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    [IS] Solo über Langisjór, Skaftá, Eldgja und Strútstigur nach Þórsmörk

    #1
    Mitreisende: Styg
    14.8.2018
    Prolog: Irgendwo in Süddeutschland - Frankfurt am Main - Reykjavík

    Es ist Mittwochvormittag, nachdem ich in der Nacht zuvor meinen Rucksack gepackt habe, erledige ich etwas unausgeschlafen im Büro noch einigen Schriftkram. Dann möchte ich meiner Selbstständigkeit für die knapp drei Wochen weitmöglichst den Rücken zukehren. Netter Versuch, vermutlich. Auf dem Weg zum Flughafen fahre ich noch kurzfristig bei einem Kunden vorbei und nehme einen Server in Betrieb. Hoffentlich fällt mir das die nächsten Wochen nicht auf die Füße. Die üblichen Loslassensängste eben, obwohl soweit alles organisiert ist.

    Nach einer überraschend staulosen Fahrt nach Frankfurt verräume ich mein Auto bei einem Parkplatzanbieter, steige in meine Wanderschuhe und lasse mich an den Flughafen kutschieren. Da ich den eingeplanten Puffer für Staus oder sonstige Eventualitäten nicht nutzen musste, bin ich ziemlich früh da. Ich nutze die Zeit sinnvoll und verlaufe mich erst einmal auf dem Weg zum Bus nach Terminal 2, obwohl ich schon einige Mal hier abgeflogen bin. Kann man mal machen. Während ich dann etwas verloren an der endlich richtigen Busshaltestelle stehe, leide ich kurz am Herdplattensyndrom und bin der festen Überzeugung, eine Scheibe im geparkten Auto nicht geschlossen zu haben. Dann sitze ich im Terminal und brücke die Zeit mit Leute-gucken, Zunge-am-heißen-Kaffee-verbrennen und Rucksack-in-Folie-packen. Letzteres leider umsonst. Nach der Landung in Keflavík teilt mir ein Zettel der Flugsicherung aus Frankfurt im ausgepackten Rucksack schriftlich mit, dass Lithium im Gepäck unerwünscht ist. Die Powerbank ist weg. Eigentlich weiß ich das, ich hatte es tatsächlich schlicht vergessen. Immerhin ist der Rucksack mitsamt dem restlichen Inhalt noch heile und vor allem vollständig.

    Bei der Landung in Keflavík war von Island nichts zu sehen, die Insel liegt in Wolken und Nebel. Es ist Abend, die Lavafelder auf der Fahrt in die Hauptstadt verschwinden in der Dunkelheit. Überhaupt lassen in dem Moment die viele Baustellen entlang der Straße die Umgebung sehr trostlos auf mich wirken. Meiner Ansicht nach hat Island die Route über die 41 Richtung Reykjavík noch nie wirklich geschmeichelt. Nachdem der FlyBus mich am BSI abgesetzt hat, kann ich an der nahelegenen Tankstelle einen Liter Rödsprit (Spiritus) kaufen. Die warme Küche auf Tour ist damit gesichert. Mein Rucksack bringt nun inklusive Verbrauch knappe 12 Kilogramm auf die Waage und trägt sich von Beginn an völlig problemlos. Aber wir kennen uns mittlerweile auch ganz gut. Dafür fremdle ich selbst zunächst etwas mit der Umgebung und habe kurz einen dieser „Was mache ich hier eigentlich?“-Momente, obwohl dies bereits mein sechster Besuch auf Island ist. Sobald ich jedoch Richtung Hallgrímsskirkja zu meiner Pension laufe, legt sich das Gefühl und weicht einer wohligen Vertrautheit. Es ist bereits kurz vor 23 Uhr, die Straßen sind nahezu menschenleer. Mein Bus ins Hochland morgen früh fährt um 7:30 Uhr, ich checke ein - gute Nacht!

    15.8.2018
    Reykjavík - F208 Richtung Langisjór
    Nach einer erholsamen Nacht stehe ich gegen sechs Uhr auf, dusche vor Tourstart noch einmal warm und ausgiebig, dann laufe Richtung City Hall Rathaus los, die Kapuze der Jacke tief ins Gesicht gezogen. Trüber Islandniesel wird heute ein ständiger Begleiter sein. Am Rathaus warte ich mit etwa 20 anderen Wanderern eine gute halbe Stunde auf diverse Busse. Bei genauer Betrachtung wäre ein kurzes Frühstück in der Pension durchaus noch drin gewesen.

    Auf der Fahrt nach Landmannalaugar über Selfoss und Hella schleicht sich dann der Alltag ganz langsam aus. Zur Pause in Hella kaufe ich eine zweite 0.5l-Trinkflasche, Süßkram und außerdem Batterien für den Spot, sicher ist sicher. Ich schaue mir die vorbeiziehenden Landschaften an und freue mich: Endlich wieder auf Tour! Als der Bus dann von der geteerten 26 auf die holprige Hochlandpiste abbiegt, erkenne ich einige Streckenabschnitte wieder, die wir damals auf der 2013er-Tour passiert haben. Schaukelnd bringen wir die letzten Kilometer hinter uns, im Hochlandlager angekommen ist es dann immer noch nieselig.


    Ankunft in Landmannalaugar

    Viele Leute, Busse und Autos: Es ist voll, aber weniger voll als erwartet. In der Mountain Mall hole ich mir hastig einen heißen Kaffee. Ich sortiere im Lager neben einem Zelt voller Tagesausflüglern und vermutlich auch Trekkern meine Ausrüstung.


    Ausrüstung sortieren im Nieselregen

    Geschäftiges Treiben in vielen Sprachen, eine lange Schlange vor den sanitären Einrichtungen. Innere Unruhe treibt den Kaffee schnell hinunter und mich auf die Piste. Die ersten Kilometer hängt die Ausrüstung noch etwas unsortiert an mir, aber das gibt sich. Das Wandern selbst bereitet mir zur meiner Beruhigung direkt ab Start keinerlei Probleme.


    Landmannalaugar bleibt hinter mir zurück


    Rechts im Bild die Parkplätze vor der letzten Furt nach Landmannalaugar


    Bagger im Bachbett des Jökulsgilskvísl

    Bald schon lasse ich das Lager hinter mir. Als ich gerade einen vermeintlich letzten Blick auf mein Smartphone werfe, um Familie und Verwandtschaft über meinen Tourstart zu informieren, klingelt eine Kundin aus der Heimat durch. Es folgt ein kurzer technischer Support und etwas Seelsorge, mitten im Hochland - eine in dem Moment absurde und unwirkliche Situation. Smartphone aus, mangels Powerbank muss ich sowieso haushalten. Kurz falle ich wieder aus der Trekking-Rolle, dann zweigt die F208 nach rechts ab und ich bin aus dem gröbsten Trubel draußen und langsam aber sicher auch alleine.


    Abzweigung Richtung Langisjór, Eldgja und auch Hólaskjól

    Zwar kommen hier im Tagesverlauf noch einige Autos vorbei, ich bleibe jedoch der einzige Wanderer. Meine erste vermeintliche Furt ist dann überbrückt, hier wäre auch zu Fuß nicht an eine Querung zu denken.


    Landmannalaugar gerät außer Sicht


    Brücke über Jökulsgilskvísl

    Noch vor der Brücke über die Jökulsgilskvísl fällt mir meine Kamera aus Halterung am Gurtrucksack auf den Boden, ich hatte den Verschluß nicht richtig eingerastet. Zum Glück kostet mich der unnötige und dämliche Unfall nur einen Riss in der Sonnenblende des 35mm-Objektivs, mehr als glimpflich.


    Blick auf den Kýlingavatn


    Tolle Landschaften, auch und trotz Regen

    Hinter der Brücke führt die Piste um den Kýlingavatn herum. Trotz trübem Wetter empfinde ich die Landschaft als absolut prachtvoll: Offen, weit und erhaben! Natürlich laufe ich heute und vermutlich auch morgen bis auf einige kleine Abkürzungen fast ausschließlich entlang der Piste, zum einlaufen ist das jedoch absolut in Ordnung für mich.




    Grenze zum Fjallabak-Naturpark

    Ich erreiche die Grenze des Naturparks Fjallabak und gleichzeitig auch meine erste Furt. Der Niesel geht in einen verbindlichen Regen über - habe ich das Seitenfenster meines Autos wirklich geschlossen? Schauer als auch Herdplattensyndrom sind jedoch bald wieder vorrüber. Ohne den Rucksack absetzen, wechsle ich in die Furtsandalen und quere das harmlos Gewässer zügig.


    Die erste Furt, zum Tourzeitpunkt harmlos

    Argwöhnisch werde ich von einem Autofahrer beäugt, der sich etwas verunsichert eine geeignete Stelle durch Durchfahrung sucht. Drüben wechsle ich stehend zurück in die Wanderschuhe und marschiere weiter. Ein Baustellenlaster kommt mir vollbeladen entgegen, an der zugehörigen Baustelle komme ich jedoch nicht vorbei. Auf den folgenden Kilometern verengt sich das Gelände, kurz vor der zweiten Furt mache ich unter einem Felsüberhang eine regenschüzte Pause.


    Pause unter einem massiven Regenschutz

    Die Outdoorküche wird in Betrieb genommen: Die Käsespätzle dürften zwar eigentlich nicht so heißen, schmecken aber trotzdem prima. Mein Drang zum Smartphone geht mir gerade selbst auf den Zeiger. Schon alleine aus erzieherischen Gründen bin ich froh, hier keinen Empfang zu haben. Ums Eck meines Pausenplatzes finde ich einen ganz passablen Zeltplatz und überlege kurz, es hier für heute bereits gut sein zu lassen. Ein Blick auf die Karte zeigt mir, dass ich bis zum geplanten Ziel „Stromleitung“ noch eine ganze Ecke zu laufen hätte, wobei ich dieses das Tagesziel bei der Planung willkürlich auf diese Landmarke gesetzt hatte. Die Gehmoral gut ist, also laufe ich weiter diesem Gefühl hinter, unbedingt wissen zu wollen, was hinter der nächsten Biegung kommt.





    Auch die zweite Furt ist kein Problem, ebensowenig sind es die weiteren, die noch folgen. Hin und wieder verlasse ich die Piste, um über schmale Pfaden abzukürzen. Nach einem Anstieg öffnet sich vor und unter mir der Blick in ein weites Tal.


    Ein weites Tal öffnet sich

    Einige abentliche, diffusen Sonnenstrahlen kämpfen sich mühsam durch Wolken und Niesel und schenken mir etwas Licht.









    Im weiteren Verlauf kann ich mich über einige Furten mogeln. Eine knappe Gehstunde später hält ein Auto an, die Insassen fragen mich, wie ich über die Gewässer kommen würde. „By foot!“ anworte ich lachend und zeige unter begeistertem Applaus meine Furtsandalen her. Als ich weiterlaufe und bald schon über die nächste Furt muss, werde ich beobachtet. Hoffentlich hat nicht enttäuscht, dass ich einige Steine zum Drübermogeln nutzen kann. Insgeheim habe ich das Gefühl, dass die Querungen für die Autofahrer hier tückischer sind, als zu Fuß durch die knapp 20cm tiefen Wasserläufe mit moderater Fließgeschwindigkeit zu waten. Das muss und wird natürlich nicht immer so sein, wir sind schließlich auf Island.

    Ich gehe etwas querfeldein, die nächste Furt eröffnet sich vor mir und ich bemerke, dass ich genug für heute habe. Diesen Gedanken noch im Kopf habend, stehe ich unvermittelt am Rand einer kurzen steilen Kante mit perfekten Zeltplätzen dahinter: Topfeben, windgeschützt, grasiger Untergrund, Wasseranschluß und Privatsphäre. Da es dämmert und auch kühl wird, mache ich nach 23 Tageskilometern Feierabend und baue zum ersten Mal auf dieser Tour mein Zelt im Hochland auf.


    Zeltplatz nach der ersten Etappe

    Wo mich die Route überhaupt hinführt? Geplant ist, den Langisjór zu umrunden, dann entlang der Skaftá zur Eldgja und nach Hólaskjól laufen. Im Anschluss möchte ich über den Strutstígur nach Hvangill und schließlich in die Þórsmörk nach Langidalur. Der Gletscherlauf Skaftárhlaup mit bis zu 1600m³ Wasser pro Sekunde ist erst wenige Tage her und meine geplante Route führt direkt an und durch betroffenes Gebiet. Ich bin gespannt, was mich erwartet.
    Geändert von Styg (27.01.2019 um 16:12 Uhr)

  2. Dauerbesucher
    Avatar von blackteah
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    AW: [IS] Solo über Langisjór, Skaftá, Eldgja und Strútstigur nach Þórsmörk

    #2
    Oh wie schön, ein neuer Bericht von dir. Und dann auch noch in bekanntem Gelände

    Die Piste von Landmannalaugar zur Eldgja fand ich schon im Bus wunderschön, ist bestimmt nochmal viel toller, da entlangzulaufen. Ich bin gespannt, wie der Rest der Tour wird.

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    Avatar von Fabian485
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    AW: [IS] Solo über Langisjór, Skaftá, Eldgja und Strútstigur nach Þórsmörk

    #3
    Sehr schöner Bericht. Magst du etwas zur verwendeten Ausrüstung schreiben?

  4. Fuchs
    Avatar von evernorth
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    AW: [IS] Solo über Langisjór, Skaftá, Eldgja und Strútstigur nach Þórsmörk

    #4
    Gerade erst entdeckt und ebenfalls festgestellt, dass ich auch schon dort war, also ein Wiedersehen vieler, bekannter Orte. Wunderbar. Ich bin neugierig, welche Hindernisse dir die " Nachwehen " des Skaftárhlaup in den Weg gestellt haben.
    Bitte bald weiterschreiben.
    Ausgetretene Pfade sind die sichersten, aber es herrscht viel Verkehr. Ergo: Wer neue Wege gehen will, muss alte Pfade verlassen.

  5. AW: [IS] Solo über Langisjór, Skaftá, Eldgja und Strútstigur nach Þórsmörk

    #5
    Ich plane ähnlich 2019 zu laufen, danke für den Bericht und die geteilten Eindrücken... =)

  6. Gerne im Forum
    Avatar von Styg
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    AW: [IS] Solo über Langisjór, Skaftá, Eldgja und Strútstigur nach Þórsmörk

    #6
    @Fabian485: Auf die Ausrüstung kann ich gerne kurz eingehen: Ohne Verbrauch und Kamera wog der Rucksack ~5kg, mit Verbrauch ~12kg, mitsamt Kamera und zugehörigem Geraffel ~16kg. Ich bin also vergleichsweise leicht unterwegs, ohne jedoch ein Zahnbürstenabsäger zu sein. Großen Anteil daran hat mein Zelt (CMD Skyscape Trekker, ~800g) welches ich mit meinen Trekkingstöcken aufbaue, das Packmaß ist wirklich winzig. Der gebotene Platz ist für mich super, es ist (sauber abgespannt) erstaunlich windstabil - einem wirklich handfesten isländischen Sturm würde ich es nicht (oder nur extrem flach abgespannt) anvertrauen, die wiederum bekommen meiner Erfahrung nach aber sowieso alles platt. Mein Rucksack ist ebenfalls recht leicht (Pajak XC3, regendicht, ~650g), keinerlei Innenunterteilung, ich komme aber perfekt mit ihm klar.

    Gegessen wird die übliche Trekkingnahrung (2 x Tag, Mittag/Abend) sowie entsprechende Riegel (2 x Tag, Vormittag/Irgendwann). Meine Küche ist eine Alubierdose mitsamt kleinem Cat-Stove. Ich koche mit Spiritus, da ich Gaskocher nicht so gerne mag. Wasserflaschen kaufe ich vor Ort, idR 2x500ml um dann irgendwann die 1l-Spiritusflasche zur Wasserflasche machen zu können. Auf Müslitrekkingnahrung habe ich dieses Mal verzichtet da mir diese morgens auf vorhergehenden Touren ganz gerne mal im Magen lag. Dafür gibt's einen Müsliriegel. Ich habe auf Tour seltsamerweise keinen allzu hohen Kalorienbedarf. Wäre das daheim mal genauso.

    Leichter Schlafsack, leichte aufblasmatte Matte, Reperaturset/Werkstatt, Bordapotheke, Wechselklamotten, Elektronikbeutel, Papierunterlagen, Wertstoffhof/Abfallbeutel, Bivaksack, Furtsandalen, 3l-Wasserfaltbehälter, GPS, Notfallspot, das war es eigentlich soweit.

    @evernoth: Ich bin vor allem gespannt, wie es Dir erging! Einige meiner Etappen verliefen durch den Gletscherlauf durchaus etwas abenteuerlicher als geplant.

    Ich möchte an dieser Stelle noch erwähnen, dass ich auf dieser Tour tatsächlich einmal durchgehend trockene Füße hatte!


    17.7.2018
    F208 und F235 Richtung Langisjór

    Kurz vor 8 Uhr werde ich wach. Die Zeltorganisation erscheint mir noch etwas fragwürdig, aber das wird sich geben. Kaffee, Zeltabbau, dann gleich ab auf die Piste - die F208 liegt etwa 200m von meinem Zeltplatz entfernt. Um mich herum hängen grüne Hügel mit weißen Schneesprenkeln ihre Gipfeln in niedrige Nebelschwaden. Schafe beäugen mich aus der Ferne mit der für die Tiere üblichen Skepsis.


    Island - grüne Hügel, Schafe und Nebel.

    Guten Morgen! Es regnet nicht, sieht ganz danach aus. Wetter im Anmarsch. Direkt hinter meinem Zeltplatz wartet schon die erste Furt. Der kühle und breite Wasserlauf ist relativ seicht, wie alle übrigen des heutigen Tages auch. Die nächsten Wasserläufe kann ich daher in den Wanderschuhen queren. Der Weg verengt sich zunehmend und wird schmaler, Hügel rücken näher an die Piste. Bald schon erreiche ich die Powerline, die laut Tourenplan gestern als willkürliches Tagesziel gesetzt war.


    Stromleitung als Landmarke


    Island - Schwarz, Grau, Grün und Gelb

    Der Pass windet sich in einigen engen Kurve aus dem Tal heraus, mit jedem Höhenmeter erweitert sich der Ausblick nach vorne und hinten - der Blick nach Osten Richtung Küste ist wirklich atemberaubend schön! Würde ich hier der F208 folgen, würde ich noch heute im Tagesverlauf die Eldgja-Spalte erreichen. Dieses Ziel steht jedoch erst in einigen Tagen auf dem Plan.


    Blick zurück Richtung Westen


    Blick Richtung Osten, die F208 im Vordergrund

    Der straff wehende Wind pustet ab und an einige Wolken zur Seite und beschwert mir so für kurze Momente etwas Sonnenschein. Wenige Autos sind heute an mir vorbeigekommen, ab jetzt werden es noch weniger. Statt der Straße Richtung Tal und Eldgja zu folgen und dann die Abzweigung der F235 nach Norden zum Langisjór zu nehmen, folge ich recht weit oben auf dem Pass einer alten Piste und geben meine gewonnen Höhenmeter nur langsam wieder her.


    Auf einer alten Piste nordlich am Skuggafjöll vorbei, Blick auf Tindafjall


    Blick in die Ebene nördlich des Skuggafjöll

    Die Querung des Geländes erspart mir hier direkt einige Kilometer und führt außerdem durch ein landschaftlich wunderschöne Ebene am nördlichen Fuße des Skuggafjöll. Der Boden ist bedeckt mit Moos, dazu vollgesogen mit Wasser, auch deswegen bleibe ich in höherem Gelände.

    Trotz Geröll und großen Steinen lässt es sich sehr gut gehen. Nachdem ich bisher durch eher stumpfes Licht gewandert bin, deutet sich nun eine kurze Phase Sonnenschein an. Ich nutze die Gunst des Augenblicks und mache an einem kleinen Wasserlauf eine späte Frühstückspause.




    Frühstücksplatz mit Rückenlehne und Frischwasser

    Frisch gestärkt steige ich ins Tal ab, die Ebene ist vollgesogen mit Wasser, ich möchte nicht unbedingt wie ein Trampeltier durchmarschieren und lasse mir mit der Suche nach möglichst trockenen Abschnitten etwas Zeit.


    Im Tal ist es feucht und stellenweise sumpfig


    Tau tanzt auf Moos



    Am längsten nördlichen Ausläufer des Skuggafjöll verengt sich das Tal, hier liegt - mehr oder weniger versteckt - ein tief eingegrabener Wasserfall, aus nur wenigen Metern Entfernung bereits nicht mehr zu sehen.


    Blick zurück auf den (für mich) namenlosen Wasserfall

    Dem Wasserlauf folgend, lasse ich nun das Tal hinter mir, steige ab und laufe bald schon wieder über überwiegend steiniges Gelände. Staubspuren in der Ferne kündigen die nordwestlich verlaufende F235 an. Diese Piste wird mich bis zum Langisjór begleiten, ich laufe mal auf ihr, mal auf schmalen Pfaden neben ihr. Die Piste selbst wiederum folgt der Norðari-Òfæra.


    Blick Richtung Nordosten - links im Bild Ljónstindur



    Das Gelände ist topfeben, entsprechend gut komme ich voran. Hinter mir jedoch kündigt sich ein Wetterchen an. Von der Küste aus schieben sich dunkle Wolken und breite Regenvorhänge in meine Richtung. Bald schon tröpfelt es mal mehr, mal weniger. Es wird Zeit für meine Mittagspause! Kaum sitze ich, beginnt es verbindlich zu regnen. Schnell schlage ich das Zelt auf, kurz darauf liege ich pappsatt bei strahlendem Sonnenschein im Zelt und döse.


    Mittagspause im Zelt

    Ich nicke kurze ein, dann regnet es wieder. Völlig egal, ich bin auf Tour und habe keine Eile. Keine Verpflichtungen und keine Termine drängen mich zu irgendetwas - ich bin einfach nur hier. Kurz überlege ich, ob ich hierbleiben möchte, aber dann zieht es mich aber doch noch weiter. Ich möchte wissen, was hinter dem nächsten Hügel ist. Das Zelt kann ich in einer kurzen Regenpause dann einigermaßen trocken verstauen, hinter mir weht dann schon bald der nächste Niederschlag heran. Wieder auf der Piste sehe ich erst einen Regenbogen direkt vor mir, dann laufe ich bei Sonnenschein, den strömenden Regen im Rücken. Kaum hört der Regen auf, ziehen auch schon Wolken auf. Eine ganz Weile noch riecht es wunderbar nach feuchter Erde und nassem Moos.


    Island - Regen im Rücken, die Sonne scheint

    Die Furten hier kann ich allesamt einige Meter abseits der durch Autos ausgefahrenen Piste in Wanderschuhen überqueren. Moos und Gras weichen nun zunehmend braun-schwarzen Ebenen. Den Blautulón und seinen auf meiner Karte namenlosen Nachbarsee passiere ich fast unbemerkt, die Ufer haben sich vom Gelände kaum ab.


    Nördlich des Blautulón wird die Landschaft erneut karger


    Laufen abseits der Piste


    Durch weite Kieshalden

    Die Piste führt nun durch weite, strukturlose Kieshalden, eingesäumt von den für Island typischen, grün und gelb leuchtenden Hügeln. Mir persönlich gefällt diese auf den ersten Blick leere Umgebung sehr gut, da sie ein einzigartiges Gefühl der Weite erzeugt.


    Blick nach Süden - Blautulón links im Bild

    Zeit, ein Nachtlager zu finden, sagen meine Beine. Hier sind jedoch weit und breit keine geeigneten Plätze für ein Zelt zu finden, und so laufe ich dann doch noch etwas länger als gedacht in die zunehmend duster werdende Landschaft.



    Nicht zuletzt durch die Landschaft kommen mir hier einige Erinnerung meiner letzten Tour mit den Etappen Richtung Askja in den Sinn. Mag man auch hin und wieder das Gefühl haben, dass jeden Augenblick zwei hektische Hobbits den Weg queren könnten, um einen Ring ins Feuer zu werfen - ich fühle mich in dieser Umgebung pudelwohl.



    Ein Ranger, der mich schon vorhin mit seinem Jeep überholt hat, tritt hinter einer Erhebung eine Fahrspur außerhalb der Piste glatt. Erneut grüßen wir uns kurz. Ein paar Gehminuten später kreuzt ein Wasserlauf die Piste, sein schwarzes Sandufer ist von grüngelbem Bewuchs gesäumt. Hier finden sich einige passable Stellen für ein Zelt - Wasseranschluß, Windschutz, ebene Fläche. Einige offensichtliche Heringsbefestigungssteine zeugen von vorherigen Nutzern dieses Platzes.


    Das Tor zum Langisjór im Regen

    Zwar campe ich nun kaum einen Steinwurf von der Straße entfernt, das Zelt ist soweit verdeckt, dass ich etwas Privatsphäre habe. Es nieselt wieder, mein Zelt bekomme ich einer kurzen Regenpause aufgebaut. Es gibt Abendessen, dann gehe ich auch schon zeitig schlafen. Nach knapp 24 Kilometern bin ich einigermaßen erledigt aber auch vollständig zufrieden.


    Camp in den letzten Sonnenstrahlen des Tages

    Den Langisjór sollte ich morgen in etwa zwei Stunden erreichen können. Die letzte Wettervorhersage habe ich noch in Landmannalaugar abgerufen, hier habe ich keinerlei Empfang. Es sieht mir zwar nicht direkt nach Besserung aus, aber ich warte einfach einmal ab, was der Tag morgen bringt.
    Geändert von Styg (27.01.2019 um 16:13 Uhr)

  7. Fuchs
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    AW: [IS] Solo über Langisjór, Skaftá, Eldgja und Strútstigur nach Þórsmörk

    #7
    Ah, es geht weiter. Sehr schön.
    Deine letzte Camp - Stelle kommt mir bekannt vor. Ich denke, so kurz vor dem Langisjór habe ich auch an diesem Wasserlauf gecampt. Leider kein Foto.
    Ausgetretene Pfade sind die sichersten, aber es herrscht viel Verkehr. Ergo: Wer neue Wege gehen will, muss alte Pfade verlassen.

  8. Gerne im Forum
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    AW: [IS] Solo über Langisjór, Skaftá, Eldgja und Strútstigur nach Þórsmörk

    #8
    17.8.2018
    Piste F235 - Langisjór Südende

    Nebelschwaden ziehen um das Zelt, es ist kurz nach 7 Uhr. Ich habe gut geschlafen und fühle mich ausgeruht. Nach der Morgentoilette gibt es Frühstück, außerdem verfasse ich meinen Aufschrieb bis zu diesem Punkt. Das Notizbuch der letzten Jahre war voll, daher schreibe ich jetzt auf der Rückseite diverser Flugtickets, Autoverleihvouchers oder Bustickets - ist ja alles in A4 ausgedruck und auf der Rückseite meist leer. Kam mir schlau vor, Gewichtsersparnis und so, kennt man ja! Ein Stück weit geht mir jedoch mein vertrautes A6-Format ab, darin hat sich‘s einfach gemütlicher geschrieben. Auch die Lesbarkeit ist ein Stück weit suboptimal, zumindest fällt mir das Entziffern meiner Krakeleien im Nachgang manchmal wirklich schwer - Kerle, was für ein Gesudel!


    Piste F235 Richtung Langisjór


    In Blickrichtungrichtung des Gletschers wird es etwas heller

    Zum Langisjór sind es ungefähr noch 10 Kilometer. Zurück auf der Piste, ziehen dichte Wolken über mich hinweg. Zumindest vor mir und und der Ferne ist es und wird es zunehmend etwas besser. Ich laufe und gebe mich ganz einfach meinen Gedanken hin.


    Beschilderung Richtung Langisjór

    Nach einigen Kilometern ändern die Vegatation nach einem Knick in der Piste fast schlagartig ihre Farben: Pflanzen, die vor einigen Wegminuten noch Grün waren, kleiden sich hier in Herbsttönen. Es wird zudem merklich kühler.


    Kalte Gletscherluft färbt die Vegatation herbstlich ein

    Nach etwa zwei Gehstunden kommt dann auch schon der Langisjór in Sicht. Mit prachtvollen Bildern kann ich heute auf keinen Fall dienen, denke ich mir: Den ganzen Tag über bleibt es duster und zugezogen. Starker, böiger Wind kommt auf, er bringt zudem reichlich Niesel mit sich. Am Südufer des Langisjór stehend entdecke ich dann einige Fußspuren, die von links respektive dem Westufer auf die Piste führen. Hier hat vermutlich vor wenigen Tagen eine Gruppe eine Seeumrundung beendet.


    Südufer des Langisjór

    Dann stehe ich schon bald an den Info- und Toilettenhütten und mache geschützt vor Wind und Regen eine Pause. In diesem Augenblick kommt mir die Gegend in der Tat unwirtlich vor. Meine Laune ist etwas gedämpft, die Ankunft am See gleicht heute durchaus Coitus interruptus: Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen. Eine der Hütten kann man offensichtlich als Unterkunft mieten bzw. buchen. Meine Gedanken sind unsortiert, ich bin gerade unentschlossen. Noch habe ich hier jedoch Empfang, also rufe ich in der Heimat durch. Dennoch ist so manche Alltagssorge aus der Heimat so garnicht kompatibel mit meinen Gedanken hier auf Tour. Dank LTE-Empfang kann ich außerdem meine Mails abrufen. Nichts wichtiges, keine Notfälle - gut so, das erleichtert mich in dem Moment wirklich sehr.


    Info- und Toilettenanlage am Langisjór

    Viel wichtiger ist jedoch der Wetterbericht: Für die Umrundung des Langisjór brauche ich drei gute oder zumindest akzeptable Tage. Die Vorhersage gibt das nicht ganz her, das derzeitige Wetter auch nicht. Sorgen macht mir nach wie vor der heftige Wind und der steht auch die nächsten Tage an. Ich stehe etwas unentschlossen in der Gegend herum, auch eine Kaffeepause führt zu keiner Entscheidung. Morgen werde ich jedoch eine treffen müssen. Zwei Fahrzeuge komme an der Infostation an und spucken Menschen aus, die durch den schrägen Nieselregen zielstrebig Richtung Toilette laufen.

    Ich laufe weiter, gegen den Uhrzeigersinn und am Ostufer entlang. Der Sveinstindur zu meiner Rechten umhüllt sich mit nassen Wolken. Der böige Wind von hinten wird gemeiner und schubst mich und wieder regelrecht nach vorne. Den Nieselregen kann man mittlerweile auch getrost als soliden Regen bezeichnen. Das Westufer des Langisjór liegt ebenfalls sehr exponiert. Bei diesen Bedingungen mindestens einen Tag für dessen Querung zu benötigen, erscheint mir gerade als wenig angenehm. Die heftigen Böen in Kombination mit schmalen und nassen Pfaden an Steilhängen sind nicht zu unterschätzen. Genau das würde mich heute auf meiner Route noch erwarten - das geht nicht, also lasse ich es gut sein für heute.

    Diese Entscheidung nimmt mir die Anspannung, das merke ich sofort, nachdem ich sie getroffen habe. Es gibt keinen Grund, sich von Nieselregen oder Wind zu schlechten Entscheidungen zwingen zu lassen. Nach nur etwa 12 Tageskilometern schlage ich mein Zelt leidlich windgeschützt im Windschatten eines kleinen Hügels auf. Der heftige Wind erschwert den Zeltaufbau. Ich baue flach auf, die Heringe beschwere ich mit großen Steinen. Da ich hier nicht der erste Camper bin, liegen entsprechende Steine bereit, auch die üblichen Steinwände zum Windschutz sind zu sehen.

    Danach packe ich mich in den Schlafsack und döse. Es vergleichsweise kalt, der zündunwilliger werdende Spiritus bestätigt das. Mein Gang zum Wasserholen am Seeufer fällt daher ausgesprochen kurz aus. Dann gibt es erst einmal etwas anständiges zu Essen, die Spaghetti Bolognese können tatsächlich etwas! Mit dem Bivaksack erhöhe ich vorsorglich die Wärmeleistung meines Schlafsacks etwas. Es ist 14 Uhr und ich liege faul im Zelt, Donnerwetter. Andererseits: Ich bin im Urlaub, es ist absolutegal, es gibt keinen Grund zur Eile. Dennoch hoffe ich, dass morgen das Wetter wie vorhergesagt besser wird.

    Irgendwann am Nachmittag höre ich draußen Stimmen: Eine Gruppe von etwa 10 Personen marschiert dick in Regenklamotten eingepackt in einiger Entfernung an mir vorbei. Konversation ist bei dem Wind natürlich nur brüllend möglich.


    Wandergruppe am Langisjór im Regen

    So liege ich dann faulenzend im Zelt, döse etwas, und beginne auch endlich einmal wieder ein Buch - den vorherigen Band hatte ich auf der Tour im letzten Jahr fertig gelesen. Gegen Abend klopft der Wind in noch einmal heftiger werdenden Böen an das Zelt. Vom Ufer her höre ich den schnellen Wind mit tiefer Stimme brüllen: Mit voller Wucht und ungebremst pustet er vehement Kaltluft in Richtung Landesinnere. So langsam wird‘s verbindlich. Irgendwann schlafe ich ein. Nachts wache ich einige Male auf, da der Wind wirklich erbarmungslos am Zelt zerrt. Wird schon halten. Irgendwann mitten in der Nacht werde ich wach, weil die Böen merklich nachlassen. Die Stimme des Windes vom Ufer her hört für einige Stunden auf zu brüllen.


    Blick aus dem Zelt am nächsten Morgen.

    Geht doch!

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