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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [F] Speed Hiking - Korsika Oktober 2009 – Teil 1



tah
28.12.2009, 21:10
Land: Frankreich, Korsika
Reisezeit: 14.10. - 24.10.2009
Region/Kontinent: Südeuropa

TEIL 1

Prolog

Es ist spät abends. Das Feuer im Kamin ist fast erloschen. Meine Familie schläft bereits und ich starre in die Glut. Ruhe liegt über der Nacht. Dunkelrot glimmt das verbrannte Holz und die Erinnerung setzt langsam ein. Bilder. Geräusche. Sonne. Blau. Unendlich tiefes Blau.

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Es hat lange gedauert, bis ich mich diesmal auf meine Gefühle eingelassen habe. Etwas Unerhörtes war geschehen und ich bin immer noch aufgewühlt, wenn ich zurückblicke. Es sind nicht so sehr die Erlebnisse, es ist viel mehr die Intensität dieses einen Augenblicks. Es ist die fast banale Beiläufigkeit die zu diesem entscheidenden Moment führte, der Moment selbst und wie sich danach doch alles in einen Sinn fügte.

Wind, Schweiß, der erste Schnee, das Knirschen der Stiefel im Schnee.

Ich starre in die Glut.

Selten ergibt sich die Gelegenheit in einem Jahr, in welchem man eine Bergtour unverrichteter Dinge abbrechen musste, diese doch noch einmal gehen zu können. Normalerweise verhindert allein der übliche Lauf der Dinge die Möglichkeit einer zweiten Chance. Auch die bildhaft ausgemalte Vorstellung, ein Stück des anstrengenden Weges nach so kurzer Zeit noch einmal in allen Einzelheiten gehen zu müssen, ist wenig Ansporn, sich in dieser Angelegenheit stärker zu engagieren. Und natürlich hat sich auch der Gram um die kleine Schmach irgendwo eingenistet und versperrt den völlig unbeschwerten Blick. Am besten ist es also, so oder so, die frischen Geschichten etwas ruhen zu lassen, bis die Sehnsucht beginnt, sie wieder von allein heraus zu kramen.

Ungünstige Bedingungen führten dazu, dass meine Familie den Urlaub dieses Jahr zwar zusammen aber doch getrennt verbringen musste. Mich behinderte ein völlig verhageltes Projekt, meine Familie der sich stetig steigernde Regen am Bodensee.

Auf die Sonne sehnsüchtig wartend bemühte sich meine Frau die meiste Zeit Regenvarianten auszudenken, während ich im klammen Zelt hockte und mit einer merkwürdigen Anwandlung von Perfektion einen nicht zu rettenden Bericht verfasste. Als sich innerhalb von zwei Wochen das Wetter immer weiter verschlechterte und die Kinder begannen ihr Heimweh lautstark zu äußern, packten wir eines Morgens kommentarlos unsere Sachen wieder ein und fuhren zurück. Einfach so. Es beschwerte sich auch niemand. Zehn Minuten nach unserer Ankunft war der Rest des Urlaubs gerettet.

Der Sommer verging und etwas fehlte. Eine alte Unruhe trieb mich ab und an hinaus in den Wald, ohne dass mir bewusst wurde, was ich suchte. Sehnsucht legte sich mit den langsam kürzer und kälter werdenden Tagen wie Herbstnebel auf mich. Mit der aufgehenden Sonne verflüchtigten sich normalerweise die Gespinste, bis eines kühlen Morgens der Nebel nicht mehr weichen wollte. Dicht eingepackt lag die Stadt lautlos um mich herum. Der Nebel trennte mich von der Stadt und diese von mir. Es fehlte mir der freie Blick.

Ich verspürte die Erleichterung der Anderen, als ich mich endlich getraute, diese winzige Bitte vorzubringen. Ich muss noch einmal los.

14.10.2009 – Ein entspannter Fehlstart
Arbeit bis zu letzten Minute. Am Abend vor dem Aufbruch komme ich erst ab zehn Uhr dazu, die Ausrüstung und Vorräte zu verpacken.

Drei Uhr morgens Autobahn. Fünf Uhr Start im Flieger. Schlaf. Sieben Uhr Landung. Es wird gerade hell, als ich als einer der Letzten das Flughafenterminal in Bastia verlasse. Mein Gepäck kam und kam nicht. Eigentlich hatte ich geplant mit einem Taxi direkt nach Casamozza zu fahren, um den einzigen in dieser Jahreszeit noch fahrenden Hochlandbus zu erreichen. Da es nunmehr doch nicht mehr sicher ist, dass ich diesen Bus rechtzeitig erreichen kann, vereinbare ich mit dem Taxifahrer zuerst in Casamozza nach dem Bus zu sehen, um mich im Fall der Fälle bis nach Ponte Lecchia fahren zu lassen. Von dort aus könnte ich notfalls mit dem Zug nach Vizzavona weiterreisen.

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2009-10-14, Panorama auf der Pionte Muratello

In Casamozza, einem recht überschaubaren Dorf entlang der Straße nach Ponte Lecchia, liegt der Bushalteplatz im Licht der aufgehenden Sonne verlassen da. Kein Mensch weit und breit. Wir haben den Bus um drei Minuten verpasst. Claude der Taxifahrer schlägt mir vor, den Bus mit etwas forscherer Fahrweise einzuholen. Er meint, das könne nicht lange dauern. Als wir mit der Aufholjagd beginnen, hat der Bus, der Zeit nach zu urteilen, etwa fünf Kilometer Vorsprung. Claude setzt alles daran sein Versprechen einzulösen. Selbst für korsische Verhältnisse fährt er schnell. Sehr schnell. Etwas fatalistisch schaue ich in mich hinein.

Rasend schnell zieht die herbstliche Landschaft an uns vorbei. Am Horizont ist ein Bus auszumachen. Auf den Bergen liegt noch kein Schnee. Das Taxi prescht an langen Baufahrzeugen vorbei, überholt in engen Kurven Traktoren, liefert sich mit langsamen Kleintransportern Hupkonzerte. Die Flüsse und Bäche sind fast alle ausgetrocknet. Auf den Geraden fährt das Taxi in Fahrbahnmitte, rechts und links wild überholend. Die Maronen sind reif und hängen in hellen, grün stacheligen Büscheln in den Bäumen. Ein Pferdegespann biegt unendlich langsam auf die Straße. Pilze wachsen am Straßenrand. Das Taxi wird hin und her geschleudert. Schwarz-braun seidig glänzendes Fell. Das Taxi rutscht durch eine enge Kurve. Taunass glänzende Mauersteine an einer alten Brücke. Der Bus ist nur ein halbvoll besetzter Reisebus.

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2009-10-14, Weg zu den Cascade des Anglais

Nach verblüffend kurzer Zeit stehe ich mitten in Ponte Lecchia an der am Kreisverkehr zentral gelegenen Tankstelle, welche zugleich als „Busbahnhof“ fungiert. Der Spaß hat achtzig Euro gekostet, meine Reisekasse ist geplündert. Ich betrete den kleinen Laden der Tankstelle. Der Tankwart meint, den Bus noch nicht gesehen zu haben, aber könne sich auch irren. Eine Gaskartusche gibt es bei ihm nicht zu kaufen. Auch der kleine Laden fünfzig Meter in Richtung Corte hat diese bereits aus dem Sortiment genommen. Im Supermarkt in Richtung Calvi das gleiche Bild.

Zum Ende der Nachsaison hat die Bahngesellschaft CNCF mit der seit Jahren geplanten Erneuerung der Bahngleise zwischen Ponte Lecchia und Ajaccio begonnen, um ab dem kommenden Jahr auch auf diesem Streckenabschnitt neue und schnellere Züge einsetzen zu können. Stromlinienförmige, weiß lackierte, kleine Schmalspur-TGVs sollen dann der wild schönen Insel einen weiteren Anstrich von Zivilisation geben. Ich stelle mir das Ergebnis so vor, als würde man einem alten korsischen, zerfurchten und mit einer aus der Mode gekommenen Hornbrille versehenen Gesicht eine neue Designerbrille aufsetzen. Dieses neue Gesicht wird bestimmt interessant und modern aussehen, eben wie aus unserer heutigen Zeit, aber auch einen Teil seiner charmanten Vergangenheit verloren haben. Und damit wird wieder ein Stück meiner Welt verschwinden.

Ersatzweise ist eine Busverbindung eingerichtet worden.
Da der nächste Bus erst gegen Mittag erwartet wird, schlendere ich zur Tankstelle zurück. Vielleicht nimmt mich ja jemand früher mit. An der Tankstelle steht ein kleiner weißer Bus. Ich renne. Gerade als er abfahren will, kann ich noch an eine der hinteren Scheiben klopfen. Es ist der Hochlandbus. Geduldig wartet der Fahrer und verstaut mein Gepäck, während ich ihm die Geschichte mit dem Taxi erzähle. Tja, er habe heute leider dreißig Minuten Verspätung, meint darauf der Fahrer mit einem breiten Grinsen. Aber die könne er wieder aufholen, wenn ich es eilig hätte. Es würde ihm auch keine Mühe vielmehr eine Freude bereiten, mich pünktlich ans Ziel zu bringen. Generös erwidere ich, dass ich gerade jetzt wieder alle Zeit der Welt gefunden hätte. Ich bin der einzige Fahrgast.

Die Fahrt in einem korsischen Überlandbus ist überraschend interessant. Neben dem Transport von Fahrgästen erfüllt er scheinbar noch eine Vielzahl anderer Funktionen. In kleineren Dörfern warten manchmal ältere Frauen an der Bushaltestelle, steigen aber nicht zu, bekommen stattdessen gegen Quittung Bargeld wie bei einer mobilen Sparkasse ausgezahlt. In Corte werden mehrere Frachtstücke aus- und zugeladen. In Vivario wird Post ausgetauscht. Ich als Fahrgast bin für den Fahrer nur eine kleine, willkommene Abwechslung außerhalb der Saison.

Mitten in den Bergen, in der Nähe einer der um die vorletzte Jahrhundertwende oberhalb von Vizzavona erbauten Villen, steige ich aus und begebe mich als erstes zum im Tal liegenden Bahnhof. Die Zeiten, als dieser Ort noch ein beliebter und mondäner Ferienort gewesen war, liegen bereits lange zurück. Nach kurzer Blüte ist dieser Ort vor etwa sechzig Jahren wieder eingeschlafen. Seither versinken die alten Prachtbauten Jahr für Jahr tiefer im wieder heranrückenden Wald oder beginnen zu verfallen. Die Köcher zum Aufnehmen der Wappenflaggen rosten vor sich hin. Die Fenster sind blind, Farbe blättert ab. Vor meinen Augen ziehen die fünfziger Jahre in schwarz-weiß vorbei.

Den Weg hier hinunter ins Tal hätte ich mir ersparen können. Die Station, die Refuge und das Hotel sind geschlossen, weil einerseits die Saison bereits vorbei und andererseits der Bahnbetrieb wegen der Gleisbauarbeiten eingestellt worden ist. Lebensmittel und Gas sind auch hier nicht mehr zu bekommen. Ich werde die Tour demnach ohne Gaskartuschen beginnen. Auf den Hütten wird sich schon etwas finden. Manchmal werden dort halbvolle Kartuschen von Wanderern zurückgelassen.

Es ist kurz vor elf Uhr, als ich mich auf den Weg begebe. Die Sonne scheint, ein leicht kühler Wind streicht von den Bergen herab. Still liegt der Wald vor mir. Ich breite die Arme aus und umarme die Welt. Im lichtdurchfluteten Dom der Bäume steige ich bergan. Nach etwa einer Stunde erreiche ich die Cascade des Anglais.

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2009-10-14, Cascade des Anglais, oberer Teil

Unfassbar diese Stille, in welcher nur das Plätschern des Wassers zu hören ist. Schon als Junge konnte ich stundenlang am Ufer sitzend, die Zeit vergessen und dem unbändigen Murmeln lauschen. Im Dunkeln kehrte ich dann glücklich zu meinen erschreckten, mich suchenden Eltern zurück. Die Ängste nicht verstehend, die Belehrungen überhörend, das Abendbrot verschmähend wollte ich dann nur noch eins, in meinem Bett liegend dem Klang des Wassers nachlauschen. Wasser. Es zwingt mir seinen Rhythmus auf, ordnet meine Gedanken, reinigt mich.

Ich fülle meine Flaschen, kann nicht widerstehen, raste und lasse die Hände durch das Wasser gleiten. Es tastet nach mir. Paralysiert meine Gedanken. Bindet mich am Ufer fest. Das Ziel deiner Reise ist erreicht, flüstert es mir zu. Inzwischen bin ich alt genug den Zauber zu brechen.

Mit jedem Meter, welchen ich an Höhe gewinne, schneidet sich der Bach l‘Agnone tiefer in das Gestein ein. Auf dem Hochplateau angekommen durchzieht er in steilen, engen Kehren die Felsen. Einige kleine Wasserfälle säumen seinen Weg. Der Hochwald weicht zurück und macht Platz für die niedrige Macchia. In Serpentinen windet sich der Weg hinauf zum höchsten Punkt dieser Tour, zur Pionte Muratello.

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2009-10-14, Aufstieg zur Pionte Muratello

Auf halber Höhe des letzten Anstiegs auf etwa eintausendneunhundert Metern scheuche ich Unmengen von Krähen auf. Immer wieder fliegen sie in einem riesigen Schwarm eine nicht einsehbare Stelle hinter mehreren großen Felsblöcken an. Sie landen, wenn ich mich entferne und nach jeder Kehre stieben sie wieder davon. Eine abstruse Choreografie. Hinter den Felsen wird vermutlich ein verendetes Tier liegen, welchem ihr Interesse dient. Zwei Raubvögel kreisen in großer Höhe über dem Tal.

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2009-10-14, kurz vor der Pionte Muratello

Auf der Pionte Muratello angekommen zieht ein eiskalter Wind aus Norden über den Kamm hinweg. Zum ersten Mal an diesem Tag muss ich mir eine dünne Fleecejacke überziehen. Aber es ist immer noch ein traumhaft schönes Wetter. Große Wolkenberge werfen in schneller Folge ihre Schatten und treiben ein wildes Spiel mit der Sonne. Der Nachmittag hat begonnen.

Soweit ich sehen kann, sind die vor mir liegenden Berge entlang der nächsten Streckenabschnitte noch vollkommen schneefrei. Von rechts stößt die alpine Variante dieser Tour, welche in einem weitläufigen Bogen über den Monte d’Oro verläuft, mit dem von mir begangenen Weg zusammen. Aufgrund der anstrengenden letzten Tage und er fast schlaflos verbrachten Nacht habe ich mir dieses kleine Extra diesmal doch nicht gegönnt. Hier an dieser Stelle, nach knapp neun Kilometern, liegen bereits etwas mehr als eintausenddreihundert Meter Aufstieg hinter mir und noch einmal knapp siebenhundert Meter Abstieg vor mir.

Von hier oben kann ich die tief unter mir liegende Refuge de l’Onda bereits als kleinen Punkt erkennen. An der noch tiefer gelegenen Bergeries de l’Onda treiben Schäfer mit lauten Rufen und mit Hilfe von Hunden ihre Tiere zusammen. Der Abtrieb hat jetzt auch schon auf den niedriger gelegenen Weideplätzen begonnen und so werden sie die Tiere noch heute ins Tal zu ihrem Winterquartier bei Canaglia führen.

Zu Beginn des Abstiegs entdecke ich noch die kleine Plakette zu Gedenken von Jean Pierre Etienne, welcher an dieser Stelle im April 2003 bei einer Winterbegehung zusammen mit seinem Hund spurlos verschwand. Der Text gibt mir mehr Rätsel auf, als dass er Fragen beantwortet. In der heutigen Zeit einfach für immer zu verschwinden, grenzt fast an ein Mysterium.

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2009-10-14, Gedenkplakette für Jean Pierre Etienne

Der Weg hinunter zur Refuge de l’Onda zieht sich über einen platten Kamm mit allerlei Geröll, ist aber schnell und relativ bequem zu gehen. Um zur Hütte zu kommen, führt der Weg noch ein Stück weiter bergab an ihr vorbei, um mit einer anschließenden Kehre wieder zu ihr zurück zu führen. Als ich mich direkt oberhalb der Hütte befinde, sehe ich, dass Rauch aus dem Schornstein aufsteigt. Bis jetzt war ich allein, heute Abend aber werde ich Gesellschaft haben. Auch gut.

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2009-10-14, Abstieg zur Refuge de l’Onda

In der Nähe der Hütte ist für mein Zelt kein Platz mehr zu finden. Die einzigen freien Stellen sind mit Baumaterial belegt, mit welchem die Hütte winterfest gemacht werden soll. An anderen Stellen türmen sich die Reste des Jahres zu hohen Bergen auf. Metallene Hügel aus mit rotem Band verschnürten blauen Gasflaschen, riesige, randvoll mit Müll gefüllte weiße Säcke aus verstärktem Polyamidfasergewebe, graue Stapel verschlissener Matratzen. Ich müsste bis zur Bergeries de l’Onda absteigen, um einen ebenen Platz finden zu können.

Ich stoße die Tür zur Hütte auf und das vielfältige Gemurmel von etwa zwanzig Wanderern erstirbt mit einem Schlag. Neugierig mustern sie mich, den Neuen. Ich grüße und sofort setzt das Gemurmel wieder ein. Französisch, Spanisch, Englisch, verschiedene Dialekte. Ich bin erleichtert, dass die Menge mich augenscheinlich ignoriert.

Obgleich sich in verschiedenen Sprachen unterhaltend, scheint sich die Menge zu kennen. Es scheinen ausschließlich Bergführer zu sein, welche in dieser Hütte zum letzten Mal in diesem Jahr zusammenkommen, ihren Abschied feiern und am nächsten Tag zu ihrer letzten Tour aufbrechen werden.

Ich setze mich in die äußerste Ecke des Gemeinschaftsraumes und studiere meine aktuellen Wetterkarten. Auf den Bildern kann ich erkennen, dass das über den Alpen stehende Tiefdruckgebiet in den nächsten Tagen langsam nach Süden abgedrängt werden wird. Nachdem in den letzten Tagen in den Alpen bereits der erste Schnee gefallen ist, wird dieses Wetter voraussichtlich auch hier Auswirkungen haben. Und vermutlich wird sich dieses Wetter einmal im Uhrzeigersinn um die Insel drehen, bevor es von einem aus Südwest nachdrängenden Hochdruckgebiet wieder nach Norden verschoben werden wird.

Eine junge Frau gesellt sich zu mir. Anna-Maria aus Brüssel, Bergführerin, genannt Maria. Tiefblaue Augen, strahlendes Lächeln, aschblondes Haar. Sie hat ein klassisch geradlinig, schönes Gesicht. Wenn ich verlegen bin, schaue ich meinem Gegenüber über die Gläser meiner Brille hinweg direkt ins Gesicht. Das wird mir meist als interessierte Aufmerksamkeit ausgelegt, hilft mir aber dabei, nicht zu viel zu erkennen.

Sie fragt mich in fünf verschiedenen Sprachen und ohne eine Antwort abzuwarten, woher ich komme. Ich kann erst einmal gar nicht antworten. Ihre Augen. Sie fragt mich auf Englisch, ob ich wirklich keine dieser Sprachen, Französisch, Spanisch, Italienisch, Englisch oder Deutsch verstehen würde. Diese Augen. Ich antworte ihr auf Englisch, ich wäre noch am Überlegen, in welcher Sprache ich ihr am besten antworten könne.

Sie lacht, überlegt kurz, erkennt meinen Akzent und antwortet fast akzentfrei in Deutsch, dass sie schon so lange kein Deutsch mehr gesprochen hätte und sich deshalb riesig freuen würde, es wieder einmal auszuprobieren. Sie beginnt den Osterspaziergang zu rezitieren, „ Vom Eise befreit sind Strom und Bäche …“. Mir wird bewusst, dass die anderen Bergführer ob der deutschen Sprache jetzt mit einem Mal zu uns herüber sehen. Auch ihnen schenke ich einen Blick über meine Brille hinweg und dazu ein verlegenes Lächeln.

Maria studiert interessiert meine Wetterkarten und meint lakonisch, dass das Wetter sich halt immer mal wieder ändern würde. Und mit ihrem bezaubernden Lächeln meint sie zu mir, ich würde die Sache etwas zu Deutsch angehen. Recht hat sie ja, ich bin eben ein alter deutscher Angsthase. Da außer mir und Maria keiner Deutsch spricht, schlage ich vor, bei Englisch zu bleiben.

Beiläufig erfahre ich, dass sie sich heute mit ihrem Freund und weiteren Freunden, alles Bergführer, hier auf der Hütte zum gemeinsamen Saisonabschluss getroffen habe. Einige von ihnen würden ab morgen ein kleines, entspanntes Speed-Hiking in Richtung Norden veranstalten wollen.

Von diesen Events am Ende einer Saison auf Korsika habe ich schon früher einmal eher zufällig im Internet gelesen. Die Regeln sind denkbar einfach. Es werden nur die Start- und die Ankunftszeit vermerkt. Die Route, die Ausrüstung, die Pausen und eben das ganze Drumherum sind unwichtig. Es zählt nur die Gesamtzeit zwischen zwei Etappen. Dadurch, dass bei gutem Wetter normalerweise ein recht hohes Tempo gegangen wird, versuchen die Teilnehmer meistens noch eine zweite Etappe, ein sogenanntes Double, dranzuhängen. Auch bei einem Double gelten die gleichen Regeln, wichtig ist nur die Gesamtzeit jeder einzelnen Etappe. Wer allerdings am Endziel als Erster ankommt, erhält einen Punkt extra, womit die Doubles für die Gesamtwertung dann doch eine gewisse Bedeutung erlangen.

Für mich persönlich sind diese Speed-Hiking-Events eher nichts. Einerseits bin ich schon etwas zu alt, um dauerhaft ein so hohes Tempo gehen zu können. Andererseits versuche ich meistens autonom, also ohne Benutzung von Hütten, unterwegs zu sein, und habe deshalb besonders bei Solotouren entsprechend viel Equipment dabei. Auf dieser Tour beträgt das Anfangsgewicht meines Rucksacks ziemlich genau sechzehn Kilogramm und ist damit etwa vier bis sechs Kilogramm schwerer als das der Bergführer. Dankend lehne ich die Einladung, mich an dem Event zu beteiligen, ab.

Bei der Vorbereitung zum gemeinsamen Abendbrot lerne ich nach und nach die anderen Bergführer kennen. Die meisten von ihnen sind Franzosen und leben auf Korsika, wenngleich kein einziger Korse unter ihnen ist. Vier stammen aus Spanien. Eigentlich sind es sechs, aber zwei von ihnen bestehen darauf, dass sie Basken und keine Spanier sind. Die Gruppe komplettieren zwei Iren und ein Brite. Bis auf zwei fast sechzigjährige Ausnahmen sind die meisten von ihnen in den Zwanzigern oder Anfang der Dreißiger und somit deutlich jünger als ich.

Neben der heiteren, gelösten Stimmung fällt mir besonders auf, dass sehr aufwändig gekocht wird. In den Rucksäcken der Bergführer scheinen sich fast nur Lebensmittel zu befinden. Ich bin der Einzige, der Instant-Nahrung mit sich führt.

Da ich in der letzten Nacht fast gar nicht geschlafen habe und die Feier sich noch eine ganze Weile hinziehen wird, verabschiede ich mich als Erster zum Schlafen. Trotz oder gerade wegen der netten Gesellschaft habe ich den festen Vorsatz, am nächsten Morgen als Letzter aufzustehen und die ganze Gruppe vor mir aufbrechen zu lassen. Ihr Vorhaben ist nicht ganz das, was ich mir vorgestellt habe, als ich mich nach langem Ringen zur Wiederholung meiner gescheiterten Frühjahrstour entschlossen habe.

Kurz vor dem Einschlafen, beim Nachsinnen über den vergangenen Tag, bemerke ich deutlich, dass sich ein Teil von mir zu dieser Gruppe hingezogen fühlt. Eine Solotour bedeutet ja immer auch ein etwas höheres Risiko im Falle von Verletzungen. Und so gerate ich regelmäßig mit mir in Konflikt, wenn es die Möglichkeit gibt, sich für einige Zeit an eine nette Gruppe anhängen zu können. Aber ausgerechnet Speed-Hiking. Ausgeschlossen. Mein Entschluss steht fest.

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2009-10-14, Etappenprofil, Länge 11,3 km, Aufstieg _.___ m, Abstieg ___ m


15.10.2009 – Über den Berg
Am nächsten Morgen, noch bevor es hell wird, klappern mich im Schein ihrer Kopflampen die Bergführer beim Verpacken ihrer Ausrüstung wach. Ich bin wohlig ausgeruht, lasse die Augen geschlossen und dämmere noch eine Weile vor mich hin. Nach einiger Zeit verebbt das Klappern und in der Hütte ist es wieder angenehm still. Als ich meine Augen in der fahlen Dämmerung öffne, ist das Erste, was mir auffällt, dass mein Atem als weißer Rauch in die kalte Hüttenluft steigt. In der Nacht muss es einen Temperatursturz gegeben haben. Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir leicht verschneite Berge. Ich schäle mich aus dem warmen Schlafsack und verspüre sofort die Minusgrade in der Hütte.

In kurzer Unterwäsche stehe ich im Halblicht des aufziehenden Tages und werfe beim Anziehen laut polternd meine Trekkingstöcke um. Die Tür zur Küche geht auf und strahlend, wie auch sonst, begrüßt mich Maria und fragt, ob ich auch etwas frisch gebrühten Kaffee trinken möchte. Patrick, ihr Freund, bäckt derweil frische Pfannkuchen mit dunkelroten Beeren. Schon wieder verlegen setze ich mich zu ihnen an den Tisch. Mit uns prallen so verschiedene Lebensentwürfe aufeinander. Auf der einen Seite mein dehydriertes, blasses Essen als Zeichen äußersten Verzichts und auf der anderen Seite die farbenfrohe, frische französische Küche, aus dem Hut gezaubert zwischen Schnee und Stein.

Den dampfenden Kaffee in den Händen frage ich die Beiden, warum sie nicht bereits mit den Anderen aufgebrochen sind. Patrick erklärt mir darauf, dass sie wegen des Schneefalls heute kein Double gehen werden. Es wäre heute vor allem auf dem zweiten Abschnitt zwischen der Refuge de Petra Piana und der Refuge de Manganu etwas zu riskant noch in einen Schneesturm zu geraten. Aus diesem Grund würden sie auch die Talvariante über die Bergeries de Tolla und die Bergeries de Gialgo zur Refuge de Petra Piana und nicht die alpine Variante gehen. Die Talvariante wäre zwar etwas länger dafür aber weitgehend schneefrei. Bis auf den britischen Bergführer mit seiner französischen Partnerin würden auch die Anderen, die beiden Basken, den Talweg vorziehen. Der Rest der Gesellschaft ist in Richtung Süden aufgebrochen.

Hubschrauberlärm schreckt uns auf. Donnernd schwebt eine dieser wendigen Maschinen das Tal hinauf und bleibt etwa fünf Meter über der Hütte stehen. Ein Mann seilt sich ab und erklärt uns, dass sie jetzt die Hütte winterfest machen würden. Solange der Hubschrauber in der Nähe der Hütte wäre, dürften wir diese auch nicht mehr verlassen, da das Ein- und Abhängen der Lasten bei dem Wind sehr risikoreich sei. Wir schauen uns das kostenlose Schauspiel aus dem Fenster an und ziehen unwillkürlich den Kopf ein, als eine der Lasten beim Anflug leicht gegen das Dach prallt. Die Verladefläche an dieser Hütte ist so eng, dass der Pilot alle Mühe hat, die im Wind pendelnden Lasten sicher auf den Boden zu bekommen.

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2009-10-15, Heli an der Refuge de l'Onda

Während draußen hektisch die Arbeiten beginnen, packen wir unsere Ausrüstung zusammen und machen uns abmarschbereit. Zwischen zwei Flügen, es ist jetzt fünfzehn Minuten vor neun Uhr, brechen wir auf und genießen das Schauspiel aus sicherer Entfernung noch eine kleine Weile. Kurz nach der Hütte trennen sich unsere Wege. Maria und Patrick gehen weiter hinab in das Tal, während ich beginne, den Anstieg zur Punta di l’Altore zu erklimmen. Wie geplant werde auch ich die alpine Variante gehen.

Auf halber Höhe drehe ich mich noch einmal um. Meine Augen blinken silbern im schneidenden Wind. Wie im Frühjahr gibt es auch im Herbst diesen einen Tag, an welchem du merkst, dass die Jahreszeiten wechseln. Und heute hat für mich der Winter begonnen. An eben diesem, meinem ersten Wintertag ist es unverkennbar kalt. Raureif und kalt verbackener Schnee überzuckert das Land. Die Rinnsale sind gefroren. Und es ist völlig egal, ob noch einmal wärmere Tage den Herbst wiederbringen werden, heute hat für mich der Winter begonnen.

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2009-10-15, Aufbruch an der Refuge de l'Onda

Der erste Teil der heutigen Tour ist relativ einfach zu gehen. Über einen mit kleineren Felsbrocken übersäten Hang geht es hinauf bis zur Punta di l’Altore, einer Art Plateau vor dem eigentlichen Gipfel, der Capu a Meta, welcher den Beginn einer etwa drei Kilometer langen Gratwanderung markiert. Auf dem Hang liegen etwa fünf Zentimeter feinkörniger Neuschnee. Die Temperatur beträgt minus fünf Grad Celsius und die Sonne scheint. Den ganzen Vormittag werden ständig weitere Schneemengen aus Nordwest durch tief fliegende, schmale Wolkenbänder herangetragen, welche sich an den Hängen in Höhen ab eintausendfünfhundert Metern ablagern. Die Wegemarkierungen sind mittlerweile weitgehend von Schnee bedeckt, aber der Weg ist durch die Spuren der vor mir gehenden Bergführer noch gut zu erkennen. Nach etwa einer dreiviertel Stunde habe ich das erste Plateau erreicht.

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2009-10-15, Punta di l’Altore

Der weitere Weg hinauf zur Capu a Meta wird inzwischen von einem kleineren Schneesturm verdeckt. Ungefähr einhundert Höhenmeter oberhalb von mir kann ich, als die Wolken aufreißen und für Sekunden einen Blick auf den Gipfel freigeben, den britischen Bergführer mit seiner französischen Partnerin erkennen, wie sie sich meines Erachtens deutlich zu weit rechts den Weg durch die ersten tieferen Schneewehen hinauf bahnen. Ich vertraue meinem GPS und steige weitgehend blind im Schneegestöber auf einer weiter links führenden Route hinterher.

In früheren Zeiten, also noch vor der Einführung der ersten privat nutzbaren GPS-Geräte, wäre ich als Solo-Geher in der gleichen Situation bestimmt nicht in dieses Wetter eingestiegen. Inzwischen stellt die mangelnde Sicht in einem einfacheren Gelände aber kein so großes Problem mehr dar, wenn eine insgesamt für dieses Wetter ausreichende Ausrüstung vorhanden ist. Unangenehm bleiben mir aber weiterhin das blinde Technikvertrauen und die Ungewissheit vor den folgenden Situationen. Ich mag es einfach nicht, blind in den Bergen herumzustapfen, auch wenn es inzwischen technisch funktioniert.

Das stürmische Wetter verkrustet immer wieder meine Gletscherbrille und das GPS-Gerät, so dass ich regelmäßig anhalten muss, um beides zu reinigen. Ich beeile mich, so gut es geht, diesem Wetter zu entfliehen. Auf der Capu a Meta angekommen bin ich etwas außer Atem wegen des schnellen Aufstiegs. Ich mache eine kurze Rast und bin sehr erstaunt, dass plötzlich die beiden Bergführer, Christopher und Barbara, zu mir aufschließen. Sie sind ebenfalls sichtlich erschöpft, da die Schneeverwehungen auf ihrem Umweg noch tiefer als bei mir gewesen sein müssen. Beide sind ohne GPS unterwegs und verlassen sich auf ihrer Hausstrecke ausschließlich auf ihre Erfahrung, ihr Gespür und einen Kompass.

Da die Sicht weiter sehr schlecht ist, führe ich nunmehr auf dem anschließenden Wegstück, dem Gipfelgrat Serra di Tenda, unsere kleine, neu gebildete Gruppe an. Auf halber Strecke zum höchsten Punkt der heutigen Tour, der Pointe de Pinzi Corbini, muss in einen Felskessel etwa achtzig bis einhundert Meter abgestiegen werden, um in diesem anschließend bis zum Sattel Bocca a Meta zu queren. Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob ich den richtigen Punkt für den Abstieg gefunden habe, da der Schnee den im Sommer gut sichtbaren Pfad vollständig bedeckt und auch sonst die Landschaft in kürzester Zeit umgestaltet hat. Ich wähle in Ermangelung besserer Alternativen einfach die für mich offensichtlichste Stelle für einen Abstieg aus. Immerhin hat mittlerweile das Schneetreiben nachgelassen, so dass uns die Sicht in den scharf gezackten Felskessel und auf die umliegenden Berge ermöglicht wird.

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2009-10-15, Gipfelgrat Serra di Tenda

Die Schwierigkeit beim Abstieg besteht nunmehr darin, dass die eigentlich einfachen und deshalb ungesicherten Kletterstellen vollständig mit einer zu Schneenadeln verkrusteten Schicht überzogen sind. Dies ist zwar wunderschön anzuschauen aber leider auch höllisch glatt. Wir beschließen, untereinander jeweils einen größeren Abstand einzuhalten und uns nicht gegenseitig zu helfen, da wegen mangelnder Sicherungsmöglichkeiten jeder diesen Abstieg allein meistern muss. Ich steige als Erster ein.

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2009-10-15, Zugang zur Kletterstelle

Schon auf den ersten Metern merke ich, dass die freistehenden Felsbrocken wie mit einer dünnen glasartigen Schicht überzogen sind. Der erste Schnee muss an den noch warmen Felsen geschmolzen und direkt danach durch den kalten Wind gefroren sein. Auf dieser dünnen Eisschicht sind anschließend weitere Schneeflocken auskristallisiert und haben sich wie bei einem Igel als ein Stachelkleid um den Fels geschmiegt. In konzentrischen Wirbeln angeordnet, geben sie dem Granit ein wahrhaft lebendiges und zugleich majestätisches Aussehen. Ich sträube mich, mit meinen profanen Bewegungen, Tritten und Griffen diese Schönheit zu zerstören. Ich muss innehalten, um wenigstens etwas davon zu fotografieren. Vergänglichkeit.

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2009-10-15, Oberhalb der Kletterstelle

Bei meinem Abstieg versuche ich mich so konzentriert und gespannt wie nur möglich zu bewegen, um diese Glätte wenigstens etwas zu beherrschen. Ich muss gestehen, dass ich bisher selten so wenig Gefühl zum Fels hatte, wie an diesem Morgen. Es ist quasi gar kein Vertrauen mehr zum Untergrund vorhanden. Als heimlicher Vertreter einer dynamischen Ein- bis Zweipunkttechnik beim Klettern versuche ich nunmehr die hochgelobte Dreipunkttechnik in eine Vierpunkttechnik umzuinterpretieren. Schieben der Hände und Füße statt Klettern. An manchen Stellen bin ich so ratlos, dass ich sogar kleinere Sprünge als das geringere Übel ansehe, um mir hinterher die Dummheit dieser Idee für immer in das Gedächtnis einzubrennen. Steigeisen oder ein Seil wären jetzt nicht schlecht.

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2009-10-15, Mitten in der Kletterstelle

Von weiter oben muss sich meine Art der Fortbewegung als ziemlich unorthodoxe Methode dargestellt haben. Zumindest ernte ich aufmunternde Zurufe und meine beiden Begleiter versuchen sich in einer Adaption derselben. Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass wir grazil und elfengleich den Berg hinabgewandelt sind, aber wir haben es letztlich ohne Blessuren geschafft. Und wir sind uns einig, von einem Beherrschen der Situation war hier nicht mehr viel übrig geblieben. Glück gehabt.

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2009-10-15, Unterhalb der Kletterstelle

Die anschließende Querung ist dafür völlig unproblematisch. Der Schnee hat zwar an einigen Stellen, vor allem zwischen den Blocksteinen, eine Höhe von zwanzig bis vierzig Zentimeter erreicht, aber gleichzeitig haben sich inzwischen die Schneeverwehungen zu einer weitgehend stabilen Decke verfestigt. Ich sinke kaum noch ein und komme sehr schnell voran. An dem Sattel Bocca a Meta angekommen raste ich kurz. Kurz darauf stoßen auch Christopher und Barbara zu mir. Da die Beiden an dieser Stelle ebenfalls rasten möchten und sich das Wetter mit strahlendem Sonnenschein jetzt von seiner besten Seite zeigt, verabschiede ich mich, um allein weiter zu gehen.

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2009-10-15, Querung zum Sattel Bocca a Meta

Schnell erklimme ich den einhundertsechzig Meter über uns liegenden Gipfel Pointe de Pinzi Corbini. Oben angekommen lasse ich den Blick noch einmal schweifen, winke den beiden Bergführern zu und bin mir bewusst, dass ich die Herausforderung angenommen habe. Entgegen zu meinem abends zuvor gefassten Vorsatz treiben mich meine beiden Begleiten nunmehr unwissentlich und unsichtbar vor sich her. Ich spüre, dass ich mich nur noch ungern einholen lassen möchte. Ich spüre, wie dieser kleine Wettbewerb von mir Besitz ergreift, mein Denken verändert, mich assimiliert. Es ist jetzt schon etwas weniger meine eigene Tour, aber es macht auch Spaß. Der Versuch herauszufinden, wie lange ich mit der Gruppe mithalten kann, übt einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Es noch einmal zu probieren, wie in alten Zeiten.

Da nach dem Gipfel die restlichen dreieinhalb Kilometer der heutigen Tour fast ausschließlich horizontal oder bergab verlaufen, schlage ich jetzt probeweise ein für mich ungewöhnlich hohes Tempo ein. Nun ich renne nicht gerade, aber ich gehe straff. Trotz dessen gelingt es mir nicht, meine beiden „Verfolger“ auf Distanz zu halten. Etwa dreihundert Meter vor dem Ziel kommen sie mich freundlich grüßend und sich ständig unterhaltend an mir vorbei gerauscht. Nach wenigen Minuten geselle ich mich an der Refuge de Petra Piana zu ihnen und kurz darauf treffen auch Maria und Patrick ein. Die beiden Basken Joshua und Elias waren die Ersten an der Hütte und haben bereits den Ofen vorgeheizt, um zum Mittagessen die von ihnen unterwegs frisch gesammelte Maronen rösten zu können. Als wir ankamen, lagen sie bereits auf der Veranda in der Sonne und haben uns aus der Ferne beobachtet.

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2009-10-15, Blick zurück von der Pointe de Pinzi Corbini (unterhalb die beiden Bergführer)

Überaschenderweise stellt sich beim Vergleich der einzelnen Zeiten heraus, dass ich mit vier Stunden und achtunddreißig Minuten Gesamtzeit knapp vier Minuten Vorsprung auf die beiden Basken herausgelaufen bin. Fairerweise muss dazu aber angemerkt werden, dass sowohl die beiden Basken als auch Maria und Patrick im Wald nicht unerhebliche Mengen Maronen für uns alle gesammelt haben. Aber so sind sie nun einmal, die Regeln. Und das Wichtigste auf dieser Tour ist allemal das gute Essen.

Durch diesen kleinen Achtungserfolg, welcher mich fast an die Grenze meiner Leistungsfähigkeit gebracht hat, muss ich jetzt natürlich allen versprechen, auch an den nächsten Tagen nicht zu kneifen. Ich ziere mich zwar noch etwas, lasse mir die ein oder andere verbale Hintertür offen, weis insgeheim aber schon, dass ich es versuchen werde. Es scheint ein bisschen möglich zu sein, mithalten zu können.

Nach dem Mittagessen, kurz vor zwei Uhr nachmittags, beschließen Christopher und Barbara trotz der schlechten Wetterprognosen mit Sturm, Schnee und tiefen Temperaturen ein Double zu versuchen. Zu dieser Jahreszeit ist dieser Zeitpunkt die späteste mögliche Uhrzeit, um noch eine Tour beginnen zu können. Eigentlich ist es sogar schon zu spät, da der Sonnenuntergang etwa eine halbe Stunde nach sechs Uhr erfolgen wird. Das Tageslicht erlischt in den Bergen demzufolge je nach Wolkenstand kurz nach sechs Uhr. Vier Stunden bis zur Dunkelheit für eine Tour, welche regulär mit sechseinhalb Stunden angegeben wird, ist mir eindeutig zu riskant. Noch dazu führt die folgende Route gerade im zweiten Teil an einigen bei Schnee und Eis nicht ganz ungefährlichen Stellen im Bereich der Breche de Capitello vorbei. Ich winke ab, dass ist eindeutig nichts für mich. Ebenso entscheiden sich die Anderen zum Verbleib an der Hütte, auch wenn das für sie einigen ungewohnten Müßiggang bedeutet.

Während Christopher und Barbara ihr Double versuchen, nutzen wir die Gelegenheit, uns näher miteinander bekannt zu machen. Ein völlig entspannter Nachmittag beginnt für uns, welchen wir mit allerlei kulinarischen Versuchen zu füllen gedenken. Einige der Kochpausen kann ich zudem nutzen, um die nähere Umgebung zu erkunden und Fotos zu machen.

Im Laufe des Nachmittags fällt die Temperatur von etwa plus fünf auf minus fünf Grad Celsius. Der Wind frischt auf, aber in diesem Tal fällt heute kein Neuschnee mehr. Die mit einem Steinbecken eingefasste Quelle in der Nähe der Hütte beginnt einzufrieren, bis nur noch ein kleines Rinnsal an den Eiszapfen hinabfließt. Es ist der eisige Wind, der hier alles auszukühlen beginnt. Wir verkriechen uns früh in den Schlafsäcken.

Wie immer nutze ich die ersten Minuten der Nacht, den Tag etwas nachzuschmecken, die Bilder zu fangen, das Glück zu begreifen. Heute muss ich aber vorher noch einige Dinge mit mir regeln. In dem Augenblick, in dem ich mich auf das Speed-Hiking eingelassen habe, also in dem Augenblick, als ich akzeptierte, mehr als eine einzelne Tour schnell gehen zu wollen, akzeptierte ich zugleich, dass ich die Idee meiner eigenen Tour aufgab. Die Konsequenz daraus ist recht einfach. Es geht nur ganz oder gar nicht. Das Handicap der schwereren Ausrüstung kann ich nicht noch durch den Nachteil einer Zeltübernachtung vergrößern. Demzufolge werde ich ab jetzt auf dieser Tour ausschließlich in den Hütten übernachten. Und die Vorteile sind nicht zu verachten. Es gibt dank der Solarstromanlagen Licht. Es gibt mehrere Kochplatten, wodurch sich das Kochen deutlich vereinfacht. Es gibt einen Holzofen, was die Regeneration des ausgelaugten Körpers in einem warmen Raum befördert. Und der Zeltabbau in der Nacht entfällt, wodurch sich die Erholungsphasen verlängern. Und wie so immer, mein Entschluss steht auch jetzt wieder fest.

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2009-10-15, Etappenprofil, Länge 7,9 km, Aufstieg _.___ m, Abstieg ___ m

... weiter gehts im Teil 2 weiter unten in diesem Thread

shorst
29.12.2009, 09:02
Danke, macht so viel Freude das zu lesen! Auch wenns unfair ist Korsika doch wieder in ein Will-hin zu rücken.

Atze1407
29.12.2009, 11:33
Wann kommt der zweite Teil ? Ich hoffe nicht allzu lange warten zu müssen.

Atze 1407

loopzero
29.12.2009, 12:52
....es bleibt spannend.....:bg:

Sinister
29.12.2009, 13:18
wahnsinnig toll geschrieben :o Ich freue mich auf die Fortsetzung! :)

Rainer Duesmann
29.12.2009, 17:40
Großartiger Bericht!
Vielen Dank.

Rainer

tah
01.01.2010, 21:10
Hallo Leute,

wie bei vielen anderen Dingen bin ich auch beim Schreiben nicht der Schnellste. Ich gebe mir aber Mühe, die Tour so schnell es eben geht zu erzählen. Danke euch natürlich für Euer Interesse.

Habe heute (im ersten Beitrag) den zweiten Tag eingefügt und beginne gleich mit dem dritten Tag.

Viele Grüße, Tom.

PS: ... von Sinister habe ich in einem amderen Thread gelesen, dass er im kommenden September auf die Insel möchte. Mit etwas Glück ist der Bericht vorher fertig:-)

sejoko
02.01.2010, 12:19
Hallo

Wirklich ein toller Bericht den ich mit großem Interesse gelesen habe. Kann die Fortsetzung kaum erwarten.

Gruß
Sebastian

BubiBohnensack
02.01.2010, 15:43
Sehr grandios :)

BubiBohnensack
06.01.2010, 12:11
Möp!

tah
07.01.2010, 00:00
TEIL 2

16.10.2009 – Eis
Durch die Ritzen der vom Schlafraum ins Freie führenden Tür strömt eiskalte Luft. Es ist noch stockdunkel und meine Nase fröstelt. Es ist deutlich kälter als in der Nacht zuvor. Im klaren Mondlicht kann ich erkennen, dass das Thermometer in der Hütte minus zehn Grad anzeigt.

Die Schlafsäcke meiner Begleiter rascheln leicht. Ich nehme an, dass sie ebenfalls nicht mehr schlafen können. Stetig drückt der Wind die Kälte mit einem hohen Pfeifton in die Hütte hinein. Es stürmt. Mit Schaudern male ich mir aus, was passiert sein könnte, wenn Christopher und Barbara ihr Double nicht geschafft haben sollten. Das Aufstehen kostet Überwindung.

Der Ofen in der Küche ist kalt und das am Abend zuvor geholte Wasser ist gefroren. Ich mache mich auf, um an der Quelle neues Wasser zu holen. Sie ist vollständig gefroren. Ein großer blanker Eisspiegel glitzert in der heraufziehenden Dämmerung am Boden und macht das Herantreten an die Quelle zu einem rutschigen Erlebnis. Die Quelle ist zu vollkommen durchsichtigem Blankeis gefroren.

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2009-10-16, Klareis an der Quelle

An der Hütte vorbei gehe ich zum nah gelegenen Bach. Auch dieser ist über Nacht zugefroren. Mit einem Stein versuche ich das Eis zu zerschlagen, um Wasser schöpfen zu können. Erstaunlicherweise ist auch der Bach bis zum Grund gefroren.

In der Küche hat derweil Patrick den Topf mit dem vereisten Wasser etwas angeschmolzen. Er ist weniger überrascht als ich und erklärt mir, dass dieses Phänomen hier zwar sehr selten aber dennoch regelmäßig zu beobachten sei. Immerhin läge die Hütte auf über eintausendachthundert Metern Höhe und in einer wolkenfreien Nacht im Spätherbst mit starkem, sehr kaltem Wind aus Nord oder Ost wäre es letztlich kein Wunder. Vermutlich würden wir heute auf unserer Tour noch die eine oder andere Überraschung erleben, meint er. Ich schüttele immer noch etwas ungläubig den Kopf, schließlich haben wir erst Mitte Oktober und unten in den Tälern tragen die Leute noch T-Shirts. Maria verrät mir darauf lachend, dass sie und Joshua gewettet hätten, ob ich doch noch Wasser finden würde. Sie hätte letztlich auf mich gesetzt, so überzeugend sei ich aus der Tür gestürmt, aber so sei eben das Leben.

Ihr Lachen vergoldet den Morgen und lässt die Hütte wärmer werden. Die Stimmung ist gut. Zum Frühstück gibt es mit korsischem Schinken angebratenen Toast, Kaffee und zum Nachtisch eine Portion Schokomilchnussmüsli. Draußen bricht die Sonne breit flutend in das Tal.

Halb Acht brechen Patrick und Maria auf, eine viertel Stunde später ich und eine weitere viertel Stunde später Joshua und Elias. Es ist kalt. Der eisige Wind zieht den Hang hinab und lässt mich trotz der Anstrengung frösteln. Direkt nach der Hütte geht es zweihundert Höhenmeter hinauf.

Zu Beginn der Traverse im Südhang des Berges A Maniccia habe ich Patrick und Maria eingeholt, welche an dieser Stelle die grandiose Aussicht genießen. Wir machen Fotos und Patrick zeigt mir weit, weit hinten im Südwesten, hinter den sieben Bergen ihre Heimatstadt Ajaccio. In dem Moment als wir aufbrechen, erreichen auch Joshua und Elias das Plateau.

Gemeinsam mit meinen französischen Begleitern steige ich die Traverse zum Col de la Haute Route hinauf, welcher auf etwa zweitausendzweihundert Metern Höhe liegt. Alle Pfützen und Rinnsale sind gefroren, auch wenn auf dieser Seite der Berge kaum Schnee liegt. Meine Begleiter legen ein beachtliches Tempo vor, welchem ich nur mit Mühe folgen kann.

Vom Pass aus geht es zunächst auf den fünfzig Meter unterhalb liegenden Col de Rinoso und von dort aus nördlich der Pointe Mozello über steile, verschneite Serpentinen hinab in Richtung des Lac de Rinoso, welcher auf zweitausendfünfzig Metern Höhe etwa einhundert Meter oberhalb des Sees gequert wird. Auf dem Weg hinab sind entlang des beeindruckenden Talkessels links die oberen Spitzen der Punta Alle Porte, mittig der Monte di Giovan Paolo und rechts die etwa zweitausendsechshundert Meter hohe Spitze des Monte Rotondo zu sehen. Der uns zu Füßen liegende Lac de Rinoso, einer der schönsten korsischen Bergseen, ist von einer dünnen Eisschicht vollständig bedeckt, in welcher sich matt der Monte di Giovan Paolo spiegelt. Uns beflügeln die traumhaft klare Luft und das Licht- und Schattenspiel der frühmorgendlichen Sonne auf den gegenüber liegenden Felswänden.

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2009-10-16, Patrick im Abstieg zum Lac de Rinoso

Auf dem Weg zur Bocca a Soglia, kurz vor Erreichen der Querung des Zuflusses zum Lac de Melo, bekommen wir ein weiteres, absolut seltenes Wetterphänomen zu sehen. Eigentlich wären wir fast darüber gestolpert und hätten es damit unweigerlich zerstört. Aber gerade noch rechtzeitig wird unser Blick auf den rutschigen von Eis überzogenen Boden gelenkt. Aus gefrorenen Pfützen ragen uns, wie korsische Dolche der Vendetta, etwa zehn bis fünfzehn Zentimeter lange Eisnadeln entgegen. Wir beugen uns nieder, um diese seltsamen Objekte aus nächster Nähe studieren zu können. Unwirklich. Vergessen ist das Rennen durch die Berge. Die Märchenwelt hat uns eingefangen. Aufgeregt zeigen wir uns ein um das andere Mal neue Entdeckungen, an welchen wir uns kaum satt sehen können.

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2009-10-16, Vertikale Eisdolche

Die auf den ersten Blick unerklärlichen Eisnadeln, welche aus dem Wasser in die Höhe gewachsen sind, können nur auf einem Weg entstanden sein. Der Wind, welcher auch den ganzen Morgen über noch mit eisiger Kälte durch die Berge weht, muss in der vergangenen Nacht das Wasser kurz vor der Eiswerdung plastisch formbar ausgekühlt und zugleich durch seine Stärke nach oben in Form der Eisnadeln getrieben haben. Entgegen der Schwerkraft. Etwas erinnert mich diese Szenerie an ein lang zurück liegendes Erlebnis in einem frischen isländischen Aschefeld, aus welchem unversehens scharfe, schmalklingige Obsidiandolche beim durch das Auftreten hervorgerufenen Zusammensinken der Vulkanasche auftauchten. Traumhaft und unverstanden. Und wenn die Zeit jetzt zu Ende ginge, ich wäre glücklich.

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2009-10-16, Nadeln aus vereistem Schnee

Die anschließende Strecke ist nicht minder interessant. Aus dem Fels sind dreidimensionale Eisblumen gewachsen, welche uns ob ihrer Schönheit und Unberührtheit zu kleineren Umwegen zwingen. Der hoch oben an der Pointe Mozzello beginnende Bach, welcher weiter unten den Lac de Melo speist, ist plastisch gefroren. In Form von großformatigen, klareisigen Treppenstufen versperrt er uns den Weg und erfordert beim Überqueren höchste Konzentration. Es lässt sich dabei nicht verhindern, wie wackelige Enten unbeholfen nach Balance suchend, in direkter Nähe zum Boden und teils auf allen Vieren das Eis zu queren.

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2009-10-16, Plastisch vereister Abfluss des Wasserfalls

Einige Meter weiter entdecken wir einen kleinen Wasserfall, welcher, als hätte jemand die Zeit angehalten, direkt im Fallen erstarrt scheint. Wir verwenden viel Zeit darauf, die Eindrücke in uns aufzunehmen und für karge Zeiten zu speichern.

Über ein verschneites Blockfeld geht es schließlich weiter zur nah gelegenen Bocca a Soglia, auf welcher wir eine kurze Rast einlegen und uns gegenseitig unserer Eindrücke versichern. Nach wenigen Minuten erreichen uns Joshua und Elias. Weil uns das Rennen an diesem Tag inzwischen etwas weniger wichtig erscheint, beschließen wir, die restliche Strecke bis zur Refuge de Manganu gemeinsam zurückzulegen. Die aufgekratzte und gelöste Frühstücksstimmung hat uns wieder erfasst.

Von der Bocca a Soglia auf zweitausendfünfzig Metern Höhe führt der Weg zunächst auf der Südseite des Grates nach Westen zur Punta Alle Porta, einem schartigen, steil aufragenden und aus mehreren Felstürmen bestehenden Gebilde. An einer der höher gelegenen Scharten, einem relativ schmalen Durchschlupf, wechseln wir auf die Nordseite des Grates, um im gleichen Augenblick den Lac de Capitello tief unter uns zu sehen. An dieser Stelle führt auch ein recht steiler Abzweig hinunter zum Lac de Capitello, von dort zum Lac de Melo und von diesem durch das Restonica Tal bis nach Corte. Wir aber orientieren uns weiter nach Westen hinauf zur verschneiten und vereisten Breche de Capitello auf etwa zweitausendzweihundert Metern Höhe.

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2009-10-16, Lac de Capitello (links) und Lac de Melo

Kurz vor dem Erreichen der Breche de Capitello gibt es noch eine kleine Kletterstelle zu überwinden, welche mit Ketten gesichert erst etwa fünf bis sieben Meter hinauf und anschließend durch einen Felsdurchschlupf hindurch führt. Die Kletterstelle erweist sich als vereist und leicht eingeschneit. Den dadurch entstehenden Stau umgehen Maria und ich links in einer Kombination aus Piaz- und Risskletterei. Hoch oben im Fels ist diese Variante zwar nicht technisch schwer, aber eben ungesichert und unter den gegebenen Verhältnissen mit Gepäck und Eis moralisch etwas anspruchsvoller.

Der Kletterstil von Maria ist beeindruckend grazil. Während ich manchmal dazu tendiere, weit auseinander liegende Griffe und Tritte durch einen kontrolliert dynamischen Bewegungsablauf zu überwinden, bewegt sich Maria ohne Unterbrechung ihrer Bewegungen in einem stetigen Fluss. Stiltechnisch sieht dies unweit eleganter und souveräner aus. Und sie ist dabei schnell. Während ich mir bisher noch eingebildet habe, dass ich wenigstens auf diesem Gebiet einige Vorteile haben dürfte, muss ich mir eingestehen, dass dem wahrscheinlich nicht so ist.

Von der Breche de Capitello aus geht es anschließend über ein verschneites und etwas instabiles Blockfeld hinab zum Beginn einer Hochebene, welche sich in Form von drei Terrassen bis zur Refuge de Manganu hinzieht. Am Ende des Blockfeldes queren wir einen kleinen nur im Frühjahr und Spätherbst existierenden Wasserfall, welcher in der steil aufragenden Südwand der Capu a i Sorbi im wahrsten Sinne des Wortes über unseren Köpfen hinabfällt. Auch dieser Wasserfall ist gefroren, wird aber in der windgeschützten Südseite durch die Mittagssonne aufgeschmolzen, so dass meterlange Eiszapfen an uns vorbei ins Tal stürzen.

Es ist etwa zwölf Uhr mittags, als wir am Beginn der Hochebene einen kleinen, bis zum Grund zugefrorenen See erreichen, an welchem wir Christopher und Barbara beim Verpacken ihrer Ausrüstung entdecken. Sie haben offensichtlich das Double nicht vollenden können und mussten hier am See biwakieren. Neugierig gesellen wir uns zu ihnen, um uns von ihrem Versuch berichten zu lassen.

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2009-10-16, Vereister See auf der Hochebene

Wie wir vermutet hatten, mussten sich beide durch die am Nachmittag des Vortages aus Nordosten aufziehende Kaltwetterfront, den mit etwa achtzig bis einhundert Stundenkilometern beginnenden Starkwind und die immer stärker vereisende Landschaft kämpfen, welche wir heute in ihrer erstarrten Pracht so ausgiebig bewundern durften. Durch den Wind, die Kälte und das Eis waren sie nicht annähernd so schnell, wie sie es sich vorgenommen hatten. Die Breche de Capitello erreichten sie erst deutlich nach Einbruch der Dunkelheit und mussten im Licht ihrer Stirnlampen das verschneite, instabile Blockfeld absteigen. Da ihnen das anschließende Terrain mit dem von Minute zu Minute mehr zufrierenden Hochmoor zu riskant erschien, trafen sie schließlich die Entscheidung, am See zu biwakieren. Und offensichtlich hatten sie die gleichen Schwierigkeiten wie ich gehabt, fließendes Wasser zu finden. Die anschließende Nacht im eiskalten Wind muss dann in etwa so kalt gewesen sein, wie wir uns das in unseren kühnsten Versionen ausgemalt hatten. Viel geschlafen haben die Beiden offensichtlich nicht. Durch die heute am späten Vormittag in der Windstille durchbrechende Mittagssonne konnten sie sich zumindest aber wieder auftauen und mit einem leichten Schaudern auf ihr kleines Abenteuer zurückblicken.

Nach einigen Minuten ziehen wir alle gemeinsam weiter, um entsprechend meiner Zeitmessung nach etwas über fünf Stunden die auf eintausendsechshundert Metern Höhe liegende Hütte zu erreichen. An der Hütte angekommen, erwartet uns die nächste Überraschung. Bekannte von Patrick, Gardians der Parkverwaltung, haben das beginnende Wochenende dazu genutzt, sich mit reichlich Spezialitäten der korsischen Küche und etlichen Flaschen Wein auf der Hütte gemütlich einzurichten. Wir werden eingeladen und verzichten auf die erste Möglichkeit eines Doubles. Es ist dieser ausgeprägte Sinn für die wichtigen Dinge des Lebens, welcher mich bei meinen Begleitern so begeistert. Die Chance auf ein erstes Double gegen einen entspannten Nachmittag und ein kleines Festmahl ohne Reue eintauschen zu können, ist für sie somit nur folgerichtig.

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2009-10-16, Etappenprofil, Länge 9,4 km, Aufstieg _.___ m, Abstieg ___ m

17.10.2009 – Vermisst
Obwohl die kleine Feier bis spät in die Nacht angedauert hat, gelingt uns wieder ein früher Start. Wir stehen wie tags zuvor in der Dunkelheit auf und bereiten uns zielstrebig auf unser erstes Double vor. Wir sind uns sicher, dass es heute gelingen wird. Die Strecke ist bis auf den letzten Teil relativ eben und somit schnell zu gehen. Nichtsdestotrotz warten bei diesem Double mit einer Gesamtlänge von knapp vierundzwanzig Kilometern etwa eintausendzweihundertfünfzig Meter bergauf und achthundertneunzig Meter bergab auf uns.

Da das Abendbrot gestern etwas reichlich ausgefallen war, können wir auf ein opulentes Frühstück verzichten. Ein klein wenig macht sich Nervosität unter uns breit. Schweigsam sitzen wir an dem großen Tisch vor dem kalten Ofen. Es ist fast so, wie kurz vor dem Start eines echten Wettkampfes. Christopher und Barbara entscheiden sich schließlich als Erste, die Tour zu beginnen. Sie stehen plötzlich laut polternd auf, verstauen den Rest ihrer Ausrüstung und ziehen sich an. Fünfzehn Minuten nach sieben Uhr brechen sie mit einem aufmunternden Gruß auf. Als sie die Hütte verlassen, stieben Schneeflocken in den Gemeinschaftsraum. Über Nacht ist es auch in diesem Tal kalt geworden.

Fünfzehn Minuten später brechen Joshua und Elias auf, in weiteren Fünfzehnminutenabständen ich und als Letzte Patrick und Maria. Ich will die heutige Tour auf jeden Fall allein laufen, da ich mir sicher bin, auf dem bergarmen ersten Abschnitt das Tempo der Bergführer nicht mithalten zu können. Aber ich hoffe schon, sie abends wiedertreffen zu können.

Als ich die Hütte verlasse, bemerke ich als Erstes, dass das gesamte Tal von tief hängenden Wolken ausgefüllt ist, welche sich langsam abschneien. Wenn ich mich ausstrecke, glaube ich fast die Wolkenunterkante berühren zu können. Es ist weniger kalt als erwartet, so etwa plus fünf Grad Celsius. Der Schnee bleibt nur vereinzelt liegen, der Weg ist frei und gut erkennbar.

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2009-10-17, ... der Himmel ganz nah an der Bergeries de Vaccaghia

Der Unterschied zum Laufen in Gesellschaft ist, dass meine Wahrnehmung wieder völlig auf sich allein gestellt ist. Dadurch vertrödele ich mit meinem introvertierten Daherwandern eine Menge der bildhaften Eindrücke, auf welche sich eine Gruppe immer hinzuweisen pflegt. Die Erinnerungen an Gruppentouren sind bei mir dann auch eher eine Summe sehr intensiver, aber letztlich einzelner Bilder, Gespräche und Emotionen. Beim Alleinwandern entsteht bei mir dagegen mehr eine Erinnerung der Stimmung des Tages als ein vollständiges Bild seiner selbst. Es ist weniger die Reportage der Ereignisse als mehr die Melodie des Weges.

Es beginnt ganz banal, dass sich erst mein Körper in dem mir eigenen Tempo obgleich der monotonen Bewegungen einzuschwingen beginnt und nach und nach meinen Geist im stetigen Zwiegespräch hinzuzieht und von der Einzigartigkeit des Tages zu überzeugen beginnt. Es ist dabei vollkommen egal, wie reizend sich eine Umgebung präsentiert. Es sind ja letztlich nicht vorrangig die Bilder, welche ich in mir aufnehme. Gedanken, Vergangenheit und Zukunft säumen den Weg. Und je nachdem, von welchem Punkt ich mich gerade beobachten würde, könnte ich mich trefflich mit mir selber darüber streiten, ob jetzt gerade die Gegenwart oder doch das Drumherum wichtiger wäre.

Was mich am meisten fasziniert, ist die Energie eines Weges. Das mag unverständlich klingen und wäre, da viel zu privat, unnötig hier an dieser Stelle auszubreiten. Um aber die nachfolgenden Ereignisse und meine Entscheidungen überhaupt vor mir selbst rechtfertigen zu können, muss ich an dieser Stelle etwas weiter ausholen.

Energie. Meine Einbildung suggeriert mir regelmäßig, und mir ist bewusst, dass dies meinem bisherigen Werdegang diametral entgegensteht, das Vorhandensein energetischer Flüsse. Diese sind für mich nicht direkt sichtbar, aber manchmal in meiner Einbildung spürbar. Ich stelle mir diese wie Korridore vor, welche durch eine Landschaft durch die Gedanken, Erinnerungen, Erfahrungen, eben dem Wissen der auf den Wegen laufenden Wesen, Menschen, Tiere, was auch immer, gespannt werden. Ihr Denken an ihre Ziele errichtet entlang ihrer Wege Barrieren, welche die Landschaft rechts und links von ihnen abschotten. Diese Barrieren verbieten ihnen dadurch mehr oder weniger ein Abweichen von den Wegen, so dass sich in die Landschaft eingeschnittene, gut sichtbare Pfade entwickeln. Erkenntlich sind diese Wanderwege oder Tierpfade letztlich an den hinterlassenen Spuren, wie beispielsweise abgetretenem Stein, Markierungen oder Wegezeichen. Natürlich laufen vor allem Tiere auch jenseits ihrer üblichen Trampelpfade und sind somit freier in der Natur unterwegs als viele Menschen, aber es gibt auch die relativ fest definierten Tierpfade.

Ich unterstelle diesen Korridoren das Vorhandensein von Energie, gerade weil sie regelmäßig, wieder und wieder, begangen werden. Und ich bilde mir ein, dass diese Energie sehr viel mit visuellem Erkennen zu tun hat, weil sie in sichtbaren Zeichen oder in der visuellen Erinnerung gespeichert ist, bei Tieren vielleicht manchmal auch als magnetische Landmarke. Letztlich bedeutet das Vorhandensein dieser Energie in ihr sublimierte Erfahrung. Dieser Pfad war schon immer gut und gefahrlos und wird deshalb begangen. Jenseits dieser Pfade laueren Gefahren. Vielleicht. Oder Neues. Vielleicht.

In bestimmten Situationen oder zu bestimmten Zeiten aber kann diese Energie auch verblassen. Sie diffundiert dann, beispielsweise außerhalb der Saison, an den Rändern aus. Die Pfade verlieren ihre Eindeutigkeit, die Natur verwischt die Spuren, deckt sie mit Laub oder Schnee zu. In der Nacht auf einer einsamen Straße finde ich es immer äußerst beruhigend, die Rücklichter eines vorausfahrenden Fahrzeugs zu sehen, wohl wissend, dass es mich auch vom Wege weg führen kann, wohl hoffend, dass es mir immer den richtigen Weg weisen wird.

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2009-10-17, Baum auf der Hochebene vor dem Lac de Nino

Unser Wandertag beginnt also mit tief fliegenden Wolken. Weit vor mir, im Schleier des leichten Schneefalls kann ich noch die beiden Basken erkennen und mich an ihnen ohne weitere Hilfen orientieren. Beim Zurückblicken kann ich ebenfalls Patrick und Maria noch als Schemen im Dunst der Wolken erkennen. Eingepackt in diesen Kokon lasse ich mich ziehen und zugleich schieben. So habe ich mehr Freiraum für meine Gedanken.

Ich komme gut voran und der Nebel nimmt zu. Tiefer und tiefer werden die Wolken in die Ebene hineingedrückt, bis nur noch ein Umkreis von vielleicht hundert Metern um mich herum sichtbar ist. Es ist wunderbar beruhigend. Der Kokon ist etwas enger und somit heimischer geworden, auch wenn ich jetzt die Orientierung selbst übernehmen muss. Stille liegt über der verborgenen Landschaft. Die Punta di a Fernina Morta, die Bocca d‘ Acqua Ciarnente, die Bergerie de Vaccaghia und das obere, flache Tavignano Tal ziehen vorüber. Irgendwo in den Wolken verborgen, nördlich vor mir, muss sich die Punta Artica befinden. So habe ich mir die Tage hier vorgestellt.

In einem lockeren Waldgebiet entlang des Le Tavignano, welcher dem Lac de Nino entspringt, entdecke ich durch einen Brand bizarr verformte Bäume. Teils bis auf die noch erhaltenen Außenhüllen hat sich das Feuer im Innern, vermutlich durch Blitzschlag ausgelöst, von den Kronen bis zu den Wurzeln hinab durch die Bäume gefressen. Teils hat der Brand die Bäume explodieren lassen, so dass deren zerborstene Überreste weit verstreut im Umkreis um die verkohlten Stümpfe herum liegen. Epische Bilder der Vergänglichkeit und des Neuanfangs, wenn zwischen den Trümmern bereits die ersten neuen Schösslinge zu entdecken sind.

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2009-10-17, Baumleiche auf der Hochebene vor dem Lac de Nino

Ich lasse mich von Bauminsel zu Bauminsel treiben und versuche deren Sprache zu verstehen. Dies ist weniger abwegig, als es hier klingen mag, aber eine ganz, ganz andere Geschichte.

Kurz vor dem Lac de Nino setzt ein Rauschen ein, schwillt an, wird stärker und stärker. Anfangs vom raschelnden Wind in den hochgewachsenen Sträuchern hervorgerufen, setzen nach und nach die fauchenden Stimmen der Felsen im Wind ein, bis schließlich das Getöse durch das Aufprallen der Windböen auf dem nackten Untergrund vervollständigt wird. Schnee wird umhergewirbelt. Ein Blizzard zieht aus Westen herauf.

Weit vor mir, etwa auf Höhe des Lac de Nino, kann ich die beiden Basken gerade noch erkennen, wie sie nach wenigen Minuten im Schneetreiben verschwinden. Hinter mir kann ich Patrick und Maria sehen, welche ein gutes Stück zu mir aufgeschlossen haben. Nach wenigen Minuten verschwinden auch sie im Schneesturm.

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2009-10-17, ... die ersten zwanzig Minuten des Blizzards

Jetzt ist der Weg am Lac de Nino vorbei in Richtung Col de Vergio nicht besonders schwierig zu finden, vor allem, wenn man ihn bereits mehrmals gegangen ist. Am Ende des Lac de Nino biegt der Weg nach Westen auf eine langgestreckte Anhöhe ab, um nach der Bocca a Reta entlang eines Grates zur U Tritore und von dort in nördwestlicher Richtung zum Col de St. Pierre zu führen. Von dort aus erfolgt eigentlich nur noch der Abstieg in die Wälder des Foret Domaniale de Valdu Niellu, um schließlich das erste Etappenziel, das Castellu di Vergio, zu erreichen.

Binnen weniger Minuten hat der Blizzard aus der Ebene rund um den Lac de Nino eine weiße Einöde geformt, in welcher die Spuren der beiden Basken auf immer verloren sind. Der Wind peitscht so stark durch die Landschaft, dass mein GPS-Gerät fast waagerecht vor mir in der Luft baumelt, als ich den Anstieg zur Bocca a Reta hinaufsteige. Der Schnee wirbelt um mich herum und vereist in steter Ausdauer meine Gletscherbrille und das GPS-Gerät. Aller paar Minuten muss ich Beides freikratzen, um überhaupt ansatzweise noch etwas erkennen zu können. In dem dichten Treiben und dem weißen Untergrund verliere ich ohne das GPS-Gerät jedes Gefühl für Entfernungen, Landschaft, Zeit und Weg. Ohne diese Hilfe, wäre ich jetzt vollkommen hilflos und hätte mich mehrmals für andere Richtungen entschieden, und das, obwohl ich diesen Weg recht gut kenne. Ich beschleunige, so gut es in dem Sturm geht, um einen mir bekannten größeren Steinhaufen zu erreichen, welcher normalerweise der Orientierung in dieser Einöde dient. Dort möchte ich etwas ausruhen und auf Patrick und Maria warten, welche ich kurz hinter mir vermute.

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2009-10-17, Blizzard auf der Bocca a Reta

An dem Steinhaufen angekommen, setze ich den Rucksack ab und schichte einen kleinen Windschutzwall auf, um mich vor dem Auskühlen besser schützen zu können. Es stürmt inzwischen wahrhaft fürchterlich und ich bin froh, etwas heißen Tee aus meiner Thermoskanne trinken zu können. Etwa fünfzehn Minuten harre ich aus, bevor ich mich das erste Mal aus dem Windschutz begebe und in die Richtung des zuvor begangenen Weges starre. Nichts. Nur eine weiße Wand peitscht mir unbarmherzig entgegen und vereist meine Brille, so dass ich mich sofort wieder in die Deckung des Steinhaufens begebe.

Die Entfernung zwischen mir und den beiden Franzosen hatte ich auf etwa zehn Minuten geschätzt, so dass ich beginne, mir etwas Sorgen zu machen. Wie sich in den vorangegangenen Tagen herausgestellt hat, bin ich der Einzige dieser illustren Gruppe, welcher ein GPS-Gerät dabei hat. Und ich habe es eigentlich auch nur zum Loggen der einzelnen Tracks und nicht zur Orientierung mitgenommen.

Um meine Gedanken etwas zu beruhigen, schließlich sind die Beiden erfahrene Bergführer, benutze ich meine am Rucksack befestigte Signalpfeife und gebe pro Minute drei schrille Signale in den laut tosenden Sturm. Nach weiteren zehn Minuten bin ich so ausgekühlt, dass ich für mich eine Entscheidung treffen muss. Hier auszuharren funktioniert nicht ohne weiteren Schutz. Ich muss mich entscheiden, hier entweder ein Biwak aufzuschlagen oder aber, so schnell es geht, zum Col de St. Pierre zu gehen, auf dessen Plateau ich eine kleine Schutzhütte in Erinnerung habe. Ich entscheide mich zur Flucht und komme mir wie ein Verräter vor.

Mit einem hohen Tempo starte ich aus meinem Windschutz und werde nach kurzer Zeit wieder warm. Um meine Entscheidung für mich etwas erträglicher zu machen, baue ich an jeder noch so kleinen Abzweigung neue Steinmänner auf, da alle anderen Wegezeichen verschwunden sind. Aber ich habe keine große Hoffnung, dass diese Zeichen in dem Schneetreiben lange sichtbar bleiben werden. Der Pfad entlang des Grates und später hinab zum Col de St. Pierre ist von kniehohen Schneeverwehungen bedeckt, welche ein Vorankommen zur Qual werden lassen.

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2009-10-17, ... auf dem Col de St. Pierre

Auf Höhe des Col de St. Pierre lässt das Schneetreiben plötzlich genauso nach, wie es begonnen hat, und versiegt schließlich ganz. Ich mache mir jetzt etwas weniger Sorgen, da Patrick und Maria den Weg in dem aufklarenden Wetter wieder problemlos finden können. Den Schrecken noch in den Gliedern laufe ich schnellen Schrittes in Richtung Castellu di Vergio. Bald hüllt mich der hochstämmige Wald ein, bunt gefärbtes Laub liegt am Boden, von Schnee hier unten keine Spur.

Zwölf Uhr erreiche ich das Castellu di Vergio, auf dessen sonnenbestrahlener Terrasse ich Joshua und Elias beim Kaffeetrinken entdecke. Ich geselle mich zu ihnen und erfahre, dass sie hier bereits seit einer Stunde auf mich und die beiden Franzosen warten. Christopher und Barbara sind dagegen bereits zum nächsten Etappenziel, der Refuge Ciuttulu di i Mori, aufgebrochen und wollen eventuell sogar ein Tripple versuchen.

Ich erzähle den Beiden von dem immer stärker gewordenen Schneesturm, von dem sie, nach eigenem Bekunden, gar nicht so viel mitbekommen haben, da sie sich beim ersten Anzeichen in einem wahrhaft schnellen Lauf in sicheres Terrain gerettet haben. Wir beschließen, auf Patrick und Maria zu warten, um gemeinsam den zweiten Teil des heutigen Tages zu laufen.

Nach etwa einer Stunde werden wir ungeduldig. Die beiden Franzosen kommen und kommen nicht. Mich hält es, ob meines Verrats, wie ich mir immer wieder einrede, nicht auf dem Sitz und ich laufe etwa eine viertel Stunde des Weges zurück. Ich rufe. Nichts. Sonnige Stille.

Nach meiner Rückkehr beraten wir gemeinsam mit dem Wirt, welche Optionen jetzt die Sinnvollsten wären. Da er ebenfalls Patrick und Maria als erfahrene Bergführer kennt, rät er noch zu etwas Wartezeit, bevor er die Bergwacht verständigen wird. Von der Terrasse aus können wir gut erkennen, dass um die Punta Artica weiterhin der Sturm tobt.

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2009-10-17, ... Schicksal?

Etwa eine halbe Stunde vor drei Uhr beschließe ich, an den Lac de Nino zurückzukehren. Alle überflüssigen Dinge lasse ich bei Joshua und Elias zurück, welche spätestens ab drei Uhr die Bergwacht verständigen werden. Sofern ich Patrick und Maria vorher oder kurz danach treffen sollte, wäre ich noch im Bereich einer Mobilfunkstation und könnte das Hotel anrufen, um die Rettungsaktion wieder abzubrechen.

Mit leichtem Gepäck sprinte ich los. Der Weg geht im Wald zuerst einen kurzen, steilen Hang hinab und führt anschließend in einem langgestreckten Bogen unterhalb der Capu di Vergio und später an der Capu a Rughia vorbei zum Col de St. Pierre hinauf. Soweit muss ich glücklicherweise nicht laufen. Auf Höhe der Capu a Rughia kommt mir sichtlich erschöpft Patrick entgegen. Einige Meter hinter ihm biegt kurz darauf Maria in mein Blickfeld. Die Beiden sind etwas erstaunt aber auch froh, mich in ihre Richtung unterwegs zu sehen. Wir liegen uns in den Armen.

Ich rufe noch kurz im Hotel an und gebe Entwarnung, bevor wir uns auf den Weg zum Castellu di Vergio machen. Auf dem Weg zurück erzählen mir die Beiden, dass sie der Schneesturm mit voller Wucht erwischt hat und sie tatsächlich eine Zeitlang die Orientierung verloren haben. Und da sie keine Ausrüstung für ein Notbiwak im Schnee dabei haben, mussten sie notgedrungenermaßen immer weiter laufen, um sicheres Gelände erreichen zu können. Anfangs haben sie sogar noch ab und an auf ihrem Zickzackkurs meine Steinmänner gefunden und sich sehr darüber gefreut, bis ihnen die Orientierung kurz Erreichen des Hochgrats völlig verlorenging. Auf dem wiedergefundenen Grat war zwar letztlich die Orientierung recht einfach, aber die Schneeverwehungen haben den Durchstieg zu einem nicht ungefährlichen und somit zeitraubenden Erlebnis werden lassen. Nachdem sie bereits die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht hatten, haben sie auf der zweiten Hälfte drei Stunden mehr, bezogen auf mich, und vier Stunden mehr, bezogen auf Joshua und Elias, benötigt.

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2009-10-17, Rückweg zum Castellu di Vergio

Am Castellu di Vergio angekommen, beschließen wir als Erstes, für uns das heutige Double abzublasen. Der kritische Zeitpunkt ist bereits deutlich überschritten und der Wirt lädt uns auf eine kleine Wiedersehensfeier ein. Wir sind nicht traurig, eine warme Dusche und ein bequemes Bett für eine Nacht zu bekommen.

Den Abend verbringen wir gemeinsam mit dem Wirt und seiner Frau bei einem Vier-Gänge-Menü und den gesammelten Gruselgeschichten der korsischen Berge.

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2009-10-17, Etappenprofil, Länge 16,0 km, Aufstieg ___ m, Abstieg ___ m

... im Blizzard begann das GPS-Gerät die Höhenwerte mit extrem großer Schwankungsbreite zu protokollieren. Der Aufstieg hätte ca. 930 m und der Abstieg ca. 970 m geringer ausfallen müssen. Aus dem Grund habe ich die kummulierten Werte zwischenzeitlich rausgenommen, bis ich den Fehler bereinigt habe. Die dargestellten Profile sollten bereits fehlerbereinigt sein.

18.10.2009 – Erstes Double
Die Dämmerung setzt gerade ein, als wir uns vom Wirt des Castellu di Vergio und seiner Frau verabschieden, um über die Refuge Ciuttulu di i Mori zu unserem Tagesziel, die Refuge de Tighiettu, zu wandern. Knapp fünfzehn Kilometer Länge mit eintausenddreihundert Meter Aufstieg und eintausend Meter Abstieg stehen heute auf dem Programm. Bereits zum Abendbrot haben wir uns darauf verständigt, dass wir bis zum ersten Etappenziel möglichst gemeinsam laufen wollen. Joshua hat mir zudem angeboten, meine Lauftechnik etwas zu beobachten, um mir den ein oder anderen Tipp für einen energiesparenden und zugleich schnelleren Laufstil geben zu können. Sie wollen mich notfalls bis zur ersten Hütte gehörig antreiben, damit auch ich einmal in den Genuss wirklich schnellen Wanderns kommen kann. Sie meinen, dass sei eigentlich alles nur eine Frage der Erfahrung. Ich vermute, dass uns das gestrige Erlebnis ziemlich zusammengeschweißt hat.

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2009-10-18, Baumdetail an der Bergeries de Radule

Die Luft ist klar und frühwinterlich kalt. Es liegt eine hauchdünne Schneedecke über der Landschaft. Im Schlepptau meiner Begleiter geht es zügig die ersten dreieinhalb Kilometer auf etwa gleicher Höhe, immer kurz vor der oberen Waldgrenze des Foret Domaniale de Valdu Niellu, entlang zur Bergeries de Radule. Auf dem Weg dahin queren wir mehrere kleine Bäche, unter anderem den Rau de Becchittacci, den Rau de Catamalzi und den Zusammenfluss der Quellen Latuca und Spiscia.

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2009-10-18, Blick zurück im Golo-Tal

Kurz nach der Bergerie erreichen wir die Cascade de Radule, über welche sich der Fluss Le Golo in das Niellu-Tal ergießt. Nach der Brücke geht es stetig bergauf, bis wir nach ziemlich genau zweieinhalb Stunden die Refuge Ciuttulu di i Mori auf zweitausend Meter Höhe erreichen. Es ist noch früh am Tag und so beschließen wir, in der Hütte unser Frühstück nachzuholen, auf welches wir am Morgen wegen des reichhaltigen Abendmahls verzichtet hatten.

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2009-10-18, Aufstieg zur Refuge Ciuttulu di i Mori

Ich muss gestehen, dass mir nach diesem kleinen Gewaltmarsch beim Eintreten in die Hütte etwas die Knie zittern, auch wenn sich die Ratschläge von Joshua als sehr sinnvoll herausgestellt haben. Vermutlich wäre ich ansonsten mit großem Rückstand zur Gruppe an der Hütte eingetroffen. So aber haben mich meine Begleiter immer wieder angespornt, ihr Tempo durchzuhalten.

In der Hütte stellen wir fest, dass der Holzofen noch warm ist. Christopher und Barbara müssen demnach hier übernachtet haben. Schnell haben wir Wasser für Tee aufgesetzt und bereiten uns ein kleines Frühstück zu. Die Beine auf einer der Bänke ausgestreckt, sitze ich am Fenster und genieße den strahlend blauen Himmel, in welchen sich aus Südosten riesige Wolkengebirge drängen.

Unterwegs hatte ich ausreichend Gelegenheit meine Begleiter beim Laufen zu beobachten. Die Bergqualitäten meiner Begleiter verteilen sich nach meiner ersten Einschätzung wie folgt. Joshua und Elias sind unbestritten die Schnellsten. Sie benötigen weder Pausen noch Unterbrechungen, müssen weder Essen noch Trinken. Ihr Laufstil ist dabei nicht so sehr von hektisch schnellen Bewegungen geprägt, wie sie manchmal beim Trailrunning zu beobachten sind. Vielmehr ist ihr Laufen ein pausenfreier stetiger Fluss, ob bergauf oder bergab. Und obwohl beide ein eingespieltes Team sind und stundenlang ohne Worte auskommen, scheint mir die Kondition von Joshua noch einmal eine Klasse oberhalb von allen Anderen zu sein.

Obgleich ich Letzteres nicht wirklich einschätzen kann, denn Patrick verbirgt seine Möglichkeiten so gut er kann vor dem Rest der Gruppe. Er legt es nie darauf an, etwas von seinem Können herauszustellen, zu erklären oder zu demonstrieren. Seine Fähigkeiten kann ich nur dadurch etwas erahnen, dass ihm zu jedem Zeitpunkt, an den schwierigsten Stellen oder am steilsten Anstieg nie die geringste Anstrengung anzumerken ist und er in einem lustigen Wasserfall, ohne Luft holen zu müssen, mit unzähligen Anekdoten die korsische Mentalität zum Besten gibt. Während ich mehr der Erde und dem Schweiß verhaftet bin, fühlt es sich bei ihm so ausgesprochen schwerelos an.
Christopher und Barbara liegen mit ihrer Geschwindigkeit nur unwesentlich hinter den Anderen und gleichen dies mit ihrer exzellenten Kondition und mit ihrem unerschütterlichen Optimismus aus. Während bei den Anderen in einigen Situationen bereits eine Risikoabwägung beginnt, verlassen sie sich auf ihre gesammelten Erfahrungen und sind längst wieder unterwegs.

Bleibt Maria. Sie dürfte etwa im Mittelfeld liegen. Im Aufstieg und an technischen Stellen ist sie atemberaubend schnell. Jede Bewegung ist unweigerlich die Richtige und es sind keinerlei Unsicherheiten zu spüren. Einzig auf langen Abstiegen scheint sie ein kleineres Handicap zu haben, weshalb sie dann deutlich überlegter ihre Bewegungen wählt. Als würde sie sich gern Schmerzen ersparen.

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2009-10-18, Blick von der Refuge Ciuttulu di i Mori

Nach einer Stunde Pause brechen wir wieder auf. Es ist immer noch später Vormittag, so dass meinen Begleitern der zweite Teil bis zur Refuge de Tighiettu bis etwa zwei Uhr möglich erscheint. Sollten wir es wirklich bis zu dieser Uhrzeit zu unserem eigentlichen Tagesziel schaffen, wäre für uns, vorausgesetzt die Kondition würde noch ausreichen, ein Tripple bis zur Refuge Asco-Stagnu möglich.

Da mir vor kurzem noch die Knie gezittert haben, gehe ich diese Aussicht allerdings etwas nüchterner an. Von hier aus in zweieinhalb Stunden bis zur Refuge de Tighiettu gehen zu können, wäre für mich schon eine mehr als grenzwertige Leistung, an deren Gelingen ich nicht wirklich glauben kann.

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2009-10-18, Bocca di Foggialle

Nach nur wenigen Metern auf dem Weg zur Bocca di Foggialle setzen sich Joshua und Elias mit einem erstaunlich hohen Tempo vom Rest der Gruppe ab. Eigentlich sieht es nicht wirklich schnell aus, wie sie da vor mir herwandern. Ich kann ihnen nur nicht folgen. Maria tröstet mich ein wenig, indem sie mir verrät, dass sie Niemanden kennt, welcher den Beiden auf solchen kletterfreien Touren das Wasser reichen kann. Sie selbst hätte auch nur auf richtigen alpinen Touren mit ausreichend Klettereinlagen eine gewisse Chance gegen die Beiden. Aber manchmal kämen die Beiden auch auf etwas ausgefallene Ideen, so dass dann selbst ihr riesiger Vorsprung nicht mehr für einen Tagessieg ausreichen würde.

Von der Bocca di Foggialle führt der anschließende Wege in engen Serpentinen über teils loses Gestein hinab in den Foret Communale d’Albertacce. Auf halber Höhe kann ich Joshua erkennen, wie er auf einen Stein sitzend seinen rechten Fuß untersucht. Er wird sich doch nicht etwa verletzt haben? Als wir ihn erreichen, können wir das Drama erkennen. An seinen uralten Bergstiefeln hat sich auf voller Länge die Sohle gelöst. Die Witterung der letzten Tage muss seinen Schuhen den Rest gegeben haben.

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2009-10-18, Joshuas alte Schuhe

Da der Versuch einer Reparatur aussichtslos ist, beschließt er, die restlichen Tage mit Trailrunning-Schuhen zu wandern, welche er plötzlich aus seinem Rucksack unter all dem Essen hervorzaubert. Er hätte ja schon so etwas geahnt, brummelt er noch vor sich hin. Mit diesen Schuhen ist er zwar nicht mehr ganz so stabil aber umso schneller unterwegs. Minuten später ist er wieder gemeinsam mit Elias im nahen Wald verschwunden.

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2009-10-18, Joshuas neue Schuhe

Nach dem langwierigen Abstieg, wir haben inzwischen wieder alle am Morgen gewonnenen Höhenmeter verloren, geht es anschließend in einem langgestreckten Bogen in erst östlicher und später nördlicher Richtung auf annähernd gleicher Höhe weiter durch einen unbewirtschafteten, naturbelassenen Urwald mit teils riesigen Baumleichen. Das Wandern ist hier ein vollkommener Genuss. Das Wetter ist warm, der Boden trocken und vom Schnee ist seit der Bocca di Foggialle keine Spur mehr zu sehen.

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2009-10-18, Blick nach Calacuccia

Auf den letzten zwei Kilometern geht es schließlich an der Bergerie de Ballone vorbei immer steiler bergan hoch zur Refuge de Tighiettu auf eintausendsiebenhundert Meter Höhe. Die letzten Meter haben es in sich und ich bin froh, die Hütte zu erreichen. Wie zu erwarten gewesen, haben es Joshua und Elias bis kurz vor zwei Uhr geschafft, die Hütte in nur zweieinhalb Stunden zu erreichen. Wir anderen drei haben für die gleiche Strecke eine halbe Stunde länger benötigt, wobei Patrick und Maria nur aus lauter Freundlichkeit zu mir ihr Tempo gedrosselt haben.

Was dem Ganzen aber die Krone aufsetzt, ist, dass Joshua und Elias nebenbei noch eine Menge Pilze gesammelt haben, um daraus für uns alle eine große Pilzpfanne zubereiten zu können. Nun gut, ich muss das nicht verstehen, wie man so schnell und souverän mit Gepäck durch die Berge rennen kann.

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2009-10-18, Urwald im Foret d'Albertacce

Da wir die Startzeit für ein Tripple durch meine Langsamkeit bereits überschritten haben, beschließen wir, uns in der Hütte häuslich niederzulassen, um am nächsten Tag den direkten Höhenweg zur Refuge de Carrozzu zu gehen. Mir ist diese Entscheidung mehr als recht, da meine Beine und Füße momentan unbarmherzig brennen.

Auf der Hütte sind neben uns noch vierzehn ältere Korsen, welche das Wochenende mit einer Geburtstagsfeier hier oben verbracht haben und sich langsam auf ihren Abstieg in Tal vorbereiten. Sie bestätigen uns, dass etwa zwei Stunden zuvor Christopher und Barbara nach einer kurzen Pause von hier aus aufgebrochen sind, um ihrerseits ebenfalls ein Double zu laufen. Nach Aussage der Korsen werden sie nach Haut Asco wandern, um in Anbetracht der fortgeschrittenen Tageszeit kein allzu großes Risiko mehr eingehen zu müssen. Für die direkte Variante zur Refuge de Carrozzu ist es definitiv zu spät gewesen.

Dichte Wolken und eine deutliche Kühle ziehen langsam aus Süden in das Tal hinauf und verhüllen die Hütte wie in Watte. Die Korsen packen schließlich ihre Sachen und verabschieden sich überschwänglich von uns. Zum Abschied überlassen sie uns noch die nicht genutzten Reste ihrer Feier, korsischen Wein, Baguette und Wurst. In Verbindung mit den Pilzen zaubert Patrick daraus ein opulentes Mahl. Zum dritten Mal in Folge müssen meine Vorräte im Rucksack verbleiben. Ich werde wahrscheinlich die Hälfte meiner Verpflegung wieder mit nach Deutschland nehmen.

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2009-10-18, Refuge de Tighuettu

Kurz nachdem die Korsen aufgebrochen sind, klappert es erneut an der Tür. Drei hochgewachsene Korsen, völlig schwarz gekleidet, treten ein. Patrick erkennt in ihnen sofort Bekannte von der korsischen Bergwacht, welche aus Haut Asco kommend, den Zustand der Tour zum Saisonende noch einmal kontrollieren. Sie berichten uns, dass sie Christopher und Barbara im Cirque de la Solitude umfangreiche Hilfestellung geben mussten, da sie mangels ausreichender Winterausrüstung deutliche Probleme hatten, die drei zu völlig vereisten Wasserfällen gefrorenen Bäche zu queren. Es entspinnt sich daraufhin ein lebhafter Disput zwischen den Bergführern und den Leuten von der Bergwacht. Da ich dem Durcheinander jetzt gar nicht mehr folgen kann, übersetzt mir ansatzweise Maria die Diskussion. Fazit des ganzen Lamentierens ist, dass die Leute von der Bergwacht diesen Streckenabschnitt sperren werden für Leute, welche keine Winterausrüstung bei sich führen. Auf dem Schild, welches sie aus einem Nebenraum holen, ist es deutlich zu lesen. Verboten für Leute ohne Steigeisen, Eispickel und ausreichende Erfahrung. Den ihnen bekannten Bergführern lassen sie es aber frei zu entscheiden, ob sie sich diese Stelle ohne Ausrüstung noch zutrauen.

Maria, welche die umfangreichste Klettererfahrung, auch im Eis, von uns allen hat, bespricht abschließend noch einmal im Detail jede einzelne der kritischen Stellen mit den Leuten von der Bergwacht. Die beiden Älteren tendieren noch zu der Meinung, dass es mit etwas Glück gehen könnte, wenngleich ohne Seil das Risiko schon sehr hoch sei. Eigentlich müsste jeder von uns, um die Anderen nicht zu gefährden, jede der Stellen völlig allein durchklettern. Andererseits gäbe es bereits zwei Stellen, an welchen Christopher und Barbara ohne fremde Hilfe nicht mehr weiter gekonnt hätten. Es sei schließlich reiner Zufall gewesen, dass sie mit voller Ausrüstung heute auf dieser Strecke unterwegs gewesen seien.

Der Jüngere gibt zudem zu bedenken, dass auch sie zuerst ohne angelegtes Equipment in das Steilstück eingestiegen wären und dabei mehrfach überlegt hätten, dass es gerade noch so ginge. Bis sie eine Stelle überwunden hätten, von welcher aus sie ohne Steigeisen und Eispickel nicht mehr zurück gekonnt hätten. Genau an so einer Stelle hätten auch Christopher und Barbara festgesessen und wären ohne fremde Hilfe nicht mehr weitergekommen. Ihre eindeutige Empfehlung lautet also, es lieber bleiben zu lassen.

Die vier Bergführer beschließen daraufhin, ihre Tour hier zu beenden und stattdessen nach Corte zurückzuwandern. Nur ich kann mich noch nicht von der Tour lösen und beharre darauf, bei gutem Wetter es zumindest einmal versuchen zu wollen, den vereisten Cirque de la Solitude zu überwinden. Im Gegensatz zu den Bergführern habe ich für mich auch ein minimales Ausrüstungsset dabei, bestehend aus Hüftgurt, zwei Meter langer Dynema-Schlinge, zwei Karabinern und zwei Klemmkeilen. Gut, ich weis auch, dass dies bei Blankeis nicht gerade ausreichend ist. Aber im Frühjahr musste ich an fast genau der gleichen Stelle, nur eben auf der anderen Seite des Höhenzuges, meine Tour trotz voller Ausrüstung bereits abbrechen. Ich bin noch nicht bereit dazu, dies in diesem Moment nochmals zu akzeptieren.

Was soll ich sagen, das Abendessen und der restliche Abend vergehen mit einer sehr, sehr emotionalen Diskussion, mit welcher meine vier Begleiter mich vorsichtig umzustimmen versuchen. Da es ihnen nicht direkt gelingt, verabreden wir zumindest ein Szenario, mit welchem ich mich nach spätestens zwei Tagen bei ihnen melden kann. Sollte dies nicht möglich sein, würden sie einen Rettungseinsatz anfordern. In diesem Augenblick gerate ich wirklich ins Grübeln, da mich die Ernsthaftigkeit und Professionalität ihrer Argumente an meine frühere Tätigkeit bei der Bergwacht erinnert. „Wenn das Risiko zu hoch erscheint, muss nur im Notfall alles möglich sein.“, ist einer meiner persönlichen Leitsätze. Ich bete mir Bedenkzeit bis zum nächsten Morgen aus. Nur bei absolut perfektem Wetter, Sonne, kein Sturm und kein Niederschlag, so lege ich es jetzt für mich fest, werde ich hinaufsteigen, um mir die Situation aus sicherer Entfernung vor Ort anzusehen. So ganz kampflos will ich hier nicht schon wieder aufgeben. Gleichzeitig werde ich aber durch meine momentane Sturheit bestimmt nicht eine Rettungsaktion auslösen lassen. Ich musste noch nie gerettet werden. Und so soll es auch bleiben. Vorher drehe ich lieber um und hänge den nächsten Sack in die Berge, wie man früher bei uns so sagte.

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2009-10-18, Etappenprofil, Länge 14,5 km, Aufstieg _.___ m, Abstieg _.___ m

... weiter gehts im Teil 3 weiter unten in diesem Thread

Scrat79
07.01.2010, 00:43
@tah:
Pfeif auf die Nacht und schreib fleisig weiter!
;-)

tah
07.01.2010, 00:49
@scrat 79: ... mach ich doch :-)

Der nächste Tag wird aber leider trotzdem noch etwas dauern, da ich erst wieder am Wochenende Zeit dafür haben werde.

Guten Nachtflug, Tom.

Scrat79
07.01.2010, 01:15
Gut.
Sei auch dir ein wenig Ruhe für nen weiterhin super Bericht gegönnt! :D

Sinister
07.01.2010, 14:58
eben, lieber 1-2 Tage mehr Zeit lassen und dafür weiterhin sowas geniales zu "papier" bringen! :cool:

heinze
07.01.2010, 15:55
Da kommt Abenteurerstimmung auf! Bin gespannt wies weitergeht :bg:
Danke! Macht richtig Spass zum lesen :p

tah
11.01.2010, 00:50
... im 11. Beitrag dieses Threads den Abschnitt vom 17.10. eingefügt. Der 18.10. ist in Arbeit.

Viel Spass beim Lesen, Tom.

tah
13.01.2010, 00:24
... jetzt habe ich auch den 18.10. fertigbekommen (im 11. Beitrag dieses Threads).

Weiterhin viel Spass beim Lesen. Gruss Tom.

Flachlandtiroler
13.01.2010, 09:34
Es bleibt spannend... :angst: (wobei da ja schon ein "Zweites Double" angekündigt ist)
Da hat sich das Warten auf den Reisebericht wirklich gelohnt 5sterne

Bin gespannt wie bei Euch die Sturmnacht (21./22.) verlaufen ist.

Sehr unterhaltsam ist auch dass im Bericht mal Bewunderung durchscheint, mal sowas wie Konkurrenz (oder sagen wir mal: Du vergleichst --selbstkritisch-- Deine Fähigkeiten und Einschätzungen mit denen der BF).

Schade dass sich keine Gelegenheit mehr ergab für ein Treffen.

Gruß, Martin

Ahnender
16.01.2010, 12:25
@tah:

Irgendwas stimmt mit deinem GPS nicht - deine Auf- und Abstiegswerte sind
viel zu hoch, km sind ok. Ich denke auch, dass die Standardwerte des PRNC
und zB vom van der Perre zu gering sind, aber deine sind zT 100% oder mehr
- das ist zu hoch.

Beispiel:

Pietra Piana - Manganu

tah: 2009-10-16, Etappenprofil, Länge 9,4 km, Aufstieg 1.597 m, Abstieg 1726 m
PNCR: Auf: 590 m, Ab: 830 m
van de Perre: Länge: 9,5 km, Auf 600 m, Ab 850 m
ich (X6): Auf 680 m, Ab 920 m


Auf der Seite des PNRC hab ich gesehen, dass die jetzt nen netten Blog
haben mit aktuellen (Schnee)-Fotos und Filmchen vom GR20 und dem Parc.

tah
16.01.2010, 22:58
@Ahnender: Du hast recht, am 16.10 und 17.10. gabs ein direkt ersichtliches Problem mit dem Höhenprotokoll des Garmin Vista HcX. Das Problem vom 17.10. hatte ich ja auch bereits angedeutet. Inzwischen habe ich das Problem analysieren können und werde demnächst in einem Testbericht darüber berichten. Ich muss dazu aber vorab noch ein paar Tests durchführen.

Nur so viel schon vorweg. Unter bestimmten Witterungsbedingungen und Landschaftsexpositionen sind die barometrischen Höhenwerte zwar immer noch im üblichen Rahmen genau, aber das Protokoll weist eine extreme Schwankungsbreite auf. Die Höhenwerte im Protokoll gehen mit bis zu 10 m permanent rauf und runter - dadurch verfälschen sich die kummulierten Höhenwerte. Im Graph ist das nicht direkt zu sehen, da die Höhenwerte, wie gesagt, im üblichen Rahmen korrekt sind.

Die anderen Tage dürften nach dem ersten Check weitgehend in Ordnung sein. Der Unterschied liegt wohl vor allem darin, dass ich den gesamten Tagesverlauf kummuliert ausgewertet habe. Dadurch werden alle Höhenmeter, also auch die der kleinen Zwischenauf- und -abstiege, erfasst.
In den Standardwerten werden m. E. eher die großen Steps dargestellt.

Ich habe noch ein zweites Höhenprotokoll meines Höhenmessers zur Verfügung und werde alle Kurven miteinander vergleichen. Zwischenzeitlich nehme ich die Werte lieber ganz raus.

Wie auch immer, ich werde die Fehler noch korrigieren. Danke für Deine Hinweise und viele Grüße.


@Flachlandtiroler: Ja wirklich schade, es hat sich diesmal leider keine Gelegenheit ergeben, dass wir uns über den Weg laufen konnten. Gelingt uns aber vielleicht beim nächsten Mal. Ich kann Dir ja vor der nächsten Tour wieder eine PN schicken.

Viele Grüße Tom.

tah
17.01.2010, 00:23
Teil-3

19.10.2009 – Teil 1: Zweites Double
Gleichmäßig schwingt die Hütte wie ein Schiff im Sturm hin und her. Die leisen Schlafgeräusche meiner Begleiter klatschen wie Wasser an dessen Bug oder ächzen wie die Planken beim Eintauchen in die Gischt. Behaglichkeit und Geborgenheit, wie bei einem Kind in seiner Wiege, umgibt meinen Körper, während mein fliehender Geist mit dem Wind in die fernsten Täler enteilt. Und sucht und sucht und doch die Antwort meidet. Die Zeit der Nacht schmilzt und rinnt und vergeht, während mein Geist sucht und sucht.

Es ist vier Uhr morgens. Der Schlaf hat mich jäh verlassen. Die Augen gingen auf, plötzlich, und mein Geist ist wach. Einem Sturmreiter gleich, verpackt er diese eine Frage als seinen Proviant in die Satteltasche seines Pferdes und galoppiert hinaus in die Dunkelheit der Nacht. Das nasse Schmatzen der Hufe im morastigen Grund, der schwere Gang des Pferdes, die sich schnell verbrauchende unbändige Kraft. Erschöpft, mit dampfendem Fell, weit geblähten Nüstern, an seiner Last schwer tragend steht mein Geist dem Pferde gleich, zitternd still zur Flucht bereit. Schlaf komme, Schlaf gehe. Mein Geist ringt um Besinnungslosigkeit, kämpft gegen sein Wachsein.

Erinnerung. Die Hütte wiegt sich im Wind des Sturms. Biegt sich einem Grashalm gleich, richtet sich auf und biegt sich erneut. Kämpft gegen den heranrückenden Tag. Schlafe mein Kind, schlaf ein, der Traum dein Königreich wird sein dein.

Nüchtern betrachtet, spricht mein Geist klar und laut in die Dunkelheit hinein, geht es nur darum zu entscheiden, wer du sein willst. Ziehst du den Rückzug vor, bekomme ich ein eindeutiges Antlitz. Gehst du hinauf, bekomme ich ein anderes eindeutiges Antlitz. Du kannst dich und mich nicht mehr verstecken und wirst sichtbar. Bald. Egoismus oder Verantwortung, oder, Mut oder Ängstlichkeit. Du wirst sichtbar werden und musst damit leben. Jugend und Alter stehen bei dir noch nicht in einer Reihe. Sie schieben und drängeln, manchmal fies, manchmal galant und können nicht gegeneinander gewinnen. Gebt mir den toten Schlaf ohne Träume. Tief, tiefer will ich meinen Geist sinken lassen. Tausende Tonnen Wasser sollen in bedecken, das Licht verbergen, die Geräusche ersticken. Schlaf. Ich will keine Fragen beantworten. Schlaf.

Der Sturm tobt zwischen den Bergen. Ich stehe schlaflos auf, leise. Auf Zehenspitzen, jeden Laut vermeidend, schleiche ich die Leiter von der Empore hinab in den Gemeinschaftsraum. Das Feuer im Kamin ist fast erloschen. Meine Begleiter schlafen tief und fest und ich starre in die Glut. Dunkelrot glimmt das verbrannte Holz. Blau. Unendlich tiefes Blau.

Warum will ich mir etwas beweisen. Warum will ich ihr etwas beweisen. Gehst du hinauf, ist es eine Flucht. Gehst du hinab, ist es eine andere Flucht. Hier gibt es keine richtige Entscheidung mehr.

Verloren starre ich in die Glut und fühle mich heimatlos. Sprich es aus, stell dich hin und sei wer du bist, sagt mein Geist laut und klar in die Nacht hinein. Ich stehe auf, stelle mich hin und antworte, mach was du für richtig hältst. Ich aber werde beginnende Freundschaft nicht zerstören.

Die Last der Emotionen des vorangegangenen Abends fällt von mir ab. Maria hatte so intensiv versucht, mich von meinem Vorhaben abzubringen, dass auch sie sich etwas verriet. Augenblicke ohne Worte können so lang sein. Als ich endlich verstand, fielen mir keine Worte mehr ein. Ich bat um Bedenkzeit und ging Schlafen. Oder Nichtschlafen. Und fühlte Glück.

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2009-10-19, Eisregen an der Refuge de Tighuettu

Ich blicke aus dem Fenster und sehe im Mondlicht, dass direkt unterhalb der Hütte die Landschaft in einem riesigen Meer aus Wolken versunken ist. Links und rechts ragen die Berge wie der Rahmen einer Bucht empor, in welcher sich die Hütte in den weißen Schaumkronen wiegt. Wolkenfetzen zerbersten an den Wänden der Hütte und fliegen von dannen. Am Fenster sitzend betrachte ich das ewige Spiel.

Mit dem ersten Morgengrauen lege ich Holz im Ofen nach. Kurz darauf prasselt und knistert es und ein Crescendo wild um sich schlagender Flammen weckt meine Begleiter, einen nach dem anderen. Auf dem Tisch steht zart duftender Tee, eine Schale für jeden von uns. Schweigend setzen sie sich zu mir, einer nach dem anderen. Schweigend und wissend sehen wir uns an.

Hast du dich entschieden, fragt unerwartet deutlich Maria in den Raum hinein. Das Echo verklingt. Joshua und Elias blicken auf, Patrick lächelt. Nein, antworte ich, dazu ist es noch etwas zu früh. Verstehendes Nicken. Wir frühstücken in einem zeitlosen Kokon, als würde nichts zwischen uns stehen, die letzten Minuten der Unbeschwertheit auskostend. Sekunden dehnen wir zu Minuten, Minuten zu Stunden.

Ich, beginne ich nach dem letzten Tee vorsichtig, werde jetzt aufstehen, aus der Hütte gehen und sehen, was mir der Tag bringt.

Wie lange kann man brauchen, um sich die Schuhe zu binden. Bin ich noch in der Lage, überhaupt eine Entscheidung zu treffen?

Der Sturm schlägt die Tür hinter mir in das Schloss. Die Hütte ist inzwischen in dem Meer der Wolken versunken. Auf der Treppe hinab zur Quelle schlage ich auf den vereisten Stufen fast hin. Ein Eisregen hat das ganze Tal mit seinem Glitzern überzogen. An der vereisten Quelle stehend, bricht es aus mir heraus. Es lässt sich nicht halten. Mit eiskaltem Wasser die Tränen wegspülend, bin ich froh, mich nicht mehr entscheiden zu müssen.

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2009-10-18, Blick von der Refuge de Tighuettu aus, 14:50 Uhr

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2009-10-19, Blick von der Refuge de Tighuettu aus, 09:22 Uhr

Ich brauche zehn Minuten, meine Fassung wieder zu gewinnen. Aber ruhig und entspannt kann ich schließlich in die Hütte eintreten und verkünden, dass ich ihnen auch weiterhin folgen werde. Der Berg hätte sich heute gegen mich entschieden. Welch ein Klischee. Einer nach dem Anderen nimmt mich in den Arm.

Der Aufbruch geht schnell vor sich. Packen, Feuerlöschen, Geschirrabwaschen. Inzwischen sind wir gut eingespielt. Als wären wir schon ewig zusammen auf Tour.

Meine Begleiter haben am vorangegangenen Abend bereits die Route des heutigen Tages geplant, so dass wir unser Ziel, die Refuge de la Sega, klar vor Augen haben. Knapp siebenundzwanzig Kilometer mit über tausend Meter Aufstieg und knapp eintausendsechshundert Meter Abstieg liegen vor uns. Ohne Sicht und uns nur auf das GPS-Gerät verlassend beginnen wir mit dem Abstieg über die vereisten Felsen. Erst dreihundert Meter tiefer können wir die ersten Schemen in der Landschaft erkennen. Meter um Meter gelangen wir aus den Wolken hinaus, verlassen das Eis, verlassen den Schnee.

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2009-10-19, Foret d'Albertacce, Blindflug

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2009-10-19, Foret d'Albertacce, "korsischer" Brückenbau

Den Fluss Ruisseau de Crucetta mehrfach überquerend gelangen wir schließlich in den Foret Communale d’Albertacce. In diesem beginnt ein kleiner Forstweg, verbreitert sich zur Forststraße, verbreitert sich zur Waldstraße, verbreitert sich zur Dorfstraße. An Maronenbäumen vorbei führt uns dieser Weg zurück in die Zivilisation, durch Calasima hindurch mit seiner von Obstbäumen umstandenen kleinen Kirche und dem großen Kriegerdenkmal, durch Pietra Zitamboli hindurch hoch oberhalb des Stausees von Calacuccia, bis hinab nach Albertacce.

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2009-10-19, Calasima, Maronenbäume

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2009-10-19, Calasima, Jagdsaison

Der Tag tut alles dafür, mich von mir selbst abzulenken. Ein in der Einöde unvermutet auftauchender und völlig unsinnig platzierter Händler verkauft uns frisches, wohlschmeckendes Obst. Ein junger, verspielter Jagdhund schließt sich mir in Albertacce an und begleitet mich sehr zur Freude meiner Begleiter fortan für die nächsten drei Kilometer, mir „Bei Fuß“ folgend, ansonsten aber Kühe und Schweine verjagend.

Calacuccia in Windeseile durchquerend, erreichen wir schließlich die Staumauer und auf der anderen Seite den Aufstieg zur Bocca a l’Arinella. Dieser Tag lässt mich jedes von Joshua angeschlagene Tempo bergab und bergauf und bergab klaglos ertragen. Ich bin ihm zum ersten Mal dicht auf den Fersen, Elias, Patrick und Maria weit hinter mir lassend. Auf der Bocca a l’Arinella sinken wir beide klatschnass geschwitzt in das noch grüne Gras und lassen den Blick hinüber zum Monte Cinto schweifen. Immer noch schiebt der nicht nachlassende Höhensturm Wolkenband um Wolkenband aus Südosten an die Grande Barriere heran und hüllt diese von Stunde zu Stunde dichter ein.

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2009-10-19, Bocca a l'Arinella, Blick zum Monte Cardo

Gemeinsam steigen wir an der noch bewirtschafteten Bergerie de Boniacce vorbei hinab in das Tavignano-Tal. Kurz vor Einbruch der Dämmerung, nach etwas über sieben Stunden, erreichen wir unser Ziel, die Refuge de la Sega. Ich bin vollkommen ausgelaugt aber auch glücklich.

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2009-10-19, Weg zur Refuge de la Sega

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2009-10-19, Etappenprofil, Länge 26,4 km, Aufstieg _.___ m, Abstieg ___ m

19.10.2009 – Teil 2: Ein Licht in dunkler Nacht
Die vor einigen Jahren völlig neu erbaute Hütte ist außer Betrieb und, so scheint es, über den Winter für eine technische Modernisierung vorgesehen. Es gibt keinen funktionierenden Holzofen und kein elektrisches Licht. Die Gasöfen sind vollständig abgebaut, die Gasflaschen abtransportiert. In einer Kiste unterhalb der Hütte finde ich aber eine noch nicht angebrochene, große vierhunderter Gaskartusche.

Das letzte Licht des Tages ausnutzend richten wir uns eine der Schlafkammern her, holen ausreichend Wasser aus dem nahen Fluss und bauen meinen Kocher auf. Ganz umsonst habe ich die Gerätschaften also doch nicht über die Berge geschleppt. Im Schein unserer Stirnlampen kochen wir uns abwechselnd ein mehrgängiges und garantiert unwiederholbar einmaliges Menü.

Nach dem sehr emotionalen Abend zuvor haben wir auch wieder unseren Witz entdeckt und erzählen uns die seltsamsten Erlebnisse aus aller Welt. Lange sitzen wir noch zusammen und trinken Tee. Ein wunderschöner Tag neigt sich seinem Ende.

Laut krachend schlägt die große Eingangstür der Hütte auf. Im Schein unserer Lampen können wir erkennen, wie sich fünf, wir glauben es kaum, Kinder, nicht älter als vielleicht vierzehn Jahre, in die Hütte drängen. Während wir in der Kälte in unserer vollen Montur eingehüllt dasitzen, tragen die Kinder ausschließlich kurze Hosen und T-Shirts.

Nach der ersten Überraschung fragen wir die Jungs, woher sie mitten in dieser eiskalten Nacht denn herkämen und ob sie wirklich allein unterwegs seien. Auf englisch antwortend, erklärt uns der Älteste von ihnen, dass sie zu einer Gruppe von zwei Schulklassen gehören würden, deren erste Etappe ihrer Wanderung auf dem Mare a Mare Nord von Corte aus vollkommen aus dem Ruder gelaufen sei. Und weil die Gruppe mit insgesamt neununddreißig Kindern und drei Lehrern viel langsamer als ursprünglich geplant unterwegs sei, wären sie von den Lehrern vorausgeschickt worden, um die Hütte für die Ankunft der Gruppe vorzubereiten.

Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Kinder haben weder Karte, Kompass noch GPS-Gerät bei sich, sind ob der unzureichenden Kleidung vollkommen durchgefroren und haben nur eine einzige Taschenlampe bei sich.

Wie auf ein Kommando stehen wir auf, packen die Kinder in unsere Fleccejacken und beginnen einen großen Topf Tee für sie zu kochen. Zwischenzeitlich erklären wir den Kindern, dass die Hütte ihnen zwar ein Dach über dem Kopf aber kein Licht, Strom oder Kocher zu bieten hat, worauf sie uns ungläubig anschauen und fragen, ob wir uns mit ihnen einen Scherz erlauben würden. Maria nimmt sich der Kinder an und erklärt ihnen schonend, dass ihr heutiges Abenteuer noch nicht ganz überstanden sei, wir ihnen aber, soweit es geht, helfen würden. Bei einem frisch gebrühten Tee fangen wir an, uns zu beraten.

Da die Hütte etwa einhundert Meter abseits des von Corte aus kommenden Wanderwegs auf der anderen Seite des Flusses Le Tavignano mitten im Wald verborgen liegt und sich der Abzweig zur Brücke im Dunkeln gut verfehlen lässt, gehe ich mit Joshua zur Brücke, um am Abzweig eine unserer Kopflampen als Blinklicht zu befestigen. Ein zweites Blinklicht befestigt Joshua an der Hütte, während ich am Fluss alle Wassersäcke mit Wasser auffülle. Währenddessen suchen Patrick und Elias unter der Hütte trockenes Holz zusammen, bauen vor der Hütte eine Feuerstelle und beginnen nach meiner Rückkehr damit, einen riesigen Topf voll Wasser zu kochen. Lebensmittel hat die Gruppe ausreichend bei sich, erklären uns die Jungs.

Etwa in dem Moment, als das Wasser auf der Feuerstelle zu kochen beginnt, erreicht die Hauptgruppe der frierend aneinander gedrängten Kinder die Hütte und schart sich verstört um das wärmende Feuer. Von den insgesamt drei Lehrern begleitet nur eine Lehrerin die Kinder. Die beiden anderen Lehrer sind noch unterwegs, da vier Mädchen fehlen. Ein absolutes Desaster.

Maria und ich setzen uns ob unserer Englischkenntnisse mit der Lehrerin zusammen und erklären ihr die Situation mit der Hütte. Das die Hütte insgesamt nur sechsunddreißig Betten hätte, wovon fünf durch uns belegt seien, bei den restlichen Betten aber etwa fünfzehn Matratzen fehlen würden. Das generell Licht, Wasser, Wärme und Kocher fehlen würden. Verständnislos den Kopf schüttelnd erzählt uns die Lehrerin daraufhin, dass sie mit ihrem Mann hier vor einem Jahr im September eine wunderschöne Spätsommerwanderung gemacht hätte. Und da wäre es noch sehr warm, die Hütte bewirtschaftet und überhaupt ganz anders gewesen. Maria zuckt nur mit den Schultern. Ich erkläre der Lehrerin, wer wir sind und das es wahrscheinlich das Beste wäre, gemeinsam mit uns die Situation in den Griff zu kriegen. Die Lehrerin willigt ein.

Maria stellt sich auf einen Stein in der Nähe des Feuers und erläutert mit einer lauten, klaren Stimme, welche nicht den geringsten Zweifel zulässt, der Lehrerin und den Kindern, wie sie in der eingeschränkt nutzbaren Hütte mit ihrer geringen Ausrüstung die eiskalte Nacht überstehen könnten. Dazu würden sie aus den wenigen verfügbaren Matratzen im großen Gemeinschaftsraum ein Matratzenlager aufbauen, auf welchem sich alle in der Nacht in ihren Schlafsäcken aneinander schmiegen müssten, Kinder wie auch Erwachsene. Zudem müssten alle Kleidungsstücke angelegt werden, da die Temperatur in der Hütte bereits bei Null Grad Celsius liegen würde und die mitgeführten Sommer- oder Hüttenschlafsäcke in keinem Fall ausreichend sein würden.

Mädchen und Jungen in der Pubertät mit der Aussicht auf ein gemeinsames, zwangsweises Matratzenlager zu beglücken, ist wahrlich keine einfache Vorstellung. Es regt sich auch prompt sowohl bei der Lehrerin als auch bei den Kindern lautstark Protest, welchen Maria mit einer einzigen Handbewegung zum Schweigen bringt und mit einem einzigen Satz für immer beendet. Sie hätten sonst keine Chance, die Nacht unbeschadet zu überstehen.

Stille. Manche der Kinder scheinen erst jetzt den Ernst der Lage zu erkennen, hat sie doch unser Willkommensgruß mit dem warmen Feuer und dem heißen Tee von ihrem bisherigen Erlebnis völlig abgelenkt.

Wir gehen mit der Lehrerin und den kräftigsten Kindern in die Hütte, wo Maria mit Taschenlampen den Raum erhellen lässt, während wir die wenigen Matratzen aus den einzelnen Schlafräumen holen und zu dem Matratzenlager zusammenlegen. Einige der Kinder kochen derweil vor der Hütte mit den Bergführern Spagetti mit Tomatensoße und andere beginnen damit, ihre restlichen Sachen überzuziehen.

Als die Kinder um das Feuer sitzend endlich ihr Abendbrot bekommen, tauchen plötzlich aus dem Dunkel der Nacht die beiden Lehrer auf. Erwartungsvoll wenden sich ihnen alle Köpfe zu. Einer der Beiden schüttelt schweigend den Kopf, der andere blickt betreten zu Boden. Von den vier fehlenden Mädchen haben sie bisher keine Spur entdecken können. Sie wüssten nicht einmal, wann sie verloren gegangen und ob sie vor oder hinter der Hauptgruppe gewesen seien. Die Kinder beginnen leise zu tuscheln. Das Unheil nimmt kein Ende.

Meine Gefährten und ich ziehen uns zu einer kurzen Beratung zurück. Patrick könnte per Satellitentelefon einen Rettungseinsatz anfordern, welcher aber frühestens in zwei Stunden zu uns stoßen würde, da sich die Hütte mitten im Hochland weitab der nächsten Straße befindet. Es hängt also weiterhin an uns. Wir beschließen, dass Maria an der Hütte bleiben soll, um Ruhe ausstrahlend hier für einen weitgehend normalen Gang der Dinge zu sorgen. Wir anderen aber würden uns in zwei Gruppen aufteilen, um einerseits abwärts in Richtung Corte und andererseits südostwärts in Richtung des Restonica-Tals nach den Mädchen zu suchen. Es besteht zumindest eine kleine Möglichkeit, dass sie an der Abzweigung bereits vorbei gelaufen waren, bevor wir die Blinklichter aufgestellt hatten. Unser Versuch umfasst genau eine Stunde in jede der beiden Richtungen, um uns in spätestens zwei Stunden wieder an der Hütte treffen zu können. Fänden auch wir sie nicht, würden wir einen Rettungseinsatz auslösen.

Als Erfolgssignal vereinbaren wir fünf langgezogene, kurz nacheinander abgegebene Pfiffe auf einer Signalpfeife, in der Hoffnung, dass das andere Team dies hören würde.

Mit minimaler Ausrüstung, Lebensmittel, Notfall-Set, Lampen, Schlafsäcke, gehen wir los. Patrick und Elias laufen bergab in Richtung Corte, Joshua und ich bergauf in Richtung Restonica-Tal. Obwohl wir bereits relativ müde von dem anstrengenden Tag sind, kommen wir gut voran. Aller zehn Minuten geben wir, auf eine Antwort hoffend, ein Signal auf einer unserer Signalpfeifen. Nichts. Nur das Signal des anderen Suchtrupps ist noch eine Weile zu hören, bis es schließlich, schwächer und schwächer werdend, nicht mehr z u vernehmen ist.

Schwer keuchend hasten wir im auf und ab flackernden Licht unserer Stirnlampen den steilen Hang im Schatten der Punta Tavoliccio hinauf und treten schließlich nach einer weniger steil verlaufenden Südquerung aus dem dunklen Wald heraus. Mondlicht bescheint das umliegende Tal. Sterne glitzern am eiskalten Firmament. Von den Mädchen finden auch wir keine Spur. Wir sind uns inzwischen nicht mehr sicher, ob unsere Suche eine so gute Idee ist. Vielleicht hätten wir besser die Bergrettung sofort benachrichtigen sollen.

Nach etwa einer dreiviertel Stunde erreichen wir die Punta Rusinca, etwas später die geschlossene Bergerie d’Alzo. Nichts. Verzweiflung macht sich bei uns breit. Gleich werden wir umkehren müssen, um den vereinbarten Treffpunkt noch rechtzeitig erreichen zu können. Da wir bergab aber etwas schneller als bergauf sein werden, beschließen wir, noch bis zur Bergerie de Colletta zu laufen, um erst dort unsere Suche abzubrechen.

Kurz vor der nicht weit entfernten Bergerie de Colletta hören wir endlich ein schwaches Rufen auf unser Signal. Nach knapp einer Stunde haben wir an der ebenfalls geschlossenen Bergerie de Colletta die vier Mädchen gefunden, welche dort bis zum nächsten Morgen ausharren wollten.

Die Mädchen sind vollkommen verstört und glauben uns zuerst einmal kein Wort, dass wir nach ihnen suchen würden. Ich versuche sie zu beruhigen, indem ich ihnen meinem DAV-Ausweis zeige. Und siehe, dieser kleine unscheinbare, aber etwas offiziell aussehende Papierschnipsel hilft. Wir versorgen die Mädchen mit heißem Tee und einigen Müsliriegeln, zeigen ihnen auf dem GPS-Gerät, wo sie sich gerade befinden und wie weit es von hier aus zur Hütte ist. Sie bekommen fast einen hysterischen Anfall, als sie verstehen, wie nah sie bereits an ihrem Ziel gewesen waren. Unendlich froh beginnen wir unseren Rückweg zur Hütte. Tiefschwarze Nacht steht über unseren Köpfen.

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/500/medium/2009-10-19_Nacht.jpg
2009-10-19, Rückweg, Nacht auf der Punta Rusinca

Fast zur gleichen Zeit treffen wir alle wieder an der Hütte ein. Am Feuer warten die beiden Lehrer, Maria, Patrick und Elias auf uns. Sie haben bereits unser Erfolgssignal vernommen, welches wir auf dem Rückweg mehrmals ausgesandt haben, so dass ihre Sorgen bereits verflogen sind. Glücklich werden wir umarmt und mit frischem Tee empfangen. Nach einem kleinen Mitternachtsmahl bringen wir die erschöpften Mädchen in die Hütte, bleiben noch fünf Minuten am fast niedergebrannten Feuer stehen, ordnen unsere Gedanken und gehen schließlich unendlich müde Schlafen. Bereden können wir alles weitere noch am nächsten Morgen.

20.10.2009 – Scheiden tut weh

(... bin am Schreiben:-)

shorst
21.01.2010, 16:38
Mehr, immer nur mehr, ich hoffe irgendwann ein Buch von Dir zu lesen.

tah
23.01.2010, 17:57
So, jetzt habe ich endlich mal wieder was fertig bekommen. Weiter gehts im 22. Beitrag in diesem Thread (Nacht vom 19.10.).
Was für eine M...woche.

@shorst: ... freut mich wirklich, wenn es Dir gefällt. Aber gleich ein ganzes Buch!?!?!? Ich glaube, ich muss mal wieder raus - werde sonst noch ganz zum Stubenhocker.

@flachlandtiroler: ... wir nähern uns der besagten Nacht zwischen 20. und 21. Oktober. Aber wie wir die verbracht haben, wird Dich wahrscheinlich etwas überraschen. Ganz entspannt im hier und jetzt.

Viele Grüße, Tom.

ups
23.01.2010, 19:48
Es ist wirklich ein Vergnügen deinen Bericht zu lesen und immer wieder eine Freude wenn es weiter geht.
Erhole dich und mach weiter ;-)

willo
23.01.2010, 20:06
Das mit den Höhenwerten im Profil hat nichts mit der Witterung zu tun, sondern mit der Software mit der du es ausrechnest. In Bewegung schwanken die Höhenwerte deines GPS-Gerätes immer mal um ein bis zwei Meter und werden genau so aufgezeichnet. Möchtest Du nun aus dem GPX die Höhe für einen Punkt bestimmen, ist das nicht weiter schlimm, möchtest Du hingegen den Gesamten Aufstieg ausrechnen, spielt das eine große Rolle.

Beispiel: Du läufst auf einer Perfekten Ebene und Dein GPS schwankt bei der Höhe um einen Meter. Wenn Du nun 10000 Messwerte aufzeichnest hast Du 5000m Aufstieg und 5000m Abstieg wenn jeder zweite Punkt immer 1m zu hoch ist und der andere korrekt. Deswegen musst Du, um den gesamt Aufstieg auszurechnen eine Funktion da rüber laufen lassen die das kompensiert. Die meisten Tools können sowas. ich empfehle GPSTrackanalyse.net

Grüße,
Heiko

ranunkelruebe
23.01.2010, 20:31
Boooo, jetzt machst du es aber spannend ;-)

Was ich eh schon länger schreiben wollte: Ganz großes Lob für deinen Reisebericht!!! Er gefällt mir sehr...

Gruß,
Rana

tah
23.01.2010, 20:53
Hallo Heiko,

so wie Du das beschreibst, ist das völlig richtig - will sagen, ist mir so auch bekannt. Bei der Auswertung muss deshalb eine Glättungsfunktion verwendet werden. Das habe ich soweit auch gemacht. Allerdings arbeitet die Glättung meines Wissens mit einer typischen Abweichung, welche ggf. im Wert angepasst werden kann. Die Frage ist dann, welchen Wert man für richtig hält. Ich hatte ohne weitere Prüfung einfach den für mein Gerät im steileren Gelände immer "richtigen" Wert von 2,5 m Standardabweichung verwendet. Das hat auch für alle anderen Tage, bis auf die beiden Tage mit extremeren Witterungsbedingungen, gut funktioniert. Ich denke, dass die Werte der normalen Tage im erwarteten Rahmen liegen.

An den auffälligen Tagen ist jetzt aber folgendes passiert. Das voreingestellte Trackingintervall von 10 s hat sich selbständig auf bis zu 0,1 s reduziert (allerdings nicht kontinuierlich sondern eher sporadisch). Die dabei protokollierten Schwankungsbreiten von bis zu 10 m (!!!) Standardabweichung der Höhenwerte sind zudem extrem gross und hängen vermutlich mit dem Wetter und / oder dem Vereisen des Geräts zusammen. Vermutlich hat das schlechte Satellitensignal die Verringerung des Trackingintervalls erzwungen (muss noch schauen, ob ich die WAAS/EGNOS Funktion eingeschaltet hatte). Vermutlich hat dann die Kombination aus geringem Trackingintervall und hoher Schwankungsbreite zu den extrem großen Abweichungen geführt. Sehr, sehr ärgerlich, dass mir das nicht früher aufgefallen ist.

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/500/medium/2009-10-16_Abweichung_1.jpg
2009-10-16, zeitliche Eingrenzung der Abweichungen im Trackingintervall Bsp.1

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/500/medium/2009-10-16_Abweichung_2.jpg
2009-10-16, zeitliche Eingrenzung der Abweichungen im Trackingintervall Bsp.2

Die blaue Kurve stellt die originalen Trackingwerte dar, welche manchmal zeitlich sehr eng geschrieben wurden und zugleich extrem in der Höhe schwanken. Die braune Kurve stellt die auf 60 s geglättete Auswertung dar, welche in etwa der Realität entsprechen sollte. Die untypischen Toleranzen treten nur sporadisch auf (rot hinterlegt). Der Rest der Trackingwerte bewegt sich im Rahmen der normalen Abweichungen.

Das sind die Dinge, die ich bei einem ähnlichen Wetter mal auf einer "Referenzstrecke" überprüfen möchte. Werde darüber dann noch berichten. Alternativ könnte ich Dir zur Analyse auch die Protokolle von zwei typischen Tagen (normal und unnormal) zusenden. Vielleicht findest Du auch noch andere Erklärungsmöglichkeiten. Bei Interesse bitte PN an mich.

Viele Grüße und Danke für die Tips, Tom.

tah
23.01.2010, 20:57
Boooo, jetzt machst du es aber spannend ;-)

Was ich eh schon länger schreiben wollte: Ganz großes Lob für deinen Reisebericht!!! Er gefällt mir sehr...

Gruß,
Rana

Hallo Rana,

danke, danke für Dein Lob. Ehm Spannung (?), es kommt eben immer anders, als man denkt (oder frau).

Bis demnächst, Tom.

Sternenstaub
24.01.2010, 10:00
hallo Tom,
das ist mal wirklich ein ausgesprochen gut und authentisch geschriebener Bericht und gehört meiner Meinung nach zu den Besten, die bisher hier veröffentlicht wurden.
Auf einer Top20-list aller Reiseberichte käme er für mich mit Sicherheit in die oberen Bereiche.
Danke, hat FReude gemacht ihn zu lesen.

Torres
24.01.2010, 12:52
Man, was Du immer erlebst..... Bei einem anderen Bericht das Wildschwein, jetzt die Schulklasse - puh! Spannend! Deine Reiseberichte sind immer wieder klasse.... Respekt, Respekt.

Torres

tah
24.01.2010, 15:04
@sternenstaub:
@torres:
Als ich wieder daheim auf dem Sofa saß, war ein Teil von mir schon ziemlich frustriert, weil ich innerhalb weniger Monate zum zweiten Mal nicht durch den Cirque de Solitude gekommen bin. In meinem Selbstverständnis ist das eben "nur" eine Wandertour (aber, nicht abwertend gemeint). Die ersten spöttischen, aber glücklicherweise nicht bösartigen Bemerkungen in meinem Umfeld waren demzufolge auch: "Was schon wieder nicht, wirst wohl langsam alt".

Anfangs wollte ich deshalb auch nicht so recht mit dem Bericht beginnen. Eine Erfolgsgeschichte schreibt sich eben viel neutraler und schneller. Martin (Flachlandtiroler) hat mich dann aber mit ein, zwei Bemerkungen doch noch dazu angestachelt bekommen.

Beim Durchblättern der Bilder und nach ein wenig Korrespondenz mit meinen Begleitern habe ich zudem bemerkt, dass mir (oder uns) die Erlebnisse doch ziemlich nahe gehen und mich auch wieder ein Stück verändert haben. Bei der Geschichte hier muss ich also immer wieder mal tiefer in mich hineinschauen. Und was man da so entdeckt:-)

Letztlich bin ich jetzt froh, die Geschichte aufzuschreiben. Wie am Anfang der Geschichte angedeutet, fügt sich manchmal unterwegs eben einiges wie von selbst. Das wir die Tour umlegen mußten, führte uns zufällig im richtigen Augenblick zum richtigen Ort. Das ist für mich das faszinierendste an Geschichte. Das ein winziges Detail dazu führen kann, Glück oder Unglück zu haben.

Na ja, und dadurch, dass ihr das scheinbar auch so seht, kann ich mich freuen, dass es euch so gut gefällt.

Viele Grüße, Tom

PS: ... man darf natürlich nicht vergessen, dass ich meine ganzen langweiligen Touren, die es natürlich auch gibt, hier noch nicht eingestellt habe.
Ehm, das war jetzt keine Drohung:-)

Torres
24.01.2010, 22:40
Also ich finde das gerade das Spannende an Deinen Berichten. Wie sich alles fügt, wie Schicksale ineinander greifen, wie Dinge möglich sind und unmöglich werden. Das macht doch den wahren Reiz des auf Tour seins aus. Dass es eben nicht glatt geht.
Als ich vor zwei Wochen HH-Sylt mit dem Fahrrad gemacht habe, war auch alles ganz anders als geplant. Also muss ich die Tour wieder machen und vielleicht wird es auch wieder anders. Und dann macht man es wieder. Die Herausforderung besteht meiner Meinung nach darin, sich den Gegebenheiten an zu passen und die Dinge als Schicksal zu verstehen. Wärst Du Deine ursprüngliche Tour gelaufen, hättest Du die Schülerinnen nicht gefunden, vielleicht hätte keiner sie gefunden. Ich finde, alles, was passiert, hat seinen Sinn und man muss in jeder Abweichung vom Geplanten die Chance erkennen, etwas Unglaubliches, Schicksalhaftes zu erleben, das einen stärker macht.

Wooki
25.01.2010, 13:33
toll - macht einfach Spass zu lesen und macht Lust auf einen Wander-Urlaub auf Korsika

Flachlandtiroler
25.01.2010, 14:44
toll - macht einfach Spass zu lesen und macht Lust auf einen Wander-Urlaub auf Korsika

"nur" eine Wandertour

Denke es kommt sehr gut heraus dass der GR20 außerhalb der Saison (hier: Mitte Oktober) eben nicht mehr eine Wandertour ist. Du machst es echt spannend :bg:

Nach dem was wir bis jetzt lesen konnten bin ich froh dass wir nicht wie zuerst geplant am 17. losgezogen sind :roll:

Gruß, Martin

Flachzange
25.01.2010, 19:00
Riesen Lob. Super spannend und klasse geschrieben 5sterne

Torres
15.02.2010, 00:39
Hallo tah,

gehts noch weiter? Wie ging das Ganze aus? Oder habe ich was übersehen?

Flachzange
15.02.2010, 09:57
Würde mich auch sehr freuen wenn es hier weitergeht :)

BubiBohnensack
02.06.2010, 15:45
möp möp

Ehemaliger
14.06.2010, 21:22
*schliesse mich an* :bg:

Torres
15.06.2010, 08:12
Ja, die Fangemeinde wartet!

(als ich den Link sah, dachte ich schon, es würde endlich weitergehen.... :nixda:)

Mondsee
15.06.2010, 08:47
Ich auch... als ich deinen Link sah...

tah
28.03.2011, 21:16
Räusper ... auch wenn ich jetzt schon lang nicht mehr im Forum gewesen bin, Asche auf mein Haupt, werde ich den Bericht ab jetzt doch noch zu einem Ende bringen.


http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/500/medium/2010-10-08_-_C2C_Panorama.jpg
2010-10-08 - Refuge de Asinao - Refuge de Usciolu - Panorama


August 2010 - Coast2Coast
Ein Jahr später, es ist Ende August 2010, bekomme ich von Patrick wieder einmal eine seiner seltenen Mails. Oft ist er als Tourguide mit Gruppen fernab der Zivilisation unterwegs und versucht in seiner spärlichen Freizeit seinen eigenen sportlichen Ambitionen gerecht zu werden. Verständlicherweise kann er so nur wenig Zeit einem Stadtmenschen wie mir widmen. Aber auch ich schotte mich in meinem Leben weitgehend von ihm ab, versuche seine Unbändigkeit und Ungebundenheit so wenig als möglich an mich heran treten zu lassen. Es wäre ja so verlockend, einfach den Bettel hinzuwerfen und ihm nachzueifern. Und das in meinem Alter. Gleichzeitig freut mich sein Versuch, mich wieder in seine Heimat zu locken, um zum Ende der Saison in kleiner Runde den Inselsprint zu begehen.

In diesem Jahr sollen für die Teilnehmer die gleichen Voraussetzungen gelten, um etwas mehr Vergleichbarkeit in das „Rennen“ zu bekommen. Die bisher spärlichen Regeln werden deshalb um zwei neue Regeln ergänzt.

Der Start- und Zielpunkt soll jeweils an der Küste im wortwörtlichen Sinne sein, wobei mindestens eine Hand in das Wasser gehalten werden soll, um sich, quasi spirituell, zu markieren.
In der Richtung von Süd nach Nord befindet sich der Startpunkt demzufolge etwas abseits und südöstlich von Sainte Lucie de Porto Vecchio an der Straße D468, welche zum Campingplatz „Pinarello“ und hinab zur Küste führt. Direkt in Sichtweite der auf der Terrasse des Hotels „Le Pinarello“ abfeiernden Touristen kann man sich dann schwer bepackt und in voller Montur am Strand niederknien, um dem Mittelmeer zu huldigen. Patrick, Patrick, welch seltsame Idee. Aber wer sich diesem Ritual unterwirft, lässt es an Ernsthaftigkeit gegenüber dem Unterfangen nicht mangeln.
Der Endpunkt des „Rennens“ wiederum befindet sich nördlich vom Campingplatz „Camping Caravaning Dolce Vita“ am östlichen Ende des Strandes von Calvi. Ein bisschen trickreich ist der Zugang zum Meer schon, da der Campingplatz direkt an das Gelände der Fremdenlegionäre grenzt. Und wer sich dorthin verirrt, …

Die Ausrüstung muss eine völlig autonome Wanderung über die gesamte Strecke ermöglichen.
Das bedeutet, dass Lebensmittel für die gesamte Tour mitgenommen werden müssen und ein Zelt für die Übernachtungen benötigt wird. Die Hütten und das Nachkaufen von Lebensmitteln sind diesmal tabu. Deshalb gilt - wer weniger Tage benötigt, kommt mit weniger Essen aus, trägt deshalb weniger Gewicht und ist deshalb schneller. Soweit die Theorie. Fakt ist natürlich auch, dass jeder für sich die Menge an notwendigen Reserven einschätzen und ausbalancieren muss. Ich vermute deshalb, dass Patrick diesmal auf opulente Genüsse unterwegs verzichten und seine beachtlichen Kochkünste einschränken wird. Eigentlich schade. Schnell unterwegs sein und trotzdem ein Mehrgänge-Menü aus seinem unergründlichen Rucksack zaubern zu können, hat schon etwas sehr entspannt Dekadentes an sich.

Ein bisschen freut mich natürlich die zweite Regel, da sie meiner Wanderphilosophie am ehesten entspricht, vollkommen autonom sein zu wollen. Die erste Regel hat es allerdings in sich, da sich die Strecke im Süden um knapp zehn Kilometer vom Meer bis nach Conca durch ein landschaftlich reduziertes Stück Straße verlängert. Und das Ende wird ebenfalls um die Strecke von Calenzana bis an den Strand bei Calvi, nicht weniger öde, um knapp neun Kilometer länger. Alles in allem achtzehneinhalb Kilometer, eine Strecke für einen zusätzlichen Tag. Aber Patrick meint dazu nur lakonisch, dass man sich die Berge eben redlich erarbeiten muss, Meter für Meter und am besten von Null an.

Geplant ist, die gesamte Strecke, quasi als Coast2Coast, in maximal siebzig Stunden verteilt über acht Tage abzulaufen. Wenn es jemand in sieben Tagen schafft, auch gut. Wer länger braucht, auch kein Problem. Neben dem, wer als Erster wieder die Küste erreicht, wird diesmal ergänzend auch die Laufzeit der Etappen gemessen. Pausen zwischen zwei Etappen können abgezogen werden, Zwischenpausen auf einer Etappe zählen wie üblich nicht.

Die Etappen sind wie folgt verteilt:
Mare - Sainte Lucie - Conca - Refuge de Paliri - Bavella (27,7 km)
Bavella (alpine Variante) - Refuge de Asinao - Refuge de Usciolu (24,1 km)
Refuge de Usciolu - Refuge de Prati - Refuge de Capannelle (29,1 km)
Refuge de Capannelle - Vizzavona - Refuge de l’Onda (25,1 km)
Refuge de l’Onda (alpine Variante) - Refuge de Petra Piana - Refuge de Manganu (16,4 km)
Refuge de Manganu - Castellu di Vergio - Refuge de Mori (23,7 km)
Refuge de Mori - Refuge de Tighiettu (alpine Variante) - Refuge de Carozzu (16,6 km)
Refuge de Carozzu - Refuge de Piobbu - Calenzana - Mare (27,6 km)

Zu beachten ist natürlich noch, dass wie im letzten Jahr die Tage schon etwas kürzer sind und bei gutem Wetter nur mit etwa elf Stunden Tageslicht zu rechnen ist. Und als Reminiszenz an das letzte Jahr steht es jedem frei, sich mit seiner Ausrüstung auf Schnee und Eis einzustellen. Der Start soll am 27. September erfolgen.

Eine Einladung also. Verführerisch. Alte Bekannte treffen. Entspannt einige Wege abreißen. Nette Gespräche haben. Maria wiedersehen. Was hindert mich also noch zuzusagen?

Die Zeit. Ich habe schlichtweg keine Möglichkeit, mir vor dem sechsten Oktober freizunehmen. Warum nur so früh? Einige hektische Mails später ist klar, dass auch die Anderen in einem engen Terminkorsett ihrer beruflichen Verpflichtungen stecken und nicht erst anderthalb Wochen später starten können. Vorbei und vergessen.

Und trotzdem dringt in mein sorgsam reduziertes Leben wieder ein Stück von Außen ein. Licht und Wind. Sonne, Mond und Sterne. Melde dich ab, melde dich krank. Nachts liege ich wach und fiebere dem Herbst entgegen. Meinen Körper zieht es nach Draußen, die Schizophrenie hält ihn zurück. Geld verdienen, um ein entsagtes Leben führen zu können. Ich muss mich nicht krank melden, ich bin bereits krank.

Kurz vor dem Start der Tour schreibe ich eine letzte Mail und wünsche Allen viel Spaß und Erfolg. Dieses Mal bin ich noch ein elender Feigling und ordne mich dem engen Raum meines Lebens unter.

Am Abend des achten Tour-Tages bekomme ich die Nachricht von Patrick, dass er die Strecke in knapp zweiundsechzig Stunden geschafft hat und jetzt weiß, wie er sie in sieben Tagen schaffen kann. Glückwunsch zurück. Ein bohrender Wurm sitzt in meiner Brust. In der gleichen Nacht kaufe ich mir ein Flugticket nach Bastia und schenke meiner Familie in den anstehenden Herbstferien eine Woche Urlaub in einem Ferienhaus bei Calvi.

Ich bin fest entschlossen es zu probieren. In acht Tagen werde ich die Strecke aber nicht so einfach schaffen können, ohne direkt am Anfang einen Pausentag einlegen zu müssen. Der Flieger landet zwar frühmorgens kurz vor dem Morgengrauen, aber danach steht erst noch der Transfer in den Süden an, so dass ich erst gegen elf Uhr Sainte Lucie erreichen werde. Und von dort aus geht es anschließend weiter an die Küste, um den Startpunkt zu erreichen.

Ganz nebenbei gesagt, ist mir auch die Zusammenstellung von Patricks Streckenplanung ein wenig zu … Was ich sagen will, sie ist nicht so einfach, um sie gleich im ersten Anlauf ohne Probleme und mit einem leichten Lächeln auf den Lippen schaffen zu können. Wenn ich allein an die Länge der Strecken und ihre Höhenmeter denke, zieht sich ein schmerzhaft wohliger Schauer über meinen Rücken, gleich einem spitzen Nagel, der über eine Schultafel kratzt. Unangenehm winde ich mich unter meinem eigenen Anspruch – es könnte gut gehen, ja natürlich, aber auch mächtig in die Hose. Am besten ich erzähle es niemandem, um mich nicht zu blamieren. Andererseits wäre es besser, sich deutlich zu dem Vorhaben zu bekennen, damit der eigene Geist zu begreifen beginnt, was da von ihm erwartet wird. Und mit etwas Glück bekommt der dann das restliche Drumherum auch noch motiviert, sich in Bewegung zu setzen.

Ich fasse zwei Pläne. Wenn sich die Fahrt mit dem Bus in den Süden als gar zu trödelig herausstellen sollte und ich nicht spätestens zwölf Uhr starten kann, werde ich mir den Pausentag gönnen und am Meer übernachten. Das bedeutet aber auch, dass ich dann in Patricks große Fußstapfen passen muss, um rechtzeitig Calvi zu erreichen, wo meine Familie erwartet, am elften Tag nach meiner Abreise am Flughafen abgeholt zu werden. Einen Reservetag für alle Eventualitäten hätte ich in diesem Fall.

Einen Tag für die Anreise, acht für die Tour, einen Reserve. Wie ein Mantra formt sich dieser Satz in meinem Kopf zu einer eigenen Melodie. Nach einer kurzen Weile hört es sich bereits ganz einfach an. Wird schon klappen.

Alternativ werde ich, falls der Bus wider Erwarten Sainte Lucie pünktlich erreichen sollte, die Tour direkt am gleichen Tag beginnen, um den Stress etwas zu reduzieren. Rechtzeitig ankommen ist ja kein Problem, aber auf den letzten Metern wegen eines Schlechtwettertages in Hektik zu geraten, ließe sich dadurch vermeiden. Und ganz ehrlich, achteinhalb Tage wären für mich unter den genannten Bedingungen auch ein großartiges Ergebnis.

Coast2Coast also soll es dieses Jahr noch sein.

06.10.2010 – Start
Am sechsten Oktober beginnt der Tag für mich drei Uhr morgens. Wie ein Déjà-vu spulen sich die ersten Stunden gleich dem vergangenen Jahr ab. Dunkelheit, Autobahn, Flughafen, Schlaf, Morgenlicht. In Bastia kommt mein Rucksack als erster auf dem Band an, Zeit gespart. Am Taxistand ist weit und breit kein Fahrzeug zu sehen. Gibt es so etwas? Ich muss nach Cassamozza! Die übrigen Touristen haben ausnahmslos Mietwagen gebucht und gruppieren sich müde um die noch nicht geöffneten Schalter. Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich mich in einem Taxi fast zu Tode gefürchtet und diesmal bekomme ich keins.

Warten bringt hier nichts. Etwas sauer schultere ich mein Gepäck und laufe ohne weiter nachzudenken los. Meine Stiefel sind noch ziemlich locker geschnürt und ich schlappe in ihnen wie in einem Paar alter ausgetretener Filzpantoffeln hin und her. Aus Trotz halte ich nicht an, um sie fester zu schnüren. Frechheit! Kein Taxi! Hätte so gut beginnen können.

Bis nach nach Casamozza sind es entlang der Straße etwas mehr als sechseinhalb Kilometer, welche ich in knapp zwei Stunden schaffen muss, um den Neun-Uhr-Bus nach Süden nicht zu verpassen. Nach circa drei Kilometer erreiche ich die große Überlandstraße N193. Auf ihr herrscht der morgendliche Dauerstau. Per Anhalter bringt hier nichts. Zu Fuß bin ich in etwa genau so schnell unterwegs wie die Fahrzeuge neben mir. Eine beginnende Blase an meiner rechten Ferse beginnt zu schmerzen. „Kommt davon, wenn man zu stolz ist, die Schuhe richtig zu schnüren“, spricht mein Alter Ego zu mir. „Richtig“, erwidere ich, „Mache ich aber trotzdem nicht“. Mein Stolz wird mit einer daumennagelgroßen Blase belohnt.

Casamozza liegt verschlafen im Morgenlicht. Die Bars und Cafés sind noch geschlossen, die Tankstelle in Richtung Süden ebenfalls. Nach wenigen Minuten kommt der Überlandbus, ich steige ein, setze mich ganz nach hinten und ziehe die Stiefel aus. Die aufgehende Sonne flirrt durch die Fenster und ich döse ein.

20.10.2009 – Scheiden tut weh
Für unsere Verhältnisse ist es bereits spät am Morgen. Das Licht schleicht sich in das Tal, als wir fast zeitgleich aufwachen. Maria blickt aus ihrem Schlafsack zu mir herüber, lächelt. „Wie fühlst Du Dich, Héro?“ fragt sie. „Selber Héroïne. Ich fühle mich total gerädert“ antworte ich. „Mich bekommt ihr heute keine zehn Meter durch den Wald, so kaputt bin ich.“ „ Es ist aber gar nicht so weit bis nach Corte, vielleicht drei, maximal vier Stunden.“ Mit geschlossenen Augen hat ihr französischer Akzent, der sich an diesem Morgen in ihre Sprache verirrt hat, eine wunderbar wärmende Wirkung auf mich. Bitte sprich weiter. „Ob die Kinder noch schlafen? Was denkst Du?“

Ja was denke ich eigentlich. Die vergangene Nacht liegt wie ein unwirklicher Traum über meiner Erinnerung. Jetzt, einige Stunden später, erscheint es mir wie eine vergangene Geschichte, unklar, ob sie jemals wirklich stattgefunden hat. Im Schlafsack ist es wunderbar warm.

Ich öffne langsam ein Auge und erblicke über mir eine mit Eisblumen überzogene Scheibe. Ruckartig setze ich mich auf. „Es ist kalt, wir sollten nachsehen.“ „ Ja, du hast recht.“ mischt sich Patrick in unser bruchstückhaftes Gespräch. Die sonnige Stimmung des langsamen Erwachens, fortgeweht. Das Aufstehen schmerzt.

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2009-10-19 - Wasserbecken des Tavignano an der Refuge de Sega

Oben in der Hütte herrscht noch ein kaltes Halbdunkel. Die Luft ist frostig. Einige der Kinder kauern zitternd zusammengedrängt zwischen den Matratzen. Es müssen ziemlich unangenehme Stunden für sie gewesen sein. Ich fühle mich schäbig, die Nacht in einem warmen Schlafsack und tief schlafend verbracht zu haben. Gemeinsam mit Patrick zwänge ich mich an den unglücklich dreinschauenden Kindern vorbei. Die Lehrer sitzen am anderen Ende des Raums an einem Tisch und beraten sich. Wir fühlen uns fehl am Platz, auch wenn wir hier und dort ein freundliches, verstohlenes Winken ernten. Es ist keine Situation, auf die wir in irgendeiner Weise vorbereitet sind.

Vor der Hütte beginnen wir fast automatisch das Feuer anzufachen und einen großen Topf Wasser zu kochen. Wir haben Zeit. Und ohne uns abzusprechen werden wir in den nächsten Minuten versuchen, ein einigermaßen passables Frühstück für alle zu bereiten. Da sich unsere Tour am heutigen Tag ihrem Ende oder Zwischenstopp, je nachdem aus welchem Blickwinkel man es betrachtet, in Corte nähert, ist es für uns kein Problem, unsere restlichen Vorräte aufzubrauchen.

Der schwierigste Teil liegt aber noch vor uns. Wir ahnen, dass die Kinder das Vertrauen in ihre Lehrer verloren haben. Zumindest teilweise. Gestern Nacht, das war knapp. Undenkbar, dass es den Kindern nicht aufgefallen ist. Aber wie sollen wir uns in dieser Situation verhalten? Wir können nicht in die Rolle der sie begleitenden Schutzengel schlüpfen.

Joshua und Elias gesellen sich zu uns an das Feuer. „Und nun?“ fragt Elias. „Was zur Hölle machen wir jetzt?“. „Frühstück.“ antwortet Patrick knapp.

„Wir werden wohl oder übel mit allen noch ein Gespräch führen müssen.“ beginnt Joshua uns auf die kommenden Minuten einzustimmen. „Irgendwie müssen wir die Verantwortung wieder an die Lehrer übergeben. Wie das geht? Ich habe keine Ahnung.“ „Wenn uns das nicht gelingt, werden wir uns die nächsten Tage ewig mit Vorwürfen plagen.“ pflichtet ihm Elias bei.

Eigentlich, und da sind wir uns ausnahmslos einig, wollen wir die Hütte so schnell als möglich verlassen, so unangenehm ist uns diese Stimmung, dieses verantwortungsgeladene Gefühl. Andererseits wissen wir genau, dass uns die Kinder durch die Fenster pausenlos beobachten, unser Verhalten und unsere Gesten auf irgendeine positive Hoffnung für sich absuchen.

Die Situation rettet wieder einmal Maria. Sie bittet uns das Lagerfeuer zu vergrößern und Bänke drum herum aufzustellen. Als wir fertig sind, bittet sie alle Kinder und Lehrer zu einem gemeinsamen Frühstück vor die Hütte, so freundlich und warmherzig, als hätten wir uns schon Wochen darauf gefreut, mit unseren Gästen diesen Tag zu beginnen. Als alle sitzen verteilen wir heißen Tee und eine bunte Mischung verschiedener Frühstücksideen. Freudig gespannt blicken uns die Kinder an. Und Maria beginnt über den gestrigen Abend so zu sprechen, als wäre es ein ganz normaler Abend mit neuen netten Leuten gewesen. Ab und an bindet sie ein paar Tipps und Ratschläge ein, aber in einer Art und Weise, als ob sie sich sicher sei, dass jeder der hier Versammelten sie bestimmt schon kennen würde und eigentlich auch ohne uns angewendet hätte. Sie stellt das Normale der vergangenen Nacht derart in den Vordergrund, dass selbst ich meine Zweifel über den Fortgang ihrer weiteren Wanderung verliere. Es hört sich so schlüssig an.

Aber, und auch dieser Schwenk gelingt ihr, ohne die verblassenden Ängste wieder zu bestärken. Wir, also unsere Gruppe, kämen direkt von den höher liegenden Ebenen, auf welchen wir vom Schnee überrascht worden seien. Und aus diesem Grund würde sie gern mit den Lehrern im Beisein der Kinder eine neue Route ausarbeiten, damit ihre Mehrtageswanderung trotz des kühleren Wetters noch eine tolle Tour werden könne. Sie lässt sich von einem der Lehrer eine Wanderkarte reichen, breitet sie auf dem Boden aus und alle scharen sich, teils auf den Bänken stehend, um sie. Mit einem Stöckchen zeigt sie die bisherige Route der Kinder, erklärt, wie weit sie schon gekommen seien und das die nächsten Tage ihrer leicht geänderten Route sie immer wieder an Dörfern und Siedlungen vorbeiführen würden. Die Gesichter der Kinder hellen sich von Minute zu Minute mehr auf. Und als endlich die Sonne über den Kamm bricht und das Tal mit herbstlicher Wärme und goldenem Licht flutet, ist der Spuk der vergangenen Nacht vergessen.

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2009-10-19 - Oberlauf des Tavignano an der Refuge de Sega

Eine halbe Stunde später haben wir unsere Ausrüstung gepackt und stehen zum Abmarsch vor der Hütte bereit. Wir posieren noch einmal für ein gemeinsames Gruppenbild und verabschieden uns Hand für Hand, Schulter um Schulter, Träne auf Träne. Es ist dieser Moment, der einen verzweifeln lässt. Nicht loslassen zu können. Das Gefühl zu spüren, sich jetzt vielleicht doch falsch zu entscheiden.

Als wir einen letzten Augenblick mit den Lehrern allein dastehen, gibt Maria ihnen noch einen Rat. Sie sollten auf ihrer Reise nicht mehr über die vergangene Nacht diskutieren, das käme nach ihrer Rückkehr von ganz allein. Jetzt aber müssten sie unbelastet, freundlich und zugleich bestimmt die Dinge wieder in die Hand nehmen. Autorität und Führung zeigen, die Richtung vorgeben und zu große Risiken meiden. Und nur keine Angst, es würde schon gutgehen.

In strahlendem Sonnenschein verlassen wir die Refuge de Sega über die kleine Brücke in Richtung Corte.

06.10.2010 – Sainte Lucie
Ein beherztes Schütteln reißt mich aus meinem Halbschlaf. Der Busfahrer ist so freundlich und weckt mich. Ich bin wieder einmal der einzige Fahrgast und wir haben Sainte Lucie einige Minuten vor der geplanten Zeit erreicht. Verschlafen ziehe ich meine Schuhe an und verlasse den Bus. Der Fahrer war inzwischen so freundlich mein Gepäck auszuladen. Ich bedanke mich überschwänglich und wir wünschen uns eine gute Zeit.

Das Cafe am Busstop hat geöffnet und döst verlassen in der Mittagssonne. Nach einigen Metern erreiche ich die kleine Kreuzung in der Mitte des Ortes, wo ich die linke Abzweigung in Richtung des Meeres nehme. Ich habe Glück, bereits nach zwei Minuten höre ich hinter mir ein Fahrzeug. Ich drehe mich um, das Fahrzeug hält an. Mit einer wortlosen Geste zeigt ein alter Korse auf die Ladefläche seines Pickups. Ich werfe meinen Rucksack auf das Fahrzeug und nehme im Führerhaus Platz. Sehr gesprächig ist der Alte nicht. Nachdem wir uns begrüßt haben und ich ihm mein Ziel genannt habe, nickt er nur kurz und würdigt mich bis zum Aussteigen keines Blickes. Während der Fahrt brummt er ein altes korsisches Lied in seinen Bart.

Die Fahrt ist nur kurz. Nach wenigen Minuten schimmert bereits das Meer durch die Bäume und zwischen den Hügeln hindurch. Dunkelgrün glatt, mit einem Schimmer ins Blau liegt es vor dem schmalen, weißen Strand von Pinarellu. Am Hotel steige ich aus, nehme meinen Rucksack von der Ladefläche und grüße noch einmal kurz. Mit einem Hupen werde ich verabschiedet.

Nachdenklich blicke ich auf das Meer. Ich könnte jetzt direkt mit der Tour beginnen. Die Uhr zeigt kurz nach elf Uhr. Es ist eine seltsame Idee von Patrick, von seinen Freunden zu verlangen, an dieser Stelle erst einmal die Hand in das Wasser zu halten. Wenn ich es nicht täte, es würde nichts ändern, die Tour wäre genau so lang, das Erlebnis gleich intensiv.

Das Wasser glitzert in der Mittagssonne und die Luft ist ausgesprochen warm. Keine Wellen, kein Wind. Den Rucksack auf dem Rücken nähere ich mich dem Wasser. An der Marina dümpeln Boote lautlos vor sich hin. Möglichkeiten schießen mir durch den Kopf. Strandurlaub. Schwimmen. Tauchen.

Ich gehe in die Hocke, wenige Zentimeter von dem Wasser entfernt. Es atmet. Langsam zieht es sich zurück, langsam kommt es mir wieder entgegen. Es macht etwas aus, hier zu sein und das Wasser nicht zu berühren. Beherzt stelle ich mich in das Wasser und tauche beide Hände hinein. Eine angenehme Kühle umfließt meine Haut. Ich stelle mir vor, reingewaschen zu werden. Energie fließt meine Arme empor. Ich bin jetzt bereit. Mit einem Ruck erhebe ich mich, blicke noch einmal über die kleine Bucht, drehe mich um und starte wohlgelaunt mit der Tour.

Nach etwa vierzig Minuten entlang der Straße erreiche ich wieder Sainte Lucie. Die Leute im Cafe direkt an der Kreuzung blicken erstaunt zu mir herüber, als sie mich ein zweites Mal erblicken. Sekunden später bin ich an ihnen vorbei und beginne um ziemlich genau zwölf Uhr mit dem Abschnitt nach Conca, dem eigentlichen Startpunkt des GR20 im Süden. Auch dieses Teilstück führt immer entlang der auto- und menschenleeren Straße, aber im Gegensatz zum ersten Abschnitt mit weitaus weniger Bäumen, welche Schatten spenden könnten.

Das Wetter ist perfekt. Angenehme zwanzig Grad Celsius, Sonnenschein, ab und an eine Wolke. Nach wenigen Minuten überquere ich rechtshaltend das fast ausgetrocknete Flüsschen U Cavu über eine Brücke, nach welcher die Straße hinauf nach Conca führt. Der Weg ist relativ belanglos, wenn man einmal von dem am Ortseingang von Conca beidseitig der Straße befindlichen Friedhof absieht. Schlichte Familiengräber und kleine Trutzburgen aus schwarz, weiß gebändertem Stein säumen die letzten Meter bis zur Gite la Tonnelle, an welcher der GR20 beginnt.

Conca ist ein kleiner Ort, welcher sich entlang einiger Serpentinen an den Hang schmiegt. Eine zu groß erscheinende Kirche markiert das Zentrum der Siedlung. Goldbraune Kühe durchfurchen das Brachland zwischen den einzelnen Grundstücken. Ziegen springen mit ihren Glöckchen bimmelnd über die Straße. Es ist immer noch Mittagszeit und kein Mensch ist weit und breit zu sehen.

Etwas hinter dem Ortsausgang von Conca zweigt der GR20 urplötzlich nach rechts von der Straße ab. Im Schatten eines grünen Baumrunds mache ich an der Source de Radicale eine erste kurze Rast und fülle die beiden Wasserflaschen auf. Beim Aufsetzen des Rucksacks sprüht aus einer der Liquitainer Trinkflaschen ein dünner Wasserstrahl heraus. Direkt am Boden der einrollbaren Plastikflasche ist die Schweißnaht auf einer Länge von etwa drei Zentimetern eingerissen. „Das ist aber Mist.“, schießt es mir durch den Kopf, denn ich habe nur zwei dieser leichten Plastikflaschen und keinen Wassersack dabei. Deshalb aber noch einmal nach Conca zurückzukehren, würde mich wahrscheinlich zu viel Zeit kosten, um noch im Hellen die Refuge de Paliri erreichen zu können. Also werde ich im wahrsten Sinne des Wortes als eiserne Reserve den einzigen Luxusgegenstand auf meiner Tour, eine Thermosflasche, für Trinkwasser statt für heißen Tee benutzen.

Beim Nachdenken ob des Malheurs kommt mir die Idee, die defekte Liquitainer nur halb zu befüllen und verkehrt herum im Außennetz des Rucksacks zu transportieren. So kann ich sie vielleicht noch eine Weile benutzen und komme insgesamt auch auf zwei Liter Trinkwasser. Eine autonome Tour bedeutet eben genau mit dem auszukommen, was man bei sich führt. So sind die Regeln.

Direkt nach der Quelle beginnt das Korsische Gebirge, wie ich es in vielen Jahren lieben gelernt habe. Von der herbstlichen Macchia und ihrem durch die Sonne ausgeglühten, betörenden Duft eingeschlossen geht es stetig hinauf zur Bocca d’Usciolu. Am Ende der anschließenden Querung des links ansteigenden Hanges führt der Weg hinab in die verschattete Kühle des Bachs Punta-Pinzuta. Auch wenn einige Einfriedungen darauf hinweisen, dass hier schon des Öfteren gezeltet worden ist, würde ich darauf lieber verzichten. Einem Brand der Macchia kann an dieser Stelle nur schwerlich ausgewichen werden. Zudem ist das Wasser des Bachs in seinen ruhigeren Seitenarmen regelmäßig mit Mückenlarven versetzt und von Tieren verunreinigt.

Weiter geht es in straffem Tempo an den Ruinen der Cabanes de Capellu vorbei und im Schatten der hoch aufragenden Punta Balardia und Punta di Monte Sordu hinauf zur Bocca Villaghello. Direkt im anschließenden, felsigen Abstieg steht auf dem Weg plötzlich eine Herde Mufflons vor mir. Sekundenlanges Starren. Aber bevor ich die Kamera bereit habe, springen die Tiere grazil den Hang hinauf und sind meinen Blicken entzogen. Polternd und nicht annähernd so grazil setze ich meinen Weg fort. Das hohe Tempo und der mittlerweile lange Tag machen sich bei mir durch krampfende Waden bemerkbar.

Die letzten Kilometer führen fast frontal auf die beeindruckende Felskulisse zu, welche sich aus Punta Velaco, Calanca Murata, Punta Aracale und Punta Tafunata di i Paliri vor mir auftürmt. Noch einige hundert Meter durch einen hochstämmigen Wald und ich habe mein Ziel erreicht. Die Refuge de Paliri liegt vor mir. Es ist inzwischen eine viertel Stunde vor Sieben und die Dämmerung setzt ein. Ohne mich lang ausruhen zu können, stelle ich das Zelt auf, bereite mein Nachtlager vor und ziehe noch einmal los, um Wasser aus der entfernt liegenden Quelle zu holen. Der heiße Sommer und die regenlosen Tage der letzten Wochen haben das Gebirge weitgehend ausgetrocknet. Das Wasser tröpfelt quälend langsam aus der Quelle. Im verblassenden Glühen der Felswände bereite ich schließlich mein Abendbrot. Kühle und Ruhe ziehen in dem Felsenrund ein.

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2010-10-06 - Streckenprofil

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2010-10-06 - Zeitprofil

Inklusive des Weges vom Flughafen nach Casamozza stecken mir heute knapp dreißig Kilometer und etwa eintausendsechshundert Höhenmeter in den Knochen. „Nicht schlecht für den Anfang.“ denke ich sarkastisch und massiere in dem engen Zelt meine schmerzenden Muskeln. Trotz umfangreicher Vorbereitungen empfinde ich den ersten Tag als absolute Hammertour und bin nicht so recht davon überzeugt, dieses Pensum die nächsten Tage immer wieder absolvieren zu können. Die Gruppe um Patrick hat schon jetzt meinen größten Respekt. Aber das war mir ja eigentlich auch schon vorher klar.

Kurz vor dem Schlafengehen widme ich noch etwas Zeit meinem selbstverschuldeten Sorgenkind, der Blase am rechten Fuß. Den ganzen Tag über habe ich sie unangenehm gespürt. Prall gefüllt und milchig weiß glänzend starrt sie mir im Schein der Taschenlampe entgegen. „Sie ist inzwischen so groß wie ein Heiermann.“, denke ich. Vergessenes Wort aus alten Zeiten. Es nützt nichts, ich werde sie anstechen und auslaufen lassen müssen, um den Druck zu verringern.

Die Flüssigkeit, welche ich herauspresse, ist leider nicht so klar, wie gehofft. Auf dem Taschentuch zeichnen sich eitrige Schlieren ab. So wie es aussieht, hat die Blase gute Chancen, sich mir in den nächsten Tagen immer wieder unangenehm in Erinnerung zu bringen. Insgesamt vier Compeds befinden sich in meinem Medipack, von welchen ich eines am nächsten Morgen opfern werde. Heute Nacht aber lasse ich die kleine Wunde ohne Abdeckung trocknen.

Tiefe Stille ist in das Tal gezogen, als ich das Licht lösche. Ich schließe die Augen und schlafe eingeklemmt zwischen Zeltwand und Rucksack ein.

20.10.2009 – Am Kaminfeuer
Bunte Lichtflecken der hoch über uns stehenden Sonne tanzen über unsere Gesichter und den auftauenden Waldboden. Der kristallfarbene Reiff ist nur noch in ganz wenigen schattigen Lagen des Waldes zu entdecken. Mit jedem Meter, welchen wir zwischen uns und die Kinder bringen, hellt sich unsere nachdenkliche, wortlose Stimmung auf. Auf der Brücke über den Le Tavignano halten wir erstmalig in unserer Hast inne, die vergangene Nacht nunmehr weit hinter uns lassend. Befreit von den Rucksäcken klettern wir hinunter zum Fluss und toben übermütig zwischen den Wellen über die nassen Steine. Nassgespritzt und keuchend lehnen wir schließlich wie Teenager am Geländer und lassen unseren Gedanken freien Lauf.

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2009-10-20 - Badeplatz an der Tavignano-Brücke

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2009-10-20 - Brücke über den Tavignano

Wir sind überzeugt, uns richtig entschieden zu haben. Es ist nicht unsere Gruppe, es ist nicht unsere Verantwortung. Wir haben getan, was in der Situation angebracht war. Nicht mehr und nicht weniger. Schlag auf Schlag sprudeln die Argumente aus uns heraus. Aber die Gesichter zum Abschied gehen uns immer noch nicht aus dem Kopf. Die unterdrückte Angst vor dem Unbekannten kann sich so klar in den Augen von Kindern ausdrücken, dass einem schier das Herz zu brechen droht. Um uns auf andere Gedanken zu bringen, verspricht Patrick, sich am Abend telefonisch in der Gite de Etape von Calacuccia nach der Gruppe zu erkundigen.

Dreieinhalb Stunden nach unserem Aufbruch von der Refuge de Sega erreichen wir die Zitadelle von Corte und gönnen uns zu allererst einen Espresso auf dem Place Gaffory im Schatten der Eglise de I'Annonciation. Nur wenige Touristen verirren sich zu dieser Jahreszeit in diesen Teil von Corte, so dass wir den wohnzimmergroßen Platz weitgehend für uns allein genießen können. Während Joshua, Elias, Maria und ich auf den Stühlen ausgestreckt die Glieder den wärmenden Sonnenstrahlen entgegenstrecken, ist Patrick bereits aufgebrochen, um uns ein Nachtlager zu organisieren. Die Gite de Etape in Corte hat für dieses Jahr bereits endgültig geschlossen.

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2009-10-20 - Zitadelle von Corte

Bewusst zufällig, so scheint es, liegt Maria direkt neben mir in ihrem Stuhl, die Augen tief hinter den dunklen Gläsern ihrer Sonnenbrille versteckt. Schweigend genießen wir unsere Nähe, unentschieden vermeiden wir jedes zu nahe Gespräch. Wir könnten, wenn wir nur wollten, uns einander offenbaren. Opfer auf allen Seiten wären die Folge. Der Gewinn und der Verlust. Wie nur kann man das sehenden Herzens entscheiden. Den Schmerz verursachen und dann selbst aushalten. „Haltet bitte die Zeit an.“ formt sich ein Wunsch in meinem Kopf. Und verlässt meinen Mund? „Ja.“ sagt Maria.

Nach zwei Stunden setzt Patrick die angehaltene Zeit wieder in Gang. Wir würden diese Nacht bei einem Freund unterkommen, nicht weit von hier.

In einem großen, fast vollständig von Möbeln befreiten Raum schlagen wir unser Lager auf. Der Ausblick aus der langen Fensterfront über die Dächer von Corte ist fantastisch. Eine heiße Dusche erlaubt uns die Rückkehr in die Zivilisation. Gewaschene und getrocknete Kleider sind unsere Eintrittskarte in die Nacht von Corte. Unser Ziel ist das „La Riviere des Vins“ auf der Rampe Sainte-Croix. Das kleine Lokal mit vielleicht zwanzig Plätzen ist nicht schwer zu finden. Direkt an der Buchhandlung am Cours Paoli beginnen hinter dem Brunnen die Treppen, welche hinauf zur Zitadelle führen. Nach wenigen Stufen erreichen wir das Lokal, welches unscheinbar auf der rechten Seite liegt.

Wärme empfängt uns. Im Kamin prasselt ein würzig riechendes Feuer. Den Tisch direkt am Kamin hat Patrick für uns reservieren lassen. Und während meine Begleiter einen lautstarken und wortgewaltigen Empfang mit Marite, der Besitzerin des Lokals, zelebrieren, versinken meine Gedanken bereits in der Glut.

07.10.2010 – Schmerzen

Torres
28.03.2011, 22:02
Danke tah, Du hast uns lange auf die Folter gespannt. Toller neuer und auch neuer alter Bericht, den ich gerade im Schlafsack bei Meeresrauschen genossen habe. Bin gespannt, wie es weiter geht, Deine Berichte sind einfach Klasse.

Flachlandtiroler
28.03.2011, 23:18
Wow... :o

Solasimon
29.03.2011, 00:32
WOW - ein genialer Bericht!
Vor allem die Begegnung mit den Kids hat mich echt beeindruckt, da ich auch öfter mit Teens in diesem Alter unterwegs bin...

Simon

MatthiasK
29.03.2011, 17:20
Da habt ihr ja ordentlich was vorgehabt :)

Seid ihr dann vom Meer querfeldein gestartet, oder den Straßen entlang?

Gismo834
30.03.2011, 23:25
Ganz Toller Bericht..Wahnsinn. Das hat schon literarische Qualität.
Bin richtig in die Tour eingetaucht.

Jeloba
18.05.2011, 12:57
Schöner Bericht Tah! 5sterne Wann gehts weiter? :)

Ich hab eine Frage: Ich will am 4.6. den GR 20 auf die gleiche Weise starten (Anreise morgens mit Flugzeug, Bus nach Sainte Lucie... Meer) und würde gerne wissen wie Du an Brennstoff (Spiritus in meinem Fall) gekommen bist. Gibts da unterwegs Geschäfte die um diese Urzeit auf haben und entsprechende Produkte auch am "Rande" der Saison führen?