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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [US] auf dem "Southern Tier" Radweg von San Kalifornien bis Florida



robert77654
24.01.2013, 17:58
Land: USA
Route: Southern Tier von San Diego (Kalifornien) bis Saint Augustine (Florida) und bis zum Flughafen Orlando
Zeit: 4. Oktober 2011 bis 28. Dezember 2011

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An seinem Rad hat er eine große US-Flagge angebracht, die im Wind flattert. Hinten sind Eimer am Gepäckträger befestigt, darüber und vorn große Taschen und Wasserflaschen. Der Fahrer hat eine schmierige Zottelfrisur, trägt ein schmuddeliges Hemd und eine dreckige Hose, seine Haut ist stark gebräunt. So sieht jemand aus, der kaum Geld hat und auf der Straße lebt. Und das macht Dan seit 17 Jahren: Zuerst war er zu Fuß, dann mit dem Rad unterwegs.

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Wir unterhalten uns eine halbe Stunde über das woher und wohin – er war, erzählt Dan, schon in fast allen Bundesstaaten der USA, nur zwei würden fehlen. Irgendwann frage ich ihn, wieso er auf der Straße lebt. „Ich habe zuerst Häuser gebaut und dann Schriftzüge und Zierlinien auf Autos und Motorräder gemalt“, erzählt er. Doch dann sei er nervenkrank geworden. „Ich war so unten, weil ich nicht arbeiten konnte. Doch ich habe viel in der Bibel gelesen, das hat mir geholfen.“

Dan hatte ich in Arizona getroffen. Wer sich mit dem Fahrrad durch die USA bewegt, lernt Land und Leute gut kennen: Mit jeder Kurbelumdrehung wächst das Gespür dafür, wie weit oft die Entfernungen zwischen kleinen Orten sind und wie enorm die Ausdehnung der Städte, weil Einfamilienhäuser mit großen Grundstücken viel Platz brauchen. Und ein Radler hat schnell Kontakt zu den Menschen. Das habe ich vom 4. Oktober bis zum 28. Dezember erfahren, als ich auf der „Southern Tier“-Route von Kalifornien nach Florida unterwegs war. Sie verläuft meist auf ruhigen Nebenstraßen, häufig ist man auch auf Standspuren von Highway unterwegs, manchmal gar auf der Autobahn. 5849 Kilometer waren es vom Flughafen in San Diego ganz im Süden von Kalifornien bis zum Meer in Florida und dann zum Flughafen in Orlando.

Es war der erste USA-Besuch für mich. Dafür hatte ich zwei Gründe: Zum einen wollte ich wissen, ob die „Amis“ so sind, wie meine gesammelten Vorurteile besagen. Ich bin mit Dutzenden US-Amerikanern ins Gespräch gekommen: Obdachlose und Millionäre, Gebildete und Ungebildete, Rentner und Jugendliche, Weiße, Schwarze, Indianer und solche mit mexikanischen Wurzeln.

Dabei gab es zwei Überraschungen: Zum einen sind viele auf das Thema Politik gekommen. In älteren Reiseführern hatte ich gelesen, dass die meisten "Amis" darüber nicht reden wollen. Zum anderen waren fast alle sehr pessimistisch – früher galt Optimismus als ein Wesenszug der US-Amerikaner. Die Leute, die ich kennenlernte, waren alle sehr nett. Die politischen Einstellungen fand ich jedoch extrem: Leute, die sich selbst als politisch in der Mitte einordnen, wären in Deutschland weit rechts von der CSU.

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Unvergesslich ist die Natur auf der "Southern Tier"-Route. Die erste Hälfte bis Austin in Texas war landschaftlich am reizvollsten. Wald, Berge mit Pässen, sehr trockene Gebiete, riesige Viehweiden und mehr. Die Wüste fand ich atemberaubend, vor allem Sonnenaufgänge und auf einem kurzen Abschnitt riesige Sanddünen wie in der Sahara. Ich „durfte“ auch einen Sandsturm miterleben – glücklicherweise auf einem Campingplatz. Fast immer habe ich gezeltet, oft in Naturparks. Ein Höhepunkt der Reise waren die Gila Hot Springs in New Mexico: Dort gibt es eine natürliche Quelle mit kochend heißem Wasser, das in künstlich angelegte Becken geleitet wird. Spät abends saßen wir darin, ein Musiker spielte Gitarre und sang, über uns waren dank der klaren Luft doppelt so viele Sterne wie in Deutschland zu sehen - ein fantastischer Tag!
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Im Osten von Texas ist europäisch anmutendes Hügel- und Weideland – es könnte fast Deutschland sein. Tatsächlich lebe dort viele Menschen mit deutschen Vorfahren. Dann kommt Louisiana mit Sümpfen, Mücken und den französischen Dialekt sprechenden "Cajuns". Florida ist wiederum sehr touristisch - aber man hat trotzdem oft kilometerlange Sandstrände ganz für sich allein.

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Interessant sind auch die Städte: Phoenix samt Vorstädten bedeutet über 100 Kilometer an Einfamilienhäusern vorbei zu radeln. In Austin gibt es eine tolle Musikszene, andere Städte wie El Paso und Orlando sind langweilig und haben nicht einmal ein richtiges Zentrum.

Zum Wetter:
Ich „durfte“ einen Sandsturm miterleben – glücklicherweise auf einem Campingplatz. An einigen Tagen in der Wüste war es 40 Grad heiß - allerdings war es dort auch öfters kalt: Ich hatte rund zehn Nächte mit Minusgraden – und insbesondere Ende November/Anfang November in Louisiana gab es wenige Sonnenstunden. Das hing auch damit zusammen, das der Himmel öfters bedeckt war und Zeltplätze sowie Strecke oft im Wald waren. In Louisiana war es an einigen Tagen sehr schwül, sonst eher trocken. In Texas hatte ich oft sehr starken Gegenwind.

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War mal fast ausgestorben: Die Rinderrasse Texas Long Horn.


Zu den Kosten:
In Florida wurde es teuer – es gibt dort Campingplätze, die 60 Dollar für eine Site verlangen. Westlich von Austin habe ich meist 5 bis 10 Dollar gezahlt. Die Supermarktpreise sind ungefähr so wie bei uns. Outdoor-Kram kostet insbesondere von US-Marken rund 20 Prozent weniger (beim Wechselkurs 1,25). Unterwegs habe ich nur 1800 Dollar in knapp drei Monaten ausgegeben.

Planung:
In San Diego zu starten ist sinnig: Dort kann man gut Ausrüstungsteile kaufen, fast am Startpunkt in einem Hostel übernachten und der nächste State Park ist in wenigen Stunden erreichbar. Von West nach Ost und im Herbst/Winter zu fahren halte ich auch gut: Dann ist noch kein Eis auf den Pässen im Westen, keine Tornadosaison an der Küste und die Chance, wegen Überflutung in Texas an überschwemmten Straßen aufgehalten zu werden, gering.

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Weihnachtsfiguren im Garten (aus Plastik oder permanent mit Luft aufgeblasen) sind beliebt.


FAZIT:
Ist der „Southern Tier“ empfehlenswert? Wer Land und Leute kennenlernen und drei Wintermonate in Deutschland vermeiden möchte: Unbedingt! Allerdings muss man sich darüber klar sein, dass die spektakulären Nationalparks nicht auf der Strecke liegen, Grand Canyon und Co. sind weiter nördlich. Wer keine 85 Tage Zeit hat, sondern nur einen sechswöchigen Jahresurlaub, sollte von San Diego bis Austin oder Houston in Texas fahren. Diese erste Hälfte fand ich landschaftlich am reizvollsten: Wald, Berge mit Pässen, Wüste mit Sanddünen, aride Gebiete, riesige Viehweiden und mehr.

Rund 180 Fotos von der Tour gibt es HIER (http://www.roland-schmellenkamp.de/bucher/southern-tier-uber-500-kilometer-mit-dem-fahrrad-durch-die-usa/)

Stefan1210
24.01.2013, 19:13
Das war wohl eine echt klasse Tour will ich mal behaupten.....
Danke fürs neugierig machen :-)

Paradiso
24.01.2013, 20:26
Mittlerweile kann ich auch nur noch schmunzeln wenn Leute mit ihren ganzen Vorurteilen über die Amis daherkommen.
Ist nicht alles fett, dumm, weltfremd und Pick Up fahrend.

Für 3 Monate ein bissel knapp beschrieben aber toll was aus den USA zu lesen.

Live Free or Die

Daniel

Sarekmaniac
24.01.2013, 23:30
Tolle Reise und ein toller Bericht. Ergänzt perfekt Radlfahrers nördliche Traverse, die ich vor einigen Tagen mit Genuss gelesen habe:

http://www.outdoorseiten.net/forum/showthread.php/68993-CA-US-Von-Vancouver-nach-New-York-anno-1999

robert77654
25.01.2013, 00:46
Mittlerweile kann ich auch nur noch schmunzeln wenn Leute mit ihren ganzen Vorurteilen über die Amis daherkommen.
Ist nicht alles fett, dumm, weltfremd und Pick Up fahrend.

Daniel

So ist es. Es gibt zig Geschichten über die "doofen Amis". Z.B. wären die so dumm, dass sie fragen, ob wir einen König hätten. Die Frage ist gar nicht so blöd: Norwegen, Holland und GB haben schließlich Monarchen.

Fragt mal Deutsche, ob Hawaii eine Nation ist oder zu einer Nation gehört...

Allerdings gibt es auch sehr ungebildete US-Amerikaner - genauso wie Deutsche...

robert77654
23.11.2014, 14:32
Ergänzung: Viele Frauen haben Angst davor, allein zu verreisen. Woman Tours bietet an, "Southern Tier" in der Gruppe und mit Begleitfahrzeug zu fahren. Das kostet allerdings rund 9000 Dollar. Zum Vergleich: Ich habe in drei Monaten unter 3000 Dollar ausgegeben.
http://www.womantours.com/wt.southerntier.html