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  1. Fuchs
    Avatar von evernorth
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #21
    Mitreisende: evernorth
    Hallo ihr drei,
    vielen Dank und es freut mich natürlich, wenn es euch gefällt.
    Tja, es kommt noch einiges mehr auf euch zu.......das kann ich schon mal versprechen ( ....wie es beliebt: ich, dabei geheimnisvoll, oder betreten - dreinschauend.... ).

    Anne: Auch für dich gibt es genügend einsame und leicht - zu bewältigende Strecken auf Island. Gib dich deinem neu - erwachten Island - Fernweh ruhig hin.
    Ausgetretene Pfade sind die sichersten, aber es herrscht viel Verkehr. Ergo: Wer neue Wege gehen will, muss alte Pfade verlassen.

  2. Fuchs
    Avatar von evernorth
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #22
    02.08.18


    Guðlaug die Zweite

    Meinen Wecker konnte ich auch diese Nacht nicht überlisten. Mitten in der Nacht - zwei Stunden zu früh - weckt mich ein durchdringendes Piepen. „Herrje, was ist los? Wo bin ich?“, sind meine ersten Gedanken. Es dauert einen kurzen Moment, bis ich alles realisiert habe. Dann lege ich mich noch einmal auf´s Ohr.
    Erst gegen 7 Uhr erwache ich - etwas später, als geplant. Als ich aus dem Zelt schaue, liegt Nebel in den Bergspitzen; weiter unten ist die Sicht aber gut. Ich bin heute wieder recht entspannt, denn es ist nicht mehr allzu weit bis zur heißen Quelle, die ich am späten Nachmittag erreichen will. Dort möchte ich zwei Nächte verbringen und zeitgleich die Badesaison einläuten.
    Obwohl ich es ruhig angehen lassen will, kommt plötzlich Bewegung ins Lager. Die Sonne kommt raus und schnell hole ich meine Kamera hervor.









    Nach dem Frühstück genieße ich noch ein wenig die Sonnenstrahlen, bevor ich alles zusammenpacke. Gegen 10 Uhr verlasse ich meinen freundlichen Platz, nicht ohne Wehmut, denn nur allzu gerne hätte ich den kleinen Wasserfall vor mir, mit seinem interessant - ausschauenden Canyon erkundet. Dort gibt es auch vielversprechende Camp - Stellen…..
    Nun, schnell weicht die Sonne wieder einer stärkeren Bewölkung, die aber keine Anzeichen von Regen erkennen lässt.
    Ich bin jetzt gut „eingelaufen“ und komme zügig voran. Es geht mir gut und ich genieße es sehr, unterwegs zu sein. Das Terrain ist sehr gut zu laufen. Wenn es doch nur immer so wäre.
    Ich komme über eine kleine Hochebene und bin überrascht, als ich unvermittelt auf einen größeren Fluß stoße. Vestri Bergvatnsá? Jetzt schon? Das ist schnell, fast zu schnell für mich.
    Zunächst führt mein Weg aber noch ein Stück entlang des Flusses, so dass ich noch etwas Zeit habe, mich auf die heikle Furt vorzubereiten.
    Im letzten Jahr bin ich hier, aus der Gegenrichtung kommend, gescheitert. Ich hatte es nicht mehr gewagt, den Fluss zu queren, da ich kurz vorher, ebenfalls an der Vestri Bergvatnsá, aber einen Arm davor, fast von den Wassermassen mitgerissen worden war. Letztlich war das aber mein ausgesprochenes Glück, denn wohl nur diese Umkehr hat mich schließlich die Guðlaug finden lassen ( oder hat sie mich gefunden? ).
    Jedenfalls viel zu schnell erreiche ich die Stelle, wo ich die Vestri Bergvatnsá überqueren muss.
    Auf diesem Stück ist der Fluß wirklich nicht sehr breit, aber das ist oft der Grund für eine überdurchschnittliche Wassertiefe. Andererseits fließt der Fluß hier über festes Lava - Gestein, daß ein tieferes „Eingraben“ weitgehend verhindert.




    Hochebene



    Entlang der Vestri Bergvatnsá



    Vestri Bergvatnsá - Blick zurück



    Furtstelle erreicht; Zeit zur Erkundung



    Furtstelle



    Hier habe ich gefurtet


    Wunderbarerweise offenbart sich die Furt als einfach. Etwa auf Kniehöhe steht das Wasser, druckvoll, aber dem Gleichgewicht kann es nichts ausmachen. Das ging ja leichter und schneller, als ich dachte. So langsam mache ich mir „Sorgen“, viel „zu früh“ an der Guðlaug anzukommen, denn nun folgt noch das Durchqueren eines kleineren Lava - Feldes, und schon unmittelbar danach sollte ein weiterer Fluß mit der heißen Quelle auf der anderen Flußseite folgen.
    Genau so kommt es jetzt auch. Ich stehe auf einem Lava - Wall und schaue hinüber zur heißen
    Quelle - Yeehaw!




    Guðlaug



    .....oder ist es die Gunnlaug?


    Diesen Bach quere ich - wie erwartet - problemlos und schnell . 2,5 Stunden hat mein Tour - Tag heute nur gedauert - wow.
    Schon jetzt beschließe ich, den Ruhetag wieder fallen zu lassen. Es bleibt mir ja trotzdem genug Zeit, um diesen herrlichen Platz ausgiebig zu feiern und zu genießen. Das sollte sich später noch als goldrichtig herausstellen.
    Mein Camp errichte ich - genau wie vor einem Jahr - im strahlenden Sonnenschein. Das Wetter ist ganz wunderbar - ein absoluter Traum.
    Nachdem ich eine ausgiebige Foto - Session beendet habe, ist es auch schon Nachmittag und Zeit, das Badewasser einzulassen…..ähm, nein, falsch, das ist ja schon drin!
    Ich befreie statt dessen die Quelle von einigen unappetitlichen, schwimmenden Glibber - Pads, die ein wenig an Entenflott erinnern.






    Da muss noch was "abgefischt" werden....









    Camp 4



    Im Hintergrund Geirvötur






    Dann genieße ich ausgiebig ein langanhaltendes Bad, was ich hiermit dann auch belegt habe.




    Bath - room, open - air




    Gegen Abend wird es kühler und es schieben sich wieder mehr Wolken rein. Zeit für das Abendessen, das ich heute ganz besonders genieße. Natürlich beschließt ein guter Schluck schottischer single malt diesen wundervollen Tag. Als ich den Kopf noch einmal aus dem Zelt recke, fühle ich mich beseelt und ein Stück euphorisiert.





    An solchen Tagen ist es auch mir sofort wieder klar: Island ist wie eine Droge; eine Droge, die mich absolut glücklich macht, und dieses Gefühl ist einzigartig und verlangt nach Wiederholung. Dieses Verlangen nach „glücklich sein“ kennt ja wohl jeder. Hier und heute komme ich diesem Verlangen ein Stückchen näher.

    Später im Schlafsack habe ich doch noch ein paar bange Momente.
    Morgen folgen noch 3 Furten, von denen zwei nicht ohne Risiko sind. Und der Síðujökull, die große Gletscher - Traverse, dabei mehr als 30 km über das Eis! Doch vor allem beschäftigt mich jetzt die Furt über die Djúpá. Im letzten Jahr wollte ich den mächtigen Gletscherfluß auf keinen Fall furten, zu groß war der Respekt vor seinen Urkräften. Selbst berniehh hatte 2012 auf seinem Island - Trek vor dem Fluß kapituliert! Ja, und wenn der schon…….
    Ein Grund, warum ich im letzten Jahr eine sehr zeitaufwendige Umgehung gewählt hatte.
    Doch ich hatte auch von einer Djúpá - Querung in 2017 gelesen, die recht unspektakulär verlief.

    Ich will also die Djúpá direkt angehen. Das sollte mir doch gelingen, oder?


    - to be continued -
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  3. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #23
    Zitat Zitat von evernorth Beitrag anzeigen
    An solchen Tagen ist es auch mir sofort wieder klar: Island ist wie eine Droge; eine Droge, die mich absolut glücklich macht, und dieses Gefühl ist einzigartig und verlangt nach Wiederholung. Dieses Verlangen nach „glücklich sein“ kennt ja wohl jeder. Hier und heute komme ich diesem Verlangen ein Stückchen näher.
    Schön gesagt. Bei Deinen tollen Bildern und vor allem dem Camp an der Guðlaug brennt bei mir auch schon wieder das Verlangen, dieses Jahr doch noch mal in Island zu wandern (hatte eigentlich was anderes vor). Bin schon sehr gespannt, wie Du mit der Djúpá fertig wirst...

  4. Erfahren
    Avatar von Dieter
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    AW: [IS] Solo-Allir góðir hlutir eru þrír-Im Skaftárhlaup und andere Überraschun

    #24
    Zitat Zitat von Spartaner Beitrag anzeigen
    Was schockiert dich daran so? Soweit ich das erkennen kann, ist der Gletscher in den 6 Jahren kein Stück zurückgewichen, die Lage der Front unverändert. Ich würde sagen, außergewöhnlich stabil.

    Nur der See ist weg. Entweder die Erosion hat weiter stromab die Abflussrinne vertieft und der See ist ausgelaufen, oder der See wurde von der feinen Asche, die der Gletscher mitbringt, zugeschüttet. Oder beides.

    Als du 2012 den See gesehen hattest, hättest du dem Klimawandel die Schuld geben können, da war der See sicherlich noch recht frisch, das Eis also erst vor kurzem zurückgewichen.
    Tatsächlich ist die Position der Kalbungsfront des Skeiðarárjökull zum Grænalón ziemlich stabil - trotzdem falsch gedacht.

    Das Foto zeigt nämlich nicht das Ende einer Gletscherzunge sondern der westlichen Seitenrand des Skeiðarárjökull - mehr als 10 km oberhalb des aktuellen Gletscherendes ( seiner "Front"). Dieser Seitenrand und somit die Breite des Gletscher ändert sich hier relativ wenig im Vergleich zu seiner Länge und, was meist weniger bemerkt wird, seiner Mächtigkeit. Die Eisdicke ist der steuernde Faktor für die Größe und die Existent des Grænalóns. Der Eiskörper liegt quer vor dem Tal und wirkt als Staudamm. Je niedriger und damit leichter dieser Staudamm ist, desto leichter findet das Wasser des Grænalóns seinen Weg Richtung Meer.

    Vor etwa 100 Jahren war die Eiswand (Kalbungsfront) des Skeiðarárjökull in einer Position die nicht groß von der heutigen entfernt war, aber der Eisdamm staute den Grænalón so hoch, dass der Wasserspiegel um etwa 150 m höher lag! Der See entwässerte damals über den Pass in das Tal der Núpsá.

    Ein eindrucksvolleres Beispiel für den Klimawandel und das Schwinden der Gletscher kann man in Island kaum finden.

    Dieter

  5. Erfahren

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    AW: [IS] Solo-Allir góðir hlutir eru þrír-Im Skaftárhlaup und andere Überraschun

    #25
    Danke für den schönen Bericht!!!


    Zitat Zitat von Dieter Beitrag anzeigen
    ...
    Ein eindrucksvolleres Beispiel für den Klimawandel und das Schwinden der Gletscher kann man in Island kaum finden.

    Dieter
    Auf Grönland gibts einen ähnlichen See, mit mindestens genauso beeidruckenden Veränderungen: Der Isvand (Uukkaasup Tasia), östlich von Nuuk. Der See wird ziemlich direkt vom Inlandeis gespiesen, sein Wasserspiegel ist in den letzten 20 Jahren um ca 70m gefallen. Früher hat er durchs Austmannadalen entwässert und einen der schönsten Wasserfälle Grönland gespiesen. Heute ist er ohne Abfluss, bzw nur durch den Gletscher. Periodisch scheint er immer mal einen noch um 30m höheren Wasserstand zu bekommen, davon zeugen riesige Eisberge, die weit oberhalb der Wasserlinie vor sich hin schmelzen.
    Fotos hier, ca ab Mitte: https://www.foto-tilmann-graner.de/fotos/laender/groenland/west/

    Grüße von Tilmann

  6. Fuchs
    Avatar von evernorth
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #26
    03.08.18


    Showdown an der Djúpá


    Die Nacht war unruhig und ich habe nur mäßig geschlafen. Die anstehenden Ereignisse werfen eben ihre Schatten voraus.
    Schon recht früh ist es auch noch sehr hell im Zelt, und gegen 6 Uhr halte ich es nicht mehr aus und stecke den Kopf aus der Zelt-Tür: Wunderbares, sonniges Wetter strahlt mir entgegen. Aye, das kann ja nicht besser sein, und meine gestern noch eingeholte Wettervorhersage wird sogar noch getoppt!
    Die ganze Landschaft ist von einem strahlenden Leuchten erfasst, daß es nur so eine Freude ist.
    Das Gras, das Moos, die Pflanzen und Blumen und das Blau des Wassers glitzern und flimmern in den herrlichsten Farben. Dazu die mächtige Eiskappe des Gletschers im Hintergrund, die gleißend - weiß leuchtet und und die Luftschichten darüber zum Flirren bringt. Es ist das perfekte Szenario für einen Film und ich befinde mich direkt auf dem Set.
    Also, Kamera ab!
    Genau das mache ich nun, greife zu meiner Kamera und entsteige rasch dem Zelt, ohne groß darauf zu schauen, was ich gerade anhabe.
    Die Tautropfen auf der Fetthenne und - zum wiederholten Male - das kontrastreiche Rot des Zeltes in dieser funkelnden Landschaft haben meine Aufmerksamkeit erweckt. Ich mache schnell ein paar Fotos und bereite anschließend mein Frühstück.
    Auch danach sitze ich noch eine ganze Weile vor dem Zelt und genieße einfach nur diesen wunderbaren Morgen.











    Schließlich muss ich mich aber zum Aufbruch mahnen, denn ich habe heute einen ungewissen, eventuell langen und - wohl eher - anstrengenden Tag vor mir.
    Gegen 9 Uhr verlasse ich die Guðlaug und schaue sogar noch ein-, oder zweimal zurück.
    Schon nach 15 Minuten stehe ich auf einem Lava - Kamm und schaue hinab auf einen erneuten Seitenarm der Vestri Bergvatnsá. Hier wäre ich im vergangenen Jahr ( aus der Gegenrichtung kommend ) um ein Haar von den Wassermassen mitgerissen worden. Deshalb schaue ich mir den Fluss auch mit gemischten Gefühlen an, doch zunächst bemerke ich ein großes Schneefeld, das da im letzten Jahr auch nicht lag. Ich gehe also ein Stück entlang auf diesem Lava - Rücken und entscheide mich, am Ende des Schneefeldes, an einer eher schmalen Stelle des Flusses, zu furten.




    Ein weiterer Arm der Vestri Bergvatnsá - Furt hinter dem Schneefeld


    Die Wassertiefe liegt knapp über dem Knie und der Wasserdruck ist noch beherrschbar. Nur an einer Stelle wird es plötzlich überraschend tiefer, doch gleich danach wieder - zu meiner Erleichterung - etwas flacher. Schnell erreiche ich das andere Ufer und muss, etwas diagonal, den Gegenhang hinaufsteigen. Nun liegt - bis zur Djúpá - kein weiteres Hindernis vor mir.
    Ich komme zügig voran, während die Sonne zunehmend von aufkommenden Wolken verdeckt wird.
    Zahlreiche Steine müssen umgangen, oder überstiegen werden; manche muss ich überklettern.
    Es geht stetig und langsam ansteigend bergauf. Trotzdem wundere ich mich, daß ich auch auf der - vermeintlich - höchsten Erhebung, immer noch keinen Blick auf den markanten Eldigur habe.
    Schon knapp 2 Stunden bin ich unterwegs…..hmm. Der Grund ist einfach, denn es geht weiter fortwährend bergauf. Erst nach zusätzlichen 15 bis 20 Minuten habe ich den höchsten Punkt endlich erreicht.
    Nun sehe ich auch den Eldigur, den ich eigentlich besteigen möchte. Das habe ich aber bereits heute morgen wieder verworfen, denn viel wichtiger ist mir, das ich heil über die Djúpá komme.




    Eldigur 2017



    Eldigur 2018


    Ich komme der Djúpá nur langsam näher und je länger es dauert, um so mehr nimmt meine Anspannung zu.
    So benötige ich noch fast eine Stunde - dann ist es soweit, und ich stehe am Ufer der Djúpá.
    Mein erster Eindruck ist gemischt; äußerst ambivalent, würde ich sagen.
    Einerseits ist der Fluss an dieser Stelle weniger breit, als ich angenommen hatte, andererseits ist die Macht der Wassermassen für mich nur schwer zu beurteilen.
    Unberechenbar, fällt mir dazu ein, eine Feststellung, die mich nicht ruhiger werden lässt. Hier und jetzt(?) entscheidet sich also der weitere Verlauf meiner Tour. Ich gehe eine ganze Weile ein Stück stromaufwärts und wieder abwärts, damit ich mir ansehen kann, wo die vermeintlich beste Stelle für eine Überquerung ist. Spontan kann ich mich nicht entscheiden. Ein erster Kontakt mit dem Wasser, ein erster Test, bei dem ich ein Stück in den Fluss gehe, endet mit dem abrupten Abbruch.
    Nein, ich will nichts überstürzen. Um ein wenig „runterzufahren“ und mich zu beruhigen, beschließe ich, eine kurze Essenpause zu machen.




    An der Djúpá


    Während ich esse und immer wieder suchend auf den Fluss starre, frage ich mich, ob diese Pause
    wirklich ein Gutes hat. Je länger diese dauert, desto unsicherer werde ich.
    Eine Stunde verharre ich hier schon, doch nun ist es gut. Ich entscheide mich, an einer Stelle zu queren, die nicht allzu tief ausschaut. In dieser Richtung gelange ich zu einer Kies-Insel, wo sich der Strom in zwei Arme aufteilt. Das letzte Stück sieht zwar strömig-reißend aus, beträgt aber nur wenige Meter bis zum sicheren Ufer.




    Bei der vorderen Kies-Insel habe ich gefurtet


    Entschlossen gehe ich ins Wasser. Oh ja, das strömt ordentlich und der Druck ist beachtlich, doch ich widerstehe mit Erfolg. Die Wassertiefe bleibt konstant über zwei Drittel der Strecke auf etwas über Kniehöhe.
    Ich komme dem anderen Ufer immer näher. Jetzt erreiche ich die kritische Stelle, wo das Wasser einen leichten Schwall macht. Nur noch ein kurzes Stück, dann ist das Ufer erreicht. Jetzt kommt es darauf an: Es muss gelingen! Der Wasserdruck nimmt zu und das Wasser spritzt mir seitlich die Hose hoch. Ach, Mist, nun wird es auch noch ein klein wenig tiefer, vielleicht 10 cm. Das reicht, um mich wanken zu lassen. Wenn ich beide Beine belaste und mich auf die Stöcke stütze, kann ich gerade noch standhalten, mehr aber auch nicht.
    Nun ist das kein toller Ort zum Verweilen und ich muss hier rasch heraus. Als ich einen Schritt mache, passiert es: Ich werde umgehend mitgerissen - keine Chance! Das geschieht alles im Bruchteil einer Sekunde und ich registriere das Wasser um mich herum, das mir - seltsamerweise - nicht über den Kopf schlägt. Nur ein ganz kurzer Moment, und ich werde direkt an das rettende Ufer gespült.
    Puh, das war verdammt knapp! Ich puste und schnaufe heftig, während mir das Adrenalin durch den Körper jagt. Schienbein und Knie schmerzen etwas; da habe ich mich wohl an den Steinen am Ufer geprellt. Halb so schlimm.
    Am meisten überrascht bin ich darüber, dass ich ( bis auf die Hose ) kaum nass geworden bin. Die unteren Ärmel unter der Regenjacke sind nass, da ich die Klettverschlüsse der Ärmel nicht geschlossen hatte. Dazu ist die Fleecejacke im Halsausschnitt nass - auch hier hatte ich den Jackenreißverschluss nicht bis oben geschlossen. Sehr viel Glück habe ich gehabt, und ich wundere mich etwas, dass mir gar nicht kalt ist. Da waren diesmal gleich mehrere Schutzengel zur Stelle.
    Nachdem ich mich wieder beruhigt habe, nehme ich erleichtert und dankbar meinen weiteren Weg wieder auf. Ich freue mich, dass ich die Eiskante so nah vor mir habe. Es sind vielleicht ein paar hundert Meter bis dahin. Doch aufgrund meiner, im letzten Jahr gemachten Erfahrungen, rechne ich bis dahin mit weiteren Hindernissen. Zunächst geht es noch auf festem Untergrund gut voran, doch dann komme ich in den Bereich der Wasserscheide. Hier ist wieder überall Quicksand; alles sieht fest und stabil aus, doch dann versinkt plötzlich ein Bein bis zum Hintern im Modder/Matsch.
    So kann es kommen, doch in diesem Jahr habe ich ( erneut ) Glück! Nur ein einziges Mal ist der sorgfältig ausgesuchte Schritt auf unsicherem Boden gesetzt, und ich sinke über den Knöchel ein.
    Das war im letzten Jahr wesentlich schlimmer, denke ich, denn da war ich mehr als ein Dutzend Mal mit dem ganzen Bein im Schlamm versunken.
    Überall liegen haushohe, langsam abschmelzende Eisblöcke. Plötzlich stehe ich vor einem Abgrund, wo es etwa vier bis fünf Meter senkrecht abfällt. Unten fließt ein kleiner Bach aus Schmelzwasser. Da muss ich hinüber, dann ist der Weg zur Eiskante frei. Doch hier geht es nicht weiter und ich muss also wieder - Schritt für Schritt - zurück. Sehr langsam und vorsichtig gelingt mir das, ohne das ich im Matsch versinke. Unversehens entdecke ich eine langsam abfallende Rinne, ein Durchgang, der mich sicher zum Bach hinunter führt. Wieder so ein Glück zur absolut passenden, richtigen Zeit! Den Bach schnell gequert und dann stehe ich um 15 Uhr an der Eiskante. Jetzt noch zügig die Micro - Spikes an die Schuhe bringen und dann los. Eigentlich will ich noch meine Handschuhe aus der Jackentasche ziehen, doch ich habe keine Lust, denn meine Hände sind nicht kalt.
    Mehr als 30 Kilometer über den Gletscher des Síðujökull liegen jetzt vor mir und ich möchte zunächst einmal mich ein ordentliches Stück von der Eiskante entfernen - mit anderen Worten: Ich will Strecke machen!
    Leider ist es zunehmend bewölkt; trotzdem ist die Sicht gut.




    Ich entferne mich vom Gletscherrand; der rötliche Eldigur im Hintergrund



    Meine Richtung: Nur Wolken, Eis und kleine, schwarze Ablationskegel


    Es ist 15 Uhr 30, ich will noch bis 20 Uhr weitergehen, und dann auf dem flachen Eis mein Lager 5 aufschlagen. Ich komme gut und schnell voran und die Eiskante entfernt sich immer mehr, um dann schließlich ganz zu verschwinden.
    Ich bin nun umgeben von einer schier unendlichen, weißen Fläche, eine Fläche aus purem Eis. Das ist wirklich beeindruckend. Ich fühle mich klein in einer unwirklichen, grenzenlosen und unermesslichen Welt aus reinem Eis, scheinbar kein Ort, der für mich zum dauerhaften Verbleib geeignet ist. Ich bin hier nur auf Zeit, nur solange, wie der Gletscher mich hier, auf seiner zerrissenen Haut, duldet.
    Der Zustand der Gletscher - Oberfläche gefällt mir besser, als im Vorjahr, denn nur wenige, sehr nasse Flächen sind zu überqueren. Hier steht das Schmelzwasser in nicht zu bestimmender, meist aber auf 20-30 cm, Höhe. Teilweise ist das mit den Augen kaum auszumachen, da die Stellen oft von Altschnee bedeckt sind.
    Wie erwartet, hat der Gletscher kaum nennenswerte Spalten und ist - im großen und ganzen - aper, also schneefrei.
    Plötzlich verschwindet mein rechter Fuß in einem überschneiten, wassergefüllten Eisloch - Mist, verdammter!
    Dabei belaste ich kurz mit vollem Körpergewicht den linken Trekkingstock, der danach im dünnen, unteren Segment in einem leicht - abstehenden Winkel seine Gradlinigkeit vermissen lässt. Den kann ich nun nicht mehr stärker belasten, aber er bleibt trotzdem von Nutzen. Was ein kurzer Moment nachlassender Konzentration doch für Folgen haben kann. Aber gut, halb so schlimm.
    Gegen 18 Uhr fängt es an zu regnen. Nun werden die Hände nass und vor allem kalt. Handschuhe? Nein, die sind dann in Nullkomma nichts ebenfalls nass. Ich gehe weiter, doch der Regen nimmt zu. Nach einer Stunde, gegen 19 Uhr, beschließe ich, Schluss für heute zu machen.
    Ich finde eine gute, ebene Stelle auf dem Eis - flüssiges Trinkwasser ist in einer gefüllten Eisrinne gleich in der Nähe. Mit klammen Händen drehe ich zwei Eisschrauben in das Eis und befestige daran das Zelt, das ich sogleich einräume und somit zusätzlich von innen beschwere. Wie gut, dass diesmal kaum Wind weht!
    Ich ziehe mir weitere, warme Kleidung an, hole Wasser und mache schnell ein Foto von dem verbogenen Trekkingstock.




    Der leicht verbogene Trekkingstock


    Ehe ich mich versehen habe, ist es bereits gegen 20 Uhr. Ich koche mir einen Tee und erfreue mich daran, meine Hände am Teebecher zu wärmen. Der heiße Tee wirkt jetzt Wunder und tut einfach nur seehr gut, genau so, wie das warme Abendessen. Satt, zufrieden und spürbar beruhigt genehmige ich mir zum glücklichen Ende des Tages einen doppelten Schluck single malt.
    Bereits um 21 Uhr 30 bin ich heute im Schlafsack und finde sogar noch die Ruhe, um ein paar Seiten zu lesen. Die Nerven beruhigen, sage ich mir, ist jetzt das Wichtigste.
    Dann falle ich in einen erholsamen, tiefen Schlaf.

    Gegen 4 Uhr muss ich hinaus zum pieseln. Ich bewege meinen müden Körper aus dem Zelt, während der Geist noch träumend im Schlafsack zurückbleibt, doch....wow....was ist das? Schläfrig blinzele ich mit den Augen zum Himmel.
    Auf dem Eis wird es schon hell und die Sonne steigt bereits durch die Wolken am Horizont empor.
    Schnell mache ich - fast schon mechanisch - ein Foto und rasch gleitet dieser Körper wieder zurück in den warmen Schlafsack. Wieder vereint mit meinem zurückgelassenen Geist, schlafe ich weiter.




    Kurz nach Sonnenaufgang: Camp 5 auf dem Síðujökull



    - to be continued -
    Geändert von evernorth (17.03.2019 um 15:31 Uhr) Grund: Fehler-Korrektur
    Ausgetretene Pfade sind die sichersten, aber es herrscht viel Verkehr. Ergo: Wer neue Wege gehen will, muss alte Pfade verlassen.

  7. Dauerbesucher
    Avatar von geige284
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #27
    na, ein glück hast du das bild gemacht - toll!
    Ebenso wie der Bericht

  8. Erfahren
    Avatar von Fjellfex
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #28
    Auch ich möchte mich hiermit als gespannter Leser dieses tollen Berichts "outen".

    Das Bild von dem Camp auf dem Gletscher ist sagenhaft.

    Da hast Du ein paar Mal auf Deiner Tour Glück gehabt. Gegen ein paar Herausforderungen ist ja nichts einzuwenden; aber gar zu viel braucht´s auch nicht zu sein.

  9. Erfahren
    Avatar von Borgman
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #29
    Wow, was für ein irrer Tag! Von der idyllischen Guðlaug mitten auf den Síðujökull und zwischendrin beinahe in der Djúpá abgesoffen - mir stockte der Atem beim Lesen. Toll geschrieben!

    So einen verbogenen Trekkingstock hatte ich auch schon mal, weil ich mich beim Fallen mit dem ganzen Gewicht darauf gelehnt hatte und er zwischen zwei Steinen klemmte. Hab ihn genau so, nur in der anderen Richtung, wieder gerade gebogen und benutze ihn heute noch...

  10. Fuchs
    Avatar von evernorth
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #30
    Vielen Dank an alle. Es freut mich, wenn es euch gefällt.

    Mir wäre es auch lieber gewesen, wenn die Überquerung der Djúpá einfach und problemlos
    abgelaufen wäre. Vielleicht lag es an meiner Erwartungshaltung, so etwa nach dem Motto:
    Wer Probleme erwartet, der bekommt sie dann auch!
    Ja, wirklich......noch mal Glück gehabt.
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  11. Erfahren
    Avatar von Dieter
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #31
    Zitat Zitat von evernorth Beitrag anzeigen
    03.08.18


    Die Tautropfen auf der Fetthenne und - zum wiederholten Male - das kontrastreiche Rot des Zeltes in dieser funkelnden Landschaft haben meine Aufmerksamkeit erweckt. Ich mache schnell ein paar Fotos und bereite anschließend mein Frühstück.
    Auch danach sitze ich noch eine ganze Weile vor dem Zelt und genieße einfach nur diesen wunderbaren Morgen.

    Entschuldingung, aber die Rosenwurz ist eine meiner zwei Lieblingsblumen in Island. Klingt auch viel hübscher als Fetthenne

    Dieter

  12. Fuchs
    Avatar von evernorth
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #32
    Hallo Dieter,

    o.k., der Punkt geht an dich.

    Immerhin ist die Gattung identisch:
    Steinbrechartige Dickblattgewächse.
    Ausgetretene Pfade sind die sichersten, aber es herrscht viel Verkehr. Ergo: Wer neue Wege gehen will, muss alte Pfade verlassen.

  13. AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #33
    So möchtig ist die krankhafte Neigung des Menschen, unbekümmert um das widersprechende Zeugnis wohlbegründeter Thatsachen oder allgemein anerkannter Naturgesetze, ungesehene Räume mit Wundergestalten zu füllen.
    A. v. Humboldt.

  14. Fuchs
    Avatar von evernorth
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #34
    04.08.18


    Eis, Eis Baby!


    Nur kurz erscheint mir die Zeit, bis mich ein Weckton gegen 6 Uhr aufrüttelt. Oh, das kommt mir heute besonders früh vor und wachrütteln ist schon die am besten zutreffende Bezeichnung für ein jähes, etwas abruptes Emporgeholtwerden aus den Tiefen des Traumlandes.
    Die Nacht habe ich verhältnismäßig gut geschlafen, vielleicht etwas unruhiger, als gewöhnlich, da mein Nervenkostüm wohl doch noch etwas in Aufruhr war.
    Nachdem ich erinnert habe, wo ich mich befinde und was heute noch vor mir liegt, verlasse ich rasch meinen warmen Schlafsack und gleite hinein in meine Morgen - Routine.
    Da ich gestern schon etwa 13 km auf dem Gletscher zurückgelegt habe, muss ich mich eigentlich nicht besonders beeilen, aber was weiss ich schon, was heute für Hindernisse auf mich warten?
    Als erstes hänge ich meine nassen Regensachen zum Trocknen in die Sonne, die auf dem Eis für ein helles, warmes und glitzerndes Licht sorgt. Obwohl ich mich hier im Nirgendwo und weitab von anderen Menschen befinde, fühle ich mich fast schon umarmt von einer sonnigen, kraft - spendenden Natur. Was doch gutes Wetter und wärmende Sonne für die persönliche Zuversicht bedeuten können. Wie war das doch gänzlich anders noch vor einem Jahr, als ich hier am Abend im Orkan versucht hatte, den gewaltigen Winden zu widerstehen, und wie unheimlich kann dann der Gletscher sein.




    Im Orkan auf dem Síðujökull 2017


    Nach meiner Morgentoilette an der, immer noch mit einer dünnen Eisschicht bedeckten, Eisrinne, mache ich mich erst einmal daran, das tolle Licht für einige Fotos zu nutzen. Erst danach koche ich mir einen aufmunternden Morgenkaffee ( den es dafür gar nicht bedurft hätte ) und frühstücke mein frühes Porridge. Dabei lasse ich immer wieder meinen Blick über die schier endlose Weite des Eises schweifen. Ein herrlicher Tag verspricht das zu werden und genau so einen Tag habe ich mir auch für die heutige Gletscher - Passage gewünscht.




    Síðujökull 2018
















    Es vergeht doch eine ganze Menge Zeit: Schauen im 360 Grad - Modus, einpacken einzelner Ausrüstungs- Gegenstände, wieder schauen, Krempel Stück für Stück im Rucksack verstauen, mit Ausnahme der Zahnbürste, dann bin ich wieder ganz hingerissen von einer Struktur am Horizont und….was mache ich? Richtig, erst mal ausgiebig schauen. So geht das eine ganze Weile weiter, bei bestem Wetter und mitten in der wärmer werdenden Sonne. Schließlich habe ich alles verpackt, mit Ausnahme der Zahnbürste. Fast zum Schluß wandert auch die in den Rucksack; nur das Zelt steht immer noch unangetastet in der Sonne und trocknet. Als auch das zu meiner Zufriedenheit und umfassend geschehen ist, baue ich das Zelt ab. Dabei stelle ich fest, daß beide Eisschrauben ( wohl auch bedingt durch die intensive Sonneneinstrahlung ) vollständig ausgeschmolzen sind. Ich ziehe sie widerstandslos aus einem mit Wasser gefüllten Eisloch, das viel weiter ist als die Eisschraube. In diesem Zustand hätte die Schraube niemals einem Windstoß oder Schlimmerem standgehalten.

    Gegen 11 Uhr mache ich mich dann auf den Weg. Mehr als 20 km auf dem Eis des Síðujökull wollen unter die Micro Spikes genommen werden.
    Das wunderbare Wetter und der vorzügliche Weitblick sind natürlich für die Wegorientierung ein Segen. Unter diesen, wirklich großzügigen, Voraussetzungen komme ich sicher und schnell voran und lege einen ordentlichen Speed hin. Ich laufe wirklich ausgesprochen gern und heute bin ich voll in meinem Element. Ich fühle mich glücklich und überaus zufrieden und dann merke ich gar nicht, wie lange ich gehe und unterwegs bin. So kann ich oft viele Stunden gehen, brauche kaum Wasser, oder Nahrung und nur selten eine Pause. In so einem „Flow“ befinde ich mich gerade, und jetzt kann mich kaum etwas aufhalten. Hin und wieder halte ich - fast schon widerwillig - kurz an, um ein Foto zu machen. Tief im Innern weiss ich, dass ich hier und heute vom Eis runter möchte.
    Der weitere Weg sollte dann „save“ sein, jedenfalls im objektivierbarem Sinne. Jedenfalls denke ich das, kann aber jetzt noch nicht wissen, das ich damit bedenklich falsch liege.
    Im Westen erkenne ich schon seit einiger Zeit einen stattlichen Höhenzug, hinter dem ich bereits den Langisjór vermute. Die Entfernung kann ich nicht abschätzen, weiss aber, dass ich das Knirschen der Micro Spikes wohl noch für einige Stunden in meinen Ohren behalten werde.
    Ich orientiere mich immer wieder an den Bergausschnitten eines Gebirgszuges am Horizont und gleiche die Richtung von Zeit zu Zeit mit dem GPS ab. Bei der guten Fernsicht ist das recht einfach, geht schnell und bereitet mir viel Freude.






    In der Ferne ein Höhenzug und davor die Skaftá




    Langsam komme ich in den Bereich des Ausfluss - Deltas der Skaftá, dieser mächtige Gletscherfluss, der mich noch bis hinunter nach Skærlingar begleiten wird.
    Nach 30 Minuten komme ich dem Gletscherfluss schon deutlich näher und bemerke, ganz fasziniert und mit großem Interesse, dass der Fluss doch gewaltige Mengen an Schmelzwasser transportiert. Ich habe natürlich keinen Vergleich und nehme deshalb an, dass es sich hierbei - im weitesten Sinne - um die „gewöhnliche“ Menge an Schmelzwasser handelt, die der Fluss transportiert.
    Zu diesem Zeitpunkt bin ich also noch völlig unwissend und tappe diesbezüglich noch völlig im Dunkeln. Wenn ich hier und jetzt bereits gewusst hätte, was da gerade unter dem Eis, auf dem ich stehe, so abgeht, nun, ich hätte meine Unbeschwertheit wohl umgehend verloren. Große Sorgen hätten mich fortan begleitet und meine Leichtigkeit wäre wohl dahin gewesen.
    Erst zwei Tage später sollte ich zum ersten Mal von dem gerade abgehenden Skaftárhlaup erfahren.




    Austritts- Delta der Skaftá





    Etwas links der Mitte kann man schon erahnen, was in dem Gletscherfluss gerade abgeht




    Doch so setze ich in Unwissenheit meinen weiteren Weg über das Eis des Síðujökull, der hier bereits Skaftárjökull heißt und im weiteren Verlauf auf den Tungnaarjökull stößt, fort.
    Gegen 16 Uhr führt mich der GPS - Track ganz nah eine eine ( feste? ) Moränenkante heran und ich bin mir in diesem Moment ganz sicher, dass hier der perfekte Aufstiegspunkt erreicht ist, um das Eis zu verlassen. Hätte ich doch nur etwas genauer auf das GPS geschaut!




    Hier verlasse ich zum ersten Mal das Eis


    Gegen 16 Uhr 30 verlasse ich - nach insgesamt 9 Stunden - das Eis, Yeah! …..und renne mitten hinein ins Verderben!?
    Im letzten Augenblick mischt sich in die Welle meiner Euphorie doch noch so etwas wie eine warnende Instanz in meine Gedanken: Obacht…..und Fokus auf Quicksand! Umgehend werden meine Schritte langsamer, und während ich den Boden, die Erhebungen und die Moräne mit den Augen sorgfältig „up scanne“, setze ich meine Füße auf möglichst festen Boden. Ohne das etwas passiert, erkenne ich rasch, dass hier der Boden völlig instabil ist. Wie zum Beweis stochere ich etwas mit meinem Trekkingstock auf 2 Meter Höhe am Moränen - Hang herum. Umgehend setzt sich dieses Stück des Hanges auf mehrere Meter Breite in Bewegung und fließt als kleine Schlammlawine auf mich zu.
    Ach, du Sche…, nichts wie weg hier! Ausgeschlossen, da komme ich nicht hoch.
    Langsam bewege ich mich wieder zurück, Richtung Eiskante. Psychologisch ist der Schritt zurück auf das Eis nicht leicht, doch es bleibt mir nichts anderes übrig. Ich muss eine andere Stelle zum Ausstieg suchen. Etwa 50 Meter weiter wage ich einen neuen Versuch und habe Erfolg. Zu meiner eigenen Überraschung stehe ich schon nach kurzer Zeit auf einem doch erstaunlich soliden Moränen - Rücken! Voila!
    Ich passiere einen See und wundere mich: Das kann doch nicht richtig sein? Nun bin ich alarmiert und gleiche einmal das Kartenbild mit dem GPS ab: Der Track verlässt das Eis etwa 500m weiter nordwärts. Das bedeutet also, daß ich zu weit südlich das Eis verlassen habe.
    In der Hoffnung, auch hier einen Weg zum Langisjór zu finden, setze ich meinen Weg fort. Die Ungewissheit ist ab nun mein allgegenwärtiger Begleiter. Auf diesem durch und durch unsicherem Terrain komme ich zudem nur sehr langsam voran. Kurz vor einem kniffligen Abstieg schaue ich hinüber zu einer Gebirgskette. Nur 500m Luftlinie entfernt verläuft der echte Track und ich bin versucht, hinüberzuwechseln zur parallel verlaufenden Bergkette. Ein sehr steiler Aufstieg, und ich könnte meinem Track wieder folgen.
    Mittlerweile ist es schon etwa 19 Uhr und ich fühle mich nicht mehr frisch genug, um den steilen Aufstieg und die 400 Höhenmeter anzugehen. Dann lieber den ungewissen Abstieg auf losem, rutschigen Moränen - Mergel. Langsam arbeite ich mich etwa 200 Höhenmeter tiefer; sehr behutsam und vorsichtig, aber eben auch sehr langsam. Als ich unten bin, ist das Vorankommen einfacher.
    Dort angekommen, empfängt mich eine vollständig andere Landschaft. Hier ist es überraschend grün und überall liegen kleine Seen verstreut. Ich bin entzückt, was für ein Wandel der Landschaftsform! Da es nun bereits auf 20 Uhr zugeht ( wo ist die Zeit geblieben? ), setzt die Dämmerung bereits ein. Die Sonne scheint zwar noch immer, aber nur die weit gegenüber liegenden Berge werden von ihr angestrahlt. Es ist Zeit ein Nachtlager zu suchen, doch so schön es hier ist, trockene Camp sites wollen einfach nicht kommen. Überall ist es matschig und der Morast ist allgegenwärtig. Nein, das kommt für mich nicht in Frage, und so unrunde ich zahlreiche, kleine Seen und bin froh, wenn es jedesmal doch wieder weiter geht und ich mir - Stück um Stück - einen Weg durch das Labyrinth bahne. Hoffentlich kommt da noch was, denn so langsam wird es Zeit, anzukommen, zu essen und auszuruhen, doch vergeblich, es will einfach kein geeigneter Platz kommen. Ich bin ziemlich erledigt und habe nicht einmal mehr Lust, die Fotokamera herauszuholen, weshalb es von dieser Passage keine Bilder gibt. Das ist schon ungewöhnlich für mich; ich vermute, eine gewisse Dehydrierung ist hierfür verantwortlich.
    Als ich schon aufgeben will und bereit bin, mir dann eben doch einen feuchten Platz zum Kampieren an einem kleinen See, der mehr einem Tümpel gleicht, und in dem das (Trink ) Wasser schon etwas brackig und abgestanden schmeckt, zu suchen, entscheide ich mich noch, eine kurze, fast senkrechte Steigung hinaufzuklettern. Als ich, schwer atmend, oben angekommen bin, macht mein Herz einen Sprung: Ich stehe am Rand einer größeren Ebene. Super trockene Plätze, also die perfekte Camp - Stelle. Ich kann erkennen, dass hier schon öfter auch andere Zelte gestanden haben, denn überall liegen, in mehreren Kreisen, große Steine herum. Im starken Dämmerlicht errichte ich mein Zelt. Anschließend wasche ich mich beim tiefer gelegenen See und fülle meine Wasserflaschen auf. Es ist schon nach 21.30 Uhr, als ich mir endlich einen Tee koche und etwas zu Essen machen. Wegen des brackigen Wassergeschmacks lasse ich das Wasser etwas länger kochen.
    Auf meiner Seite ist es schon recht dunkel, doch die gegenüber liegenden Berge sind noch immer von der Sonne beleuchtet. Das muss ich nun doch noch einmal mit der Kamera festhalten.
    Als ich mir erschöpft, aber glücklich, dieses Naturschauspiel anschaue, fällt mir schon ein penetranter Geruch nach faulen Eiern auf. Das empfinde ich als recht unangenehm, mache mir aber darüber keine weiteren Gedanken, denn ich möchte nun umgehend schlafen gehen. Zwischenzeitlich ist der Geruch auch wieder verschwunden, um mir dann erneut in die Nase zu fahren. Das geschieht vor allem am tiefer gelegenen See beim fotografieren und Zähne putzen. Später, bei meiner höher gelegenen Camp Stelle, rieche ich…..nichts.




    In der Nähe von Camp 6




    Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht wissen, das ich während der Nacht nur knapp einer Vergiftung durch Schwefelwasserstoff entgangen bin.


    - to be continued -
    Geändert von evernorth (10.02.2019 um 16:58 Uhr) Grund: Fehler behoben
    Ausgetretene Pfade sind die sichersten, aber es herrscht viel Verkehr. Ergo: Wer neue Wege gehen will, muss alte Pfade verlassen.

  15. AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #35
    Himmel, so kannst Du das aber nicht im Raum stehen lassen....bitte schnell weiter schreiben
    So möchtig ist die krankhafte Neigung des Menschen, unbekümmert um das widersprechende Zeugnis wohlbegründeter Thatsachen oder allgemein anerkannter Naturgesetze, ungesehene Räume mit Wundergestalten zu füllen.
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  16. Erfahren

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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #36
    Schwefelwasserstoff wohl eher, Schwefeldioxid hättest du anders bemerkt

  17. Fuchs
    Avatar von evernorth
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #37
    Zitat Zitat von walnut Beitrag anzeigen
    Schwefelwasserstoff wohl eher, Schwefeldioxid hättest du anders bemerkt
    Ja, vielen Dank für den Hinweis. Ein anderes Forumsmitglied hatte mich auch schon darauf hingewiesen ( ebenfalls vielen Dank ). Ich habs korrigiert.
    Schwefelwasserstoff ist wohl auch noch wesentlich toxischer, als Schwefeldioxid.
    Ich habe keine Ahnung, welche Gase außerdem noch ( und dazu ) in der Luft waren.
    Ein Ranger erzählte mir später, dass sie etliche Touristen aus dem Hochland, auch wegen der Vergiftungsgefahr, evakuiert haben. Er meinte, ich hätte sehr viel Glück gehabt.
    Ausgetretene Pfade sind die sichersten, aber es herrscht viel Verkehr. Ergo: Wer neue Wege gehen will, muss alte Pfade verlassen.

  18. Erfahren
    Avatar von Blahake
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #38
    Ich wollte mich schon für Dich freuen, dass Du auf dem Gletscher so viel bessere Bedingungen hattest als letztes Mal - Und dann das!

  19. Fuchs
    Avatar von evernorth
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #39
    Zitat Zitat von Blahake Beitrag anzeigen
    Ich wollte mich schon für Dich freuen, dass Du auf dem Gletscher so viel bessere Bedingungen hattest als letztes Mal - Und dann das!
    Das hat aber meine Freude und Begeisterung auf der Tour nicht im Geringsten geschmälert. Schock und mein langes Gesicht kamen dann erst nach der Tour in Hólaskjól und nach der Aufklärung durch den Ranger.
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    Avatar von blackteah
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    AW: [IS] Solo - Allir góðir hlutir eru þrír - Im Skaftárhlaup und andere Überras

    #40
    Wunderbare Landschaft und zum Glück hattest du so Glück! Ich bin froh dass du noch auf den Hügel gestiegen bist, in meiner Vorstellung wird jetzt in der folgenden Nacht die Ebene mit den Tümpeln von der Skafta weggespült
    Bin jedenfalls gespannt wies weiter geht.

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