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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [CA, US] Mit dem Rad von Anchorage/Alaska nach Vancouver/B.C.



joeyyy
21.03.2013, 00:39
Moin zusammen aus dem Norden!

2009 startete ich mein Projekt "Panamericana" - eine Radtour von einem Ende der Welt an ein anderes Ende der Welt. Ich muss das Projekt in Etappen realisieren, da ich in einer Patchwork-Familie lebe und meine Kinder noch zur Schule gehen. Eigentlich bin ich ein ganz normaler Angestellter, der halt arbeitet und hin und wieder ein wenig träumt und dann hin und wieder noch ein bisschen weniger seine Träume lebt. Na ja - ich meine, so allein durch die Welt zu radeln.

Und außer dem Radeln fotografiere ich gerne und ich denke gerne nach. Und all das dokumentiere ich in meinem Blog, aus dem ich hier ein paar Auszüge präsentieren möchte.

In 2009 also ging es in Anchorage los, über den Glenn Highway, Alaska Highway, Cassiar Highway, Yellowhead Highway, Sea-to-Sky Highway und einige Sträßchen und Wege im Hinterland bis Vancouver.

Was in mir vorging, schreibe ich hier einfach mal auf:

Es beginnt im November 2008

Ich weiß, dass es ein harter Kampf wird.

Soziale Verantwortung in einer Wachstumsgesellschaft heißt, einen einmal erreichten Lebensstandard mindestens halten zu müssen. Vor allem wenn es nicht der eigene ist. It’s the law!

Freiwillig weniger arbeiten und weniger verdienen? It’s not usual!

Und doch: Ich werde jetzt meinen Traum leben, mein Leben träumen. Ich werde den ganzen Scheiß der letzten Jahre hinter mir lassen. Ich werde mir einen Erinnerungs- und Gefühls-Fundus in Kopf und Herz aufbauen, einen Reichtum, dessen Dividenden ich mir jederzeit auszahlen lassen kann. So was wie den Zieldurchlauf meines ersten Ironman-Rennens in Österreich. Das war Glück pur! Wenn ich abends meine Tagesration Glück noch nicht gefunden habe, denke ich an solche Momente.

Also: Es wird gehen. Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Mach was Dir Spaß macht, der Rest findet sich schon. Gestalte Dein Leben und in Deinem Leben – dafür ist es doch da.

Carretera Panamericana. Seit zwei Jahren nun lerne ich schon Spanisch. Carretera Panamericana con bicicleta. 25.000 Kilometer von Nord nach Süd. Nur in der Mitte ist ein Loch – das Darién Gap. Ein Loch mit einer hohen Biodiversität: Urwald.

“Into the Wild” hat mich inspiriert. Der Junge hat’s richtig gemacht. Ein wenig zu konsequent vielleicht. Ich werde auch in Alaska beginnen, aber nicht da bleiben – auch wenn es eine Option ist, die ich einkalkulieren muss.

Alaska – Mythos, Inspiration und Herausforderung.

http://ghondi.files.wordpress.com/2010/02/jg-2009-05-24_05-25-52-ak-yt-bc1.jpg

Knapp siebenhunderttausend Einwohner verteilen sich auf eine Fläche, die knapp fünfmal so groß ist wie Deutschland. Und von diesen Einwohnern wohnen mehr als die Hälfte in den zehn größten Städten. In Alaska gibt es nichts außer Öl und Landschaft. Und im Sommer Mücken. Jetzt herrschen in Fairbanks Minus zwanzig Grad – tagsüber! Im Sommer gibt es ein Zeitfenster von Mai bis September, in dem die durchschnittliche Temperatur im positiven Bereich liegt. Durchschnitt heißt Statistik. Statistik heißt “wahrscheinlich”. Es ist also ebenfalls “wahrscheinlich”, nur eben weniger, dass es im Mai/Juni auch mal ziemlich kalt sein kann in Alaska.

Egal – ich muss mich mit der Wahl meines Zeitfensters zwischen Kälte und Mücken entscheiden. Gegen Kälte kann ich mich schützen, gegen Mücken kaum. Die Viecher nagen bei mir an der Psyche. Wenn ich von Leuten höre, die ihren Urlaub in Skandinavien oder Mecklenburg oder an der Donau wegen der kleinen Blutsauger abbrechen, kann ich das nachempfinden. Aber in der Kälte Rad fahren – das mache ich doch gerne. Wieviele Winterkilometer bin ich schon im Deister gefahren, teilweise sogar durch den Schnee schiebend. So schlimm wird’s schon nicht werden…

Also: Alaska im Frühjahr.

Im Juli beginnen ja auch die Amis, in den Urlaub zu fahren und bevölkern die Highways mit ihren Recreational Vehicles, den Wohnmobilen, die hierzulande wahrscheinlich eine Omnibus-Zulassung benötigen.

Und wenn ich dann schon mal da bin, nehme ich gleich auch Kanada mit. Damit dürfte dann der erste Teil der Panam geschafft sein. Auf der Karte sind das von Anchorage nach Vancouver rund viereinhalbtausend Kilometer. Sechs Wochen Urlaub – viereinhalbtausend K’s – das ist auch für einen Langstreckentriathleten eine Hausnummer. In den einschlägigen Foren habe ich gelesen, dass diese Entfernungen mit dem Reiserad nicht in “Kilo”- sondern in “Mega”-Metern gemessen werden. Danach wären das vierkommafünf Megameter. Die einen schaffen ständig neue Bäbbelchen für Insider auf ihren Klamotten, damit sie “in” oder “hip” sind und es ja auch jeder merkt, die anderen schaffen neue Maßeinheiten, die außerhalb der Gilde für Achselzucken sorgen, auch um “in” zu sein.

In solchen Momenten frage ich mich, was ich eigentlich bin. Ich mag keine Bäbbelchen auf meinen Klamotten, ich mag weiterhin “Kilometer” sagen, auch wenn es die beiden Silben im Wort “tausend” kostet, aber mir trotzdem ein Hilleberg-Zelt mit Bäbbelchen kaufen, weil ich diesen Leuten einfach vertraue. Vielleicht schaffe ich es ja auf dieser Reise, herauszufinden, was ich bin. Oder ob das überhaupt wichtig ist.

Allein schon dafür brauche ich mindestens sechs Wochen. Und für die viereinhalbtausend K’s auch. Und für Alaska und Kanada auch.

Von Deutschland aus kann ich entweder nach Anchorage oder nach Fairbanks fliegen. Fairbanks wird donnerstags, Anchorage dienstags angeflogen. Bei nur sechs Wochen Urlaub muss ich mit jedem Tag disponieren. Von Vancouver aus kann ich samstags zurückfliegen, sechseinhalb Wochen für Fairbanks kriege ich nicht genehmigt, fünf Wochen von Fairbanks aus sind mir zu wenig, also bleiben fünfeinhalb Wochen von Anchorage aus.

Zusammengefasst ergibt das folgende Entscheidung: Mitte Mai von Frankfurt nach Anchorage, Ende Juni von Vancouver aus wieder zurück. Urlaub beantragen vom 18.5.2009 bis zum 26.6.2009. Ich kenne jetzt schon die Zweifel und Ausreden meines Vorgesetzten, die er sich einfallen lässt, um mir ein schlechtes Gewissen zu verursachen und die Wichtigkeit seiner Abteilung zu betonen und dass die doch immer funktionieren müsse und so weiter.

Den Jungs wird es egal sein, deren Mutter ist mir egal, das Lauftraining werde ich aufteilen. Es gibt Entscheidungen in diesem Leben, die einfach nur darauf warten, getroffen zu werden. Es gibt Wege in meinem Leben, die ich BEstimmen und nicht ABstimmen muss. Und dieser Weg gehört dazu.

Von Anchorage nach Vancouver führen zwar nicht so viele Wege, aber es reicht für eine weitere weitreichende Entscheidung. Nehme ich den Denali-Nationalpark mit? Fahre ich über den Denali-Highway? Oder den kürzesten Weg über den Glenn- und Alaska-Highway? Von Anchorage nach Fairbanks sind es gut 600 km, mit Denali kommen nochmal rund 250 dazu. Bis zur kanadischen Grenze würden dann rund 1.350 km auf dem Tacho stehen. Und dann ist der kürzeste Weg nach Vancouver über den Cassiar Highway und den 99 South immer noch rund 2.900 km weit. Aber Banff und Jasper will ich auch fahren. Und dann über den Kettle Valley Railway Richtung Westen nach Vancouver. Also von der kanadischen Grenze im Norden nach Vancouver wären das rund 4.000 km. Undenkbar. Mein Rad wird voll beladen 60 Kilo wiegen und nebenbei käme ich auf gut 30.000 Höhenmeter.

OK – Jetzt mach ich mich nicht verrückt und fahre einfach mal los. In Nordamerika gibt es noch die Greyhound-Busse und Eisenbahnen fahren da auch. Außerdem fahren dort alle Leute Pick-Ups und einer wird mich schon mitnehmen, wenn es nötig ist.

Dezember 2008

“Ich werde nächstes Jahr im Frühjahr sechs Wochen nicht da sein und es wird mein Resturlaub, meine Überstunden und ein Großteil meines Jahresurlaubs drauf gehen. Und im Herbst sind zwei Wochen mit den Jungs eingeplant.”

Erstaunen im Umfeld.

Immer wieder abstimmen, immer wieder Kompromisse schließen – das heißt: Pläne weichspülen. Das was den Kick bringt, aussondern, an die Gemeinschaft anpassen. Das ist nicht das was ich suche.

Ich weiß was ich kann, was ich mir zutrauen kann und was ich bereit bin, aufzugeben.

Was heißt schon aufgeben?

Sechs Wochen zelten – was gebe ich auf? Sechs Wochen Leben in der Natur – was gebe ich auf? Sechs Wochen Radfahren – was gebe ich auf? Sechs Wochen Fotografieren – was gebe ich auf?

Ich ahne, was da als Konsequenz auf mich zukommt…

Irgendwann aber muss ich doch mal anfangen – dafür habe ich mir dieses Monstrum von Fahrrad gekauft, dafür lerne ich Spanisch: Die Panamericana – Traum vieler Fahrrad- und Motorrad-Fahrer. Ich will im Norden anfangen, mich langsam an die fremden Kulturen gewöhnen. Und ich will mit dem Fahrrad fahren. Reisen mit dem Fahrrad ist für mich die entspannteste Art, Natur, Wetter, Menschen, Tiere und Landschaften zu erleben.

19. Mai 2009: Endlich…

Nachdem ich gestern abend in Frankfurt nochmal am Main langspazierte und heute morgen dann vom Rhein-Main-Flughafen abflog, bin ich schon mal gut in Anchorage gelandet. Fahrrad, Gepäck, Zelt, etc. – alles heile. Mein Mobiltelefon funktioniert nicht – trotz Triband. Egal – es dauert ja sowieso mindestens einen halben Tag, bis jemand bei mir wäre. Und außerdem habe ich noch einen weiteren unnützen Gegenstand, mit dem ich im Notfall nach den Bären werfen könnte.

Das was ich an Weite in der Landschaft aus dem Flieger raus gesehen habe, ist einfach gewaltig. Wir hatten Super-Wetter, konnten Gletscher sehen, im Meer und zwischen den Bergen. Das ist dann schon ein anderes Kaliber als in den Alpen. Schneebedeckte Tundra und Berge – soweit das Auge reicht.

Da wir über Whithorse in Kanada flogen, habe ich auch schon mal den Alaska-Highway von oben inspizieren können. Irgendwie ist da rechts und links noch ziemlich viel Schnee und ich weiß nicht, ob das in den nächsten Tagen wegtaut… Jedenfalls ist das hier nix mit 20 Grad und so. Aber trotz der Kälte kann ich es gut aushalten. Der Weg vom Flughafen zum Hostel, in dem ich heute noch übernachten werde, war angenehm – nur der Wind ist noch etwas kühl.

Der Hinflug war auch deshalb etwas ganz besonderes, da wir den Denali sehen konnten. Der zeigt sich nämlich normalerweise nur ganz selten. Das ist schon ein gewaltiger Brocken – und er steht fast allein in einer eher flachen Landschaft. Im Flieger saßen einige Leute, die ihn besteigen wollen. Das hebe ich mir aber noch etwas auf…

Die Leute hier in Anchorage sagen, dass ich am Wonderlake im Denali-Nationalpark auch jetzt schon ein richtig gutes Moskitonetz bräuchte – meins sei fast schon zu weitmaschig. Jedenfalls sei das “die Hölle”. Hmm – nun überlege ich mir natürlich, ob ich meine geplante Route nicht noch ändere. Zumal der Park erst am 6. Juni öffnet und da oben noch mehr Schnee liegt.

Na ja – mal sehen, ich entscheide mich morgen, wenn ich da oben bin. Auf jeden Fall fahre ich den Denali-Hwy – der soll zum Schönsten gehören, was Alaska zu bieten hat.

Irgendwie halten die mich für einen “Crazy German”, bei der Ankunft auf dem Flughafen haben sogar die sonst so grimmig schauenden Zollbeamten gelächelt. Einer von denen hat sogar meine Reifen mit einer Desinfektionslösung gereinigt, da der Dreck aus Europa runter sollte – wegen irgendwelcher Infektionsgefahren. Bei uns in Europa sind die Straßen und Wege offensichtlich mit SARS-, Vogel- und Schweinegrippe-Erregern nur so geteert. Ich wundere mich immer wieder, wie ein Land, das das freieste der Erde sein will, einen solchen Verfolgungswahn entwickeln konnte und ihn offensichtlich hegt und pflegt. Trotzdem sind die Menschen hier sehr nett und aufgeschlossen.

Nun denn – morgen geht’s mit dem Rad los und dann melde ich mich erst in der nächsten Stadt wieder – keine Ahnung, welche das sein wird und wann ich da ankomme. Zumal “Stadt” hier in Alaska auch jede Fünfhundert-Seelen-Gemeinde sein kann.

Also: Jetzt soll’s das erstmal sein. Ich gehe jetzt zum Wal-Mart und kaufe mir Trockenfutter, frisches Obst, Müsli und Schokolade für drei bis vier Tage. Die Leute hier im Hostel sagten, dass ich bis Whitehorse nicht mehr so eine große Auswahl haben werde – und das sind noch über 1.000 Kilometer.

Bilder zum Text gibt's hier: 19. Mai 2009 - es geht los! (http://ghondi.wordpress.com/2009/05/19/19-5-2009/)

Den gesamten Bericht gibt's dann hier: 2009 - Alaska - Kanada (http://ghondi.wordpress.com/category/2009-alaska-canada/)

Und wenn ich den Bericht dann weiterschreibe, veröffentliche ich es hier auch. OK?

Gruß

Jörg.

tjelrik
21.03.2013, 07:40
Hui. Vielen Dank für den Bericht. Du schreibst ganz wunderbar.

blauloke
24.03.2013, 11:48
Dein Schreibstil gefällt mir.
Warte ungeduldig auf die Fortsetzung deines Berichts.

dooley242
26.03.2013, 00:21
Dein Schreibstil gefällt mir.
Warte ungeduldig auf die Fortsetzung deines Berichts.

Geh mal auf seine Seite und sieh Dir die Bilder dazu an. Nimm Dir aber lieber viel Zeit. :grins:

Wirklich schön gemacht.

robert77654
28.03.2013, 14:09
Hallo Jörg!
Deine Berichte sind immer sehr schön geschrieben, deine "Gedanken" interessant und die meisten Fotos gefallen mir sehr.

OT zu "Into the wild": Ich kenne nur den Film, der hat es - zumindest dort - nicht richtig, sondern ausgesprochen dämlich gemacht und zwei mal nix gelernt. Auto trotz Schildern im Blitzflutbereich abgestellt, Blitzflut kommt, überlebt. Ohne Helm und ohne Erfahrung im Kanu oder Kajak durch die Stromschnellen, überlebt. Ohne Erfahrung, Karte und guter Ausrüstung in Alaska - nicht überlebt.

joeyyy
08.04.2013, 23:40
...oh, vielen Dank für's Lob - das freut mich sehr :-)

Dann kommt auch hier gleich die Fortsetzung - davon ausgehend, dass Ihr die Geschichten vom 19. Mai bis 16. Juni im Blog Alaska und Kanada (http://ghondi.wordpress.com/category/2009-alaska-canada/) gelesen habt:

17. Juni 2009 – 100-Mile-House bis 70-Mile-House

Ich zelte nicht mehr am Highway. Nie wieder! Never ever! Das Zelt steht etwas unterhalb der Straße – die LKWs fahren über mich drüber. Die ganze Nacht. Es ist jetzt zwei Uhr und ich komme maximal zu fünfzehn Minuten Schlaf am Stück. Trotz Ohropax. Ich stöpsel um: Ohropax raus, Ohrhöhrer rein. Madonna volle Lautstärke, ich summe leise mit. Aber schlafen kann ich damit auch nicht. Nach drei Liedern stöpsel ich wieder zurück. Es reicht ja, wenn ich einfach nur liege. Ausruhe. Muss ja morgen nix Intellektuelles leisten. Ein neues Geräusch macht mich neugierig: Regen. Na, prima. Ach, hier ist’s zwar laut, aber trocken und kuschelig. Und so schlafe ich dann auch irgendwann ein.

Ich frühstücke nochmal in dem Hamburger-Restaurant von gestern abend: Pancakes mit Whipped Butter und Obst. Das muss ich zuhause mal ausprobieren: Butter schmelzen, mit Sahne verquirlen und auf den Pfannkuchen schmieren. Im Gegensatz zu hier werde ich natürlich Vollkorn-Mehl für die Mehlspeise nehmen. Und frisches Obst statt die Dosen-Plürre hier. Aber lecker ist’s hier dennoch. Und groß. Großes Land, große Trucks, große Hamburger, große Pancakes. Alles groß hier.

Gegen Mittag komme ich los. Etwas spät, aber das macht nichts. Zelt und Klamotten können derweil trocknen, es hat erst am Morgen aufgehört zu regnen. Aber wirklich trocken werden die Sachen nicht – ich packe nass zusammen. Das sind allerdings gut ein bis zwei Kilo mehr Gewicht auf dem Rad. Und das in den Cariboos und mit meinen leeren Beinen…

Gegen fünf Uhr nachmittags erreiche ich 100-Mile-House und warte ein Gewitter ab, dem ich noch knapp davon fahren konnte. Im Visitor-Center lese ich meinen Mail-Eingang und schreibe ein paar Nachrichten nach Hause. Die Benutzung des Computers ist kostenlos – wie in allen Bibliotheken des Landes. Nachdem ich fertig bin und mich wieder abgemeldet habe, werfe ich einen Dollar in die Kaffeekasse. Das scheint ungewöhnlich zu sein, die ältere Dame hinter dem Tresen bedankt sich freundlich. Draußen hat sich die Luft merklich abgekühlt. Ich fahre los und merke, dass die Knie besser einen Wärmeschutz erhalten sollten. Wo kann ich nach hundert Metern Fahrt besser anhalten und mir meine Knielinge anziehen als bei Dairy Queen? Nirgenwo. Zur Belohnung, dass das alles so wunderbar geklappt hat mit dem Überziehen der Kniewärmer, genehmige ich mir ein Eis. Na ja, einfach nur ein Eis geht hier gar nicht. Das Ding, das ich ordere, heißt “Fudge Brownie Temptation Waffle Bowl Sundae”, wiegt 320 Gramm und erhöht meine heutige Kalorienzufuhr um 950. Effizienter geht das Ausgleichen von Vier-Stunden-Bergauffahrt-Energieverlust nicht. Der Super-Bowl ist eine frisch gebackene Zimtwaffel mit vier Erkern, die mit einem Teppich aus Schokolade ausgelegt ist. In die Mitte wird eine ordentliche Portion Frozen Yoghurt gelassen. Damit der nicht umfällt, stützen ihn einige Früchte in den zuvor erwähnten Erkern. Die widerum werden mit eigens dafür kreiertem Eis drapiert. Da das Auge bekanntlich mit isst und Schokolade auf dem Weltmarkt offensichtlich billig genug zu haben ist, wird – passend zum Waffel-Teppich – ein Überzug aus Schokolade appliziert. Aber nur auf den Gipfelgrat des Frozen Yoghurt. Die Erker erhalten als optische Unterstützung kleine Brownie-Würfel. Das Mädel hinter dem Tresen geht förmlich auf in ihrem Handwerk. Ich bestätige ihr Tun durch meine jahrelange Eis-Expertise und verweise auf den künstlerischen Gehalt dieses Werks. Sie freut sich, ich zahle knapp fünf Dollar plus zwei Quarters Trinkgeld und überlege, ob es jetzt dem Fudge Brownie Temptation Waffle Bowl Sundae gut gehen soll oder mir. Ich entscheide mich für mich, bleibe im Warmen und genieße nach der Optik den Geschmack.

Draußen empfangen mich Kälte und die Trucks. Draußen auf dem Highway überholen sich zwei von den Riesendingern auf eine Brücke, mir mit rund 50 Meilen entgegenkommend. Platz ist da irgendwie nicht allzu viel. Haben die mich nicht gesehen? Ich erinnere mich an meine Fahrt mit Randy, oben in Alaska. Die Jungs sind normalerweise ganz OK, sagte er, hätten alles im Griff. Darauf vertraue ich. Die beiden Ungetüme kommen näher, erst mir und dann sich selbst. Lassen mir so mein Leben. Ich schreie denen irgendwas hinterher, was mit ihren Müttern zu tun hat und bei den Rappern der Ghettos dieses Landes Umgangssprache ist.

Der Cariboo-Highway ist nach Meilen sortiert. Ich hatte mich schon beim Blick auf die Landkarte gefragt, warum die Orte hier numerische Bezeichnungen haben. Es ist wohl so wie mit den Straßen in den Städten: Wo die Kreativität nicht hinkommt oder der Mangel an historisch bedeutsamen Personen oder Partnerstädten groß ist, wird einfach durchnumeriert. Der Ort bei Meile hundert heißt eben 100-Mile-House. Eine Langlauf-Loipe bei Meile 99? 99-Mile-Trail. Baut man einen Bauernhof bei Meile 95, heißt der 95-Mile-Ranch. Ganz einfach. Von 100-Mile-House bis zur 95-Mile-Ranch geht es deutlich bergauf. Einstellige Tachozahlen zermürben mich. Vivaldi baut mich jetzt wieder auf. Ich versuche, den Rhythmus zu halten. Wenn ich bei Gang 2 der Rohloff den Vier-Jahreszeiten-Takt halte, zeigt der Tacho genau 6,8 km/h. Aber das Takttempo ändert sich hin und wieder bei dem alten Italiener. Das heißt, ich variiere mit den Streichern zwischen 5,9 und 7,4 km/h. Das kostet allerdings mehr Kraft als ein gleichmäßiger Tritt. Die Brandenburgischen Konzerte von Bach sind da besser geeignet. Der Rhythmus ist gleichmäßig und kraftschonender. Irgendwie hat sich auch ein Oratorium auf meinen Telefon-Chip verirrt – da ich beide Hände am Lenker habe und bergauf nicht in die Lenkertasche greifen will, um vorzuspulen, höre ich halt zu. Ich weiß gar nicht, wie ich mich fühlen soll. Wenigstens ist der Rhythmus gut.

Auf dem Begbie Summit halte ich nochmal an, um das bis dahin Geschaffte zu genießen, auszuruhen und dann doch die “Vor”-Taste zu drücken. Mit “ora et labora” kann ich nicht viel anfangen, halte es da eher mit Kant: “Betet nicht, räsoniert!” Ein Auto mit zwei jungen Amerikanern hält ebenfalls. Sie müssen pullern, danach beginnen wir eine Unterhaltung. Sie sind kritisch gegenüber dem Tun ihrer Landsleute und würden sich gern mehr für den Erhalt der Welt einbringen. Radfahren wäre eine gute Alternative zum Autofahren, sage ich. Na ja, das wäre zu wenig, meinen sie. Al Gore wäre ein gutes Beispiel für ein Umdenken. Na ja, gut – er hat es geschafft, mit seinen Umwelt-Ideen gemeinsam mit dem Weltklima-Rat den Friedensnobelpreis zu erhalten. Aber ich bin der Meinung, dass Politiker Machtmenschen und letztlich doch Opportunisten sind. Auch Al Gore war in Vietnam, obwohl er den Krieg offiziell ablehnte. Warum geht jemand gegen seine eigenen Überzeugungen in den Krieg? Die beiden Amis sind überrascht, dass ich die Geschichte von Gore einigermaßen gut kenne. Das täte noch nicht mal die Mehrheit der US-Amerikaner. Ich erwidere, dass sich halb Deutschland gefragt hätte, wie jemand die Wahl zum Präsidenten des nach eigenen Angaben demokratischsten Landes der Welt verlieren kann, obwohl er die meisten Stimmen gesammelt hat. Und so haben wir uns dann eben auch mit dem Verlierer beschäftigt. Den “Gewinner” kannten wir ja zur Genüge…

Ich höre mir noch ein wenig an, was ich irgendwann allerdings laberig finde: Die Jungs fahren mit ihrem Auto durch die Gegend und klappern Millionäre ab, um Geld für “gute” Projekte zu sammeln. Ich empfehle nicht Vancouver als Ziel sondern Seattle, um dort Bill Gates anzubaggern. Der hat doch echte Probleme, sein Geld für “gute” Projekte unterzubringen. Vielleicht hat er ja was übrig und Seattle ist ja nicht allzu weit von Vancouver entfernt.

Es ist jetzt halb acht und nachdem die beiden Jungs weg sind, fotografiere ich die Szene nach dem Gewitter noch ein wenig. Es ist faszinierend, was das weiche Abendlicht mit der Landschaft macht. Und dass die Sonne nach den Wolken tagsüber jetzt nicht nur den Rücken sondern auch die Seele wärmt. Unbeschreiblich.

Ich beschließe, auf ein warmes Abendessen irgendwo in einem Ort oder auf einem Zeltplatz zu verzichten und stattdessen hier in der Nähe wild zu zelten und die Situation zu genießen. Brot mit Mandelbutter, Käse und Trailmix (Studentenfutter) sind ja schließlich nicht zu verachten.

Bei 70-Mile-House riecht es nach frisch verbranntem Wald. Die Waldbrände der letzten Tage sind also bis hier hoch gekommen. Bald sehe ich auch die riesigen abgebrannten Streichhölzer, die in der Erde stecken. Stelle mir vor, wie das ist, wenn ich von einem Feuer umzingelt werde. Dann kann ich nur hoffen, dass ich eine Schaufel finde und mich eingraben kann. Das sieht nicht gut aus hier.

Ich biege in einen Feldweg ein und fahre zwei Kilometer. Weg vom Highway, hin zur Ruhe, die ich an einem See finde. Heute übernachte ich im Paradies.

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Bilder gibt's hier: Artikel und Bilder (http://ghondi.wordpress.com/2009/06/17/17-juni-2009-100-mile-house-bis-70-mile-house/)

joeyyy
14.05.2014, 00:19
Nach einem turbulenten Jahr Sendepause will ich nun meinen Reisebericht über meine Anchorage-Vancouver-Fahrt zu Ende schreiben:

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18. Juni 2009: Von Clinton nach Pavillion über DEN Berg


http://ghondi.files.wordpress.com/2014/05/090618_194931_alaska_canada.jpg


Ich fahre weiter auf dem Highway. Das ist Grund genug für mich, mir wieder meine Stöpsel in die Ohren zu stecken und Musik zu hören.

Ich trete so vor mich hin, als mich John Lennon ansingt. Zunächst singe ich einfach so mit, bis der erste Refrain ertönt: I’m just sitting here watching the wheels go round and round, I really love to watch them roll.

Irgendwie macht das gerade „Klick“. Nie hat mich ein Lied so berührt wie dieses jetzt und hier. Ich lasse es zurückspringen und höre nochmal bewusst von vorn.

People say I’m crazy doing what I’m doing. Jepp, genau, sagen meine auch. Die nächsten Zeilen wecken Sehnsüchte in mir. Sehnsüchte, die mir meine eigene Unfreiheit bewusst machen. Nein, John, ich kann mich nicht hinsetzen und mir die Schatten an der Wand anschauen. Ich muss noch auf dem Karussell sitzen bleiben. Vielleicht sogar so lange bis ich runterfalle.

Es ist faszinierend, zu merken, was ein eigentlich simples Lied auslösen kann. Wie eine Billardkugel trifft es meine im Dreieck schön geordnet liegenden Gedankenkugeln. Sie stieben auseinander, knallen an die Bande meiner Vorstellungen, prallen zurück, knallen wieder gegenseitig auf sich und hören nicht auf zu rollen. Als gäbe es keine Reibung, keinen Luftwiderstand, nur Bewegung. Mein Ich, Kinder, Eltern, Arbeit, Geld, Gesundheit, Zukunft, Vergangenheit, Haus, Freunde, Pläne, Reisen, Fremdes, Vertrautes – alles rollt durcheinander, knallt aufeinander und wieder voneinander.

I really love to watch them roll.

In Clinton muss ich mein Billardspiel aufgeben, nehme mir vor, die Kugeln jetzt mal ausrollen zu lassen und sie mir dann einzeln anzuschauen und vielleicht ein neues Dreieck zu sortieren.

Jetzt will ich nach Pavillion. Endlich wieder Backroad fahren. Pavillion ist nicht ausgeschildert, ich frage einen Mann auf dem Bürgersteig, ob ich hier nach Pavillion komme. Pavillion? DAS Pavillion, über DEN Berg? Ich frage wieviele Pavillions es denn hier so gibt. Es scheint ihm völlig abwegig zu sein, mit einem Fahrrad nach Pavillion zu fahren. Irgendwas muss zwischen hier und dort sein, das schwierig zu überwinden ist. Ich biege rechts ab, es ist die letzte Straße vor dem Ortsausgang von Clinton und sie heißt Clinton-Pavillion-Road.

Am Kelly Lake lädt mich eine Bank nochmal zum Verweilen ein. Neben ihr empfiehlt mir ein Schild, zu beten, dass der kommende Berg einfach so verschwindet. Gut, für ein Selbstportrait falte ich die Hände, mich fragend, was denn wohl kommen möge.

Erst kommt noch ein Schild, das mir ganz nüchtern mitteilt, dass die nächsten fünf Kilometer mit 14% Steigung zu rechnen ist, dann kommt es heftig. Die Rohloff rutscht wieder durch, ich steige ab und schiebe eine ungefähr 30 Kilo schwere Fuhre fünf Kilometer DEN Berg zwischen Clinton und DEM Pavillion hoch.

Zum Glück ist es heute etwas kühler als die letzten Tage. Und gutes Wetter. Zum Unglück finden das die Moskitos auch.

Die Mistviecher sitzen im Gras und warten auf Schatten, die vorbeiziehen. Sie haben John Lennon besser verstanden als ich. Schiebend bin ich wehrlos gegen die Angriffe der Insekten, schiebe in der Mitte der Straße und zwar so, dass mein Schatten nicht über das Gras zieht. Ich lege mein Fahrrad mitten auf die Straße und pinkele mitten auf die Straße, damit mein Schatten nicht aufs Gras fällt. Straße ist ja auch übertrieben. Eine Gravelroad, auf der mich niemand überholt und mir niemand entgegenkommt. Bis oben zum Hochplateau, was ich nach ungefähr zwei Stunden Schieberei erreiche.

Es scheint zu funktionieren, mich stechen höchstens zehn Moskitos.

Oben ist dann auch Abend. Und das Radfahrerparadies. Ich bin stolz und ausgelaugt, fahre noch rund zehn Kilometer, bis ich zum Tal des Frazer River komme. In einer Kurve der Clinton-Pavillion-Road fahre ich von der Straße ab und suche mir einen Zeltplatz. Hier ist es wunderschön.

Ich zelte am schönsten Ort meiner bisherigen Reise und frage mich, ob ich Lust habe, meine Billiardkugeln noch ein wenig klickern zu lassen. Nein, keine Lust. Sie klickern von alleine vor sich hin, ohne meine Aufmerksamkeit zu binden. Die schwindet, während die Müdigkeit erscheint.

Ich genieße den Blick in den Canyon bis es dunkel ist. Einfach so.

In Clinton people said I’m crazy doing what I’m doing,
Well they gave me all kinds of warnings to save me from ruin,
When I said that I’m o.k. they looked at me kind of strange.

I’m just sittin’ here watchin’ the sun going down…

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Noch mehr Bilder dazu gibt's hier (klick). (http://wp.me/pOnZf-Dc)