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  1. Erfahren

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    [FI] Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #1
    Mitreisende: Sylvie
    Eigentlich wollte ich dieses Jahr keinen Bericht schreiben. Ist ja eh immer nur das Gleiche, dachte ich mir. Wir laufen halt wieder durch den Urho-Kekkonen-Nationalpark, schön von Hütte zu Hütte, die Routen sind ähnlich, wenn das Zeitkorsett eng ist. Aber dann fragte mich der Erste und der Zweite und die Dritte usw., ob ich nicht wieder berichten möchte. Und dann war die Tour wieder so anders, als in den letzten Jahren, und vor allem auch so anders, als erwartet. Dann trafen wir Leute im Park, die einen der letzten Berichte gelesen hatten und davon angetan waren. Kurz: Es kam Eines zum Anderen. Ich konnte nicht anders, als wieder die Feder tanzen zu lassen. Dieses Jahr, wie ersehnt, eine Sommertour. Wer weiße Nächte noch nicht erlebte, wird niemals wissen, wovon ich spreche. Es war absolut beeindruckend.


    Der Lankojärvi lässt uns niemals im Stich. Selbst nachts gibt er noch immer ein schönes Motiv.
    Geändert von Sylvie (23.06.2018 um 15:38 Uhr)

  2. Erfahren
    Avatar von Lynness
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    Minga mal wieder
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    AW: Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #2
    Bin gespannt auf den Bericht

    Das erste Bild ist schon mal sehr vielversprechend! Man kann die Ruhe dort förmlich spüren.....

    Danke fürs Posten!
    Gruß Lynness

  3. Erfahren

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    AW: Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #3
    Zitat Zitat von Lynness Beitrag anzeigen
    Bin gespannt auf den Bericht

    Das erste Bild ist schon mal sehr vielversprechend! Man kann die Ruhe dort förmlich spüren.....

    Danke fürs Posten!
    Hallo Lynness,
    ja, die Stille ist wie Balsam. Man wird dort oben regelrecht auf Reset gestellt.

    Ich mach gleich mal weiter.

  4. Erfahren

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    AW: Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #4
    1.Juni: Ankunft
    Das vierte Mal landen wir jetzt in Ivalo – und das erste Mal lacht uns dabei die Sonne. Kein Mordor-Feeling dieses Jahr, eher die verlockende Ahnung eines frischen, klaren Frühlingstages. Babyblauer Himmel – die Tümpel und Seen werfen ihn babyblau zurück. Die Natur ist fleißig ergrünt, wie wir jubelnd feststellen. Ein weiterer Winter, den sie gemeistert hat. Frisch ist es in der Tat, als wir das Flugzeug verlassen. Es weht ein scharfer Wind. Flaut er mal ab, ist es fast schon warm. Wir begrüßen den arktischen Sommer in kurzen Hosen; in Berlin waren es satte 32 Grad. Dennoch frieren wir (vorerst) nicht und heißen die Abkühlung eher willkommen. Es ist 18:30 Uhr und taghell. Wie bei uns um zwei an einem klaren Frühlingstag. Während ich all die Jahre zuvor vom Tiefstand der Sonne und in der Folge von den eher milchigen Lichtverhältnissen hier oben ganz verzückt war – strahlt sie mir jetzt mit voller Kraft und aus voller Höhe entgegen. Nix milchig, nix Melancholie – das hier ist finnischer Sommer, pure Lebensfreude, purer Triumph.

    Dieses Jahr starten wir unsere Tour in Kiilopää – jenes Paradies, wo wir sonst immer ankommen. Es wird uns nun unser Ursprung sein und vielleicht auch unser Ziel, das wissen wir noch nicht. Im Bus sitzen mit uns nur acht Personen; es wird vermutlich leer sein im Park. Die Busfahrt ist sonnendurchflutet. Ich summe vor mich hin, hey hey, I saved the world today von Eurythmics. Dann fällt mir auf, dass ich genau dieses Lied auch im letzten Jahr schon gesummt habe während der Fahrt in den Park. Und auch die Jahre zuvor. Der erste Blickkontakt zum finnischen Märchenwald löst dieses Lied in mir aus… everybody is happy now, the bad thing’s gone away. Na dann. Stefan (mein Mann) unterbricht meine Happyness, um den morgigen Tag mit mir durchzusprechen. Erste Station Suomunruoktu. 17 Kilometer, nicht mehr und nicht weniger. Das Gute in diesem Jahr ist, dass der Weg und das Ziel der ersten Tagestour klar definiert sind. Wir kennen den Weg. Wir sind ihn dreimal schon in der anderen Richtung gelaufen. Es ist also keine unbekannte Strecke, bei der die Gefahr bestünde, die noch unbekannte Länge auf +X Kilometer auszudehnen, weil wir uns verschätzt oder verlaufen haben. Beides ist uns passiert in den letzten Jahren. Am ersten Tag mit vollem Gepäck ist das nicht der angenehmste Einstieg in eine Tour. Trotzdem, sag ich zu Stef, sollten wir nicht so spät losgehen. Ich will nicht erst abends im Dunkeln ankomm…aber hey – es wird ja nicht dunkel. Es ist also völlig egal, wann wir starten.

    Von ferne grüßt der Kiilopää.

    Wir erreichen die Ferienanlage Kiilopää gegen halb acht. Bis um acht gibt es Essen hier, also beschließen wir erst mal Nahrung nachzuschieben, bevor wir einchecken (es gibt hier nur ein Restaurant). Der Lachs schmeckt wie frisch gefangen. Dazu gibt es Salat und Rote-Beete-Auflauf. Wir nutzen die Chance auf Grünzeug und Vitamine, bevor wir ab morgen wieder nur Haferflocken und Wandererfastfood im Angebot haben. Nach dem Essen schlendern wir rüber ins Hotel.


    Abends um neun in Kiilopää.


    Wir sind ziemlich kaputt. Die letzten Wochen waren sehr arbeitsintensiv für jeden von uns. Stef fällt so ziemlich sofort gleich ins Bett. Johanna (unsere Tochter) und ich laufen noch ein Stück durch den Wald und die Anlage, bevor wir uns auch ins Nest machen.


    Die Torfsauna in Kiilopää. Wir haben sie noch nie besucht. Wir gehen nur immer am Luirojärvi fleißig schwitzen.


    Das Hotelzimmer zeigt nach Nordwesten; die Mittsommersonne scheint fleißig hinein. Es gibt graue Vorhänge vor den Fenstern. Die verbreiten eine heimelige Mittagsschlafstimmung. Es ist jetzt elf Uhr in der Nacht. Und noch immer taghell. Ich fasse das einfach nicht.
    Geändert von Sylvie (23.06.2018 um 15:12 Uhr)

  5. Erfahren

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    AW: Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #5
    Hei Sylvie,
    ich freue mich auch schon soooo doll auf deinen neuen Bericht!

    Ich glaube, das erste Foto hast du direkt vor der Hütte Lankojärvi genommen. Richtig?
    Vor gefühlt Millionen von Jahren saß ich an einem wunderbaren Spätherbstmorgen wohl exakt an der gleichen Stelle. Der See hatte in der Nacht eine dünne Eisdecke bekommen, die Sonne ging gerade auf, es war still... Ich saß da und dachte, wie schön das Leben doch ist. Ein wunderbarer Platz für solche Gedanken. In jeder Jahreszeit!

    Bitte schreib ganz, ganz schnell weiter!

    Liebe Grüße
    Maahinen

  6. AW: Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #6
    Juhu, es geht wieder los, Sylvie, schreib schnell weiter, bitte!
    So möchtig ist die krankhafte Neigung des Menschen, unbekümmert um das widersprechende Zeugnis wohlbegründeter Thatsachen oder allgemein anerkannter Naturgesetze, ungesehene Räume mit Wundergestalten zu füllen.
    A. v. Humboldt.

  7. Erfahren

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    AW: Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #7
    Zitat Zitat von maahinen Beitrag anzeigen
    Hei Sylvie,
    ich freue mich auch schon soooo doll auf deinen neuen Bericht!

    Ich glaube, das erste Foto hast du direkt vor der Hütte Lankojärvi genommen. Richtig?
    Vor gefühlt Millionen von Jahren saß ich an einem wunderbaren Spätherbstmorgen wohl exakt an der gleichen Stelle. Der See hatte in der Nacht eine dünne Eisdecke bekommen, die Sonne ging gerade auf, es war still... Ich saß da und dachte, wie schön das Leben doch ist. Ein wunderbarer Platz für solche Gedanken. In jeder Jahreszeit!

    Bitte schreib ganz, ganz schnell weiter!

    Liebe Grüße
    Maahinen
    Hallo Maahinen,
    ja genau, von der Hütte aus. Der Lankojärvi hat uns dieses Jahr verwöhnt mit schönen Motiven.

    Ja, genau, das sind so magische Momente, wo man sich ganz eins fühlt mit der Welt. Die kann man wirklich nur dort in der Stille erfahren. Was ich dabei immer wieder beeindruckend finde: Bei Dir ist das schon so lange her, und trotzdem weißt Du es noch, wie heute. Wir vergessen so viel in der Hektik des Alltags. Aber diese magischen Momente, da passiert gar nicht viel, aber offenbar Wesentliches - die bleiben ein Leben lang. Allein dafür lohnt es sich, immer wieder loszugehen.

    Ich sehe, wir verstehen uns.

    Danke, dass Du mich ermutigst weiter zu schreiben. Bis bald

    Sylvie

  8. Erfahren

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    AW: Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #8
    Zitat Zitat von Mika Hautamaeki Beitrag anzeigen
    Juhu, es geht wieder los, Sylvie, schreib schnell weiter, bitte!
    Hallo Mika,
    ok, ich versuche es, irgendwie komm ich dieses Jahr schreibtechnisch schwer in die Gänge, aber solche netten Ermunterungen hier, wuppen mich dann wieder in den Schreibmodus.

    Danke und bis bald
    Sylvie

  9. Erfahren

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    AW: [FI] Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #9
    2. Juni: Von Kiilopää nach Suomunruoktu
    Was für ein herrlicher erster Tag. Alles wunderbar. Unser Vorhaben, vor Ort die privaten Hütten, die Varaustupas, zu reservieren, scheitert zwar an der finnischen Bürokratie, aber sonst läuft alles bestens.


    Vor dem Start. Die Rucksäcke sitzen und die Sonne scheint. Es kann losgehen.

    Mein Rucksack ist mit 17 Kilo nicht zu schwer und meine neuen Wanderschuhe bewähren sich gut am ersten Tag. Zumindest sind sie erst mal nicht zu weit, wie meine alten Treter. Auch meine beiden Wanderkameraden können sich nicht beklagen. Hanni hat neue Schuhe (und muss nicht mehr tapen), Stef einen neuen Rucksack (völlig ohne Grund), der sich nach seiner Einschätzung besser trägt als der alte. Den hat er sich ordentlich beladen und stapft damit wacker voran wie ein Held.


    Einsame Hanni auf der Skipiste.

    Der Weg über die Fjälls nimmt uns wie immer den Atem. Eben noch in hitzigem Stadtgewühl festgeklebt, können wir jetzt gucken soweit wir es vermögen und atmen bis die Lungen platzen. Wohin wir uns auch wenden: wir sehen Hügel und Wald, bis zum Horizont.



    Es ist bewölkt und frisch, aber wenn die Sonne rauskommt, wird es sofort prächtig warm. Was uns sofort auffällt, ist die Abwesenheit der Stille, die sonst Hausrecht hier hat. Während sie uns in den letzten Jahren wie eine Wattewand umhüllte, hört man jetzt tatsächlich Vogelrufe. Die sind schon zu Hause ein Zeichen der Hoffnung. Weil sie die Ahnung zur Gewissheit werden lassen: der Frühling ist da; wenn nicht, wird er kommen. Es gibt für den Sommer kein zurück. Hier oben aber, wo man sonst nichts hört, als das Rauschen des eigenen Bluts in den Ohren, hier oben zwitschert es nicht, hier schmettert es triumphal aus allen Richtungen. Es ist also abgemacht: Der Frühling ist da. Er kämpft sich zwar mühsam durch Schnee von gestern, aber die Birken leuchten schon kräftig im grünen Gewand. Bald wird das Heidekraut nachziehen, sind die Vögel sich sicher.


    Pause auf den Fjälls. Die letzten Schneefelder grüßen von den Bergen.

    Wir wandern gemütlich über die Fjälls und dann hinunter ins Suomujoki-Tal. Der Fluss donnert eisig an uns vorbei. Die Hütte liegt auf der anderen Seite, wir müssen durch ihn hindurch. Da wir zu faul sind, die Schuhe auszuziehen, wird die Furt zur Herausforderung. Viel Wasser zwängt sich nach langem Winter ins enge Korsett des Flusstals. Aber wir meistern die Challenge mit pochenden Herzen, doch trockenen Fußes. Suomunruoktu ist leer. Das ist erste Mal in den vier Jahren gibt es hier keine Ansammlung von Losgehern und Ankommern. Wir sind allein. Wir setzen uns erst mal ans Feuer und kochen uns was. Selten sind wir so frisch irgendwo angekommen. Und es ist noch hell. Natürlich ist es das. Es ist erst halb sechs. Aber trotzdem, mir wird dieses ewige Sommerlicht so zum Wunder auf dieser Tour, dass ich es immer wieder anspreche und auch aufschreibe. Man möge mir jetzt schon verzeihen, dass ich mich hier wiederholen werde.


    Blick auf den Suomujoki. Schon dafür lohnt sich die Tour.

    Später gesellt sich ein junger Mann zu uns, der hier oben nach Goldnuggets forscht. Vier Stück hat er heute gefunden, erzählt er uns stolz. Ich finde, der Typ guckt ziemlich pfiffig aus der Wäsche. Und auch ein bisschen verschlagen. Die Phantasie tanzt sofort wieder Tango mit mir. Der Goldsucher spricht wenig Englisch. Unsere Kommunikationsmöglichkeiten sind daher begrenzt. Irgendwann geht ein leichter Regen herab und wir verziehen uns allesamt in die Hütte. Was für ein Tag! Unterwegs gab es keinen Regen und keine einzige Mücke. Besser kann man es gar nicht treffen. Dafür treffen wir hier in der Hütte gleich auf drei wuselnde Wespen. Die haben sich wohl vor der Kälte verkrochen. Vorsichtig komplimentieren wir sie hinaus. Wespen sah ich hier oben noch nie. Wie schauderlich! Gottseidank hab ich mein Notfallset aufgefrischt. Trotzdem: gebrauchen will ich es nie. Wir spielen noch drei Runden Skat, die der Goldsucherfinne sorgsam verfolgt. Dann fragt er uns, ob wir Poker spielen. Nein, können wir nicht. Um was willst Du spielen? Deine Nuggets etwa? Irgendwann fallen uns allen die Augen zu und wir kriechen beseelt in unsere Schlafsäcke.

  10. Moderator
    Alter Hase
    Avatar von MaxD
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    AW: [FI] Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #10
    Fein...es gibt eine Fortsetzung! Die letzten Berichte habe ich schon verschlungen.
    ministry of silly hikes

  11. Erfahren

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    AW: [FI] Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #11
    Zitat Zitat von MaxD Beitrag anzeigen
    Fein...es gibt eine Fortsetzung! Die letzten Berichte habe ich schon verschlungen.
    Es ist schön dort, sach ich doch!

  12. Anfänger im Forum

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    AW: [FI] Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #12
    Liebe Sylvie,
    wenn die Natur dich beschenkt, dir das Herz förmlich überläuft, du noch die Zeit findest, dies in Worte zu fassen und uns dabei mitzunehmen, so ist das doch wie Balsam für die Seele. Also, nur Mut und bitte weiter schreiben!

    Gruß, Andreas

  13. Erfahren

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    AW: [FI] Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #13
    Zitat Zitat von MaxD Beitrag anzeigen
    Fein...es gibt eine Fortsetzung! Die letzten Berichte habe ich schon verschlungen.
    Oh.... das ist schön, das zu hören. Ich sehe, die Latte hängt hoch, ich muss mich anstrengen.

  14. Erfahren

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    AW: [FI] Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #14
    Zitat Zitat von Staubteufelchen Beitrag anzeigen
    Liebe Sylvie,
    wenn die Natur dich beschenkt, dir das Herz förmlich überläuft, du noch die Zeit findest, dies in Worte zu fassen und uns dabei mitzunehmen, so ist das doch wie Balsam für die Seele. Also, nur Mut und bitte weiter schreiben!

    Gruß, Andreas
    Orr, vielen Dank Andreas. Ich bin ganz gerührt. Du hast mich schon letztes Jahr so erfreut mit Deinen Zeilen. Jetzt kann es ja nur noch gut gehen. :-) Das nächste Kapitel ist fertig, ich muss nur erst noch die Bilder hochladen.

    Bis bald
    Sylvie

  15. Erfahren

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    AW: [FI] Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #15
    3. Juni: Suomunruktu – Tuiskukuru
    Weit nach Mitternacht kommen noch zwei Besucher in die Hütte. Sie sind aber so leise, dass ich am nächsten Morgen erstaunt bin, wer hier noch alles schläft. Stefan nutzt offenbar die Gelegenheit, um wieder aus- und ins Zelt zu ziehen. Auch das kriegt keiner mit. Nachts träume ich, dass der Goldschürferfinne mich in den Wald entführt und nur gegen Nuggets wieder rausrücken will. Ich sehe im Traum, wie alle panisch im Heidekraut nach mir suchen. Der Goldsuchertyp liegt neben mir im Wald und beobachtet die Aktion mit seinem verschlagenen Grinsen; ich glaube, seine Zähne sind auch ganz gülden. Morgens wache ich auf und Stef ist verschwunden. Auch der Nuggethascher ist fort. Mein Traum geht im Kopf sofort weiter. Nicht ich bin das Opfer, sondern Stef.

    Aber Entwarnung: Der Glücksritter frühstückt draußen vor der Hütte. Er zeigt mir seine Goldsucherkarte, auf der man viel nicht erkennen kann, nur irgendwelche Streifen, die wohl die lohnenden Verwerfungen anzeigen. Stefs Zelt schlummert friedlich zwischen den Kiefern. Ich wecke ihn. Ich will heute los und los. Die Sonne lugt immer mal scheu zwischen dicken Wolken hervor. Es ist frisch und sehr trübe heute im hohen Norden. Überhaupt sieht die Wetterprognose düster aus. Die komplette Abwesenheit der Mücken macht uns zwar mehr als froh, dafür ist es aber auch kalt und regnerisch. Und so soll es bleiben die nächsten Tage. Sollten wir erstmals Pech haben mit dem Wetter? Nun gut, man kann halt nicht alles haben – keine Mücken und warm funktioniert hier wahrscheinlich nicht. Wir trösten uns damit, dass es hier wie im Hochgebirge immer mal krasse Umschwünge gibt. Kein Mensch kann das vorhersagen, wir sollten also nicht so viel geben auf dumme Prognosen. Und ab morgen haben wir eh kein Netz mehr, sodass wir dem Klima ohne Vorwarnung ausgesetzt sind. Wir scheren uns also nicht weiter ums Wetter und frühstücken erst mal draußen am Feuer.

    Die nächtlichen Besucher sind inzwischen auch aufgestanden. Zwei baumhohe Kerle: blond, athletisch, wortkarg und kühn. Sie beachten uns wenig, ihre Bewegungen sind zackig und effizient, ich glaube, die machen hier sowas wie ein arktisches Trainingslager. Die finnischen Recken schaffen uns unser erstes Gesprächsthema auf dem Weg in die Wilderness Zone. Hanni und ich diskutieren heiß, ob dieses nordische Reckentum eher eine Folge von genetischer Drift ist, oder ob es zu Zeiten als die hellhäutigen Menschen Skandinavien von Mitteleuropa kommend besiedelten, einen Selektionsdruck gab, der die Beibehaltung des Reckentums begünstigte. Konnten vielleicht nur die Größten und Stärksten dem krassen nordischen Klima trotzen und es überleben? Bei dieser arktischen Kälte mitten im Sommer kommt uns das mit dem Überleben gar nicht so abwegig vor. Wir kommen indes zu keinem Ergebnis. Hanni plädiert für die Drift, ich für die Selektion.

    Während wir uns langsam warm laufen und reden kommt Stef uns plötzlich wieder entgegen. Ohne Rucksack. Also hat er etwas vergessen. Genau, seine Karte. Kapitalfehler. Hastig rennt er uns aus dem Blickfeld. Wir aber lassen uns zur ersten Zwangspause ins ergrünende Moos nieder. Wir befinden uns noch in der Komfort Zone, auf der Waldautobahn. Heute wollen wir nach Tuiskukuru, aber nicht den schlängelnden Weg durchs Tal, sondern hoch hinaus über die Fjälls. 17 Kilometer liegen vor uns und wir sind frisch und guter Dinge. Der Weg über die Fjälls ist etwas länger als der durchs Tal, aber er ist wunderschön und besser zu laufen. Zur Hälfte kennen wir ihn bereits, denn er war Teil unserer Mördertour im letzten Herbst von Karapulju nach Suomunruoktu.

    Kurz vor dem Anstieg, an der Grenze zur Wilderness Zone rasten wir noch einmal kurz, um unsere Flaschen zu füllen. Da holen die finnischen Recken uns ein. Sie rennen mit riesigen Schritten den Waldweg hinauf und schon sind sie entschwunden. Sie wollen heute noch zum Luirojärvi, was zehn Kilometer weiter ist, und also müssen sie sich sputen. Obwohl… es muss sich hier niemand sputen, denn der Tag dauert endlos fort. Stef garantiert mir witzelnd, dass wir, egal wie weit wir laufen, dieses Jahr immer im Hellen ankommen werden. Hehe, ich hasse es nämlich, im Dunkeln anzukommen und also ist diese Mittsommerzeit genau meine Zeit, um zu wandern.

    Wir spazieren gemütlich die Obstbaumwiesenzone hoch. Stef hat eine geniale Vogel-App gekauft, die kommt jetzt extrem zum Einsatz. Wir sehen und hören Lapplandmeisen und Polarbirkenzeisige. Die Unglückshäher konnten wir indes noch nirgends entdecken, aber vielleicht besuchen sie uns wieder an irgendwelchen Hütten. Oben angekommen, kommt sogar die Sonne hervor und es wird sofort heiß. Wir rasten lange inmitten der Birken.



    Mittagspause. Es gibt Beef Jerky, Mandeln, Feigen und Schokolade. Ein Festmahl für hungrige Mägen. Dann ist die Sonne plötzlich weg und es wird sofort kühl. Also ziehen wir weiter. Der Himmel ist inzwischen dunkelgrau. Das helle Grün der Birkenblätter leuchtet uns hohn vor dieser Kulisse. Die Natur ist ausgetrocknet. Sie lechzt dem Regen entgegen. Wir aber nicht.



    Wir nutzen die letzten trockenen Minuten, um unsere Regencapes über die Rucksäcke zu ziehen. Vor uns liegt eine weite offene Senke. Dahinter die Hügel, die das Tuiskutal umgeben. Bevor wir weiterlaufen ein prophylaktischer Blick auf die Karte. Einige Hügel sind namenlos, andere hat man mit klangvollen Namen bedacht, die für uns schwierig zu merken sind. Wir versuchen sie dennoch zu identifizieren; nicht weil wir nicht wissen, wo wir hinmüssen, sondern weil wir unseren Karten- und Geländeblick schulen wollen. Obwohl… gerade stellen wir fest: So ganz genau wissen wir nicht, wo es langgeht, dieser Weg ist wieder mal neu für uns. Und er scheint sich in dieser Senke in nichts aufzulösen.

    Als die ersten dicken Tropfen fallen, stapfen wir missmutig weiter. Wir laufen durch die Senke, vorne kommt ein Sumpf. Den wollen wir schnell durchqueren, um uns im Schutz der kommenden Obstbaumwiese wetterfester zu kleiden (wenn man von Schutz sprechen kann unter blattarmen Krüppelbirken).


    Noch ist Stefan vorne....

    Stef hingegen fällt plötzlich ein, seine Regenjacke und seine Gamaschen sofort anzuziehen. Einsam und schutzlos steht er mitten auf diesem… Feld und zieht sich um, während Hanni und ich im Schlamm auf ihn warten. Und dabei nass werden. Nun ist es auch egal; ich gehe ohne Gamaschen und in der Softshell weiter. Die hält zwar den Regen nicht so gut ab, aber dafür schwitzt man auch nicht so darin.


    ...doch dann fällt er zurück.
    Mehr Bilder gibt es heute nicht, sorry, aber das Wetter nahm uns die Lust am Fotografieren.


    Die letzten Kilometer bis zur Hütte sind also weniger schön, sondern nasskalt und feucht. Immerhin sehen wir ein paar Schnabelschnepfen, die uns aus der Ferne lautstark begrüßen.

    Wir erreichen die Hütte ziemlich kaputt. Das Wetter hat uns fertig gemacht. Die Reckenfinnen sind längst schon hier und rüsten sich grade zum Weitermarsch. In ihren taillierten Regenmänteln sehen sie aus wie Armeeoffiziere, die sich bereitmachen für die nächste Schlacht. „War der Anstieg sehr schwer?“, fragt mich der Hauptmann, als wir die Hütte erreichen. Oh Gott nein, wir müssen so erbärmlich aussehen, dass diese wackeren Menschen Mitleid mit uns haben. Ich fand eigentlich nicht, dass der Anstieg sehr schwer war, aber vor lauter Verblüffung sage ich erst mal ja. „Aber der Weg war sehr schön“, schiebe ich hinterher, „nur der Regen am Ende nicht.“ „Ja“, meint der Recke, „wir waren vor dem Regen hier.“ Darauf weiß ich nichts Schlaues mehr zu sagen, bis auf das Offensichtliche: „Ihr wart eben schneller als wir.“ Lachend ziehen die Finnen von dannen. Ich aber denke bei mir, dass manche Dialoge ziemlich bekloppt sind, wenn man total fertig ist und keine Lust auf Smalltalk hat.

    Aber nun husch, rein in die Hütte, der Ofen ist noch warm. Wir schleudern die nassen Klamotten von uns, legen noch zwei Scheite nach und werfen uns erst mal aufs Bettenlager, wo Hanni und ich sofort (die Kinder würden sagen, instant) einschlafen. Danach überkommt uns ein Bärenhunger. Wir kochen uns unsere Tütennahrung, zum Nachtisch gibt’s heute sogar noch ein Schokomüsli, dann fallen wir gleich wieder in die Waagerechte. Stef baut sein Zelt auf und verschwindet. Hanni und ich quatschen noch 13 Minuten, dann bin ich weg. Im warmen Schein des Feuers schlafe ich zwölf Stunden, von um neun bis um neun. Gott, bin ich fertig. Wir alle sind es. Nix weiße Nächte, wir verpennen sie.
    Geändert von Sylvie (26.06.2018 um 11:57 Uhr)

  16. AW: [FI] Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #16
    OT: Ich tippe auch auf die Selektion der "Recken", die Bergmannsche Regel basiert doch auch auf Selektion, oder? Obwohl, heißt das, dass nördliche Menschen auch kleineren Ohren und Nasen haben? ..Und welchen Einfluss hat die so wehr propagierte "Mittelmeerdiät" mit viel Rotwein und Olivenöl auf mein Körperwachstum und das meines Nachwuchses....Das kommt halt raus, wenn der Chemiker über den Tellerand blickt und seine kleinen Moleküle verlässt um sich mal was komplexes anzusehen.
    So möchtig ist die krankhafte Neigung des Menschen, unbekümmert um das widersprechende Zeugnis wohlbegründeter Thatsachen oder allgemein anerkannter Naturgesetze, ungesehene Räume mit Wundergestalten zu füllen.
    A. v. Humboldt.

  17. Erfahren

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    AW: [FI] Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #17
    Zitat Zitat von Mika Hautamaeki Beitrag anzeigen
    OT: Ich tippe auch auf die Selektion der "Recken", die Bergmannsche Regel basiert doch auch auf Selektion, oder? Obwohl, heißt das, dass nördliche Menschen auch kleineren Ohren und Nasen haben? ..Und welchen Einfluss hat die so wehr propagierte "Mittelmeerdiät" mit viel Rotwein und Olivenöl auf mein Körperwachstum und das meines Nachwuchses....Das kommt halt raus, wenn der Chemiker über den Tellerand blickt und seine kleinen Moleküle verlässt um sich mal was komplexes anzusehen.
    Hehe... wenn Deine Gene es nicht hergeben, wirst Du durch die Mittelmeerdiät, wenn Du sie übertreibst, höchstens fett und nicht groß.

    Ich weiß nicht, ob die Bergmannsche Regel auf Selektion beruht. Sie besagt ja erst mal nur, dass Organismen in kalten Gebieten größer sind. Ob dieser Größenunterschied durch Selektion oder genetischer Drift entstand, habe ich nirgendwo gefunden. Da sie aber generell für Warmblüter gilt, scheint es mir plausibel zu sein, dass es ein echter selektiver Prozess war. Andererseits, die Samen, die ja schon viel früher dort oben siedelten, sind kleiner. Bei ihnen vermutet man (eine Hypothese von mehreren), dass ihre eher asiatischen Merkmale eher durch Gendrift sich durchgesetzt haben: also, eine relativ kleine Gründerpopulation mit überproportional vielen Individuen mit eher asiatischen Merkmalen hat sich dort oben angesiedelt und lebte über Jahrtausende isoliert. Die asiatischen Merkmale wurden so überproportional häufig in der Population weitergegeben und haben sich so manifestiert - ganz ohne Selektionsdruck. Das Gleiche könnte sehr viel später auch mit einer Recken-Gründerpopulation mit zufällig überproportional vielen großen Menschen passiert sein. Große Menschen sollen ja auch generell mutiger sein und keine Angst haben vor wilden fremden Gegenden. Die sind da hochgewandert, haben sich vermehrt, die Größe blieb. Man weiß es nicht. Mir persönlich gefällt aber die Selektionsdrucktheorie besser, weil sie so schön kausal ist.

    Fakt ist: Man sieht in diesem Park diese großen Menschen in großer Zahl. Ich möchte fast sagen überproportional viel. Die Lust nach Abenteuern scheint noch immer in den Recken zu wohnen.

  18. Erfahren

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    AW: [FI] Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #18
    4. Juni: Tuiskukuru – Karapulju
    Der Regen peitscht die ganze Nacht und auch am Morgen hindert er uns am Fortkommen. Draußen sind sieben Grad und Dauerregen – da gehen wir gar nicht erst los. Stef kann sein Zelt nicht abbauen. Nach einem feinen Frühstück dümpeln wir faul in der Hütte rum und warten auf bessere Zeiten. Unsere Rucksäcke sind gepackt, wir sind startklar, jetzt müsste nur noch kurz der Himmel aufreißen, das wäre wunderbar. Aber der Himmel tut uns nicht diesen Gefallen. Stattdessen schickt er uns Bindfäden und eiskalten Wind. Die Hütte füllt sich langsam. Erst kommen zwei junge Männer, dann zwei junge Frauen und schließlich eine ganze Familie: Mama, Papa, Kind und Hund. Sie alle sind furchtbar verfroren und pitschenass. In der Hütte fängt es an zu dampfen. Es wird Zeit, dass wir das Weite suchen. Gegen vier hört der Regen auf, Stef packt sein Zelt zusammen, gegen fünf brechen wir auf.

    Heute mal eine Nachtwanderung, was für ein Luxus. Es ist eiskalt, aber immer mal, falls man je dazu kommt, den Kopf zu heben, grüßt uns ein Fetzen Himmelsblau aus luftigen Höhen. Der Anblick erfüllt uns so sehr mit Hoffnung, dass wir beginnen, uns gegenseitig darauf aufmerksam zu machen. Fast wird eine kleine Challenge draus, aber dann müssen wir runter vom Weg und sehr aufmerksam sein; also haben wir keine Zeit mehr auf Blaufetzenjagd zu gehen. Wir laufen offroad heute. Karapulju ist unser Ziel – die kleine Hütte hinter Sümpfen und Mooren, die so versteckt und malerisch im finnischen Märchenwald liegt, dass wir sie schwerlich unbesucht lassen können. Der Waldfuchsfinne hatte uns vorigen Herbst Karapulju empfohlen – wir sind ihm noch heute dankbar dafür. Zwei der drei garstigen Moore, die wir aus dieser Richtung kommend passieren müssten, wollen wir dieses Jahr auslassen, also gehen wir den Weg über die Fjälls, den uns Peter letztes Jahr hier im Forum empfohlen hatte.

    Wir laufen nur kurz in Richtung Luirojärvi und biegen beim ersten Anstieg auf halber Höhe in die Obstbaumwiesen ein, um uns einen Weg um die Felsen zu suchen. Stef lenkt uns GPS-gesteuert von Point of Interest zu Point of Interest (POI). Geröllhalden lassen wir über uns, garstige Untiefen werden sorgsam umschifft. Zwischen den Gipfeln ziehen wir hindurch, um auf der anderen Seite, ganz am Ende des Luirojokitals (heißt das dann eigentlich Luirojokikuru?) abzusteigen. Es regnet nicht, aber der Wind bläst zum Teil so heftig, dass die Luft ständig von einem wütenden Tosen erfüllt ist, so als befände sich ganz in der Nähe eine riesige Autobahn.


    Hier kann man vielleicht ein bisschen erahnen, wie der Wind durch die Wipfel braust.

    Der Weg ist anfangs sehr angenehm, man läuft in der Tat wie auf Moos.


    Laufen ohne Weg. Hier sind wir schon wieder im richtigen Wald.

    Erst später beim Abstieg wird es wieder anstrengender, denn der Wald ist hier auf Geröll gebaut. Das aber versteckt sich verschlagen unter Moos und Heidekraut. Man kann nicht mehr forsch drauflos schreiten, zu oft tritt man unverhofft ins Leere oder auf einen Stein, den man dort nicht vermutete. Die Sonne guckt kurz aus ihren Federn, wir nutzen die Zeit, um Pause zu machen.


    Der Stuhl musste wieder mit.

    Der letzte POI liegt bereits auf dem Weg den wir treffen wollen und müssen, denn er führt uns zu einem Tor im Rentierzaun. Und das müssen wir passieren, um die Karapulju-Gegend zu erreichen. Der Weg entspringt hier wie ein Wunder irgendwo im Nirgendwo. Plötzlich ist er da. Und tatsächlich finden wir ihn. Die erhoffte Erleichterung nach der anstrengenden Geröllhoppertour bringt er aber nicht: er liegt größtenteils unter Wasser. Auch die angrenzenden Areale sind ein einziges Feuchtgebiet. Also laufen wir weiter offroad und versuchen, trockene Füße zu bewahren.


    Weg unter Wasser. Das letzte Bild leider für heute. Alles, was danach kam, hat uns zu sehr beansprucht, sodass an Fotos nicht zu denken war.


    Das ersehnte Rentiertor ist nicht an seinem Platz. Wir teilen uns auf und laufen fluchend den Zaun in beide Richtungen ab, um irgendwo einen Durchgang zu finden. Stefan findet ihn, hundert Meter in Richtung Fluss und pfeift uns gellend zurück. Also gut, hindurch mit uns und rein in den finnischen Märchenwald.

    Jetzt müssen wir nur noch den Abzweig finden, der uns zu dem garstigen Moor führen wird, das vor der Hütte liegt. Wir finden ihn, juchu. Erwartungsgemäß ist das Moor dieses Jahr besonders garstig und nass so kurz nach dem Winter, oder sollte ich sagen, im Winter? Stefan hat sich für diese böse Falle eine neue Taktik ausgedacht: Wat-Strümpfe. Die sind aus Gummi, man zieht sie über die Hosen und Socken und knapst sie oben am Gürtel fest. Die sexy Strapse gehen bis zum Oberschenkel. Dann schlüpft man noch in seine Crocs und schon kann es losgehen. Ich muss sagen: die Taktik hat sich bewährt. Zwar sanken wir teilweise knietief ein, zwar mussten wir immer noch vorsichtig die noch tieferen Löcher umschiffen, damit uns das Moor nicht die Crocs von den Füßen lutscht, aber wir fühlten uns wesentlich besser als vorigen Herbst, als wir die Sümpfe in Wanderschuhen bewältigten.

    Der Adrenalinspiegel ist dennoch ausreichend hoch, um gleich danach den noch garstigeren Fluss zu durchqueren. Der Fluss macht beeindruckende Kurven hier, er schlängelt sich wild durch ein enges und sandiges Bett. Schon im letzten Jahr war es nicht einfach, hier rüberzukommen. Jetzt müssen wir erst mal einen Einstieg finden, wo Hanni das Wasser nicht bis zur Hüfte reicht. Das Wasser ist zu tief, um an der Strömung die flacheren Stellen zu erkennen. Wir richten uns eher nach der Farbe und folgen den Sandbänken, die heller durchschimmern. Selbstredend sind Sandbänke nicht der kürzeste Weg durch den Fluss, sie folgen dem Wasserlauf in einem Bogen. Selbst in Wat-Strapsen ist die Furt anstrengend, das Wasser will uns beständig mitreißen. Während wir rübergehen lernen wir auch, unsere Wanderstöcke richtig einzusetzen. Man muss sie akzentuiert, willensstark und möglichst schnell in den Boden stampfen. Tut man das nicht, reißt der Fluss sie Dir weg, sobald Du sie halb nur ins Wasser tunkst. Hanni passiert das leider. Sie ist abgelenkt, ein kleiner Fehltritt und schon entert das Wasser ihren rechten Wat-Straps und kühlt ihre Wade.

    Aber die Hütte ist ja nicht mehr fern. Hannis Socken und Hosen kommen gleich zuerst auf die Leine. Karapulju ist leer. Seit einer Woche ist niemand mehr hier gewesen, zumindest laut Hüttenbuch. Wir befeuern den Ofen, hängen alles zum Trocknen auf und kochen uns was. Unterwegs hatten wir einen kurzen, fast finnisch-lieblichen Regenschauer – jetzt aber gießt es wieder aus großen Containern. Zwischendurch gibt es Hagel und Schnee. Vor einer Woche noch waren hier oben 20 Grad. Wir hatten das vorfreudig im Netz verfolgt. Ganz Finnland jubelte in einer Hitzewelle. Jetzt ist der Nordwind zurückgekehrt und plagt uns mit seiner Kälte. Wir sind müde. Auch heute war der Weg 16 Kilometer lang. Nach dem Essen fallen wir um. Stef baut sein Zelt heute nicht auf und schläft in der Hütte.
    Geändert von Sylvie (28.06.2018 um 13:50 Uhr)

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    AW: [FI] Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #19
    Zitat Zitat von Sylvie Beitrag anzeigen
    3. Juni: Suomunruktu – Tuiskukuru
    Weit nach Mitternacht kommen noch zwei Besucher in die Hütte. Sie sind aber so leise, dass ich am nächsten Morgen erstaunt bin, wer hier noch alles schläft. Stefan nutzt offenbar die Gelegenheit, um wieder aus- und ins Zelt zu ziehen. Auch das kriegt keiner mit. Nachts träume ich, dass der Goldschürferfinne mich in den Wald entführt und nur gegen Nuggets wieder rausrücken will. Ich sehe im Traum, wie alle panisch im Heidekraut nach mir suchen. Der Goldsuchertyp liegt neben mir im Wald und beobachtet die Aktion mit seinem verschlagenen Grinsen; ich glaube, seine Zähne sind auch ganz gülden. Morgens wache ich auf und Stef ist verschwunden. Auch der Nuggethascher ist fort. Mein Traum geht im Kopf sofort weiter. Nicht ich bin das Opfer, sondern Stef.

    Aber Entwarnung: Der Glücksritter frühstückt draußen vor der Hütte. ...
    ich brech ab vor lachen! bitte unbedingt sofort weiterschreiben!

    danke für den bericht, sehr schööööön! auch die bilder!
    danobaja
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    AW: [FI] Lappland im Sommer: Action in der Wetterkiste

    #20
    Zitat Zitat von danobaja Beitrag anzeigen
    ich brech ab vor lachen! bitte unbedingt sofort weiterschreiben!

    danke für den bericht, sehr schööööön! auch die bilder!
    Ohh, vielen Dank, ... die Fotos ... ganz wundes Thema. Dieses Jahr gibt es leider nicht viele gute, zumindest vom Anfang der Tour nicht. Das Wetter war einfach zu grau für schöne Bilder. Und Stef, der den tollen Apparat mit sich rumschleppte, hat leider nur wenige gemacht. Die anderen sind Handyfotos, die aber irgendwie alle so verwaschen waren, dass ich mich pausenlos wunderte. Bis ich dann nach ein paar Tagen drauf kam, dass meine Linse total verschmiert war. Jetzt versuche ich hier mit bekloppten, nichts taugenden Windows-Fotoprogrammen, die Bilder noch ein bisschen aufzupimpen, mit eher mäßigem Erfolg. Aber ich wollte dennoch ein paar Bilder reinstellen, zur Illustration wenigstens.

    LG Sylvie

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