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  1. [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #1
    Mitreisende: Freedom33333
    Vorwort
    Ein Reisebericht. Aber warum? Erstens: Das Outdoorseitenforum hat mir so viel gegeben – Reiseberichte, Tipps und Ratschläge bzgl. Touren und Ausrüstungsgegenständen – da gebietet es der Anstand, sich zu revanchieren. Das will ich im Folgenden mit meinem dritten Reisebericht tun. Zweitens ist es auch eine tolle Möglichkeit, sich den Urlaub noch einmal in vielen Details in Erinnerung zu rufen und diesen für Freunde und Bekannte verfügbar zu machen.

    Sechs Rest-Urlaubstage von 20 aus dem vergangenen Jahr hatte ich noch übrig. Da diese Ende März verfallen wären, wollten sie noch genutzt sein. Ursprünglich sollte es in die Alpen gehen. Davon wurde mir hier im Forum abgeraten – um dieses Jahreszeit zu voll, zu viel Schnee, schmelzender Schnee, Lawinengefahr usw. Auch weitere Ratschläge, u.a. Gran Canaria, sagten mir landschaftlich nicht wirklich zu.

    Erst vor kurzem hatte mich die Begeisterung für die schottische Landschaft (und, soweit ich das aus Reiseberichten hier im Forum sagen kann, für weitere nordische Länder wie Skandinavien und Island), gepackt, als dass ich im Moment etwas gänzlich anderes ausprobieren wollte. Also besann ich mich auf meinen letzten Urlaub und recht schnell stand der Entschluss fest: Es geht wieder nach Schottland, wie schon im vergangenen September/Oktober. Auch bringt es natürlich einige Vorteile mit sich, wenn man sich im jeweiligen Land schon ein wenig auskennt, um den Planungsaufwand zu reduzieren.

    Zur Ausgangslage: Diese war um einiges besser als bei meiner ersten Tour:
    - Erste Solo Trekking-Erfahrung - https://www.outdoorseiten.net/forum/...lands-auf-Skye
    - Ein sturmstabiles Hilleberg Unna anstelle eines windunstabilen No-Name-Zeltes (das den Hauptgrund dafür darstellte, dass ich im letzten Urlaub die eigentlich geplante Tour nicht machen konnte und meine ursprüngliche Planung komplett über Bord werfen musste)
    - auch einige weitere Ausrüstungsgegenstände waren durch bessere ersetzt worden, etwa der Schlafsack
    - Ein GPS-Gerät als Ergänzung von Karte und Kompass, um sich auch in schlechtem Wetter bei nahezu keiner Sicht – und einem versagenden Handyakku – orientieren zu können

    In meinem ersten Urlaub hatte ich mich im Wesentlichen auf Wanderwegen bewegt. Ausnahme waren Teilstrecken in der ersten Woche bei der Besteigung zweier Munroes - dort allerdings hinter einem erfahrenen Wanderer hinterher sowie ein Abschnitt auf Skye - den "Bad Step" inklusive. In beiden Fällen war ich jedes mal sehr froh, wenn ich den Wanderweg wieder gefunden hatte. Als ich alleine unterwegs war hatte es mich sogar ein wenig nervös werden lassen, alleine, irgendwo im Nirgendwo, den Pfad verloren zu haben. Jedenfalls war die Freude groß, selbigen wieder zu finden.

    Das sollte sich dieses mal ändern. Und wie! Tatsächlich hatte ich mir – jedenfalls gedanklich – eine Liste zurechtgelegt von Erfahrungen, die ich gerne machen würde:
    - Zelten an einem See (Zu viele herausragende Fotos davon hatte ich hier im Forum gesehen und war doch ein wenig neidisch)
    - Besteigen einiger Berge mit schöner Aussicht
    - Übernachten auf einem Berg auf größerer Höhe mit Aussicht
    - Abklappern und Kennenlernen weiterer Bothies. Diese begeistern mich nach wie vor ungemein.
    - Verbringen einiger Zeit an der Küste, Nachdenken, Philosophieren über das Leben und den Sinn desselbigen
    - In einem Reisebericht hier im Forum schrieb der Autor ganz entspannt davon, wie sie mit ihrer Reisegruppe wegelos auf Käme aufstiegen und auf der anderen Seite wieder ins Tal. Etwas vergleichbares schwebte mir auch vor
    - (ein wenig) Wandern im Schnee, wenn man schon mal im März in Schottland wandern geht
    - Einsamkeit, aber auch gute Gespräche mit Gleichgesinnten wo es sich anbietet
    - neben dem zu erwartenden Regen auch mal ein paar sonnige Tage, von denen es auf meiner letzten Tour keine gegeben hatte
    - Durchquerung von mindestens einem Fluss. Es war doch sehr einprägsam, wie man im Forum – und in Abenteuerromanen – davon las, dass Flüsse an bestimmten Tagen nicht durchquerbar seien und man auf den nächsten Tag warten müsse, um ans andere Ufer zu gelangen. Auch hatte ich bei meiner ersten Tour bei einer Flussdurchquerung fast die gesamte Ausrüstung verloren.
    - das stetige Pushen von Grenzen, das Ausprobieren von neuem, das besser werden


    Soweit die Theorie. Doch wie viele meiner Vorstellungen und Wünsche sollten sich erfüllen?

    19 Tage hatte ich insgesamt zur Verfügung. Daraus konnte ich immerhin 15,5 Wandertage machen. Wenn man bedenkt, wie abgelegen Start- und Endpunkt waren, nicht so schlecht. Mit einem etwas früheren Flug wäre sogar ein Tag mehr drin gewesen, aber ich hatte mich für die günstigere Option und eine entspannte Anfahrt entschieden. Auch führten An- und Abfahrt beide jeweils direkt in die typische Schottische Berglandschaft, ohne dass ich erst – wie bei meiner letzten Tour – noch durch einige Dörfer und über Straßen wandern musste, teils durch Landschaften, die den deutschen recht ähnlich waren.

    Noch ein letzter Kommentar vorneweg:
    Ich bin eher ein entspannter Wanderer. Ich bin niemand, der jeden Tag 15km und mehr machen muss. Ein wenig mehr Wegstrecke als im letzten Urlaub schwebten mir aber definitiv vor. Dennoch: Wenn ich einen tollen Zeltplatz finde oder Orte, an denen ich mich wirklich wohlfühle, dann schlage ich im Zweifelsfall auch einfach mal das Zelt auf, erkunde die Gegend oder lese bei toller Aussicht ein Buch.

    So, jetzt aber genug Vorgeplänkel. Ab in den Urlaub!

    Die Anreise: Donnerstag 21.3 bis Freitag, 22.3.19

    Los ging es ganz entspannt am Donnerstag vormittag von München mit einem Direktflug nach Edinburgh. Dort dann wieder zum Tiso, Gas kaufen, ferner einen weiteren wasserdichten Packsack um Zelt oder Isomatte draußen am Rucksack zu befestigen – beides passte einfach nicht gleichzeitig hinein.





    Dann ging es auch schon direkt zu Busstation. Ich hatte vorher schon recherchiert, wie viel ein Bus nach Inverness in etwa kosten würde. Der Preis lag jeweils so bei ca. 15 Pfund wenn man im Voraus gebucht hätte, aber ich wusste ja noch nicht, wann genau ich fahren würde. Kurz noch vor der Abfahrt online überprüft: 18 Pfund waren es glaube ich. Also zum Schalter. Klar, ein wenig teurer könnte es schon sein, damit hätte ich auch leben können. Dennoch war ich arg überrascht, als der Bedienstete mir den Preis nannte: Irgendwas um die 30 Pfund. Ich habe die Zahlen nicht mehr exakt im Kopf, aber es war ca. 70-80% mehr. Wohlbemerkt: Wer dann sein Smartphone rausholt und vor Ort selbst bucht, bekommt den günstigeren Preis. Komisches System. Und: Nicht gerade gerecht. Die arme Oma, die kein Smartphone hat und ihre Enkelin besuchen möchte wird geschröpft. Sei es drum.

    Die Fahrt nach Inverness verlief wie beim letzten mal – alles andere als unspektakulär, vorbei an der typischen schottischen Landschaft, einer tollen Weite und vorbei an einigen Orten, die man sich gleich mal notieren musste als Anregung. Auch einige Schneereste gab es zu sehen.



    Abends ging es dann zuerst in ein schottisches Restaurant um das traditionelle schottische Haggis zu probieren (Einmal im Jahr ist ok)



    und dann ins Hostel Am nächsten Tag dann in die City um noch einige Besorgungen zu machen. Auch den Hafen schaute ich mir an – zuerst rechts vom Ness zu Fuß entlang in den Industriehafen. Das lohnte sich leider nicht wirklich - bis auf eine Stelle kam man nirgendwo direkt ans Wasser ran und dort, wo ich eigentlich hinwollte, nämlich auf eine Landzunge, ging es nicht wegen einem großen Zaun. Also den ganzen Weg zurück und links vom Ness zur Küste. Dort zum Carnac Point und zum Turning Point am Ende der Kessock Road. Beides kann ich sehr empfehlen, wenn ihr noch ein bisschen Zeit in Inverness habt und schon mal in das raue schottische Wetter und die Weite vorfühlen wollt.


    Rechts vom Ness


    Entlang am Ness


    Carnac Point




    Blick nach Osten, zum Industriehafen und der dortigen Landzunge


    Beauly Firth


    Inverness


    Inverness
    Geändert von Freedom33333 (06.05.2019 um 07:46 Uhr)

  2. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #2
    Eine Anreise mit Hindernissen – Inverness nach Laide
    Der Bus, den ich zu meinem Startpunkt nehmen wollte, fuhr leider nur einmal am Tag. Nummer 700, 17.20 Uhr abends ging es los. Da bemerkt man mal wieder das Chaos das teilweise in Schottland herrscht – besagter Bus fährt laut Internet am Busbahnhof Inverness an Stance 7. Aber glaubt ihr, da stünde an Stance 7 auch nur ein einziges Schild, das darauf hinweist, dass hier besagter Bus fährt? Nope.



    Die Buslinie 700 ist wahrscheinlich eine der schönsten Buslinien ganz Schottlands. Mitten durch Wester Ross, vorbei an zahlreichen Bergen, Seen und – witzigerweise – durch Kinlochewe durch. An das dortige Hotel hatte ich mir ein „Fresspaket“ geschickt mit 4kg Essen für die zweite Woche, wusste also, dass ich nach einer Woche Wandern dort ankommen würde. Das fühlte sich sehr komisch an - man sah einige schöne Berge und Lochs bereits im Voraus, deren Anblick man sich eigentlich erst durch das Wandern erarbeiten wollte. Auch am Bahnhof Achnasheen hielt der Bus - hier hatte, soweit ich mich erinnere, die Tour durch Schottland in einem Reisebericht hier im Forum begonnen. Und so kam auch schon richtiges Urlaubsfeeling auf, als ich das Bahnschild sah. Eine andere Wandererin mit Backpack stieg hier aus, schade dass ich das nicht wusste, dann hätte ich mich mal mit ihr unterhalten was ihr Reiseziel war.



    Hierzu muss man noch wissen: Der 700er Bus fährt nicht etwa die ganze Tour an einem Tag – nein, er fährt nur bis ca. zur Hälfte und verkehrt dann den Rest der Strecke am nächsten Tag als Rückfahrt. Und zwar immer im Wechsel, d.h. An 6 Tagen in der Woche und jeweils entweder links herum oder rechts herum. Sprich: Am Freitag kam ich gar nicht bis zu meinem geplanten Ausgangspunkt – der Gruinard Bay – sondern nur bis nach Laide. Erst am Samstag früh fuhr derselbe Bus dann weiter, vorbei an der Gruinard Bay und über Mungasdale bis zurück nach Inverness. Das registrierte ich leider erst im Bus nach Gespräch mit dem Busfahrer.




    Dies brachte also leider mit sich, dass ich nicht etwa gegen 18/19 Uhr an der Gruinard Bay sein würde, sondern ca. 5km entfernt davon um 20.00 Uhr Abends in der Dunkelheit. Definitiv alles andere als optimal. Immerhin gab es einen Campingplatz in Laide – der leider erst am 1. April aufmachte. Mist!

    Lange unterhielt ich mich mit dem Busfahrer – der zwischendurch einfach mal 10min stoppte um noch ein paar Pakete auszuliefern. Wohlbemerkt: Ein völlig normaler, großer Bus. Wir hatten ein spannendes Gespräch, in erster Linie darüber, wie es sich anfühlt, in so einer Gegend zu leben und die Unterschiede zwischen Groß- und Kleinstadtleben.

    Irgendwann war es dann soweit – längst war ich der letzte verbleibende Passagier im Bus.



    Endhaltestelle. Ich, nach 3 Stunden Busfahrt, natürlich in dünnen Klamotten. Raus aus dem warmen Bus, hinein in die Dunkelheit, Kälte und – einen unfassbar eisigen Wind. Einen Wind, der direkt vom Meer herüberwehte und so eiskalt war, dass man kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. So hatte ich mir den Einstieg in meinen Urlaub – Abenteuerurlaub hin oder her – nicht vorgestellt. Erstmal den Rucksack auf, warme Klamotten raus und Umziehen. Glücklicherweise regnete es wenigstens nicht. Dann, nach Drüberziehen einiger Schichten, konnte man endlich wieder klar denken.

    Viele Optionen hatte ich nicht – ursprünglich hatte ich zwei davon in Betracht gezogen: Beim Campingplatz klingeln falls etwas wie eine Klingel gäbe – der Betreiber würde auf selbigem wohnen – und darum bitten, das Zelt aufschlagen zu dürfen (Auch ohne Toiletten/Duschen etc.) oder einfach die Küste entlang marschieren bis zum Startpunkt, ggf. irgendwo unterwegs das Zelt aufschlagen.

    Und tatsächlich sah ich den Betreiber des Campingplatzes auf dem Hof umherlaufen. Gesehen hat er mich soweit ich das einschätzen kann, auch mein wildes Winken – nur interessieren tat es ihn nicht und er lief direkt wieder ins Warme. Vielleicht hat er mich auch nicht gesehen, egal. Über einen verschlossenen Zaun klettern um an einem 15m entfernten Haus zu klopfen wollte ich dann auch nicht riskieren.

    An der Küste entlanglaufen? Der Wind war extrem. Und extrem eisig. Das war kein Wind, das war Sturm. Bei solchem Wetter, in der Dunkelheit, eine Straße entlang an der Küste laufen? Das erschien mir auch keine gute Idee.

    Was aber dann? Smartphone raus, Suchen nach B&B – da ging natürlich keiner ran. Und dann brach auch gleich die Internetverbindung ab. Traumhaft!

    Also die letzte Option – hineinlaufen in die Ortschaft, dort irgendwo zelten oder links von Laide in die Natur, wo ich mir irgendwelche Hügel als Windschutz versprach. Im hellen, ein Unterfangen von 5min. Aber in der Dunkelheit, mit Zäunen, die die Straße links und Rechts begrenzen? Mist.

    Da, die Tankstelle. Mit einer kleinen Wiese nebenan. Alle Anwohner würden wissen, dass der Bus abends um 8 kam, dass es stürmt und dass der Campingplatz geschlossen war. Als ob irgendjemand gekommen wäre, um sich zu beschweren.

    Wer jetzt übrigens denkt: Ach, macht ja nichts, ruf ich mir ein Taxi – dort gibt es keine Taxis.

    Also in einem Dorf neben einer Tankstelle campen? In diesem Moment kam ein Auto und hielt 30m von der Tankstelle entfernt. Irgendjemand stieg aus und packte den Einkauf aus dem Wagen. Was hatte ich zu verlieren? Also hin, die Person ansprechen – eine Frau, Mitte 30 vielleicht, mit Hund – und sie fragen, wo man denn hier ein Zelt aufschlagen könnte. Vielleicht eine öffentliche Wiese, vielleicht einer – welcher? - der Straßen nach Nordwesten folgen, irgendwelche Ideen? Die Dame schaute auf meine Karte, wusste aber auch nichts.

    Druckste ein wenig herum, und sagte dann: Naja, also eigentlich biete ich ja auch AirBnB an...20 Pfund würde sie um diese Jahreszeit nehmen, aber es wäre ja zurzeit wahnsinnig unaufgeräumt. Also ob mich das stören würde ;). Perfekt! So wendete sich also alles zum Bequemen und ich konnte die Nacht bleiben. In ihrer Küche unterhielt ich mich eine Weile mit Tanja, spielte mit ihrem Hund, unterhielt mich mit ihr wieder über das Thema Groß / Kleinstadt. Sie selbst war von über 10 Jahren aus einer größeren Stadt in dieses Dorf gezogen und arbeitete hin und wieder in London. Nach einer Tasse Tee und vielen spannenden Themen vor einem gemütlichen und warmen Kaminfeuer ging es dann auch schon ins Bett.

  3. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #3
    Ein Schottland-Reisebericht aus meiner Lieblingsgegend, morgens vor der ersten Tasse Kaffee, zwei Wochen vor dem Urlaub in derselben Gegend - kann ein Freitag schöner anfangen?
    Ich lese hier mit!

  4. Fuchs
    Avatar von Rainer Duesmann
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    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #4
    So siehts aus! Endlich wieder ein Schottland Bericht, nur elf Tage vor meiner Schottland Tour. Perfekt.
    Und es fängt ja schonmal spannend an.

  5. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #5
    Ich danke euch . Immer wieder erstaunlich, wie so ein Forum es schafft, Menschen mit ähnlichen Interessen - die sich sonst niemals treffen würden - zusammenzubringen, sodass man manchmal das Gefühl bekommt, das wäre gar nicht so außergewöhnlich, was man da macht. Verglichen mit den meisten Tagesausflüglern ist es das aber durchaus.

    Habe auch schon einige Reiseberichte von euch gelesen

    Samstag, 23.3.19 – Little Gruinard Beach bis Loch na Sealga

    Am nächsten Morgen ging es dann weitern. Anstatt die Betonstraße entlangzulaufen, bevorzugte ich es, auf den Bus zu warten. An der Bushaltestelle (=der Tankestelle) stand dann auch gleich mal eine Backbacker Reisegruppe aus vier Personen. Den Rucksäcken nach zu urteilen aber eher Hostel / B&B Backpacker. Nicht ganz vergleichbar.



    Der Busfahrer war erst ein wenig knurrig und wenig begeistert, als ich ihn bat, mich am Little Gruinard Beach rauszulassen.







    Als es dann soweit war, gewann in ihm aber doch die Gutmütigkeit und das Interesse Überhand, er fragte mich beim Ausladen wo es dann hingeht und wünschte mir eine gute Reise. Der Bus war übrigens erstaunlich voll.

    Der Little Gruinard Beach war ausgesprochen schön – und bis auf eine Anwohnerin mit Hund, der sich austobte (welch ein Glück für einen Hund, der in so einer Gegend leben darf) – auch leer. Erstmal Rucksack abstellen. Ein Fehler. Hatte ich doch deshalb für den Rest des Tages beim Trinken aus meiner Trinkblase immer wieder Sand zwischen den Zähnen.

    Ich genoss es sehr, endlich mal wieder am Meer zu stehen, das Rauschen der Wellen zu hören, durch Sand zu laufen, immer den Wellen ausweichend. Aber zum Hierbleiben war es dann doch eindeutig zu früh.











    Also den letzten Kilometer die Straße entlang bis zum Gruinard River. Zwischendurch fing es direkt mal an, stark zu hageln. Nach ein paar Minuten war der Spuk auch schon wieder vorbei und die Sonne kam wieder raus. Schottland eben!

    Dann, endlich, tat sich rechts der Gruinard River auf. Abgehend von einer Betonstraße ein Feldweg, eine Weite, Berge im Hintergrund, die typische schottische Landschaft. Einfach toll! Das Tor bekam ich nicht direkt auf und kletterte daher links herum.



    Der Feldweg war doch ein sehr willkommener Einstieg, um sich erstmal an den Boden zu gewöhnen. Bis zum Loch na Sealga blieb es auch dabei, ab dessen westlichem Ende bis zum östlichen Ende gab es dagegen nur noch kleine Trampelpfade.

    Der Gruinard River machte immer wieder schöne Schlenker und ich genoss es ungemein, einfach an diesem wunderschönen Fluss entlangzulaufen. Immer wieder hielt ich inne – so ein wunderschöner Fluss, an einem Samstag – da wäre ich doch bestimmt nicht der einzige Wanderer. Immer wieder der Blick zurück oder nach vorne – aber da war nichts. Niemand. Nur ein paar Rehe, als es gegen Ende etwas hügeliger wurde.


    Blick nach Südosten zu den Bergen

















    Das Wetter war so, wie es in Schottland eben oft ist – Sonnenschein und dann, innerhalb von 20min, ein sich verdunkelnder Himmel, plötzlich einsetzender starker Hagel und nach kurzer Zeit schien auch schon wieder die Sonne. Erstaunlich! Hagel ist besser als Regen schoss mir durch den Kopf. Lassen sich die Hagelkörner doch immerhin einfach abschütteln und durchnässen nicht gleich den Rucksack.

    So ging es dann im Wechsel – Sonne, Verdunkelung, Hagel – bestimmt vier oder fünfmal.

    Dann, nach einigem Wandern, kam er endlich – der Loch na Sealga. Auf den letzten Metern, als der Wanderweg endete, wurde es direkt mal ordentlich boggy / sumpfig.









    Direkt am westlichen Ende fand ich eine Einbuchtung vor – wahrscheinlich als Bootsplatz für den Winter? Jedenfalls dachte ich mir gleich: Könnte man nicht...so ein schöner See...eigentlich genau das was auf meiner Liste ganz oben stand...andererseits war es erst 13.30 Uhr. Hmmmm. Als Kompromiss, um wenigstens ein bisschen Zeit hier zu verbringen, kochte ich mir erstmal eine warme Suppe auf meinem Gaskocher – für einige Zeit blieb das Wetter stabil schön, tatsächlich bis zum Abend. Dann stand mein Entschluss fest: Es sollte weitergehen. Rucksack aufgeschwungen, ein paar Meter losgelaufen – da, Schuhspuren am Steinstrand.

    Direkt jetzt am Anfang meiner Tour in die "Wildnis" stand mir einfach der Sinn danach, wenigstens einen Abend in der Einsamkeit zu verbringen. Was, wenn am anderen Ende des Sees eine größere Gruppe campte? Immerhin war Wochenende. Auch frischte der Wind wieder ordentlich auf. Ich wusste, dass am anderen Ende des Sees die Shenawall Bothy lag. Und der Wind war ordentlich. Wieso wollte ich also unbedingt zur Bothy, jetzt, am ersten Tag? War es vielleicht sogar, weil ich mir nicht zutraute, hier zu campen? Hatte ich Angst vor dem Wind? Angst davor, dass das Zelt nicht halten würde? Meine Zelt-Nächte in meinem ersten Urlaub waren jedes mal aus der Not heraus und nicht sonderlich erholsam, in der stetigen Angst, dass das Zelt nicht hält.

    Aber war das nicht die perfekte Gelegenheit? Ein bisschen Wind, kein Sturm. Ein wunderschöner See. Eine etwas windgeschützte Stelle. Abhaken eines Punktes von der To Do Liste. Spontan entschied ich mich um und baute mein Zelt auf. Eine der besten Entscheidungen meiner Tour. Wo sollte es stehen? Links, auf dem Grünen neben dem Baum, ohne jeglichen Windschutz? Das erschien mir unlogisch, hatte ich doch in der Einbuchung einen sehr ordentlichen Windschutz.
    Aber der Untergrund, er war einfach nur nass. Im Hinteren Teil der Einbuchtung stand sogar das Wasser mehrere Zentimeter tief. Dazwischen gab es aber ca. 2m, auf denen ich mein Zelt aufschlagen konnte.

    Und hier sind sie - die ersten Fotos von einem schönen Zelt, an einem schönen See








    Was wenn es in der Nacht regnete? Würde der Wasserpegel nicht steigen und mein Zelt fluten? Daher baute ich mir einen kleinen Schutzwall und – wichtiger – grub mit ein paar spitzen Steinen eine Rinne neben dem Zelt, die bis zur Schräge weiter unten führte und oben Anschluss an das stehende Wasser hatte. Eine richtig gute Entscheidung! Am nächsten Morgen sollte es sich nämlich herausstellen, dass die Rinne sich in einen kleinen Bach verwandelt hatte und das Wasser mit bemerkenswerter Geschwindigkeit an meinem Zelt vorbeifloss.



    Nun war es also 15.00 Uhr – noch ca. 4 Stunden Sonnenlicht. Nach am See sitzen und Lesen stand mir nicht der Sinn. Zu viel Energie, zu viel Abenteuerlust. Aber könnte man nicht einfach einen der Hügel besteigen? Freilich nur auf meiner Seite, der Gruinard River wäre nicht zu queren gewesen, viel zu tief. Ich entschied mich dafür, mein Glück mit den Hügeln zu meiner rechten zu versuchen. Wegelos. Das erste mal auf meiner Tour, komplett wegelos. Hier kam dann auch gleich das GPS-Gerät zum Einsatz, das mir ein wenig Sicherheit vermittelte.

    Und so ging es, mit wenig Gepäck, den Hügel rauf.


    (Rechts von den Stufen herum auf die Hügel rauf



    Erstaunlich, wie schnell man unterwegs ist mit wenig Gepäck. Der Untergrund war sumpfig, nass, aber insgesamt ziemlich gut zu machen. Als ich das „Tal“ zwischen zwei Hügeln erwandert hatte, nahm eine kleine Gruppe aus Rehen Reißauss. Erstaunlich, wie schnell die den Hügel raufkamen! Oben blieben sie dann noch eine Weile stehen, beobachteten mich, zogen dann aber von dannen.


    Rehe. Man verzeihe mir, dass ich nur mit meiner Handy-Kamera Fotos gemacht habe. Aber vielleicht sollte ich ja auf der Tour noch die Gelegenheit haben, wilde Rehe aus nächster Nähe zu beobachten?
    Den "Grasstreifen" links im Bild bin ich dann rauf, das war der zweite Hügel, der erste war in der anderen Richtung. Zwischen beiden Hügeln war ein regelrechter Sumpf, die Stöcke ließen sich immer wieder 30-50cm in den Boden stecken, also schön von "Hügel/Grasbüschel" zu Hügel.

    Schon nach der Hälfte der Strecke - eine tolle Aussicht!





    Rauf auf den ersten Hügel. Ein paar kleinere Klettereinlagen waren auch erforderlich, aber alles im Rahmen des Machbaren. Tolle Aussicht zurück bis zum Meer und zum Weg den ich gekommen war. Rauf auf den etwas höheren, weiter östlichen Hügel – von hier konnte man dann den gesamten See überblicken. Ein wahnsinniger Anblick. Ich hatte die Erkenntnis: es kommt für eine tolle Aussicht nicht darauf an, wie hoch ein Hügel ist – sondern nur darauf, dass das Wetter gut ist und dass der Hügel nicht komplett von größeren Bergen umrundet ist. Eine Weile genoss ich die Aussicht und dann ging es zurück zum Zelt.




    Blick zurück nach Nordwesten








    Blick nach Osten zum Strand und zum Zelt


    Loch na Sealga und An Teallach Berge


    Blick bis zum östlichen Ende des Loch na Sealga



    Während der Nacht frischte der Wind ordentlich auf – auch intensiver Regen und Hagel war dabei.
    Der Wind zerrte ordentlich an meinem Zelt. Soll er doch. Der kann ja nicht wissen, dass ich ein Hilleberg habe. Und so schlief ich denn auch erstaunlich gut, voller Vertrauen in mein Zelt und im Wissen, nicht nachts rauszumüssen, um irgendwelche gezogenen Heringe neu setzen zu müssen. Ein ungemein beruhigendes Gefühl beim Zelten, ein sturmstabiles Zelt zu haben, dem man vertraut! Auch wenn das Gewicht natürlich auch erstmal geschleppt werden muss.

    Ein toller erster Wandertag - Campen an einem wunderschönen See, Wegeloses Besteigen eines Hügels, eine tolle Aussicht, Beobachten von Tieren.
    Geändert von Freedom33333 (17.04.2019 um 11:52 Uhr)

  6. Anfänger im Forum

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    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #6
    Danke für den Bericht. Ich kenne die Gegend bisher nur von einem Urlaub mit Mietauto und Tagesausflügen. Bin schon gespannt wie es weiter geht

  7. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #7
    Du hast das genau richtig gemacht. Wenn dir mittags um halb zwei nach "Feierabend" ist, machst du das. Das ist Urlaub, das ist Erholung, das ist Seele-baumeln-lassen.

    Meine Hilleburg und ich machen das auch so.

  8. Erfahren
    Avatar von Glenfiddich
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    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #8
    +1, jo mein Ringstind und ich (also das bessere Akto ) machen das auch so.

    Auch ich mag diese Ecke besonders gerne. Freue mich über deinen Bericht den ich aufmerksam verfolgen werde.

    Ich war auch mal mit dem Mietwagen dort unterwegs und habe jeden müden Wanderer mitgenommen, egal wie nass oder muffelig die waren. Hoffe das es sich auf mein Guthaben Konto auswirkt :-). Der Abenteuer Charakter ohne Auto da oben ist aber deutlich höher.

  9. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #9
    Vielen Dank an euch alle für das Feedback .

    Zitat Zitat von Glenfiddich Beitrag anzeigen
    Ich war auch mal mit dem Mietwagen dort unterwegs und habe jeden müden Wanderer mitgenommen, egal wie nass oder muffelig die waren. Hoffe das es sich auf mein Guthaben Konto auswirkt :-). Der Abenteuer Charakter ohne Auto da oben ist aber deutlich höher.
    Sehr vorbildlich! Ich nehme es mal vorweg: Als ich am letzten Tag hätte ein paar Kilometer nach Strathcarron zu Fuß über eine Betonstraße laufen müsse, habe ich es einfach mal per Anhalter probiert. Und das dritte Auto hat gestoppt. Für mich als Mann eine ausgesprochen gute Quote.

    Sonntag, 24.3.19: So nah und doch so fern. Oder: Eine Bothy muss man sich verdienen.
    Loch na Sealga bis Shenavall-Bothy

    Als ich morgens gegen 6.00 Uhr aufwachte, rüttelte der Wind doch ordentlich an meinem Zelt. Auch Hagel gab es reichlich. Ein Blick nach draußen brachte zum Vorschein: In der von mir gekratzten Rinne lief das Wasser mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit. Wo wäre all das Wasser sonst hingelaufen?

    Also erstmal noch ne Runde schlafen. Gegen 9 Uhr erwachte ich dann – und von draußen hörte man nichts. Perfekt. Also zusammenpacken. Die Routine fehlte noch, und so zog sich alles etwas hin. Dann, als ich endlich fertig war, fing es natürlich wieder an zu Hageln. Macht nix, Kindle raus, nach 10min war der Spuk dann auch schon wieder vorbei. Nach dem Aussteigen aus dem Zelt zeigte sich ein seltsames Bild.






    Was ist das? Schnee? Hagel? Und wieso hat sich dieser nur auf zwei Seiten meines Zeltes gesammelt, wieso ist ansonsten nirgendwo auch nur ein Hagelkorn zu erblicken? Egal.

    Auch sieht man hier schön, dass sich hinter meinem Zelt eine nicht unerhebliche Pfütze gebildet hat. Glücklicherweise war es im Zelt trotzdem trocken geblieben – und die Pfütze schien direkt hinter meinem Zelt erst anzufangen.



    Zelt einpacken – das ging erstaunlich gut. Groß Wind hatte ich nicht.



    Das zwischenzeitlich eröffnete McFit am Loch ne Sealga musste mangels Besuchern wieder geschlossen werden. Das einzige was übrig geblieben ist, ist diese Hantel rechts im Bild. Damit machte ich dann auch gleich 2 Sätze Kreuzheben - mit der wohl schönsten Aussicht, die ich in meinem Leben jemals beim Gewichtheben haben werden.

    Dann stiefelte ich los, rechts vom Loch na Sealga entlang. Ein konkretes Tagesziel hatte ich noch nicht. Erstmal schauen, wie weit ich kommen würde. In jedem Fall wollte ich mindestens einen Zwischenstopp in der Bothy einlegen.


    Blick zurück zum Zeltplatz / der Westküste des Lochs

    Der Feldweg hatte längst geendet, hin und wieder war aber ein Trampelpfad zu sehen. Der gefiel mir aber überhaupt nicht: Auf ihm hatte sich – es hatte wieder angefangen ein wenig zu Regnen – ein Bach gebildet, sodass man ohnehin nur links oder rechts vom Weg laufen konnte. Zweitens war es dort meist sehr steinig und diese Steine waren nicht selten rutschig / spitz zulaufend, was auf Dauer ordentlich auf die Füße geht. Drittens ging der Weg immer recht nah an der Küste entlang, und dort immer wieder direkt an der Abbruchkante von Felsen. Nach kurzer Zeit verließ ich den Pfad und bahnte mir meinen eigenen Weg. Das ging – erstaunlicherweise – besser und schneller. Klar, es war recht sumpfig und man musste aufpassen, aber mit der Zeit wurde man immer besser darin, die „Inseln“ von den Tümpeln zu unterscheiden. Grüne Algen sind z.B. ein außerordentlich schlechter Untergrund, aber wem erzähle ich das ;).


    Ein paar Höhenmeter waren auch zu bewältigen


    Blick nach vorne

    Hin und wieder – selten – brach mal die Sonne durch das trübe Wetter und bescherte mir einige tolle Momente. Naturgemäß zieht man in solchen Momenten die Kamera raus – und nicht bei trübem Regen – sodass mitunter der Eindruck entsteht, das Wetter wäre die ganze Tour toll gewesen.


    Blick nach Hinten, Sonne! ;)




    Der erste Teil war recht hügelig – da macht man doch so einige Höhenmeter, nur weil es ständig hoch und runter geh. Zum Ende hin flachte es immer mehr ab. Immer wieder kam ich an Bäche, die zu durchqueren waren – da ich mich dort immer nach oben orientierte, stieg ich höher und höher. Als ich dann schließlich genug davon hatte und wieder unten am Wasser entlanglaufen wollte, war das natürlich genau die Stelle, an der sich ein rutschiger Pfad an einer Abbruchkante entlangschlengelte, sodass ich direkt wieder umkehrte (Erinnerungen wurden wach) und meine Reise 50 Höhenmeter weiter oben fortsetzte.



    Das Ende des Sees nähert sich

    Gegen 14.30 Uhr kam ich endlich am östlichen Ende des Lochs an (Wer vor Schotten „Lake“ Statt „Loch“ sagt, outet sich übrigens als kompletter Anfänger). Dort hatte es sogar einen schönen Strand. Nur der Wind war hier doch wieder recht erheblich und direkt am Wasser hätte ich dort auch nicht unbedingt campen wollen.


    Der Blick zurück


    An Teallach, am östlichen Ende des Loch Na Sealga Nördlich

    Nachdem ich eine Weile die Aussicht genossen hatte – ich dachte mir nichts Böses – wollte ich noch den Fluss überqueren. Hierfür hatte ich extra ein zweites paar Schuhe dabei, so eine Art Neoprenschuhe. Mein Navi zeigte die gestrichelte Linie direkt unten am Ausfluss des Flusses in den See. Das erschien mir logisch, da Flüsse ganz unten oft sehr breit und dadurch deutlich flacher sind, sodass man gut queren kann. Nicht so hier. Der Wind der von Westen kam blies so stark, dass das Wasser an der Oberfläche in der anderen Richtung zu fließen schien. Außerdem konnte man definitiv nicht bis zum Grund sehen. Im Gegenteil, das Ufer schien ordentlich abzufallen und schon nach wenigen Metern war der Fluss mehrere Meter tief. Außerdem eine Breite von über 30m. Soweit so schlecht. Hier rüber? Keine Chance!


    Hier rüber? Nope!

    Ok, macht ja nichts. Dann laufe ich eben ein paar 100m am Fluss entlang nach oben, da wird sich schon etwas finden. In irgendeinem Reisebericht ausm Forum war der Autor ja auch irgendwo hier unten rübergekommen, also alles easy.



    Gleich...hier bestimmt...ok, aber da vorne sieht gut aus...auch 2m tief...aber da bestimmmt...ne...unten da hinten vielleicht? Ja, da klappt es...nicht...hm...Mist!

    Es kam und kam einfach keine Stelle, an der man rübergekommen wäre. Auch wenn man mal eine Stelle sah, an der der Fluss eher breiter und flacher schien (Immer in Kurven) dann sah man erst von nahem, dass an der Außenseite der Kurve das Wasser mindestens 2m tief war.


    Sieht easy aus? Die letzten 2m sind 2m tief.

    Also dem Flussverlauf weiter flussaufwärts folgen. Ein bisschen Frust stellte sich langsam doch ein. Endlich mal eine gute Gelegenheit, sich ohne schlechtes Gewissen einen fetten Erdnussriegel zu gönnen. Da war sie also, die anspruchsvolle Flussdurchquerung die ich mir gewünscht hatte!

    Immer wieder kamen von rechts kleine Bäche, die sich in den Fluss ergossen. Ich entschied mich zunächst, diese zu queren und mich immer direkt rechts vom Fluss zu halten.



    Doch es wurde nicht besser. Da erinnerte ich mich an ein Gespräch mit einer Dame im Bus: Diese hatte mich davor gewarnt, dass es schwierig sein könnte, den Fluss zu durchqueren. "Ach was" hatte ich mir gedacht.

    Irgendwann zwischendurch konnte ich sogar schon die Bothy erblicken. So nah...und doch so fern.

    Schließlich teilte sich der Fluss auf – links der Abhainn Strath na Sealga und rechts der Abhainn Geann na Muice. Na also, die Hälfte des Flusses weg. Jetzt wird es bestimmt einfach...da vorne...oder da...aber dahinten...ach menno! Wohlbemerkt: Als Furtbar würde ich jede Stelle erachten, wo mir das Wasser bis knapp unter die Hüfte ginge. Aber davon gab es einfach nichts. Das Wasser war immer mannshoch. Dann machte der Fluss eine fast 180 Grad Wende und ging wieder ein Stück zurück. Es fing wieder an zu hageln. Richtig heftig. Ich wollte umdrehen, zog meine Cap tief ins Gesicht – es half alles nichts. Der Hagel war dermaßen groß und kam fast waagerecht, dass mich immer wieder Hagelkörner direkt im Gesicht trafen. Und das war schmerzhaft! Es half also nichts: Umdrehen, dem Hagel den Rücken zuwenden und warten. Nach einigen Minuten war der Spuk wieder vorbei.

    Also erst mal wieder zurück auf den Pfad, der auf der Karte eingezeichnet war. Dort ging es ganz gut voran. Dann kam ich auch an 2 Häusern vorbei. Eines, offensichtlich ein typisches Holzhaus wie man es aus den Alpen kennt. Das andere, langgezogen, bestand aus mehreren Teilen. Alle Türen waren mit einem Schloss versehen – bis auf eine. Also einfach mal eintreten. Eine Notfalloption schadet sicher nicht.

    Aber dadrin war es – ich schaue eigentlich keine Horrorfilme – unheimlich. Überall Sägen und Messer. An der Wand starke Dübel mit Seilen, von der Decke hingen an mehreren Stellen so eine Art Kleiderbügel. Aus massivem Stahl. Auch eine Holzbank brachte bei mir - ohne je eine solche gesehen zu haben - nur die Assoziation: Schlachtbank.










    Der Legende nach wohnt in anderen Teil des Hauses – auch im Winter – ein Wahnsinniger, der es von außen so aussehen lässt, als wäre das Haus verlassen. Und wenn dann ein Wanderer so dreist ist, das Haus zu betreten und dort zu übernachten, dann kommt er des Nachts durch einen Geheimgang und dann...[Zensiert vom Admin]. Aber lassen wir das.

    Aber woher kommt dann dieser komische Geruch nach Eisen? Am Boden ein Wasserschlauch, Boden aus Stein, vorne an der Tür ein großes Loch...da klingelte es. In der Kammer wurden geschossene Rehe und Hirsche aufgehangen, aufgeschlitzt und ausgenommen. Uhhhm. Also da will man nicht wirklich übernachten. Also weiter.

    Wieder zum Fluss. Wieder keine Möglichkeit rüberzukommen. Langsam musste ich meine Optionen abwägen. Es regnete, es war trübe, es war mittlerweile 16.00 Uhr. Was konnte ich tun?

    a) Den Fluss weiter bergauf laufen und hoffen. Ein All-In. Taschenlampe hatte ich ja dabei, auch Ersatzakkus. Hauptsache im Hellen über den Fluss kommen. Klar, desto weiter ich kam, desto näher kam ich dem Beann a Chlaidheimh. Dort müsste ich also quer rüber, desto weiter oben, desto mehr Höhenmeter. Und dann gab es ja immer noch den zweiten Flussarm, der zu überqueren wäre. Was, wenn es da auch nicht weiterging? Daran wollte ich garnicht denken. Der Würde schon easy sein.
    b) Umkehren, im Horrorkabinett übernachten...gescheut hätte ich mich davor wohl nicht. Aber so richtig toll fand ich den Gedanken auch nicht. Und so schlimm war das Wetter an dem Tag auch nicht.
    C) Irgendwo hier mein Zelt aufschlagen und die Bothy auslassen. Die wollte ich aber unbedingt kennenlernen. Auch hätte es sich doch sehr nach Aufgeben angefühlt. Und der Fluss wurde immer besser. Jedenfalls checkte ich permanent die Umgebung und fand immer wieder Stellen, an denen das Zelt hinpassen würde. Das beruhigte mich.

    Noch hatte ich etwas über 2 Sonnenstunden. Ich nahm mir vor, spätestens eine Stunde vor Sonnenuntergang über den Fluss gekommmen sein zu müssen. Also weiter am Fluss entlang. Da, eine gute Stelle...doch nicht. Aber was ist das?? Da lag ein knallrotes paar Handschuhe. Nur die Finger waren an einigen Stellen sauber abgetrennt. Wie mit einem Messer. Die Fingerkuppen des Handschuhs lagen sauber abgetrennt daneben. Ein Ausläufer des Horrorkabinetts? Unheimlich. Ein Zeichen. ;). Überquere den Fluss hier lieber nicht. Ging auch nicht.

    Weiter. Immer weiter. Und weiter. Dann, nach etwa 3 km, bog ein Teil des Flusses nach rechts ab. Genau in das Tal, durch das ich am nächsten Tag weiterlaufen wollte (Gleann Na Muice Beag). Irgendwie blöd, die ganze Strecke wieder zurückzulaufen von der Bothy...aber...dort! Über den abbiegenden Flussarm kam man recht einfach rüber. Also die Ersatzschuhe an und von der Trekkinghose den abzippbaren unteren Teil auf beiden Seiten ab. Der sollte trocken bleiben. Die Regenhose darüber hatte ich einfach angelassen, die saugt Wasser eh nicht auf und gibt mir noch etwas Schutz.

    Dann, ca. 8m bei Schienbeintiefem Wasser rüberwaten. Easy! Ich ließ die Neoprenschuhe einfach an und hoffte, etwas weiter den Fluss durchqueren zu können, der sich das Gleann na Muice hinaufschlängelte. Erstaunlich wie gut man mit Neoprenschuhen wanderen kann, die kann man gleich anlassen...oh, man ist das rutschig...aargh...das war knapp! Soviel dazu.

    Da...da geht es. Wobei, weiter oben sieht besser aus. Ne, geht nicht. Mist.






    Weiter hoch...warte...was war mit der ersten Stelle? Wieder zurück – und tatsächlich, da ging es. Das Wasser ging gerade mal knietief, vielleicht mal bei einem oder zwei Schritten etwas höher, auf einer Breite von vielleicht 15m. Der Fluss hatte sich – mit einer Bank in der Mitte – aufgeteilt. Jetzt oder nie!

    Rüber...Fließgeschwindigkeit unterschätzt. Der Strom der den Schuh seitlich trifft ist suboptimal. Idee: Geh schräg dem Strom entgegen. Dann trifft dich der Strom nur noch schräg seitlich. Das ging besser. Da ist die Mitte! Eine Minute Pause. Füße eisig. Weiter jetzt...der zweite Abschnitt...das ging schon besser, die Stöcke komplett rausheben bevor man sie wieder ansetzt...YES Ich bin rüber! Jawoll! Wanderschuhe wieder an.


    Blick zurück.




    Aber damit war ich noch lange nicht am Ziel. Jetzt musste ich den ganzen Weg wieder zurück – am Wasser entlang auf der anderen Flussseite? Das erschien mir nicht sehr logisch. Denn im Zweifelsfall müsste ich dann den anderen Fluss auch wieder flussaufwärts. Also lieber mit einigen Höhenmeter quer rüber um den anderen Fluss auch recht weit oben zu kreuzen. Das ging recht gut, kostete aber dennoch Zeit, da einige Höhenmeter und einige Kilometer Wegstrecke zu bewältigen waren. Blick aufs navi...70 min Sonne verbleibend. Wird schon.








    Blick nach Nordosten





    Blick zurück zum Hügel über den ich gekommen bin (Wegelos)


    Die letzten 500m dann aber durch einen richtigen Sumpf. Hier muste man tierisch aufpassen, nicht bis zu den Knien einzusacken. Und es dämmerte langsam. Man war schon im "Bin gleich da, schnell jetzt" Modus - und der ist fehleranfällig. Innehalten, volle Konzentration! Ah, da ist die Bothy. Jetzt bin ich fast da! Zum Fluss...hoffend...ne. Geht nicht. Da geht’s nicht rüber.

    Das war nicht gut. Hier im Sumpf könnte ich keinesfalls campen. Locker bleiben. Panik bringt jetzt nichts. Die bringt dir auch keinen Zeltplatz, ist unproduktiv und sowieso komplett sinnlos. Easy! Logik! Die Stelle hier ist sehr schmal, Bäume links und rechts, wie eine Allee. Natürlich ist der Fluss da tief. Vielleicht ist es hier einfach eine besonders schlechte Stelle. Und tatsächlich – ein paar 100m weiter flussaufwärts sah es von oben sehr vielversprechend aus.



    Runter zum Wasser...JA! Das klappt! Stiefel aus, Neoprenschuhe an, und rüberwaten. Siegesicher fand ich sogar Zeit für ein Foto in der Mitte des Flusses.



    Als ich – sicher - am anderen Ufer war, konnte ich mir den Jubelschrei nicht verkneifen. Weniger für die letzte Überquerung, als vielmehr dafür, nach dem ganzen Hin und Her, dem Abwägen aller Optionen, der Sturrheit, unbedingt zur Bothy zu wollen, dem Glauben an das Ziel, fast schon in der Dämmerung, das Ziel erreicht hatte.

    Stiefel an, und auf einem gut ausgebauten Wanderweg die letzten paar 100m zur Bothy! Die hatte ich mir verdient!



    Als ich dort ankam traf ich einen anderen Wanderer. Und der kam – wie könnte es anders sein – aus Deutschland (Dresden). Leider ließ er sich von mir nicht überzeugen, einen Reisebericht im Outdoorseitenforum zu schreiben. ;) Wir unterhielten uns lange, tauschten unsere Erfahrungen aus – er war am selben Tag über Wanderwege mit eher wenigen Höhenmetern ca. 26km aus Kinlochewe bis hierher gelaufen. Und berichtete mir davon, dass auf seinem Trail vor ihm jemand läuft, der sich immer im Bothy-Buch einträgt. Den wollte er endlich einholen.

    Ansonsten enthielt das Bothy-Book nur wenige Einträge für die letzten Wochen. Die meisten kamen von Norden, von der Straße die vielleicht ein paar Stunden entfernt lag und von der ein gut ausgebauter Wanderweg zur Bothy ging.

    Spoiler: Am letzten Tag, in Edinburgh im Hostel, traf ich eine Deutsche – die ihn wohl auch getroffen hatte. Und der er die Story erzählt hatte, dass er ihn irgendwann endlich eingeholt hatte. Witzig. Bei meiner letzten Tour im Oktober hatte ich den User Rainer Duesmann um einen Tag in einer „Bothy" nahe dem Loch Afric verpasst. Krass, wie klein die Welt manchmal ist.

    Dann ging es nach oben und Schlafen. Schon um einiges komfortabler in so einer Bothy als in einem Zelt, klar.

    Auch mit diesem Tag war ich außerordentlich zufrieden: Entlang an einem See, das gesetzte Ziel, die Bothy, allen Hindernissen zum Trotz erreicht (Vom Übergang am See aus gesehen dürfte es ein Umweg von ca. 8km gewesen sein), fast nur wegelos fortbewegt und mehrere anspruchsvolle Flussdurchquerungen souverän überstanden.
    Geändert von Freedom33333 (13.04.2019 um 16:24 Uhr)

  10. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #10
    Montag, 25.3.19: Ein entspannter Tag in der Bothy.

    Morgens verabschiedete sich mein Zimmergenosse Duc, der dem Pfad in Richtung Norden bis zur Straße folgte. Da saß ich nun also - allein in der Bothy. Stille. Absolute Stille. Kein Radio, keine Stimmen, keine Musik, kein TV, kein Internet, kein Smartphone. Nur ich, das trübe Wetter draußen und mein Kindle. Ich nutzte die Gelegenheit, den auf der letzten Tour begonnenen Roman Robinson Crusoe weiterzuleten. Sehr passendes Buch. Erstaunlich: 6 Monate her, kommt es einem vor, als wäre es gestern, dass man an der entsprechenden Stelle aufgehört hat.

    Sonderlich warm war es nicht. Und wenn man die ganze Zeit nur rumsitzt, wird einem schnell kalt. In einer so kalten Umgebung ist die Bewegung tatsächlich entscheidend: Noch so viel warmer Tee hilft nicht. Man muss sich bewegen. Dann wird einem warm. Also ging ich erstmal eine Runde die Gegend erkunden und Holz sammeln. Mit diesem hoffte ich, abends ein Feuer zustande zu bringen. Runter zum Fluss. Erstaunlich: Kein Baum in der näheren Umgebung. Aber haufenweise Holz am Fluss. In Hülle und Fülle. in weniger als 10min hatte ich mehr Treibholz zusammen, als ich tragen konnte. Vorsicht am Fluss: Dort gab es eine bestimmmte Art Gestrüpp die ich nicht kenne, die aber ausgesprochen dornig war.

    Ansonsten genoss ich es auch einfach sehr, alleine in einer solchen Hütte irgendwo im nirgendwo zu sein. Immer wieder ging ich nach draußen, blickte in alle Richtungen, zog tief die klare Luft ein, streckte mich und dachte darüber nach, dass ich gerade der einzige Mensch im Umkreis von vielleicht jeweils 10km bin. Ungewohnt. Und doch auch ein wenig faszinierend.

    Stille. Ruhe. Frieden. Wind. Wasserplätschern. Kein Lärm, kein Kommerz, keine Möglichkeit Geld auszugeben. Hier ist es egal, ob man eine Million dabei hat oder 50 Cent. Kaufen kann man sich davon nichts. Hier ist jeder gleich.












    Die Steckdose in der Ecke ist übrigens nur aufgezeichnet ;).







    Irgendwann wurde es mir doch zu kalt, nur rumzusitzen. Ich bestieg den Hügel nördlich von der Bothy. Kurz überlegte ich auch, auf einen der Berge zu steigen. Doch was hätte ich davon gehabt? Die oberen paar 100m lagen in tiefem Nebel. Gesehen hätte man dort nichts. Es wäre ein Besteigen um des Besteigens willen gewesen. Und dafür bin ich nicht der Typ. Wenn ich schon auf einen Berg steige, dann will ich auch eine schöne Aussicht haben.








    Zum Aufstieg wählte ich nicht etwa den Pfad, den Duc gewählt hatte, sondern ich ging direkt den doch sehr schrägen Hügel hinauf. Es war steil. Sehr steil. Hier konnte man in wenigen Minuten 100 Höhenmeter zurücklegen...sofern die Kondition mithalten konnte. Wirklich rutschig war es nicht, und der Boden mit seiner Stufenartigkeit vereinfachte den Aufstieg erheblich. Ich war erstaunt, wie schnell man wie hoch gekomen war. Kein Vergleich zu einem gemächlichen Wanderweg, hier brachte einen jeder Schritt 30-40cm weiter nach oben. Und so puschte ich auch meine Grenzen wieder ein Stück weiter. Nicht nur wegelos, sondern sogar extremer Steigung trotzend. Das gab Selbstvertrauen, auch für spätere Teile der Tour.


    Blick ins Strath na Sealga, also das Tal nach Osten


    Blick zum Sail Liath, den ich nicht besteigen wollte, da weiter oben nichts als Nebel gewesen wäre


    Blick nach Osten zum Loch na Sealga


    Auf dem Rückweg ging es dann den Pfad zurück, der in umgekehrter Richtung zur A 832 führen würde. Zu selbiger wären es übrigens gerade mal 7km zu einem Parkplatz - und so sind die meisten der Bothy-Benutzer denn auch Autotouristen, die ihr Auto abstellen, zur Bothy laufen und dort entweder Mittagspause machen oder eine Nacht verbringen.

    Das wäre übrigens eine Art, Urlaub zu machen, die mich auch ein wenig reizen würde - könnte man so doch deutlich mehr "Sehen", von Attraktion zu Attraktion fahren und schnell mal in 14 Tagen 10 Bothys kennenlernen. Aber es hat eben auch seinen Reiz, sich alles zu Fuß zu erlaufen, durch Gegenden, in denen man mit einem Auto nicht fahren könnte.

    Jedenfalls: Meinen größten Dank an solche Tagestouristen, die die Gelegenheit nutzen, um Dinge wie Kerzen Feueranzünder oder - kommt vor - Kohle in Bothys zu platzieren und Trekking-Touristen wie mir einen schönen Abend zu ermöglichen. Wie soll man sich als Trekking-Wanderer, der so viel Gewicht zu tragen hat, revanchieren? Durch das Mitbringen von 2kg Kohle? Eher nicht. Die Frage hatte ich mir gestellt. Vor Ort tat ich das immerhin dadurch, eine größere Menge Holz zu sammeln.





    Beim Abstieg hörte ich von der anderen Flussseite auf einmal komische Geräusche - und erblickte eine wahrscheinlich schon alte Bergziege mit großen Hörnern. Tu du mir nichts, dann tu ich dir nichts! Glücklicherweise war diese ziemlich scheu.
    Auf einer meiner letzten Touren in den Alpen war ich im Schnee und auf einem Kamm fast in eine Bergziege hineingelaufen - erst durch ihr wütendes Schnaufen war ich auf sie aufmerksam geworden. Und damals hatte ich auch verstanden, woher die Redewendung "Sturer Bock" kommt - dieser hatte sich nämlich keinen Zentimeter bewegt und mich zu einem größeren Umweg quer durch den Schnee / Wald bei großer Abschüssigkeit gezwungen. Nicht so dieses mal.



    Beim Abstieg entdeckte ich eine größere Herde Tiere, die sich links von der Bothy Stück für Stück fortbewegte. Ich wollte sie nicht stören, machte einen kleinen Abstecher nach rechts und verzog mich in die Bothy.

    Nach 10min gewann die Neugier dann doch Überhand. Wohin wäre die Herde wohl gelaufen? Vorsichtig lugte ich aus dem Fenster


    und siehe da, die Tiere waren auf dem direkten Weg zur Bothy! Meine Fotos mögen jetzt zwar nicht so beeindruckend sein, wie die in einigen anderen Reiseberichten, in denen die Tiere durch ein Teleobjektiv fotografiert wurden und scheinbar direkt neben eine stehen. Fakt ist: Die Tiere kamen im Folgenden wirklich SEHR Nah an die Bothy heran. Da sie mich scheinbar durch das Glas des Fensters nicht bemerkten, befanden sie sich kurzzeitig sogar nicht mehr als 2-3m entfernt von mir. Wilde Rehe, die sonst sofort Reißaus nehmen. Das war für mich schon sehr beeindruckend.












    Kein Zoom!!!











    Irgendwann fragte ich mich: Vielleicht sind die ja gar nicht so wild? Der Versuch, die Türe leise zu öffnen und zu den - 2-3m entfernten - Rehen zu gehen, klappte dann allerdings nicht und diese entfernten sich rasch.

    Später gings nochmal zum Fluss zum Holzhohlen - mir war einfach zu kalt -und da konnte ich nochmal die große Herde (20-30 Tiere) bestauen, die sich auf den alten Ruinen vieler weiterer Häuser aufhielten und mich kritisch beäugte.



    Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wohl wäre, hier zu wohnen. Und den Einträgen im Bothy-Buch nach war ich nicht der einzige, der sich diese Frage gestellt hatte. Weiter in Richtung Fluss gab es zahlreiche Ruinen, bzw. mehr als Steine die den Grundriss markieren waren nicht mehr übrig. Wasser gab es. Holz - nach jedem Sturm führte der Fluss jede Menge davon mit sich. Dennoch, Holz wäre bei einer größeren Zahl Menschen nicht ganz einfach. Nahrung - kann man in dieser Einöde etwas anbauen? Fragen für später. Tiere gibt es jedenfalls genug, die man jagen könnte.

    Diese und weitere Fragen stellt man sich, wenn man abends, wenn es draußen schon dunkel geworden ist, alleine in einer einsamen Hütte sitzt und von draußen den Wind heulen hört. Klar, da ploppen auch mal Gedanken auf wie "Was wenn jetzt ein Räuber vorbeikommmt" - so ein bisschen ungewohnt ist ein solcher Ort für einen Großstättder eben doch. Freilich, mit Logik lassen sich solche Gedanken sehr schnell wieder verscheuchen.

    Ach was schmeckt eine Maggi-Tütensuppe gut, die man sich in so einer Bothy auf dem Gasbrenner zubereitet und dem entspannenden Rauschen des Gasbrenners lauscht!







    Ein Kaminfeuer wäre natürlich noch ein Traum gewesen. Und so versuchte ich mein Glück. Einige Anzündwürfel gab es, mehr als 2-3 davon wollte ich aber aus Rücksicht nicht verbrauchen. Leider war sämtliches Holz dass ich hatte auftreiben könnten schlichtweg nass. Man konnte regelrecht zusehen, wie sich auf kleinen Hölzern nahe dem Feuer eine Schicht Wasser bildete, die dann langsam verdampfte / verdunstete.





    Ein kleines Feuer brachte ich denn auch zustande. Nur lange hielt es nicht, und zum Nachlegen großer Scheite kam es auch nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich eine Chance gehabt hätte. Rückwirkend wäre es wohl besser gewesen, auf das nasse Holz zu verzichten und nur zu versuchen, mit dem chemischen Feueranzünder die von den letzten malen im Kohleeimer übriggebliebenen kleinen Kohlestücke zum Glühen zu kriegen. Wirklich nasses Holz - das muss man denke ich erst neben dem Feuer trocknen lassen, bevor man es schließlich verwenden kann. Auch ist eine solche Feuerstelle natürlich schlechter geeignet, die Wärme zu halten, als es etwa ein Ofen wäre.

    Ich grämte mich nicht zu lange, machte mir noch einen schönen Tee und fing ein neues Buch an.
    Sicher, eine Menge Action hatte ich an diesem Tag nicht - aber einen schönen kleinen Ausflug, erste Erfahrungen mit dem Feuermachen, Tierbeobachtung aus nächster Nähe - so nahe war ich wilden Tieren noch nie gekommen - genug Zeit, Bücher zu lesen und eine gemütliche Atmosphäre mit Kerzenlicht. Und so war ich denn auch mit diesem Tag sehr zufrieden.
    Geändert von Freedom33333 (13.04.2019 um 20:30 Uhr)

  11. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #11
    Ein sehr schöner Bericht. Sehr detaillreich mit vielen Gedanken, die ich nur allzu gut nachvollziehen kann.
    Er weckt viele Erinnerungen an meine Touren in diesem Gebiet 2011 und 2014. 2011 kamen wir im Dunkeln von der Nordflanke des Bheinn a'Chladheim und mussten den Fluss in der Nähe der Bothy furten. Davor lag der von Dir beschriebene Sumpf, den ich ebenfalls in keiner guten Erinnerung habe. Damals war das Furten nicht besonders einfach, da der Wasserstand recht hoch war, aber in 2014 war es kinderleicht. Der Wasserstand ist wirklich je nach Wetterlage sehr unterschiedlich. Shenavall ist eine wirklich hübsche Bothy, obwohl ich nur mal für 10 Minuten drin stand. Ich bin gespannt wie es weiter geht.
    ---
    I'd rather be out on the hills...
    http://chorltoniac.blogspot.com

  12. Erfahren
    Avatar von Donik
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    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #12
    Mir gefällt der Reisebericht überhaupt nicht. Jetzt hab ich nämlich wieder dieses Verlangen nach Schottland, obwohl ich erst letztes Jahr war

    Deine Gedanken kenne ich nur zu gut, schön das du sie hier alle niederschreibst, man kann dir wunderbar auf deiner Tour folgen.
    Danke

  13. Fuchs

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    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #13
    Ich kann auf den Fotos die Größe der Tiere natürlich nicht so gut beurteilen, aber bist du sicher, dass das Rehe und keine (Rot)Hirsche waren?

  14. Dauerbesucher

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    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #14
    Auf den Bildern ist definitiv Rotwild zu sehen.
    Wer anderen eine Bratwurst brät, der hat ein Bratwurstbratgerät.

  15. Fuchs

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    1.199

    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #15
    Zitat Zitat von BigKahuna Beitrag anzeigen
    Auf den Bildern ist definitiv Rotwild zu sehen.
    Danke! Ich dachte schon, ich sehe schlecht. Eigentlich war ich mir ganz sicher, aber dann dachte ich mir, wenn die nur drei Meter entfernt waren, müsste allein der Größenunterschied doch sehr deutlich gewesen sein.

    Aber dann fiel mir eine Radiosendung ein, in der es hieß, dass seit Walt Disneys Film "Bambi" sehr viele Leute meinen, dass das weibliche Reh die Frau vom Hirsch sei. .

    @ freedom
    Entschuldige bitte meinen Einwand.

    Tolle Fotos, schöner Bericht!

  16. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #16
    Zitat Zitat von Donik Beitrag anzeigen
    Mir gefällt der Reisebericht überhaupt nicht. Jetzt hab ich nämlich wieder dieses Verlangen nach Schottland, obwohl ich erst letztes Jahr war

    Deine Gedanken kenne ich nur zu gut, schön das du sie hier alle niederschreibst, man kann dir wunderbar auf deiner Tour folgen.
    Danke
    Ich danke dir . Und das mit dem Verlangen geht mir beim Niederschreiben nicht anders. ;) Jedenfalls wäre es schön, mal eben ein Wochenende dort verbringen zu können. Leider zu weit weg.


    Zitat Zitat von qwertzui Beitrag anzeigen
    Aber dann fiel mir eine Radiosendung ein, in der es hieß, dass seit Walt Disneys Film "Bambi" sehr viele Leute meinen, dass das weibliche Reh die Frau vom Hirsch sei. .

    @ freedom
    Entschuldige bitte meinen Einwand.

    Tolle Fotos, schöner Bericht!
    Das weibliche Reh als Frau vom Hirsch? Ist ja lachhaft...wer glaubt denn sowas...also ich nicht...*hust* *Räusper* *Duckundweg*

    Danke für die Aufklärung an euch und danke für das Feedback!

    Dienstag, 26.3.19: Shenavall-Bothy bis Carnmore „Bothy“.

    So schön der gestrige Tag auch war – die Abenteuerlust war groß, es musste weitergehen. Auch hatte es gestern nur wenig geregnet, sodass ich mutmaßte, die Flussüberquerungen wären dieses mal unproblematischer.

    Lange hatte ich am Abend überlegt, wie es weitergehen soll. Immer wieder hatte ich mit dem Gedanken gespielt, es mir „einfach“ zu machen und den Abhainn Loch an Nid entlangzulaufen, also dem Tal in Richtung Süden zu folgen. Keine Flussdurchquerung, keine Steigung, wie bisher gehabt einem Tal folgen. Das was ich schon konnte. Logische Folge wäre gewesen, zur Lochivraon Bothy zu laufen. Diese sollte, soweit ich mich an einen Reisebericht hier im Forum erinnerte, eine sehr schöne Bothy sein – auch den Loch an Nid hatte ich als sehr schön von den Fotos in Erinnerung wie auch den Loch a Bhraoin. Am morgen, als der Blick nach draußen gegen 7.00 Uhr morgens nicht gerade tolles Wetter versprach, war ich mir fast schon sicher, dass ich dieser Route folgen würde.

    Einzig und allein – ich wollte unbedingt auf den A'Mhaigdean. Die Aussicht von diesem hatte mich extrem in einem weiteren Reisebericht beeindruckt, auch sah er von der Ostflanke her sehr einfach zu besteigen aus. Daher sah meine eigentliche Planung vor: Dem Gleann na Muice Beag folgen, auf die Ebene auf ca. 500m hochsteigen, dann nach links zum Fuar Loch Mor und dort oder am Lochan a Bhraghad im Zelt übernachten. Das war eine für mich anspruchsvolle Planung und auch einer der Gründe dafür, wieso ich den gestrigen Tag in der Bothy verbracht hatte, um mich mental und körperlich auf die neue Herausforderung vorzubereiten. Jedenfalls würde es erfordern, auf größerer Höhe einen Zeltplatz zu finden, ggf. das Zelt stehen zu lassen, den Berg zu besteigen und das Zelt wiederzufinden. Auch zeigte die Karte in dieser Gegend so einige Kliffs an.

    Als ich denn aus der Bothy trat und das Wetter – sehr trübe, aber nicht regnerisch – in Ordnung war, stand für mich fest: Ich folge meinem Plan. Zunächst musste ich also wieder die beiden Flüsse überqueren.





    Auch wenn ich schon fast damit gerechnet hatte so war ich doch überrascht – der Abhainn Strath na Sealga ließ sich, schon ziemlich einfach, überqueren. Direkt an der ersten Stelle an die ich kam – ein Stück flussabwärts – konnte man ohne Weiteres rüber, das Wasser war kaum knietief. Gut, die Überquerung dieses Flusses war ja auch bei der Erstüberquerung schon kein allzu großes Problem gewesen.




    So richtig? Learning by Doing.


    Blick zurück zur Bothy, Überquerung nicht der Rede Wert (Wobei Ausziehen der Schuhe schon erforderlich war, so flach wie es aussieht war es auch wieder nicht).

    Also weiter. Ich lief durch den Sumpf zu der Stelle, wo sich die beiden Flüsse auf der Karte sehr nahe kommen, ohne sich zu berühren.

    Als ich durch den Sumpf lief, sprang auf einmal rechts von mir in etwa 40m Entfernung hinter einem Gebüsch ein Rotwild/Hirsch auf (es war jedenfalls kein Hase!) drehte sich um und rannte davon. Ich dachte mir: Hm, eigentlich hätte der doch Vorfahrt gehabt. Er kam von rechts. Andererseits: In Großbritannien fahren die Autos ja links. Heißt das jetzt auch Links vor Rechts? Questions for Later!

    Als ich an die gewünschte Stelle kam sah man sehr schön, dass der Bhainn Strath na Sealga entgegen der Karte natürlich einen Durchbruch zu Abhainn Gleann na Muice gebildet hatte. War jedenfalls sehr schön.

    Dann ging es – voller Spannung – zu letzterem. Kaum war ich diesen ein paar 100m entlanglaufen, fand ich auch schon die erste furtbare Stelle. Gut erinnerte ich mich daran, wie eben jene Stelle vor zwei Tagen ausgesehen hatte – das Wasser war 2m tief. Jetzt gerade mal knietief. Heftig was der Regen ausmacht!







    Ohne große Probleme gelangte ich mit meinem zweiten Paar Schuhe hinüber und konnte damit denselben Weg in Richtung Süden nehmen, den ich schon einmal gelaufen war. Wieder vorbei am Horrorkabinett.

    Nach einer kurzen Strecke entlang am Fluss entschied ich mich wieder einmal für das Wegelose. Und so orientierte ich mich immer weiter nach rechts zum Hang und machte auf diesem Weg bereits einige Höhenmeter. Zweimal denselben Weg laufen wollte ich einfach nicht.


    Hinter dem Fluss der Hügel, den ich 2 Tage davor relativ weit oben gequert hatte bis zum zweiten Fluss nahe der Bothy


    Blick nach vorne


    Am Hang entlang




    Blick nach vorne ins Gleann Na Muice Beag


    Gut ausgebauter Wanderweg!





    Rechts rauf

    Der Fluss hatte dort eine Höhe von ca. 110m, als ich schließlich auf den Wanderweg traf der ins Gleann na Muice Beag führte, war ich bereits auf ca. 250m. Der Wanderweg war richtig gut ausgebaut. An einer Stelle hatte eine große Schlammlawine den Weg fortgespült und es ging durch große Schlammbrocken, aber ansonsten ein wirklich guter Weg.


    Loch Beinn Dearg




    Blick zurück

    Als ich zum Loch Beinn Darg kam machte ich einen kleinen Exkurs zum Wasser. Ich wollte einfach schonmal vorfühlen – kann man in so einer Gegend sein Zelt aufschlagen? Findet man passende Zeltplätze? Die Karte sah für das Teilstück vor diesem Loch eine recht ebene Fläche vor. Um so überraschter war ich über die Bodenstruktur vor dem Loch Beinn Dearg: Schwer zu beschreiben. Viele verschiedene Flussbette, die sich tief in den Boden gegraben hatten. Dazwischen immer wieder grasbewachsene Abschnitte, die 2m und mehr höher waren. Wollte man zum Loch, musste man mehrfach ein paar Meter nach unten und dann wieder nach oben. Ich deutete das so, dass dieser Loch, der ja links und rechts von hohen Bergen begrenzt war, bei viel Regen mehrere Meter höher ist und der zerfurchte Boden bis auf die höheren Abschnitte komplett unter Wasser stehen würde. Dennoch fand ich nach einigem Suchen ein bis zwei Stellen, an denen man würde ein Zelt aufschlagen können.

    Ein wenig nass, nicht sehr windgeschützt, halbwegs eben – nicht schön, aber machbar. Eben der typische Zeltplatz in Schottlands Wildnis.

    Nach kurzer Rast ging es weiter auf dem Pfad, weitere 150m nach oben bis auf 500m. Die Steigung verteilte sich nicht all zu sehr, sondern beschränkte sich auf die ersten paar 100m. Es wurde windiger, nasser, es fing wieder an ein bisschen zu regnen – nicht stark, aber es war eben auch nicht trocken. Der Wind wurde mehr und mehr. Als ich schließlich auf der, nennen wir es mal schottische Hochebene, angekommen war, blies mir ein starker Wind entgegen. Direkt von vorne. Und so gestaltete sich das Vorankommen denn auch recht mühselig. Dennoch war der Pfad gut, auch wenn es rechts und links recht steinig war. An eine Stelle erinnere ich mich, an der ich unschlüssig herumstand, weil man ein Zelt hätte aufschlagen können. Aber in diesem Wind?

    Immer wieder der Blick nach vorne und nach hinten - irgendeine Menschenseele, irgendwo? Nope.

    Der Blick nach links und nach rechts auf die Berge war auch nicht gerade vielversprechend – diese lagen in tiefem Neben. Selten konnte man wenigstens einen Blick auf die Hügel zur Rechten erhaschen, die nicht zu hoch waren.

    Schließlich tauchte zu meiner linken das Dreigestirn aus Lochan Feith Mhic-illean auf.






    Nebelig!

    Wirklich genießen konnte man diesen Abschnitt aber nicht – es war einfach zu nebelig, zu stürmisch, die Feuchtigkeit kroch von allen Seiten in die Kleidung. Und dieser Wind! Da kann man kaum einen klaren Gedanken fassen, wie es denn jetzt weiter gehen soll. Und es stand ja eine wichtige Entscheidung an! Als ich rechts vom Weg eine Abbruchkante Erde erblickte, die ca. einen Meter hoch war, stellte ich dort meinen Rucksack ab, machte Pause und hockte mich hin. Einfach nur, um mal nicht im Wind zu stehen. Um mal die Karte rauszuholen und einen klaren Gedanken fassen zu können.



    Hier am See das Zelt aufstellen und mit leichtem Gepäck auf den A Mhaigdean – völlig sinnlos und gefährlich. Rauf zum Fuar Loch Mor – was sollte es bringen? Dieser lag vermutlich ebenfalls in tiefem Nebel. Und wer da campt, dessen Schlafsack wird nachts garantiert nass. Keine guten Aussichten, wenn die Folgenacht auch noch im Zelt verbrach werden soll.

    Bis morgen Abwarten und auf besseres Wetter hoffen musste ich so oder so. Aber ob ich das hier oben tat oder zur Carnmore Bothy hinablaufen würde, so oder so hätte ich am Folgetag genug Zeit und Energie, um den A Mhaigdean zu besteigen. Und so entschied ich mich, den Wanderweg weiter zu laufen zum Dubh Loch und zum Fionn Loch. Gerade letzteren wollte ich unbedingt sehen. Das war ein weiterer Aspekt: Würde ich hier oben campen und mich morgen durch den Nebel in Richtung Lochan Fada kämpfen, würde ich den Fionn Loch möglicherweise überhaupt nicht sehen, da der Wanderweg zum Lochan Fade überall recht hoch lag.

    Diese Erwägungen überzeugten mich sehr, und so fühlte es sich denn auch nicht nach Aufgeben an, den Weg zur „Bothy“ zu gehen. Eine gute Entscheidung!

    Zunächst mal kam ich am letzten Loch auf der Hochebene vorbei. Dieser war bei weitem der Schönste, auch hätte man hier an einer Stelle direkt am Fluss gut campen können – freilich mit einem sehr lauten Wasserrauschen die ganze Nacht. Dennoch verbrachte ich einige Zeit an diesem Loch, es war einfach nur wunderschön! Etwas weiter oben fand ich sogar noch 1-2 passable Stellen das Zelt aufzustellen, auf dem Hügel am Ende der Seen.




    einer von zwei möglichen Zeltplätzen (Ebener Boden) - aber sehr gefährlich, wenn das Wasser nachts steigen sollte





    Dann ging es weiter, dem Tal folgenden zum Dubh Loch. Was soll ich sagen. Schon der Blick nach unten, ohne Sicht auf die beiden Seen im Tal, war ausgesprochen schön.



    Irgendwann kam ich dann an die „Ecke“ ab der man einen Blick auf die beiden Lochs im Tal hatte. Und das haute mich um. Aber so richtig. Die Fotos können leider nur unzureichend die Schönheit dieses Ausblicks wiedergeben. Man blickt in ein Tal, dass etwa 250 Höhenmeter tiefer liegt. Nach diesem unendlich langem Nebel da oben, einer begrenzten Sicht, kleinen Lochs, auf einmal eine unfassbare Weite, eine unfassbare Größe des Fionn Loch, die Berge auf der anderen Seite, ein sich am Hang entlangschlengelnder Wanderweg – der bislang schönste Ausblick meines Urlaubs! Allein für diesen Ausblick kann ich die von mir gewählte Route sehr empfehlen.




    Dubh Loch & Fionn Loch. Auf dem Foto nicht so richtig ersichtlich ist die Kante nach etwa 30-40m, dort ging es sehr steil bergab nach unten, fast 250 Höhenmeter.

    Weitere Fotos vom Abstieg kann ich leider nicht bieten – mein Handyakku sprang auf 0% und das Handy war mir beim Rumfriemeln mit den Handschuhen auf der Ebene in den Matsch gefallen, sodass ich Wasser im Anschluss hatte und das Handy nicht aufladen konnte.

    In Erinnerung geblieben ist mir aber: Der Wanderweg führt teils auf sehr wenig Breite an einem sehr sehr steilen Hang entlang. Mehrfach waren Bäche zu durchqueren, die sich von der großen Höhe rechts in die Tiefe links hinabstürzten. Hier hätte Ausrutschen mindestens zu schwersten Verletzungen geführt. Und das bei schon relativ wenig Regen in den letzten Tagen. An einem Bach trat ich denn nach Vorfühlen mit den Stöcken ganz bewusst in eine Senke die bis zur Mitte des Unterschenkels reichte und nahm das Wasser im Schuh gerne in Kauf, da es mir das geringere Übel erschien als das Aufsetzen des Stiefels auf einem etwas losen Stein links daneben.



    Ich hatte wirklich nicht erwartet, in dieser Bothy alleine zu sein – aber der Blick ins Bothy Buch war vernichtend. Der letzte Eintrag dort datierte aus dem Januar. Fast 2 Monate her! Wobei es sich nicht um eine richtige „Bothy“ handelt, sodass die Pflicht, sich im etwas versteckten Bothy Buch einzutragen, wohl nicht so ernst genommen wird.

    Dennoch kam mir, als ich an der Bothy angekommen war, zu ersten mal ein Wort in den Sinn, dass mich auch am nächsten Tag noch begleiten sollte: „Trostlos“. Wieder komplette Stille. Komplette Einsamkeit. Eine unglaubliche Weite. Und ein einfach nur extrem düsteres, trübes Wetter.



    Sonnenstrahlen, die aufs Gesicht scheinen? Auch nur feststellen können, wo die Sonne gerade steht? Das hatte ich das letzte mal am Sonnntag Mittag gehabt. Mittlerweile war Dienstag Abend. Seitdem bedeckte ununterbrochen eine dicke Wolkenschicht den Himmel. Und auch wenn ich davon ausgehe, dass zwischendurch noch jemand anders in der Bothy war, der sich nicht eingetragen hat, war der Gedanke, dass ich der erste Mensch an diesem Ort seit Ende Januar sein könnte - an einem trotz schlechten Wetter unfassbar schönen Ort - doch etwas befremdlich.




    Mutmaßlich im Sommer dürften die Häuser in der Umzäunung - es scheint sich bei der Bothy um einen ehemaligen Stall zu handeln - bewohnt sein, einige davon sind simple Holzhütten und machen den Eindruck, vermietet zu werden.



    Ein paar Worte noch zur „Bothy“. Zuverlässigen Wind- und Regenschutz bot diese. Wobei einige Stellen in den Wänden mit Papier gestopft zu sein schienen. Einen richtigen Boden hatte sie dagegen nicht – dieser bestand mehr oder weniger aus Schlamm.

    Obwohl ich penibel darauf achtete, dass kein Teil meiner Ausrüstung den Boden berührt (vorher hatte ich ausversehen den Rucksack auf den Boden gestellt – und musste danach 2min mit einem Lappen den Boden meines Rucksacks schrubben) so gelang mir dies nicht vollständig. Welchen Fehler hatte ich gemacht? Beim Ausziehen der Schuhe die Schnürsenkel nicht in die Schuhe gelegt, sondern auf den Boden. Und diese hatten eine solche Menge Dreck aufgesogen, dass ich am nächsten Morgen die Schnürsenkel komplett aus den Stiefeln entfernen musste, sie im Bach waschen und sie dann erst wieder in die Schuhe einfädeln konnte. Andernfalls hätte ich bei jedem Schnüren unfassbar dreckige Hände gehabt.

    Und noch ein Tipp zu Carnmore: Dreht nicht die Matratzen um, in der Hoffnung, dass die Unterseite sauberer sein könnte.

    So richtige Wohlfühlatmosphäre wollte denn auch nicht aufkommen. Und so ging es recht früh ins Bett.





    Das Programm für den nächsten Tag stand schon fest - vorbei am Dubh Loch, rauf zum Garm Loch Mor, und dann wenn möglich auf den A Mhaigdean, jedenfalls Campen am Lochan Fada. Am Tag danach wollte ich nach Kinlochewe laufen, wo ich für Donnerstag auf Freitag im Bunkhouse des Hotels reserviert hatte.
    Geändert von Freedom33333 (17.04.2019 um 19:03 Uhr)

  17. Erfahren
    Avatar von Glenfiddich
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    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #17
    Tolle Bilder toller Bericht! Danke schonmal dafür.

    Ich glaube bei diesen äusseren Umständen die du hattest können nur überzeugte Schottland Freaks eine Wanderung als schönes Erlebnis wahrnehmen.

    War denn so gar kein Platz zum Zelten in der Umgebung der Bothy? So wie du das innere beschreibst hätte ich glaube ich fast jeden Zeltplatz bevorzugt.

  18. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #18
    Zitat Zitat von Glenfiddich Beitrag anzeigen
    Tolle Bilder toller Bericht! Danke schonmal dafür.

    Ich glaube bei diesen äusseren Umständen die du hattest können nur überzeugte Schottland Freaks eine Wanderung als schönes Erlebnis wahrnehmen.

    War denn so gar kein Platz zum Zelten in der Umgebung der Bothy? So wie du das innere beschreibst hätte ich glaube ich fast jeden Zeltplatz bevorzugt.
    Der Gedanke ist mir nichtmal gekommen.

    Aber man hat eben - großes 1-Personenzelt hin oder her - in einer Hütte immer noch mehr Platz. Kann Rumlaufen etc. Letzten Endes war es ja ok, da ich die zweite Matratze als Ablagefläche für meinen Kram hatte.

    Wäre aber bestimmt gegangen. Wobei es unmittelbar vor der Hütte auch eher matschig war. Wären die Matratzen in der Hütte belegt gewesen hätte ich das wahrscheinlich auch gemacht. Allein der Gedanke, auf den Boden die Isomatte hinzulegen Ich denke aber, dass in dem Maße, in dem man mehr Zelterfahrung sammelt, man eher auf den Gedanken kommt, die Hütte Hütte sein zu lassen und es sich draußen mit Zelt einzurichten.

  19. Alter Hase
    Avatar von codenascher
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    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #19
    Wir haben ja auch damals in der Carnmor Bothie gepennt. Da dort nen Haufen Army Jungs die Bothiematratzen belegt hat, was es uns ganz recht auf unseren eigenen Matten und Schlafsäcken zu liegen. Wir haben einfach das Zelt unter uns gelegt, da stört dann auch nicht der Untergrund.

    vielen Dank für den bisherigen Bericht, freue mich auf die restlichen Tourtage. Dieses Jahr fällt Schottland wahrscheinlich aus.... umso mehr freue ich mich über schöne Berichte! Zu Mancunian, Borderli und Rainer schiel.

    Bin im Wald, kann sein das ich mich verspäte

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    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #20
    In die Bothy habe ich vor über 10 Jahren auch mal kurz reingeschaut. Das war die räudigste Bothy, die ich je gesehen habe.
    "Er hat die Finsternis der Latrinen ertragen, weil in der Scheiße nach Mitternacht sich manchmal die Sterne spiegelten"
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