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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #21
    Mitreisende: Spartaner
    22. Juli 2018, Майский, 23km

    Der Wasserstand ist um ~10cm gestiegen und damit liegt die Uferlinie jetzt 1m näher an unserem Zelt (siehe Foto). Die ‘Berechnungen’ haben gestimmt.



    Die Essensreste von gestern Abend sind mit Mücken durchsetzt:


    Die Mücken hatten sich schon abends im Dunkeln aufs Essen gesetzt, als es noch warm war. Hat in der Dunkelheit allen geschmeckt. Mir schmecken die Reste auch heute noch.

    Kurz nach ½11 treiben wir wieder auf dem Wasser. Nach anfänglich offenen Ufern paddeln wir 17km lang durch urwüchsige Taiga-Landschaft. Die Ufer sind durchweg dicht bewachsen oder sumpfig, so dass sich die ganze Zeit über (3h) kein einziger potentieller Zeltplatz ausmachen lässt.

    Wieder viele schöne Gebirgsblicke:











    An einer einzigen Stelle können wir an einer Sandbank anlegen und machen eine kurze Badepause:


    Erst kurz vor dem Dorf Maiski, quasi bereits Ortslage, wäre eine erste schöne große Sandbank gewesen:


    Rastende Kiebitze:


    In Maiski wollen wir Einkaufen gehen. Aber wird heute am Sonntag ein Laden für uns öffnen?

    Im Dorf schauen wir uns etwas um und entdecken etliche Kuriositäten, wie man sie auf dem russischen Dorf erwarten kann. Hier zB das Wasserwerk des Dorfes:




    Es pumpt Flusswasser direkt aus dem Bargusin. Ich nehme an, es funktioniert nur in den 106 Tagen eisfreier Zeit im Jahr.

    Die Wasserleitungen sind aus immer wieder reparierten Stahlrohren und kreuz und quer auf den Wegen verlegt:


    Was machen die Leute im Winter?

    Dörte bleibt bei den Booten und wir gehen einen Laden suchen. Auf dem Weg der erste verrottete Sappo, weitere folgen auf dieser Tour. Ich habe das Gefühl, der Sappo wird auch in Russland nicht mehr geschätzt. Insgesamt liefen in den Jahren 1960–1994 über 3 Mio. dieser Gurken vom Band der Saporoschezker Autofabrik.



    Vor dem Gemeindebüro das unvermeidliche Lenindenkmal und ein Denkmal für die Soldaten, die im Großen Vaterländischen Krieg gegen die Deutschen kämpften:



    Und das, obwohl kein einziger Bewohner von Maiski aus in den Krieg zog, jedenfalls nicht in den 2. Weltkrieg (für Afghanistan würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen). Der Ort wurde nämlich erst 1961 gegründet. Damals wurden heroische Arbeitsschlachten für den Sieg des Kommunismus geschlagen. In der Nachschau wird folgendes berichtet: “Im Mai 1961 begann der Bau unseres Dorfes. So wie es in einem Lied eines lokalen Autors besungen wird: "Ein mutiges Volk kam in die graue Taiga in der Nähe von den Sporen des Grats ...". Sie waren die ersten Erbauer der zukünftigen Siedlung, ... angeführt von Iwan Illarionow. Insgesamt wurden 80 Personen im Auftrag der Zabaikaler Sägemühle hier hergeschickt. Der erste von ihnen landete mit dem Hubschrauber.

    In der undurchdringlichen Taiga wurden Zelte aufgestellt, Hütten gebaut, zu Beginn des Winters Unterstände gegraben und Bauwagen aufgestellt. Die Menschen begannen, ein Dorf am Ufer des Flusses Bargusin 500km nordöstlich der Hauptstadt Burjatiens im malerischen Barguzin-Tal zu bauen.

    Es gibt schwierige klimatische Bedingungen, starke Fröste bis -5° im Winter und +38°C im Sommer. Im Frühling gibt es oft Staubstürme. Der Sommer ist kurz, der Niederschlag ist gering. Aber trotz dieser strengen klimatischen und alltäglichen Bedingungen wuchs und entwickelte sich die junge Siedlung schnell.”

    Das mit den "-5° im Winter" muss ein Schreibfehler sein. Wahrscheinlich soll dort -50 oder -45°C stehen.

    Wieder zurück in die Jetztzeit: Neben der Gemeindeverwaltung befindet sich ein erster kleiner Laden, er ist tatsächlich geöffnet, aber da gibt es kein Bier zu kaufen. Darum ziehen wir weiter. Nach 200m der nächste Minishop, geschlossen. Nach 400m der nächste offene Laden, diesmal mit Bier, aber ohne Zigaretten. Hier füllen wir unsere Taschen wieder mit Massen an Kartoffeln, Gemüse, viel Knofel, Bier, Wodka, Wein, Brot, Kaffee und süßer Sahne fürs Sportgetränk. Später holt Andrea aus einem weiteren Laden noch Zigaretten, eine Melone und Торт НАПОЛЕОН. Ein Teil wird gleich am Flussufer im Schatten der Lärchen verspeist.



    Nach dem einstündigen Aufenthalt in Maiski paddeln wir noch weitere 5km den Bargusin hinab und finden am Ende eine sehr ausgedehnte Sandbank zur Übernachtung:


    600m entfernt liegt auf dem gegenüberliegenden Ufer ein einsames Gehöft. Alle paar Minuten klatscht irgendetwas laut ins Wasser. Sind das Biber, Riesenfische oder was? Es dauert ein Weilchen, bis es mir dämmert: es sind große Erdabbrüche am Steilufer gegenüber. Das Wasser nagt heftig am Land und wir sind gerade Zeuge von erdgeschichtlichen Veränderungen.

    Andrea hat das Zelt wieder schnell aufgebaut. Auch diesmal setzen wir einen Pegel.



    Nach dem Abendbrot mixt uns Andrea noch etwas Sportgetränk (Wodka und süße Sahne etwa 1:1), schlachten die Melone und wir verfolgen den Sonnenuntergang am Lagerfeuer.



    Es weht ein frischer Wind und wir suchen die Mützen raus (während ihr in Deutschland wahrscheinlich bei 30°C geschwitzt habt).

    Die Sonne ist hinter dem Gebirge untergegangen:




    Im Verlaufe des Abends sehen wir wieder das Wasser steigen. Könnte das diesmal kritisch werden? Ich habe da ein ungutes Gefühl, möchte aber Andrea nicht unnötig beunruhigen. So binde ich nur sicherheitshalber das Boot an den benachbarten Büschen fest, bevor wir uns schlafen legen.

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #22
    23. Juli 2018, Überschwemmung, 45km

    In der Nacht muss ich mal wieder kurz raus, und bemerke dabei, dass das Wasser bereits kurz vor dem Zelt steht. Ich kann zusehen, wie es rasch eine bereits vorhandene Fließrinne füllt. Ich berichte Andrea die Situation und dränge auf Eile. Sofort wird im Licht der Stirnlampe ein neuer Schlafplatz gesucht und auf einer kleinen bewachsenen Düne 100m entfernt gefunden. Als ich zurückkomme, ist die Fließrinne vor unserem Zelt bereits 10cm tief und füllt sich rasch weiter. Zuerst werden die Rucksäcke, die draußen auf einer übergeschlagenen Baumarktplane lagern, rübergeschleppt, dann der ganze Schlafkram aus dem Zelt in der Baumarktplane transportiert, und am Ende das zarte Zelt am Stück auf die Düne getragen. Natürlich ist das hier nicht optimal, in jede Richtung ein bisschen abschüssig, aber wir lagern hier bestimmt noch fast einen halben Meter höher als die anderen beiden Zelte.

    Roland schaut auch kurz nach den beiden Janas und zieht sie ein Stück höher. Bei meinem Ally vertraue ich auf die Halteleinen. Nachdem alles wieder an seinem Platz ist, können wir weiterschlafen.

    Am nächsten Morgen hat sich die Welt um uns verändert. Die beiden anderen wurden vom Wasser zwar nicht erreicht, aber viel fehlte da auch nicht mehr.

    Hier zB der Blick auf die Fließrinne vor dem ehemaligen Zeltplatz. Das Wasser fließt jetzt langsam und ist ~30cm tief:


    Der Platz vor dem Busch, wo unser Zelt stand, ist vollständig abgesoffen, das Boot liegt dagegen noch auf Land:


    Dieses Bild kann man direkt mit dem Zeltplatzbild vom Vorabend vergleichen:




    Die anderen beiden Boote liegen zum Teil schon wieder im Wasser:


    Aber viel fehlt auch hier nicht mehr, dann wäre es geschwommen:


    Zum Glück ist alles gut gelaufen, keine Verluste, nichts fehlt, nichts nass geworden. Wieder so ein "Mikroabenteuer".

    Bald gibt es Kaffee:


    Start kurz vor 11 Uhr. Die ersten 7km ist der Fluss schmal, stellenweise nur 50 - 70m breit. Mit ø9km/h geht es flott voran. Bestes Sommerwetter, die Berge in der Ferne liegen im Dunst:






    800m hinter dem Weiler Угнасай legen wir ¼h Badepause ein.

    Auch heute fällt uns wieder auf, dass es über viele Kilometer hinweg keinerlei Zeltmöglichkeit gegeben hätte. Die Ufer sind mit dichtem Wald bewachsen oder sumpfig:




    Selbst für kurze Pausen findet sich kaum ein Plätzchen. Hier zB haben wir es probiert. Es sieht aus wie eine saftige Wiese, aber man stapft durch Wasser:


    Unzugängliche Ufer:


    Hier versuchen wir an der Einmündung eines Nebenarms unser Glück. Tatsächlich finden wir eine alte Feuerstelle, dennoch, für mehr als eine Pullerpause taugt dieser Platz heute nicht:


    Also weiter. Das Satellitenbild zeigt ein paar verheißungsvolle Stellen 4 - 5km voraus. Hier streift der Bargusin links eine höhere Landmasse, hier müsste sich auch trockenes Land finden und Fahrspuren runter zum Ufer sind auch zu erkennen.



    Immer wieder hübsch mit dem Hochgebirge im Hintergrund:




    Dieser langgezogene Prallhang bietet nur an den Enden jeweils einen Zugang. Die waagerechte Linie oben am Hang ist übrigens kein Weg, wie ich zuerst dachte, sondern rein natürlich, irgendein festeres Material:


    Gleich hinter der nächsten Kurve zweigt nach links ein kleinerer Nebenarm ab, und an dem kommt der nächste große Steilhang:


    Hier kann ich mir endlich mal kurz die Beine vertreten und schaue mir die Sache von oben an:


    Schöne Blicke quer über das gesamte Bargusintal:




    Und hier habe ich auch mal an den Farben gespielt:


    Wie bekommt ihr den Himmel immer so schön himmelblau? Meiner ist eher noch bleigrau. Ansonsten zeige ich die Bilder hier meistens so wie sie aus der Kamera kommen, höchstens noch im Format beschnitten.

    Der trockene Steppenhang ist von Blumen übersät.


    Auch hier ist die Erosion aktiv bei der Sache, ständig klatschen größere Sandmassen ins Wasser.





    Nach 2½km verlassen wir den Nebenarm und gelangen wieder auf den Hauptstrom.



    Schon bei den Steilufern und auch hier sehen wir uns 5 verschiedene potentielle Zeltplätze an (Dörte hat Hunger!), finden aber nichts perfektes.

    Eine auf dem Luftbild gut geeignete Stelle war eine Zufahrt von Land aus. Der hohe Wasserstand lässt uns in der Fahrspur noch einige Meter ins Land paddeln. Das flache Wasser hier hat sich in der Sonne gut aufgewärmt, bestimmt 30°C, perfekt für Warmduscher wie mich.

    Leider ist der Platz bereits besetzt. Normalerweise lassen wir uns davon nicht unbedingt abschrecken, die Leute gehen ja abends wieder, aber hier ist das anders. Wir hören das Paar in den 30ern schon von weitem keifen. Sie hat nämlich die ganze Zeit mit aller Gewalt, Schlägen und den wüstesten Beschimpfungen ihren Lover zu einem Schäferstündchen “überreden” wollen. Beide sind bereits sehr gut abgefüllt, und er ist nun schon zu besoffen, um wie vom Weibe gewünscht tätig zu werden, lag nur noch apathisch herum. Und nun platzen wir da rein. Als wir bei ihnen anlegen, richtet sich der Zorn des Weibes gegen uns. Auch wir werden unflätig beschimpft, die russische Sprache ist sehr reich auf diesem Gebiet, und Roland bekommt Angst um unsere körperliche Unversehrtheit. Hängen geblieben ist bei mir nur das Wort “Romantika”, sie beschwerte sich, dass wir ihr hier die Romantik stören. “Romantika” - eingebettet in eine Schimpfkanonade! Schwierig, da nicht zu lachen.

    Jedenfalls wollen wir das junge Glück nicht länger stören, verlassen den ansonsten richtig guten Platz und suchen weiter.

    4km weiter, nach 45 Tages-Kilometern, ist es dann aber endlich soweit, wir legen 18 Uhr an der Uferwiese am Dorf Сахули an und schlagen unser Lager auf. Hier in Russland stört sich normalerweise niemand an Campern am Dorfrand. 150m sind es bis zu den nächsten Häusern. Die Wiese ist kurzrasig abgefressen von Rindern und Pferden, Holz gibt es im Wäldchen nebenan, sogar Mülltonnen liegen am Ufer, ein fast perfekter Campingplatz.





    Ein paar Meter weiter gab es mal eine Brücke. Deren Reste fangen heute Treibholz aus dem Fluss und bilden eine fast durchgehende Barriere:


    Solche Japanischen Laubfrösche (Hyla japonica) hüpfen am Lagerplatz massenhaft auf der Wiese herum:


    Wo wir nun schon mal so nah am Dorf zelten, möchte ich auch dessen Vorteile nutzen. Der erste von unseren 2 Kameraakkus war bereits leer und so gehe ich mit Akku und Ladegerät zum nächsten Haus auf der Suche nach Strom (die Kamera ist leider noch kein USB-ladefähiges Modell, sonst hätte natürlich das Solarmodul alles geladen). Vom Fluss her kommend muss ich über einen Zaun springen und komme über den Garten zum Haus. Der kläffende Hund bleibt zum Glück auf Abstand. Das hätte ich wohl nicht gemacht, hätte ich nicht vorher einen Burjaten mit Angel genau diesen Weg nehmen sehen. Auf mein Klopfen öffnet eine junge Mutter, Burjatin, und ich stelle mich vor. Sie versteht meine Erläuterungen (überwiegend Zeichensprache) und steckt das Ladegerät an die Steckdose. Morgen früh kann ich ihn wieder abholen.
    Geändert von Spartaner (15.09.2018 um 11:23 Uhr)

  3. Erfahren
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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #23
    Ein klasse Bericht!
    Es ist für mich immer interessant über Russland aus der europäischen Sichtweise zu lesen

  4. Dauerbesucher
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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #24
    24. Juli 2018, Sachuli - Mogoito - Kurumkan, 21km

    Nach dem Frühstück springe ich wieder über den Zaun zur freundlichen Burjatin, hole den aufgeladenen Akku ab, und lasse eine Tafel Schokolade “для детей” da:


    Um 10 sind wir auf dem Wasser und lassen uns durch die Baumsperre an der ehemaligen Brücke treiben. Blick zurück auf Sachuli:


    Nach 1h legen wir die erste Badepause ein:


    So wollten wir ja nicht am Dorf rumspazieren:


    Anschließend geht es eine ½h weiter bis nach Mogoito/Могойто:






    Der Ort liegt wieder sehr dicht am Wasser, also ideal zum Einkaufen. Roland lässt sich im Schatten eines Schrott-Mähdreschers nieder und behält die Boote eim Blick:


    Wieder ein toter Sappo: :-(


    Ich schnalle mir Dörtes Bootsrucksack auf den Rücken, und los gehts.


    Natürlich wissen wir nie, wie weit es bis zu einem geeigneten Laden sein wird. Aber hier klärt sich das schnell. Wir brauchen nur 220m bis zur ersten Straßenkreuzung hochzulaufen, da finden wir einen Laden. Genau wie die Minishops und Denkmäler in Maiski wird auch dieser Laden bald in der OSM zu finden sein.

    Innen ist es relativ beengt. Große Säcke mit Mehl, Zucker, Salz, Buchweizen und was man sonst noch so braucht stehen an den Wänden. Wir arbeiten unsere lange Liste ab und bekommen hier wirklich fast alles was wir wollen:


    Die Verkäuferin rechnet Multiplikationsaufgaben mit dem Taschenrechner, und summiert alle Einzelposten auf dem Абак, dem Abakus, wie er hierzulande noch in fast allen kleinen Läden zu finden ist:


    Zum Schluss gönnen wir uns noch jeder ein Eis. Den vor allem mit Unmengen Getränken gefüllten Rucksack schleppe ich wieder nach unten zu den Booten. Es ist deshalb so viel, weil wir jetzt mit der Verpflegung bis Хилгана durchkommen müssen, also rund 100km durch den Sumpf.

    Einkaufen und den Einkauf verladen dauert 1¼h, dann legen wir wieder ab:


    Rückblick auf Mogoito:




    Unterwegs legen wir noch mal eine Badepause ein und kochen eine Brühe auf dem Künzi. Es ist sehr warm, das Künziholz trocken und es dauert nur wenige Minuten, bis das Wasser kocht.

    Kurze Zeit darauf drängt Dörte wieder, endgültig einen Lagerplatz zu suchen und Feierabend zu machen. Wieder schauen wir uns einige suboptimale Plätze in der Wildnis an, bis wir am Ende gegen 16 Uhr im Stadtpark von Kurumkan landen. Hier sind wir zwar nicht alleine, etliche Leute sind Baden, aber die Wiese ist wieder kurzgefressen, Mücken gibt es kaum, und neue Sitzgelegenheiten und Tisch bieten etwas zusätzlichen Komfort:






    In der Dämmerung sind Richtung Westen wieder die wild gezackten Bergkämme des Bargusin-Gebirges hinter Kurumkan zu sehen (während sie tagsüber im Dunst kaum noch erkennbar waren):

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    AW: [RU] Bargusin - Baikal 2018

    #25
    25. Juli 2018, Kurumkan - ОТФ Унэгэтэй, 26km

    ¾10 Start, gleich darauf passieren wir eine Holzbrücke, die von Kurumkan über den Bargusin in den Sumpf führt, der hier in der Nähe der Rayon-Hauptstadt häufiger landwirtschaftlich genutzt wird. Dennoch, die Landschaft sieht überwiegend sehr natürlich aus, man sieht nicht viel von den Weiden und diese sind heutzutage auch nur gering genutzt.

    Die ganze Zeit haben wir diese phantastische Bergwelt zur Rechten:


    Der Dunst lässt sich mit Bildbearbeitung etwas lichten:


    Nach 1h die obligatorische Badepause. Hier werden wir wohl doch mal nackt beobachtet, wir hören im Hintergrund ein paar Leute kichern.

    Im weiteren Verlauf paddeln wir mehrfach ganz eigenartige Abkürzungen, die mehr oder weniger geradlinig die Innenkurven mancher Mäander durchziehen:


    Ich habe mich gefragt, ob das natürlich ist, oder von Menschenhand gemacht wurde. Ich kannte nämlich solche Abkürzungen schon aus den Stochid-Sümpfen. Dort war ich mir eigentlich sicher, dass das ein menschliches Werk war. Aber jetzt sehe ich solche Abkürzungen zB auch mitten im Pantanal, wo ganz sicher niemand gebaggert hat. Auch sehen die Abkürzungen dort genauso aus wie hier, so dass ich jetzt der Überzeugung bin, sie sind natürlich entstanden.

    Die Abkürzungen sind oft schmale Kanäle, und sind eine schöne spannende Abwechslung. Oft fühlt man sich dort wie im Dschungel:


    Man kann mal den breiten Fluss verlassen, und weiß nicht, ob man denn auch wirklich durchkommt. Manche der Abkürzungen sind, bereits von außen sichtbar, durch gefallene Uferbäume unpassierbar. Die versuchen wir gar nicht erst.

    Großer Horst. Schwarzstorch? Seeadler?:


    Hier das einzige Zeichen der vergangenen Zeit, als noch vereinzelt Schiffe bis Kurumkan fuhren:

    Heute nur noch verlassener Schrott am Ufer.



    Im Tagesverlauf ziehen aus West vom Baikal her kommend immer mehr Wolken auf:

    Auch dieses Foto wurde manipuliert, um den Dunst zu schwächen. Das ist sicherlich der Staub aus der Gobi. Von Waldbränden dieses Jahr habe ich noch nichts gehört.

    Nach 26km, so gegen ½3 machen wir Schluss für heute. Mir ist das eigentlich wieder viel zu früh, aber was kann man machen, wenn vereinzelte Mitpaddlerinnen der Hunger quält und die Angst, auf den nächsten Kilometern im Sumpf keinen Rastplatz mehr zu finden?

    Wir landen an einem kleinen Pappel-Hain, der leicht erhöht auf einer flachen Sandinsel im Sumpf steht. Ringsherum Sümpfe, auf der Wiese nebenan steht Wasser. 250m südöstlich liegt eine Farm, auf der gearbeitet wird. Ein kleiner alter Traktor schneidet Gras und wendet Heu. Auf den alten sowjetischen Militärkarten steht hier ОТФ Унэгэтэй. OTF steht für овцеводческая товарная ферма, also eine Schaffarm.

    Die Uferkante liegt nur wenige cm über dem Wasserspiegel. Dort stehen unsere Zelte. Wir hoffen natürlich, dass das Wasser nicht wieder anfängt zu steigen.



    Wir dösen erst mal eine wenig, ich koche eine Brühe. Dann meint Roland ½6 plötzlich beim Blick auf den Himmel, in einer ¼h wird es wohl anfangen zu regnen.



    Damit sollte er recht behalten. Der Wind wird immer heftiger. Zwischen den Bäumen auf dem erhöhten Bereich spanne ich mit Dörte in Windeseile das Tarp, während Roland sein Zelt sichert. Dann geht es auch schon los. Ein heftiger Sturm rauscht über uns hinweg, vielleicht eine ½h lang, es pladdert kräftig.

    Diesmal hat sich das Tarp tatsächlich mal gelohnt. Allerdings müssen wir es noch extra sichern, damit es nicht zerschlägt. Es blitzt und donnert.

    Um 7 Uhr abends ist das gröbste durch. Wilddramatisch sieht es noch da drüben in den Bergen aus:




    Als wir danach wieder unterm Tarp zusammensitzen, die Sonne lässt kurz einen Regenbogen aufleuchten, erreicht Andrea eine Nachricht aus Deutschland: sie ist Oma geworden. Andrea ist außer sich, glücklich, kriegt sich kaum wieder ein, und spendiert extra-Runden Wodka. Auf August, 55cm, 3800g, muss angestoßen werden. Auf diese Nachricht hat sie bereits die ganzen letzten Tage gelauert.
    Geändert von Spartaner (Heute um 17:19 Uhr)

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    #26
    26. Juli 2018, Унэгэтэй - Элэсун, 28km

    In der Nacht und am Morgen regnet es. Mehrfach müssen wir Wasser aus dem Zeltinneren wegwischen und aufpassen, dass es nirgends auf die Schlafsäcke tropft. Das Zelt, ein MSR Freelite 3, entäuscht uns etwas. Der Stoff wird im Regen sehr schlaff, muss nachgespannt werden, und wenn das nicht perfekt klappt, dann liegen Teile des Außenzeltes auf dem Meshgewebe auf und es tropft durch. Ob es nun tatsächlich undicht ist, oder ob so viel Kondenswasser anfällt, das lässt sich schwer entscheiden.



    Vormittags hört der Regen auf. Blick vom Zelt zum Bargusin-Gebirge:


    Kurz vor 11 starten wir aufs Wasser. Es nieselt zwar immer wieder mal weiter, aber nichts dramatisches. Vor den Bergen hängen hübsche Wolkenformationen:


    Kormorankolonie:


    ½3 gelangen wir an die Mündung der Argada in den Bargusin. Hier schrammt der Fluss wieder am Festland und hat 50 - 70m hohe Steilhänge abgegraben:


    Die Gelegenheit nutze ich wieder und schaue mir die Landschaft von oben an. Tolle Blicke auf den Sumpf, der hier durch den Sander von Osten her ziemlich stark eingeengt wird:






    Schön sieht man die verschiedenen Arme des Bargusin mäandrieren, die Argada, dazu das Gebirge gegenüber, einfach eine tolle Landschaft. Und alles so frischgrün! Selbst die Steppenvegetation hier an den Trockenhängen ist nicht braun verdorrt, sondern ebenfalls frisches grünes Gras, wenn auch nicht sehr dicht stehend.

    Ab und zu lässt sich jetzt auch mal die Sonne sehen:


    Gegen 4 Uhr landen wir an und beziehen Lager in der Steppe. Der Vorteil genau dieser Stelle ist eine Baumgruppe, die dem Tarp Halt geben soll und Holz liefert. In der Steppe sieht es ja ansonsten recht mau aus mit Feuerholz.

    Das Zelt bauen wir recht exponiert auf, so dass der Wind uns die Mücken auf Abstand hält:




    Zum Abendbrot gibt es diesmal Kascha aus Греча, Buchweizengrütze, dazu Gemüse und Hühnchen aus der Dose. Diese unter Russen früher weitverbreitete Nahrungsmittel hat eine enorme Quellfähigkeit, und schmeckt eigentlich auch ganz gut. Eine Hand voll Buchweizen füllt am Ende einen großen Topf.





    Schon während des Essens frischt der Wind auf und erreicht später in der Nacht wieder Sturmstärke. Aber entgegen meiner Hoffnung ist das nicht nur eine kurze Sturmfront, die schnell durchzieht, sondern der Wind hält an, und wird dabei immer stärker. Ich vermute schon, das ist ein umgedrehter Bargusin-Wind. Also einer, der in die “falsche” Richtung bläst. Der richtige Bargusin, der Wind, der in dem berühmten Baikal-Lied besungen wird, bläst aus dem Bargusin-Tal raus auf den Baikal-See. Ähnlich wie die Adriatische Bora oder der französische Mistral ist er ein typischer Fallwind, der Orkanstärke erreichen kann.

    Vor dem Schlafengehen legen wir den Ally dicht an Rolands Möhre, so dass die Boote nicht so leicht von Windböen davongetragen werden können. In Lettland an der Gauja ist mir genau so etwas schon mal passiert …

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