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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [JP] Japan by any means: Nakasendo s. Tokad, Sommer wie Winter



Sulmairs
20.07.2011, 16:28
Land: Japan
Reisezeit: Juli 2008/ März 2010
Region/ Kontinent: Südostasien


Mit 18 hat man noch Träume. Und der größte wie unerreichbarste aller Träume war Japan. Jeder Japanophile kann nachvollziehen wie ich auf die erste Reise hingefiebert habe, als sich im Jahr 2008, dank Urlaubsschein und hart verdientem Sold, die Möglichkeit dazu bot. Auf der Liste der meisten Trekker taucht dieses großartige Land, zu Unrecht, jedoch nicht auf. Aus diesem Grund möchte ich ein wenig von zwei Wanderetappen meiner beiden Japan-Reisen im Juli 2008 und März 2010 erzählen.

Im feudalen Japan wurde das Land von zwei großen Handelsstraßen durchzogen. Die bedeutendste, Tokaido genannt, führte entlang der Küste und des Fuji-Vorlandes von der Hauptstadt Tokyo in die Kaiserstadt Kyoto. Die Nakasendo dagegen wählte den Weg durch die japanischen Alpen entlang des Kiso-Tals. Während der Großteil dieser einstmals viel genutzten Verkehrswege heute verschwunden und überbaut ist, wurden einige Teilstrecken restauriert und können erwandert werden. Darüber hinaus haben sich auch einige wenige der alten, hölzernen Post- und Kontrollorte erhalten, welche in Tagesentfernung zur Beherbergung der Reisenden und Überwachung der Präfekturgrenzen gebaut wurden (Tokaido ehemals 55; Nakasendo 69).

Wie den damaligen Reisenden auch, zeigte uns das japanische Wetter seine ganze extreme Vielfalt, begrüßte uns der Juli 2008 doch mit Temperaturen von 37° und 100% Luftfeuchtigkeit in einer grünen, dunstigen Hölle. Selbst Papier verrottete innerhalb von Tagen und der Schweiß stand einem schon an der Türschwelle der Unterkunft auf der Stirn. Der Winter 2010 dagegen hatte auch im März noch nichts von seiner Strenge eingebüßt und Schnee und Eis überzogen selbst die Innenstadt von Matsumoto, dem Tor in die japanischen Alpen. Doch im Gegensatz zu den damaligen Reisenden hatten mein Bruder und ich keine Wochen Zeit um den ganzen Weg zurückzulegen, sondern jeweils nur einen einzigen Tag.

Hakone
Das Zimmer unseres Ryokan ist lichtdurchflutet. Der Wecker verrät, dass es gerade einmal 5Uhr ist, aber nichts ungewöhnliches für Japan um diese Jahreszeit und wir sind ja nicht zum Schlafen gekommen. Der frühe Morgen hat darüber hinaus den Vorteil, dass der allgegenwärtige Dunst noch nicht seinen dichten Schleier über das Land gelegt hat und wo sich am Vorabend noch Nebelschleier über den Ashi-See gewälzt haben, zeichnen sich nun zart die Umrisse des Fuji ab, doch wirklich sehen, geschweige denn betretten können wir ihn nicht. Sein hügeliges Vorland muss uns für diese Reise reichen. Die "Stadt" Moto-Hakone ist an diesem morgen so verschlafen, wie es nur Touristenorte Wochentags außerhalb der Saison sein können. Der Bedeutung des Ortes gerecht wird die Stille nicht, trennt er doch eigentlich Kansai und Kanto, sowas wie das japanische Ost- und Westdeutschland inklusive einer jahrhundertelang bestehenden und für die meisten Normalbürger unüberwindlichen Grenze, deren Kontrollstation eines unserer Tagesziele sein soll. Beginnen werden wir unseren Wandertag am Fuß des Komagatake beim Besuch des Hakone Schreins, dessen Tor im See wohl zu den meistfotographierten des Landes gehört. Der Schrein aus dem 8. Jahrhundert lässt sich nur über einen schmalen, steilen und von ebenso alten Zypressen bestanden Pfad erreichen. Die Mühe wert ist er aufgrund seiner Schönheit und der Aussicht in jedem Fall, zumal er der Gottheit der sicheren Reise geweiht ist und man mit ein wenig Kleingeld sein Glück aufbessern kann. Die eigentliche Tokaido führt uns über glatt poliertes Kopfsteinfplaster und in sehr eigenwilligem Zickzack dem Gelände folgend von Hatajuku zurück nach Moto-Hakone. Auf dem Weg begegnet uns ein wiederaufgebautes Teehaus, oder wie wir beim betretten feststellen ein Amazake-Chaya, in dem ein seltsames, milchiges Gebräu verkauft wird von dem wir probieren wollen. FEHLER*würg*FEHLER. Bei Amazake handelt es sich um warmen, süßen, vergorenen Reiswein von schleimiger Konsistenz, mit kleinen Bröckchen. Also lieber schnell weiter und auch das Tokaido Museum links liegen lassen. Die phantasievollen Touri-Piratenschiffe interessieren uns ebenfalls nur mäßig und so wandern wir weiter entlang des mit Zedern bestandenen Pfades hinauf auf einen größeren Hügel, der von mehreren Wegen durchzogen, durch einen netten ehemaligen kaiserlichen Garten führt, in dessen Mittelpunkt der dazugehörige Sommerpalast steht. Nächster Halt Hakone Checkpoint. Leider eine Rekonstruktion, aber dafür eine originalgetreue mit Toren, Zäunen und Unterkünften, sowie unangenehm aussehenden Gefängniszellen mit den entsprechenden Folterinstrumenten. Nachdem wir das unansehnliche Hakone-machi hinter uns gelassen hatten, folgte Komagata-jinja, sowie muko-saka und akaishi-saka die uns nocheinmal durch Wald und Hügel bis zum Westufer des Sees führen. Da die Abfahrt drängte, mussten wir nach 6 Stunden, schweißdurchtränkt und fast dehydriert, allzu früh die Gegend verlassen. Gelohnt hat es sich in jedem Fall, aber beim nächsten mal sollte schon der Fuji her.... dafür versüßte uns aber die Aussicht auf Kyoto als nächstes Ziel den Abschied. Natur ist leider doch nicht alles.

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Matsumoto
Ein Bier ist kein Bier sagt man in Bayern und einmal Japan ist wohl auch keinmal Japan, weshalb wir gut zwei Jahre später nocheinmal all unser Erspartes zusammenkratzten um den viel besungenen japanischen Frühling und die Kirschblüte mit eigenen Augen zu sehen. Frühsommerliche 20° in DE versprachen darüber hinaus angenehmes Wandern im Gegensatz zum türkischen Dampfbad bei der letzten Reise. Wie sollten wir uns täuschen... Nach Bahn, Flug, wieder Bahn und Bus, sowie 36 Stunden auf den Beinen empfing uns Matsumoto mit -2° und Schneeregen. Unsere Ausrüstung für dieses Wetter und die kommenden 3 Wochen? Max. ein Pulli, ein Fleece und Stiefel. Der Wille nach der Tokaido auch ein Stück der Nakasendo zu gehen? Ungebrochen. Immer noch mit dem Jet-lag kämpfend fahren wir nach 2 Stunden in einer heißen Quelle (vorglühen) mit der Bahn nach Kiso-Hirasawa, höher in die japanischen Alpen, welche für mich den europäischen in nichts nachstehen, außer das in den japanischen weniger los ist (könnte am Anfahrtsweg liegen). Der Ort besitzt eine gewisse Berühmtheit für lackierte Holzschnitzereien, die wir uns nicht leisten können und so beginnen wir direkt mit der Tour und laufen dem Tal des Narai Flusses folgend in den gleichnahmigen Ort. Die ehemalige Poststation Narai ist dank ihrer Abgeschiedenheit und der Misswirtschaft der örtlichen Holzindustrie noch vollständig original erhalten. Früher stellte es die bedeutendste Stadt im wunderschönen Kiso-Tal dar und noch heute lässt sich der ehemalige Reichtum an den Holzhäusern erkennen, welche über einen Kilometer entlang der Hauptstraße stehen. Mitlerweile beherbergen sie die obligatorischen Souvenirläden, aber auch Museen, Ryokan, Werkstätten und Sake-Brauereien. Gerade letztere kann ich nur empfehlen, denn im Vergleich zu deren Produkten schmeckt der hier erhältliche Sake wie Spiritus. Doch wir sind auch nicht zum trinken gekommen und machen uns auf zum 4km entfernten Torii Pass, einem der wichtigsten Pässe der japanischen Alpen. Der Reiseführer sagte etwas von einem "vergnüglichen 3 Stunden Trek", aber sehen wir doch selbst: Der Weg steigt bereits auf den ersten Metern steil an und windet sich über verschneites Kopfsteinpflaster bzw. nicht vorhandene Wegbefestigung in Serpentinen den Berg hinauf. Nun gut, man ist ja jung und sportlich, also weiter geht's. Die ersten vereisten Brücken (ohne Geländer) über die zahlreichen Gebirgsbäche sind schon spannender, aber immer noch nichts im Vergleich zu den uns bis dato unbekannten Sturmschäden vom vorherigen Wochenende. Das erste wirkliche Hindernis sind ein paar Fichten die quer über einer größeren Brücke liegen und uns dazu zwingen außen am Geländer entlang zu klettern, um unseren Weg fortsetzen zu können. Hier treffen wir auch unsere Begleiter für den Rest der Tour, ein japanisches Ehepaar das mit 70 Jahren beschlossen hat die gesamten 533km der Nakasendo von Tokyo nach Kyoto zu laufen. Nicht nur sind sie um einiges professioneller ausgestattet als wir, sondern sie lassen uns auch konditionsmäßig ganz schon alt aussehen. Je höher wir kommen, umso schöner wird die Aussicht auf die japanischen Alpen, welchen wir am Ontake Schrein bei einer kleinen Bergmahlzeit genossen. Nachdem wir von unseren Begleitern in den korrekten Ablauf des beetens an einem Shinto-Schrein eingewiesen wurden. Gut das sie uns auch in ein anderes Geheimnis eingeweiht haben, nähmlich warum dort überall Glocken und Schilder im Wald rumstehen... wegen der Bären. Anscheinend warnt man dort nur Japaner, die der Schriftzeichen auf den Warnschildern mächtig sind. UNS war die Existenz von Bären in den japanischen Alpen ein unbekanntes Mysterium. Dennoch erreichten wir nach einem angenehmen bergabmarsch lebend Yabuhara Station, wo ich mir erstmal dieses göttliche Getränk Boss Milk Coffee, heiß und aus der Dose gönnte um danach den Zug zurück nach Narai zu nehmen. Mit einer heißen Nudelsuppe und Tempura ließen wir dann zu viert den Tag ausklingen, um darüber übereinzustimmen:

Schöner ist's nirgendwo und weder Taifune, Erdbeben, Tsunamis, Atomkraftwerke noch irgendeine andere Macht wird mich von einer dritten Japan-Reise abhalten.

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mastersergeant
20.07.2011, 18:19
Klasse, mal was vom anderen Ende der Welt.

(Leider zu wenig Bilder und Text ;-))
(wie immer eigentlich :()

Sulmairs
21.07.2011, 13:35
Ich hab noch 6 Wochen Material, aber nur aus dem Asphaltdschungel;-)

Testo
21.07.2011, 14:13
Auch von mir einen Daume hoch ! Freue mich immer wieder neue Berichte von Japan zu lesen, kommen so selten welche rein :(.
Meiner meinung nach dürfen hier auch bilder rein vom Asphalt, auch wenn das Forum nicht grade Stättetripp.de o.ä. Heißt :grins:
Wenn du also Zeit und lust hast schreib Bitte noch was, morgen kommt bei mir die Finale entscheidung ob ich am Montag dahin fliegen kann.

MikeTango
21.07.2011, 16:10
Vielleicht solltest du auch noch erklären,was genau Amasake ist - roher Sake. Quasi die Analogie von Federweissem, ungefilterter roher Reiswein. Mjam.