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    [DE] Schwarzwald: Seensteig März 2019

    #1
    Mitreisende: Bergahorn
    Da ich selbst gerne Tourenberichte lese, will ich mich mal revanchieren, in der Hoffnung, dass dieser hier dem einen oder der anderen gefällt.

    Meine Wanderfüße beginnen wie jedes Frühjahr wieder heftig zu jucken, so will ich ein paar Tage den Schwarzwald unsicher machen, zumal das Wetter sonnig, trocken und wärmer werden soll.
    Zunächst fasse ich den Hochschwarzwald ins Auge, doch da scheint es dann doch noch zu viel Schnee zu geben. So weiche ich auf den Seensteig, optional mit Zusatzschlenker aus, in der Annahme, dass er dort kaum noch ein Thema ist. Ich werde eines Besseren belehrt werden…
    Der Seensteig beginnt und endet offiziell in Baiersbronn, ich wähle aber Kniebis als Ausgangspunkt, da ich von dort aus bei möglicher schnellerer Gangart noch einen Schlenker nach Süden anschließen könnte. Offiziell ist der Steig für 5 Tage ausgelegt, bei 91km Länge finde ich das sehr großzügig. Die Internetseite überfliege ich nur, Tourismus-Lyrik ist meistens wenig hilfreich und es kommt dann doch oft vieles anders als geplant. So auch in diesem Fall!

    19. März 2019

    Ich kann gegen 14.00 Uhr an der Kniebishütte und Besucherzentrum starten, es liegt noch richtig schön Schnee, der Skilift ist in Betrieb! Gleich geht es in den Wald, hier kreuze ich noch verschneite Forststraßen und die Spazierwege der örtlichen Touristiker, bald geht es dann auf kleinem Pfad bergab zum Ellbachsee, der noch recht winterlich daherkommt.


    Ellbachsee

    Schwimmen ist nicht angesagt, aber den Schnee habe ich im Wesentlichen erst einmal hinter mir! Der Weg ist unspektakulär, bis ich für 500m vor die Wahl zwischen Forststraße und „Abenteuerpfad“ gestellt werde. Da muss ich nicht lange nachdenken! Der Abenteuerpfad schlängelt sich mehr oder weniger eng durchs Unterholz, bei nassem Wetter funktioniert er sicher perfekt als „Wandererwaschanlage“! Ich bestehe das „Abenteuer“ und lande wieder auf einem Forstweg, nicht wissend, dass mir noch viel weitere, allerdings nicht als solche bezeichnete Abenteurwege bevorstehen…
    Entpannt trudele ich das Tal hinunter, mache von der 270 Jahre alten (wie oft wird eigentlich das Schild aktualisiert?) Ellbachtanne ein Foto, überquere schließlich den Ellbach, um bald auf der anderen Seite am Wildgehege entlang hinauf zu steigen.


    Ellbachtanne

    Hier „verdunstet“ dann der eigentlich gut bezeichnete Seensteig zum ersten Mal und meine Pfadfinderfähigkeiten sind gefordert. Es ist nicht schwierig, die Kurve ins fast parallel liegende Tal zu finden. Den Ort Mitteltal selbst spare ich mir, mache nur ein Foto von einem Briefkasten, der einmal als Vogelnest diente, was aber dem letzten Jungen zum Verhängnis wurde. Das Haus selbst sieht auch nicht viel besser aus, Immobilie in naturnaher Lage, ideal für Heimwerker…




    Statt der Seensteig-Raute folge ich nun einer gelben, wahrscheinlich wurde der Steig umgelegt und meine Karte ist zu alt. Dort steht nur ab und an „SEE“ neben den Wegen, den Rest hatte ich mir zu Hause mit Hilfe der Website zusammengereimt, war dabei aber wohl etwas schlampig. Egal, so lange ich weiß, wo ich bin und wo ich hin will, ist ja alles im grünen Bereich! Gemütlich geht es nun das Tal hinauf, schließlich lassen sich aber an einer Weggabelung Karte und Wirklichkeit gar nicht mehr in Einklang bringen, auch die App hilft nicht weiter, so dass ich einfach mal meinem Orientierungssinn vertraue. An einem rauschenden Bach laufe ich immer steiler ein immer kälter werdendes Tal hinauf und lande an einer Weggabelung mit kleiner Hütte. Hier wäre zur Not ein wenig Ebene zum Zeltaufbau vorhanden, aber so nasskalt, wie es in diesem „kühlen Grunde“ ist, hoffe ich, noch etwas Besseres zu finden. Also geht es weiter im großen Zickzackkurs den Hang hinauf, leider gibt es mit zunehmender Höhe auch mehr und mehr Schnee. Manche Wege sind für Fußgänger gesperrt, den Wildtieren zuliebe. Auf meinem Weg muss den Spuren nach allerdings kürzlich ein Monsterfahrzeug unterwegs gewesen sein, das hat die Tiere sicher gar nicht beunruhigt! Mein Hauptaugenmerk gilt nun allerdings einem Fleckchen flacher Erde, aber es wird wohl Schnee werden. Ich stapfe schließlich vom Weg ab und trampele mir außer Sichtweite einen Flecken zurecht. Ich habe noch nie im Schnee gezeltet, aber man kann ja auch noch im zarten Alter von 50 Jahren Neues ausprobieren! Inzwischen ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden und es wird empfindlich kalt. Mit Zeltaufbau und -einrichtung bleibt mir aber noch warm! Es trifft sich bestens, dass ich vor ein paar Tagen irgendwo gelesen hatte, dass man eigentlich keine Schneeheringe brauche, man könne sie einfach durch die Schlaufe der Abspannschnur stecken, vergraben und den Schnee darüber fest treten. Das funktioniert bestens, ich mache allerdings den Anfängerfehler, das eine Nummer zu gründlich zu tun, wie ich am nächsten Morgen feststellen werde…


    Mal sehen, wie die Nacht so wird...

    Nachdem ich mir noch ein Menü gekocht habe, verkrieche ich mich angezogen mit so ziemlich allen Klamotten, die ich mithabe, in den Schlafsack. Bisher habe ich in diesem fast immer geschwitzt, diese Nacht wird das erstmals anders! Um den Allerwertesten und die Beine herum könnte ich noch mehr Isolierung gebrauchen, aber ich überlebe auch so diese Nacht.

    20. März

    Gefühlt habe ich gar nicht geschlafen, erhebe mich beim Hellwerden gerne wieder und bestehe die erste Mutprobe des Tages, in die gestern etwas feucht gewordenen, nun angefrorenen Schuhe zu steigen.

    Das Zelt hat sich über Nacht in einen Rauhreifpalast verwandelt, leider bin ich aber bei der Kälte zu faul, ein Foto zu machen. Wirklich schade, es sieht beeindruckend aus! Nach dem Frühstück beginnt der Frühsport in Form des Hering-Bergens. Da der tagsüber angeschmolzene und von mir gut festgetretene Schnee über Nacht bockelhart gefroren ist, bin ich damit ganz gut beschäftigt! Wozu so ein Trekkingstock doch alles zu verwenden ist! Viel leichter lässt sich dann das Zelt vom Rauhreif befreien: Ich knuddele es gründlich durch, aus dem Innenraum muss ich dann nur noch zwei Schneebälle holen und packe es nahezu trocken wieder ein.



    In der Morgensonne geht es nun weiter, wie aus dem Nichts taucht auf einmal eine Seensteig-Markierung auf, und bald kreuze ich die Schwarzwaldhochstraße, die mich heute leider nicht nur optisch, sondern v.a. auch akustisch begleiten wird. Ich habe es ja gewusst, trotzdem hält sich meine Begeisterung in Grenzen! Auf der anderen Seite der Straße führt nun parallel der Weg entlang, bis ich sie wieder kreuze, um zum Buhlbachsee hinabzusteigen. Das wird ein echter Abenteuerpfad, glücklicherweise gibt es Schneeschuhspuren, denen ich folgen kann, sonst hätte ich angesichts des vielen Sturm- und Schneebruchs quer über dem zunächst tief verschneiten Pfad sicher über Alternativen nachgedacht. So gibt es ein fröhliches Über- und Unterklettern oder Umgehen quer liegender Nadelbäume, Langeweile kommt hier nicht auf! Immerhin wird beim Hinabsteigen die Schneedecke merklich dünner, die Schneeschuhspuren verwandeln sich in Schuhspuren, denen ich noch bis zum Lotharpfad folgen werde. Sehr praktisch und vertrauenerweckend, so einen „Vorläufer“ zu haben! Schließlich bin ich fast am See, er lässt sich aber legal nicht erreichen, ich habe weder Lust, durch Matschepampe zu waten, noch den wieder wegen der Tiere gesperrten Weg zu gehen. So lasse ich den See links liegen und erfreue mich bei herrlich warmer Sonne eines zunächst schneefreien Aufstiegs, bis ich bald wieder die Spuren meines „Vorläufers“ entdecke.





    An einer Wegkreuzung in moorigem Gebiet mache ich eine ausführliche Pause, lüfte und trockne in der prallen Sonne bei leichter Brise Schlafsack und Zelt und gebe sogar den Schuhen eine Chance, etwas trockener zu werden. Sie haben ja schon gestern bald gezeigt, dass ihre Wundermembran der ihnen zugedachte Aufgabe nicht mehr gerecht wird. Wenn das Wasser dann erst einmal im Schuh ist, geht es auch so schnell nicht wieder heraus…



    Aber das stört ja keinen großen Geist und ich wandere teilgetrockent weiter, kreuze zum dritten Mal die Straße und eiere vorsichtig über die hölzernen, momentan verschneiten bis vereisten Stege des Lotharpfades. Zugegebenermaßen finde ich ihn nicht so sehr beeindruckend, mittlerweile ist doch viel nachgewachsen. Aber Sturm sei dank genieße ich auf den nächsten Kilometern ungehindert die warme Frühlingssonne und einen weiten Blick über die Rheinebene! Im Hochsommer ist es hier sicher unerträglich heiß. Glücklicherweise kann ich auch endlich Wasser tanken, allerdings mit (Moor-?)Sandsteinfärbung. Geschmacklich ist es aber völlig okay! Als ich dem Schliffkopf näher komme, habe ich auch akustisch wieder etwas von der Straße. Außerdem laufen hier einige Touristen herum, normale Wanderer habe ich ja noch keine zu Gesicht bekommen.



    Der Schliffkopf ist so ein typischer Berg mit „Grindenlandschaft“, für die ich ein Faible habe. Der flache Gipfel ist touristengerecht ausgestattet, ich lasse mich ein Weilchen nieder, bevor es weiter in Richtung Ruhestein bewege. Das mit der Ruhe muss allerdings schon sehr lange her sein, je näher man diesem Ort kommt, desto lauter wird es. Straßenkreuzung, Touristenzentrum und Baustelle lärmen um die Wette, eine Skipiste gibt es hier auch, die ist allerdings schon abgeschmolzen. Auf dieser ziehen Menschenmassen hoch, eigentlich wäre das auch mein Weg, ich entschließe mich dann aber, kurz und schmerzhaft in Straßennähe Richtung Darmstädter Hütte weiter zu gehen.


    Blick auf Ruhestein

    Meine Pläne für den nächsten Übernachtungsplatz sind noch sehr vage, nur will ich eine weitere Übernachtung im Schnee vermeiden. Mittlerweile sind meine Schuhe auch richtig durchgeweicht, warme Füße habe ich noch, aber ich stelle es mir wenig prickelnd vor, morgen in Eisklötze zu steigen! So halte ich mich nach der Hütte in Richtung Osten, hier ist aber auch alles verschneit, immerhin findet sich aber ein idealer Platz auf einem großen Sandstein, um ein Mittagsmahl zu kochen. So gebe ich mich denn der Kulinarik in herrlichster Schneelandschaft im Sonnenschein hin. Danach suche ich noch weiter herum, aber der Weg Richtung Wildsee hinunter ist gesperrt und so tief verschneit, dass ich mich auch deshalb nicht darüber hinwegsetzen will. Nach ausführlichem Kartenstudium schlage ich den Weg Richtung Seibelseckle ein, komme am Lothardenkmal vorbei und genieße wieder die „verjüngte Natur“ und den herrlichen Ausblick. Am Seibelseckle selbst herrscht tatsächlich noch Skibetrieb, die meisten Leute sind aber schon im Aufbruch. Auch hier gibt es viele gesperrte Wege, einer in Richtung Hinterlangenbach ist allerdings „geöffnet“, so dass ich hinuntergehen kann. Meine Blicke schweifen nach Schlafebenen umher, v.a. als die Schneedecke teilweise verschwindet. Kaum zu glauben, aber auf einem offen gelassenem, inzwischen teilweise mit kleinen Fichten und/oder Tannen bewachsenen und v.a. schneefreien Holzweg findet sich ein geradezu idealer Platz! Die Nacht ist gerettet! Erleichtert stelle ich mein Heim auf, richte mich ein und verkrieche mich bei Sonnenuntergang in den Schlafsack. Als ich gegen 23 Uhr aufwache, höre ich in regelmäßigen Abständen Motorgeräusche kommen und verschwinden, ich tippe auf die Pistenraupe am Seibelseckle. Ansonsten ist diese Nacht wärmer und viel schlafreicher als die vorige!


    21. März

    Am nächsten Morgen packe ich, während die Sonne durch die Bäume scheint, zusammen. Die Schuhe sind nicht gefroren, wenn auch ziemlich nass, so ist der Einstieg immerhin anders als gestern! Aber das Zelt ist komplett trocken geblieben, wunderbar! Auf dem Rückweg zum Seibelseckle fülle ich an einem Brunnen, den ich mit selektivem Blick bei der Herbergssuche gestern Abend völlig übersehen habe, die Wasservorräte auf. Dieses Wasser ist wieder farblos!
    Nun steht der Gipfelsturm auf die Hornisgrinde auf dem Programm. Ich war zwar schon zweimal am Mummelsee, aber immer waren das Wetter und/oder die Touristenmassen so abschreckend, dass ich auf die Besteigung verzichtet habe! Heute soll es aber sein!
    Am Touristenhotspot Mummelsee herrscht gähnende Leere, dafür weht ein kräftiger kalter Wind.


    Mummelsee

    Ich kämpfe mich auf schmaler werdendem Pfad in die Höhe, es ist teilweise sehr glatt, Grödel würden die Sache erleichtern... Hier kommt mir der auf meiner Tour einzige richtige Weitwanderer entgegen, ein junger Asiate, der auf dem Westweg unterwegs ist. Wir wechseln ein paar Worte, er hat gestern schon zwei andere Wanderer gesehen, das deutet auf Hochbetrieb hin… Ich kämpfe mich im Wind weiter den Berg hinauf, kurz vor dem Gipfelplateau verdunstet der Seensteig mal wieder, was aber nicht weiter schlimm ist. Oben weht es noch heftiger, ich wandere ein wenig herum, besichtige die unterschiedlichen Bauwerke und erklimme sogar den Bismarckturm.


    Auf der Hornisgrinde

    Der Ausblick ist fast so beeindruckend wie die steife Brise, beim Fotografieren muss ich das Handy gut festhalten, damit es nicht davongerissen wird. Lange halte ich mich nicht oben auf, sondern trete den Rückzug an, der zufällig ganz musikalisch wird: Mit der linken Hand halte ich mich am Geländer fest, in der rechten habe ich waagerecht die Stöcke, deren Spitzen nun gegen die Metallstäbe des Geländers schlagen: Klingt nach neuer Musik! Als ich wieder vereisten Boden unter den Füßen habe, wende ich mich dem nächsten Schild zu und bin ganz begeistert, dass der Seensteig sich wieder manifestiert hat. Ein Weilchen geht es noch durch das unter dickem Schnee versteckte Hochmoor, dann hinab bis zu einem Schild, an dem der Weiterweg eigentlich gesperrt ist. Offensichtlich wurde das von vielen ignoriert, es sind Spuren zu sehen, ich folge ihnen und quere den steilen Osthang der Hornisgrinde durch tiefen Schnee. Schon ganz hilfreich, hier Alpenerfahrung zu haben! Die Spuren werden weniger, aber einer hat samt Hund durchgehalten, bis ich mich auf einem „normalen“ Weg wiederfinde. Eindeutig geht es weiter, noch einmal steiler einen Abenteuerteil hinunter, zum Schluss übersteige ich die Absperrung und bin nun wieder legal unterwegs.
    Allerdings beginnt nun für eine Weile das altbekannte Spiel „Wo bin ich?“ Dazu nehme man eine nicht mehr ganz neue Karte, darauf einen Bereich mit hoher Wegedichte und kombiniere diese mit der Wirklichkeit mit vielen Wegweisern, die v.a. kulinarische Stationen als Ziele angeben, die auf der Karte wiederum nicht eingezeichnet sind. Mein erster Versuch entpuppt sich als Niete, dann kann ich mich aber orten und mich weiteren Abenteuerabschnitten hingeben. Zwar verstehe ich nicht restlos, wie ich hierher gekommen bin, aber was macht das schon? Außerdem stellt sich nun heraus, dass ein Teil, auf den ich mich gefreut hatte, zum Glück nicht gesperrt ist: Der Weg über die Langengrinde!



    Ich liebe ja Pfade, die auf einem langgestreckten Bergrücken mit nicht zu viel Bewuchs und daher freiem Blick über viel Landschaft entlangführen. Heute ist dazu nun das reinste Traumwetter, ich schwelge in Glückseligkeit. Logisch, dass ich hier eine größere Mittagsrast mache. An dieser Stelle wurden einige borkenkäfergeschädigte Kiefern gefällt und auch wenn die Bäume einem leid tun - die Muster, die die Käfer gefressen haben, sind überaus kunstvoll!



    Ich packe die Küche aus, es gibt Kürbiscremesuppe mit Wok-Nudeln. Sehr lecker und reichlich, ich habe einen richtigen Bollerbauch. Leider ist mir die Geschichte etwas angebrannt, geschmacklich macht sich das zum Glück nicht bemerkbar, aber wie bekomme ich nun den Pott sauber? Nachdem ich mit einem Holzstück das Gröbste weggekratzt habe, kommt ein Hering zum Einsatz. Man muss sich nur zu helfen wissen, es dauert zwar ein Weilchen, aber dann ist der Topf wieder sauber genug und wird nur noch im Schnee „gespült“. Weiter geht es, ich folge lange nur Tierspuren, evtl. von einem Fuchs, obwohl sie dafür eigentlich zu groß sind. Wildkatze oder gar Luchs? Wie auch immer, in jedem Fall ein Seelenverwandter in Sachen schöner Kammpfad! Leider geht dieses Traumstückchen dann auch einmal zu Ende und es folgen ziemlich langweilige Forstwege, erst ganz entspannt abwärts, dann aber noch einmal hinauf bis zum herrlichen Ausblick über den Schurmsee.



    Bald danach mache ich den blödesten Verlaufer aller Zeiten: Als der Steig zum See hinunter auf einem Forstweg landet, laufe ich den weiter und weiter und weiter… Dabei hätte ein Blick nach rechts genügt, um den See zu sehen! Abgelenkt durch Schwarz-(?) und Grünspecht merke ich das erst spät und schätze den Fehler auch noch falsch ein, so dass ich nicht einfach zurückgehe, sondern etwas wildnismäßig nach unten auf einen anderen Fahrweg, auf dem ich dann den Berg wieder hochspaziere. Erst dann verstehe ich richtig, was ich da für einen Mist zusammengewandert bin, freue mich aber trotzdem am See und v.a. an der Quelle, an der ich endlich wieder Wasser auffüllen kann!
    Leider ist hier schon längst Schatten, so dass ich nicht länger verweile und nun wieder auf nun allzu bekanntem Weg Richtung Schönmünzach laufe. Dort habe ich ja schon zweimal genächtigt, jedes Mal in eher Vintage-Style-Pensionen. Heute will ich aber nicht hier bleiben, so fädele ich mich durch den wegen Bach und Verkehr sehr lauten Ort, um an der anderen Seite des Tals wieder steil den Berg hinauf zu schnaufen. So langsam merke ich die Kilometer, die ich inzwischen in den Beinen habe! Der Blick schweift nach einem Zeltplatz suchend umher, findet aber nichts. Es dämmert zusehends, ich laufe und laufe, bewundere den aufsteigenden Vollmond, bis ich dann schon in der Dunkelheit doch noch einen Platz finde. Nicht ideal, aber ich kann mich hinlegen und schlafe gut.

    22. März 2019

    Das war die wärmste Nacht bisher, so bin ich richtig erholt und starte energiegeladen in den Tag.Meine Schuhe, die auf den vielen Kilometern gestern Abend trockener geworden waren, sind über Nacht sogar noch weiter getrocknet! Ich lasse die trockenen Schlafsocken an und genieße bewusst das komfortable Fußgefühl! Am Huzenbacher See frühstücke ich und wandere dann den Steig aus dem Kar hinauf.


    Huzenbacher See

    Oben angekommen kann ich zwei Hirsche bewundern, die an einer Wegkreuzung ruhig äsen. Nach einer Weile nähere ich mich doch langsam und die beiden verschwinden gelassen im Wald. Ich ziehe hier in der Sonne angekommen erst einmal einige Lagen aus, der Aufstieg hat mich ordentlich ins Schwitzen gebracht. Bald danach komme ich zum Aussichtspunkt über dem See, hier wachsen ganz witzige Pflanzen, sie sehen wie Bonsaibrokkoli oder so aus. Habe ich noch nie gesehen, womöglich eine endemische Schwarzwälder Wildkohlart??? Zu Hause werde ich mal nachforschen!





    Nun windet sich der Weg in ganz merkwürdiger Art gefühlt um sich selbst, ich habe den Verdacht, hier ging es darum, für die Zertifizierung als Premiumweg Pfadkilometer zu kreieren. Diese sind dank umgestürzter Bäume auch wieder das reine Abenteuer…
    Vom Überzwercher Berg stürzt sich dann der Forstweg gerade hinab zu einer Kreuzung,von wo er direkt wieder hoch geht. Mich erinnert das an die erste Wanderung hier in der Gegend, als wir am Ende einer auch nicht gerade kurzen Tour so einen Aufstieg beim Absteigen sahen und uns sehr „freuten“, da wieder hinauf zu müssen! Es stellt sich dann heraus, dass es genau diese Stelle ist! Ich biege nun aber in eine neue Richtung ab und freue mich an einem echten Premiumpfad, der sich den Hang entlang schlängelt.



    Auch hier mal wieder mit Abenteuerbäumen ausgestattet! Bald geht es noch direkter in die Tiefe in ein fast liebliches, aber zu dieser Stunde noch frostiges Tal mit Touristen-Bespaßungs-Tafeln zur örtlichen Geschichte.



    Gar nicht so uninteressant, v.a. lerne ich über das 50 Pfennig Stück, dass das Motiv eine sog. Kulturfrau, die den durch den 2. Weltkrieg geschädigten Wald wieder aufforstet, darstellt. Bisher waren mir nur die Trümmerfrauen ein Begriff. Mir gefiel das Motiv immer, aber ich hatte keine Ahnung, was es darstellte. Wieder etwas erfahren!
    Es wird sonniger, das Tal öffnet sich, der Weg führt nun oberhalb des Talbodens am Waldrand entlang. Ich mache auf einer Bank Pause und sinniere über die gegenüberliegenden architektonisch mehr oder weniger gelungenen Hotel- oder Kurheimbauten aus verschiedenen Jahrzehnten.
    In der Märzensonne genieße ich das Weitergehen, teils im Wald, teils am Rand schlängelt sich der Weg oberhalb von Baiersbronn entlang, das langsam auch immer deutlicher zu hören ist.



    Als die Wegzeichen immer weiter ins Mitteltal führen, beschließe ich, lieber auf eigene Faust durchs Tal auf die andere Seite zu gehen. Dank Karte und App gelingt mir das ganz gut, allerdings lande ich dann doch nicht auf dem Seensteig, sondern etwas oberhalb davon. Da die Sonne inzwischen so intensiv brennt, dass ich in T-Shirt und kurzer Hose unterwegs bin, kommt mir dieser kleine Irrtum sehr gelegen, denn nun kann ich bis zum Sankenbachsee durch den kühlen Wald laufen und muss nicht im stickigen Talgrund schwitzen. Hier entdecke ich kleine, weiß blühende Blümlein, die dem „endemischen Schwarzwaldwildkohl“ verdächtig ähnlich sehen. Natürlich mache ich ein Foto, um dem Pflänzchen nach der Tour mal auf den Grund zu gehen. (Forschungsergebnis: kein Kohl, sondern Weißer Pestwurz)



    Am Sankenbachsee mache ich eine gründliche Genießerpause und entledige mich der nun wegen der Hitze innen schweißnassen Schuhe – meine glühenden Füße sind sehr dankbar für diese Befreiung!!! Zu Hause werde ich die Schuhe dann wohl in die Tonne stampfen, sie taugen ja höchstens für kaltes, trockenes Wetter, ein doch sehr eingeschränkter Einsatzbereich! Egal, ich genieße die Ruhe hier, außer mir ist zunächst nur noch eine Radfahrerin da und dann noch ein paar andere Spaziergänger, die aber offensichtlich alle kein Halligalli brauchen. Ich möchte nicht wissen, was hier im Hochsommer los ist...



    Schließlich trenne ich mich vom süßen Nichtstun, umrunde den See zur Hälfte und mache mich an den „alpinen“ Anstieg an der Seite der Sankenbacher Wasserfälle, die tatsächlich sehenswert sind. Hier im Schatten ist es wieder recht kühl, ich bin direkt dankbar für den steilen Anstieg!



    Oberhalb der Wasserfälle gibt es dann wieder jede Menge Forststraßen, ich weiß, dass ich aufpassen muss, nicht an Kniebis vorbeizulaufen, denn der Seensteig lässt den Ort quasi links liegen. Da der Schnee auf den Wegen um diese Zeit schon sehr sulzig ist, ist das Vorankommen mühsam und macht nicht so richtig Spaß. Ich entschließe mich, diese Herumeierei zugunsten des örtlichem Asphalts aufzugeben und gehe die letzten Kilometer durch den Ort, bis ich um 16.25 Uhr wieder an meinem Auto angelangt bin. Am meisten habe ich mich auf das Schuhausziehen gefreut, leider habe ich kein frisches paar Socken im Auto, so müssen die halb durchgeschwitzten herhalten. Ich benutzte kurz die Örtlichkeiten und wasche mir mit Genuss die Hände, dann geht es an die Heimfahrt. Dabei fahre ich zunächst an einigen Punkten der Tour vorbei: Lotharpfad, Schliffkopf und Ruhestein, habe die Hornisgrinde im Blick, biege dann aber nach Seebach ab. Dort gibt es eine Minipause, um Schwarzwaldhonig als Mitbringsel zu kaufen, bei Achern geht es dann auf die wie erwartet sehr volle Autobahn. Immerhin schaffe ich es ohne richtigen Stau bis nach Hause, wo ich mich geradezu dekadent lange unter die Dusche stelle!

    Fazit: Es war eine unerwartet abenteuerliche, aber ganz überwiegend schöne Tour! Der Seensteig ist in meinen Augen sicher nur teilweise ein „Premiumweg“ (oder irgendwas derartiges), da dann doch recht viel Forstwege zu absolvieren sind und die Schwarzwaldhochstraße einen fast einen ganzen Tag mindestens akustisch begleitet. Umso schöner die kleinen Steige und die Seen!

  2. Erfahren

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    AW: [DE] Schwarzwald: Seensteig März 2019

    #2
    Danke für den Bericht, da werden alte Erinnerungen wach. Ich bin ihn mal im Mai gelaufen, da konnte man an manchen Seen schön baden...
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  3. Anfänger im Forum

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    AW: [DE] Schwarzwald: Seensteig März 2019

    #3
    Bitte, gerne, freut mich, wenn Erinnerungen wach wurden! An und für sich schwimme ich auf Wandertouren auch immer gerne in Seen, aber im März wäre das dann doch zu heftig geworden!

  4. Dauerbesucher
    Avatar von danobaja
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    AW: [DE] Schwarzwald: Seensteig März 2019

    #4
    danke für den bericht!

    juckende füsse sind ganz schlimm! ich kenn das, hab ich jeden herbst seit meiner kindheit ("gottseidank"). und wie´s scheint hilft auch bei dir nur laufen dagegen...
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  5. Erfahren
    Avatar von Wandermaedel
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    AW: [DE] Schwarzwald: Seensteig März 2019

    #5
    Klasse geschrieben, sehr lebendig. Danke für den Bericht.

  6. Gerne im Forum

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    AW: [DE] Schwarzwald: Seensteig März 2019

    #6
    Danke für diesen Bericht aus einer Gegend, die ich aus eigenen Wandererfahrungen sehr gut kenne!
    Allerdings nicht in dieser Form.
    Geändert von MLO (04.06.2019 um 07:14 Uhr)

  7. Anfänger im Forum

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    AW: [DE] Schwarzwald: Seensteig März 2019

    #7
    Danke für die Blumen! Das motiviert, auch zukünftige Erlebnisse "in die Tasten zu hauen"!

  8. Fuchs
    Avatar von blauloke
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    AW: [DE] Schwarzwald: Seensteig März 2019

    #8
    Gut geschriebener Bericht und ich hoffe noch mehr von dir zu lesen.
    Du kannst reisen so weit du willst, dich selber nimmst du immer mit.

  9. Anfänger im Forum

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    AW: [DE] Schwarzwald: Seensteig März 2019

    #9
    Dankeschön! Habe noch einen Bericht, der z.Zt. etwas nachreift, aber demnächst mal fertig sein sollte. Danach müssen erst einmal wieder Wege erwandert und -lebt werden, um sie zu beschreiben!

  10. Gerne im Forum

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    AW: [DE] Schwarzwald: Seensteig März 2019

    #10
    Wir lieben den Schwarzwald und haben einige Gegenden wiedererkannt.
    Hut ab, dass Du das bei den Temperaturen durchgezogen hast! Da würden wir
    wohl kneifen

    Schöner Bericht!

  11. Anfänger im Forum

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    AW: [DE] Schwarzwald: Seensteig März 2019

    #11
    Danke für die Blumen! Ob man so eine Sache trotz der Temperaturen durchzieht, ist meiner Meinung nach neben der passenden Ausrüstung etc. im Grunde eine mentale Sache. In der warmen Stube sitzend, gruselt es einen eher davor - wenn man dann aber draußen ist und bleibt (!), fühlt sich das oft gar nicht mehr so schlimm an. Tagsüber war es durch die Sonne ja auch schon richtig warm, so war es nach der ersten Nacht eigentlich ganz entspannt!

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