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    [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #1
    Mitreisende: agricolina
    Reiseberichtpremiere, unspektakuläre Tour und Handyfotos - bitte um Nachsicht



    Prolog

    Zufällig wirft mein Hausarzt vergangene Woche einen Blick auf meine Hand und wird stutzig. „Das sieht nach Fehlstellung aus“, sagt er nach kritischem Blick auf den kleinen Finger der linken Hand. „Lass' den lieber röntgen“, rät er. „Bringt doch nichts mehr“, sage ich. Wenn er gebrochen war, ist er längst zusammengewachsen – schief, wie es aussieht. Ist es die Kapsel, dauert es eben...Wahnsinn, drei Monate ist das her, und der Finger schmerzt noch immer. Und erinnert mich jeden Tag daran, dass man manchmal für die kleinen Fluchten gar keine großen Reisen machen muss.

    Miese Anbindung an den ÖPNV, lange Pendelei zur Arbeit in die Landeshauptstadt. Ich hadere oft mit meinem kleinen Dorf am Rand vom Nordschwarzwald, so sehr ich die Landschaft auch liebe. Mit meinem Frisör (in der Stadt) streite ich jedes Mal über Vor- und Nachteile von Stadt- und Dorfleben. Aber was er halt als überzeugter Stadtmensch nicht kann: Vor die Tür gehen und draußen sein. Einfach durch Weinberge und Streuobstwiesen los und in den Schwarzwald reinlaufen. Drei Ortschaften südlich von meinem Dorf verläuft der Westweg. Klar, dass 2018 die neuen Trekking-Camps im Schwarzwald auf die Liste kamen. Endlich mal legal in Wald und Zelt übernachten – mit Hund! Die bisherigen Rückmeldungen über die Camps im Forum hier und anderswo waren durchwachsen. Es wird Herbst, bis ich mir selbst ein Bild machen kann.

    Sechs Trekking-Camps gibt es jetzt. Die drei nördlichen Camps Grimbach, Seibelseckle und Erdbeerloch sollten es erstmal sein, in dieser Reihenfolge. Wer nicht erst lange lesen mag: Eine Kurzbeschreibung der Camps findet sich hier ganz am Ende.

    Der Plan: Von Forbach aus, wo ich recht schnell bin, eine schöne Tagestour über den Herrenwieser See zum Camp Grimbach. Anfang Oktober dann endlich ein kurzes Zeitfenster, das Wetter gut, freie Tage möglich – aber das Camp Grimbach, in der Nähe von Baden-Baden, ist wieder einmal ausgebucht, alle drei Plätze belegt. Die Camps sind, nach dem Vorbild der Naturlager und Camps in den anderen Bundesländern – online buchbar und bieten jeweils Platz für nur drei Zelte à zwei Personen. Ein Zelt kostet pro Nacht 10 Euro, im Voraus bezahlbar, und man darf nur eine Nacht bleiben. Die Wochenenden und Brückentag-Kombinationen waren das ganze Jahr über immer dann, wenn ich geschaut habe, für alle Camps praktisch komplett ausgebucht. Die Nachfrage ist offensichtlich groß.

    Das Camp Grimbach also ist in der ersten Oktoberwoche mit dem Feiertag komplett dicht, ich bekomme nur am Freitag für das Seibelseckle und am Samstag für das Erdbeerloch noch jeweils den letzten Zeltplatz. Hm, Wochenende, nicht so toll, weil immer viel los im Schwarzwald...aber gut. Also einen Tag mehr gearbeitet und umgeplant, nur zweieinhalb statt vier Tage also, das Camp Grimbach will ich später nachholen. Weil ich zuhause später loskomme als geplant, starte ich nicht, wie geplant, an der Schwarzenbachtalsperre, sondern erst gegen Mittag im Flecken Herrenwies.


    5. Oktober

    Herrenwies – Hornisgrinde - Camp Seibelseckle

    16,7 km - 954m /\883 m



    Start am Dorfplatz Herrenwies

    Bis mal wieder alles im Rucksack ist...halb zwölf ist es schon, als ich das Auto auf dem Dorfplatz in Herrenwies abstelle. Rund 16 Kilometer Strecke und keine 1000 Höhenmeter sind es bis zum Camp Seibelseckle, die Route führt über ein paar Höhen und den höchsten Berg im Nordschwarzwald, die Hornisgrinde. Aber für die Strecke sollten die restlichen sechs Tageslichtstunden allemal reichen. Mein für zweieinhalb Tage gepackter Maven wiegt immerhin etwa 12 Kilo, davon trage ich gut zwei Kilo für meinen Hund (Futter + Snacks, Leine, Leinensack am Hüftgurt, Hundedecke und 1/3 Z-Lite). Noch darf Coco den Rucksack nicht tragen, aber nächstes Jahr... :-) Meine Laune ist prächtig, endlich geht’s wieder los! So lange habe ich das schon vor, endlich mal eine Übernachtungstour quasi vor der Haustür zu machen.

    Auch das Wetter spielt mit – aber leider ist es eigentlich viel zu gut. Regen ist nicht angesagt. So schwant mir schon am Startpunkt in Herrenwies, was mich die nächsten Stunden begleiten wird: Motorradlärm. Ganze Rudel von Zweiradfahrern, die sich an der Schwarzenbachtalsperre sammeln, freuen sich auf ihre Art am Wetter und den perfekten Motorradstraßen hier – kurvenreich, bergig, eher wenig Autoverkehr und Ortschaften. Das penetrante Hochdrehen der Motoren, Abbremsen und Schalten ist selbst im Wald in einiger Entfernung zum Teil körperlich spürbar und trägt wenig zu meiner Entspannung bei. Die Mountainbiker sperren sie mit Rücksicht aufs Wild aus dem Nationalpark aus, die Motorräder brettern auf der Straße legal mitten durch? Manches verstehe ich nicht. Ich hätte es ja wissen können, maule ich mich selbst an. Ich wollte ja unbedingt hier entlang zum Camp.


    Schöner Pfad zum Sandsee


    Sandsee


    Rein in den Nationalpark, raus aus dem Nationalpark...

    Aber der Herbstwald leuchtet und macht mich ganz farbbesoffen. Los geht’s auf schönstem Pfad vorbei am Sandsee hinauf zum Sand. Hier oben treffe ich auf den Westweg und auf der Straße auf noch mehr Motorradfahrer. Bitter, dass der Westweg bis zum Hundseck parallel oberhalb der Schwarzwaldhochstraße/B500 verläuft und sich auch danach nicht deutlich entfernt. Wie zur Strafe zwingt mich dann eine Umleitung auch noch auf den Fahrradweg: Wegen Forstarbeiten ist der Westweg gesperrt. Und weil die Arbeiten hörbar sind und krachend Bäume fallen, halte ich mich grummelnd auch an die Sperre.


    Schöner Wohnen im Schwarzwald...Für mich heißt es hier: Umweg

    O.T.: Das mit den Fahrrädern ist auch so eine Sache inzwischen. Ohne Ende wird derzeit Infrastruktur in Form von MTB-Autobahnen in den Schwarzwald gesetzt. Oft werden die vorhandenen Wanderpfade dafür einfach verbreitert und begradigt, zum Teil fein geschottert. Im neuen Nationalpark-Gebiet kommt eine verschärfte Variante dazu: Das bestehende Wegenetz von rund 1600 km bislang frei begeh- oder befahrbaren Wegen wird derzeit auf knapp 400 km zurückgefahren. Täglich gibt es neue Konflikte zwischen Fußgängern und Fahrradfahrern, die plötzlich zusammengepfercht werden, wo sie sich bisher aus dem Weg gehen konnten. Zunehmend sind zudem E-Mountainbiker unterwegs, die es genießen, motorisiert viel längere Touren zurücklegen zu können als bisher. Aber die sind gnadenlos, vor allem abwärts haben die ein irres Tempo drauf, viele haben weder Klingel noch Hupe und erwarten, dass Fußgänger allein beim sich nähernden Geräusch der Breitreifen oder bestensfalls einem „Achtung“ zur Seite springen, damit sie ja nicht bremsen müssen. Mit Hund gibt es oft schwierige Situationen, weshalb ich Fahrradwege meide, wo es nur geht.

    Kleines Schmankerl am Rande: Vor kurzem kam mir auf einer Sonntagstour am Westweg nahe der Schweizerkopf Hütte ein älterer Mann, mindestens Ende Sechzig, auf einem E-Bike entgegen, offensichtlich ein Leihrad der ersten Generation. Hinten an der Wegbiegung tauchte kurz drauf laut rufend seine bessere Hälfte auf. Der Mann drehte nach einigem Hin und Her vor sich hin schimpfend um und fuhr zurück. Als ich näher kam, hörte ich schon die zunehmend verzweifelte Debatte. Er: „Des koa net sei'.“ Sie: „Doch, da guck' doch.“ Er: „Grad war's doch no ganz voll.“ Sie“: „Jetzt isch abr ganz leer, guck doch, koi Power, gar nix meh“. Zugegeben, das Grinsen konnte ich nicht ganz unterdrücken, als ich vorbeimarschierte. Wie die woh mit dem leeren Akku wieder in die Zivilisation gekommen sind?




    Viel Gegend hier - Blick nach Nordwesten.

    Aber zurück zur Tour. Der Schwarzwald kann nichts dafür und schmeißt sich mächtig in Schale, um meine Laune zu heben. Immer wieder gibt es großartige Blicke nach Westen in die Rheinebene hinaus, jenseits des Rheintals am Horizont im Dunst die Vogesen. Zu Fuß ist kaum jemand unterwegs, und auch die radikalen Radfahrer strampeln sich heute nicht an mir ab. Der Hund freut sich, der Rucksack drückt nicht, die Beine sind gut, der Kopf wird zunehmend frei. Ich bin immer wieder verblüfft, wie schnell ich so komplett in ein andere Existenz tauche, sobald ich den Rucksack auf- und eine kleine Tour vor mir habe. Das „normale“ Leben scheint dann in kürzester Zeit nicht nur ein paar Kilometer, sondern Lichtjahre entfernt.

    Im Anstieg zum Hochkopf reißt mich aber eine Begegnung der verzichtbaren Art aus meinen Gedanken. Der einzelne Mann, der mir da entgegenkommt, sieht schon aus der Ferne merkwürdig aus. Er ist groß, sehr dünn, trägt schwarze Kleidung, die Arme und Waden freilässt. Die Haut der nackten Arme und Beine leuchtet aus der Entfernung schneeweiß. Auf dem Rücken trägt der Mann einen kleinen silbernen Rucksack, der an ihm irgendwie albern aussieht. Gerade in Grußweite schaue ich ihm hinüber, da wendet er rasch den Blick ab und stiert mit unbewegter Miene an mir vorbei. Diese weiße Haut graust mich, als ob sie noch nie am Licht war. Ich rufe meinen Hund bei Fuß, und im Vorbeigehen gefriert mir fast das Blut, als ich erkenne, was der Typ in den Händen hält: rechts einen kindskopfgroßen Stein, aus der linken Faust baumeln lang die zwei Enden eines daumendicken Stricks.


    Ich schnappe nach Luft, kralle meine Stöcke fest, ziehe das Genick ein und schieße die nächsten Meter die Steigung hoch, so schnell ich kann, bevor ich mich traue, einen Blick über die Schulter zurück zu werfen. Der Typ ist stehengeblieben an der Bank, die ich gerade passiert habe, und schaut in meine Richtung. Oder bilde ich mir das nur ein? Da sehe ich hinten am Wege eine andere Wandergestalt mit Rucksack um die Ecke kommen. Gerettet, ich bin nicht mehr allein hier. Mir fällt ein Zentnergewicht vom Herzen und ich sehe zu, dass ich weiter den Berg hochkomme.

    Die Wandergestalt stellt sich einige Zeit später als Westweg-Wanderin heraus, die mich am Hochkopf überholt und später Pause einlegt an einer Rastbank in der Grindenlandschaft, wo ich wieder auf sie stoße. Wir unterhalten uns ein wenig und gruseln uns über diesen merkwürdigen Typen, der mit Stein und Strick im Wald herumgeht. Seine „Bewaffnung“ war ihr zuerst gar nicht aufgefallen. Nichts ist passiert, aber wir beide haben uns unwohl gefühlt, ich noch deutlich mehr als sie. Eigentlich bin ich nicht von der furchtsamen Sorte, und da ist ja noch mein Hund. Trotzdem. Ich habe noch länger darüber nachgedacht, ob ich dem Mann wohl unrecht getan habe mit meinem unguten Gefühl...

    Über den Murrkopf und einen Traumpfad im Wald geht’s weiter hinauf zum Ochsenstall, heute kein Stall mehr, sondern eine Ausflugs- und Skihütte. Hier gibt es für mich erst mal zwei große Apfelschorle und ein Päuschen.


    Pfad durch herrlichen Wald


    Ochsenstall

    Schließlich wartet noch der Anstieg zur Hornisgrinde. Endlich ist es ruhig, die Schwarzwaldhochstraße nicht mehr hörbar. Die Heidelbeersträucher leuchten in ihren Herbstfarben, der Himmel ist stahlblau, die Sonne spätsommerwarm. Ein Wermutstropfen: Im ganzen Nationalparkgebiet herrscht jetzt Leinenpflicht. Aber auf den schmalen Pfaden ist kaum ein Nebeneinander möglich, mit Leine ist es einfach oft eine dumme Stolperei, das Ding verhängt sich an Büschen oder Steinen oder ich trete drauf. Hund und Mensch sind leinengenervt.


    Grindenlandschaft - mühsam mit Leine


    Herrlicher Heidelbeerherbst


    Zwischenziel in Sicht - Sender auf der Hornisgrinde

    Dann endlich die Grinde, 1163 Meter, höchster Punkt im Nordschwarzwald. Kein Berg mit Spitze, sondern weite, verbuschte Hochfläche – die Grindenlandschaft - , leider verunstaltet von einem riesigen Sender. Sendemast und den alten Turm kenne ich gut aus der Luft, mit dem Gleitschirm bin ich hier vom Merkur in Baden-Baden aus schon hergeflogen. Heute ist kein Schirm weit und breit, es ist zu spät im Jahr für brauchbare Thermik.


    Alter Turm

    Nach ein wenig Seele baumeln lassen und Sightseeing geht der Weg hinab zum Dreifürstenstein. Hier, am höchsten Punkt Württembergs (der praktisch mitten in Baden liegt), habe ich dann die nächste merkwürdige Begegnung: An der Lichtung und Wegkreuzung rund um den Stein steht etwa ein Dutzend Menschen mittleren oder höheren Alters stumm und unbeweglich verteilt im Wald. Eine Frau umarmt einen Baum. Die anderen stehen wie eingefroren und scheinen auf etwas zu lauschen, das ich nicht höre. Mein Hund schaut mich fragend an. Vorsorglich knurren oder nicht? ich bin ratlos. Bedrohlich sehen die Gestalten nicht aus, also nehme ich den Weg zwischendurch und frage naiv einen Bärtigen, an dem ich vorbeigehe: „Ist hier etwas Besonderes?“ Er wirft mir einen strengen Blick zu und sagt: „WIR sind hier.“ Ah ja, soso. Da habe ich wohl eine spirituelle Waldmeditation gesprengt. Heute scheint ein Tag der speziellen Begegnungen zu sein...

    Für die letzten Kilometer geht es nun nur noch bergab durch den Wald. Die Spannung auf das Camp steigt, das Ziel rückt näher. Beim Seibelsbrunnen neben dem Parkplatz am Skilift fülle ich mein Wasser auf.


    Wasserfassen am Seibelseckle

    Hier beginnt auch die „letzte Meile“ zum Camp, die Beschreibung und Koordinaten bekommt man mit der Buchung zugeschickt. Trotz GPS-Track nehme ich erst mal den falschen Weg, weil mich die Beschreibung verwirrt und das Wegeschild eindeutig zweideutig auf zwei mögliche Pfade zeigt. Das gibt noch einen extra-Kilometer heute.

    Aber schließlich, nach 20 Minuten im Wald abwärts, taucht linker Hand eine recht neue Schutzhütte auf. An der Feuerstelle machen sich zweieinhalb Männer zu schaffen, einige Meter weiter führt ein kleiner Pfad mitten in den dichten Wald hinauf. Das Camp Seibelseckle. Dort passiere ich eine Holzplattform, auf die schon ein stattliches Tunnelzelt gequetscht wurde. Das war Millimeterarbeit. Zwei weitere Plattformen stehen im Abstand von ca. 6-8 Metern zueinander, jeweils von Bäumen und dichtem Buschwerk eingefasst und gegeneinander etwas abgeschottet. Man sieht gerade so den Zeltstoff durch die Büsche. Ich schiele nach Osten und suche mir die Plattform aus, von der ich mir ein paar Minuten eher Morgensonne erhoffe.


    Camp erreicht - Plattform in Besitz genommen.

    Ein paar Meter weiter den dichten Wald hinauf steht das Holz-Toilettenhäuschen, ordentlich beschildert, ein sehr sauberes, schickes Öko-Kompost-Klo mit reichlich Toilettenpapiervorrat. Sogar zwei Besen stehen parat (das müssen Schwaben gewesen sein...), es ist sauber drin und riecht angenehm nach Holz und dunkler Komposterde, die im großen Eimer bereitsteht.
    Den aktuellen Code für das Zahlenschloss des Toilettenhäuschens, der auch für die Kiste mit Feuerholz und die Feuerschale an der Schutzhütte gilt, bekommt man bei Buchung zugeschickt. Der Code wird in der Saison immer wieder verändert, um unangemeldete Dauermieter zu verhindern.


    Sehr stilles und schönes Örtchen, ordentlich beschildert

    Es ist fast still hier, kein Fahrzeuglärm, nur Waldgeräusche. Für die Geräuschkulisse sorgen nur meine zweieinhalb Campnachbarn, die großartig an der Hütte Feuer machen und dafür sorgen, das jeder Waldbewohner im Kilometerradius von dieser Heldentat Kunde erhält. Männer halt...

    Mein kleines freistehendes Chinook passt bestens auf die Plattform, mit einem größeren Tunnel wie die Nachbarn muss man hier schon etwas improvisieren. Zum Abspannen sind die Planken der Plattform außen seitlich versetzt, so dass man Leinen einhängen könnte, und der eine oder andere Hering würde wohl auch zwischen die Bohlen passen. Aber dennoch: Für größere, nicht freistehende Zelte sind die Plattformen eher ein Abspann-Gemurkse.


    Camp steht.

    Ich bin schnell eingerichtet, Schlafstätten für Mensch und Hund sind bereitet, der Magen knurrt. Zeit fürs Abendessen. Ich freue mich dann auch übers das schön prasselnde Feuer der Jungs, setzte mich mit meinem Essen dazu und spende reichlich Lob.

    Die Temperatur kühlt schnell ab, die Tage sind kurz geworden. Stirnlampe ist Pflicht. Rundum ist stockdunkler Wald. Die drei sind aus Heidelberg hier runtergefahren und machen ein Männerwochenende in der Natur, damit der fünfjährige Sohn des Einen das auch mal erlebt. Entsprechend aufgeregt kräht der Kleine bis in die Nacht noch im Zelt über alles und jedes, bis er schlagartig quasi mitten im Satz verstummt. Da war's dem Nachtkrapp dann wohl auch zuviel...

    In der Dämmerung war zuvor noch ein Rucksack-Pärchen angekommen. Ruckzuck stand ihr Zelt auf der dritten Plattform, sie verschwanden drin und waren nicht mehr gesehen.

    Später im Zelt, in den Schlafsack gekuschelt, der Hund schnauft warm an meiner Seite, komme ich zur Ruhe. Endlich Stille um mich, nur Waldgeflüster, Rascheln, Knacken. Bin ich wirklich nur 40 Kilometer Luftlinie weg von zuhause? Es fühlt sich an wie ein anderer Planet. Gut, wieder draußen zu sein. Aber ich denke auch an Steine und Stricke und blasse Männer im Wald. Und schlafe schlecht, wie immer in den ersten Nächten unterwegs.


    ...tbc...
    Geändert von agricolina (19.01.2019 um 14:30 Uhr)

  2. Erfahren
    Avatar von TEK
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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #2
    Danke Dir für den sehr schön geschriebenen Reisebericht, agricolina. Nichts, wofür man sich im Vorhinein entschuldigen müsste.

  3. Fuchs

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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #3
    Ich freue mich dann auch übers das schön prasselnde Feuer der Jungs, setzte mich mit meinem Essen dazu und spende reichlich Lob.
    Das ist sehr rücksichtsvoll von dir! (Man kann wirklich drauf wetten, an solchen Orten findet sich immer ein Typ, der eine durchdringende Dröhnstimme an den Tag legt und die ganze Umgebung beschallt - natürlich ohne es zu merken bzw.: die finden das normal)

  4. Erfahren

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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #4
    Zitat Zitat von TEK Beitrag anzeigen
    Danke Dir für den sehr schön geschriebenen Reisebericht, agricolina. Nichts, wofür man sich im Vorhinein entschuldigen müsste.
    Vielen lieben Dank!

    ...na ja, es war hier ja auch schon an anderer Stelle eher kritisch zu lesen, sich manche Berichte aus manchen Gegenden wiederholen und die Leute wenig anderes schreiben würden, als wie das Wetter war, wo sie lang sind, was sie gegessen haben und dass sie sich trotz GPS verlaufen haben. Viel mehr hab ich auch kaum zu bieten. Und verlaufen hab' ich mich auch, Schande über mich...lost im Schwarzwald, wie peinlich...

    Aber trotzdem freue mich sehr über eine Rückmeldung!

    Zitat Zitat von Katun Beitrag anzeigen
    Das ist sehr rücksichtsvoll von dir! (Man kann wirklich drauf wetten, an solchen Orten findet sich immer ein Typ, der eine durchdringende Dröhnstimme an den Tag legt und die ganze Umgebung beschallt - natürlich ohne es zu merken bzw.: die finden das normal)
    Pfffhhh, wie wahr. War später am Schliffkopf noch ärger. Die merken es wirklich nicht. Nett waren sie dann trotzdem. Und der Kleine war so stolz auf das Feuer und seine Wurst, die er da am Stecken drüber braten konnte. Da kann Frau auch mal das Nudelholz stecken lassen .
    Geändert von agricolina (14.01.2019 um 00:27 Uhr)

  5. Alter Hase
    Avatar von codenascher
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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #5
    Ein schönes Erstlingswerk ohne viel Feuerwerk, aber auch sowas lese ich gerne. Danke fürs teilen.

    Bin im Wald, kann sein das ich mich verspäte

    meine Weltkarte

  6. Liebt das Forum
    Avatar von Vegareve
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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #6
    Zitat Zitat von agricolina Beitrag anzeigen

    ...na ja, es war hier ja auch schon an anderer Stelle eher kritisch zu lesen, sich manche Berichte aus manchen Gegenden wiederholen und die Leute wenig anderes schreiben würden, als wie das Wetter war, wo sie lang sind, was sie gegessen haben und dass sie sich trotz GPS verlaufen haben.
    Nörgler gibts immer . Trotzdem ist keine Reise gleich wie die andere .
    "Niemand hört den Ruf des Meeres oder der Berge, nur derjenige, der dem Meer oder den Bergen wesensverwandt ist" (O. Chambers)

  7. Erfahren

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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #7
    6. Oktober

    Camp Seibelseckle – Ruhestein – Schliffkopf – Camp Erdbeerloch

    20,8 km - 870 m /\ 860 m

    Als ich am nächsten Morgen in den Tag blinzle, ist das Pärchen samt Zelt schon wieder weg, die Jungs schon am Packen. Wir sind die Letzten, die aufbrechen. Ich lasse mir Zeit. Das Wetter ist prächtig, die Luft spätherbstkühl. Es geht zurück zum Parkplatz, und dann, bitter, verläuft der Weg ein paar Kilometer direkt parallel der Schwarzwaldhochstraße. So schön Pfad, Landschaft und Blick auch sind – Motorradfahrer sind Frühaufsteher, zumal samstags. Meine Phantasie kreist darum, was genervte Rucksackwanderinnen so alles anstellen könnten, um die Motorräder zum Schweigen zu bringen.
    Endlich biegt der Weg ab Richtung Darmstädter Hütte. Es wird ruhig. Jetzt ist der Tag wunderbar, auch wenn zunehmend Tagesausflügler unterwegs sind.

    Oberhalb des Wildsees verstaue ich meinen Rucksack im Wald und klettere hinunter. Der Wildsee liegt tief unten in einem Bannwald, von dem Mensch und Forst seit über 100 Jahren die Finger lassen.


    Blick auf den Wildsee

    Das sieht tatsächlich ein wenig nach Ur-Wald aus. Es wird dunkler, kaum Licht fällt durch die hohen Baumkronen. Felsen, Steine, Moose, Flechten, Pilze, Bruchholz in verschiedenen Stadien der Zersetzung. Der Weg hinab ist zum Teil anspruchsvoll, weil rutschig, und wird nur notdürftig frei gehalten. Ein wenig Baumstamm-Geklettere gehört dazu. Aber als ich unten ankomme, beschließe ich spontan, nie wieder bei gutem Wetter und Wochenende an Touristenspots im Schwarzwald zu gehen. Der freie Platz am Ufer des Natur-Kleinods ist besetzt von etwa zwei Dutzend fröhlichen jungen Leuten, die ihre Bluetooth-Boxen großflächig verteilt haben, den Wildsee beschallen und sich ihres Lebens freuen.

    Ich fasse es nicht und suche mir ein Plätzchen so entfernt wie möglich.


    Die Idylle trügt...

    An diesem mystischen Ort stellt sich gar nichts außer Unmut bei mir ein. Wo sind sie denn hier, die Nationalpark-Hüter? Bald gestellt sich ein älteres Pärchen zu mir und packt das Vesper aus. Die Frau ist unermüdlich am Zetern über den Lärm und fordert ihren Männe auf, doch dagegen vorzugehen. Mir reicht's mit der Idylle am Wildsee. Ich suche das Weite und klettere wieder nach oben.


    Blick zurück Richtung Hornisgrinde - da kommen wir her.

    Auf schönem Weg geht es jetzt Richtung Ruhestein – wo – na was wohl – auch ein Wiedersehen und -hören mit der Schwarzwaldhochstraße ansteht. Dass der Ort Ruhestein heißt, ist ein schlechter Witz. Mal abgesehen von dem Auto- und Motorradlärm der B500 wird hier gerade das neue Nationalparkzentrum in die Landschaft getackert. Kräne, Lastwagen, Baulärm. Und die Ski-Infrastruktur trägt ihren Teil zum Gesamtbild bei.


    Von wegen Ruhe am Ruhestein...

    Schnell weg. Jetzt geht es bis zur Schliffkopf-Hochebene stetig und Seit' an Seit' mit der Schwarzwaldhochstraße bergan. Der Pfad selbst ist weich, angenehm zu gehen, die Grindenlandschaft leuchtet.


    Pfad zum Schliffkopf


    Päuschen am Schliffkopf

    Am Schliffkopf dann verlasse ich nach ausgiebiger Pause den Westweg und steige nach Westen Richtung Renchtal ab. Dort geht es zum Erdbeerloch-Camp. So zumindest der Plan.
    Der steile Waldpfad hinab ist ein Teil des Renchtalsteigs (eine landschaftliche wirklich schöne Etappenwanderung, leider sehr an touristischen Sehenswürdigkeiten ausgerichtet und viel auf Asphalt). Unterhalb liegen die Allerheiligen-Wasserfälle und die Klosterruine Allerheiligen, ebenfalls ein Touristenspot. Und was führt im Tal zu diesem Spot? Tatatataa: eine kurvenreiche Traumstrecke für Motorradfahrer. Kaum bin ich dem Lärm der Schwarzwaldhochstraße entronnen, fängt mich der Lärm aus dem Tal ein. Hochdrehen, Schalten, Abbremsen, Hochdrehen. So langsam glaube ich, ich bin im falschen Film.


    Das liegt auch daran, dass ich tiefer und tiefer komme. Ich schaue noch mal nach der Wegbeschreibung, die ich mir ausgedruckt habe. Der gelben Raute steil abwärts folgen? Hmmm. Als ich im Tal auf der Erdbeerloch-Wiese stehe und den betonierten Parkplatz sehe, steht fest, was mir die ganze Zeit schon dämmerte: Ich bin viel zu weit unten. Also wieder zurück. Immerhin soll hier unten noch eine Wasserstelle sein, ein Bach. Den finde ich erst, als ich mitten im Bachbett im Laub stehe und sich um meine Schuhe eine dreckige Pfütze bildet. Das soll mein Trinkwasser sein für heute Abend und morgen früh? Entsetzt grabe ich im Laub und finde tatsächlich ein kleine Pfütze und ein tropfendes Rinnsal. Stehendes, schmutziges Wasser. Na super. Ich vertraue auf meinen Knautschflaschenfilter und anschließendes Abkochen und fülle ab, so viel geht.
    Was nicht viel ist. Und dann suche ich die gelbe Raute. Ich steige wieder hoch, diesmal richte ich mich nach der Beschreibung, die von unten her gilt. Zweimal Forstpfad queren und dann 200 Meter steil den Wald hinauf, sagt die Wegbeschreibung. Als ich den zweiten Forstpfad quere, sehe ich links im Augenwinkel eine recht neu aussehende Schutzhütte am Weg, ohne sie weiter zu beachten.


    Umständehalber gibt's hier keine Fotos
    Dann klettere ich die Böschung hoch. Merkwürdiger Weg, denke ich, aber am Baum oberhalb der Böschung prangt eine gelbe Raute und die Spuren zeigen: Es sind offensichtlich schon andere vor mir hier hoch. Kaum sichtbar, schlängelt sich ein Pfad steil durch den Wald bergan. Ich schaue auf die Uhr. Eine gute Stunde Tageslicht habe ich noch, um das Camp zu finden. Aber der Pfad verliert sich nach und nach in Gestrüpp und Geäst. An einem steilen Bruchhang ist Ende. Kein Durchkommen. Das Licht wird schwächer, die Weißtannen schieben sich hoch und dunkel über mir zusammen. Ich bin definitiv falsch. Ich stehe mitten im dichten Wald an einem nicht passierbaren, steilen Hang und habe keine Ahnung, wo ich bin. Ich Orientierungsheld! Verlaufe mich zwischen Schliffkopf und Allerheiligen, umzingelt von Waldwegen. Das muss man erst mal schaffen. Ich schaue aufs GPS: Kein Empfang. Handy? Kein Netz. Willkommen im Schwarzwald.

    Ok, ich bin ja nicht in der Wildnis. Es ist noch eine gute halbe Stunde hell, in der Zeit komme ich zurück auf den Forstweg und kann notfalls an der Schutzhütte von vorhin übernachten. Ich mache kehrt, und als ich nochmal aufs Handy schaue in der Hoffnung auf ein GPS-Signal, schiebt mir ein Waldgeist einen Ast zwischen die Beine. Bevor ich auch nur denken kann, schlage ich der Länge nach ins Gestrüpp. Der Rucksack knallt mir ins Genick, was nicht fest ist, kullert in den Wald. Arrrgggghhhh!!!!!! Das war die Sache mit dem kleinen Finger. Der sieht jetzt aus und fühlt sich an wie ein kleiner Finger, der 70 Kilo Mensch und Rucksack abfangen musste. Eine stachelige Ranke ziehe ich vorsichtig aus meinem Bein. Na ganz toll.

    Endlich sehe ich in der Dämmerung unten wieder den Forstweg, ein Stück aufwärts die Schutzhütte. Jetzt habe ich auch wieder GPS-Empfang. Und als ich ganz tief in die Karte zoome, sehe ich über dem Hütten-Symbol einen kleinen roten Schriftzug. Da steht doch tatsächlich: Trekkingcamp Erdbeerloch.


    Ich kann meine Doofheit nicht fassen. Zweimal bin ich hier vorbeigelaufen, hab' aber nicht aufs GPS geschaut, sondern mich auf die schriftliche Wegbeschreibung verlassen. Im Geiste schreibe ich bitterböse Zeilen an die Naturpark-Verwaltung, die mir die Wegbeschreibung geschickt hat. Irgendjemand muss ja schuld sein. Meine Rolle dabei verdränge ich großzügig. Der kleine Finger steht blöd weg und schmerzt. Strafe genug.

    Es dämmert mächtig. Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell es im Schwarzwald finster wird. Die Hütte mit der Feuerstelle gehört zum Camp, das ist klar. Aber wo ist das Camp? Von zwei möglichen Wegen wähle ich – natürlich - erst mal den falschen. Hier steht nur – aber immerhin - das Toilettenhäuschen. Am anderen Weg führen nach einigen Metern kaum sichtbar Sandsteine steil den Hang hinauf in den dichten Wald (Bilder vom nächsten Morgen).


    Im Dunkeln kaum zu finden und auch bei Tageslicht leicht zu übersehen: Hier geht's hoch zum Camp Erdbeerloch


    Waldpfad zur Plattform

    Ich klettere hoch – und sehe eine kleine Plattform, auf der ein Mini-Zelt steht. Soll ich heulen oder jubeln? Egal. Ich bin da. Als mein Zelt auf der zweiten Plattform steht und ich alles eingerichtet habe, ist es stockdunkel.


    Geschafft.

    Zwei Lichter leuchten in der Nacht, die Stirnlampen meiner Nachbarn, die noch einen Abendspaziergang gemacht und mittlerweile schon ein Feuer vorbereitet haben. Später sitzen wir gemeinsam an der Feuerstelle.
    Das Pärchen ist aus Tübingen und etwa in meinem Alter. Mein Hund und ich hegen gleichermaßen finstere Gedanken, als sie in ihrer Pfanne auf dem Feuer Kartoffeln und Zwiebeln braten, dicke Scheiben Käse darauf schmelzen und es sich schmecken lassen. Für uns gibt es langweiliges Trekking- bzw. Trockenfutter. Es wird dann noch sehr nett. Wir stellen fest, dass wir jeweils Söhne bzw. Stiefsöhne haben, die gerade Elternzeit in Portugal machen mit Frau, Kleinkind und VW-Bus. Franz und Frieda heißen unsere Enkel, so könnten auch unsere Großeltern geheißen haben. Die Welt ist manchmal so klein.

    Noch kleiner ist aber das Zelt, das die beiden dabei haben. Eine Ein-Mann-Dackelgarage. Ein Irrtum, stellt sich heraus, er hat das falsche Zelt eingepackt zuhause und muss deshalb die Nacht unter freiem Himmel auf der Plattform verbringen. Bevor ich ins Zelt krabble, kann ich in einen grandiosen Sternenhimmel über mir schauen. Damit ich nicht auf Lärmentzug komme, wurde eigens eine Luftverkehrsstraße direkt über dem Erdbeerlochcamp installiert. Ist kein Flugzeug zu hören, setzt ersatzweise ein Kauz ein. Ist mir aber dann aber völlig wurscht. Der Finger pocht. Mein Hund schnarcht leise. Das war ein ganz schöner Ritt heute. Mir geht’s trotzdem gut. Ich schlafe ein mit wirren Überlegungen, ob nicht auch Waldkäuze irgendwie unter die TA Lärm fallen.


    Camp Erdbeerloch


    7. Oktober

    Camp Erdbeerloch – Schurkopf – Schliffkopf – Bus bis Herrenwies

    9,4 km 495 m /\ 200 m


    Morgens ist der kleine Finger dreimal so dick wie sonst und schmerzt allein beim Anblick. Ich krame die Voltarentablette hervor, hätte ich das mal lieber gestern Abend gemacht. Dafür scheint die Sonne auf mein Zelt – Jackpot. Zelt auf, der Kaltluftschwall von draußen ist überraschend, Mensch und Hund produzieren doch erheblich Wärme im Zelt. Der Blick aus dem kuscheligen Schlafsack in den Wald ist überwältigend.


    Morgensonne


    Blick aus dem Zelt

    Ernüchternd ist dagegen der Blick auf die Wasserlage.


    Das reicht nicht weit...


    Trübe Aussichten

    Einen halben Kaffeebecher gibt’s noch im Schlafsack, und ich lobe mich nachträglich für die bescheuerte Idee, statt Milchpulver einen Liter frische Milch mitzuschleppen. Das Müsli zumindest ist gesichert, den Milchrest bekommt der Hund. Heute will ich nur noch eine kleine Runde drehen, bis ich zurück zum Schliffkopf laufe und dort am Nachmittag mit dem Bus Richtung Auto zurückfahre. Hauptsache pünktlich ankommen: Es fährt nur ein einziger passender Bus am Nachmittag.

    Dieser Weg wird den Forstautobahnen zum Trotz mit das schönste Stück der Tour. Nach einem Kilometer treffen wir auf den Brunnen mit köstlichem frischen Wasser. Eine halbe Stunde später passieren wir angeblich einen Wasserfall, der aber weder zu hören noch zu sehen ist. Noch hat sich der Wasserhaushalt der Wälder nicht erholt von diesem Sommer. Später stoßen wir auf den Schwabenweg.


    Ganz unschwäbisch geizt der Schwabenweg nicht mit kostbaren Aussichten



    Immer wieder gibt es magische Ausblicke, dazu Wald mit Spuren der Naturgewalten: Bruchhänge, großflächige Steinschlagschneisen.







    Aber vor allem: Stille. Kein Mensch, kein Vier- oder Zweirad weit und breit. Nur ein paar spezielle Gesellen am Wegesrand...





    Eine Stunde später stoßen wir wieder auf den Westweg, wo ich mich wieder zurück Richtung Schliffkopf orientiere. Die ersten anderen Wanderer treffe ich erst am Schurkopf, zwei ältere, gebrechlich wirkende Damen langsamen Schritts, mit weißen Haaren und im Sonntagsstaat. Ich überhole forsch und überlege, wie weit die beiden es wohl schaffen. Aber ich bin vergnügt, genieße und mache gut Strecke. Als ich an einem Aussichtspunkt kurz vor dem Schliffkopf Pause mache, traue ich einige Zeit später meinen Augen nicht. Gemächlich plaudernd, ziehen die beiden Damen an mir vorbei...

    Am Schliffkopf wäre eigentlich noch Zeit, um die Hochfläche zu genießen.


    Zurück am Schliffkopf

    Aber die vielen Sonntagsausflügler lassen mich bald das Weite suchen. Lautstarke Rudel hatte ich die letzten Tage genug. An der Schliffkopf-Haltestelle werde ich nervös. Der Bus, den ich unbedingt bekommen muss, um zurück und zum Anschlussbus hinunter zum Sand zu kommen, ist längst überfällig. Unzählige Autos und Motorräder brettern an der Haltestelle vorbei. Als der Bus dann doch kommt, ist außer mir nur eine einzige Passagierin drin. Der Busfahrer besteht dennoch darauf, dass mein Hund einen Maulkorb anlegt. Sonst nimmt er uns nicht mit. „Vorschrift“, knurrt er. Das hat jetzt noch nie ein Busfahrer verlangt, schon gar nicht in einem leeren Bus, in dem es weit und breit nichts zu beißen gibt. Zum Glück hat er zwei Größen Maulkörbe zur Auswahl dabei, sonst stünden wir jetzt doof da. Bei der nächsten Tour kommt der Maulkorb in den Rucksack. Kleine Genugtuung: Sein Ticketautomat ist kaputt. Ich muss nichts zahlen.

    Am Mummelsee erwische ich den Anschlussbus zum Sand, an der Kapelle steigen wir aus. Noch eine halbe Stunde hinab ins Tal, wieder vorbei am Sandsee, zurück nach Herrenwies. Noch einmal bittet mich eine Nationalpark-Rangerin, die selbst im Auto mit Nationalparklogo auf dem Waldweg unterwegs ist, den Hund an die Leine zu nehmen. Sie erklärt mir, das Wild im Wald könne angeleinte von unangeleinten Hunden unterscheiden, letztere wären ein Riesenstress für die Tiere. Dann hoffen wir mal, dass der Wolf, der seit einiger Zeit hier nachgewiesen und heimisch geworden ist und völlig unangeleint durch den Nationalpark spaziert, für das Wild weniger stressig ist...

    Wenig später sind wir zurück am Auto.


    ...tbc...
    Geändert von agricolina (15.01.2019 um 01:01 Uhr)

  8. Dauerbesucher
    Avatar von Itchy ST
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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #8
    Schön geschrieben. Macht Spaß zu lesen.

    Zwei Maulkörbe zur Auswahl zu bekommen nenne ich einen netten Service.
    Woanders wird man ohne Maulkorb schlichtweg nicht mitgenommen. Wichtigster Ausrüstungsgegenstand, steht bei mir immer ganz oben auf der Packliste.

  9. Erfahren

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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #9
    Schöner Bericht! Was dem Verkehrslärm betrifft, kann ich Dir leider beipflichten. Wir waren schon sehr oft an der Schwarzwaldhochstraße, besonders im Bereich zwischen Mummelsee und Alexanderschanze unterwegs und besonders bei gutem Wetter hat man das Gefühl neben einer Rennstrecke und nicht mitten in einem Nationalpark zu stehen. Ist bei uns im (Hoch-) Taunus aber auch nicht besser. Busfahren im Bereich Freudenstadt und Baiersbronn kann unter Umständen zu einem echten Glücksspiel ausarten. Wenn Fahrer keine Lust haben, fällt eine Fahrt eben aus. Selbst schon erlebt.
    Hinsichtlich der E-Bikes hatten wir Anfang Januar ein interessantes Gespräch mit einem Einheimischen(ehem. Kommunalpolitiker) aus Baiersbronn. Dieser erzählt uns, dass von Seiten des Nationalparks geplant sei, das Radfahren und hier insbesondere das E-Biken im Nationalpark einzuschränken, auch wenn viele Hotels andere Verleiher dagegen seien.
    Dominic

  10. Erfahren

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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #10
    Sehr schön dein Bericht, aber das mit dem Motorradlärm ist doch wirklich abschreckend. Immer wieder denken wir darüber nach auch mal die Trekkingplätze im Schwarzwald zu testen. Aber jetzt denke ich: lieber nicht.
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  11. Erfahren

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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #11
    Zitat Zitat von Itchy ST Beitrag anzeigen
    Schön geschrieben. Macht Spaß zu lesen.

    Zwei Maulkörbe zur Auswahl zu bekommen nenne ich einen netten Service.
    Woanders wird man ohne Maulkorb schlichtweg nicht mitgenommen. Wichtigster Ausrüstungsgegenstand, steht bei mir immer ganz oben auf der Packliste.
    Vielen Dank. Der Maulkorb steht jetzt bei mir auch auf der Packliste.

    Zitat Zitat von BDZ Beitrag anzeigen
    Schöner Bericht! ...
    Hinsichtlich der E-Bikes hatten wir Anfang Januar ein interessantes Gespräch mit einem Einheimischen(ehem. Kommunalpolitiker) aus Baiersbronn. Dieser erzählt uns, dass von Seiten des Nationalparks geplant sei, das Radfahren und hier insbesondere das E-Biken im Nationalpark einzuschränken, auch wenn viele Hotels andere Verleiher dagegen seien.
    Danke dir! Da bin ich aber mal gespannt. Es gibt ja jetzt schon reichlich Ärger, weil viele Wege auf einmal für Fahrräder gesperrt sind, die von den locals dort seit Jahren und Jahrzehnten als Feierabendstrecken genutzt werden.

    Zitat Zitat von Galadriel Beitrag anzeigen
    Sehr schön dein Bericht, aber das mit dem Motorradlärm ist doch wirklich abschreckend. Immer wieder denken wir darüber nach auch mal die Trekkingplätze im Schwarzwald zu testen. Aber jetzt denke ich: lieber nicht.
    Danke schön - aber warte mal ab, ein Camp hab ich noch - und das liegt wirklich ganz weit weg von Straßenlärm. Zu den südlichen Camps Bösellbach, Gutellbach und Kniebis kann ich noch nichts sagen. Aber zumindest eines davon soll auch ziemlich laut sein (weiß nur gerade nicht mehr, welches). Und wenn nicht gerade Wochenende und schönes Ausflugswetter in der Saison ist oder die Tage kurz sind, sind auch nicht so viele Motorradfahrer unterwegs. Mein Plan wäre, dann einen anderen Weg zu nehmen - auf keinen Fall entlang der B 500. Wenn man im Camp ist, sind auch die Motorräder irgendwann wieder in der Garage.
    Aber jetzt kommt noch das Camp Grimbach!

  12. Erfahren
    Avatar von Fjellfex
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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #12
    Was die Geräuschkulisse durch zündelnde Herrschaften angeht: das Entfachen eines Feuers ist in meinen Augen durchaus eine Heldentat, die verdient gewürdigt zu werden.

    Es soll ja Damen geben, von denen belangloseres stundenlang begackert wird.

    Wie dem auch sei: auch von mir vielen Dank für den sympathischen Erstlingsbericht - Bitten um Nachsicht gänzlich unangebracht!

    Wobei natürlich das Sprengen einer Waldmeditation ein Kapitaldelikt ist!

    Tja, wie unsensibel muß man sein, um die schöne Landschaft akustisch zu verschmutzen, sei es durch Motorräder oder Bluetooth-Boxen...
    Insbesondere bei den Motorrädern habe ich den Verdacht, man könnte Dinger herstellen, die nur halb so viel Krach machen, aber die würde dann wahrscheinlich keiner von den Hirnis kaufen...

  13. Fuchs

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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #13
    Zitat Zitat von Fjellfex Beitrag anzeigen
    Was die Geräuschkulisse durch zündelnde Herrschaften angeht...
    Insbesondere bei den Motorrädern habe ich den Verdacht, man könnte Dinger herstellen, die nur halb so viel Krach machen, aber die würde dann wahrscheinlich keiner von den Hirnis kaufen...
    Ich sehe da gerade einen Zusammenhang.

  14. Neu im Forum

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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #14
    Am Camp Kniebis war ich mit meinen Kindern vor 2 Jahren. Das Camp ist schön angelegt mit dicker Hackschnitzelschicht am Zeltplatz und einer schönen Feuerstelle...leider direkt unterhalb der Bundesstraße. Der Motorenlärm ist auch hier bis spät in den Abend zu hören.
    Früher gehörte ich auch zu denjenigen die ohne DB eater die Schwarzwaldhochstrasse hoch und runter sind....da konnte es nicht laut genug sein...mittlerweile,im gesetzteren Alter sehe ich das auch etwas anders
    Die Zeiten ändern sich.
    Aber der gesamte Verkehr nimmt hier am WE fast unerträgliche Ausmaße an. Nicht nur wegen der Horden Moppedfahrer...Hinz und Kunz fährt die Hochstraße fährt den Oldtimer spazierenund genießt die Ausblicke..daher mein Tip: wenn möglich unter der Woche das Camp ansteuern, dann sind max. ein paar Locals auf der Feierabendrunde unterwegs..... dann klappt’s auch besser mit der Nachtruhe

    Gruss Nibel

  15. Fuchs
    Avatar von blauloke
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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #15
    Danke für den schön zu lesenden Bericht.
    Gegen den Lärm hilft am besten bei "schlechtem" Wetter unterwegs zu sein.
    Das Verlaufen im Wald ist ganz normal, da brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Bei mir gehört "Verirren " zu den festen Programmpunkten meiner Wanderungen.
    Du kannst reisen so weit du willst, dich selber nimmst du immer mit.

  16. Erfahren

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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #16
    Zitat Zitat von Nibel Beitrag anzeigen
    [...]
    Aber der gesamte Verkehr nimmt hier am WE fast unerträgliche Ausmaße an. [...]
    ...was dazu führt, dass an einigen Stellen entlang der B500 und den Zubringerstraßen Rettungsdienst und Feuerwehr nicht durchkommen. Linienbusse, wenn sie fahren, sowieso nicht.
    Dominic

  17. Lebt im Forum
    Avatar von Ditschi
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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #17
    Ich finde den Bericht auch erfrischend. Von kleinen Pannen zu lesen wärmt einen Reisebericht. Damit kann zumindest ich mich eher identifizieren als mit den Heldentaten des Höher-Schneller-Weiter, die ich konsumiere, aber nicht nachempfinde.
    So wäre mir z.B. eine Pleiten-Pech-und Pannentour einer Familie mit Canadier, Kindern und Hund auf der Ilmenau tausenmal lieber als die Erstbefahrung des Yukon rückwärts durch einen geigespielenden Stand-Up-Paddler. Manche physische und mentale Höchstleistungen kann ich rational anerkennen, komme ihnen aber emotional nicht nahe, weil sie mich eher an eine Freakshow erinnern. Also Mut zu unspektakulären Berichten. Das sind oft die wahren Perlen.

    Schade, daß die Tour durch den Lärm beeinträchtigt wurde.
    Es ist 8 Jahre her, daß meine Frau und ich uns für zwei Wochen in einem kleinen Hotel im Südschwarzwald einquartiert hatten mit herrlichem Blick auf die Alpenkette. Von dort haben wir täglich Tageswanderungen ohne Gepäck durch den Schwarzwald und um den Kaiserstuhl unternommen. Natürlich haben wir auch die frequentierten Hotspots besichtigt, aber speziell die Wanderungen habe ich als herrlich ruhig und erholsam im Gedächtnis gespeichert. Hat sich den 8 Jahren so viel verändert ? Oder hatten wir mit unserer Wahl der Wege einfach Glück? Oder liegt es daran, daß speziell die Touren, die zu den Zeltplattformen führen, von lauten Straßen tangiert werden? Wäre ja schade! Meine Frau und ich sind Ruhe gewohnt und ausgesprochen lärmempfindlich. Mir ist durch diesen Bericht klar geworden, daß es möglicherweise ein großes Glück war, den Schwarzwald ungetrübt genossen zu haben.

    Ditschi
    Geändert von Ditschi (17.01.2019 um 11:00 Uhr) Grund: Man entdeckt immer mal wieder Schreibfehler

  18. Gerne im Forum

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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #18
    Super Bericht, kann mich Ditschi vollinhaltlich anschließen.

  19. Fuchs
    Avatar von Wafer
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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #19
    Hallo Agricolina.

    Herzlichen Dank für dieses erfrischende Erstlingswerk! Da gibt es nichts mehr dazuzulernen. Also: Die anderen Camps besichtigen, Scheu ablegen und weiter solche Berichte schreiben.
    Und einen ganz netten Hund hast du da!

    Gruß Wafer

  20. Vorstand
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    Avatar von lina
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    AW: [DE] Im schwarzen Wald: 3 Trekking-Camps, 2 Beine, 4 Pfoten (plus 2+4)

    #20
    Zitat Zitat von blauloke Beitrag anzeigen
    Danke für den schön zu lesenden Bericht.
    Gegen den Lärm hilft am besten bei "schlechtem" Wetter unterwegs zu sein.
    Das Verlaufen im Wald ist ganz normal, da brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Bei mir gehört "Verirren " zu den festen Programmpunkten meiner Wanderungen.
    Das kann ich alles unterschreiben
    Freu mich schon auf weitere Reiseberichte von Dir!

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