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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [TR] Zwischen Fethiye und Antalya



winnetoux
20.03.2012, 14:23
Der Lykische Weg ist zunehmend bekannt und auch nicht sonderlich kompliziert, daher eher ein paar Eindrücke aus der Türkei, kaum harte Fakten für euch, sorry. Rein subjektiv und ohne den großen Überblick.

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Cihan oder Wo ist Saribelen?
Wie aus dem Boden gewachsen steht er plötzlich da. Ich bin mit dem Topf beschäftigt, Wasser kocht gleich, und sehe ihn nur im Augenwinkel, habe ihn nicht gehört. Hello! Merhaba! Darauf beschränkt sich die Kommunikation oft. Wir Banausen, wir lernen so gut wie kein Türkisch in diesen Tagen. Cihan ist einer von diesen ca. 10-jährigen mit dunklem Schopf und klaren dunklen Augen, die ganz mutig Hello sagen und dann sehr begeistert sind, wenn sie verstanden werden. Gewöhnlich kommen sie gerade aus der Schule und wir passieren einander in verschiedene Richtungen.
Tuuuriiiist! schallt es auch mal vom Schulhof oder vom Spielplatz. Leuchtende Kinderaugen. Cihan nun kuckt mir auf die Finger und was da so alles rumliegt. Wagt sich ans Zelt. J. liegt im Zelt, Cihan kreist mit etwas Abstand, vorsichtig, linst hinein, stellt sich dann wieder hin. Seinen Namen bekomme ich noch raus und er erzählt mir wohl, dass es sich hier gut campen lässt am Fluss, Picknickzone. Ich stimme ihm zu und lache. Türken machen Picknick und kommen mit dem Auto oder wandern höchstens eine Stunde mit großem Grillgelage – diese komischen Tuuuuriiist zu Fuß mit riesigen Rucksäcken können machen, was sie wollen. Leider erstirbt damit das Gespräch, ich will den Topf nicht loslassen und Cihan schaut auf sein Handy, er muss wohl nach Hause.

Wir sind kurz vor Saribelen am Fluss, die verführerisch grünen Zeltwiesen stehen unter Wasser, aber es fand sich noch ein trockenes Plätzchen. Dank Wolkenbrüchen 1-2 Tage zuvor gibt es nachts Froschkonzert. Heute – heute war der komischste Wandertag ever. Es gibt Tage, da trifft man mal eine falsche Entscheidung, aber heute … es begann vergleichsweise harmlos. Wir residieren in einer Pension in Kalkan, die praktischerweise den Weg zum weiteren Likya Yolu abkürzt, man ist gleich oben an der Küstenstraße. Straßenabschnitte bzw. Pisten gibt es übrigens immer mal auf diesem Wanderweg bzw. fast auf jeder Etappe zumindest der ersten Hälfte. Ich muss den Weg im ersten Teil nicht sofort wieder gehen, einmal Treibhaustal umrunden ist okay. In seiner Vielgestaltigkeit hat er mir sehr gut gefallen, nicht nur Highlights, eben auch mal Durststrecken, man erarbeitet sich die Gegend ein bisschen. Apropos Durst: Nach einem Blick in zwei Zisternen war klar, wir tragen lieber bisschen mehr und geben ein paar Lira für Wasser aus.

Heute also wollen wir nach Bezirgan und weiter, man raunt von unnachahmlichen Zeltplätzen (den m.E. schönsten hatten wir an Tag 2).

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2 km die Straße entlang, dann leuchtet das gelbe Wanderschild links ab. Die alte Routenbeschreibung erzählt mal wieder was von Steinmännchen, wir sehen fast nie Steinmännchen, nur dann, wenn es auch eine Markierung gibt. Also, halten wir uns nicht mit langem Suchen auf, ab durch die Büsche und rauf. Markierungen tauchen nicht auf, es findet sich ein alter Türke am Olivenbaum, sicher, Bezirgan, er weist einen großen Bogen– es wirkt eher so, als zeige er die Autoroute. Um es kurz zu machen: wir sind irgendwo runtergegangen, da war dann ein Pfad, irgendwann tauchte die erwähnte Telefonleitung auf, wir stören drei Damen zwischen Ziegen. Sie zeigen selbstverständlich geradeaus, jaja, hier entlang. Was sie sonst noch sagen, verstehen wir mal wieder nicht, zumindest sind sie amüsiert. An einer Straße taucht die Markierung wieder auf. Rechts oder links? Wir gehen erst rechts, aber meine Eingebung sagt mir links. Ein Blick ins Tal verrät, hier könnte die Beschreibung für den Hinweg passen, da unten ist eine Zisterne, wir müssen also in die andere Richtung. Vorbei an einem Kläffer, der die Straße wohl nicht so genau als Reviergrenze definiert hat (türkische Hunde passen auf, sie knurren und bellen, verlassen aber gewöhnlich nicht ihr „Gebiet“ und, nicht zu vergessen, gleichzeitig wedeln sie mit dem Schwanz – es gibt auch die stille „Wurstversion“ in Päckchengröße, die robbt heran und will von oben bis unten geknuddelt werden) - er ist der einzige, der keinen gebührenden Abstand halten will bzw. nicht an der unsichtbaren Grenze stoppt, aber er wird gerufen.

Man erzählt sich, es gebe wahre Höllenhunde entlang der lykischen Küste. Wir hatten mal wieder das Problem, dass sich einer davon entschloss, mitzuwandern. Wir wurden ihn nur los, indem wir in den Bus stiegen. Ein herziges Tier, Halsband mit rosa Punkten. Ja, ich habe ihn mal getätschelt, aber die halbe Etappe hätte er deswegen nicht mitlaufen müssen. Meinen äußerst halbherzigen Scheuchversuch ignoriert er komplett, blickt sinnend in die Ferne und hält bloß fortan bisschen mehr Abstand, läuft auch mal vor, aber wenn wir unverhofft abbiegen, kommt er doch wieder nach. Er hatte ein schönes Zuhause!

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Die großen Hirtenhunde haben wir nur mit Hirten und damit wohlerzogen erlebt, der eine Tobehund mit der beeindruckenden tiefen Bellknurrstimme war angeleint. Sie geben Laut, aber hören und schauen, was man macht. Bleibt man weg von der Herde bzw. drückt sich am Rand vorbei im demonstrativen Bogen und geht seiner Wege, ist alles okay. Vor Andriake muss man durch ein paar Ziegenhirtenhütten. Der Chefhund ist riesig und läuft frei, aber auch dort hat man ihnen wohl beigebracht: wer den Pfad nimmt, darf da gehen. Chefhund bellt nicht mal und kuckt nur.

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Heute also haben wir den Weg wiedergefunden und steigen nun auf, ist kaum steil und sehr einfach. Fast langweilig. Baulärm tönt von Kalkan herauf, es wird viel gehämmert vor der Saison. In Bezirgan ist die Atmosphäre nicht so nett wie sonst, ein paar alte Männer mit viel Zeit, teils wurde wohl auch schon ein Raki gehoben. Wir kaufen beim einen ein Brot, beim andern eine Kola, so gibt es keinen Streit. Im Glauben, nun flach vorbei an den hier langsam blühenden Bäumen zu wandeln mit Ausblick auf die Küste als Höhepunkt, verlassen wir den Ort, aber nach wenigen Schritten stellt sich ein eindeutig rotes X in den Weg– hier nicht weiter, stattdessen links rauf. Brav, wie wir sind, folgen wir den Markierungen, wir freuen uns ja immer, wenn eine Markierung vorhanden ist –sie fehlen nur manchmal an entscheidenden Stellen.

Nun beginnt der absolut sinnfreiste Abschnitt des Likya Yolu. Durch Geröll hinauf, oben Piste und neue Teerstraße. Man soll die Piste gehen, aber die Richtung ist doch falsch? Die alte Beschreibung ist völlig anders, lesen wir aber erst später genauer. Wir gehen, es ist markiert. Dann wieder rotes X – aha, jetzt links den Abhang runter in die Macchia, unten sieht man die Straße, zurück. Sehr logisch, das. Entlang der Piste haben wir beständig süßlichen Kadavergeruch in der Nase. Wir finden die Ursache, die Müllkippe mit Ziegenskelettköpfen. Die Markierungen führten wohl fast hierher, irgendwann waren sie weg. Wir sind genervt, keine Lust auf diese Kraxelei, wir kraxeln durch die Scherben und – stehen wieder oben auf der Piste, nur 200 m weiter zurück vom roten X. Was nun, nochmal runter? Denken wir heute mit? Es kann nur runter gehen. Nein, keine Lust, wir gehen zurück und nehmen die neue Teerstraße.

Der Dombus, der hält, fährt nach Kalkan. Da kommen wir her, bloß nicht. Saribelen versteht der Fahrer erst nicht, will er nicht. Wo ist Saribelen? Wir latschen die Serpentinen runter, es rollen nur Rollerfahrer vorbei (bergab macht man in Anatolien den Motor aus und eine Motorradfahrt lohnt eigentlich erst zu dritt). Unten ist eine Kreuzung, auf dem Schild steht: Kalkan – wir hatten Saribelen erwartet. Na gut, eigentlich müssten wir doch diese Straße lang. Ein Ehepaar nimmt uns mit, Saribelen? jaja, kein Problem. Man sitzt auf kleinen Teppichen auf dem Rücksitz im schicken Pickup, die beiden haben Geld, oder er, sie ist immer noch ländlich gekleidet. Wir fahren an gelben Wanderschildern vorbei. Hm. Wir fahren. Fahren. Wir müssen doch nochmal fragen, ach, er fährt nach Kalkan! Patara? Nein, beides wollen wir nicht, kennen wir schon. Er lässt uns raus, gerade so kurz vor Kalkan, hier käme ein Dombus vorbei, für Saribelen. Na super. Für diese Fahrt möchte er kein Geld, war ein Missverständnis. Immerhin, wir bekommen jeder eine Banane geschenkt vom Obststand nebenan und ein Judotrainer kommt vorbei, der lebte mal ein Jahr in Wien und kann etwas Deutsch. Sehr bemüht, sehr nett. Der Dombus kommt alle 20 Minuten! Stehen wir hier nicht schon eine halbe Stunde? Das ist wohl deutsche Zählung. Er kommt dann tatsächlich. Saribelen? Jaja, Saribelen. Also, wieder zurück. Was machen wir nun, raus bei den gelben Wanderschildern oder gleich Saribelen? Ich tippe dem Fahrer nochmal auf die Schulter, ja, er fährt nach Saribelen. Dann machen wir doch das. Wir rauschen an den gelben Wanderschildern vorbei und – stoppen an der Kreuzung mit dem Kalkan-Schild. Saribelen!

Ach, hier ist Saribelen? Etwas entfernt ein Haus? Manchmal wäre es doch gut, eine Karte zu haben. 8 Lira. Da oben östlich die Häuser, das wird es wohl sein. Aber nun haben wir die gelben Wanderschilder gesehen. Okay, wir sind zum Wandern hier, wir stoppen keinen mehr, wir gehen zu Fuß die Straße entlang, die wir heute schon zweimal gefahren sind und auch ein Stückchen gelaufen. 3 km Saribelen sagt das erste gelbe Wanderschild, auf das man wohl stößt, wenn man nicht zur Müllkippe abbiegt und stattdessen weiter runtergeht. Immerhin kennen wir uns hier an der Straße jetzt aus. Da links ist das rote ehemalige Restaurant, wir gehen also nicht bis zum nächsten erspähten Schild, wir denken besser mit, hier sind auch wieder Markierungen. Wir könnten noch weiter und wollten eigentlich auch weiter, aber nach diesen glorreichen Taten wollen wir jetzt nicht mehr, wir sind beleidigt, wir zelten. Hier kommt dann Cihan.

Yussuf-Can, die nächste Generation

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Bei Hüsseyn gibt es das beste Hühnerei meines Lebens und den stummen Yussuf-Can, der nur mit großen Augen ernst kuckt. Der Tee brodelt auf dem Feuer, Mama rutscht auf Knien rum, eine wohl typische Hausfrauenhaltung bei den Hirten.

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Später dann laufen Frauen, so sie nicht zu abgearbeitet und aufs Haus beschränkt wurden (ergo, zur Unbeweglichkeit verdonnert und dann fallen schon fünf Schritte schwer), in ihren geblümten Pluderhosen sehr o-beinig, s.o. Yussuf-Can steht schon ganz da wie die Großen, es gibt einen Traktor. Ja, wir zahlen was, sogar etwas viel für meine Begriffe, aber die Tochter hat registriert, dass uns der Käse gut schmeckt und gibt uns ein Stück mit, dazu das ul-Brot, s. weiter unten. Somit geht der Preis in Ordnung, am nächsten Tag sind wir dankbar für den Snack. Die neue Zeit, Yussuf-Can scheint kein Geschwisterchen zu haben oder sie sind schon älter und in SARIBELEN – dort geht es dann zur Schule später.

Auto, Bus und Straßenbahn oder zu Fuß
Beim Wanderstartpunkt wird J. fast umgefahren, einer dieser 70er-Jahre-Renaults rast mit 10 cm Abstand vorbei. Autos haben hier Vorfahrt und Fußgänger müssen wissen, wo man fahren will, wenn man von hinten kommt und logischerweise auf den Feldweg durchrast. Zum Trost folgt wenig später die Einladung auf einen Raki mit Blick auf die Lagune, zwei Herren sind mit ihrem Wagen so weit gefahren, wie es irgendwie geht, und richten sich gerade gemütlich ein. Es ist aber schon später, so ein Busfahrer muss alle 80 km ein Päuschen einlegen und um 13 Uhr ist Mittagstisch, wir lehnen freundlich ab im Wanderwahn, vielleicht ein Fehler.

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Empfehlenswert ist eine Fahrt mit der neuen Straßenbahn – zum einen wegen der konsternierten Blicke, was haben diese Touristen alles dabei?! Zum andern bei der Rückkehr, um mal wieder ein paar Frauen zu sehen, die so auch in Berlin Straßenbahn fahren könnten. Die Männerlastigkeit des sichtbaren Alltags lässt sich nicht leugnen. Überall stehen bzw. sitzen sie rum, gerne zu dritt. Spielen Backgammon – im Kaffeehaus ist sowieso keine Frau anzutreffen. Im Kebaphaus hilft evtl. die Ehefrau, sichtbar, und stellt auch mal die Getränke hin, Ausnahmefälle. Geht es um’s Bezahlen, wird der Ehemann gerufen oder steht schon da. In Letoon, da wollten wir mal wirklich in eine Pension, ohne dass einer ungefragt den Freund eines Freundes vorschlug, aber sind gescheitert. Das schmale Kopftuchmädchen nickt und ist definitiv interessiert, ihr Bruder/Cousin/Vater? hinter der Kasse ist es definitiv nicht und der große Entscheider. Wir verstehen kein Wort, das Problem bei dieser Kommunikation sind auch die Gesten, die sind anders. Aber eigentlich wissen wir schon, was er meint. Er schließt symbolisch den Reißverschluss einer Jacke, jaja, verstanden, keine Pension hier. Im Treibhaustal ist man Touristen gegenüber angenehm gleichgültig –man ist mit seinem Tagwerk befasst, es wird stets gegrüßt. Der Lebensmittelhändler am nächsten Tag schenkt uns Tomaten und Paprika.

Insgesamt ist die Atmosphäre stets entspannt, oft herzlich. Wir zelten auch mal relativ sichtbar nicht weit von Xanthos, interessiert keinen. In den Küstenorten stehen schiefe Rohbauten, Steine werden zertrümmert, die Türkei will nach Europa. Der Tourismus verspricht Wohlstand, bequemer zu erreichen als auf der Sommerweide. Vielleicht bauen sie ja auch die Treibhäuser irgendwann ab, noch verhindert das die Männerphalanx, behaupte ich.
Sieht man die alten Frauen und abgerissenen Hirten, wie sie ihren abtrünnigen Ziegen hinterhersteigen, kann man sie absolut verstehen in ihrem freundlichen Gelächter über diese latschenden Touristen. Sehr angenehm auch: niemand joggt. Vor wenigen Jahren hat man was Exotisches importiert, Marathon in Antalya. Ich habe den Flug zwei Tage vorverlegt, um nicht in Absperrungen zu geraten. Kuckt da einer zu? Wäre vielleicht doch lustig gewesen.
Etwas, was mir am meisten Spaß gemacht hat, sind wirklich die Blicke der Leute und kleinen Mädchen, was machen die da nur mit diesen riesigen Rucksäcken? Am Busbahnhof quatsch ich die Herren einfach energisch an, ein Handschlag zum Dank, wenn einer kein Schlitzohr ist, verblüfft.

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Im Bus benimmt man sich höchst gesittet. Kaum, dass jemand spricht, Hände gefaltet. Damen am besten neben Damen, nach Alter und Lebensumständen sortiert. Die Touristen hinten in die Ecke, die Sitzordnung wird elegant ausgeklügelt. Kaum, dass der Jüngling es wagt, sich zwischen die Dame im roten Mantel und mich zu setzen. Es dauert ein bisschen, bis er einsieht, dass der frei gewordene Platz doch bequemer ist. Für die Dame hielt der Busfahrer nochmal an, an anderen rauschte er vorbei, voll. Die Dame hat knallrot geschminkte Lippen, die Haare in Wellen gelegt und die Augenbrauen etwas zu dick schwarz nachgezogen. Filmstarmakeup für’s Scheinwerferlicht. Manche schminken sich dazu noch fast weiß, geradezu japanisch. Schutzschicht, aber auch Signal. Sie drückt sich in die Ecke und tut dann so, als würde sie schlafen. Er muss nicht mehr weit mitfahren. Sind alle Plätze besetzt, werden Klapphocker hervorgezaubert. Der Busfahrer merkt sich immer, wer wo hin will.

Geräusche
Die absolute Stille an den beiden ersten Tagen und auch später immer wieder. Kaum, dass etwas rumkrabbelt. Keine Boote auf dem Meer.

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Wenn es nicht still ist, vielerorts ein leises Dauersummen der Bienen im Hintergrund. Den einen Bienenstich habe ich überlebt. Natürlich, Hahn, Hund, selten ein Esel.

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Straßen sind da und es werden wohl immer mehr, es fehlt vielerorts noch am Verkehr. Da kann man dann auch mal eine schöne stille Straßenwanderung machen. Zum Glück kommt aber doch der Weinvertreter irgendwann und nimmt einen mit.
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Die neue Zeit

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In den Dörfern alte Männer, im Teehaus oder vor dem Lebensmittellädchen – einer probiert mal, wie schwer ist dieser Rucksack, lachendes Kopfschütteln. Sonst ist nichts los im Dorf, gackernde Hühner. Stets eine rausgeputzte Moschee. Vorteilhaft für uns, da gibt es immer Wasser.

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Allgemein: die Bergdörfer sterben, wer geht da noch in die Moschee? Oder tun sie es doch nicht, das eine oder andere Haus ist renoviert? Erste Villen im Mittelmeerweststil sind anzutreffen am Rande des Treibhaustals – die Treibhäuser sind gefährdet! Fragt man, was der Muezzin so singt (gewöhnlich singen sie sehr schön, nur der in Antalya klang eher krakeelig), erntet man gleichgültiges Achselzucken, eben gerade Arabisch, versteht sowieso keiner.

Sozusagen Mittelalter und Postpostmoderne nebeneinander.

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Oder noch älter

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Was wohl kommt, ist die Normung und der Verlust an Geschmack. Die Gurken, die Orangen, die Salatblätter, die Zwiebeln, die Peperoni, alles höchst aromatisch. Der Käse natürlich. Die Oliven. Touristen setzt man dann Marmelade in Plastikschälchen vor, das ist der Fortschritt, die Beschleunigung. Die Treibhaustomaten sind nicht ganz so umwerfend, Strauchtomaten kauft keiner, die verfaulen im Regal. In den Winzläden dominieren die Waschmittel, wenn man Pech hat, schmecken dann auch die Oliven von der Theke nach Waschmittel. Büstenhalter sind vergleichsweise prominent platziert.

Und das hier wurde tatsächlich für das outdoorforum gemacht: ul-Brot. Man profitiert doch von verschiedenen Kulturen.

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Die neue Zeit bringt Erleichterungen, etwa Warmwasser. Fast jedes Haus hat Solarpanels auf dem Dach für den Wassertank.

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Und das mit dem Müll und der Wegwerfgesellschaft – zumindest die Autos werden länger genutzt, man könnte problemlos einen Nouvelle-vague-Film 70er-Jahre-Version drehen, mit den Autos und den Kindern. Bei Hüsseyn gab es keine Tüte für den Käse, ich packe den Kaffee um.


Antalya

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Es weht ein kalter Bergwind, aber die Muschelverkäufer stehen trotzdem in den leeren Gassen, ist das eine Mafia? Das Bier schmeckt übrigens überhaupt nicht, die 7,5-Promille-Version ist noch annehmbar, alles mit Zucker. Galatasaray spielt gegen Fenerbahce. Das mobilisiert anscheinend auch in anderen Städten die Anhänger. Am Wochenende ist stets Party in der Altstadt. 15 Jahre, die Standardantwort, wenn man fragt, wie und wo sie in Deutschland waren, Berlin oder Ruhrgebiet.
Die Kätzchen sind zerrupfter als anderswo, die Streuner liegen tagsüber auf der Seite hingefläzt wie erschossen auf den Plätzen und sonnen sich bewegungslos. Der Bergwind flaut etwas ab am nächsten Tag, wir gehen zum Strand, das Wasser ist glasklar-blau, da muss man einfach rein, 40 Sekunden, 15 Grad?

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Der Strand ist groß, aber die 4-5 Halbstarken platzieren sich doch recht nah bei uns. Als Frau allein hat man in der Nebensaison vielleicht doch bisschen mehr zu tun. Sie starren. Aber sie sind hilflos-erstarrt mit Anflügen von Coolness. Der Kodex erlaubt keine Ansprache. Die türkischen Frauen und Mädchen treten gewöhnlich zu dritt auf. Selten fehlt ein Kind dazu. Barrieren. Auch hier fehlen uns wieder die Vokabeln.

Hallo! flüstert es tagsüber dann in den Altstadtgassen, die Saison beginnt langsam, aber es ist noch erträglich. Bei Ankunft abends am ersten Tag überall hilfsbereite Leute – wir sind ja quasi ohne Karte unterwegs und auch der google-Ausdruck der Altstadt ist eher grob-unscharf. Schon im Bus weist man uns den Weg und wir fragen uns dann weiter durch, die Taxifahrer wissen Bescheid, leider belohnen wir sie nie, Bus fahren ist spannender. Der Flughafenbus ist der einzige Stadtbus in aktueller Westversion, gelbe Haltestangen, niederfloorig - aus praktischen Gründen wegen der Koffer, als Zeichen, wir befinden uns auf Augenhöhe, oder ist es eine freundliche Unterstützung, erstmal muss man sich nicht umstellen, alles vertraut? Geschenk aus Nürnberg, der Partnerstadt, vermutlich nicht, von da kommt die alte Promenadenstraßenbahn, Ausrangiertes geht Richtung Osten. Andererseits ist das Gelb schon verblasst, abgegriffen.

Ich kaufe tatsächlich überteuerte Schälchen, warum auch immer, zwei Tage diese Ramschläden ohne Kundschaft, ich kaufe als Entschuldigung, dass gerade keiner was verdient, der Innenhof war so schön ruhig und der Verkäufer auch. Dabei verdienen sie sicher genug, die letzten Tage sahen wir immer mal diesen blauen tui-Bus. Amüsant der Callcenter-Experte, er bugsiert uns in einen Laden, plötzlich ist die Tür zu, ich heuchele Interesse am Kaffeeservice, echtes Kupfer, Handarbeit, fühl mal, mein Name ist Papi, wie heißt du? Ich schenk euch was, diesen blauen Glücksbringer, den jeder Türke hat. Leider versetzen wir ihn dann doch am nächsten Tag, Abflug. Die Glücksbringer bleiben auf dem Nachttisch, vielleicht freut sich die Schwiegertochter der Pension, die wir immer fegend oder putzend antreffen (früher beim Zahnarzt gab es eine glitzerbunte Schale, da durfte man sich was aussuchen hinterher, ein Armband, einen Ring - die Papi-Glücksbringer wären der Renner).

Die Schälchen überleben den Transport nicht, aber der Honig. Jetzt läuten wieder die Kirchenglocken, Muezzin-Gesang ist angenehmer. Am Bahnhof gab es erstmal einen Börek. Der Kaffee allerdings, der ist in Spanien besser.

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Um wenigstens die entscheidende Frage zu klären: Ja, es gibt Gaskartuschen, der Mann im Angelladen hatte sogar ein paar wenige mit Schraubgewinde. Indiz, dass der Wandertourismus da ist? Das Gewinde ist, naja, könnte evtl. bisschen mehr Gas beim Auf- und vor allem Abschrauben entweichen lassen wie gewohnt, je nach Kartusche. Ist eben noch nicht so genormt. Wo der Laden ist, fragt euch durch, euch wird geholfen, irgendwo in der Basarzone und dann rechts um die Ecke.

Prachttaucher
20.03.2012, 16:55
5sterne Ich bin sehr beeindruckt, wirklich ganz toll geschrieben !

:o Hattest Du denn ein Efes Pilsen oder ein Tuborg - ersteres fand ich früher an warmen Tagen schon ganz gut (bin aber eigentlich gar kein Biertrinker). Mich haben ja bisher die Hunde abgehalten...

bjoernsson
20.03.2012, 17:43
5sterne Ich bin sehr beeindruckt, wirklich ganz toll geschrieben !

Dem kann ich mich nur anschließen!



Mich haben ja bisher die Hunde abgehalten...

Und auch hier schließe ich mich an - und muss sagen, dass das auch nach der Lektüre nicht besser geworden ist... Aber die Bilder machen Lust, die Türkei irgendwann einmal zu erkunden!

winnetoux
20.03.2012, 17:56
Danke. Ist ja eigentlich bisschen unpassend. :cool:

Efes, igitt. Es war aber auch nicht wirklich heiß, vielleicht liegt es daran. ;-) Wir haben uns auf Dosenbier beschränkt, nie einen Öffner dabei. Die andere Version könnte Tuborg gewesen sein, weiß ich nicht, wurde erst ganz am Schluss entdeckt. Raki haut ja sofort rein, was soll man trinken, okay, Wein war nicht schlecht, aber unhandlich.

Und Hunde: Ich war sehr fasziniert, wie sie wie an einer imaginären Wand abprallen, zumindest wenn sie zu einem Haus gehören, es geht wirklich nur darum, Fremde zu melden und denen erstmal den Zutritt zu verwehren. Rennen auf einen zu, aber irgendwo ist dann plötzlich Dur. Und da sie dabei so viel wedeln, nehme ich ihnen das auch nicht übel. Außerdem waren es nicht sonderlich viele, fand ich.

In abgelegeneren Weidezonen mag das wieder anders sein und natürlich kann man auch mal Pech haben. Sie merken natürlich, wer bisschen Angst hat, dann sind sie evtl. etwas hartnäckiger. Insgesamt denke ich, wurde da inzwischen "aufgeräumt". Die streundenden Hunde in Orten haben einen Knopf im Ohr, sind also irgendwie begutachtet und wollen nur lieben Kontakt bzw. es könnte ja evtl. was für sie abfallen. Davon hatten wir nur zwei, die spazieren dann eben auch mal kurz mit, als gehörten sie dazu. Haben sie wohl von den wohlmeinenden Touristen gelernt. Große Hirtenhunde sind mit Hirte sicher besser und absolut folgsam.