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    [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #1
    Mitreisende: November, Pfad-Finder
    Der Gegner jedes Planes ist die Realität
    Karpaten quergebürstet: Von Tal zu Tal
    Von flexiblen Längenmaßen und dehnbaren Haltbarkeitsbegriffen
    Abflug über Sheremetyevo

    Auf dem Trockenen I
    Fortuna ist uns hold

    Vorwärts in die Vergangenheit
    Schlafende Hunde bellen nicht
    Auf dem Trockenen II

    Die unglaubliche Reise in zwei verrückten Bussen
    Praktische Tipps


    * * *

    - Dieser Reisebericht kann als Fortsetzung von "Hart auf der Grenze VII: Der Wald hinter Dukla" gelesen werden. Zwischen dem damaligen Endpunkt Nova Sedlica und dem diesmaligen Startpunkt Ubl'a liegen knapp 25km.

    * * *





    Der Gegner jedes Planes ist die Realität

    28. Juli


    "Im gebirgigen Teil Transkarpatiens ist der Winter kalt und der Sommer kurz und kühl", behauptet der Einleitungstext in der "Touristischen Karte der Zakarpats'ka Oblast'". Weiter heißt es: "Die durchschnittliche Temperatur beträgt im Juli 20 Grad, in den Bergen 6 bis 13 Grad." Als wir im April die Schlafwagenkarten ins ostslowakische Humenne buchten, sprach nicht viel dagegen. Munter konstruierte ich ehrgeizige Routenvarianten von der slowakischen Grenze bis nach Rachiv kurz vor der rumänischen Grenze, und unterstellte dabei, dass - wie sonst üblich - alles unter 20 Kilometer pro Tag keine Wanderung ist.

    Je näher die Abreise rückte, desto mehr verfestigte sich aber die Wettervorhersage aber auf Werte um die 30 Grad im den Tälern. In den Höhenlagen - üblicherweise 900-1500 Meter - lief das immer noch auf Werte jenseits der Komfortgrenze hinaus. Als erste Konsequenz strichen wir die längere "Nordvariante" durch den Uzhansky-Nationalpark aus dem Programm.

    Als wir am Mittag des 28. Juli im slowakischen Grenzort Ubl'a aus dem Bus fielen, fauchten uns 28 Grad ins Gesicht. Nach knapp zwei Kilometern erreichten wir den Grenzübergang ins ukrainische Maly Berezny*. Wir waren die einzigen Fußgänger. Der slowakische Polizist war nur neugierig, was wir vorhatten, und wollte offenbar auch gerne sein Englisch vorführen. Die Ukrainer waren wortkarg, aber dafür umso bewaffneter. Binnen 18 Minuten hatten wir die Grenze passiert. Die Autos sahen nach ungefähr zehn Mal so viel Wartezeit aus.

    *) Für die Umschrift des "Ukrillischen" in lateinische Buchstaben gibt es zig Varianten. In diesem Bericht wird der an die angelsächsische Umschrift angelehnten Variante aus der Wanderkarte gefolgt.

    Von der roten Wanderwegmarkierung, die uns über einen Hügel nach Veliky Bereznyi führen sollte, war seit der Grenze nichts mehr zu sehen. Wir bogen auf gut Glück auf einem Trampelpfad nach Nordosten ab - nicht ganz falsch, aber einige hundert Meter zu früh, wie sich später herausstellte.

    Veliky Berezny wirkte alles andere als charmant. Die ukrainische Klassifizierung für derartige Orte, "Siedlung städtischen Typs", trifft es ganz gut: Protzige Behördenbauten, in die Jahre gekommene sowjetische Ladenzeilen und ein heruntergekommenes Ehrenmal für die Rote Armee - und am Ortsrand noch Dorf. Wir versorgten wir uns mit dem Nötigsten - Geld aus dem Geldautomaten, Wasser und ukrainischen Prepaid-SIM-Karten. Dabei lernten wir, dass man das Guthaben am einfachsten über allgegenwärtige Bareinzahlungsterminals aufladen kann. Diese Erkenntnis verschaffte uns ein ukrainisches Pärchen am Nachbartisch in dem Cafe, als wir zunehmend genervt an unseren Handys herumfummelten.






    Veliky Berezny ist so groß, dass die Einwohner mit dem Auto fahren müssen, um ans Flussufer zu kommen.

    Sauber leitete uns die rote Wanderwegmarkierung anschließend nach Osten über den Fluss Uzh in den Wald, wo es wohltuend kühl wurde. Dort bekamen wir auch Begleitung: Der Hund eines Bauwagenbewohners suchte wohl etwas Abwechslung und war auch durch gutes Zureden in sämtlichen uns zur Verfügung stehenden Sprachen nicht davon abzubringen, uns zu folgen.





    Auch die folgende "Karpatenschlacht" änderte das nicht: Auf denkbar schmalstem Pfad ging es durch brombeergeschwängerten Buchenwald nach oben. Immerhin: Die Markierung war hier einwandfrei in Schuss, auch wenn es auf dem Foto nicht so aussieht.



    Der Kleine Schweißvogel: Er war total fasziniert von meinen Rucksackgurten.


    Auf dem Kamm angekommen, kündeten Hautabschürfungen an Beinen und Armen von "Wandern mit Körpereinsatz". Als wir eine Freifläche erreichten, ließen wir uns einfach fallen und beschlossen, dass die Etappe hier zu Ende ist. Der Hund drehte noch ein paar Runden, während wir das Zelt aufbauten, und verschwand dann unauffällig.




    Technische Daten: 14,6km in 6:50h brutto


    Karpaten quergebürstet: Von Tal zu Tal

    29. Juli

    Angesichts der Temperaturen hatten wir uns am Vorabend auf Wecken um sechs Uhr verständigt. Um 7:30 waren wir schon unterwegs. Eine Stunde später standen wir vor der Berghütte Yavirnyk, über deren Grad an Öffnung für Publikumsverkehr nur widersprüchliche Angaben zu finden waren. Der Wirt winkte uns jedoch heran und bot uns Wasser und einen Kaffee an. Die Hütte war offensichtlich nicht fertig saniert, aber übernachten könne man dort schon jetzt, sagte er. Im Gastraum fehlte es jedoch noch an Stühlen und Tischen. Die Berghütte steht auf den Fundamenten einer Berghütte des tschechoslowakischen Wanderverbandes aus der Zeit zwischen den Weltkriegen, die erst 2015 abgebrannt ist.


    Auf dem Balkon steht kein Wachmann, sondern eine Schwejk-Puppe.

    Gestärkt machten wir uns an den ersten 1000er unserer Reise heran, den Yavirnyk (1072m). Der war aber unspektakulär, so unspektakulär, dass es kein Foto von der nicht vorhandenen Aussicht gibt. Immerhin sahen wir hier zum ersten Mal, was die baumlosen Hochflächen der Karpatoukraine charakterisiert: Blaubeeren.




    Durch Blaubeer-Bienenweiden


    Abstieg nach Chornoholova


    Lehmziegelhaus in Chornoholova-Oberdorf


    Naive Bauernmalerei?


    Russischer Bär (der heißt wirklich so!)

    Am späten Vormittag hatten wir alle mühsam erkämpften Höhenmeter wieder verloren und erreichten das Dorf Chornoholova. Dort stärkten wir die örtliche Wirtschaft - erst die eine, dann die andere. Hier lernten wir von einem extrem segelbeohrten Gast, dass es völlig egal ist, ob wir tschechisch, polnisch oder russisch sprechen - die Einheimischen würden ja schließlich auch nicht ukrainisch sprechen, sondern "po nashemu" ("auf unsere Art"). So ähnlich hatte es uns auch schon der Wirt der Yavirnyk-Hütte erzählt. "In Kiew hat man mich nicht verstanden." Ich verzichtete auf die Frage, ob da nicht möglicherweise auch die überzähligen Zischlaute aus seinem lückenhaften Gebiss eine Rolle gespielt haben könnten.


    Das Kulturhaus von Chornoholova

    Von Chornoholova nach Bukovtsiovo legten wir eine Entspannungsetappe auf der Straße ein. Der Autoverkehr war sehr bescheiden - kein Wunder, bei Durchschnittsverdiensten im unteren dreistelligen Euro-Bereich ist der Benzinpreis von umgerechnet knapp einem Euro "teuer". Viele Haushalte auf dem Lande haben auch gar kein Auto; wir sahen zahlreiche Häuser, zu denen kein Fahrweg führt.



    "Take only pictures, leave only footprints"?


    Massen-Sit-In von Bläulingen am Straßenrand

    Bukovtsiovo machte einen merkwürdigen Eindruck. Laden und Kneipe hatten offensichtlich schon vor Längerem geschlossen.


    Kein Bedarf an Waren des täglichen Bedarfs?


    An der Holzkirche machten wir eine Pause. Das Kloster, das südlich der Straße am Hang hängen sollte, hatten wir irgendwie verpasst. An der Kirche tauchte plötzlich ein Junge auf. Er setzte sich auf Bank neben mich und fand Interesse an meinem Fernglas. Später trafen wir ihn wieder: Völlig schamlos bettelte er uns um Zigaretten an. Dann sahen wir die Eltern im Garten unterhalb des Weges und es kam uns der Verdacht, dass es in diesem Dorf nur zwei Nachnamen gibt.




    Ob die Slowakische Versicherungs-Aktiengesellschaft heute noch einspringt?


    Von Bukovtsiovo hatte ich uns einen unmarkierten Weg quer über einen Bergkamm nach Lumshory ausgeguckt. Ein zahnloser Opa in der Kneipe in Chornoholova, der sich sehr für unser Woher-Wohin-Warum interessiert hatte, hatte uns allerdings gewarnt: Den Weg habe es mal gegeben, er sei aber inzwischen wieder verfallen. Aber wir sollten es versuchen: Ein Stück gehe es hinter Bukovtsiovo noch weiter, "potom - sud'ba" ("danach ist es Schicksal").

    Er hatte Recht: Der Wirtschaftsweg endete plötzlich und ohne ersichtlichen Grund mitten in einem Buchen-Hallenwald. Die von der Papierkarte und auch dem GPS-"Zauberkasten" versprochene Fortsetzung als Pfad am Hang nördllich von uns war auch mit viel Fantasie nicht zu erkennen. Wer schon einmal mit mir unterwegs war, wird bestätigen, dass ich viiieel Fantasie habe, Stichwort "Im Sommer war hier noch ein Weg". Andererseits trennten uns nur noch 500 Meter Luftlinie vom markierten Kammweg. Na ja, und 250 Höhenmeter. 40 Minuten später war es geschafft, und obendrein hatte der karpatische Buchenwald einen Schnellkurs in deutscher Beschimpfung bekommen. Vom Kamm kommend ist übrigens zumindest der Einstieg in den Weg erkennbar.

    Jetzt blieb nur noch die Frage "Wo bauen wir unser Zelt auf?". Die von der Papierkarte versprochenen Freiflächen am Kammweg waren mit Wald zugewachsen, und das sicherlich auch schon 15 Jahre vor der Drucklegung. Am Ende erschien uns eine kleine Grasfläche zwischen zwei Lkw-Spuren als die beste aller schlechten Lösungen. Die Fliegen waren begeistert.



    Technische Daten: 28,4km in 12:35h


    30. Juli

    Auf einem eher zu vermutenden als erkennbaren Pfad ging es am Morgen erstmal wieder bergab. Unsere "Südroute" hat ganz entschieden den Nachteil, dass sie nicht dem Hauptkamm an der Grenze zum Lviver Gebiet folgt, sondern die in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Täler quer schneidet. Aus guten Gründen war der Hauptkamm historisch betrachtet auch die Grenze zwischen Oberungarn und dem österreichischen Galizien, von 1918 bis 1939 zwischen Polen und Tschechoslowakei.


    Abstieg nach Lumshory


    Buche mit Kuschelbedürfnis


    Baumhaus oder ein getarntes Wesen aus "Krieg der Welten"?


    Die Holzkirche von Lumshory


    Lumshory hielt, was die Karte versprach: Ein echter Ferienort. Wir sahen zum ersten Mal andere Wanderer. Aber: Hier im Tal war es schon am frühen Vormittag wieder unangenehm heiß. Im erstbesten Laden stärkten wir mit Granatapfelsaft aus dem Kühlregal, das aber offenbar außer Betrieb war (übrigens nicht das einzige). Dieser "Superfruit"-Saft ist in der Ukraine offenbar trotz seines für dortige Verhältnisse hohen Preises (rund ein Euro für das 1-Liter-Tetrapak) recht beliebt. Zum Vergleich: Selbst die 0,5er-Flasche Cola kostet meist nur 35 Cent.

    Am oberen Ende des Ortes waren wir aber schon wieder so geschwächt, dass wir der Frühstückskarte des Hotels U Cimbora nicht widerstehen konnten. Obwohl wir nicht ganz in das Bild der übrigen Gäste passten, die nach zwischen "gerade aufgestanden" und "erste Runde im Pool" aussahen, wurden wir freundlich aufgenommen.




    Nachdem alle Verzögerungsmöglichkeiten ausgeschöpft waren, machten wir uns auf den Weg zur baumlosen Hochfläche Polonina Runa. Auf halber Strecke kam uns eine Kolonne Geländewagen mit allerhand ausländischen Kennzeichen entgegen - Teilnehmer einer Karpaten-Rally, wie ich vom Fahrer eines Wagen mit Freilassinger Kennzeichen erfuhr. Das ist in der Ukraine meistens völlig legal. Empfehlenswert ist es denoch nicht, weil der Maßstab für Befahrbarkeit von Wirtschaftswegen von ehemaligen Militär-Lkw der Hersteller ZIL und Ural gesetzt wird, also der Unimog-Liga.




    Reste eines Nachmittagpfauenauges?


    Unterwegs wartete auf uns der "Komsomolzen-See". Auf der Landkarte sah er nach Badeteich aus, doch falls er das jemals war, ist das seit dem Untergang des Komsomolzentums vorbei: Heute ist er jedenfalls rundherum verschilft. Dennoch ist er ein beliebtes Ziel bei Tagestouristen aus Lumshory. Davon zeugte der offenbar unvermeidbare Müll. "Umwelt ist der Platz, wo man seinen Müll hinwirft", scheint die Devise zu sein. Immerhin, einem klitzekleinen Vorteil haben PET-Flaschen: Sie machen keine Scherben. Wir unternahmen einen Anlauf zu einer Siesta, wurden jedoch von einer ungeplanten längeren Bewölkung daran erinnert, dass die Lufttemperatur hier eigentlich schon "frisch" war, also unter 25 Grad lag.

    Genau das richtige, um den Restanstieg zur Polonina Runa zu bewältigen. Auf dieser baumlosen Hochfläche begrüßte uns ein Betonplattenweg unzweifelhaft militärischer Herkunft. Und richtig, auf dem höchsten Punkt wartete die Ruine der Troposhären-Funkstation BARS 103 aus dem Kalten Krieg auf uns. Sie war aber nicht fertiggestellt worden: Der eigentliche Funkbunker war zwar fertig betoniert, aber nicht mehr wie offenbar vorgesehen mit Erde abgedeckt worden. Bei einem kleinen Boxenstopp zwischen Betonruinen entdeckte ich, dass es hier noch frische Walderdbeeren gab. In der Etage darüber hingen schon reife Brombeeren!


    Unfertig ging die Sowjetunion zugrunde...


    Denkmal für einen im Oktober 1944 hier gelandeten Fallschirmagenten der Roten Armee


    Auf der Polonina Runa begegneten uns auch die ersten Blaubeerpflücker-Kolonnen. Es ist eine Schweinearbeit, und wenn wir dem glauben, was uns erzählt wurde, bekommen die Pflücker für ein Kilogramm umgerechnet einen Euro. Selbst unter günstigen Umständen kommt da ein Stundenlohn von deutlich weniger als zwei Euro heraus. Um die Pflücker auf die Hochflächen zu bringen, werden ehemalige Militär-Lkw mit offener Ladefläche eingesetzt. Beim üblichen Wegezustand heißt das noch einmal jeweils eine Stunde An- und Abfahrt von den Dörfern. Kein Wunder also, dass die Lkw nach der Rückkehr abends erst einmal Halt vor den Dorfkneipen machen.






    Latschenwacholder

    Von Dorfkneipen waren wir weit entfernt - in jeder Hinsicht. Unsere Hoffnung, dass wir die in der Papierkarte ausgewiesene Übernachtungsmöglichkeit "Poloninske Hospodarstvo" nutzen können, zerschlug sich schnell. Es war nur eine Pferdezucht für Huzulenpferdchen, die nach den dortigen Bergbewohnern benannte Nutzpferde-Rasse. Die Pferdehirten wollten auch nicht, dass wir auf dem Gelände übernachteten. "To je territorium koni", hieß es - also Territorium der Pferde. Dabei gab es dort wunderbare Stellflächen.



    Na ja, brav wie wir sind, fügten wir uns. Die acht Kilometer ins Dorf Pashkivtsi waren uns am frühen Abend nach 22km und über 1000 Höhenmetern zu weit; also beherzigten wir kurz hinter dem Poloninske Hospodarstvo den bekannten Grundsatz "Nicht die Wege verlassen!" und ließen uns in eine stillgelegte Fahrspur plumpsen. Natürlich regnete es in der Nacht zweimal kurz - nicht genug, um für Abkühlung zu sorgen, aber genug, um das Zelt nass einpacken zu müssen.



    Technische Daten: 21,9km in 11:10h


    Von flexiblen Längenmaßen und dehnbaren Haltbarkeitsbegriffen

    31. Juli

    Auf einem überwiegend gut erhaltenen Pfad eilten wir am Morgen nach Pashkivtsi. Nach vier Tagen bei unbotmäßigen Temperaturen und ohne Badesee fühlten wir uns mehr als berechtigt, ein Steinhaus mit Dusche aufzusuchen. Die von der Papierkarte in Aussicht gestellte Übernachtungsmöglichkeit existierte nicht. Dafür entdeckte Frau November ein Hinweisschild auf das Gästehaus "Paŭ". Ich machte sie vorsichtig darauf aufmerksam, dass es sich in der Ukraine möglicherweise um kyrillische Schreibschrift handeln könnte und der Name vielleicht eher als "Raj" ("Paradies") zu lesen ist. Widerstrebend gab sie zu, dass das eventuell so sein könnte. Ein Arbeitskollege meines Vaters gestand zum Ende einer Dienstreise nach Moskau, er habe erst sehr spät kapiert, dass „PECTOPAH“ „Restaurant“ heißt.


    "Überwiegend gut erhaltene Pfade" schließen üble Schlammpassagen nicht aus.


    Erster Blick auf die Dorfkirche von Pashkivtsi

    150 Meter versprach der Wegweiser am Abzweig, aber natürlich handelte es sich um osteuropäische Meter. Das ist ein flexibles Entfernungsmaß, das mindestens dem 1,5-Fachen, meistens aber dem Doppelten eines West-Meters entspricht und dessen Länge in dem Maße zunimmt, je weiter das potenzielle Ziel von der als zumutbar empfundenen Wegstrecke entfernt ist. Im konkreten Fall war der osteuropäische Meter 1,9 Normmeter lang.

    Genug, um noch einer Herrengruppe in die Hände zu laufen, die an einem Trafo standen und sorgenvolle Gesichter machten. Einer kam auf uns zu und sprach uns gleich auf Tschechisch an, was ihm als ehemaligen Gastarbeiter in Brünn/Brno nicht schwer fiel. Das war durchaus logisch gehandelt, denn die Masse der "westlichen" Touristen sind Tschechen, sofern sie keine Polen sind. Deutsche Wanderer kommen im Beuteschema der Karpatoukrainer nicht vor. Auch wir haben keine anderen deutschen Wanderer getroffen. Sogar die wenigen Autos mit deutschen Kennzeichen gehörten ukrainischen "Gastarbeitern" auf Heimaturlaub.

    Nachdem uns der Tschecho-Ukrainer vorsorglich ein Zimmer in seinem Haus angeboten hatten, zogen wir zum Paŭ, pardon, Raj. Es entpuppte sich als Ferienhaus für sechs bis acht Personen. Jetzt war Frau November am Zug, denn die Wirtin parlierte auf Polnisch - sie wechselt sich mit ihrer ältesten Tochter als Assistentin in einer Warschauer Schönheitsklinik ab. Ich vergnügte mich unterdessen draußen mit der Ziege des Hauses, die mich gerne von der Gartenbank geschubst hätte.


    Armdrücken mit Ziege

    Die Katze kam auch noch hinzu und entdeckte begeistert, dass sich Frau Novembers Rucksack hervorragend als Kratzbaum und zum Haareabstreifen eignete. Ich hatte also alle Hände voll zu tun, außerdem musste ich Eierkuchen essen, die in regelmäßigen Abständen nach draußen gebracht wurden. Nach viel Palaver und Rücksprache mit dem Sohnemann konnten wir dann für umgerechnet 25 Euro das Gästehaus beziehen. Es gab sogar eine Waschmaschine - den Aufschriften nach für den polnischen Markt bestimmt.


    Landhaus-Stil po ukrainski I


    Landhaus-Stil po ukrainski II. Irgendwo dazwischen liegt auch meine geliebte Petzl Tikka XP... bis heute. Schnief!

    Pashkivtsi selbst hat nicht viel zu bieten. Der Dorfladen wird von einer Frau geführt, die ihr Geschäft sichtlich zu Sowjetzeiten gelernt hat. Die Nudeln, die ich gekauft habe, waren schon ein halbes Jahr über das MHD hinaus. Nudeln! Auch unsere Wirtin bestätigte uns, dass sie dort nur noch Brot kauft, weil das täglich frisch geliefert wird. Einzige kulturelle Oasen sind die tadellos sanierte Dorfkirche und der liebevoll gestaltete Lehrgarten der Försterei, wo wir gemeinsam die Schilder zu den verschiedenen Baumarten entzifferten.


    Dorfladen


    Kirche


    Vorsicht beim Anfahren!


    Ein repräsentativer Abschnitt der Ortsdurchfahrt


    Beim Rundgang durch das Dorf entdeckte ich auch noch Reste eines Bahndamms, einer zur Straßenbrücke umgewidmeten Bahnbrücke und einer Verladerampe. Aber diese Waldbahn zur Holzabfuhr soll schon vor "ganz langer Zeit" abgebaut worden sein - ich tippe auf 50 Jahre.
    Ob die Straße im Tal im konkreten Fall eine Verbesserung gegenüber einer langsamen Schmalspurbahn darstellt? Sie ist theoretisch asphaltiert, in der Praxis besteht sie aus Flicken und herausgebrochenen Flicken. Mehr als 30km/h sind wegen des Schlagloch-Slaloms kaum drin.

    Technische Daten: 7,5km in 2:50h


    Abflug über Sheremetyevo

    1. August

    Am Abend vorher hatten wir noch herumgealbert und den ersten Ort der nächsten Etappe zu Sheremetyevo (=Moskauer Flughafen) verballhornt. Das hatte Shcherbovets aber nicht verdient: Anders als in Pashkivtsi schienen die Einwohner hier mehr Wert darauf zu legen, dass Haus und Garten nach außen etwas hermachen.

    Am Pikui (1408m) erreichten wir unseren ersten richtigen Berg. Die Polonina Runa war zwar 72 Meter höher gewesen, aber fühlte sich nicht so hoch an. Zugleich berührten wir am Pikuj die ehemalige Staatsgrenze zwischen Tschechoslowakei und Polen. Heute ist das die Grenze zwischen den Gebieten (Oblast) Lemberg/L'viv und Zakarpattya (Transkarpatien). Alte Grenzsteine waren dort nicht zu sehen.


    Blick auf den Pikuj


    Fröschlein


    Das Pferd eines freischaffenden Beerenpflückers kurz unter dem Gipfel


    Obelisk und Jesusstatue auf dem Gipfel


    Gedenktafel für Gefallene der Jahre 2014-2015

    Am Obelisken auf dem Gipfel hing eine Gedenktafel für in der Ostukraine in den Jahren 2014-15 Gefallene aus der Region. Ansonsten war wenig davon zu sehen und zu spüren, dass am anderen Ende des Landes gerade Krieg ist. In jeder "Siedlung städtischen Typs" hing zwar ein offensichtlich vom Staat initiiertes Plakat mit Danksagung an die "Helden der Ukraine", aber von der optischen Präsenz ging es nicht über die Denkmäler für die Befreier der Roten Armee oder die Afghanistan-Gefallenen (1979-1988! nicht 2001ff) hinaus. Uniformierte Angehörige bewaffneter Organe spielten - anders als in Moskau - im Straßenbild überhaupt keine Rolle.


    Der Name Pikuj gab natürlich Anlass, die Kalauerkasse zu füllen.
    „Wie heißt ein Berg, an dessen Hängen Wein für Sekt angebaut wird?“ „Pik Olo!“
    „Wie heißt der Drachenfels bei Bonn auf Ukrainisch?“ „Pik Olöchen!“
    „Wie heißt ein Berg mit Einkehrmöglichkeit?“ „Pik Nick!“



    Beim Abstieg vom Pikuj wählten wir den Weg des geringsten Widerstandes, nämlich den gelb markierten. Unerfreulicherweise verdichteten sich die Wolken zu Gewitterwolken, die sich auf halber Strecke in einem beachtlichen Wolkenbruch entluden. Binnen weniger Minuten wurde der Pfad zu einem Bach. Wenn wir nach den ersten Tropfen nicht soviel Zeit mit dem Anziehen der Regensachen vertrödelt hätten, hätten wir aber eine frisch eingerichtete und in keiner Karte vermerkte überdachte Picknick-Gruppe 200 Meter weiter noch "trocken" erreicht. Dort trafen wir auch einen freischaffenden Blaubeerpflücker, der mit seinen Gummistiefeln jetzt natürlich im Vorteil war. So stoisch, wie es nur die Landbevölkerung kann, nahm er den Wolkenbruch hin und zog nach einer kurzen Verschnaufpause weiter, während wir noch abwarteten.




    Den Kühen war das Durchwaten des Bachs sichtlich unangenehm. Aber durch die verrostete Fußgängerbrücke daneben wären sie durchgefallen.


    In Bilasovitsa stellten wir fest, dass wir eigentlich noch gut dran waren. Vor dem Dorfladen hing eine sichtlich demoralisierte ungarisch-tschechische Wanderreitgruppe mit ihrem ukrainischen Führer ab. Den Damen hatte offenbar niemand erklärt, dass Softshelljacken bei einem Wolkenbruch weder die Beine noch irgendeinen anderen Körperteil vor Regen schützen. Dafür musste sich einer der Herren Spott anhören, dass er sich mit seinem Bundeswehr-Poncho anscheinend als Volksdeutscher qualifizieren wollte. "Aber höchstens Volksliste 4!", hätte ich dazwischengerufen, wenn ich etwas schlagfertiger wäre.



    Bilasovitsa wäre nicht weiter bemerkenswert, würde es nicht von der M-06 durchschnitten – der einzigen Straßenverbindung zwischen Uzhhorod und Lemberg/Lviv, die man auch im Dunkeln mit vertretbarem Risiko befahren kann. Davon sollten wir noch zu hören bekommen.


    Falls sich jemand wundert, warum Erdgas auf dem Transit durch die Ukraine verlorengeht: Geklaute Rohre sind multifunktional und lassen sich auch zu Fußgängerbrücken umbauen.


    Am oberen Ende des Hanges östlich der Straße waren nämlich die angeblichen Freiflächen, wo wir uns Zelt aufbauen wollten, mit dichtem Jungwald bewachsen. Auf die nächste Freifläche zwei Kilometer weiter im Wald wollten wir unter diesen Umständen nicht wetten. Daher bauten wir unser Zelt am Waldrand in Hörweite der Straße auf. „Etwas abschüssig, etwas steinig, etwas zu nass, etwas zu nah an den Wegen – aber sonst ok.“



    Abendstimmung


    Technische Daten: 17,6km in 10,35


    2. August

    Den eigenwilligen Blattschnitten des Astur-Verlages ist es zu verdanken, dass der Streckenabschnitt des roten Ost-West-Hauptwanderweges zwischen Bilasovitsa und Volovets nicht auf dem Papier abgedeckt ist. Also mussten Garmin und Mapy.cz aushelfen. Im Grunde ist die Route aber auch ohne Hilfsmittel zu bewältigen, denn ausgefahrene Waldwege mit tiefem Matsch weisen zuverlässig die Richtung.




    Fehltritt

    Lustigerweise begegneten wir ausgerechnet hier einer geführten tschechischen Mountainbiker-Gruppe. Es war unübersehbar, dass ihre Räder mehrheitlich keine Schutzbleche hatten. Mit dem Gruppenleiter kamen wir sogar noch über das übliche Woher-Wohin-Warum hinaus ins Gespräch. Ein echter Kenner des Landes, der uns für unseren weiteren Weg noch wertvolle Tipps geben konnte. Das tschechische ODS, treking.cz, hat der Karpatoukraine sogar eine eigene Reiseberichtssektion gewidmet. Verwirrend ist allerdings, dass vielfach die tschechoslowakischen Ortsbezeichnungen aus der Zwischenkriegszeit verwendet werden (zum Beispiel Gemba statt Hymba, Mežgorje statt Mizhhirya). Da ist dann Fantasie gefragt.




    Auf diesem Abschnitt lief uns außerdem die einzige "Trekkinghütte" über den Weg. Sie war in einem erstaunlich guten Zustand. Das Sofa sah allerdings eher nach Insektenhotel aus; Insektenhotel California, um genau zu sein: "You can check out any time, but you can never leave".






    Der auf dem Bergrücken längs verlaufende Weg ist zugleich die Grenze zwischen Zakarpattya und Lemberger Gebiet bzw. früher zwischen Österreich und Ungarn oder Polen und der Tschechoslowakei. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum es kaum Querwege gibt.
    Der einzige ernstzunehmende Übergang ist der Veretsky-Pass. Er ist fest in der Hand ungarischer Touristen, die dort das Denkmal an die Einwanderung der Magyaren in das Karpatenbecken im Jahr 895 besuchen wollen. Wir trafen auch die ungarisch-tschechische Wanderreitgruppe wieder, die die Picknick-Gruppen nutzte, um ihre Klamotten zu trocknen. Wie es scheint, nur teilweise erfolgreich.


    Das ungarische Denkmal.


    Weniger ruhmreich für Ungarn fällt das Denkmal für rund 600 ermordete karpatoukrainische Widerstandskämpfer aus: Gleichzeitig mit der Zerschlagung der Rest-Tschechoslowakei Mitte März 1939 besetzte Ungarn die gesamte Karpatoukraine. Die dabei in Gefangenschaft geratenen Rebellen übergab das ungarische Militär an die polnische polnische paramilitärische Grenzpolizei, die sie auf Weisung der Militärführung erschoss. In den vergangenen Jahren wurden viele der Ermordeten auf einen neuen Ehrenfriedhof am Verecky-Pass umgebettet.




    Von Vergänglichkeit zeugen auch drei Ruinen auf der Passhöhe, wo früher die M-06 vorbeiführte und heute nur noch alle zehn Minuten ein Auto vorbeikommt: Ein bereits teilweise eingestürztes Gasthaus aus sowjetischen Zeiten, ein nicht fertiggestelltes Gasthaus zwischen Disneyland und Dracula aus der Nachwendezeit, und schließlich ein verfallenes Ferienheim aus den 70er Jahren in einem geradezu französisch-italienisch anmutenden luftigen Stil.



    40 Jahre früher wurde das Gebäude in einem sowjetischen Reiseführer aus identischer Perspektive gezeigt.

    Heute prägen immer wieder Kirchen mit goldenen Dächern die Landschaft. Wir haben es allerdings nicht geschafft, auch nur eine der Kirchen von innen zu sehen. Alle waren verschlossen.


    Südlich des Passes war bequemes Wandern über gepflegte Wiesen angesagt.


    Kurz vor Volovets passierten wir einen der wenigen Orte, wo der ukrainische Staat Geld einnimmt: Eine Kompressorenstation im Zuge der Gasleitung nach Westeuropa. Es ist kein Wunder, dass auch die Ukraine verschnupft auf die direkte russisch-deutsche Gaspipeline durch die Ostsee reagiert.



    Beim Abstieg nach Volovets verfehlte uns ein Wolkenbruch nur um wenige hundert Meter, verschaffte uns aber die Gelegenheit für dramatische Bilder.



    Ein Teil der Wirtschaftskraft der Pipeline schlägt sich anscheinend auch in Volovets nieder. Gemessen am ähnlich großen Veliky Berezny wirkt die Stadt weniger ärmlich und weist vor allem wesentlich mehr Beherbergungsgewerbe auf. Wir stolperten mehr oder wenig zufällig ins Hotel Viktoria in Bahnhofsnähe, das uns prompt einen fairen Preis machen konnte (18 Euro für das Doppelzimmer).




    Das Hotel Viktoria (rechts)


    Eher betrüblich war die kulinarische Erfahrung im Restaurant des benachbarten Hotels Nadiya ("Hoffnung"): Die Speisekarte versprach mehr Auswahl als sie halten konnte. Lieblos gebratene Fleischbröckchen und eine sehr übersichtliche Sättigungsbeilage aus handgeschnitzten Pommes ließen die Piroggen aus der Tiefkühltruhe, die Frau November bekam, in einem vergleichsweise positiven Licht erscheinen. Wie wir später feststellten, sucht der Ukrainer an sich die Gastronomie eigentlich nur zum (Bier-) Trinken auf; gegessen wird selten. Erstmals sahen wir auch andere Schrankwanderer und Tagestouristen.


    Technische Daten: 21,9km in 8:05h
    Geändert von Pfad-Finder (12.10.2018 um 00:37 Uhr)
    Schutzgemeinschaft Grüne Schrankwand - "Wir nehmen nur das Nötigste mit"

  2. Moderator
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #2
    Auf dem Trockenen I

    3. August


    Die plötzliche touristische Verdichtung ist kein Wunder, denn südlich von Volovets beginnt der Borzhava-Höhenzug, der die natürliche erste Wahl für alle darstellt, die dem Karpatenbogen folgen wollen.

    Natürliche Gründe für die Abwesenheit von Wald gibt es nicht. Er ist allem Anschein nach vor langer Zeit gerodet worden, um Sommerweiden zu schaffen. Echte Weidewiesen gibt es heute kaum noch, der größere Teil der Fläche ist mit Blaubeersträuchern zugewachsen. Gelegentlich werden Schafe durchgescheucht, die dafür sorgen, dass Bäume keine Chance haben.

    Die Abwesenheit von Wald hat den großen Nachteil, dass der Kamm eine trockene Angelegenheit ist. Quellen gibt es meistens nur 300-500 Höhenmeter tiefer, ohne dass auf deren (Trink-) Wasserqualität Verlass wäre, erst recht nicht in einem Sommer wie diesem. Die erste "verlässliche" und zugleich wegnahe Quelle, so hatte es uns der tschechische Mountainbiker-Gruppenleiter verraten, würden wir etwa 25km hinter Volovets finden. Wir starteten also mit jeweils viereinhalb Litern Wasser, und das war im Nachhinein auch nicht zu viel. Wir hätten uns allerhöchstens 500 Höhenmeter Plackerei ersparen können, wenn wir gewusst hätten, dass wir beim Aufstieg von Volovets noch einmal einen trinkwassertauglichen Bach queren.

    Aber da hatten wir gerade andere Sorgen: Wir waren in eine Gruppe von 60 Jugendlichen geraten, die laut schnatternd von ihrem Hirten zum Blaubeerpflücken geführt wurden. Der Hirte war ein sechzigjähriger Oberlehrer, der unsere Auskunft, dass wir aus Deutschland kommen, mit einem angedeuteten Hitlergruß quittierte. Anschließend belehrte er uns, wie man richtig auf den Volovetser Hausberg Plai kommt. Wir wollten eigentlich den anderen der beiden möglichen Wege nehmen, allein schon, um den Jugendlichen zu entkommen. Aber das hätte bestimmt eine erneute Belehrung zur Folge gehabt.


    Die Ruine einer Käserei mit blaubeerpflückenden Jugendlichen und qualmender Feuerstelle von einer einheimischen Wandergruppe. Ohne "Gackerle" zelten nur Ausländer.


    Der Plai ist je nach Quelle 1323 bis 1331m hoch und mit einer Wetterstation sowie diversen Sendeanlagen garniert, die von einem faulen Hund bewacht werden: Er versuchte uns erst zu verbellen, als sein Herr und Meister zum Rauchen vor die Tür der Sendeanlage trat.



    Hinter dem Plai nahm die Touristendichte spürbar ab. Den Kammweg hatten wir gewissermaßen für uns alleine, während die Blaubeerpflücker die Hänge durchkämmten – im wahrsten Sinne des Wortes. Nur zwei (tschechische) Mountainbiker überholten uns.


    Beim Anstieg nahmen die beiden ihre Satteltaschen übrigens auf die leichte Schulter. Wer schon einmal ein schwer beladenes Rad bergauf geschoben hat, ahnt, dass das keine dumme Idee ist.

    In der besten Mittagshitze schleppten wir uns zum Velyky Verch hoch, der seinem Namen („Großer Gipfel“) mit 1598m alle Ehre machte. Es ist der höchste Punkt auf dem gut 40km langen Hauptkamm.


    Touristischer Hotspot ist allerdings die kurz darauf folgende Hymba (1491m). Dort verkürzt nämlich eine Seilbahn den Aufstieg aus dem Tal. Für 30 Euro hätten wir dort Gleitschirmfliegen ausprobieren können. Das Geknatter von Enduro- und Quadfahrern – leider legal – ließ uns aber schnell weiterziehen.

    Stattdessen versuchten wir, zwei der in der Karte ausgewiesenen Quellen unterhalb der Magura-Kuppe aus der Karte zu lokalisieren. Das Ergebnis: Hydrologisch betrachtet war die erste Quelle sicherlich vorhanden, wie die abweichende Vegetation verriet. Zum Auffrischen touristischer Wasservorräte war sie ohne Belang. Die zweite Quelle ließ mit ihrer Einfassung immerhin keinen Zweifel, dass dort bisweilen trinkbares Wasser anzutreffen ist. „Bisweilen“ schloss den Augustanfang des Jahres 2018 nicht ein. Es sei denn, man steht auf ballaststoffreiches Wasser...

    Jetzt wurde uns doch ein bisschen mulmig: Würde die Quelle bei Kilometer 25 trinkbares Wasser spenden – oder auch nur braune Brühe? Dummerweise hatten wir den „Blitzdingser“ (=Steripen) zu Hause vergessen. Wir beschlossen also, mit dem Wasser sparsam umzugehen.

    Inzwischen neigte sich der Tag dem Ende zu. Unterhalb einer nicht weiter bemerkenswerten Kuppe fanden wir einen Stellplatz auf einem stillgelegten Fahrweg. Dass der aktive Fahrweg keine 20 Meter oberhalb verlief, wurde uns erst bewusst, als gegen 6:30 der erste Lkw mit Beerenpflückern auf dem Weg zur Arbeit vorbeirumpelte.




    Technische Daten: 20,8km in 10:05h


    4. August


    Karpaten-Stillleben mit GAZ-66

    Dass die Quelle bei Kilometer 25 südlich der Kychera (1257m) in Betrieb war, konnten wir schon früh an einer Anzahl von Zelten erkennen. Beim Näherkommen stellten wir fest, dass die "bessere" Seite des Biwakplatzes und auch die (natürlich vor sich hin qualmende) Feuerstelle von Blaubeerpflückern belegt war. Eine Gruppe von ukrainischen Jugendlichen hatte deswegen ihre Zelte auf der stark abschüssigen Seite zur Quelle hin aufgebaut. Die Quelle selbst war tiptop, das Wasser fast frei von Schwebstoffen. Unsere Geduld hatte sich ausgezahlt.



    Unterhalb des Opolonok (1171m) warteten sogar zwei Überraschungen auf uns: Die erste war eine nur in den Karpaten anzutreffende Tierart, nämlich der Blauschnegel. Das erste Mal war uns ein Blauschnegel auf der slowakisch-polnischen Grenze über den Weg gelaufen... geschleimt.


    Die zweite Überraschung war eine weitere Quelle mit wunderbar klarem Wasser. Dummerweise verführte sie uns zu der Annahme, dass auch die Quelle an unserem geplanten Übernachtungsplatz uneingeschränkt trinkwassertauglich sein würden. Wir bunkerten also nicht 4,5 Liter, sondern nur den aktuellen Bedarf plus ein wenig Reserve.



    Laut einem tschechischen Reisebericht erinnert dieses Kreuz am Pryslop-Sattel an Soldaten, die hier beim Stellungskrieg im Ersten Weltkrieg 1914/15 erfroren sind. Wir konnten die verwitterte Inschrift nicht entziffern.


    Unsere Wasserreserve war fast aufgebraucht, als wir endlich am Etappenziel ankamen. Den brutalstmöglichen Anstieg ohne Schatten zur Polonina-Kuk hatten wir nicht eingeplant. Ebensowenig war eingeplant, dass unsere avisierte Quelle zwar eingefasst war, aber eine Kaulquappe darin umhertrudelte und offensichtlich genügend Schwebstoffe für eine abwechslungsreiche Ernährung fand.



    Unter normalen Umständen hätten wir natürlich die 11km bis Mizhhirya weiterlaufen können - es waren bisher ja nur gut 16km gewesen - doch die Hitze sprach dagegen. Das bedeutete: Wasser abkochen. Es gibt interessantere und lohnendere Beschäftigungen.



    Technische Daten: 16,9km in 7:20h

    5. August

    „Fortuna“ ist uns hold


    Zum Schlussspurt nach Mizhhirya brachen wir früh auf. Der Plan war, dort zu übernachten, dann mit dem Bus nach Kolochava zu fahren, dort das Freilichtmuseum zu besichtigen und erneut in einem festen Haus zu übernachten, und schließlich über tiefentspannte Nebenstraßen nach Ust-Chorna zu laufen. Den Fußweg nach Kolochava wollten wir uns sparen, weil es nach sinnlosem Rauf und Runter durch streubesiedeltes Bergland aussah.

    Ein einfacher Abstieg wäre natürlich spießig gewesen, deswegen mussten wir erst über einen der zahlreichen Menchuls. Dieser war 1247 Meter hoch und immerhin ziemlich idyllisch. Keine Lkw, keine Blaubeerpflücker, keine Enduropiloten.






    Die Täler sind dicht besiedelt, und den Feldgrößen sieht man an, dass in der Karpatoukraine die Realteilung vorherrscht (-e).


    Heustapel mit Aluhut


    Bemerkenswert war, dass es tatsächlich bis etwa zwei Kilometer vor Mizhhirya kein Wasser gab. Und da kam uns schon ein Gruppe ukrainischer Schrankwanderer aus dem Donezker Gebiet entgegen, also dem ukrainischen Flachland. Der Gruppenleiter – leicht übergewichtig und noch dazu schwer bepackt – tropfte aus allen Poren. Zwei Jugendliche im Studentenalter fragten uns, wann sie auf Wasser stoßen würden. Ob sie die Auskunft „In 500 Metern - danach nicht mehr!“ wirklich beruhigte? Jedenfalls waren sie vom Wetter auch auf dem falschen Fuß erwischt worden.


    Endanflug auf Mizhhirya


    Marode Fußgängerbrücke über den Fluss, der den äußerst fantasievollen Namen...


    ..."Rika" trägt, was nichts anderes als "Fluss" heißt.


    Mizhhirya entpuppte sich als „Siedlung städtischen Typs“. Aber dort, wo wir Unterkünfte vermutet hätten – am ehemaligen Dorfanger – gab es keine. Openstreetmap kannte nur ein Luxushotel am Stadtrand und ein nicht auffindbares Hotel in der Innenstadt. Umso dankbarer waren wir, als wir durch Zufall ein „Hotel“-Schild an einem Haus in der Haupt-Marktgasse entdeckten. Gut, es wirkte etwas sowjetisch (der Name "Kooperator" spricht für sich), und die Betten hatten ihre besten 40 Jahre auch schon hinter sich, aber bei 13 Euro für zwei Personen konnte man nicht meckern. Jedenfalls dann nicht, wenn aus der Warmwasserleitung warmes Wasser gekommen wäre. Kam es aber nicht. Ich fragte also die Wirtin, ob ihr das bekannt ist – das war es – und ob das Warmwasser die ganze Zeit fehlen würde – das tat es.


    Retrocharmantes Hotel Kooperator.

    Das war jetzt nicht so geplant. Aber „Booking. com ist dein Freund“ (wenn auch ein ziemlich nerviger und aufdringlicher): Es kannte ein Hotel "Fortuna" am östlichen Rand der Innenstadt, nur 500 Meter entfernt, das West- und nicht nur Weltniveau versprach. Die Erkundung verlief erfolgreich: 22 Euro für ein riesiges nagelneues Zweibettzimmer.




    Jetzt galt es nur noch, die vorab entrichteten 13 Euro aus den Klauen des Hotels "Kooperator" zu befreien. Die Wirtin versuchte zwar noch, uns zu erklären, dass sie jetzt versuchen würde, ein Zimmer auf der anderen Gangseite für uns zu räumen, wo es angeblich warmes Wasser gab. Aber am Ende musste ich meinen Vortrag auf Tschechisch gar nicht in die zweite Eskalationsstufe vorantreiben, da hatten wir das Geld schon wieder in den Händen. Der Ablauf erschien irgendwie auch schon eingeübt.

    Das "Fortuna" verfügte sogar über ein anständiges Restaurant, so dass wir am Ende umdisponierten: Zwei Nächte dort, Besuch des Freilichtmuseums als Tagesausflug, und am dritten Tag von Kolochava zu Fuß weiter. Allerdings spielte der Busfahrplan nicht mit: Es gab nur noch ein Fahrtenpaar, und zwar als Teil einer Linie nach Uzhhorod: Abends nach Kolochava, morgens zurück. Aber wir fanden dann heraus, dass die einfache Fahrt mit dem Taxi über die 30km umgerechnet 12 Euro kostet. Das erschien uns ok.


    In Mizhhirya gab es nicht viel zu sehen. Bemerkenswert war allerdings das öffentliche Ganzkörper-Taufbecken vor der orthodoxen Kirche. Frau November, bekanntlich maritimer Typ, gesellte sich prompt zu einem anderen Touristenpärchen in das frische Wasser (natürlich nur bis zu den Oberschenkeln!)


    Der Busbahnhof.


    Denkmal für die in Afghanistan gefallenen Bürger aus Mizhhirya (für die Jüngeren: 1979 ist die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert, zehn Jahre später hat sie sich zum Sieger erklärt und ist Hals über Kopf abgezogen.)


    Taufbecken vor der orthodoxen Kirche



    Ein typischer Marktstand. Tomaten gab es dieses Jahr reichlich.

    Technische Daten: 11,1km in 4:25h
    Geändert von Pfad-Finder (23.09.2018 um 23:14 Uhr)
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #3
    Vorwärts in die Vergangenheit

    6. August



    Ein Reminiszenz an die Cadillac Ranch?

    Das Freilichtmuseum in Kolochava war die Reise wert. Danach wunderten wir uns nicht mehr, dass die Karpatoukraine immer Auswandererland war.


    Denkmal für die Auswanderer in Kolochava

    Zum Anfang des 20. Jahrhundert lag der Lebensstandard in den Dörfern rund 100 Jahre hinter Böhmen oder Deutschland zurück. Und es ist auch kein Wunder, dass die tschechoslowakische Zeit dort immer noch in positiver Erinnerung ist: Die Tschechen haben die Karpatoukraine zwar wirtschaftlich wie eine Kolonie behandelt, aber kulturell und sprachlich haben sie sie respektiert - anders als die Ungarn bis 1918.


    Fast alle diese Häuser sind aus dem 20. Jahrhundert.




    Auch Jagdabfälle lassensich noch nutzbringend verwerten.


    Merkwürdig unterbelichtet wird im Museum die Geschichte der Juden dargestellt. Zwar ist ein jüdisches Gasthaus auf dem Gelände aufgestellt, aber was mit den Juden nach 1938/39 geschehen ist, kam nicht vor. Das hatte für uns aber schon einige Wochen zuvor eine Ausstellung im KZ-Außenlager Jamlitz bei Lieberose (Niederlausitz) beantwortet.

    Mehr Engagement wurde den antikommunistischen Separatisten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gewidmet. Bis in die Mitte der 50er Jahre gab es in der Westukraine einen Guerillakrieg der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) und der Organisation ukrainischer Nationalisten (ONU) gegen die Sowjetherrschaft. Je nach Standpunkt werden die Kämpfer entweder als Faschisten angesehen, weil ihre Gründung 1942 von den Nazis unterstützt wurde, oder als Freiheitskämpfer und Vorväter der unabhängigen Ukraine. Im Museum gibt es einen Gedenkraum für Michaylo Shtayer, einen UPA-Führer aus der Region.


    In der rechten Bildhälfte ist eine Art Trophäenwand für "Tschekisten [=sowjetische Geheimdienstler], die durch ONU und UPA starben" zu sehen.

    Eigentlich ist das „Museum“ aber eine Sammlung von Museen. Auf dem Gelände selbst befindet sich noch das Schmalspurbahnmuseum, wo es auch ein Wiedersehen mit Erzeugnissen des deutschen Maschinenbaus gab: Zum Beispiel wurde die Dampflok Anfang der 50er Jahre als Reparationsleistung speziell für die Sowjetunion vom Lokomotivwerk in Babelsberg hergestellt.


    Ein Holztransportwagen wiederum wurde 1949 vom Waggonbau Weimar hergestellt, ebenfalls als Reparationsleistung.



    Das ist ein Krankenwagen, wirklich!


    Ruhm und Ehre der Sowjetunion und ihren Motortriebwagen...

    Etwas außerhalb befindet sich das Museum für die Arpad-Linie, die das faschistische Horthy-Ungarn in den 40er Jahren errichten ließ, um die vorrückende Rote Armee auszubremsen. Anders als die Tschechoslowakei oder Frankreich setzten die Ungarn auf Klasse statt Masse und sicherten nur neuralgische Punkte, um so den Gegner zum Ausweichen über die Berge zu zwingen. Der ließ sich auf das Spiel aber gar nicht ein und umging die Karpaten.

    Das Museum, untergebracht in einem Bunkerrest, war eigentlich eher eine Sammlung von Dachbodenfunden. Unser Führer, Wassili Michailowitsch, fragte mich erstmal, welche der zahlreichen Feldflaschen der Wehrmacht zuzuordnen war. Er war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Dabei hatte ich nur überlegt, was der Ausrüstung von Bundeswehr und NVA am ähnlichsten kam.


    Ein Funkgerät sowjetischer Fallschirmagenten aus dem 2. Weltkrieg.

    Als wir den Bunker wieder verließen, hatte eine Gruppe von Schulkindern oberhalb ein zünftiges Lagerfeuer entfacht – direkt am Waldrand.


    Weitere ausgelagerte Teile des Museums sind die tschechische Schule (nicht tschechoslowakische!) und die sowjetische Schule. Den rund 5000 Lehrerinnen und Lehrern, die in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Zentralukraine in die Karpaten versetzt wurde, ist ein Denkmal im Schulgarten gewidmet. Die Kinder von Golzow hätten sich bestimmt wie zu Hause gefühlt.


    Die tschechische Schule


    Die sowjetische Schule

    Für die Rückfahrt kaperten wir ein Kleintransporter-Taxi aus Mizhhirya, das gerade Einkäufe aus einem Baumarkt nach Kolochava gebracht hatte. Deswegen kamen wir sogar für 7 EUR zurück, obwohl wir einige Zeit hinter Kühen herzuckeln mussten, die sich durch Kraftfahrzeuge nicht aus der Ruhe bringen ließen.

    Geändert von Pfad-Finder (23.09.2018 um 22:52 Uhr)
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #4
    7. August

    Schlafende Hunde bellen nicht


    Der Karpatoukrainer an sich scheint eher Spätaufsteher zu sein und unterscheidet sich damit deutlich von den Tschechoslowaken. Es ist ganz normal, dass Hotels Frühstück erst ab 9 Uhr anbieten. So lange wollten wir aber nicht warten und begaben uns schon um halb acht zum Busbahnhof, um von dort mit dem Taxi erneut nach Kolochava zu fahren. In der Marktgasse herrschte noch absolute Ruhe, nur einige wenige Händler bauten schon ihre Stände auf. Am Busbahnhof lagen die Streuner noch im Tiefschlaf auf dem warmen Boden und ließen sich von uns auch nicht irritieren.



    Unser Plan war ziemlich simpel: Durch einen Seitenarm von Kolochava zum Pass, der wie fast alle Pässe „Pryslop“ oder „Pryslip“ heißt, und dann auf der Nebenstraße locker durch Nimetska und Ruska Mokra nach Ust-Chorna. Die Realität war aufregender: Der gelb markierte Aufstieg führte nämlich erst einmal durch ein Bachbett, das früher einmal ein Fahrweg gewesen sein mag.



    Der Weg hatte aber den Vorteil, dass er anders als die (übrigens nicht asphaltierte) Straße im Schatten des Waldes verlief und erst kurz vor dem Pass wieder in diese einmündete.

    Auf der Passhöhe erwartete uns eine überdimensionierte touristische Infrastruktur aus einem Dutzend Picknickgruppen beiderseits der Straße. Außer uns waren aber nur zwei polnische Mountainbiker dort. Etwas abseits hatte sich ein tschechisches Pärchen auf einer Wiese niedergelassen, sichtlich in der irrigen Annahme, dass man sie dort nicht sehen würde. Aber da sie mit Hund unterwegs waren und ihn mit „Nech toho!“ („Lass das!“) und „Pojd' sem“ („Komm her“) herumkommandieren mussten, blieben sie nicht verborgen.




    Welcher Schmetterling macht hier blau?

    Auf Serpentinen ging es nun bergab ins Einzuggebiet der Schwarzen Theiß/Chorna Tisa. Die Befürchtung, dass uns Autoverkehr nerven könnte, war gegenstandslos. Die grobe Schotterpiste schreckte wirksam ab. Deswegen war eine kleine Herde Kühe ziemlich überrascht, als wir um die Ecke kamen. Aber diese halbwilden Rinder waren weitaus geländegängiger als man es ihren deutschen Artgenossen zutraut. Ruckzuck krabbelten sie den steilen Hang ins Unterholz oberhalb der Straße hoch.


    Außerdem querten wir die große Ost-West-Gasleitung.



    An der Einmündung in die "Hauptstraße" stand nicht nur ein Kontrollpunkt der Forstverwaltung, der die Zufahrt zu einem mitten im Naturpark gelegenen Hotel regulierte, sondern auch ein "Kafe" - mitten im Nichts. Ein "Kafe" sollte nicht mit einem Café verwechselt werden, denn es ist eher eine Kneipe. Wir nutzten das natürlich sofort für eine Erfrischung. Im Gegensatz zum ersten Eindruck herrschte reger Kundenverkehr. Vor allem Ausflügler aus dem nahegelegenen Nimetska Mokra (Deutsch Mokra) kehrten ein.



    Stillleben am Wegesrand.


    Breitband- und Recycling-Offensive gehen Hand in Hand.

    Das Straßendorf Nimetska Mokra hieß zur sowjetischen Zeit Komsomolzk, was aber keine sichtbaren Spuren hinterlassen hat. Es war das erste Dorf, dem wir einhellig die Note „picobello“ erteilt haben: Praktisch kein Müll in der Landschaft, gepflegte Gärten und eine ziemlich frisch asphaltierte Straße. Deutsch Mokra hieß das Dorf, weil sich dort im 18. Jahrhundert Auswanderer aus dem Salzkammergut niederließen. Außer einer neuzeitlichen Gedenktafel haben wir aber keine deutschen Relikte mehr gefunden.








    Das flussabwärts gelegene Ruska Mokra war deutlich schäbiger, und die entweder fehlende oder völlig marode Asphaltdecke trug auch nicht zu einer Verbesserung des Gesamteindrucks bei. Die Verkehrsberuhigung erlaubte es aber, Pferde und Rinder unbeaufsichtigt im Straßenraum herumstreunen zu lassen. Der ukrainische Autofahrer fährt nämlich immer so schnell, wie es der Straßenzustand erlaubt.





    In Ust-Chorna kehrten wir im Hotel Borkut ein. Unser Versuch, unsere rudimentären Ukrainisch-Kenntnisse auszuprobieren, wurden im Keim erstickt. "Sprechen Sie Tschechisch?", hieß es nur knapp, und dann wurde auf Tschechisch verhandelt. Wanderer+westliche Ausrüstung=Tschechen.

    Beim Abendessen in Ust-Chorna begegneten wir dann aber doch einer Gruppe polnischer Studenten. Sie waren aus der Richtung gekommen, in die wir am nächsten Tag aufbrechen wollten, und verrieten uns, wo wir auf halber Höhe Wasser nachtanken konnten.


    Ust-Chorna, Kulturhauptdorf Europas 1918?


    Vorsicht, Schaf bremsen!


    25,9km in 8:35h


    Auf dem Trockenen II

    8. August

    Erste Aufgabe war es, einen Bunker der Arpad-Linie zu finden. Das gelang ohne Probleme, auch wenn die zivile Nachnutzung den Bunker kaum noch als solchen erkennen ließ.



    In einem angenehm kühlen Wald ging es dann zügig bergauf. Bei der ersten Trinkpause konnten wir zwei Jungeidechsen mit unbeschränkter Haftung beobachten, die an einem Baumstamm herumliefen. "Totholz ist Lebensraum", heißt es auf einer weit verbreiteten Informationstafel der deutschen Forstverwaltung. "Totholz ist Turngerät" wäre aber auch nicht falsch.




    Ein typischer Hirtenunterstand.


    Schwalbenschwanz

    An einem Sattel etwa 500m nördlich der Stohy (1378m) fanden wir die versprochene Quelle, mit wirklich vertrauenswürdigem Wasser. Vertrauenswürdiger jedenfalls als ein Teil des Wassers, das ich mir im Hotel abgefüllt hatte: Während das Wasser aus dem Waschbecken ok zu sein schien, hatte ich eine PET-Flasche unter der Dusche befüllt, weil sie nicht unter den Wasserhahn passte. Dieses Wasser war bei näherer Betrachtung voll obskurer Schwebstoffe. Zwei Wasserkreisläufe? Abwegig ist das nicht. "Leitungswasser" heißt in der Karpatoukraine außerhalb geschlossener Ortschaften, dass eine Leitung bis zum nächsten Bergbach führt.

    Bald waren wir wieder über der Baumgrenze und ich über meiner Temperatur-Komfortgrenze. Ein Siesta-Nickerchen auf der Shpanska zur Mittagspause wurde aber prompt mit Sonnenbrand an den bisher noch ungebratenen Oberschenkeln geahndet.








    Höhepunkt des Tages war die Tempa (1634m). Irgendwie desillusionierend war nur, dass auf dem Gipfel schon ein Lada Niva stand. Dann rumpelte auch noch ein Beerenpflücker-Lkw vorbei, natürlich mit coolen Jugendlichen auf dem Dach und den Trittbrettern. Wenn das die Berufsgenossenschaft sieht!






    Unsere Suche nach einem Schlafplatz gestaltete sich wieder einmal aufwendiger als erwartet. Zwar hatten sich die vereinzelten Gewitterwolken wieder aufgelöst, und wir mussten also nicht vom Kamm absteigen. Aber fast alles, was eben gewesen wäre, hatten die Lkw zerfurcht. Das, was übriggeblieben war, lag entweder unangenehm nah an den Wegen oder war von Beerenpflückern vermüllt worden. Schließlich fanden wir wieder einmal einen stillgelegten Fahrweg.


    Hier hätten wir gerne übernachtet.


    Hier sind wir am Ende gelandet.

    Die "Stille" des stillgelegten Weges war relativ, denn Insekten aller Art sorgten für intensive Dauerbeschallung. Besonders die Schwebfliegen taten sich hervor. Immer neue kamen herangeflogen, beguckten das Zelt aus allen Perspektiven, sahen uns tief in die Augen und flogen weg, bevor die Kamera sauber fokussieren konnte. Insekten werden immer weniger? In der Karpatoukraine ganz sicher nicht. Verschont blieben wir erstaunlicherweise nur von Zecken.

    17,4km in 9:25h


    9. August

    Unsere letzte Nacht im Zelt endete natürlich mit besonders intensivem Morgentau. Es wäre ja auch zu spießig zu verlangen, ein trockenes Zelt einpacken zu dürfen.



    Diese Pferde konnten sich frei bewegen...


    ... und bei Bedarf auch zum Wegweiser gehen und sich am Hals schubbern.


    Mit der Geryshaska (1762m) stand aber noch der absolute "Höhepunkt" unserer Tour an. Mein ursprünglicher Plan hatte vorgesehen, bis Rakhiv zu gehen und auf dem Weg dorthin auf knapp 1900m aufzusteigen. Die wegen der Hitze reduzierte Kilometerleistung hatte uns jedoch dazu gezwungen, die Tour zu verkürzen und in Yasinia zu verenden.

    Auf der Geryshaska waren wir uns jedoch schnell einig, dass wir durch den Verzicht auf die zusätzlichen 100 Höhenmeter nichts versäumen würden. Zinken mit Aussicht hatte der Kammweg auch so genug.

    An der Geryshaska gab es im übrigen auch andere Sehenswürdigkeiten. Zum Beispiel ein (einheimisches) Wandererduo in Bundeswehr-Flecktarn, dessen Authentizität nur durch herausleuchtende blaue und weiße T-Shirt gestört wurde. Kurz darauf folgte der Taliban, den sie vielleicht gesucht hatten: Mit Trainingshose, Badelatschen, langem blaugestreiften Oberhemd und dem Kopf bis auf einen Sehschlitz in einer Palästinensertuch eingewickelt. Der Taliban bat mich dann übrigens, ein Gipfelfoto von ihm zu machen. "With your face covered?" fragte ich etwas ungläubig, erntete aber ein strenges "Yes!"

    Unterdessen war am Dogiaska-See 200 Meter unter uns ein fröhliches Touristentreiben im Gange. Alle halbe Stunde trafen zwei bis drei Gelände-Lkw mit Fahrgastkabinen ein und spuckten jeweils 20 Fahrgäste aus, die eine Stunde um den See herumspazierten, ihre Zehen darin abkühlten und dann wieder in die "Busse" einstiegen. Von zwei ukrainischen Studenten erfuhren wir, dass es angeblich Pläne gibt, rund um den Dogiaska-See ein Ferienresort zu bauen. Sie wollten sich auf jeden Fall noch ein Bild davon machen, wie es jetzt aussieht.




    Der Busse wegen war der Weg jetzt gut geschottert, so dass wir zügig vorankamen. Ins Schleudern kamen wir nur wegen des Sessellifts nach Drahobrat: Wir hatten beschlossen, uns den steilen Abstieg zu sparen. Wir konnten zwar die Bergstation auf dem Stih (1704m) sehen, aber die Sessel bewegten sich nicht. Es kamen dort auch keine Ausflügler herunter oder gingen dort hin. Andererseits waren in der Gegend soviel Ausflügler unterwegs, dass es irgendeine mechanische Unterstützung geben musste. Für zusätzliche Verwirrung sorgte ein Beerenpflücker am Fuß des Stih, der uns erzählte, dass die Bahn "natürlich" fährt. Was er meinte, erkannten wir wir erst auf halber Höhe: Den Sessellift zwei Kilometer südlich der Peremychka (1554m). Dort tummelten sich in der Tat Menschen - nämlich die Buspassagiere von und zum Dogiaska-See.

    Als wir dort ankamen, hatte sich die Schlange zum Glück soweit aufgelöst, dass wir mit unseren Schrankwänden jeweils eine Zweiergondel belegen konnten, ohne Zorn auf uns zu ziehen. Aus der Luft bekamen wir so schon einen ersten Eindruck von Drahobrat: Ein Wintersportort für Neureiche im Sommerschlaf. Wobei wegen des Lärms von Baumaschinen und Kreissägen an "Schlaf" eigentlich nicht zu denken war.



    Im ersten geöffneten Hotel wurden wir mit verschränkten Armen empfangen. Eine Nacht nur? Geht gar nicht, erklärte uns der Wirt. Mindestens zwei Nächte für je 23 Euro. Als wir uns unbeeindruckt zeigten, ging er auf 21 Euro herunter. Wir bedankten uns höflich und gingen. Die Annahme, wir könnten noch ein anderes geöffnetes Hotel im Ortszentrum finden, zerschlug sich aber.

    Erneut schlug die Stunde von Booking.com. Wir entdeckten, dass das am Ortsrand gelegene Pik Hotel ein Zweibettzimmer für 22 Euro im Angebot hatte. Vor Ort taten wir dann erstmal naiv, und es wurde dieselbe Schauspiel wie im ersten Hotel aufgeführt: Nein, mindestens zwei Nächte für 23 Euro. Dann zog ich meinen Booking-Joker. Es begann ein interessantes Herumgedruckse. Ja, im Prinzip schon...blabla ... das Zimmer sei aber bei einer anderen Buchungsplattform schon reserviert... blabla ... es gäbe natürlich noch ein anderes Zimmer, aber da müssten wir Halbpension hinzunehmen, und das wären dann 26 Euro. Ehrlicherweise war das Abendessen portionsmäßig Viertelpension, aber restaurantmäßig wäre in Drahobrat ansonsten auch nichts zu reißen gewesen.


    Das obligatorische Zeltfoto

    Vom Balkon aus beobachteten wir am Abend ein eigentümliches Schauspiel. Zwei Teenagerinnen schleudeten immer wieder mit voller Wucht ihre Handys in den Schotter vor dem Hotel. War das ein Versuch, kostenlos die Spider-App zu installieren?

    17,9km in 7:55h


    10. August

    Nach einer wunderbaren letzten Nacht mit einem unglaublichen Sternenhimmel und einem nicht weniger beeindruckenden Sonnenuntergang traten wir die letzte Etappe nach Yasinia an. "Od Jasině do Aše republika je naše" ("Von Jasinia bis Asch geht unsere Republik") hatten die tschechischen Nationalisten in der Zwischenkriegszeit gereimt. Asch im Dreiländereck Böhmen-Sachsen-Bayern hatten wir Ostern berührt, nun waren wir auf dem Weg zum "Ostpol" der historischen CSR - 811km Luftlinie entfernt.


    Sternenhimmel (bitte anklicken, um die ganze Fülle zu genießen)


    Sonnenaufgang


    Nach einigen selbstverschuldeten Schlenkern fanden wir am Ortsausgang den Wanderweg wieder, der weitgehend selbsterklärend erst durch Wald führte und dann in eine idyllische Wiesenlandschaft mit verstreuten Gehöften mündete. Interessanterweise gab es hier kaum Brom- oder Himbeersträucher, dafür aber jede Menge Haselnüsse. Die waren aber noch nicht verzehrfertig.




    Erster Blick auf Yasinia


    Historische Holzkirche am Westufer der Schwarzen Theiß (Chorna Tisa)


    Über die Schwarze Theiß


    Der Temperaturunterschied von Drahobrat (1300m) und Yasinia (650m) forderte allerdings seinen Tribut, und so schleppten wir uns mit vorletzter Kraft in den erstbesten Laden, um uns ein Eis zu genehmigen. Die letzte Kraft benötigten wir schließlich für die verbleibenden eineinhalb Kilometer zum Hotel Franc im Ortskern. Das Hotel, einen Katzenwurf vom Busbahnhof entfernt, hatten wir gleich über Booking gebucht.

    Das Franc war nicht nur das erste Hotel, wo wir mühelos auf Englisch parlieren konnten, sondern es war auch auf verkrustete Fernwanderer eingestellt. Zum Beispiel gab es eine Schüssel zum Wäschewaschen. In Yasinia kamen wir uns zum ersten Mal auch nicht wie Exoten vor. Wanderer in allen Eskalationsstufen waren dort normaler Teil des Straßenbildes.

    In der "OK Burger Bar" gönnten wir uns zum Abschluss das teuerste und auch mit das beste Abendessen der ganzen Reise für gut 10 Euro je Person. Nur an ihrer Weinkultur müssen die Ukrainer noch arbeiten: Weißwein wird grundsätzlich lau serviert, und nur manchmal gibt es ein Schälchen Eiswürfel an der Seite.

    15km in 5:20h
    Geändert von Pfad-Finder (23.09.2018 um 22:53 Uhr)
    Schutzgemeinschaft Grüne Schrankwand - "Wir nehmen nur das Nötigste mit"

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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #5
    Die unglaubliche Reise in zwei verrückten Bussen

    11. August



    Um 5:50 standen wir zusammen mit einem Dutzend anderer verfrorener Gestalten am Busbahnhof Yasinia. Der einzige, der fehlte, war noch der Bus. Drei Minuten später kam er: Hatte uns die Abfahrttafel noch einen Mercedes Sprinter versprochen, war es nun ein klappriger BAZ mit 25 Sitzplätzen, der sich auch im Heimatland des neuen BAZ-Eigentümers Tata (Indien) unauffällig ins Straßenbild eingefügt hätte. "Geteilte Windschutzscheibe" hieß in diesem Fall Risse kreuz und quer über die ganze Breite, und die Wolldecken auf der Motorabdeckung zwischen Fahrer- und Beifahrer-Platz verliehen dem ganzen zusätzlich ein Ambiente von fliegendem Teppich.

    Erstaunt stellten wir fest, dass wir so ziemlich die einzigen Fahrgäste mit Fahrkarte waren. Alle anderen zahlten bar beim Fahrer, natürlich beleglos, kamen dafür deutlich günstiger davon: Wir hatten am Schalter pro Kopf 220 Hrivna gezahlt (6 EUR), "Barzahler" kamen für dieselbe Strecke mit 150 Hrivna davon. Jeder mag nun selbst seinen Teil denken, wo wohl der Großteil dieser Einnahmen landet...


    Südlich von Rakhiv geht es bei Dilove am Mittelpunkt Europas vorbei ... oder jedenfalls einem der vielen Mittelpunkte Europas.

    Anders, als der Fahrplan nahelegte, hielt der Bus an jeder Milchkanne. Schon in Rakhiv standen die ersten Fahrgäste im Gang, und bis Mukachevo änderte sich dieses Bild nicht grundsätzlich - nur dass der Fahrer mit zunehmender Verspätung wählerischer wurde, an welchen Haltestellen er noch Passagiere aufnahm.



    Unterstützung erhielt der Fahrer von wechselnden Passagieren auf dem Beifahrerplatz. "Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen", heißt es traditionell in Deutschland. Hier war es genau andersherum: Der jeweilige Beifahrer hatte Gespräche über Gott und die Welt zu führen, und vor allem den Schimpftiraden des Fahrers über den Straßenzustand geduldig zuzuhören. Zwei dieser Beifahrer durften darüber hinaus den Fahrer beim "Cash-Management" unterstützen.



    Nach sechs Stunden Fahrt (210km) ohne nennenswerte Pausen erreichten wir endlich die Gebietshauptstadt Uzhhorod. Vorschriften über Lenk- und Ruhezeiten nach EU-Muster scheint es nicht zu geben, denn zwei Stunden später beobachteten wir unseren Fahrer, wie er nach Yasinia zurückfuhr.

    Wir beschäftigten uns da jedoch schon mit der Frage, warum unser Bus ins slowakische Humenne noch nicht in Sicht war. "Departure is 14:20 Kiev time", hatte uns die Fahrkartenverkäuferin im Busbahnhof eingehämmert. Um 14:50 wurden wir wirklich unruhig. "Roads are bad, so your bus ist late", versuchte sie uns zu beschwichtigen. Ein Fahrplan, in den die Straßenverhältnisse nicht eingepreist sind? Unwahrscheinlich. Um 15 Uhr rief ich das slowakische Busunternehmen an und fragte, wo wohl der Bus bleibt. "Alles in Ordnung. Der Bus fährt um 14:15 Uhr unserer Zeit am Marktplatz ab und um 14:20 am Busbahnhof." Ungläubig fragte ich nach. "14:20 slowakischer Zeit?" "Genau." Also nix da "Kiev time"! Uns fiel ein ganzes Geröllfeld vom Herzen. Und tatsächlich: Um 15:22 Kiev time trudelte der Bus ein - ein schicker Scania, von dessen 50 Sitzplätzen aber nur drei besetzt waren. Wie lange diese Linie wohl noch existieren wird?

    Binnen 50 Minuten passierten wir den Grenzübergang. Der Eifer des slowakischen Zöllners, der uns beide unsere Rucksäcke jeweils bis zur halben Höhe auspacken ließ, flachte stark ab, als er merkte, dass er mit mir auch netten Smalltalk auf Tschechisch führen kann.

    Mit dem Pkw würde ich die Grenzübergang Uzhhorod-Vysne Nemecke nicht passieren wollen. Die Leute in den Autos sahen nach acht Stunden Wartezeit aus, und jedes Fahrzeug wurde nach allen Regeln der Kunst gefilzt. Es war nicht alles gut in der DDR, aber die Grenzkontrolle in Helmstedt-Marienborn in den achtziger Jahren war um ein Vielfaches besser organisiert und effizienter. Auf tschechischen Webseiten wurde Stand 2011 empfohlen, Uzhhorod zu meiden und auf die ukrainisch-ungarischen Grenzübergänge auszuweichen.

    Um 16:25 erreichten wir Humenne, nur fünf Minuten verspätet. Daran war aber auschließlich ein Wolkenbruch schuld, der uns zeitweise auf 50 bis 40km/h entschleunigt hatte. Die verbliebenen drei Stunden bis zur Abfahrt des Nachtzuges nach Prag verbrachten wir mit einem Besuch in der legendären Konditorei Daisy und einem Shopping-Ausflug in den Tesco-Hypermarkt hinter dem Bahnhof.





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    Praktische Tipps:
    • Die Menschen in der Karpatoukraine sind durchaus bereit, mit Händen und Füßen zu kommunizieren. Aber die Beherrschung mindestens einer slawischen Sprache (vorzugsweise Tschechisch, Polnisch oder Russisch, für uns also "Heimspiel") macht alles sehr viel einfacher. Mit Deutsch und Englisch kommt man nicht weit.
    • Landeswährung ist die Hriwna, Kurs derzeit ca. 31 UAH=1 EUR. Sie ist voll akzeptiert, wir wurden nie nach Euro oder Dollar gefragt. "Belegloser Zahlungsverkehr" ist an der Tagesordnung, selbst in Einrichtungen mit westlichem Ambiente. Mit Ausnahme des snobistischen Wintersportortes Drahobrat und des Hotels "Kooperator" hatten wir aber nie das Gefühl, über den Tisch gezogen zu werden
    • Landkarten gibt es vor Ort praktisch nirgends. Die beste - aber bei weitem nicht fehlerfreie - Wanderkartenserie produziert der Aurius/Assa-Verlag (http://www.astur.com.ua/shop-online/atlas-and-maps.html). Wer die Gelegenheit hat, nach Prag zu fahren, kann sie in der Geobuchhandlung Kiwi (Jungmannová 23, ca. 15 Minuten Fußweg vom Hbf) zu fairen Preisen kaufen, umgerechnet 5 EUR je Karte. Für unsere Tour haben am Ende drei Kartenblätter gereicht.
    • Wegmarkierung: Die tschechischen und slowakischen Wanderverbände KCT und KST haben in den Jahren rund um 2010 Entwicklungshilfe geleistet und ihr System eingeführt. Die Markierungsqualität schwankt aber deutlich, teilweise ist über Kilometer hinweg keine Markierung zu finden. Eine sinnvolle Ergänzung ist auf jeden Fall eine Openstreetmap-Karte auf Smartphone oder Garmin. In den touristisch stärker frequentierten Regionen im Osten ist die Qualität der Markierung im Durchschnitt besser.
    • Anreise: Am schnellsten mit dem Nachtzug ab Prag bis Humenné oder Michalovce, von dort weiter mit dem Bus. Am günstigsten sind die Nachtzugfahrkarten auf der Website der slowakischen Staatsbahn ZSSK - die Fahrt im Schlafwagen-Dreierabteil kostet dann 45 Euro pro Kopf. Sinnvolle grenzüberschreitende Personenzüge zwischen der Slowakei und der Ukraine gibt es übrigens nicht mehr. Für Fußgänger und Radfahrer ist ausschließlich der Grenzübergang Ubl'a-Maly Berezny zugelassen. Der Grenzübergang Vysne Nemecke-Uzhhorod kann nur im Bus passiert werden - diese verkehren aber ab Michalovce mehrmals täglich.
    • Verkehr im Land: Über die Abenteuer mit Bussen wurde bereits berichtet. Eine umfassende verlässliche Fahrplanauskunft im Internet gibt es nicht. Für "Fernbusse" hilft häufig bus.tickets.ua, ansonsten auf gut Glück googeln. Fahrplanaushänge an den Haltestellen sind mit Ausnahme der Busbahnhöfe unüblich.
    • Eisenbahn haben wir nicht ausprobiert. Es scheint in der Karpatoukraine aber nur nur noch eine Handvoll Schlafwagen-Fernzüge Richtung Kiew/Lviv zu verkehren. Nahverkehrszüge im deutschen Sinne waren im Bahnhof Uzhhorod nicht zu erkennen.
    • Die Taxipreise sind moderat, für 30km (Mizhhirya-Kolochava) haben wir 12 Euro bezahlt. Taxameter gibt es nicht, daher vorher nach dem Preis fragen. Anschnallen gilt als uncool und ist wegen arretierter Gurte oft auch gar nicht möglich.
    Geändert von Pfad-Finder (23.09.2018 um 23:12 Uhr)
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  6. Moderator
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #6
    Freischaffende Beerenpflücker, ein Schwejk, Pipeline-Recycling und Komsomolzentümpel...fremde Welt im Osten! Danke für den mitnehmenden Bericht.
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  7. Fuchs
    Avatar von Wafer
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #7
    Hallo Pfad-Finder.

    Grandios! Der Osten hat eben immer noch ein paar Überraschungen parat. Sieht irgendwie anders aus als in den zivilisierten Regionen um uns herum. Ursprünglicher. Wie vor 50 Jahren. Aber auch nicht ganz so ordentlich. Mir hat es damals da drüben auch sehr gut gefallen! Vielen Dank für den schönen Bericht!

    Kleine Anmerkung: Könnte es sein, dass du den 3. und 4. August aus Versehen doppelt drin hast? Irgendwie kamen mir die Bilder und der Text beim zweiten Mal lesen dann doch recht bekannt vor.

    Und: Warum kommt dein GPX-Anhang nicht als Karte?

    Viele Grüße

    Wafer

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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #8
    Zitat Zitat von Wafer Beitrag anzeigen

    Kleine Anmerkung: Könnte es sein, dass du den 3. und 4. August aus Versehen doppelt drin hast? ...

    Und: Warum kommt dein GPX-Anhang nicht als Karte?
    Weil Du viel zu schnell warst.
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  9. AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #9
    Zitat Zitat von Pfad-Finder Beitrag anzeigen


    Veliky Berezny ist so groß, dass die Einwohner mit dem Auto fahren müssen, um ans Flussufer zu kommen.

    2006 habe ich mit meiner Frau eine Autotour durch die Westukraine gemacht, mit Wander-Zwischenstopps, etwa zur Hoverla. Irgendwo zwischen Uzhgorod und Moldawischer Grenze haben wir das hier aufgenommen:




    Der Vater in der einen Hand die Bierdose, in der anderen den Schwamm und das Auto gewaschen, die Kinder haben im Fluss gebadet, und die Mamme macht das Essen fertig. Da ist die Welt noch in Ordnung
    Für eine Welt ohne Pressspan

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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #10
    Tolle Tour und viel scheint sich in den letzten 20 Jahren nicht verändert zu haben,



    bis auf:

    Zitat Zitat von Pfad-Finder Beitrag anzeigen
    Wie wir später feststellten, sucht der Ukrainer an sich die Gastronomie eigentlich nur zum (Bier-) Trinken auf;
    Bier? Echt? Sind die weich geworden...

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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #11
    Oh, das nenn ich exotisch, danke, musste erst mal checken "wo isn das?" und fing in Mongolei-West an...

  12. Moderator
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #12
    Zitat Zitat von Baciu Beitrag anzeigen
    Bier? Echt? Sind die weich geworden...
    Vielleicht hat der Genosse Mineralsekretär langfristig doch Erfolg gehabt. Die Brauerei Chernihiv schreibt jedenfalls auf ihrem Etikett "Brauereitradition seit 1988". Es gibt vereinzelt sogar alkoholfreies Bier ("Chernihiv 0,0" oder "Baltika 0").

    Nachtrag: Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Zakarpattya dem westslawischen Kulturraum (CZ/SK, PL) eng verbunden ist und weniger der ostslawischen Schnapskultur.
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #13
    Hm, da mag was dran sein...

    Und was die Wasserknappheit betrifft, war's damals auch schon so, nur zum Glück gab's ja die Dorfläden...


  14. Alter Hase
    Avatar von Abt
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #14
    Habe euren Bericht mit Genuss gelesen.
    Die Bilder kommen mir irgendwie merkwürdig bekannt von anderen Orten vor.
    Erst-Tätern sofort ins Auge fallende Wahrnehmungen am Rande des Weges erwähne ich nicht mehr.

    Aber trotzdem frag ich mal, ob ihr kurzzeitig im Swidowetz in der Tourihochburg U Stepan (Daghobart) gewesen seit. Oder die Touristenburgen haben den gleichen Namen und das gleiche Aussehen.

    Der blau machende Schmetterling scheint einen Rotstich zu haben und ich tippe mal auf einen Kleinen Schillerfalter. Also eine häufigere Abart des Kleinen Schillerfalters.Der saugt gern mal Exkremente oder an Wasserstellen.
    ach ja.Ent-Wirrhilfe..http://www.butterflies.de/Deutsch/clythie.htm eingefügt

    Habt ihr in Rachiv in der Pension mit Gartenzwergkolonie übernachtet?
    habt ihr das Gorgany- Gebiet umgangen,- hab ich es überlesen oder kommt es noch später?
    Das hätte mich ja besonders interessiert.

    Gruß Abt
    Geändert von Abt (02.10.2018 um 15:38 Uhr)

  15. Vorstand
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    Alter Hase
    Avatar von Ziz
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #15
    Zitat Zitat von Pfad-Finder Beitrag anzeigen

    Sternenhimmel (bitte anklicken, um die ganze Fülle zu genießen)
    War ein guter Grund mal meinen Bildschirm von Staub zu befreien.

    Schöner Bericht!
    Wo kämen wir hin, wenn jeder sagen würde
    „Wo kämen wir hin?“
    aber niemand ginge, um zu schauen, wohin wir kämen, wenn wir gingen?

  16. Fuchs
    Avatar von Rattus
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #16
    Super interessant, Bilder wie Bericht! Die ordentlich ausgerichteten Schlafhunde zB...
    Das Leben ist schön. Von einfach war nie die Rede.

  17. Moderator
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    Avatar von Pfad-Finder
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #17
    Zitat Zitat von Abt Beitrag anzeigen
    Aber trotzdem frag ich mal, ob ihr kurzzeitig im Swidowetz in der Tourihochburg U Stepan (Daghobart) gewesen seit.
    Im U Stepana waren wir nicht. Wie gesagt, in Dagobert Drahobrat waren überhaupt nur drei-vier Unterkünfte in Betrieb.

    Der blau machende Schmetterling scheint einen Rotstich zu haben und ich tippe mal auf einen Kleinen Schillerfalter. Also eine häufigere Abart des Kleinen Schillerfalters.Der saugt gern mal Exkremente oder an Wasserstellen.
    ach ja.Ent-Wirrhilfe..http://www.butterflies.de/Deutsch/clythie.htm eingefügt
    Danke, die Richtung stimmt. Aber deutet die weiße Fleckenlandschaft nicht eher auf den Großen Schillerfalter hin?

    Habt ihr in Rachiv in der Pension mit Gartenzwergkolonie übernachtet?
    Nein, durch Rakhiv sind wird nur auf der Rückreise mit dem Bus durchgefahren.

    habt ihr das Gorgany- Gebiet umgangen,- hab ich es überlesen oder kommt es noch später?
    "Umgangen" haben wir es nicht, aber nicht erreicht. Vielleicht kommt es aber "später" im Sinne von "bei der nächsten Reise".
    Schutzgemeinschaft Grüne Schrankwand - "Wir nehmen nur das Nötigste mit"

  18. Fuchs
    Avatar von blauloke
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #18
    Ihr kommt immer weiter östlich voran, da habt ihr wieder ein gutes Stück geschafft.
    Wie stets unterhaltsam geschrieben von dir.
    Interessante Gegend die nicht so oft beschrieben wird.
    Du kannst reisen so weit du willst, dich selber nimmst du immer mit.

  19. Alter Hase
    Avatar von Abt
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #19
    Mit Gorgany wären der E8-Weg in den Waldkarpaten komplett begangen und beschrieben in Zusammenhang mit Bordertrekking.
    (Damals wusste ich nichts von dem internationalen Wegeprojekt.

    Gab es die E8 -Markierung nur mal zum Anfang an der Grenze? Oder war der Weg gar mal irgendwo als die Via Carpatica ausgewiesen???

    Jo, beim geschillerten 2.Falter hast du vielleicht recht. Beim Nachmittagstagpfauenauge um die andere Art. Ein Fall für das Insekten-Abteil.
    Geändert von Abt (03.10.2018 um 08:53 Uhr)

  20. Fuchs
    Avatar von Pfiffie
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    AW: [UA] Warum die Rachiver Reise schon in Yasinia endete

    #20
    Sehr interessanter Bericht, vielen Dank

    Grüße Maik
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