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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [US] Florida Trail: Eine Hassliebe



German Tourist
10.01.2012, 15:21
Da ich bisher der einzige deutschsprachige Mensch bin, der den Florida Trail schon komplett gelaufen ist und es daher auf Deutsch nichts darüber gibt, will ich hier mal was schreiben. Ausserdem sind Berichte über Trails, die man auch in unserem Winter laufen kann, ja immer schöner Stoff zum Träumen in der kalten Jahreszeit....

Die Langfassung mit Fotos gibt es wie immer auf meinem Blog: http://christine-on-big-trip.blogspot.com/search/label/Florida%20Trail

Zunächst möchte ich mal vorausschicken, dass mich mit dem Florida Trail eine Art Hassliebe verbindet. Für mich gibt es zwei Arten von Trips: Solche, die schon während des Trips schön sind, und solche, die man unterwegs hasst, aber hinterher toll findet - einfach aus dem freudigen Gefühl heraus, das Ganze überlebt zu haben. Der Florida Trail gehört definitiv zur letzteren Kategorie. In meiner ganzen mittlerweile 25.000 km langen Wanderlaufbahn habe ich auf keinem anderen Weg so viele Abenteuer erlebt wie auf dem Florida Trail. Aber von all den Trails, die ich gelaufen bin, ist der Florida Trail auch einer der Spitzenreiter in der Kategorie „unidyllisch“.

Aber bevor ich allzu sehr ins Detail gehe, erst mal ein paar Daten und Fakten:

Der Florida Trail (FT) ist ein über 2.000 km langer Langstreckenwanderweg durch den ganzen Bundesstaat Florida. Da er allerdings mehrere Alternativrouten hat, ist ein thruhike nur ca. 1.800 km lang. Er ist ein National Scenic Trail wie auch z.B. der Appalachian Trail. Aufgrund des Klimas kann der Trail in seiner Gesamtheit eigentlich nur von Januar bis April gelaufen werden; vorher besteht die Gefahr von Hurrikanen und nachher ist es einfach zu heiß. Die Freiwilligen der FTA (Florida Trail Association) unterhalten den Trail und haben auch ein Kartenset herausgebracht. Zusätzlich gibt es noch einen town guide und seit neuesten auch GPS Daten. Die FTA vergibt auch die permits, die offiziell für den Florida Trail benötigt werden. Der FT ist durchgängig recht gut markiert, so dass man eigentlich kein GPS braucht. In vielen Gebieten gibt es ausgewiesen primitive Zeltplaetze, die aber in der Regel ausser einer Sitzgelegenheit über keinerlei Ausstattung verfügen. Dennoch ist es wichtig, deren Lage zu kennen, denn oft sind sie die einzigen trockenen Stellen im Sumpf. Alle offiziellen Infos und auch viele schöne Fotos gibt es auf der homepage der FTA unter http://www.floridatrail.org/

Soweit zum offiziellen Teil – nun zu meiner persönlichen Einschätzung. Ich will mal mit dem Positiven anfangen:

Auf dem FT läuft man durch einzigartige Ökosysteme und nirgendwo sonst auf der Welt kann man so komfortabel durch den Sumpf waten – wenn man denn auf Waten steht. Das meine ich durchaus ernst: Auf vielen langen Strecken des FT läuft man nicht, sondern watet im wahrsten Sinne des Wortes durch den Sumpf mit knöchel- bis kniehohem Schlamm. Durchschnittliche Geschwindigkeit ist dann unter 2 km/h. Dafür wird man belohnt mit grandiosen Zypressenwäldern, exotischen Bromelien und einer einzigartigen Tierwelt: Alligatoren in rauen Mengen (ohne Zaun zwischen dem Alligator und Dir!), Wasserschlangen, Gürteltiere, Waschbären, Schwarzbären (hätte ich auch nicht gedacht, dass die in der Hitze überleben) und eine Vielzahl an Vogelarten. Wenn man dieses Ökosystem erleben will, dann ist der Florida Trail trotz aller sonstigen Widrigkeiten ein Traum. Wenn man aber zum Wanderglück alpine Landschaft braucht, dann sollte man woanders wandern. (Das ist wahrscheinlich der Grund, warum der FT in amerikanischen thruhiker-Kreisen so unbeliebt ist).

Nun zum Abenteuer-Aspekt: Da der FT im Verhältnis zu den anderen amerikanischen National Scenic Trails recht unbeliebt ist (ist ja alles nur flach dort!), ist man als FT hiker ein echter Pionier. Die Einheimischen wissen in der Regel nichts vom FT und so wird man ständig für einen Penner gehalten – warum sonst würde man mit Rucksack durch die Gegend laufen? Auch sind diese Einheimischen recht gewöhnungsbedürftig: Begegnungen mit jagenden Rednecks, altersschwachen Rentnern, Indianern und übereifrigen Polizisten geben so einer Wanderung die richtige Würze. Der größte Clou sind allerdings die Strecken durch Militärgebiete: Aufgrund der guten Wetterbedingungen hat das amerikanische Militär zahlreiche Luftwaffenstützpunkte in Florida und der FT führt geradewegs durch drei davon durch. D.h. man muss entsprechende Permits haben und die Sperrzeiten beachten, sonst landet man wie ich in einem Szenario wie aus einem Vietnamfilm und wird vom Hubschrauber aus verfolgt – ein Erlebnis, das auch noch nirgendwo anders hatte. Und da es auch so wenige thruhiker gibt, sind die trail angel des FT auch mehr als beglückt, wenn mal einer vorbeikommt: Nirgendwo sonst bin ich so freundlich von trail angels aufgenommen worden wie auf dem FT.

Aber nun auch zu den negativen Aspekten und davon gibt es viele: Der FT wurde erst relativ spät gegründet und noch dazu in einem dicht besiedelten Bundesstaat, d.h. der FT hat oft einfach keinen Platz und wird daher über Straßen geleitet. Ein Drittel des FT gehen über Teerstrassen, d.h. im Klartext 500 km Asphalt! Man muss schon sehr motiviert sein, um diesen hohen Preis zu zahlen. Aber selbst wenn man nicht auf der Strasse unterwegs ist, hört man sie. Ganz Florida scheint von Autobahnen durchzogen zu sein und aufgrund der Flachheit des Geländes trägt der Schall auch weit. Dazu kommen zahlreiche Forststrassen – zwar nicht auf Asphalt, aber auch nicht gerade idyllisch, wenn man bedenkt, dass Kahlschläge in USA sehr beliebt sind. Auch sind viele der Wildlife Management Areas nicht gerade in einem hübschen Zustand, sondern werden intensiv wirtschaftlich genutzt. Die meisten dieser road walks sind glücklicherweise entlang von ruhigen Landstrassen, aber manchmal läuft man halt auch fast einen ganzen Tag an einem 4-spurigen Highway entlang, was einem den Spaß so richtig verdirbt. Auch das Campen wird dann problematisch, da natürlich alles entlang der Strasse Privatbesitz und oft auch eingezäunt ist.

Fazit: Der FT weist viele richtig tolle Highlights auf – dazwischen aber muss man recht lange furchtbare Durststrecken überwinden. Wenn man den FT komplett laufen will, dann muss man schon eine hohe Motivation mitbringen. Ich persönlich wollte unbedingt dieses Ökosystem kennenlernen und habe meine Wanderung nicht bereut, obwohl ich in einem El Nino-Unwetter-Jahr auch noch ein zusätzliches Handicap hatte. Aber wie schon gesagt: Der FT ist kein Trail für jedermann.....

Tipp: Da es mittlerweile richtig günstige Flüge mit AirBerlin nach Florida gibt, hier ein Tip für eine tolle Teilstrecke des FT. Die für mich interessanteste Sektion des FT geht durch Big Cypress NP im Süden Floridas, mehr oder weniger direkt vor den Toren von Miami. Da es wie üblich in USA keinen öffentlichen Nahverkehr gibt und ich in Miami nicht gerade trampen würde, kann man diese Wanderung halt nur mit einem Mietwagen machen oder sich fahren lassen. Hierzu bietet es sich an, das Auto am Tamiami Trail (US 41) am Visitor Centre stehen zu lassen und durch den Sumpf von Big Cypress bis zur Raststätte an der I 75 zu laufen. Obwohl die Strecke keine 50 Meilen lang ist, muss man mindestens 3 – 4 Tage rechnen, denn hier läuft man nicht, man watet. Dann an der I 75 wieder abholen lassen oder zurück laufen. Innerhalb von Big Cypress gibt es auch alternative Trails, so dass man nicht komplett dieselbe Strecke zurücklaufen muss – allerdings sieht im Sumpf sowieso alles relativ gleich aus.

Dies ist keine Strecke für Anfänger! Der Trail ist gut markiert, aber wer sich im Sumpf verläuft, hat ein echtes Problem. Da alles gleichmäßig flach ist, gibt es keine Orientierungspunkte für die Navigation. Und da alles unter Wasser steht, kann man sich nicht einfach mal hinsetzen und ausruhen. Nur alle paar Stunden kommt man an einer etwas höher gelegenen Insel vorbei, die trocken ist und Zeltmöglichkeiten bietet. Dazu kommen die Alligatoren, die zwar menschenscheu sind, aber mir psychologisch am Anfang doch ein großes Problem bereitet haben (tatsächlich sind bisher keinerlei Angriffe von Alligatoren auf Wanderer bekannt). Und das Trinkwasser kommt auch aus dem Sumpf....

So, wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, dem empfehle ich, meinen Blog zu lesen, denn zum FT habe ich relativ viel geschrieben – es sind mir ja auch viele Abenteuer zugestoßen. Und natürlich beantworte ich auch gerne Fragen.

Christine

TanteElfriede
10.01.2012, 15:29
.. so hier angefangen zu lesen... und jetzt fix zum Blog...

dingsbums
10.01.2012, 17:25
Spannend - ich gehe auch gleich rüber zum Blog. ;-) Finde ich immer prima, etwas über seltene Ziele zu hören. Obwohl ich im Moment nicht glaube, dass dieser Trail mich je sehen wird ...

DeLiebe
10.01.2012, 18:50
Hm, wirklich interessant. vielleicht ist das was für meine 2 Wochen Urlaub im März... ich gehe auch mal schmökern:-)

MatthiasK
10.01.2012, 19:12
In 2 Wochen den FT thruhiken? Respekt :bg:

DeLiebe
10.01.2012, 19:38
;-) klar, und zwar als Mitglied der Nacktwanderfraktion (http://www.outdoorseiten.net/forum/showthread.php?57967-Nackt-wandern-auf-Nacktwanderwegen-mit-oder-ohne-Schuhe&highlight=nacktwandern), ohne Schuhe! Dürfte in den USA bestimmt auch ähnliche Bewegungen geben und somit unproblematisch... :baetsch:

Ich dachte eher an ein paar Tage im südlichen Teil des Trails, da ganz gut von Miami zu erreichen. Aber erstmal etwas einlesen.

MatthiasK
10.01.2012, 19:59
Haha es gibt tatsächlich einen "hike naked day"
Gibt es das in Europa auch?

German Tourist
10.01.2012, 22:28
Also, Nacktwandern ist auf dem Florida Trail aufgrund der vielen Mosquitos vielleicht keine so gute Idee....;-)
Aber den Tipp mit dem Kurztrip nach Big Cypress habe ich genau fuer Leute wie DeLiebe gepostet. Ich habe damals von US 41 bis I 75 drei Tage gebraucht und die waren mit die spektakulaersten auf dem ganzen Trail....
Christine