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Werner Hohn
21.02.2011, 15:59
Region/Kontinent: Europa
Land: Portugal
Reisezeit Oktober/November 2010
Reiseart: Wanderung


Eine Küstenwanderung in der Algarve

In 7 Tagen von Faro bis nach Salema



“Barlavento heißt die im Wind liegende Küste zwischen Cabo de São Vicente und Faro. (…) Westlich von Quarteira beginnt die malerische Sandsteinküste mit Seegrotten, bunten Steintürmen und bis zu 50 m hohen Kliffs, die von unzähligen Sandbuchten unterbrochen werden. Optimal zum Baden und Schnorcheln. Die wichtigsten Touristenzentren sind Quarteira, Albufeira, Armação de Pêra, Portimão und Lagos. Dieser Küstenabschnitt wurde inzwischen fast nahtlos zugebaut.“

Soweit Michael Müller in der Einführung zu seinem Reiseführer „Algarve“ (Michael Müller Verlag). Er muss es wissen, denn wenn es ein Land in Europa gibt, wo der sich auskennt, ist das Portugal – hoffe ich doch.


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Allerdings lässt sich die Ecke zwischen Quarteira und Portimão auch mit wenigen hässlichen Schlagwörtern beschreiben: Massen- und Pauschaltourismus, Bausünden, Zersiedelung, Zweitsprache Englisch. Kurz: Portugals schon viel zu lange währender Kniefall vor den Sonne und Wärme suchenden Engländern und Deutschen, sowie den uniformen Wünschen europäischer Urlauberfrachtunternehmen.

Man könnte ja mal ...

In der Algarve könnte man auch eine Wanderung machen, wenn einem der Sinn danach stände. Nicht nur eine jener kurzen Wanderungen, die in den letzten Jahren sogar Eingang in die Reiseführer für Pauschalurlauber gefunden haben, nein die Algarve hat Platz und einige Wege, aus denen sich eine kleine Weitwanderung basteln ließe. Nicht alleine im Hinterland, sogar für eine ausgewachsene Küstenwanderung würde es reichen.
Vielleicht im Spätherbst, wenn die Tage in Mitteleuropa grau und farblos werden; die Wartelisten bei den Psychoanalytikern wegen um sich greifender November-Depression länger und länger werden; weil man noch einige Urlaubstage über hat, und diese ausnahmsweise nicht schon wieder im Fichtelgebirge verbraten möchte; weil man die erträgliche Leichtigkeit des Südens dem herbstlichen Schmuddelwetter Mitteleuropas vorzieht.

Über die Strecke könnte man sich viele Gedanken machen, oder auch nicht. Vielleicht vom Flughafen weg nur ein paar Tage die Küste entlang nach Westen bis Carvoeiro, um dort nach Silves ins Hinterland auf die Via Algarvina abzubiegen (für die wäre allerdings etwas Planung nötig); vielleicht doch noch ein Stück weiter die Küste rauf, bis Lagos oder sogar bis zur südwestlichsten Ecke Europas, zum Leuchtturm auf dem Cabo de São Vicente. Zwingend wäre das nicht. Aufbrechen und nur Richtung Westen gehen und alles Weitere dem Zufall überlassen, ginge natürlich auch. Das wäre die allereinfachste Lösung, eine, die zum Wandern unter südlicher Herbstsonne passen müsste. Man könnte glatt auf Wanderkarten, sogar aufs Wanderbuch verzichten. Küstenlinie gleich Wanderweg, nicht ganz aber so gut wie immer geht diese Gleichung auf.

Den Rucksack müsste man vom Kofferband abgreifen, dann zügig zur einzigen Bar im Flughafen mit Außenbestuhlung streben, sich auf einem der vielen chromglänzenden Stühle nieder lassen, und als erstes endlich die viel zu warme Jacke ganz unten im Rucksack verstauen. Zusammen mit dem wärmenden Kleidungsstück auch die farb- und leblosen grauen Herbsttage der Heimat. Man könnte sich einmal mehr durch die Glastür mit der Aufschrift „STAFF“ zwängen, ohne dass ein Mensch daran Anstoß nähme und bei der freundlichen jungen Frau - es ist immer eine junge Frau - an der linken Ecke der Theke einen Kaffee bestellen, warten bis der selten freundliche Mann einem die kleine heiße Tasse zuschöbe. Erneut müsste man sich durch die Glastür zwängen, was nun aus der Gegenrichtung mit zwei heißen Tassen nicht immer ganz einfach ablaufen dürfte. Spätestens dann könnte auch der Kopf im Süden angekommen sein, denn die Sonne würde immer noch scheinen, der Himmel immer noch blau sein. Und die aus der Heimat mitgeschleppte Hoffnung, der blaue Strich im gläsernen Thermometerröhrchen wäre auf dem Weg zum 25-Grad-Strich nicht schmählich gescheitert, könnte schon am frühen Mittag wahr geworden sein. Ja, ein Versuch wäre die Algarve schon wert, wenn da nicht immer das Wäre, Könnte, Würde, Müsste dagegen stehen täte.

… und dann macht man sich doch wieder auf den Weg in eines der vielen Mittelgebirge, von denen es in der Mitte Europas nur so wimmelt. Eines von denen, die schon Ende Oktober eher die Anmutung nasskalter dunkler Höhlen ausstrahlen, denn die goldener Herbsttage. Im Zweifel für das Bekannte, Bewährte, Vertraute. Und überhaupt: Die Algarveküste ist für den Badeurlaub da!

Die Expressversion

Für alle, die keine Lust auf einen langen Wanderbericht haben, hier nun eine Schnelllversion unserer mehrtägigen Wanderung entlang der Algarveküste. Kurz und knackig, nicht mehr als eine Liste der Strände und Orte.


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Quelle: © OpenStreetMap und Mitwirkende, CC-BY-SA (http://www.openstreetmap.org/)

Gepäckband im Flughafen Faro – Praia do Ançao – Praia do Garrão – Praia de Vale do Lobo – Praia do Quarteira - Quarteira – Promenade – Vilamoura – Küstenpfad – Praia da Falésia – Praia Ohlos de Áqua - Ohlos de Áqua – Straße – Albufeira – Straße – Praia da Galé – Praia de Armação de Pêra - Armação de Pêra – Straße – Kapelle Senhora da Rocha – Küstenpfad – Praia de Albandeira – Praia da Marinha – Benagil – Küstenpfad – Praia do Carvalho – Faro de Alfanzina – Praia de Vale de Santianes – Algar Seco - Carvoeiro – Küstenpfad – Torre de Marinha – Praia de Caneiros – Ponta do Altar – Praia Grande – Ferragudo – Straße – Portimão – Nationalstraße N 125 – Mexilhoeira Grande - N 125 - Odiáxere – N 125 – Nebenstraße – Lagos – Praia de Dona Ana – Praia do Camilo – Ponta da Piedade – Küstenpfad – Porto do Mós – Küstenpfad – Ponta das Ferrarias – Praia da Luz – Luz – Dorfstraßen – Küstenpfad – Ponta da Gaivota – Ponta da Cama da Vaca – Burgau – Straße – Barrancão – Straße – Praia da Boca do Rio – Straße - Salema

Fertig. Circa 130 Kilometer.




Die Langversion

1. Etappe: Kofferband Flughafen Faro bis Quarteira

Rucksäcke abgreifen, Kaffee schlürfen, Knochen aufwärmen, an der Tankstelle Wasser kaufen. Los! Nach 2008 erneut Richtung Atlantikstrand. Diesmal jedoch nicht direkt auf den Strand. Bei 24° im Schatten – das zeigte das Thermometer an der Tanke - ziehen wir den beliebten Weg durch das Feuchtgebiet der Ria Formosa dem schattenlosen Strand vor. Wochenendbetrieb, trotz stabilem Metallgitter und der unübersehbaren Warnung „LUDO - ENTRADA PROIBIDA – PROPIEDADE PRIVADA“. Daran stört sich hier kein Mensch. Es ist Sonntag, und da bewegen sich sogar die Portugiesen und die vielen hier heimisch geworden Gäste ausnahmsweise zu Fuß oder mit dem Rad oder schieben sogar Kinderwagen über den festen Weg. Rucksäcke schleppt niemand, womit meine Frau und ich mal wieder auffallen. Wer hier unterwegs ist, zählt zu den eher besser betuchten Menschen dieser Region. Auf der anderen Seite der Lagune, auf der schmalen Landzunge zwischen Meer und Feuchtgebiet, sieht das schon anderes aus. Den meisten Bewohnern der dortigen ärmlichen Fischerhütten dürfte diese Form der Sonntagsbeschäftigung eher fremd sein.


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Nicht dran stören - ausnahmsweise!

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Im Parque Natural da Ria Formosa

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Beim Vale do Lobo

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Quarteira von seiner schönsten Seite

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Markt in Quarteira



Die im Gezeitenryhtmus voll und leer laufenden Lagunenlandschaft der Ria ist um die Mittagszeit leer. Im Schlick tummeln sich Muschel- und Krebssucher. Eimer, Stechwerkzeug, Sonnenhut und ab in den Schlamm. Hoffentlich bleibt ihnen genug Zeit, wenigsten bis der Boden des Eimers bedeckt ist. Aber schon kündigt das unmerklich steigende Wasser die kommende Flut an.

Dann müssen wir doch runter an den Strand. Überraschung, Überraschung! Es gibt Badeurlauber. Sogar Portugiesen finden bei so einem Wetter den Weg zum Strand, sind jedoch eindeutig in der Minderheit. Die unglaublich weißen Töchter und Söhne Albions geben den Ton an. Mütter und Väter sehen ungerührt zu, wie die sommersprossigen Früchte ihrer Lenden ins herbstkalte Wasser hüpfen. Was ist in all den Jahren nur geschehen, seitdem dieses abgehärtete Volk ihr Empire verloren hat?

Mit einem Fragezeichen im Gesicht steht einer dieser Engländer vor mir. Wahrscheinlich ein Rentner vom nahen Golfplatz des Valle do Lobo. Mensch, wenn ich den nur verstehen könnte. Rauschende Brandung, unverständlicher Slang, und meine Frau eilt schon wieder davon. Fragezeichengesicht kann ich auch. Ah! Cabo de São Vicente, das verstehe ich und er begreift endlich, dass er anständiges Englisch reden muss, wenn er was erfahren möchte. Zwei Minuten später vermisst er seine Frau. Der wäre glatt mitgegangen, das nicht nur bis Quarteira.

2. Etappe: Quarteira bis Ohlos de Água

Für den Anfang eine Stunde Teer treten. Zuerst über die Strandpromenade von Quarteira, dann einmal rund um den Retortenhafen von Vilamoura. Einige Bonzen-Yachten, ein Bentley, die üblichen Karren von Mercedes. Um diese Jahreszeit ist alles fest in englischer Hand. Hinter dem Hafen wird es wunderschön. Oben rüber, immer entlang an der Abbruchkante der niedrigen Steilküste. Kein Mensch, keine Seele. Wir wollen bis Albufeira, auf den dortigen Campingplatz, 3 Kilometer im Hinterland. Bei einer Pause im Schatten einer Piniengruppe, stirbt dieses Ziel. Mal sehen, wo wir landen. Mittags müssen wir runter an den angeblich schönsten Sandstrand der Algarve. Die Praia de Falésia ist schön, aber sooo schön ..?! Na ja, wer sonst nichts kennt. Strandbars, Badegäste, Sonnenschirme und Badehandtücher. Oben, für die Strandurlauber nicht sichtbar, verstecken sich ein paar Nobelhotels und Ressorts unter hohen Schirmpinien. Unten am Strand machen Bälle und Frisbeescheiben uns den Weg streitig. Unverbesserliche hechten diesen komischen Ich-kann-weder-Tennis-noch-Federball-Softbällen hinterher. Einer dieser Unverbesserlichen landet vor meinen Füßen. Meine Frau und ich fallen bestimmt genauso auf, merken nur nichts davon. Liegt es an den Engländern?


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Küstenweg oberhalb der Praia da Rocha Baixinha

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Praia da Rocha Baixinha

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Praia da Aldeia das Açoteias

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Praia da Falésia

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Nur noch wenige Meter bis Ohlos de Água

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Fischerboote in Olhos de Água

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Küste bei Olhos de Água

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Nicht schön, aber nur für uns



In Ohlos de Áqua ist nichts los. Leere Terrassen, leere Bars, leere Geschäfte. Umblicken, keine Unterkunft, dafür eine Unmenge Kneipen, die offenkundig auf die Wünsche der Engländer und Iren eingehen. Überall britische Flaggen, keine von der grünen Insel. Die Ständer im Zeitungsladen quellen über von all den Schrei-, Kotz- und Blöd-Zeitungen des Kontinents. Zwischen Kasse, an die schließlich jeder muss – sogar wenn jeder eine jede ist – und Postkartenständer steht ein flacher Korb aus Weidengeflecht. Inhalt: Im satten Schweinchenrosa leuchtende Minipimmel. Die Dinger sind sogar praktisch, denn unten steckt ein Feuerzeug drin. „Schatzi! Ich habe im Urlaub an dich gedacht und eine Kleinigkeit mitgebracht.“ Wahre Liebe kommt selten so unverblümt daher. Im Sommer möchte ich um kein Geld der Welt hier sein. Oben auf dem Hügel gibt es Hotels. Belegungsquote unter 10 Prozent. Früher Nachmittag hin oder her: Wir bleiben.

3. Etappe: Ohlos de Aqua bis Armação de Pêra

Wieder fangen wir mit Asphalt an. Wenn wir wollten, könnten wir anders. Am Strand entlang, immer über Klippen und Felsen. Leider ist die Ebbe noch nicht so weit. Gestern im Zeitungsladen, neben dem Korb mit den Gummipimmeln, da lag ein Stapel mit Landkarten. Na, Karte ist vielleicht übertrieben, Stadtplan passt schon, solange keiner von Falk daneben liegt. Die „Albufeira City & Resort Map + Algarve Road Map“. Siebenfuffzich hat mit der der überhaupt nicht beschämt drein blickende Ladenbesitzer gestern am späten Nachmittag dafür abgeknöpft.

Wir machen Strecke: die „Estrada dos Ohlos d'Aqua“. Rauf und runter. Die „Estrada de Santa Eulalia“. Rauf und runter. Die „Rua Oliveira Martins“. Nur ein kurzes Stück. Die „Avenida Infante d' Henrique“. Das ist ja mal ein Name Und mitten drin ein Kreisverkehr, der kneipenmäßig fest in englischer Hand ist. Dann zum Schluss die „Rua Almirante Gago Coutinho“. Wir sind in Albufeira. Eigentlich sind wir das seit dem frühen Aufbruch. Freies Land, einen Übergang von einem Dorf ins nächste? Fehlanzeige. Dafür picobello sauber. Man ist dem zahlungskräftigen Urlauber schließlich etwas schuldig.

Am Hang gegenüber weiße Häuser, weiße Kirchtürme. Unten rotbraune Felsen, gelb leuchtender Strand. Albufeira, die ehemalige Perle der westlichen Küste! Unbestreitbar heute DAS Ferienzentrum der Algarve und Partyzone Nr. 1. Hinunter mit der Rolltreppe ins Zentrum. Schafft man die Treppe im Suff? Wir sind viel zu früh dran. In den Straßen mehr LKWs mit brummenden Motoren denn Urlauber. Wein- und Getränkekästen werden scheppernd abgeladen und in Reih und Glied nach Kneipen sortiert. Bierfässer knallen aufs Prallkissen und stehen Augenblicke später in der Reihe neben den Bierkästen. Die Besatzungen der Getränke-LKWs, in Portugal oft noch 3 Mann, machen sich ans Verteilen der Ware. Die Frauen und Männer der Stadtreinigung sind schon verschwunden, bis auf die eine Frau in Warnkleidung, die am anderen Ende der Straße auf den Dreck des Tages wartet. Ihre für Portugal so typische Handkarre für die Straßenreinigung ist nagelneu. Sie wird keine Rekorde aufstellen. Arbeitsbeschaffung a la Portugal. Dort, wo die Morgensonne schon Wärme spendet, sammeln sich die Rentner in ihren schweren Jacken. Sonst ist kein nennenswertes Leben auszumachen.


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Mal nicht in deutscher Hand. Wohltuend.

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Albufeira am frühen Morgen

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Vor der Party, "Sport"

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Bunt! Da staunt der Urlauber.

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Baukunst. Da staunt der Urlauber schon lange nicht mehr

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Noch weit bis Armação de Pêra

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Fischer am Strand von Armação de Pêra

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Armação de Pêra sieht überall so aus



Im Zickzack durch die Stadt. 40 Euro verlangt ein Hotel mitten im Partyviertel fürs Doppelzimmer. Bleiben? Nichts wie weg. Vorbei an unzähligen Kneipen und Andenkenläden ziehen wir hoch in die Oberstadt. „Auf der Suche nach einem preiswerten Zimmer?“, spricht uns eine alte Frau an. Nein, wenn wir spät dran wären, sicherlich. Jetzt wollen wir nur weg. Hinunter zum neuen Yachthafen. Ist der ungemütlich! Leute, da müsst ihr noch mal ran, das kann man in Portugal besser – und wenn es nur der übliche Touristenkitsch ist. So geht das nicht. Paar Palmen, Potemkinsche Dinges, so was in der Art muss her. Einziger Lichtblick sind die zwei bunten Häuserzeilen. Leider trifft das nicht den Geschmack der meisten Urlauber.

Wir sind in unserem Element. Straße! Ulrich Enzel beschreibt in seinem Wanderbuch „Algarve“ einen Weg hinter dem Yachthafen hinauf zur Steilküste. Kann er behalten. Wir wollen Hinterland, staubige Straßen und wenn möglich etwas weniger Tourismus. Doch nach 2 Stunden landen auch wir an der Praia da Galé. Kaffeepause in der einzigen Strandbar, die im Schatten liegt. Nur wenige Gäste verirren sich hierher. Die gegenüber, die ist proppenvoll. Sonne pur. Aus lauter Dankbarkeit oder Langweile verwickelt mich der Wirt ins ein Gespräch, von dem ich leider nicht viel verstehe. Portugiesisch hört sich wie polnisches Spanisch an, wenn es auch wie Spanisch geschrieben wird. „Zwei Eis und ein kaltes Wasser – bitte!“, schallt heimisches Idiom über die Terrasse. „Kommt sofort und darf es sonst noch was sein?“ Meine Güte, Werner, sei nicht so ein Idiot. Pass dich gefälligst an und rede in deiner Muttersprache!

Endlos lang ist der Strand an der Praia de Galé nicht, aber weil der nun mal in den der Praia de Armação de Pêra über geht, kommt schon was zusammen. Noch sind beide Strände unverbaut. Genau wie vor Quarteira will die Silhouette aus weißen Hochhäusern nicht näher kommen. Die wachsen noch nicht einmal im Schneckentempo in den Himmel. Die Sonne brennt, der Schweiß rinnt und sammelt sich in der Unterhose. Zum guten Schluss wird der Sand quälend locker. Strandpflegemaschinen müssten verboten werden!

Der freundliche Frau im Campingplatzbüro warnt uns vor dem unteren Platzteil. Bei Regen werden wir dort absaufen. Regen? Nur wenige Wohnwagen und Wohnmobile verteilen sich über den wassergebundenen Lehmplatz, der trotz vieler Bäume den Charme eine Ödnis ausstrahlt. Ein schwedisches Ehepaar hat sich für den Rest des Winters hier eingegraben. Sichtblende drumherum. Auf mehr als nur Sonne und Wärme legt man wohl keinen Wert. Neben uns beginnt ein holländisches Rentnerpaar mit dem Ausheben von Löchern, damit das nagelneue Wohnmobil gerade steht, damit das Wasser in der Dusche ablaufen kann. Ein deutsches Ehepaar, natürlich Rentner, zieht seine tägliche Runde über den leeren Platz, nicht ohne vor den Stechmücken zu warnen. Hinten am Zaun streckt ein alter, bewohnter Möbelwagen alle Viere von sich. Ein besoffener Holländer pinkelt 5 Meter neben unserem Zelt ans Bäumchen. Bis zum Klo sind es noch 3 Meter mehr. A....loch! Abends schaut mir der Wirt der Platzkneipe hoffnungsvoll in die Augen. Nein, auch wir werden an diesem Abend nicht zu seinen Gästen gehören. Aus welchem Holz muss man geschnitzt sein, um auf solchen Plätzen den Winter ohne Schaden an Geist und Gemüt zu überstehen? Aus dem Klos aber, aus denen könnte man essen. Ganz entgegen unserer Planung werden wir morgen in aller Frühe schon wieder weg sein.

Armação de Pêra ist nicht schön. Daran ändert weder die gepflegte Promenade etwas, noch das Kirchlein im Ortszentrum. Die Fischer, die noch immer am Strand ihrem Handwerk nachgehen, überdies auch nicht. Mehr gibt es nicht zu berichten.

Atze1407
21.02.2011, 16:41
Danke Werner, für die Vorfreude auf die kommenden wärmenden Tage, obwohl der Winter ja auch seine schönen Seiten hat.

Gruß
Jürgen

cast
21.02.2011, 19:31
Im Frühling ist Portugal der Knaller. Warum im Oktober/ November wo alles ziemlich verbrannt aussieht?
Ansonsten schöner Bericht.

Werner Hohn
21.02.2011, 19:53
Danke Werner, für die Vorfreude auf die kommenden wärmenden Tage, obwohl der Winter ja auch seine schönen Seiten hat.

Jürgen, du und alle Winterliebhaber könnt mit allen Engelshänden schreiben, aber den Winter werden wir nie lieben.


Im Frühling ist Portugal der Knaller. Warum im Oktober/ November wo alles ziemlich verbrannt aussieht?

So verbrannt war es eigentlich nicht. Tja, warum um diese Jahreszeit? Warm, sonnig, blauer Himmel und nach unserer Erfahrung ist das Wetter im Herbst stabiler. Zudem kennen wir Portugal auch im Frühjahr. Ursprünglich war wieder das Frühjahr geplant, aber so ein Vulkan aus dem kalten, meiner Frau und mir bestimmt feindlich gesinnten Norden, hatte uns einen Strich durch die Rechnung gemacht, so dass wir mit dem Auto nach Spanien gefahren sind. Im späten Frühjahr hatte ich keine Zeit, denn da war ich auf einer Mehrtagestour in der Eifel und auf einer Wochenendtour im hohen Westerwald. Man(n) kann nicht alles haben, denn auch frau hat Wünsche.

Werner Hohn
22.02.2011, 11:08
4. Etappe: Armação de Pêra bis Carvoeiro

Es gibt Etappen, seien sie auch noch so kurz, die können 150 Kilometer So-la-la-Etappen vergessen lassen. Vielleicht nicht direkt, doch in wenigen Jahren bestimmt. Die von Armação de Pêra bis Carvoeiro gehört sicherlich dazu. Die im Anschluss ebenfalls. Die Herren Enzel (Rother Wanderbuch) und Müller (Reiseführer) versprechen in ihren Büchern Algarve vom Feinsten. Keine ausufernden Feriensiedlungen, keine vielstöckigen Appartementhäuser, keine Uferpromenaden.

Für den Anfang machen wir mal wieder in Teer. Wir verlaufen uns im Gelände- und Gebäudekomplex eines 5-Sterne-Hotels, welches mal wieder den Küstensaum für sich okkupiert hat, finden dann doch hinaus. Nach einigen weiteren Um- und Abwegen durch hoffnungsvoll in den Himmel der portugiesischen Wirtschaftkrise hineinwachsende Ferienanlagen, sogar wieder an die Steilküste zurück. Passend zu unserem Umherirren zeigt sich der morgendlich Himmel. Grau und irgendwie lustlos. Der wird doch nicht? Nein, er hat nicht. Blauer Himmel bei der Frühstückspause auf einer Bank an der Praia de Albandeira. Leider hat die Strandbude bis zum nächsten Sommer dicht gemacht. Egal. Wind treibt uns über die nächste Anhöhe. Hinten, mehr zu erahnen als zu sehen, liefern sich ein paar Hunde ein Wettbellen. Bestimmt das tägliche Konzert der Wachhunde in den vielen Villen, die hier dem Küstensaum manchmal sehr nahe kommen.

Wir hangeln uns an mannshohen Drahtzäunen entlang, tauchen über steile Pfade in die trockenen Bachtäler ab, fluchen beim Wiederanstieg zur nächsten Höhe und freuen uns doch tierisch über die Landschaft, die endlich so aussieht wie in den Prospekten für Algarveurlauber. Zum ersten Mal sind wir nicht die einzigen, die wandernd unterwegs sind. Der gut erkennbare und an kritischen Stellen sogar gesicherte Weg ist mit EU-Geldern aufgepeppt worden. Überall wo man runterfallen könnte, Zäune. Wo man etwas erklären könnte, Schilder. Und wo man sich verlaufen könnte, Wegweiser. Angeblich wurden 75.000 Euro verbraten, damit ein eh schon bekannter Weg noch bekannter wird. Entstanden ist der „Percurso dos Sete Vales Suspensos“. Noch nicht einmal 6 Kilometer lang, aber es sind mit die schönsten 6 Kilometer dieser Küste. Die Küstenpfade aus steinigen Anstiegen, steinigen Abstiegen, hie und da ein Geländer, einmal tatsächlich eine kurze Leiter, führen über in diesem Herbst windige Anhöhen zu einsamen Buchten und Sandstränden. Oft so dicht an den Klippenrand, dass man erschrocken einen Schritt nach hinten macht. Dort, wo der Boden eingebrochen ist, kann man den Ausflugsbooten bei der Fahrt durch die Höhlen und Grotten zusehen.
Da stören sogar die unter Kiefern, Pinien und Palmen verstreuten Villen nicht. Bis auf die eine, an deren Drahtzaun sich zwei total bescheuerte Schäferhunde verausgaben. Die Hoffnung, dass der Draht keine südländische Lücke aufweist, begleitet uns eine ganze Zeit. Bekloppt! Mal wieder ein Haus, das so gut wie nie genutzt wird. Die wahren Hausherren sind die Hunde und das Personal einer Hausbetreungsfirma, die nach dem Rechten schaut.


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Kapelle Senhora da Rocha

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In der Nähe der Praia da Marinha

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Juhu, wir sind auch da!

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In Benagil

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Küste bei Benagil

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Farol de Alfanzina

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Beim Cabo Carvoeiro

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Carvoeiro



Eine Familie aus Holland nimmt den holprigen Küstenpfad sogar mit Kinderwagen in Angriff. Blödsinn. Einer englischen Familie sind die 500 Meter vom Parkplatz am Leuchtturm bis zum Klippensaum dann doch zu weit und kehrt um. War unsere Auskunft so abschreckend?

Mittags tuckern die ersten kitschigen Ausflugsboote mit zahlenden Tagesgästen die Küste entlang. In kahlen Masten flattern statt der Segel, unübersehbar die bunten Banner bekannter Touristikunternehmen. Mit dem Schlauchboot werden die Passagiere in einsame Buchten verbracht, wo sie sich, wie es von oben aussieht, schrecklich langweilen.

Auf halbem Weg machen wir in Benagil unsere große Pause. Benagil pfeift auf die Urlauber. Keine Hotels, keine Diskos. Nur ein paar Fischerbötchen liegen am Strand, deren Eigner Ausflugsfahrten zu den Grotten anbieten. Anschließend sind wir bis Carvoeiro alleine unterwegs. Die Spaziergänger vom Vormittag haben vermutlich genug Küste gesehen und kehren um oder lassen sich abholen.

Nur kurz zuckt es im Gesicht der Mitarbeiterin des Tourismusbüros, als ich nach einem Zimmer frage. 17 Euro ist etwas wenig, sollte aber um diese Jahreszeit machbar sein. Schon startet sie die Suche. Oh je, ein sprachliches Missverständnis. Nein, maximal 70 sind gemeint. Erleichtert lehnt sich sie zurück und zeigt aus dem Fenster aufs gegenüberliegende Hotel. Für 70 Euro, sagt ihr Blick, kannst du im Winter den halben Ort kaufen.

In Carvoeiro gibt es drei Straßen: Eine führt zwischen einer engen Häuserzeile hinab zum Strand. Eine führt auf der Häuserrückseite wiederum zwischen anderen Häusern aus dem Ort raus. Und eine führt hinauf auf den Berg, dorthin, wo sich die großen Hotels breit gemacht haben. Carvoeiro ist auf Urlauber eingestellt - und sterbenslangweilig. Obwohl es der Ort ist, an dem nach Albufeira bis jetzt am meisten los ist. Bars, Kneipen, Nippes- und Klamottenläden, Bäcker und Restaurants in allen Fressrichtungen. Alles für den Pauschalurlauber, die um diese Zeit in der Regel nicht gehäuft auftreten. Die Ödnis menschenleerer Geschäfte und Bars, in denen das Personal Weltrekorde im Beine in den Bauch stehen aufstellen. Wie gesagt: Zum Sterben langweilig. Gut! Gut! Gut! Die Nebensträßchen habe ich unterschlagen, das aber nur, weil die noch langweiliger sind.

Im Hotel sind 4 Zimmer belegt. Wir bleiben. Am nächsten Tag auch noch. Als bekennende Warmduscher „wettern“ wir den angekündigten Regentag im Hotel ab. Regentage im Süden betrachten wir als ganz persönlichen Affront. Regen im Süden wiegt doppelt, wenn nicht sogar dreifach. Regen in der Eifel ist kein Problem. Regen in der Algarve schon, denn das darf einfach nicht sein. Da hätten wir auch in die Eifel fahren können.




5. Etappe: Carvoeiro bis Portimão

Grau und ungemütlich schaut es draußen aus. Sollen wir? Der in Portugal trotz stundenlanger Nachrichtensendungen immer kurz ausfallende Wetterbericht hatte in den Abendnachrichten besseres Wetter angekündigt. Der Portier, der in den vergangenen 2 Tagen die Rezeption gehütet hat, ist anderer Ansicht. Ach, der hat Langweile und will uns nur im Hotel behalten, denn wir gehören zu den zwei Gästen, die sich von ihm gerne in ein Schwätzchen verwickeln lassen. Seitdem wir uns im Hotel breit gemacht haben, sind wir seine willkommene Abwechslung im täglichen totschlagen der Zeit. Nicht, dass er uns besonders gesonnen ist. Andere Gäste bieten sich nun mal nicht an.
Die anfänglichen Versuche, uns seine portugiesische Heimat schmackhaft zu machen, hat er schnell wieder aufgeben. Unsere Erzählungen und Geschichten von den Wanderungen durch ganz Portugal wollte er zuerst nicht so richtig glauben, bis er die Reiseberichte hier im Forum gesehen hat. Ab da war er der Meinung, dass wir mehr von seinem Heimatland gesehen haben, als er.

Nach dem Frühstück sind wir weg, allen Beteuerungen, der Wetterbericht sei in Portugal nicht sonderlich glaubhaft, zum Trotz. Es ist kalt an diesem Morgen. Grau auch. Ungemütlich, sehr ungemütlich. Die Leichtigkeit des Südens, das so oft unglaubliche Licht, die schon morgens in die Knochen kriechende Wärme – alles weg. Das wohlige Gefühl sich um nichts kümmern zu müssen fehlt komplett. Schon alleine das ungewohnte Kümmern, was sich auch als Kummer lesen lässt, um das heutige Wetter ist schauderhaft. Wir können uns noch so oft an diesem Morgen in die Tasche lügen, aber das ist Herbstwetter und zwar deutsches.

Winddicht verpackt klettern wir über nasse und rutschige Pfade am Rand der Klippen entlang. Immer in der Hoffnung, nicht unverhofft in der Tiefe zu landen. Zäune, die bei den vorangegangenen Etappen von mir noch als „Sch....zäune“ beschimpft wurde, sind jetzt gern gesehenes Sicherungsmittel. Die Wegführung über felsige Trampelpfade und lockeres Geröll, durch dichtes Matos-Gestrüpp war immer hochwillkommen. Heute fluchen wir an nicht wenigen Stellen.


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Torre de Marinha (röm.)

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"Lebensmittelkörbe" im Hafen von Ferrafudo

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Ferragudo - Fischerviertel

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Ferragudo

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Portimão



Ununterbrochen treibt der stramme Wind Regenwolken vom Atlantik aufs Festland. Zum Glück regnen sich die meist erst im Hinterland aus. Trotzdem müssen wir oft in die Regenjacken und -hosen. Rucksack runter, anziehen, gehen, schwitzen, schimpfen bis der Schauer vorbei ist. Immer und immer wieder. Mittags lege ich mich mit einem Fluch auf die Schnauze. Scheiß Lehmpfade! Scheiß Nässe! Da sind wir aber schon im Dunstkreis von Ferragudo. Aus den großen Strandbars an der Praia Grande dröhnt hämmernde Musik bis runter ans Wasser. Das will was heißen. Gäste sind keine zu sehen. Kein Wunder bei dem Wetter. Sogar die Strandangler, die mit dem Verschwinden der Sommerurlauber die Strände bevölkern, machen sich ungewohnt dünn.

In den engen Gassen über dem noch unverfälschten Fischerhafen von Ferragudo treffen wir auf zwei holländische Wanderbuchautoren, die, so sieht es jedenfalls aus, sehr gründlich einen Weg recherchieren. Ein kurzes Schwätzchen, die zu erwartenden Fragen nach dem Warum, Woher und Wohin und ob wir Probleme mit der Wegfindungen und Hunden hatten. Nö, Problme hatten wir in Portugal noch nie.

Von Ferragudo bis Portimão ist nicht schön gehen. Die 3 Kilometer muss man runterspulen ohne sich Gedanken zu machen. Wenn man ehrlich ist, ist auch Portimão keine Schönheit. Zu sehen gibt es dort nichts. Portimão ist ein ganz normales Städtchen, in dem Portugiesen wohnen und arbeiten. Touristen tauchen wenn überhaupt nur als Tagesgäste auf. Ein Hotel, ein paar Pensionen, die Anleger für die Touristenboote, die den Rio Arade bis nach Silves hinaufschaukeln, alternativ Küsten- und Grottentouren anbieten, und das Viertel mit den Sardinenbratereien, mehr wird den Urlaubern nicht geboten. An der Kaimauer legen sogar mehrmals in der Woche große Fährschiffe an, die das portugiesische Festland mit den Inseln weit draußen im Atlantik verbindet. Sogar der Autor des Reiseführers tut sich schwer, das Städtchen in besserem Leicht erscheinen zu lassen. Uns gefällt es hier. Der Kaffee ist bezahlbar. Es gibt mal wieder Restaurants, in denen Einheimische sitzen und meist kommt man sogar mit Englisch nicht sonderlich weit.

Cattlechaser
22.02.2011, 18:13
:hahaa:

Abends schaut mir der Wirt der Platzkneipe hoffnungsvoll in die Augen. Nein, auch wir werden an diesem Abend nicht zu seinen Gästen gehören. Aus welchem Holz muss man geschnitzt sein, um auf solchen Plätzen den Winter ohne Schaden an Geist und Gemüt zu überstehen

Dein Stil ist köstlich!

Werner Hohn
24.02.2011, 17:29
6. Etappe: Portimão bis Lagos

Spätestens in Portimão müssen wir ins Hinterland abbiegen, damit wir auf die Via Algarviana kommen -wenn wir denn wollen. Ursprünglich, das heißt bei unserer Planung im Winter, hatten wir keine Küstenwanderung im Sinn gehabt. Flug nach Faro, Bus, Zug, Bus und ab nach Alcoutim an der Grenze zu Spanien. Von da zehn Tage immer nach Westen, durchs kaum bekannte Hinterlandland, bis zum Leuchtturm auf den Klippen des Cabo de São Vicente. Leider waren wir ein bisschen schlampig mit unserer Kondition. Gehen wir halt vom Flughafen nach Westen, denn entlang der Klippenküste können die Etappen zur Not recht kurz gehalten werden. Irgendwann und irgendwo werden wir dann auf die Via Algarviana abbiegen. Planungstechnisch gesehen alles kein Aufwand.

Fit sind wir beide jetzt. Die Karten für die Via und die Wegbeschreibung stecken im Rucksack, und von Portimão lässt sich ganz bequem Silves erreichen, wo wir auf die Via Algarviana stoßen würden. Ein oder zwei Stunden dem Rio Arade flussaufwärts folgen, mehr ist das nicht. Wir pfeifen drauf, nicht nur weil das Hinterland an diesem Morgen nass und sehr ungemütlich aussieht, auch nicht, weil uns noch das Küstenstück zwischen Portimão und Lagos fehlt, damit unsere Küstenwanderung entlang Portugals Atlantikküste keine Lücke aufweist. Warum genau, wissen wir selbst auch nicht. Irgendwas mit „Och, Küste ist auch ganz schön“ oder so ähnlich. Der wahre Grund dürfte eher darin zu suchen sein, dass, wenn wir schon in den Süden fliegen, das nicht nur wegen schöner Landschaften tun. Das Meer zieht gewaltig – immer noch. Das Wandern entlang der Meeresküsten übt auf uns einen nicht zu unterschätzenden Reiz aus. Dass wir dabei immer mal wieder in total verbauten, scheußlichen Feriengebieten unterwegs sein müssen, ist alles andere als schön, mindert den Reiz jedoch nicht im Geringsten.

An diesem Morgen wird uns das mal wieder bewusst gemacht. Uns bleiben zwei Möglichkeiten, um nach Lagos zu kommen: Entweder klappern wir bis Alvor weiter die Küstenlinie ab, was bis auf ein paar Meter aufs Wandern entlang der öden Hochhauskulisse von Praia da Rocha hinauslaufen wird oder wir nehmen direkt die Nationalstraße, weil wir sonst nicht über den Rio Alvor kommen. Die Fähre, die in der Saison von Alvor zum anderen Ufer übersetzt, fährt jetzt schon lange nicht mehr.

Die Streckenführung der N 125 ist stinkelangweilig. Wir hatten schon bedeutend schönere portugiesische Nationalstraßen unter den Füßen. Positiv zu vermerken ist nur der breite Randstreifen. Sonst aber … Schwamm drüber. In Mexilhoeira Grande gibt es einen kleinen Bahnhof, unter dessen Dach wir vor einen kräftigen Regenschauer Schutz suchen. Zum Glück dauert es noch annähernd 2 Stunden, bis die Verführung in Form eines silbrig glänzenden und nach Dieselabgasen stinkenden Triebwagens der Staatsbahn hier Halt machen wird. Dem Sonntagsfahrplan sei gedankt, sonst wären wir der Versuchung vielleicht erlegen.



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Festung in Lagos

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Igreja de Santo António - Lagos

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Praia de S. Roque: Portugals Freizeitflotte

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Im Hafen: Portugals Fischfangflotte

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In der Markthalle von Lagos



Eine halbe Stunde und zwei Kaffee später gefällt uns die N 125 wieder so gut, dass wir sogar das Angebot eines Einheimischen Autofahrers ablehnen, uns bis Lagos mitzunehmen. Die zwei Runden die er durch den Kreisverkehr gedreht hat waren also umsonst. Vermutlich war er sich nicht ganz sicher, ob wir noch alle Tassen im Schrank haben. Dass uns so was Spaß macht, hat er offensichtlich nicht geglaubt. Nochmal, schon in der Ausfahrt, leuchten die Bremslichter auf, das Auto hält er an und schaut im Rückspiegel nach, ob wir uns auch tatsächlich auf den Weiterweg machen. Ich bilde mir ein, ein leichtes Kopfschütteln gesehen zu haben.

Hinter Odiáxere könnten wir die Nationalstraße verlassen, die immer noch nicht schöner geworden ist. Wir bleiben. Das Städtchen Lagos mit seinem alten Kern und dem langen Strand zieht mehr als die ruhigen Wege durchs hügelige, unspektakuläre Küstenhinterland zwischen Strand und Straße. Damit haben wir doch glatt den Golfplatz von Palmares verpasst. Wie schade, wo Golfplätze hier unten doch so selten sind. Wir verpassen ebenfalls die Lagunenlandschaft im Mündungsdelta des Rio Alvor und die Strandsiedlung Meia Preia. Das ist schade, denn beides wird es aller Erfahrung nach nicht mehr so lange geben. Der ursprünglichen, nur von Portugiesen bewohnten Siedlung am Strand sind die Apartementhäuser für zahlungskräftige Urlauber schon zu dicht auf den Pelz gerückt, um doch noch den Spekulanten zu entgehen. Und dem im Rhythmus der Gezeiten vor sich hindösenden Delta rücken die Golfplätze immer näher.

Lagos ist wie eine alte Bekannte: Man kennt die Macken, weiß wo sie ihre unschönen Seiten versteckt hat und freut sich doch auf ihre offenkundige Schönheit. Die viel gelobte Markthalle wird immer leerer, dafür die bettelnden Frauen in der Fußgängerzone immer mehr. Achtlos laufen die wenigen Besucher und Kundinen, die der Markhalle noch die Treue halten, auf ihrem täglichen Weg zu den Verkaufständen unter den Texten der 2004 verstorbenen portugiesichen Lyrikerin Sophia de Mello Breyner Andresen vorbei. Obwohl ich einen "spanischen Umweg" machen muss, berührt mich der Text, den ich vorsichthalber abfotografiere und Tage später mühevoll übersetze.
Abseits des überschaubaren Zentrums findet man kaum Urlauber, dafür immer mehr Patina, welche hoffentlich nicht in Verfall übergehen wird. Aber so schlau dürfte die Stadtverwaltung sein.

Der beste und schönste Campingplatz liegt mitten in der Stadt auf einer Anhöhe mit Blick auf die Festung und aufs Meer. Leider gehört der Platz dem Militär, man will uns folglich nicht. Der für Normalsterbliche ist nur einen Steinwurf weiter entfernt. Wir verzichten. Die 2 Meter hohe Mauer erinnert eher an ein Gefängnis; und Aussicht gibt es auch keine.




7. Etappe: Lagos bis Salema

Von Lagos bis ans Kap sind wir vor ziemlich genau 2 Jahren schon gewandert. Die ganz große Überraschung werden wir auf dem Weg bis Sagres also nicht mehr erleben. Was soll's. Warm geworden ist es nun auch wieder, und die Regenwolken sind ebenfalls verschwunden. Endlich, könnte man sagen. Zwei Tage wechselhaftes Wetter. Das muss erst mal verarbeitet werden.

Erneut ziehen wir in aller Frühe durch die Stadt, hinaus zum Leuchtturm auf der Ponta da Piedade. Dort einmal um die Ecke biegen und schon verwandelt sich die rot-braune-gelbe Steilküste in eine weiße Steilküste.

Unsere Begleiter auf so gut wie allen Etappen der vergangenen Tage, die Villen und Villensiedlungen, liegen ab Lagos endlich hinter uns. Wenn diese auch nicht sonderlich aufdringlich daher gekommen sind, aber stören tut es doch, wenn ausgerechnet an den schönsten Abschnitten die Bessergestellten Europas sich ihr ganz privates Glück in Form von Stein und Beton realisieren konnten - mag dieses noch so dezent daherkommen. Bis zum Kap, dass wissen wir noch von der letzten Wanderung, wird uns das nun erspart werden. Fragt sich nur, wie lange noch, Sogar im Abstand von nur 2 Jahren, fällt auf, dass einige Dörfer und Strandsiedlungen ihr Glück im ungehemmten Wachstum weißer Feriensiedlungen suchen.



http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/alg-7_0-kueste_lagos.jpg
Bei der Ponta da Piedade

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Vor Porto de Mós

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Vermessungsobelisk oberhalb Luz

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Luz "Kleine, schnuckelige Reihenhäuser" M. Müller 'Algarve'

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Igreja da Luz de Lagos - Luz

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Zwischen Luz und Burgau

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Burgau - 'Zentrum'



Im Örtchen Porto do Mós verlaufen wir uns diesmal nicht. Wie auch. Aus der damaligen Baustelle, durch die wir geirrt sind, ist eine Ferienanlage gewachsen. Todschick und menschenleer. Jede Wohnung ist noch zu haben. Vielleicht schauen wir in 2 Jahren erneut rein, und vielleicht staunen wir dann immer noch über Menschen, die sich in dieser Einsamkeit eine Zweitwohnung zulegen. Bis auf die beiden Strandkneipen gibt es hier nichts. Die Winter in dieser großen, leeren Ferienanlage müssen grausam sein. Stetes, nimmermüdes Atlantikrauschen könnte Folterstatus erlangen.

Der Vermessungsobelisk auf dem Atalaia steht ziemlich genau 109 Meter über dem Meer und wenn man von da oben hinunter aufs Meer schaut, ist das ganz schön tief, obwohl man fast versucht ist ins hier himmelblaue Wasser zu springen. Unten am Strand wuchert Luz langsam aber sicher die Küste entlang. Noch ein weißes Haus, dann noch eins und immer weiter so. Luz ist „British Territory“ in Bestform, in dem die deutschen Kneipen fast nicht auffallen. Luz möchte ich liebend gerne während eines Länderspiels England-Deutschland einen Besuch abstatten. Wer siegen würde, wäre mir wurscht, solange das Spiel nicht Unentschieden endet.

Ungewohnt lang zieht sich der schöne Weg rüber nach Burgau. Weil wir alles das schon kennen? Burgau sieht aus, als hätten die Urlaubsmacher das Dorf übersehen. Sie haben's übersehen! Ein winziger Strand, oben drüber der alte Ortskern, dessen Gassen immer noch so breit sind wie sie einst für Eselskarren geschaffen wurden. Ein Hotel, ein paar Bars, das war es. Mit Burgau werde ich nicht warm. Im Herbst vor 2 Jahren nicht, im heutigen Herbst ebenfalls nicht. Kein Ahnung woran das liegt. Vielleicht weil ich hier jedes Mal die mürrischsten Menschen Portugals getroffen habe. Damals war es der extrem unfreundlich Wirt des Restaurants am Dorfplatz. Wir hatten uns um die Mittagszeit erdreistet einfach nur zwei Kaffee zu bestellen. Dass der uns den Kaffee auf die Terrasse gebracht hatte, war der reinste Gnadenakt. Heute ist es der Inhaber, Sohn, Aushilfe – wer weiß das schon so genau – des Lebensmittelladens oben an der Kreuzung. Meine Frage auf Spanisch nach einer Plastiktüte für die Brötchen, ist mein Todesurteil. Einen weiteren Besuch Burgaus wird es nicht geben.

Nachmittags tauchen in einem engen Taleinschnitt die ersten Häuser von Salema auf. Erstaunlich, was plötzlich im Kopf alles wieder präsent ist, sobald ein markantes Bild auftaucht. Wir freuen uns auf ein gutes Restaurant; und sollte uns der Campingplatz nicht genehm sein, gehen wir eben ins einzige Hotel. Noch erstaunlicher ist unsere Reaktion auf das Auftauchen des Linienbusses mit dem Fahrziel Lagos.



Weiter die Küste entlang bis Porto geht es im Herbst 2008 und im Frühjahr 2009 "Ganz im Westen" (http://www.outdoorseiten.net/forum/showthread.php?34577-PT-Ganz-im-Westen)

BDK
20.07.2012, 13:11
Ich hoffe es spricht nichts dagegen, dass ich so einen "alten" Thread ausgrabe. Toller Bericht, hat mich und einen Freund dazu inspiriert, für diesen Herbst 7 Tage Algarve zu buchen.