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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #21
    Mitreisende: Spartaner
    22. Juli 2018, Майский, 23km

    Der Wasserstand ist um ~10cm gestiegen und damit liegt die Uferlinie jetzt 1m näher an unserem Zelt (siehe Foto). Die ‘Berechnungen’ haben gestimmt.



    Die Essensreste von gestern Abend sind mit Mücken durchsetzt:


    Die Mücken hatten sich schon abends im Dunkeln aufs Essen gesetzt, als es noch warm war. Hat in der Dunkelheit allen geschmeckt. Mir schmecken die Reste auch heute noch.

    Kurz nach ½11 treiben wir wieder auf dem Wasser. Nach anfänglich offenen Ufern paddeln wir 17km lang durch urwüchsige Taiga-Landschaft. Die Ufer sind durchweg dicht bewachsen oder sumpfig, so dass sich die ganze Zeit über (3h) kein einziger potentieller Zeltplatz ausmachen lässt.

    Wieder viele schöne Gebirgsblicke:











    An einer einzigen Stelle können wir an einer Sandbank anlegen und machen eine kurze Badepause:


    Erst kurz vor dem Dorf Maiski, quasi bereits Ortslage, wäre eine erste schöne große Sandbank gewesen:


    Rastende Kiebitze:


    In Maiski wollen wir Einkaufen gehen. Aber wird heute am Sonntag ein Laden für uns öffnen?

    Im Dorf schauen wir uns etwas um und entdecken etliche Kuriositäten, wie man sie auf dem russischen Dorf erwarten kann. Hier zB das Wasserwerk des Dorfes:




    Es pumpt Flusswasser direkt aus dem Bargusin. Ich nehme an, es funktioniert nur in den 106 Tagen eisfreier Zeit im Jahr.

    Die Wasserleitungen sind aus immer wieder reparierten Stahlrohren und kreuz und quer auf den Wegen verlegt:


    Was machen die Leute im Winter?

    Dörte bleibt bei den Booten und wir gehen einen Laden suchen. Auf dem Weg der erste verrottete Sappo, weitere folgen auf dieser Tour. Ich habe das Gefühl, der Sappo wird auch in Russland nicht mehr geschätzt. Insgesamt liefen in den Jahren 1960–1994 über 3 Mio. dieser Gurken vom Band der Saporoschezker Autofabrik.



    Vor dem Gemeindebüro das unvermeidliche Lenindenkmal und ein Denkmal für die Soldaten, die im Großen Vaterländischen Krieg gegen die Deutschen kämpften:



    Und das, obwohl kein einziger Bewohner von Maiski aus in den Krieg zog, jedenfalls nicht in den 2. Weltkrieg (für Afghanistan würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen). Der Ort wurde nämlich erst 1961 gegründet. Damals wurden heroische Arbeitsschlachten für den Sieg des Kommunismus geschlagen. In der Nachschau wird folgendes berichtet: “Im Mai 1961 begann der Bau unseres Dorfes. So wie es in einem Lied eines lokalen Autors besungen wird: "Ein mutiges Volk kam in die graue Taiga in der Nähe von den Sporen des Grats ...". Sie waren die ersten Erbauer der zukünftigen Siedlung, ... angeführt von Iwan Illarionow. Insgesamt wurden 80 Personen im Auftrag der Zabaikaler Sägemühle hier hergeschickt. Der erste von ihnen landete mit dem Hubschrauber.

    In der undurchdringlichen Taiga wurden Zelte aufgestellt, Hütten gebaut, zu Beginn des Winters Unterstände gegraben und Bauwagen aufgestellt. Die Menschen begannen, ein Dorf am Ufer des Flusses Bargusin 500km nordöstlich der Hauptstadt Burjatiens im malerischen Barguzin-Tal zu bauen.

    Es gibt schwierige klimatische Bedingungen, starke Fröste bis -5° im Winter und +38°C im Sommer. Im Frühling gibt es oft Staubstürme. Der Sommer ist kurz, der Niederschlag ist gering. Aber trotz dieser strengen klimatischen und alltäglichen Bedingungen wuchs und entwickelte sich die junge Siedlung schnell.”

    Das mit den "-5° im Winter" muss ein Schreibfehler sein. Wahrscheinlich soll dort -50 oder -45°C stehen.

    Wieder zurück in die Jetztzeit: Neben der Gemeindeverwaltung befindet sich ein erster kleiner Laden, er ist tatsächlich geöffnet, aber da gibt es kein Bier zu kaufen. Darum ziehen wir weiter. Nach 200m der nächste Minishop, geschlossen. Nach 400m der nächste offene Laden, diesmal mit Bier, aber ohne Zigaretten. Hier füllen wir unsere Taschen wieder mit Massen an Kartoffeln, Gemüse, viel Knofel, Bier, Wodka, Wein, Brot, Kaffee und süßer Sahne fürs Sportgetränk. Später holt Andrea aus einem weiteren Laden noch Zigaretten, eine Melone und Торт НАПОЛЕОН. Ein Teil wird gleich am Flussufer im Schatten der Lärchen verspeist.



    Nach dem einstündigen Aufenthalt in Maiski paddeln wir noch weitere 5km den Bargusin hinab und finden am Ende eine sehr ausgedehnte Sandbank zur Übernachtung:


    600m entfernt liegt auf dem gegenüberliegenden Ufer ein einsames Gehöft. Alle paar Minuten klatscht irgendetwas laut ins Wasser. Sind das Biber, Riesenfische oder was? Es dauert ein Weilchen, bis es mir dämmert: es sind große Erdabbrüche am Steilufer gegenüber. Das Wasser nagt heftig am Land und wir sind gerade Zeuge von erdgeschichtlichen Veränderungen.

    Andrea hat das Zelt wieder schnell aufgebaut. Auch diesmal setzen wir einen Pegel.



    Nach dem Abendbrot mixt uns Andrea noch etwas Sportgetränk (Wodka und süße Sahne etwa 1:1), schlachten die Melone und wir verfolgen den Sonnenuntergang am Lagerfeuer.



    Es weht ein frischer Wind und wir suchen die Mützen raus (während ihr in Deutschland wahrscheinlich bei 30°C geschwitzt habt).

    Die Sonne ist hinter dem Gebirge untergegangen:




    Im Verlaufe des Abends sehen wir wieder das Wasser steigen. Könnte das diesmal kritisch werden? Ich habe da ein ungutes Gefühl, möchte aber Andrea nicht unnötig beunruhigen. So binde ich nur sicherheitshalber das Boot an den benachbarten Büschen fest, bevor wir uns schlafen legen.

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #22
    23. Juli 2018, Überschwemmung, 45km

    In der Nacht muss ich mal wieder kurz raus, und bemerke dabei, dass das Wasser bereits kurz vor dem Zelt steht. Ich kann zusehen, wie es rasch eine bereits vorhandene Fließrinne füllt. Ich berichte Andrea die Situation und dränge auf Eile. Sofort wird im Licht der Stirnlampe ein neuer Schlafplatz gesucht und auf einer kleinen bewachsenen Düne 100m entfernt gefunden. Als ich zurückkomme, ist die Fließrinne vor unserem Zelt bereits 10cm tief und füllt sich rasch weiter. Zuerst werden die Rucksäcke, die draußen auf einer übergeschlagenen Baumarktplane lagern, rübergeschleppt, dann der ganze Schlafkram aus dem Zelt in der Baumarktplane transportiert, und am Ende das zarte Zelt am Stück auf die Düne getragen. Natürlich ist das hier nicht optimal, in jede Richtung ein bisschen abschüssig, aber wir lagern hier bestimmt noch fast einen halben Meter höher als die anderen beiden Zelte.

    Roland schaut auch kurz nach den beiden Janas und zieht sie ein Stück höher. Bei meinem Ally vertraue ich auf die Halteleinen. Nachdem alles wieder an seinem Platz ist, können wir weiterschlafen.

    Am nächsten Morgen hat sich die Welt um uns verändert. Die beiden anderen wurden vom Wasser zwar nicht erreicht, aber viel fehlte da auch nicht mehr.

    Hier zB der Blick auf die Fließrinne vor dem ehemaligen Zeltplatz. Das Wasser fließt jetzt langsam und ist ~30cm tief:


    Der Platz vor dem Busch, wo unser Zelt stand, ist vollständig abgesoffen, das Boot liegt dagegen noch auf Land:


    Dieses Bild kann man direkt mit dem Zeltplatzbild vom Vorabend vergleichen:




    Die anderen beiden Boote liegen zum Teil schon wieder im Wasser:


    Aber viel fehlt auch hier nicht mehr, dann wäre es geschwommen:


    Zum Glück ist alles gut gelaufen, keine Verluste, nichts fehlt, nichts nass geworden. Wieder so ein "Mikroabenteuer".

    Bald gibt es Kaffee:


    Start kurz vor 11 Uhr. Die ersten 7km ist der Fluss schmal, stellenweise nur 50 - 70m breit. Mit ø9km/h geht es flott voran. Bestes Sommerwetter, die Berge in der Ferne liegen im Dunst:




    800m hinter dem Weiler Угнасай legen wir ¼h Badepause ein.

    Auch heute fällt uns wieder auf, dass es über viele Kilometer hinweg keinerlei Zeltmöglichkeit gegeben hätte. Die Ufer sind mit dichtem Wald bewachsen oder sumpfig:




    Selbst für kurze Pausen findet sich kaum ein Plätzchen. Hier zB haben wir es probiert. Es sieht aus wie eine saftige Wiese, aber man stapft durch Wasser:


    Unzugängliche Ufer:


    Hier versuchen wir an der Einmündung eines Nebenarms unser Glück. Tatsächlich finden wir eine alte Feuerstelle, dennoch, für mehr als eine Pullerpause taugt dieser Platz heute nicht:


    Also weiter. Das Satellitenbild zeigt ein paar verheißungsvolle Stellen 4 - 5km voraus. Hier streift der Bargusin links eine höhere Landmasse, hier müsste sich auch trockenes Land finden und Fahrspuren runter zum Ufer sind auch zu erkennen.



    Immer wieder hübsch mit dem Hochgebirge im Hintergrund:




    Dieser langgezogene Prallhang bietet nur an den Enden jeweils einen Zugang. Die waagerechte Linie oben am Hang ist übrigens kein Weg, wie ich zuerst dachte, sondern rein natürlich, irgendein festeres Material:


    Gleich hinter der nächsten Kurve zweigt nach links ein kleinerer Nebenarm ab, und an dem kommt der nächste große Steilhang:


    Hier kann ich mir endlich mal kurz die Beine vertreten und schaue mir die Sache von oben an:


    Schöne Blicke quer über das gesamte Bargusintal:




    Und hier habe ich auch mal an den Farben gespielt:


    Wie bekommt ihr den Himmel immer so schön himmelblau? Meiner ist eher noch bleigrau. Ansonsten zeige ich die Bilder hier meistens so wie sie aus der Kamera kommen, höchstens noch im Format beschnitten.

    Der trockene Steppenhang ist von Blumen übersät.


    Auch hier ist die Erosion aktiv bei der Sache, ständig klatschen größere Sandmassen ins Wasser.





    Nach 2½km verlassen wir den Nebenarm und gelangen wieder auf den Hauptstrom.



    Schon bei den Steilufern und auch hier sehen wir uns 5 verschiedene potentielle Zeltplätze an (Dörte hat Hunger!), finden aber nichts perfektes.

    Eine auf dem Luftbild gut geeignete Stelle war eine Zufahrt von Land aus. Der hohe Wasserstand lässt uns in der Fahrspur noch einige Meter ins Land paddeln. Das flache Wasser hier hat sich in der Sonne gut aufgewärmt, bestimmt 30°C, perfekt für Warmduscher wie mich.

    Leider ist der Platz bereits besetzt. Normalerweise lassen wir uns davon nicht unbedingt abschrecken, die Leute gehen ja abends wieder, aber hier ist das anders. Wir hören das Paar in den 30ern schon von weitem keifen. Sie hat nämlich die ganze Zeit mit aller Gewalt, Schlägen und den wüstesten Beschimpfungen ihren Lover zu einem Schäferstündchen “überreden” wollen. Beide sind bereits sehr gut abgefüllt, und er ist nun schon zu besoffen, um wie vom Weibe gewünscht tätig zu werden, lag nur noch apathisch herum. Und nun platzen wir da rein. Als wir bei ihnen anlegen, richtet sich der Zorn des Weibes gegen uns. Auch wir werden unflätig beschimpft, die russische Sprache ist sehr reich auf diesem Gebiet, und Roland bekommt Angst um unsere körperliche Unversehrtheit. Hängen geblieben ist bei mir nur das Wort “Romantika”, sie beschwerte sich, dass wir ihr hier die Romantik stören. “Romantika” - eingebettet in eine Schimpfkanonade! Schwierig, da nicht zu lachen.

    Jedenfalls wollen wir das junge Glück nicht länger stören, verlassen den ansonsten richtig guten Platz und suchen weiter.

    4km weiter, nach 45 Tages-Kilometern, ist es dann aber endlich soweit, wir legen 18 Uhr an der Uferwiese am Dorf Сахули an und schlagen unser Lager auf. Hier in Russland stört sich normalerweise niemand an Campern am Dorfrand. 150m sind es bis zu den nächsten Häusern. Die Wiese ist kurzrasig abgefressen von Rindern und Pferden, Holz gibt es im Wäldchen nebenan, sogar Mülltonnen liegen am Ufer, ein fast perfekter Campingplatz.





    Ein paar Meter weiter gab es mal eine Brücke. Deren Reste fangen heute Treibholz aus dem Fluss und bilden eine fast durchgehende Barriere:


    Solche Japanischen Laubfrösche (Hyla japonica) hüpfen am Lagerplatz massenhaft auf der Wiese herum:


    Wo wir nun schon mal so nah am Dorf zelten, möchte ich auch dessen Vorteile nutzen. Der erste von unseren 2 Kameraakkus war bereits leer und so gehe ich mit Akku und Ladegerät zum nächsten Haus auf der Suche nach Strom (die Kamera ist leider noch kein USB-ladefähiges Modell, sonst hätte natürlich das Solarmodul alles geladen). Vom Fluss her kommend muss ich über einen Zaun springen und komme über den Garten zum Haus. Der kläffende Hund bleibt zum Glück auf Abstand. Das hätte ich wohl nicht gemacht, hätte ich nicht vorher einen Burjaten mit Angel genau diesen Weg nehmen sehen. Auf mein Klopfen öffnet eine junge Mutter, Burjatin, und ich stelle mich vor. Sie versteht meine Erläuterungen (überwiegend Zeichensprache) und steckt das Ladegerät an die Steckdose. Morgen früh kann ich ihn wieder abholen.
    Geändert von Spartaner (16.11.2018 um 11:39 Uhr)

  3. Erfahren
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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #23
    Ein klasse Bericht!
    Es ist für mich immer interessant über Russland aus der europäischen Sichtweise zu lesen

  4. Dauerbesucher
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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #24
    24. Juli 2018, Sachuli - Mogoito - Kurumkan, 21km

    Nach dem Frühstück springe ich wieder über den Zaun zur freundlichen Burjatin, hole den aufgeladenen Akku ab, und lasse eine Tafel Schokolade “для детей” da:


    Um 10 sind wir auf dem Wasser und lassen uns durch die Baumsperre an der ehemaligen Brücke treiben. Blick zurück auf Sachuli:


    Nach 1h legen wir die erste Badepause ein:


    So wollten wir ja nicht am Dorf rumspazieren:


    Anschließend geht es eine ½h weiter bis nach Mogoito/Могойто:






    Der Ort liegt wieder sehr dicht am Wasser, also ideal zum Einkaufen. Roland lässt sich im Schatten eines Schrott-Mähdreschers nieder und behält die Boote eim Blick:


    Wieder ein toter Sappo: :-(


    Ich schnalle mir Dörtes Bootsrucksack auf den Rücken, und los gehts.


    Natürlich wissen wir nie, wie weit es bis zu einem geeigneten Laden sein wird. Aber hier klärt sich das schnell. Wir brauchen nur 220m bis zur ersten Straßenkreuzung hochzulaufen, da finden wir einen Laden. Genau wie die Minishops und Denkmäler in Maiski wird auch dieser Laden bald in der OSM zu finden sein.

    Innen ist es relativ beengt. Große Säcke mit Mehl, Zucker, Salz, Buchweizen und was man sonst noch so braucht stehen an den Wänden. Wir arbeiten unsere lange Liste ab und bekommen hier wirklich fast alles was wir wollen:


    Die Verkäuferin rechnet Multiplikationsaufgaben mit dem Taschenrechner, und summiert alle Einzelposten auf dem Абак, dem Abakus, wie er hierzulande noch in fast allen kleinen Läden zu finden ist:


    Zum Schluss gönnen wir uns noch jeder ein Eis. Den vor allem mit Unmengen Getränken gefüllten Rucksack schleppe ich wieder nach unten zu den Booten. Es ist deshalb so viel, weil wir jetzt mit der Verpflegung bis Хилгана durchkommen müssen, also rund 100km durch den Sumpf.

    Einkaufen und den Einkauf verladen dauert 1¼h, dann legen wir wieder ab:


    Rückblick auf Mogoito:




    Unterwegs legen wir noch mal eine Badepause ein und kochen eine Brühe auf dem Künzi. Es ist sehr warm, das Künziholz trocken und es dauert nur wenige Minuten, bis das Wasser kocht.

    Kurze Zeit darauf drängt Dörte wieder, endgültig einen Lagerplatz zu suchen und Feierabend zu machen. Wieder schauen wir uns einige suboptimale Plätze in der Wildnis an, bis wir am Ende gegen 16 Uhr im Stadtpark von Kurumkan landen. Hier sind wir zwar nicht alleine, etliche Leute sind Baden, aber die Wiese ist wieder kurzgefressen, Mücken gibt es kaum, und neue Sitzgelegenheiten und Tisch bieten etwas zusätzlichen Komfort:






    In der Dämmerung sind Richtung Westen wieder die wild gezackten Bergkämme des Bargusin-Gebirges hinter Kurumkan zu sehen (während sie tagsüber im Dunst kaum noch erkennbar waren):

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #25
    25. Juli 2018, Kurumkan - ОТФ Унэгэтэй, 26km

    ¾10 Start, gleich darauf passieren wir eine Holzbrücke, die von Kurumkan über den Bargusin in den Sumpf führt, der hier in der Nähe der Rayon-Hauptstadt häufiger landwirtschaftlich genutzt wird. Dennoch, die Landschaft sieht überwiegend sehr natürlich aus, man sieht nicht viel von den Weiden und diese sind heutzutage auch nur gering genutzt.

    Die ganze Zeit haben wir diese phantastische Bergwelt zur Rechten:


    Der Dunst lässt sich mit Bildbearbeitung etwas lichten:


    Nach 1h die obligatorische Badepause. Hier werden wir wohl doch mal nackt beobachtet, wir hören im Hintergrund ein paar Leute kichern.

    Im weiteren Verlauf paddeln wir mehrfach ganz eigenartige Abkürzungen, die mehr oder weniger geradlinig die Innenkurven mancher Mäander durchziehen:


    Ich habe mich gefragt, ob das natürlich ist, oder von Menschenhand gemacht wurde. Ich kannte nämlich solche Abkürzungen schon aus den Stochid-Sümpfen. Dort war ich mir eigentlich sicher, dass das ein menschliches Werk war. Aber jetzt sehe ich solche Abkürzungen zB auch mitten im Pantanal, wo ganz sicher niemand gebaggert hat. Auch sehen die Abkürzungen dort genauso aus wie hier, so dass ich jetzt der Überzeugung bin, sie sind natürlich entstanden.

    Die Abkürzungen sind oft schmale Kanäle, und sind eine schöne spannende Abwechslung. Oft fühlt man sich dort wie im Dschungel:


    Man kann mal den breiten Fluss verlassen, und weiß nicht, ob man denn auch wirklich durchkommt. Manche der Abkürzungen sind, bereits von außen sichtbar, durch gefallene Uferbäume unpassierbar. Die versuchen wir gar nicht erst.

    Großer Horst. Schwarzstorch? Seeadler?:


    Hier das einzige Zeichen der vergangenen Zeit, als noch vereinzelt Schiffe bis Kurumkan fuhren:

    Heute nur noch verlassener Schrott am Ufer.



    Im Tagesverlauf ziehen aus West vom Baikal her kommend immer mehr Wolken auf:

    Auch dieses Foto wurde manipuliert, um den Dunst zu schwächen. Das ist sicherlich der Staub aus der Gobi. Von Waldbränden dieses Jahr habe ich noch nichts gehört.

    Nach 26km, so gegen ½3 machen wir Schluss für heute. Mir ist das eigentlich wieder viel zu früh, aber was kann man machen, wenn vereinzelte Mitpaddlerinnen der Hunger quält und die Angst, auf den nächsten Kilometern im Sumpf keinen Rastplatz mehr zu finden?

    Wir landen an einem kleinen Pappel-Hain, der leicht erhöht auf einer flachen Sandinsel im Sumpf steht. Ringsherum Sümpfe, auf der Wiese nebenan steht Wasser. 250m südöstlich liegt eine Farm, auf der gearbeitet wird. Ein kleiner alter Traktor schneidet Gras und wendet Heu. Auf den alten sowjetischen Militärkarten steht hier ОТФ Унэгэтэй. OTF steht für овцеводческая товарная ферма, also eine Schaffarm.

    Die Uferkante liegt nur wenige cm über dem Wasserspiegel. Dort stehen unsere Zelte. Wir hoffen natürlich, dass das Wasser nicht wieder anfängt zu steigen.



    Wir dösen erst mal eine wenig, ich koche eine Brühe. Dann meint Roland ½6 plötzlich beim Blick auf den Himmel, in einer ¼h wird es wohl anfangen zu regnen.



    Damit sollte er recht behalten. Der Wind wird immer heftiger. Zwischen den Bäumen auf dem erhöhten Bereich spanne ich mit Dörte in Windeseile das Tarp, während Roland sein Zelt sichert. Dann geht es auch schon los. Ein heftiger Sturm rauscht über uns hinweg, vielleicht eine ½h lang, es pladdert kräftig.

    Diesmal hat sich das Tarp tatsächlich mal gelohnt. Allerdings müssen wir es noch extra sichern, damit es nicht zerschlägt. Es blitzt und donnert.

    Um 7 Uhr abends ist das gröbste durch. Wilddramatisch sieht es noch da drüben in den Bergen aus:




    Als wir danach wieder unterm Tarp zusammensitzen, die Sonne lässt kurz einen Regenbogen aufleuchten, erreicht Andrea eine Nachricht aus Deutschland: sie ist Oma geworden. Andrea ist außer sich, glücklich, kriegt sich kaum wieder ein, und spendiert extra-Runden Wodka. Auf August, 55cm, 3800g, muss angestoßen werden. Auf diese Nachricht hat sie bereits die ganzen letzten Tage gelauert.
    Geändert von Spartaner (19.09.2018 um 18:19 Uhr)

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    #26
    26. Juli 2018, Унэгэтэй - Элэсун, 28km

    In der Nacht und am Morgen regnet es. Mehrfach müssen wir Wasser aus dem Zeltinneren wegwischen und aufpassen, dass es nirgends auf die Schlafsäcke tropft. Das Zelt, ein MSR Freelite 3, entäuscht uns etwas. Der Stoff wird im Regen sehr schlaff, muss nachgespannt werden, und wenn das nicht perfekt klappt, dann liegen Teile des Außenzeltes auf dem Meshgewebe auf und es tropft durch. Ob es nun tatsächlich undicht ist, oder ob so viel Kondenswasser anfällt, das lässt sich schwer entscheiden.



    Vormittags hört der Regen auf. Blick vom Zelt zum Bargusin-Gebirge:


    Kurz vor 11 starten wir aufs Wasser. Es nieselt zwar immer wieder mal weiter, aber nichts dramatisches. Vor den Bergen hängen hübsche Wolkenformationen:


    Kormorankolonie:


    ½3 gelangen wir an die Mündung der Argada in den Bargusin. Hier schrammt der Fluss wieder am Festland und hat 50 - 70m hohe Steilhänge abgegraben:


    Die Gelegenheit nutze ich wieder und schaue mir die Landschaft von oben an. Tolle Blicke auf den Sumpf, der hier durch den Sander von Osten her ziemlich stark eingeengt wird:






    Schön sieht man die verschiedenen Arme des Bargusin mäandrieren, die Argada, dazu das Gebirge gegenüber, einfach eine tolle Landschaft. Und alles so frischgrün! Selbst die Steppenvegetation hier an den Trockenhängen ist nicht braun verdorrt, sondern ebenfalls frisches grünes Gras, wenn auch nicht sehr dicht stehend.

    Ab und zu lässt sich jetzt auch mal die Sonne sehen:


    Gegen 4 Uhr landen wir an und beziehen Lager am Rande der Steppe. Der Vorteil genau dieser Stelle ist eine Baumgruppe, die dem Tarp Halt geben soll und Holz liefert. In der Steppe sieht es ja ansonsten recht mau aus mit Feuerholz.

    Das Zelt bauen wir recht exponiert auf, so dass der Wind uns die Mücken auf Abstand hält:




    Zum Abendbrot gibt es diesmal Kascha aus Греча, Buchweizengrütze, dazu Gemüse und Hühnchen aus der Dose. Dieses unter Russen früher weitverbreitete Nahrungsmittel hat eine enorme Quellfähigkeit, und schmeckt eigentlich auch ganz gut. Eine Hand voll Buchweizen füllt am Ende einen großen Topf.





    Schon während des Essens frischt der Wind auf und erreicht später in der Nacht wieder Sturmstärke. Aber entgegen meiner Hoffnung ist das nicht nur eine kurze Sturmfront, die schnell durchzieht, sondern der Wind hält an, und wird dabei immer stärker. Ich vermute schon, das ist ein umgedrehter Bargusin-Wind. Also einer, der in die “falsche” Richtung bläst. Der richtige Bargusin, der Wind, der in dem berühmten Baikal-Lied besungen wird, bläst aus dem Bargusin-Tal raus auf den Baikal-See. Ähnlich wie die Adriatische Bora oder der französische Mistral ist er ein typischer Fallwind, der Orkanstärke erreichen kann.
    Aber vielleicht ist es hier bei uns auch gar kein katabatischer Wind, ich kann mich jedenfalls nicht an besondere Kälte erinnern, sondern ein Föhnwind. Könnte hinkommen; die Regenwolken werden vom Baikal kommend über das Bargusingebirge gedrückt, regnen an der Baikalseite ab und bei uns hinter dem Gebirge kommt der Föhn an. Vielleicht kann ja jemand mit Fachkenntnis an den Wolken erkennen, ob das stimmt? (siehe erstes Bild vom nächsten Tag)

    Vor dem Schlafengehen legen wir den Ally dicht an Rolands Möhre, so dass die Boote nicht so leicht von Windböen davongetragen werden können. In Lettland an der Gauja ist mir genau so etwas schon mal passiert …
    Geändert von Spartaner (20.09.2018 um 21:17 Uhr)

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    #27
    27. Juli 2018, windiger Ruhetag

    Die ganze Nacht bläst der Sturm und drückt die Luv-Seite des Zeltes in den Böen runter bis auf die Schlafsäcke. Ich befürchte den baldigen Gestängebruch und halte von innen dagegen. Natürlich haben wir gehofft, das endet bald, aber diese Hoffnung wurde enttäuscht. Erst als die Sonne wieder aufging, entschließen wir uns umzuziehen. Dabei entstanden diese Fotos (auf denen man eventuell Föhnwolken erkennen kann?):


    So wurde das Zelt immer wieder eingedrückt (wobei ich im Foto keine Extremsituation erwischt habe):


    Phantastisches Licht zu diesem Zeitpunkt, und ungewöhnlich klare Sicht im Vergleich zu den Vortagen:


    Das Zelt bauen wir schließlich inmitten der Büsche hinter der Baumgruppe auf, und haben dort tatsächlich spürbaren Windschutz:


    Endlich können auch wir noch 2 Stündchen ruhig schlafen, bevor uns die Sonne aus dem Zelt heizt.

    Da der Wind weiter anhält und uns auf dem Fluss direkt entgegen blasen würde, legen wir heute einen Ruhetag ein. Davon gibt es nicht allzuviele Bilder, und die die es gibt, drehen sich hauptsächlich ums Essen:

    Zum Frühstück gibt es aufgewärmten Kascha:




    Nachmittags bekommen wir Besuch von einer Herde neugieriger Steppentiere:


    Die Boote werden genauestens und sehr vorsichtig olfaktorisch und gustatorisch analysiert, und ich muss aufpassen, dass nicht noch eine auf die Idee kommt, darin eine Toilette zu erkennen. Die Rinder haben zwar idR nicht so große Euter wie unsere, aber scheinen mir im Geiste viel heller zu sein.

    Abendbrot:




    Da er hier überall reichlich wächst, kommt ab jetzt an jede Kartoffelmahlzeit ein gehöriger Schuss frischer wilder sibirischer Thymian:

    Davon gibt es hier im Gebiet ca. 15 Arten.

    Fertig:


    Abends um 8 zeigt sich noch eine andere Herde Steppentiere:


    Die Rinder wie die Pferde laufen idR alle den ganzen Tag frei herum, ohne Hirten, und die Rinder gehen abends auch wieder alleine in den heimischen Stall (die Pferde bleiben in der Steppe und leben zumindest den ganzen Sommer halbwild).
    Die haben wirklich ein gutes Leben dort. Den Pferden sieht man besonders an, dass sie sich wohlfühlen und manchmal nicht hinwissen mit ihrer Kraft. Dann tollen sie ungestüm herum, oder fallen mal eine Runde in Galopp.

    Roland hat sein Hilleberg Soulo im Verlauf des Tages auch umgestellt. Nur Dörte brauchte nichts zu machen, ihre Panzerkonstruktion ist sogar im Sturm noch leise. Und Andrea hadert den Rest der Reise mit der Zeltwahl. Sie hätte jetzt lieber ihr Staika hier, das ist sturmfest.
    Aber der Wind lässt gegen Abend nach und die Nacht ist ruhig. Nun haben wir natürlich zwischen den Büschen wieder Mücken am Zelt.

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #28
    Sehr schön, das könnte mir auch gefallen.
    Nur wäre mir der Aufwand, das ganze Gerassel dorthin zu tansportieren, zu groß.
    Klar ist überhaupt nichts - aber das dafür umso deutlicher.

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    #29
    Es ist sicher nicht einfach und wohl auch nicht billig, aber vielleicht findet man ja einen Paketdienst, der den größten Teil des Gepäcks bis nach Umkhey liefert?
    Bei UPS habe ich es gerade mal probiert, bin aber gescheitert.
    Bei DHL scheint es möglich zu sein. Ein Paket 120x60x60 bis 31kg kostet 55€. Allerdings muss man wohl vorher noch zollrechtliche Fragen abklären.

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #30
    28. Juli 2018, Элэсун - Хилгана - Улюкчикан, 31km

    Heute bläst der Wind nur noch schwach aus Süd, dazu freundliches Wetter, bestens zum Paddeln. Noch am Lagerplatz:


    ½10 Start. Die ersten 9km führen uns immer noch auf dem Nebenarm des Bargusin entlang des Westrandes der Aue, der immer wieder vom Fluss angekratzt wird und schöne hohe Steilufer aufweist:


    Hohe Abbruchkanten, oben weitgehend kahle Steppe:


    Diesmal kommen uns die Steppentiere viel näher als gestern:






    Herrlich anzusehen, wenn die ganze Herde in Galopp verfällt.

    All die Spuren auf den Steppenhängen sind von den Tieren:


    Diese niedrige Brücke führt nur in den Sumpf zu den Weiden der Burjaten:


    Diese sind im Moment oft weitflächig überschwemmt:


    Seeadler:




    Die nächste Brücke gehört zu einem Weg, der die gesamte Bargusin-Aue durchquert. Der Weg verbindet Хилгана mit der Hauptstraße am Westrand des Tales:


    Gleich hinter der Brücke befindet sich ein Pegel und eine Krananlage für Durchflussmessungen.

    Diesem Bild wurde dem Dunst wieder mit Bildbearbeitung entgegengewirkt:




    Wir nähern uns Хилгана:




    An einer Stelle kann man dicht am Dorf anlanden.


    Andrea, Dörte und Roland gehen Einkaufen, ich bleibe diesmal bei den Booten. Bevor die drei losziehen, gelingt es mir noch, wieder einen Kameraakku zum Aufladen im nächsten Gehöft abzugeben.

    Хилгана:


    Privater Kartoffelacker in Хилгана:


    Хилгана scheint durchweg burjatisch besiedelt zu sein. Ansonsten haben wir nie rein burjatische Beschriftungen gefunden (Bild aus dem Dorf von Dörte):


    Am “Hafen” ist wieder wie in Maiski ein Pumpe für die Sommerwasserversorgung installiert:


    Die Weiden sind direkt am Dorf sehr kurz abgefressen, Bäume gibt es keine:


    Der Weg zum einzigen geöffneten Laden ist diesmal ziemlich weit und so dauert es eine ganze Weile, bis die 3 vom Einkaufen zurück sind. So kann ich den Kameraakku wieder fast ganz aufladen. Nach mehr als 2h paddeln wir weiter.

    Blick zurück auf Хилгана und die kahlen Weiden ringsherum:


    Blick voraus:


    Hinter Хилгана wird die Bargusin-Aue wieder viel breiter, die Engstelle in der Mitte des Tales ist vorbei. Der Bargusin verzweigt sich hier mehrfach (Map). Wir bleiben auf dem Hauptarm, der mitten durch das große Sumpfgebiet führt. Wir haben jetzt den Bereich mit dem geringsten Gefälle erreicht, der von einer Vielzahl an Flussarmen und Seen durchzogen ist.

    Schon bald beginnt Dörte wieder unruhig zu werden, sucht nach Rastplätzen, die hier im Sumpf naturgemäß selten sind und noch seltener optimale Bedingungen bieten. Zum Glück sagen mir die Satellitenbilder, dass es auch weiterhin vermutlich noch erhöhte Stellen im Sumpf gibt. Ich biete ihr zB einen Platz in 10km Entfernung (von Хилгана) an, auf dem ich 2 Gehöfte erkenne, die vermutlich bereits verlassen sind.

    Das erste dieser Gehöfte ist allerdings doch bewohnt, und da wir nicht unbedingt auf seinem Weideland direkt neben dem Haus zelten wollen, versuchen wir unser Glück beim nächsten und werden fündig:




    Hier können wir den Abend in aller Ruhe ausklingen lassen. Zwar ist der Boden mit einer dicken Schicht sehr alten Pferdemist bedeckt, aber der ist vollkommen ausgetrocknet, man riecht nichts und es schmiert nichts. Mücken halten sich in Grenzen. Nach dem Abendbrot gibt es wieder Sportgetränk und in den angrenzenden flach überschwemmten Flächen kann ich warm duschen.

    Den Ally nehme ich heute nicht aus dem Wasser, er wird nur an einem Strauch festgebunden.


    Der Dunst zieht sich abends etwas zurück und wir begeistern uns an der phantastischen Gebirgssilhouette. Hier zB mit dem Sibirischen Matterhorn links im Bild:

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #31
    29. Juli 2018, Улюкчикан - Сухая, 27km

    Wieder ein strahlender Morgen, wenig Wind, Stille in der Landschaft. Das Bargusin-Gebirge mit dem Sibirischen Matterhorn liegt heute klarer in der Sonne (und noch klarer nach Bildbearbeitung).



    Zum Frühstück gibt es Rühreier:


    Ich schaue mir das verlassene Gehöft mal genauer an.

    Sommerküche:


    Im Haupthaus:










    Nebenhütte:




    Start ¼11. Heute gleitet es sich besonders angenehm auf der spiegelglatten Wasserfläche. Ohne Wind bestimmen Insekten und Vögel die Geräuschkulisse.

    Mich begeistert das Sibirische Matterhorn. Solange es zu sehen ist, wird draufgehalten




    Das Wasser steigt hier langsam weiter an, wird aber von den weitläufigen Auen weitgehend absorbiert. Einstrom vom Bargusin über die Uferkante in die Aue, die immer höher überschwemmt wird:


    Ab und zu werden auch hier mitten in der sehr tiefliegenden sumpfigen Aue höhere Uferpartien angeschnitten, die trockene Lagerplätze bieten würden:


    Es handelt sich um jahrhundertealte Uferwälle.

    Noch mal ein Bild mit Fluss, Roland in seiner Möhre, und dem Bargusin-Gebirge. Dazu zwei Libellen im Vordergrund (Zufall):


    Nach einer Badepause erreichen wir eine Gegend mitten im Sumpf, in der mehrere bewirtschaftete Gehöfte von Viehzüchtern an den Ufern liegen. Gehalten werden vor allem Rinder und Pferde. Diese neugierigen Rinder näherten sich zuerst im Galopp:


    Hier stehen größere Landflächen unter Wasser:






    Eine große Schleife können wir über flach überschwemmte Weiden abkürzen:


    Dort steht ein einsames Pferd im Wasser:








    Beim nächsten Gehöft kommt ein Viehzüchter zu uns ins Wasser geritten, um zu erfahren, wer wir Exoten sind und was wir hier treiben. Vor allem wundert er sich, dass kein Russe dabei ist. Kurze Unterhaltung:


    Das ist sein Hof:


    Nachbarwirtschaft:




    Ein paar Kilometer weiter. Der Besitzer dieses Gehöfts sieht es nicht gerne, wenn jemand auf seinem Land pausiert:




    Als wir 350m entfernt an einer Landspitze die nächste Badepause einlegen, kommt er angeritten, aber diesmal nicht mit freundlicher Neugierde, sondern mit dem Ziel, uns barsch zu vertreiben. Nachdem er mitbekommen hatte, wer wir sind und dass wir nicht hier übernachten wollen, wurde er zugänglicher. Wir sind dann aber doch gleich weitergepaddelt.

    Roland hat die Angewohnheit, Nachmittags eine kurze “Powernapping”-Pause einzulegen. Das funktioniert bei ihm tatsächlich, eine ¼h Augen zu, und er ist wieder frisch. Und ist auch dringend nötig. Erst kürzlich ist er auf der Ostsee eingenickt und mit seinem Kajak gekentert (hat aber Glück gehabt und wurde rausgefischt).

    Sein Nickerchen hat Roland dann ein Stück weiter im Boot am Ufer liegend gemacht. Wir haben ähnlich Pause gemacht, natürlich ohne echten Schlaf. Aber immerhin konnten wir mal die Beine hochlegen und den Hintern entlasten.

    Die Hochgebirgskulisse haben wir hinter uns gelassen. Ab jetzt und auf dem weiteren Weg liegt eine vorgelagerte Mittelgebirgs-Kette zwischen uns und dem Hochgebirge:


    Die höchsten Gipfel sind ~1400m hoch. Die dem Tal zugewandten Hänge sind bis in ~1000m Höhe Steppe/Weideflächen, die auf feuchteren Arealen wie Nordhängen und Talgründen mit Waldflächen durchsetzt sind:


    Kurz vor 4 landen wir in der Nähe der Straße an. Nebenan sitzen zunächst 2 Burjaten beim Angeln. Am Abend fahren sie nach Hause. Dabei krachen sie mit ihrem Lada bergauf durch schwierigstes Gelände, nur aus Rücksicht auf uns, denn da wo wir lagern wären sie einen bequemen Fahrweg nach oben gekommen.



    Es ist noch früh am Tag, und so mache ich noch eine kleine Wanderung die naheliegenden Hügel hinauf, um das Bargusin-Tal mal wieder von oben zu sehen.

    Zuerst geht es über die 320m entfernte Hauptstraße, die die Bargusin-Senke in seiner gesamten Länge durchzieht, und auf der wir im Bus 2 Wochen zuvor nach Umchey gefahren sind. Ich sehe sogar unseren Bus leer vorbeirasen.

    Besonders viel befahren ist diese Straße nicht, aber jedes einzelne Auto macht auf diesem Schotter ziemlichen Lärm.

    Danach geht es einfach direkt den Hang hinauf. Während des Aufstiegs:


    An einem Wäldchen nach knapp 2km beende ich den Aufstieg und genieße die Sicht über das Tal. Blick von ganz oben aus 800m Höhe, 330m über dem Talboden, über die Sümpfe der Bargusin-Senke und zum Ikat-Gebirge auf der gegenüberliegenden Seite:


    Hier mit automatischer IrfanView-Bildkorrektur zur Kontrastverstärkung:

    Sicher sind diese Farben schon übertrieben stark, aber so kann man die Strukturen in der überschwemmten Aue gut erkennen.

    Die Hänge der Berge sind beweidet und bieten einer Menge verschiedener Pflanzenarten Lebensraum. Hier mal 2 Beispiele:

    Allium nutans/Sibirischer Lauch? Was mich irritiert ist, dass er feuchtigkeitsliebend sein soll. Auf diesem trockenen Hang fast nicht vorstellbar.

    Orostachys spinosa?


    Diese alte, verwitterte Abwurfstange eines Rehbocks habe ich mitgenommen:


    Ich nehme an, dass hier in Russland nicht dieses eigenartige deutsche Recht gilt, nachdem man für das Aufsammeln eines solchen abgeworfenen Geweihs als Wilddieb im Knast landen kann.

    Ich hatte versprochen, hier von den Hügeln Brennholz mitzubringen, weil es unten am Ufer keines gab. Hier oben binde ich nun ein paar kleine gut durchgetrocknete tote Lärchen und Kiefern mit einem Packgurt zusammen und ziehe das ganze ins Tal runter.

    Überhaupt stehen in den Wäldern entlang des Bargusins auffällig häufig vertrocknete tote Einzelbäume und ganze Baumbestände. Ob diese nun tatsächlich nur aus Wassermangel oder eventuell durch Waldbrände abgestorben sind, kann ich aus der Ferne schlecht erkennen. Hier scheint es eher der Wassermangel zu sein.

    Unten wartet Dörte schon sehnsüchtig auf das Holz, damit es endlich Essen gibt. Heute steht zur Abwechslung von den Kartoffeln mal wieder Kascha auf dem “Speiseplan”.

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #32
    30. Juli 2018, Сухая - Нестериха, 25km

    Der viele Kascha, der gestern übrigblieb, wird heute morgen in Form einer Süßspeise mit Obst und Rosinen angerührt und warm aufgetischt:


    Diese Ameisen hätten bestimmt gerne mitgegessen, haben aber gerade mit steigendem Wasserstand zu kämpfen:


    ¼10 starten wir aufs Wasser und passieren nach 3km den Ort Suchaja:


    Die Berge des Bargusin-Gebirges sind hier nicht mehr so hoch und schroff wie bisher, aber immer noch sehr schön anzuschauen:




    Nach 11km machen wir eine Pause. Der Fluss schlängelt sich bis hierher dicht am Auenrand und der Straße. Anschließend geht es wieder tiefer in den Sumpf.

    Gegen 12 sehen wir schon von der Ferne fette Schauer auf uns zuziehen, der Wind frischt auf:


    7x müssen wir Abwettern. Meist suchen wir hinter Uferbüschen Schutz vor Wind und peitschendem Regen:




    Aber nach einer ¼h ist es jeweils wieder vorbei und wir können ein Stück weiterpaddeln:






    Die 3 Fotos oben werden auf Abschnitten geschossen, die quer zum Wind liegen und damit öfters von Schilf und Weiden windgeschützt sind. Auf Abschnitten, die in Richtung Südwest genau im Gegenwind liegen, müssen wir kämpfen, um voranzukommen. Die beiden Kajaker haben es da etwas einfacher. Die Wellen erreichen auf kurzen Windangriffslängen Höhen von ~30cm und kommen als deutliche Dünung auch um die Kurven herum.

    Kurz vor ½4 beenden wir den Paddeltag. Heute reicht es mir auch. Kaum haben wir die Zelte aufgebaut, fauchen wieder Sturm und Schauer über uns rüber:






    Sehr gute Sicht nach dem Schauer:


    Dörte und Roland haben ihre windfesten Zelte auf der exponierten Wiese aufgebaut:


    Wir ducken uns mit unserem Leichtzelt in den Windschatten einer dichten Baumgruppe. Das war auch dringend nötig, sonst hätte es uns wieder so verblasen wie 3 Tage zuvor:


    Dieser Platz mitten im Sumpf wurde bereits von anderen Leuten genutzt. Es gibt bereits eine Feuerstelle, und zwischen den Bäumen sind Durchgänge freigeschlagen. Wo die Pferde im Schatten der Bäume standen, liegen ihre Haufen herum.

    Das Abendbrot wird unterm Tarp zubereitet:


    Dörte, die Spezialistin fürs Lagerfeuer-Entfachen unter widrigsten Bedingungen, benötigt heute 3 Versuche, ehe sie mit Birkenrinde das Feuer hinter dem Windschutz gezündet bekommt.

    Den ganzen Abend wechselt ständig der Anblick der Wolken und der Berge. Das Wetter kommt heute alles aus Richtung Baikal herangezogen. Eigentlich hatte ich nicht vermutet, dass hier fast in der Mitte des asiatischen Kontinents so viel "Wetter" ist. Bis zu den nächstgelegenen Meeren Arktischer Ozean, Ochotskisches Meer und Gelbes Meer sind es jeweils ~2000km. Bis zur Kara- und der Barentsee, woher mMn bei Westwindlagen die Tiefdruckgebiete hier herziehen, 3000 - 4000km, zum Golf von Bengalen ebenfalls ~4000km. Es sind wohl die Hochgebirge, die hier zu dermaßen abwechslungsreichen Wetter führen.

    Letztes Bild heute, Abendstimmung kurz nach Sonnenuntergang:


    Nachtrag, eine Erläuterung zum "viel Wetter", zitiert aus einer Zuschrift eines befreundeten Meteorologen: "Das mongolische Hochland mit der Wüste Gobi und die Mandschurei sind im Sommer sehr heiß (etwa wie die kasachischen Steppen und das Land an der unteren Wolga). Hier liegen dann die letzten Ausläufer des großen asiatischen Sommer-Hitzetiefs, dessen Kern sich vom Iran über Nordindien bis Zentralchina erstreckt. Die ringsum liegenden kühleren Luftmassen haben das Bestreben, in dieses Hitzetief hineinzuströmen. So funktioniert ja der indische Monsun, und auch in Südsibirien saugt das Hitzetief feuchte Tropikluft von Gelbem und Japanischem Meer ins Binnenland, und ebenso Polarluftmassen vom Arktischen Meer 5000 km weit Richtung Baikal. Die Gebirge östlich des Baikal neigen im langjährigen Mittel dazu, daß diese Luftmassen hier aufeinanderstoßen, es bildet sich eine "Polarfront" aus. Und die äußert sich in kräftigen Gewittern."
    Geändert von Spartaner (16.11.2018 um 10:14 Uhr)

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #33
    31. Juli 2018, Нестериха - Bargusin, 14km

    Der nächste Morgen ist wieder sonnig, aber der Wind weht weiter stark.



    Kurz nach ½10 paddeln wir los:


    Die hohe Dünung zeigt uns schon, dass es um die nächste Kurve herum anstrengend wird. Wieder müssen wir gegen den Gegenwind kämpfen. Während wir auf ruhigen Streckenabschnitten um die 7km/h fahren, erreichen wir gegen den Wind nur noch 4km/h, beides mit Hilfe der Strömung des Flusses.

    Gegen 11 Uhr kommt der Ort Bargusin in Sicht:


    Am Ufer stehen manchmal schöne Häuschen mit Garten:


    Aber meist sieht es irgendwie müllig aus:


    Ankunft 12 Uhr nach 8km Fahrt. Im Ort wollen wir Einkaufen und machen erst mal eine kurze Pause:


    Dann laufen wir hoch in die Stadt, während Roland bei den Booten bleibt und sich zu seinem Nickerchen bettet.

    In der Красноармейская улица stoßen wir auf dieses Rekrutierungsbüro der Roten Armee:


    Der Zentrale Platz (Центральная площадь) wird von einem historischen Panzer bewacht:

    Eigenartigerweise zielt er genau auf Genossen Lenin hinten rechts. Ich weiß gar nicht, ob das erlaubt ist.

    Stilleben Panzer vor Heizhaus:


    Die Sorge um Waldbrände inspiriert Volkskünstler zu dramatischen Darstellungen, die emotional ansprechbare Mitmenschen zur Vorsicht animieren sollen (rechts):

    Links wird die Waldbrandgefahr für Leute erläutert, die rationalen Argumenten zugänglich sind, und in der Mitte wird den Uneinsichtigen mit Strafen gedroht.

    Am selben Platz finden wir diesen Sitz der Kommunisten von Bargusin:

    Die Formensprache ist noch dieselbe wie vor 30, 50 oder 70 Jahren.

    Noch weiter zurück führt uns dieses einstmals schöne Holzhaus wohl bis in die Zarenzeit:


    Die Festung Bargusin wurde 1648 von Kosakenataman Iwan Galkin gegründet und hatte von 1783 bis 1927 den Status einer Stadt. Unter den Kommunisten wurde es wieder zum Dorf degradiert. Heute leben hier ~5700 Menschen.



    Im Geschäftsviertel steuern wir erst ziellos etliche kleine Läden mit mäßiger Auswahl an, bis ich endlich mal jemanden nach einem richtigen, großen Supermarkt frage.


    Der ist nicht weit von hier und heißt Барис/Baris. Es ist das einzige Geschäft hier im Bargusin-Tal, in dem wir mit Kreditkarte zahlen konnten und das richtige Selbstbedienung hatte, so richtig mit Wägelchen und so.

    Schwer beladen geht es zurück zu den Booten.
    Vorbei an blumengeschmückten Vorgärten ...


    … der Erlöser-Verklärungskathedrale (1834) am Ufer, die wir kurz besuchen:




    … und vorbei an dieser schweizer Nobel-Touristen-Karosse. Wir haben sie später noch einmal auf dem Weg zur Heiligen Nase getroffen. “Sibirien lässt niemanden kalt”, heißt es auf der Karosse:

    Brechen Sie auf in die schier endlosen Weiten der faszinierenden und wenig bereisten Region rund um den Baikalsee”. Ab 2400€ für 2 Wochen ist man dabei (exklusive Flug, alkoholische Getränke, Restaurantbesuche etc.). Für ähnliche Preise könnte ich ja mal Paddeltouren auf dem Bargusin anbieten. Ich wäre gespannt, ob sich Kundschaft findet.

    Zurück am Ufer hat sich ein weiteres Faltboot zu uns gesellt. Es sind die beiden netten Paddler, die wir bereits in Umchey getroffen haben (Stichwort Mückennetz):


    Olga und Vitali sind deutlich schneller als wir unterwegs, kein Wunder mit ihrem schnellen Triton Варзуга 3 (ähnlich dem bei uns erhältlichen Triton Vuoksa 3).

    Es ist für diese Tour schon recht stattlich beladen:


    Man könnte meinen, sie wollten direkt durchpaddeln bis nach Hause, bis Irkutsk. Von hier wären das noch knapp 500km, inklusive einer Fahrt quer über den Baikalsee (auf kürzestem Wege ~40km etwa über die tiefste Stelle).

    Knappe 3h später setzen wir uns wieder in Bewegung. Nach 2½km passieren wir eine Straßenbrücke (gleich dahinter übrigens wieder eine Durchflussmessanlage). Hier ist die breite Aufschüttungsebene der Bargusin-Senke zu Ende, hier treffen Bargusingebirge und Ikat-Gebirge eng zusammen und ab hier hat der Fluss wieder ein erheblich höheres Gefälle. Lag es auf den letzten 70km im Sumpfland noch bei 0.08m/km, so sind es hier auf den nächsten 4km im Mittel wieder 1.9m/km. Entsprechend flott wird die Strömung werden. Wir erinnern uns, dass wir im Verlaufe der Reise von mehreren Seiten gewarnt wurden wegen Wildwasser hier im Unterlauf.

    Aber in der Realität sieht es mal wieder viel einfacher aus als erwartet. Im Hochwasser sind alle steinigen Stellen abgesoffen, wir können überall problemlos durchfahren. Mit bis zu 13km/h sausen wir den Fluss hinab.


    Weit fahren wir nun aber nicht mehr. Roland haben es die großen Schottersteine am Flussufer angetan. Erstmals seit dem schnellfließenden Abschnitt durch die Taiga am Beginn der Flusstour finden sich hier große Steine und genügend Brennholz, um eine Sauna zu bauen und anzuheizen. Diesen günstigen Umstand wollen wir nutzen und landen kurz nach 3 Uhr bereits an, um das Lager aufzuschlagen.


    Wir finden einen schönen großen freien Platz, wenig Mücken, der auch früher öfter mal als Campingplatz herhalten musste.


    Während wir so daliegen und in der Sonne dösen, erblicken wir gegenüber am Berghang den Kopf eines Bären:


    Ganz deutlich zu sehen:


    Weiter oben noch der Kopf einer Chinesischen Weichschildkröte:


    Ich würde mich nicht wundern, wenn das früher einmal Schamanenplätze gewesen sind.

    Sibirischer Mohn:


    Und Dörte sammelt in kurzer Zeit Pilze für das Abendessen:


    Heute wird das nichts mehr mit der Sauna. Dafür planen wir morgen einen ganzen Ruhetag ein.
    Geändert von Spartaner (12.10.2018 um 12:32 Uhr)

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #34
    01. August 2018, Sauna-Tag

    Heute wollen wir also saunieren. Doch vor dem Schweiß steht der Fleiß. Wir haben immerhin bereits mehr oder weniger Erfahrung mit dem Saunabau in der Wildnis. Ich war schon einmal in Lappland am Kaamasjoki dabei, Dörte in Karelien, und für Roland ist Saunabau in Russland quasi Alltag. Nur mit der 1. Gruppe die Wochen davor auf der Uda wurde es aus Mangel an großen Steinen leider nichts. Die Planen waren bereits besorgt.

    Da wir alle wissen, wie es am Ende aussehen soll, teilen wir die Arbeit auf. Roland und Dörte kümmern sich um den Saunaofen, und ich um die Saunahütte. Während die Frauen noch am Mittagessen schnippeln und Roland sich am Bier kräftigt, sammele ich bereits lange, dünne Stämme abgestorbener Kiefern aus dem nahen Wald.

    Alles frisch aus dem Wald und von der Wiese:








    Bauholz:


    Die Bäume werden entastet, die Ästchen später mitverbrannt:


    Das Dach ist fertig, die Eckpfeiler entsprechend der Hangneigung des Baugrunds zugeschnitten:


    Die Fundamente des Saunaofens sind gesetzt:




    Als die in der Nähe der Baustelle verfügbaren großen Steine alle verbaut sind, überlässt Roland den weiteren Bau den beiden Damen:


    Fertiger Saunaofen:


    Vielleicht nicht das mächtigste Exemplar eines Saunaofens, aber Dörte ist sich sicher, er funktioniert so, und macht sich ans anheizen:


    Beim Sauna-Häuschen geht auch alles seinen sozialistischen Gang. Alle Hölzer sind fertig zugeschnitten und soweit es geht mit Panzer-Tape vormontiert. Dazu Beschwerungshölzer für die Plane, die später damit auf dem Dach und an 3 Seiten festgehalten werden soll:


    Ansonsten könnte schon der Auftrieb der heißen Luft die leichte Plane aufschweben lassen.

    Zwischendurch kommt ein Mann mit seinem Sohn vorbei, der unsere Raucher um eine Zigarette anfragt. Die bekommt er natürlich und lässt uns zum Dank ein paar seiner gerade frisch gesammelten Himbeeren da:


    Endmontage des Saunahäuschens nahe dem Einsatzort:

    Das Wetter ist den ganzen Tag ungemütlich, immer wieder nieselt es mal, manchmal auch schauerartig verstärkt.

    Nachdem das Feuer 4h gebrannt hat, wird möglichst jeder Brandrest aus dem Ofen entfernt, damit wir später beim Aufguss nicht ersticken, und die fertige Hütte drüber gestellt:


    Zum Schluss wird noch die große Plane übergeworfen, fixiert und abgedichtet. Es muss alles möglichst dicht sein, damit die Hitze auch gehalten wird. Fertige Sauna:

    Die richtig heiße Männersauna in Lappland 2013 hat übrigens bereits beim Planeüberwerfen die Deckplanen zerschmolzen, da war richtig Hitze.

    Nach dem Abendbrot ist es dann soweit, schwitzen und baden sind angesagt:


    Wir drängeln uns alle ins Saunahäuschen, der Platz reicht aus, das Wasser verdampft zischend auf den heißen Steinen und es wird kurzzeitig sehr warm. Zwischendurch kühlen wir uns im Fluss ab. Das ist an der steilen Uferkante auch nicht ganz einfach, wir wollen ja nicht von der Strömung erfasst und weggetrieben werden, können uns aber an einem untergegangenen Ufergebüsch festhalten.

    Nach dem 2. Durchgang kühlt die Sauna bereits spürbar ab, die Wärmekapazität der kleinen Steinchen ist relativ gering. Dörte versucht es noch ein 3. Mal, aber dann bricht auch sie ab.

    Dennoch hat die Sauna funktioniert. Es bleibt dieses wohlige, gelöste Gefühl nach dem Saunagang, ein Gefühl von Tiefenreinigung.

    Am Ende belassen wir den Ofen, das Gestell und die Plane an Ort und Stelle, und sind uns sicher, dass sie Nachnutzer finden wird:


    Roland schreibt der 1. Gruppe: "Vielen Dank an die Uda Gruppe für die Planen. Mit Eurem Einvernehmen spenden wir eine Sauna nach deutschem Qualitätsstandard an das befreundete burjatische Paddelvolk."

  15. Erfahren
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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #35
    Красивые фотографии !!!
    Und klasse Bericht!

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #36
    02. August 2018, Bargusin - Adamowo, 28+3km

    Heute früh ist das Wetter immer noch diesig, der Himmel bedeckt und es nieselt ab und zu. ¼11 paddeln wir weiter. Es geht immer noch sehr flott weiter durch das Mittelgebirgstal, anfangs mit einem Schnitt von 13km/h. Der Fluss ist hier 150 - 200m breit. Die hier noch bis zu 1700m hohen Berge stehen links und rechts nah am Fluss, bedeckt mit jetzt im gedämpften Licht dunkler, düster wirkender Taiga.





    Neues Altgläubigenkreuz auf einer Uferwiese:


    Vereinzelt liegt ein Dorf am rechten Ufer, hier Зорино:


    Allmählich wird der Talgrund breiter, die Berge treten wieder zurück. 13 Uhr, gegenüber von Adamowo machen wir eine Pause. Hier mündet links die Kleine Gusicha in den Bargusin. Ein schöner Platz, und da sich wieder die Angst breitmacht, heute evtl. keinen guten Lagerplatz mehr zu finden, beenden wir hier den Paddeltag.

    Naja, ich wäre gerne noch weiter gefahren. Stattdessen paddele ich nach der Pause jetzt mal alleine den kleinen Taigafluss stromauf, rein in die Wildnis. Ich will einfach mal sehen, wie ein Taigaflüsschen in seinem Naturzustand aussieht, wie die Ufer beschaffen sind, die Tiefenverhältnisse, die Vegetation über und unter Wasser.



    Die Mündung ist wegen dem Hochwasser des Bargusins abgesoffen, aber nach 3 - 400m spüre ich die Strömung des Flusses. In engen Windungen schlängelt sich der 10 - 15m breite Fluss durch die erst offen sumpfige, später bis an die Ufer dicht bewaldete Aue.



    Das Wasser ist sehr klar, man kann überall den Grund sehen, und es ist auch nicht deutlich eingebräunt von Huminstoffen aus den Mooren. Das geht nur, wenn das Wasser überwiegend aus den Bergeshöhen zusammenströmt, nicht aus den überall flussbegleitenden Mooren. Ich bewege mich so leise wie möglich und hoffe natürlich darauf, jetzt mal die Tiere des Waldes, Reh, Hirsch, Elch, Wolf oder Bär, zu Gesicht zu bekommen.

    Aber auch dieser Ausflug verläuft entsprechend den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unspektakulär. Stattdessen entdecke ich Fischreusen, höre den Fischer irgendwo hinten im Wald werkeln, und nähere mich dem Dorf Гусиха.



    Ganz so weit komme ich aber nicht. Immer mehr Baumstämme liegen quer im Fluss, und als gar kein Durchkommen mehr ersichtlich wird, kehre ich um. Ich habe keine Lust auf Portagen über die Baumstämme oder durch das sumpfige Gelände an den Ufern. Zudem beginnt es wieder zu regnen.



    Am Ende misst die 1¼h-Tour 3.4km Länge (Yandex-Map):


    Auf dem Rückweg sehe ich noch Dörtes Boot am anderen Ufer liegen. Sie ist zum Pilze sammeln in die Taiga aufgebrochen.

    Die Frauen haben derweil getan, was Frauen eben so tun, Blumen gepflückt und das Lager wohnlich eingerichtet:






    Während ich erst mal abhänge, versucht sich Roland das erste mal auf dieser Tour mit der Angel. Leider erfolglos und ohne Bilddokument.



    Dann kommt Dörte mit reicher Ausbeute zurück, sortiert und analysiert den Fang:






    Die vielen Pfifferling sind Riesenexemplare und werden bis morgen halten. Wir werden schon genug damit zu tun haben, heute die andere Hälfte zu verspeisen.

    Ein paar Seltenheiten oder besondere Pilze bringt sie auch immer mit:


    Sie scheint alle diese Pilze auch aus den Brandenburger Wäldern zu kennen. Bezüglich der Pilzflora unterscheiden sich Brandenburg und Süd-Sibirien also nicht besonders.



    Die Pilze waren natürlich wie immer sehr lecker.

    Letztes Dämmerlicht in Richtung Baikalsee:


    Morgen dann wird es soweit sein, in 24km erreichen wir den Baikal, diesen ganz besonderen See im Herzen Sibiriens. Das wird ein spannender Augenblick, denn dort an der Mündung wird sich entscheiden, ob wir entsprechend meines Plans weiter zur Heiligen Nase paddeln können, oder ob Wind und Wellengang dies vereiteln werden.

  17. Erfahren
    Avatar von travelkai
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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #37
    Kam heute erst zum Lesen.
    Danke für den mit so vielen Fotos angereicherten und detaillierten Reisebericht, toll und interessant!
    Die Natur braucht sich nicht anzustrengen, bedeutend zu sein. Sie ist es. Robert Walser (1878-1956) www.travelkai.de

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #38
    03. August 2018, Adamowo - Ust Bargusin - Baikal, 27km

    Kurz nach 10 geht es weiter. Die Talaue wir immer breiter:




    Oberhalb von Makarinino beginnt auch die Wiesennutzung noch intensiver zu werden. Etliche Bauern sind wegen der Heumahd auf den Wiesen, Kühe und hier auch erstmals Schafe stehen auf den Weiden. Makarinino hat viele neue Häuser, wahrscheinlich einige Touristenunterkünfte und viele Wochenendhäuser (Datschas). Ich nehme an, die gehören wohlhabenden Einwohnern von Ulan-Ude. Auf dem Wasser kommen uns Motor- und Ruderboote entgegen.





    Wir benutzen mehrere Abkürzungen durch kürzere Nebenarme und fahren damit den Hauptlauf nicht voll aus. So verkürzt sich der Weg bis Ust-Bargusin auf 20km.

    ½2 Uhr legen wir in Ust-Bargusin an, gleich hinter dem Herbergsbetrieb “Причал”. Hier dachte ich, man könnte im Schutz des Gästehauses die Boote alleine liegen lassen, um Einkaufen zu gehen. Allerdings geht das so nicht, und wir legen gleich dahinter an einem Sandstrand an.

    Vor der hoch eingezäunten Herberge liegt ein fahrbereites Motorschiff am hohen Privatsteg, welche beide von der zahlreich versammelten Dorfjugend zu Badeplattform und Sprungturm umgewidmet wurden.

    An unserem Sandstrand liegen 3 Schrottschiffe aus Sowjetzeiten auf Land:




    Während die 3 Einkäufer Rucksäcke, Taschen und Geld rauskramen, versuche ich wieder mal, einen Kamera-Akku zum Aufladen abzugeben. Ich versuche es direkt beim Gästehaus “Причал”. Das Tor ist verschlossen und es findet sich keine Klingel. Auf einem Holzhaufen kann ich über den hohen Bretterzaun blicken, meine Rufe erreichen aber niemanden. Dabei haben wir bereits kurz zuvor eine Frau auf dem Gelände gesehen.

    So versuche ich es nun mit dem Telefon, die Nummer steht draußen am Zaun. Beim zweiten Versuch habe ich die russische Nummer mit der richtigen Vorwahl eingegeben, und es meldet sich jemand. Nun, ich spreche kaum Russisch, und am Telefon ist das wirklich ein Handycap. Zumindest kann ich rüberbringen, dass ich vor dem Tor stehe und die Frau bitten, aufzumachen.

    Kurz darauf öffnet sie, und ich kann mit der gewohnten Mischung von minimalem Russisch und Zeichensprache meinen Wunsch kundtun. Kein Problem, sie nimmt das Ladegerät mit dem Akku mit. Das Tor bleibt jetzt unverschlossen, und wenn ich den Akku zurück haben möchte, brauche ich mich nur zu melden.

    Die Einkäufer ziehen jetzt los, ich halte Wache, und da die Wege zum nächstgelegenen Supermarkt in Ust-Bargusin lang sind, dauert es über eine Stunde, bis sie wieder zurück sind.

    In Ust-Bargusin:




    Kurz vor 3 sind wir wieder auf dem Wasser. Die letzten 3km bis zum Baikal führen uns entlang des linken Ufers, vorbei an Hafenanlagen, Kais und etlichen aufgegebenen Schiffen, die jetzt verrotten, und wenigen intakten Schiffchen, die auch heute noch über den Baikal fahren. Man merkt sehr deutlich, dass jegliche Wirtschaftsaktivitäten seit Sowjetzeiten stark zurückgegangen sind.



    Der Wind war den Tag über schon recht stark und weht aus der Hauptwindrichtung Südwest. also uns genau entgegen. Jetzt am Nachmittag scheint er aber bereits wieder etwas abzuflauen. Ich habe immer noch keine Ahnung, wie der Wellengang auf dem Baikal heute aussehen wird, und bin sehr gespannt, ob das für uns fahrbar sein wird.

    Die Mündung des Bargusin in den Baikal ist keine breite Trichtermündung (dazu fehlt es an Ebbe und Flut), sondern im Gegenteil eine eigentlich ziemlich enge Stelle am Strand. Sie misst nur 80m, wenig im Vergleich zum Fluss oberhalb von Ust-Bargusin, wo er 300m breit ist. Die Mündung ist deshalb so eng, weil bei Wellengang der quer zum Ufer wandernde Sand die Mündung versucht zuzusetzen.

    Der gesamte Durchfluss des Bargusin muss nun durch diese enge Öffnung, und das hat eine ziemliche Strömungsgeschwindigkeit zur Folge. Für uns aber kein Problem. Wir treiben diesen erhabenen Moment quer durch die Engstelle, um gleich rechts anlanden zu können.

    An der Mündung stoppen wir zu einer Pause:


    Roland versucht den Bakal gnädig zu stimmen mit einem Schluck Wodka direkt ins Wasser des Sees. Das scheint zu funktionieren, denn im weiteren Verlauf des Tages nimmt der Wind weiter ab und die Wellen des Sees sind heute wirklich vernachlässigbar.
    Was für eine Chance, wir können auf dem See weiterpaddeln!



    Nach einer ¼h paddeln wir weiter. 25km vor uns liegen das Bergmassiv der Heiligen Nase, heute schön klar zu erkennen. 21km sind es zu paddeln bis an den Fuß der Berge, alles entlang eines schönen Sandstrandes.



    Das Ufer entlang des ersten Kilometers ist noch nicht Teil des Transbaikal-Nationalparks/Забайкальский национальный парк. Hier lagern etliche Erholungssuchende, meist Familien mit Kindern, man kommt mit dem Auto ans Ufer. Ein paar neue Jurten scheinen Touristen Unterkunft zu bieten.







    Minutenlang ziehen riesige Ketten und Keilformationen Kormorane über uns in Richtung der Bucht Чивыркуйский залив:


    Es paddelt sich richtig gut auf dem See, mit einer Duchschnittsgeschwindigkeit von knapp 4km/h. Ja, hier hilft uns keine Strömung. Wir haben so ein Glück mit Wetter und Wellengang und könnten heute noch weit kommen. Ein bisschen Hoffnung macht mir auch, dass Roland an der Mündung kurz meinte, er könnte heute bis Ultimo paddeln. Aber das hat er nur so zum Spaß gesagt, und mir ist natürlich auch klar, dass die anderen trotz der überaus günstigen Bedingungen niemals bis in die Dämmerung hinein paddeln wollen. Als ich dann doch mal diesen meinen Wunsch äußere (natürlich nur im Konjunktiv), während Dörte schon fieberhaft nach einem Rastplatz sucht, ist die Empörung groß.



    So landen wir bereits ½5 Uhr, nur knappe 4km nördlich der Bargusin-Mündung, am Strand an. Der Platz ist gut, ein herrlicher Blick aufs Wasser der Bucht, die umrahmt ist von der Gebirgskette des Ikat-Gebirges im Süden und dem Bergmassiv Heilige Nase im Norden. Manchmal meinen wir, sogar bis zur Insel Olchon schauen zu können, 90 - 100km entfernt.



    So hängen wir wieder längere Zeit im Sofa ab und gehen baden. Das Wasser ist gar nicht so kalt, wie von den Reiseführern angedroht. In denen heißt es, die Wassertemperatur überschreitet nur selten 14°C. Aber in den Buchten kann das Wasser wärmer werden, und hier, wo wir jetzt lagern, zieht eventuell auch noch das warme Bargusin-Wasser vorbei.



    Gegen Abend sehen wir hinten vor der Heiligen Nase eine auffällige helle Schicht Nebel über dem Wasser, die sich langsam nach Osten hin ausbreitet:







    Wahrscheinlich ist dort die Wasseroberfläche deutlich kälter, so dass sich in der Luftschicht darüber der Nebel bildet.

    Auch ziehen immer mehr Wolken auf:


    Laut Vorhersage soll das kein schlechtes Wetter werden, nur ein paar Wolken, die morgen wieder weitergezogen sind. Erst übermorgen ist Regenwetter und Wind angekündigt:



    Zum Abendbrot gibt es die Riesen-Pfifferlinge, die Dörte gestern gesammelt hat:


    Schön durchgetrocknetes Treibholz findet sich massenhaft hier am Baikalufer:




    Während Roland und Dörte mit ihren Sturmzelten am Strand übernachten, kauern wir uns in den Windschatten zwischen den Bäumen hinter der Düne.

    Wir zelten jetzt hier im Nationalpark, und ich habe kein gutes Gefühl dabei. Wir hatten in Ust-Bargusin im Nationalparkbüro keine Permits gekauft. Ich hatte nicht daran gedacht, als die 3 heute zum Einkaufen loszogen, und die anderen wussten nichts von Nationalpark und Permit. Wenigstens will ich nicht schon von weitem von den Nationalpark-Rangern entdeckt werden, und dringe darauf, die Boote vom Strand höher zu legen und die Feuerstelle hinter der Düne anzulegen. 2km nördlich gab es einen richtigen Beobachtungsturm. Und die Fahrzeugspuren am Strand können ja eigentlich auch nur von Rangern stammen.
    Geändert von Spartaner (24.10.2018 um 10:41 Uhr)

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #39
    04. August 2018, Baikal, 10km

    In der zweiten Nachthälfte frischt der Wind auf, es regnet und die Brandung wird laut. Wir sind froh, die windgeschütze Ecke für das Zelt gewählt zu haben, obwohl das gestern Abend noch gar nicht nötig war.



    Auch am Morgen hält der Wind an und wir verlegen die Frühstücksecke unters Tarp hinter die Düne zwischen den Bäumen. Mir ist sofort klar, dass die beiden Damen bei diesem Wellengang nicht aufs Wasser wollen. So biete ich an, dass ich während der absehbaren Zwangspause zum Nationalparkbüro nach Ust-Bargusin fahre und die fehlenden Permits hole.

    ¾10 mache ich mich auf den Weg. Zunächst durchquere ich 1km Sumpf, der die alten Strandwälle heute bedeckt. Eigentlich habe ich auf dem Luftbild eine Schneise oder einen Pfad erkannt, aber vor Ort erkenne ich ihn immer nur bruchstückhaft und verliere ihn ständig (Map). An vielen Stellen ist er vollkommen zugewachsen. Der Wind ist im Hinterland fast weg, die Brandungsgeräusche verschwunden. Ohne meinen Wegweiser hätte ich mich hier wohl im Kreis gedreht

    Dann erreiche ich den breiten Schotterweg, der die Heilige Nase mit Ust-Bargusin verbindet, und versuche weiter zu trampen. Es sind gar nicht mal wenige Fahrzeuge unterwegs, aber alle sind vollbesetzte Urlauberautos, die mich beim besten Willen nicht mitnehmen können. So laufe ich erst mal die Straße entlang und komme an dieses schöne Ufer des Strandsees оз. Бормашевое. Am Ufer stehen Infotafeln, ein Kleinbus mit Touristen hält an. Der See 1.4km² groß, bis zum gegenüberliegenden Ufer sind es knapp 1½km.



    Kunst am Wegesrand:


    Nach 1¼km Laufen habe ich Glück und es stoppt dann doch mal ein alter Lada. Darin 2 Einheimische aus Bargusin mit ihrer Tochter. Der Platz auf der Rückbank ist mit Gepäck vollgestellt, dass zur Seite geräumt wird. Ich unterhalte mich mit ihnen, erfahre, dass die Einheimischen sich einen kostenlosen Erlaubnisschein für den Nationalpark holen können. Nach 3km kommt plötzlich eine bewachte Schranke in Sicht, hinter der in Gegenrichtung ein paar Fahrzeuge anstehen, das Nationalpark-Gate. Sollte man etwa hier bereits das Permit bekommen? Ich steige aus und schaue mich schnell um, ja hier geht das. Meine Autolenker-Familie war so nett, so lange zu warten, und ich sage ihnen bescheid, dass ich hier bereits umkehre. So spare ich mir weitere 8km bis Ust-Bargusin und dasselbe später zurück.



    Im Kassenhäuschen sitzen 2 kleine Studentinnen. Ich bezahle für 4 Mann mal 4 Tage je 100₽ und frage gleich an der Schranke an den wartenden Autos, ob ich mitfahren kann. Gleich der zweite ist wieder ein Einheimischer und hat ein Plätzchen frei.

    Diesmal lasse ich mich 7km bis zu der Stelle fahren, wo der Weg das erste mal ganz nah an den Strand kommt, etwa da, wo der Beobachtungsturm steht. Hier zelten etliche Leute, meist Familien mit Kindern. Wildzelten in den Dünen wird hier am schönsten Strand im Nationalpark offenbar toleriert.



    Nun noch 2km am Strand zurück in Richtung Süden, und ich bin wieder in unserem Lager.



    Russischer Camper beim Kleinmachen von Feuerholz:



    Beim Russen ist das ganz normal, keiner geht ohne seine Motorsäge aus dem Haus, und das ist auch richtig so, siehe zB hier. Wir kannten diese Angewohnheit 2014 noch nicht und waren erstaunt darüber, dass die Nationalparkverwaltung an den Rastplätzen im Yugid-Va-Nationalpark grundsätzlich ganze Baumstämme als Feuerholz bereitstellte (Bild).

    Die berühmten Baikalrobben sehen wir leider nur tot (oder als Plüschtier in den Souvenierkiosken):



    Einen separat gefundenen Kiefer nehme ich mit nach Hause.


    ¼12 bin ich wieder zurück im Lager. Das ging flotter als gedacht. Der Wind scheint etwas abzuflauen, und so bin ich mit Roland einig, man könnte heute eigentlich noch ein Stück weiterpaddeln. Nur die Damen sind ausgesprochen skeptisch.

    Ich weiß zwar auch noch nicht, wie wir bei der Brandung halbwegs trocken ins Boot kommen sollen, aber das macht ja gerade den Reiz aus, das mal zu probieren. Draußen auf dem See würde es sicherlich einfach zu paddeln sein, es sind nicht sehr viele Schaumkronen zu sehen.

    Roland macht sich fertig zur Abfahrt, er wird der erste sein:




    Unser Starschik steigt an Land ein, schließt die wasserdichte Spritzdecke und wird von 2 Helfern durch die Brandung ins Wasser gezerrt.





    Rolands erste Meter auf dem bewegten Wasser:


    Dörte bekommt von uns denselben Service. Doch die oder den letzten beißen die Hunde. Ich stehe sowieso schon nackt im Wasser, halte den Kahn in über knie- bis hüfttiefem Wasser fest, schon ein wenig weg von der stärksten Brandung, so dass Andrea einsteigen und ihre Spritzdecke schließen kann. Zum Schluss muss ich noch reinhüpfen, während Andrea bereits rauspaddelt. Klappt alles, und so können wir kurz vor 2 Uhr den anderen beiden hinterherpaddeln.





    Andrea, die mit einem sehr unguten Gefühl überhaupt mitgemacht hat, entspannt sich wieder, als sie merkt, dass alles nur halb so schlimm ist. Natürlich müssen wir jederzeit konzentriert sein und auf die nächste Welle achten. Wenn die dann unter einem durchrollen oder auch mal auf Deck klatschen, schwankt der Kahn ganz schön und würde ohne entsprechende Ausgleichs- und Stützbewegungen sicher auch schnell kentern. Wir halten 60 - 90m Abstand zum Ufer.

    Ich bin sehr froh, dass es nun doch noch ein wenig weitergeht, und genieße den Ritt auf den Wellen. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht, das letzte mal war 1976 unter Segeln im RZ85 auf dem Greifswalder Bodden.

    Auch heute könnte ich wieder bis Ultimo paddeln, aber das fällt natürlich aus. Der Wind lässt weiter nach, und ½5, nach 10km, landen wir wieder an. 8km wären es noch bis zur Heiligen Nase gewesen.

    Auch das ist wieder eine Aktion. Dörte, die es immer am ehesten an Land zieht, versucht es diesmal als erster. Sie fährt mit Schmackes den Sandstrand so weit wie möglich hoch und steigt schnell aus. Von hinten rollen die Brecher über das Heck, und ich kann mich gerade nicht erinnern, ob ihr da ein oder mehrere Ladungen Wasser über die Luke ins Boot schwappten. An Land zieht sie das vollgepackte Boot noch ein Stück höher, so dass es trocken liegt.

    Dann folgen wir. Wir springen kurz vor der Brandung aus dem Boot, ich halte es quer zum Ufer fest und gebe Andrea die Gepäckstücke raus. Den leeren Kahn können wir dann gut an Land ziehen.

    Zum Schluss landet Roland, der zuvor draußen auf Reede gewartet hat.

    Ihm helfen wir wieder mit vereinten Kräften an Land.



    650m südlich steht ein weiterer Beobachtungsturm. Den schaue ich mir jetzt mal von nahem an und klettere rauf. Von hier oben hat man eine herrliche Aussicht auf den Baikal und die jetzt in ihrer vollen Pracht daliegende Heilige Nase (1878müNN):


    Absolutes Traumwetter! Jetzt hätte ich da oben auf der Heiligen Nase stehen können.

    Dreht man sich um, blickt man über die Sümpfe und Seen im Hinterland, über den Чивыркуйский перешеек. Es ist so klar, dass man in Richtung NO in 50km Entfernung wieder mal die 2000er-Gipfel des Bargusin-Gebirges erkennen kann, und nach WSW geht der Blick 90km weit bis zur Insel Olchon.



    Die 2 Informationstafeln im Bild oben zeigen die wichtigsten Vogelarten, die hier anzutreffen sind (zum Lesen auf die Bilder klicken und Vollansicht wählen):





    Den Abend lassen wir auf der Couch ausklingen, die Geräte werden aufgeladen (das ging heute auf dem Wasser ausnahmsweise nicht), und gekocht wird natürlich auch.





    Die Sonne geht hinter der Heiligen Nase unter. Kurz vor Sonnenuntergang entsteht dieses Bild:


    In der Vergrößerung ist die Insel Olchon klar zu erkennen, genau über dem Heck des Allys. Diese Nacht wird es empfindlich kühl und wir verschwinden bald im Zelt.

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #40
    05. August 2018, Baikal, 4km

    Der heutige Morgen zeigt sich mit bedecktem Himmel und wieder einem ganz neuen Blick auf die Heilige Nase. Heute wollen wir uns noch ein Stück den Strand entlang nach Norden bewegen. Der Wind ist genauso stark wie gestern, aber ablandig und damit haben wir keinen Wellengang.





    Während des Frühstücks beobachten wir nebenan 2 Fischer, die Probleme mit ihrem Lada Niva haben. Telefonisch ordern sie ein Ersatzteil. Als wir zusammenpacken, kommen sie zu uns rüber und nutzen unser Lagerfeuer gleich für ihren Tee.

    Während wir abfahren, wollen sie uns zum Omul einladen, dem berühmten leckeren Speisefisch, den es nur hier im Baikal gibt (ähnlich unseren Maränen oder Renken). Das Problem ist nur, Roland ist bereits auf dem Wasser und hört uns nicht mehr. Sie meinen, es dauere nur 5 Minuten, aber ohne Roland zu benachrichtigen wollen wir uns jetzt nicht wieder ans Feuer setzen. Da geben sie uns die 4 Omule mit, schöne große fette Exemplare, die sie vor einer halben Stunde frisch aus dem See geangelt haben. Besten Dank dafür!



    Das Paddeln auf dem See ist heute unspektakulär. Man muss nur aufpassen, nicht auf den See hinausgeweht zu werden.







    Nach einer knappen Stunde landen wir bereits wieder an. Roland hat eine herrenlose Sauna gefunden, und möchte hier lagern. Weiter voraus sind etliche weitere Camper zu erkennen, und Roland fürchtet wohl, dort keinen guten Rastplatz mehr zu finden.

    Von hier sind es noch 3½km bis zur Heiligen Nase, auf die ich morgen oder übermorgen hinaufwandern möchte. Na gut, das Stück kann ich auch noch laufen.



    Hier haben wir eine Sitzgruppe, viel Platz für die Zelte, Wald für Feuerholz, sowie Bäume im richtigen Abstand für das Tarp, das heute wirklich gebraucht wird, denn es soll ab Nachmittag bis morgen Vormittag regnen:



    Nachmittags drehe ich eine 4km-Runde in Richtung Heilige Nase. Zunächst geht es auf der Piste nach Norden. Entlang des gesamten Streifens zwischen Ufer und Piste lagern Wildzeltler, meist in Familie. Aber ich staune nicht schlecht, als 750m von unserem Lager entfernt plötzlich ein richtiger Bezahlcampingplatz auftaucht. Links des Absperrbandes zeltet man wild, rechts davon zivilisiert.



    300m weiter ist die Administration des Platzes «Мягкая Карга» und daneben ein sehr kleiner Kiosk. Der Vater administriert, der Sohn betreibt den Kiosk. Immerhin, auch hier gibt es die wichtigsten Dinge wie Wodka, Bier, daneben Kekse, Schokolade und andere Kleinigkeiten.



    Ein Stellplatz oder Karree kostet 500₽/d (7€), wobei es dann unerheblich ist, wieviele Autos und Leute den Stellplatz belegen. Geboten werden überdachte Sitzgelegenheiten und Tische, Feuerstellen, Brennholz mal nicht im Baumstammformat, sondern Reste aus dem Sägewerk, und alle 100m wahre Nobeltoiletten.


    Ist das da oben der Schornstein für den Toilettenofen oder nur ein Luftabzug?

    Einen Kilometer zieht sich der Campingplatz, dahinter kann man wieder wild campen.



    Zurück laufe ich am Strand entlang. “Sommer 2018”:


    Heute ist kein so schönes Ausflugswetter und so heizen mehrere Leute ihre Saunen an. Hier ein Prachtexemplar eines burjatischen Saunaofens:



    Die Kinder kümmern sich ums Anheizen. Die kleinen Fachkräfte beteuern, es dauere nicht länger als 20 Minuten, bis die Sauna heiß genug sei. Wenn ich da an unsere stundenlangen Anheizorgien in Lappland oder vor 4 Tagen am Bargusin denke ….

    Die großen Steine stammen übrigens alle aus der Straßenbefestigung. Am aufgeschwemmten Sandstrand gäbe es ansonsten keinen einzigen Kiesel.

    Eine weitere Sauna besticht durch ihren Klappmechanismus:


    Zurück im Lager hat es bereits angefangen zu regnen. Nun geht es an die Omuln. Die Fische hat Dörte bereits Mittags entschuppt und ausgenommen:






    Diesmal verfeuern wir gleich zu Beginn größere Holzmengen, um ein ordentliches Glutbett zu bekommen. In der näheren Umgebung des Lagers ist kein Holz zu finden, alles abgegrast, und so muss ich tiefer im Wald Ausschau halten. Das ist, neben dem vielen Müll, der Nachteil solcher beliebten Rastplätze.
    Für den Müll hat die Nationalparkverwaltung in kurzen Abständen entlang des gesamten Weges große Müllcontainer aufgestellt, die auch regelmäßig geleert werden. Dennoch waren die 50m zu weit und unsere Vorgänger hier auf dem Platz haben wilde Müllgruben gleich neben den Sitzgelegenheiten gegraben.


    Die zarten, fetten Fische garen schnell. Am Ende schmecken sie sehr lecker.


    Schicke Jacke, nicht wahr? Die Farbgestaltung lässt eine sichere Altersbestimmung zu.

    Der Abend klingt aus mit weiterem Regen über der Heiligen Nase:
    Geändert von Spartaner (27.10.2018 um 21:21 Uhr)

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