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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [GB] Schottland: WHW,Glenfinnan-Inverie, Knoydart +Fotos



Janaek
04.06.2005, 16:10
Hi allerseits,
nachdem alle meine Abiklausuren geschrieben waren und ich auch die mündliche Prüfung erfolgreich absolviert hatte, wurde es Zeit für meinen ersten großen Outdoorurlaub.
Als Anfänger und Schüler mit eher begrenzten finanziellen Mitteln habe ich mich dann schnell für Schottland entschieden.
Ich bin auf meiner dreiwöchigen Tour zuerst den West Highland Way gelaufen, der vielen aus dem Forum sicherlich bekannt ist, bin dann von Glenfinnan aus bis zu dem kleinen Ort Inverie auf der Halbinsel Knoydart gelaufen und habe diese dann im dritten Abschnitt meiner Reise umrundet.
Inspiriert wurde ich zum letzten Teil der Reise vom Reisebericht Bubus, der zwar schon etwas älter ist, aber toll zu lesen, und für den ich mich auf diesem Wege bedanken möchte.

Da der WHW allerdings schon oft beschrieben worden ist, werde ich mich im ersten Teil meines Berichts eher kurz halten, der zweite Teil des Urlaubs war sowieso schöner und mehr nach meinem Geschmack.
Ich werde die Teile meiner Beschreibung nach und nach anfügen.
Viel Spaß beim lesen euch!

Donnerstag, 12. Mai (Anreise)
Nachdem ich in den Tagen zuvor meine Ausrüstung ergänzt habe, mir Gedanken über Verpflegung, Versorgung auf der Tour und mögliche Risiken gemacht habe, war mit diesem Donnerstag endlich die Stunde der Wahrheit gekommen.
Nach dem Abschied von meinen Eltern, der mit dem Hinweis endet, das 18 Jahre Erziehung bitteschön nicht in irgendeiner schottischen Schlucht verschwendet werden sollten, und dem traurigen Abschied von meiner Freundin, die mir mit sorgenvoller Miene nachschaut, sitze ich im Zug Richtung Köln, von wo mich ein Shuttlebus zum Flughafen Hahn bringen soll.
Meine Stimmung lässt sich mit gespannter Erwartung wohl am besten Beschreiben, ich hatte eigentlich keine rechte Ahnung was dieser Urlaub so bringen würde.
Die Anreise klappt ersteinmal problemlos, ich sitze um kurz vor acht zum ersten Mal in meinem Leben in einem größeren Passagierflugzeug das mich in knapp zwei Stunden nach Glasgow (Prestwick) bringt.
Den Rucksack hatte ich in einer großen Plastiktüte verstaut aufgegeben, mein Handgepäck, bestehen aus Evazotte und einem weiteren Plastikbeutel mit Kochgeschirr, Verpflegung und Fotoausrüstung nach einer eingehenden Kontrolle des Kochgeschirrs mit in den Flieger genommen.
In Prestwick angekommen geht es mit dem Zug zur Centralstation von Glasgow, bezahlen muss ich nicht, der Schaffner hat kein Wechselgeld.
Kleine Anmerkung: Ich habe mir später erzählen lassen, dass man sich an der Flughafenrezeption einen Wisch geben lassen kann, mit dem man am An- und Abreisetag kostenlos alle Züge benutzen kann. Warum das nirgendwo steht und auch sonst kaum einer weiß ist mir allerdings schleierhaft.
Nichtsdestoweniger liege ich an diesem Abend gegen elf Uhr in einem Bett im Eurohostel von Glasgow, auch ohne Reservierung war dies problemlos.
Geschafft von einem langen Tag schlafe ich denn auch trotz 13 anderer Schläfer im selben Raum fest und gut.

Freitag, 13. Mai (Milngavie - Drymen, ca. 19km)
Nach einem ordentlichen Frühstück im Eurohostel, das in den 12,50 Pfund für die Übernachtung inbegriffen ist, mache ich mich mit der Bimmelbahn auf zum Startpunkt des WHW, Milngavie.
Diesen erreiche ich auch problemlos, nachdem ich am Ticketschalter eine Lektion gelernt habe, die in Schottland sehr nützlich ist.
Denn die Schreibweise eines Ortsnamens hat hier durchaus wenig mit dessen Aussprache zu tun, Milngavie heißt zB Mullguy.
Egal, ich bin froh als ich in besagtem Ort am Obelisk stehe, der den Startpunkt des WHW bezeichnet.
Nachdem ich mich noch mit Spiritus versorgt habe kann mein Abenteuer also losgehen.
Auf der ersten Etappe durchquert man auf den ersten drei Kilometern die Parkänlichen Ausläufer Milngavies, begegnet hier vielen Einheimischen die ihre Hunde ausführen, um dann allerdings die Ortschaft hinter sich zu lassen und in die flachen Lowlands zu gelangen.
An einigen schönen Seen entlang führt dann der breite und gut markierte Weg durch ein Weidenlandschaft mit unzähligen Kühen und Schafen.
Das Wetter ist wunderschön, schon nach einer halben Stunde ziehe ich meinen Pullover aus, benütze am ersten Tag in Schottland gleich zum ersten Mal Sonnencreme, bestaune die beachtlichen Hörner einiger Hochlandrinder und erfreue mich ganz allgemein an der Sonne, der frischen Luft und dem Vogelgezwitscher.
Urlaubsstimmung stellt sich ein.
Und die kann auch nicht trüben, dass der Weg ein wenig eintönig ist, einige Male kilometerlang geradeaus verläuft und gleichzeitig deutlich zu sehen ist, dass die Gegend recht dicht besiedelt ist.
Am Nachmittag komme ich an der Farm an, die nach meinem Führer einen kleinen Campground hat, auf dem ich mich denn auch für 4 Pfund einmiete.
Den Abend über liege ich vor meinem Zelt in der Sonne, koche auf dem tollen (Achtung: Ironie) Spirituskocher den ich für 5? zuhause gekauft habe, schreibe die Erlebnisse des Tages nieder und lese.
Mein erster Eindruck ist sehr positiv, besser kann ein Freitag der 13te wohl kaum verlaufen.
Meine Füsse tuen mäßig weh, ich habe keine Blasen und die 18kg im Rucksack sind auch nicht sonderlich schwer.
Gegen neun Uhr treibt mich die Kühle des Abends in meinen Schlafsack, ich schlafe schnell ein.

Samstag, 14. Mai (Drymen - Rowardennan, ca. 24km)
Etwas unerfreulich beginnt dieser ansonten wunderschöne Tag. Nachdem ich mein Frühstück aus Schokomüsli mit Wasser genossen hatte (der Geschmack ist wirklich erträglich), muss ich schon nach wenigen Kilometern und einem ersten Blick auf das Loch Lommond auf eine Strasse ausweichen, der eigentliche Weg ist wegen Lambing Session gesperrt.
Das ich allerdings gegen 11 Uhr mein Kopftuch aufsetzen muss, um keinen Sonnenstich zu bekommen, hält meine Laune hoch.
Und nachdem ich das Ufer des Lochs erreicht habe, geht es dann auch auf einem ca.30cm breiten Pfad entlang des mitunter steilen Ufers weiter, versetzt mit einigen deftigen Anstiegen.
Ich treffe kaum andere Läufer, dafür sind die Strände wegen des schönen Wetters und des Wochenendes voll von saufenden, grillenden, bierbauchtragenden Briten, deren sportlicher Ergeiz es zu seien scheint Bierdosen möglichst gleichmässig am gesamten Ufer zu verteilen.
Dass ich dann auch noch auf einem Parkplatz von einem Typen in einem Gokart beinahe umgefahren werde, lässt mich dann ernsthaft am Verstand gewisser Teile der hiesigen Bevölkerung zweifeln.
Dem Ranger mit dem ich mich kurz unterhalte geht es übrigens genauso.
Naja, die Sauforgien konzentrieren sich meist auf wenige hundert Meter rechts und links der Parkplätze, betrunken läuft es sich halt schlecht.
Somit habe ich auf den Zwischenstücken meine Ruhe, und geniesse die Natur die in unmittelbarer Nähe der Zivilisation erstaunlich intakt ist.
Gegen 16 Uhr erreiche ich die wilde Campsite in Rowardennan, die malerisch in einem kleinen Waldstück, durch das sich ein Bach schlängelt, gelegen ist.
Nachdem ich gekocht habe verführt mich dir Wärme der Abendsonne ins Loch Lommond zu springen, Mitte Mai allerdings eine sehr "coole" Angelegenheit.
Am Abend unterhalte ich mich dann noch mit drei Deutschen, einem Studenten mit seiner Freundin und deren Mutter.
Sie memmt nach zwei Etappen schon rum, während ihre Mutter voller Energie tonnenweise Essen kocht.
Er sitzt etwas verloren dazwischen.
Auch an diesem Abend liege ich gegen neun Uhr im Schlafsack, frische Luft macht müde.

Sonntag, 15. Mai (Rowardennan - Inverarnan, ca. 21km)
Nach dem üblichen Frühstück musste ich mich auf dem ersten Teil der heutigen Etappe zwischen zwei Alternativen entscheiden.
Ein Weg führte etwas oberhalb des Ufers auf einer Schotterstraße entlang, der Andere direkt am Ufer, im Führer mit "for the adventurous only" bezeichnet.
Natürlich halte ich mich für einen Abenteurer, und kraxle so die nächsten 2 Stunden direkt am Wasser auf einem wunderschönen Pfad, den ich mit wildromantisch beschreiben würde, wäre der Begriff nicht so abgegriffen.
Dabei bestaune ich zwischendurch eine unscheinbare Felsspalte, die angeblich Rob Roy Cole für einige Zeit als Versteck vor den Truppen des englischen Königs gedient haben soll, ich entdecke lediglich einen Haufen Ziegenscheiße.
Ich setze meinen Weg also fort, und merke das auch der zweite Teil der Etappe, der nicht mehr offiziel "adventurous" ist, mit dem schwierigen ersten Teil mithalten kann.
Ich denke an das merkwürdige Trio des Vorabends zurück und muss bei dem Gedanken wie er seine Freundin über den Weg zerrt, während vor ihnen ihre Mutter ungeduldig auf sie wartet unwillkürlich grinsen.
Ich habe von den Dreien übrigens im weiteren Verlauf nichts mehr gesehen.
Während ich mich über Unpässlichkeiten Anderer amüsiere, verlässt der Weg nach einem letzten fantastischen Aussichtspunkt das Loch Lommond, und ich bin nach weitern ca.4km an meinem Ziel für heute angekommen, einer wirklich schönen Campsite die in ein Tal eingebetet ist.
Ob des Angebots im Shop dieser Campsite, die sich ihren Service allerdings auch mit 5 Pfund bezahlen lässt, habe ich eine oppulentes Tomatensuppe-Würstchendinner, das ich mit einer Rolle Bonbons abschließe.
Bevor ich einschlafe resümiere ich noch, das ich in den ersten drei Tagen keinen Tropfen Regen hatte, dafür aber jeden Tag Sonnencreme brauchte.

Montag, 16. Mai (Inverarnan - Bridge of Orchy, ca. 31km)
An diesem Tag habe ich es mir in den Kopf gesetzt 31km bis Bridge of Orchy zu laufen, da ich dadurch mehrere Nächte auf wilden Campsites schlafen könnte, somit Geld sparen.
Ausserdem wollte ich testen wieviel mein Körper hergibt.
Ich stehe an diesem Morgen früh auf, und nach einer erfrischenden Dusche und dem üblichen Frühstück geht es gegen halb neun Uhr los.
Jetzt, da ich das Loch Lommond verlassen habe, fängt die Landschaft an, mehr und mehr dem typischen Bild von Schottland zu entsprechen.
Der Weg schlängelt sich entlang der Flanken grassbewachsener Hügelketten, durchquert langezogene Täler die nur von Schafen bewohnt sind und passiert in seinem Verlauf immer seltener Häuser und Straßen.
Leider geht mit der wunderschönen Landschaft auch die Hiobsbotschaft einher, dass die Knopfbatterien die den Belichtungsmesser der Spiegelreflexkamera die mir mein Opa vermacht hat mit Strom versorgen leer sind, ich sollte sie erst einige Tage später ersetzen können.
Trotzdem genieße ich die Landschaft, freue mich über meine Entscheidung meinen Urlaub hier zu verbringen, und fühle mich frei und unabhängig während ich eine Steigung nach der anderen erklimme.
Doch ich muss erkennen, das 31km mit Gepäck eine Menge Holz sind, insbesondere bei dem hügeligen Gelände das ich durchquere.
Auf den letzten Kilometern des Tages schlurfe ich ziemlich unterzuckert daher, und bin heilfroh als ich gegen 17 Uhr Bridge of Orchy erreiche.
Diese Etappe war von ihrer Strecke her die längste meines gesamten Urlaubs und sorgt auch dafür, das ich zwei kleine Blasen bekomme, die ich allerdings einfach ignoriere, eine erstaunlich erfolgreiche Behandlungsmethode.
Die Anstrengungen des Tages lassen mich den auch früh, aber irgendwie stolz einschlafen.

Anmerkung: Keine Ahnung wie sich Erschöpfung auf die Psyche auswirkt, ich hatte jedenfalls heute das dringende Bedürfniss Winnetou I-III mal wieder zu lesen...

Dienstag, 17.Mai (Bridge of Orchy - Kingshouse, ca. 21km)
Die Morgensonne weckt an diesem Tag meine Lebensgeister, während ich Schockomüslifrühstückend darauf warte das sie mein Zelt und meinen Schlafsack von der Kondenznässe befreit. Muss wohl kalt gewesen sein heut Nacht.
Meinen Beinen und Füssen geht es prima, keine Folgen der gestrigen Etappe spürbar.
Die heutige Etappe führt mich durch die Ausläufer des Rannoch Moor, die von einer alten Militär- und Handelsstraße durchquert werden, die jetzt der WHW ist.
Vor hundert Jahren ist diese Straße zuletzt restauriert worden, so lese ich auf einem Infoschild, trotzdem trägt sie noch heute problemlos Jeeps.
Ich ärgere mich diese fantastische, aber sehr karge Landschaft nicht fotografieren zu können, das laufen hier ist wirklich ein Erlebniss.
Es ist toll den Wind zu spüren, der unablässig pfeifft, während der Blick über schier endlose Hügel schweift, und man nur seine Schritte, das Kratzen der Stöcke und das allgegenwärtige Vogelgezwitscher hört.
Ich genieße den Tag der mich nach Kingshouse führt also sehr, merke aber langsam das es doch einige andere WHW-Läufer gibt, ich treffe heut zwischen zehn und zwanzig von ihnen.
An meinem Ziel angekommen baue ich auf der wilden Campsite mein Zelt an einem kleinen Fluss auf, und nachdem ich gekocht und abgewaschen habe, lege ich mich früh schlafen.
Scheinbar zu früh, den gegen zehn Uhr beschließe ich nocheinmal aufzustehen und den Sonnenuntergang anzuschauen.
Als ich so vor meinem Zelt sitze, sehe ich auf einmal wie eine 4 Tiere starke Rotwildherde aus den naheliegenden Hügeln kommt, und keine 50m von mir entfernt in seelenruhe anfängt zu grasen.
Ich habe den Wind im Gesicht, ausserdem trage ich dunkelgrüne Kleidung, deswegen scheinen die Tiere mich weder sehen noch wittern zu können.
Ich schaue ihnen ca. 15min zu, bevor sie sich langsam hügelwärts entfernen.
Beflügelt von diesem Erlebniss beschließe ich die Weinflasche, die ich aus Deutschland mitgebracht habe zu öffnen, eine folgenschwere Entscheidung.
Denn nach der Flasche habe ich ein irgendwie erhöhtes Mitteilungsbedürfniss, und begebe mich in die public bar des naheliegenden Hotels.
Die Belgier mit denen ich dort ins Gespräch komme lassen mich nicht wieder ziehen ohne mir zwei Bier auszugeben, ein Sachverhalt der meine Weinbettschwere in Weinbierbettlägerigkeit umfunktionier.
Egal, ich hatte einen tollen Tag und die morgige Etappe ist ja auch ziemlich kurz, denke ich bevor ich einschlummere.

So, erstmal keine Lust mehr zu schreiben, Fortsetzung folgt.
Kann eigentlich eine deutsche Tastatur ein Pfundzeichen?
Ach ja, und Bilder gibts auch sobald ich mal an einen Scanner komme.

Janaek
06.06.2005, 11:38
Mittwoch, 18. Mai (Kingshouse - Kinochleven, ca. 14km)
An diesem Tag muss ich nicht lange laufen, was angesichts meines dämmrigen Zustands nicht schlecht ist.
Am Anfang der Etappe habe ich wieder die Wahl zwischen zwei Alternativen, entscheide mich auch hier für die schwerere Etappe entlang des Flusses der durch das Tal fließt, anstatt an der Hügelflanke entlang zu laufen.
Diese Entscheidung hat auch etwas damit zu tun, dass ich heute so lange geschlafen habe, bis der Hauptstrom der Läufer losgegangen ist, trotz der vielen Menschen ist die untere Route jedoch komplett leer.
Unten am Fluss schimpfe ich dann auf die matschigen Verhältnisse, hätte ich zu dieser Zeit schon etwas über den weiteren Verlauf der Tour gewusst, hätte ich mich für den tollen Weg bedankt...
Nun, nachdem ich den Fluss verlassen habe komme ich zum Höhepunkt des Tages.
Der höchste Punkt des WHW, die wahre Herausforderung, die ultimative Steigung, das Devil´s Staircase.
Was soll ich sagen, trotz meines Katers ist mir Luzifer nicht erschienden, trotzdem habe ich die meisten der Läufer (auch die ohne Gepäck) überholt, und mich nach einer Stunde, als ich oben war, gefragt obs das jetzt schon war.
Auf den Vorwurf ich höre mich arrogant anhöre, darf ich an dieser Stelle wohl sagen, dass ich mich später eher noch ziemlich jämmerlich anhören werde.
Nun, trotz des eher entäuschenden höchsten Punktes des WHW bin ich froh, als ich sehr früh in meinem Zelt am Blackwaterreservoir in Kinochleven liege.
Hier noch ein kleiner Tipp für alle die den Weg nachlaufen wollen. Am ersten Platz in Kinochleven kostet die Nacht 5 Pfund, etwas weiter durch den Ort, etwa 500m hinter dem Punkt wo der WHW wieder in die Hügel geht, kann man neben dem "MacDonald Hotel" in schönerer Lage für 4 Pfund zelten.
Ich gehe an diesem Tag noch in Ruhe einkaufen, insbesondere eine neue Batterie für den Fotoapperat, und eine neue Flasche Spiritus, die aber nach einigen negativen Erfahrungen mit dem Kocher, und dem Bau eines Windschutzes aus Papier und Tesafilm, die kompletten letzen knapp 2 Wochen reichen sollte.
An diesem Abend regnet es zum ersten Mal während meiner Zeit in Schottland, und das sollte auch bis zum Abend des nächsten Tages nicht mehr anders werden.
Während also der Regen auf mein Zelt trommelt, denke ich daran das ich wohl Morgen die Regenhose, die ich vor der Abreise in aller Hektik im Sportgeschäft gekauft habe, ausprobieren werde.

Donnerstag, 19.Mai (Kinochleven - Glen Nevis, ca. 22km)
Ich wache auf und höre als erstes, dass es immernoch regnet.
Immerhin merke ich so, dass ich einfach in meiner Packtechnik den Futterbeutel mit dem Beutel der Zeltplane vertauschen kann, und so alle meine Sachen relativ trocken wegpacken kann.
Nachdem das erledigt ist gibt es nichts mehr zu tun, als die Regenhose anzuziehen und sich aufzumachen den Naturgewalten zu trotzen.
Dafür ist die letzte Etappe des WHW landschaftlich nocheinmal sehr schön, das schlecht Wetter erhöht das Gefühl der Wildheit der Landschaft eher noch.
An diesem Tag durchquert man immer wieder Waldstücke, eine nette Abwechslung zu den grassbewachsenen Hügeln.
Ich komme an diesem Tag gegen 16:30 auf dem Campground in Glen Nevis an, dem einzigen in der unmittelbaren Umgebung Fort Williams.
Diese Sonderstellung lässt sich der Campingplatz dann mit 6,90 Pfund denn aber auch fürstlich entlohnen.
Und da weder die Toilettenschüsseln aus Massivgold sind, noch ein privater Butler hinter mir herdackelt, dafür aber am Handtrockner "to dry your hands only" und am Fön "to dry your hair only" steht, komme ich zu dem Schluss, dass der Manager einfach vergessen hat das "walkers welcome" - Schild durch ein "spend your money or leave" -Schild zu ersetzen.
Mit dieser Erkenntniss hat sich natürlich auch mein Ruhetag erledigt, ich freue mich darauf die wirkliche schottische Wildniss fern von den Segnungen der freien Marktwirtschaft zu erleben.
An diesem Abend schreibe ich noch Postkarten nach Hause und rufe meine Eltern an, um ihnen Bescheid zu sagen dass Ich noch lebe.
Ausserdem entscheide ich mich anstatt direkt nach Inverie zu fahren, von Glenfinnan aus bis zu dem kleinen Ort zu laufen.
Ich freue mich also wirklich auf die nächsten Tage, bin aber auch ein wenig aufgeregt, denn jetzt geht es ja schließlich richtig los.

Mein Fazit des West Highland Way:
Der Weg ist schon ganz nett, aber insbesondere im Nachhinein betrachtet Landschaftlich eher Schottland light.
Interessant ist allerdings, dass man die Landschaftlichen Veränderungen von den Lowlands in die Highlands sehr genau verfolgen kann, ich würde deswegen wenn auch den gesamten WHW empfehlen.
Es ist nicht schlecht als Warmup für den weiteren Urlaub, insbesondere für Anfänger, Fortgeschrittene können sich diesen Weg aber wohl schenken.
Ich habe die 150km ohne Probleme in einer Woche ablaufen können, und ich war dank meines Abis in eher schlechter Form.
Soweit zum WHW, der Rest des Reiseberichts dürfte allerdings für die meisten Interessanter seien.

Janaek
09.06.2005, 18:04
Region/Kontinent: Nordeuropa

Freitag, 20. Mai
Da ich ab diesem Tag über meine Kilometerleistung und die Orte die ich erreicht hab nur noch ungenau Bescheid weiß, werde ich sie nicht mehr in die Überschrift schreiben.
Am Morgen dieses Tages packe ich meine Sachen früh zusammen, und beeile mich die unbequeme Strecke entlang der Straße bis Fort William hinter mich zu bringen.
Dort angekommen erkundige ich mich zuerst nach den Abfahrtzeiten der Züge, um dann einzukaufen.
Nach dem vorherrschenden Trubel zu urteilen scheint Fort William hauptsächlich vom Tourismus zu leben, ich fühle mich irgendwie nicht sehr wohl.
Ausser Lebensmitteln für 5 Tage erstehe ich, zusätzlich zu OS Landranger Map Nr.40 die ich schon besitze, die Karte Nr.33, da sich meine Planung wie gesagt spontan geändert hat, sowie Tabletten zur Wasserreinigung und eine billige Kartenschutzhülle.
Dann begeben ich mich in die örtliche Bibliothek um dort in Ruhe eine Strecke bis Inverie festzulegen.
Schließlich verlasse ich Fort William, das mir in keiner Weise in besonderer Erinnerung geblieben ist.
Der Zug den ich nehme ist allerdings voll, sehr voll. Sämtliche Sitzplätze sind von einer Seniorentruppe reserviert worden, ich quetsche mich mit einem deutschen Ehepaar auf Hochzeitsreise in einer Nische in der sonst Fahrräder abgestellt werden zusammen. Immerhin unterhalten wir uns gut.
Die Fahrt nach Glenfinnan dauert ca. eine halbe Stunde und ich bin froh am Ort des Bonnie Prince Charly-memorials und der Harry Potter Brücke der drückenden Hitze des Zuges und den Videokameras der rüstigen Herrschaften zu entkommen.
Nachdem ich diese touristischen Highlights gebührend bewundert und ohne Eintritt zu bezahlen das memorial erklettert habe, mache ich mich schließlich gegen 3 Uhr, fröhlich unbelastet vom Wissen der Zustände auf schottischen "public foothpathes" auf den Weg in den wirklich interessanten Abschnitt meines Urlaubs.
Unter oben genannter "Harry-Potter-Brücke" hindurch geht es auf einem zunächst asphaltierten Weg bergan. Schon nach kurzer Zeit fängt es an zu regnen, Regenklamotten werden nötig.
Da der Regen immer heftiger wird, ich gleichzeitig weiß das die nächste Hütte sehr weit entfernt ist und ich auch nach den Anstrengungen der letzten Tage nicht mehr 100% bei Kräften bin, fällt mir die Entscheidung leicht, nach wenigen Kilometern gegen vier oder halb fünf die erste Hütte am Wegesrand aufzusuchen.
Sie trägt den schönen Namen Corryhully, im Nachhinein weiß ich, dass ich das Forumsmitglied Marcus Mohr nur um wenige Tage verpasst habe, unsere Touren decken sich auf den nächsten 3 Etappen.
Für mich wird diese Nacht meine erste Hüttennacht, deswegen für alle die so unwissend sind wie ich vor meiner Tour war sind, eine kleine Beschreibung dieser Wandererhütten, die im schottischen Bothys genannt werden.
Auf einer Grundfläche von ca. 12*4 Metern stehen die Grundmauern dieser Bauwerke, meist aus groben Natursteinen gemauert, mit zwei kleinen Fenstern auf jeder Seite und einer niedrigen Tür in der Mitte.
Der Dachstuhl aus Holz ist entweder mit Wellblech, oder schöner mit Schieferschindeln gedeckt.
Im ínneren gibt es meist an jeder der beiden kürzeren Seiten eine offene Feuerstelle, die zusammen mit einigen grob gezimmerten Holzplattformen zum schlafen und einem wackeligen Tisch und ebensolchen Stühlen das Mobiliar darstellt.
Während sich also draussen nach und nach ein Sturm zusammenbraut und der Regen heftig aufs Dach prasselt, bin ich froh mit zwei älteren Schotten, die vor mir angekommen sind, am knisternden Feuer zu sitzen.
Später am Abend kommen noch zwei jüngere Deutsche aus Hamburg dazu, mit denen ich mich den Abend lang hervorragen unterhalten sollte.
Meine erste Bothyerfahrung ist somit durchweg positiv.
Relativ spät Strecke ich mich also auf meiner Isomatte aus, schaue noch einer Zeit meine dampfenden Schuhen zu wie sie vor dem Kamin trocknen, und freue mich in dieser Nacht nicht im Zelt zu sein.
Dann schlafe ich erwartungsvoll ein.

Ich habe am nächsten Morgen übrigens meinen WHW-Führer in der Hütte vergessen, nachdem ich ihn den beiden Deutschen gezeigt hatte.
Sie haben dann anhand meines Wohnortes, den ich ins Hüttenbuch geschrieben hatte, meine Telefonnummer und Adresse herausbekommen und mir das Buch zurückgeschickt.
Als ich zurück nach Hause kam wartete es schon auf mich.
Vielen Dank an euch beide, auch wenn ihr das hier wahrscheinlich nie lesen werdet.

Samstag, 21. Mai
Am Morgen bin ich als erster der Hüttenbelegschaft wach, und fange leise an meine Sachen zusammenzupacken.
Während ich mich dann am nahen Fluss wasche, wachen auch die anderen auf.
Wir verabschieden uns so herzlich, wie man sich nur von Menschen die man seit knapp 20 Stunden kennt verabschieden kann, dann soll es für mich losgehen.
Nach knapp einem Kilometer in Richtung des Passes den ich an diesem Tag zu überqueren habe, merke ich allerdings das mir der Hund, der einem der älteren Herren gehört folgt.
Ich lege meinen Rucksack ab und gehe nocheinmal zurück zur Hütte, wo das Herrchen beschließt ein Stück mit mir zu gehen, um seinen Hund dann mit zurück zu nehmen. Auf dem Weg erzählt er mir dann die Anekdote des Bordercollies "Jok", die ich natürlich dem Forum nicht vorenthalten will.
Denn da Jok erst seit einem halben Jahr bei seinem neuen Herrchen ist, ist seine Bindung zu diesem wohl noch nicht sehr fest.
Jedenfalls hat Jok die dumme Angewohnheit mit fremden Menschen auf Wanderschaft zu gehen.
Seine Anhänglichkeit ging in einem Fall dabei soweit, dass er wildfremden Menschen nach einer Wanderung von 12 Meilen in den Zug folgte.
Dieser ließen ihn dann an ihrem Zielort beim Schaffner zurück, mit der Weisung ihn in den nächsten Zug zurück zu stecken.
Also kam Jok am nächsten Morgen an seinem Ausgangsbahnhof an, und wurde hier der Polizei übergeben.
Hund und Herrchen fanden wieder zusammen, als der verzweifelte Schotte die Polizei anrief und dort seinen Hund als vermisst melden wollte.
Sein einziger Kommentar nach dieser Geschicht war allerdings: "Well, he´s a traveller".
Wenn ich irgendwann einmal einen Hund habe, dann wird der übrigens Jok heißen.
Nun aber zurück zur Beschreibung meines Weges.
Während ich mich langsam aber sicher dem Passrücken nähere, hat sich der Zustand des Weges nämlich rapide verschlechtert, am Ende verschwindet der Weg immer wieder komplett.
Nunja, ich weiss das ich im richtigen Tal bin, laufe also da wo es mir bequem erscheint. Mangels Erfahrung führt dies allerdings immer wieder dazu, dass ich bis zu den Knöcheln im Schlamm versinke.
Was dabei bergauf noch nervig war, wird beim bergablaufen geradezu gefährlich. Ich schlittere also langsam den Hang hinunter und versuche mir keine Knochen zu brechen.
Dies gelingt mir auch leidlich, schlechter siehts da schon für einen meiner Lekis aus. Als ich wieder einmal zu einer Rutschpartie ansetze, stütze ich mich wie gewohnt auf meine Stöcke um nicht auf dem Hintern zu landen.
Dabei versinkt allerdings einer der beiden bis zur 1,20m-Markierung im Schlamm, und ich Rutsche auf meinem Hintern, die Hände noch in den Schlaufen talwärts.
Was soll ich sagen, hätte nicht gedacht das die Dinger so einfach brechen.
Egal, wo gehobelt wir fallen Späne, nach einer langen Rutschpartie stehe ich im nächsten Tal, vor mir breitet sich ein Waldstück aus, an dessen Ende eine weitere Hütte seien soll.
Der Weg auf dem ich bis dahin gelaufen bin, verläuft sich hier allerdings sehr ominös am Waldrand.
Mir egal, ich weiss ja dass ich nach vieleicht zweihundert Metern durch den Wald laut Karte eine Forststraße erreichen müsste, ich trample frohen Mutes los.
In diesem kleinen Waldstück lerne ich entgültig, dass man in Schottland beim gehen die Augen aufhalten sollte.
Denn was ich für eine Rinne halte, in der ich bequem die Strasse erreichen kann, tut sich plötzlich unter mir auf, ich versinke bis zur oberen Hälfte beider Oberschenkel in zähen, muffigen Schlamm.
In der ersten Sekunde muss ich Panik niederkämpfen.
Ich stehe höchstwahrscheinlich allein auf zehn Quadratkilometern, aus dieser Kacke muss ich selbst rauskommen.
Als erstes schmeiße ich meinen Rucksack vor mich auf trockenen Boden. Dann versuche ich mit dem verbliebenen Leki, ob ich noch tiefer sinken kann, erreiche glücklicherweise ca. 15cam unter meinen Schuhen festen Boden.
Ich schmeiße meinen Oberkörper möglichst weit nach vorne, versuche gleichzeitig das linke Bein zu befreien. Langsam, extrem langsam löst es sich aus dem Schlamm, um schließlich mit einem Schmatzen die Oberfläche zu erreichen.
Mit dem freien Bein und meinem Oberkörper versuche ich eine möglichst große Auflagefläche auf dem Schlamm zu schaffen, es gelingt mir dadurch mein anderes Bein zu befreien.
Ich krable vorsichtig zu meinem Rucksack, setze ihn noch leicht unter Schock auf, und laufe weiter zur Forststraße.
Hier lasse ich mich erleichtert fallen und atme tief durch.
Das ist Solowandern, und das Land in dem ich bin ist nicht ganz ungefährlich, diese Lektion verinnerliche ich an diesem Tag.
Nach ca. einer halben Stunde Pause, wandere ich entlang des Forstwegs weiter, und erreiche über ihn die schöne Hütte A´Chuil.
Schlammverkrustet wie ich bin muss ich bemitleidenswert aussehen, jedenfalls bekomme ich, nachdem ich meine Story losgeworden bin, ersteinmal ein Bier in die Hand gedrückt.
Eine Truppe Schotten im besten Alter verbringt hier ihr Wochenende zusammen mit einer beeindruckenden Anzahl Bierdosen und einiger Flaschen guten schottischen Whiskeys.
Nachdem ich mich gewaschen hab geselle ich mich zu ihnen, und dank ihrer Gastfreundschaft zieht sich der Abend bis zwei Uhr Nachts hin.
Schließlich schlafe ich, reichlich angetrunken und ziemlich erschöpft, vor dem Kaminfeuer ein.

So, muss auch erstmal wieder los, hoffe ich kann morgen weitermachen.

rover
04.07.2005, 15:01
Hi Janaek,
schreib doch mal bitte weiter!

merci

rover

Janaek
08.07.2005, 18:20
Man glaubt es kaum, scheint ja doch jemand gelesen zu haben ;-)

Ich bin leider im Moment bei der Marine und hab sehr wenig Zeit.
Aber ich werde mich bemühen am Wochenende noch was zu schaffen!
lg,
Jan

Nitrox
24.07.2005, 10:49
:bg: Ja, Janaek schreib weiter!!!
Bin gerade bei den Vorbereitungen für den WHW.Anfang August geht es bei mir los.