Seite 2 von 3 ErsteErste 123 LetzteLetzte
Ergebnis 21 bis 40 von 57
  1. Anfänger im Forum

    Dabei seit
    20.01.2006
    Ort
    NRW
    Beiträge
    49

    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #21
    Mitreisende: Freedom33333
    Ja, die Carnmore Bothy.
    Wir haben uns die beiden Male als wir in der Ecke waren auch dagegen entschieden in ihr zu nächtigen.
    Wir hatten aber mit dem Wetter mehr Glück. So haben wir einmal am Strand beim Anleger gezeltet und das andere Mal unter freiem Himmel auf dem südlichen Zipfel zwischen Fionn Loch und Dubh Loch geschlafen.

  2. Erfahren

    Dabei seit
    05.12.2011
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    322

    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #22
    Schottlandsehnsucht kommt auf - vielen Dank für den tollen Bericht!
    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
    ~~ https://youtu.be/BlXgHcd7tok ~~
    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

  3. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #23
    Ich schreibe hier ja nun nicht nur einen recht ausführlichen, sondern auch einen sehr ehrlichen Reisebericht. Und zu einem ehrlichen Reisebericht gehören Fehler auch dazu. Vor allem, damit andere Einsteiger, die ebenfalls Learning by Doing machen, aus diesen Fehlern lernen können.

    Mittwoch 27.3.19. Carnmore Bothy bis Lochan Fada. Oder: Warum Navigationsfehler sehr gefährlich sein können.

    Wie üblich erwache ich gegen 6.00 Uhr. Und wie üblich, regnet es um diese Uhrzeit draußen und ist windig. Irgendwie habe ich heute aber keine Lust auf weiterschlafen und lese ein bisschen im Kindle. Irgendwann muss man sich dann aber doch aus dem warmen Schlafsack in die Kälte bequemen. Das Ritual sitzt: Schlafsack weg, Fleecejacke an, Fleecehose als zweite Schicht an, Daunenjacke an, Tee kochen. Dann Müsli mit Milchpulver, hier hatte ich mir im Voraus bereits Portionen abgepackt.

    Dann wie üblich nochmal die Karte vornehmen und planen. Links oder rechts am Dubh Loch vorbei? Soweit ich mich an gestern erinnerte, sah die südliche Seite nicht gerade einladend aus, vielmehr sogar sehr steil am Ufer. Dies bestätigte mir auch meine Wanderkarte. Gleichwohl war auf der Karte ein Wanderweg am südlichen Ufer eingezeichnet. Das Navi und die Höhenlinien auf diesem ließen dagegen das Nordufer deutlich attraktiver erscheinen. Ich beschloss, vor Ort zu entscheiden, sobald ich die Karten mit den realen Gegebenheiten abgleichen konnte.

    Zusammenpacken – vorsichtig, nicht dass etwas auf den Boden fällt – und dann los. An diesem Tag kam ich erst recht spät los, ich schätze es war bereits gegen 10.00 Uhr.



    Sonderlich einladend einfach sah das südliche Ufer nicht aus, dennoch konnte man so etwas wie einen Küstenpfad erblicken. Auch wollte ich unbedingt die Brücke zwischen Dubh Loch und Fionn Loch sehen, wunderte es mich doch, wie eine Brücke zwischen diesen beiden Seen aussehen sollte.

    Also zum Dubh Loch und zur Brücke. Dem kleinen Hügel zwischen beiden Seen konnte ich nicht widerstehen, wollte ich doch gerne nochmal den Blick auf den gesamten Fionn Loch haben. Den Rucksack ließ ich liegen, auch wenn mir dabei nicht sonderlich wohl war.

    Oben auf dem Hügel war die Aussicht toll – vor allem der Blick auf den kleinen runden See zwischen den beiden Seen war beeindruckend. Auch fand ich hier oben ein paar Stellen, an denen man hätte zelten können – etwas windgeschützt, etwas nass, halbwegs eben – ich wiederhole mich.





    Dann ging es runter zur Brücke. Dort hatte es einen schönen Strand. Nur auf die Stacheln im Wasser konnte ich mir keinen rechten Reim bilden. Wäre es nicht schon so spät gewesen, wäre ich hier wahrscheinlich schwimmen gegangen, das Wasser sah wirklich einladend schön aus.





    Ein paar Meter weiter erblickte ich dann plötzlich ein halb abgenagtes, halb auseinandergerissenes Tiergerippe. Ich verzichte mal auf das Foto, wenn es jemand sehen will, kann ich es ja nachreichen.
    Zum Leben gehört auch der Tod. Auch wenn er aus unserer Gesellschaft stark verdrängt ist. Wie lange mag dieses Tier wohl durch diese wunderschöne Natur gestreift sein? Irgendwann war es auch für ihn/sie vorbei. Aber wer nagt hier bitte Tiergerippe ab? Welche Fleischfresser gibt es hier in Schottland?



    Dann weiter. Der Weg entlang an der Küste war nicht gefährlich, dennoch kam ich nicht so recht voran. Jedenfalls hatte ich in meiner Planung den Weg bis zum Hang überschlagen und war mir sicher, gegen 11.00 Uhr nach einer Stunde den See umrundet zu haben. Gegen 11.40 Uhr war ich dann endlich da.


    Blick zum Hang über den ich gestern gekommen war, auch der schmale Pfad der sich dort entlangschlengelt ist gut sichtbar





    Dann ging es – wegelos - bergauf. Teils auch sehr steil bergauf.



    Es war anstrengend. Ich erinnerte mich daran, im Sportgeschäft ein „Powergel“ auf Basis von Maltodextrin gekauft zu haben. Das wollte ich mir jetzt gönnen. „Berry“ stand drauf. Hörte sich doch gut an. Der Geschmack war....bäh. Schmeckt wie Toilettensteine riechen schoss mir durch den Kopf. Irgendwie kam ich aus dem Lachen nicht mehr raus. Tatsächlich fiel mir der Aufstieg im Folgenden leichter. Und ich dachte mir: Wahrscheinlich wirkt das Powergel genau so. Es schmeckt so schlecht, dass die Leute sich ekeln oder anfangen zu lachen und die körperliche Anstrengung ganz vergessen.



    Das Wetter war gut. Am Hang fast kein Wind. Einen Wanderweg konnte ich nicht erblicken. Die Steigung war teilweise heftig – aber irgendwie lag mir das. Bei hohen Steigungen kommt man so schnell voran, dass es ungemein belohnend ist, zurückzublicken und festzustellen, wie viel Strecke man in wie kurzer Zeit geschafft hat.





    Irgendwann war es endlich soweit – der Gorm Loch Mor zeigte sich. Auf den letzten Metern hatte ich wieder einen Pfad gefunden – dieser war steinig und rutschig wie üblich – weshalb ich beim Aufstieg, wieder einmal, das wegelose Gras bevorzugt hatte. Daher kann ich auch nicht sagen ob es bergauf durchgehend einen Pfad gegeben hätte.



    Kaum sehe ich das Wasser schlägt mir auch schon ein unglaublicher Wind ins Gesicht. Also entschließe ich mich, die Pause nicht am See, sondern ein paar Meter davor am Hang zu machen. Dieser ständige und starke Wind ist für die Entscheidungsfindung wie es weitergehen soll nicht gerade förderlich. Als ich dann doch zum See aufsteige, hat sich der Wind erstmal verflüchtigt. Glück gehabt.

    Ein toller See! Komplett umrundet von hohen Bergen. Erstmal die Umgebung abchecken – die nördliche Seite des Sees war nicht passierbar, die südliche Seite schon.



    Ich bestieg zunächst die Hügel auf der rechten Seite. Und desto weiter ich nach oben kam, desto beeindruckender wurde die Sicht. Schon die Sicht auf den Gorm Loch Mor. Als ich schließlich oben ankam war die Aussicht zurück auf den Dubh Loch einfach nur schön. Wäre es nicht so früh am Tag gewesen – hier zu campen wäre auf jeden Fall ein Erlebnis gewesen. Wie oft kommt hier um diese Jahreszeit ein Wanderer vorbei?






    Blick zurück ins Tal durch das ich gekommen bin




    Dennoch war mir bereits jetzt klar, dass ich mir den A 'Mhaigdean abschminken konnte. Bereits die Berge, die den Gorm Loch Mor umringten, waren ganz oben von einer Nebelschicht umgeben.

    Schade, aber nicht zu ändern. Dass man sich in Schottland keinen „Muss ich machen“ Munro vornehmen kann, sondern dass die Sinnhaftigkeit der Besteigung stets vom jeweiligen Wetter abhängt, hatte ich bereits aus einigen Reiseberichten – auch von erfahrenen Wanderern, die „krasse“ Touren machen – gelernt.

    Wie sollte es nun aber weitergehen? Ich erinnerte mich dunkel an einen Reisebericht aus dem Forum von einer Gruppe von Wanderern. Diese hatten – dessen war ich mir sicher – die Bergkette im Norden bestiegen. Aber da hoch? Um Himmels Willen. Das ging ja garnicht. Wie soll das gehen? Unschlüssig stand ich eine Weile herum.


    Da rauf? Lieber nicht


    Nach Osten, in der Hoffnung, dort irgendwo auf den Kamm raufzukommen?

    Toll war die Sicht nicht. Ich schaute mir nochmal die Fotos von vor 20min an, als die Berggipfel um den See teils noch nicht im Nebel lagen. Die westliche Flussseite schien mir vielversprechend – einfach sah es von hier nicht aus, aber machbar. Und so ging es denn zum westlichen Seeende.



    Zum westlichen Ende des Sees und dann da rauf, nahe dem A Mhaigdean

    Wieder einmal zeigte sich – von weitem sieht der Weg einfach aus, da liegen doch nur ein paar kleine Steinchen. Steht man dann vor diesen, sind die schnell mal 5m hoch, und so hatte ich eine tolle landschaftliche Abwechslung, weil ich das erste mal zwischen gigantischen Steinen umherkletterte.

    An einer Stelle blieb ich mit einem Stock hängen – statt hinzufallen nahm ich in Kauf, mich weiter auf diesen zu stützen. Verbogen. Krass. Beim Globi hatte ich ganz fasziniert die Wanderstöcke aus Carbon in der Hand gehabt. Der Verkäufer hatte mir davon abgeraten. Diese würden sich nicht verbiegen wie Aluminium – das man einfach wieder zurückbiegen kann – sondern brechen. Gut dass ich auf ihn gehört und die Finger vom Carbon gelassen hatte. Wer weiß ob der Stock das ausgehalten hätte.

    Dann kam der Aufstieg immer näher – und desto näher er kam, desto einfacher sah er aus. Als ich schließlich davorstand – ein toller Strand übrigens – hatte er jeglichen Schrecken verloren, war sogar deutlich weniger steil als der erste Aufstieg heute. Und so nahm ich die Erkenntnis mit: Nicht zu viel nachdenken. Nicht groß Rumüberlegen, ob das möglich ist, sondern es sich erst mal von Nahem anschauen.

    Der Aufstieg – was soll ich sagen. Direkt in den Nebel hinein.







    Noch sieht man ihn.
    Nach einiger Zeit blickte ich mich um – und der See unter mir war verschwunden. Nichts als eine Nebelwand. Auch der Blick nach oben war nicht gerade vielversprechend. Und so lernte ich denn hier mein Navi das erste mal wirklich zu schätzen. Bislang konnte man sich immer bequem mit Karte, Kompass und dem „Blick in die reale Welt“ orientieren – letzteres scheiterte hier. Da war nichts. Nichts außer Nebel.

    Irgendwo im Nirgendwo. Das letzte mal einen Menschen hatte ich vor zweieinhalb Tagen gesehen. Wer sich hier verirrt oder verletzt – der hat ein Problem. Beruhigend, aufs Navi zu schauen und zu wissen, wo man ist. Ewig lange hatte ich überlegt, mir ein solches anzuschaffen, hier und heute war ich froh über diese Entscheidung.

    Irgendwann musste ich mich entscheiden, links oder rechts. Beide Wege führten in den Nebel hinein.



    Der Pfad ging nach links, und so folgte ich diesem. Dann ging es erst mal auf einen der Hügel – hier fand ich eine Stelle, an der man würde zelten können. Es war schon recht spät geworden, und so wagte ich einen Versuch. Soll das Hilleberg doch mal zeigen, was es kann. Aber: Der Boden ließ es nur zu, das Zelt in einer Richtung aufzustellen. Dann hätte der Wind das Zelt aber von der Längsseite getroffen. Und der Wind war konstant. Kaum hatte ich die Stangen im Zelt, zog es mir durch den Wind schon einen Hering und die noch nicht abgespannten Zeltstangen wurden zusammengedrückt wie Zahnstocher. Mist.

    Nach einigem Überlegen packte ich das Zelt wieder ein und entschloss mich, doch weiter unten am Lochan Fada zu campen. Bis zur Dämmerung hatte ich noch genug Zeit, also war ich guter Dinge. Kein Vergleich zur Situation auf meiner ersten Tour, als ich auf Skye nahe der Küste gescheitert war, mein Zelt im Sturm (direkt vom Meer kommend) aufzustellen und mich das doch an meine Grenzen gebracht hatte. (Dort hatte ich vorher aber auch schon einiges mitgemacht, inklusive einer hüfttiefen Passage durch das Meer in voller Ausrüstung, "Bad Step", da es der einzige Weg war) Das war mittlerweile anders. Souverän packte ich das Zelt wieder ein und es ging weiter. Macht nix, war einen Versuch wert.

    Aber in welche Richtung? Die Sicht war schlecht. Weit schauen konnte man nicht. Einen See im Tal erblicken und daran orientieren? Nope. Eine Bergspitze an der man sich orientieren könnte? Nö.






    Ich war mir sicher, in eine bestimmte Richtung zu müssen – doch der Blick aufs Navi sagte mir, ich würde in die Richtung laufen, aus der ich gekommen bin. . Auch der Blick auf den Kompass des Navis war nicht gerade hilfreich. Da fiel mir wieder die Bedienungsanleitung ein – der Kompass müsse vor der Benutzung kalibriert werden. Zum ersten mal holte ich meinen Kompass in einer Situation raus, in der ich ihn wirklich benötigte.

    Die Bergformation an der ich mich befand war ausgesprochen verwirrend – links ging es steil bergab. Und ich wollte ja nach unten zum See. Aber war das nicht hinab zum Gorm Loch Mor?



    Da wollte ich nicht hin. Ich wollte zum Lochan Fada. Aber in der Richtung, in die ich gemusst hätte, ging es nur bergauf – obwohl ich laut Karte eigentlich schon ganz oben sein müsste. Oder doch nicht? Vielleicht einfach nach Süden, das wäre definitiv richtig. Plötzlich stand ich, den Kompass in der einen, die Karte in der anderen Hand und auf letztere konzentriert, an einer Abbruchkante, die man erst bemerkte, als man fast unmittelbar davorstand. Da ging es 10-20m steil nach unten. Hülfe. Da runterfallen, dann ist es aus.

    Das sind so die Situationen, in denen es eben doch einen Unterschied macht, ob man alleine oder in einer Gruppe unterwegs ist. Da ist niemand, den man fragen kann. Niemand, der einem weiterhilft, wenn man in Anbetracht der neuen Herausforderung mal etwas übersieht. Man trifft sämtliche Entscheidungen alleine und muss auch mit den Konsequenzen leben – im Positiven wie im Negativen.

    Nach einiger Zeit hatte ich dann doch den Bogen raus – dem Kamm in Richtung Südosten folgen – teils auf Umwegen weil es nicht weiterhing, also steil bergab und dann wieder steil bergauf – dann tauchte irgendwann endlich das Gefälle auf, das, wie gewünscht, in südöstlicher Richtung lag. Uff!

    Nach einer Weile war ich dann endlich aus dem Nebel raus und erblickte den Lochan Fada.



    Der Boden in der ganzen Gegend hier war äußerst erstaunlich – zerfahren von tiefen Furchen, ein ständiges Auf und Ab.





    Immer wieder erblickte ich Hirsche, die aber schnell Reißaus nahmen.

    Mittlerweile war es schon reichlich spät geworden – die Dämmerung drohte über mich hereinzubrechen. Bis runter zum See? Was, wenn es da keinen guten Platz gab? Bloß nicht im Dunkeln suchen müssen! Am bereits genannten Tag bei meiner ersten Tour hatte ich fast eine Stunde im Dunkeln einen Zeltplatz gesucht. Als ich dann eine halbwegs ebene Stelle fand, fiel der Entschluss schnell, die sollte es sein. Klar, besser geht immer. Aber irgendwann muss man sich einfach entscheiden. Da der Wind aus südlicher Richtung kam, musste ich das schon aufgestellte Zelt dann doch nochmal umstellen, da ich vermeiden wollte, dass der Wind auf die lange Seite trifft.






    Hier sieht man schön die Größenverhältnisse der Furchen im Boden. Ganz so nah an der Kante wie es hier wirkt, stand das Zelt allerdings nicht, die Abspannleinen waren gerade noch an einer nicht unterhöhlten Stelle befestigt. Man fragt sich natürlich: Wie kommt es zu diesem Phänomen?





    Dann erstmal in Ruhe auspacken. Wieder ging einige Zeit vorüber.

    Ein ereignisreicher Tag. Ich war froh, alles überstanden zu haben und war körperlich und geistig schon ordentlich k.o. Mittlerweile war bereits die Dämmerung angebrochen. Schnell noch Wasser vom Bach holen, der vielleicht 50-70m entfernt lag. Dünne Klamotten an, keine Wanderstöcke, auch die Stirnlampe lag im Zelt. Trinkblase befüllen und zurück zum Zelt.

    Hier müsste es doch sein? Hier ist es nicht. Ein paar Meter weiter oben vielleicht? Auch nicht. Hier sieht in der Dämmerung alles gleich aus. Ach du meine Güte!!!

    Es fing an zu regnen. Es war kalt. Es wurde mit jeder Minute dunkler. Es würde in der Nacht wohl, wie bisher immer, regnen und stürmen. Das Zelt dient dazu, das Wasser abzuhalten, damit die Daune des Schlafsacks die Kälte fernhalten kann. Und ich hatte nur dünne Klamotten an. Eine volle Trinkblase in der Hand, körperlich am Ende, stolperte ich ohne Stöcke durch die Landschaft. Und fand mein Zelt nicht. Ich muss es hier nicht beschreiben, ich bin kein professioneller Autor. Aber jeder weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Panik in einem hochsteigt. Das hier war gefährlich. Die Leute in der heutigen Zeit kriegen Panik vor Prüfungen, obwohl absolut keine Lebensgefahr besteht. Aber hier – in Sekunden schießen einem alle möglichen Szenarien durch den Kopf.

    Temperaturen um den Gefrierpunkt, nur eine dünne Regenacke an. Sturm, Regen, Nässe. Was, wenn man das Zelt nicht findet? Würde man erfrieren? War das hier schon lebensgefährlich? Oder waren Temperaturen um 0 Grad für etwa 10 Stunden Dunkelheit in dünnen Klamotten machbar? Wäre das eine echte physische oder nur eine psychische Herausforderung? Müssen nicht Menschen bei der Armee derartige Szenarien auch durchhalten? Hinlegen und schlafen wäre keine Option. Da ploppen die Artikel im Kopf auf, von irgendwelchen Betrunkenen, die sich nachts in die Landschaft legen um ihren Rausch auszuschlafen und dann erfrieren. Man müsste sich die ganze Nacht bewegen, in Bewegung bleiben. Vielleicht hinter einem großen Stein, um wenigstens ein wenig windgeschützt zu sein. Denn der Wind konnte brutal sein. Der Regen würde sich nicht abhalten lassen.

    Aber wieso den Teufel an die Wand malen? Du musst logisch denken. Erinnere dich. Wo stand das Zelt? Wie sah die Umgebung aus? Was war in der Nähe? Ist es schon wieder deutlich dunkler geworden? Panik – wer hat sich den Schmarn evolutionär bitte ausgedacht? Was soll das bringen?

    Weg damit. Durchatmen. Weiter nach oben gehen, um das Zelt zu sehen? Oder war ich schon zu weit oben? Jedenfalls zum Hang, irgendwohin wo man möglichst weit schauen könnte. Wie konnte ich nur die Taschenlampe im Zelt lassen? Unglaublich! Aber jetzt über Fehler nachdenken, das bringt nichts! Als ich schließlich – wie lange hatte ich gesucht? 5Min? 10? 15? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung - an einer guten Stelle am Hang angekommen war erblickte ich das Zelt – ca. 100m weiter unten. Viel weiter unten als erwartet. Viel viel weiter unten. Aber wahrscheinlich geht man auf der Suche nach Wasser instinktiv immer nach oben.

    Egal. Zum Zelt. Durchatmen. Alles gut. Alles gut. Kein Stress. Als ich am Zelt ankam, war es schon fast komplett duster. Bei dem Himmel hätte einem der Mondschein auch nichts gebracht.

    Lektion gelernt: Nie Ohne Taschenlampe losziehen. Falls hier andere Einsteiger mitlesen, die auch gerne Solo losziehen und Learning by Doing machen, nehmt diese eine Sache mit: Nie ohne Taschenlampe weg vom Zelt. Nie! Und: Egal wie spät es ist, egal wie kaputt ihr seid, egal wie viel ihr durchgemacht habt: Wenn ihr euch vom Zelt entfernt, dann muss der Verstand hellwach sein!

    Ab ins Bett. Was für ein Tag.
    Geändert von Freedom33333 (27.07.2019 um 12:14 Uhr)

  4. Fuchs
    Avatar von Rainer Duesmann
    Dabei seit
    31.12.2005
    Ort
    Münster
    Beiträge
    1.556

    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #24
    Hui.

  5. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #25
    Das erinnert mich daran, dass ich die Batterien in meiner Lampe austauschen wollte....

    Spannender Tag! Ich selbst mag es ja eher langweilig-beschaulich.
    Fionn Loch und Dubh Loch - das hat was. Am Dubh Loch habe ich vor ein paar Jahren mal gezeltet, das war schön und schön windig. Und bald bin ich wieder da!

    Ich bin gespannt, wie deine Tour weiter geht.

  6. Anfänger im Forum

    Dabei seit
    29.05.2018
    Beiträge
    19

    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #26
    Bei einem Film hätte ich mir die Hände vor die Augen gehalten und zwischen den Fingern durchgelinst. So musste ich schonungslos weiterlesen. Puhhh, kann deine aufkommende Panik extrem gut nachvollziehen. Toll, wie du damit umgegangen bist.

  7. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #27
    Donnerstag, 28.3.19. Lochan fada bis Kinlochewe Hotel

    Die Nacht ist kalt und windig. Irgendwann nachts muss ich meinen Fleecepullover über die Skiunterwäsche anziehen, um nicht zu frieren. Komisch, dabei sollte der Western Mountaineering Antelope die Temperatur doch eigentlich gut wegstecken. Auch wundert mich, dass der Wind gut fühlbar unter dem 4 Jahreszeiten Zelt durchzieht und eine Seite vom Schlafsack erreicht. Hätte ich den Schlafsack vielleicht doch mit Windproof Außenhülle kaufen sollen? Ich kann nicht so richtig einordnen, wieso es mir in dieser Nacht so kalt ist. Erst als ich den Rucksack an die Zeltwand lege von der der Wind kommt wird es besser.

    Jemand ne Idee woran das gelegen haben könnte? Temperaturen waren um 0 Grad. Der Schlafsack soll eigentlich -10 abdecken und ne Frostbeule bin ich eigentlich nicht. Hat mich schon sehr gewundert.

    Als ich morgens aufwache rüttelt der Wind ordentlich am Zelt. Auch Regen und Hagel ist dabei. Ich verschiebe das Aufbrechen wie üblich – und wie üblich hört es später auf.


    Blick aus dem Zelt


    Morgens beim Teekochen riecht es auf einmal wie in der Sauna – hätte wohl den Gasbrenner etwas besser hinstellen müssen. Passiert.





    Dann, gerade als ich aufbreche, stößt zum ersten Mal seit Tagen wieder ein Sonnenschein durch die dichte Wolkendecke. Ich wundere mich doch sehr, wie viele Gefühle so ein einzelner Sonnenstrahl nach 3 Tagen trübem Wetter und einsamen Marschieren durch die raue Natur in mir auslöst. Sofort wandelt sich die Assoziation „Trostlos“ um in „Traumhaft schön“.


    Dann geht es hinab zum Lochan Fada. Ich laufe einen Hügel zwischen zwei Flüssen entlang.




    Wieder liegen die Berge in dichtem Nebel. Würde ich auf meiner Tour noch die Gelegenheit bekommen, bei schönem Wetter einen Munro zu besteigen oder gar auf einem hohen Berg zu übernachten?

    Mit Befriedigung stelle ich fest, dass ich auf dem Weg runter zum Wasser keinen einzigen geeigneten Zeltplatz finde. Alles richtig gemacht. Die Alternative am gestrigen Abend wäre ja gewesen bis zum Wasser zu laufen in der Hoffnung, dort irgendwo einen besseren Zeltplatz zu finden.

    Der Lochan Fada hat durch den Wind und die Wellen fast schon ein maritimes Flair. Gefällt mir gut hier. Aber es muss weitergehen. Ich will heute bis nach Kinlochewe und das sind über 15km.


    Fotos können die Stimmung an so einem See nur unzureichend ausdrücken. Ich denke ich werde am Ende noch einen Zusammenschnitt von einigen Videoszenen, von denen ich auch reichlich gemacht habe, hier veröffentlichen.

    Ich entschließe mich, am linken Seeufer entlang zu laufen. Der Wind ist stark. Der Boden ist hügelig.


    Auf und ab, hoch und runter. Macht euch das bewusst wenn ihr eine Schottland-Tour plant: Auf der Karte sieht der Weg unten am Wasser easy aus. Aber ohne Wanderwege macht man auch auf einer Ebene doch so einige Höhenmeter.


    Blick von der nördlichen Seeseite zurück nach Westen




    Typische wegelose Landschaft an Seen in Schottland. Ständiges Auf und Ab

    Um eine Pause zu machen bin ich gezwungen, mir einen großen Felsen zu suchen der mich etwas vor dem Wind abschirmt. Sonst würde einen der Wind zu schnell auskühlen lassen. Es ist eben doch noch März, auch wenn ich bislang was Schnee angeht ziemliches Glück zu haben scheine.



    Schließlich komme ich am östlichen Ende des Lochan Fada an. Die Ebene in Richtung Norden sieht auch sehr spannend aus – es geht leicht bergauf, mit einigen interessanten Bergen drumherum. Von Kinlochewe hierhin und dann dort herumsteigen erscheint mir ein taugliches Ziel für Wanderer, die vielleicht nur eine Nacht draußen verbringen wollen.











    Ich komme an mehreren Stränden vorbei. Als ich diese schon fast direkt vor mir habe muss ich nochmal einige 100m Umweg laufen, weil der Lochan Fada einige Ausläufer in nördlicher Richtung hat, über die man nicht rüberkommt.

    Die Strände sind wunderschön - endlich finde ich mal einen guten Zeltplatz. Einzig und allein – es ist noch zu früh am Tage. Auch das Zelt aufschlagen und einen Berg besteigen macht in diesem Nebel leider keinen Sinn. Schade.

    Um hier dennoch nicht einfach vorbeizurennen mache ich hier Mittagspause und mache mir eine heiße Suppe. Es hat aufgehört zu regnen und auch ein paar Sonnenstrahlen kommen durch. Ein toller Ort!


    Die Welt ist schön!

    Dann geht es zum Tal runter nach Kinlochewe. Hierfür muss ich noch den Abfluss überqueren. Bin schon gespannt ob ich da problemlos rüberkomme, jedenfalls mache ich mir darüber vorher reichlich Gedanken und überlege schon, statt über den Fluss zu waten den östlichen Berg zu besteigen. Das wäre eine wahnsinnig dämliche Idee gewesen, da man von dort nur unter großen Schwierigkeiten runter zum Wasser gekommen wäre. Ich folge sinnvollerweise stattdessen dem Wanderpfad auf der linken Seite des Flusses.





    Der Fluss ist am Abfluss recht breit und hat auch eine ordentliche Strömung, dennoch komme ich mit meinen Neoprenschuhen gut rüber. Das Wasser ist eiseskalt, gut dass man zwischendurch mal auf einen größeren Stein treten kann.

    Wer jetzt – wie ich – erwartet, dass der Wanderweg durch das Tal am Fluss entlang geht wird sich wundern: Obwohl der Fluss direkt bergab geht, geht der Wanderweg höher und höher. Später zeigt sich auch warum – von rechts kommt noch ein Bach der sich ebenfalls recht tief in den Felsen geschnitten hat.

    Erstmal bergauf

    Der Wanderweg – auf den ich ab dem östlichen Ende des Lochan Fada gestoßen bin – ist gut ausgebaut und bis auf eine recht felsige Stelle eigentlich nicht zu verlieren.












    Nach einigen Kilometern geht’s dann endlich bergab und runter zum Fluss. Irgendwann zeigt sich auch der Loch Maree. Das Wetter bleibt trübe.










    Dann geht es über eine sehr vertrauenserweckende Brücke – fachgerecht repariert – hinüber.




    Wer denkt, man wäre jetzt ja schon fast in Kinlochewe, der täuscht – es sind noch ca. 5km Wegstrecke zu bewältigen. Die Natur hier ist erstaunlich – und komplett anders als alles was ich bisher auf der Tour erlebt habe. Rechts von mir gibt es zahlreiche Ausläufer des Flusses und auf den Bänken zwischen den Flussarmen stehen zahlreiche Bäume.








    Und noch etwas fällt auf – es gibt hier UNFASSBAR viele Hirsche / Rehe. Ich denke auf den 5km dürfte ich um die 60-80 Stück gesehen habe. Immer wieder biege ich um Ecken – und auf einmal nehmen einige Tiere panisch Reißaus, die scheinbar um dieses Jahreszeit überhaupt nicht mit Wanderern rechnen.

    Einmal entscheidet sich eines der Tiere „Auf der Flucht“ den Fluss zu durchqueren. Ich bleibe Stehen um ihm mehr Zeit zu geben, aber er blickt sich gar nicht um. Und ich finde es wahnsinnig amüsant, dem Hirsch dabei zuzusehen, wie er – wie ein Mensch – vorsichtig ein Bein vor das andere setzt, um über den Fluss zu kommen. Ein Grund mehr, meine Ausrüstung durch eine Hochwertige Kamera zu vervollständigen.

    Mittlerweile ist es schon recht dunkel geworden. An Bächen gibt es – Ende März – so einige Stechmücken/Fliegen. Ich weiß nicht ob es Midges waren oder etwas anderes, aber jedenfalls haben die mich in Schwärmen verfolgt.

    Die letzten paar Kilometer waren überaus anstrengend, ich war körperlich ordentlich am Ende. Man ist in einem „Weiterlaufen“ Modus, hat nur das Ziel im Sinn. Macht man Pause fällt es extrem schwer, sich danach wieder aufzuraffen weiterzulaufen, die Beine und Füße gehorchen einem kaum noch.

    Als ich in Kinlochewe ankomme ist die Sonne schon untergegangen und es ist duster.






    Auf dem Weg zum Kinlochewe Hotel komme ich immer wieder an einsam stehenden Häusern mit viel Platz drumherum vorbei. Der erste Mensch den ich seit 4 Tagen sehe ist der Hinterkopf einer älteren Dame, die in ihrem Wohnzimmer sitzt und Fernsehen schaut. Und wieder philosophiere ich herum – wie anders, wie einsam ist das Leben hier? Gerade wenn man in einem Alter ist, in dem man keine großen Strecken zu Fuß mehr zurücklegen kann – manch einer wohnt in einer Großstadt, manch anderer hier, in einem Dorf, in einer der remotesten Gegenden Schottlands. Es ist doch immer wieder einprägsam, wie verschieden man sein Leben gestalten kann.

    Ein wenig nervös betrete ich das Kinlochewe Hotel – ein Glück, mein Paket mit 4kg Essen für den zweiten Teil der Tour ist angekommen! Uff! Die ersten 4kg Essen sind, bis auf eine Tütensuppe und 20g Schokolade, alle. 2800Kcal am Tag. Erstaunlich.



    Es ist schon erstaunlich. Da wohnt man in einer Großstadt – und immer wenn man Verwandte in kleineren Städten mit sagen wir 20k Einwohnern besucht denkt man: „Ach, das beschauliche Kleinstadtleben“. Kommt man aber nach 6 Tage Wildnis und 4 Tagen ohne Menschenkontakt in ein Dorf mit ein paar 100 Einwohnern denkt man: „Zurück in der Zivilisation!“.


    Ich poste ja eigentlich keine Fotos von meinem Essen, aber nach 6 Tagen Maggi-Tütensuppen kann man ja mal ne Ausnahme machen...

    Dann geht’s ins Bunkhouse, Fotos dazu beim morgigen Tag. 20 Pfund pro Nacht wenn ich mich richtig erinnere. Das Bunkhouse habe ich – wie könnte es um dieses Jahreszeit anders sein – für mich allein.

    Der Tag war anstrengend und ich habe mir die Hacken ordentlich wund gelaufen. Trotz des trüben Wetters ein guter, wenn auch sehr langer und anstrengender, Tag. Im zweiten Teil der Tour würde ich das Tal in westlicher Richtung durchschreiten und zur Bothy „Craig“ an der Küste laufen.

    Mit dem ersten Teil der Tour bin ich außerordentlich zufrieden: Ich habe meine ursprüngliche Planung - bis auf die Besteigung des A'Mhaigdean - durchgezogen, war in 2 Bothys, hatte einen entspannter Tag in der Bothy, habe zweimal im Zelt übernachtet an wunderschönen Seen, statt Abhängigkeit von Wegen bin ich mittlerweile ständig wegelos unterwegs - ohne mich dabei unwohl zu fühlen -, ich habe GPS und Kompass tatsächlich zur Orientierung gebraucht, habe eine anspruchsvolle Flussdurchquerung absolviert und das Gefühl von Wildnis und Einsamkeit wie es für Menschen jahrtausendelang normal war - und aus unserem heutigen Städteleben komplett verbannt ist - durchlebt.

    Auf der Liste standen also noch: Besteigung eines Munros, erleben von schönem Wetter, Übernachtung auf einem Berg, Küsten-Feeling. Und vielleicht mal ein bisschen Gesellschaft und ein schönes Kaminfeuer. (und natürlich eine Flasche Whisky kaufen!)
    Geändert von Freedom33333 (12.05.2019 um 19:03 Uhr)

  8. Erfahren
    Avatar von Heather
    Dabei seit
    03.06.2013
    Ort
    Schottland
    Beiträge
    148

    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #28
    Jemand ne Idee woran das gelegen haben könnte? Temperaturen waren um 0 Grad. Der Schlafsack soll eigentlich -10 abdecken und ne Frostbeule bin ich eigentlich nicht. Hat mich schon sehr gewundert.
    Schoener Bericht! Danke!

    Zum Thema Zitat: Kann an vielem liegen. Bei mir passiert das immer, wenn ich nicht genug gegessen habe. Mein Schlafsack fuer Schottland geht bis -20, meine Matte hat R-Wert 4. Ich muss immer peinlich darauf achten, dass ich regelmaessig Mahlzeiten und Snacks zu mir nehme, obwohl ich nicht unter Diabetes leide. Alles ausserhalb der normalen Belastung muss bei mir sorgfaeltig geplant werden, und dann muss ich leider nach Plan futtern, ob ich mag oder nicht. Fuer kleine Notfaelle, habe ich entweder Kinderschokolade oder Dextro-Engeren dabei, um den Laden schnell mal zum laufen zu bringen. Meine langfristige Loesung ist aber mich permanent an den - fuer mich persoenlich ausgedachten- Essensplan zu halten.

    Ich will dich hier nicht diagnostizieren - kann ich gar nicht - sondern eine Erfahrung mitteilen, die vielleicht helfen kann. Und wenn nicht, dann vergiss es einfach.

  9. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #29
    Zitat Zitat von Heather Beitrag anzeigen
    Schoener Bericht! Danke!

    Zum Thema Zitat: Kann an vielem liegen. Bei mir passiert das immer, wenn ich nicht genug gegessen habe. Mein Schlafsack fuer Schottland geht bis -20, meine Matte hat R-Wert 4. Ich muss immer peinlich darauf achten, dass ich regelmaessig Mahlzeiten und Snacks zu mir nehme, obwohl ich nicht unter Diabetes leide. Alles ausserhalb der normalen Belastung muss bei mir sorgfaeltig geplant werden, und dann muss ich leider nach Plan futtern, ob ich mag oder nicht. Fuer kleine Notfaelle, habe ich entweder Kinderschokolade oder Dextro-Engeren dabei, um den Laden schnell mal zum laufen zu bringen. Meine langfristige Loesung ist aber mich permanent an den - fuer mich persoenlich ausgedachten- Essensplan zu halten.

    Ich will dich hier nicht diagnostizieren - kann ich gar nicht - sondern eine Erfahrung mitteilen, die vielleicht helfen kann. Und wenn nicht, dann vergiss es einfach.
    Das kann natürlich sein. Die Belastung am Tag davor war recht krass und soweit ich mich an den Abend erinnere war ich nach der Zeltsuchaktion so durch, dass ich das Abendessen mehr oder weniger ausgelassen habe.

    Wobei ich halt doch eigentlich von einem WM Antelope erwarten würde, dass er bei 0 Grad solchen Dingen zum Trotz ausreicht. Die Therm a Rest Apex soll ja eigentlich auch einen R-Wert von 4,0 haben, müsste also ausreichen (Die hatte ich mir vor der Tour erst angeschafft, da fehlen mir also Erfahrungswerte noch völlig)

    Wobei hinzukommt, dass ich eigentlich Bauchschläfer bin. Irgendwo im Forum habe ich mal gelesen, es wäre bei kalten Temperaturen erforderlich, auf dem Rücken zu liegen. Wobei ich noch nicht ganz verstanden habe, wieso.

  10. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #30
    Als ich am nächsten Morgen aufwache steht der Entschluss fest: Ich bleibe noch einen Tag hier. Die letzten 6 Tage waren anstrengend, meine Klamotten sind teilweise nass, teilweise möchte ich sie auch einfach mal waschen. Die Gelegenheit, irgendetwas zu trocknen, hatte ich in den letzten Tagen nicht.Dafür bräuchte es Sonne oder jedenfalls einen windigen Tag ohne Regen.

    Schon am Abend des Tages davor hatte ich angefangen, meine Klamotten im Waschbecken zu waschen. Immerhin gibt es reichlich Heizungen im Bunk House. Wäre es Sommer und der Laden wäre voll, gäbe es wahrscheinlich einen regelrechten Kampf um die Heizungen. Ich habe Glück und habe diese für mich.

    Der "Trockenraum" im hinteren Bereich ist meiner Meinung nach ein wenig sinnlos. Dort kann man zwar Klamotten aufhängen und es steht auch ein wuchtiger Luftentfeuchter herum, es fehlt aber an einer Heizung. Der Luftentfeuchter wird wohl kaum die Nässe aus den Klamotten ziehen.

    Auch mit allen Heizungenzieht sich das Trocknen hin - die Heizungen scheinen am Tag 4-6mal an und auszugehen. Abends an, nachts aus, vormittags an, mittags aus, früher nachmittag an,
    später nachmittag aus. Komisch.



    Auch mein Zelt kommt mal zum Trocknen


    In Kinlochewe gibt es einen Lebensmittelshop, die Auswahl ist in Ordnung. Eine einzige (!) Schraubkartusche hätte der Shop im Angebot gehabt, ansonsten reichlich Stechkartuschen. Meine Schraubkartusche ist allerdings noch 2/3 voll, also belasse ich es bei dieser. Die Auswahl des Ladens ist ok, man hätte hier durchaus Lebensmittel kaufen können. Dennoch würde ich empfehlen es wie ich zu machen und ein Lebensmittelpaket ins Hotel zu schicken. Gerade wenn man Lebensmittel mit hoher Energiedichte und wenig Brennstoffverbrauch haben will.

    Vergleiche mein Thread im Vorbereitungs-Unterforum, da hatte ich reichlich Tipps zu der Gegend von DasBushBaby, Meer Berge, Borderli, Osprey67 und weiteren bekommen, die wohl auch alle schon hier waren.


    Gemüse und Obstauswahl. Ich erwische leider eine Orange die schon etwas hart geworden ist.

    Der Shop in Kinlochewe hat übrigens Montag bis Samstag auf und das sogar jeweils recht lang – wenn man im Internet sucht findet man nur die Öffnungszeiten des Post office und wundert sich, dass der Laden nur 2h am Tag auf hat, das gilt aber nur für das Postoffice.

    Ich finde es ungemein witzig, zu sehen, wie die Dorfbewohner einkaufen kommen und jeder jeden kennt. Wer an einem Ort wie hier einmal seinen Ruf ruiniert, der kann eigentlich gleich umziehen.


    Endlich mal wieder etwas essen, was nicht nach Energiedichte ausgesucht worden ist...

    Ich beschließe, mir ein Paket nach Deutschland zu schicken und einiges an überflüssigem Gewicht loszuwerden. Insbesondere bzgl. meinem überdimensionierten Erste-Hilfe Set (wer braucht bitte ein Dreieckstuch, 100g, 6 sterile Kompressen usw.). Vor allem aber will ich mir meine Grödel – immerhin 450g – nach Hause schicken. Schnee hatte ich bisher kaum und auch die Betreiber des Hotels erzählen mir, dass man solche im Moment nicht bräuchte.
    Insgesamt komme ich so auf ca. 800g. Anstatt die vormittags noch schnell zum Postoffice zu bringen, entscheide ich mich, das am nächsten Morgen zu machen, da hat die Post ja auch offen. Leider im Nachhinein eine seehr schlechte Entscheidung.

    Ich bin mit den durchstandenen Abenteuern eigentlich schon reichlich zufrieden und will es die nächsten Tage entspannt angehen lassen. Insbesondere beabsichtigte ich, in 2-3 Tagen nach Craig an die Küste zu laufen und dort ein paar entspannte Tage zu verbringen. Und was gehört zu Schottland dazu? Richtig, Whisky! Eigentlich hätte mir ja eine 350ml Flasche vollumfänglich genügt. Leider gibt es im Laden nur 0,7ner Flaschen. Mist! 1,3kg!

    Aber was solls, ich bin im Urlaub. Und treffe daher eine – im Nachhinein ziemlich irrationale (Witzigerweise am Ende aber doch richtige, ich sollte sie noch gut gebrauchen können) vorerst dumme Entscheidung: Ich kaufe mir eine Flasche Whisky.

    Zur Auswahl stehen Glenfiddich, Glen Keith, Jura 10 und The Singleton. Ich entscheide mich für letztere. Und verbringe so einen entspannten Abend.



    Erstaunlicherweise regnet es an diesem Tag nicht nur – es schüttet in einer Intensität und Dauer, dass ich froh bin, heute einen Erholungstag eingelegt zu haben.

    Und ich denke mir: Ich hatte bisher in Schottland mit dem Wetter so viel Pech – heute und hier nimmt Schottland Rücksicht auf mich und haut das ganze Wasser gerade an dem Tag raus, an dem ich eh nicht unterwegs bin. Etwa ein gutes Omen für die nächsten 2 Tage, an denen ich an einigen attraktiven Bergen vorbeikommen würde`?

    Was für Pläne hatte ich für den nächsten Tag? Keinen festen. Ich wollte binnen 2 bis 3 Tagesmärschen zur Hütte Craig. Das waren etwa 28km wegelos durch ein doch recht nass aussehendes Tal. In einem Reisebericht von Bernieeh aus dieser Gegend, der mich doch sehr inspiriert hatte, war dieser mit zwei anderen ebenfalls durch dieses Tal gelaufen, wenn auch in der anderen Richtung. Dabei hatten die drei einen der Hügel bestiegen und eine fantastische Aussicht gehabt. Also wollte ich jedenfalls auf einen der Berge rauf.

    Deren extrem schöne Aussicht vom A Mhaigdean, den ich deshalb unbedingt machen wollte, war mir wetterbedingt ja leider versagt geblieben.


    PS: Ich werde es heute wohl nicht mehr schaffen mit dem nächsten Tag, aber ein Foto will ich schonmal als kleinen Vorgeschmack geben da die anderen Fotos heute nicht so spektakulär waren

    Geändert von Freedom33333 (03.05.2019 um 18:24 Uhr)

  11. Erfahren

    Dabei seit
    20.01.2015
    Ort
    Südlich des Nordpols
    Beiträge
    346

    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #31
    Zitat Zitat von Freedom33333 Beitrag anzeigen
    Ich beschließe, mir ein Paket nach Deutschland zu schicken und einiges an überflüssigem Gewicht loszuwerden.
    Hihi, kommt mir irgendwie bekannt vor.

  12. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #32
    Samstag, 30.4.19. Der bislang spektakulärste Tag der Tour. Kinlochewe bis Gipfel Meall a Ghiuthais.

    Am nächsten Morgen packt mich dann wieder die Abenteuerlust und ich will weiter. Nach dem Einpacken noch schnell zum Post Office und das Paket wegschicken. Als ich dort ankomme und frage, was es denn kostet, höre ich auf einmal ein „It is not working again“. To make a long Story short: Das ist Schottland. Ein Dorf. Ein Supermarkt, in dem die Inhaber 2 Stunden am Tag über einen PC Postmarken drucken können, bevor einmal an Tag ein Auto die Post einsammelt. Und der Rechner wollte an diesem Tag nicht funktionieren. Würde öfters passieren!

    Da stand ich Trottel nun. Mit dem gesamten aussortierten Gewicht und zusätzlichen 1,3kg einer Whiskyflasche. Es half nichts – was ich verschmerzen konnte warf ich weg bzw. ließ es im Bunkhouse, den Rest musste ich wieder mitschleppen. Nach einem kurzen Gespräch holte mir ein Mann, der gerade sein Auto putze, noch ein Imprägnierspray, sodass ich meine Stiefel nochmal einsprühen konnte. Die Menschen in Schottland sind so nett und hilfsbereich, es ist immer wieder toll .

    Dann ging es, dem Wanderweg folgend, nach Westen. Und das Wetter – was soll ich sagen. Klar gab es auch ein paar Wolken, aber die Sonne schien die letzten paar Tage aufholen zu wollen und schien mir fröhlich ins Gesicht. Schottland war auf meiner Seite!







    Nach vorne konnte man zwei Berge bzw. Bergformationen entdecken: Rechts den Meall A Ghiuthais (das scheint Bayrisch zu sein und soll heißen, dass der Berg gut heißt)



    und links den Creag Dhubh der übergeht in den Sgur Ban, das in der Mitte bzw. weiter rechts relativ alleinstehend dürfte dann der Ruadh-stac Beag sein.



    rechts der Ruad-stac Beag, links der Crag Dhubh





    Der Creag Dhubh wäre ggf machbar gewesen, allerdings sahen die Berge im Südwesten alles andere als leicht aus. Die Karte zeigte überall Punkte, die ich auf der Erläuterung als Geröllfelder identifizierte.

    Der Meall a Ghiuthais dagegen sah deutlich besser zu machen aus, insbesondere da dessen Ostflanke keine Geröllfelder zu haben schien. Also entschied ich mich, dem Pfad nach rechts zu folgen und diesen Berg zu besteigen.


    Blick zurück vom Fuß des Berges

    Als sich endlich der Fuß des Berges nähert war ich auf der Suche nach einer trockenen Stelle, um meinen Rucksack abzulegen. Gerade durch das jetzt sehr hohe Gewicht wäre es definitiv irrational, den Rucksack mit da hochzuschleppen. Auch hatte ich zur Tourvorbereitung im Forum gefragt und andere hatten mir berichtet, dass sie entweder ihre Zelte stehen ließen oder ihren Rucksack irgendwo in der Landschaft deponierten um einen Berg zu besteigen.

    Hier könnte man ihn hinlegen...aber da vorne sieht besser aus...oder da?...da hinten jedenfalls.



    Ich konnte und konnte mich nicht dazu durchringen, meinen Rucksack hier in der Landschaft rumliegen zu lassen und auf den Berg zu steigen. Man müsste ewig überlegen, was alles mitmuss. Es widerstrebte mir extrem, meine gesamte Ausrüstung einfach hier liegen zu lassen. Und hatte ich nicht – irgendwo da hinten, im Hinterkopf, immer noch die Absicht, auf einem Berg zu campen? Mit richtig schöner Aussicht?

    Ich entschied mich also um und stiefelte mit der gesamten Ausrüstung der Berg nach oben. Es war steil. Teils geröllfeldartig, aber insgesamt recht gut machbar. Aber eben wirklich steil. Für mich eine Herausforderung. Einen Wanderweg oder auch nur einen Pfad konnte ich nicht erblicken. Ich hatte Rückenwind, das kam mir sehr gelegen. Wind von vorne wäre bei so einem Aufstieg ein echtes Problem. Schon das Rucksack abstellen um eine Pause zu machen ist alles andere als leicht, bzw. die Standfestigkeit beim Versuch, den Rucksack danach wieder auf den Rücken zu bekommen.




    Imme wieder blickte ich nach links, in das Tal zwischen dem Creag Dhubh und dem Ruadh-Stac Beag. Es war einer der schönsten Anblicke meiner Tour. Ich bin mir nicht sicher, aber ich bildete mir ein, dass man in einem windstillen Moment das ferne Rauschen des Wassers aus diesem Tal hören kann. Wie sich der Fluss den Weg von oben rechts herab bahnt – einfach nur majestätisch! Auch diese unglaublich felsige Landschaft ist für mich noch neu.





    Nach einer Weile stoße ich endlich auf eines der Schneefelder, die ich von weiter unten schon gesehen habe. Schnee! Endlich! Ich freue mich wie ein Honigkuchenpferd, endlich auch „Durch Schnee stapfen“ von meiner Liste streichen zu können.


    Der Weg zur Spitze ist immer steinig.

    Dann geht es weiter bergauf. Kurz bevor ich den Gipfel erreiche stoße ich auf eine recht ebene Stelle.

    Könnte man nicht??? Aber, hier oben? In dem Wind? Auf ca. 800m? Ich hatte zwar in Deutschland schon mal auf 1900m gecampt, aber da war es windstill und ich hatte eine von Sträuchern umgebene gesenkte Stelle gewählt. Das hier war von drei Stellen dem Wind ausgesetzt.

    Aber diese Aussicht...und eine trockene, recht ebene Stelle!

    Ich haderte mit mir. Das war neu. Das war eine weitere Grenze. Wohl war mir nicht. Ich verschob die Entscheidung und bestieg das Geröllfeld bis zum Gipfel. Mit Geröllfeldern hatte ich bislang keine Erfahrungen.


    Dann erstmal rechts entlang. Aussicht schon von der „Mitte“ des Berges top, runter zum Loch Maree.

    Als ich schließlich ganz oben ankam war die Aussicht einfach nur atemberaubend.


    Blick nach Westen, rechts der Beinn a Chearcaill, der oben sehr flach ist und links der Ruadh Stac Mor






    Blick nach Nordosten zur anderen Spitze des Berges


    Blick zurück in die Richtung aus der ich komme, also Südost. Links im Bild der Loch Allt an Daraich


    links der Ruadh-stac Beag, rechts der Ruad-stac Mor

    Aber der Wind! Sturm! Die Stelle an der ich davor war war regelrecht windstill im Vergleich! Hier wehte von der Küste ein solcher Wind, ein solcher Sturm, dass ich es keine 2 Minuten auf dem Gipfel ausgehalten hätte.

    Netterweise haben irgendwelche Wanderer hier aber einen regelrechten Schutzwall in Richtung der Küste aufgebaut. Und hinter diesem ist es nahezu windstill. Ich kann es kaum fassen, aber ich kann es mir auf dem Gipfel „bequem“ machen (auf spitzen Steinen, aber halt windgeschützt). Ich mache mit meiner Kamera ein 90 sekündiges Video und nehme dafür die Hände aus den Handschuhen. Nach dieser kurzen Zeitspanne gehorchen mir die Finger schon fast nicht mehr. Es hat schon seinen Grund, dass es hier so viel Eis gibt.

    Ich schaue auf die Karte, genieße die Aussicht, gönne mir etwas Schokolade – und beschließe, es zu wagen. Ich muss!

    Also zurück zur ebenen Fläche.

    Ich erinnere mich an ein Video vom Hilleberg Unna, wie es jemand auf über 3000m auf einem Gipfel im Sturm abgespannt hat. Umgeben von einer Schutzwall aus Steinen. Auch ist es erst 15.00 Uhr und vom Rumsitzen wird einem schnell kalt. Also warum nicht? Ich beginne mir aus Steinen einen „Schutzwall“ zu bauen. Das dauert. Und ist anstrengend. Mehr als einen Stein auf einmal kann man nicht transportieren. Aber: Dadurch wird einem warm. Und so verbringe ich denn über 2 Stunden damit, einen Schutzwall zu bauen.




    Camp auf 800m

    Wer weiß, vielleicht spricht sich dieser „Zeltplatz“ ja herum und wenn ich in ein paar Jahren nochmal vorbeikomme, ist die Mauer erweitert worden? Oder die Leute denken, die Steine würden hier schon seit 100 Jahren liegen.



    Was mich wieder herumphilosophieren lässt. Dieser Schutzwall oben auf dem Gipfel – man fragt sich, wie alt er ist. Als junger Mensch denkt man als erstes: Naja, ein paar Jahre wird er schon alt sein. 2014, vielleicht 2010. Aber wer weiß – vielleicht ist er schon Jahrzehnte alt? Oder Jahrhunderte? Vielleicht wurden die Steine ja schon im 18ten Jahrhundert von irgendwelchen Wanderern aufgetürmt?

    (Oder vor ein paar Tagen, wie der von mir gestartete Schutzwall).

    Letztlich dient die Mauer mir zu drei Zwecken:
    (1) hält mich die körperliche Beschäftigung warm.
    (2) ging ich davon aus, dass es gegen etwaigen stärkeren Wind in der Nacht hilft, da dieser nicht in einem flachen Winkel unters Zelt fahren und Heringe ziehen kann sondern er spitz von weiter oben auftrifft und damit weniger effektiv. Soweit meine Theorie.
    (3) bietet mir die Mauer auch psychologisch einen gewissen „Schutz“ gegen die für mich völlig neue Situation. Alleine, mal wieder.



    Blick nach Süden, was für eine steinige Landschaft









    Als ich schließlich mit meinem Werk zufrieden bin und mein Zelt aufgebaut habe, gönne ich mir erst mal einen Schluck Whisky. Den habe ich mir verdient.

    Dann stelle ich fest – mein Wasser ist fast alle. Aber was gibt es auf einem Gipfel nicht? Richtig, Wasser! Mist. Schnee schmelzen? Dazu fällt mir ein Zitat aus „So weit die Füße tragen“ ein. „Aber auch viel geschmolzener Schnee gibt nur sehr wenig Wasser“. Brennstoffverbrauch viel zu hoch.

    Also mache ich mich nochmal zu einer kleinen Tour auf und suche Wasser. Ich laufe zum Vorgipfel auf der nördöstlichen Flanke, kann aber nichts finden.


    Blick zum Loch Bhanamhoir




    Loch Maree östliches Ende. Aus dem Tal bin ich vorgestern abend gekommen. Das Wetter ist top, die Sicht weit.



    Bis runter ins Tal will ich auch nicht. Außerdem scheint es fast überall bergab nur über Geröllfelder zu gehen.


    der dunkle Fleck auf der ebenen Fläche ist mein Zelt

    Als ich mich schließlich schon damit abgefunden habe und Schnee in meine Trinkblase geschaufelt habe und auf dem Rückweg zum Zelt bin – da, klingt das nicht wie Plätschern? Innehalten...ne doch nicht. Weiter. 10 Sekunden später: Doch, das MUSS Wasserplätzern sein.


    Und tatsächlich finde ich schließlich, ein paar 100m vom Zelt entfernt, eine Wasserquelle. Top! Und so gibt es an dem Abend doch noch was Anständiges zu Essen.




    Als die Sonne untergeht, mache ich mich nochmal in Richtung Gipfel auf. Und versuche mir vorzustellen, dass die Sonne gar nicht untergeht sondern fest am Himmel steht und der Boden, auf dem ich stehe, sich rückwärts dreht. Ich stelle mir für morgen früh einen Wecker. Wenn ich schon auf dem Gipfel den Sonnenuntergang sehe, dann will ich auch am nächsten Morgen auf der anderen Seite des Sonnenaufgang anschauen!



    Sonnenuntergang im Westen

    Ein Wandertag der ganz meinem Motto entspricht: Der Weg ist das Ziel. Wenn ich eine Stelle finde, die mich einfach nur umhaut, dann kann ich auch einfach dableiben und mein Zelt aufstellen. Schließlich bin ich im Urlaub! Und auf einem Gipfel campen stand auf meiner Liste mittlerweile ganz oben.

    Ich bin dankbar für das tolle Wetter, die weite Sicht, dankbar dafür, hier oben diese fantastische Aussicht haben zu dürfen und einen Platz für mein Zelt gefunden zu haben. Und bin rumdum glücklich. Alleine, hier oben auf dem Gipfel – einfach atemberaubend!

    Bislang der spektakulärste Tag meiner Tour.

  13. Alter Hase
    Avatar von codenascher
    Dabei seit
    30.06.2009
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    3.286

    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #33
    Solche Mauern/ Schutzwälle findest du auf vielen Bergen Schottlands. Ob das unbedingt Wanderer waren, oder vielleicht sogar viiiiiel früher Hirten? Ich weiß es auch nicht, denke aber mal dass zweitere sicherlich ihren Beitrag dazu geleistet haben.

    Zum Bericht:
    klasse und detailliert beschrieben, ich weiß eigentlich immer wo du lang bist, bzw. musste bei zwei Seen kurz Mal auf die Karte linsen. Symphatische ehrliche Schreibe, schön viele Bilder. Danke, gerne mehr!
    Und natürlich Glückwunsch zu deinem ersten Munro

    Bin im Wald, kann sein das ich mich verspäte

    meine Weltkarte

  14. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #34
    Sonntag, 31.03.2019: Meall a Ghiuthais bis Ruadh-stac Mor. Oder: Auch wenn man einen Munro besteigen will, sollte man Geröllfelder nicht unter Zeitdruck bergauf klettern.

    Morgens klingelt mein Wecker recht früh – viel zu früh. Mag sein dass die Sonne um eine bestimmte Uhrzeit aufgeht, aber diese dürfte nur dann gelten, wenn man etwa auf den Meeresspiegel schaut. Ist der Horizont dagegen bergig, dauert es noch ein Weilchen.



    Ich habe keine Ahnung, wie einige hier im Forum es hinbekommen haben, epische Fotos von ihren Zelten in der Dunkelheit zu machen, teilweise mit Sternen am Himmel – wahrscheinlich mit einer Spiegelreflexkamera und irgendwelchen besonderen Einstellungen? Der Wille zählt: Ich quäle mich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt aus dem Schlafsack und mache dieses Foto hier.


    Nach einiger Zeit geht dann endlich auch die Sonne am Horizont auf. Am selben Ort Sonnenaufgang & Sonnenuntergang anschauen – und sich vorstellen, dass die Erde sich gerade einmal gedreht hat – einfach episch. Ich lege mich trotzdem nochmal ein bisschen schlafen bevor es dann losgeht.


    Der Blick auf das Zelt zeigt erwartungsgemäß einigen Reif.

    Planungstechnisch hatte ich bereits am Vorabend zwei mögliche Routen für mich ausgemacht.:

    Option A war, durch das Tal und auf den Beinn a Chearcaill. An diesem reizte mich seine unglaubliche Flachheit auf ca. 700m, es handelte sich ja trotz allem nicht etwa um eine von höheren Bergen begrenzte Hochebene, sondern um einen in der Landschaft stehenden Berg.

    Option B war, das Tal zu kreuzen und zum Loch Coire Mhic Fearcher zu laufen. Dieser war in zwei Reiseberichten aufgetaucht, die ich gelesen hatte: Einmal im Reisebericht von Bernieeh, der mit seinen Kumpels zwar zum See hinaufgestiegen war, die dort aber nicht campen konnten, weil es zu nass war und einmal von Borgman, der ebenfalls im März durch dieses Tal gelaufen war, den See aber wegen schlechten Wetters und reichlich Schnee ausgelassen hatte (so wie ich den Fuar Loch Mor wegen Nebel ausgelassen hatte).

    Aber ich habe heute traumhaftes Wetter! Kein Regen in Sicht, wärmende Sonnenstrahlen, und so entscheide ich mich für Option B.




    Mein zurückgelassenes Werk! Komplett von mir errichtet. Wenn mal jemand vorbeikommt, erwähnt mich

    Dann geht es zur westlichen Flanke des Berges, bei der ich mich etwas weiter nördlich halte, um die auf der Karte angezeigten Klippen zu umgehen.



    Dennoch ist der Abstieg alles andere als leicht – Steine, die immerhin fest verankert sind und eine gewisse Größe haben. Das Moos und der Schnee zwischendurch können aber immer mal nachgeben – nicht gerade angenehm. Als ich nach ca. 15min das Geröllfeld hinter mir gelassen habe schaue ich nach oben und bin über mich selbst ein wenig erstaunt.


    Hier bin ich gerade alleine mit vollem Gepäck runter. Mein erstes "Geröllfeld" das ich jemals bergab gelaufen bin und dann noch alleine irgendwo im Nirgendwo. Wtf*?


    Dann begegne ich einem Naturschauspiel, wie ich es selten in meinem Leben erlebt habe. Leider kann ich es nur beschreiben, ein Video werde ich ganz am Ende aber wohl mit reinschneiden. Eine flache, schräge Steinfläche. Auf dieser eine Eisschicht – und unter der Eisschicht fließendes Wasser. Das Wasser sieht man zwar nicht – aber die Luftblasen, die unter dem Eis, wie auf Straßen, ihre Bahnen ziehen. Wie Kaulquappen. Wunderschön! Ich glaube ich stand 15min an ein paar solchen Stellen und habe Luftblasen beobachtet.



    Vor mir breitet sich eine Ebene Fläche mit einigen kleinen Tümpel aus. Nach Passieren dieser Ebene kamen zahlreiche weitere, flache Ebenen, die sich mit steilen Passagen abwechselten.



    Eine tolle und wahnsinnig spannende Strecke. Hätte ich mich weiter rechts gehalten, hätte ich es zwar vermeiden können, aber ich wollte keine zu großen Umwege laufen. Und so stieß ich dann nach einiger Zeit doch noch auf ein paar klippenartige Strukturen. Nach ein paar Klettereinlagen gelangte ich bergab, danach endlich ins Tal.


    Mittig links durch die Spalten zwischen den Felsen nach unten.


    Das Wetter war unfassbar gut – strahlender Sonnenschein - und ich, alleine, in einer unberührten und einsamen Natur. Endlich mal Traumwetter in Schottland! Ich ließ mir (im Nachhinein zu viel) Zeit, trödelte herum und ging sogar im Bach (Kalt!!!) ein bisschen Schwimmen. Falls man 30 Sekunden im Wasser als Schwimmen bezeichnen mag. ;).





    Hier hielt ich mich links und lief recht nahe am Ruadh-stac Mor entlang. Zu weit links – im Tal wäre es wohl deutlich schneller gegangen. Ich tat mich mich denn auch mit dem dem Aufstieg aufgrund der Schräglage am Hang erstaunlich schwer.


    Blick zurück zum Meall a Ghiuthais, hier sieht man schön die felsartigen Ebenen


    Blick nach Norden in Richtung Loch Maree.



    Mittlerweile hatte ich beschlossen: Ich will dort heute campen. Wenn mir schon der A Mhaigdean nicht vergönnt war, den andere in dieser Gegend gemacht hatten, dann wollte ich mir wenigstens den Luxus gönnen, am Loch Coire Mhic Fhearcher zu übernachten. Und so schaute ich mich permanent um, ob und wo man hier würde das Zelt aufschlagen können. Bevor man schließlich zum See kommt, sind, soweit ich mich erinnere, zwei voneinander abgrenzbare Ebenen zu durchqueren (Bei denen man jeweils denkt, jetzt käme schon der See) bis man endlich auf der dritten Ebene (es könnte auch die vierte gewesen sein) dort ankommt. Bereits auf zwei der Ebenen hatte ich zwei – naja - Zeltplätze gefunden, auf eher nassem Untergrund, also hoffte ich natürlich auf einen Zeltplatz mit Blick auf den See.


    Wand des Sail Mhor, schon nahe am Loch Coire Mhic Fhearchair


    Blick nach Norden


    Die letzte Ebene, endlich!

    Als ich schließlich dort ankam, war es bereits 16.30 Uhr. Was für ein See! An drei Seiten umgeben von hohen Bergen. Wunderschön! (Auch wenn mich der Gorm Loch Mor ähnlich stark beeindruckt hat, der sogar noch etwas mehr von Bergen umgeben ist).


    Loch Coire Mhic Fhearchair


    Sail Mhor

    Und tatsächlich fand ich gleich mehrere Stellen an denen man auf Fels hätte campen können – was mich abschreckte, da ich das noch nie gemacht habe – und zwei halbwegs passable Stellen im Gras. Für eine davon entschied ich mich und schlug mein Zelt auf.

    Beim Zeltaufbau sah ich dann plötzlich unerwarteter Weise zwei Wanderer vom Gipfel kommen, Diese berichteten mir von ihrem Weg bergab – in einer Rinne am Ende des Tals. Außerdem erzählten sie mir vom Wetterbericht für morgen – es würde trübe werden, regnen und stürmen.


    Mist. Jetzt hier am See packte mich nämlich doch die Lust, einen Munro zu machen. Wenn man schon so nah davorsteht, dann will man da eben doch rauf. Mittlerweile war es fast 17.00 Uhr. Mein Navi zeigte mir an, dass ich noch etwa 2.20 Stunden bis zum Sonnenuntergang hatte.

    Und so warf ich meine Trinkblase, etwas zu Essen, mein Navi, Karte und Kompass (Auch die Taschenlampe war dabei!) in einen Faltrucksack und machte mich an den Aufstieg hinauf zum Ruadh-Stac Mor

    Von hier unten sah allerdings die Rinne am Ende des Tals extrem steil aus. Es schien mir deutlich sinnvoller – diesen Vorschlag hatte sogar einer der Wanderer nach meinem Einwand für sinnig befunden – an einer der grünen Stellen den Hang zu meiner linken hinaufzuklettern. Das wäre wahrscheinlich auch keine schlechte Idee gewesen. Leider war es meine Ausführung dafür um so mehr.

    Mich hatte der Ehrgeiz gepackt, ich war wie im Rausch, ich wollte auf diesen Berg! Und so marschierte ich los. Sah es ursprünglich noch so aus, als wäre man nach 10min an der Schräge, dauerte bereits der Weg dorthin einige Zeit, auch da die Steinchen auf dem Boden sich beim Näherkommen als 2-5m hohe Klotze entpuppten, zwischen denen man hindurch klettern musste.

    Schließlich stand ich endlich vor der Schräge – oder, besser ausgedrückt – vor einem Geröllfeld. Und meine Entscheidungsfindung war lausig – wegen der fortgeschrittenen Stunde wählte ich den erstbesten Weg nach oben, statt noch einige 100m weiter nach rechts zu laufen und einen der „grünen“ Streifen zu suchen. Und so ging es zwar sehr steil bergauf – aber es ging schnell. Die Stöcke waren von keinem Nutzen, vielmehr benutzte ich meine Hände wie beim Klettern. Erst an einem Felsen links entlang, an dem man sich festhalten konnte. Dann das Geröllfeld nach oben. Und was für eines! Hier lagen die Steine nicht etwa relativ fest verankert in einer Erdfläche, sondern lagen auf anderen Steinen.

    Und so musste ich – Learning by Doing – lernen, wie ein Geröllfeld aufgebaut sein kann. Steine liegen auf Steinen. Hinter großen Steinen liegen gerne mal tausende kleine Steine – die dort nur liegen, weil sie beim Herabkullern auf ein Hindernis gestoßen sind. Soweit so schlecht. Manchmal scheinen aber auch große Steine von zig kleinen Steinen begrenzt zu werden.

    Bislang ging alles gut. Ich konnte mich von mannshohem Stein zu mannshohem Stein hangeln. Doch leider wurden diese Steine immer weniger. Die Steine wurden kleiner. Und kleiner. Und kleiner. Aber der Gipfel kam auch näher und näher. Vielleicht noch 100hm. Alles wird gut. Easy, beim nächsten mal machst du es dann anders.

    Doch langsam merkte ich, dass ich eine wahnsinnig dämliche Entscheidung getroffen hatte. Wer sonst den ganzen Tag im Büro sitzt, kommt dann, am Hang, irgendwann auf den Gedanken, dass das hier nicht nur gefährlich, sondern lebensgefährlich sein kann. Ich will hier nicht eine möglicherweise ungefährliche Situation aufbauschen, ich kann es schlicht nicht einschätzen, ob es gefährlich war. Mir kam es arg gefährlich vor.

    Irgendwann trat ich auf einen Stein, den ich aufgrund seiner Größe als „safe“ betrachtet hatte, doch er rutschte weg und es löste sich eine kleine Steinlawine. Man versucht mit dem Fuß neuen Halt zu finden, und wieder löst sich eine kleine Lawine. Man belastet den anderen Fuß mehr – und auch der rutscht weg. Andere Steine rutschen von oben nach. Aber weiter oben – da liegen auch größere Steine. Die von den kleineren an Ort und Stelle gehalten werden. Schock. Angst. Was mache ich hier bitte? Aber der Blick zurück war ebenfalls nicht gerade ermutigend. Und so wagte ich mich, Schritt für Schritt, noch ein paar Meter weiter. Doch plötzlich waren sowohl vor als auch links und rechts neben mir nur noch kleine Steine. Noch kleinere, als die, auf denen ich gerade stand, Steine also, auf denen ich definitiv ordentlich einsinken würde.

    ********. In einem solchen Moment durchlebt man so einige Gefühle – und doch redet man sich immer wieder ein, dass schon alles gut gehen wird. Klar, die Alternative ist als „Das wird gleich passieren“ Situation im Kopf auch nicht sonderlich geeignet. Dennoch holte ich mein Handy raus, um zumindest jemandem Bescheid zu geben, wo exakt ich mich befinde. Kein Empfang.

    Tief durchatmen. Umschauen. Etwa 3m rechts entfernt von mir lag ein recht massiv aussehender und wohl tief im Boden verankerter Stein. Mit ein bis zwei Sprüngen würde ich diesen erreichen können. Was freilich physikalisch voraussetze, dass ich nach dem Auftreten nicht sofort einsank, sondern mich, bevor die Steine wegrutschten, wieder abstoßen konnte. Die Alternative, da den Fuß drauf zu setzen, erschien mir in Anbetracht der Schräge und der Größe der Steine nicht sinnvoll. Falls das die bessere Option gewesen wäre, freue ich mich über Feedback fürs nächste mal.

    Nach weiteren 5 Minuten abwägen aller Optionen entschied ich mich dafür. Nahm all meinen Mut zusammen, holte tief Luft und sprang mit zwei Sätzen hinüber. Meine Planung ging auf – es löste sich zwar eine sehr ordentliche Steinlawine – teils rollten Steine 3m über mir bis etwa 5m unter mir – aber ich erreichte mit dem zweiten Satz den großen Brocken und den sich anschließenden grünen Streifen. Uff!


    Blick zurück. Der Flache Stein in der Mitte war mein "Rettungsanker", nachdem ich mich ein paar Meter weiter hinten verstiegen hatte. Rückblickend war ich wohl eine der ungünstigsten Strecken bergauf geklettert.

    Die letzten Meter zum Gipfel waren leicht, auf festem Untergrund. Wahnsinn. Wie man plötzlich dankbar für den typischen schottischen Boden sein kann – einfach weil er fest ist und nicht wegrutscht.






    Blick nach Südwest zum Coinneach Mhor


    Ich hatte noch etwas über eine Stunde bis zum Sonnenuntergang. Und so hechtete ich die letzten paar 100m zum Gipfel des Ruadh-Stac Mor (1010m) hinauf – erstaunlicherweise ist dieser Berg oben recht flach. Hier könnte man sogar campen, genug Grünflächen gibt es. Der eigentliche Gipfel ist dann, auf der ebenen Fläche, nochmal ein großer Haufen Steine. Als hätte jemand hier Steine aufgetürmt, damit der Berg höher ist.







    Nun stand mir noch der Abstieg bevor. Und eines wusste ich – keinesfalls würde ich den Weg, den ich gekommen bin, wieder hinuntersteigen.




    Die Aussicht war breathtaking – besseres Wetter kann man sich für die Besteigung eines Berges wohl nicht wünschen. Berge, nichts als Berge – bis zum Horizont, in allen Richtungen. Schade dass ich den Kauf einer ordentlichen Kamera aus Kostengründen hatte aufschieben müssen.


    Blick nach Westen, am Horizont der Loch A Bhealaich, meine Strecke für morgen






    Blick zurück zum Camping Spot von gestern

    Freilich hätte ich versuchen können, den eigentlich von unten ausgemachten grünen Streifen zu finden – doch meine Abneigung gegen den gesamten Hang war zu stark. Und so besann ich mich auf den Abstieg des Pärchens, mit denen ich mich davor unterhalten hatte. Mist. Ich hatte sie nicht gefragt, wie erfahren sie sind. Sie hatten den Abstieg als anspruchsvoll aber machbar beschrieben – von unten aus der Ferne sah es extrem aus. Was, wenn es erfahrene Kletterer waren? Menschen neigen dazu, von sich auf andere zu schließen. Merke: Wenn man jemanden fragt, wie schwer etwas ist, frag ihn auch, wie viel Erfahrung er hat.

    Und so war mir doch arg mulmig zumute, als ich die etwa 500m auf dem Kamm entlangstiefelte. Am Ende wieder über Felsbrocken. Und so spielte ich im Kopf wieder einmal alle Konstellationen durch. Hier oben gab es immer wieder windgeschütze Spalten – und haufenweise Moos. Das wäre dann die sichere Notoption für die Nacht. Jedenfalls falls die Angaben aus „So weit die Füße tragen“ richtig waren.Auch auf der anderen Seite könnte man schauen, müsste dann aber den ganzen Berg noch einmal im Tal umrunden.


    Die "Rinne" bergab. Im Vergleich zum Aufstieg eine angenehme Strecke

    Als ich endlich an der Rinne ankam, fiel mir ein Stein vom Herzen – klar, ein Spaziergang war es nicht. Und doch, im Vergleich zum von mir gewählten Aufstieg, ein Klassenunterschied. Steil, ja, mit schieferartigem Gestein, das wegrutschen kann, ja, aber doch mit Felsen links und rechts, an denen man sich festhalten kann. Easy! Der Abstieg ging dann auch sehr gut.


    Blick hinab zum Loch Coire Mhic Fhearchair


    Die "Rinne"



    Ich hatte überschlagen, nach der „Rinne“ müsste ich schon fast am Ziel sein – doch von dort sieht man erst, wie viel tiefer der See liegt. Und so war es dann auch noch ein gutes Stück bis ich, in der Dämmerung, am Zelt ankam.

    Der zweite doch „sehr ereignisreiche" Tag meiner Tour. Klar – ich hatte die schönste Aussicht der Tour gehabt. Ich hatte einen Munro bestiegen. Ich zeltete an einem wunderschönen See. Und doch war ich nicht stolz auf mich – dass Geröllfeld raufzuklettern, alleine, unter Zeitdruck, war ein Fehler. Das nächste mal wäre dort wohl frühestens in ein paar Tagen jemand vorbeigekommen. Vieles kann man sich selbst beibringen, bei einigen Dingen sollte man es lieber lassen und sich vorher informieren. Lektion gelernt.





    Geändert von Freedom33333 (13.05.2019 um 22:29 Uhr)

  15. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #35
    Zitat Zitat von codenascher Beitrag anzeigen
    Solche Mauern/ Schutzwälle findest du auf vielen Bergen Schottlands. Ob das unbedingt Wanderer waren, oder vielleicht sogar viiiiiel früher Hirten? Ich weiß es auch nicht, denke aber mal dass zweitere sicherlich ihren Beitrag dazu geleistet haben.

    Zum Bericht:
    klasse und detailliert beschrieben, ich weiß eigentlich immer wo du lang bist, bzw. musste bei zwei Seen kurz Mal auf die Karte linsen. Symphatische ehrliche Schreibe, schön viele Bilder. Danke, gerne mehr!
    Und natürlich Glückwunsch zu deinem ersten Munro
    Vielen Dank! Ohne die ebenfalls detaillierten Reiseberichte von einigen Forumsusern (inklusive dir) wäre ich auf die Gegend kaum gekommen. Bzw. es hilft einem als Anfänger natürlich ungemein, eine Vorstellung davon zu bekommen, was einen erwartet.

    Ich erinnere mich noch, wie ich den Bericht von Borgmann aus dem letzten Jahr, selbe Gegend, gelesen habe und im Geiste schon befürchtete, dort ebenfalls aufgrund von Schnee einen Tag abwettern zu müssen.

    Ich habe aber gerade nochmal nachgeschaut: Munro ist wohl ab 914m, da fehen dem Meall A Ghiuthais ganze 27m Naja, war trotzdem ein toller Berg. Man begegnet ja in Schottland immer wieder Munro- Baggern, die die Berge ablaufen als ginge es um ein Online (Offline)-Rollenspiel, wo man das nächste Level freischalten muss. Jedenfalls war besagter Berg trotzdem die Besteigung mehr als wert. Wobei die Aussicht vom Ruad-stac Mor von der Weitsicht her nochmal etwas krasser war.
    Geändert von Freedom33333 (12.05.2019 um 19:04 Uhr)

  16. Alter Hase

    Dabei seit
    10.05.2014
    Ort
    Provinz Berlin
    Beiträge
    3.746

    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #36
    Zitat Zitat von Freedom33333 Beitrag anzeigen

    Wobei ich halt doch eigentlich von einem WM Antelope erwarten würde, dass er bei 0 Grad solchen Dingen zum Trotz ausreicht. Die Therm a Rest Apex soll ja eigentlich auch einen R-Wert von 4,0 haben, müsste also ausreichen (Die hatte ich mir vor der Tour erst angeschafft, da fehlen mir also Erfahrungswerte noch völlig)
    Der Schlafsack wärmt nicht. Der isoliert. Um die 0 Grad ist zudem eine kritische Temperatur mit oft hoher Luftfeuchtigkeit. Und eine Daune, auch die von WM, muss regelmäßig gelüftet/getrocknet werden (am besten jeden Morgen). Essen und Moral spielen dann noch eine weitere wichtige Rolle. Nass und ausgelaugt im Schlafsack liegen führen selten zu einer warmen Nacht.

  17. Erfahren
    Avatar von Ljungdalen
    Dabei seit
    28.08.2017
    Ort
    MeckPomm & Hamburg
    Beiträge
    356

    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #37
    Zitat Zitat von Freedom33333 Beitrag anzeigen
    Munroe ist wohl ab 914m, da fehen dem Meall A Ghiuthais ganze 27m Naja, war trotzdem ein toller Berg.
    Ein Corbett! (= 2500 bis 3000 ft = 762 bis 914 m)

  18. Erfahren
    Avatar von Borgman
    Dabei seit
    22.05.2016
    Ort
    Region Hannover
    Beiträge
    384

    AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #38
    Klasse Bericht! Deine offenen und detaillierten Beschreibungen gefallen mir genauso gut wie Deine Herangehensweise an die Tour. Macht wirklich Spaß, Deine Erlebnisse zu verfolgen, danke dass Du uns mitnimmst und an Deinen Gedanken teilhaben lässt!

  19. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #39
    Montag, 1.4.19. Ruadh-stac Mor bis Craig Bothy.


    Der nächste Morgen ist trübe und windig. Regnen tut es aber (noch) nicht. Es ist ein tolles Gefühl, an einem solchen Ort, an drei Seiten umgeben von Munros, an so einem schönen See aufzustehen.




    Der Weg für heute. Links an den Seen vorbei, rauf auf den Hügel

    Wieder stelle ich fest, wie sehr das Wetter einen Ort verändern kann – hat man gestern, in der Sonne, noch mit dem Gedanken gespielt, einfach einen Tag an diesem Ort zu verbringen und ein Buch zu lesen, denkt an sich, wenn man im trübem Wetter aus dem Schlafsack kriecht und fröstelt bloß noch „Ich muss weiter, ich muss hier weg!“

    Beim Einpacken des Zeltes muss ich tatsächlich eine Abspannleine am Rucksack befestigen. Nach ein paar Versuchen kriege ich den Kram dann doch noch halbwegs geordnet in den Packsack.


    Nochmal mein "Aufstieg" vom gestrigen Nachmittag. Definitiv nicht nachmachen! Rechts das rote ist die "Rinne", diese ist deutlich besser geeignet



    Ich überlege wie es weitergehen soll – nach 2 Nächten im Zelt und bei den aktuellen Wetteraussichten reift in mir der Entschluss, heute in einem Rutsch bis zur Bothy an der Küste zu laufen. Das ist nicht ohne, immerhin sind es ca. 18 km wegelos durch völlig unklare Bodenverhältnisse.

    Als ich damals den Reisebericht von Berniehh gelesen hatte, hatte dieser von einem Hügel weiter im Westen ein Foto vom An Ruadh-Mheallan gemacht mit dem Loch a Mheallain daneben, einem kleinen See. Eigentlich hatte ich mir damals vorgenommen, diesen Hügel zu besteigen und neben dem See zu campen. Aber irgendwie habe ich keine Lust auf eine weitere Nacht im Zelt, ich möchte lieber zur Hütte.

    Zunächst laufe ich zur westlichen Seite der Ebene und überquere den Abfluss des Flusses. Dort befindet sich auch ein schön anzusehender Wasserfall. Ich folge einem Wanderweg für ca. einen Kilometer – dieser würde zur Liathach-Traverse führen, man könnte von hier aus – sogar schneller als bis zur Küste – direkt bis nach Torridon durchlaufen.






    Das wäre der Weg direkt nach Torridon, links oder rechts an den Bergen am Ende des Tals vorbei.

    Das ist aber nicht mein Plan. Ich wollte in meinem Urlaub auch einfach mal ein bisschen an der Küste chillen, das Meer riechen, im Meer schwimmen gehen und einfach nur herumphilosophieren. Dafür schien mir der Küstenabschnitt zwischen Redpoint und Lower Diabeig recht geeignet.


    Nach kurzer Zeit verlasse ich den Wanderweg und halte mich Nordwestlich.


    Zunächst komme ich am Lochan Carn na Feola dabei – laut Karte ein verbundener Seen, als ich vorbeikam waren die beiden Seen aber getrennt.


    Über den Weg kann ich mich nicht beschweren – auf der Karte sah es nach einem sehr nassen Tal aus, aber so schlimm war es nicht. Die typische schottische Landschaft – braun, Gräser, viele Steine zwischendurch.



    Blick zurück, zwischen den beiden Bergen lag der See an dem ich übernachtet hatte.

    Als ich mich schon wunderte, ob es hier keine Tiere gab, bestieg ich einen kleinen Hügel – und es machte sich eine Herde von vielleicht 20 Tieren davon. Klar, so richtig viele Touris werden hier wohl eher nicht vorbeikommen, jedenfalls nicht um die Jahreszeit.

    Den Umweg hinauf zum Loch na h Oidhche sparte ich mir, dieser war ursprünglich ebenfalls als potentieller Ort zum Übernachten geplant gewesen.


    Ich bin mir leider nicht mehr sicher welcher Berg das war, aber die Formation war wirklich faszinierend. Könnte der Beinn an Eoin sein.


    Blick nach vorne. Das ist die Hügelkette die besteht aus Creag a Chinn Duibh und Beinn Bhreac


    Nach Besteigen eines kleinen Hügels zeigte sich dann endlich der Loch a Bhealaich.


    Dieser wird im Süden von einer Hügelkette begrenzt, über die ich früher oder später hinüber musste, s.o.
    Bereits auf der Karte sah dieser See sehr anstrengend aus, da um die 20 eingezeichnete Bäche von allen Seiten zu kommen schienen. Nach meinen nur mäßig spaßigen Erfahrungen am Lochan Fada mit dem daraus resultierenden ständigen Auf und Ab beschloss ich, direkt zum Loch Toll nam Biast hinaufzusteigen, mich also möglichst weit links zu halten.

    in rot markiert mein Aufstieg, nahe dem Wasserfall der vom Loch Toll nam Biast kommt


    Und ich war erstaunt über mich – vor einigen Tagen, am Loch na Sealga, hatte ich noch das erste mal wegelos einen kleinen Hügel ohne Gepäck bestiegen und es war ein Abenteuer – jetzt blickte ich nur noch rational auf die Karte, auf die Umgebung und bahnte mir meinen Weg wegelos durch ein 20km langes Tal, in dem ein Hügel nicht mehr mehr war als ein Hindernis, für das man aufgrund der Höhenmeter eine etwas längere Gehzeit veranschlagen musste.



    Eine Konstante gab es an diesem Tag: Den Wind! Und so suchte ich mir hinter einem der namenlosen kleinen Seen vor dem Aufstieg eine windgeschützte Stelle für meine Mittagspause.

    Der Aufstieg war kein Zuckerschlecken, immerhin 300hm. Und steil. Sehr steil. Aber auch hier wiederholten sich meine Erlebnisse – sah der Hang von weitem noch abweisend und gefährlich aus, entpuppte er sich zwar als steil, aber doch als gut machbar.


    Blick zurück zu den kleinen Seen. Rechts daneben war der Stuc Loch na Cabhaig - dieser hat übrigens - ähnlich dem Ruadh-Stac Mhor - ebenalls auf erhöhter Position einen kleinen See, wenn auch deutlich kleiner. Dort oben wäre auch ein sehr interessanter Camping-Spot gewesen, mit dem Beinn Dearg (914m) hätte man auch einen Munro (oder ein Corbett falls ein paar cm fehlen) zum Besteigen gehabt.





    Den Beinn Alligin besteigen? Nope!

    Aber: Mit jedem Höhenmeter kam mehr Wind dazu. Und Regen. Wobei man bei Regen ja eigentlich an Wasser von oben denkt. Das Wasser hier kam aber waagerecht, es peitschte einem mit dem Wind von der Seite ins Gesicht.


    Ceag a Chinn Duibh

    Dennoch wollte ich unbedingt „noch schnell“ den einen Kilometer hinauf zum Ceag a Chinn Duibh (675m) machen – und brauchte dafür eine gefühlte Ewigkeit, da der Wind sich mittlerweile zu so einem Sturm verdichtet hatte, dass man sich bei jedem Schritt mit den Trekkingstöcken abstütze musste, um nicht umgeworfen zu werden. Mehrfach musste ich mich hinhocken um Böen abzuwarten. Daher kann ich auch leider nicht mit schönen Fotos hinunter zum Loch a Bhealaich dienen.



    Das müssten Loch a Ghobhainn und Loch Gaineamhach sein

    Anschließend blieb ich eine ganze Weile da oben stehen um mich zu orientieren, wobei ich sowohl Navi als auch Karte zu Rate zog. Irgendwie hatte ich den Loch Gainemhach mit dem Loch Gainemhach Beag verwechselt (Die Namen kannste dir echt nicht ausdenken), da ich zuerst in die falsche Richtung geschaut hatte. Der eine war zwar größer als der andere aber weiter weg, sodass die beiden nahezu gleich groß aussahen. Im Nachhinein erscheint es mir wahnsinnig dämlich und jetzt auf der Karte – wie auch vorher in der Planung – sieht alles ganz einfach aus. Aber in der Situation vor Ort, da gestaltet sich das alles etwas anders.


    Loch Gaineamhach im Tal und - kaum sichtbar - Loch a Bheallain links oben


    Auf diesem Foto kann man den waagerecht kommenden Regen und den Sturm ein wenig erahnen

    Wenn ich so zurückdenke, war die Wegstrecke hier oben die unangenehmste und anstrengenste auf der ganzen Tour. Der Sturm, der Regen. Ein Blick auf die Karte – noch 10km wegelos durch die Landschaft. Die fortschreitende Uhrzeit. Längst hatte ich den Regenschutz von meinem Rucksack abgemacht, nachdem er sich jedes mal binnen wenigen Sekunden wieder gelöst hatte und mir ins Gesicht schlug. Auch die Regenhose wollte nicht richtig sitzen, und so musst ich diese ständig richten. Auch den Rucksack musste ich wieder und wieder abnehmen, weil das Zelt hinten am Rucksack nicht richtig hielt und verrutschte. Gleichzeitig kroch die Nässe von allen Seiten in die Kleidung und ich war mittlerweile nass bis auf die Unterhose. Das alles in einem unsäglichen Sturm, bei dem man nur Schritt für Schritt vorankommt. Als es dann endlich bergab ging war es extrem rutschig, der Boden war nahezu auf der gesamten Breite zu einem Bachbett geworden, wieder und wieder rutschte man fast weg und konnte sich nur mit letzter Mühe auf den Beinen halten. Das alles mit der Aussicht, noch 10km in diesem Wetter bewälltigen zu müssen. Spaß machte mir dieser Abschnitt nicht.

    Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, kam ich endlich zum Loch Gaineamhach Beag. Ich hatte mich entschieden, diesen links zu umrunden und den dann folgenden Loch na h Uamhaig rechts, wobei ich mich immer am Fluss entlang halten wollte. Ob man diesen würde queren können war nämlich völlig unklar und die Hütte lag am Ende Links vom Fluss.

    Mit jedem Schritt den ich dem See näherkam, wurden Wind und Nässe schwächer. Als ich diesen schließlich erreichte, regnete es nicht mehr und war nahezu windstill. Was ist hier denn bitte los? Ein Blick zurück löste das Rätsel – Wind und Regen tobten nach wie vor an derselben Stelle. Aber eben erst ab einer gewissen Höhe, und diese Höhe hatte ich mittlerweile hinter mir gelassen.

    BLick zurück, von da oben kam ich - und die Wegstrecke bergab war alles andere als angenehm

    Fotos können daher auch nur unzureichend ausdrücken, in welcher Geschwindigkeit die sichtbaren trüben Tropfen im Wasser vom Wind durch die Gegend gepeitscht wurden.

    Der See war wunderschön und hier hatte es sogar einen traumhaften Sandstrand.


    Voller Tierspuren, aber ohne menschliche Spuren. Allgemein muss man auch sagen: Ich glaube, dass die Strecke die ich zur Hütte an der Küste gewählt habe, extrem selten begangen wird. Keine hohen Berge mehr in der Nähe, keine bekannten großen Seen, und ein Küstenabschnitt, den man von beiden Seiten mit dem Auto bis auf 5km erreichen kann – warum sollte da irgendjemand wie ich durch die Pampa kommen?



    Es folgten weitere km bis zur Küste, die sich gefühlt ewig hinzogen. Auf halbem Weg war noch einmal ein kleiner Hügel zu besteigen, von dem aus man eine tolle Sicht bis runter zum Meer hatte. Von diesem Hügel ging es – sehr – steil bergab, und dann passierte etwas sehr merkwürdiges. Ich, in Gedanken versunken, denke mir: „Erstaunlich, dass ich heute noch nirgendwo weggerutscht bin“. Konzentration, die steile Stelle hinter mich bringen. Kaum habe ich diese hinter mir – es war immer noch steil – rutschte ich auch schon weg und überschlug mich mitsamt Rucksack, wobei ich im Fallen noch Zeit hatte, die Stöcke wegzuschmeißen und mich mit den Händen abzurollen.
    Glücklicherweise ging das glimpflich und ohne Schrammen aus.




    Dann weiter, vorbei am Loch na h Uamhai und links am Loch Freumhach. Am Ende machte der Fluss nochmal einen ordentlichen Schlenker nach rechts und ich bestieg den Hügel, wenn ich auch nicht den Gipfel (Sidhean a Mhill) bestieg, sondern mich weiter rechts hielt. Mittlerweile war es bereits recht spät geworden und die Dunkelheit näherte sich.


    Auch eine sehr vertrauenserweckende Brücke. Da ich in Eile war, verzichtete ich auf einen Stabilitätstest (Und musste eh nicht rüber)





    Dann – endlich, endlich, endlich – sah ich die Hütte Craig neben dem Fluss auftauchen. Und ich kann hier nicht beschreiben, wie man sich fühlt, wenn man nach so einem Tag endlich Licht am Ende des Tunnels sieht. Ich war einfach nur glücklich und mir standen schon fast die Tränen in den Augen.

    An der Hütte erblickte ich etwas seltsames – ein rotes Leuchten. Die einzige Assoziation die ich hatte war – Kaminfeuer. Draußen. Aber warum gleich mehrere? Sollte sich an der Hütte etwa eine größere Gruppe von vielleicht 20 Personen befinden, die gleich mehrere Feuer angemacht hatten?

    Als ich näherkam löste sich das Rätsel – es waren so eine Art rote Lampen-Pavillons, die im Licht der Abendsonne rötlich zu scheinen schienen.

    Dann erstmal in Ruhe die Hütte inspizieren - es gab oben 3 Räume, in zweien davon standen sogar Betten mit Matratzen (Insgesamt 4 Matratzen) - und so wurde es Abend und draußen dunkel.



    In der Hütte am Tisch sitzen.

    Draußen: Komplette Dunkelheit. Der Wind. Das Plätschern des Bachs.

    Drinnen: Das unregelmäßige Flackern von einigen Teelichtern.
    Das Rauschen des Gaskochers. Die bläuliche Flamme.
    Dann Stille. Da ist niemand. Nichts.
    Kein Radio, keine Stimmen von den Nachbarn, kein Rummsen weil irgendjemandem einer Etage darüber etwas runtergefallen ist, keine Autos von der Straße, keine Musik, einfach nichts.

    Da sind keine Probleme des Alltags. Da ist kein Gedanke an die Arbeit. Geist und Körper sind im Reinen mit sich selbst.

    Eine Bothy. Ein warmer Tee. Ein Glas Whisky. Ein gutes Buch. Eine Daunenjacke.

    Und ein glücklicher Mensch.

    Unbeschreiblich.

    Geändert von Freedom33333 (13.05.2019 um 23:26 Uhr)

  20. AW: [SCO] Solo – Berge, Bothies, Flüsse, Meer – 15 Tage Wester Ross im März

    #40
    Zitat Zitat von mitreisender Beitrag anzeigen
    Der Schlafsack wärmt nicht. Der isoliert. Um die 0 Grad ist zudem eine kritische Temperatur mit oft hoher Luftfeuchtigkeit. Und eine Daune, auch die von WM, muss regelmäßig gelüftet/getrocknet werden (am besten jeden Morgen). Essen und Moral spielen dann noch eine weitere wichtige Rolle. Nass und ausgelaugt im Schlafsack liegen führen selten zu einer warmen Nacht.
    Hm ja da hast du eigentlich recht. Das mit der Temperatur um die 0 Grad habe ich hier auch schonmal irgendwo gelesen. Und doch erstaunt es mich ungemein, dass es bei kälterem Wetter wärmer sein soll.

    Aber ich werde den Schlafsack die Tage mal auf nem Gipfel im Schnee ausprobieren, dann weiß ich mehr.

    An dem Abend kam aber in der Tat alles zusammen: Temperaturen um 0 Grad, Psychich ordentlich durch, körperlich ausgelaugt (und kein warmes Abendessen, weil ich nur noch in den Schlafsack wollte).

Seite 2 von 3 ErsteErste 123 LetzteLetzte

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)