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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [ES] Auf dem GR 92 von Almería über das Cabo de Gata nach Carboneras



Juno234
06.12.2011, 17:06
Land: [ES] Spanien
Reisezeit: November 2011

Auf dem GR 92 von Almería über das Cabo de Gata nach Carboneras

Vorspann
Vor ein paar Jahren haben wir, meine compañera Giulia und ich, Südspanien als spätherbstliches Wanderziel „entdeckt“. Es hat was, bei angenehmen Temperaturen und Sonne dort zu wandern, wenn in Deutschland das Wetter grau und nass ist. Wem sage ich das?

Über mehrere Jahre hinweg sind wir jeweils für ca. eine Woche ein paar Etappen auf der Via de la Plata gepilgert. Wobei der Begriff „pilgern“ nicht ganz stimmt. Es ging uns hauptsächlich um das Erlebnis einer Streckenwanderung. Im Laufe der Zeit sind wir ziemlich hoch in Spaniens Norden gekommen. Da kann es im November und Dezember auch auf der Iberischen Halbinsel kalt und unangenehm werden, zumal wenn es in die Berge geht. So habe ich hoffnungsvoll hier im Forum gefragt, wo denn an Spaniens warmer Küste ein netter Weitwanderweg zu finden sei. Werner hatte den entscheidenden Tipp: den GR 92 an der Costa Brava (siehe seinen eigenen Bericht) bzw. am Cabo de Gata. Cabo de Gata – noch nie was von gehört. Aber laut Reiseführer soll die Ecke die wärmste und regenärmste Region Spaniens sein. Also genau das Richtige für den November.


1. Tag: Berlin bzw. Hamburg - Almería
Mittwoch, 9. November 2011

Die Waage am Check-in-Schalter zeigt 6,8 Kilo für den Rucksack. Die wirklich schweren wärmenden Klamotten trage ich allerdings noch am Leib. Auch Tagesproviant und Wasser fehlen noch im Rucksack. Auf der Wanderung wird dann das Gepäck um die 9 Kilo wiegen. Der Flug selbst verläuft ereignislos, wenn man von der knappen Stunde Verspätung wegen Nebels mal absieht. Die obligatorischen Air-Berlin-Brötchen (wahlweise mit Pute oder Käse) schmecken nur, wenn man wirklich Hunger hat. Ich habe keinen. Wie immer, wenn es nach Südspanien geht, ist das Weiterflugterminal auf dem Airport von Palma de Mallorca der Treffpunkt mit der compañera. Ihr Rucksack bringt ähnliche Werte auf die Waage. Der rasche Hüpfer von Palma nach Almería beschert Blicke auf die schneeüberzuckerten Gipfel der Sierra Nevada und die grünen Hänge des Cabo de Gata.

Der Busfahrplan war bereits vorher heruntergeladen wie auch der Stadtplan von Almería. Der kurze Weg von der Bushaltestelle zum vorgebuchten 3-Sterne-Hotel „Citymar Indalico“ ist nicht zu verfehlen. Mit dem Hotel sind wir sehr zufrieden. 29,50 Euro für das Doppelzimmer inklusive Frühstück ist unschlagbar. Für uns Zwei wohlbemerkt. Da kann keine Jugendherberge mithalten. Alles ist fußläufig von der Unterkunft aus zu erreichen. So sind wir dann auch bald an der Puerta de Purchena, dem quirligen Hauptplatz Almerías. Und machen eine neue Erfahrung. Im Gegensatz zu Sevilla, Cadiz und auf der Via se la Plata gibt es tapas (ob warm oder kalt) auch außerhalb der strengen andalusischen Essenszeiten. Bekamen wir in Sevilla vor 20:30 Uhr bestenfalls ein paar Scheibchen Schinken, werden wir in Almería bei der Bierbestellung sofort nach unseren tapa-Wünschen befragt. Und das um 19 Uhr! Und noch ein Unterschied zur andalusischen Hauptstadt: Hier gibt es die tapas nach alter Sitte zum Bier (oder auch Wein) hinzu. Der Preis von 1,80 € bleibt derselbe, ob mit oder ohne dem gar nicht mal so kleinen Häppchen. Nach drei, vier tapas in diversen Bars sind wir satt und beschwippst.


2. Tag: Almería
Donnerstag, 10. November 2011
Strecke: etliche, nicht gezählte km in der Stadt

Das Hotelfrühstück ist spanisch karg. Immerhin gibt es zu café con leche und tostada mit mantequilla, dem gebutterten und getoasteten halben Brötchen, noch ein Croissant und ein Glas Orangensaft. Außer vom Flieger aus haben wir vom Meer noch nichts gesehen. Also geht es als Erstes zum Hafen. Und neue Träume entstehen. Die Fährschiffe haben Melilla und Nador in Nordafrika zum Ziel. Von dort ist es doch nicht mehr weit zum Rif-Gebirge, in dem man doch auch gut wandern könnte. Wenn da bloß nicht der miese Ruf als Hochburg des Kif-Anbaus wäre...

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Aber wir sind in Almería! Und so spazieren wir hinauf zur bedeutendsten Sehenswürdigkeit, zur Alcazaba, der riesigen maurischen Festung der Stadt. Wir sind begeistert. Von der eindrucksvollen Anlage und von den Bergen des Cabo de Gata in der Ferne. Den Rest des Tages lassen wir uns kreuz und quer durch die Straßen der Stadt treiben. Almería ist eine stinknormale spanische Großstadt. Laut, hektisch, nicht unbedingt schön. Kein Vergleich zu Sevilla. Aber Almería ist lebendig und spannend. Am Paseo Marítimo, an der städtischen Strandpromenade, klingt der Tag bei (na, bei was wohl?) tapas und Bier aus. Glutrot geht die Sonne am anderen Ende der Bucht hinter Aguadulce und Roquetas de Mar unter. Was sich hinter diesen beiden schönen Namen verbirgt, ahnen wir bereits. Am Ende der Reise werden wir per Bus einen Ausflug dorthin machen und vollends aufgeklärt werden.

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Fortsetzung folgt mit: John Lennon, endlosen Strandpromenaden und der Entdeckung des tinto de verano.

Wafer
06.12.2011, 17:27
Hallo Juno.

Das beginnt schon mal recht vielversprechend! Ich bin auf die Fortsetzung gespannt!
Da war ja im Herbst mächtig was los in Spanien unter den ODSlern!

Gruß Wafer

Giulia
08.12.2011, 21:51
Ich hätte zwei Käsebrote gegessen (wenn ich 2 bekommen hätte...);-)

Juno234
08.12.2011, 22:00
Ich hätte dir ja gern meins abgegeben, aber leider saßen wir in zwei verschiedenen Fliegern...

Werner Hohn
10.12.2011, 10:32
Er wird doch vor lauter Hunger nun nicht so entkräftet sein, dass die Tastatur unerreichbar ist?

Werner

Juno234
10.12.2011, 16:20
OT: Nächste Woche gehts weiter

walkingalone
12.12.2011, 22:53
OT: Nächste Woche gehts weiter

Hallo Juno, JETZT ist "nächste Woche"! Ich bin gespannt - und würde auch ein Käsebrot spendieren, dass das von Air Berlin sicher übertrifft :cool:

Wenn es uns hier schon dermaßen spanisch vorkommt (Werner, Wafer und Du), dann spann uns bitte nicht zu sehr auf die Folter!

Juno234
13.12.2011, 07:49
Ich mag doch gar kein Käsebrot ;-)

Den nächsten Teil gibt es wahrscheinlich morgen. Die compañera muss noch "gegenlesen" :)

walkingalone
13.12.2011, 09:57
Ich mag doch gar kein Käsebrot ;-)

Den nächsten Teil gibt es wahrscheinlich morgen. Die compañera muss noch "gegenlesen" :)

OK, ich biete auch Brot mit Pute "a la Air Berlin" ;-)! Und freue mich schon auf morgen. Danke!

Juno234
13.12.2011, 16:48
3. Tag: Almería - Retamar
Freitag, 11. November 2011
Strecke: ca. 20 km

Können Rucksäcke traurig sein? Jedenfalls müssen unsere beiden Großen immer noch im Hotelzimmer bleiben. Zur ersten Wanderetappe starten wir mit dem kleinen „Tatanka superlight“. Denn abends werden wir nach Almería mit dem Bus zurückkehren. In den daypack kommt nur das Allernötigste, aber auch Überflüssiges wie ein warmer Pullover. Ein Utensil wird fehlen, wie ich später tief bereuen werde. Als Abkürzung zum Stadtstrand nehmen wir hinter dem Bahnhof die hohe schmale Fußgängerbrücke. Sanft schwingt sie vor sich hin. Die compañera ist nicht allzu begeistert.

Playa Ciudad Luminosa und Playa del Zapillo heißen die beiden schönen städtischen Strände, die nahtlos ineinander übergehen. Es ist noch früh am Morgen, die Schatten sind lang. Einsam drehen die „city cat“, die motorisierte Kehrmaschine, und ein paar Spaziergänger ihre Runden auf dem ansonsten verkehrsfreien Paseo Marítimo. Solche Promenaden kennen wir auch von der Platja de Palma auf Mallorca oder von der Playa de las Canteras in Las Palmas auf Gran Canaria. Aber hier in Almería gibt es keine Hotels am Strand. Das Viertel am Meer ist ein reines Wohngebiet mit 5- bis 10-stöckigen Neubauten, Geschäften, Bars und Restaurants.

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Stopp! Halt! Eine Unterkunft gibt es doch, das Hostal „Delfin Verde“. Mit seinen drei Stockwerken ist es viel kleiner als die benachbarten Gebäude. Es ähnelt eher einer Stadtvilla als einem Hotel und scheint auch viel älter zu sein. Erst nach unserer Wanderung werden wir erfahren, dass John Lennon 1966 im Delfin Verde wohnte. Am Cabo de Gata drehte er Szenen für den Film „How I won the war“. In unserem Reiseführer steht nichts davon. Auch nicht, dass ihn die Landschaft inspirierte, sein Lied „Strawberry Fields Forever“ zu schreiben. Erdbeerfelder werden wir auf unserer Tour aber nicht sehen. Lennon meinte ein Waisenhaus gleichen Namens in Liverpool, auf dessen Grundstück er als Kind oft spielte. So berichtet Wikipedia. Sollten wir je noch einmal nach Almería kommen, werden wir bestimmt im Delfin Verde absteigen.

Wer den Song nicht mehr im Ohr hat – klick: http://www.youtube.com/watch?v=gIjskOEFubQ

Der Paseo Marítimo ist ein Teil des GR 92, der als „Sendero Mediterráneo“ und E 10 – zumindest theoretisch – bis Portbou an der spanisch-französischen Grenze und dann weiter durch Mitteleuropa bis nach Finnland führt. Schilder, Markierungen oder Hinweise auf den Weitwanderweg gibt es nicht.

Langsam bekommen wir Hunger. Das Hotelfrühstück war doch allzu bescheiden. Zum großen cortado gibt es für mich ein tostada con atun y tomate. Das wollte ich schon immer probieren. Solch ein Thunfischtoast wird Favorit für mein zweites Frühstück werden. Giulia dagegen bevorzugt die Variante mit Käse, an der sie auch in Zukunft festhalten wird. Es ist ein warmer sonniger Morgen. Wir sind einfach nur glücklich und schauen über das Mittelmeer. Fast bis nach Afrika.

Zur Strandpromenade gesellt sich bald eine Ausfallstraße. Wir nähern uns dem Stadtrand. Mit der Idylle ist es vorerst vorbei. Die Grenze zwischen Stadt und Land ist unbestimmt. Es ist eine unordentliche Landschaft mit viel Plastikmüll, kaputten Gehwegsteinen und den riesigen kunstoffüberdachten Gewächshäusern, die so typisch und hässlich für Spaniens Süden sind, die uns aber zuhause zeitig im Jahr Obst und Gemüse bescheren. Auf der Straße landeinwärts überqueren wir den Rio Andarax.

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Und jetzt erwartet uns eine Überraschung. Die Strandpromenade fängt wieder an! Breit, gepflegt und ziemlich neu. Parallel verläuft im schmalen Band einer Grünanlage ein bestens ausgebauter Radweg. Dahinter die Straße, dann die Plastik-Gewächshäuser. Sonst nichts. Kein Hotel, kein Haus, keine Bar, kein Restaurant. Der Strand ist mal steinig, mal sandig. Nix Dolles. Wir sind bereits verwöhnt. Unsere Spekulationen, warum dieser Abschnitt so gut ausgebaut wurde, führen zu keiner überzeugenden Antwort. Aber wir profitieren von der Infrastruktur des Weges. In regelmäßigen Abständen gibt es Wasserhähne zum Abkühlen. Denn der Tag ist heiß geworden. Die Sonne brennt. Und die kilometerlange, auf Dauer langweilige Promenade ist schattenlos. Jetzt weiß ich, was im daypack fehlt: Meine kurzen Hosen! Die Jeans, die ich anhabe, fangen an zu kleben.

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Endlich tauchen Häuser auf. Überdachte Parkplätze und große Gebäude. Es ist die Universität von Almería, die weit vor den Toren der Stadt liegt. Gleich vorne die Cafeteria. Rasch schieben wir zwei Stühle und den Tisch in den Schatten auf der Terrasse. „Besorg uns was Schönes zum Trinken“. Der Wunsch der compañera ist Befehl. Zielsicher arbeite ich mich durch die Menge zum Tresen vor. Mineralwasser? Viel zu langweilig. Kaffee? Hatten wir heute bereits reichlich. Softdrink? Mögen wir Beide nicht sonderlich. Bier? Noch viel zu früh am Tag. Da fällt mein Blick auf das kleine Schildchen am zweiten Zapfhahn: eine Weintraube, eine Zitrone und die Aufschrift „tinto de verano“. Das könnte das gewünschte „Schöne“ sein. Rot spritzt die Flüssigkeit in die beiden schlanken Gläser, die fast wie Kölsch-Gläser aussehen. Noch ein paar Eiswürfel hinein und die studentische Hilfskraft schiebt mir das Ganze über die Theke.
Giulia schaut erst skeptisch, dann lächelt sie. Auf einer anderen Reise durften wir solch ein Getränk schon mal genießen. Unfreiwillig und mit wenig Wohlwollen unsererseits. Heute passt der tinto de verano. Kalt, erfrischend und leicht säuerlich ist der mit Zitronenlimonade versetzte Rotwein. Um uns herum zwitschert es lebhaft. Studenten haben Tische zusammengestellt und unterhalten sich vergnügt und angeregt. Vor Jedem steht ein Glas. Mit Bier oder tinto de verano. Und das am Vormittag um 11 Uhr. So fallen wir wenigstens nicht auf. Auch einige Dozentinnen sitzen mit dabei. Es wird gelacht und gescherzt. Undenkbar in der Cafeteria des OSI an der FU Berlin, das ich so gut kenne. Nicht nur, weil Berlin-Dahlem nicht am Mittelmeer liegt.

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Die Runden lösen sich auf. Bis Costacabana müssen wir die Straße nehmen. Zum Glück ist sie wenig befahren. Die Jeans kleben wieder an meinen Oberschenkeln. Ich habe keine allzu große Lust mehr. In der Urbanización südlich des nahen Flughafens würde ein Stadtbus zurück nach Almería fahren. Aber Giulia ist noch voller Tatendrang. So testen wir erst einmal die örtliche Strandpromenade auf ihre Wandertauglichkeit. Am anderen Ortsende geht Giulia schnurstracks auf der Sandpiste weiter. Ich folge...

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Die breite, befahrbare Piste führt ganz nahe am Meer durch eine karge, spärlich bewachsene, völlig flache Landschaft. Eine „Halbwüste“ meint der Reiseführer. Mir schaut das eher steppenmäßig aus. Wir bleiben auf der Piste. Das Stampfen durch den Sand direkt am Strand ist anstrengend. Infrastruktur für Strandurlauber gibt es hier nicht mehr. Als „Naturstrand“ wird so etwas gern bezeichnet. Kilometer reiht sich an Kilometer. Heiß, schattenlos. Wir sind allein unterwegs. Was hier im Sommer los sein mag? Später kommen wir an ein paar Fischerbooten vorbei. Ein einsames Haus spendet Schatten für eine kurze Pause. Und dann wieder ein heißer Kilometer nach dem anderen. Der Schweiß rinnt. Die Jeans kleben. Die Wasserflaschen sind fast leer. Ich bin geschafft. Die compañera muss mir tröstend Mut zusprechen.

Dann erklimmen wir die erste „Steigung“ der Tour. Geschätzte 25 Höhenmeter müssen wir zwischen bewachsenen Dünen hoch zur Urbanización El Toyo steigen. Neben einer kleinen unzugänglichen Festungsanlage steht ein überdachter Aussichtspunkt mit Sitzbänken und Schatten. Für den tollen Blick über den Golfo de Almería habe ich anfangs kein Auge. El Toyo ist die Hotelzone von Retamar mit schicken 4-Sterne-Hotels und einem riesigen Golfplatz. Es ist zwar nicht unbedingt unser Geschmack, aber alles wirkt angenehm, nobel und jetzt in der Nebensaison wie ausgestorben. Wir müssen noch einen Kilometer weiter ins Zentrum von Retamar. Dort soll die Bushaltestelle sein. Hier ist etwas mehr Leben, sogar einige Bars sind geöffnet. Der nächste Bus nach Almería fährt in etwa 30 Minuten, also ist noch Zeit für eine kleine Belohnung für die überstandene erste Wanderetappe. Mittlerweile können wir auch die spanischen Biersorten unterscheiden. Cruzcampo schmeckt uns am Besten. „Tapas?“ Wir schauen uns an und nicken. Einstimmig beschließen wir, den übernächsten Bus nach Almería zu nehmen....

Fortsetzung folgt: mit dem Levante, strengen Regieanweisungen und vielen Flamingos.

Juno234
29.01.2012, 15:26
4. Tag: Retamar - San Miguel de Cabo de Gata
Sonnabend, 12. November 2011
Strecke: ca. 10 km

Heute ist der kleine „Tatanka superlight“ traurig. In ihn stopfen wir das warme Fleece, den dicken Pullover, die schwergewichtige Krimi-Lektüre für den Rückflug und andere überflüssige Sachen. Der Kleine muss in einem dunklen Kämmerchen hinter der Hotelrezeption auf unsere Rückkehr warten. Unsere beiden Großen dagegen – ein „Salewa Antelao 50 + 10“ und sein No-Name-Bruder – können den Beginn der Wanderung kaum erwarten. Wir auch nicht.

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In knapp 45 Minuten bringt uns der Stadtbus Nr. 30 wieder nach Retamar. Giulia besorgt im örtlichen Supermarkt den Tagesproviant, während ich schon das zweite Frühstück bestelle. Bereits auf der Café-Terrasse frischt der Wind auf. Auf der Strandpromenade weht es dann immer stärker. Obwohl die Sonne scheint. Ein Passant muss unser Erstaunen bemerkt haben. Es sei der Levante, der nun vier Tage lang blasen würde. Das meine ich, mit meinen spärlichen Spanisch-Kenntnissen verstanden zu haben. Auf den Spanienreisen habe ich mir um die 200 Vokabeln angeeignet. Sogar ein paar einfachste Sätze mit halbwegs richtiger Grammatik kann ich bilden. Allerdings rutschen immer wieder italienische Begriffe in meine Formulierungen, so dass ich eher eine Art „Romanisch“ spreche denn Spanisch. Und die Iberer sprechen schnell und viel. Bin ich noch am Überlegen, was Satz 1 bedeutet, ist mein Gegenüber längst bei Satz 5 oder 6.

Rasch sind wir wieder auf der befahrbaren Schotterpiste. Anders als gestern ist kaum ein Fitzelchen von Plastik zu sehen. Die Wege sind von der umgebenden Landschaft durch eine niedrige hölzerne Abgrenzung separiert. Wir sind im „Parque Natural Cabo de Gata-Níjar“. Circa 50.000 Hektar sei dieses Biosphärenreservat groß, erzählt uns unser Reiseführer. Mit dieser Zahl können wir wenig anfangen. Aber bis fast zum Ende der Tour werden wir nun durch diesen Naturpark wandern. Im Wind- und Sonnenschatten des Torre Garcia machen wir unsere erste Zigarettenpause und lernen noch etwas aus dem DuMont-Wanderführer „Andalusien“, von dem wir einige Seiten als Ausdrucke dabei haben. Solche Wachttürme stehen in Sichtabstand entlang der gesamten Küste und dienten als ein mittelalterliches Frühwarnsystem gegen maurische Überfälle. Wir werden noch an vielen solcher Türme vorbeikommen. Auf dem Foto ist aber nicht der Wachtturm zu sehen, sondern die benachbarte Ermita de Torre Garcia. DuMont weiß, dass hier im 16. Jahrhundert eine Statue der Virgen del Mar angespült wurde, die später zur Schutzheiligen von Almería wurde.

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Wenig später beginnt das Fahrverbot für den motorisierten Verkehr. Zwei Wege verlaufen nun in einigem Abstand parallel zur Küstenlinie. Wir wählen die etwas weiter entferntere Piste. Zum einen ist sie nicht so sandig. Zum anderen wird der küstennahe Weg von einer Schafherde mit ihrem Hirten okkupiert. Die grasenden Schafe sind kaum langsamer als wir. Viel Sand, wenig Grün. Als Schaf ist man da schnell durch. Ein Lüneburger-Heide-Feeling kommt hier nicht auf. Ab und an führen Stichwege zur Playa de las Amoladeras. Aber unsere Pause am Naturstrand fällt kurz aus. Die Sandkörner, die der Levante gegen meine nackten Beine weht – ich habe längst meine kurzen Hosen an – sind wie Nadelstiche.

Zurück auf der Piste überholt uns ein Mountainbiker. Abrupt stoppt er und drückt mir seinen digitalen Fotoapparat in die Hand. Mit strengen Regieanweisungen dirigiert er mich an eine strategisch günstige Stelle. Ein paar Tage zuvor hatte es geregnet. Die Wasserlachen sind noch nicht völlig abgetrocknet. So werde ich zum Action-Fotographen, der genau dann abdrücken soll, wenn der Mountainbiker durch die Pfütze prescht und das Wasser effektvoll hoch spritzt. Mit meinen fotographischen Ergebnissen ist er zufrieden.

Langsam nähern wir uns der „Schlüsselstelle“ der heutigen Etappe. Unsere gute Wanderkarte von „Editorial Alpina“ im Maßstab 1:50 000 zeigt, dass unser Weg einen riesigen Schlenker landeinwärts macht. Auch die DuMont-Ausdrucke kündigen diesen Umweg an. Es gilt, die Rambla de Morales trockenen Fußes zu überqueren. Bislang fiel mir bei „Rambla“ die lange Promenade im Zentrum von Barcelona ein. Aber „Rambla“ ist auch der spanische Begriff für Flussbett. Offenbar führt der Morales, der hier ins Meer mündet, von Zeit zu Zeit so viel Wasser, dass eine Überquerung am Strand nicht möglich ist. Aber wir haben Glück. Einen etwa 50 Meter breiten trockenen Sandstreifen hat das Mittelmeer extra für uns angespült. In der Flusslagune tummeln sich – geschätzte – 100 Flamingos. Alle Fotos der großen Vögel, die wir zum ersten Mal außerhalb eines Zoos sehen, sind unscharf und verwackelt. Trotz Giulias Schulter als Stativ. Der Levante verhindert eine ruhige Hand.

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Kurz vor San Miguel de Cabo de Gata spielt mir der Levante noch einen Streich und reißt mir das Käppi vom Kopf. Aber der Wind hat nicht mit meinen Qualitäten als Sprinter gerechnet. Giulia staunt auch. Eine Sicherheitsnadel macht dann die Kappe enger und vereitelt die künftigen Versuche des Windes. Auf Landkarten und Reiseführern wird der Ort zumeist knapp und kurz als Cabo de Gata bezeichnet, obwohl das eigentliche Kap noch Kilometer entfernt ist. Während wir auf der Terrasse des Restaurants an der Strandpromenade lediglich einen Cortado in der warmen Nachmittagssonne genießen, schlemmen die Spanier an den Nachbartischen ausgiebigst. Die Platten mit Meeresfrüchten und die Paella schauen gut aus. Und die Flasche Weißwein im Weinkühler der Spanier flüstert uns zu: „Es ist noch mehr da. Auch für euch.“ Aber wir sind noch zu unruhig. In San Miguel de Cabo de Gata gibt es nur ein Hotel und eine Pension. Vorgebucht ist nichts. Und noch haben wir keine Erfahrung, wie es mit den Unterkünften in dieser absoluten Nebensaison laufen wird.

Heute problemlos! Die Rezeptionistin des Hotel Blanca Brisa hat ein riesiges Zimmer für uns. Auch das Bad und die Terrasse sind gigantisch. Wir sind die einzigen Gäste. Über die 51,50 Euro mit Frühstück meckern wir auch nicht. Wir halten Siesta, testen Badewanne und Bett. Den Einflüsterungen des Weines erliegen wir später bei Tapas und Sonnenuntergang in einer anderen Bar an der Promenade.

Fortsetzung folgt: mit einsamen Käsescheibchen, noch mehr Wind, der ersten wirklichen Steigung und Django auf Wandertour

Juno234
01.03.2012, 17:39
5. Tag: San Miguel de Cabo de Gata – San José
Sonntag, 13. November 2011
Strecke: ca. 20 km

Wanderer sind früh dran. Theoretisch. Im Hotel Blanca Brisa gibt es das Frühstück aber erst ab halb Neun. Preußisch pünktlich stehen wir vor der – verschlossenen – Tür zum Speisesaal. Mit dem Nachtportier rauchen wir erst einmal eine vorgezogene Frühstückzigarette, bis nach rund 15 Minuten der Kollege der Tagesschicht kommt. Routiniert wirft er die Kaffeemaschine an und führt uns zu einem riesengroßen 8er-Tisch. Das spanische Hotelfrühstück kennen wir ja bereits: tostada mit Butter, Orangensaft aus der Kühltruhe. Der café con leche ist heiß und gut. Wir fühlen uns im ansonsten leeren Restaurant so einsam wie die zwei Schinken- und die drei Käsescheibchen unter der Frischhaltehaube. Sie sehen wie wir etwas übernächtigt aus, schmecken aber.

Hinter dem Friedhof des Ortes fängt der Wanderweg an. Dieses Mal verläuft zwischen unserer Piste und dem Strand eine Teerstraße. Weit genug entfernt, um nicht zu stören. Der Levante ist auch bereits wach und kommt uns entgegen. Die Berge – in Almería noch ferne Verheißung und festes Versprechen – rücken immer näher.

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Wir wandern entlang der Salinas del Cabo de Gata. Bereits die Phönizier oder die Römer – da sind sich unsere Quellen nicht einig – sollen die flachen Seen zur Salzgewinnung genutzt haben. Ich kann Giulia überreden, einen kurzen Abstecher zu einem der Vogelbeobachtungsplätze zu machen. Die brackigen Tümpel sind ein ideales Futter- und Brutrevier. Nicht, dass mich die Vögel sonderlich interessieren würden. Ich will vielmehr schauen, ob diese Beobachtungshüttchen als Schlafquartier dienen könnten. Wenn in anderen Threads dieses Forums von einfachen Schutzhütten irgendwo in deutschen Wäldern die Rede ist, merke ich auf. Wäre ich noch etwas jünger, würde ich auch in solchen spartanischen Hütten nächtigen. Glaube ich jedenfalls. Giulia sieht das aber anders, kennt sie doch unseren Hang nach Komfort und Bequemlichkeit. Egal, die kleinen halboffenen Unterstände an den Teichen wären durchaus zum Schlafen geeignet.

Weiter südlich sind die Salinen auch heute noch in Betrieb. Der Weiler Las Salinas sieht aus, wie ich mir ein mexikanisches Dorf zu Zeiten von Zorro und Django vorstelle. Weißgetünchte ebenerdige Häuser mit Flachdach und unbefestigte staubige Straßen. Vor jedem Haus steht eine Bank, auf der die beiden legendären Filmhelden sitzen und von ihren Abenteuern erzählen könnten. Nicht nur ich imaginiere mir Mexiko. Etliche Italo-Western wurden hier und in der Umgebung gedreht. Der Weiler, die Kirche und die benachbarte Salzfabrik waren in den 80er Jahren auch Kulisse für das Trucker-Roadmovie „Auf Achse“ mit Manfred Krug. Vielleicht kennt noch Jemand diese ARD-Vorabendserie. Die Folge „Der Duft der Wüste“ entstand hier. Meine Versuche, ein paar Ausschnitte im Netz zu finden, waren leider vergeblich.

Fast nahtlos geht der Weiler in das Dorf La Almadraba de Monteleva über. Die Bar „Almadraba“ ist an diesem Sonntagvormittag proppevoll. Die Espressomaschine gurgelt ohne Unterlass. Auf dem Tresen stehen die cortados, die kleinen Milchcafés, in langer Reihe wie auf dem Fließband. Unaufhörlich belegen zwei Frauen in der offenen Küche die tostadas. Die junge Señora am Tresen blickt aber eher mürrisch als erfreut. Wie in den meisten spanischen Bars ist es laut und hektisch. Wir freuen uns, draußen ein ruhiges Plätzchen an der Straße zu ergattern. Der Levante spielt hinter dem Haus, so dass wir ungestört in der wärmenden Sonne sitzen können.

Ums Eck befindet sich der Dorfladen, eine Kombination aus Bäckerei und Tabakgeschäft. Auch er ist gut besucht. Hauptsächlich von rauchenden Rauchern. Ich besorge uns ein paar Reservezigaretten und zwei frisch geräucherte Brötchen als Tagesproviant. Ein Stückchen weiter kommen wir am Hotel „Las Salinas de Cabo de Gata“ vorbei. Bei meinen Vorbereitungen zuhause hatte ich es als mögliches Übernachtungsquartier anstelle des Hotels „Blanca Brisa“ ins Auge gefasst. Aber die Hotel-Homepage vermittelte ein völlig falsches Bild. Ich glaubte, das Hotel läge abgelegen in der Pampa. Die Beschreibung des Restaurants klang nach Luxusetablissement mit weißen Tischdecken und hohen Preisen. Nicht unser Fall, meinte ich. Die Realität zeigt ein nettes Hotel mit Bar und einer Art beschirmten Biergarten. Die tapas-Auswahl, die an der Straße auf einem Schild mit Kreide angeschrieben ist, klingt gut.

Für die nächsten Kilometer müssen wir die Teerstraße nehmen. Es gibt weder einen Wanderweg noch eine Piste. Der Levante nervt. Unsere Hoffnung, dass sich der Wind bricht, sobald die Straße ins Gebirge führt, wird bald erfüllt. Autos fahren kaum. Wir setzen Schritt für Schritt und kommen immer höher. Der erste Aussichtsplatz ist unser. Taktvoll verlassen die vier Mountainbiker die Parkbucht, damit wir den phantastischen Blick allein erleben dürfen. Wie vom Tourismusministerium bestellt, lichtet tief unter uns ein Katamaran die Anker und segelt majestätisch hinaus in den Golfo de Almería. Die Straße steigt weiter an. Hinter der nächsten Kurve kommt das Cabo de Gata in Sicht. Giulia schnappt sich die Kamera und lichtet Django ab, wie er breitbeinig an der Steilküste steht.

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Bis auf ca. 200 Meter müssen wir hinauf. In den Alpen würden wir über diesen Anstieg lächeln. Aber wenn man wie wir bei 0,00 Meter über NN beginnt, sieht die Sache ein klein wenig anders aus. Wie gewonnen, so zerronnen. Die Straße führt hinunter in die Senke der Rambla del Corralete und dann wieder hinauf zum eigentlichen Cabo de Gata. Wir stehen nun an der Spitze der Spitze, die auf allen Landkarten, sogar auf Europa-Karten, gut zu erkennen ist. Allerdings ist der allerhöchste Punkt mit dem Leuchtturm umzäunt und versperrt. Auch das Info-Häuschen der Naturparkverwaltung ist verrammelt und verriegelt.

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Wir packen am Parkplatz unsere geräucherten Brötchen aus und beobachten die wenigen Auto-Touristen. Gelangweilt schlendern sie die paar Schritte hinüber zum Aussichtsplatz mit Fernrohr. Und schnell sind sie wieder verschwunden. Es gibt noch viele Parkplätze mit Panorama. Im Gegensatz zu uns durfte 2002 die Girlgroup „No Angels“ auf das Leuchtturmgelände. Dort und auch im Weiler Las Salinas (siehe oben) wurden ein paar Szenen des Video-Clips "Still in love with you" gedreht. Wer sich den Popsong anhören mag...

http://www.tape.tv/musikvideos/No-Angels/Still-In-Love-With-You

Mit sicherem Gespür erspäht Giulia einen Pfad, der uns ein paar Meter Höhenverlust bis zur Teerstraße erspart. Sie ist jetzt noch weniger befahren, denn sie wird als Sackgasse enden. Für ungefähr vier Kilometer geht es bis zum Torre de Vela Blanca bergauf. Ich eile voraus, biege um das Felseneck und bin vor Freude überwältigt. Wie die Perlen an der berühmten Schnur reihen sich die felsigen Badebuchten malerisch bis zum Horizont. Der Levante bläst nun wieder kräftig und verhindert, dass wir die Namen der vielen calas und playas auf unserer Wanderkarte lokalisieren können. Die Karte wäre im Nu in Fetzen zerrissen.

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Eine Schranke versperrt jetzt den Autos den Weiterweg. Nun sind wir auf der Schotterpiste allein. Einzig ein schnaufender Jogger kommt uns entgegen. Wo wir hinunter müssen, muss er hinauf. Nach ein paar Kilometern ist der Wanderspaß vorbei. Ab der Cala Carbón dürfen wieder die Blechvehikel fahren. Unser Reiseführer spekuliert, dass die Naturparkverwaltung das zurückliegende Teilstück gesperrt habe, um den Schleichverkehr zwischen San Miguel und San José zu verhindern. Die Sandpiste ist breit und zieht sich. In regelmäßigen Abständen gibt es große Parkplätze und Wege, die zu den schönen Badebuchten zwischen den Felsen führen. Die Strände tragen in Urlauberkreisen wohlbekannte Namen wie Playa de El Mónsul und Playa de Los Genoveses. Was hier im Sommer los sein mag, können wir nur erahnen. Wir lassen Playa Strand sein und bleiben auf der Piste. Ab und an kommen wir an einem Bushaltestellenschild vorbei. Ich weiß, dass jetzt in der Nebensaison kein Strand-Shuttle mehr verkehrt. Trotzdem schaue ich sehnsüchtig die Piste entlang, ob doch ein Bus käme. Es kommt keiner. So langsam werde ich müde, und das Ziel ist noch weit. Giulias Motivationskünste sind gefragt.

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Und endlich. Noch eine letzte Steigung, und wir sind am Ortsrand von San José. Ich mache mich „stadtfein“ und tausche diskret meine kurzen Hosen gegen die Jeans. Intuitiv entscheiden wir richtig und bleiben auf der Umgebungsstraße, die hoch oberhalb des langgestreckten Ortes verläuft. San José ist der größte Ort im Naturpark und das touristische Zentrum der Region. Gut 1000 Einwohner sollen hier leben, in der Hochsaison 20.000. Aus dem Reiseführer haben wir das „Hostal Sol Bahia“ ausgewählt. Wir fragen uns durch und stehen vor verschlossenen Türen. Der Ortstrand im Zentrum ist nahe. Hier müsste es doch andere Hotels geben. Ja, ein einziges. Und auch das ist geschlossen. Wir konsultieren nochmals unseren Reiseführer. Das „Hotel Atalaya“ klingt vielversprechend. Jetzt kann ich meine Romanisch-Kenntnisse wieder anwenden. Ein Mann erklärt uns wortreich den Weg. „Segundo“ bleibt bei mir hängen. So kommen wir zu einem – nicht ganz freiwilligen – Ortsrundgang. Wie sich später – viel später – herausstellt, meinte der Mann das „zweite“ Haus nach der nächsten Kreuzung. Ich hatte es als „zweite“ Straße interpretiert. Als wir endlich vor dem „Hotel Atalaya“ stehen, sehen wir, dass es sich genau neben dem „Hostal Sol Bahia“ befindet. Wir ärgern uns über unsere Unachtsamkeit und noch viel mehr über den Reiseführer, der diese Nachbarschaft mit keinem Wort erwähnt. Der Zorn verraucht, als wir problemlos ein nettes Zimmer für 45 Euro bekommen.

Duschen, T-Shirt durchs Wasser ziehen, ausruhen – erst einmal das, was Wanderer gemeinhin nach der Ankunft so machen. Als wir das Hotel wieder verlassen, ist es bereits dunkel. Wir bummeln hinüber zum Hafen. Ein Restaurant neben dem anderen. Drei sind erleuchtet und offen, aber in allen herrscht „Totentanz“. Von den Aussichtsplätzen am Wasser hätten wir sowieso nichts. Das Meer ist tiefschwarz. In „unserem“ Hotel-Restaurant finden wir ein einigermaßen windgeschütztes Plätzchen auf der Terrasse. Heute wollen wir keine tapas, wir bestellen à la carte. Für Giulia einen gemischten Fischteller und für mich schweinige Fleischspieße. Als der Kellner das Essen bringt, verstummen wir für einen Moment. Die Portionen sind so riesig, dass Vater und Sohn am Nachbartisch mitessen könnten. Giulias Fischchen sind sehr fein, meine brochetas etwas versalzen. Auch beim Brandy zum Verdauen wird hier nicht geknausert. Zum Glück hatte ich nur einen geordert.

Fortsetzung folgt mit: Spanischen Legionären, der vergeblichen Suche nach einer Toilette und einer Idylle wie aus dem Bilderbuch

kameldame
01.03.2012, 20:45
Auf jeden Fall ein super Bericht! Freue mich, dass er weitergeht (hatte den Rest schon vor meinem eigenen Andalusien-Trip gelesen) und bin auch auf die weitere Fortsetzung gespannt!

Die Nähe zum Meer inspiriert mich auf alle Fälle, da auch mal hinzuwollen :bg:

Juno234
03.03.2012, 17:56
Danke für dein Lob!
Ich kann dir die Tour wärmstens ans Herz legen. Das Meer ist stets in der Nähe. Und der große Vorteil: Man/frau kann die Wanderung sehr spät oder auch sehr früh im Jahr machen.

Werner Hohn
01.04.2012, 10:46
...
Fortsetzung folgt mit: Spanischen Legionären, der vergeblichen Suche nach einer Toilette und einer Idylle wie aus dem Bilderbuch

So, mal wieder ein Monat rum; nicht, dass die Spanier auf der Suche nach dem wirtschaftlichen Aufschwung doch noch'en Klo gebaut haben.

Juno234
01.04.2012, 12:15
Nee, nee :bg: Auf dem Weg wurde kein Klo gebaut :bg:

Die nächste Etappe ist in Arbeit. Ich vermute, ich werde sie im Laufe der Woche on stellen...

Juno234
17.04.2012, 19:34
6. Tag: San José – La Isleta del Moro
Montag, 14. November 2011
Strecke: ca. 11 km

Jeden Morgen dasselbe Spiel. Hungrig und voller Tatendrang erscheinen wir pünktlich zum Frühstück. Und müssen uns gedulden. Die Dame dieses Hauses stellt die Putzarbeit ein und springt für uns über die Straße zum Bäcker. Mit knusprigen Brötchen in der Tüte kehrt sie zurück. Für mich wird es ein ewiges Mysterium bleiben, warum in Spanien auch frische Brötchen zum tostada getoastet werden. Giulia schaut auf die golden schmelzende Butter auf ihrer Brötchenhälfte, streut Salz darauf und meint mit vollem Mund: „darum“.

Während die compañera – wie üblich – im Supermarkt den Tagesproviant einkauft, lungere ich vor dem nahen Tourismusbüro herum. Wir wissen zwar über die heutige Etappe gut Bescheid, aber ich kann ich mich ja zusätzlich erkundigen. Die Señora im Büro hat ein gutes Ohr für Sprachnuancen. Auf mein fröhliches „¡Hola!“ antwortet sie sogleich auf Englisch. So stehen meine Chancen gut, dass ich ihre Wegebeschreibung aus San José heraus auch wirklich verstanden habe. Draußen warte ich weiter auf Giulia. Die compañera ist immer noch im Supermarkt. Ich besuche die nette Tourismusfrau ein zweites Mal. Wie es denn mit den Unterkünften auf der Strecke aussähe, möchte ich wissen. Die beiden Hotels in Los Escullos seien in der Nebensaison geschlossen. Aber ein Dorf weiter gäbe es eine Pension. Die Señora greift flugs zum Telefonhörer, vergewissert sich, reserviert ein Zimmer für uns und kündigt die zwei Wanderer für den Nachmittag an.

Der supermercado sei sehr voll gewesen, berichtet Giulia und freut sich, dass ich die Wartezeit gut genutzt habe. Problemlos finden wir den Weg durch San José am Campingplatz vorbei. An der Pistenverzweigung außerhalb des Ortes zögern wir kurz. Drei Möglichkeiten stehen zur Auswahl. Wir vertrauen der Tourismusfrau und schlagen die Piste ganz links ein, obwohl ein Hinweisschildchen den mittleren Weg favorisiert. Aha, die Señora hat uns die bequemste Variante empfohlen. In einem weiten Bogen geht der Weg moderat ansteigend das Tal aus.

Es ist wieder warm geworden. Während ich die Hose wechsele, holt Giulia eine der im Supermarkt gekauften Wasserflaschen aus dem Rucksack. Sie nimmt einen großen Schluck und spuckt ihn sofort wieder aus. Anstelle von Mineralwasser hat die compañera farblose Limonade erwischt. Ich probiere das Klickerwasser auch. Schrecklich – pure Chemie! Zum Glück haben wir noch etwas Leitungswasser in unserer Sigg-Flasche. Das Chemiezeug schütten wir aber nicht gleich weg, sondern behalten es als Reserve.

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Der Weg wird immer schmaler und entwickelt sich zum echten Bergpfad. Bis knapp unterhalb des Torre Vigía de Cala Higuera müssen wir hinauf. Im Rückblick sehen wir San José.

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Hinter dem Eck wartet der Levante. Bläst er heute schwächer, oder haben wir uns bereits an den Wind gewöhnt? Ein riesiger Felsklotz liegt auf dem Weg, der anschließend wieder breiter wird. Theoretisch könnten jetzt wieder Autos fahren. Machen sie aber nicht. In das eine oder andere Seitental müssen wir hinein. Hoch und runter. Mal mit Levante, mal im Windschatten. Stets mit Aussicht auf das Meer und die felsigen Buchten.

An einem Gegenhang sehen wir in der Ferne ein grün-braunes Etwas auf der Schotterpiste. Wozu haben wir eine Digicam? Ich zoome das Objekt heran. Es ist ein Landrover. Ein Unfall? Ein verlassenes Wrack? Voller Spannung und Neugierde nähern wir uns. Zwei mit Sturmgewehren bewaffnete Soldaten lehnen gelangweilt an dem Wagen. Ich hebe lässig die Hand zum Gruß. Die Beiden deuten ein Salutieren an. Plötzlich prescht eine junger Soldatin vom nahen Hügel herunter, gesellt sich zu ihren Kameraden und redet schnell und laut auf sie ein. Die Sache wird immer mysteriöser für uns.

Für die nächsten Kilometer haben wir ausreichend Stoff für Spekulationen. Bewachen die Soldaten die spanische Küste vor Bootsflüchtlingen aus Nordafrika? Unwahrscheinlich, denn die Küste ist hier viel zu steil und zu felsig. Jedes Schiff würde zerschellen. Und was hat die Soldatin auf dem Hügel gemacht? Brauchte sie einen geschützten Platz für ein dringendes Bedürfnis? Schwierig in dieser kargen Landschaft ohne Strauch und Gebüsch. Hinter uns wird es lauter. Wir drehen uns um und sind baff. Eine Hundertschaft Soldaten hastet die Schotterpiste herunter und überholt uns. In Tarnkleidung und voll bewaffnet.

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Manche tragen ihr Sturmgewehr zärtlich wie ein Baby vor der Brust. Andere verwegen-lässig links oder rechts über der Schulter. Bei Einigen schlenkert das Gewehr wie eine Handtasche an der Seite. Die Meisten sind rank und schlank, aber Einige spazieren ihr Bäuchlein durch die Gegend. Gesetzte ältere Herren mit gepflegtem Vollbart und Halbglatze sind darunter, aber auch wilde Jungspunde, die uns eher an Piraten denken lassen. Manche unterhalten sich, andere trotten schweigsam vor sich hin. Ein Soldat hat sich zurückfallen lassen und flirtet mit einer Kameradin. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was ist das bloß für eine Truppe? Alle sind nett und grüßen beim Vorbeigehen. Jetzt klärt sich auch auf, was Soldaten auf einem Hügel machen. Sie zücken die Kamera und schießen ein Erinnerungsfoto von ihrer Kompanie. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass die Kameras auch zu uns schwenken und uns mit aufnehmen. Wahrscheinlich werden wir beim militärischen Dia-Abend in der Kaserne einem staunenden Publikum vorgeführt werden. Oder werden unsere Konterfeis mit Fahndungsbildern abgeglichen? Was wäre, wenn wir anders aussähen? Ein dunklere Hautfarbe hätten? Wie würden wir uns fühlen ohne die tiefe innere Gewissheit von der Rechtmäßigkeit hier zu sein als harmlose, relativ wohlhabende, weiße europäische Wandertouristen?

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Mein Bauch fängt an zu grummeln. Ob das vom Klickerwasser von heute Morgen kommt? Eine Toilette wäre nicht schlecht. Vor uns in der Ebene kommt das Castillo de San Felipe in Sicht. Da könnte es doch eine sanitäre Einrichtung geben. „Unsere“ Soldaten sind auch schon da. Vor der alten Festung parken ein neuzeitlicher Reisebus in Olivgrün und diverse andere Militärfahrzeuge. Die Soldaten stehen in kleinen Grüppchen zusammen, rauchen eine Zigarette und schwätzen miteinander. Schnurstracks steuere ich den Eingang des Kastells an und werde jäh von einem Offizier gestoppt. In allerfeinstem Englisch erklärt er mir freundlich, aber bestimmt, dass ich nicht hinein könne. Die Festung sei militärisches Sperrgebiet. Ein Hinweisschild hatte ich allerdings nicht gesehen. Im Innenhof sind Partyzelte, Bänke und Tische aufgebaut. Mehrere Goulaschkanonen dampfen vor sich hin. Wie ein Spion sehe ich offenbar nicht aus. Denn haarklein erklärt der Offizier mir alles. Das Castillo de San Felipe stamme aus dem 18. Jahrhundert und sei normalerweise auch zugänglich. Nur heute nicht. Heute sei das Kastell cantina für ihre Kompanie. Sie gehörten der Legion Española an, die mit der französischen Fremdenlegion vergleichbar sei. Aber heutzutage nehme man keine Ausländer mehr auf. In Melilla, der spanischen Kolonie in Nordafrika, seien sie stationiert. Nach dem Essen würden sie nach Almería zurückkehren und mit der Fähre übersetzen. Aha, ein Manöver also. Nein, nein, sie hätten eher eine Art Ausflug gemacht, um den Zusammenhalt der Truppe zu stärken. Währenddessen steht sich Giulia unten am Wanderweg die Beine in den Bauch. Ein guter Grund, den Redefluss des Offiziers mit Verweis auf die wartende compañera elegant und höflich zu beenden. Dass diese Eliteeinheit im spanischen Bürgerkrieg 1936 an der Seite der nationalsozialistischen deutschen Legion Condor kämpfte und einen nicht unwesentlichen Anteil an der Errichtung der Diktatur unter Franco hatte, erfahren wir erst zuhause.

Also keine Toilette für mich. Die nächste Chance wäre im nahen Los Escullos. Aber wie uns die Tourismusfrau in San José angekündigt hatte, sind sowohl Hostal wie auch Hotel geschlossen. Der Ort ist winzig. Eine Handvoll Häuser, keine offene Bar. Bis auf den ebenfalls geschlossenen Tabakladen auch keine Geschäfte. Ein paar Kilometer landeinwärts gäbe es einen Campingplatz, der auch Bungalows vermiete. So unser Reiseführer. Ob der Platz in der Nebensaison geöffnet ist, verrät er uns nicht. Aber wir haben ja vorgebucht. Am Strand finden wir die Fortsetzung unseres Wanderweges. Zum ersten Mal sogar markiert. Er führt bald an der bröckeligen Steilküste hinab. Giulia ist das zu mulmig. So bleiben wir oben auf der kleinen Hochfläche und erreichen auf einem breiten Weg unmarkiert und ohne Probleme das Dorf La Isleta del Moro und unser gleichnamiges Hostal.

Das Haus steht idyllisch direkt am Meer. Auf der kleinen Mole liegen Fischerboote, weitere dümpeln auf dem Wasser. Möwen kreischen, die Sonne strahlt, der Himmel ist tiefblau. Wir fühlen uns wie in eine Ansichtskarte versetzt und sind hin und weg. Auf der Terrasse trinken wir erst einmal den lange vermissten cortado.

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Heute ist unser englischer Tag. Auch der junge Mann des Hauses, der uns auf unser Zimmer führt, parliert mit uns in dieser Sprache. Im gesamten Hostal riecht es verführerisch nach frisch gebratenem Fisch. Ob wir denn noch was zu essen bekämen? Bis 17 Uhr sei die Küche in Betrieb. Das passt. Unser Eckzimmer ist schön, hat einen Balkon zum Meer und zusätzlich eine große Fensterfront zu den Bergen. Ich verschwinde rasch ins allzu kleine Bad.

Giulia ist genauso schnell wie ich, und schon bald sind wir wieder auf der Terrasse des Hostals. Der Tisch von vorhin ist für uns reserviert. „Das Restaurant gilt als gute Adresse für Fischgerichte“, meint unser Reiseführer. Das lässt sich die compañera nicht zwei Mal vorlesen und bestellt den Fischteller des Hauses. Ich stelle mich beim Grätenpuhlen stets mehr als ungeschickt an. So greife ich zum Altbewehrten, einem Hamburger. Giulia kräuselt die Nase. Und wir machen das, was wir uns in San Miguel verkniffen hatten: Wir ordern eine Flasche Weißwein, die natürlich stilvoll im Kühler serviert wird. Die compañera ist mit ihren Fischen sehr zufrieden. Ich lerne wieder einmal hinzu. Ein Hamburger in Andalusien ist keiner wie bei McDoof. Das große Fleischstück, das bei Burger Queen für zwei Portionen gereicht hätte, liegt solo auf dem Teller, das Weißbrot daneben. Ketchup gibt es nicht. Die Luft ist lau, die Aussicht grandios. Zwischen den Bissen und Schlucken lassen wir den ereignisreichen Tag Revue passieren. Ab und an bekommen die Katzen, die unter dem Tisch warten, auch einen Brocken von uns. Wir sind glücklich. Mit uns und mit der Welt.

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Fortsetzung folgt mit: Goldgräberstimmung, noch mehr Kastellen und der anstrengenden Suche nach einer Unterkunft

lina
17.04.2012, 22:12
Du schreibst wunderbar, vielen Dank!
Freu mich schon auf die Fortsetzung :cool:

Juno234
14.06.2012, 10:32
7. Tag: La Isleta del Moro – Las Negras
Dienstag, 15. November 2011
Strecke: ca. 12 km

Ist Jemand überrascht, dass wir um 8:30 Uhr zu Beginn der Frühstückszeit auf der Matte stehen? Ja, die Großmutter des Hauses, die den Frühdienst machen muss. Die Bar ist noch dunkel, die Fensterläden geschlossen. Brot hat‘s noch keins. Zum café con leche dürfen wir uns zwei eingeschweißte madeleines aus dem Regal nehmen. Mit dem Gebäck und dem Kaffee verziehen wir uns zu unserem Stammplatz auf der Terrasse. Die Sonne lacht, die Luft ist angenehm frisch. Und die süßen Teilchen schmecken sogar. Irgendwann bemerken wir, dass es heute nahezu windstill ist. Der Mann an der Strandpromenade in San Miguel hatte also mit seiner Prophezeiung Recht: Vier Tage lang bläst der Levante.

Der Blick auf die Wanderkarte zeigt, dass uns erst einmal Asphalttreterei bevorsteht. Das erste Stück können wir noch auf einer Schotterpiste abkürzen.

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Aber dann bleibt uns nichts anderes übrig, als die kleine Teerstraße zu nehmen. Es gibt Schlimmeres. Alle Jubeljahre kommt ein Auto vorbei, und die Steigung bis zum Aussichtsplatz Mirador de la Amatista ist moderat. Hoch über der Steilküste finden wir auf der Steinbank ein nettes Plätzchen und verzehren die in Isleta vorsorglich gekauften frischen Brötchen, die wir uns dick mit der spanischen Paprikawurst chorizo belegen. Die madeleines haben wirklich nicht lange vorgehalten. Während die compañera in der Sonne döst, hole ich mir – geländergesichert – ein paar sanfte Adrenalinkicks an der Abbruchkante. Auf dem Parkplatz an der Straße steht ein riesiges Wohnmobil aus Deutschland. Noch verschlafen rückt der einsame Besitzer Plastikstuhl und -tisch zurecht und wechselt ein paar Worte mit Giulia.

Das baumgesäumte Teersträßchen führt nun langgezogen wieder bergab in eine weite Ebene. Es ist das Valle de Rodalquilar. Eine caldera, ein zusammengebrochener früherer vulkanischen Krater, erfahren wir zuhause aus Wikipedia. Unser Reiseführer schweigt sich darüber aus. Wie aus heiterem Himmel – der sich ja wirklich über uns wölbt – durchzuckt urplötzlich und mit voller Kraft eine Erinnerung meinen Kopf. Ich muss an den herbstlichen Iran denken. Nicht, dass die Landschaft hier unbedingt persisch aussähe. Aber die Luft, das Licht und die Gerüche der Pflanzen sind ähnlich und rufen die Assoziation hervor.

Es gibt Orte, mit denen kommt man auf Anhieb klar. Und es gibt das Gegenteil. Das Dorf Rodalquilar gehört zur letzteren Kategorie. Wie gestern grummelt mein Bauch. Ein stilles Örtchen wäre nicht schlecht. So gehen wir geradeaus in das Dorf hinein, obwohl die Route auf unserer Wanderkarte der Umgehungsstraße nach rechts folgt. Den Kirchturm sehen wir bereits. Wo ein Gotteshaus steht, ist meist auch eine Bar (und eine Toilette). Aber was ist das für ein Ort? Links der Straße erstreckt sich ein riesiges Areal mit halbzerstörten Gebäuden. Es sind zumeist kleine Reihenhäuschen in Bungalowbauweise. Einst waren sie mal weiß getüncht, heute blättert die Farbe schmutzig von den Fassaden. Die Fensterhöhlen sind leer oder zugebrettert. Auf den schlaglöcherigen Straßen, die das Gelände durchziehen, ist kein Auto und kein Mensch. Noch nicht einmal eine Katze oder ein Hund wie sonst in spanischen Dörfern. Eine Geisterstadt. Wir sind ratlos. Unser Reiseführer hilft uns – wie so oft – nicht weiter. Das verlassene Gelände erwähnt er mit keinem Wort, der Ort Rodalquilar wird nur mit einer Hoteladresse genannt.

Da ich immer wieder über das Buch lästere, ist es wohl Zeit auch mal den Titel zu nennen. Wir sind mit dem Band „Andalusien“ aus dem Reise Know-How Verlag unterwegs. Um Gewicht zu sparen, haben wir in Deutschland den Abschnitt über Almeria und das Cabo de Gata fein säuberlich herausgetrennt und den Rest des Bandes zuhause gelassen. Der Umfang des schwergewichtigen Buches mit insgesamt knapp 700 Seiten ist denn auch den beiden Autoren zugute zu halten. Klar, dass ein dicker Reiseführer über die gesamte Provinz nicht alle Informationen zu den winzigen Orten enthalten kann, durch die wir auf unserer Tour kommen. Einen besseren Reiseführer auf Deutsch oder Englisch hatten wir aber leider nicht gefunden.

Aber zurück zur Geisterstadt in Rodalquilar. Nach der Wanderung machen wir uns im Internet schlau: Bereits im 16. Jahrhundert gab es in der Gegend Minen. Abgebaut wurden Alaune, Amethyst, Kaolin, Blei und Silber. Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einem regelrechten Goldrausch. Reiche Vorkommen des Edelmetall wurden entdeckt. Das einst verschlafene kleine Dorf wuchs und wuchs und hatte zur Blütezeit fast 1.500 Einwohner. Mit englischem Kapital wurden 1956 die Minen- und Verarbeitungsanlagen zu den modernsten in Europa ausgebaut. Die zahlreichen Arbeiter benötigten Wohnungen und Häuser. Die heutige Geisterstadt entstand. Aber der Boom ging rasch vorbei. Bereits 1966 wurden die Minen mangels Rentabilität vorübergehend geschlossen. 1990 kam dann das endgültige Aus. Zurückblieben sind die Industrieruinen, verseuchter Boden und die Geisterstadt. Genau die richtige Kulisse für den post-apokalyptischen Science-Fiction Film „Solarbabies“, der von Mel Brooks produziert und 1986 in den Fabrikanlagen gedreht wurde. Wer mag, kann sich auf Youtube den gesamten Film in Originalfassung ansehen:

www.youtube.com/watch?v=DtTnmhishW4

Genug abgeschweift. Wir sind immer noch in Rodalquilar der Gegenwart auf unserer Wandertour. Nach ein paar hundert Metern und einer gefühlten Ewigkeit wird das Dorf lebendig. Das heißt, die Häuser haben intakte Fenster und Türen und sind frisch gestrichen. Menschen gibt es aber immer noch nicht auf der Straße. Kein Wunder, hat der Ort heute gerade einmal 159 Einwohner. Die Türen der Kirche und des gegenüberliegenden Altersheims sind geschlossen. Aber wir hören fröhliches Kinderlachen. Es kommt aus der „Casa de los Volcanes“ mit dem „Centro Geoturistico de Rodalquilar“. Museen haben Toiletten, so mein Gedanke. Ich täusche mich nicht. Mit der Ausstellung können wir relativ wenig anfangen. Aber die große Europakarte, die in einem der vier Räume aufgehängt ist, beschert uns ein Aha-Erlebnis. Endlich können wir das Cabo de Gata geographisch einordnen. Das Kap liegt auf der Höhe der Südspitze von Sizilien und der Südtürkei.

Heute ist offenbar Ausflugstag der Schulen. Gleich vier Klassen wuseln im Museum und im benachbarten schönen Botanischen Garten herum. Alle uns unbekannten Pflanzen der Umgebung sind hier versammelt und mit Namenstäfelchen in Spanisch und Latein versehen. Ist doch mein Großes Latinum endlich mal zu was nütze. Wir suchen uns eine Schattenbank und lauschen dem vergnügten Zwitschern der Kinder und Vögel. Aus dem Getränkeautomat am Ausgang ziehen wir uns noch zwei Wasserflaschen, wobei Giulia genau darauf achtet, dass es sich um pures Mineralwasser handelt.

Mit dem Ort kommen wir immer noch nicht klar. Das großzügige moderne Museum, der gepflegte Botanische Garten und die properen Häuser scheinen vom einstigen Reichtum der Gemeinde zu zeugen. Aber alles wirkt überdimensioniert für ein 159-Seelen-Dorf. Wir sind schon fast aus Rodalquilar heraus, ohne eine Bar gefunden zu haben. Als bekennende Kaffeetante kann ich die compañera überzeugen, noch einen Schlenker zurück ins Dorf zu machen. Wir werden fündig, und dem dritten Frühstück steht nichts mehr im Wege.

Kurz nach uns betritt eine Frau die Bar. Ihr Hund muss draußen auf der Terrasse warten. Sie bestellt sich einen cortado und durchblättert die lokalen Zeitungen. Irgendwie sieht sie „anders“ aus als die Einheimischen. Wir fragen uns, ob sie hier lebt und wo sie herkommt. Ein Gespräch ergibt sich aber nicht. Wir sind zu schüchtern und kauend mit unseren tostadas beschäftigt. Der Hund schnüffelt. Verführerischer Thunfisch- und Käseduft unserer warmen Brötchen hängt in der Luft. Aber das Tier ist wohlerzogen, schmachtet uns nur mit den Augen an und hält ansonsten Distanz. „Komm“, sagt die Frau zum Hund beim Rausgehen.

Auf unserem Weiterweg müssen wir an einem Weinladen vorbei, wie man ihn auch in Kreuzberg finden könnte. „La Viña“ heißt er. Die Tür ist zu, aber der brave Hund von vorhin schläft vor dem Geschäft. Von der Frau ist nichts zu sehen. So kann ich meine Neugierde nicht vor Ort befriedigen. Später in Deutschland versuche ich, Näheres im Netz zu erfahren. Mit ein paar Umwegen über spanische Seiten bekomme ich den Namen der Frau heraus. Sie ist eine Deutsche und hat lange in Berlin gelebt. 1985 kam sie mit ihrem damaligen Freund das erste Mal nach Rodalquilar. Seit über 10 Jahren hat sie den Weinladen und lebt jetzt mit einem Spanier zusammen. Aber genug des Klatsches und Tratsches aus dem World Wide Web. Je tiefer man sich hinein begibt, desto spannender wird Rodalquilar. Wir werden wohl noch einmal herkommen müssen.

Wir folgen weiter der Straße durch das Valle de Rodalquilar und passieren das „Hotel de Naturaleza“. Und wundern uns schon wieder. Wie kann ein 4-Sterne-Spa-Hotel mitten in der Einsamkeit des nowhere existieren, zumal der nächste Strand noch kilometerweit entfernt ist? Noch wissen wir nicht, dass wir heute mit einem weiteren Luxushotel Bekanntschaft machen werden.

Endlich können wir von der – wenig befahrenen – Hauptstraße abbiegen. Wir sind nun in der Rambla del Playazo. Der Belag des Sträßchens wird immer schlechter. Später ist es eine Piste.
Das ebene Tal war in früheren Zeiten stark befestigt, denn es ist ein natürliches Einfallstor von der Küste zu den Minen von Rodalquilar. Nach der Reconquista, der christlichen „Rückeroberung“ der iberischen Halbinsel, drohte stets Gefahr von muslimischen Freischärlern. Die erste Verteidigungsanlage – noch ein gutes Stück im Landesinneren – ist das Castillo de Rodalquilar. Von der Burg, die 1509 errichtet wurde, sind nur noch die Ruinen eines Turmes übrig. Bei weitem besser erhalten ist das Castello de San Ramon, das auf einem kleinen Felsplateau oberhalb des Strandes von Playazo thront. Seine vier Kanonen hatten ein weites Schussfeld. Heute ist die mächtige Anlage in Privatbesitz und nicht zugänglich.

Außer einem großen Parkplatz gibt es nichts am schönen Naturstrand von Playazo. Aber hier beginnt endlich ein richtiger Wanderweg. Sogar markiert und ausgeschildert ist er. Ein großartiger Weg! Leider nur gut einen Kilometer lang.

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Über die Felsen müssen wir dann steil in die Cala del Cuervo absteigen. In diesem schmalen Seitental mit seiner nicht allzu attraktiven playa gibt es einen Campingplatz. Unser Reiseführer geizt mal wieder mit den Infos. So nehmen wir den Hintereingang am Strand, um zu schauen, ob auf dem Zeltplatz Hüttchen vermietet werden. Nichts zu sehen. Das Restaurant ist geschlossen. Vier, fünf Wohnmobile stehen noch auf dem weitläufigen Gelände herum. Ein paar Arbeiter werkeln vor sich hin. Hier gefällt es uns nicht. Zuhause werden wir auf der Homepage des Campingplatzes feststellen, dass doch Bungalows vermietet werden.

Das nächste Dorf, Las Negras, haben wir auf der kleinen Campingplatz-Zufahrtsstraße bald erreicht. Hier gefällt es uns auf Anhieb. Die Bars und Cafés am Meer und im kleinen Zentrum sind trotz der Nebensaison gut besetzt. Es hat Läden, Sportgeschäfte, eine Apotheke, eine Post, einen Tabakladen und einen Supermarkt. Ein lebendiges Dorf. Hier bleiben wir. Unser Reiseführer nennt zwei Unterkünfte. Als Erstes steuern wir das Hotel Cala Chica an. „Hotel der unteren Mittelklasse, recht gutes Preis-Leistungsverhältnis“, meint das Buch. Klingt doch nicht schlecht. Aber die Eingangstür ist verschlossen. Das beharrliche Klingeln hat keinen Erfolg. Also zum Hostal Arrecife. „Gepflegte, einfache Pension bei der Ortseinfahrt rechts“. Denkste! Wir müssen suchen, denn die Beschreibung ist falsch. Die Pension liegt mitten im Dorf. An der Tür hängt ein Schildchen: „cerrado por vacaciones“. Soviel Spanisch verstehen wir, um zu wissen, dass wir jetzt ein Problem haben. Beide Unterkünfte des Dorfes sind zu. Was nun?

Erst einmal einen Kaffee trinken. Noch vor dem Bezahlen befrage ich den barista. Es gäbe noch ein drittes Hotel in Las Negras, das „Cala Grande“. Wortreich beschreibt mir der Mann den Weg dorthin. Ich verstehe, wir müssen bis zum Kreisverkehr. Dann auf der carretera weiter. „Carretera“ heißt Landstraße, meine ich zu wissen. Also folgen wir der Straße ortsauswärts. Die Bebauung wird immer spärlicher, aber kein Hotel ist in Sicht. Wir überlegen umzukehren. Ein paar hundert Meter hinter uns sind zwei ältere Spaziergänger, die in dieselbe Richtung gehen. Tagesrucksäcke über den Schultern, Freizeitkleidung und Turnschuhe an den Füßen. Zwei Urlauber auf dem Rückweg zu ihrem Hotel, denken wir uns. Und wirklich. Auf dem Dach des allerletzten Hauses kann ich mit zusammengekniffenen Augen ein Hotelschild entdecken. Giulia bewacht im Schatten eines Baumes die Rucksäcke, und ich presche den halben Kilometer bergan zum Hotel. Aber was für eine Enttäuschung! Auch dieses Hotel ist geschlossen. Und es heißt auch nicht „Cala Grande“. Die beiden Urlauber, die mich mittlerweile erreicht haben, erklären mir, dass sie dieses „Hotel Bitacora“ über ein Hotelportal gebucht hätten und dass am Abend sicherlich jemand vom Personal da sein werde.

Frustriert kehre ich zur compañera zurück. Bis zum Abend warten? Nein, es ist erst Nachmittag. In der nächsten Bar frage ich erneut und höre dieses Mal ganz genau zu. Bis zum Kreisverkehr – aha! – und dann links. Noch etwas Zickzack durch die Neubausiedlung, und wir stehen vor dem Hotel „Cala Grande“. Es ist geöffnet! Am Gebäude in den streng-schönen Formen der klassischen Moderne prangen 4 Sterne. In Gedanken gehen wir unsere Urlaubskasse durch. „Bis 120 Euro nehmen wir es“, flüstere ich Giulia zu. Die compañera nickt. Bei einem Luxushotel erwarte ich, dass sich die Eingangstür automatisch öffnet, wenn schon kein Portier davorsteht. Macht sie aber nicht. Als ich fast mit der Nase gegen die Glastür bumse, lachen Giulia und die beiden Rezeptionisten. Ich notgedrungen auch. Ein freies Zimmer? Selbstverständlich. 85 Euro, Frühstück inklusive. Auf dem Weg zu unserem Zimmer erklärt uns die nette junge Señora die Spa-Einrichtungen des Hauses. Die seien aber nicht inklusive. Macht nichts. Für unsere Gesundheit haben wir heute schon genug getan.

Unsere geschmackvolle Bleibe ist riesig. Ein übergroßes Doppelbett, ein Bad mit separater Toilette und Badewanne. Eine Glasfront lässt sich öffnen, so dass man beim Planschen einen freien Blick zur Terrasse und auf die Berge hat. Aus der Minibar nehmen wir uns erst einmal zwei süße kleine 0,2-l-Fläschchen San Miguel und stoßen auf die letztendlich doch geglückte Hotelsuche an. So lässt es sich aushalten. Wir schauen genau auf das Meer und den Cerro Negro, der das Titelblatt unserer Wanderkarte schmückt. „Dias de Verano“ heißt ein Song und Video-Clip der spanischen Popgruppe Amaral, der in Las Negras gedreht wurde. Wir genießen zufrieden diese „Sommertage“ im Spätherbst. Wobei unser Hotelzimmer bei weitem schöner ist als das im Musikclip.

www.myvideo.de/watch/7224360/Amaral_D_as_De_Verano

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Fortsetzung folgt mit: Hippie-watching, dem steilsten Anstieg der Tour und Google street-view

Werner Hohn
04.07.2012, 13:56
Feine Absteige, die ihr da unten gefunden habt. Wir setzen uns vorher auch immer eine Preisobergrenze, und wenn es dann doch teurer werden sollte, haben wir es bis jetzt ausgesprochen selten geschafft, den Rucksack wieder aufzunehmen und von dannen zu ziehen, besonders in einsamen Gegenden oder wenn das Wetter jeden Preis schön rechnet.

Versucht es zu Abwechslung mit den Reiseführern aus dem Michael Müller Verlag, Für Spanien und Portugal sind die meine erste Wahl.


Fortsetzung folgt mit: Hippie-watching,
Du kommst aber jetzt nicht mit einem alten Hanomag mit festem Aufbau (ehemaliges Sanitätsfahrzeug der BW)? Der steht seit mindestens 15 Jahren da unten - vermutlich noch länger.

Werner

Juno234
04.07.2012, 17:11
So ist es :bg: Wir haben auch noch nie den Rucksack wieder aufgenommen :bg:

Ich kenne den Müller-Führer Andalusien nicht, aber ich befürchte, er wird nicht unbedingt genauer sein. Es fehlt für diese Ecke ein kleinräumiger Reiseführer auf deutsch. Ich kenne jedenfalls keinen....

Nee, nee mit dem "alten Hanomag" komme ich nicht. Den haben wir nicht gesehen. Wo steht er denn?

Aber die Fortsetzung wird noch etwas dauern. Wir sind gerade vom E 10 in Südtirol zurückgekommen bzw. von dem, was einst mal E 10 dort werden sollte....

Werner Hohn
06.11.2012, 16:31
Jetzt habe ich 4 Monate überlegt, wo das mit dem Hanomag war. Leider ohne Ergebnis. Dann lieber zu den Qualen der Wanderung:


Fortsetzung folgt mit: Hippie-watching, dem steilsten Anstieg der Tour und Google street-view

Juno234
06.11.2012, 17:49
merci für den Wink mit dem Zaunpfahl :bg: Die Etappe ist bereits in Arbeit. Aber mir kamen 3 weitere Wandertouren dazwischen...