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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [MA] Anti-Atlas und Hoher Atlas per Rad



Ro
07.04.2010, 11:00
Land: Marokko
Reisezeit: März 2010
Region/Kontinent: Nordafrika

12. Februar 2010, 5:50 Uhr, Hannover Flughafen.

Zum fünften Mal Marokko. Immer wieder werde ich gefragt ob es nicht langweilig wird. Nein, wird es wirklich nicht, und wer es nicht glauben kann möge bitte selbst mal nach Marokko fahren. Wie immer freue ich mich riesig auf das Land und die Menschen, auf die Muezzine, den thé à la menthe, auf abenteuerliche Pisten und die "Inchallah"-Mentalität (aber bitte nur wenn's uns gerade passt...).

Genial, dass Stefan wieder dabei ist, die Tour letztes Jahr war eine absolut runde Sache und jetzt wollen wir mehr, soll heißen: Hoher Atlas! Ich will mir ja treu bleiben, daher hier noch schnell das obligatorische Vor-der-Tour-Gejammere: Ich bin erkältet. Zudem starke Rückenschmerzen wegen der zurückliegenden harten Umzugswochenenden. Nicht zuletzt völlig außer Form, die letzte Radtour >50 Kilometer war irgendwann im letzten Sommer. Alles Gelaber, ich weiß genau, dass alle Sorgen vergessen sein werden sobald ich erstmal im Sattel sitze. So, Boarding geht los, Film ab!!



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1. Tag -> Taroudannt (64 Km, Schnitt 23 km/h)

Al hamdulilah! Wieder einmal umsonst all meine Sorgen wegen des Fahrradtransports, komplett unversehrt nehmen wir unsere Böcke in Agadir-Al Massira entgegen. Ich weiß gar nicht warum mir das jedes Mal wieder Bauchschmerzen bereitet, bisher gab's eigentlich noch nie Probleme. Unweit des Flughafens kehren wir kurz in einem Café ein, in dem wir schon letztes Jahr waren. Der Besitzer erkennt uns und scheint zu denken, dass wir seit einem Jahr in Marokko umherreisen...


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Heute steht ansonsten nicht mehr als gemütliches Einrollen auf dem Programm, stetiger Rückenwind schiebt uns in Richtung Taroudannt. Unterwegs unzählige nette Begegnungen, schon am ersten Tag grüßen uns hunderte Menschen durch Winken, "Bonjour"-Rufen, Hupen oder Beifall klatschen - hier fühle ich mich wohl! Bemerkenswert sind die augenscheinlichen Folgen des extrem regenreichen Winters: die Landschaft ist satt grün wie ich es hier noch nie zuvor gesehen habe, sämtliche Straßen haben bisher nur notdürftig ausgebesserte Beschädigungen, riesige Pfützen säumen den Weg. Da bin ich ja mal gespannt auf die Pisten die uns in den Bergen erwarten...


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In Taroudannt, meiner Lieblingsstadt in Marokko, gehen wir wie immer ins Hotel Atlas, essen Couscous am Place Assaragh und spielen Billard in einem Kellerloch, umringt von kiffenden Jugendlichen. Alles wie immer, ich fühle mich schon fast zuhause hier. Zur Dämmerung ruft der Muezzin, Gänsehaut, wir kommen an.


2. Tag -> Igherm (86 Km, Schnitt 14 km/h)

Kurz hinter Taroudannt stelle ich fest, dass ich die Schrauben eines Cleats (Schuh-Pedale-Bindung) verloren habe. Von nun an kurbele ich also zunächst asymmetrisch, will sagen einseitig eingeklickt weiter. Mit unrundem Tritt geht's hinein in den Anti-Atlas, gleich zu Beginn der Tour erwarten uns heute rund 2000 Höhenmeter - zum Glück auf Asphalt, die Fitness lässt nämlich noch auf sich warten. Die Landschaft ist idyllisch, überall die typischen Gesteinsmaserungen, mit Blüten übersäte Wiesen, Terrassen und stets im Hintergrund das majestätische Toubkalmassiv.


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Wir tun uns recht schwer, schon früh fangen die Muskeln an zu brennen. So machen wir viele Pausen, schleppen uns voran und erreichen erst gegen 18 Uhr ziemlich ausgepumpt Igherm. Die idealen Bedingungen schreien zwar nach einer Zeltnacht, aber unsere Körper schreien noch lauter: "Dusche! Tajine! Tee!" - und so suchen wir eine freundliche Absteige an der Hauptstraße in Igherm auf. Das Duschwasser ist eiskalt, aber die Tajine ist gut.


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(klick für größere Ansicht)


3. Tag -> ? (73 Km, Schnitt 14 km/h)

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit hält sich der Muskelkater am Morgen doch in Grenzen. Zum Glück, denn wir müssen gleich nach dem Frühstück mit äußerst heftigem Gegenwind kämpfen - ob wir etwa wieder soviel Pech wie letztes Jahr haben? Bei Kilometer 20 beginnt eine geniale Abfahrt, die uns von der kargen Hochebene hinab in eine herrliche, von Palmen gesäumte Schlucht führt. In der Oase Tagmoute machen wir ausgedehnt Mittagspause mit Omelett und Tee, der Café-Inhaber erzählt uns von einem großen Festival, dass in 10 Tagen in Imi-n-Tatelt, also hier in der Nähe beginnen soll. Da kommen wir leider zu früh...


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Wenig später erreichen wir den Pisteneinstieg, mit der mühsamen Querung des breiten Oueds Tata beginnt eine neuerliche Fahrt ins Ungewisse: Über diese Piste habe ich keinerlei Informationen im Vorfeld auftreiben können, abgesehen davon, dass man sie in GoogleEarth erkennen kann. Das sind meine Lieblingsstrecken, man weiß nie was kommt. In der Tat ist die Piste zunächst etwas besser als selbst ich Optimist erwartet hatte, sogar mit Jeep befahrbar!


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Bei großer Hitze hoppeln wir langsam das Tal hinauf. Das große Spektakel bleibt zunächst aus - oder bin ich einfach nur zu verwöhnt? Die Einsamkeit ist jedenfalls herrlich, nicht ein einziger Mensch begegnet uns mehr heute. Wir biwakieren daher auch direkt neben der Piste. Zu Essen gibt es Piratensuppe mit Graupen, ein toller Abend, nur Feuerholz fehlt zur Perfektion. Plötzlich ein Aufschrei, Stefan hat sein AirBerlin-Kissen in Igherm liegen lassen - ich lache mich kaputt...


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Fortsetzung folgt...

Dogeared
07.04.2010, 11:06
Hey Ro!


Endlich wieder ein neuer Marokko-Reisebericht! Ich war schon ganz gespannt wo es Dich dieses Mal hinverschlägt.
Lass uns nicht zu lang auf die Fortsetzung warten :)


Grüße
C.

Ro
07.04.2010, 11:10
Hi,



Lass uns nicht zu lang auf die Fortsetzung warten :)

Heute nachmittag gehts weiter... ;-)
Aber auf den Bericht zu Tag 15, dem wohl unglaublichsten aller meiner Reisetage, musst Du wohl noch ein paar Tage warten. ;-) (Appetit angeregt? :bg:)

Gruß
Roland

Ro
07.04.2010, 15:23
4. Tag -> hinter Akka-Irhén (75 Km, Schnitt 15 km/h)

Um 7 Uhr passieren wir einen noch verschlafenen Ort, man merkt, dass hier eher keine Touristen durchkommen: Die Frauen verdecken hastig ihre Gesichter und die Kinder starren uns nur mit großen Augen schweigend nach anstatt zu betteln. Ein süßes Mädel winkt schüchtern, verbirgt dabei aber die Hand unterm Schleier. Kurz darauf machen wir eine lange Frühstückspause, kochen Kaffee und braten Cabanossis. Stefan hat schon seit Beginn der Tour einen schleichenden Plattfuß und erwägt nun, ihn zu flicken, entscheidet sich letztlich aber dazu lieber wie bisher gelegentlich zu pumpen.


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Nach einem kleinen Pass folgt eine steinige Abfahrt, der sich einige noch steinigere, lange Oued-Passagen anschließen. Wir schieben jetzt viel, motorisierte Fahrzeuge kommen hier derzeit nicht durch, zu heftig hat das Wasser gewütet.


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In einer Oase reißt ein Haken meiner Lowrider-Taschen ab, wir flicken mit Kabelbindern. Während wir da so werkeln kommt eine sehr alte Frau mit schwerer Last vorbei, die uns prompt zum Tee einlädt. Schnell verselbständigt sich die Situation, Hamed, der Hausherr, erscheint und besteht darauf, dass wir zum Essen bleiben. Ein sehr sympathischer Mann mit tief eingegrabenen Lachfalten, man könnte ihn auch für einen Clown halten. Kurz darauf sitzen wir mit ihm, seinem Vater und vier Söhnen - die Töchter schauen von der Tür aus zu - in seinem Haus und trinken Tee. Nach einiger Zeit kommt eine Tajine auf den Tisch, aus der wir zu acht mit den Händen essen. Ein Stück Fleisch, um genau zu sein ein Stück dickwulstige Hühnerhaut, bleibt bis zum Ende liegen. Gastgeber Hamed macht mit Gesten klar, dass dieses "beste Stück" des Tieres wohl für mich, auf jeden Fall aber für uns vorgesehen ist. Stefan hilft mir zum Glück aus der Patsche, schnappt sich das Stück und schlingt es herunter - Hamed lächelt zufrieden. Anschließend gibt's nochmal Tee, ein Gebet wird gesprochen und wir werden herzlich verabschiedet.

Gegen Mittag erreichen wir die Asphaltstraße nach Akka-Irhén, bisher stehen 29 Km mit einem Schnitt von gerade einmal 9 km/h zu Buche. Doch jetzt wendet sich das Blatt, bei leichtem Rückenwind, 1-2% Gefälle und mit David Bowie im Ohr (in meinem Fall) fliegen wir mit 40 km/h durch die öde Steinwüste. Der Ort Akka-Irhén wirkt, wie schon letztes Jahr, sehr unangenehm auf uns: Die Kinder betteln aggressiv, das "Bonjour" wird einem hier nur so entgegen gebrüllt. Woran das liegt wird auch gleich klar, als ein Ausflugsjeep-Konvoi aus Tata eintrifft und ein Bündel Touristen, darunter Frauen in kurzen Röcken und schulterfreien Tops, auswirft. Gruselig, wir drücken uns schnell ein paar ziemlich perverse frittierte Fische rein und verkrümeln uns in Richtung Wüste.


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Auf der sich anschließenden schönen Piste reißt eine Lowrider-Schraube aus meiner Gabel, das Gewinde nimmt sie gleich mit. Sei's drum, ein bisschen Schwund ist immer, eine Schlauchschelle tut's auch. Wir zelten neben der Piste, kochen Reis in "Schinkenklößchensuppe Österreich mit Frittaten" und genießen den Abend am Lagerfeuer.


5. Tag -> Pass vor Issil (42 Km, Schnitt 6 km/h)

Nach Kaffee und gebratenen Cabanossis zum Frühstück steigen wir gegen 7 Uhr wieder in den Anti-Atlas ein. Die Piste ist zunächst einigermaßen in Ordnung und führt durch eine weite, von Palmen übersäte Schlucht. Das Oued führt sogar noch fließend Wasser, hätte ich hier nicht mit gerechnet. Wir passieren eine gewaltige Kasbah und zwei gar nicht mal so kleine Orte, unfassbar, dass die Michelin-Karte hier in der Gegend nichts verzeichnet.


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Im Laufe des Tages verschlechtert sich der Zustand der Piste leider dramatisch, die Schiebepassagen werden immer länger, keine Chance mehr für Jeeps hier. Wir kommen kaum noch voran, Stefan hat auch noch zwei Platten, jeweils von Dornen verursacht. Die Hitze macht uns zusätzlich zu schaffen und als wir nachmittags den Fuß des Passes vor Issil (der nächsten Versorgungsmöglichkeit) erreichen, haben wir gerade noch 2,5 Liter Wasser...


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Jetzt legt die Piste aber erst richtig los, windet sich steil den Berg hinauf und ist in weiten Teilen nichts anderes als eine Geröllhalde, über die es nun 800 Höhenmeter hochzuschieben gilt. Schnell wird klar, dass wir es heute nicht mehr über den Pass schaffen, also heißt es Wasser sparen, was uns nicht leicht fällt. Aus einem vom Regen übrig gebliebenen grünlichen Tümpel füllen wir uns sicherheitshalber mal Wasser ab...


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Als es dämmert fehlen uns noch 150 Höhenmeter zum Pass, 1 Liter Wasser ist jetzt noch übrig. Noch nie zuvor hab ich mich so verkalkuliert, ärgerlich. Die Piste bietet keinerlei Möglichkeit das Zelt aufzubauen, stattdessen legen wir uns mit unseren Matten auf kleine Plateaus in der Felswand und nennen das Ganze die "Nacht auf dem Affenfelsen". Nach einem spartanischen Abendessen zählen wir noch einige Sternschnuppen, fantastisch wie immer auch die hell leuchtende Milchstraße.


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Fortsetzung folgt...

Christoph_
08.04.2010, 18:15
Sehr schöne Bilder und interessanter Bericht!

Für mich geht es in 5 Wochen nach Marokko, daher schön hier vorher noch einen Bericht serviert zu bekommen. :) Ist für mich das erste Mal, dass es nach Marokko geht. Werde die Aktivität aufs Wandern beschränken und den Jebel Toubkal besteigen und im Anschluss daran noch für paar Tage in dem umliegenden Gelände wandern. Außerdem dann noch einen kurzen Abstecher per Kamel in die Sahara.

Mir scheint das Marokko gerade für Fahrradfahrer ein sehr beliebtes Ziel ist.

Schönen Gruß
Christoph

Ro
08.04.2010, 19:09
Hi Christoph,
scheinbar hast Du Deine Tour schon gut geplant, ansonsten würde ich Dir nämlich eine Alternative zum Toubkal vorschlagen. Toubkal wird Dir schon gefallen, keine Frage, aber die ganze Region um Imlil ist halt sehr touristisch - was in Marokko wirklich kein Prädikat der Güte ist.
Mit den Radfahrern hast Du recht, es gibt sogar eine Internetseite mit Forum nur übers Radeln in Marokko: marokko-per-rad.de (http://www.marokko-per-rad.de) (ich bin da nicht unbeteiligt, aber es ist nichts Kommerzielles)
Viel Freude an Deiner Tour!
Roland

peter-hoehle
09.04.2010, 16:08
Seeeehr schöner Anfang :grins:
Interessant ist immer wieder die
Gastfreundschaft in solchen Ländern.
Freu mich schon auf die Fortsetzung.:popcorn:

Gruß Peter

Ro
09.04.2010, 16:13
Hi Peter,
und da kommt sie auch schon, noch mehr Gastfreundschaft inklusive... ;-)


6. Tag -> Agdz (57 Km und einige mit dem Taxi, Schnitt 17 km/h)

Das Frühstück ist heute eher dürftig, für jeden ein halbes Brot, Kaffee kochen ist nicht mehr drin, auch ansonsten sind unsere Vorräte aufgebraucht. Immerhin - al hamdulilah! - in Passnähe wird die Piste wieder befahrbar. Am Pass selbst eröffnet sich eine grandiose Aussicht auf die Ebene vor Tazenakht, die zumindest kurz die zurückliegenden Entbehrungen nichtig erscheinen lässt.


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Nach der kurzen Abfahrt irren wir auf der Suche nach Wasser durch das urige Gassengewirr von Issil. Gerade ist eine Kuh ausgebrochen und springt nun wild zwischen den Lehmhäusern umher. Stefan schaltet schnell, springt vom Rad, jagt ihr hinterher und bekommt sie am Hals zu fassen. Sie reißt sich nochmal von ihm los, wenig später ist ihre Flucht jedoch endgültig beendet. Es folgt das Unvermeidliche, wir werden zum Tee eingeladen, diesmal ungewöhnlicherweise von einem kleinen Mädchen. Der Hausherr ist aber auch bald zur Stelle und für die Fremden wird sogleich wieder nur das Beste aufgetischt: Neben Tee noch frischgebackenes Brot, zerlassene Butter, Olivenöl, Omelett, Datteln und frische Milch, bei der wir nicht sicher sind ob sie von Kuh oder Ziege stammt. Die Atmosphäre ist lustig, unser Gastgeber scheint gar nicht so richtig zu realisieren, dass wir kein Arabisch können und plappert in einem fort auf uns ein. Seine Tochter Zahra, die etwa so gut wie ich französisch spricht, macht sich über ihn lustig, übt sich in Konversation und zeigt uns stolz wie Oskar ihr Abschlusszeugnis aus der Grundschule. Stefan und ich fühlen uns pudelwohl, könnten ewig hier ausharren, brechen aber auf als der Vater uns klar macht, dass er noch arbeiten muss. Als wir das Haus verlassen werden wir vor der Tür schon von etwa 30 Kindern und Frauen neugierig erwartet, hat sich also wie immer schnell rumgesprochen dass Touristen da sind...

Nach Issil ist die Piste sehr gut befahrbar und wir kurbeln die verbliebenen 40 Km bis Tazenakht flott herunter. Dort angekommen ordern wir erstmal Kefta und überlegen uns in Ruhe, wie die Tour weitergehen soll. Die Schneeverhältnisse sprechen zwar ein bisschen gegen den Hohen Atlas, aber wir sind der Steinwüste etwas überdrüssig und entscheiden uns daher, von nun an Kurs auf die Berge zu nehmen. Nächstes Ziel ist damit Agdz! Die eher langweilige Straße dahin bin ich schon zweimal gefahren, für Piste haben wir gerade keine Energie mehr, also springen wir kurzentschlossen nach dem Essen in ein Taxi. 300 Dh kostet die Höllenfahrt, die wir entgegen allen Naturgesetzen überleben - um 16 Uhr setzt uns der Schumacher-Verschnitt am Ortseingang von Agdz ab. Wir brauchen einen Ruhetag und wählen dafür mit dem Hotel Kissane die beste bzw. vielmehr die teuerste Unterkunft vor Ort.


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Der Ruhetag besteht unter anderem aus Oasenspaziergängen, einem Souk- und einem Coiffeur-Besuch, vor allem aber nutzen wir das Gratis-Billard-Angebot unseres Hotels.


8. Tag -> Sarhro-Gebirge (55 Km, Schnitt 11 km/h)

Beim Bezahlen des Hotels fällt mir ein ungewöhnlich hoher Posten auf der Rechnung auf, woraufhin der Chef meint, dies sei fürs Frühstück. Kurze Rechnung ergibt, dass wir demnach 13 Frühstücke bezahlen würden. Schwacher und undurchdachter Versuch, das Trinkgeld zudem verzockt... Wir düsen das Draa-Tal hinab und kehren an der Kreuzung in Tansikht in dem fantastischen Restaurant ein, wo ich schon drei Jahre zuvor mit Till versackt war. Auch diesmal wird es eine sehr ausgiebige Pause, von dem paradiesischen Garten kann man sich schlecht losreißen.


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In brütender Mittagshitze steigen wir in die wenig bekannte Sarhro-Piste in Richtung El-Kelaa M'gouna ein, ich bin gespannt was uns hier wieder erwartet. Von nun an geht es den Rest des Tages nur noch bergauf. Zunächst folgen wir einem Oued, das sogar noch Wasser führt und etwa ein Dutzend Male gequert werden muss. Bei den letzten Querungen versuche ich es brachial mit Schwung, bekomme einmal prompt nasse Füsse...


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Irgendwann verlassen wir das Tal und fahren auf sandiger, teils schwerer Piste steil hinauf in eine Sarhro-typische Mondlandschaft. Wir folgen schließlich einer Art Kammweg, links und rechts von uns liegen tiefe Schluchten, die Fernsicht in Richtung Draa-Tal ist grandios. Auf 1750 Metern Höhe entdecken wir den seit einiger Zeit ersten möglichen Zeltplatz und schlagen erschöpft wie wir sind prompt zu. Zu Abend gibt's Hühnersuppe mit Nudeln, dazu Sterne satt.


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9. Tag -> El-Kelaa M'gouna (81 Km, Schnitt 11 km/h)

Nachts wird es unerwartet stürmisch, das schlecht abgespannte Zelt biegt sich und flattert wild, wir schlafen unruhig. Als die Sonne aufgeht legt sich der Wind aber glücklicherweise. Früh am Morgen erreichen wir eine Art Hochplateau, auf den nächsten 30 Km pendelt die Piste ständig zwischen 1800 und 2100 Metern Höhe auf und ab. Das Radeln macht Spaß hier oben, nach furiosem Beginn wird die Landschaft aber leider zunehmend öder und langweiliger.


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Auf unseren GPS-Displays lacht uns ein Wegpunkt namens "Gites 4" an, den ich vor der Tour von Ralf aus dem marokko-per-rad.de Forum zugespielt bekommen habe. Wir glauben nicht wirklich daran, dass in dieser menschenleeren Gegend eine Gites d'Étape sein könnte, freuen uns dann aber natürlich umso mehr, als sie tatsächlich auftaucht. Wir bekommen eine riesige Kanne Tee und das bisher beste Berberomelett der Tour, einfach perfekt!


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Kurz danach beginnt der lange Abstieg in Richtung El-Kelaa M'gouna, gerade rechtzeitig bessert sich der Zustand der Piste erheblich. Auch die Szenerie gewinnt wieder an Reiz, viel Vulkangestein bildet tolle Kontraste zu den gelben Blütenmeeren - die Abfahrt ist ein rauschendes Fest! In El-Kelaa M'gouna steuern wir wieder einen Wegpunkt von Ralf an, diesmal treffen wir mit dem Hotel Aflafal auf genau die Art von Unterkunft, die wir jetzt brauchen: günstig, sauber, mit nettem angeschlossenen Café - Shukran, Ralf!


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Wir legen wieder einen Ruhetag ein um anschließend fit in den Hohen Atlas starten zu können. Ironischerweise "verletze" ich mich ausgerechnet am Pausentag, klemme mir beim Billard den Daumen in der Bezahlmaschine ein und hole mir so einen prächtigen Bluterguss unterm Nagel...



Fortsetzung folgt...

Christoph_
09.04.2010, 17:00
Hi Roland,

ich habe schon gehört, dass die Gegend recht üerlaufen sein soll. Setze meine Hoffnung aber darauf, dass die meisten einfach zur den Weg zum Toubkal rauf wollen. Hatte erst auch überlegt was am Jebel Sahro zu unternehmen, aber mir dann doch wieder anders überlegt. So richtig viele Informationen findet man nicht zu den ganzen Tracks.

Lass deine Vorschläge ruhig mal hören. Pläne sind eh nur gemacht um wieder verworfen zu werden. ;-)

burger
09.04.2010, 17:13
Hi Roland,

ich habe schon gehört, dass die Gegend recht üerlaufen sein soll. Setze meine Hoffnung aber darauf, dass die meisten einfach zur den Weg zum Toubkal rauf wollen. Hatte erst auch überlegt was am Jebel Sahro zu unternehmen, aber mir dann doch wieder anders überlegt. So richtig viele Informationen findet man nicht zu den ganzen Tracks.

Lass deine Vorschläge ruhig mal hören. Pläne sind eh nur gemacht um wieder verworfen zu werden. ;-)

hi, bin vom 6-20.5 im toubkal. laß mich auch gerne inspirieren....
bei den schönen bildern will ich soofooort los

Ro
09.04.2010, 17:35
Setze meine Hoffnung aber darauf, dass die meisten einfach zur den Weg zum Toubkal rauf wollen.
Kann durchaus gut sein dass diese Rechnung aufgeht. Ich selber war ja noch nie nah am Toubkal, meine Eindrücke stammen nur aus Erzählungen.


Hatte erst auch überlegt was am Jebel Sahro zu unternehmen, aber mir dann doch wieder anders überlegt.
Besser so, ist ein bisschen heiß da Anfang Mai.


Lass deine Vorschläge ruhig mal hören.
Gerne: Nimm den zweithöchsten Berg Marokkos, den Mgoun. Wobei, um ehrlich zu sein, ich weiß nicht ob die Besteigung selbst besonders interessant ist, ich steig ja nicht auf Berge. Aber die ganze Region um den Mgoun ist einfach herrlich und man kann da tolle Trekkingtouren machen. Zum Beispiel nordöstlich vom Gipfel im Ait Bougemez Tal starten (alternativ von Bou Thrarar), erstmal Richtung Tizi-n-Ait Imi, dann nach Westen rüber zum Gipfel. Anschließend noch Mgoun-Schlucht, das muss toll sein, und zuletzt das Tessaouttal, ein absoluter Traum und (noch) total urtümlich. Und Du bist nah an den anderen Standardattraktionen wie Dadestal, Rosental, Ait Benhaddou und auch Wüste. Also ich kenne die Region nur vom Fahrradsattel aus, aber wenn ich mal ne Trekkingtour in MA machen würde dann definitiv dort!

Aber ich will Dir den Toubkal auch nicht madig machen... :cool:

Gruß
Roland

Nammalakuru
09.04.2010, 19:26
Herzlichen Dank für den Bericht! Marokko steht - nach wie vor :roll: - auf meiner Liste.

Beste Grüße,
Nam

peter-hoehle
09.04.2010, 21:51
@ Roland.....:grins::grins::grins::grins::grins:
ein wunderschöner Bericht.
Besser wie jeder Fernsehabend.

Gruß Peter

paddel
10.04.2010, 07:40
ein wunderschöner Bericht.
Besser wie jeder Fernsehabend.

Das kann ich nur bestätigen!

Ro
12.04.2010, 20:55
11. Tag -> Msemrir (96 Km, Schnitt 17 km/h)

Endlich hinein in den Hohen Atlas!! Zunächst folgen wir dem Rosental, von dem man wie erwartet von der Straße aus nicht viel sieht. Ich erwarte die Überquerung eines kleinen Passes vor Bou Thrarar, doch stattdessen folgt die Straße stur dem Fluss - umso besser, so sparen wir Kräfte. Nach dem kurzen, angenehmen Pistenstück hinter Bou Thrarar erreichen wir die mir schon bekannte Dadesschlucht. Ich bin allerdings kaum weniger begeistert als bei meinem ersten Aufenthalt hier, die Schlucht ist einfach traumhaft schön! Wir passieren die bekannten Attraktionen wie die Kasbah Ait-Arbi und die "Gehirnfelsen". Beim Fotografieren von Letztgenanntem rutscht Stefan weg und landet mit dem Hosenboden genau in einem Dornenbusch. Es folgt Gejaule und langwieriges Entfernen der Dornen, ich kann nicht anders als ihn auszulachen.


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Später essen wir ein fürstliches Menü in der Auberge Tissadrine, wo ich drei Jahre zuvor mit Till übernachtet hatte. Danach geht's die berühmten Serpentinen hoch, von den Wohnmobilisten wahlweise angefeuert (danke, das freut uns!) oder verständnislos angestarrt (danke, das finden wir lustig!). Wir haben gute Beine und hängen sogar einen LKW ab, der sich unter ohrenbetäubendem Motorengeheul hinauf kämpft. Danach passieren wir die Engstelle der Schlucht, leider dieses Mal kaum Wasser auf der Straße, wie langweilig. Später dann die Aussicht auf den in einem Canyon mäandernden Dades kurz vor Msemrir, wundervoll!


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(klick für größere Ansicht)

Msemrir selbst schließlich, Julius' weise Warnung vor diesem "elendigen Kaff" im Ohr, in der Tat ist's hässlich und unangenehm. Schnell rein in eine Absteige, oho - die Dusche wird sogar fast heiß. Zum Abendessen noch eine Tajine, alles bestens. Obwohl ich heute fast 80% der Strecke bereits kannte war es dennoch die bisher schönste Etappe der Tour!


12. Tag -> Agoudal (67 Km, Schnitt 11 km/h)

Am Morgen verlassen wir Msemrir auf guter Piste in Richtung Tizi-n-Ouano. Wir folgen einem weiten Tal und passieren mehrere, größtenteils ziemlich hässliche Siedlungen. Viele der Kinder hier sind echte Blagen, es wird aggressiv gebettelt und gelegentlich auch mal an den Packtaschen gezerrt. Ich bin froh hier nicht alleine unterwegs zu sein, so kann man sich wenigstens zusammen über die Nervensägen lustig machen. Hier mal die meines Erachtens beste Taktik für Steine werfende Kinder: Sobald der Stein fliegt eine Vollbremsung einleiten, das Rad auf den Boden werfen und dem Bengel wie wild hinterherrennen (um dann nach einigen Metern laut fluchend die Verfolgung abzubrechen). So bekommt der Sünder einen Schock, den er so schnell nicht wieder vergisst, und man selbst fühlt sich als Sieger und kann über die an sich unschöne Szene letztendlich lachen. Stefan und ich verfahren jedes Mal so, wer weiß, wie viele Kinder in Zukunft vom Steinwurf Abstand halten...

Das Tal wird schließlich enger, eine einfache Furt ist zu bewältigen, dann beginnt der eigentliche Aufstieg zum Tizi-n-Ouano. Gestärkt durch köstliche Piri-Piri Ölmakrelen schrauben wir uns relativ problemlos auf immer noch guter Piste den Pass hinauf. Leider ist die Sicht durch den stürmischen Wind extrem eingeschränkt, nur selten kann man die uns umgebenden schneebedeckten Riesen durch den in der Luft liegenden Staubschleier erahnen. Eine große Eselkarawane kommt uns entgegen, etwa 25 Tiere und ebenso viele Frauen, von denen jede Einzelne von uns Essen und/oder Trinken haben möchte. Viel können wir aber natürlich nicht entbehren... Nachdem wir stundenlang keine Autos mehr gesichtet haben kommen wir kurz vorm Pass plötzlich in eine Art Stau: Ein Konvoi von etwa 10 Jeeps und einigen Cross-Maschinen hat Probleme, kann die für uns harmlosen Schneebretter hier oben nicht passieren. Ein Jeep hängt sogar bereits leicht bedrohlich schräg am Hang. Es handelt sich größtenteils um Russen, einige sind sehr nett, andere offensichtlich davon angepisst, dass wir problemlos durchkommen während sie wahrscheinlich noch einige Stunden lang Schnee schippen müssen. Eine gewisse Schadenfreude können wir natürlich auch nicht verbergen...


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Kurz danach der Pass, 2913 Meter Höhe zeigt mein GPS, so hoch war ich noch nie zuvor mit dem Rad. Dafür allerdings seltsam unspektakulär der Pass... Die Abfahrt hat es dann aber in sich, hier am Nordhang ist es noch extrem matschig, auch Schnee ist hier noch deutlich mehr als in der Auffahrt. Die Matschklumpen fliegen mir ins Gesicht (keine Schutzbleche) während Stefans Räder alle paar hundert Meter blockieren (Schutzbleche). Wir kommen quasi gar nicht mehr voran, es bleibt letztendlich keine Wahl: Die Schutzbleche müssen abmontiert werden, eine zeitraubende Angelegenheit. Danach rollt es etwas besser, jetzt noch ein paar harmlose Furten, bei denen wir uns beide nasse Füsse holen, weil wir zu faul zum Absteigen sind.


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Danach die Einfahrt nach Agoudal, wieder extrem ätzende Kids, ein Bengel schießt mit der Steinschleuder auf Stefan! Schnell rein in eine etwas abgelegene Auberge und einmal tief durchatmen. Doch noch ist dieser irre Tag nicht fertig mit uns, kurz vorm Einschlafen entdeckt Stefan einen Skorpion an der Wand unseres Hotelzimmers! Armes Tier, es muss den Löffel abgeben, damit wir ruhig schlafen können... :(


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Fortsetzung folgt...

j.c.locomote
13.04.2010, 14:00
Toller Bericht und tolle Bilder!
Kann kaum den nächsten Abschnitt abwarten.
Und das Bild der Blumenräder ist genial :bg:

Mika Hautamaeki
13.04.2010, 15:56
Sehr schoene Gegend. Ich find es immer wieder lustig, dass man Marokko mit der Sahara und somit mit Hitze und Sand in Verbindung bringt und am Ende Bilder mit Schnee sieht.

Ro
13.04.2010, 18:20
Und das Bild der Blumenräder ist genial :bg:
Endlich würdigt jemand unsere Blumen! Die Marokkaner haben die nur selten kommentiert, vielleicht einfach zu normal dort, haben sie schließlich selber alle im Auto auf dem Armaturenbrett. Hier noch ein Bonus, weil ich so stolz auf die Blumen bin: :grins:


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Ich find es immer wieder lustig, dass man Marokko mit der Sahara und somit mit Hitze und Sand in Verbindung bringt und am Ende Bilder mit Schnee sieht.
Der Schnee schockiert mich auch jedes Mal aufs Neue... :roll: Mein Bericht vom letzten Jahr (http://www.outdoorseiten.net/forum/showthread.php?t=34893) passt etwas besser in die Marokko-Schublade. ;-)

Ro
20.04.2010, 18:59
Und weiter gehts, das "Highlight" der Reise naht... :cool:

13. Tag -> Imilchil (35 Km, Schnitt 21 km/h)

Wir sind ziemlich ausgelaugt, daher steht heute nicht mehr als ein bisschen "Sonntagsradeln" auf dem Programm. Gemütlich kullern wir das idyllische Melloultal nach Imilchil hinunter. Die sagenumwobene "piste des cols", die wir in Bouzmou steil den Berg hinauf führen sehen, fällt flach, denn auf noch mehr Schnee und Matsch haben wir definitiv keine Lust. In Imilchil finden wir mit der Auberge Todra eine tolle Unterkunft: Der Inhaber arbeitet auch als Bergführer, kann uns zu sämtlichen uns interessierenden Pisten Auskunft geben. Ich lasse mir noch den Bart scheren, ansonsten hängen wir den Rest des Tages rum.


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14. Tag -> zw. Tarssout und Tassreft (43 Km, Schnitt 10 km/h)

Einigermaßen erholt passieren wir morgens um 9 Uhr den Lac Tislit. Nach einem kleinen Pass folgt eine tolle Abfahrt bis zum Abzweig nach Anergui. Direkt am Einstieg in die Piste ist ein Oued zu queren, für Fahrzeuge ist hier bereits Endstation. Wir haben Spaß, ich werfe die Taschen über das rauschende Wasser hinweg, Stefan fängt sie drüben auf. Spektakulär ist - wie so oft in Marokko - der abrupte Wechsel der Landschaftsform: Eben noch nichts als Geröll, sorgt nun üppige Bewaldung für mediterranes Flair. Die Piste könnte in einem guten Zustand sein, ja wenn sie nur nicht von den Niederschlägen dieses Winters an unzähligen Stellen komplett zerschossen worden wäre.


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Auf einer Art Hochebene versinken wir im Folgenden im Schlamm, Piste und Oued sind hier ein und dasselbe. Wir kommen kaum vorwärts und kochen uns erstmal Reis zur Stärkung. Etwas später häufen sich die Warnungen vorbeiziehender Eselreiter, ein unpassierbares Oued soll bald folgen. Oje, das hat uns jetzt gerade noch gefehlt...


http://www.esgibtkeinesackgassen.de/Marokko5/Fotos/berichtout/124.jpg (http://www.esgibtkeinesackgassen.de/Marokko5/Fotos/berichtout/124.jpg)
(klick für größere Ansicht)

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Und in der Tat, wir treffen auf eine enge Schlucht, durch die ein etwa 80 cm tiefes schnelles Oued rauscht. Absolut grenzwertig, zumal mit den Rädern. Uns kommen drei Mulireiter entgegen, sie blicken skeptisch auf die Räder - "impossible", keine Chance meinen sie. Als ich daraufhin mit einem 100-Dirham-Schein winke ändern sich die Vorzeichen schlagartig, sie springen aus dem Sattel und sind nun bereit uns zu befördern. Allerdings wollen sie das Doppelte. Es beginnt ein zähes Verhandeln, ich bestehe auf meinem letzten Angebot, 150 Dirham, 50 für jeden von ihnen. Sie winken ab und steigen wieder in den Sattel, na gut, ich stecke das Geld wieder ein. Diese Pokerrunde geht an mich, sie steigen wieder ab, dann doch lieber 150 Dirham, Handschlag drauf, los geht der wilde Ritt. Alles rauf auf die Mulis, dreimal muss der Fluss gequert werden, warum hat dieses Tier bloß keine Haltegriffe?! Doch wir kommen heil hinüber, al hamdulilah, was für eine lustige Begebenheit...


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Die Landschaft ist im Folgenden paradiesisch, große Schneewände an den Bergen, blühende Mandelbäume, leuchtend grüne Wiesen, dazu das rauschende Oued - einfach herrlich! Leider macht nun Stefans Freilauf Probleme, er scheint endgültig ausgeleiert, erste Anzeichen gab es schon vor Tagen. Die steilen Stücke - von denen es hier leider sehr viele gibt - schieben wir daher gezwungenermaßen. Wir passieren den widerlichen Ort Tarssout, selten zuvor ist uns soviel Feindseligkeit wie hier entgegengeschlagen. Besonders unangenehm sind drei Jugendliche, die an einem im Oued steckengebliebenen Laster arbeiten. Einer mit schiefen Mundwinkeln fordert mich giftig gleich mehrere Male dazu auf, wir sollen bei ihm übernachten - nein danke, lieber schnell weg hier. Bald darauf steuern wir einen idyllischen Zeltplatz am Oued an, um noch Zeit für Reparaturen zu haben. Am Freilauf ist aber nix zu machen, hoffentlich hält er bis Marrakesh! Noch schnell ein paar Nudeln gekocht und ab in den Schlafsack, Wahnsinn wie schnell es hier oben nachts auskühlt.


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15. Tag -> ?

Um 6 Uhr krabbele ich aus dem Zelt, will Kaffee kochen. Das Feuerzeug sei in der Lowrider-Tasche bei seinem Fahrrad meint Stefan. Aber wo ist das Fahrrad? "Verarsch mich jetzt nicht", erwidert Stefan aus dem Zelt heraus, doch leider tue ich das nicht, das Rad ist weg!!! Und mit ihm eine Lowrider-Tasche. Beides stand direkt neben dem Zelt, wegen dem rauschenden Oued haben wir aber nichts gehört. Wir sind völlig geschockt, Stefan springt aus dem Zelt, durchsucht erstmal seine anderen Taschen: Glück im Unglück, alle Wertsachen sind noch da. Aber was nun? Wir entscheiden schnell, wollen keine Zeit verlieren: Stefan soll schonmal alles zusammenpacken, während ich ins nächste Dorf (Tassreft) fahre, um dort ordentlich Alarm zu schlagen. Ich könnte ebensogut nach Tarssout zurückfahren, aber irgendwie erhoffe ich mir dort wenig Hilfe...


Wie ich finde eine schöne Stelle um die Geschichte zu unterbrechen, daher: Fortsetzung folgt... ;-)

j.c.locomote
20.04.2010, 19:54
Boah, wie fies hier zu unterbrechen! :motz::grins:
(Aber das mit dem Rad ist krass :grrr:)

Besonders das letzte Bild finde ich genial: Gras, Schnee und Geröll in einem Bild.

schlafsack
22.04.2010, 20:49
Gaaa, wie gemein den Bericht hier zu unterbrechen, wo es gerade so spannend ist :motz:;-)
Sehr schöner Bericht, besonders die Bilder, aber auch dein Schreibstil gefällt mir gut.

Vielen Dank,
hannes

Ro
23.04.2010, 12:25
Wieso spannend? Ohne Fahrrad ist der Urlaub doch gelaufen... ;-) :baetsch:
Ansonsten danke für die Blumen. :D

Ro
25.04.2010, 17:40
Weiter geht's, die nächsten beiden Kapitel werden allerdings seeehr textlastig...


Also schnell die Taschen vom Rad und los geht’s, fünf Kilometer auf kaputter Piste den Berg hoch. Am Anfang ist sogar die Spur von Stefans Rad sichtbar, Richtung Tassreft führend. Nach ein paar hundert Metern bricht sie allerdings ab, eine falsche Fährte vermutlich (denn im Gegensatz zu den Bewohnern von Tarssout hatte uns niemand aus Tassreft am Vorabend sehen können). In Tassreft angekommen herrscht Totenstille, alles schläft noch. Ich fahre durch die Gassen, mache ein bisschen Lärm, bis mich schließlich der bärtige Said entdeckt. Er kann ein paar Brocken französisch, versteht zumindest, dass ich ein großes Problem habe. Er fordert mich auf ihm zu folgen und so ziehen wir durchs Dorf: Er klopft an verschiedene Türen, redet mit verschlafenen Gestalten, weckt schließlich resolut Norredine, einen französisch sprechenden Studenten aus Beni Mellal, einige Jahre jünger als ich. Ich schildere ihm die Situation, er reibt sich die halboffenen Augen, was ich jetzt tun wolle? Na ja, ich will die Gendarmerie so schnell wie möglich hier haben und dann das andere Dorf auf den Kopf stellen. Langsam wird er wacher, "d'accord, d'accord", zieht sich was über und wir gehen zurück in die Dorfmitte. Er erklärt mir, dass wir nicht die Gendarmerie rufen können, das könnten nur die zuständigen Autoritäten hier in der Region, an sie müssen wir uns zunächst wenden. Mir erst mal egal, Hauptsache es passiert was! Er weckt den Besitzer einer Teleboutique, dann führen er und Said etwa ein Dutzend Telefonate. Alle Autoritäten schlafen noch... Kann ich nicht vielleicht doch die Gendarmerie anrufen? - Nein, auf keinen Fall... Na gut, dann möchte ich jetzt in das andere Dorf fahren, gibt’s hier einen Jeep? - Nein, nur einen Pickup mit Zweiradantrieb... Können wir es damit versuchen? - Ja, eventuell, wenn ich den Fahrer bezahle... Klar, mache ich! - Aber erst mal muss der Fahrer noch frühstücken... :sleep:

Hassan tritt auf den Plan und lädt mich zum Frühstück ein. Ich fühle mich nicht wohl dabei, will lieber schnell was bewegen. Aber ohne Auto geht eh nichts, also gehe ich erst mal mit zu Hassan. Wir trinken Tee, es gibt Brot mit Olivenöl und Omelette. Während des Essens schauen viele andere Dorfbewohner herein und stellen sich mir vor, darunter Said senior, ein älterer Mann mit sehr ausgeprägten Lachfalten, dem die Zornesröte ins Gesicht steigt als Norredine ihm von dem Diebstahl erzählt. Er schimpft und haut mit der Faust mehrfach an die Wand. Das ist unser Mann denke ich, der setzt sich für uns ein. Nach mehr als einer Stunde dann endlich: "Yalla, yalla!", der Fahrer ist nun bereit. Mit drei Mann vorne und fünf anderen, teilweise stehend hinten auf der Ladefläche, brechen wir auf nach Tarssout. Wir erreichen den Zeltplatz, Stefan steht mit gepackten Taschen an der Strecke. Später meint er zu mir, wir hätten ausgesehen wie ein wilder Lynchmob! :gosche:

Taschen und Stefan kommen auch auf die Ladefläche und weiter geht die wilde Fahrt, nur ab und zu unterbrochen an unpassierbaren Stellen, bei denen wir von der Ladefläche hüpfen und in Windeseile die weggespülten Pistenstücke mit Steinen und Schlamm ausbessern. Bei einer dieser Stellen hat der Fahrer keine Geduld, will gleich mit Schwung durch und bleibt prompt stecken. Also alles abladen und schieben, vorwärts, rückwärts, nichts geht mehr, der Wagen gräbt sich nur immer tiefer ein. Said junior marschiert los zum nächsten Haus um Hilfe zu holen. Er kommt wieder umrahmt von zwei zwergwüchsigen Marokkanern mit unerhört schiefen Zähnen, welche Spitzhacke, Schaufel und zwei Baumstämme auf den Schultern tragen. Was für ein lustiges Bild! Es folgen zwei harte Stunden des Ausgrabens, immer wieder heben wir den Wagen mit acht Mann auf einer Seite an, während die Zwerge Schlamm wegschippen und Steine unter die Räder schieben. Nach einer gefühlten Ewigkeit und etlichen vergeblichen Versuchen kann sich der Wagen schließlich befreien. Ich rufe "al hamdulilah", was Norredine dazu veranlasst mich zu fragen, ob ich ihm ein Gebet nachsprechen möchte. Klar, warum nicht, ich wiederhole die von ihm vorgesagten Verse. Die anderen jubeln und Norredine meint, das wäre eine große Geste von mir gewesen - kein Ding sag ich da mal... Nur der Fahrer hat keine Lust mehr, er will jetzt auf jeden Fall umkehren. Na gut, sei's drum, die Piste wäre wirklich nur noch schlechter geworden und einen richtigen Plan hatte ich auch nicht für das weitere Vorgehen. Bevor wir umkehren holen die Zwerge aber noch mal eine Kanne Tee, Stefan und ich spenden Brot und Sardinen. An sich eine lustige Runde, aber es ist schon mittags und wir sind bezüglich des Fahrrades noch keinen Schritt weiter... :(

Wir fahren also in voller Besetzung zurück nach Tassreft, bei der Einfahrt in den Ort traue ich meinen Augen nicht: An die 200 Leute tummeln sich in der Dorfmitte, ein Landrover und ein weiteres Auto sind jetzt da, es herrscht offensichtlich Ausnahmezustand in diesem kleinen, abgelegenen Atlas-Dorf. Norredine winkt mich nach vorne zu ihm auf den Beifahrersitz, erklärt mir wie es weitergeht: "Le Shir" sei da vorne, der Dorfchef von Tarssout, zu ihm soll ich besonders freundlich sein. Er erklärt mir sogar wie ich meine Hand zu küssen habe nachdem ich sie ihm gebe - weiß ich doch schon alles. Außerdem, noch wichtiger, "l'Autorité" ist da, der Provinzchef, ein rundlicher Mann mit Militäruniform, der Besitzer des Landrovers. Ihm soll ich 200 Dirham zustecken, na hoffentlich bewirken sie auch was bei diesem eher gemütlich wirkenden Mann. Wir steigen aus, was für ein Trubel, die Leute schreien durcheinander, jeder hat was zu sagen, ich weiß gar nicht wie mir geschieht. Jetzt endlich habe ich das Gefühl, dass hier noch was passieren könnte bezüglich Stefans Rad. Le Shir begrüßt mich gleichgültig und ist auch schon wieder weg, l'Autorité (den übrigens alle in der Tat so nennen) hingegen ist sehr bemüht, spricht französisch und auch ein bisschen englisch, erklärt mir das weitere Vorgehen: Er möchte zunächst ein paar Sachen alleine regeln, danach werden wir zusammen nach Tarssout fahren und nach dem Fahrrad suchen. Bis dahin sollen wir in Ruhe zu Mittag essen. Von Ruhe kann keine Rede sein, wir wollen keine weitere Verzögerung, haben aber letztendlich keine Wahl. Also geht’s erst mal wieder zu Hassan, der uns, den beiden Saids und Norredine eine riesige Tajine serviert. Danach noch eine lange Teezeremonie, Hassans Frau tritt auf den Plan und möchte meine Kleidung waschen. Ich habe zwar andere Sorgen, aber warum eigentlich nicht...

Gegen 14 Uhr dann steht l'Autorité in der Tür, "yalla, yalla", endlich geht’s los! Ich möchte gerne Norredine dabeihaben, aber l'Autorité ist der Boss und duldet neben Stefan, le Shir und mir nur noch Said senior im Landrover. Na immerhin einer, bei dem ich mir sicher bin, dass er uns helfen will. Wir fahren ab, das ganze Dorf grölt uns hinterher. Eine irre Atmosphäre und man merkt, dass die Leute geschlossen auf unserer Seite stehen. Wenig später zeige ich l'Autorité unseren Zeltplatz, während le Shir im Auto bleibt und sich lieber noch ne Kippe ansteckt. Said senior bleibt am Zeltplatz, er möchte sich die Gegend noch ein wenig angucken und nahegelegene Häuser durchsuchen. Dann fahren wir in Tarssout ein. Stefan und ich sind sehr angespannt, denn wir rechnen mit unangenehmen Szenen, wenn wir gleich Verdächtige identifizieren sollen. :o

Es zeigt sich, dass die Leute in dem Dorf zwar bereits über die Lage informiert sind, aber herzlich wenig Interesse an der Aufklärung zeigen. Der Ort ist komplett verschlafen, was bin ich froh heute morgen nach Tassreft gefahren zu sein. Ich rede mit einigen Jugendlichen, und ohne dass ich direkte Fragen gestellt hätte wird mir ziemlich bestimmt entgegengeschmettert, die Leute aus Tassreft hätten das Rad geklaut. Eine Behauptung die meines Erachtens verdächtig gut zur Theorie der falschen Fährte passt. L'Autorité macht erst mal keine großen Anstalten, erklärt mir, dass es erst in einer Stunde weiterginge und wir jetzt erst mal bei einem Freund von le Shir Tee trinken. Meine Hoffnung schwindet, ich habe das Gefühl, dass uns keiner Ernst nimmt bzw. nehmen will. Aber wir sind komplett abhängig von den beiden Machern, folgen daher zum Tee. Nach der sehr langen Zeremonie geht’s wieder nicht direkt weiter, stattdessen legt sich le Shir gleich neben mir auf dem Teppich schlafen und schnarcht fröhlich vor sich hin. Währenddessen trinkt l'Autorité Cola, mampft Nüsse in rauen Mengen und rülpst lautstark und ungeniert. Aaaaahhhhh, wann passiert hier endlich mal was?!! :grrr: :gosche: :motz:

heinze
25.04.2010, 18:17
Wow, ein sehr schöner Bericht, danke!

Du sprichst ätzende Kinder an. Ich habe auch vor nach Marokko zu gehen und lese immer wieder von der Problematik. Was ist dort angebracht, wenn man von nem halbstarkem Steine ins Genick bekommt? In Deutschland würde ich ihm wohl hinterhergehen... Was macht man da in Marokko? Oder was erwartet der Jugendliche? Watschen?

Danke!

mfg heinze

Ro
25.04.2010, 19:53
Servus Heinze,

also ein bisschen was habe ich ja bereits dazu geschrieben (Anfang Tag 12). Insgesamt sind die Kinder meines Erachtens überhaupt gar kein Problem. Man hat als Tourist sehr viel Kontakt mit ihnen, meist wollen sie Geschenke, manchmal sind sie nur neugierig, in ganz seltenen (!) Fällen kann mal ein Stein fliegen. Meine Empfehlung ist es in jedem dieser Fälle das Ganze sportlich zu nehmen. Gefährlich sind sie schonmal sowieso nicht, sie können nur gelegentlich etwas stressig sein. Ein fliegender Stein ist natürlich nicht erfreulich, letztendlich ist es aber auch nur ein Dummer-Junge-Streich. Ich würde versuchen Spaß mit den Kids zu haben. Mit ihnen reden, nach dem Namen fragen, dabei aber immer klar machen, dass sie auf gar keinen Fall irgendwas von einem bekommen. Ein banaler Trick wenn's mal zuviel wird: Die Kids auf Deutsch zuquatschen, ohne Punkt und Komma. Dann wissen sie meistens nämlich nicht so recht wie sie damit umgehen sollen und gucken einen nur mit großen Augen an. ;-)

Gruß
Roland

P.S.: Watschen? Niemals nie und auf gar keinen Fall! Das erledigt allerdings der Vater wenn man sich beschwert.

heinze
25.04.2010, 20:07
Super, danke! Das klingt ja nicht sehr bedrohlich. Dachte die würden mit großkalibrigen Brocken feuern. Das mit dem Deutsch werd ich mir merken.
Das mit der Watschen war auch nicht ganz ernst gemeint, mir ging es nur um die Distanz der Menschen, welche ja in jeder Kultur ganz anders ausgeprägt ist.

Ro
27.04.2010, 08:45
Irgendwann zeigt sich der Gastgeber mal wieder und weckt le Shir unsanft auf, sollte nun womöglich mal was passieren? Denkste, jetzt gibt's erst mal wieder was zu Essen, Broschettes (Fleischspieße) werden aufgetischt. Ich bin inzwischen ziemlich genervt, Hunger habe ich auch nicht, daher lehne ich meinen Spieß trotzig ab. Ist sicher ein Fehler, in jedem Fall sehr unhöflich, le Shir schaut mich auch sehr kritisch an. L'Autorité ist es herzlich egal, er freut sich vielmehr darüber einen zweiten Spieß zu bekommen.

Nach dem Essen rechne ich schon mit der nächsten Teezeremonie, doch diesmal täusche ich mich, l'Autorité ruft direkt zum Aufbruch. Wir gehen mit den beiden Machern auf einen kleinen Hügel in der Dorfmitte und mir wird erklärt, dass wir gleich die von uns Verdächtigten identifizieren sollen. In der Tat dauert es keine fünf Minuten bis sich knapp 80 Jungen und Männer - die komplette männliche Dorfbevölkerung - auf dem Hügel im Halbkreis eingefunden haben. Die Stimmung ist angespannt, auch Stefan und ich sind äußerst nervös. Auch mein Spezi von gestern Abend mit den schiefen Mundwinkeln ist anwesend, an ihn hatte ich heute morgen sofort gedacht. Nun endlich wird l'Autorité seinem Namen gerecht, er hält eine wütende, etwa zehn Minuten dauernde Ansprache während der keiner der Zuhörenden auch nur einen Mucks von sich gibt. Stefan und ich beraten uns derweil, der Junge mit den schiefen Mundwinkeln sieht nervös aus, schaut nur auf den Boden und wackelt unentwegt mit den Beinen. Genauso verhalten sich noch zwei andere Jugendliche direkt neben ihm, von denen zumindest einer gestern im Oued dabei war. Aufgrund ihres äußerst auffälligen Verhaltens während der Ansprache sind wir uns nun sehr sicher, dass unter ihnen der Dieb zu finden ist. Als l'Autorité seine Ansprache beendet gehe ich zu ihm und frage ihn flüsternd, ob ich wirklich jetzt vor versammelten Dorf meine Vermutungen aussprechen soll. "Bien sur" erwidert er, also gehe ich schnurstracks zu den Dreien, zeige auf sie und sage, dass wir sie verdächtigen. Ich sage natürlich dazu, dass dies reine Spekulation ist, welche auf unseren Eindrücken von gestern Abend beruht. Doch das hilft jetzt nicht mehr viel, Hektik bricht aus: Zwei der Verdächtigten, vor allem aber der mit den schiefen Mundwinkeln, sind außer sich vor Wut, springen zwischen den Leuten hin und her, fuchteln wie wild mit den Armen und schimpfen lauthals - außer dem wiederholt vorkommenden "Allah" verstehen wir natürlich nichts. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, meine Güte, was haben wir da nur angerichtet?! :o

Eine knappe halbe Stunde lang diskutiert der männliche Teil der Dorfgemeinschaft nun aufgebracht, wir haben aber nicht wirklich den Eindruck dass sich etwas tut. Ich frage l'Autorité ob wir die Häuser der Verdächtigten sehen können - nein, das ginge nicht, dafür müsste ich erst morgen eine Anzeige bei der 65 Km entfernten Gendarmerie in Aghballa machen. Langsam macht sich bei allen eine gewisse Ratlosigkeit breit und irgendwann fragt mich l'Autorité dann auch was ich jetzt zu tun gedenke. Sch****, gibt der jetzt etwa schon auf? Ich übertreibe maßlos, sage, dass ich morgen zur Gendarmerie möchte und dann das ganze Dorf durchsuchen will. Ohne Fahrrad würden wir die Gegend nicht verlassen lüge ich weiter, mindestens eine Woche könnten wir warten (tatsächlich hatten Stefan und ich abgemacht, dass wir spätestens morgen mit dem Taxi Richtung Marrakesh fahren). Ich verhalte mich damit so, wie Said junior und Norredine es mir vorher eingebläut hatten: Hartnäckig sein, Druck machen, auf seinem Recht bestehen.

In der Tat scheint das Eindruck zu machen, es folgt eine längere Beratung zwischen l'Autorité, le Shir und zwei älteren Dorfbewohnern. An ihrem Ende verkündet mir l'Autorité, dass er jetzt erst mal die umliegenden Dörfer besuchen und sich dort nach dem Rad erkundigen möchte. Wir mögen solange hier warten. Also düst er mit seinem Landrover davon, während wir der Einladung der beiden Dorflehrer zum Tee in die Schule folgen. Der eine, noch sehr junge Lehrer spricht gut Englisch und erzählt uns von den großen Problemen hier im Dorf: Letzten Herbst hätten Jugendliche die Scheiben eines Touristenjeeps eingeworfen, im Sommer hat es eine Vergewaltigung gegeben und im letzten Winter soll ein Jugendlicher seinen vermeintlichen Freund in der Schule erstochen haben! Die Lehrer selber sind aus Beni Mellal und nicht freiwillig hier, bemühen sich schon seit Langem um Versetzung... :roll:

Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrt l'Autorité zurück ins Dorf, Neuigkeiten gibt es allerdings keine (Ich vermute, dass er nur wieder irgendwo Tee getrunken hat). Wieder werden die Männer des Dorfes zusammengetrommelt, wieder gibt es eine Ansprache von dem Provinzchef, diesmal allerdings weitaus weniger feurig als beim ersten Mal. Die Männer diskutieren lange, während Stefan und ich langsam anfangen zu resignieren. Hier ist keine Dynamik mehr drin und langsam dämmert es - wir glauben nicht mehr dran, dass heute noch etwas passiert. Doch wieder werden wir überrascht, denn aus völlig heiterem Himmel bricht erneut Hektik aus: Die Männer brüllen sich auf einmal gegenseitig an, jetzt ist auch mal le Shir mittendrin und liefert sich ein Wortgefecht mit einem unserer Hauptverdächtigten. Dann kommen auf einmal einige Frauen auf den Hügel gelaufen, zwei von ihnen wild schreiend bzw. heulend. L'Autorité schickt Stefan und mich in seinen Range Rover. Von der Rückbank aus beobachten wir verunsichert das nun immer verrückter werdende Spektakel. Eine der Frauen (vermutlich die Mutter eines der Verdächtigten) führt sich auf, als wäre ihr Sohn ermordet worden, sie liefert sich mit le Shir eine handgreifliche Auseinandersetzung, in die sich im Folgenden noch einige weitere Personen einmischen. Es wird an den Haaren gezerrt und mit der flachen Hand geschlagen, einmal geht auch jemand zu Boden. Ich habe keine Ahnung, wer hier gegen wen kämpft, auf jeden Fall ist die Hölle los. Mittendrin sind auch die Verdächtigten: Einer ist nahe an meinem Fenster und starrt mich mit weit aufgerissenen verweinten Augen an, zeigt dabei mit einer Hand in Richtung Himmel und macht mit der anderen Ohr-Abschneide-Gesten (später wird mir einer der Lehrer erklären, er habe gesagt, dass Allah das Fahrrad geklaut hätte, die Ohr-Geste hat er angeblich nicht gesehen). Während Stefan noch recht cool ist bekomme ich echt Angst, weil ich bei Teilen der Dorfbevölkerung unweigerlich an einen Lynchmob denken muss. Auf jeden Fall sind einige der Leute hier stinksauer auf uns. Allerdings scheint immerhin l'Autorité seine Autorität noch zu besitzen, ihn rührt keiner an und er schafft es einigermaßen, die Stimmung nicht überkochen zu lassen. Nach einer gefühlten Ewigkeit - wahrscheinlich allerdings nicht mehr als 3 Minuten - kommt L'Autorité zum Range Rover, diskutiert vom Fahrersitz aus noch ein wenig mit le Shir, fährt dann aber unter wildem Geschrei der Dörfler schließlich ab. Al hamdulilah!

Ich bin ziemlich von der Rolle und erst mal nur froh, dass wir jetzt den Ort verlassen, das Fahrrad habe ich gerade gar nicht mehr im Kopf. Am Ortsausgang fragt mich der Lehrer, was in der Tasche gewesen sei. "Wie zum Teufel kommt der jetzt darauf?" denke ich und antworte, dass es nur Klamotten waren. Er fragt ob wir die Tasche unbedingt brauchen. Nein, natürlich nicht, nur das Fahrrad. Woraufhin l'Autorité sich kurz umdreht: "La bicyclette a été trouvé". Ich verstehe ihn zwar, glaube aber kein Wort. Ich frage den Lehrer ob das ein Spaß gewesen sei. Nein, nein, das Fahrrad sei da. Stefan und ich können es absolut nicht glauben. Erst jetzt merken wir, dass auch Said, der nette alte Mann aus Tassreft, im Range Rover ist. Und der hat ein äußerst breites Grinsen im Gesicht. Der Grund ist jetzt klar, er hat das Fahrrad gefunden! Wir erreichen das Haus der Zwerge - am Wegesrand liegt Stefans Rad! Stefan und ich sind baff und außer Rand und Band, wir springen aus dem Jeep, rufen "al hamdulilah" und umarmen alle Beteiligten. Und die strahlen, die Zwerge, der Lehrer und Said freuen sich mit uns, l'Autorité ist sichtlich stolz auf die getane Arbeit. Uns wird erklärt, dass Said an dem Zeltplatz die Spur des Diebes aufgenommen hat. Das sei sehr schwierig gewesen, weil sie immer wieder lange unterbrochen war. Letztendlich habe sie ihn allerdings etwa einen Kilometer weit von der Piste weg steil den Berg hinauf geführt, wo er das Rad schließlich hinter Bäumen versteckt fand. Das Fahrrad sieht im Prinzip OK aus, allerdings ist am Hinterrad Mantel und Schlauch komplett von der Felge gezogen. Who cares? :cool:

Auf der Weiterfahrt erklärt mir der Lehrer, warum es kurz zuvor in Tarssout zu der Hektik gekommen ist. L'Autorité hatte die Nachricht des Fundes den Dorfbewohnern mitgeteilt und die Tatsache, dass das Rad nicht im Dorf gefunden wurde haben einige als Beleg dafür angesehen, dass der Dieb nicht aus ihrem Dorf sei. Einige Leute seien dementsprechend sehr böse auf Stefan und vor allem auf mich wegen meiner Anschuldigungen gewesen. Der Lehrer meint dazu, ich solle nicht weiter darüber nachdenken, die Leute seien komplette Vollidioten und verstünden gar nichts (nun, zumindest die völlig absurde Logik von ihnen war mir auch aufgefallen...).

Als wir wenig später in Tassreft einfahren ist immer noch eine große Menschenmenge in der Dorfmitte versammelt, sofort ist jedes Augenpaar auf den Jeep gerichtet. Es ist ein bisschen so, als ob die Schalker Spieler mit der Meisterschale im Gepäck nach Gelsenkirchen einfahren würden: Stefan springt hinten aus dem Jeep, nimmt das Rad an und reißt es wie einen Pokal in die Höhe - das Dorf antwortet mit lautem Gejubel! Alle möglichen Leute kommen zu uns, begutachten das Fahrrad, wollen uns die Hände schütteln. Ich bin so überwältigt von der Anteilnahme der Leute hier, dass ich einfach alle umarme, was auch niemanden zu stören scheint. Einfach nur geil, wie dieses Dorf mitgefiebert hat. L'Autorité fragt mich noch mehrmals ob jetzt alles in Ordnung sei, er genießt sichtlich den Erfolg seiner Mission - der natürlich ausschließlich dem Fährtenleser Said zu verdanken ist...

Hassan lädt uns erneut zum Essen ein, diesmal gibt es Brot, Sardinen und Omelett. Er hat zehn Kinder, welche uns während des Essens und der anschließenden Teezeremonie ordentlich auf Trab halten. Eine kleine Taschenlampe mit Blinkfunktion, die ich mal als Werbegeschenk bekommen habe, entpuppt sich als ideales Gastgeschenk für die Kinder. Hassans Frau überreicht mir meine Wäsche - unglaublich, selbst die Ölflecken aus der hellen Hose hat sie alle irgendwie rausgebalgt.

Am späten Abend gehen wir noch mal in die Dorfmitte und spielen in einer Art Teehaus mit einigen Marokkanern Karten. Stolz erklären sie uns ein „marokkanisches“ Kartenspiel, welches sich letztendlich als Rommé entpuppt. Um uns herum tummeln sich dicht gedrängt etwa 30 Leute, die Stimmung ist geradezu überschwänglich. Immer wieder wird über die Bewohner des anderen Dorfes, also Tarssout, hergezogen. Wir werden sogar im Spaß gefragt, ob wir mithelfen wollen, sie zu verprügeln. Schon interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Bewohner der beiden Dörfer mit uns umgehen. Vermutlich liegt es aber einfach nur daran, dass ich von Anfang an einen Generalverdacht über Tarssout verhängt habe, und in Tassreft Hilfe gesucht habe.

Gegen 23 Uhr gehen Stefan und ich wieder zurück zu Hassan, in dessen Wohnzimmer wir auf Teppichen übernachten. Einschlafen können wir allerdings erst Stunden später...

Ro
27.04.2010, 08:48
Sorry, dass der Bericht jetzt so ausgeufert ist. Ich kann mir vorstellen, dass die meisten hier keine Lust haben, soviel Text zu lesen... Aber nun gut, das Fahrrad ist wieder da und von jetzt an geht es normal, d.h. mit Bildern weiter. ;-)

Ro
27.04.2010, 08:56
16. Tag -> Bin el Ouidane (98 km, Schnitt 16 km/h)

Um 6 Uhr in der Früh verabschieden wir uns herzlich von Gastgeber Hassan und brechen auf. L'Autorité hatte uns gewarnt: Heute ist Souk in Tassreft und da werden die "Verrückten" (seine Wortwahl) aus Tarssout natürlich auch kommen. Eine erneute Konfrontation sollen wir unbedingt vermeiden. Wir erreichen zum Sonnenaufgang einen namenlosen Pass auf immerhin 2555 Metern Höhe. Inzwischen ist die Strecke asphaltiert, etwas früher als ich gedacht hatte. Jetzt geht's raus aus dem Hohen Atlas, bis zum Ort Toufelazt verlieren wir 1400 Höhenmeter auf einer tollen Abfahrt. Stefan sagt zwar noch, dass er mit der einzelnen Lowrider-Tasche lieber nicht so rasen möchte, stellt dann mit 71 km/h aber den Geschwindigkeitsrekord der Tour auf. Die Landschaft ist jetzt wieder bewaldet und sehr grün, insgesamt aber absolut unspektakulär.


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Bei 32°C Lufttemperatur ist nun noch ein weiterer Pass zu bewältigen, noch mal geht es 600 Höhenmeter hinauf - uff! In Ouiazazarth essen wir eine Tajine, danach folgen wir dem Ouidane-Stausee. Wir sehen Schnellboote, Jetskis, Porsche Cayennes - hier machen die reichen Marokkaner Urlaub. Welch ein krasser Kontrast zu der Lebensweise in den Bergen! Wir erhoffen uns ein schönes Hotel in Bin el Ouidane, doch was ist das bloß für ein Ort?? Eine lose Ansammlung von Ferienhäusern und Luxushotels, fürchterlich. Zum Glück finden wir wenigstens eine Gites d'Étapes.



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Letztendlich gefällt es uns in der Gites sogar so gut, dass wir uns einen weiteren Ruhetag gönnen, an dem wir nichts machen außer im Stausee zu baden und den Rest des Tages Bauernskat zu spielen.



18. Tag -> Demnate (95 Km, Schnitt 17 km/h)

Achmed, der Besitzer der Gites, empfiehlt uns eine Nebenstrecke nach Azilal, die sich in der Tat als Glücksbegriff entpuppt: Auf den ersten 15 Kilometern des Tages begegnet uns nicht ein einziges Auto, während wir auf der Hauptroute auf der gegenüberliegenden Seite des Tals massenhaft Verkehr sehen. Es geht stur bergauf, weite Serpentinen führen uns 700 Höhenmeter hinauf zum letzten kleinen Pass dieser Tour. Danach ist die Strecke sehr langweilig und wir haben Gegenwind, weswegen wir oft Pausen machen: Zunächst bei Omelett in einem Café in Azilal, später Billard, dazu etliche Cola-Stopps. Die Ouzoud-Fälle lassen wir einfach links (bzw. in diesem Fall rechts) liegen, wir haben heute schlicht keinen Nerv für eine Touristenfalle. Highlight des Tages ist das Hotel Atlas in Demnate abends, wieder einmal waren wir einem Wegpunkt von Ralf gefolgt.


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O_l_i
27.04.2010, 11:27
Sorry, dass der Bericht jetzt so ausgeufert ist. Ich kann mir vorstellen, dass die meisten hier keine Lust haben, soviel Text zu lesen...Oh doch, war ja einfach spannend :)

Aber nun gut, das Fahrrad ist wieder da und von jetzt an geht es normal, d.h. mit Bildern weiter. ;-)Hab ich nix gegen ;)
Die Bilder sind toll und dein Schreibstil gefällt mir gut. Weiter so
Oli

j.c.locomote
27.04.2010, 11:45
Das wir hier ja zum richtigen Krimi!
Schön auch dass Stefans Fahrrad doch wieder aufgetaucht ist, ihr seid ja mächtig auf die Barrikaden gestiegen. Und die Bilder von den Blumenrädern finde ich einfach Top!http://www.freesmileys.org/smileys/smiley-basic/thumbsup.gif (http://www.freesmileys.org/smileys.php)

Ro
27.04.2010, 12:48
[...] ihr seid ja mächtig auf die Barrikaden gestiegen.
In der Tat, wobei: Dass die Leute teilweise so ausgetickt sind, das nehme ich nicht auf meine Kappe. Es ist zwar durchaus nicht ganz ohne, in muslimischen Ländern jemanden als Dieb zu beschuldigen, zumal in solch traditionellen Gegenden. Aber das haben wir auch nie gemacht, wir haben über die "Verdächtigten" nur gesagt, dass sie uns am Vorabend aggressiv angepöbelt haben. Dass dies falsch verstanden wurde war natürlich unglücklich. Im Übrigen glaube ich immernoch fest daran, dass der Typ mit den schiefen Mundwinkeln am Diebstahl beteiligt war. Aber sicher wissen werde ich es wohl nie, es sei denn die Tasche taucht in nächster Zeit noch auf.

Ansonsten denke ich, dass es sehr wichtig ist, in so einem Fall mit Nachdruck auf seinem Recht zu bestehen. Die oft so angenehme Gemütlichkeit der Marokkaner wird sonst zum ernsthaften Problem. Wenn man aber alle Register zieht und immer nach der noch höheren Autorität schreit, dann wird man ernst genommen. Und eins ist klar: Nur durch unser resolutes Auftreten haben wir erreicht, dass die ganze Region alarmiert war und nach dem Rad Ausschau gehalten hat.

burger
27.04.2010, 17:29
einfach nur köstlich:D super

Ro
30.04.2010, 16:30
19. Tag -> Marrakesh (106 Km, Schnitt 27 km/h)

Stefan ist stark erkältet und lutscht daher heute bevorzugt an meinem Hinterrad, während ich, gewissermaßen einer alten Gewohnheit folgend, am letzten Tag noch mal richtig Tempo bolze und voll am Limit fahre. So am Ende der Reise muss man sich schließlich noch mal so richtig kaputt machen... Als wir in Sidi Rahal Tee trinken kommen wir mit dem Studenten Bada ins Gespräch. Zufälligerweise arbeitet er in den Ferien im Hotel Afriquia in Marrakesch, genau dort wollten wir sowieso hin! Er reserviert gleich per Telefon ein Zimmer für uns, sehr praktisch.


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Kurz vor Marrakesh droht der Hungerast, spontan halten wir bei einem 3-Sterne-Hotel und hauen uns noch eine Pizza rein. Danach die wuselige Einfahrt in die Stadt, wie immer ein Heidenspaß. Rauf auf den Djemaa-el-Fna, was für ein Lärm, dann doch lieber schnell ins Hotel - geschafft!


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Am Ende der Reise bleiben uns noch fast zwei komplette Tage für die tolle Stadt. Ich bin bereits zum vierten Mal hier, aber da ich sonst im Prinzip immer alleine war ist es jetzt doch noch mal besonders schön.


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Der Rückflug schließlich verläuft problemlos, na ja, die Dame am Ryanair-Schalter stänkert natürlich wie immer wegen den Rädern rum (beruhigt sich aber ganz schnell als ich ihren Chef zu sprechen verlange). Kurz nach Mitternacht landen wir in Düsseldorf-Weeze, schmeißen die Räder in einen angemieteten Kombi und düsen nach Hannover. Um vier Uhr in der Früh schleiche ich mich zu Andrea in die Wohnung, nach all den Erlebnissen auf dieser Tour kann ich kaum glauben, dass ich ohne größere Verluste heil wieder nach Hause gekommen bin.


Fazit:

Um es kurz zu machen: Keine der anderen Marokkotouren habe ich so sehr genossen wie diese. Zwar war landschaftlich zumindest die Tour 2007 um einiges beeindruckender. Aber nicht eine der vier anderen Touren kann bezüglich des Erlebnisgehaltes mit dieser letzten konkurrieren. Und auch soviel Spaß wie heuer hatte ich selten zuvor auf einer Radtour. (Das Fazit wäre sicher nicht so positiv ausgefallen, wenn das geklaute Rad nicht wieder aufgetaucht wäre. So war diese Episode aber letztendlich sogar das i-Tüpfelchen auf eine perfekte Radreise.)

Trotzdem habe ich dieses Jahr zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass für mich persönlich der Reiz Marokkos langsam aber sicher verblasst. Die Landschaftsformen bergen kaum noch Überraschungen, die Einladungen folgen immer demselben Muster, es kommt mir einfach alles nicht mehr richtig fremd vor. Insofern werde ich mir - Inchallah! - in den nächsten Jahren wahrscheinlich erst mal andere Ziele suchen (z.B. Syrien, Jordanien, Oman, U.S.A., Rumänien, Albanien,...). Zumindest nächstes Jahr steht Marokko bzw. stehen größere Radreisen generell mal nicht auf dem Programm, andere Dinge haben jetzt erstmal Vorrang.


Danke fürs Lesen!

Jaerven
30.04.2010, 18:41
kommen wir mit dem Studenten Bada ins Gespräch
Was macht er da für ein Handzeichen? Gegen bösen Blick? :bg:
Ist jedenfalls eine gute Geschichte...

Ro
30.04.2010, 20:29
Was macht er da für ein Handzeichen?
Von den Touristen in Marrakesh verdorben, der arme Junge... ;-)

Ro
01.05.2010, 14:13
So, der Vollständigkeit halber hier noch der Routenverlauf für eventuelle Nachahmer:

http://www.esgibtkeinesackgassen.de/Marokko5/Route10.jpg

(hier keine Copyright-Probleme, es handelt sich nicht um eine Garmin-Karte sondern um eine frei im Netz (http://www.island-olaf.de/travel/marokko/gps.html) verfügbare!)

Den Track für Mapsource gibts hier (http://www.esgibtkeinesackgassen.de/Marokko5/Gesamt10.gdb). Und auf meiner homepage (http://www.esgibtkeinesackgassen.de) gibts den Bericht jetzt auch, da sind auch noch mehr Fotos dabei.

Gruß
Roland

j.c.locomote
02.05.2010, 21:09
Danke für den tollen Bericht, scheint als wäre das auch mal ein Ziel für mich.

Biggi
07.05.2010, 10:40
5sterne Klasse Tour und super geschrieben. Mann, daß ihr da heil wieder rausgekommen seid ... Ist halt ne ganz andere Welt da.

Ro
07.05.2010, 13:11
Mann, daß ihr da heil wieder rausgekommen seid ...
Habe ich zwar am Ende auch gedacht, dennoch würde ich ohne Bedenken die Tour genau so wieder machen. Nur würde ich nächstes Mal die Räder beim wilden Zelten dann doch lieber anschließen, meinen Nerven zuliebe... :bg:
Also damit durch meinen Bericht kein falscher Eindruck entsteht: Ich halte Marokko für eines der sichersten Reiseziele überhaupt. Dieses Bild kann ein einzelner Idiot (der Dieb) nicht kaputt machen.

torus
02.08.2010, 23:01
ganz toller bericht, vielen dank.

Yaphi
03.08.2010, 22:32
Wenn dieser älterer Bericht schon wieder rausgekramt wird, hier nochmal ein Lob von mir.
Einer meiner absoluten Lieblingsberichte.

Ro
04.08.2010, 12:54
Oho, danke für die Blumen! Da weiß man gleich wieder, warum man sich die Arbeit mit dem Bericht gemacht hat.