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    [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #1
    Mitreisende: Paddolf
    ... Wenig los auf Berlins Straßen.
    Wer nicht anders muss oder will, gönnt sich am Sonnabendmorgen gern noch eine Mütze Schlaf, auch wenn die Sonne schon seit einiger Zeit einen schönen Tag eingeläutet hat. Immer wieder ein Blick durch die Windschutzscheibe nach oben. Es leuchtet gelb, ja das Boot ist noch da.
    Halt in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs. Nun verlässt das Boot für lange Zeit seinen Platz auf dem Autodach und findet seine eigentliche Bestimmung als mein Gefährt (fast schon Gefährte) für eine lange Wasserwanderung.
    Start am Kanzleramt, Spree-km 14,1. Weiter ins Berliner Zentrum darf man nur mit Motorunterstützung und einer zugelassenen UKW-Sprechfunkanlage nebst entsprechender Ausbildung. Aber Ziel ist ja auch nicht die Erkundung der innerstädtischen Gewässer, Ziel ist die Ostsee.
    Noch habe ich Hilfe, noch ist das Boot nicht beladen. Wasserung und Zustieg über eine der vielen Leitern der Ufermauer und dann der erste Paddelschlag, es ist wohl eher ein Abdrücken von der Ufermauer. Noch eine paar Fotos, noch ein symbolisches Anschlagen am Spreeufer auf Seiten des Kanzleramts und dann geht es endlich los.
    [/url]

    . . . . . . .

    Tourverlauf - siehe Klick auf das Kartenbild
    (die "Kullerchen" beschreiben die Übernachtungsplätze, die Zahlen daran kennzeichnen den Tag seit Tourstart)


    . . . . . . .

    Ein seltsames Gespann bewegt sich über das nächtliche Travemünder Hafengelände, vornweg mit gelber Rundumleuchte ein Transporter, hinterher rumpelt mein Boot mit zu hoher Geschwindigkeit auf seinem kleinen Bootswagen. Ich sitze in der geöffneten Heckklappe des Transporter und halte krampfhaft die Bootsspitze, hoffend, dass das Gefährt nicht an einer Bodenwelle umgeworfen wird oder der Transporter plötzlich bremst.
    800m später ist einer der gefährlichen Tourabschnitte schadlos überstanden. Meine Familie begrüßt mich. Und jetzt kommt das Boot wieder dorthin, wo es zu Reisebeginn schon einmal war, auf's Autodach. ...
    ... Wenig los auf den Straßen meines Heimatortes.
    Nicht verwunderlich, es ist Sonntag morgen, so zwischen 2 und 3 Uhr. Und nun endet meine Paddelreise endgültig wo sie begonnen hat - nach 8 Wochen, 1 Tag und 21 Stunden.



    Um einen Überblick zu erhalten, zunächst einige Tourparameter.
    Auf Basis meiner WhatsApp-Berichte für die Familie folgt später eine kleine Sammlung kommentierter Bilder.


    einige Tourparameter:
    (Wer nur am Reisebericht interessiert ist, sollte das Folgende überspringen.)

    - Tourlänge aus eigener Kraft: 2115km; Tourdauer: 55 Tage, davon 8 Ruhetage
    (macht je Tag 38,5km, ohne Ruhetage 45km je Tag)
    - längste Tagesstrecke 78km mit Strömungsunterstützung der Elbe bzw. 63km auf der Ostsee
    - das Boot ist ein Prijon Seayak HV, leicht modifiziert durch Einbau einer Fußlenzpumpe und Versetzen der Schottwände (liefert ca. 40l mehr Stauraum gegenüber dem Werkszustand)
    - das Paddel (Werner Ikelos) ist mittels Paddelsicherungsleine verlaufend durch die Spritzdeckenschlaufe mit dem Boot verbunden
    - Schwimmweste und Feststoffpaddelfloat, 3 Seenotfackeln rot
    - Satellitennotrufsender inReach mini und Tastenhandy, jeweils in wasserdichter Verpackung in der Schwimmweste
    - Navigation mittels eTrex 30x und OSM-Karte Europa (als BackUp ca. 1,5kg selbstausgedruckter Karten, zum Glück nicht gebraucht)
    - Kommunikation mit der Familie per Smartfone (fast immer gutes Netz inklusive Datenfunk)
    - Stromversorgung über Solarpanel (siehe Ergänzung)
    - Rückfahrt mit der Fähre Helsinki-Travemünde (siehe Ergänzung)
    - paddelspezifische Kleidung: Neoprenpulli (0,5mm), Neoprenhose, eine ordentliche Paddeljacke, Paddelpfötchen und ein einfacher Trocki
    - wegen des Extremsommers bin ich bis Västervik mit Hut, kurzer Hose und T-Shirt gefahren
    - erstaunlich: ich habe nie gehungert und trotzdem 8kg abgenommen


    Bei meinen bisherigen kurzen Ostseetouren betrug die Tagesleistung etwa 40km. Vorsichtig geplant macht das 200km Wochenleistung, damit sind Ruhetage und wetterbedingte Pausen gut berücksichtigt. Bei ca. 2100km erwarteter Tourlänge habe ich 11 Wochen Reisedauer angesetzt.
    Die Transportkapazität des Bootes deckt 5 Tourtage ohne Auffrischung der Vorräte ab. Limitierend ist dabei die Frischwassermitnahme. Voll beladen kamen 11l Wasser, 3l Trinkjoghurt und 2l Bier an Bord. (Allerdings kann man in vielen Häfen Frischwasser nachfüllen, ich habe das Boot nie "leergesoffen".)
    Die Streckenplanung erfolgte zunächst in GoogleEarth am heimatlichen Rechner, erfasst sind alle Campingplätze an der voraussichtlichen Strecke, einige Häfen (siehe Ergänzung), Biwakplätze in Dänemark, militärisch genutzte Gebiete und ein Musterstreckenverlauf. Die Daten wurden mittels Basecamp vorab auf das eTrex übertragen. Das spart unterwegs viel Zeit, insbesondere in den inneren Schären wäre die Streckenplanung mit dem kleinen Bildschirm des eTrex und der geringen Zoomgeschwindigkeit ein nervendes Geduldsspiel. (Wer die Daten oder Teile davon nachnutzen möchte, kann die Datei Plan_5_7.kmz laden. Dies gestattet nebenbei einen Blick auf den Unterschied zwischen Plan und tatsächlich gefahrener Tour.)
    Wegen der extremen Trockenheit und des daraus resultierenden Feuerverbots kam mein Hobo-Kocher nur in Deutschland und in Finnland zum Einsatz. Gekocht wurde nur in den Küchen der Campingplätze, ansonsten kam ich auch gut mit Kaltverpflegung zurecht. (Zur Sicherheit hatte ich noch eine Gaskartusche mit Kocheraufsatz mitgeführt, der nur zweimal zum Einsatz kam. Unter den Bedingungen dieser Tour war der Zweitkocher unnötig.) Hauptnahrungsmittel waren Reis (dazu später mehr), Brot und Knuspermüsli.
    Das Zelt sollte unbedingt ein Geodät sein, bei mir ein Forum 42 ZG, ich schätze das Platzangebot eines 2-Personen-Zeltes. Ein 3-Jahreszeiten-Schlafsack und eine herkömmliche Luftmatratze (schwer aber gemütlich) komplettieren die Übernachtungsausrüstung.

    Ein kleiner Stachel bleibt im Fleische, für die Überfahrt von Schweden zu den Ålands habe ich die Fähre Grisslehamn - Eckerö in Anspruch genommen (siehe Ergänzung). Ich kann also mit Pickhammer https://www.outdoorseiten.net/forum/...3%85landinseln eine Selbsthilfegruppe zur Bewältigung des Überfahrttraumas gründen.
    [Edit - Pickhammer hat erfolgreich an der Traumabewältigung gearbeitet: https://www.outdoorseiten.net/forum/...3%85landinseln]


    Ergänzungen
    Solarpanel auf Prijon-Booten:
    Die mit der Schutzklasse IP 67 beworbene Solarcard von SISTech war auf dem Achterdeck des Bootes montiert.

    Um den Strom zum Aufladen einer passenden Powerbank zu nutzen, habe ich den Süllrand der Gepäckluke mit Heißluft vorsichtig erwärmt und mit einem ebenfalls heißen Nagel etwas eingedellt. Über diese Delle ist das Kabel zwischen Solarpanel und Powerbank geführt und an dieser Stelle mit Klebeband fixiert.

    Passend dazu habe ich in der Kunststoffabdeckung mit einer Rundfeile eine kleine Vertiefung ausgearbeitet, so dass das Kabel durch die Abdeckung nicht gequetscht wird. Diese Konstruktion hat sich über 2100km in 8 Wochen mit täglich mehrfachem Öffnen und Schließen der Gepäckluke bewährt. Weder ist das Kabel beeinträchtigt, noch ist Wasser in die Gepäckluke eingedrungen.
    Das Solarpanel hat auf den ersten 440km über Binnengewässer und 510km auf der Ostsee tadellos funktioniert. Das Stromangebot war mehr als reichlich für meine Zwecke. Am 21.Tag hatte ich etwas rauere Bedingungen auf der Ostsee mit Seegang, bei dem auch das Achterdeck regelmäßig überspült wurde. Leider zeigte das Solarpanel nicht die erhoffte Wasserdichtigkeit. Von der Seite, von der die Wellen das Deck überspülten, ist Wasser eingedrungen. Die Schutzklasse IP 67 bedeutet eben nur Schutz gegen Untertauchen, nicht gegen Druckwasser. Seit Neuem wird die Solarcard mit IP X8 beworben, vielleicht ist die Konstruktion jetzt etwas robuster. Für Touren auf Binnengewässern scheint die Solarcard mit der von mir verwendeten Montage hervorragend geeignet.
    (Da ich alle 2 bis 4 Tage Zeltplätze anlief, musste ich dort die Powerbank laden und habe mir in Stockholm eine weitere Powerbank mit größerer Kapazität zugelegt, so dass ich ab Stockholm die Tage zwischen den Zeltplatzaufenthalten stromtechnisch problemlos überwinden konnte.)

    Rückfahrt mit der Fähre Helsinki-Travemünde:
    Die Vorgeschichte dazu findet Ihr hier: https://www.outdoorseiten.net/forum/...ravem%C3%BCnde
    Der Kajaktransport über das Hafengelände in Helsinki sah dann doch anders aus als erwartet. Noch bevor sich die Autoschlange hinter dem Führungsfahrzeug in Bewegung setzte, wurde ich von einer netten Fahrerin mit eben diesem Führungsfahrzeug persönlich geleitet. Muss ein kurioses Bild gewesen sein. Vornweg ein VW-Transporter mit Warnbeleuchtung, nebenher trabt der Muli mit der Kajak-Karre. Die junge Frau erzählte auf Anfrage, dass sie einen solchen Einsatz noch nicht erlebt habe. Jedenfalls war ich als einer der ersten an Bord.
    In Travemünde leider ein anderes Bild: Der Fahrer des Führungsfahrzeuges wurde nicht müde, immer wieder die Bedeutung seines Jobs hervorzuheben, die Gefahren auszumalen und wahlweise seine Kollegen aus dem Verkauf der Überfahrten oder mich als verrückt zu bezeichnen. Ich glaube kaum, dass es die 5 Minuten Mehrarbeit waren, die ihn zu diesem anstrengenden Gelaber veranlassten, es kann ihm wohl auch nicht um die Sicherheit gegangen sein, der Kajaktransport aus der geöffneten Heckklappe war mehr als abenteuerlich. Vielmehr vermute ich, dass er sich in seiner Rolle als zweitwichtigste Person im Fährgeschäft (gleich nach dem Kapitän) zu wenig gewürdigt sah. Eine Vorabinformation "Da kommt ein Kajakfahrer mit Bootswagen, Du bist doch erfahren, lass Dir mal 'was einfallen." hätte wahrscheinlich zu einer angemessenen Reaktion geführt. Jedenfalls habe ich mich am Folgetag per Mail nochmals bei der Mitarbeiterin der Fährlinie bedankt, die die etwas ungewöhnliche Fuhre ermöglicht hat und habe vorgewarnt, dass der Fahrer des Führungsfahrzeuges sich bei einer übergeordneten Leitung beschweren wollte. Die Antwortmail war recht entspannt und verheißungsvoll für alle, die Ähnliches vorhaben:
    Sehr geehrter Herr ...,
    es freut mich zu hören, dass Sie wohlbehalten zurück sind und alles glatt gelaufen ist!
    Vielen Dank für Ihre positive Rückmeldung, wir hatten mittlerweile schon einen weiteren Kunden, welcher mit seinem Kajak fahren möchte.
    Ich arbeiten daran, dass es in Zukunft auch weiterhin so funktioniert!
    Mit freundlichen Grüßen / Best regards, ...

    Ernährung mit Reis
    Der scheinbare Widerspruch - kein Kochereinsatz in Schweden aber gekochter Reis lässt sich wie folgt lösen. Reis wurde von mir auf den Zeltplatzküchen vorgekocht, mit Pastasauce o.ä. vermengt und noch warm in 2 Boxen je 1l eingefüllt. Beim Öffnen gibt es dann ein zartes "plopp". In Finnland habe ich dann häufiger Beutelreis auf dem Hobo gekocht. Das Ostseewasser ist dort schon salzärmer als an der deutschen Küste, so dass man zum Kochen nicht das wertvolle Süßwasser benötigt.

    Überfahrt Schweden - Åland
    Wenn der geneigte Leser eine (online-) Karte zu rate ziehen möchte, wird er die Ausführungen besser verstehen. Für die Querung zu den Ålands habe ich 3 Varianten in Betracht gezogen.
    1) Südvariante:
    Kappelskär (Start vom Zeltplatz, 600m vom Wasser entfernt)
    => Söderarm/Torskär (20km durch ein Schärengebiet, also immer Landabdeckung, aber keine Versorgungsmöglichkeit, dort das Zelt für eine Nacht aufschlagen)
    => Lågskär (30km über offenes Wasser, nach 20km zwar das Eiland Flötjan, bei Seegang dürfte dort aber keine Landung möglich sein, Übernachtung auf Lågskär wäre möglich, aber nicht angestrebt)
    => Bredgadden (9km, immer noch über offenes Wasser)
    => Lemland (12km, wie der Name verrät (-land) eine der Hauptinsel, dieses Stück der Querung kann man sich von Schäre zu Schäre hangeln)
    Insgesamt also 70km, davon 45 ausgesetzt mit Zwischenübernachtung.
    2) Nordvariante:
    Singöcamping (auf der Insel Singö)
    => Utersten (16km, auf den ersten 9km einige Inseln) =>
    Märket (12km, diese klitzekleine Leuchtturminsel ist zwischen Schweden und Finnland geteilt, die Grenze ist mit weißer Farbe aufgepinselt und zwar so, dass das mittige Leuchtturmgebäude zu Finnland gehört, ansonsten aber Flächenparität gewährleistet ist - also ein wilder Grenzverlauf)
    => Yttre Borgen (8km)
    => Hammarland (12km, auf dieser Strecke gibt es wieder mehrere mögliche Zwischenstationen)
    Insgesamt also 55km, dies ist ohne Zwischenübernachtung schlecht möglich (soll z.B. beim Märket-Leuchtturmwärter möglich sein, der freut sich über Besuch). Ca. 50km über offenes Wasser.
    3) mittlere Variante:
    Ostseehafen Grisslehamn => Gisslan (29km, ist zwar nur ein kleines Inselchen, sollte aber für eine Landung reichen)
    => Hammarland (13km, Zwischenstopps nach 3km und 7km möglich)
    Insgesamt 41km, fast komplett über offenes Wasser, eine Zwischenübernachtung ist unnötig.

    Vorteil der Südroute: Sie ist insgesamt gesehen etwa 100km kürzer als die mittlere Variante und 150km kürzer als die Nordvariante.
    Vorteil der Nordvariante: Viele Zwischenstopps ermöglichem dem arg strapazierten Sitzefleisch Erholung. Bei unvorhergesehenen Ereignissen ist es einfacher zu reagieren.
    Vorteil der mittleren Route: Ich benötige keine Zwischenübernachtung, diese Variante hat die kürzeste Strecke über offenes Wasser. Sollte das Wetter nicht mitspielen, verkehrt 3mal täglich eine Fähre von Grisslehamn nach Eckerö auf den Ålands, das entspricht in etwa der gewählten Route.



    Wie gesagt, kommentierte Fotos zum Reiseverlauf in Bälde.
    Geändert von Paddolf (25.08.2019 um 12:45 Uhr)

  2. Moderator
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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #2
    Normalerweise gebe ich ja keine Kommentare, bevor der Bericht überhaupt angefangen hat, diesmal mache ich eine Ausnahme: Ich finde die Aktion einfach nur toll und bin gespannt wie ein Flitzbogen.
    Klar ist überhaupt nichts - aber das dafür umso deutlicher.

  3. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #3
    ... dem kann ich nur zustimmen, echt mal ganz was besonderes...
    Wandern & Flanieren
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  4. AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #4
    Boah mit einem Bericht dieser Art habe ich hier nicht gerechnet, bin gespannt!

  5. Gerne im Forum

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #5
    Hammer! Kann's kaum erwarten, mehr zu lesen.

  6. Alter Hase
    Avatar von codenascher
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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #6
    Schließe mich meinen Vorschreibern an, klasse Bericht, tolle Schreibe, starke Leistung!

    Bin im Wald, kann sein das ich mich verspäte

    meine Weltkarte

  7. Erfahren
    Avatar von pickhammer
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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #7
    Zunächst danke für deinen Bericht, ich warte gespannt auf mehr!
    Und (edit) ich gratuliere dir zu dieser Leistung! Das muss man erst mal hinkriegen, von der Organisation angefangen bis zum Willen das auch durchzuführen! Super!

    Ich kann also mit Pickhammer https://www.outdoorseiten.net/forum/...3%85landinseln eine Selbsthilfegruppe zur Bewältigung des Überfahrttraumas gründen.
    Da haben wir in diesem Jahr erfolgreich therapeutisch dran gearbeitet, in dem wir die Sache nochmals angegangen sind; diesmal von Stockholm aus. (Vielleicht hätten wir uns sehen können?) Die Wettergötter waren uns gnädig, und wir sind über Märket nach Käringsund und weiter gepaddelt. Vielleicht mehr davon in einem eigenen Thread...

    Viele Grüsse vom Bodensee
    pickhammer
    Geändert von pickhammer (11.11.2018 um 07:39 Uhr)

  8. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #8
    Ihr wollt das also wirklich lesen ...
    Dann müsst Ihr mein Gejammer ertragen. Es wird sich viel drehen um die Widrigkeiten des Wetters, insbesondere um den prinzipiell von vorn wehenden Wind, weiterhin hört Ihr von den Problemen mit der ausgewogenen Ernährung und natürlich werdet Ihr von den Zipperlein erfahren, die einen alten Mann so plagen.

    Na, schon abgeschreckt?

    Vielleicht gibt es auch ein wenig Paddeln. Die Bilder stammen jedoch überwiegend von den Pausen- und Übernachtungsplätzen. Der Fokus der Tour lag eindeutig auf "ich will das schaffen", fotografieren war eher als Dokumentation für mich selbst gedacht.
    Ab dem 4. Paddeltag hat mich meine Holde mehr oder weniger genötigt, täglich ein Lebenszeichen für die Tour-Interessenten in der von ihr eingerichteten WhatsApp-Gruppe von mir zu geben. Dass ist jetzt die Berichtsbasis.




    1.Tag

    Die Nacht zuvor war unruhig: Wie werde ich die körperlichen Dauerbelastungen verkraften? Bleibe ich von Krankheiten, von ernsthaften Verletzungen verschont? Wie wird es sein, tagelang keinen Gesprächspartner zu haben? Ist die Ausrüstung haltbar und praktikabel? Und vor allem - bin ich den Herausforderungen der Ostseepaddelei gewachsen?


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; © GeoBasis-DE/BKG]

    Nun ist aber zunächst alles das vergessen. Auf der Spree bisher kaum Bootsverkehr, die Ausflugsdampfer werden noch für die Touristentouren startklar gemacht. Wenn nicht die dichte Bebauung der Ufer wäre, würde man kaum glauben, sich im Zentrum einer Großstadt zu befinden.
    Es geht zügig voran - bis zur Schleuse Charlottenburg. Zwei Motoryachten warten hier schon, ich warte ebenfalls ... und warte ... Das ist nicht mein Ding. Um die Wehrinsel herum, dann wuchte ich das Boot am Wehr aus dem Wasser, Bootswagen aufbauen. ... Mist, gerade wird geschleust. Egal, ich werde eben zeitverzögert aber mit mehr Aktivität auch ins Unterwasser kommen.
    Und genau hier hätte die Tour schon beendet sein können: Aua! Ein scharfer Schmerz im linken Fuß. Mehrere Millimeter tief hat sich eine Art Nagel in meinen Fuß gebohrt. Glücklicherweise trage ich Crocs mit recht dicker Sohle. Die ebenfalls als Fußbekleidung in Erwägung gezogenen Badelatschen hätten den Nagel ca. 1cm tiefer eindringen lassen (nachgemessen).
    Tegeler See, Wannsee - durchaus in meinem Umfeld gelegen aber bisher von mir nicht befahren. Nicht ganz unbegründet, der heutige Tag bestätigt meine Vorurteile: Viel Motorbootverkehr und Gegenwind. (Na gut, für den Gegenwind sind die Berliner nur eingeschränkt verantwortlich.) Einige der Motorbootwellen geben einen kleinen Vorgeschmack auf Kommendes.
    Das letzte Wegstück von Potsdam zum heimatlichen Steg findet das Boot fast ohne mein Zutun.




    2.Tag

    Packen.

    Ein Haufen Ausrüstung liegt am Boot. Zelt und Schlafausrüstung haben von früheren Touren her ihren Platz, alles andere muss neu eingeordnet werden. Insbesondere sind Wasserflaschen, Paddeljacke und Vorratsbehälter für Nahrung hinzugekommen und wollen irgendwie untergebracht sein.
    So richtig funktioniert das nicht, am Ende landet zu meinem Bedauern ein Packsack auf dem Vorderdeck. Noch aber besteht Hoffnung, in Travemünde soll alles aussortiert werden, was nur für die Fahrt über die Binnengewässer nötig ist. Ob das reichen wird?


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; © GeoBasis-DE/BKG]

    Scharfer Start. Das Boot ist nicht nur erkennbar träger sondern setzt der Bewegung auch mehr Widerstand als unbeladen entgegen. Mit dem tieferen Schwerpunkt sollte es aber auch etwas stabiler im Wasser liegen. Davon merke ich natürlich noch nichts, noch bin ich ja auf der gemütlichen Havel.


    Heute soll es mindestens bis Brandenburg gehen, besser etwas darüber hinaus.
    Das tut es am Ende auch, unerwartet schwer fällt mir nur das Auffinden des angepeilten Zeltplatzes. Ich fahre ohne Karte und das eTrex ist noch unter Deck - auf dem Fluss ist ja der Weg vorgezeichnet. Aber so ein "dicker" Havelsee hat eben doch Einiges an Buchten und Steganlagen, die aus der Ferne gegen die mittlerweile tiefstehende Sonne alle wirken, als könnten sie zu einem Zeltplatz gehören.

    Der Zeltplatz hat eine Wasserwanderer-Wiese, allerdings bin ich der einzige Wasserwanderer, aber 3 Zelte von Radwanderern sind aufgebaut. Das erste und zum Glück einzige Mal auf der Tour stoße ich auf Ablehnung. Die Dame aus dem angepeilten Nachbarzelt macht mir (vor jedem weiteren Kontakt) deutlich, dass mein Zelt nicht Nachbarzelt sein sollte. "Wollen Sie sich nicht einen anderen Platz suchen, mein Kind wird immer früh wach ..." Ich denke kurz in Nutzviehkategorien (Kuh, Zicke) und ziehe dann kommentarlos um - nochmal ins Wasser und 30m treideln. Als der nackte Fuß auf ein im Schlick verborgenes Stahlprofil trifft, wird der Nutzviehbezeichnung kurzzeitig ein "blöde" vorangestellt, aber es bleibt beim unterdrückten Murmeln. Nichts Ernsthaftes passiert, das Zelt steht eben nur 10 min später.




    3.Tag

    Das Frühaufsteher-Kind wurde wohl von der Nutzvieh-Dame gefesselt und geknebelt in seinem Schlafsack abgelegt, jedenfalls fehlen bisher Aktivitäten aus dieser Richtung.

    Bald ist das Boot startklar und Frühstückshunger macht sich bemerkbar, aber ich warte ...

    ... weil - Freude, meine Holde hat sich unverhofft angekündigt. Sie ist heute sehr früh aufgestanden und will mit Zug und Fahrrad zum Zeltplatz reisen. Mit etwas Verspätung kommen meine frischen Brötchen angeradelt.


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; © GeoBasis-DE/BKG]

    Heute habe ich landseitige Begleitung - bis zum frühen Nachmittag.



    Bei der endgültigen Verabschiedung "an einem fernen Havelstrande" wird mir doch schwer ums Herz, viel mehr als zur eigentlichen Verabschiedung am heimatlichen Steg.


    kurz vor Rathenow


    Vorher oder nachher - gegen Abend fordert ein Havelabschnitt mit Uferbetretungsverbot eine Entscheidung darüber, wo ich campen will. Wenn es irgend geht, fallen solche Entscheidungen bei mir für gewöhnlich zu Gunsten der längeren Strecke. Ich hätte mich über mich selbst gewundert, wenn es heute anders gewesen wäre. Also auf zum Wasserwanderrastplatz Grütz. Bis dorthin verstärken sich die üblichen Paddelzipperlein. Die Sehnen der rechten Drehhand sind leicht überlastet, die Hornhaut an den Händen ist noch nicht ausreichend ausgebildet und beginnt Blasen zu werfen, der Rücken schmerzt und natürlich schmerzt der Hintern. Wanderpaddeln ist (bei mir) nicht so sehr ein Problem der Muskulatur. (Natürlich gibt es immer ein wenig Muskelkater an den Rumpfseiten, aber das deute ich eher als positives Zeichen für einen Muskelaufbau.)

    Am WWR Grütz kann ich mir den Zeltaufstellplatz nach belieben wählen, vertilge meine restlichen Frühstücksbrötchen und will bald in den Schlafsack.


    Gesang vom Wasser, nicht ganz melodisch aber begeistert, Kinderstimmen sind auszumachen. Wenig später legen drei 2-Kajaks an. Opa kommandiert die Enkelschar und langsam wachsen Zelte empor. Bald darauf stoßen weitere Boote hinzu. Hier scheint eine wassersportbegeisterte Großfamilie unterwegs zu sein. Zwischendurch trifft ein Radlerpärchen ein, der WWR ist von Leben erfüllt. Entgegen anfänglicher Befürchtungen wird es jedoch bald ruhig, auch wenn die Erwachsenen der Großfamilie noch ein wenig am Lagerfeuer sitzen.




    4.Tag

    Ich bekomme einen Hobo mit akkugetriebenem Gebläse vorgeführt, die Radler haben ein solches Teil dabei. Die Verbrennung ist intensiver und vor allem rußärmer als bei meinem Ikea-Hobo. Ein gutes Gerät - wenn da nicht das Problem der Akkuladerei und der höhere Preis wären. Im Gespräch traue ich mich noch nicht so recht, über das Tourziel zu sprechen, zu unbestimmt erscheinen mir die Erfolgsaussichten. Ich eiere also irgendwie herum: "Tour zur Ostsee und vielleicht noch etwas darüber hinaus".


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; © GeoBasis-DE/BKG]

    Beim Start scheint das Problem Überlastung der rechten Drehhand mit Gefahr der Sehnenscheidentzündung halbwegs gebannt, ich greife vorsorglich links mit deutlich längerem Hebel, dafür muckert der Rücken immer noch - 'mal sehen, was daraus wird.

    Es gibt auch paddeln, einen weiten blauen Himmel mit Schönwetterwolken (keine WölkCHEN) und das blaue Band der Havel - wirklich ein Band, nicht so sehr ein See mit wechselnder Breite wie bei uns in Werder, am ehesten vergleichbar mit der Havel hinter Phöben, nur lange nicht so viel Motorbootverkehr. Wenn Du das Paddel ruhen lässt ... Stille.
    Am Besten, Ihr probiert das selbst. Besonders still und schon fast abgeschieden die Gülper Havel zwischen Molkenberg und Strohdehne.

    Gülper Schleuse

    Havel bei Strohdehne



    Ankunft bei den Wassersportfreunden Havelberg (ein Kanuverein).


    Vor dem Vereinshaus sitzt eine Damenrunde, ein Geburtstag ist zu begehen. Ich schließe mich den Glückwünschen an und schon stehen Kaffeetasse und gefüllter Kuchenteller vor mir. Die Damen brechen bald zu einer Radtour auf, vorher bekomme ich den Kuchenteller nachgefüllt und mir wird der "streng geheime" Platz des Schlüssels für's Vereinsheim offenbart (fast so sicher wie unter der Fußmatte).
    Heute kein Zeltaufbau, wenig später kann ich einen Bungalow beziehen. Für lange Zeit das letzte richtige Bett - und trotzdem weniger zu zahlen als auf allen kommerziellen Zelplätzen vorher (es war ja nur einer) und vor allem nachher.
    Der Kocher bleibt verpackt. Zum Frühstück haben mich die Radler mit heißem Kaffeewasser versorgt, Mittags gab es Brot - und nur Brot, am Nachmittag bereits Kuchen und zum Abend ein Mehrgangmenü im Stehrestaurant: 1.Salat 2.Zwiebelfleisch 3.Fladenbrot ... und Soße Kräuter-scharf.




    5.Tag

    Neues vom Rücken: Es hat "knack" gemacht.
    Erfreulicherweise beim Neueinrasten der Rückenlehne, so dass die Hoffnung besteht, dass die 1-2mm der Auslöser für den Ärger mit dem Rücken waren.


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; © GeoBasis-DE/BKG]

    Von der Havel in die Elbe, ab Havelberg nur ein kurzes Stück. In ca. 1km Entfernung leuchtet das grüne Ampellicht der Schleuseneinfahrt. Ich paddle, was Ärmchen und Rumpfdrehung hergeben. Die Hoffnung, die Schleuse vor dem Schließen der Tore zu erreichen ist zwar gering, stirbt aber bekanntermaßen zuletzt. Hat der Schleusenwärter Mitleid mit dem eifrig strampelnden Paddler, ist seine Kaffeetasse noch nicht leer ... es grünt noch immer. Schlechte Renneinteilung, die Geschwindigkeit bricht ein, aber es ist noch immer grün. Und es bleibt grün. Die Schleuse ist dauergeöffnet, möglicherweise den geringen Wasserständen geschuldet.


    Hui, trotz der geringen Wasserstände aus Sicht eines Havelpaddlers eine ordentliche Strömung. Es geht gut voran.
    Pause in Wittenberge, ich setze mich im Eiskaffee etwas abseits, da ich vermutlich einen strengeren Geruch emittiere.

    Pausenplatz mit Schnapszahl


    Vorgesehen war die Übernachtung in den Häfen Schnackenburg oder Lenzen. Aber es läuft einfach zu gut, so dass ich Gorleben anpeile. Hafenzufahrt nach Gorleben über einen Kilometer lang - und am Ende ein recht trostloses Bild. Niemand lässt sich auf dem Vereinsgelände blicken, einen schönen Platz für mein Zelt kann ich nicht erkennen, der Ausstieg mit dem Boot über eine steile Treppe wäre ausgesprochen beschwerlich.


    Also wieder zurück zur Elbe. Fast gegenüber der Hafenzufahrt wähle ich einen Platz zwischen den Buhnen. (Aus heutiger Sicht käme ich kaum auf die Idee, ohne Not einen Hafen für die Nacht anzulaufen. Meine Einstellung zum Wildcampen hat sich gründlich geändert.)




    Seit Langem die erste Zeltübernachtung allein und außerhalb eines dafür vorgesehenen Platzes. Ich höre auf die Geräusche der Nacht, irgendwie bin ich leicht angespannt und schlafe erst spät ein.




    6.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; © GeoBasis-DE/BKG]

    Heute führte die Tour Richtung NordWest - und woher kommt der Wind ...




    Den ganzen Paddeltag die Puckelei, da wird man irgendwie schwermütig und verliert den Blick für die Schönheiten: Das bis auf den Wind angenehme Wetter, das ausführliche Gespräch mit einem anderen Paddler in Dömitz und natürlich die Schönheiten des Hauptakteurs, der Elbe. Zum Teil eine großartige Landschaft, auf jeden Fall anders als die der Havel. Abgesehen von der schieren Breite des Flusses sind die Ufer von wechselnden Wasserständen geprägt, der Bewuchs ist deutlich verschieden. Pech für den Paddler, der sich an den Havelufern häufig vor dem Wind verstecken kann. Hier muss man mitten durch - und die Wellen waren z.T. so hoch wie ein A4-Blatt lang, also es war wirklich ätzend. Nun ja, so etwas bleibt nicht aus und vielleicht werde ich in einigen Tagen ein solches Wetter wie heute herbeisehnen.

    Ich habe Zutrauen zu den Übernachtungen am Elbufer gefunden. Es gibt ja auch eine große Auswahl schöner Lagerplätze zwischen den Buhnen. Mit Rücksicht auf ein entfernt grummelndes Gewitter überlege ich höchstens, das Zelt eher am Schilf als unter Bäumen aufzuschlagen.



    Ansonsten, sollte ich dereinst einen neuen Job benötigen, bewerbe mich bei der Wasserschutzpolizei für den Brandenburger Elbabschnitt. Ich höre mich schon beim Abendbrot stöhnen: "Meine Vorgesetzten kommen auch immer wieder auf neue Ideen, angeblich soll es außer Fähren noch andere Wasserfahrzeuge geben. Morgen muss ich zur Schulung nach Potsdam und soll mir sogenannte Motorboote im Original ansehen, wozu eigentlich dieser Stress?" (Natürlich tragen die geringen Wasserstände dazu bei, dass man auf dem Fluss so gut wie allein ist.)




    7.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; © GeoBasis-DE/BKG]


    zweite Schnapszahl an der Elbe



    Schade, ab Lauenburg muss ich auf die schöne Elbströmung verzichten.


    An der Schleuse in den Elbe-Lübeck-Kanal zunächst rätselraten, wie komme ich dort durch? Nach mindestens einer halben Stunde undifferenziertem Hin und Her fällt mir ein eigentlich kaum zu übersehendes Hinweisschild mit einer Telefonnummer für den Schleusenwärter ins Auge. Der berichtet mir dann auch am Telefon, dass er aus seinem Türmchen recht verwundert mein Umherirren beobachtet hatte. An der nächsten Schleuse suche ich dann gezielt nach der Telefonnummer und alles fügt sich problemlos.

    Übernachtung heute im Zelt direkt am Radweg.

    Keine Angst, ich habe das Fortbewegungsmittel nicht gewechselt, der Radweg liegt am Lübeck-Elbe-Kanal. Leider ist man am ursprünglich angepeilten Campingplatz Güster nicht auf Wasserwanderer mit Kleinbooten eingerichtet, so bin ich weitergefahren, um irgendwo einen schönen Platz zum Wildcampen in Anspruch zu nehmen. Was ich unterschätzt habe, die doch recht steilen Kanalufer bieten nur wenig Gelegenheit, das schwer beladene Boot die Böschung heraufzuziehen und an dieser Stelle muss sich dann ein geeigneter Stellplatz befinden. Da muss man auch schon mal mit der zweiten Wahl zufrieden sein.




    8.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; © GeoBasis-DE/BKG]

    Heute war ich mit ca. 57km die bislang längste Strecke ohne Strömungsunterstützung unterwegs. Bis kurz vor Lübeck halt Kanal mit Schleusen, bei einer der Schleusungen merkte man, dass der Schleusenwärter die Wichtigkeit der Personen nach der Größe des Bootes bemaß, mir wurde das Schleusentor quasi vor der Nase zugeschlagen, ich musste dann ca. 40min warten, bis das nächste Motorboot eintrudelte.

    Bei einer anderen Schleusung kam ich ins Gespräch mit einer Motorbootbesatzung auf dem Weg nach Travemünde, bei gutem Wetter sollte es später auch auf die Ostsee gehen. Da hatten wir ja ähnliche Ziele, wobei ich mir nicht sicher bin, ob mir alle Besatzungsmitglieder hinsichtlich meines Ziels Glauben schenkten. Dafür schenkten sie mir ein Bier, wir leerten gemeinsam je eine Flasche auf eine erfolgreiche Fahrt und ich bekam am Ende eine weitere Flasche als Wegzehrung.


    Gegen 18Uhr dann erst Ankunft in Lübeck.


    Lübeck, eigentlich ein angenehmer Ort für eine Übernachtung. Die Ruderer haben zwar einen schönen Steg, aber Übernachtungen sind nur nach Voranmeldung möglich. Für den Versuch, bei einem der beiden Kanuvereine unterzukommen, hätte ich ein Stück mit dem Bootswagen durch Lübeck rollern müssen - dann lieber an der DKV-Station Priwall angerufen: Ja, bis 22Uhr ist jemand dort, aber das schaffst du bis dahin nicht. ... Nach 3 Stunden war ich angekommen, hatte aber die Schönheiten der letzten 10 Trave-km nur am Rande registriert. Vorbei an den riesigen Fähren und im Prinzip mit Sonnenuntergang Ankunft.

    Nur noch Zelt aufbauen und schmuddelig in die Heia.




    9.Tag

    Heute ist Ruhetag!
    Und wie es sich für einen Ruhetag gehört - bestes Wetter. Also: Drei Plünnen durchspülen (das bisher benutzte Baumwollhemd wird aber entsorgt, für die Ostsee taugt es nicht), Grundreinigung unter der Dusche und Einkehr beim Döner. Schließlich verpacke ich die nur auf den Binnengewässern benötigten Dinge in eine Pappe, einer der Paddelkameraden vom Lübecker Verein wird sie per Post nach Hause senden. In einem Anflug geistiger Umnachtung landet auch das Rasierzeug in der Pappe. (Muss ich später nachkaufen, die Ostsee beeinflusst das Wachstum der Gesichtsbehaarung nur unwesentlich.)

    Am Nachmittag geht es 'rüber nach Travemünde, bummeln entlang der Promenade, Abendbrot beim Griechen und natürlich ein respektvoller Blick in Richtung der nächsten Ziele, über die Ostsee.
    Geändert von Paddolf (11.08.2019 um 14:54 Uhr)

  9. AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #9
    Zitat Zitat von Paddolf Beitrag anzeigen
    Ihr wollt das also wirklich lesen ...
    Dann müsst Ihr mein Gejammer ertragen. Es wird sich viel drehen um die Widrigkeiten des Wetters, insbesondere um den prinzipiell von vorn wehenden Wind, weiterhin hört Ihr von den Problemen mit der ausgewogenen Ernährung und natürlich werdet Ihr von den Zipperlein erfahren, die einen alten Mann so plagen.
    Ich bin froh, wenn du noch dieses altmodische Wort verwendest, und lese das viel lieber als von bescheuerten "Herausforderungen".

    Bullshit Neusprech

  10. Dauerbesucher
    Avatar von atlinblau
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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #10
    Zitat Zitat von Paddolf Beitrag anzeigen
    ...
    - Tourlänge aus eigener Kraft: 2115km; Tourdauer: 55 Tage, davon 8 Ruhetage
    Das macht neugierig...

    Thomas

  11. Alter Hase
    Avatar von LihofDirk
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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #11
    Und das bischen Handgelenk, Blasen und Sitzfleisch ist Altersunabhängig. Das geht mir Jungspund unter 50 auch jeden Saispnbeginn wieder so.

  12. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #12
    10.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; © 2009 GeoBasis DE/BKG]

    Ostseepaddeln:
    Es ist ein wenig ein Aufbruch ins Ungewisse, direkt an der Travemündung ist mir etwas mulmig zumute, ich lasse die vertrauten Binnengewässer hinter mir.

    Ab jetzt Wellen und Weite, ab jetzt kommen Spritzdecke und Schwimmweste zum Einsatz.

    Irgendwie schaukelt es anders. Heute gibt es weniger Wind als auf der Elbe, aber die Fahrt ist viel spritziger - man wird nass, das lässt sich nicht vermeiden.
    Kurz nach der Ausfahrt Travemünde setze ich den Kurs auf etwa 5° NordNordOst, die erste Buchtquerung, knapp über 10km. Zunächst bin ich recht angespannt, eine Mischung zwischen Respekt und auch etwas Grusel, aber ich will mich an die Situation gewöhnen und das Wetter ist ja recht passabel. Wind ca. 3Bft aus nördlicher Richtung, also vornan - und wie gesagt, in meinem kleinen Böötchen spritzt das schon ganz ordentlich.

    Erst am Nachmittag verlasse ich Lübeck endgültig, es geht "links um die Ecke", die Lübsche Bucht liegt jetzt hinter mir und man erahnt Fehmarn. Gegen 19Uhr erreiche ich den Zeltplatz "Hohes Ufer", sehr angenehme Betreiber.

    Mein Stellplatz liegt privilegiert direkt an der Steilküste (zwischen Dauercampern).

    Das Material schwächelt. Die Hosenträger sind auch nicht das, was sie mal waren. Einer der Schnapper hat den Geist aufgegeben - durchgerostet. (Es wäre durchaus schlau gewesen, den Zustand der Träger vor der Tour zu prüfen.) Die Spritzdecke hält zwar auch so, aber bei größerer Belastung bildet sich ein Wassersack am Kamin. Aber woher bekommt man auf der Tour Ersatz? Ich hoffe auf Kopenhagen.





    11.Tag

    Abends, unterwegs auf dem Fehmarnbelt.
    Die dänische Küste ist bereits zu erahnen, die Fehmarn-Küste aus der Kajakperspektive verschwunden. Links des Kurses am Horizont ein kleines "Pickelchen", wahrscheinlich ein hohes Gebäude in Rødbyhavn, dort, wohin die Fähren streben und woher sie kommen.

    (in Natura sichtbar, aber nicht auf dem Foto: das "Pickelchen" von Rødbyhavn)

    Rechts des Kurses der Windpark Rødsand.


    Es scheint so, als könne ich nicht mehr viel falsch machen, der Wind weht mit 2-3 Bft aus östlicher Richtung, die Wellen sind entsprechend, die Sicht ist hervorragend. Vor einiger Zeit habe ich die Tonnen des Sperrgebiets Marienleuchte hinter mir gelassen.

    Zwei Schiffe kreuzten meinen Weg, zwei weitere Fehmarnbeltfahrer sind sichtbar.

    Aber das ist wenig problematisch, die Pötte sind kursstabil unterwegs und man müsste sich schon anstrengen, um ihnen in die Quere zu kommen.

    . . . . . . . .


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; © 2009 GeoBasis DE/BKG]

    Beim Start heute früh hatte ich nicht gedacht, jetzt auf dem Fehmarnbelt zu sein. Es sollte natürlich nach Fehmarn gehen, in die Nähe des Fährhafens (Zeltplatz Puttgarden). Das schien ein guter Ausgangspunkt für die Querung nach Dänemark an einem der Folgetage, bei unpassendem Wetter auch per Fähre.

    Schon seit heute früh kann ich mich über gutes Paddelwetter freuen. Vor dem Leuchtturm Staberhuk ...

    ... einige lockere Sprüche mit Seglern, die sich zum Scherz von mir wegen des fast eingeschlafenen Windes in Schlepp nehmen lassen wollen.

    Mittagspause gleich nach Passieren des Leuchtturms.


    Später schnell vorbei an der Zufahrt zum Fährhafen ...

    ... und dann wird auch schon der Strand des Zeltplatzes sichtbar - denke ich.
    Reger Badebetrieb, aber der Zeltplatz fehlt! Die befragten Badegäste können nicht helfen. Was ich irgendwann sehe, ist ein Wohnmobilparkplatz hinter dem Deich. Das kann's nicht sein. Irgendwann kommt die glorreiche Idee, das Handy zu bemühen. Siehe da, ich bin bereits am Zeltplatz vorbeigepaddelt, habe ihn allerdings hinter dem Deich nicht sehen können. Das Boot ist also noch etwa 1km umzusetzen.

    Und dann, schon auf dem Wasser beim Umsetzen, "überfällt" mich der Spontanentschluss - warum nicht jetzt 'rüber nach Dänemark. Es paddelt sich gut, das Wetter ist stabil, bis zum Sonnenuntergang sind es noch ca. 4,5h ... also los ...

    Tschüss Fehmarn

    Wie gesagt, es scheint so, als könne ich nicht mehr viel falsch machen.

    Ja und dann, von einer Sekunde auf die andere ändert sich alles. Es gibt kein Geräusch, aber das rechte Steuerpedal bietet plötzlich keinen Widerstand mehr. Es dauert noch einige Sekunden, bis ich realisiere - das Boot lässt sich nicht mehr wie gewohnt steuern. Wenige weitere Sekunden später muss ich erkennen, dass das Steuerseil gerissen ist. Zwar keine Panik aber doch deutliche Anspannung. Steuer hoch und weiter zur dänischen Küste, mehr als die Hälfte sollte ja schon geschafft sein. Deutlich merke ich, wie stark das Steuer das Kurshalten erleichterte. Das Boot dreht gegen die Wellenrichtung, ein guter Teil der Kraft muss für die Kompensation dieser Drehneigung aufgewendet werden, die Geschwindigkeit sinkt spürbar. Ich fasse jetzt rechts mit längerem Hebel und belaste dadurch die Drehhand stärker, die ich ja eigentlich entlasten wollte. Das Ankommen ist jetzt wichtiger als eine drohende Sehnenscheidentzündung.
    Rechtzeitig vor Sonnenuntergang ist die dänische Küste erreicht.
    ERLEICHTERUNG!

    Jetzt braucht es nur noch einen geeigneten Lagerplatz, Wildcampen ist in Dänemark verboten. Eine Steinschüttung (wahrscheinlich bei der Küstenbefestigung übrig geblieben) bietet etwas Sichtschutz.


    Zwar sollten die wenigen passierenden Radler und Jogger mein Zelt sehen, aber ich registriere nur einmal ein freundliches Nicken, sonst nimmt niemand Notiz.
    Die rechte Drehhand hat die Zusatzbelastung gut weggesteckt, nur die rechte Schulter ist ziemlich verspannt, ich hoffe, das wird sich wieder geben.
    Trotz der erfolgreichen Querung schlafe ich beunruhigt ein. Mich drückt ein wenig die Sorge, wie ich das Steuerseil flicken kann, wie sich das vorsorglich mitgenommene Ersatzseil in den zugehörigen Kanal reintüdeln lässt.




    12.Tag


    Eine elende Frickelei mit der Ersatzschnur. Der erste Versuch scheitert, die Schnur lässt sich nicht vollständig durch den im Boot montierten Kabelkanal schieben. Der Kabelkanal muss raus, ich hätte Schraubendreher und Inbusschlüssel mitnehmen sollen. Zweiter Versuch, die Messerspitze fungiert als Schraubendreher, es geht irgendwie, Kabelkanal entfernen, Strippe 'rein, wieder befestigen, Test.
    ... Mist, die Schnur ist nicht reckarm, so geht es nicht. 3.Versuch, aus dem Restseil und zwei Schnurstücken habe ich eine Lösung gebastelt, die hoffentlich bis Kopenhagen hält.


    Heute war ich erstmals mit Neoprenpulli unterwegs, ca. 4Bft aus Nordwest.


    Der Brandungsstart klappt beim zweiten Versuch und dann habe ich einige Kilometer erfreulichen Rückenwind.


    Pausenplatz (Was man nicht sieht: Der rottende Tang riecht wenig verheißungsvoll.)


    Bald muss ich rechtwinklig zum Wind fahren, komme aber nach einiger Zeit in die Landabdeckung. Beim Einlaufen in die Bucht von Nysted meine ich verwunderte Blicke zu bemerken. Alles warm, nur Plätscherwellen, die Ausrüstung erscheint dem Badeurlauber sicherlich etwas übertrieben zu sein.

    Nysted scheint ein nettes Örtchen zu sein, das durchaus einen längeren Aufenthalt verdient.


    Der Zeltplatzbetreiber hat eine deutsche Frau, die Tochter ist Seekajakerin. Mein Problem mit dem Steuerseil stößt also auf Verständnis - sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Mir werden verschiedene Schnüre angeboten, leider ist keine geeignet.

    Vorräte auffüllen, auf dem Weg zum Supermarkt werde ich ein Stück mit dem PKW mitgenommen und danach sogar zum Zeltplatz gekarrt. Beim Einkaufen muss man sich auf das Sinnvolle beschränken, eine harte Sache, wo die Auswahl doch so verlockend ist.




    13.Tag

    Ich sitze hier und genieße den Blick gemeinsam mit dem zweiten Bier nach dem Abendbrot, die Lagerstatt ist gerichtet.

    Diesmal nicht das Zelt sondern ein Shelter in Guldborg.


    Der Unterstand befindet sich auf einem verkramten Grundstück mit einem im Gegensatz dazu exklusivem Haus. Auf dem Hof steht ein Rennkajak mit Wingpaddel, das Haus scheint nicht abgeschlossen zu sein, ein Anruf unter der registrierten Nummer führt zu einem Anrufbeantworter. Wilde Szenarien geistern durch mein Hirn.
    Gegen Abend lässt sich dann doch eine Frau blicken (die den Anrufbeantworter abgehört hat), kassiert die kleine Sheltermiete aber lässt sich nicht auf ein Gespräch ein. Es bleibt seltsam.



    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; © 2009 GeoBasis DE/BKG]

    Heute habe ich wieder viel Landschaft vom Wasser aus gesehen, konnte vor dem Start ein Gespräch mit einem Dänen über die Folgen der Flüchtlingspolitik auf den Zusammenhalt in der EU führen und bekam 12 Robben am Stück zu Gesicht.

    Das passierte mehrmals: Flachstellen, die umfahren werden müssen.


    Nykøbing Falster


    Es gibt also nicht viel zu meckern ... nur der Wind war anstrengend. Auf den ersten Kilometern noch angenehm, dann aber mit einer strammen vorderlichen Komponente. Es spritzt und man sitzt trotz Spritzdecke beständig im Nassen. Wie heißt es so schön: "Wind and waves - the greatest joys of seakayaking" - ich möchte ergänzen: Auch auf die Richtung kommt es an.

    Ach ja, es gibt noch mehr zu meckern. Heute brach der zweite der Hosenträgerschnapper, der Spritzdeckenkamin ist nur schwer am Herunterrutschen zu hindern, etwas mehr Leibesfülle wäre jetzt einmal von Vorteil. Ich hoffe, die Ausrüstung hält bis Kopenhagen und ich habe dort Gelegenheit zur Erneuerung. Zumindest hinsichtlich der Hosenträgern bin ich optimistisch. Bei einigen dänischen Männern kann ich mir durchaus vorstellen, dass die Haltekraft eines Gürtels allein nicht ausreicht, um den Abwärtsdrang der Beinkleider zu bremsen.




    14.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; © 2009 GeoBasis DE/BKG]

    Der Wind ist kräftig unterwegs, anfangs kräftezehrend gegenan, später überwiegend mit Rückenwindkomponente. Der Tourabschnitt über den südöstlichen Rand des Smålandsfarvandet (der Meeresabschnitt zwischen den dänischen Hauptinseln) ist für mich nicht anspruchslos. Trotz der Einfassung durch Inseln, der Wind hat über 40km Gelegenheit, Einiges an Welle aufzubauen.


    Brücke bei Orehoved.


    In Ufernähe gibt es einige wellenärmere Regionen, dort, wo es so flach ist, dass der Wasserwiderstand spürbar steigt.


    Pausenplatz


    Mønbrücke


    Gammel Kalvehave



    keine rote Klobürste sondern eine Fahrwassermarkierung

    Gegen Abend flaut es ab, die Ankunft im Hafen Sandvig ist ruhig, das Boot kann ich über Tanganspülungen aus dem Wasser zerren. Zwar stinkt es heftig, aber das Boot wird nicht weiter zerkratzt. Noch ekele ich mich ein wenig, mit nackten Füßen durch den verwesenden Tang zu stapfen. (Aber das wird sich im Laufe der Tour abschleifen.)




    Wie in der vergangenen Nacht brauche ich das Zelt nicht aufzustellen. Heute teile ich das Shelter mit einem dänischen Studenten, der hoffentlich keine lauten Schlafgeräusche erzeugt und die meinigen überhört.
    Ansonsten sitzen vor den Hütten 3 Dänen und bechern. Sie haben aber kleine Kinder dabei , es wird wohl nicht mehr lange gehen. ... Ich sag's - und in diesem Moment verlassen die Erwachsenen den Platz, die Kinder bleiben zur Abenteuerübernachtung? Das reicht mir auch für heute, mein Nachbar schläft schon und ich bereite meine "Abenteueübernachtung" vor.




    15.Tag


    [Quelle: Google Earth; Image Landsat / Copernicus; © 2018 Google; Data SIO, NOAA, U.S. Navy, NGA, GEBCO; © 2009 GeoBasis DE/BKG]

    Psst, bitte nicht wecken, der Wind schläft noch, es gibt bisher nur ein geruhsames Fächeln.


    Am NordhOstHorizont zeichnen sich schemenhaft ein paar Inselchen ab. Allerdings sind das keine Inselchen, sondern die höheren Abschnitte der Steilküste am anderen Ufer der Faxebucht, der Rest der Küste bleibt auf Grund der Erdkrümmung noch verborgen.
    Also Kurs auf dieses Ufer. Wieder eine harte Probe für's Sitzfleisch. Es zieht sich!

    Blick in die Faxebucht


    Die immer vorhandenen Wellen erzeugen ein mildes Schaukeln. Das ist dermaßen einschläfernd, diese Bewegung muss wohl an die Schaukelbewegung einer Wiege erinnern. Trotz Paddelei muss ich mich konzentrieren, dass mir die Augen nicht zufallen. Erst gegen Ende der Querung frischt es etwas auf und eine andere Art der Konzentration wird erforderlich.

    Irgendwann wird aus den einzelnen dunklen Bereichen am Horizont die zusammenhängende Küstenlinie, Konturen werden sichtbar und letztlich auch Einzelheiten. Ca. 25km Querung.

    Stevns Klint ist erreicht.


    Højerup Gammel Kirke


    Pausenplatz von unten ...

    ... und von oben.

    Mit scharfem Auge erkennt man (in natura, nicht auf dem Bild) bereits einige Bauten vor Kopenhagen und einen Windpark vor Falsterbo.

    Zunächst steht der Wind etwas entgegen, mauserte sich dann aber - je weiter man um Stevns Klint herumfährt - zum Rückenwind. Passend dazu: Windflüchter


    Ankunft am Strand in Køge. Hier steht noch eine elende Plackerei an, das Boot will 200m geschleift sein, bevor der Boden so fest ist, dass ich den Bootswagen für den Transport zum Zeltplatz nutzen kann.

    Warum gerade Køge? Erstens reicht es mir nach ca. 61 Paddelkilometern, die 8km bis zum nächsten Zeltplatz wären nur mit heftiger Quälerei zu bewältigen. Zweitens kann man von Køge mit dem Vorortzug nach Kopenhagen fahren, morgen steht der nächste Ruhetag an.




    16.Tag

    Seltsamer Tag heute ...
    Mit dem Vorortzug nach Kopenhagen. Umhergeirrt auf der Suche nach Rope, Brace, Screwdriver and a tool for screws with a round head and a hole in the middle with 6 edges. Die ersten beiden Dinge habe ich bekommen - nach ewig langem Suchen. Ich habe jetzt eine Idee, wie hier der Nahverkehr funktioniert.
    Bei einer Stadt mit dermaßen vielen Fahrrädern und -verleihen hätte ich gedacht, in einem Verleih wirst du fündig, was das Werkzeug betrifft ... nichts!

    Wer weiß, wie viel Spaß mir Shopping macht, kann meine Qualen ermessen.

    Als ich mit endlich erworbenem Hosenträgern aus einem Hasi&Mausi-Geschäft herauskam, folgte der versöhnliche Teil des Tages. Ein Straßenmusikant spielte unfassbar gut Springsteen-Titel. Ich habe fast eine Stunde zugehört, ich war gerührt.

    Jetzt hoffe ich, dass ich die Strippe erfolgreich in den Kanal tüdeln kann. Vielleicht sind meine radfahrenden Nachbarn vom Zeltplatz noch anwesend und können mir mit Werkzeug aushelfen.

    Bilder gibt es keine, fahrt selbst nach Kopenhagen. Ein "nettes" überschaubares Zentrum, Kajaks für die Kanalbefahrung kann man leihen. Und wenn Ihr Glück habt, trefft Ihr diesen unfassbar guten Straßenmusikanten.
    Geändert von Paddolf (17.08.2019 um 13:05 Uhr)

  13. Lebt im Forum
    Avatar von Ditschi
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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #13
    Ich freue mich auf die Fortsetzung.

    Zum einen kann ich es mit neuem Glasfaser-Internet endlich genießen, einen Reisebericht sofort und in einem Zug lesen, ohne zu warten, bis sich nach und nach die Bilder aufgebaut haben und der Text dabei immer verrutscht, wenn man ihn grade lesen will. Jetzt ist alles da, bevor ich mit den Augen zwinkern kann. Aber das hat eigentlich nichts mit diesem Reisebericht zu tun. Bei ihm fällt mir unsere Neuerwerbung nur erstmalig so richtig positiv auf, denn ich war begierig, ihn in einem Rutsch zu lesen.

    Der Reisebericht spricht mich an, weil es eine tolle, ambitionierte Tour ist. Und speziell, weil die angelaufen Orte und somit auch die Bilder für mich einen Wiedererkennungswert haben. Wenn ich sie auch nur schnöde von Land aus kenne.

    So kann ich bestätigen, daß Nysted im Süden Lollands wirklich einen Aufenthalt lohnt. Ein malerischer, gemütlicher kleiner Hafen mit einem Campingplatz direkt am Wasser. Beim Bummel am Hafen geriet plötzlich eine lange Menschenschlange ins Blickfeld. Was gab es da ? Eine Eisdiele ! Wenn da so viele Leute anstehen, muß es sich lohnen. Also haben wir uns auch angestellt. Es hat sich gelohnt ! Alleine deshalb werde ich Nystedt so schnell nicht vergessen.

    Wenn ich mir die weitere Streckenführung so anschaue, werde ich vermutlich weitere Örtlichkeiten aus der Perspektive vom Wasser aus erleben, die ich von Land aus kenne. Kopenhagen, Helsinki, Aland-Inseln, Fähre Grisslehamn - Eckerö : das weckt Erinnerungen. Die Freude auf die Fortsetzung ist keine Höflichkeitsfloskel.

    Ditschi

  14. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #14
    Hi,
    ich habe selbst nichts mit dem paddeln am Hut und muss trotzdem sagen: Hut ab und Respekt! Schöne Tour und sehr schön geschrieben. Ich bin gespannt auf das Kommende!

  15. AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #15
    Deine Mischung von 'Respekt und auch etwas Grusel' kann ich gut nachvollziehen.

    Zitat Zitat von Paddolf Beitrag anzeigen

    Der Brandungsstart klappt beim zweiten Versuch ...
    Dagegen kann ich mir den Brandungsstart alleine noch gar nicht richtig vorstellen. Kannst du den näher beschreiben?
    Am Baikal hatten wir einen Tag ähnliche Wellen, da sind die Kajaker an Land eingestiegen und wir haben sie ins Wasser gezerrt.

  16. Erfahren
    Avatar von Ljungdalen
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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #16
    Zitat Zitat von Paddolf Beitrag anzeigen
    ...a tool for screws with a round head and a hole in the middle with 6 edges...
    Dänisch unbrakonøgle.

    Unbrako ist so 'ne Firma bzw. Warenmarke, genauso wie in vielen Ländern Allen (daher "allen key") oder in Deutschland halt Inbus.

  17. Vorstand
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    Avatar von lina
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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #17
    So geht’s mir auch: Mit Paddeln nichts am Hut, aber der Reisebericht ist eine große Freude zu lesen. Plus Teilkenntnisse der Gegend (inkl. Campingplatz auf Fehmarn – vor längerer Zeit hat’s dort alle Zelte um meins herum zerlegt, außer meinem damaligen Semi-Geodät, es kann dort ganz schön stürmisch werden, und ich hatte das Zelt relativ nah an der Steilküstenkante aufgebaut). Bin gespannt auf die Fortsetzung! :-)

  18. Alter Hase
    Avatar von LihofDirk
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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #18
    Lese auch fasziniert mit, sowohl vom paddlerischen als auch von der Gegend, gerade Højerup Gammel Kirke und Stevns Klint sowie die eindrücke aus Kopenhagen wecken Erinnerung an meinen letzten Single Urlaub (Sommer 95), Radtour durch Dänemarks Inselwelt.

  19. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #19
    Cooles Projekt - für mich ab DK mit viel Wiedererkennungswert (allerdings eher segelnd). Ich freue mich auf die Fortsetzung!

  20. Erfahren

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    AW: [DE, DK, SE, FI] Hauptstadtpaddeln ... von Berlin nach Helsinki

    #20
    Vielen Dank für Euer Interesse!

    @ Pickhammer
    Zunächst ... Glückwunsch zur Åland-Querung! (und ein wenig Neid )
    Ich bin vom 14. zum 16.8. von Stockholm nach Grisslehamn gepaddelt. Andere Kajaker habe ich in dieser Zeit (wenn ich mich recht erinnere) nur in Stockholm gesehen und (natürlich) meist nur in Gegenrichtung unterwegs. Wenn ich das Seekajakforum richtig deute, habt Ihr zwei weitere deutsche Langstrecken-Ostseepaddler getroffen. Da interessiert mich natürlich, wie es zu diesem Treffen kam und ich freue mich schon deshalb auf den versprochenen Bericht.

    @ Spartaner
    Brandungsstart ist bei mir "Robbenstart". Wenn der wegen zu starker Brandung nicht funktioniert, dann würde ich wahrscheinlich ohnehin nicht mehr auf dem Meer paddeln wollen.
    Robbenstart: Sinnvollerweise liegt das Boot zunächst mit dem Bug Richtung Wasser und so nahe am Ufer, wie es möglich ist, ohne dass es durch die einlaufenden Wellen weggeschwemmt wird. Man setzt sich ins Boot, schließt die Spritzdecke und macht sich paddelfertig. Dann drückt man sich mit beiden Händen links und rechts des Kajaks nach vorn-oben ab.
    Wenn jetzt der Bug ins Wasser eintaucht, beweglich wird und das Heck noch auf dem Strand liegt, kann es leicht geschehen, das die einlaufenden Wellen bzw. die Querströmung das Boot in eine Richtung parallel zum Ufer drücken. Sollte das passiert, hat man verloren, man wird mit dem Boot wie Treibgut hin und her über den Spülsaum gerollt, man muss einen neuen Versuch starten.
    (also: Bootsspitze unter Beachtung von Wellen und Querströmung ausrichten, einen geeigneten Zeitpunkt abwarten und dann energisch abdrücken; wenn das Boot abdriftet, Start rechtzeitig unterbrechen, bevor man zum Treibgut wird)

    @ ... "alle" ...
    Tatsächlich können sich die Sichten auf eine Region sowohl von Land als auch vom Wasser her sehr schön ergänzen. Ganz besonders merkt man das an einer Steilküste. Du steigst vom Ufer her hoch und befindest dich plötzlich in einer anderen Welt.
    Derzeit ist für mich das unmittelbare Erleben des Meeres "spannender", die Paddelei hat bei künftigen Urlaubsplänen Vorrang. (Urlaubspläne im Rahmen des innerfamiliär "erfeilschten" Zeitfensters für Outdoortouren)

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