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  1. Anfänger im Forum

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    Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #1
    Hallo,

    ich plane gerade eine 3-monatige Alpenroute. Da frag ich mich gerade, wie streng ich es mit der Maxime der durchgängigen Begehung ("connecting footsteps") nehmen soll.

    Eigentlich würde ich am liebsten jeden Fernwanderweg von A bis Z durchwandern, ich bin eher so ein Prinzipienreiter. Gleichzeitig nerven mich "Straßenhatscher"...

    Es gibt ja nicht nur schöne Etappen, es gibt ja auch mal Etappen, die an vielen Siedlungen oder an großen Straßen vorbeiführen, oder die vielleicht so überlang sind.

    Wie haltet ihr es mit der durchgängigen Begehung eurer Route?

    Grüße
    Birgit

  2. AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #2
    Die Antwort hast du dir schon im zweiten Absatz gegeben. "Eigentlich ..."

    Auch ich gehöre zu den Prinzipienreitern, deshalb wandere ich durch. Beschissene Etappen gehören zum Fernwandern.

    In Dänemark haben wie vor 11 Jahren einmal in unserem Wanderleben 3 Etappen übersprungen. Die laufen uns heute noch hinterher.
    Geändert von Werner Hohn (22.11.2018 um 13:58 Uhr) Grund: Buchstabentausch.
    .

  3. Erfahren

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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #3
    Auf dem C2C (Coast to Coast) gibt es auch einige langweilige Passagen nebst Roadwalking. Ich habe diese Kilometer gehasst. Ich möchte aber auch keinen missen, die gehören halt irgendwie doch dazu.

    Ist für mich aber eine sehr persönliche Entscheidung. Nach richtig oder falsch zu fragen wäre für mich der falsche Ansatz.

  4. Dauerbesucher
    Avatar von Igelstroem
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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #4
    Man muss sich vielleicht mal überlegen, warum man etwas auf eine bestimmte Weise macht. Den Grundsatz der ›connecting footsteps‹ kann man auf zweierlei Weise umformulieren:

    »Zum ›Dialog mit einer Landschaft‹ gehört, dass man sie in ihren verschiedenen realen Facetten wahrnimmt, also nicht nur die Highlights konsumiert, sondern auch die unangenehmen Aspekte und die Ödnis, die zum einen eine Implikation der physischen Ausgedehntheit der Landschaft ist und zum anderen anzeigt, dass Landschaft etwas Unverfügbares ist, sich also von einem für mich angelegten Garten sehr grundsätzlich unterscheidet.« (Das führt aber nicht unbedingt zu einer dogmatischen Handhabung; man könnte auch mal ein Stück mit dem Bus fahren, statt an einer Bundesstraße entlangzulaufen.)

    Zweite Umformulierung:

    »Ich bin ein Mensch, der gern anderen Menschen gehorcht und auch gar nicht in der Lage wäre, den Plan, den man haben muss, um eine Landschaft zu explorieren, selbst zu fassen. Deshalb liebe ich markierte Fernwanderwege, bei denen mir jemand genau vorgibt, wo ich entlangzugehen habe. Perfekter Gehorsam bedeutet, einen solchen Weg von Anfang bis Ende zu gehen, und wenn jemand anderes beschlossen hat, dass der Westweg ausgerechnet in der Innenstadt von Pforzheim beginnt, dann beginne ich meine Wanderung durch den Schwarzwald selbstverständlich in der Innenstadt von Pforzheim. Das ist eine gute Übung für meinen Lebenserfolg als lohnabhängiger Angestellter; denn auch im Arbeitsleben bin ich ja allenthalben mit Challenges konfrontiert, die von anderen gesetzt sind und die ich dann mit dem Pathos fremdbestimmter Eigeninitiative ›meistern‹ kann. ›Connecting steps‹ ist in diesem Sinne einfach konsequenter und lückenloser Gehorsam.«
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  5. Fuchs

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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #5
    Warum willst du dich vorher festlegen? Eigentlich planst du natürlich, den Weg zu Fuß zu gehen, aber wenn du bei strömendem Regen und Blasen an den Füßen die Straße entlang humpelst und ein mitleidiger Autofahrer bietet an, dich mitzunehmen, dann kannst du das frei entscheiden. Es ist deine Wanderung, es muss sich für dich gut anfühlen.

    Ich persönlich finde Alpenüberquerungen, bei denen das Taxi für die unspektakulären Taldurchquerung schon bestellt wird, ziemlich seltsam, d.h.. würde ich nicht machen ...wird aber gemacht.

    Solange man das Ganze für sich macht, kann man das handhaben, wie man will ... Was man will, kann man natürlich auch ein Forum entscheiden lassen

  6. AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #6
    Zitat Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen
    Zweite Umformulierung:

    »Ich bin ein Mensch, der gern anderen Menschen gehorcht und auch gar nicht in der Lage wäre, den Plan, den man haben muss, um eine Landschaft zu explorieren, selbst zu fassen. Deshalb liebe ich markierte Fernwanderwege, bei denen mir jemand genau vorgibt, wo ich entlangzugehen habe. Perfekter Gehorsam bedeutet, einen solchen Weg von Anfang bis Ende zu gehen, und wenn jemand anderes beschlossen hat, dass der Westweg ausgerechnet in der Innenstadt von Pforzheim beginnt, dann beginne ich meine Wanderung durch den Schwarzwald selbstverständlich in der Innenstadt von Pforzheim. Das ist eine gute Übung für meinen Lebenserfolg als lohnabhängiger Angestellter; denn auch im Arbeitsleben bin ich ja allenthalben mit Challenges konfrontiert, die von anderen gesetzt sind und die ich dann mit dem Pathos fremdbestimmter Eigeninitiative ›meistern‹ kann. ›Connecting steps‹ ist in diesem Sinne einfach konsequenter und lückenloser Gehorsam.«
    Fett von mir.

    OT: "Connecting steps" bedeudet doch nicht, stur einer Markierung zu folgen, sondern dass die "Wander-Linie" keine Unterbrechung hat.

    Für den Absatz da oben nutze ich zum ersten Mal in 13 Jahren die Ignorierfunktion. Das hat noch keiner geschafft.
    .

  7. Vorstand
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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #7
    Ich entscheide das einfach vor Ort. Meistens siegt die Neugier, wie es zwischen den beiden Punkten aussieht, wo ich eigentlich überbrücken wollte. Man kann nie wissen, was einem Interessantes entgeht, wenn man ein Teilstück auslässt.

    Wenn ich an den Pilgerweg Loccum–Volkenroda denke (Pilgerwege sind anfälliger für langweilige Streckenabschnitte, scheint mir), war das langweiligste Stück hier



    (ich guckte schließlich in den Straßengraben, was die Leute so weggeworfen hatten, und stellte Hochrechnungen an über die von den Autofahrern bevorzugte Zigarettenmarke )

    dagegen ein überraschend wenig langweiliges Stück, das erst öde aussah, da



    aber die Tierspuren fand ich dann doch spannend



    noch ein wenig gemochtes Teilstück dort (Wirtschaftswege durch Buchenplantagen sind meist nicht meine bevorzugte Wanderumgebung)



    und auf der Baltikumradeltour dachte ich an einem weiteren Tag durch WaldWaldWald, ich kann keine Bäume mehr sehn

    Aber sonst finde ich den Anteil langweiliger Strecken eher abhängig von der Tagesverfassung. Wenn man gerade keine Lust zu nix hat (müde, hungrig, etc.), dann kann alles langweilig erscheinen. Viele Leute mögen auch keine Stadtdurchquerungen, aber die finde ich mitunter ganz hübsch und abwechslungsreich.

    Und den E1 fand ich bisher so gut wie überhaupt nicht langweilig.
    Geändert von lina (22.11.2018 um 15:59 Uhr)

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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #8
    Zitat Zitat von Werner Hohn Beitrag anzeigen
    Für den Absatz da oben nutze ich zum ersten Mal in 13 Jahren die Ignorierfunktion. Das hat noch keiner geschafft.
    Dabei steht da nichts anderes als das, was ich immer schon in meinem Blog geschrieben habe.

    Ich wollte darauf hinweisen, dass ein restriktives Prinzip wie ›connecting footsteps‹ sehr unterschiedlich begründet werden kann und dass man, wen man es vertritt, auch erklären müsste, wie man es selbst auffasst. Deshalb die beiden Umformulierungen, die ja bewusst ganz unterschiedliche Arten von Gründen heranziehen. Ich habe offensichtlich nicht behauptet, dass sich jeder, der auf zusammenhängende Routen Wert legt, der zweiten Variante anschließen muss. Allerdings habe ich das Gefühl, dass die dort zugespitzt formulierte Mentalität mitunter eine Rolle bei der Wanderplanung spielt.

    Außerdem steht es jedem frei, dritte und vierte Varianten zu formulieren. Man muss sich nicht zwischen zwei bestimmten Deutungen entscheiden, aber man kann erwarten, dass jemand, der ein restriktives Prinzip formuliert, auch angeben kann, wieso er das tut.
    Geändert von Igelstroem (22.11.2018 um 15:12 Uhr)
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  9. Fuchs
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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #9
    Das kommt doch drauf an, was du willst oder was dir wichtig ist.
    Wenn du dir nachher die Thruhiker-Nadel an den Hut stecken willst, muss du natürlich jeden Meter laufen.
    Eine Bekannte sagt, nach einer Unterbrechung (Einkaufs-Abstecher o.ä.) beginnt sie die Fortsetzung sogar wieder auf derselben Straßenseite genau am selben Platz.
    Wenn du aber einfach eine schöne Tour durch die Alpen machen willst, und vielleicht sogar nur begrenzt Zeit hast, dann suchst du dir eben die schönsten Abschnitte aus und überspringst die weniger interessanten.

    Ich habe beim Trampen schon so viele sehr interessante Menschen kennen gelernt, das möchte ich zwischendrin nicht missen.
    Andererseits gehören ein paar Straßenkilometer und ein paar Ortsdurchquerungen bei einer Langstrecke vielleicht auf mal dazu.

    Entweder du entscheidest dich für´s Prinzip - alles unter allen Umständen zu Fuß gehen.
    Oder du entscheidest spontan vor Ort.
    Das Zweite wäre eher meins.
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    Das Wetter, das man jeden Morgen in sich selber macht, ist viel wichtiger als das Wetter draußen. Fynn

  10. Anfänger im Forum

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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #10
    He danke für die inspirierenden Beiträge,

    es geht nicht um Planänderungen durch Wetter, Ausrüstungs- oder Gesundheitsprobleme. Es geht auch nicht um die Anstecknadel für irgendwas. Es geht um die Haltung.

    Ich habe schon alles irgendwie gemacht, es kommt ja immer darauf an. Und mich interessiert einfach, mit welcher Haltung ihr da ran geht.

    Ich konnte mit der zweiteiligen Interpretation von connecting footsteps sehr wohl was anfangen. Danke Igelstroem.
    Vielleicht ist es ja gerade das: dass man sich als "ordentlicher" Mensch auch davon frei macht, es immer alles von A nach Z zu machen.

    An Werner: "In Dänemark haben wie vor 11 Jahren einmal in unserem Wanderleben 3 Etappen übersprungen. Die laufen uns heute noch hinterher." Genau das kenn ich aber auch, dass da so immer was reibt, wenn man es so macht

  11. Vorstand
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    Avatar von lina
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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #11
    Ein Stück E1 auf dem Deister fehlt mir noch immer, aber das hat auch was: Da kann man mal zwischendurch hingehen und sich das anschauen – letzten Herbst beispielsweise. Dem folgten dann ein paar weitere Deisterspaziergänge, weil ich die Gegend dort wider Erwarten interessanter fand als gedacht – also das Gegenteil von "Abkürzung".

  12. Alter Hase

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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #12
    Mal so. Mal so.

    Je nachdem, wie mir gerade ist. Manchmal ist es mir wichtig, auch die langweiligen Abschnitte zu laufen. Weil mir nur das einen wirklichen Eindruck bietet. Manchmal betreibe ich Cherrypicking. Viele Touren laufe ich sowieso abschnittweise. Und wenn zwischen den Abschnitten Wochen oder sogar Monate zu Hause liegen, gibt es für die Wahl von Start und Ziel sowieso noch andere Kriterien. Zum Beispiel, wo da die Bushaltestelle oder der Bahnhof ist.

  13. Erfahren
    Avatar von HO
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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #13
    Zitat Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen
    »Ich bin ein Mensch, der gern anderen Menschen gehorcht und auch gar nicht in der Lage wäre, den Plan, den man haben muss, um eine Landschaft zu explorieren, selbst zu fassen. Deshalb liebe ich markierte Fernwanderwege, bei denen mir jemand genau vorgibt, wo ich entlangzugehen habe. Perfekter Gehorsam bedeutet, einen solchen Weg von Anfang bis Ende zu gehen, und wenn jemand anderes beschlossen hat, dass der Westweg ausgerechnet in der Innenstadt von Pforzheim beginnt, dann beginne ich meine Wanderung durch den Schwarzwald selbstverständlich in der Innenstadt von Pforzheim.«
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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #14
    Übrigens habe auch ich versucht, meine Routen in Brandenburg und Mecklenburg und dann erst recht in dem Deutschland-diagonal-Projekt lückenlos miteinander zu verbinden. Das Motiv dabei ist, dass man eben nicht nur à la carte wandern möchte (was z.B. als Extremprojekt heißen könnte, alle deutschen Premiumwanderwege oder alle Premiumwege in einem Bundesland zu laufen), sondern dass die Veränderung der Landschaft beim Gehen lückenlos erfahren werden soll; lückenlos in dem Sinne, dass das ganze Register möglicher Landschaftserfahrung erlebt wird, also der abrupte Übergang vom Ballungsraum zur geschützten Naturlandschaft ebenso wie das allmähliche Hinauslaufen aus der Mittelgebirgszone ins norddeutsche Flachland oder was auch immer sonst noch vorkommt, wenn man in Europa längere Strecken wandert – es sind nur Beispiele.

    Das ist also auch ein Prinzip, aber ich bestehe bei der eigenen Planung darauf, dass dieses Prinzip auf einer bestimmten Ebene angesiedelt ist, nämlich auf der Ebene der gesuchten Landschaftserfahrung, nicht auf der Ebene der Selbsterfahrung, die man macht, wenn man eine bestimmte Leistung erbringt, indem man von einem bestimmten Punkt zu einem anderen bestimmten Punkt zu Fuß geht. Irgendeine Selbsterfahrung stellt sich beim Wandern sowieso ein, daran ist nichts falsch; aber da man gesellschaftlich eher dazu gedrängt wird, Gemachtes als Leistung zu exponieren, könnte man beim Wandern mal etwas anderes tun: sich auf die Landschaftserfahrung als Zuwendung zu einer realen Außenwelt konzentrieren und die Selbsterfahrung nur als Nebeneffekt kultivieren.

    Das Accomplishment, eine bestimmte Strecke gemeistert zu haben, kann den Effekt haben, dass sich dieses Vorrangverhältnis umkehrt: Man hat dann eine Selbsterfahrung gemacht, und die Landschaft war ein Instrument dafür. Auch vor dieser Alternative kann man sich immer noch frei entscheiden, wie man die eigenen Wanderprojekte auffasst und ob man nicht doch bewusst die zweite der zuletzt genannten Alternativen wählt (oder eine dritte formuliert), aber ich tendiere jedenfalls dazu, die vorrangige Aufmerksamkeit auf das Außen, also auf die Landschaft zu richten – gerade deshalb, weil das auch bei mir nicht von selbst geschieht, sondern einen Akt der Zuwendung erfordert, der zugleich etwas Entlastendes hat. Das Accomplishment besteht dann darin, einen vorher ausgewählten Naturraum exploriert zu haben, mich auf eine Landschaft eingelassen zu haben, sie in einigen Facetten kennengelernt zu haben, so wie man einen Menschen im Dialog in einigen seiner Facetten kennenlernt.

    Was würde ich also in den Alpen tun? Wahrscheinlich würde ich keine Überquerung ins Auge fassen, weil es dafür schon zu viele normierte Vorlagen gibt. Wohl aber würde ich eine zusammenhängende Route konstruieren, weil es dadurch möglich wird, die Landschaftserfahrung für sich selbst als Narration zu organisieren, also als eine Erzählung, in der verschiedene Erfahrungen aufeinander folgen und ineinander übergehen, ohne in allen Aspekten vorprogrammiert zu sein.

    Konkreter hieße das: Ich würde je nach Dauer der Tour eine Teilregion auswählen, Anfangs- und Endpunkt der Route unter Anreisegesichtspunkten festlegen, dann eine Route dazwischen konstruieren, die im ersten Anlauf geografisch-topografisch Sinn ergeben soll; im nächsten Schritt würde ich anhand der Karte versuchen, konkrete Etappen zu planen, und zwar natürlich unter Einbeziehung markierter Wege, die meinem sehr begrenzten technischen Können entsprechen. Das Vorhandensein vordefinierter Wege wird dabei nicht als Anweisung empfunden, sie ganz zu gehen; sie werden nur als Instrumente und Vehikel verwendet, um eben diese oder jene Bergkette zu überschreiten, bevor man dann eventuell im nächsten Tal auf einen anderen Weg wechselt, weil das dem geografischen Plan entspricht.

    Da aber die Alpen etwas anderes sind als das mecklenburgische Flachland, würde ich es mir womöglich noch einfacher machen und jeweils über mehrere Tage hinweg bestimmten Standardrouten folgen, die ich nur hier und da anhand der Karte abwandeln würde (und zwar in meinem Fall vermutlich mit dem Motiv, es mir bequemer zu machen). Und jetzt das Schlimmste: Ungeachtet des grundsätzlichen Motivs, eine kontinuierliche Route zu gehen, würde ich vermutlich auch mal ein Verkehrsmittel oder gar eine Bergbahn benutzen, um mir eine bestimmte Unannehmlichkeit (z.B. zu viele Höhenmeter in einer Etappe) zu ersparen. Das würde ich dann im Einzelfall mit mir selbst verhandeln. Ich will in dieser Landschaft wandern, aber ich bin meistens kein Held. Der Vorrang der Landschaftswahrnehmung bedeutet also eine Zurückstufung der Selbstherausforderung. Eigentlich lege ich auch keinen Wert darauf, an meine Grenzen zu kommen. Es könnte höchstens sein, dass das von selbst passiert, im Hochgebirge gerne wegen ausgesetzter Stellen, die ich eigentlich meide.

    Übrigens versteht sich alles, was ich jetzt aufgeschrieben habe, nicht als Ratschlag; ich wollte nur erklären, wie sich die Planung und Ausführung darstellen kann, wenn man einerseits die Idee einer geografisch kontinuierlichen Route hat, aber andererseits an einem Vorrang der ›Landschaftswahrnehmung im Gehen‹ vor dem ›Accomplishment‹ (also dem Leistungsaspekt) festhält.
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  15. Vorstand
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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #15
    Hm ... man stelle sich vor, eine Fahrkarte zu lösen zur Endstation irgendeines öffentlichen Verkehrsmittels und liefe dann einfach los. Gesetzt den Fall, man träfe auf das Zeichen eines Premiumwanderwegs. Würde man jetzt wählen, diesen weiter zu gehen? Warum überhaupt planen? Könnte man nicht unterwegs entscheiden, wo man abbiegt, um dann, gegen Ende der zur Verfügung stehenden Zeitspanne, irgendeinen nahe liegenden Bahnhof anzupeilen, um wieder Anschluss an den Alltag zu finden? Fehlte einem was bei solch einem Vorgehen? Wäre die Exploration der Landschaft besser (intensiver) oder schlechter durch diesen Ansatz?

  16. Anfänger im Forum

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    #16

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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #17
    Beispielsweise :-)

  18. Dauerbesucher
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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #18
    OT:
    Zitat Zitat von lina Beitrag anzeigen
    Hm ... man stelle sich vor, eine Fahrkarte zu lösen zur Endstation irgendeines öffentlichen Verkehrsmittels und liefe dann einfach los.
    Kann man machen. Das war auch meine erste Wanderung in Brandenburg, so um 1990; die Endstation hieß Strausberg Nord. Allerdings hatte ich eine Karte dabei, d.h. ich stütze mich auf die Exploration von jemand anderem und ›exploriere‹ nur, was sich konkret hinter den abstrakten Zeichen der Karte verbirgt.


    Zitat Zitat von lina Beitrag anzeigen
    Gesetzt den Fall, man träfe auf das Zeichen eines Premiumwanderwegs. Würde man jetzt wählen, diesen weiter zu gehen?
    Das kommt darauf an, ob man nur in einer angenehmen Umgebung zu Fuß gehen will (was ein gewöhnliches und im Prinzip nicht zu kritisierendes Motiv des Wanderns ist) oder ob man z.B. anhand der Karte einen anderen Plan hat.
    Wenn man von Strausberg Nord losläuft, stößt man auch auf Wanderzeichen, aber ich weiß bis heute nicht genau, wie der markierte Weg weiter verläuft. In meiner Karte war das nicht markiert. Also bin ich am Großen Lattsee entlanggelaufen und jenseits der Landesstraße irgendwie auf dem kürzesten Weg nach Leuenberg, wo man in einen Zug nach Berlin einsteigen konnte – ein geografisch und verkehrstechnisch definierter Plan, bei dessen Ausführung man eben nur diese machbare Route exploriert.
    Man kann stattdessen auch aus Neugier oder aus Vertrauen in die Motivationseinfühlungskompetenz der Premiumwegedefinierer dem Wanderzeichen des Premiumwegs folgen. Idealerweise findet man dann unterwegs irgendwann zum passenden Zeitpunkt einen Abbiegehinweis zu einem Bahnhof, so dass am Ende alles passt. Was mich an dieser Situation stören würde (und tatsächlich auch stört, wenn ich zu mehreren unterwegs bin und jemand anderem die Navigation überlasse), ist, dass ich am Ende zwar in einer schönen Umgebung unterwegs war, aber das geografische Raumgefühl dabei verliere, d.h. ich hätte z.B. Mühe, den nachgelaufenen Weg später auf einer topografischen Karte nachzuvollziehen, wenn er dort nicht markiert ist. Die geografische Souveränitätsattitüde ist für mich ein wichtiger Aspekt des Wanderns; einem Zeichen zu folgen, ist nur vorübergehend eine Entlastung; auf Dauer fühlt sich das für mich nicht gut an.

    Zitat Zitat von lina Beitrag anzeigen
    Warum überhaupt planen? Könnte man nicht unterwegs entscheiden, wo man abbiegt, um dann, gegen Ende der zur Verfügung stehenden Zeitspanne, irgendeinen nahe liegenden Bahnhof anzupeilen, um wieder Anschluss an den Alltag zu finden? Fehlte einem was bei solch einem Vorgehen? Wäre die Exploration der Landschaft besser (intensiver) oder schlechter durch diesen Ansatz?
    Doch, das geht schon. Wenn man eine Karte hat, braucht man keine Detailplanung; dann kann sich die Entscheidung zum Abbiegen auch mal nach der Ästhetik des Weges richten. Die Exploration wird dadurch interessanter, wie ich finde; Intensität könnte aber auch noch vieles andere heißen, etwa dass man Abstecher macht, nicht in der Karte eingezeichnete Wege begeht und dergleichen; also das, was man macht, wenn man OSM-Karten ergänzt. Theoretisch könnte man auch auf die Karte verzichten und mit GPS oder Kompass und Schrittzähler die Vor-Exploration, die die Karte liefert, selbst ausführen. Auch dadurch verändert sich die Landschaftswahrnehmung. Das ist nicht unbedingt besser oder schlechter, es ist dann eben nicht mehr dieselbe Art des Wanderns.

    Allerdings gibt es nicht überall Bahnhöfe.


    Und im Hochgebirge geht sehr vieles nicht, was im norddeutschen Flachland ganz gut geht. ›Irgendwelche Wege‹ gehen kann man zum Beispiel nur, wenn man auch das Gelände beurteilen kann. Damit habe ich in den Alpen schon böse Erfahrungen gemacht.
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  19. Vorstand
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    Avatar von lina
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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #19
    Zitat Zitat von Igelstroem Beitrag anzeigen
    (...) ich hätte z.B. Mühe, den nachgelaufenen Weg später auf einer topografischen Karte nachzuvollziehen, wenn er dort nicht markiert ist. Die geografische Souveränitätsattitüde ist für mich ein wichtiger Aspekt des Wanderns; einem Zeichen zu folgen, ist nur vorübergehend eine Entlastung; auf Dauer fühlt sich das für mich nicht gut an.
    Sofern man ein Navi dabei hat, das "mitschreibt", geht das Nachvollziehen spätestens zuhause.
    Planendes Sich-Verlaufen kann allerdings auch ziemlich beunruhigend sein, für das Fortkommen hinderliche Landschaftsformen gibt es überall (auch in Norddeutschland).

    (mit "Bahnhof anpeilen" meine ich Anschluss bekommen zu irgendwelchen öffentlichen Verkehrsmitteln, die einen wieder zu einem Bahnhof führen. Dass das wochenends mehr als mau ist, ist natürlich auch wahr).

  20. Alter Hase

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    AW: Fernwandern: alles durchgehen oder auch mal "abkürzen" - wie haltet ihr´s?

    #20
    Städte erkunde ich zum Beispiel gerne so. Einfach an irgendeiner Haltestelle aussteigen und loslaufen. Als Gegenstück dazu, immer die sogenannten "Sehenswürdigkeiten" abzuwandern. Mehr eintauchen in das Gewusel in irgendeinem Stadtteil.

    Interessant finde ich auch, andere Dimensionen einzuführen. Ich habe zum Beispiel mal eine Langstreckentour gewandert, die relativ linear war. Und zwar jeweils nur an einem Tag der Woche. So dass eine zeitliche Dimension dazukam. Ein Sonnenuntergang, der erst immer früher kam und schließlich wieder später. Die Blätter fielen von den Bäumen. Es schneite. Irgendwann kam der Frühling. Kombiniert mit reichlich Überschwemmung. Wobei die Landschaft ziemlich gleich blieb.

    Das war eine sehr interessante Erfahrung.

    Ein andermal bin ich barfuß gelaufen. Unglaublich fixiert auf die Bodenbeschaffenheit.

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