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  1. Anfänger im Forum

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    [CL] Zu Fuß von Cochrane nach Chile Chico - El Futuro Parque Nacional Patagonia

    #1
    Mitreisende: Bikerbabe
    Nun denn, will ich mal meinen ersten Reisebericht veröffentlichen.
    Vorausgehend ist ein sechsmonatiger Aufenthalt in Chile 2013/2014 gewesen. Während dieser Zeit haben wir (mein Freund und ich) für Freunde und Familie einen Blog geschrieben, der aber nicht weiter publik gemacht wurde.
    Nun lese ich viel hier im Forum und ziehe auch den ein oder anderen Nutzen daraus. Weshalb ich mich nun dazu durchgerungen habe, mal unser "Reisetagebuch" aus der virtuellen Schublade zu holen und einen Bericht zu veröffentlichen.
    Es ist ja immer so eine Gewissensfrage, ob man Infos zu den richtig geilen Touren preisgibt, damit dann in den noch wirklich einsamen Gegenden auch noch ein Haufen Leute rumrennen. Aber ich denke in diesem Forum sind diese Art Berichte an der richtigen Stelle und werden auch von den richtigen Leuten gelesen.
    Für alle, die die Wildnis Patagoniens in der Region Aysén erleben wollen, abseits der Touristenmagneten, die vielleicht auch keine Gletscher mehr sehen können, könnte nachfolgender Bericht von Interesse sein.

    Zur Wegfindung: Der Park an sich befindet sich noch im Aufbau, es gibt drei markierte Tagestouren. Wir haben die Touren verbunden und die Verbindungsstrecken sind über alte Viehtreiberpfade begehbar, die aber nicht markiert sind. Ein bisschen Entdeckergeist sollte man also mitbringen. Außer auf den Strecken für die Tageswanderungen sind wir auch niemanden begegnet.

    Zu Fuß von Cochrane nach Chile Chico – Vom Lago Cochrane zum Lago General Carrera
    Januar 2014

    In 5 Tagen führte unser Weg von Cochrane, am Lago Cochrane, zum 173 Kilometer entfernten Chile Chico, am Lago General Carrera. Zu Fuß und per Anhalter durchstreiften wir das „Reserva Nacional Tamango“, das Valle Chacabuco und das „Reserva Nacional Lago Jeinimeni“, alle drei Bestandteil des „El Futuro Parque Nacional Patagonia“. …



    1. Tag, Cochrane – Laguna Norita, 23 km

    9 Uhr starten wir an unserer lilafarbenen Hospedaje „El Bombero“ in Cochrane bei leicht bewölktem Himmel und angenehmer Temperatur Richtung Nordosten. Eine 6 Kilometer lange Zufahrtstraße soll uns zum Nationalreservat Tamango führen, wo wir an der Guardería unsere Wanderung durch den Nationalpark beginnen wollen. Bereits nach dem ersten Kilometer kommt von hinten ein Geländewagen und ich halte den Daumen raus. Rein zufällig ist es ein Conaf-Auto (Nationale Forstbehörde und Verwaltung aller Nationalparks) samt Ranger, der genau zur Guardería fährt. Nach einer kurzen Erklärung was wir vorhaben, nimmt uns der nette Julio mit und erspart uns somit den Marsch auf der Schotterstraße. Das Areal um die Guardería lädt zum Verweilen ein, man hat einen schönen Blick auf den Lago Cochrane und auf der großen Wiese könnte man auch super Campen. Wilde Hasen gibt es hier zu Hauf, die scheinen auch den Rangern zu schmecken, was der Anblick eines abgezogenen Fells vermuten lässt, das noch irgendwo in der Ecke liegt. Hier beginnt nun der Wanderweg „Las Lengas“ (Die Südbuchen), der uns anfangs über Wiesen führt. Der Pfad ist ziemlich zugewachsen und kaum zu erkennen, was sich aber ändert, als es links steil hoch geht. Im Zickzack geht ein ausgetretener Pfad nach oben in den Lengawald. Hier liegen dann rechts und links entlang des Weges dünne Baumstämme und Äste als Begrenzung. Bevor wir in den Wald eintauchen drehen wir uns aber noch einmal um und genießen die herrliche Aussicht. Links sehen wir die Ausläufer des Lago Cochrane, unter uns die kleine Guardería, dahinter den Ort Cochrane, alles umsäumt von Wäldern und Hügeln, und am Horizont schlängelt sich die Carretera Austral entlang des Lago Esmeralda. Und wir sagen: „Dort sind wir am Samstag langgeradelt…“. Ein schöner Rückblick. Nach reichlichen fünf Kilometern erreichen wir die Laguna Tamanguito, die laut Conaf-Karte nur 3,7 km entfernt sein sollte. Von hier sehen wir schon den Sattel zwischen Cerro Tamango (1722m) und Cerro Tamanguito (1485m), den wir als unseren Übergang ins Valle Chacabuco ausgewählt haben. Laut Karte beginnt hier der Wanderweg „Los Condores“ (Die Kondore), allerdings mangelt es wieder an eindeutigen Wegmarkierungen oder Spuren. Entlang des Waldrandes umrunden wir die Lagune zur Hälfte, auf der Suche nach dem richtigen „Eingang“ in den Wald. Unweit eines Holzunterstandes ohne Dach finden wir einen Durchschlupf durch das Dickicht und sehen dahinter im Wald wieder die bekannte Wegbegrenzung in Form vom Ästen. Die Richtung passt und Höhe gewinnen wir auch stetig, das wird dann wohl der richtige Weg sein. Wir wandern wieder durch Lengawälder und kommen an den herrlichsten wilden Zeltplätzen vorbei. Große Lichtungen mit saftigen Wiesen, die von einem kleinen Bächlein gekreuzt werden. Nach insgesamt 1050 Höhenmetern erreichen wir die Baumgrenze und stehen tatsächlich kurz unterhalb vom Portezuelo. Wir lassen nochmal den Blick über die unter uns liegenden Täler und schneebedeckten Berge in der Ferne schweifen, bevor wir wieter bergauf gehen. Der Weg über die Geröllhänge ist nun mit großen Steinmännern markiert. Das Gelände ist sehr offen und es weht ein eisiger Wind. Auf 1282 m erreichen wir den höchsten Punkt des breiten Sattels zwischen Cerro Tamango und Cerro Tamanguito und laufen über Grasbüschel an mehreren kleinen Lagunen vorbei. Ein herrlicher Platz für ein Picknick, aber uns weht es hier oben fast davon. Schnell steigen wir zur anderen Seite ab, verlassen also den Tamango-Nationalpark, und haben nun den nächsten grandiosen Ausblick auf das Valle Chacabuco, was auf den ersten Blick ziemlich trocken aussieht. Das Valle Chacabuco schließt die Lücke zwischen dem „Reserva Nacional Tamango“ im Süden und dem „Reserva Nacional Lago Jeinimeni“ im Norden. Eine Art Vereinigung der drei Parks ist in Arbeit und es soll zukünftig der „Parque Nacional Patagonia“ entstehen.

    Das private Naturschutzgebiet Valle Chacabuco ist eine ehemalige Schafestancia (20.000 Schafe, 3.000 Rinder). „Wie viele andere große Anwesen in Patagonien wurde auch diese Farm zur Aufzucht von Schafen und Rindern betrieben. Diese Form der Landwirtschaft forderte durch Erosion, Abholzung, Straßenbau, Rodung und Anbau exotischer Pflanzen einen hohen Tribut sowohl vom Land selbst, als auch von den dort wild lebenden Tieren. Im Jahre 2004 allerdings erwarb Kristine Tompkins, ehemalige Geschäftsführerin von Patagonia, das Anwesen durch die gemeinnützige Stiftung Concervación Patagonica, mit dem Ziel, dem Land seinen ursprünglichen Charakter zu verleihen und es dauerhaft zu schützen.“ [Zitat: patagonia.com]

    (Mehr zum Hintergrund und zu den Landnehmern)

    Die Schwierigkeit ist nun, zwischen den endlos vielen Viehtreiberwegen, den angelegten Wanderweg „Sendero Lagunas Altas“ zu finden, auf dem wir unsere Wanderung fortsetzen wollen. Wir kreuzen mehrfach die 1250er Höhenlinie, auf der der Weg irgendwo sein muss und finden ihn. Unterhalb des Cerro Tamanguito führt uns der Weg nun zu den Lagunen. Hier treffen wir auch auf die einzigen drei Wanderer, die uns den ganzen Tag über begegnen. Einsamkeit pur.

    Noch immer scheint die Sonne und verleiht der ersten Lagune auf unserem Weg eine strahlend blaue Farbe. Wir können uns kaum satt sehen, dieses leuchtende Nass inmitten einer steppenähnlichen Umgebung. Die zweite Lagune strahlt ebenso, in einem etwas anderen Farbton und hat sogar einen Namen: Laguna Norita. Nach insgesamt 23 Kilometern suchen wir uns hier etwas abseits des Weges eine schöne Wiese mit Wasserlauf und schlagen unser Zelt auf.


    Gut sichtbarer Wegverlauf.


    Kurz unterhalb vom Pass zwischen Cerro Tamango und Cerro Tamanguito.


    Blick ins Valle Chacabuco und auf die erste Lagune.
    Geändert von Bikerbabe (12.02.2019 um 13:27 Uhr)

  2. Anfänger im Forum

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    AW: [CL] Zu Fuß von Cochrane nach Chile Chico

    #2
    2. Tag, Laguna Norita – Puesto Casa de Piedra, 39 km

    Am morgen ist es bewölkt und nachdem wir unser Zelt abgebaut haben fängt es leicht zu nieseln an. Wir setzen den Laguna Altas Trail entgegen dem Uhrzeigersinn fort und wandern an vielen weiteren Lagunen vorbei. Durch die fehlende Sonne leuchten sie nicht in so schönen Farben wie gestern, sondern sehen eher aus wie ganz normale Teiche, aber der Weg ist so schön angelegt, dass das Wandern trotz des miesen Wetters Spaß macht. Nach etwa sechs weiteren kleinen und großen Lagunen führt der Weg 600 Höhenmeter nach unten ins Tal. Anfangs durch Wälder und dann wieder durch mit kniehohem Buschwerk bewachsene Steppe. Der Weg lässt sich durchweg sehr gut gehen! In Gedanken bekommen die freiwilligen Wegebauer von uns etliche dicke Bienchen! Heute sehen wir auch sehr viele Guanakos, manche galoppieren gleich als Herde davon, eins bleibt unbeirrt auf einem Felsvorsprung stehen, andere verraten sich selbst durch ihr alarmierendes Wiehern. Oft gehen wir nur wenige Meter an ihnen vorbei und können sie beobachten. Unter solchen Umständen ist das schon ein besonderes Erlebnis. Anders als im Torres del Paine Park, wo die Tiere neben der Straße stehen und man sie aus dem Busfenster sieht.

    Nach 12 Kilometern erreichen wir die sog. Administration des Parks, wo auch der Rundweg endet. Von hier führt eine Straße (die X-83) Richtung Osten zur Grenze und über den Paso Roballos nach Argentinien. Bis zum Ausgangspunkt des nächsten Wanderweges durch das Avilés-Tal, sind es für uns 26 km auf dieser Straße, die wir gerne heute noch hinter uns bringen würden. Vom Park selbst fährt heute leider niemand mehr in diese Richtung, erst morgen früh wieder. Kartenmaterial stand in der Info nur in begrenztem Umfang zur Verfügung, zumindest war der Ausschnitt, der uns wichtig ist, nicht verfügbar. Dafür gibt es einige verbale Erläuterungen zu Campingmöglichkeiten und den Hinweis, dass einige Flüsse zu durchqueren sind, knie- bis hüfttief. Da es gerade erst halb zwei ist, machen wir im Vorraum der Informationshalle eine Mittagspause und lassen uns einige Leberwurstbrötchen schmecken. Es nieselt immer noch, mal mehr, mal weniger. Jeder der an uns vorbei läuft (scheinbar alles freiwillige Helfer) spricht uns an, fragt ob man uns weiterhelfen kann und ist ganz euphorisch wenn wir sagen, wo wir hinwandern wollen. Das sei eine wunderschöne Strecke! Aber wir müssen ja erst einmal zum Ausgangspunkt kommen, also machen wir uns auf den Weg. Vorbei an der Laguna Cisnes und der Laguna de los Flamencos. Bei dem Wetter haben sich die Flamingos aber leider alle versteckt. Die Straße ist recht hügelig, trotzdem schaffen wir zehn Kilometer in zwei Stunden. In dieser Zeit überholen uns nur drei Autos. Zwei sind voll besetzt und das deutsche Paar im dritten Wagen wollte gerade wieder wenden und zurückfahren. Die uns entgegenkommenden Autos haben wir irgendwann aufgehört zu zählen. Aber es sind ja nur noch 16 km …, Zeit für eine Pause. Ich hatte schon den Rucksack abgesetzt, da kommt genau in diesem Augenblick von hinten ein Auto. Es ist der Wagen der Polizei, der uns vor etwa einer Stunde entgegen gekommen ist. Kartoffeln, Kürbisse und Möhren werden beiseite geräumt und wir dürfen inmitten der Vorräte mitfahren. Innerhalb von 20 Minuten sind wir am Ziel, am Puesto Casa de Piedra, einem Camp am Steinhaus der Estancia, wo früher die Schafe geschoren wurden. Es gibt einige neu gebaute Unterstellmöglichkeiten mit Sitzgruppe und Schutzwänden an mehreren Seiten. Außer uns ist nur noch ein italienisches Pärchen im Camp, so können wir einen kompletten Unterstand für uns beanspruchen und bauen kurzerhand direkt darin unser Zelt auf. Am Abend fängt es stärker an zu regnen, aber in unserem Unterstand lässt es sich gut aushalten.


    Blick ins Valle Chacabuco Richtung Osten.


    Guanakos ganz nah.


    3. Tag, Puesto Casa de Piedra – Puesto Valle Avilés, 24 km

    Bei herrlichem Sonnenschein starten wir heute am Steinhaus die Wanderung durch das Valle Avilés. Nach 2 km überqueren wir zum ersten Mal den Rio Avilés, noch über eine Hängebrücke. Dann geht es etwa 300 Höhenmeter stetig bergan und wir erreichen nach 8 km die erste Flussquerung. Hier heißt es: Sandalen anziehen und eine Kneipp'sche Kur nehmen. Unweit danach kommt eine weitere Hängebrücke, über die man wieder zum Casa de Piedra zurück wandern kann. Der Fluss „Rio Avilés“ hat sich hier 34 Meter tief in den Fels eingeschnitten und einen etwa 30 Meter breiten Canyon geschaffen. Wir gehen jedoch weiter talaufwärts. Herrliche Wiesen und Wälder durchwandern wir auf liebevoll angelegten Pfaden. Vorbei geht es an einer verlassenen Gauchohütte mit undichtem Dach, wo wir rasten. Kurz darauf signalisiert uns ein Steinmann die zweite Kneipp'sche Kur. Knietiefes Wasser, stärkere Strömung und schon etwas breiter, doch auch diesen Seitenfluss queren wir mit verzerrtem Gesicht. Jetzt wandern wir mit mollig warmen Füßen durch dichten Südbuchenwald. Es ist nicht mehr weit bis zu unserem Camp, die Uhr zeigt Punkt 19 und mit den Gedanken sind wir schon beim Abendessen.

    Doch was ist das? Ein erneutes, noch nicht sichtbares lautes Rauschen dringt an unsere Ohren und die Gedanken an das Abendessen wechseln in die an eiskaltes Wasser. Wir stehen vor dem Rio Avilés, doch dieses Mal ohne Brücke. Fünf Meter breit, mit sehr starker Strömung und an beiden Ufern ein großer Steinmann, so präsentiert sich uns die Stelle, die wir queren sollen. Kaum mehr Sonne, ein kalter Wind und wir bereiten uns auf die Querung vor. Da stehen wir nun, mit Rucksack und in Unterhose, mit unseren weißen Beinen. Wie tief wird es sein? Mein Bester macht einen Versuch und schafft es bis zur Mitte. Die Unterhose wirkt nun wie eine Windel. Die Strömung ist zu stark, er findet keinen richtigen Halt mehr mit den Füßen und kehrt um. Wir wollen flussaufwärts nach einer anderen Möglichkeit suchen, notfalls müssten wir hier zelten und morgen früh einen neuen Versuch starten, wenn der Fluss eventuell noch nicht so viel Wasser führt. Doch wir werden fündig. Zwar müssen wir nun drei Mal durchs Wasser, da der Fluss hier mehrfach verzweigt ist, dafür ist die Strömung geringer. Als wir das gegenüberliegende Ufer erreichen sind unsere Füße so rot, wie man es sonst nur vom Sonnenbrand kennt, doch hier war es die Kälte. Als wir nach einer halben Stunde das Camp erreichen, ist uns wieder warm. Mitten im Wald, auf 880 m, gibt es einen windgeschützten Lagerplatz mit kleinem Unterschlupf aus schräg angelehnten Baustämmen. Hier bauen wir unser Zelt auf und können uns endlich dem Abendessen widmen.


    Beim Aufstieg ins Valle Avilés, ein letzten Blick zurück ins Valle Chacabuco.


    Guanakos im Valle Avilés.


    Die erste Flussquerung.


    4. Tag, Puesto Valle Avilés - Gauchowiese, 35 km

    In einer traumhaften morgendlichen Stille verlassen wir den Lagerplatz. Erste Sonnenstrahlen scheinen durch den dichten Wald bis auf den Boden. Wir genießen die Einsamkeit. Es vergeht eine Stunde und wir passieren einen weiteren sehr schönen Lagerplatz, das Puesto Limite. Hier ist die Grenze zum Reserva Nacional Lago Jeinimeni, dem letzten der drei Parks. Ab jetzt sind orange Bändchen in großen Abständen als Wegweiser um Bäume und Sträucher gebunden. Nach stetigem bergauf und bergab erreichen wir das Valle Hermoso. Wir stehen am Waldrand und vor uns ein breites Flussbett. Natürlich im Bettchen ein verzweigter Fluss. Wir wissen genau was auf uns wartet. Doch wie oft, wie tief, wie kalt, wie breit und wie schnell noch nicht. Ein rot bemalter Holzpfahl markiert den Eingang vom Wald ins Flussbett bzw. umgekehrt. Wir wissen, dass wir uns die nächsten fünf Kilometer rechts halten müssen, bis der zwischendurch noch mehrfach gespeiste Fluss in den Lago Verde mündet. Nach den ersten drei Flussquerungen lassen wir die Sandalen gleich an. Alle weiteren Querungen sind gut machbar und wir haben irgendwann aufgehört zu zählen. Entgegen dem Hinweis der Info Valle Chacabuco, auf einen unmarkierten Weg, weisen uns rote Pfähle in regelmäßigen Abständen die Richtung. Kurz vorm Lago Verde kommen wir an einem schönen Zeltplatz mit Schutzhütte vorbei (Camping Valle Hermoso), von dem wir leider ebenfalls nichts gewusst haben. Kurz darauf stehen wir direkt vor der türkis leuchtenden Lagune mit ihrem kristallklaren Wasser. Doch nun muss noch der Zufluss durchquert werden. Beim knietiefen Durchwaten sehen wir unsere Zehenspitzen, so ruhig und sanft fließt das Wasser dahin. Am Ufer des Lago Verde gönnen wir uns eine große Pause und kochen einen Topf Spirelli mit Tomatensoße. Denn der Weg zum Ziel ist noch weit und führt als nächstes über einen Pass (Cordón la Gloria). Auf der anderen Seite geht’s die eben aufgestiegenen Höhenmeter wieder nach unten, ins Tal des Estero la Gloria. Zu unserer Überraschung müssen wir den, sich durch dieses Flussbett schlängelnden Fluss ebenfalls unzählige Male queren. Markierungen gibt es diesmal keine. Allerdings können wir die Wanderschuhe anlassen und entweder von Stein zu Stein springen oder durchrennen. Durch Zufall sehen wir nach etwa zwei Kilometern am rechten Ufer einen großen Steinmann und tatsächlich beginnt hier am Waldrand ein Pfad. Nach etwa einem Kilometer durch den Wald stoßen wir auf einen Fahrweg, der uns direkt zu einer Furt führt. Für Geländewagen vielleicht noch gut passierbar, für uns eine große Herausforderung. Zehn Meter breit und hüfttief, mit sehr starker Strömung. Doch noch scheint die Sonne, wir hatten einen superschönen Tag und sind motiviert, die fehlenden acht Kilometer bis zur Guardería heute noch zu wandern. Ich geh zuerst. Das Wasser wird tiefer und tiefer, die Unterhose ist schon nass, die Trekkingstöcke sind bei der starken Strömung auch keine Hilfe mehr. Hochkonzentriert setze ich einen Fuß vor den anderen, Hauptsache er steht. Am anderen Ufer ist das Wasser immer noch hüfttief. So ein Mist! In der Strömung weiter flussabwärts wandern? Nein! Über die stacheligen Calafatesträucher wälze ich mich an Land. Mein Freund folgt und quert gleich ein bisschen schräg, für einen angenehmeren Ausstieg. Nun springe auch ich nochmal in die Fluten, um den gleichen Ausgang zu erreichen und erspare mir somit den Landweg durch noch viel mehr stachlige Calafate. Damit hätten wir sie also geschafft, die seit über 50 km gefürchtete, hüfthohe Flussquerung. Die folgenden Kilometer entlang des Südufers des Lago Jeinimeni vergehen wie im Flug. Der Weg verläuft nun direkt auf dem Fahrweg, ohne Höhenunterschiede. So haben wir sogar noch ein Auge für die Farben der umliegenden Berge, die im Licht der untergehenden Sonne in den schönsten Rot- und Grüntönen strahlen. Nach 32 gelaufenen Kilometern erreichen wir am Ende des Sees die Nationalparkverwaltung. Ein Ranger wollte gerade mit seinem Auto losfahren, leider nicht nach Chile Chico, sondern nur zu seinem 300 m entfernten Wohnhaus. Damit wir nicht den teuren Campingplatz bezahlen müssen, bietet er uns an, uns drei Kilometer zur Grenze des Reservats zu fahren. Zusammen mit seinem Vater und seinem Sohn steigen wir in den Wagen ein. Unterwegs hält er plötzlich mit einer Vollbremsung an und sagt: „Dort, ein Fuchs bei der Jagd!“. Langsam rollen wir weiter und halten erneut. Rechts im Wald können wir den Fuchs beobachten, der den noch zappelnden Hasen mit einem Kehlbiss im Maul hält. Er hatte also Erfolg. Der Ranger filmt das Ganze und freut sich über dieses Erlebnis, ebenso wie alle anderen Fahrzeuginsassen. Das von ihm vorgeschlagene Nachtlager entpuppt sich als traumhafter Zeltplatz. Normalerweise würden hier die Gauchos übernachten. Eine große Wiese direkt am Waldrand mit mehreren Feuerstellen. Wir bauen unser Zelt auf und lassen uns bei einem kleinen Lagerfeuer das späte Abendessen schmecken.


    Blick zurück ins Valle Hermoso und auf den Lago Verde.


    5. Tag, Gauchowiese – Chile Chico, 51 km

    Zeitiger Aufbruch, los geht’s! Trotz Sonnenbrand auf den Füssen und etlichen Scheuerstellen von den Sandalen wollen wir heute zu Langstreckenwanderern werden, wenn es sein muss 51 Kilometer. Morgen früh um neun fährt von Chile Chico der Bus zurück nach Cochrane. Der nächste erst in vier Tagen. Unser Ziel ist also klar. Wir marschieren los. Ewige staubtrockene Weite, die Pampa. Die Sonne prasselt. Das wird hart. Die Straße verschwindet irgendwo am Horizont. Das ist sch…-weit.

    Marschieren, marschieren, marschieren. Wir schaffen sechs Kilometer pro Stunde und marschieren weiter. Plötzlich hören wir von hinten ein Auto. Es ist ein VW GOL (ohne F) mit einem argentinischen Pärchen auf dem Weg nach Chile Chico. Wie passend. Nachdem wir beim umpacken helfen (das Auto war natürlich „voll“), nehmen wir auf der Rückbank Platz. Zwischen Hula-Hoop-Reifen, Bettdecken und unseren großen Rucksäcken schauen nur noch unsere Köpfe hervor. Noch vor dem Mittag sind wir in Chile Chico und bedanken uns bei Axel und Tanja fürs Mitnehmen. Morgen geht’s dann mit dem Bus zurück nach Cochrane.
    Geändert von Bikerbabe (12.02.2019 um 12:49 Uhr)

  3. Gerne im Forum

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    AW: [CL] Zu Fuß von Cochrane nach Chile Chico

    #3
    Vielen Dank, das habe ich gerne gelesen! Auch mit wenigen Bildern sehr eindrucksvoll.

  4. Anfänger im Forum

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    AW: [CL] Zu Fuß von Cochrane nach Chile Chico

    #4
    Vielen Dank für den Bericht.

    Er hat mir generell sehr gut gefallen

    Ich hätte mir etwas mehr Absätze gewünscht, aber vielleicht liegt das auch nur an meiner Unfähigkeit am Bildschirm längere Texte konzentriert zu lesen.

  5. Anfänger im Forum

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    AW: [CL] Zu Fuß von Cochrane nach Chile Chico

    #5
    Danke für die Kritik.

    Ich hatte auch so meine Mühe den Bericht überhaupt online zu bekommen. Als ich alles fertig hatte und auf Erstellen geklickt habe, musste ich mich plötzlich neu einloggen und da war auf einmal alles wieder weg.
    Da hätte ichs am liebsten gleich gelassen.

    Dann hab ichs erstmal in Word zrecht gemacht.
    Wenn man das selber schon 20mal gelesen hat, dann fällt das mit den fehlenden Absätzen irgendwie gar nicht auf.
    Die müssen irgendwie beim kopieren aus Word abhanden gekommen sein... Vielleicht korrigiere ich das bei Gelegenheit nochmal.

    Fotos hab ich noch mehr, aber irgendwie gabs beim Upload immer eine Fehlermeldung. Deswegen konnte ich erstmal nur die wenigen nehmen und verlinken, die ich damals an unsere Family geschickt habe.
    Ich werd mich da nächste Woche nochmal dran setzen.

  6. Erfahren
    Avatar von Voronwe
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    AW: [CL] Zu Fuß von Cochrane nach Chile Chico

    #6
    Zitat Zitat von adriano Beitrag anzeigen
    Ich hätte mir etwas mehr Absätze gewünscht, aber vielleicht liegt das auch nur an meiner Unfähigkeit am Bildschirm längere Texte konzentriert zu lesen.

    Auch von mir vielen Dank für den Bericht, beim letzen Bild dachte ich spontan: "Peyto Lake? Wir sind doch in Chile und nicht in Kanada"

    Das mit den Absätzen ist mir auch aufgefallen, da ist adrino aber nicht alleine. Es ist generell sehr schwer, längere Texte ohne Absatz zu lesen, Absätze bieten die Gelegenheit, die Gedanke mal kurz auszuruhen, und vor allem schnell wieder zu finden, wo man war.
    Ist wie beim Klettern: An der steilen Wand freut man sich ja auch über gelegentliche Vorsprünge, an denen man verschnaufen kann.

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