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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [CU] Kuba 2012 - Revolución, Welten, Generationen



joeyyy
23.04.2012, 14:31
Liebe Forumsleute,

dies ist mein erster Reisebericht hier auf den Outdoorseiten. Er ist Teil meines Reiseblogs www.gondermann.net (http://www.gondermann.net), auf dem Ihr dann auch noch weitere Details, Kommentare und vor allem Bilder findet.

Ich hoffe, dass ich nicht gegen irgendwelche Netiketten-Regeln verstoße. Da ich noch Mitglied im Radreiseforum bin, habe ich meinen Bericht dort auch veröffentlicht. Exklusiv-Rechte lehne ich ab - wenn das ein Anspruch sein sollte, so bitte ich die Admins, diesen Bericht wieder rauszunehmen.

Über Kommentare würde ich mich freuen.

Gruß

Jörg.

http://ghondi.files.wordpress.com/2012/04/120325_190934-kuba.jpg

Meine Kuba-Reise mit meinem 16-jährigen Sohn Lennart beginnt eigentlich schon am Montag vor der Reise. Ich meine: Nicht mit den üblichen Vorbereitungen sondern mit beruflichen Turbulenzen. Freitag wollen wir abreisen, Donnerstag habe ich für technische Restarbeiten an den Rädern und zum Packen geplant. Mittwoch ist mein letzter Arbeitstag, an dessen Ende ich viele und unterschiedlichste Gedanken über meine berufliche Zukunft mit in den Urlaub nehme.

Unsicherheit. Zweimal studiert, zwei Diplome. Das Undenkbare wird gedacht: Die Aussichten auch für “ältere” Akademiker sollen gut sein am Arbeitsmarkt. Pfeift man im Walde. Aber jetzt nochmal umsatteln? Mit fünfzig bin ich nicht mehr formbar. Jedenfalls nicht unmittelbar durch äußere Impulse. Mir pflanzt niemand mehr irgendwelche politischen, gesellschaftlichen oder betrieblichen DNAs ein. Veränderungen kommen bei mir von innen, als Resultat intensiven Nachdenkens. Intrinsische Motivation nennen das die Psychologen und die Betriebswirte. Und das, was sich bei mir verändert, ist nicht immer kompatibel mit dem gesellschaftlichen Wachstumsmantra, das uns von oberster Stelle verordnet und das bis in den betrieblichen Alltag durchorganisiert wird.

Donnerstag packen, Krisensitzung mit den Jungs. Hoffentlich vergesse ich nichts für die Reise während meiner Gedanken an die Firma. Das Gute am Alter ist ja, dass es gelassen macht. Ich verschiebe die Gedanken an die Firma auf unbestimmte Zeit.

Freitagmorgen geht’s mit dem Zug nach Frankfurt. Vom Bahnhof mit der S-Bahn zum Flughafen. Die Räder haben wir in Teppichreste verpackt.

Auf dem Flughafen wollen die Leute von Condor, dass wir unsere Räder komplett in Kartons verpacken. Wir haben aber keine Kartons. Dann können wir nicht mitfliegen, sagt die Frau am Schalter. Und diskutieren will sie auch nicht. Es gibt Kartons am Flughafen, 30 Euro das Stück. Noch zwei Stunden bis zum Abflug. Ich hole die Kartons, unsere Reiseräder passen da nicht rein. Ein Mann von einem anderen Schalter fragt, warum wir so einen Aufstand machen. Er gibt uns Packband, um die 30-Euro-Pappe irgendwie um die Fahrräder zu befestigen. Noch 90 Minuten bis zum Abflug. Wir können nicht einchecken, da wir noch die Kuba-Karte brauchen. Die gibt es nicht am Schalter, obwohl die von Condor mir das am Telefon sagten. Ich gehe zum Ticketschalter, wo eine Frau vor mir schon seit 30 Minuten versucht, einen Flug umzubuchen. Ich drängel mich dazwischen. Die Frau am Schalter sagt, dass ich die Kuba-Karte nur bekomme, wenn ich schon eingecheckt hätte. Noch eine Stunde bis zum Abflug. Ich fühle mich leicht verschaukelt, gehe wieder zum Abfertigungsschalter. Dort sagt man mir jetzt, dass es die Kuba-Karte im Warteraum zum Flieger gibt. Verarschungsfaktor durch Condor: Knapp 95%.

Wenigstens sind wir jetzt eingebucht, die Kiste hebt ohne uns nicht mehr ab.

Der Flug ist normal. In Havanna sind die Kartons nicht am Flughafen deponierbar, müssen leider entsorgt werden. Uns egal. Jetzt ist jetzt und Rückflug erst viel später.

Jetzt reise ich durch Kuba. Erster Ruhetag. Endlich Zeit Tagebuch zu schreiben.

Aussonderungsgedanken kommen auf: Wäre ich hier ein Dissident?

Aussonderung hier bedeutet Gefängnis, Hausarrest oder Ausweisung. Merkmal eines autokratischen Systems.

Was würde mir hier zur Last gelegt um mich auszusondern? Braucht es überhaupt eine Begründung zur Aussonderung in beziehungsweise aus einem autokratischen System?

Letztlich ist es wie in der Sesamstraße: Hier sind sechs Bilder, eins passt nicht zu den anderen fünf. Suche es und lege es raus. Auch Schopenhauer stellt fest: Einer von sechsen passt nicht zu den anderen fünf. Dafür denkt er zu viel. Ist unabhängig von Ehre und Ruhm, Hab und Gut, mit sich selbst im Reinen und sich selbst genug, kann sein Leben verantworten, wie auch Camus es fordert.

Die Güte, die geistige Reife, die systemische Stärke eines Systems zeigt sich in der Art und Weise wie seine Führer mit den Nicht-Führbaren umgehen. Deren Kreativität nutzen. Oder gelassen ignorieren. Ein nachhaltig gesundes öko-soziales System offenbart sich über seine Resilienz gegenüber Ausnahmesituationen. Und die wird trainiert über das Auseinandersetzen mit dem Unbequemen, dem vordergründig Bedrohenden. So wie eine übertriebene Hygiene jeden Organismus letztlich anfälliger gegen Keime werden lässt und ihm somit existentiell bedroht, bedroht das Aussondern geistiger und kultureller Vielfalt langfristig die Existenz einer Organisation oder eines Systems.

Aber ich bin zum Reisen in Kuba, ohne politischen Auftrag. Die sinkende Resilienz des autokratischen Systems hier zeigt sich im Verfall der Häuser, im Mangel an qualitativ hochwertiger Bekleidung. An der Ungleichheit zwischen Arbeitsleistung und Arbeitslohn bei Lehrern und Ärzten. Die werden unzufrieden, wechseln als Pförtner in Hotels oder Sicherheitsleute in Restaurants, wo sie leicht doppelt so viel verdienen wie bisher.

Drei Radtage liegen schon hinter uns: Akklimatisierung an die Hitze, die Fahrradsättel, die Menschen, die politischen Parolen allerorten und den real existierenden Sozialismus auf dem Land. Man muss essen, wenn man etwas bekommt und nicht wenn man Hunger hat. Man muss in den Häusern bei den Leuten nachfragen, wenn man Wasser braucht, weil man Wasser in den Dörfern nicht kaufen kann.

Der erste Ruhetag führt mich zurück in mein aktuelles berufliches Dilemma. Springe hin und her zwischen “Frührente” und finanzieller Verantwortung für die Ausbildung der Kinder. Ich könnte hier in Kuba leben. Ein Lehrer verdient umgerechnet rund zehn bis fünfzehn Euro im Monat. Allein für einen Monat Wohnen in Hannover könnte ich hier rund vier Jahre komplett wie ein Lehrer leben. Fragt sich nur, wie lange noch. Wie lange noch bis die Castro-Brüder das Ruder an die kapitalintensiven Exil-Kubaner in Florida übergeben müssen. Die momentan mit ihrer Lobby-Arbeit alles verhindern, was in Kuba dem Fortschritt dient. Sogar verhindern, dass Kuba als amerikanischer Staat in die Organisation Amerikanischer Staaten aufgenommen wird.

Zurück zu den faktischen reisespezifischen Themen: Ich bin froh, dass ich mich entschieden habe, unsere Route zuhause am Rechner geplant zu haben und jetzt nach GPS fahren zu können. Denn die Straßen, die wir bisher gefahren sind, sind auf meiner Karte nicht eingezeichnet und Wegweiser sind selbst auf den großen Straßen eher Mangelware.

Auch Werbung gibt es hier keine. Außer den politischen Parolen überall. Diese haben schon etwas Anachronistisches. Ich bin mir unsicher, ob ich – auch als Kubaner – an diese Durchhalteparolen glauben würde, im Angesicht des Zerfalls allen Gemeinguts.

In Las Terrazas finden wir ein Casa Particular und trinken unseren ersten Mojito mit Rolando und seinem Kumpel. Es ist Samstag und unser Gastgeber ist ziemlich angeheitert. Aber es läuft alles wunderbar. Im See von Las Terrazas finden wir etwas Abkühlung. Die anwesende Bevölkerung schaut etwas verdutzt, als Leo und ich mit Radhosen ins Wasser springen. Sonntag bereitet uns Rolando ein gutes Frühstück zu mit frischem Obst, Brot, Marmelade und einem Omelett, das hier Tortilla heißt. Ich kann weder Weizenmehl noch Kartoffeln darin entdecken, also nenne ich es einfach Rührei.

Weiter geht’s durch die Sierra del Rosario.

So langsam beginnt der Urlaub für mich. Nach vier Tagen unterwegs.

Bei Viñales treffen wir drei Kanadier, die uns ein Casa in Puerto Esperanza empfehlen. Das nehmen wir an und wir essen zum ersten Mal Languste. Frisch gefangen, über mit Kräutern versehener Kohle gegrillt. Wow!

Toni, die Gastgeberin hat ihre Schwester zum Kochen engagiert. Deren Mutter, die eigentliche Gastwirtin, sei momentan bei einer Nichte, die ein Kind bekommt, im Krankenhaus. Diese Mutter, Dora, könne noch besser kochen, sagen die beiden Töchter. Lennart und ich finden, dass das kaum möglich sei. Jetzt haben wir bei den beiden Mädels ein Stein im Brett. Und heute abend zwei Fische auf dem Grill.

Hier in Kuba wird draußen gelebt. Gekocht, gegessen, gequatscht, getrunken. Mit den Viechern zusammen. Der Fisch brutzelt neben dem Schweinestall, die Haussau schaut neugierig über die Stalltür. Der kleine Köter ist ganz schön frech und total süß. Seine Mutter wird von Metastasen aufgefressen. Alle wollen den Hund töten, nur Lorenzo nicht, der 10-jährige Sohn von Toni. Dabei ist der 3 Monate alte Welpe doch ein würdiger Nachfolger – ist den Mäusen und Ratten schon hinterher und kämpft wacker und tapfer gegen den Haustiger, eine ziemlich große Katze. Noch verpasst diese dem kleinen Hund eine blutige Nase mit ihren Krallen, aber es wird nicht mehr lange dauern. Ich freue mich auf die kommende Rache, mag Hunde lieber als Katzen. Leider kennen Hunde keine Vergangenheit und keine Zukunft, leben nur im Moment. Sind dafür nicht hinterhältig, wie wir Menschen.

Leo und ich gehen nochmal ans Meer, einen Mojito an der Bar trinken und einfach nur abhängen. Das können wir gut, gemeinsam. Es war selten so entspannt, mit jemandem in den Urlaub zu fahren. Ich quatsche hin und wieder, versuche, Lennart die Welt und das Leben zu erklären. Wenigstens tut er dann so als höre er mir zu.

Auf dem Weg durch Puerto Esperanza erfühlen wir zum ersten Mal die Andersartigkeit der hiesigen Kultur mit der Muse eines Ruhetages.

Um sieben gibt’s den Fisch. Mit schwarzen Bohnen, Reis und frischem Salat. Meine Güte, ist das lecker. Und das am Ruhetag – ungetrübter Genuss ohne Radfahrtaghunger.

Dann erzählt Toni ihre Geschichte. Ihr Mann lebt zwar hier, aber sie sind getrennt. Er ist wild, sie ruhig. Na ja, nach kubanischen Verhältnissen. Sie können sich aber nicht trennen – wo soll er denn hin? Toni schläft mit ihrem Sohn im Elternschlafzimmer, ihr Mann im Kinderzimmer. Oder bei seiner Chica in Viñales. Hart ist das für Toni.

Gast in einem Casa Particular zu sein heißt eben auch, Familienmitglied auf Zeit zu sein. Mit allem was dazu gehört. No es fácil! So offen, wie die Kubaner wohnen, so offen sind auch ihre Herzen und Seelen.

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Der Blogeintrag ist hier: 27. März 2012 - Kuba: Die ersten Tage (http://ghondi.wordpress.com/2012/03/27/27-3-2012-kuba-die-ersten-tage/)

PWD
23.04.2012, 15:17
Philosophischer Schreibstil mit wunderschönen Aufnahmen.
Muchas gracias!

joeyyy
23.04.2012, 15:49
http://ghondi.files.wordpress.com/2012/04/120328_230936-kuba.jpg

Original-Text mit noch mehr Bildern: 28. März 2012 - Karibik pur (http://ghondi.wordpress.com/2012/03/28/mittwoch-28-marz-2012-karibik-pur/)

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Im Abschied ist die Geburt der Erinnerung, sagt ein deutsches Sprichwort. An Toni und ihre Familie, ihr Casa, ihr Essen, ihre Herzlichkeit und das Hierseindürfen werden wir uns immer erinnern. Und damit das so ist, schieße ich ausnahmsweise mal ein Standard-Abschieds-Erinnerungs-Foto. Und weil Küssen so schön ist, wird die junge Nachbarin auch noch mit einbezogen. Lennart ist für die jüngere kubanische Weiblichkeit ein attraktives Ziel. Herzensbrecherpotential.

Richtung Westen wollen wir weiter, Richtung Pons und dann ins Hinterland. Caya Jutia hat uns Toni empfohlen: Karibik wie auf den Postkarten. Toller Strand, tolles Wasser. Den Tipp nehmen wir gerne auf und fahren los Richtung Santa Lucia. Die Mogotes des Viñales-Tals sind in der Ferne zu sehen. Die werden wir uns dann auf dem Rückweg genauer anschauen. Mogotes sind bis zu 400 Meter hohe Erhebungen, die in flacher Landschaft stehen. Erhebung ist wohl das falsche Wort – eigentlich sind sie der Teil der Erde, der nicht abgesackt ist. Denn unter dem Viñales-Tal ist ein weitverzweigtes Netz von Höhlen und Grundwasser-Kanälen. Und irgendwann sind mal ein paar Höhlen zusammengestürzt. Das heißt: Die Erde ist abgesackt. Aber nicht komplett. Und das was nicht abgesackt ist, nennt man hier Mogotes. Und wenn man nicht weiß, dass die Plateaus dieser Mogotes eigentlich das “Erdgeschoss-Level” sind, könnte man meinen, das seien Berge. Was sie aber nicht sind. Denn wir befinden uns im Untergeschoss. Philosophy at it’s best.

Die Gegend hier scheint fruchtbar zu sein. Die rote Erde bringt so viele verschiedene Pflanzen hervor, dass uns monokultivierten Deutschen fast schon schwindelig wird. Gut, dass mich die Flora nicht so sehr interessiert, sonst hätte ich hier meine Speicherkarte vollfotografiert. Aber ich weide mich an ihrer Vielfalt – hier.

Mein GPS zeigt mir irgendwann, dass wir abbiegen müssen. Auf einen Feldweg, der in das Dickicht führt. Unsere Räder sind ja robust und so eine kleine Gelände-Einlage ist doch eine schöne Abwechslung. Der Weg ist so eng, dass Autos hier gar nicht langfahren können. Da haben die Jungs und Mädels von Openbikemap gute Arbeit geleistet, so einen Pfad als routingfähig ins System zu programmieren. Ich finde deren Arbeit sowieso absolut genial. Ohne die hätte ich viele spannende Sträßchen und Wege – egal ob mit dem Rennrad, Reiserad oder Mountainbike nie gefunden.

Irgendwann treffen wir einen Mann auf einem Ochsenkarren, der sich wundert, dass hier ein paar Gringos mit Fahrrädern langfahren. Wir grüßen freundlich und ich frage, ob ich ihn fotografieren darf. Dazu hält er extra an und positioniert sich. Wieder mal eine total freundliche Begegnung.

Ich navigiere uns nach Sitio Morales, um dann links abzubiegen und auf der befestigten Straße nach Caya Jutia zu fahren.

Dazu müssen wir über einen Damm fahren, vor dem wir “Eintritt” bezahlen müssen. Der Wärter fragt, wie lange wir bleiben wollen. Mist, denke ich, vielleicht dürfen wir dort gar nicht zelten und müssen heute wieder raus hier. Das klappt aber nicht, weil es schon vier Uhr ist und der Park um halb sieben schließt. Ich frage ob wir zelten dürfen, kein Problem, sehr schön. Dann kann ich Lennart mal zeigen, wo es sich wirklich traumhaft schlafen lässt: Am Strand mit leisem Meeresrauschen im Hintergrund.

Am Ende der Straße nach Caya Jutia gelangen wir auf einen Parkplatz und zu einer Strandbar. Dort trinken wir erstmal eine Kola und ein kühles Wasser. Normalerweise trinke ich überhaupt keine Kola, aber im Gefühl einer unterzuckerten Müdigkeit weckt das Zeugs echt meine Lebensgeister. Und Leos auch.

Und dann noch dieser Blick auf genau dieses Meer. Toni hat Recht: Hier ist Karibik. Palmen, weißer Sand, hellblaues Wasser, zum Horizont hin dunkelgrün abgesetzt, eine zarte Brise, kaum Wellen. Und das Beste: Wir sind fast allein um diese Zeit.

Nach unserer kleinen Erfrischung suchen wir uns einen Zeltplatz. Und finden einen, der schöner nicht sein kann: Im Schatten von Pinien direkt am Strand. Ich schieße noch ein paar Fotos vom Rad fürs Radforum, Lennart steht schon im Meer. Nach dem Aufbau unseres Lagers wollen wir richtig ins Wasser.

Noch nie habe ich so gern im Meer gebadet, noch nie so das Wasser, den Sand, die Sonne, das ganze Ambiente genießen können. Wir spielen mit unseren Schwimm- und Tauchfähigkeiten: Brust, Kraul, Rücken, Delphin – alle Lagen sind im Salzwasser so spielerisch zu beherrschen. Unter Wasser mit offenen Augen und der Nase den Sand streichend eins sein mit dem Element, aus dem wir kommen. Das Wasser streichelt mit seiner Wärme und seiner Schwere meinen Körper. Jetzt hätte ich gerne Kiemen, würde gerne einfach nur hier unten bleiben, über den Boden, die Algen hinweggleiten. Und wieder ist es da: Das Gefühl, ein Teil der Ewigkeit zu sein. Dass es mehr geben muss als nur dieses Leben. Diesmal durch das Meer vermittelt. Und man muss nicht mal religiös sein, um das fühlen und auch intellektuell greifen zu können. Platon, Sokrates und Aristoteles helfen da durchaus weiter. Aber sie sind natürlich schwer zu verstehen. Umso schöner, dass ich sie in genau solchen Momenten greifen kann.

Gegen sieben gehen wir nochmal in Richtung Strandbar, wollen uns auf einer der Liegen den Sonnenuntergang anschauen. 3D-Freiluft-Kino mit der größten aller möglichen Leinwände.

Ein Mann kommt auf uns zu – wir dachten, wir wären allein. Er stellt sich vor, ist von einer Sicherheitsfirma, die die Strandbar nachts bewachen soll. Auch ihn fragen wir, ob es in Ordnung ist, dass wir in der Nähe zelten. Klar, kein Problem – wir sollen nur bedenken, dass es nachts auch noch andere Leute gibt, die hier feiern oder rumspazieren. Er erzählt uns, dass er eigentlich Lehrer für Englisch und Französisch sei, aber bei einem Monatslohn von 14 CUC (rund 12 Euro) könne er sich sein Leben kaum leisten. Als “Security-Guy” verdient er hier das Doppelte eines Lehrers. Pervers ist das. Findet er auch. All das Studieren, die pädagogischen Herausforderungen, der Auftrag des Staates, eine Alphabetisierungsrate von 100% zu erreichen – all das ist nur halb so viel wert wie hier nachts auf ein leeres Haus für Touristen aufzupassen.

Er bietet uns Mojitos aus der Bar an, bringt sie uns an den Liegestuhl. Wir quatschen noch ein wenig, seine Kollegin kommt dazu. Wir verabreden uns für die Zeit nach dem Sonnenuntergang auf der Veranda der Bar.

Doch nun beginnt für uns das romantische Finale des Films, den wir hier sehen wollen: “Caya Jutia Sunset”. Schweigend, genießend sitzen Leo und ich nebeneinander. Der Mojito ist gut. Ich fotografiere noch ein wenig, dann ist das Schauspiel auch schon vorbei.

Auf der Veranda quatschen wir noch eine Weile bis die Moskitos unsere Beine als Nahrungsquelle entdecken. Morgen früh um neun öffnet die Strandbar für die Besucher. Wir erhalten ein Angebot, um acht ein ordentliches Frühstück zu erhalten. Klar, machen wir.

War das ein schöner Tag! Wir krabbeln schnell ins Zelt und horchen dem Meer noch ein wenig zu.

Feurio
23.04.2012, 22:02
Ein sehr schöner Stil! Zwar schade, dass nicht so viele Bilder hier online sind, aber Du schaffst es schon sprachlich (oder: mit deinen Worten) das ahnungsvolle Mehr des Lebens, das man in solchen gelingenden Momenten erfährt, einzukreisen.
Dass man dafür nicht religiös zu sein braucht, sondern sich auch "intellektuell" diesem Gefühl nähern kann finde ich auch!
Deswegen ist - in meinen Augen - auch die der Philosophie zukommende Form zwischen reiner Logik und religiöser Esoterik anzusiedeln; Plausibilität und Relevanz ist in ihrem Bereich maßgeblich. Und dafür ist der Reisebericht eine ausgezeichnete Form!

DieTine
24.04.2012, 10:31
wow. wahnsinnsbericht und superanschaulich..hat mich definitiv bestärkt, meine lang ersehnte cuba-Reise endlich mal in die tat umzusetzen. und mich grad extrem vom lernen abgelenkt. ;-) ¡Gracias!

Abt
25.04.2012, 08:19
Ja, da danke ich erstmal für den schönen Beitrag, auch den externen. Ich zumindest habe dafür Verständnis.
Was hattest du denn für einen Eindruck von den Menschen? Waren die eingeschüchtert? Drangsaliert? Die Jugend?

joeyyy
01.05.2012, 01:06
Die Menschen? Ich habe den Eindruck, dass die Mehrzahl von ihnen zufrieden ist. Natürlich gilt in Kuba immer: "No es fácil!" - Es ist nicht leicht. Aber tauschen? Tauschen möchte kaum jemand das Hier und Jetzt gegen eine Schimäre.

Die Kinder? Man muss unterscheiden zwischen den Touristenzentren und dem Land. Wo die Touris ihre Dollars verteilen, bekommt man natürlich alles in den unterschiedlichsten Läden. Das wissen auch die Kinder und Jugendlichen. Einige von ihnen laufen schon auch mit den ganzen westlichen Markenwaren rum, sind beeinflusst - auch ohne Werbung. Die Mehrzahl jedoch kann sich diese Markenwelt nicht leisten.

Nach Gesprächen mit Kubanern beginnen Neid und Geld so langsam, die Gleichheit der Menschen anzuknabbern. Die Aussichten werden von den meisten nicht rosig gesehen. Aber: Keiner weiß, was die Zukunft bringt.

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Originaltext und mehr Bilder gibt es hier: 29. März 2012 – Ein stoischer Tag (http://ghondi.wordpress.com/2012/03/29/29-marz-2012-ein-stoischer-tag/)

Gruß

Jörg.

http://ghondi.files.wordpress.com/2012/04/120330_001135-kuba.jpg

“Meine Güte, was ist denn hier los?” Überall juckt es – wir werden gebissen. Ich habe doch extra das Zelt ordentlich geschlossen – Moskitos können das nicht sein. Leo meint, dass diese kleinen Minifliegen so nervig sind. Ich glaube das nicht. Leo zerdrückt ein paar an der Zeltwand, was wiederum rote Flecken hinterlässt: Von unserem Blut.

Wie kommen die Viecher hier rein? Es ist dunkel, ich schalte die Stirnlampe an. Sofort prasseln hunderte von diesen Fliegen von außen an die Zeltwand des Innenzelts.

Ungefähr zwanzig haben wir hier im Zelt. Wir killen die meisten von ihnen. Ich frage mich nach wie vor, wie sie hier reingekommen sind und klebe vorsichtshalber das Loch des Mückennetzes, das die beiden Reißverschluss-Handstücke lassen (wo nicht mal ein Moskito durchkommt) mit Heftpflaster.

Wir schlafen weiter. Nicht lange. Dann geht das Spiel von vorn los. Lennart versucht, die Beißerei zu ignorieren, zittert dabei aber unkontrolliert an Händen und Füßen. Es wird ernst. Ich schalte die Stirnlampe ein und vermute ungefähr dreißig bis fünfzig von diesen Mini-Drecks-Mistviechern im Zelt. Da hilft nur noch eins: Kopf mit Anti-Mücken-Tinktur einreiben und den Rest des Körpers im Schlafsack mumifizieren. Das Anti-Mücken-Zeugs stinkt wie Sau, man soll’s nicht einatmen. Spaßvögel, die, die die Bedienungsanleitung geschrieben haben. Wenn wir jetzt das Zelt lüften, werden zwei ausgewachsene Europäer von 0,5-Millimeter-Fliegen getötet. Piranhas der Lüfte, diese Viecher.

Ich bewundere meinen Sohn – wie ruhig der bleibt. Hat in Philosophie wahrscheinlich ausreichend über die Stoa gelesen und versucht hier, über Gelassenheit und Selbstbeherrschung im Angesicht der Fliegen-Attacken Weisheit zu finden.

Das Anti-Mücken-Zeugs wirkt – Gott sei Dank. Und durch mein Seiden-Inlett kommen sie mit ihren Stacheln oder Beiß- oder Kauwerkzeugen nicht durch.

Ich frage mich immer noch, wie sie hier rein kommen. Schlafe dann aber auch wieder ein.

Gegen sieben stehen wir etwas müde auf und fangen an, unsere Sachen zu packen. Diese Mini-Fliegen sind weg. Ein paar Moskitos versuchen, sich mit uns die Zeit zu vertreiben, bis ihnen die Sonne zu warm wird. Wir versuchen, die Moskitos zu vertreiben. Um acht sitzen wir auf der Veranda der Strandbar von Caya Jutia und fragen unsere beiden Gastgeber, die uns herzlich begrüßen, was das denn für Viecher sind. “Sunflies” sagen die beiden. Diese Fliegen sind wohl ziemlich nervig und sie kommen durch alle Ritzen. Das haben wir auch gemerkt. Zum Glück bleiben keine Quaddeln oder Dellen oder juckenden Haut-Irritationen zurück.

Lennart mag Zelten am Strand nicht. Seit letzter Nacht. Schade. Dabei ist dieser Platz so wunderschön, dass ich ihn zu meinen schönsten Zeltplätzen sortiert habe.

Kurz vor neun verabschieden wir uns nach einem ausgiebigen Frühstück von unseren Gastgebern und fahren wieder zurück aufs Festland. Na ja, auf die Hauptinsel.

In Minas de Matahambre ist es Zeit für ein zweites Frühstück. Und wie lecker! Zitronensaft, Bananen, Pizza, Guarapo (Zuckerrohr-Press-Saft). Der Guarapo wird in kleinen Quioscos durch Walzen gewonnen. Dabei schieben die Verkäufer ein oder zwei Zuckerrohr-Stangen zwischen zwei Walzräder und drehen an einer Kurbel. Dadurch wird der Saft herausgepresst und in Gläser mit Eis gefüllt. Das Ganze kostet dann ein paar Pesos und ist eine ideale Radfahrer-Erfrischung.

In Minas fahren wir in eine Seitenstraße, die uns dann ins Hinterland führt. Die Wege werden nach und nach anstrengender, unfahrbarer. Häufig schieben wir die Räder jetzt. Manchmal schieben wir zu zweit ein Rad einen Hügel hoch, gehen gemeinsam wieder runter und schieben das zweite Rad hoch.

Am späten Nachmittag befindet sich nur noch ein knapper Liter Wasser in unseren Flaschen und wir werden heute Nacht wohl hier im Wald zelten müssen. Dörfer gibt es hier keine, hin und wieder mal vereinzelte Häuser.

Gegen sechs – wir wollen jetzt so langsam geeigneten Zeltplatz suchen – treffen wir einen Soldaten, der uns irgendwie bedeutet, dass wir hier nicht weiter dürften. Dass wir hier eigentlich gar nicht sein dürften. Sein Spanisch ist so undeutlich, dass weder Leo noch ich verstehen, was er meint. Schließlich verschwindet er wieder und wir schieben weiter bis zu einem Haus. Dort ist ein Militärposten, der mit zwei Soldaten besetzt ist. Einer von ihnen ist der freundliche Herr, dem wir vorhin begegneten. Der andere scheint der Chef zu sein. Ich frage nach Wasser – kein Problem. Er schöpft aus einem großen Fass und gießt uns zwei Flaschen voll. Ihn verstehe ich einigermaßen. Eine Woche müssen die beiden hier Dienst machen, bevor sie abgelöst werden. Wasser, Reis und schwarze Bohnen werden hin und wieder durch Kameraden vorbeigebracht. Karges Leben. Reduziert auf das Minimum mitten im kubanischen Hinterland.

Eine unschöne Nachricht müssen wir uns dann aber doch noch anhören: Wir müssen aus dem Wald hier raus und der Soldat, den wir nicht verstehen, wird uns mit dem Pferd begleiten.

Sowas mag ich ja überhaupt nicht. Unser Begleiter trottet neben uns her, zieht hin und wieder an seiner Zigarre. Er kann uns nicht erklären, warum wir hier raus müssen. Ich zeige ihm, dass ich ein GPS-System habe und die Straße, auf die er uns führen soll, schon sehen kann. Sie ist noch rund zehn Kilometer von hier entfernt. Und jetzt ist es halb sieben und es wird bald dunkel und wir schaffen das nicht bis zur Dunkelheit bis zu dieser Straße.

Auch er scheint von den Stoikern gelernt zu haben. Befehl ist Befehl. Er wird uns zur Straße begleiten.

Bergauf ist er mit seinem Pferd schneller, bergab sind wir schneller. So geht das eine Stunde lang. Dann wird es dämmerig und ich sage, dass wir jetzt hier zelten und morgen früh garantiert den Wald verlassen werden. Ich weiß nicht warum, aber er war einverstanden. Oder auch nicht, ritt aber letztlich davon und ließ uns gewähren.

Leo und ich verstehen das nicht und beginnen, das Zelt aufzubauen. Hier gibt es keine Moskitos und keine kleinen schwarzen Fliegen. Und es ist herrlich ruhig hier.

Wir bereiten uns ein herrliches Abendessen aus Keksen, Bananen, Nüssen und Wasser. Lennart kommt auf die Idee, alles zusammen in seine Stahltasse zu tun und es zusammenzumantschen. Ich teste skeptisch. Gut. Ich nehme meine Tasse und mantsche ebenfalls.

Wir freuen uns, dass wir das Spanische so gut beherrschen. Interesse zeigen können, Interesse an uns wahr nehmen können. Wir lernen, erzählen, manchmal erreichen wir sogar das eine oder andere Herz. Vor allem Lennart. Der wird hier von den Chicas angehimmelt und von den Frauen verwöhnt. Und ich muss mir dann immer anhören, dass ich ihm doch eigentlich viel zu viel zumuten würde, dem armen Kerl. Ich spiele diese Rolle gern – wissend, dass mir die Frauen eigentlich sagen, dass ich stolz auf meinen Sohn sein kann. Bin ich auch.

Klappstuhl
01.05.2012, 15:46
5sterne !!!

Danke dass ich mit euch gerade ein bischen Kuba "schnuppern" durfte, tolle Aufnahmen; schreib bitte genauso weiter und vor allem bitte SCHNELL :bg: *rumhibbelt*

joeyyy
07.05.2012, 23:14
5sterne !!!

Danke dass ich mit euch gerade ein bischen Kuba "schnuppern" durfte, tolle Aufnahmen; schreib bitte genauso weiter und vor allem bitte SCHNELL :bg: *rumhibbelt*

Danke. Alter Mann ist kein D-Zug...

Aber es wird:

30. März 2012 – Zurück auf Los, übers Gefängnis, keine 4.000 Euro


Den Originaltext mit Bildern gibt es hier: 30. März 2012 (http://ghondi.wordpress.com/2012/03/30/30-marz-2012-zuruck-auf-los-ubers-gefangnis-keine-4-000-euro/)

http://ghondi.files.wordpress.com/2012/03/120330_185608-kuba.jpg

Der Tag beginnt um halb elf des Vortages. Halb elf nachts. Dann werden wir geweckt. Von einem Rütteln am Zelt – Rütteln und Rufen, was uns aus dem ersten Tiefschlaf nach einem anstrengenden Tag holt. Ich antworte, dass ich jetzt wach sei und raus käme. Als erstes sehe ich einen grellen Lichtschein. Jemand leuchtet mir mit einer Taschenlampe ins Gesicht – ich bin geblendet, weiß gar nicht wer mir da gegenüber steht. Merke aber schnell, dass das zwei Männer sind. Männer in Uniformen, Soldaten offensichtlich. Auf dem Weg steht ein Geländewagen, dessen Scheinwerfer an sind.

Ich frage nach dem Grund der Störung. Wir müssen mitkommen, sagt einer der beiden Männer, der mir jetzt nicht mehr ins Gesicht sondern auf den Boden leuchtet. Wir müssen unsere Pässe abgeben. Beides Sofort. Ich sage Lennart, dass wir aufstehen müssen, merke, dass eine Diskussion über das Ansinnen der beiden Soldaten zwecklos ist. Ein letztes Mal versuche ich zu klären, ob unsere Räder und unser Zelt auf die Ladefläche des Autos sollen. “¡Sí!” Fest. Keine Regung, kein auch noch so kleines Signal einer Diskussionsbereitschaft. “Tenemos orden” – Ah, Befehl von oben. Ich weiß nicht ob ich den beiden vertrauen kann, habe aber keine Alternative. Frage nach dem Grund des Befehls. Wir dürfen hier nicht sein. Ich frage nach dem Warum. Befehl. Na gut, dann fangen wir eben an zu packen. Ich erwähne, dass das jetzt ungefähr zwanzig Minuten dauert, bis wir fertig sind. “Bueno.”

Auch das hilft nicht – sie warten.

Ich ziehe meine Stirnlampe auf, schalte sie ein und schaue mal in Richtung der Männer. Ziemlich verwegen sehen die schon aus. Einer ist ein eher südamerikanischer Typ, der andere ein dunkelhäutiger Schlaks. Wer von beiden die Befehlsgewalt oder den höheren Rang hat, kann ich noch nicht ausmachen. Das ist gut, dann kann ich mit dem reden, der am sympathischsten wirkt. Allerdings wirken beide nicht sonderlich sympathisch.

Leo packt wieder sein Stoa-Verhalten aus, sagt nichts, packt einfach nur. Prima. Ich kann weder bei ihm noch bei mir irgendwelche Anzeichen von Sorge oder Furcht oder gar Angst wahrnehmen.

Gegen elf sind wir dann fertig, laden die Räder auf die Ladefläche des Autos, werfen die Packtaschen hinterher und setzen uns ins Auto. Lennart vorn, ich hinten – jeder hat seinen eigenen Bewacher. Weglaufen würden wir doch sowieso nicht – wir müssten dann doch Pässe und Ausrüstung zurücklassen.

Das Auto – obwohl geländegängig – ist langsamer als wir mit den Rädern. Die Schlaglöcher sind häufig so tief, dass sie in Schrittgeschwindigkeit umfahren werden müssen. Die beiden Soldaten sind ruhig, strahlen keine Aggressivität aus – ich kann eher einen Anschein von Wohlwollen uns gegenüber spüren. Der Fahrer hält immer mal wieder an, um nach unseren Rädern zu schauen. Das kenne ich aus Alaska anders – da ging es mit 120 Sachen über den mit Schlaglöchern übersäten Highway, ohne Rücksicht auf die Ladung. Allerdings ist der Fahrer hier auch hundemüde und scheint sich durch die gelegentlichen Kurzpausen wieder aufzumuntern.

Über mein GPS habe ich gestern Abend geschätzt, dass wir rund zehn Kilometer von der nächsten Straße entfernt sind. Das wären zwischen einer und zwei Stunden Geruckel in diesem Auto. Mitten in der Nacht. Außerdem wissen wir noch gar nicht wo wir eigentlich hinfahren. Ich frage vorsichtig nach. Und nochmal nach dem Grund unserer Verhaftung. Und welche Funktion die beiden eigentlich haben. Wir werden zur Polizeistation nach Minas gebracht. Wir dürfen nicht in diesem Wald sein. Und die beiden sind von der Guardia Forestal. Ich frage nochmal warum wir nicht im Wald sein dürfen, ob das hier grundsätzlich verboten sei. Waldbrandgefahr. Man hat Waldbrandgefahr für diese Region ausgerufen. Es sei zu gefährlich, jetzt im Wald zu sein. Die Menschen wären sehr unachtsam, würden mitten im Wald grillen, Zigaretten wegwerfen oder mit auslaufendem Benzin und heißen Auspuffen ihrer Autos und Mopeds Waldbrände verursachen.

Jetzt kapiere ich: Die beiden haben Befehl, uns vor uns selbst zu schützen. Vor unserer Ahnungslosigkeit und unserer Unachtsamkeit. Objektiv herrscht in dem Teil des Waldes, in dem wir uns aufhalten, allerdings keine Waldbrandgefahr. Dazu hat es gestern zu ausgiebig geregnet und dazu ist der Wald einfach zu saftig und zu grün. Ich habe Waldbrände in Kanada erlebt, musste Umleitungen fahren, war im Hinterland durchaus in Gefahr. Aber hier? Ich erfahre, dass für die gesamte Region Waldbrandgefahr ausgerufen ist und da ist es den Behörden egal, ob es lokal mal geregnet hat oder nicht.

Ich lenke ein und bedeute, dass ich das verstehen würde und dass wir das nicht gewusst hätten und dass wir uns dieser Gefahr nicht bewusst wären. Ich versuche, den beiden Männern zu vermitteln, dass wir ihre Aufgabe, ihren Befehl und damit die Sorge um uns sehr schätzen würden. Was auch wirklich so ist. Die Arroganz des besseren Wissens gegenüber Einheimischen, denen ich eine ehrliche Absicht zuordnen kann, habe ich schon lange abgelegt. Letztlich strahlt ein vernünftiges Maß an Sorge einem anderen Menschen gegenüber auch eine wohltuende Wärme aus. Und das kann ich durchaus schätzen, ja sogar genießen.

Nach rund eineinhalb Stunden Fahrt erreichen wir eine geteerte Straße, die in Richtung Norden zur Küste führt. Nun kann unser Fahrer Gas geben. Allerdings beobachte ich das mit etwas Sorge, da er sich permanent mit einer Hand durchs Gesicht fährt und dann über den ganzen Kopf. Seine Müdigkeit ist offensichtlich. Gegen halb eins erreichen wir Santa Lucia, den Ort von dem aus wir gestern von Caya Jutia kommend nach Minas de Matahambre fuhren. Eine alte Frau steht im Dunkeln auf der Straße und winkt im Scheinwerferlicht. Unser Fahrer ist hellwach, hält an, steigt aus, redet kurz mit der Frau und dann mit seinem Kollegen neben mir. “Niño enfermo.”, krankes Kind. Mein Sitznachbar steigt aus und auf die Ladefläche. Eine Minute später eilen eine junge Frau mit einem in eine dicke Decke eingewickelten Kind und die alte Frau, die Großmutter des Kindes, zum Auto und setzen sich neben mich. Das Kind röchelt, hustet auf unangenehme Weise. Ich vermute einen Pseudokrupp- oder einen Asthma-Anfall und erkläre dem Fahrer mit meinen eingeschränkten Sprachkenntnissen, was das ist. Der beruhigt Mutter und Großmutter. Leo fragt, ob das ansteckend sei. Auch ihn kann ich beruhigen. Jetzt gibt der Fahrer Gas und fährt so zügig, dass sein Kollege auf der Ladefläche sich wohl gerade noch festhalten kann, zur nächsten Poliklinik. Nach rund fünf Minuten ist diese erreicht, die Aufnahme ist besetzt, der kleine Patient, der mich die ganze Zeit wie versteinert angestarrt hat, wird abgegeben und versorgt.

Wir fahren jetzt noch rund eine viertel Stunde bis Minas. Mittlerweile ist es ungefähr ein Uhr nachts. Kurz bevor wir die Polizeistation erreichen, entdeckt Lennart an einer Straßenecke eine Bäckerei und weist darauf hin, dass wir morgen früh ja dann frische Brötchen kaufen könnten.

Das beruhigt mich. Angst oder Ungewissheit scheint uns beide nicht zu leiten. Wir klären nochmal ab, dass wir beide die Nummer der deutschen Botschaft in Havanna haben und dort anrufen, falls wir getrennt werden.

Die Polizeistation ist mit zwei Polizistinnen besetzt, die uns bereits erwarten. Das analoge Funkgerät der beiden Forst-Soldaten, in das sie unterwegs unentwegt irgendwelche Kommandos wie seinerzeit Porter Ricks in der 60er-Jahre-Serie “Flipper” reingerufen hatten, scheint funktioniert zu haben. Ich schätze die beiden Mädels auf Mitte zwanzig – die Chefin ist recht attraktiv, die andere eher lethargisch – Körperbau und Verhalten harmonieren bei letzterer offensichtlich.

Wir laden unsere Räder und unser Gepäck vom Auto und verabschieden uns von unseren Fahrern. Unerwartet herzlich. Zuletzt kam zwischen uns allen so etwas wie gegenseitige Anerkennung, Verständnis und Sympathie auf. Wir wünschen uns alles Gute und das von Herzen.

Das Auto ist nun weg und ich sage zu Leo: “Dein Job!” Die Beziehung zu den beiden Männern von eben war eher meine Aufgabe – offensichtlich ganz positiv gestaltet. Jetzt muss Lennart das mit den beiden Frauen versuchen. Er hat bei Frauen im Vergleich zu mir die besseren Voraussetzungen – erfahrungsgemäß.

Unsere Strategie wirkt. Die Chefin ist freundlich, lächelt bezaubernd. Lennart auch. Die Räder dürfen wir unter die Treppe im Wachraum stellen – die sind schon mal bewacht. Wir selbst müssen in keine Zelle, die normalerweise für die wirklichen Gefangenen vorgesehen sind, sondern “dürfen” in einer Verhör-Zelle schlafen. Zum Glück haben wir Isoliermatten und Schlafsäcke. Ich weiß jetzt gar nicht, ob wir offizielle Gefangene sind oder nicht – um halb zwei nachts ist mir das aber auch egal. Die Pässe haben wir jedenfalls noch nicht wiederbekommen. Ich

Mit der Stirnlampe gehe ich dann mal in den echten Zellentrakt: Betonpritschen, zwei Stück übereinander, daneben in der Zimmerecke ein Loch im Boden für die Exkremente. Ich weiß nicht, ob das gute dutzend Daumen-große Kakerlaken in dieses Loch rein flüchten oder raus kommen. Es wuselt einfach nur. Und ich kann das Knistern dieser Insekten hören, das sie beim Krabbeln erzeugen. Ich möchte hier nicht gefangen sein, denke an Henri Charrière, der als Papillon gar nicht so weit weg von hier und noch gar nicht so lange her von jetzt viele Jahre in südamerikanischen Gefängnissen verbringen musste. Das Buch fesselt mich immer noch und die Geschichten sind jetzt noch viel anschaulicher für mich.

Hier gefangen zu sein ist eine Herausforderung für jeden Menschen. Ich frage mich welches Land es nötig hat, Menschen, die gegen seine Regeln verstoßen, so zu behandeln.

Leo und ich machen es uns in unserer Verhör-Zelle bequem. Mit Wachs-Stöpseln in den Ohren höre ich den in voller Lautstärke plärrenden Fernseher aus dem Wachraum nur noch als dumpfes Hintergrundgeräusch.

Leo schläft auf dem Boden, ich auf einer Pritsche, die sogar zu schmal für meine Isoliermatte ist. Zum Glück bin ich ein ruhiger Schläfer.

Um sieben werden wir durch Getöse und laute Gespräche geweckt. Der Silbernacken kommt zu uns in die Zelle. Ein ziemlich stattlicher Polizist, dem alle anderen Polizisten, die Putzfrau und auch die anwesenden Zivilpersonen gehörigen Respekt entbieten – allein durch Mimik und Körperhaltungen sichtbar.

Ich glaube, es kommt nicht gut an, ihn unter Hinweis auf unser Schlafdefizit um noch ein oder zwei Stunden Ruhe zu bitten. Also stehen Lennart und ich auf und packen unsere Sachen wieder mal zusammen. Heute morgen funktioniert auch das Wasser auf der Toilette – im Gegensatz zu letzter Nacht. Wir können uns sogar die Zähne putzen.

Gegen halb acht erhalten wir unsere Pässe zurück, werden nochmal aufgeklärt, dass der Wald wegen der Brandgefahr gefährlich sei und wir bitte dort nicht zelten sollten. Ich akzeptiere das und versichere das Einhalten dieser Empfehlung. Und zwar nicht nur pro forma. Von der Wachhabenden der Nacht verabschieden wir uns freundlich und mit Lächeln, Silbernacken kriegt nur ein ehrerbietendes “¡Adios! Señor y muchas gracias”.

An der Straßenecke gegenüber der Polizeistation kriegt Lennart seine frischen Brötchen, am nächste Quiosco frühstücken wir dann: Pan con Tortilla, Guarapa, Café Criollo.

Unsere Radfahrt zum zweiten Mal aus Minas raus beginnt steil bergauf, Che klatscht uns oben ab. Irgendwelche Waldwege sind in dieser Gegend erst mal tabu. Wir überlegen, ob wir in einem Rutsch bis Pinar fahren oder uns mittags ein Casa in Viñales suchen, dort unsere Sachen deponieren und noch eine Sightseeingtour-Runde mit leichten Rädern drehen.

Die Landschaft dieser Region ist so wundervoll, dass wir uns für die zweite Variante entscheiden. Außerdem sind nach den beiden Biking-Hiking-Tagen unsere Beine einfach leer, erholsam geschlafen haben wir auch nicht in den letzten beiden Nächten. Ricardos Rat aus Havanna befolgend suchen wir das Casa von Olga und Carmelo in Viñales.

Nachdem ich in die offene Tür gerufen habe, kommt Olga und erkennt in uns die angekündigten Radler aus Deutschland – Ricardo hatte sie zwischenzeitlich angerufen. Sie mag irgendwo zwischen fünfzig und sechzig sein, strahlt eine Ruhe und Freundlichkeit aus, die ich so nur von meiner Großmutter kenne. Ich rede mir ein, dass das mit dem Alter zusammenhängt und dass mich diese Grundstimmung auch bald ereilt. Jedenfalls gibt es erst mal einen selbstgemachten Ananas-Saft. Der und noch mehr die ausgeprägte Gastfreundschaft tun einfach nur gut. Wir werden morgen einen Ruhetag einlegen und ihn hier verbringen.

Nach einer zwei-Stunden-Pause fahren wir nochmal los, ins Valle de Viñales und ins Valle de Ancon. Die Mogotes faszinieren mich. Sie sehen aus wie wilde Heuhaufen mit ihrer wild durcheinander wachsenden Vegetation. Dazu stehen sie auf dieser unglaublich roten Erde. 1999 hat die UNESCO diese Region zum Weltkulturerbe erklärt. Zurecht.

Nicht nur die Mogotes, sondern auch die Ranches und Campesitos sind geschützt – also die Errungenschaften der Menschen und die Menschen selbst. Das ist ja mal was Neues: Der Mensch wird zum Weltkulturerbe erklärt und somit vor sich selbst geschützt. Das wäre doch mal eine Idee für die ganze Welt.

Auf dem Weg raus aus Viñales habe ich meinen ersten Plattfuß seit 6.000 Kilometern. Ich weiß auch, wovon. Ohne Gepäck haben wir es etwas ruppig angehen lassen auf den Pisten hier. Ein Schlangenbiss im Schlauch meines Hinterrades zeugt von einer etwas zu schnellen Durchfahrt durch ein Schlagloch. Aber das macht nichts, ich wechsle den Schlauch und nach rund zehn Minuten geht es weiter.

Hier im Valle de Ancon werden Kaffee und Tabak angepflanzt, geerntet und vor-verarbeitet. Wir fahren durch ein Bauerndorf und werden von einem Mann gefragt ob wir Kokoswasser trinken wollten. Klar – warum nicht? Bisher sind wir immer gut beraten gewesen, Neues und Unbekanntes auszuprobieren. Es ist ganz anders als in Marokko, wo ich überhaupt nicht mehr und von niemandem mehr angesprochen werden wollte. Die Grundstimmung hier in Kuba – zumindest auf dem Land – ist eher interessiert und an einem guten Miteinander orientiert.

Wir werden zu einem Haus geführt, auf dessen Veranda wir uns in zwei gemütliche Schaukelstühle setzen können. Nicht, dass das was besonderes wäre – hier in Kuba sind Schaukelstühle integraler und nicht wegzudenkende Bestandteile jeder Veranda. Aber für uns ist das erst mal was besonderes. Wir schaukeln gelassen, legen die Köpfe zurück und beobachten die Kinder auf der autofreien Straße vor dem Haus, die barfuß zwischen Hühnern, Hunden und jungen Schweinen Fangen spielen.

Nach ungefähr zehn Minuten bringt uns unser Gastgeber zwei Kokosnüsse, in denen jeweils ein Strohhalm steckt. Köstlich. Kein Wunder, dass die Kubaner eine höhere Lebenserwartung haben als zum Beispiel die US-Amerikaner. Und das bei kaum vorhandener Medizin und kaum vorhandenen medizinischen Geräten. Einfachheit, Gleichheit und gesundes Essen als Prinzip für ein langes Leben. So viel Obst, so viele natürliche Lebensmittel, eine so große Vielfalt selbstgemachten Essens und Trinkens wie hier kenne ich nur noch aus meiner frühen Kindheit, wenn ich bei meinen Großeltern auf dem Bauernhof die Ferien verbrachte. Hier in Kuba gibt es (außer dort wo die Touristen sind) das ganze degenerierte Zeugs von Nestle, Unilever, McDonalds und Co. einfach nicht. Beziehungsweise ist Kuba einfach kein Markt für diese Unternehmen. Fluch oder Segen für die Kubaner?

Auf dem Land muss man essen, wenn man etwas zu essen kriegen kann. Man muss auch schon mal nach Bananen oder Brot in Häusern fragen, wenn es kein Quiosco im Dorf gibt. In Viñales gibt es Touristen und mit ihnen Läden, in denen die westliche Konsumwelt Einzug zu halten beginnt. Es ist schon schräg, zu erkennen, dass ein Mars-Riegel hier so viel wert ist wie der Wochenlohn eines einfachen Lehrers oder eine große Coca-Cola-Flasche soviel wie der Wochenlohn einer Gynäkologin, die im Krankenhaus alle Dienste schiebt – auch die in der Nacht, wenn die Kinder zur Welt kommen. Mit den Touristen kommen für Kuba die “dringend benötigten” Devisen. Dringend benötigt? Wofür? Ich will vorsichtig sein mit einer Wertung und maße mir nicht an, selbst die wesentlichsten Problembereiche dieses Landes zu durchschauen.

Aber in Extremen gedacht kommt mit den Touristen auch die Ungleichheit zurück, die vor über sechzig Jahren zur “Revolución” führte. Nie und nimmer wird das Geld, das möglicherweise das BIP Kubas anwachsen lässt, auch das Haushaltseinkommen der Familien erreichen. Statistisch vielleicht, aber mit extremen Varianzen.

Ich bin froh, genau jetzt nochmal in Kuba zu sein und überlege, bald auch noch den Südteil zu bereisen. Denn die “Segnungen” des Kapitalismus wie Konsum-Orientierung, Werbung oder Wachstum ohne Grenzen mit den entsprechend degenerativen Konsequenzen für die Bevölkerung werden sich auch hier auf Dauer nicht aufhalten lassen. Dafür ist Kuba als Land zu schön und es stehen die Hyänen in Florida schon zu ungeduldig in den Startlöchern. Die große und mächtige Lobby der Exil-Kubaner sorgt letztlich dafür, dass das Embargo gegen ihr eigenes Land, das perfiderweise auch noch mit dem Ziel formuliert ist, Demokratie nach Kuba zu bringen, aufrecht erhalten bleibt und damit Kuba keine Chance auf die Einfuhr westlicher Medizin oder Technologie hat. Außerdem sind damit auch die Zugänge zu Förderprogrammen großer Organisationen wie der Weltbank beschränkt. Die letzte Version des US-Blockade-Gesetzes droht selbst Nicht-US-Firmen mit Bestrafung, wenn sie wirtschaftliche Interessen in Kuba verfolgen. Wenigstens scheint die Nachfolge-Generation der Exil-Kubaner mehrheitlich für eine Aufhebung des Embargos zu sein.

Ich selbst kann nicht einschätzen, inwieweit das Embargo oder die immanent fehlerbehaftete Planwirtschaft des Sozialismus für die Mangelsituationen im Land verantwortlich sind. Vielleicht ist es neben anderen Faktoren eine Kombination aus beidem.

Eine Kubanerin, mit der ich letztens sprach, meint, dass es durchaus einiger Änderungen bedürfe – zum Wohle der Gesamtbevölkerung: Menschenrechte, politische Mitsprache, Ökonomie und Versorgung – diese Themen sind heikel und anders zu gestalten. Auch Olga, unsere Gastgeberin, sagt: Die Zukunft Kubas ist ungewiss. Es gibt keinen “großen Bruder” wie 1989, als die DDR vor dem Kapitalismus kapitulieren musste. Kuba ist allein. Vielleicht deshalb das einzige wirklich unabhängige Land der Erde. Aber was bringt das, außer hohen Sympathiewerten?

Vielleicht ergibt sich ja eine Alternative zum “Überrollt-werden” im Netzwerk mit den anderen mittel- und südamerikanischen Staaten. Schließlich ist Kuba die “Medizinische Hochschule” Lateinamerikas. Es bleibt dem Land zu wünschen, sonst wiederholt sich – in anderer Form natürlich, weniger brutal – die Geschichte von vor fünfhundert Jahren, als innerhalb weniger Jahrzehnte die komplette kubanische Urbevölkerung verschwand.

Nachdem wir die Kokosnüsse ausgetrunken haben, schlägt unser Gastgeber die Früchte entzwei und wir essen das Fruchtfleisch. Im Anschluss führt er uns durch das Dorf zu einem natürlichen Aussichtspunkt über das ganze Tal. Das sei in keinem Reiseführer ausgewiesen, sagt er. Das glauben wir ihm. Selbst wenn – es geht steil hoch und durch dornenreiches Dickicht, so dass der gemeine Touri hier nur ungern entlangtouren würde. Der Blick ist in der Tat sehr schön. Allerdings habe ich meinen Fotoapparat unten gelassen – schade. An einem kleinen See beginnt es heftig zu regnen. Wir stellen uns unter, quatschen ein wenig während wir warten, dass der Schauer vorüber zieht. Obwohl es eigentlich egal ist, ob wir bei knapp dreißig Grad Luft- und rund fünfundzwanzig Grad Regentemperatur nass werden oder nicht. Aber es hat etwas Gemütliches, hier unter dem Blätterdach der unterschiedlichsten Bäume zu hocken und einen tropischen Regenschauer zu erfühlen.

Auf der Rückfahrt nach Viñales geraten wir nochmal in einen heftigen Schauer, vor dem wir uns erst schützen wollten, dann aber entschieden, ihn konsequent zu ignorieren.

Pünktlich um sieben kommen wir wieder bei Olga und Carmelo an und genießen ein köstliches Abendessen.

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Fortsetzung folgt...

joeyyy
22.05.2012, 00:49
http://ghondi.files.wordpress.com/2012/05/120331_195939-kuba.jpg

Unser Ruhetag in Viñales beginnt mit einem wunderbaren Frühstück bei Olga, unserer Gastgeberin. Sie ist eine herzensgute Frau, die die manchmal melancholische Ruhe Kubas ausstrahlt.

Einer kurzen Tour durch den Ort folgt ausgiebiges Faulenzen auf der Veranda in den Schaukelstühlen. Ein echter Ruhetag, wunderbar passend zur Aura dieses Hauses.

Zum Abendessen gibt es Hühnchen (nicht ganz so gut wie bei Toni).

Jetzt fehlt noch der krönende Abschluss des Tages: Mojitos. Also gehen wir nochmal raus, auf die Suche. Viñales lebt bei Einbruch der Dunkelheit offensichtlich auf. Was am Morgen noch die lethargisierende Hitze widerspiegelte, hat sich in vitalisierende Lebendigkeit gewandelt. Überall hören wir Musik, überall sind Menschen auf der Straße, in den Bars, auf den Veranden der Hauptstraße.

In einer Bar wird gerade ein Live-Auftritt vorbereitet. Wir wissen zwar nicht, was dort gespielt werden wird, aber das Ambiente und die erwarteten Mojitos laden uns fast schon aufdringlich ein. An einem kleinen Tisch ziemlich weit vorn sitzt bereits eine Französin, irgendwas zwischen dreißig und vierzig, die momentan in Mexiko lebt und jetzt in Kuba Urlaub macht. Höflich fragen wir, ob wir uns dazu setzen können. Klar, kein Problem. Warum fragen wir überhaupt?

Auf der Bühne schräg vor uns arrangieren sich mindestens neun Musikerinnen und Musiker. Sie sind zwischen zwanzig und geschätzten hundert Jahren alt. Eng geht’s zu dort, aber das ist kein echtes Problem. Der Älteste zeigt mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht was er drauf hat: Rhythmusgefühl. Im allgemeinen Instrumenten-Klangteppich kann ich seine Gitarre nicht heraushören, aber warum er so alt ist, kann ich sehen: Musik, Rhythmus, Chicas. Wahrscheinlich Abend für Abend. Und irgendwann wird er einer der hübschen Tänzerinnen hinterherlaufen, hinterhertanzen, hinterherspielen und einfach nur umfallen. Gar keine Chance haben, sein Lächeln und seine Glückseligkeit zu verstecken. Aber heute abend halten sie ihn noch zurück.

Die Band spielt sich warm. Der Sänger ist echt cool. So ein langer Schlacks mit einem Strohhut auf dem Kopf. Seine Mimik, Gestik, Bewegung verschmelzen im Salsa der Band zu einer ansteckenden Eurythmie. Was er rüber bringt, ist klar: Die vertikale Expression eines horizontalen Aktes.

Noch besser können das die beiden jungen und hübschen Tänzerinnen, die zum zweiten Lied vor die Bühne treten und die die Musik in Bewegungen umsetzen. In Bewegungen, die sie schon seit ihrem zweiten Lebensjahr drauf haben. Ich wusste nicht, wie ästhetisch menschliche Bewegung sein kann.

In dem Augenblick, in dem ich das Lennart sagen will, kommt die kleinere, weiße Chica an unseren Tisch und fordert mich auf mit ihr zu tanzen. Na klasse: Verglichen mit den beiden ist das Deutsche Fernsehballett eine Ansammlung kühler Stelzen und ich soll genau jetzt vor kubanischem Publikum mit denen tanzen. Die große dunkelhäutige Chica schnappt sich Lennart. Wenigstens bin ich nicht allein. Wir machen mit, so gut wir können. Und nein: Dies ist keine Touri-Kneipe. Die Französin, zu der sich noch eine französische Freundin gesellt, und wir beiden Deutschen scheinen die einzigen Touris zu sein. Zumindes im engeren Umfeld der Bühne. Und die Bar ist voll. Die beiden Mojitos, die ich schon intus habe, machen meine Beine locker. Um meine Hüfte kümmert sich meine Partnerin. Sie fasst meine Hände, hält sie fest, dreht sich zur Hälfte um sich selbst und dockt dann mit ihrem verlängerten Rücken bei mir an. Ich kann mich nicht befreien. Ob ich will oder nicht – ich muss den libidinösen Bewegungen ihrer Hüfte folgen. Es funktioniert auch. Ich kann tanzen! Salsa, Rumba, Son – ich weiß zwar nicht was, aber es ist mir auch egal. Leo geht’s offensichtlich genauso und das Publikum applaudiert. Vergiss die deutsche Tanzschule – spende das Geld lieber an die Welthungerhilfe. Hier lernst Du tanzen! Nach der Hüfte ist der Oberkörper dran: Meine Tanzlehrerin dreht sich wieder zu mir und zeigt mir, wie die gleiche Idee ihrer Hüftbewegungen bei den Schultern anfangend mit dem Oberkörper aufgenommen und weitergeführt werden kann. Ich erinnere mich an meine Pilates-Übungen und versuche, sie im Rhythmus der Musik zu praktizieren. Das funktioniert gut. Leo scheint sich auch nicht gerade zu langweilen.

Nach dem zweiten Lied gesellen sich noch weitere Paare aus dem Publikum zu uns und Leo und ich können wieder an unseren Tisch zurück. Die beiden Französinnen sind begeistert. Wie sich herausstellt, ist eine von den beiden Tänzerin in einem klassischen Ensemble und muss in den nächsten Tagen nach Bratislava zu einer Aufführung. Auch mit ihr tanze ich dann mal. Ich Bewegungslegastheniker. Aber es funktioniert und macht Spaß. Wir kommen uns ziemlich nah – näher als es für den Urlaub mit Leo gut ist. Ich verdränge alle Gedanken, die jetzt nicht hier her gehören und genieße einfach die Musik und die Bewegung.

Gegen ein Uhr nachts sind wir wieder zurück in unserem Casa. Unglaublich, was in einem solchen Urlaub alles geschieht. Wenn man es zulässt.

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Weitere Bilder gibt es hier: 31. März 2012 - Ruhiger Tag, heißer Abend (http://ghondi.wordpress.com/2012/03/31/31-marz-2012-ruhiger-tag-heiser-abend/#jp-carousel-1606)

joeyyy
05.02.2013, 00:23
Bericht ist jetzt fertig: Kuba-Reise (http://ghondi.wordpress.com/category/2012-kuba/)

Sorry für die Verspätung, aber wie das immer so ist: Beruf, Patchworkfamilie, Sport, etc... Irgendwas ist immer wichtiger.

Gruß,

Jörg.

DerSeb
07.02.2013, 19:16
Schöner Bericht! Ich habe knapp ein Jahr auf Kuba gearbeitet und kann daher deine Gefühle und Eindrücke nachvollziehen, einige Orte habe ich auf den Fotos auch wiedererkannt. Kuba hat mir gut gefallen, vor allem die Freundlichkeit der Menschen ist unglaublich. Wenn man dort länger lebt, wird man aber auch als Ausländer schnell mit den Alltagsproblemen konfrontiert, das beginnt schon beim Kauf einer Zahnbürste... Letztendlich ist man dann doch froh, wieder zu Hause zu sein, trotzdem möchte ich gern noch einmal nach Kuba reisen um einige der gemachten Bekanntschaften wiederzutreffen.
Gruß,
Seb

joeyyy
08.02.2013, 00:06
Danke.

Das ist ja genau das, was die Kubaner letztendlich auch sehen: Es ist nicht einfach, aber tauschen wollen wir nicht. Ich glaube, es ist eine Frage von Heimat und Kultur. Wenn du als Kind inmitten von Musik, Tanz, Hilfsbereitschaft und Improvisation aufwächst, wird es schwierig sein, in einem durch strukturierten und durch organisierten Land zurechtzukommen. Andersherum ist es genau das gleiche.

Einer meiner Söhne arbeitet zur Zeit in Kolumbien. Ein halbes Jahr lang fand er es total spannend, zu improvisieren, den Tag kommen zu lassen mit all seinen Impulsen. So langsam geht ihm das allerdings auf den Keks, er kann sich halt auf nichts und niemanden wirklich verlassen.

Und jetzt bin ich beim Schönen des Reisens. Ich bin Beobachter, mal objektiv, mal subjektiv. Mal integriere ich mich in eine fremde Kultur, mal grenze ich mich von ihr ab. Aber nie muss ich mich festlegen auf etwas, was mir nicht gefällt oder was ich auf Dauer nicht aushalten könnte. Und so freue ich mich aufs Reisen und genauso freue ich mich beim Reisen aufs Zurückkehren.