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  1. Erfahren
    Avatar von pickhammer
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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #21
    Mitreisende: Paddolf
    Hallo Paddolf
    Ich hab mal nachgeschaut und festgestellt, dass du mit den versprochenen Hauptstädten im Rückstand bist.
    Ich warte gespannt auf Fortsetzung!
    Was unsere Touren angeht: Wir waren in der letzten Juliwoche ab Stockholm unterwegs. Da war ein zufälliges Treffen ausgeschlossen. Es ist aber immer nett, wenn man jemanden trifft...

    Best Grüße, pickhammer

  2. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #22
    Warum gab es hier eine lange Pause?
    Nun, ich war zwischendurch auf Reisen, davon fast 6 Monate einmal um den Globus
    (siehe Blog http://jujureise.blogspot.com/2018/12/in-den-oman.html)
    und erst jetzt ergibt sich Gelegenheit, den Bericht fertigzustellen.

    Ich bitte um wohlwollende Nachsicht.
    Geändert von Paddolf (03.08.2019 um 21:14 Uhr)

  3. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #23
    17.Tag
    Gestern abend habe ich den Glauben an das Gute im Menschen verloren ...
    Schreck bei der Zeltankunft - der Fotoapparat ist weg, irgendjemand muss das Zelt geöffnet und die Knipse aus dem Schlafsack gestohlen haben. Für höchstens 20€ Hehlerlohn die Erinnerungsfotos eines "armen" Zeltbewohners zerstören - wie ekelerregend.
    Heute musste ich beim Packen feststellen, dass der Dieb noch viel hinterlistiger war, als ich dachte. Hat er doch die Knipse tatsächlich in einem der Stauräume meines Bootes versteckt ... Nun ist also der Glaube an die Menschheit wiedergewonnen und der an die eigene Trotteligkeit bestärkt.


    Klar ist, heute soll es Richtung Kopenhagen gehen.

    Pause kurz vor der Einfahrt in die Kopenhagener Gewässer, spätestens hier muss ich über den weiteren Weg entscheiden


    Ursprünglich hatte ich eine Stadtdurchfahrt mit Übernachtung ins Auge gefasst. Vielleicht hätte man bei einem Kajakverein das Boot unterstellen und dann eine günstige Unterkunft suchen können. (Ich hatte bei der gestrigen Suche nach einem Steuerseil einen Kajakklub besucht und auch nach einer Unterkunft im oder direkt am Bootshaus gefragt. Die beiden angesprochenen Damen waren sehr freundlich aber konnten mir bei keiner der beiden Fragen helfen.)
    Südlich des Kerns von Kopenhagen, auf der Insel Amager befinden sich Biwakplätze. Eine weitere Option wäre, bis hierher zu fahren und am Folgetag durch Kopenhagen mindestens bis Saltholm, besser bis Malmö zu paddeln.

    Schließlich wird es die dritte Option: Entlang der Außenküste von Amager, Kopenhagen bleibt "links liegen".

    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]


    Bald gerät die Öresundbrücke ins Blickfeld ...

    ... ich fahre aber noch entlang der Küste bis zum Sportboothafen (bei Dragør) an der Südostspitze von Amager.

    Pause ... Wie weiter? Es ist noch nicht zu spät, um die 15km-Querung in Angriff zu nehmen, die Sicht ist gut. Nur die Fähnchen auf den Booten zeigen in die "falsche" Richtung und es hat im Laufe des Nachmittags aufgefrischt.
    Also hier nächtigen? Vielleicht könnte man beim Hafenmeister die Zustimmung für eine Zeltübernachtung erwirken. Falls das nicht funktioniert, müsste ich ein ordentliches Stück zurückfahren, um mich mit dem Zelt in die Büsche zu schlagen. Keine überzeugenden Aussichten.
    Noch einmal ein Blick auf die Windvorhersage ... eigentlich sieht alles gut aus, allerdings passt die Anzeige nicht zum aktuell kräftigeren Wind. (Später wird mir bewusst, dass es sich wahrscheinlich um einen thermischen See-Land-Wind handelt.) Auf jeden Fall wird nur schwacher Gegenwind prognostiziert ... ich mach mich auf den Weg.

    Zunächst peile ich die Ostspitze von Peberholm an. Auf diesem Inselchen taucht die Autobahn aus dem Tunnel auf, hier beginnt die eigentliche Brücke und hier wäre Gelegenheit für einen Zwischenstopp. (Allerdings nur bei geringen Wellen, ansonsten hat man an der Steinschüttung Anlegeprobleme.)


    Der Tourabschnitt nach Peberholm kreuzt eine der Hafenzufahrten nach Kopenhagen.


    Ab jetzt "hangele" ich mich bis kurz vor Malmö/Sibbarp entlang der Brücke.


    Kurz nach dem Passieren der ausgetonnten Schifffahrtsroute ...

    ... rasen mir 3 dieser kleinen Jetboote entgegen. Die jungen Männer sind sich offenbar über das Gefährdungspotential nicht im Klaren. Sicherheitshalber bereite ich mich auf eine bewusste Kenterung vor, um ggf. den mir Entgegenfliegenden nur die Bootsunterseite darzubieten. Die Jungs sind gut drauf, grüßen im Vorbeisausen, trotzdem wäre mir lieber, wenn sie 50m Sicherheitsabstand gelassen hätten.

    Hurra, Schweden. Die 15km haben sich recht einfach "weggepaddelt".
    Ankunft in Sibbarp. Ich frage nach der Lage des Zeltplatzes ... Unverständnis bei der Besatzung eines ankernden Bootes. Mein Englisch ist "poor", aber so grottig? Wenige 100m später wird alles klar, der Zeltplatz ist vom erhöhten Bootsdeck offenbar sehr gut zu sehen, nur eben aus der Kajakperspektive nicht. Die Befragten fühlten sich wahrscheinlich veralbert.


    Und da hat sie mich nun, die schwedische Brutalomücke. In Deutschland und Dänemark 'mal die eine oder andere, hier aber in Scharen. Irgendein Flatterviech hat mir schon auf der Überfahrt nach dem Leben getrachtet, in dem es sich kamikazemäßig in meine Atmungsorgane stürzte. Doch wo andere den Seenotfall auslösen, kommen wahre Helden (!) mit einer Hustenattacke davon.

    Zeltstelle Campingplatz Sibbarp





    18.Tag

    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; © GeoBasis-DE/BKG]


    Und wieder paddle ich unter der Öresundbrücke, diesmal in anderer Richtung.


    Ich bin heute spät aufs Wasser gekommen, es ist fast Mittag, kaum ein Lüftchen geht und ich ächze unter der Hitze.
    Später kommt Wind auf. Erst angenehm kühlend, bald aber anstrengend weil stärker und mit vorderlicher Komponente.

    Schwierige Navigation eingangs der Höllviken-Bucht zwischen Falsterbo und dem Festland. Bei der Planung sah alles ganz "easy" aus, jedoch in natura hat man eine Küstenlinie ohne markante Orientierungspunkte vor sich. Erstmals auf der Tour benutze ich mein eTrex-Navigationsgerät tatsächlich auf dem Wasser, um die Einfahrt in den Falsterbo-Kanal zu finden.

    Gefunden. Pause im Falsterbo-Kanal


    Im Falsterbo-Kanal herrscht nicht nur Gegenwind sondern eine ebensolche Strömung. Der Wind schiebt das Wasser von Süden gegen die Küste und damit durch den Kanal. Eine Segelcrew hat das offensichtlich unterschätzt. Das Anlegen vor der noch geschlossenen Klappbrücke missglückt, es folgt ein waghalsiges Wendemanöver und es endet rumpelnd und mit quietschenden Fendern an den Pollern dicht an meinem Boot ... Popcorn ... eine "Auflockerung" der Mittagspause.


    Nach passieren des Kanals wendet sich der Kurs gen Osten, zwar kann ich mich über eine Rückenwindkomponente freuen, jedoch "giert" das Kajak jetzt deutlich nach rechts.
    Was heißt das: Die schräg von hinten einfallenden Wellen treffen zuerst das Heck und drücken es zur Seite, so dass das Boot tendenziell parallel zu den Wellen gedreht wird. Wenn der Bug dann von der Welle erreicht wird, hat sich das Boot ja schon gedreht, die Kraft wirkt jetzt nicht nur auf den Bug sondern auf das gesamte Kajak. Das Boot wird also nur wenig zurückgedreht und daher eher parallel mit der Welle transportiert. Gerade bei steileren Wellen ist diese Gierneigung besonders ausgeprägt.
    Die erforderlichen Kurskorrekturen sind nicht nur anstrengend, beim Transport parallel zu den Wellen ist auch erhöhte Aufmerksamkeit geboten, um nicht zu kentern. Heute allerdings spielt letzteres keine Rolle.


    Pause am "Badestrand".


    Vor Trelleborg gilt es wieder, den Fährverkehr im Auge zu behalten. Eines der Schiffe verlässt den Anlegeplatz (die Abgasfahne scheint mir ungewöhnlich stark) stoppt kurz nach dem Verlassen des Hafens und fährt dann bald wieder zurück. Vielleicht ein Brand? Auf meine Fahrt hat das keine Auswirkung, ich muss nur darauf achten, die ca. 200m breite Hafenzufahrt zügig zu passieren.


    Heute abend gehe ich als schwedischer Pfadfinder durch. Am Campingplatz Nybostrand ist zwar die Kapazität für Zelte erschöpft, aber ein "Vindskydd" ist noch frei. Die Mädels an der Rezeption tragen mich auf einem speziellen Anmeldeblock ein (für schwedische Rucksackwanderer?), ich habe erfreulicherweise nur umgerechnet 3€ zu zahlen und brauche nicht einmal das Zelt aufzustellen.





    19.Tag
    Fast Vollmond - und er spiegelt sich in der Ostsee. Ich sitze auf der Düne, etwas unbequem aber mit romantischem Blick.
    Ganz anders hinter mir mein Zeltaufstellort zwischen den Dauercampern an der Zeltplatzstraße. Noch nie habe ich so viel für einen Zeltaufstellplatz in so blöder Lage gezahlt. Aber wir haben Hochsaison, die Plätze sind voll und ich musste schon die Mitleidsmasche fahren, um überhaupt unterzukommen.


    In Schweden darf man ja wild campen. Ich werde mir also so viel Wasser und Nahrung mitnehmen, dass ich nicht auf die Versorgung auf einem Campingplatz angewiesen bin. Allerdings muss ich vom Kochen Abstand nehmen, hier herrscht extreme Brandgefahr. Man sieht's der Vegetation an, sehr viele Trockenschäden.
    [Aus heutiger Sicht hätte ich hier das Jedermannsrecht in Anspruch genommen und mir ein Plätzchen kurz vor dem Zeltplatz gesucht.]



    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; © GeoBasis-DE/BKG]

    Heute bin ich bei hervorragendem Wetter von Nybostrand nach Nyborstrand gefahren (der erste Zeltplatz war besser).

    Nahe Schwedens südlichstem Punkt.


    Pausenplatz


    Warten auf die Fährausfahrt vor Ystad.


    Der Wind war schwach, das Boot hat kaum "gegiert".
    Übrigens, mein "pacific-style"-Kajak hat hinten ein gerades Heck und ist daher wahrscheinlich besonders empfindlich fürs Gieren bei Wellen von hinten. Sogenannte "british style"-Kajaks haben auch den Heckbereich hochgezogen und sollen daher besser in Wellen zu händeln sein. Einige halten nur solche Kajaks für echte Seekajaks. In Dänemark habe ich ausschließlich diese Bauform zu Gesicht bekommen. Allerdings sind die "echten" Seekajaker, die ich gesehen habe, nur in unmittelbarer Küstennähe "geschlendert", da braucht es keine besondere Ausrüstung. (Das Verhalten des Bootes bei Wellen von hinten ist für mich der einzige Grund, andere Bauformen und / oder ein Steuerskeg ausprobieren zu wollen. Ansonsten bin ich mit meiner Plasteschüssel sehr zufrieden.)

    Morgen fahre ich gleich zu Beginn an einem "skjutfält" vorüber. Drückt mir die Daumen, dass mich die Schweden nicht als Zielscheibe benutzen.

  4. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #24
    20.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Image © Maxar Technologies]

    Start.
    Gleich hinter dem Strand, am Schießplatzrand ein Beobachtungsgebäude. Oben flattert der Schwedenwimpel und nichts weiter, keine Warnflagge, kein Beobachter. Nur weiter entfernt am Strand zwei patrouillierende Soldaten (?) mit Hund. Ich bin unschlüssig, fahre dann aber doch in die militärische Zone ein. Immer schön dicht entlang der Küste, damit mich die Soldaten zurückscheuchen können, falls tatsächlich eine Übung läuft ...
    Ja, die Schweden sind Meister der Tarnung. Einer der beiden "Posten" ist eine "Soldatine" in Urlauberkleidung und auch ihr Begleiter (nicht der Hund) ist so gewandet, wie man es bei einem Militär im Dienst nicht erwarten würde. Entwarnung, offenbar wird das skjutfält nur gelegentlich militärisch genutzt.

    Am Ende der Militärzone Hangrinder auf dem Weg zum Wasser.

    [Erst nachträglich habe ich gesehen, dass sich in diesem Bereich oberhalb der Steilküste ein Menhirenfeld befindet. Die weißen Rinder sind sicher die Wiedergänger schwarzer Seelen.]


    Heute bestes Trockenwetter (wir Hausfrauen verstehen uns). Mit der Sonne bin ich durchaus einverstanden, aber der Wind ist offenbar der Meinung, dass meine Vorderseite besonders trocknungsbedürftig sei. Selbst als abends der Wind nachlässt, ist immer noch so viel Wellenenergie auf dem Meer, dass entgegenkommende Wellen die Vorwärtsbewegung spürbar bremsen.

    Auf die Steilküste folgt zunächst kilometerlang bester Badestrand mit regem Badeleben, eine schöne Pausengelegenheit.
    Der Kurs wendet sich gen Norden und damit ändert sich auch bald der Charakter der Küste, bis kurz nach Simrishamn unspektakulär aber gesäumt von "Klamotten" in allen Größenordnungen. Wenn hierauf eine Brandung steht, ist das Anlanden richtig kompliziert. Aber es gibt eingestreut Sandstrände. Einen solchen nutzt die hiesige Anwohnerschaft zum Baden und ich zum Anlanden.

    Und oi, oi, oi - es gibt einen richtigen Felsen am Wasser. Fängt jetzt das Schweden an, dessen Bilder Verheißung und eine der Motivationen für die Tour war?


    Zeltstrand (Mein Zelt steht eingedenk der Windprognose für morgen etwas geschützter, sicher ist sicher.)





    21.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Image © Maxar Technologies]

    Heute war es keine so lange Strecke, diese dafür aber hart erkämpft. Zunächst beim Start in die Brandung hat es die mühsam getrocknete Paddelkleidung nach 2 kleineren Brechern sofort durchnässt. Die Wasserflasche war offenbar unter den Haltegummis nicht gut aufgehoben, sie treibt jetzt irgendwo.

    Paddeln in größeren Wellen hat ja seinen Reiz, wenn im Wellental häufig die Scheitelhöhe des Paddlers durch die Wellenberge deutlich überschritten wird. Aber für das Vorankommen ist es hinderlich und spätestens nach einer Stunde hat es sich mit dem Reiz, dann möchte man ruhiges Fahrwasser. Mal eben so anlanden ist aber auch nicht, die Brandung verhindert das. Flussmündungen und Häfen bieten Schutz, die Spätmittagspause laufe ich daher im Hafen von Kivik ein. Recht "nett" dort, neben dem Fischereibereich gibt es einen ausgedehnten Sportbootbereich und einen Strand nebst touristischer Infrastruktur. Ich habe schon überlegt, abends am Rande des Strandes mein Zelt aufzubauen, bin dann aber doch weiter.

    Bunte Warnflaggen werden über der Steilküste sichtbar, bald nach Kivik kündigt sich das nächste "skjutfält" an. Jetzt muss ich wohl doch eine Zwangspause einlegen, hoffentlich nicht für mehrere Tage. Um letzteres zu erkunden fahre ich Richtung Schießplatzgrenze.
    Die Annäherung an die Militärzone zeitigt seltsame Veränderungen der Warnflaggen, sie scheinen ihre Größe zu ändern und auch die Anzahl bleibt nicht konstant. Noch näher heran mutieren sie zu Gleitfallschirmen. Aha, also eine Übung schwedischer Spezialkräfte. Aber es fehlen die Absetzflugzeuge - und werden schwedische Militärs tatsächlich mit solch farbenfrohen Gleitschirmen ausgerüstet?
    Oben auf der Steilküste steht ein bunter Mix ziviler Fahrzeuge, zugehörig zu begeisterten Gleitschirmfliegern, die den Aufwind an der Steilküste nutzen. Es bläst mit 4-5 Bft gegen die Küste. Einige Könner (zumindest sieht es für mich so aus) fliegen kilometerweit küstenparallel bis in den Bereich, wo die Steilküste vielleicht nur noch 8m hoch ist.

    Zwar scheint die zivile Nutzung der militärischen Übungsplätze außerhalb der Trainingszeiten unproblematisch zu sein, ich will hier aber noch nicht Unterkunft suchen. Besser wäre ohnehin die Landung in einem Hafen.
    Leider ist auch später kein Hafen auszumachen, also Anlandung an einer Dünenküste durch die Brandung - zumindest an einem Sandstrand.
    Ich habe eigentlich schon damit gerechnet, es ging nicht ohne Kenterung ab. Wie beim letzten Mal auf Usedom, der Bug taucht zu stark ein und bremst das Boot, von hinten drückt die Welle, hebt das Heck und wirft mich um. Also die letzten 15 - 20m schwimmen mit Kajak.
    Vorsichtshalber war alles in der Tagesluke oder in der Schwimmweste verpackt, es geht (fast) nichts verloren. Nur an die Paddelpfötchen hinter dem Sitz hatte ich nicht gedacht. Als ich das Boot schon wieder entleert und gereinigt habe, löst sich aus einer Urlaubergruppe vielleicht 100m von meinem Standort entfernt ein junger Mann und bringt mir das bis dorthin abgetriebene Paddelpfötchen. Herzlichen Dank, ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt den Verlust noch gar nicht bemerkt.

    Der Platz fürs Zelt sieht recht romantisch aus, ist aber durch die Brandung recht laut - und man muss darauf achtgeben, nicht zu viel Sand ins Zeltinnere zu befördern. Das Zelt steht fest und lässt sich durch den Wind nicht beeindrucken.


    Am Abend lässt der Wind ein wenig nach, eigentlich ist es mittlerweile ein angenehmer Übernachtungsort.


    Neben der Wasserflasche habe ich möglicherweise einen herben Verlust zu beklagen. Es sieht so aus, als würde das Solarmodul nicht die ausgelobte Wasserdichtheit besitzen. Das werde ich morgen sehen.





    22.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Und wieder mehr Spritzigkeit als erwünschte Paddelfreude. Der 2.Tag hintereinander bei 4 - 5 Bft seitlich von vorn. Man schleicht mit etwa 3 km/h die Küste entlang, die Wellen fordern ihre Aufmerksamkeit, ich habe mit dem Boot zu tun. Du bist eigentlich ständig nass, weil immer wieder eine Welle übergeht. Wellenhöhe im Maximum ca. 1,20m, auf jeden Fall sehr deutlich über der Augenhöhe des sitzenden Paddlers (0,80m). Anders als an den Tagen zuvor war auch kein Segler zu sehen (bis auf einen unter Motor). Jedenfalls hab ich bald "die Schnauze voll" (das beschreibt es am besten) und bin daher heut nicht so lange auf dem Wasser unterwegs.
    Mittagspause im westlichen Mündungsarm der Helge å, bald darauf passiere ich den östlichen Mündungsarm, die Einfahrt nach Åhus. Nun öffnet sich nach links eine geschützte Bucht und hier kann ich bequem an einem belebten Badestrand anlanden. Noch ein ganzes Stück muss der Bootswagen das Kajak samt Gepäck schleppen, dann finde ich nach zwei Tagen wildcampen Unterkunft auf einem Zeltplatz.

    Um bezüglich der Wellenhöhe klarzustellen: Erfreulicherweise schwimmt das Kajak auch über 1,20m hohe Wellen, nur bleibt es nicht aus, dass dabei kräftig Wasser übers Vordeck platscht, das Achterdeck bekommt weniger ab (das hat gereicht um dem Solarpanel den Garaus zu machen) und der arme Paddler in der Mitte wird immer wieder einmal bis zur Brust nassgespritzt. Wobei nassgespritzt ist nicht richtig, es ist eher so, als würde dir der Inhalt eines Wassereimers entgegen geworfen. Die Spritzdecke hält zwar den Großteil ab, trotzdem wird nicht nur der Oberkörper nass, sondern nach mehr oder weniger kurzer Zeit sitzt du in der Brühe und kannst nach der Anlandung mehrere Schwammladungen Wasser aus dem Boot befördern.
    Alles nicht schlimm, das Wasser ist ja erträglich temperiert. Nervender ist, dass man ständig hochkonzentriert fahren muss, um die Wellenbewegung auszugleichen und trotzdem nicht ordentlich vorankommt.
    Ich hoffe also auf weniger Wind - und wenn der Wetterbericht recht behält, soll es ja auch so kommen.


    Die Zeltstelle auf dem Campingplatz bei Åhus.





    23.Tag

    Ruhetag.
    Ich komme vom Einkauf. Bei Bedarf reicht es jetzt für 3 Tage - etwas einseitig, aber ich muss nicht hungern. Das Menü besteht aus Brot (die Dänen machen "ordentliches", die Schweden eher "kompressionsfreudiges"), Reis, einem Glas Pesto, 400g Käse und pro Tag 2 Äpfel. Damit es nicht zu Mangelernährung kommt, habe ich mir ein 4-Pack Bier gegönnt. 4 Bier - 3 Tage ... richtig, da stimmt 'was nicht. Und ehe das Boot wegen Überladung sinkt, gibt es eines schon jetzt.

    Was habe ich heute gemacht: Lange geschlafen (inklusive Mittagsruhe), Hemd, Hut, Hose gewaschen, das zweite Steuerseil ersetzt (wahrscheinlich hätte mich das alte überlebt, aber so ist es sicherer), habe hier auf dem Campingplatz gespätfrühstückt und in Åhus eine Abendbrotpizza genossen (beim Türken, mit viel Soße, nicht so meins) und ich bin zum Einkauf nach Åhus gelaufen (immerhin 3km jede Strecke - Paddelabwechselung).

    Das Solarpanel hat tatsächlich seinen Geist aufgegeben, ich habe wenigstens die Powerbank am Netz aufgeladen. Eine zusätzliche Powerbank war heute am Sonntag in Åhus nicht zu erwerben. Sicherheitshalber habe ich Batterien fürs eTrex gekauft.

    Ansonsten, habe ich schon erwähnt, dass ich lange geschlafen habe? ...
    Gutes Stichwort, gute Nacht.
    Geändert von Paddolf (06.08.2019 um 16:11 Uhr)

  5. Erfahren

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    #25
    24.Tag

    Es hat sich geschoren, Schären Ahoi!

    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Image © 2019 TerraMetrics]

    Nach dem Aufbruch bei feinstem Wetter konnte man nicht viel falsch machen.

    Sonnig, fast windstill und dank guter Sicht erübrigt sich die Nutzung von Navigationshilfen. Immer auf die Leuchtturminsel (Lägerholmen) in der Hanöbucht zuhalten.

    Dort wird die erste "hydraulische Pause" dringlich.

    auf Lägerholmen


    Beim Verlassen mache ich das Inselchen wieder frei für eine schwedische Paddlerin, die die hervorragenden Bedingungen für einen Paddelausflug hierher nutzt.

    Wieder ca. 10km weiter ist die Hanöbucht gequert ...

    ...und nach 8km gibt es die nächste Pause im Hafen Nogersund.


    Häfen hätte ich in meine Planung einbeziehen sollen! Man hat eine geschützte Anlandemöglichkeit, ganz wichtig, wenn es einmal etwas mehr windet, eine Landung an einem Blockstrand mit Brandung wird nicht ohne blaue Flecken abgehen. Zudem kann man Wasser nachfüllen, vielleicht eine richtige Toilette benutzen und hat manchmal auch Einkaufsmöglichkeiten.


    Mittlerweile gibt es wieder Wind, jetzt aus südlicher Richtung. Und der schiebt ordentlich Richtung Karlshamn, meinem nächsten Ziel.

    Fähre, wahrscheinlich Karlshamn – Klaipeda


    Nach kurzer Zeit setze ich den Kurs von Süd jedoch Richtung Südost, um noch mehr Strecke über die Pukaviksbucht abzukürzen. Es paddelte sich einfach gut, Windunterstützung jetzt von schräg hinten, das Boot giert also wieder, einige der Richtungsänderungen sind durchaus erheblich. Insgesamt stört das aber nur wenig.

    Bei Tärnö ist die offene Wasserfläche überwunden und ich tauche ein in einen lockeren Schärenarchipel. Noch ist das Wetter angenehm, noch protestiert der Hintern nicht, die Muskeln verrichten willig ihre Arbeit und das Auge ist entzückt ob der erbaulichen Bilder. Bis kurz vor Sonnenuntergang paddle ich weiter.

    Es ist schon geil in den Schären (soweit ich das nach 2-3 Stunden beurteilen kann).
    Ich hab mein "eigenes" Inselchen, habe meine Sachen zum Trocknen aufgehängt und bin nur noch mit der Uhr bekleidet - und niemand nimmt Notiz davon.


    Nur die Suche nach einem Platz fürs Zelt gestaltete sich kompliziert. Häringe lassen sich nirgends im Boden versenken, aber der Geodät steht ja auch ohne. Mit Mühe habe ich eine Stelle gefunden, an der die Luftmatratze im Rumpfbereich gerade liegt, nur die Beine sind nach unten geneigt. So steigt mir das Blut wenigstens nicht zu Kopfe.
    Das ist das Stichwort, ich hab ja noch ein Bier ... Prost.





    25.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Heute ist der Tag des Verlusts ... Trauer!
    Ihr erinnert Euch vielleicht an den Film "Titanic", als der bereits erfrorene di Caprio von der Palette gestoßen in die Tiefe entschwand?
    So etwa erging es mir mit meiner Brille. Nun ruht sie am Meeresgrunde und wartet auf die Wiederentdeckung durch Archäologen der nächsten Jahrhunderte.

    Und warum dit Janze? Na wejen die Schern.
    Der Reiz der miteinander verwobenen Land- und Wasserflächen besteht u.a. darin, dass sich ständig neue Blicke auftun. Du paddelst 300m weiter - und alles sieht völlig anders aus. Damit einhergehend verliert man aber auch ratzfatz die Orientierung. Ohne mein GPS-Gerät wäre ich wohl nicht bis hierher gekommen. Der Mini-Bildschirm von 5x3cm ist allerdings für mich ohne Lesehilfe nicht ordentlich abzulesen.
    Irgendwann, auf dem Weg zwischen Nase und Schwimmwestentasche packte die Brille der Freiheitsdrang, sie entwand sich meinem Griff und stürzte sich in die Fluten ...
    Bisher fand ich schwimmfähige Brillenbänder ja hochalbern. Meine Einstellung hat sich gewandelt, auch wenn so ein Teil teurer als meine Baumarktbrille ist.

    In weiser Voraussicht und Einsicht bezüglich meiner Trotteligkeit habe ich eine Ersatzbrille dabei, die ich nun aber mit Bändchen an der Schwimmweste sichern werde.


    Was soll ich zum Wetter sagen - es ist unanständig gut. Der Wind kann noch ein wenig an der Richtung arbeiten, aber für morgen sind ja schon positive Tendenzen erkennbar. Jetzt muss sich der Wind nur noch an die Prognose halten.

    Pausenort vor Karlskrona


    im zweiten Versuch habe ich eine sehr schöne Zeltstelle gefunden




    26.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Ach der Wind ...
    Er ist schon ein windiger G'sell. Hört nicht auf die Prognosen, kommt von Ost nicht wie versprochen von Süden. Zwar nur schwach, aber kann man das als Rückenwind durchgehen lassen, wenn die Fahrtrichtung NordNordOst ist?
    Aba wolln wa ma nich zu ville meckan, wer weeß, wat kommt.


    Heute habe ich die Schären verlassen, vorerst. Die Strecke führte entlang einer Blockstrandküste mit weit in die Ostsee hineinragenden Landzungen. Alles ziemlich flach, hierhin verirrt sich kein Bootstourist, nicht einmal Angelkähne sind zu sehen. Man fährt von einer Landzungenspitze zur nächsten und damit recht weit vom eigentlichen Ufer entfernt. Die vielen "Inseln" hier sind überwiegend Steinhaufen unterschiedlicher Größe. Inseln in schwarz-weiß. Von Ferne schwarz, näher heran erheben sich Schwärme von Kormoranen und zurück bleiben weiße Blöcke, aber kein Kalkstein. Die Nase verrät die Ursache, es riecht wie übelste Zeltplatzlatrine, Vogelschiss von Fischfressern.
    Die Region scheint ein Paradies für Kormorane zu sein, hier stört sie niemand und auch die Fischer machen ihnen wegen der geringen Wassertiefe die Beute nicht streitig.
    Aus Kajakperspektive der bisher langweiligste Uferabschnitt. Es wäre ausgesprochen verantwortungslos, eine Urlaubsempfehlung für diese Küste an Suizidgefährdete zu richten.

    Pauseninsel, einige der wenigen Inseln mit Bewuchs


    Am Nachmittag beunruhigen mich landseitige Gewitter, aber nun ist der Ostwind ausnahmsweise mein Verbündeter und treibt die bedrohlichen Wolken ins Landesinnere. Trotz Gewitter bleibt es ausgesprochen schwülwarm, Mückenwetter.


    Ankunft in Kristianopel, irgendwie bin ich zu blöd, einen Anlandeplatz auf der Südseite der zugehörigen Halbinsel zu finden. Noch einmal zurück und auf die andere Seite zum Hafen. Badende springen von der Mole vors Kajak. Ein Mann versichert mir, das Wasser wäre 30°C warm. Gerade hier im Hafen könnte das schon passen.

    Heute kann ich einen Zeltaufstellplatz zwischen Mauern wählen.
    Kristianopel war ein befestigter Platz, an der ehemaligen dänisch-schwedischen Grenze, mehrfach Ort von Kampfhandlungen, mehrfach zerstört und mehrfach wiederhergestellt.
    Zwischen den Resten der Befestigungen stehen nun Womos, Wowas, Zelte und mein Boot.

    Das Bild ist vom "Feldherrenhügel" aus aufgenommen.




    27.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Heute kann ich zunächst wenig von der Küste berichten.
    Der Paddeltag beginnt mit Windstille. Der Himmel ist verschleiert, man ahnt nur, wo die Sonne steht. Der Horizont verschwimmt und wenn man das Paddel ruhen lässt, herrscht unwirklich Stille.
    Kontemplatives Paddeln, man weiß nur rational, dass man dem Ziel näher kommt.

    Eingedenk der Erfahrungen des Vortages mit vielen Untiefen habe ich anders als in der ursprünglichen Planung den Kurs weiter draußen gesetzt, von der hier flachen Küste ist nicht viel zu sehen. Seit etwa 10Uhr paddle ich auf irgendein Pickelchen am Horizont zu, was auch immer es ist.
    Gegen 11 wacht der unvermeidliche Ostwind auf ... aber ... hurra, er hat eine Südkomponente. Endlich hat der Wind die Prognosen beachtet. Es geht gut voran, ein wenig giert das Boot natürlich, aber Wind ohne Wellen kann man auf der Ostsee nicht haben. Gegen 12 ist das Pickelchen erreicht, Garpens Fyrplats, eine kleine Leuchtturminsel im Kalmarsund mit Minihafen. Kleine Ausflugsboote bringen Gäste vom Festland zum Picknicken, einige (wie ich) gehen in das Minicafe. Es gibt zwei Sorten Kuchen und Kaffee aus der Großkanne. Ich wähle "Wienerbröd", Kaffee gibt es dazu frei. Die Bedienung spricht mich nach kurzer Zeit auf deutsch an, ich bin überrascht. Nach einigen Worten wünscht sie mir Glück für die Weiterfahrt.

    Blick vom Leuchtturm auf den Minihafen (mit Kajak)


    Blick Richtung Norden


    Nach einer weiteren, kurzen Pause wird es etwa gegen 16Uhr unvermittelt windstill. Kaum 10min später frischt der Wind wieder auf, jetzt aber aus Südwest. Ich bin etwas beunruhigt, wie stark wird der Wind?
    Aber alles gut, es werden nicht mehr als gute 3 Bft. Nach einer Stunde hat der Wind komplett nach West gedreht und erzeugt sein neues Wellenfeld. Das alte Wellenfeld hat seine Energie noch nicht aufgebraucht, es wird kabbelig. Eigentlich ein ganz witziges Geschaukel, heute bin ich aber froh bei Kalmar in Landabdeckung zu kommen.
    [Kalmar lässt sich übrigens sehr schön mit dem Kajak durchpaddeln. Das ist mir allerdings erst in diesem Sommer anlässlich einer Skandinavientour mit meiner Holden zu Bewusstsein gekommen. Meine Kajakreise sah mich außen um Kalmar paddeln.]

    Eine Bucht gibt einen schönen Blick Richtung Kalmars Altstadt frei - und aus dieser Richtung kommt er herausgetuckelt, laut, langsam, ignorant. Ein eigentlich recht hübsches Holzboot; rekonstruiert oder in Anlehnung an alte Risse gebaut. Der Motor scheint auch historisch, im Verhältnis Lautstärke zu Vortrieb hat der akustische Anteil gewonnen. Und dann dieser ignorante Bootsführer (ich würde sagen ein junger Schnösel), er zwingt mich zu einem Ausweichmanöver und tuckert danach direkt vor mir her. Es gibt kein abgetonntes Fahrwasser, er hätte den Kurs 100m parallel versetzt wählen können und wäre damit sogar früher zu seinem Ziel gelangt. Jedenfalls bin ich verärgert und versuche, mit dem Holzboot gleichauf zu ziehen.
    Im Nachhinein hätte ich mir etwas mehr Altersweisheit gewünscht. Der "junge Schnösel" lässt mit einem Griff den Motor lauter tuckern und vergrößert langsam den Abstand.

    Bei mir aber gibt es einen heftigen Stich in der Brust ... Oh Mist, ist das Leben schon vorüber? Ich warte auf die Bilder aus der Vergangenheit, das ganze Leben soll ja noch einmal kurz vorbeiziehen.
    Keine Bilder, kein Wegdämmern, es ist nur dieses fiese Pieken. Ich beschließe, erst einmal beruhigt zu sein, zumal der Schmerz eher aus dem rechten Brustbereich herrührt. Leider lässt sich der Schmerz nicht wegdiskutieren, irgendetwas ist mit dem rechten Brustmuskel nicht in Ordnung, mit dem Muskel, den man braucht, um das Paddel rechts nach vorn zu drücken, während die linke Rumpfseite mit Oberkörperrotation das Paddel nach hinten zieht. Ich kann nur noch halbseitig paddeln, die Abdrift wird mit dem Steuer ausgeglichen. Jetzt brauche ich dringend einen Rastplatz. Nur noch unter der Ohlandbrücke hindurch und dann auf der ersten größeren Insel finde ich meinen Übernachtungsplatz.


    Die Paddelstrecke war heute mit über 57 km für meine Verhältnisse recht lang, zusätzlich noch einmal die Belastungsspitze am Abend – zu viel für den Brustmuskel. Erstmals auf der Tour befürchte ich, vorzeitig aufgeben zu müssen.

    Blick nach Norden. Geht es morgen dort weiter?
    Geändert von Paddolf (17.08.2019 um 13:18 Uhr)

  6. AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #26
    Oh, das ist ja sowas von gemein. Da endet die aktuelle Tourbeschreibung mit einem Cliffhanger ...
    Aber von vorn. Ich hab bisher still mitgelesen, aber nun ist es Zeit Dir mal ein Danke zu sagen und Respekt auszudrücken für die Tour und auch den Bericht, welcher sehr gut geschrieben ist. Ich bin natürlich gespannt wie es weiter geht.
    ---
    I'd rather be out on the hills...
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  7. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #27
    28.Tag

    Der Tag begann mit vorsichtigem "in mich 'reinhorchen". Was macht der Brustmuskel? In Schonhaltung und mit demzufolge geringerer Geschwindigkeit galt es zu testen, was geht. Die äußeren Umstände zeigten sich diesem Ansinnen gegenüber gnädig, Wind und Welle verlangen keinen großen Druck aufs Paddel.
    Ich bin (jetzt am Abend) vorsichtig optimistisch. Es ist aber noch lange nicht gut. Die nächsten Tage muss ich noch "schaumgebremst" fahren.


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Bald nach dem Start eine "kitzlige Stelle" meiner Planung. Die Halbinsel Drag scheint durch einen Kanal vom Festland getrennt zu sein. So richtig konnte ich vorab nicht herausfinden - ist dort eine Bootspassage möglich? Das würde mir ca. 8km Paddelstrecke sparen und die (brustmuskelschonende) Fahrt unter Landabdeckung nicht unterbrechen.
    Die Kanaleinfahrt ist etwas versteckt und was ich finde, ist ein wirklich schmaler Graben (etwa so breit wie die 2,15m Paddellänge, 200m lang, 20cm tief). Und hier begegnen mir tatsächlich zwei Kajaks. Oma und Opa im Falter und der Enkel in einer Hartschale. Da heißt es Paddel einziehen, sonst gibt es blaue Flecke. (Liebe Leser, falls Ihr diesen Kanal nutzen wollt, trödelt nicht! Die nacheiszeitliche Hebung Skandinaviens - hier etwa 1 cm in 2 Jahren - wird wohl bald die Durchfahrt nur noch mit dem Bootswagen gestatten.)


    Ein Lob den Wundern der modernen Technik!
    Zwar wollte ich wegen des Westwindes und der Muskelschonung ohnehin möglichst küstennah fahren, aber im Wirrwarr der Inseln, Halbinseln und Buchten ist man ohne Navigationshilfe verloren. Natürlich kann man außerhalb des Inselsaumes fahren, aber was würde dem Paddler entgehen! Ein Inselchen reiht sich ans andere und eins schöner als das andere.

    Meine erste Pauseninsel hatte eine Größe von ca. 30 x 10m.


    Du fährst wie in einer reich gegliederten Seenlandschaft. Selbst die von den Wasservögeln als Sitzplatz benutzten Steine sind nicht einfach beschissen, sondern sie tragen weiße Häubchen.

    zweiter Pausenplatz


    dritter Pausenplatz


    An der Zeltstelle: Es surrt durchaus beängstigend, aber es sticht nicht!
    Schweden - Mückenland?
    Bisher noch nicht. (Wenn man von der Ankunft in Malmö absieht). Es ist aber einfach auch sehr trocken, offensichtlich ebenfalls für die Mücken. Das Zelt steht in einem Kiefernwäldchen, und man kann das absolute Feuerverbot im Freien verstehen. Bisher habe ich meinen Hobo-Kocher nur in Deutschland eingesetzt. Es gibt daher wie so häufig Kaltverpflegung, noch in Kristianopel vorbereitet.





    29.Tag

    Irgendetwas ist am Zelt. Etwas Großes.
    Mist, das Taschenmesserchen liegt draußen im Boot. Aber Bären gibt es doch erst viel weiter nördlich. Vielleicht einer dieser berüchtigten Brutaloschweden, die harmlose Deutsche ausrauben? Man kennt das ja zur Genüge aus dem 30-jährigen Krieg.

    Ich öffne vorsichtig das Zelt - Hilfe, Hilfe, ein Kampfstier!
    Der "Kampfstier" hat ein Euter, ist offenbar ausgesprochen erschrocken, dass sich etwas im Zelt bewegt und nimmt Reißaus. Mit ihm flüchten zwei weitere weibliche "Kampfstiere". Und das hört sich dann wirklich bedrohlich an, wenn die Tiere durch den Wald galoppieren, da möchte kein Zelt im Wege stehen. [Später auf Tyrislöt erfahre ich, dass die Waldweide eine historische Bewirtschaftungsform gerade in den Schärengebieten darstellt und dass offenbar der Erhalt dieser Art der Landwirtschaft gefördert wird.]



    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Heute wieder bedächtiges Paddeln, der Brustmuskel "ziept" noch vorsichtgebietend. Wieder gibt es Westwind, ich kann also gut unter Landabdeckung fahren und brauche nicht die volle Einsatzbereitschaft. Die schöne Landschaft entschädigt für die Unannehmlichkeiten.

    Pausenplatz




    Pausenplatz 2 (am Horizont ein Stück von Gotland?)




    Noch kurz über die Bucht von Oskarshamn und dann eine schöne Übernachtungsinsel suchen, das war der Plan ...
    Rumsdikrach ... mein Plan ändert sich unmittelbar folgend. Richtung Oskarshamn eine schwarze Wand, die Frage scheint nur noch, bekomme ich das Zelt vor dem Gewitter aufgebaut und wo? Gleich "um die Ecke" ist der Zeltplatz Gunnarsö, dann also doch kein Wildcampen. Der Wind frischt kräftig auf, auch nicht schlecht, jetzt vom Wasser zu sein. Hastiger Zeltaufbau ... und dann gibt es in der Zeltwand einen hässlichen Knick, wo sich eigentlich ein anmutiger Bogen spannen sollte. (Ihr dürft Euch an dieser Stelle einen schönen Kraftausdruck denken.) Zeltgestängebruch.
    Aber in einer Hinsicht habe ich Glück, wenigstens der Regen ereilt mich dann doch nicht.

    Am späten Abend: Richtung Gotland beeindruckendes Wetterleuchten... passend zur Laune.
    Heute 5km einkaufen gegangen, davon 5km umsonst, Samstag abend schließen die (einige?) Supermärkte in Oskarshamn zeitig. Im Zeltplatzkiosk 1kg-Pack Reis (einzige Variante) gekauft, irgendwie gekocht und in Gefäße abgefüllt, den Rest mit Büchsensuppe verdünnt und verabendbrotet.
    Die gebrochene Zeltstange mit Klebeband geflickt - mal sehen, wie lang es hält.

    Im Hintergrund konkurrieren Hafengeräusche und irgendeine Disko um das größere Störpotential.
    Es kann nur besser werden, Gute Nacht.




    30.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Man paddelt wie durch eine endlose Kette von Waldseen. Inselchen, Buchten, verschlungene Kanäle und immer wieder größere Wasserflächen wechseln sich ab. Wunderschön.

    Pausenplatz 1


    Pausenplatz 2


    Badebucht


    Zum Teil bin ich dort unterwegs, wo keine anderen Boote entlangfahren, zu flach. Manchmal schabt das Kajak über Steine, manchmal hebt man mit dem Paddel Mengen an Wasserpflanzen aus.

    Immer wieder beschleicht mich der Gedanke, so war's hier auch schon vor 1000 Jahren.

    Allerdings bin ich auch an einem der schwedischen Kernkraftwerke vorbeigefahren. Hier übrigens keine Kühltürme, Kühlung mit Ostseewasser und ich meine, an einem Kanal Richtung Kraftwerk eine höhere Wassertemperatur bemerkt zu haben.


    Die Fahrt durch dieses Inselgewirr ist natürlich etwas länger als ein Kurs an der Außenseite der Schären. Aber das möchte ich nicht missen.
    Zudem kann ich mich hier vor dem Westwind "verstecken" und meinem Brustmuskel Schonung angedeihen lassen. Auf eher ausgesetzten Stellen pustet es zwar beachtlich, aber es gibt keinen Seegang. Nichts, was man nicht vom heimatlichen Schwielowsee kennt, wenn es ordentlich aus Südwest kommt. Kein Vergleich zum Seegang bei Ostwind an der wenig gegliederten Küste Südschwedens.

    Übernachtungsplatz







    31.Tag

    Heute habe ich 14735 Reiskörner gegessen, davon 1/3 zum Frühstück.

    Und wer hat's gemerkt? Richtig, 14735 ist gar nicht mit 3 teilbar, es bleibt ein Rest von 2. Die sind mir irgendwie durchgerutscht.
    Zum Mittagessen gab es den kalten Reis sogar mit Pastasoße und als kulinarischen Höhepunkt zum Abendessen warmen Kartoffelbrei mit Büchsenfisch noch aus Dänemark, gefunden in den unendlichen Weiten der Laderäume des Bootes. (Wegen des Feuerverbots habe ich das Wasser für den Kartoffelbrei mittels BackUp-Kartuschenkocher auf einem Stein am Ufer "meiner" Übernachtungsbucht erhitzt.)



    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Die Landschaft ist prachtvoll, der Wind anstrengend - aber das hatten wir ja schon. Heute viel Plackerei für eine übersichtliche Streckenlänge.

    Pausenplatz


    Nach Verlassen des Gränsökanals bei Västervik eine der fjordähnlichen Buchten, auf der sich der Nordwest hingebungsvoll auslassen kann. Etwa 5km Paddelei genau gegenan.

    Und siehe, der rechte Brustmuskel verrichtet seine Arbeit fast wie erwartet. Nicht ganz klaglos - aba hurra, et wirt wieda.


    Ein Hoch auf den Erfinder des Klebebandes. Ich weiß gar nicht, wie Brillen vorher repariert wurden.


    Übernachtungsplatz







    32.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Die Paddelbedingungen auf den letzten 24 km waren heute "zur vollsten Zufriedenheit".

    Nach morgendlichem Wind aus West änderte sich dessen Richtung rasch auf Süd und später auf Südsüdost bei ca. 3-4 Bft. Dazu blauer Himmel mit schwedischen Schönwetterwolken.

    Pausenplatz 1, innere Schären, auf diesem Kanälchen ist vom Wind nichts zu spüren


    Heute bin ich in die äußeren Schären gefahren, in der Hoffnung, auf diese Weise den (fast) Rückenwind besser ausnutzen zu können - 'mal wieder einen langen Kanten am Stück paddeln. Außerhalb der schutzbietenden inneren Schären fand ich mich auf einer "Seglerautobahn". Eine über knapp 20 km annähernd schnurgerade Strecke, gesäumt von wenigen eher flachen Inseln, die Wind und Wellen nicht viel Widerstand entgegensetzen. Mast an Mast wäre sicher übertrieben, aber einige Segler sind durchaus unterwegs.


    Bei Wellen schräg von hinten hat das Boot wieder deutlich gegiert. Und ich werde ordentlich nassgespritzt. Dazu der Wind und man kühlt aus. Insbesondere auf der rechten Seite, von daher, wo der Wind kommt. (Möglicherweise hatten meine Beschwerden gerade im rechten Brustmuskel auch damit zu tun, dass sich die offene Ostsee, also die "Wetterseite" fast immer rechts befand.)
    Zum zweiten mal auf der Tour ziehe ich den Neoprenpullover an, während sich die Segler - spritzgeschützt über der Wasserlinie - noch halbnackt auf ihren Booten räkeln.

    Pausenplatz 2


    Pausenplatz 3


    Die langen Strecken auf den annähernd offenen Wasserflächen waren doch recht anstrengend zu fahren. Um so verblüffender der Effekt bei Einfahrt in den Sankt Anna Schärengarten. Sofort war der Seegang weg und es gab nur noch erweiterte Schwielowseewellen bei fast unvermindertem Rückenwind. Daher fuhren sich die letzten 24 km besonders gut.

    im Schärengarten



    So, morgen ist erst einmal Ruhetag.
    Ich hätte mit Trinkwasser und Essen noch einen Tag länger ausgehalten, hatte dazu aber sicherheitshalber rationiert, weil ich nicht wusste, ob ich es bis zum angestrebten Zeltplatz Tyrislöt in einem Ritt schaffe. Aber nun ist alles gut, der hiesige Lanthandel öffnet morgen um 9.




    33.Tag

    Der Wind spielte auch heute am Ruhetag eine nicht unerhebliche Rolle.

    1) Die Entdeckung der Reparaturhülse: Seit dem Zeltkauf lümmelt ein kurzes Metallröhrchen herum, zwischen Häringen und Zeltschnüren in einem der Zeltbeutel. Eher durch Gedankenlosigkeit hat dieses Röhrchen beim Zusammenstellen des Reisegepäcks seinen Weg ins Boot gefunden, bei genauerem Überlegen hätte ich es mangels Kenntnis zu dessen Funktion wahrscheinlich aussortiert.
    Nun aber hat der Wind die angeknackste Zeltstange über Nacht endgültig zerbrochen. Ja und wie nun? Stöckchen suchen und mittels Klebeband den Bruch schienen? Oder vielleicht an Stelle des Stöckchens ein Erdnagel aus Metall, so etwas findet man ja immer mal wieder auf Zeltplätzen. Zunächst aber ein Inspirationsblick in den Häringsbeutel.
    Und siehe, ein neuer Stern geht auf am Himmel der Zeltausrüstung. Das hässliche Entlein eines vergessenen Röhrchens wird zum herrlich weißen Schwan der Reparaturhülse - denn Wunder über Wunder, das Röhrchen passt haargenau über die Zeltstange, als wäre es dafür gemacht ...

    2) Kino am Bootsanleger: Der Minihafen in Tyrislöt ist schlecht gegen Südwind geschützt, trotzdem legen viele kleine Motorboote an, die Fender haben gut zu tun, An- und Ablegemanöver sind nicht einfach. Es wird Müll gebracht, direkt am Hafen stehen große Container. Mancher kauft Räucherfisch, einige haben sich offenbar Einkäufe hierherbestellt und holen sie hier ab. Die Bewohner der Urlaubshäuschen/-häuser auf den Inseln nutzen das Häfchen.
    Eine Familie versucht in eine Art Wassertaxi einzusteigen, die gehbehinderte Oma schafft es nicht in das schaukelnde Boot zu steigen, trotz Hilfe zweier Männer. Schließlich wird die Aktion abgebrochen, die Familie lädt die Oma ins Auto und fährt zurück, der Ausflug zum Urlaubshäuschen ist geplatzt.

    3) Leihbootfahrer: Eine Informationstafel zeigt einen zweiten Lanthandel in unmittelbarer Nähe, mein Ziel für den Nachmittag. Der "Sommarlanthandel" zeigt ein ähnlich schmales Angebot wie der vom Zeltplatz (das ist jetzt keine Meckerei, ich bin froh, überhaupt eine Einkaufsmöglichkeit vorzufinden). Und es gibt eine etwas andere Auswahl. Ich kaufe eine Kleinigkeit und stelle mit Erstaunen fest, dass die Oma, die den Laden betreibt ein wenig deutsch spricht. Eine ausgesprochen nette Frau. Ergänzend zum Lanthandel offeriert sie vier Sorten Kuchen, dazu Kaffee und ein sonniges Plätzchen vor dem Laden.
    Von dort aus kann ich einigen Leihbootfahrern zusehen. Gegen Nachmittag hat der Wind auf vielleicht 5Bft zugelegt, trotz Landabdeckung durch die vielen Inseln eine spritzige Angelegenheit für die Leihkajakfahrer. In Deutschland würde ich annehmen, dass die Verleiher den Betrieb einstellen, die Schweden sind da härter. Zwei Bootsbesatzungen haben erhebliche Schwierigkeiten, überhaupt die etwas geschützte Mikrobucht zu verlassen, immer wieder drückt sie der Wind zurück an den Steg. Man möchte ihnen zurufen, wie sie es tun sollten. Eine andere Bootsbesatzung kommt zurück, will in die Mikrobucht, wird durch den Wind vorbeigetrieben und braucht mehrere Anläufe, um endlich zum Steg zu gelangen.

    Ansonsten kann ich das Schärengartenmuseum empfehlen. Nur eine kleine Ausstellung, von Ehrenämtlern betreut, aber man gewinnt eine Idee vom Leben zu früheren Zeiten in dieser Region.

    Die Brille hat jetzt auch noch einen Bügel verloren, es wird also knapp. Daneben ein ganzes schwedisches Brot, allerdings von mir verstaufreundlich etwa auf 50% komprimiert.


    Zeltaufstellplatz.
    Geändert von Paddolf (02.08.2019 um 00:43 Uhr)

  8. Alter Hase
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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #28
    Danke fürs Mitnehmen.

  9. Alter Hase
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    #29
    Danke auch.

  10. Erfahren

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    #30
    34.Tag

    Heute eine neue Erfahrung: In Schweden kann es regnen! Die ganze Nacht über tröpfelte es immer mal wieder, am Ende waren es vielleicht 1-2 mm. Wichtiger aber war die Sekundärerfahrung: Das schönste Regenponcho nutzt nicht viel, wenn es denn im Boot liegt ... kommt ab jetzt also abends mit ins Zelt.


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Image © 2019 TerraMetrics]

    Pünktlich zum frühmorgendlichen Zeltabbruch zeigt sich wieder die Sonne, der Wind hat gegenüber den letzten Tagen nachgelassen und ich verlasse Tyrislöt, diesmal auf der anderen Seite der Halbinsel. (Und ich werde wiederkommen, die Sankt Anna Schären sind wirklich traumhaft.)

    Zwischenhalt mit Shoppingtour in Arkösund. Der Lanthandel Tyrislöt bot dem verwöhnten Einkäufer eine doch zu schmale Auswahl. Standesgemäß teilt sich das Boot dabei den Steg mit anderen Booten, die sich dank ihrer Bedeutung um den Hinweis "no public access" nicht scheren müssen ...



    Die Querung der Bucht von Norrköping war wegen des wieder aufgefrischten Windes etwas anstrengend. Eindrucksvoll ist, dass man den Kurs des Bootes vielleicht 30Grad zum wahren Kurs versetzen musste, den Rest macht die seitliche Drift durch Wind und Welle aus - zumindest bei vergleichbaren Verhältnissen wie heute.

    Pause vor der Querung der Bucht von Norrköping


    Öxelösund in Sicht



    Zeltstellensuche.
    Tja, so issa, der Schwede. Hat einfach schon die besten Plätze besetzt, es war heute etwas mühsam.
    Der Blick vom Zelt ist wirklich prachtvoll, allerdings darf der Wind nicht drehen, dann wird es schwierig, hier einzusetzen. Ich hatte schon bei den jetzigen Verhältnissen ein unfreiwilliges Bad nehmen müssen, weil auf den glatten Felsen ausgerutscht. Mit Brandung drauf wäre es deutlich kompliziert. Aber erst einmal kann ich einschlafen mit Blick auf die nächtliche Ostsee.

    Blick von der Zeltstelle





    35.Tag

    Heute morgen konnte ich gezwungenermaßen länger schlagen. Es gewitterte.
    Mit 2 Stunden Verspätung ging es los.


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Image © 2019 TerraMetrics]

    Der Wind war heut recht kräftig, Windfinder sagt Start bei 4Bft und am frühen Nachmittag 5Bft aus Richtung Süd. Hauptsächlich konnte ich unter Landabdeckung paddeln, zwei Abschnitte waren dann aber doch ausgesetzt. Wieder war es so, dass man in den Wellentälern z.T. nicht die angepeilte Insel sehen konnte, Maximalwellenhöhe also über 80cm. (Geringer als schon erlebt, wahrscheinlich weil doch die großen offenen Wasserflächen fehlen.)

    Die Küste verläuft hier generell Richtung Nordost, ich setze meinen Kurs am Nachmittag aber Richtung Nord. Damit bekomme ich z.T. Rückenwind vom Feinsten. Einige Surfs waren möglich, im Unterschied zum wenig beladenen Boot aber durch viel Kraftaufwand erkämpft, mit meinem "Frachter" lohnt die Mühe kaum.

    Pausenplatz


    Der Lagerplatzsuche war wieder schwierig, leider sind in der Zielregion die Ufer überwiegend verschilft. Und wo dies nicht der Fall ist, da besetzt "der Schwede" die besten Plätze. Letztlich muss ich mit der zweiten Wahl vorlieb nehmen. Der große Vorteil des Platzes - der Schilfgürtel ist hier schmal, eine Durchfahrt möglich. Ansonsten ist der Untergrund etwas "pampig", aber Groundsheet und Zeltboden sollten das locker wegstecken.
    Und ich hätte mir etwas Abendsonne gewünscht ... seufz.





    36.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Image © 2019 TerraMetrics]

    Wer gestern die Karte betrachtete, konnte sich vielleicht fragen: "Wat will denn der weg vonne Küste?"
    Er will noch weiter ins Inland, aufs Süßwasser.
    Testhalber einen Finger ins Wasser - gesteckt - abgeleckt - geschmeckt - noch salzig.

    Radarreflektoren an Fahrwassermarkierungen zu einer Engstelle


    Pausenplatz, gleich nach der Engstelle "links umme Ecke"



    Södertälje hat eine Schleuse, die trennt Salz- von Süßwasser, die Ostsee vom Malärensee. Über eine weitere Schleuse werde ich in 3 Tagen wieder ins Salzwasser wechseln - und zwar in Stockholm, meinen jetzigen Ziel.
    In der Schleusenkammer (rechts von mir, nicht abgebildet) liegt eine respektable Motoryacht – kommt gleich zur Sprache.


    Der Mälarensee begrüßt mich mit einer heftigen Welle, allerdings von einem "Sportboot", dessen Kapitän offenbar die Schleusenöffnung verpennt hat, so dass ich nach kurzem Warten vor ihm ausgefahren bin. Noch im Kanalstück nach der Schleusenausfahrt hat er mich dann mit wahrscheinlich überhöhter Geschwindigkeit überholt. Auf einer Stecke von vielleicht 100m hinter einem Kajak herzutuckeln, dass vielleicht nur ein Hundertstel des eigenen Bootes gekostet hat, ist dem Schiffseigner ja auch nicht zuzumuten.


    voraus der eigentliche Mälarensee


    Mälarensee, tatsächlich Süßwasser, der Fingerleckschmecktest beweist es.
    Irgendwann überholt mich ein weiteres bemerkenswertes Schiff, die "Drottningholm", ein noch dampfbetriebenes Fahrgastschiff mit gemütlicher Geschwindigkeit. Da lässt man sich gern überholen.


    Es ist schon lange dunkel, Richtung Mälarensee irgendwo Wetterleuchten. Das Zelteinrichten habe ich mit Stirnlampe vollendet. Vorangegangen war eine arge Puckelei. Der erwählte Zeltplatz Bredäng liegt ca. 40 Höhenmeter über dem Mälarensee und die wollen mit schwerbeladenem Boot auf steilen Wegen bezwungen werden. Das war kein Spaß. (Für Kajakfahrer in vergleichbarer Situation: Etwa 2km weiter ist der Zeltplatz Klubbensborg direkt am Wasser - leider zu spät herausgefunden.)




    37.Tag

    Heute ist der Bericht kurz.

    Die ersten Schauer gab es in der Nacht. Seit dem Vormittag regnet es immer mal wieder und ab etwa 14 Uhr mit wenigen Pausen. Die Tagestemperatur liegt etwa 8 Grad unter der der Vortage.

    Erst für den morgigen Tag verspricht der Wetterbericht Besserung.

    Ich seh' also dem Regen zu und mich beschleicht ein Gefühl, dass ich dachte kaum noch zu kennen: Langeweile.


    Stockholm und der Mälarensee, ein Teil der Inspiration für diese Tour rührt daher. Die ursprüngliche Idee war, einen seinerzeit in Stockholm arbeitenden Verwandten zu besuchen. Ein Blick auf die Karte zeigte - ach wie geil, da gibt es einen Binnensee mit einem Archipel von Inseln, vielen Halbinseln und Buchten. Erstmals rückte in mein Bewusstsein, ich sollte zum Verwandtenbesuch das Kajak mitnehmen - mitnehmen auf dem Auto.

    Abend: Es nieselt jetzt mit Hingabe, unterbrochen von kurzen Regenschauern.


    Die Highlights des Tages: Der Gang zum Supermarkt (sonntags erst ab 8 geöffnet, sonst ab 7 und immer bis 22 Uhr), der Besuch der Zeltplatzsauna (ein wenig schmuddelig, aber man ist schön durchgewärmt) und schließlich Einkehr in der Zeltplatzkneipe (jetzt gerade), man sitzt warm und im Trockenen.

    Will das jemand wissen?
    Vermutlich nicht - doch ein Gedicht - das Verse schmücken - will mir nicht glücken.




    38.Tag

    Stockholm, das ursprüngliche Reiseziel.
    Nur dass von hier keine Fährverbindung nach Deutschland besteht ... daher wurde Helsinki das neue Ziel.

    Stockholm, ein Stadtbesuch. Der Vormittag war dem Einkauf gewidmet. Powerbank - kein Problem. Ersatzbrille - auch die war rasch gefunden. Reparaturhülse fürs Zelt - lange gesucht.

    Stockholm, die Stadt soll eine der schönsten Hauptstädte Europas sein. Für meinen ersten Eindruck aber zu wenig Grün in der Innenstadt - vielleicht haben die Schweden in den eigentlichen Wohngebieten und bei ihren Sommerhäuschen so viel davon, dass sie es in der Stadt nicht vermissen? In der Altstadt habe ich nicht wie sonst schnell ein Straßencafé gefunden, dass mich sofort zur Einkehr bewog. Wenig Sonne, im Winter bleiben viele Straßen wahrscheinlich komplett dunkel.
    Ich hab nicht wirklich viel von Stockholm gesehen, im Vergleich meiner bescheidenen Eindrücke hat mir Kopenhagen besser gefallen. Mögen mir die Stockholmkenner verzeihen - die Einordnung Stockholms unter den schönsten Städten kommt ja sicher nicht von ungefähr. Ich persönlich habe das heute leider nicht so empfunden.

    Stockholm, morgen fahre ich mit dem Kajak ein Stück durch die Stadt. Im Bereich der Altstadtschleuse wird großflächig gebaut, seit 2013, das Ende ist nicht vor 2019 prognostiziert. Ich muss die südliche Schleuse nutzen. Insofern werde ich wohl die erhofften Stadtblicke nicht erleben.

    Bilder gibt es heute keine, was soll ich Bilder von großen Städten präsentieren ...


    Morgen geht's also wieder auf die Ostsee. Es gibt kein spezielles Ziel, Wasser und Essen sind für 3 Tage gebunkert, dann sollte ich in Kappelskär sein und dann wird sich das Weitere ergeben.

  11. Erfahren

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    #31
    39.Tag

    Stockholm, wie es sich vom Wasser präsentiert (besser - der kleine Ausschnitt den ich bei der Durchfahrt gesehen habe) scheint für die Stockholmer viel angenehmer, als ich es gestern als Touri gesehen habe. Wahrscheinlich leben in den von Besuchern frequentierten Stadtteilen gar nicht so viele der knapp 1 Millionen Einwohner.

    Stadtdurchfahrt


    Kreuzfahrer und Fähre


    auch das ist Stockholm





    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Image © 2019 TerraMetrics]

    Meine Route folgt zunächst dem von Großfähren und Kreuzfahrtschiffen benutzten Seeweg, braucht aber dessen "Schlenker" nach Osten nicht zu folgen. Häufig zeigen sich kleine Fähren, so etwa mit doppelter Omnibuskapazität, die offenbar auch die eine entsprechende Funktion bei der Personenbeförderung zwischen den Inselchen ausüben.
    Vaxholm liegt auf dem Weg. An der Durchfahrt zwischen Stadt und Festungsinsel prangt ein Hinweisschild, irgendetwas ist "förbjudet". Ich beschließe, dass dies nicht für mich gilt und fahre vorsichtig unter den Kanonen der Festung hindurch. Entweder wird mein Kajak nicht ernst genommen (hier ausnahmsweise keine Empörung) oder das Verbot bezog sich aufs Ankern, Anlegen oder Ähnliches. Jedenfalls schweigen die Geschütze.

    Vaxholm voraus, rechts die Festung, die Durchfahrt zwischen Stadt und Festung wird im Augenblick durch das Fährboot verdeckt



    Heute hatte ich erstmals die Paddeljacke an. Der Vormittag begann sonnig. Mit 0,5mm Neopren gestartet, wurde es gegen Mittag kühl, bedeckt und es sah nach Regen aus. Also Wechsel zur Paddeljacke - angenehmer.
    Es hat dann tatsächlich ein wenig geregnet, eher Einzeltropfen. Kapuze auf, Kapuze ab, Kapuze auf, Kapuze ab ... so blieb es bis zum Abend.

    Pausenplatz, gegenüber wird heftig gebaut, vielleicht für eine Brücke ...

    ... als Ersatz für diese schwimmende Brücke




    "Meine" Übernachtungsinsel ist bereits bebaut. Es wird schwierig, einen Platz außerhalb der Sichtweite der Ferienhütte, halbwegs eben und in kurzer Entfernung zum "Kajakhafen" zu finden.
    Ich schleiche vorsichtig ums Hüttchen. Niemand da. Die Eigentümer haben einen Zettel an die Tür gepinnt, auf Schwedisch und Englisch. Sie laden ein, das Inselchen in ihrer Abwesenheit zu nutzen und bedanken sich dafür, dass alles ordentlich hinterlassen wird. Das Angebot nehme ich gern an, Nächtigung ohne Zeltaufbau auf der überdachten Terrasse des Hüttchens. Zum Dank beschließe ich, eine Klammer aus meinem Bestand an der unter dem Terrassendach gespannten Leine zu hinterlassen.


    Vielleicht hätte ich doch mein Zelt aufbauten sollen, das hält die Mücken effektiver fern als Autan.
    Von der Terrasse aus kann ich übrigens eine Flottenparade abnehmen - zwei Kreuzfahrtschiffe und mehrere Großfähren schieben sich vorüber.







    40.Tag

    Ein Geräusch. Ich werde wach. Alles noch dunkel. Und irgendwie regnet es mir ins Gesicht.
    Mist!

    Es windet, feuchtelt und ... die Paddeljacke fehlt!
    Leichte Panik, nicht auszudenken, wenn jetzt auch noch das Boot gestohlen wurde.

    Etwas Erleichterung. Der Wind hat die Paddeljacke vom Haken befördert, sie liegt hinter der Terrassenbrüstung. Aber der Sprühregen bleibt und wird durch den Wind unters Terrassendach geweht. Ach hätte, hätte, hätte ich doch nur das Zelt aufgebaut. Ich rücke alles so gut es geht in den Bereich, der am wenigsten vom Sprühen betroffen ist - es hilft nur wenig.
    Am Ende der Nacht ist alles angefeuchtet, auch Schlafsack und Luftmatratze.


    Das Ende der Nacht bringt leider nicht das Ende des Sprühregens. Ich fröstele und bin unentschlossen, es geht nicht recht voran. Erst gegen 9 beginne ich ernsthaft, den Start vorzubereiten. Gegen 10 geht's los und gegen 10 hört der Sprühregen auf. Alles ist kühl und grau, aber ich paddle mich warm. Das war's jetzt wohl mit dem Sommer.



    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Image © 2019 TerraMetrics]


    Zur Mittagszeit zeigt sich dann doch die Sonne und am Nachmittag ist er wieder da, der schwedische Sommer. Für mich eher ein Altweibersommer. Die Sonne steht schon recht tief am blauen Himmel mit weiß kontrastierenden Wolken, die Temperaturen sind milde, das Licht ausgeglichen. Alles zusammen bewirkt diese etwas melancholische Stimmung - eben Altweibersommer.



    Viele Sommerhäuschen warten wohl schon auf die nächste Saison, scheinbar insbesondere auf den etwas abgelegeneren Schären. Ich hoffe dies an den Folgetagen nutzen zu können. Zu den Häuschen gibt einen Anleger und eine gute Zeltaufstellfläche sollte sich leicht finden.

    kein Friedhof, das Kreuz dient zum Befestigen einer Wäscheleine


    Zeltstelle am späten Abend





    41.Tag

    Seit der Sprühregenübernachtung ist alles ein wenig feucht. Auch die letzte Nacht änderte daran wenig. Nur der Schlafsack ist "trockengeschlafen". Der Rest (inklusive betautem Zelt) wird feucht eingepackt und hat am Tage unter Deck keine Chance, Wasser zu verdunsten.


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Image © 2019 TerraMetrics]

    Heute ging es mit ausgesprochen angenehmem Rückenwind über knapp 60km nach Grisslehamn. Nur zu Anfang führte die Route über eine größere offene Wasserfläche, anschließend rückten die Ufer zu beiden Seiten dichter aneinander, ein Teil des Weges führte sogar durch einen künstlichen Kanal. Und immer schön Rückenwind ohne viel Welle.

    Der Zeltplatz in Grisslehamn hat keinen Platz für Zelte. Angeblich alles voll. Wohnwagen / Wohnmobile werden noch angenommen. Dass die Kapazität gerade bei Zelten erschöpft sein soll, ist schon etwas merkwürdig. Auf die Frage nach einer Alternative werde ich auf das Pensionat Solgården verwiesen.
    Anruf bei der Betreiberin - ja, es ist etwas frei. Um den Weg außen um die Bucht abzukürzen, setze mich nochmals kurz ins Boot, paddle 300m, steige aus, finde einen ICA-Supermarkt, wo man mir den Weg beschreibt. Wieder zurück zum Boot und dann mit dem Minitrailer zur Pension.
    Eine Hütte (nicht die hübschen von der Internetseite), zwei Betten ohne Bettzeug und ohne Handtücher, zwei Stühle, ein Nachtschränkchen mit Lampe - das war's. Dusche und Toilette übern Hof. Umgerechnet 53€ pro Tag, weniger wird's nicht, aber immerhin ist das Frühstück dabei.

    Morgen erzähle ich Euch, warum es unbedingt 2 Ruhetage in Grisslehamn sein sollen.




    42.Tag

    Das Gewitter ist irgendwo in der Ferne vorübergezogen, anfangs sandte es nur ein paar Tropfen, gerade aber geht ein ordentlicher Regen aus seinem Gefolge nieder. Auch nicht schlecht, dass das heute Vormittag ausgiebig getrocknete Zelt trocken unterm Bett liegen bleiben darf.
    Nun aber zu den Ruhetagen in Grisslehamn.
    ... und es regnet ...

    Für die Überfahrt von Schweden zu den Ålands habe ich (wie anfangs dargestellt) 3 Varianten in Betracht gezogen. Auf der Höhe von Kappelskär konnte ich die Südvariante ausschließen. Alle 3 Prognosemodelle meiner Wetter-App zeigten für die nächsten Tage kräftigen Südwind. In 3 Tagen könnte sich ein Intermezzo schwächeren Westwinds einstellen, bevor der Südwind wieder die Regentschaft an sich reißt. Und genau auf dieses Intermezzo warte ich nun.

    ... und es regnet ...




    43.Tag

    Und siehe, das Ende der Welt ist nahe ...
    ... nur noch 400m sagte mein GPS-Gerät.


    Heute konnte ich von der Wirtin in Fahrrad leihen, freundlicherdings für lau. Auf ihre Empfehlung hin habe ich mich zum Ende der Welt aufgemacht, so nennen die Einheimis offenbar die Insel Singö mit ihrer Nordspitze.
    "Singö runt" wie der Name sagt ein ausgeschilderter Rundweg war meine Vorgabe, die allerdings nur bis auf etwa 2km an das Weltenende heranführte. Dann gab es noch einen Weg bis zu einem Haus mit Bootsanleger und eine Menge Verbotsschilder ...

    ... und danach eine Schranke. Abseits der Schranke habe ich etwas überwunden, das früher einmal Zaun gewesen sein könnte und bin noch ein wenig in Küstennähe Richtung Weltenende geturnt. Jedoch hätte ich für die letzten 400m hin und zurück vielleicht 45min benötigt, da musste das Weltenende eben auf mich verzichten.

    Blick von Singös Nordostküste in Richtung der Nordvariante für die Querung zu den Ålands (im Original sieht man am rechten Horizont die Insel Utersten, einer der "Trittsteine" der Querung)



    Eine sehr schöne Fahrradtour. Dem tat es keinen Abbruch, dass das Fahrrad weder Schaltung noch Zweitbremse oder gar Beleuchtung besaß. Es rollte einfach gut durch die nordische Landschaft, teilweise auf asphaltierten Strecken, überwiegend auf Wegen die mit Split abgestreut waren und auf einigen Teilstücken auch über Stock und Stein im wahrsten Sinne des Wortes - da rollte das Fahrrad dann aber nicht mehr, sondern wollte geschoben werden. Der Rundweg ist eben nicht für Fahrradfahrer sondern für Wanderer konzipiert.



    Die Insel Singö ist namensgleich mit ihrem Hauptort. Aus professionellem Interesse ein Bild der Schule, wahrscheinlich nur für die ganz Kleinen.


    Und ein Bild von der Kirche. Glückliche Schweden, auf dem Friedhof kein Heldengedöns, mit dem dem Verrecken im Krieg ein höherer Sinn zugesprochen werden soll.


    Seit mehr als 200 Jahren kommen die Schweden ohne Krieg aus. Einer der letzten dürfte der mit Russland 1809 gewesen sein. Hier wurde Schweden gezwungen, Finnland und unter anderem auch die schwedisch besiedelten Åland-Inseln an Russland abzutreten. Daher gehören die Ålands als autonome Region zu Finnland, obwohl dort fast nur schwedisch gesprochen wird.
    Auch Grisslehamn spielte im Krieg eine Rolle. Schwedische Truppen flohen von den Ålands hierher übers Eis, konnten sich gegenüber den nachrückenden Russen nicht verteidigen und mussten aufgeben.


    Schließlich zeigt das Bild, dass man auf den Schären nicht verdursten braucht. Nach den letzten Regenfällen gibt es wieder ausreichend Pfützen auf den Felsen. Natürlich sollte man das Wasser abkochen oder filtern.

  12. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #32
    Vielen Dank!
    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
    ~~ https://youtu.be/BlXgHcd7tok ~~
    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

  13. Lebt im Forum
    Avatar von Ditschi
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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #33
    40 Tage im Boot! Tolle sportliche Leistung. Und eine enorme Entfernung zurückgelegt in dem kleinen Boot. Die Bilder erwecken Sehnsüchte. Es gehört zu den Privilegien der Eigner kleiner Boote, daß sie idyllische Pausen - und Lagerplätze erreichen, die für andere unzugänglich sind. Großes Lob dem flüssigen und humorvollen Schreibstil, der das Erlebte plastisch werden läßt.
    Für mich haben viele Bilder Wiedererkennungswert, wenn auch von Land aus. Da fühlt man sich durch so einen Bericht nochmals in besonderem Maße angesprochen.
    Welche Hauptstadt ist schöner, Kopenhagen oder Stockholm ? In den letzten beiden Jahren haben meine Frau und ich nacheinander zwei 5-tägige Stadturlaube in beiden Städten verbracht und sind uns einig: Stockholm hat knapp die Nase vorn. Aber nur ganz knapp. Vielleicht lag es an dem Vasamuseum ? Für mich ist die zu 96 % original -restaurierte Vasa ein Weltwunder, das man gesehen haben muß. Unvergeßlich. So ein bleibender Eindruck kann ja den Ausschlag geben bei sonst zwei gleich wunderschönen Städten.
    Ditschi

  14. Dauerbesucher
    Avatar von Dogmann
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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #34
    Sehr interessant das alles mit dem Element Wasser!
    Vor allem die Abschnitte mit den grossen Brücken, weil man da meistens rüber fährt und das gern mal aus dieser Perspektive gesehen hätte und so war es dann auch.
    Echt nicht übel!
    Danke für die ganz anderen Eindrücke.
    Richtig wohl fühle ich mich nur draußen !

  15. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #35
    44.Tag

    Einerseits bin ich unglücklich, andererseits von Befürchtungen in Bezug auf die Überfahrt zu den Ålands befreit. Das Boot ist im Boot!

    Damit bleibt mir versagt, die Überfahrt auf eigenem Kiel zu bestreiten.

    Heute früh gegen 6.30 habe ich mich im Angesicht der aktualisierten Wind- und Wellenvorhersagen für die Fähre entschieden. Das Weitere war schnell erledigt. Buchung der Überfahrt per Handy, Bezahlung per Kreditkarte und 10min später hatte ich Bestätigung und Buchungsnummer.
    Der Zugangskontrolleur war etwas amüsiert, dass ich das Kajak als Fahrrad deklariert habe, hat mich aber anstandslos durchgewunken. Kein Vergleich zu dem Brimborium, das auf den Fährlinien von Finnlines veranstaltet wird (na gut, dabei sind ja auch größere Hafenanlagen zu passieren).



    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Image © 2019 TerraMetrics]

    Ich hatte mir vorgenommen, keine der großen Querungen bei mehr als 3Bft in Angriff zu nehmen. Unter kritischen Bedingungen fahre ich in Küstennähe. Dies nicht um im Falle einer Kenterung dorthin zu schwimmen, das ist normalerweise kaum möglich. Nach Kenterung, Wiedereinstieg und Wiederherstellung der Fahrfähigkeit bin ich eventuell etwas derangiert, so dass es von Vorteil ist, an die nahe Küste fahren zu können.

    Je nach Vorhersagemodell wäre ich bei 4 bis 5Bft gestartet, die Richtung West wäre passend. Vom Wind der Vortage wird ein kräftiges Wellenfeld aus Richtung Süd angegeben, dass sich mit den Wellen aus West mischt. Gegen Mittag schwächt sich der Wind auf 3Bft ab, dreht allerdings auf nördliche Richtungen. Selbst dann sind für die durchschnittlichen Wellenhöhen im Zielgebiet je nach Modell immer noch um 0,5m angesagt (mit größerer Maximalhöhe und Überlagerung zweier Wellenfelder aus südlicher und nordwestlicher Richtung). Zum Abend hin sollte der Wind wieder auf Süd wechseln und in Folge an Intensität zunehmen.

    Jetzt von der Fähre aus sieht alles gut beherrschbar aus, keine brechenden Wellen. Natürlich ändert sich die Sicht, wenn man auf Wasserhöhe sitzt. Ich bin hin- und hergerissen und etwas unglücklich, wahrscheinlich hätte es funktioniert. Aber wie gesagt, so ist es risikofrei.


    Hafen Eckerö voraus


    Zollfrei einkaufen auf der Fähre wäre fast zum Problem geworden. Ich hatte nicht auf dem Plan, dass einige Fahrgäste nur für den Einkauf an Bord sind und daher ohne auszusteigen die Rückfahrt antreten.
    Da etliche Passagiere dem Andockmanöver seelenruhig zusahen, spürte ich keine Veranlassung, schon nach unten zu gehen. Als dann die ersten Autos an Land rollten, brach bei mir Hektik aus. Unten angekommen waren die Fahrzeugdecks schon leer und bereit für die Aufnahme der neuen Ladung. Mist, was jetzt?

    Es zeigte sich schnell, dass die Ladearbeiter mein Kajak schon herausgerollt hatten - große Erleichterung!
    14.10 Uhr der nasse Start noch im Hafenbecken.


    Zunächst leichter Rückenwind, der sich abschwächte und etwa zwischen 16 und 16.30 war es windstill. Damit trat ein so von mir noch nie erlebter Effekt ein. Keine Windwellen, nur die langgestreckten Wellen der Dünung. Man konnte auch sehr schön die beiden Wellenfelder unterscheiden. Das eine, etwas stärkere von Süd und ein zweites aus NordWest. Bei den höheren dieser Wellen bildete der Wellenkamm schon den Horizont, Maximalhöhe also vielleicht 80cm. Das störte aber nur unwesentlich. Es sind Bewegungen eher wie bei einer großen Schaukel. Das Vordeck blieb trotz nicht unerheblicher Wellenhöhe trocken.

    An einem knapp unter der Wasseroberfläche gelegenen Felsen weitab anderer Inseln schlugen die Wellen trotz scheinbar ruhigem Meer so aufeinander, dass es immer wieder einmal fontänenartig aufspritzte (wahrscheinlich ein kleines "Blowhole"). Eindrucksvoll, so etwas "mitten" auf dem Meer bei Windstille.

    Auf den letzten Kilometern der Kajaktour dann wieder Wind schräg von vorn. Es hat gespritzt und geplatscht, einige Wellen gingen auch über die Spritzdecke - also das Übliche.

    Das Hochzerren des Bootes zum leicht geneigten Übernachtungsplatz war mühselig, der Blick vom Abendbrotplatz war fantastisch, die Kost leider nicht. Man kann eben nicht alles haben.





    45.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Image © 2019 TerraMetrics]

    Wie Ihr seht, heute nur eine kurze Tour bis Mariehamn, Zeltplatz Gröna Udden.

    Nachsaison, nicht mehr viel Betrieb hier, nur noch ein weiteres Zelt auf dem weitläufigen Gelände, sonst noch ein paar Womos und Wowas. Der Typ an der Rezeption will 3€ für das Aufladen meiner beiden Powerbanks. Ich bin etwas entrüstet und möchte seine Gier nicht unterstützen, schon für die Platzgebühr gab es keine Rechnung. Ich frage meine schwedischen Womo-Nachbarn und ... bekomme sogar ein Kabel ans Zelt verlegt.

    Hinsichtlich der Versorgung auf der Resttour bis Helsinki bin ich etwas unsicher. Natürlich, die Finnen / Åländer müssen auch essen und trinken. Aber wo kauft man am besten ein? In Schweden boten die Zeltplätze "natürliche" Anlaufplätze. Ich bin ja tagsüber unterwegs und komme im Unterschied zu z.B. Radwanderern nicht am Foodstore vorbei. Auf dem Weg nach Helsinki liegt nur noch ein Zeltplatz. Ich hoffe, unterwegs in den Gasthäfen einkaufen zu können.
    Jetzt führt mich mein erster Weg jedenfalls zum nächstgelegenen Supermarkt. Im Anschluss habe ich Wasser und Essen für 5 Tage gebunkert.

    Ein weiterer Spaziergang nach Mariehamn.

    Der Ort sortiert sich in die Liste der besuchten Hauptstädte ein. Hauptstadt einer autonomen Region - aber vom Gefühl her irgendwo zwischen Klein- und Mittelstadt. Um 21Uhr schließt die letzte Pizzeria, der Döner ist seit 20Uhr dicht und etwas Besseres möchte ich im Angesicht meines Aufzugs und der Preise nicht in Anspruch nehmen. Die Saison ist erkennbar vorbei. Alles macht einen etwas müden Eindruck.

    Eben hat mich die Bedienung aus der Pizzeria herauskomplimentiert. Zeit für den Weg zum Zeltplatz.
    Gute Nacht.




    46.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Image © 2019 TerraMetrics]

    Alle 3 von mir abgerufenen Windprognosen zeigten für heute 5 bis 6 Bft aus NordWest. So fühlte es sich dann auch an. Insbesondere der Abschnitt auf dem Lumparn nördlich von Lemland war wirklich herausfordernd. Wegen der mit 11km noch überschaubaren Windwirkstrecke betrug die maximale Wellenhöhe nur geschätzt 70cm (also weniger als die unlängst beschriebene Dünung), aber diese Wellen sind steil, unregelmäßiger und die Wellenkämme brechen immer wieder einmal. Wenn das Boot seitlich von solch einer brechenden Welle getroffen wird, transportiert es die Welle senkrecht zur Fahrtrichtung. Das ist schon speziell, mittels "Paddelstütze" lässt sich das Boot stabilisieren. Ich war heilfroh, in den Kanal am südöstlichen Ende des Lumparn einfahren zu können. Etwa zeitgleich fuhr ein Motorboot aus diesem Kanal auf den Lumparn und wendete nach ca. 50m offenbar in Anbetracht der widrigen Verhältnisse. (Allerdings hätte es auch ziemlich direkt gegen die Wellen fahren müssen.)

    Bild aus der Kanaleinfahrt Richtung Lumparn

    (Der Lumparn ist übrigens Ergebnis eines Meteoriteneinschlags – eingedenk dessen sind die meteorologischen Verhältnisse heute eigentlich hervorragend.)

    Im Kanal dann ein solch ruhiges Wasser, es ist kaum zu glauben, dass man als Kajakfahrer wenige 100m entfernt ordentlich zu kämpfen hat.
    Für die Wahl des Lumparn und dieses Kanals gab es kaum eine sinnvolle Alternative. Danach konnte ich den Kurs situativ besser anpassen, möglichst weitgehend unter Landabdeckung. Funktioniert nicht immer - und dann hat man richtig zu knüppeln. Ein vielleicht nur 200m langer Abschnitt ist mir in besonders unangenehmer Erinnerung, weil sich der Wind dort zwischen zwei Inseln wie durch eine Düse hindurchzwängte und schon der Schaum von den Wellen abwehte.

    Gegen Abend nimmt der Wind dann doch etwas ab, so dass ich die 4km Überfahrt nach Sottunga unter den Kiel nehmen kann. Und dort suche ich meinen Übernachtungsplatz - vor einem Sommerhäuschen in Bau. Es sieht allerdings so aus, als wäre dem Bauherrn das Geld ausgegangen. Jedenfalls gibt es bereits einen überdachten Bereich, in dem sich eine Leine zum Trocknen der Sachen spannen lässt.


    Mittags ist es bei Sonne noch sehr schön, wenn man ein windgeschütztes Plätzchen findet. (Übrigens war die Mittagspause zu diesem Foto die letzte, bei der ich mich komplett meiner Kleidung entledigt habe.)

    Hingegen wird es abends jetzt schon ungemütlich frisch, man spürt das Ende des Sommers..




    47.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; Image © 2019 TerraMetrics]

    Der gestrige Tag war wohl der Auftakt für eine Reihe windiger Tage.
    Gestartet bin ich bei schwachem Nordwestwind, dieser drehte bald auf Süd, zum Nachmittag hin stark auffrischend. Daher habe ich die Zielregion nicht in gerader Linie angesteuert sondern bin zunächst mehr Richtung Ost und später Richtung Nord gefahren. Damit war ich zwar im Bereich geringerer Inseldichte unterwegs, erhoffte aber mehr achterlichen Wind.
    Die Mittagspause fiel kurz aus, ich wollte rechtzeitig auf Lappo sein, bevor der Wind heftig wird.

    Mittagspauseninsel: Da kam ich her ...

    ... und dort wollte ich hin.


    Kurz vor Lappo untersuche ich ein vom Wasser aus passabel erscheinendes Inselchen auf seine Tauglichkeit als Zeltstellenlieferant. Entweder zu steinig, zu dichtes Gestrüpp, zu sumpfig oder zu windexponiert.
    Als ich vom Erkundungsgang zurückkehre, liegt neben meinem Kajak ein Canadier, aus der Persenning (oder spricht man hier auch von Spritzdecke) ragt ein rundherum kräftiger Paddler, kurzärmlig. Huch, woher kommt der denn? Ich grüße auf Englisch, die Antwort kommt auf Deutsch! Jetzt bin ich vollends verwundert.
    Der Canadierfahrer klärt mich auf, dass meine Englischversuche mit derart starkem deutschen Akzent eingefärbt wären, dass es ihm nicht schwer gefallen sei, den Landsmann zu erkennen. Er berichtet, dass er probiert habe, Richtung Süden zu fahren, in die Richtung, aus der ich gerade mit starkem Rückenwind kam. Wind und Welle waren dann außerhalb der Lappo vorgelagerten Inselchen doch zu heftig, so dass er wieder nach Lappo zurück paddeln wollte und dabei mein Boot gesehen habe.
    Wir fahren gemeinsam nach Lappo, ich staune, dass der Canadier trotz vielleicht doppelter Windangriffsfläche gegenüber meinem Boot recht sicher mit einem "ollen" Alupaddel bewegt wird. Und ich staune noch mehr über den Trimm. Natürlich liegt das schwere Zeugs im Bug unter der Persenning, aber die Feinabstimmung wird mit einem Stein erreicht, der in der Spitze vorn auf der Persenning liegt.

    In Lappo gibt es einen Lebensmittelladen, Zelten darf man am Gasthafen nicht. Der Canadierfahrer bleibt heute hier und möchte abends wieder auf einer Insel in Sichtweite an seiner gestrigen Übernachtungsstelle campieren. Er hat erkennbar keine Lust, dass ich mein Zelt ebenso dort aufstelle und wir einen deutsch-deutschen Abend verbringen.
    Ok, vielleicht rede ich schon komisch, riechen wohl auf jeden Fall - und vielleicht will der Gute in seinem Urlaub einfach Ruhe. Ich habe mich daher entlang einiger Inseln weiter nach Osten "gehangelt".

    Heute ist der nördlichste Übernachtungsplatz dieser Reise erreicht, 60,3° mehr wird's nicht.

    Und das Zelt wackelt.
    Zwar steht es auf der windabgewandten Seite der Insel Asterholma ...

    ... aber hin und wieder verirrt sich eine Bö hierher.
    Das Zelt ist ja so konstruiert, dass es auch ohne Abspannungen und Häringe steht, nur bei Wind geben solche Fixierungen zusätzliche Sicherheit. Um auf dem felsigen Untergrund Halt zu bekommen, hat meine Holde Taschen genäht, die mit Steinen gefüllt die Häringe ersetzen.

    Die Zeltstangen biegen sich, ich bin etwas in Sorge - aber offenbar unbegründet, eine weitere Reparaturhülse braucht es nicht.


    Morgen eine 2km-Querung über einen in Nord-Süd verlaufenden inselfreien Streifen mit Namen "Skiftet", eigentlich nicht viel, aber bei vorhergesagten 6Bft Südwind ... , danach bin ich wieder in einem Gebiet höherer Inseldichte, hier kann man sich vor Wind und Wellen verstecken.

  16. AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #36
    Ich bin zwar ert bis Tag 21 gekommen, aber die Reise fesselt mich schon komplett.
    In der Nähe von Kivik habe ich mal während einer der Schießübungen in einem Sommerhaus übernachtet. Da hat es nachts so gerummst, dass ich, obwohl Luftlinie ca. 2-3 km entfernt fast aus dem Bett gefallen bin. Die Tassen im Schrank haben gewackelt etc. Also wenn se losballern, dann richtig. Aber laut den Anwohnern vor Ort, hören die Spätestens Mittsommer damit auf, damit die Urlauber nicht genervt werden.
    So möchtig ist die krankhafte Neigung des Menschen, unbekümmert um das widersprechende Zeugnis wohlbegründeter Thatsachen oder allgemein anerkannter Naturgesetze, ungesehene Räume mit Wundergestalten zu füllen.
    A. v. Humboldt.

  17. Anfänger im Forum

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #37
    Ein sehr unterhaltsamer Bericht. Du hast wirklich eine gute Schreibe.
    Ein Abenteuer ist es nur, wenn es schief geht.

  18. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #38
    48.Tag

    Heute früh habe ich mich dem Fortfliegen des Zeltes mit aller Macht entgegengestemmt - indem ich eine Stunde länger liegen geblieben bin.
    Das Zelt hätte die Bodenhaftung sicher auch ohne mich bewahrt, allerdings verkündete der Windwahrsager, dass in der Früh mit 6Bft zu rechnen ist, im Laufe des Vormittags ein Rückgang auf 5Bft und zum Nachmittag auf 4Bft erwartet wird.


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Die Querung über (die/das/den) "Skiftet" war dann nicht nur 2km lang. (Das seht Ihr an dem kleinen Schlenker auf der Karte gleich nach der 47.) Zunächst bin ich am Ostende von Alsterholma Richtung Süden gefahren, dem Wind entgegen aber noch unter Landabdeckung der Nachbarinsel Maltholm. Entlang Maltholms Küste gelangt man etwas weiter nach Osten als es bei Alsterholma möglich ist. Die eigentliche Querung in Richtung der Insel Immaskär auf der anderen Skiftet-Seite war dann zwar etwa 3km lang, aber ich hatte den Wind schräg von hinten. Das funktionierte recht gut.
    Mit dieser Querung habe ich den Bereich der Åland-Inseln verlassen.

    Der weitere Weg erwies sich paddlerisch nicht mehr so anspruchsvoll. Zwischen den Inseln war es ruhiger, manchmal fast so wie auf einem einsamen Waldsee, dann wieder zeigte sich, dass das offene Meer nicht weit ist. Zudem machte sich die prognostizierte Windabschwächung bemerkbar.

    Die finnischen Schären erscheinen mir rauer und ursprünglicher als die schwedischen. Vor allem sicher wegen des Wetters und Saisonendes. Aber hinzu kommt, dass "der Schwede" sein Häuschen direkt ans Wasser baut, gern in exponierter Lage, die Wasserorientierung ist beherrschend. Die Häuschen sind in leuchtenden Farben gestrichen und sei es "nur" in schwedenrot, die Fensterrahmen sind weiß abgesetzt. Und überall der Schwedenwimpel an den Fahnenstangen.
    "Der Finne" baut sein häufig schlichteres Häuschen eher etwas zurückgezogen und bevorzugt gedeckte Farben. Vor allem heizen nicht ständig Motorboote übers Wasser, Segler sieht man noch seltener. Alles macht einen einsameren, manchmal schon etwas melancholischen Eindruck.


    "Mein" heutiges Übernachtungsinselchen besitzt (neben anderen für Paddler angenehmen Eigenschaften) ein vom Wasser aus sichtbares "Gärtchen" - und dies bewog mich letztlich, hier anzulanden.



    Heute seht Ihr einmal die Phasen des Zeltaufbaus.

    1) Auswahl des Platzes und Vorbereiten mit der 10-Finger-Harke 2) Groundsheet ausbreiten und Gestänge zusammensetzen

    3) die Mittelstange ist gespannt 4) bezugsfertig (man beachte den kleinen Satellitensender auf dem Zelt, der meldet meine Position unabhängig vom Mobilfunk - und hoffentlich auch im Seenotfall)






    49.Tag

    Es ist so schön hier!
    Wie soll ich das begreiflich machen? Bilder helfen, Videos wären besser, aber vollständig erleben kann man es nur selbst und vom Boot aus. Ich bin mir sicher, die Inseln haben auch von Land aus gesehen ihren Reiz. Immer wieder öffnen sich Blicke aufs Wasser, große glattgeschliffene Steinplatten, z.T. überdeckt mit weicher Rentierflechte. In den Niederungen dazwischen Kiefern und Birken und wo es ans Wasser geht auch Schilf. Im Inselinneren Wald und immer wieder eingesprengt offene Grasflächen, selten auch Äcker.
    Ohne Wassersicht fehlt mir Wesentliches. Wenn man sich zudem paddelnd jeden neuen Blick selbst "erarbeiten" muss, wirkt es noch intensiver.


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Heute war eine ganze Menge erarbeiten neuer Blicke zu leisten.
    5Bft aus Süd waren angesagt und z.B. vor dem Ort Nagu konnte man sich davor auch nicht "verstecken". Zwar gab es nirgends entwickelten Seegang (da hätte ich kaum fahren können) aber 50cm-Welle und 5Bft gegenan, da schleiche ich trotz harter Paddelei nur langsam voran. Trotzdem kein Vergleich zu der Strecke vor Åhus. Dort gab es keine Pause nur Anstrengung und Seegang und häufig habe ich gedanklich durchgespielt, wie der Ablauf im Kenterfall wäre. Solche Gedanken haben heute kaum eine Rolle gespielt. Immer wieder drehte der Kurs, konnte man sich hinter einer neuen Insel vor Wind und Welle "verstecken".


    Nagu hat einen hübschen Hafen ...

    ... und vor allem 200m entfernt einen Supermarkt. Nachdem ich heute früh mit Sorge festgestellte, dass der Käse angeschimmelt ist, wäre es knapp mit der Verpflegung bis zum Zeltplatz in Hanko geworden. Mit den hier ergänzten Vorräten reicht es locker - und die Eiserne Reserve (4 Beutel Kuko-Reis, kann man auch mit Ostseewasser kochen) hat wieder eine größere Chance, in die Heimat zurückzukommen.

    oh lord, won't you buy me ...



    Bei aller Freude an der Paddelei, das Campieren gehört zwar dazu, ist aber auf meiner Tour selten erbaulich, da der Schwerpunkt auf dem Vorankommen liegt. Jeden Tag Lager einrichten und wieder abbauen. Da ist leider zu wenig Zeit für Outdoor-Romantik. Lieber wäre mir ein begleitendes Wohnmobil, in dem nach einer wohlschmeckenden Mahlzeit die Masseurin ihr Werk verrichtet - und wenn es passt abends noch ins Konzert. Bei Bedarf kann man sich ja immer noch vors WoMo setzen und den Sonnenuntergang genießen.

    Gerade tröpfelt es ein wenig, direkt mit dem Einrichten des Lagers begann der Regen. Ich sitze also im Zelt und hoffe, dass die Wettervorhersage recht behält und ich morgen trocken abbauen kann. Schön ist es auch, wenigstens beim Start in trockene Paddelklamotten zu steigen. Es wird mittlerweile frischer, die Tageshöchsttemperaturen bleiben unter 20°C, auf dem Wasser heißt es nach dem Start erst einmal warmpaddeln.
    Ich weiß, dass mich das Ende der Paddeltour traurig stimmen wird, andererseits freue ich mich auch, wieder den häuslichen Komfort zu genießen.

    Das Zelt steht heute komplett auf einer glattgeschliffenen Steinplatte.





    50.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Unmittelbar nach dem heutigen Start stand ein eher anstrengendes Stück Paddelei bevor. Lange Strecke, Wind schräg von vorn und wenig Abwechslung. Die Bedingungen waren auch nicht so, dass man seinen Gedanken nachhängen konnte. Es war einfach ein Stück, das abzuarbeiten war. Passend dazu hatte sich der Himmel in grau gewandet, schickte immer wieder auch einige Tropfen, aber die konnten der üblichen Wellenspritzerei keine Konkurrenz machen.


    Irgendwann wird die Route abwechslungsreicher und irgendwann ahnt man, wo sich die Sonne hinter den Wolken versteckt und irgendwann lässt der Wind nach.

    Pausenplatz (mit Segler)



    Meinen Übernachtungsplatz suche ich auf einer etwas abgeschiedenen Inselgruppe, finde nach einiger Suche eine schöne Zeltstelle am Ufer mit Blick in Richtung auf das zu erwartende Morgenlicht.


    Auf der anderen Inselseite


    Kurz vor Sonnenuntergang öffnet sich eine Lücke in den Wolken. Die Sonne bleibt für mich verborgen, aber die gegenüberliegenden Inseln "meines" stillen Archipels werden in rötliches Licht getaucht.

    Das ist so ein Moment, in dem man sich mit Wehmut sagt - hierher kommst du nie wieder.



    So, morgen will ich früher starten, weil der Wind dann noch nicht so stark bläst und ich hoffentlich trocken das Lager abbauen kann.




    51.Tag

    Der Tag begann für mich früh.
    Ob die Sonne schon aufgegangen war - wer weiß ... , in den Wolken zeigte sich ein heller Streifen. Mit dem zu erwartenden Regen und dem Auffrischen des Windes im Nacken war das Lager etwas hastiger als sonst abgebaut.


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Etwa gegen 7 Uhr hatte ich den Schutz "meines" kleinen Archipels verlassen. Ungefähr 10km bis zur nächsten Inselgruppe.
    Wie angekündigt noch gut beherrschbare Bedingungen. Wolkig, windig, wellig. Wie meist nicht unanstrengend.



    Richtung Süden, daher wo Wind und Welle kommen zeigen sich die erwarteten Regenwolken.
    Eigentümlich, eine klar abgesetzte Wolkenfront vor dem ohnehin schon grauen Himmel, wie eine Walze oder besser wie eine anrollende Welle.
    Eine kurze Zeit kann ich das Schauspiel betrachten, dann ist fast schlagartig Schluss mit lustig. Plötzlich haben die Wellen brechende Kämme, die Windstärke wächst ohne Zwischenstufe von 3 auf vielleicht 6 Bft. Das Vorschiff wird regelmäßig überspült, dabei werden Spritzwasserfontänen vom Wind abgerissen und treiben gemeinsam mit dem Regen seitlich davon. Immer wieder gehen Wellen über die Spritzdecke. Die Sicht ist durch den Regen stark beeinträchtigt, die Zielinseln zeichnen sich nur schemenhaft ab. Weiter entfernt liegende Orientierungspunkte sind verschwunden. Es ist nicht möglich, Kurs zu halten, ich werde unerbittlich abgetrieben. Ich muss wohl die Notbremse ziehen und mich mit dem Wind kontrolliert abtreiben lassen, dahin wo der Horizont etwas dunkler ist, weil sich dort Land befindet.

    Eine gefühlte Ewigkeit später - wahrscheinlich nach nur 15min - wird der Wind milder. Eine weitere Viertelstunde später ist er wieder zu seiner ursprünglichen Stärke zurückgekehrt. Es tröpfelt noch ein wenig, die Ferne gewinnt wieder Struktur. Nur die Wellen künden noch einige Zeit vom gerade durchgezogen Regensturm.



    Nach Erreichen der als Zwischenziel auserkorenen Inselgruppe hätte ich mich über einige weitere Inseln zum angepeilten Zeltplatz hangeln können, aber in Anbetracht der Wetterberuhigung habe ich für die restlichen 10km den direkten Weg gewählt.
    Die Hanko-Halbinsel schirmt den Südwind, vor allem aber die Wellen ab, je näher man dem Ziel kam, desto friedlicher wurden die Bedingungen. Für den unerfahrenen Betrachter am Strand muss einigermaßen unverständlich sein, warum der Kajaker sich in eine solche Montur gewandet hat und derart nass das Ufer erreicht.

    auf dem Zeltplatz (romantisch ist anders)


    Das Zentrum von Hanko ist etwa 4km vom Zeltplatz entfernt, ein Bus verkehrt nicht. Auf halber Strecke liegt ein auch sonntags geöffneter Supermarkt, dem ich auf dem Rückweg einen Besuch abstattete.
    Auffällig auf dem Weg zum Zentrum im letzten Drittel sind ungewöhnlich viele, ausgesprochen hübsche, gepflegte und große Holzhäuser. Viele tragen die Bezeichnung Villa im Namen völlig zu Recht. An einer der Villen eine Jahreszahl, 1881 - also scheint zu Zeiten, als Hanko zu Russland gehörte (genauer zum Großfürstentum Finnland) der Ort bedeutend gewesen zu sein.
    Die russische Flottenbasis hatten die Engländer jedenfalls im Krimkrieg (also schon 1854) weggebombt. Ohne entsprechende Hinweistafeln hätte ich die Reste der zugehörigen Zitadelle nicht erkannt. Auf dem Festungsfelsen ist ein kleiner Turm montiert. Neben dem lohnenden Ausblick konnte ich ein interessantes Naturschauspiel beobachten. Ein räumlich sehr scharf abgegrenzter Regenschauer hat wenige 100m entfernt meine Position passiert, hat aber auch den Zeltplatz nicht erreicht, ist dazwischen durchgezogen.

    auf dem Beobachtungsturm



    Einkehr in einer Pizzeria - einmal wieder zivilisiert essen, also richtig mit Messer und Gabel. Das Bier gibt es im Glas und vollends dekadent ... das Glas mit Untersetzer!
    Trotz dieser Stärkung wurden auf den letzten 2km des Rückweges die Arme beim Tragen des mit ca. 7kg gut gefüllten Einkaufsbeutels schon recht lang. Aber dafür sollten die aufgefüllten Vorräte bis Helsinki reichen - wenn ich die Eiserne Reserve Kuko-Reis einberechne.
    Geändert von Paddolf (06.08.2019 um 15:47 Uhr)

  19. Alter Hase
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    #39
    Gerade habe ich noch mal zum Anfang zurückgeblättert:



    Ich freue mich schon auf weitere Ikea-Hobo-Bilder

    Es bleibt spannend

  20. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #40
    52.Tag

    Die dem veränderten Wetter geschuldeten Komforteinbußen sind mittlerweile spürbar. Morgens ist es kühl und feucht - und abends nicht anders. Um die Tour jetzt wieder mehr zu genießen, müsste ich einfach die tägliche Paddelzeit zugunsten des Lagerlebens reduzieren. Noch im Warmen das Zelt aufschlagen, die Paddelklamotten besser trocknen, so dass sie am nächsten Morgen nicht mehr so feucht sind, ein kleines Feuerchen und darauf etwas Selbstgekochtes.
    (Gut, das war jetzt Jammern auf hohem Niveau, die Bedingungen sind eigentlich passabel.)


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Zum Paddeltag: Nach dem frühmorgendlichen Schauer hatte das Zelt noch ein wenig Gelegenheit zu trocknen, hat diese Gelegenheit aber nur unvollkommen genutzt und musste also feucht unter Deck. In Folge zeigte sich das Wetter nicht sonnenbranderregend aber doch recht paddelfreundlich. Und so gestaltete sich auch die Tagestour. Zunächst um den südlichsten Punkt des finnischen Festlandes, weiter entlang einer inselgesäumten Küste. Einige kleinere Umwege wurden nötig an ehemaligen Moränenkanten (?), an denen der Gletscher beim Abschmelzen lange Reihen von Steinen ins Wasser hat plumpsen lassen, die jetzt mit der nacheiszeitlichen Hebung dicht unter die Wasseroberfläche gelangt sind und sich dem Darüberpaddeln erfolgreich widersetzen.

    Pausenplatz


    Vom heutigen Lagerplatz aus sind es noch knapp 130km bis Helsinki, also 3 Paddeltage (wenn alles gut geht). Ich hätte schon Lust, noch ein paar Tage in den Schären unterwegs zu sein, aber wie beschrieben mit mehr Zeit außerhalb der eigentlichen Paddelei.
    Trotzdem habe ich den Fährtermin telefonisch vorverlegt, in 4 Tagen soll die Überfahrt von Helsinki nach Travemünde starten. Warum? Meine Holde beteiligt sich demnächst an einer Irlandreise und es ist noch ein Platz frei. Und da ich vermute, ansonsten in meinem Leben nicht mehr nach Irland zu kommen (aber hoffentlich noch viel zu paddeln) ist die Abwägung zugunsten eines raschen Endes der Paddeltour gefallen.




    53.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Heute wieder ein angenehmer Spätsommer-Paddeltag (für mitteleuropäische Verhältnisse eher Frühherbst), der Himmel häufig bedeckt, aber auch die Sonne zeigt sich. Es ist schwachwindig (mit vorderlicher Komponente) und durch die Inselabdeckung gibt es ohnehin keine größeren Wellen.
    Die Strecke verläuft überwiegend in einem natürlichen Kanal, keine navigatorischen Herausforderungen und auch nichts Spektakuläres.

    Pausenplatz


    [Anlässlich einer Skandinavientour mit meiner Holden hatte ich ein Jahr später Gelegenheit, in dieser Gegend zu paddeln. Wer hier unterwegs ist und etwas mehr Zeit mitbringt, dem sei der Ekenäs-Schärengarten anempfohlen. Ein traumhaftes Paddelrevier (südlich des beschriebenen Kanals) völlig zu Recht als Nationalpark deklariert - leider zu den inneren Schären hin mit etlichen Sommerhäuschen. "Der Finne" weiß eben auch, wo es gut ist.]


    Abend.
    Wo ist das Rauschen des Windes, das Rauschen der Wellen?
    Der Wind ist eingeschlafen. Weckt ihn nicht!

    Mein Zelt steht auf einer Steinplatte, etwas exponiert gegen die für morgen erwartete Ostwindlage - aber auch ausgerichtet zur Morgensonne und mit bestem Blick.


    Heute habe ich abends warm gespeist und das Kochfeuer danach als Wärme- und Erbauungsfeuer betrieben, habe dem Erlöschen des Tageslichts zugesehen und den Mond gegrüßt, als er kurz durch die Wolken sah.
    So etwas ist auf dieser Tour zu kurz gekommen. Für mich stand die Idee im Vordergrund, genau diese Strecke von Berlin nach Helsinki zu paddeln.

    (der Hobo steht mit etwas Abstand zum Fels, keine Steinabsprengungen)




    54.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]

    Nur das Meer, der Wind, dein Boot.
    Heute die letzte Querung, bei der man erfasst - du bist auf See. Zwar nur ca. 6km bei Porkkala, aber dieses eigentümliche Gefühl stellt sich ein, weitab vom Land zu sein, vom Spiel der Elemente abhängig und nur auf sich selbst angewiesen. (Zwar hab ich Seenotfackeln, Handy und vor allem einen Seenot-Satellitensender dabei, aber das vergisst man. Und noch hab ich nicht ausprobiert, wie es funktioniert.)
    Die Bedingungen waren aber einfach, die Schwimmweste ist nicht wirklich nass geworden. Tatsächlich überwog der etwas wehmütige Gedanke, dies war die letzte Querung dieser Tour.


    Pausenplatz


    Insbesondere nach Porkkala wurde es zäh. Beständiger Gegenwind. Du hast dich mühsam in den Windschatten einer Insel herangepaddelt, fährst bis zur Kante und da ist er wieder, der Gegenwind. Nicht übermäßig stark, aber er ist da. Es macht auch keinen Sinn zu kämpfen, man muss das einfach hinnehmen.

    Der Abend entschädigte mich mit einem wirklich schönen Inselchen, auch die letzte "richtige" Übernachtung. Auf dem Hobo hab ich Teile der Eisernen Reserve (Kuko-Reis) in genussfähige Form gebracht, verspeist und danach noch lange am Hobo-Feuerchen sinniert.





    55.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO]


    Himmel, deine Farbe ist grau. Regen, dein Vorname ist Sprüh.

    Das war auch schon die Tageszusammenfassung.
    Feinstes deutsches Novemberwetter - zum Glück nicht so kalt.


    Beim Aufstehen freue ich mich noch: Nicht einmal Kondens auf dem Zelt.
    Eingepackt habe ich es dann aber doch nass. Gegen 8Uhr setzte der Sprühregen ein, gegen 19Uhr endete er. Den Standort der Sonne konnte man erst am späten Abend erahnen. Schade vor allem, dass man dabei nichts von der Helsinki-Durchfahrt hatte. Alles in grau, die Spitzen der höchsten Gebäude verschwinden in den tiefhängenden Wolken. Eigentlich wollte ich noch einen Abstecher Richtung Innenstadt machen, aber bei solchen Bedingungen möchtest du es nur einfach hinter dich bringen.
    Leider ein etwas unwürdiger Abschluss einer großartigen Paddeltour. Ich bin mir aber sicher, nach kurzer Zeit werden diese Erinnerungen durch die an die genialen Tage und an die erhebenden Momente überdeckt.

    Bilder?
    Was soll man das Elend noch fotografieren ...


    Ein Foto gibt es dann doch, hier befand sich mein Pausenplatz in Helsinki ...

    ... dieses Bild ist aber etwa ein Jahr später entstanden, ich war mit meiner Holden auf Skandinavientour. Bei meiner Paddelreise wären hier genau zwei Personen auf dem Foto gewesen: Ein dem Regen trotzender Angler und meine Wenigkeit.




    56.Tag

    Den Vormittag ein wenig vertrödelt, wie es so an Abreisetagen ist. Man hätte alles auch in der halben Zeit erledigen können. Das Boot liegt auf seinem Minitrailer, das Gepäck wird irgendwie sinnvoll in die Sitzluke gepackt und dann geht's los Richtung Fährhafen.


    Was hab ich mir zu Hause Gedanken über einen geeigneten / fahrradtauglichen Weg gemacht. Mit Google StreetView recherchiert und einen Track für mein GPS-Gerät erstellt. Zur Sicherheit frage ich in der Zeltplatzrezeption. Die junge Frau drückt mir eine Kartenkopie in die Hand und alles ist klar.


    Im Vorfeld gab es einige Aufregung, weil mir nicht zugetraut wurde, die Strecke auf dem Hafengelände zwischen CheckIn und Schiff schnell genug zurückzulegen und mich nicht zu verirren. Die Beförderung wurde zunächst verweigert. Es bedurfte einiger Anstrengungen, um eine Lösung zu erwirken.
    Die sah dann vor Ort doch anders aus als erwartet. Die Dame im Safety-car hat mich persönlich geleitet, noch bevor sie die Autoschlange anführte. Muss ein kurioses Bild gewesen sein. Vornweg ein VW-Transporter mit Sondersignal, dahinter trabt der Muli mit der Kajak-Karre. Die junge Frau erzählte auf Anfrage, dass dies ihr erster Einsatz für einen Fußgänger sei, die werden sonst im Bus befördert.
    Jedenfalls bin ich nun als einer der ersten an Bord.


    Die Fähre legt ab. Mit mir viele Passagiere auf dem Oberdeck, Helsinki im Abendlicht. Blick von oben auf die vorgelagerten Schären - so schnell geht es jetzt hier hindurch.

    Ich bin etwas leer und schwermütig - aber das wird schon wieder.




    Und?

    Wenn ich es noch nicht getan hätte, ich würde genau diese Paddelreise noch einmal in Angriff nehmen. Eine Wiederholung kommt aber nicht in Frage.

    Ich kann mir derzeit kein schöneres Paddelrevier als eine Schärenküste vorstellen. (Allerdings sind meine Erfahrungen mit einer Fjordküste auf eine kurze Paddeltour im Milford-Sound beschränkt.) Das Wenige, was ich bisher in den Schären bei Göteborg erpaddelt habe, lässt mich die Ostseeschären bevorzugen. Leider ist die Anreise ziemlich aufwändig, dorthin werde ich also höchstens einmal im Jahr in den Sommerferien kommen.

    Aus jetziger Sicht scheint es mir sehr reizvoll, das Gewicht von der Paddelei stärker auf das Outdoor-Leben zu verlagern.
    Allerdings ... ich glaube, mir wohnt so ein Drang inne, Strecke zu fahren: Was kommt hinter dem nächsten Inselchen, wie geht es dort weiter, was würde ich verpassen, wenn ich schon hier das Lager aufschlage ...
    Mal sehen, wie sich das entwickelt.

    Die nächste wirklich große Paddelreise werde ich wohl erst als Rentner in Angriff nehmen können (Ideen gibt es einige). Und ich hoffe, hoffe, hoffe (!), dass ich dann noch ausreichend fit bin, dass die bereisten Länder freizügig und friedlich sind und dass die Natur im Lot bleibt.





    Vielen Dank an alle Mitlesenden für Euer Interesse.

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