PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [NO] Wintertouren auf den Lofoten



reinhard
02.08.2005, 19:24
Region/Kontinent: Nordeuropa

Aber nicht, wie so häufig beschrieben, in den Sommermonaten, wenn Tausende von Wohnmobillisten auf das Inselarchipel strömen, diesmal sollte es der Winter sein. Der Tourismus schläft, die Lofoter sind beim Dorschfang, der größten Saisonfischerei der Inseln und das Gebirge ist tiefverschneit. Darüber hinaus hatten wir die Vorstellung ein paar Schneeschuhtouren zu machen. Beschreibungen zu Wintertouren fehlen in der Literatur gänzlich, lediglich ein paar Wandervorschläge für die Sommerzeit sind erhältlich. So machten wir uns auf, zu einer Reise, über deren spezielle Gegebenheiten man nur sehr eingeschränkt Informationen in Büchern und Internet finden kann.

10. Februar, in 10 Tagen beginnt unsere Reise. Für mich ist es ein Stichtag. Ab heute starten die konkreten Tourvorbereitungen. D. h. Termin mit der Werkstatt wegen einer Inspektion vereinbaren, Lebensmittel kaufen und nicht zu letzt, unsere gesamte Winterausrüstung aus dem Keller holen. Gerade letzteres schiebe ich gerne vor mir her, weil es immer mit umfangreichen Sortierarbeiten und Schlepperei verbunden ist. Für die nächsten Tage gleicht unsere Wohnung einem Ausrüstungslager, Schlafsäcke, Zelt, Liegematten, Kleidung, Stiefel, Kocher, Brennstoff, Petroleumheizung und Schneeschuhe werden zu Mitbewohnern und fordern ihren Platz.
Dann ist es endlich soweit, wir starten mit unserem etwas betagten Disco nach Kiel, um die Fähre nach Göteborg zu erreichen. Im Winterhalbjahr empfiehlt sich die Route über Schweden, entlang des Bottnischen Meerbusens bis Lulea und von dort über Kiruna, Narvik nach Skutvik und dann mit der Fähre nach Svolvaer. Bei einer Übernachtung in der Umgebung von Lulea sinken die Temperaturen dann erstmalig unter –30 Grad Celsius, so dass ich mich entschließe, abends die Batterie auszubauen und ihr eine angenehme Nacht in unserem Zimmer zu ermöglichen.
Ab – 30Grad Celsius sollte man bei Tätigkeiten mit Metallgegenständen immer Handschuhe tragen und um nicht die kalte Luft direkt einatmen zu müssen hat sich auch eine Balaklava mit Mundschutz als komfortabel erwiesen.
Die Überfahrt nach Svolvaer ist wie gewohnt ruhig. Erst durch das Fernglas erkenne ich das Ausmaß der Schneemengen im Gipfelbereich, die vom Sturm verwehten und festgepressten Wechten und die bizarren Eisgebilde an den Gipfeln. Bei solchen Schneeverhältnissen darf das Herz schon mal schneller schlagen. Zwischenzeitlich ist es Dunkel geworden, vereinzelt gibt die leichte Bewölkung den Blick auf die Sterne frei.
In Svolvaer angekommen, stellt sich sofort ein Wiedererkennungsgefühl ein, nun kann die letzte Etappe unserer Reise beginnen, unser Weg nach Ramberg, wo wir unsere Unterkunft gegen 22.30 Uhr erreichen.

Am nächsten Tag begrüßen uns die Lofoten morgens mit einem Schneesturm, bereits eine Stunde später, reißt der Himmel schon auf und wir können einen Spaziergang am Hafen von Ramberg unternehmen. Weitere drei Stunden später gehen wir in der Nähe bei wolkenlosem Himmel Angeln, allerdings erfolglos, vielleicht liegt es am Sturm.

Das gute Wetter stabilisiert sich und wir haben ideale Bedingungen für Schneeschuhtouren in der Umgebung. Unberührte Schneehänge in allen Schwierigkeitsgraden, von leicht ansteigend bis steil und senkrecht, von nachmittäglichen Spaziergängen bis zu sehr anspruchsvollen Eistouren ist hier alles möglich. Vorausgesetzt man spricht mit den Einheimischen über das Wetter der letzten Tage und versucht darüber hinaus eine Prognose für die nächsten Tage, das ist die eigentliche Schwierigkeit. Und wie schnell und vor allem wie extrem sich das Wetter ändern kann, haben wir bereits am ersten Tag erleben können. Die Schneeverhältnisse auf unseren Touren wechseln oft sehr schnell von verharscht bis grundlosem Pulver, was einen gleichmäßigen Bewegungsablauf schon einmal behindern kann. Für Touren im Gebirge eignen sich nach meiner Erfahrung Schneeschuhe besser als Ski, was aber letztendlich immer eine Glaubensfrage bleiben wird, denn beide Varianten haben ihre Vor – und Nachteile, insbesondere hinsichtlich des Könnens und der persönlichen Vorlieben eines jeden Einzelnen. Treffen wir unterwegs auf Norweger, sie sind natürlich immer mit Ski unterwegs, gibt es, ob unserer großen Schuhe, doch immer interessierte Gespräche und natürlich eine Einladung zum Kaffee. Begegnungen mit Gleichgesinnten sind aber insgesamt sehr selten, auf den meisten Touren begegnen wir niemandem, was den Reiz deutlich erhöht. Vorkehrungen hinsichtlich eines Notfalles müssen dann natürlich getroffen werden. Das bekannte Ab- und natürlich das Anmelden vor und nach einer Tour sollte selbstverständlich sein, denn obwohl die Netzabdeckung für Handys auf den Lofoten sehr gut ist, reicht es nicht in alle Täler und auf alle Gipfel. Zum Zweck einer Positionsbestimmung bei Lebensgefahr, habe ich seit Jahren einen Notrufsender dabei, den ich, Gott sei Dank, noch nie gebraucht habe. Da sich das Wetter kurzfristig extrem und anhaltend ändern kann, sollte die übliche Notausrüstung, wie man sie aus den Alpen für Hochtouren her kennt, nicht fehlen.
Wer aber mit entsprechender Erfahrung und Ausrüstung aufbricht, mit allem rechnet, auch bereit ist eine Tour bei widrigen Umständen abzubrechen und sich selbst nicht überfordert, der kann sich auf Genusstouren freuen, wie man sie selten erleben kann.
Die nächsten Tage dienen ausgedehnten Sightseeing-Touren durch das Inselreich.
Ein paar Anmerkungen zu den Straßenverhältnissen. Die Palette reicht von trocken und schneefrei, über frisch verschneit, meterhohe Verwehungen bis hin zu blankem Eis. Diese Verhältnisse wechseln täglich.
Die automobilen Einheimischen tragen demzufolge im Winter ausnahmslos Spikes. Da diese in Deutschland verboten sind kommt ein Reifenwechsel erst ab Schweden in Betracht. Was bedeutet, dass man entweder die überflüssigen Räder irgendwo deponiert oder mitnehmen muss. In den vergangenen Jahren habe ich mich immer mit sehr guten Winterreifen und Schneeketten beholfen, nachteilig an den Schneeketten ist in erster Linie der hohe Verschleiß. Man nehme vorsorglich genügend Ersatzglieder mit. Pro Saison kann man mit einem Kettensatz rechnen. Wir werden nächstes Jahr auf Spikes wechseln. Dem Wagen habe ich vor der Reise noch einmal frisches Öl gegönnt, immerhin sind es ca. 7000 Km, ansonsten aber keine Vorkehrungen benötigt. Da bei meinem Wagen die Wischerdüsen schnell zu frieren, fülle ich ab –20 Grad Celsius Antifrostschutzmittel unverdünnt ein.
Besonders beindruckend ist der Abschnitt der E 10 zwischen Ramberg und A. Aber Vorsicht, hierfür sollte man sich Zeit nehmen, denn die enge und kurvenreiche Straße macht häufige Photostops notwendig. Und auch die historischen Fischerdörfer A, Reine und Sorvagan darf man nicht auslassen. Wer zwischen 12 und 14 Uhr einen Abstecher in die jeweiligen Häfen macht, kann sich seinen Dorsch gleich vom Kutter mit nach Hause nehmen.
Bei solchen Gelegenheiten kommt man ins Gespräch und das Thema lautet immer „Dorsch“, wo er sich gerade aufhält, ob die Fangquoten ausreichen und wie sich die Preise entwickeln, denn ab Januar kommen riesige Schwärme Kabeljau aus der Barentsee in die wärmeren Gewässer der Lofoten und die Fischerei stellt auch heute noch die wichtigste Einnahmequelle der meisten Lofoter dar.
Wen dann noch die Fischverarbeitung interessiert, hat in den, direkt am Kai liegenden, Hallen ebenfalls die Gelegenheit das Ausnehmen der Fische oder das Zuschneiden von Dorschzungen - ob Letzteres eine Delikatesse ist, muss jeder für sich selbst entscheiden - zu beobachten. Wer jetzt bereits unbändigen Appetit bekommen hat, sollte in Sorvagan das Restaurant Maren Anna aufsuchen. Direkt am Hafen gelegen, kann man hier in gemütlicher Atmosphäre die einheimische Küche genießen. Hier finden auch das ganze Jahr über an den Wochenenden Musikveranstaltungen und Ausstellungen statt. Wir sind an diesem Tag aber noch weiter bis Ramberg gefahren, wo wir im Restaurant gerade in eine Geburtstagsfeier geraten sind. Das hatte auch sein Gutes, denn aus diesem Anlass gab es die legendäre Skreimölje für die Gäste. Skreimoje ist auf den Lofoten ein Festtagsessen bestehend aus gekochtem Dorsch (Skrei), Rogen und Leber, ebenfalls gekocht. Dazu isst man Kartoffeln und Preiselbeeren. Der Dorsch ist vorzüglich, der Rogen „interessant“ und die Leber konnten wir leider nur zusammen mit einigen Aquavit genießen, der wiederum sehr gut war. Wer sich dem Experiment „Skreimölje“ unterwerfen möchte, sollte dies aber vornehmlich in einem ausgesucht gutem Restaurant wie in Ramberg machen.
Was den Besuch von Galerien und Museen und anderen touristischen Einrichtungen betrifft wird deutlich, dass gerade keine Saison ist. D. h., grundsätzlich haben viele geschlossen oder nur eingeschränkt geöffnet. Wer aber vorher zum Telefon greift und nachfragt wird erstaunt sein, wie viele Türen sich dann öffnen. Bei solchen Gelegenheiten ergeben sich häufig persönliche Gespräche, die ebenso oft in einer privaten Einladung, weiteren Tipps für den Aufenthalt und ähnlichem enden. Da es mein Wunsch ist, die Lofoten einmal aus der Perspektive der Lofotfischer zu erleben, wird auch gleich über mehrere Telefonate eine Möglichkeit eröffnet. Drei Tage später treffen wir uns dann, morgens um 06.00 Uhr an einem verlassenen Kai, ein einsamer Kutter liegt an der Leine, vereinzelte Geräusche aus einem Schuppen deuteten darauf hin, dass wir hier richtig sind. Hatten wir doch gerade erst unsere Sachen unter Deck verstaut, startete auch schon der Diesel und wir legen ab. Bei herrlichem Wetter mit blauem Himmel und milden Temperaturen erleben wir einen anstrengenden 12-Stunden-Tag. Die Anstrengung resultiert aus dem Pensum, acht Stunden lang werden die Netze eingeholt, wieder ausgelegt, der Fisch ausgenommen und an Bord verstaut. Anschließend noch eine Fahrt zur Fischfabrik, wo der Fang gewogen (800 Kg), begutachtet, nach Qualitäten sortiert und letztendlich bezahlt wird. Dann noch eine Tour quer über den Fjord zurück zum Anleger, unser „Lohn“ für die Mithilfe sind zwei Dorsche, ein grandioses Erlebnis und etwas Muskelkater. Zurück an unserem Rorbu gönnen wir uns erst einmal einen Saunabesuch und genießen anschließend den Dorsch (Rogen und Leber haben wir an die Möwen verfüttert) auf unserer Terrasse direkt am Meer unter Sternenhimmel.
Am Kamin, bei ein paar Bierchen erinnern wir uns an die Eindrücke der letzten Wochen, an die Begegnungen mit Lofotern, die Landschafts- und Wettereindrücke, den Alltag der Fischer, die kleinen, einsam gelegenen Fischerdörfer und an die Schneeschuhtouren und für uns steht fest, nächstes Jahr sind wir wieder hier.

Dies ist mein erster Versuch etwas im Forum zu veröffentlichen. Für Hinweise technischer Art bin ich immer dankbar, sofern sie nicht allzu arbeitsintensiv sind. Inhaltlich hoffe ich auf rege Anstöße!!

Hier geht's zu den Bildern, hoffentlich klappt es! (mir ist nichts besseres eingefallen)

http://service.gmx.net/mc/qP0nZVgMIqGWifE05W9pwXaEMVqxnS

jasper
02.08.2005, 19:50
Hi Reinhard,

herzlich willkommen im Forum! Dieser Urlaubsbericht ist wirklich ein gelungener Einstand!

Gleich schon mal herzlichen Dank fuer deinen schoenen Bericht, der nicht nur Touren, sondern auch mal etwas das Leben der Einheimischen Bevoelkerung beleuchtet.

Ich denke, dass einige Leute hier bestimmt reges Interesse an genauen Tourenbeschreibungen haben. Sprich mit Anfangs- und Endpunkt, Dauer, notwendige Skills, Ausruestung, Besonderheiten.

Vielleicht koenntest du dafuer noch eine kleine Uebersicht zusammenstellen.

Aufgrund meines Jobs als Wikimoderator hier, muss ich dich leider gleich zu etwas Arbeit verdonnern :bg: und dich bitten, etwas Info ueber die Lofoten bei Winter in unser Wiki zu stellen!

Und uebrigens: Sehr schoene Bilder!

Auf gute Zussammenarbeit!

MfG,

Jasper

reinhard
03.08.2005, 10:51
Hallo Jasper,

danke für die nette Begrüßung!

Habe mir schon gedacht, dass es auf Aerbeit hinaus läuft.

Frage: Wie kann ich denn Bilder direkt im Artikel anzeigen?

Gruß Reinhard

jasper
04.08.2005, 17:03
Hi Reinhard,

eigentlich ganz einfach!

Geb die Adresse an, unter der dein Bild gespeichert ist, markiere den kompletten Text


http://URL_des_Bildes/Bild.bla

Dan drueckst du einfach auf den Button IMG.

Benutzt du Firefox, musst du leider den Anfangstag setzten, bevor du die URL einfuegst und den Abschlusstag danach.

Oder du schreibst einfach per Hand


[img]http://URL_des_Bildes/Bild.bla[/img]

Siehe auch hier

http://forum.outdoorseiten.net/faq.php#24
http://forum.outdoorseiten.net/viewtopic.php?t=3079

Mfg,

J.

Susanne
24.08.2005, 12:37
hei reinhard,

habe gerade deinen bericht gelesen und die tollen fotos angsehen. super! lofotenbesuch im winter steht bei mir auch auf der wunschliste. ist aber noch nichts konkretes geplant.

gruß susanne

TamaraG
14.11.2011, 09:38
...hab deinen Bericht gerade jetzt gelesen und würde gerne noch Foto's dazu sehen.
Ich glaube dein alter Link funktioniert nicht mehr...
Hast du einen neuen?

Mika Hautamaeki
14.11.2011, 12:06
Ich glaube nicht, daß da noch ne Antwort kommt:

Letzte Aktivität 17.11.2005 19:09