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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [IL][PS] roadTrip: Israel - Palästina



ElVagabundo
21.11.2012, 19:22
Meine sechsmonatige Reise durch Israel und Palästina ist nicht gleichzusetzen mit einem halben Jahr Bewegung nonstop,
täglich wechselnden Unterkünften und einem einzigen Reisestil.
Vielmehr blieb ich an manchen Orten für mehrere Wochen,
einen Tag, kehrte mehrmals oder garnicht zurück.
Wer kann schon ein halbes Jahr planen?!

Da ein chronologischer Reisebericht nur Ermüdung zur Folge hätte,
will ich mich auf das beschränken, was meinem Bauch nach den größten Eindruck hinterlassen hat.

Ein halbes Jahr queerbeet. Viel Spaß damit ;-)

_____ ____ ___ __ _



Chapter one: Kulturschock


Auf manches kann man sich vorbereiten, und sollte es auch,
wenn die Reise ansonsten vor dem eigentlichen Beginn ins Stocken gerät.
Da Spontanität im Zweifelsfall immer den Vorrang hat, neige ich manchmal dazu, die Dinge gröber anzugehen.
Nicht auf naive Art, jedoch mehr pragmatisch, das nötigste ist genug.
Die übrige geistige Vorarbeit besteht dann überwiegend aus packenden Abenteuerszenarien, die jedoch mehr Tagträumerei als Tagplanerei sind.

Der erste Stein im Weg ist Israels rigorose Einreisepolitik.
Oder anders herum mein Versäumnis, dies zu berücksichtigen. Zwei Stunden vor Abflug fragt mich die Check-in-Dame, wo denn mein Rückflugticket sei? Das wollte ich mir nämlich erst dann kaufen,
wenn ich weiß wann es zurückgehen soll. Sie versichert mir verständnisvoll, dass ihr Computer ihr versichert, dass ich ohne geplante Ausreise nicht einreisen darf. Am Schalter gegenüber erstehe ich mein hundert Euro schweres Alibi-Rückflugticket.
28 Stunden später begrüßt mich die mächtige Empfangshalle des Ben-Gurion Flughafen in Tel Aviv. Das Ticket war günstig, und der Flug 24 Stunden länger als auf direktem Weg. Ben Gurion Airport ist der dritte Flughafen binnen des letzten Tages, auf welchem ich meinen längst überfälligen Schlaf nachholen will. Fazit: mehr schlecht als recht.

Bei Anbruch des Tageslichts präsentiert mir Israel zunächst drei seiner zahlreichen Facetten.
Die Hitze, die hübschen Frauen und Waffen.

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Wehrdienstleistende in Jerusalem

Während ersteres im August und im Süden der Wüste Negev seinen Hochpunkt erreicht,
waren Punkt zwei und drei wohl immer relativ konstant.
Durch die Vielfalt der Menschen unterschiedlicher Herkunft empfinde ich Israel als ein Medley der Kontinente.
Jeden Tag den ich an unterschiedlichen Orten mit verschiedenen Menschen verbringe, wird mir dies mehr bewusst. Da gibt es die russischen Kulturträger, mit ~ einer Million russischen Juden immerhin ein Siebtel der Gesamtbevölkerung von Israel!
Neben den zahlreichen russischen Fernsehsendern kann dies auch im Sommer am See Genezareth ins Bewusstsein gerückt werden. Im Stil deutscher Sommerferientouristen am Gardasee sind hier ganze Strandstriche mit israelisch-russischen Urlaubern besetzt. Wodka und russische Popmusik sorgen für lange Nächte, für manche auch weniger.

So erging es mir mit einem Freund aus New York und einer Freundin aus Montpellier. Der Versuch, die Trinkgewohnheiten unserer Nachbarn zu imitieren scheitert kläglich. Ein alles sprengender Kater drückt die Laune am nächsten Tag, wobei mir wenigstens ein schnelles Aufwachen gegönnt wurde. Der Griff unter mein Schlafsackkissen weckt den dort schlafenden Skorpion, der mir diese Unhöflichkeit mit einem schmerzhaften Kuss auf die Hand bestraft.

Summa Sumarum bietet Israel viel Anlass für Kontroversen. Angefangen von 18Jährigen Soldatinnen, die die Kombination von iPhone, Lederhandtasche und M16 bewusst zu präsentieren wissen. Über arabische Beduinenstämme, die ihre Kultur ungeachtet der Modernisierung praktizieren während sich Tel Aviv einen Katzensprung weiter zur Metropole des Nahen Ostens entwickelt. Tradition und Moderne fordern beide ihren Platz.
In Israel findet man beide Standards sowohl in der westlichen als auch östlichen Kultur wieder.


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oben: Tel Aviv
unten: Alter Mann in arabischer Stadt



An diesem Punkt kommt man nicht um Jerusalem herum. Einen derartigen Kontrast der Lebensstile kannte ich bisher nicht. Zudem scheint es eine magische Anziehungskraft auf Menschen, Ideen und Realitäten zu haben, die es eigentlich nur im Buch gibt.

ElVagabundo
21.11.2012, 19:55
Chapter two: Schmelztiegel Yerushalayim


Es war ein Freitag, soviel weiß ich noch.
Als ich zusammen mit Adam, einem Freund aus Kanada, das erste Mal nach Jerusalem kam.
Gemerkt haben wir das an dem Stein an der Beifahrertür unseres Sammeltaxis aus Ramallah, Westjordanland.
Für die arabischen Fahrer gibt es freitags keinen Sabbat. Die ultraorthodoxen Juden im Viertel Mea Shearim hingegen halten das Arbeitsverbot nicht nur selbst ein, sondern fühlen sich ebenso verpflichtet, ihre Mitmenschen daran zu erinnern. Ein flinker Wurfarm ist dann das Mittel zum Zweck.
Unser Fahrer sieht das ganze gelassen, immerhin ist die Macke lediglich eine mehr in der Visage der Karosserie.

Insgesamt hielt mich Jerusalem über gut eineinhalb Monate gefesselt. So kam ich in den sechs Monaten Israel von Zeit zu Zeit auf die „heilige Stadt“ zurück. Immer schubweise, wenn es zuvor eine wenig abwechslungsreiche Phase gab, ich in die Kuriosität der Altstadt eintauchen wollte oder mich schlichtweg nach der Herzlichkeit und Gastfreundschaft eines einzigartigen Menschen gesehnt habe: Ibrahim Abu el-Hawa.

Ibrahim, geboren in Palästina, staatenlos auf dem Papier, wächst in einer Beduinenfamilie auf. Gastfreundschaft ist das hohe Ethos der Jahrhunderte alten Kultur. Ibrahim ist Friedensstifter, sein „House of Peace“ der Ort, an den ich in meiner gesamten Zeit die schönsten Erfahrungen gemacht habe:

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Ibrahim Welcome You!

(S)ein offenes Haus, Tag und Nacht. Man darf sich im ganzen Hause frei bewegen, den Kühlschrank öffnen wenn man Hunger hat. Ibrahim sagt, es sei unser Haus. Das Haus der Gäste, er selbst sei der eigentliche Gast.
Seit dreißig Jahren läuft dieses Projekt, getragen von Spenden der Gäste.
Manche bleiben eine Nacht, manche ein halbes Jahr. Auch wer nichts zahlen kann ist willkommen. Es bereitet ihm riesige Freude, alle Hausbewohner zu bekochen. Sind die Mammutsportionen fertig gekocht, schallt es „foood“ oder „Come kids, there´s food in the kitchen“ durch die fünf Stöcke.
Bei gutem Wetter reicht umfasst der Blick vom Dach Jordanien, das Tote Meer sowie die fünfhundert Meter entfernte Mauer, die Israel vom Westjordanland trennt.

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Bei Ibrahim: Blick vom Dach


Das Haus ist ein atemberaubend schöner Ort. Die Welt auf fünf Stöcke komprimiert, so scheint es mir. Manchmal teile ich mir ein Zimmer mit 9 Japanern, es kommen viele Amerikaner, Asiaten, Juden, Muslime, Christen, Atheisten. Die einzige Voraussetzung ist Mensch zu sein. Ibrahim liebt uns alle sagt er, und jeder der dort einmal war, muss diesen Ort einfach lieben.

Ost- und Westjerusalem treffen sich in der Altstadt, einem kleinen Fleck Erde um den gebuhlt wird, als hinge das eigene Überleben davon ab. Die Muslime strömen, am Fastenmonat Ramadan zu hunderttausenden, zum Felsendom, dem Wahrzeichen Jerusalems.
Die mit Blattgold überzogene Kuppe fällt nun mal sofort ins Auge. Ich hatte das Glück, während Ramadan in Jerusalem zu sein. Während des Fastenmonats wird von Sonnenauf- bis Untergang auf alles verzichtet, was dem leiblichen Wohle dient. Neben Essen und Wasser zählen bei vielen (!) Arabern hierbei auch Zigaretten dazu.

Dass Zigarettenentzug schon nach wenigen Stunden zu langen Gesichtern führen kann, war mir bereits bekannt. Addiert man das extrovertierte arabische Temperament, entsteht eine „fabelhafte“ Stimmung, die täglich auf der Straße zu bestaunen ist. Hitzige Meinungsverschiedenheiten werden mit kürzerer Verzögerung in Faustkämpfen ausgetragen, es passieren Autounfälle en masse. Die Schwelle zur Gereiztheit sinkt, verständlicherweise.
Immerhin ist es Hochsommer bei gut 35 Grad. Auch wenn trinken verboten ist, wird nicht auf Abkühlung verzichtet. Ein nasses Handtuch über dem Kopf, Erfrischung durch Wasserschläuche oder Männer die Passanten mit Kanistern voller Wasser befeuchten tragen zur Gemütserheiterung bei.

Nach Sonnenuntergang rennt alles zu den Imbissständen um zu schlemmen. Oder die Familie bricht das Fasten mit einem Festmahl im Kreis der Familie. Auf den Straßen wird getanzt, gesungen und gefeiert. Der schönste Moment am Tag!

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Ramadan in Jerusalem




Am ersten Abend des Fastenbrechens wurde ich in Amman, Jordanien zum Gast einer fünfköpfigen Familie.
Eigentlich wollte ich nur mein Zelt im Garten aufschlagen, da ich bei Dunkelheit nicht auf den Acker des benachbarten Beduinenlagers einmarschieren wollte.
Nicht der Menschen, aber dem näher kommenden Gebell der Hunde wegen.
Nach dem Essen kommt ein kleiner Teil der Großfamilie hinzu. Gemeinsam sitzen, essen und trinken wir, bis um Mitternacht die Augen schwer werden.

Vom Peacehouse laufe ich fast täglich in die Altstadt. Ich werde ihr schwer überdrüssig.
Sie verstrahlt Charme durch Chaos. Jeden Tag. Überall.
Es sind die Menschen, welche durch diesen Ort in Ekstase geraten. Ist der Gefühlstsunami religiös motiviert, spricht man am Ende der Skala vom „Jerusalem-Syndrom“. Manch ein Gläubiger kann die ganzheitliche Nähe zum eigenen Glauben nur schwer verdauen, und denkt salopp, er oder sie sei der neue Messias.
Ich habe in Jerusalem eine (selbsternannte) Prophetin getroffen. Die Frau aus Hongkong stand aufgeregt und zittrig in einer Seitenstraße, offensichtlich planlos. Wie eine Furie beginnt sie, die Platzhüter einer vermeintlichen Begräbnisstätte von Jesus als Heuchler und Teufel zu beschimpfen. Diese schmeißen sie kurzerhand raus. Wir lotsen sie zu ihrem Hotel und bekommen dabei die Geschichte ihrer Erleuchtung zu hören. Am Ende spricht sie uns heilig.

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oben: Grabeskirche
unten: Johnny (Esel) hat Hunger!
andere: Altstadt Jerusalem

Jerusalem hat natürlich noch mehr als nur die Altstadt zu bieten. Der größte Teil ist das israelische Westjerusalem. Da dieser Teil jedoch gewohnt westlich ist, hat es mich nur für kürzere Abstecher dorthin verschlagen. Umso größer ist der akute Kulturschock. Vom arabische ins westliche in nur zwei Minuten mit der Tram.
Drei Stationen vom Damaskustor erreicht man den Mahane Yehuda, ein Markt im westlichen Teil Jerusalems und quasi das jüdische Gegenstück zum arabischen Altstadtmarkt. Gebrüllt wird letztendlich genauso laut, nur in hebräisch, nicht arabisch.

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Mahane Yehuda

Jerusalem ist und bleibt spannend. Für mich eine Stadt, die vor Kontrast und Gegensätzen förmlich explodiert. Manchmal setze ich mich auf eine Treppe, und sehe dem Treiben als Sitzplatz-Beobachter zu. Inmitten dem routinierten Chaos Menschen zu sehen, die mit Hingabe und Liebe zum Detail ihrem Alltag nachgehen ist unermüdlich faszinierend.

Jerusalem befindet sich unmittelbar in Grenznähe zum Westjordanland. Die meiste Zeit habe ich in Israel verbracht, nächstes mal soll es umgekehrt laufen. Umso intensiver und bereichernd waren die Unternehmen auf die "andere Seite der Mauer".
Mit Sicherheit die größten Schritte, um der Region Naher Osten eine persönlich authentische Vorstellung zu geben.

Welcome to Palestine!

Hannes37902
22.11.2012, 09:49
Boker Tov!

Ach Herrlich!

schöne Bilder und Geschichten bisher,

Ich war selber ein halbes Jahr in Israel, wenn auch größtenteils zum Arbeiten.

Die allesamt durchtrainierten Mädels sind definitiv ein Grund über einen Wehrdienst für Frauen in Deutschland nachzudenken...


Hast du auch ein paar Abstecher in die Nachbarregionen gemacht? (In die wo man mit Israelischem Stempel im Pass reinkommt, mein ich natürlich)


Grüßla
Hannes

mhim
22.11.2012, 12:10
Schöner Bericht, Fotos "mitten aus dem Leben"!

Jerusalem ist definitiv eine "irre" Stadt!
Unvergesslich ist für mich eine Pilgergruppe, voran einer der ein Mietkreuz getragen hat und dahinter seine männlichen Mitpilger die an den Verkaufsständen die Plastikwaffen eifrig begutachtet haben....

Und die Mädels, ach herrlich :bg:

ElVagabundo
22.11.2012, 19:27
Drittens: Palästina (Westjordanland)

In Harduf, einem Kibbutz nahe der nördlich gelegenen Großstadt Haifa lerne ich Harry kennen.
Harry spricht fließend hebräisch, arabisch und drei weitere Fremdsprachen.
Die ersten beiden sind jedoch ausreichend,
um in Israel seiner Arbeit und Leidenschaft nachzugehen: Als Heilpraktiker hat er sich sowohl in israelischen als auch arabischen Dörfern einen Namen gemacht. Ein bis zweimal die Woche macht sich Harry ins Westjordanland auf,
um dort ehrenamtlich zu behandeln. Er nennt es seinen kleinen, aber persönlich wichtigen Beitrag, den sich ständig wälzenden Nahostkonflikt milde zu bremsen. Im kleinen Rahmen, aber dennoch mit Erfolg.

Vor unserer ersten gemeinsamen Fahrt nach Jenin, die nördlichste Stadt in Palästina,
steigert sich meine Aufregung kontinuierlich. Ich freue mich die Menschen kennen zu lernen,
von denen ich in Israel schon viele Geschichten gehört habe. Nur leider haben die wenigsten der Geschichtenerzähler auch nur einmal einen Palästinenser auf menschlicher Ebene getroffen.
Als Soldat mit Waffe in der Hand zähle ich nicht zu Begegnungen auf Augenhöhe. Diese Geschichten werden noch untermalt mit all den Nachrichten, die sich im Laufe der Jahre ins Gehirn eingebettet haben.

Am Checkpoint dauert die Musterung etwas länger als gewöhnlich, ausländische Besucher überqueren die Grenze im Norden relativ selten, daher mehr Kontrolle. In den ersten Metern hinter der Grenze bauen sich zahlreiche Straßenstände auf, von Obst über Teppiche, Haushaltswaren und allerlei.
Männer in Gruppen warten darauf, von kleinen Bussen eingesammelt zu werden,
und hoffentlich eine Arbeit für den Tag zu finden.
Mein erster Tag in Jenin ist unheimlich intensiv. Zu Fuß erkunde ich die Stadt, die mit zunehmender Stunde mehr Menschen und Bewegung aufnimmt. Die Lebendigkeit einer arabischen Stadt zu beobachten ist fantastisch.
Lässt man das oberflächliche Durcheinander eine Weile einwirken, so erkennt man,
wie harmonisch die Atmosphäre im Grunde ist. Nicht nach europäischem Maßstab, dafür lebendiger, pulsierender.
Ich sitze gebannt und beobachte, als mich eine Gruppe Männer anspricht. Nach einem kurzen kennen lernen laden sie mich in eine nahe gelegene Bäckerei zum Frühstück ein. Über den ganzen Tag folgen zwei weitere Einladungen zum Essen. Je mehr ich durch die Straßen laufe desto bewusster wird mir, wie herzlich die Menschen mir gegenüber eingestellt sind. Sie freuen sich, dass Besuch aus Deutschland kommt, manche bedanken sich gar dafür. Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft erlebe ich zum ersten Mal in dieser Fülle. Man merkt das Mitteilungsbedürfnis der hier lebenden Menschen.
Der Kontakt nach außen hängt maßgeblich davon ab, wie viele Leute hineinkommen.

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Die zahlreichen Tage in Jenin verbringe ich hauptsächlich damit, spazieren zu gehen.
Es ist die einfachste Art, Leute zu treffen und mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.
In einer kleinen Seitenstraße macht mich ein kleines Haus aufmerksam, aus dem es nach verbranntem Plastik riecht. Auf meine Frage, ob die die kleine Plastiktütenfabrik besichtigen darf, winkt mich der Chef mit einladenden Gesten heein. Er legt selbst nicht Hand an den schmutzigen Maschinen an, das ist Aufgabe der drei Angestellten.
Wir freunden uns schnell an, sie geben mir zu spüren wie aufrichtig ihre Herzlichkeit ist.
Mit Freude erklären sie mir den Ablauf der Maschinen,
zeigen Bilder ihrer Familien und laden mich ein, gemeinsam mit ihnen zu essen.

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Plastiktütenfabrik

Wie in fast jeder größeren Stadt im Westjordanland gibt es auch in Jenin ein Flüchtlingslager.
Meistens sind diese zeitlgleich zur Gründung Israels entstanden,
und meistens enstprechen sie nicht den Vorstellungen eines klassischen Flüchtlingslagers.
Häuser sind oftmals gut ausgebaut, ein nicht billiger Mittelklassewagen steht vor der Tür – weit mehr als spartanisch ausgestattete Zelte.
In Jenin sieht dies noch etwas anders aus.
Zwar bestehen die Häuser aus Beton, bieten außer den festen Wänden aber nicht allzu viel Komfort. Nach fünfhundert Meter auf der rechten Seite sticht ein Gebäude hervor, welches ein kleiner Lichtblick im tristen Alltag mancher Menschen ist:
Das Freedom Theater. Jugendliche und Erwachsene machen politisches Theater, um auf künstlerischer Ebene auszudrücken, wie sie die israelische Besatzung erleben. Durch Zufall treffe ich eine Hand voll gleichaltriger Schauspieler an einem Imbiss. Sie laden mich in die Schauspielschule ein, einige Male besuche ich das Theater. Menschen zu sehen, die weder resignieren noch den militanten Weg des Widerstands wählen, ist motivierend. Es sind kleine Gruppierungen von Querdenkern, die ihren Ideen produktiven Ausdruck verleihen.

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Jenin: The freedom Theatre, Flüchtlingslager, Märtyrer Mauer, Gastfreundschaft

ElVagabundo
22.11.2012, 20:21
@hannes: Wenn du angrenzende Länder meinst bin ich lediglich in Jordanien gewesen.
Da es Hochsommer war und brüüütend heiß, hats mich schon nach einigen Tagen wieder zurückverschlagen :D

Mortias
23.11.2012, 00:06
Spannender Bericht. Israel gehört zu den Ländern die ich eigentlich auch gerne mal bereisen möchte. Gerade die von Dir geschilderte Vielfalt der verschiedenen Lebensstile plus die orientalische Gastfreundschaft machen aus dem Land ein sehr interssantes Reiseziel. Krass finde ich ja auch dieses House of Peace, dass man da quasi einfach vorbeischauen kann und so herzlich als Gast aufgenommen wird und dieses System schon so lange erfolgreich funktioniert. Meine Befürchtung ist da ja immer, dass irgendwelche Vollpfosten sowas schamlos ausnutzen und dadurch Idealisten wie dem Ibrahim den Glauben an das Gute im Menschen nehmen könnten. Glücklicherweise ist das bisher anscheinend noch nicht vorgekommen.

ElVagabundo
23.11.2012, 19:12
Beim letzten Besuch in Jenin bin ich in Begleitung von Adam aus Kanada.
Durch seine jüdische Gemeinde in Montreal nimmt er an der „Birthright“ Reise teil, eine israelische Initiative um die Einwanderung von Juden nach Israel zu fördern. Adam denkt zwar nicht daran überzusiedeln, nutzt jedoch die Gelegenheit, seinen Wurzeln etwas näher zu kommen.
Zusammen wollen wir eine „Erkundungsreise“ durchs Westjordanland machen. Wir verlassen Jenin, um die nächste Stadt im Süden anzusteuern: Nablus. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man hier gut und günstig voran.
Die Fahrt führt über karge Landstriche, so wie man sich die „biblische“ Landschaft vielleicht vorgestellt hat:
trockener Boden, steinig, viele Olivenbäume.

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In Nablus angekommen werden wir zunächst von dem vergleichsweise Modernen Stadtbild überrascht.
Die Infrastruktur ist besser als in Jenin, auch wirtschaftlich scheint es den Leuten hier besser zu gehen.
Man ist den Anblick von Ausländern gewohnter, seit neuestem gibt es sogar ein kleines Infocenter für Besucher. Der Mann hinter dem Fenster strahlt als wir die Straße überqueren.
Kurzerhand schließt Mujeeb die kleine Hütte und nimmt uns mit in die Stadt,
um uns sein Heimatort zu zeigen. Wir schlängeln uns durch die Altstadt, bereits nach wenigen Momenten tauchen wir in den Strom ein, der dieses Lebensgefühl so einzigartig macht. Meine Aufmerksamkeit wird von den bunten, kitschigen Farben über den Lärm des Verhandelns, Lachens und Streitens bis über die fantastischen Gerüche herumgereicht. Nach dem Besuch einer Moschee, einer Seifenfabrik und zahlreichen Freunden treffen wir Muhammad, ein Freund von Mujeeb.

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Wir dürfen die Nacht in seinem Haus verbringen. Es sei sonst so leer sagt er, immerhin teilen sich er und sein Vater fünf Stöcke. Bevor wir in unser Nachtquartier einkehren, lädt uns Mujeeb ein, gemeinsam mit ihm die Fußball WM zu gucken. Stimmt, da war doch was!?
Über den ganzen Trubel hier hatte ich vollkommen vergessen, was zu Hause ein Highlight gewesen wäre. In Liebe zum Fußball müssen wir gegenüber den Palästinensern (und auch Israelis) eindeutig zurückstecken. Noch nie habe ich Menschen so euphorisch einem Spiel entgegenfiebern sehen. Spielt Deutschland wird diese Vorfreude ins Grenzenlose gesteigert, man liebt Almania!

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ElVagabundo
23.11.2012, 19:24
Es ist Freitag. Um unseren Treffpunkt in Ramallah nicht zu versäumen verlassen wir Nablus früh am Morgen. Der heutige Tag war länger geplant. Grund ist eine sich wöchentlich wiederholende „Tradtion“ , seit nunmehr einigen Jahren.
Bil´in, ein leicht zu übersehendes Dorf unweit von Ramallah, hat sich durch sein Durchhaltevermögen in der Protestbewegung gegen die israelische Besatzung einen Namen gemacht. Hier findet man den Konflikt so wieder, wie wir ihn später aus den Nachrichten erfahren. Mit allem drum und dran. Es werden viele Fahnen geschwenkt, Steine auf Soldaten geschleudert, Tränengas verschossen, aus wütenden Kehlen gebrüllt. Wir wollen die Menschen hinter den Masken und Schleudern kennen lernen. Von ihnen erfahren was sie bewegt und warum sie handeln, wie sie es tun. Die Jugendlichen von Bil´in sitzen mit uns vor der Demonstration im Dorf, machen Späße, Lachen und heißen uns willkommen. Eine gute Stunde später sind ihre Gesichter hinter eine Fratze von Maske verborgen oder wutverzerrt, als ob die Steine dadurch noch mehr Schaden anrichten könnten.

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Bil´in war erkenntnisreich und stellenweise auf traurige Art komisch. Als eine Art sightseeing Highlight verirrt sich eine amerikanische Touristengruppe mit Guide zu der Demonstration. Nach der ersten Runde Tränengas und verweinten Gesichtern scheucht der Guide die Menge zurück in den Bus. Zuviel für die Pauschalreise.

Einige Male verschlägt es uns nach Hebron. Eine schöne und zugleich gespenstische Stadt. Die langgezogene Marktstraße ist das Herz von Hebron, hier trifft sich alles und jeder. Fast jeder. Unmittelbar angrenzend liegen die berüchtigten Settlements der extremistischen Siedler. Ganze Gebiete sind für Palästinenser gesperrt, lediglich Touristen oder Juden haben zutritt. Bei unseren Gängen durch die Settlements laufen wir durch eine Geisterstadt. Ab und zu sehen wir Menschen, diese scheuen jedoch Blickkontakt oder huschen schnell an uns vorbei. Männer scheinen grundsätzlich bewaffnet und nervös. Einige tausend Soldaten schützen wenige Hundert Siedler. Der Wilde Westen im Nahen Osten.

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Hebron (von oben nach unten): Altstadt ; "Free Israel from Palestine", gesperrte Straße; Betreten Verboten: Palästinenser bleiben auf der linken Seite der Mauer; Geisterstraße innerhalb einer Siedlung

ElVagabundo
23.11.2012, 20:06
@ mortias: Das Peacehouse ist wirklich einmalig und auf jeden Fall einen Besuch wert!
Wie du sagst hängt es von der Großzügigkeit des Einzelnen ab. Mir viel es nicht schwer,
auch mal etwas mehr zu geben. So etwas muss einfach am Leben gehalten werden!

Abt
24.11.2012, 09:35
Dein Schreibstil liest sich für mich sehr ausgewogen. Meinen persönlichen Dank für deinen pupillenerweiternten Bericht.
Gibt es einen Anlass zu deiner Reise? Also beruflich in etwa? Ist ja nicht ganz ungefährlich.

ElVagabundo
24.11.2012, 15:51
Danke erstmal für dein Feedback :)
Die Reise war für mich aus persönlichem Interesse, (noch) nicht beruflich ;-)
Es hat mir auch sehr geholfen, irrationale Ängste beizulegen. Ich habe das Westjordanland als sehr sicher empfunden, die Leute als unheimlich Gastfreundlich und offen. Die einzige Herausforderung ist wohl, dem Schattenwissen im eigenen Gedächtnis nicht zu viel Raum zu geben. So ging es mir jedenfalls.
lg,
Felix

smeagolvomloh
24.11.2012, 16:50
Vielen Dank für das Einstellen dieses Reiseberichtes! Dein reportageartiger Schreib- und Bildstil gefällt mir ausgesprochen gut.

An diesem Bericht sieht man klar, dass auch Reiseberichte außerhalb des hiesigen Mainstream (nordeuropäische Landschaften mit Zelt und Rucksack) ihre Daseinsberechtigung bei ODS haben.

Mich würde interessieren, mit welcher Fotoausrüstung du die Bilder gemacht hast. Obwohl das keine große Rolle spielt, da du augenscheinlich den richtigen Blick hast.

Gruß Guido

ronaldo
24.11.2012, 17:36
Toll!!
So muss man reisen! :-)

ElVagabundo
24.11.2012, 19:39
Letztens: Welcome to the desert!

Was ich die ersten Monate über als bewusstseinserweiternd und spannend empfunden habe, wurde gegen Ende zunehmend anstrengend. Nach gut fünf Monaten merke ich, wie sich Menschen und Umfeld in meinem Alltag überdosieren. Oft werde ich mit Vorurteilen konfrontiert, die Teil einer Mentalität sind, welche ich als Außenstehender nicht nachvollziehen kann. Auf diesem kleinen intensiven Fleck Erde scheinen Viele mehr an eigenen Emotionen und Überzeugungen als tiefergehenden Wahrheiten zu hängen. Auf beiden Seiten. Und genau dies fängt an, mich zu deprimieren. Diskussionen machen mich müde, alles dreht sich irgendwann nur noch im Kreis. Zeit, sich den Menschen etwas zu entziehen, und Mutter Natur näher zu kommen.

Diese Idee kommt mir eines Morgens bei Ibrahim in Jerusalem. Auf in die Wüste! Von einer Freundin erfahre ich von einer dänischen Pilgerfamilie, die mitten in der Wüste Negev, im süden Israels seit über 10 Jahren in einer Karavanensiedlung wohnt. Nach einem kurzen Blick in die Karte verdopple ich das Gewicht meines Rucksacks mit Wasser, und mache mich auf den Weg zum „danish camp“.
Mit dem Bus überbrücke ich gut 100 Kilometer bis in die Wüstenstadt Beer Sheva, ein großer, moderner Haufen Zivilisation in lebensfeindlicher Umgebung. Ich stelle mich an den „Highway“, um die letzten 300 Kilometer per Anhalter zurückzulegen. Daher das viele Wasser. Daran zu sparen wäre Naivität und Dummheit hoch zehn. Auf der wenig frequentierten Landstraße halten Autos öfter an. Das Leben in der Wüste verändert auch die Mentalität der Menschen. Man gibt mehr aufeinander acht, lebt einen ruhigeren Alltag und lässt sich generell weniger schnell aus der Ruhe bringen. Genau was ich in diesem Moment brauche. Menschen, die Harmonie verstrahlen, nicht Lärm.

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Das "danish camp"

Im danish camp wundert man sich, wer da unweit von der Landstraße mit Rucksack beladen näher kommt. Es ist ja kein Touristenort in dem Sinne. Als sie hören, ich habe mich nur wegen Ihnen auf den Weg gemacht, wächst ein breites, einladendes Grinsen auf ihren Gesichtern. Ich fühle mich sofort wohl bei der Großfamilie. Die Familie verließ Dänemark vor 35 Jahren mit einem Karavanenkorso, um die Reise nach Jerusalem anzutreten. Menschen kamen unterwegs hinzu, an manchen Orten verweilt die Gruppe länger. Es ist keine direkte Reise, sie sollen 25 Jahre nach ihrer Abreise in Jerusalem einrollen. Schlussendlich lassen sie sich in der Wüste nieder, um dort Fuß zu fassen. Das Leben ist hart, Wasser muss täglich aus einem benachbarten Dorf zu vielen Litern geholt werden. Die Kühlschränke werden mit Eisblöcken auf Temperatur gehalten. Das Familienoberhaupt Johnny bittet mich am ersten Morgen zu sich. Er will mich für eine Woche einladen. Ich bin baff!

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Die Woche wird unvergesslich. Inmitten der Großfamilie, was man bei einem Ehepaar mit 15 Kindern wohl behaupten darf, fühle ich mich schnell wie zu hause. Die Stimmung ist ausgelassen herzlich, sie geben mir bereits nach kurzer Zeit das Gefühl, ein Teil der Gruppe zu sein. Es sind bei weitem nicht alle Kinder dort. Zwei Söhne wohnen dauerhaft in der Siedlung, manche sind zurück nach Dänemark.
Den Tag über helfe ich bei anstehenden Arbeiten aus. Wasser holen, die Karavans restaurieren, Reifen wechseln etc..an Arbeit mangelt es nie. Nachts schlafe ich unter freiem Himmel auf dem Dach eines Wagens. Das erste Mal sehe ich den kompletten Milky Way, Sterne zu abertausenden füllen den Himmel. Die Wüste hat mich gepackt, es ist ein atemberaubend schöner Ort.

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Nach der fantastischen Woche trampe ich weiter nach Eilat, der südlichsten Stadt Israels.
Schnell finde ich einen Platz am Strand, etwa einen Kilomter entfernt zur ägyptischen Grenze. Das Rote Meer ist bekannt für seine Artenvielfalt unter Wasser. Bei kleinen Schnorchelgängen tauche ich für wenige Momente in diese fabelhafte Welt ein. Als ich Eilat gerade verlassen will, lerne ich Sepp kennen. Er kommt aus dem Allgäu und wohnt seit mittlerweile sechs Monaten in Eilat am Strand in seinen zwei Zelten. Die er sich mit sechs Hunden teilt. Sepp wäre der typische Aussteigertyp, nur war er nie drin. Also in dem, was man ein Präaussteigerleben nennen würde. Ich bleibe weitere vier Tage, in denen ich allerlei dazulerne. Wie man den Tag ohne Geld verbringt zum Beispiel. Sepp organisiert und viele Mahlzeiten am Tag, Überbleibsel von Strandrestaurants. Hier und dort noch ein paar Flaschen gesammelt reicht es dann auch für einen Supermarkteinkauf. Ich genieße diesen Einblick in einen erneut radikal anderen Lebensstil. Es lässt mich selbst überdenken, wie viel Materialismus man zum Glück braucht. Nicht viel entscheide ich für mich, aber dennoch etwas mehr als ich hier erlebe.

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Wir treffen interessante Menschen, jeder von Ihnen würde locker ein ganzes Buch mit seiner Lebensgeschichte füllen. Zumeist Leute, die auf den unteren Stufen der Gesellschaft sitzen. Nimmt man das Monatseinkommen als Maßstab. Menschlich betrachtet Leute, die durch ihre Erfahrungen mitten im Leben stehen, oder sogar noch höher, als die meisten.
So auch Marco, geborener Israeli in der zweiten Hälfte seines ersten Jahrhunderts und Freund von Sepp. Er schaltet sich ein, als Sepp und ich über die landschaftliche Schönheit von Süddeutschland schwärmen. „Aah, Bayern is a nice place in Germany, I´ve been there some years ago.“ Sepp wird neugierig, immerhin reden wir über seine Heimatgegend. „What have you been doing there, Marco? Travelling?“….“eeh some kind of, I´ve spend alot time on the streets. You know, I was a driver for some bank robberies…“
Ich muss schmunzeln. Marco wurde erst vor einer Stunde von der Polizei aus dem Verkehr gezogen, weil 110 km/h in der 50er Zone eindeutig zu schnell waren. Und sie haben nicht einmal die Flasche Wein auf dem Beifahrersitz entdeckt. Marco war also Fahrer von Autos, die für Banküberfälle in Bayern vor gut 20 Jahren eingesetzt wurden. Ich muss wieder schmunzeln. Sepp und ich kommen zu dem Schluss, dass Marco trotzdem kein schlechter Mensch ist. Im Gegenteil, auf eine verruchte Art sogar recht charmant.

Ich verlasse Eilat schlussendlich, und trete die letzten Tage meiner Zeit in Israel an. Am Ende kann ich getrost gehen, die Zeit hier hat mir viel gegeben. Ein bisschen habe ich Fuß gefasst, trotz der manchmal schwierigen Mentalitäten. In guter Erinnerung bleiben alle Freunde, die ich sowohl unter Israelis als auch Palästinensern gewonnen habe. Es wird sicher ein Wiedersehen geben :)

Salam und Shalom!

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ElVagabundo
24.11.2012, 19:48
Hallo Guido,

fotografisch war Israel Neuland für mich. Habe mir zwei Wochen vor Abreise eine Nikon d3100 geholt, und bin mit Standardobjektiv losgezogen. Ist qualitativ also noch ausbaufähig..nächstes Mal dann mehr :)

Danke fürs Feedback!

gruß,
Felix

Muskat
24.11.2012, 22:43
Danke für den schönen und ausgewogenen Bericht!

Mortias
25.11.2012, 14:57
Ja ausgewogen ist wohl das richtige Stichwort. Mir hat auch gut gefallen, die unvoreingenommen Du letzendlich die Verhältnisse und Leute vor Ort geschildert hast. Was mich noch interessieren würde, in wie weit Du mit den Leuten vor Ort eigentlich auch über heikle Themen wie Politik und Religion diskutieren konntest oder ob Du das, zwecks Vermeidung möglicher Fettnäpfchen, lieber gelassen hast. Ach ja, und welches Länderspiel habt Ihr Euch in Nablus denn angesehen? :bg:

ElVagabundo
25.11.2012, 19:54
Ich denke über "das Thema", den Nahost Konflikt, wird geredet und diskutiert wie über kaum ein anderes. Wie gesagt sind unheimlich viele Emotionen im Spiel, sodass ich mit meiner doch eher rationalen Perspektive oft auf Unverständnis gestoßen bin, und selbst Dinge partout nicht verstehen kann. Ab einem gewissen Punkt wollte ich die Probleme ruhen lassen und mehr die Menschen in ihrem Alltag kennen lernen.
Per Anhalter wurde ich einmal von einem jüdischen Siedler aus Hebron mitgenommen, oder habe ein paar Jugendliche Siedler am Jordan beim zelten getroffen. Wir konnten uns über manche Dinge unbefangen unterhalten. Aber wie diskutiert man mit Fundamentalisten? Das Weltbild der 18 Jährigen bestand aus der Philosophie ein, zwei großer Rabbiner. Oft habe ich den Satz "Der Rabbiner denkt.." gehört. "Ich denke.." hingegen weniger. Ist nur ein Beispiel, darf man natürlich nicht pauschalisieren.

Achja das Spiel, war übrigens die EM nicht WM :ignore:
Spanien: Portugal glaube ich. Anstatt Bier gabs halt Kaffe :D

lg,
felix

zumbeispiel
12.12.2012, 17:27
Vielen Dank für diesen wunderbaren Bericht! Schön, dass du so furchtlos gereist bist...

Ich fliege im Dezember/Jänner wahrscheinlich nach Israel/Palästina (allerdings nur für ca. zehn Tage) - deshalb habe ich zwei 'technische' Fragen: du schreibst, dass du dich in Tel Aviv am Flughafen (mehr oder weniger) ausgeruht hast. Gab's da irgendwelche Probleme? Oder ist es vollkommen in Ordnung, einfach die Isomatte auszurollen und sich für ein paar Stündchen hinzulegen? ...man hört ja immer wieder, wie strikt dort alles ist, wie genau kontrolliert wird, usw. Mein Flieger würde um 1 Uhr Früh ankommen, ich nehm mal an, da gehen keine Busse mehr... - was gleich zu meiner nächsten Frage führt: bist du hauptsächlich per Anhalter und Bekannten gereist oder hast du auch mal die öffentlichen Verkehrsmittel ausprobiert? Kannst du mir sagen, wie man am besten (und eventuell am günstigsten) von Tel Aviv nach Jerusalem kommt? Dankeschön! :D

Libertist
12.12.2012, 18:33
Ich fliege im Dezember/Jänner wahrscheinlich nach Israel/Palästina

:(

ElVagabundo
12.12.2012, 22:24
Gab's da irgendwelche Probleme? Oder ist es vollkommen in Ordnung, einfach die Isomatte auszurollen und sich für ein paar Stündchen hinzulegen?

In Tel Aviv wurden mir keine Probleme deswegen bereitet. Bin auch um 1 Uhr morgens angekommen, und hab mich zu ein paar anderen Schlafenden dazugelegt. In Griechenland hingegen wurde ich von der Flughafenpolizei geweckt und kontrolliert...nunja, wer müde ist schläft einfach :D


bist du hauptsächlich per Anhalter und Bekannten gereist oder hast du auch mal die öffentlichen Verkehrsmittel ausprobiert? Kannst du mir sagen, wie man am besten (und eventuell am günstigsten) von Tel Aviv nach Jerusalem kommt? Dankeschön! :D

Ich bin viel per Anhalter gefahren, bin aber auch oft auf Bus und Zug umgestiegen, da die Öffis in Israel relativ günstig sind. Egged (grüne Reisebusse) ist die größte Busgesellschaft neben Dan. Von Tel Aviv nach Jerusalem etwa 6 Euro. Vom Bahnhof kommst du direkt mit der Bahn (direkt am Flughafen) zu größeren Städten, vermutlich auch Jerusalem. Meist fahren die Züge ab 5-6 Uhr morgens, kommt auch drauf an wann du ankommst (Sabbat, Feiertag,..). In Palästina sind Bus oder Sammeltaxi spottbillig. Durch die ganze Region für nicht mehr als 4-5 Euro!?

Wünsch dir auf jeden Fall ganz viel Spaß ;)

Was genau hast denn geplant?

Lg,
Felix

zumbeispiel
14.12.2012, 15:38
Danke für die Antwort - genau das wollt ich hören :)

- Pläne stehen noch nicht ganz fest (hab auch noch nicht gebucht, will mich aber heut noch entscheiden). Wenn, dann auf jeden Fall mal gleich von Tel Aviv nach Jerusalem, weil Freunde von mir dann schon dort sind und ein Video drehen. Bestimmt einen Abstecher in die Wüste Negev, vielleicht mit Zelt, das muss ich mir noch überlegen. Eventuell zwei, drei Tage am Israel National Trail oder den so genannten Jesus Trail, der so schön mit "Jesus didn't take the bus. So why should you?" wirbt :) Ich möcht eben auch gern ein wenig Ruhe und Natur haben... was im Moment das ist, was mich noch überlegen lässt - dass es mir vielleicht zu stressig wird, für so kurze Zeit wo hin zu fliegen. Dein Bericht hat jedenfalls wieder einiges in Richtung 'hinfahren' bewegt ;)

Libertist: "WAHRSCHEINLICH" hab ich geschrieben... Ansonsten natürlich Hütte.

Muskat
01.07.2014, 18:26
@ ElVagabundo

Danke für den Bericht, denn er war einer der Gründe für mich, diese Gegend mal näher zu betrachten und Skandinavien in Relation zu sehen.

Ich habe nun auch meinen ersten Israel-Palästina-"Urlaub" hinter mir. Es war nicht nur ein Kulturschock für mich, aber in jedem Fall horizonterweiternd.

theslayer
01.07.2014, 20:25
@ ElVagabundo

Danke für den Bericht, denn er war einer der Gründe für mich, diese Gegend mal näher zu betrachten und Skandinavien in Relation zu sehen.

Ich habe nun auch meinen ersten Israel-Palästina-"Urlaub" hinter mir. Es war nicht nur ein Kulturschock für mich, aber in jedem Fall horizonterweiternd.

Reisebericht bitte! Nach meinen Erlebnissen dort ist es schön von jemand anderem zu hören.
Grüße
Daniel