen, doch lassen sie gleich wieder ab von uns. Das Ballistol, mit dem wir uns eifrig einreiben, verscheucht die Biester zuverlässig.


    Das beste Mittel gegen Mücken, das wir kennen. Riecht angenehm, schmeckt nicht, irritiert die Haut nicht und das Wichtigste: es wirkt.

    Irgendwann wird es uns doch zu warm. Da springen wir schnell in den Fluss und laufen erfrischt und wohltuend sauber die letzten paar Meter bis zum See.


    Unsere Badestelle. Hier staut sich das Wasser und es ist tief.

    Die Hütte am oberen Kiertämäjärvi ist zauberhaft. Sie liegt direkt am See mit einer feinen Feuerstelle am Ufer.



    Im Inneren des Hauses ist es jedoch weniger einladend: es gibt hier seltsame ranzige Matratzen, auf die ich mich lieber nicht legen wollte. Aber man kann sie ja zur Not beiseite schieben.



    Es ist noch früh am Tage (wenn man bei endlosen Tagen überhaupt von früh oder spät sprechen kann), gerademal nachmittags um vier. Hier ist die Stimmung so schön. Wir beschließen in großer Einhelligkeit, am See zu bleiben. Stefan baut das Zelt auf, ich koche Kaffee am Feuer. Den trinken wir fein im Sonnenschein, bevor Stef in den Wald springt, um Vögel zu sichten. Ich aber bleibe am Feuer sitzen und fange lustvoll mit Schreiben an. Bei diesem grandiosen Ausblick finde ich schnell hinein.


    Den Stuhl, der ausschließlich Stefans Erholung dienen soll...



    ... darf ich heut mal als Dichterstuhl benutzen.

    Lange jedoch währt die Schreibphase nicht, denn die beiden Deutschen trudeln am Feuer ein und ähnlich wie gestern verbringen wir unsere Zeit mit Quatschen, Essen und Trinken (heute freilich nur Tee mit einem Schuss Rum drin). Irgendwann wird es Zeit für den „Mittagsschlaf“ und also verziehen wir uns ins Zelt. So richtig müde sind wir immer noch nicht, aber die Vernunft mahnt uns, die Nacht nicht zum Tage zu machen. Auch wenn draußen im Wald genau das passiert und das Licht gerade dazu besonders verführt.
    Geändert von Sylvie (24.07.2019 um 19:21 Uhr)

  9. Erfahren
    Avatar von Fjellfex
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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #9
    Das sind schöne Photos und ein ganz besonders geschriebener Bericht - vielen Dank!

    Nebenbei ist es für mich eine nette Einstimmung auf meinen Urlaub in gut 1 Monat: da will ich mich nämlich (zumindest laut Plan A) auch ein wenig in Nordfinnland tummeln...

    Freue mich auf die Fortsetzung!

  10. Erfahren

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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #10
    Zitat Zitat von Fjellfex Beitrag anzeigen
    Das sind schöne Photos und ein ganz besonders geschriebener Bericht - vielen Dank!

    Nebenbei ist es für mich eine nette Einstimmung auf meinen Urlaub in gut 1 Monat: da will ich mich nämlich (zumindest laut Plan A) auch ein wenig in Nordfinnland tummeln...

    Freue mich auf die Fortsetzung!
    Danke Dir Fjellfex!
    Na dann hoffe ich mal, dass Plan A ordentlich durchgezogen wird. Willst Du auch in den UKK?

    An der Fortsetzung arbeite ich emsig. :-)
    Bis denne
    Sylvie

  11. Fuchs
    Avatar von Pfiffie
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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #11
    Große Klasse...Finnland wäre ja vll auch mal was für mich. Was mir im Fjäll immer fehlt ist der Schutz des Waldes und ein Lagerfeuer. Allerdings gibt es dort auch nicht diese eindrucksvollen Berge, man kann wie immer nicht alles haben.

    Was macht das Wandern dort so anstrengend? Sümpfe, Anstiege, gestrüp?

    Grüße Maik
    "Freiheit bedeutet, dass man nicht alles so machen muss wie andere"

  12. Erfahren
    Avatar von Fjellfex
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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #12
    Zitat Zitat von Sylvie Beitrag anzeigen

    An der Fortsetzung arbeite ich emsig. :-)
    Brav!

    Was mein genaues Ziel angeht: da will ich mich öffentlich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen; bin gebranntes Kind: letzten September war bei mir aufgrund der Gegebenheiten Plan E statt A angesagt.

  13. Erfahren

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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #13
    Zitat Zitat von Pfiffie Beitrag anzeigen
    Große Klasse...Finnland wäre ja vll auch mal was für mich. Was mir im Fjäll immer fehlt ist der Schutz des Waldes und ein Lagerfeuer. Allerdings gibt es dort auch nicht diese eindrucksvollen Berge, man kann wie immer nicht alles haben.

    Was macht das Wandern dort so anstrengend? Sümpfe, Anstiege, gestrüp?

    Grüße Maik
    Hallo Maik,
    so sieht's mal aus: Sümpfe, Anstiege und lästiger Untergrund. Zumindest wenn man fast die ganze Zeit offroad läuft, so wie wir dieses Jahr und sehr oft hoch auf die Fjälls klettert (ich werde noch davon berichten) - dann macht das mitunter ganz schön müde. Die Anstiege fand ich gar nicht mal so schlimm, aber Anstieg auf Geröll (oder noch schlimmer Abstieg) oder stundenlanges Waten durch knietiefes Heidekraut, unter dem sich Geröll versteckt und das alles mit 20 Kilo Gepäck auf dem Rücken - das fand ich auf Dauer recht kräftezehrend. Ich hatte eigentlich geglaubt für diese Tour recht fit zu sein... aber manchmal hatte ich Zweifel. Nu ja... das Wandeln in der Wildnis zeigt einem eben auch gern mal die eigenen Grenzen auf.

    Aber man wird ja so reichlich belohnt. Mit Zentrierung und Kontemplation und vielen wunderschönen Ausblicken und Eindrücken. Ich möchte diese Tour nicht missen. So wie ich auch alle anderen Touren nicht missen wollte. Das geht Dir bestimmt genauso, oder?

    LG Sylvie

  14. Erfahren

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    #14
    Zitat Zitat von Fjellfex Beitrag anzeigen
    Brav!

    Was mein genaues Ziel angeht: da will ich mich öffentlich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen; bin gebranntes Kind: letzten September war bei mir aufgrund der Gegebenheiten Plan E statt A angesagt.
    Oha....Du bist abergläubisch. Das kann ich gut verstehen. Oder Du willst hier im Forum keine Erwartungen wecken... auch ein Grund. Aber ich kenne ja mittlerweile Deine Ziele.

    Meine gedrückten Daumen hast Du!

    So und nun weiter hier im Reisebericht. Ich will auf keinen Fall so lahm schreiben, wie ich mitunter gelaufen bin. Noch sind die Finger frisch und das Gehirn im Turbomodus. Das muss genutzt werden, ehe die Alltagstretmühle wieder in Schwung kommt.

    Sylvie

  15. Erfahren

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    #15
    Mittwoch, 10. Juli 2019: Hoch hinauf in die Tunturi

    Diese Nacht schlafen wir hervorragend. Keine Schräglage lässt uns in wilde Meere stürzen, kein Buckel kratzt uns am Buckel. Wir hüpfen munter und gut gelaunt aus den Daunen. Unsere beiden Parkabschnittsgefährten sind auch schon wach. Auch sie haben gut geschlafen, nachdem sie meine Hütten-Mückenreinigungs-Methode beherzigt und erfolgreich angewandt haben. Jetzt sitzen sie glücklich am Tisch und frühstücken, während Stef und ich draußen am Feuer essen. Ein letzter Blick in die Hütte – wir wünschen uns Glück und Abenteuer – ein letzter Blick auf den See, dann laufen wir los.

    Heute wollen wir hoch hinaus. Finnisch-Lieblich lassen wir hinter uns. Das Wetter ist kühler heute und etwas trübe, aber regnen tut es nicht. Wir sind’s zufrieden und traben zunächst gemütlich am Fluss entlang. Kurz hinter der Hütte soll es im Fluss laut Karte eine leicht zu furtende Stelle geben, die wollen wir gerne treffen. Wir finden die Watstelle nicht, aber wir suchen auch nicht wirklich euphorisch danach, denn wir haben erst mal andere Probleme. Dicht am Flussufer ist ein Sumpf. Es wird nasser und nasser. Irgendwann stoppen wir das Gehoppse von Insel zu Insel und packen schnell unsere Watstrümpfe aus. Wenn ich hier schreibe „schnell“, ist das nur so dahingesagt. Ich habe den Eindruck, beim Wandern geht überhaupt nichts wirklich schnell. Alles geschieht irgendwie langsam und sehr bedächtig hier oben. Keine Ahnung, woran das liegt. Entweder fahren wir unsere Hektik einfach herunter in die Tiefenentspannung oder wir haben nicht genügend Energie für schnelle Bewegungen oder wir sehen einfach ihren Sinn nicht ein, denn wir haben den ganzen Tag Zeit. Hierzumal noch viel mehr, denn der Tag ist doppelt so lang.

    Jetzt aber im Moor, wo wir einbeinig wie die Störche in unsere Crocs balancieren, jetzt wäre ein bisschen Schnelligkeit durchaus angebracht, denn die Mücken lieben das Moor. Und ein Moor mit Menschen drinne ist ihnen ein Fest. Dummerweise reißt mir beim Anhosen der linke Watstrumpf ein. Gottseidank nur am Oberschenkel, ich könnte also ohne Gefahr durch die Sümpfe damit, aber Stef besteht auf Ordnung. Er repariert das gleich vor Ort, also an meinem Schenkel, mit Panzertape. Das dauert…. Tja, und immer wenn wir in Mückenmoornot sind, kommt plötzlich auch noch die Sonne hervor und ballert uns auf die Birne. Es wird schwül, die Mücken summen – ich finde das alles gar nicht fein. Ich frage Stef, ob er auch das Gefühl hat, dass die Sonne Menschen in Mooren liebt und deshalb besonders drückend nach unten scheint. Stef allerdings findet den langatmigen Austausch über dieses oder jegliches andere Thema jetzt grade unzeitgemäß. Er gibt mir zwar vorsichtshalber und auch vorbehaltlos erst mal Recht, drängt aber dann zur Eile. Jawohl! Das Mückengesumse macht uns meschugge. Also los jetzt, schnell hinein in den garstigen Mückensumpf.

    Das Moor jedoch ist tückisch. Einmal passiert es mir tatsächlich, dass ich bis weit über’s Knie im Boden versinke. Wie Rumpelstilzchen. Nur mit Mühe und sehr viel Kraft und jeder Menge Panik gelingt es mir, mein Bein wieder rauszuziehen, ohne dass mir der Schuh vom Strumpf gelutscht wird. Ich verfluche das Moor. Und stakse schimpfend noch langsamer und noch viel vorsichtiger durch den gierigen Sumpf. Soviel zur hiesigen Schnelligkeit.

    Nach vergeblicher aber wie schon gesagt, nicht besonders ambitionierter Suche nach der Furt, queren wir den Fluss einfach irgendwo. Die Watstrümpfe machen es möglich, denn das Wasser ist tief. Drüben indes noch keine Entwarnung: Das Moor geht hier weiter. Doch wir haben uns inzwischen an seine Boshaftigkeit gewöhnt und stapfen wacker voran. Irgendwann ist es vorbei und wir gönnen uns erst mal ne Schokipause im sicheren Heidekraut. Dann laufen wir lange und weglos bergauf durch den Wald, immer nach Süden, bis wir die Obstbaumwiesenzone erreichen.





    Unterwegs finden wir auch das Ziel: Wir wollen nach Anterinmukka gehen. Eine wunderbare Hütte soll Anterinmukka sein, die Finnen schwärmten die letzten Jahre immer wieder davon. Also ist das unser Ziel und weil wir oben über die Fjälls uns kämpfen, erklimmen wir dafür zunächst den Peuranampumapää. Viel Arbeit liegt vor uns. Der Weg durch die Obstbaumwiesenzone, wie ich die Birkenhaine auf halber Fjällhöhe nenne, zieht sich endlos dahin. Am Ende kommen wir kaum noch voran, weil die Felsbrocken unter Moos und Heide immer größer werden und immer dichter gesät sind. Wir beschließen, den kleineren Berg, der vor dem Peuranampumapää liegt, nicht zu umrunden, sondern direkt über seine Kuppe zu ziehen. Von dort geht es noch steiler hinauf bis zum Gipfel des Peuranampumapää. Der Weg ist anstrengend, wir schwitzen mächtig. Trotzdem ziehen wir uns irgendwann Jacken und Handschuhe an, denn ein scharfer Nordwind zischt uns im Nacken. Die Landschaft speziell auf dem Gipfel ist sehr bizarr. Riesige Felsblöcke liegen hier rum. Als hätte ein Riesenkind alle seine Legobausteine verschüttet.



    Stef ist hier oben ganz beglückt, denn überall piept und pfeift es. Es scheinen hier einige Vögel zu brüten. Besonders eindrücklich ist der einzelne langgezogene Pfeifton des Goldregenpfeifers, der pausenlos im Abstand von zehn Sekunden ertönt. Dann antwortet ein zweiter Vogel aus einer anderen Ecke. Piep? – Püüp!, Pause, Piep? – Püüp!, Pause. So geht das die ganze Zeit. Der Piep-Ton geht hinten nach oben, er klingt fragend. Beim Püüp-Ton hingegen tändelt die Tonlage nach unten. Das ist die Antwort. Irgendwann sehen wir den Pieper auch (den Püüper leider nicht, den hören wir nur). Er sitzt auf einem Stein und stößt diese immergleichen einzelnen Laute aus. Warum tut er das nur? Will er sein Revier markieren? Oder unterhalten die sich? Etwas gesprächsartiges hat es ja an sich, auch wenn es eher an die wortkargen Lautäußerungen von Ostfriesen erinnert. Moin?- Pause - Moin!-Pause. Vielleicht sind es auch Warnrufe, weil wir hier vorbeikommen. Dieses fortwährende, recht monotone Piepen hat fast schon was Technisches an sich. Man könnte meinen, man ist auf einer Intensivstation. Andererseits… inmitten dieses kargen Gesteins, bei ansonsten absoluter Stille… kurzzeitig komm ich mir vor wie auf dem Mond. Oder irgendwo, wo ich sehr sehr fremd bin. Es ist unwirklich, was ich hier grad erlebe.

    Stefan hingegen kriegt sich vor Freude nicht wieder ein. Andauernd zückt er seine Vogel-App, vergleicht die Rufe, sieht sich die passenden Vögel an, schreibt sich das alles in seine Liste und zeigt mir das dann voller Stolz. Sein Fernglas hängt griffbereit um seinen Hals. Es ist wohl der meistgenutzte Gegenstand auf dieser Tour. Auch Birkhühner und Brachvögel tummeln sich hier in den Steinen. Die kommen sofort auf Stefans Liste.

    Inzwischen sind wir oben angekommen. Aus den Legosteinen sind Duplosteine geworden oder gar gleich mächtige Felsbrocken. Sie sind aber moderat angeordnet, sodass wir sie gut umsteigen können und auch sonst bei mäßiger Steigung recht gut vorankommen.



    Wir machen Pause irgendwann. In einer wind-armen Ecke sitzen wir friedlich und betrachten die kluftige Landschaft. Es gibt sogar Kaffee und einen Pickup. Was kann die Welt schön sein in dieser kargen Sternen-Einsamkeit.





    Ein Goldregenpfeifer hat sich ganz in der Nähe niedergelassen und kommentiert all unser Tun und Streben mit kräftigen Piepern. Die Sonne wärmt uns gnädig und manchmal schießt eiskalt ein launischer Wind um die Ecke. Gleichzeitig warm und kalt auf der Haut – das ist ein bisschen wie die Geschmacksexplosion auf der Zunge, wenn man exotische Dinge isst, die gleichzeitig süß und salzig schmecken.

    Dann gehen wir weiter, nach Süden und immer nach Süden. Wir marschieren wacker auf dem Sattel entlang, hinter uns Sonne und Wind, vor uns viele kleine Schmelzwassermulden, die der Winter zurückließ. Und der Goldregenpfeifer ruft.


    Steinwüste bis zum Horizont

    Plötzlich gibt es einen mächtigen Schlag in meiner Schulter, ein stechender Schmerz wie ein Dolchstoß – seltsamerweise in der rechten Schulter, und nicht in der linken, die ja vor dem Start meine Problemseite war. Uff. Der Rucksack drückt mir die Schultern platt, ich brauch dringend ne Pause. Ein bisschen trallern wir rum, Rucksack abwerfen, Armkreisen, Massieren, Schmerzpunkte drücken, aber nichts hilft wirklich. Hart wie der Fels ringsumher sind auch meine Muskeln im Rücken, es hilft nichts, ich brauch ne längere Pause. Wir setzen uns hin und betrachten die Felsen im Sonnenlicht.



    Und dann stehen wir einfach nicht wieder auf. Also Stefan schon, der baut das Zelt auf. Wir bleiben hier, entscheidet er. Du wirst sehen, morgen bist Du wieder wie neu. Eine gute Entscheidung, ich bin ganz seiner Meinung.



    Formidabel ist unser Platz zwischen den Steinen. Anterinmukka muss eben noch warten. Wir kochen noch schnell unser Abendmahl, dann kriechen wir eilig ins Zelt. Es ist sehr frisch hier oben und endlich sind wir mal richtig müde. Die Helligkeit kann uns jetzt nichts mehr vorgaukeln. Es ist Nacht und nachts wird geschlafen. Das tun wir dann auch ziemlich sofort. Und ewig piept uns der Goldregenpfeifer.


    Eine Andeutung vom Tal

    Heute noch schreiben? - frag ich mich halb schon im Traum. Zu müde, zu kalt, zu ungemütlich!


    Der Puikkapää rechts und daneben die Hirvas-Berge. Dorthin geht unsere Reise morgen.


    Einschlafen im Abendlicht
    Geändert von Sylvie (23.07.2019 um 23:23 Uhr)

  16. Erfahren
    Avatar von Fjellfex
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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #16
    Zitat Zitat von Sylvie Beitrag anzeigen
    Oha....Du bist abergläubisch. Das kann ich gut verstehen. Oder Du willst hier im Forum keine Erwartungen wecken... auch ein Grund.
    "Eifersüchtig sind des Schicksals Mächte/ Voreilig Jauchzen greift in ihre Rechte" (Schiller)

    Was anderes: in puncto Finnland kenne ich mich sehr wenig aus. Bemerkenswert fand ich, daß die finnischen Wanderkarten fein säuberlich zwischen passierbaren und unpassierbaren Mooren unterscheiden. Und auch Geröllfelder sind akkurat vermerkt. Aufgrund Deiner Erfahrungen dort: wie verläßlich sind diese Angaben? Bei Eurer letzten Etappe las ich von garstigem Moor und Geröll...

  17. Fuchs
    Avatar von Pfiffie
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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #17
    Zitat Zitat von Sylvie Beitrag anzeigen
    Aber man wird ja so reichlich belohnt. Mit Zentrierung und Kontemplation und vielen wunderschönen Ausblicken und Eindrücken. Ich möchte diese Tour nicht missen. So wie ich auch alle anderen Touren nicht missen wollte. Das geht Dir bestimmt genauso, oder?

    LG Sylvie
    Ja so ist es , zum Teil kann man manche Touren garnich miteinander vergleichen, muss ja auch nicht, hauptsache es ist schön gewesen

    Danke dir
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  18. Dauerbesucher
    Avatar von Zz
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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #18
    Zitat: „Auch sie haben gut geschlafen, nachdem sie meine Hütten-Mückenreinigungs-Methode beherzigt und erfolgreich angewandt haben. „

    Hallo Sylvie,
    Ihr wart sehr wahrscheinlich noch nie im Winter da und habt vor einem leeren Holzschober gestanden bei minus 25 Grad Celsius oder noch tieferen Temperaturen.
    Da verfluchst Du lautstark alle, die im Sommer sinnlos Holz verfeuern und heizen.
    Das Feuerholz kommt halt nicht umsonst und alleine dorthin.
    Vielleicht kauft Ihr Euch einfach mal ein Mückennetz?
    Denkt mal drüber nach,
    Z

    PS.: Hallo Fjellfex,
    die finnischen Karten sind im allgemeinen recht genau. Schwierig wird es mit der Orientierung im Wald im flachen Gelände, aber dafür gibt es ja mittlerweile GPS Geräte zur Unterstützung.

  19. Erfahren

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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #19
    Zitat Zitat von Zz Beitrag anzeigen
    Zitat: „Auch sie haben gut geschlafen, nachdem sie meine Hütten-Mückenreinigungs-Methode beherzigt und erfolgreich angewandt haben. „

    Hallo Sylvie,
    Ihr wart sehr wahrscheinlich noch nie im Winter da und habt vor einem leeren Holzschober gestanden bei minus 25 Grad Celsius oder noch tieferen Temperaturen.
    Da verfluchst Du lautstark alle, die im Sommer sinnlos Holz verfeuern und heizen.
    Das Feuerholz kommt halt nicht umsonst und alleine dorthin.
    Vielleicht kauft Ihr Euch einfach mal ein Mückennetz?
    Denkt mal drüber nach,
    Z

    PS.: Hallo Fjellfex,
    die finnischen Karten sind im allgemeinen recht genau. Schwierig wird es mit der Orientierung im Wald im flachen Gelände, aber dafür gibt es ja mittlerweile GPS Geräte zur Unterstützung.
    Hallo Zz,
    echt? Du kommst im Winter in eine so abgelegene Hütte? Interessant.

    Wir haben die ganze Zeit im Zelt geschlafen, ein Mückennetz hatten wir auch dabei, haben es diesen Sommer aber nie benutzt. Ich denke nicht, dass die drei Scheite, die unsere beiden Parkabschnittsgefährten an diesem Abend in der Hütte verfeuert hatten (auch, um sich zu wärmen), die Holzvorräte aufgebraucht haben.

    Ich habe da schon ganz andere Kaliber erlebt, unter den Finnen selbst.

    Aber schön, dass Du vorbeigeschaut hast.

  20. Erfahren

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    AW: [FI] Über die Fjälls in Lappland: Vom Wandern und Schreiben

    #20
    Zitat Zitat von Fjellfex Beitrag anzeigen
    "Eifersüchtig sind des Schicksals Mächte/ Voreilig Jauchzen greift in ihre Rechte" (Schiller)

    Was anderes: in puncto Finnland kenne ich mich sehr wenig aus. Bemerkenswert fand ich, daß die finnischen Wanderkarten fein säuberlich zwischen passierbaren und unpassierbaren Mooren unterscheiden. Und auch Geröllfelder sind akkurat vermerkt. Aufgrund Deiner Erfahrungen dort: wie verläßlich sind diese Angaben? Bei Eurer letzten Etappe las ich von garstigem Moor und Geröll...
    Hallo Fjellfex,
    die Moore sind eingezeichnet, aber manchmal kommt man halt schwer drumrum. Die richtig moorigen Gegenden ganz im Süden des Parks haben wir bisher immer gemieden. Die Geröllfelder sind ebenso sehr gut auf der Karte zu erkennen. Hier habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie unterschiedlich schwer zu nehmen sind. Bei manchen kommt man ganz gut durch, bei anderen weniger. Muss man halt immer vorher abwägen, wo man langwill und wie viel Umweg man in Kauf nehmen will. So richtig unpassierbare Stellen habe ich im Geröll noch nicht erlebt, was aber nichts heißen will.

    LG Sylvie

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