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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [RO] Auf rotem Band durch die Karpaten



Schmetterling
18.10.2009, 17:51
Land: Rumänien
Reisezeit: August 2009

Wie alles begann...

Andreas und ich sind eigentlich Radfahrer. Doch dieses Jahr wollten wir endlich mal ausprobieren, wie sich wohl das ganze Gepäck auf unseren Schultern anfühlen würde. Da uns die Alpen nicht aufregend genug waren, es in Skandinavien viel zu viele Mücken gibt und wir schon immer mal Bären sehen wollten, wählten wir die südlichen rumänischen Karpaten als Ziel.
Monatelang planten wir, waren Dauergast in diesem Forum und ließen Unmengen an Geld beim Globi. Da Ihr alle eine sehr große Hilfe wart und da wir in der Vorbereitung kaum gute und verlässliche Informationen über die Karpaten bekommen konnten (alle Welt scheint nur nach Skandinavien zu fahren), wollen wir euch und unseren potenziellen Nachahmern unseren Reisebericht zur Verfügung stellen. Interessenten senden wir gerne auch unsere GPS-Aufzeichungen (samt Quellen und Abstecher zu Pinkelpausen…). Unsere Tour orientierte sich an einem Reisebericht von Uli - einem Görlitzer, der seit Ewigkeiten in den Karpaten unterwegs ist und unter anderem 14 Tagesetappen durch drei Gebirge beschrieb: die Bucegi-Berge, das Leaota-Massiv, einmal über den Piatra Craiului und als Königsetappe über den Fogarasch, den südlichen Hauptkamm der Karpaten.
Der Reisebericht ist hier zu finden und echt nett zu lesen: http://www.eastern-images.de/Reisen/Wanderfuehrer/WandernSuedkarpatenRO.htm
Im Laufe der Tour mussten wir feststellen, dass der Berich teilweise veraltet ist. Die Abweichungen erwähnen wir bei den einzelnen Etappen. Bei Bedarf senden wir gerne auch noch genauere Informationen zu.

Jetzt aber genug der Vorrede, auf zum Bericht! Wir sind noch nicht ganz fertig, deswegen werden die Etappen so nach und nach folgen.

Anreise
Wir entschieden uns gegen das Flugzeug und für die Bahn, um der Reise einen würdigen Beginn zu verschaffen. Von München fährt ein Nachtzug durch bis nach Brasov, unserem Startpunkt. Wir hatten ein Zweier-Abteil gebucht, in dem wir eine Nacht und einen kompletten Tag verbringen sollten und stellten mit Entzücken fest, dass wir sogar ein eigenes Bad mit WC und Dusche hatten. Der Schaffner teilte uns jedoch gleich mit, dass wir das Klo nicht benutzen durften, da es wohl nicht funktionierte. Balkan lässt grüßen...
Nach einer geruhsamen Nacht zuckelten wir den ganzen Tag durch Ungarn und schließlich Rumänien immer gen Osten. „Zuckeln“ ist dabei wörtlich zu verstehen: Die schlechten Schienen in Rumänien lassen ein passables Tempo nicht mehr zu. Wir verbrachten den Tag abwechselnd im Abteil und im Speisewagen, der in der DDR hergestellt wurde und wunderbar günstiges Essen verkaufte. An den Haltestellen wurde immer mehr, immer schäbigere Wagen an den Zug gehängt. Draußen zog die Landschaft vorbei – die Dörfer wurden immer ärmer und Traktoren allmählich durch Pferdekutschen ersetzt. Ab und zu kamen wir an unheimlichen riesigen Kraftwerken vorbei, die teilweise völlig im Verfall begriffen waren.
Im Speisewagen ergab sich schon bald ein nettes Gespräch mit einem rumänischen Paar, das auf Heimaturlaub nach Bukarest fuhr. Am Nebentisch trank unser Schaffner ein Bier nach dem anderen und besorgte sich regelmäßig Nachschub auf den Bahnhöfen. Gegen Abend gesellte sich noch ein Spätaussiedler hinzu, der seiner Tochter seine Heimat zeigen wollte. Als er mitbekam, dass wir kein rumänisch sprachen, wünschte er uns mit einem sehr mitleidigen Blick alles Gute...
Zwischendurch beorderte der Schaffner unseres Waggons alle Reisende in die Abteile zurück, da er endlich auch mal schlafen wollte und das Öffnen der Türen von außen ein Kinderspiel ist.
Mit nur zwei Stunden Verspätung kamen wir schließlich nach 26 Stunden Zugfahrt in Brasov an und leisteten uns ein Taxi zu unserem Hostel.

1. Tag: Brasov
[IMG-L]http://img10.imageshack.us/img10/9951/karpaten6k.jpg[/IMG-L] Wir nutzten einen Tag, um Brasov zu besichtigen, eine sehr, sehr schöne und toll renovierte ehemalige deutsche Stadt in Siebenbürgen. Wir lernten auf dieser Reise unheimlich viel über die Deutschen in Siebenbürgen und waren davon ebenso fasziniert wie von der Wanderung. Da dies jedoch ein Wander-Forum ist, werden wir die kulturellen Teile eher kurz halten. Nur so viel: Brasov ist definitiv einen Besuch wert und ist touristisch vollkommen erschlossen. Unweit befindet sich ein Skizentrum, gegen das St. Moritz angeblich eine billige Absteige ist... Die Stadt hat außer der vielen Sehenswürdigkeiten auch zwei voll ausgestattete Trekkingläden, die wir noch dringend benötigen würden...
Abends ein letzter Check der Ausrüstung und dann ab ins Bett, um für den ersten Tourentag gewappnet zu sein.

blauloke
18.10.2009, 18:32
Willkommen im Forum.

Schön mal etwas aus dem Osten zu lesen. Bin gespannt wie es weitergeht.

Ro
18.10.2009, 19:22
Ah, herrlich, ein Bericht über Rumänien, da freu ich mich sehr drauf. :popcorn:
Bin nämlich eine Ausnahme von der Regel:

alle Welt scheint nur nach Skandinavien zu fahren
Osteuropa find ich persönlich viel spannender. ;-)

Schmetterling
18.10.2009, 22:26
Danke, danke!

Ja, Osteuropa ist sehr spannend, billig und (noch) nicht so überlaufen. Wir können es jedem nur wärmstens empfehlen.

Hier geht es auch schon weiter mit unserem Bericht (bzw. es geht erst so richtig los...):


2. Tag Busteni – Cabana Padina

[IMG-L]http://img8.imageshack.us/img8/3363/karpaten9k.jpg[/IMG-L]Früh am morgen zuckelten wir mit einem stylishen Ostalgie-Zug nach Busteni, von wo wir loslaufen wollten. Der Ort liegt direkt im Karpatenbogen. Unser Plan sah vor, von hieraus direkt nach Westen zu marschieren und im Verlauf der nächsten 5 Tage insgesamt 3 Gebirgsmassive zu überqueren (Bucegi- und Leaota-Massiv sowie den Königsstein). Nach diesem Vorspiel würde dann der Haupt-Akt beginnen, eine 9-tägige Wanderung über das Fogarasch-Gebirge. Der Weg dieses Kammwegs verläuft schnurstracks Richtung Westen und ist der Hauptwanderweg über die Südkarpaten. Der Kammweg gilt als anstrengend und ist berüchtigt für seine krassen Wetterumschwünge mit Gewitter und Schnee im August - und leider blieb uns nur der August als gemeinsamer Reisemonat. Und leider sollte der Ruf des Fogarasch-Gebirges nicht unbegründet gewesen sein…
Doch der Reihe nach: Beim Anblick des Bucegi-Massivs sank uns das Herz in die Hose: das waren richtig hohe Berge, mit viel Stein und wenig Pflanzen. Und da sollten wir nun drei Wochen mit Zelt überleben? Beunruhigende Fragen schwirrten uns durch den Kopf: Würden wir unsere Rucksäcke über die vielen steilen Anstiege schleppen können? Gab es da auch im Sommer genug Wasser? Hatten wir genug zu Essen? Was, wenn es sich da oben einregnen würde? Oder gar schneien? Was war mit Gewittern? Und die Wölfe? Von den Bären ganz zu schweigen…Schließlich hatten wir durch diverse Hüttentouren schon einen ganz guten Eindruck bekommen, wie qualvoll Kraxeleien auch mit kleineren Rucksäcken sein können. Und dann mit dem ganzen Gepäck? Aber es half alles nichts, nun mussten wir da durch. Zum Glück ahnt man ja vorher nicht, was so alles auf einen zukommt…


[IMG-R]http://img5.imageshack.us/img5/1743/karpaten13k.jpg[/IMG-R]Leider waren unsere Urlaubstage begrenzt und so mussten wir die 14 Etappen unseres „Reiseführers“ Uli etwas abkürzen. Und natürlich wollten wir ganz frech am bequemen Ende sparen und uns von Busteni aus mit der Seilbahn auf 2000 m ü. NN hinaufkarren lassen. Das würde uns zwei Tagesetappen sparen. Leider waren wir nicht die einzigen Faulen: bevor wir die rustikal anmutende Gondel besteigen konnten, hieß es erst einmal warten. Wir reihten uns in die recht internationale Warteschlange (u.a. Slowaken, Tschechen, Polen, sogar ein paar Israelis) vor der Seilbahn ein und vertrieben uns die Wartezeit mit gehässigen Witzen über die umstehenden Tagesausflügler mit Hotpants und Flipflops und verglichen kritisch unsere eigenen Rucksäcke mit den Herren- und Damenhandtäschchen der Umstehenden. Außerdem leistete sich jeder von uns noch einmal ein paar entspannte Minuten auf der öffentlichen Toilette – wohl wissend, dass Porzellanschüsseln, Wasserspülung und Klorollenhalter die längste Zeit unsere Begleiter gewesen sein würden…Und schließlich, nach einer guten Stunde, konnte der Gipfelsturm für Weicheier beginnen (an Wochenenden können es angeblich auch schon mal bis zu drei Stunden sein).
Die Fahrt war spektakulär – mit unserer sehr kleinen und dafür umso vollgestopfteren Gondel schwebten wir in schwindelerregender Höhe insgesamt 1500 m nach oben. Unter uns der Abgrund. Wir dachten lieber nicht daran, ob und wie wohl die rumänischen Sicherheitsstandards eingehalten werden... Nach einer Viertelstunde hatte das Wechselbad aus Bangen und Staunen ein Ende und wir erreichten wohlbehalten das Omul-Plateau und fühlten uns schlagartig in die Steppen Zentralasiens versetzt: uns erwartete ein weites, grasbewachsenes Hochplateau. Schafherden zogen umher und ein kalter Wind pfiff uns um die Ohren. Wir beschlossen, uns erst einmal an die Höhe zu gewöhnen und vernichteten ein paar Gramm unserer Vorräte. Bei der Gelegenheit mussten wir uns auch schon das erste Mal im Hunde-Vescheuchen bewähren...darin sollten wir bald wahre Experten werden!
[IMG-L]http://img3.imageshack.us/img3/2656/karpaten17k.jpg[/IMG-L]




[IMG-L]http://img5.imageshack.us/img5/1332/karpaten18k.jpg[/IMG-L]Schließlich blieben uns jedoch keine weiteren Ausreden mehr und wir mussten unsere Rucksäcke schultern. Da der Abstieg zur ersten Hütte nur 2 Stunden dauern sollte und es noch früh am Nachmittag war, reihten wir uns in den FlipFlop-Touristenstrom ein und drehten eine ausgedehnte Runde am Rande des Plateaus entlang. Als Etappenziel diente uns ein beeindruckendes Weltkriegs-Mahnmal, ein gut 20m hohes, aus dem Stahl alter Waffen geschmiedetes Kreuz. Die Sonne schien, die Aussicht auf die Ostkarpaten war phänomenal und wir waren begeistert, dass wir unter der Last unserer Rucksäcke nicht augenblicklich zusammen gebrochen waren! Andi hatte nämlich zu Beginn der Planung verkündet, dass er niemals im Leben mehr als 15 kg tragen würde – heraus kamen schließlich an die 25 kg (incl. 3 l Wasser). Ich hatte anhand meines Körpergewichtes die absolute Höchstgrenze von 15 kg ermittelt – am Ende waren es an die 20 kg. Aber wir kamen tatsächlich vorwärts und dank der Stöcke überstanden wir auch den recht happigen Abstieg um ca. 800 m Höhenmeter bis zu unserer ersten Hütte beschwerdefrei. Kurz vor der Ankunft galt es dann noch eine erste „Sonderprüfung“ zu absolvieren: im schon leicht dämmrigen Licht betraten wir am späten Nachmittag einen dichten Nadelwald. Links und rechts wurde der Weg nun von Hinweisschildern gesäumt, dass es hier Bären gebe und man nicht campen solle. Etwas nervös, laut summend und in zügigen Schritten durchquerten wir den Wald und kamen bald wohlbehalten in ein wunderschönes Tal mit weiten Wiesen und plätscherndem Fluss. Zu unserer Verwirrung waren die Wiesen übersät mit Campern. Zwischen ihnen und dem Bärenwald gab es nur den Fluss. Sind Bären eigentlich wasserscheu? Und über Brücken trauen sich Bären wohl auch nicht?
Im Übrigen sahen wir hier zum ersten Mal die liebste Freizeitbeschäftigung der Rumänen: wildes Campen in Massen. Das fanden wir sehr sympathisch. Weniger sympathisch sind die unglaublichen Müllberge, die dabei zurückgelassen werden und die uns noch durch die gesamten Karpaten begleiten würden. Noch weniger sympathisch ist es, dass natürlich jegliche Sanitäreinrichtungen fehlen und die improvisierten Campingplätze somit fantastische Nährstoffeinträge verzeichnen, sprich buchstäblich zugeschissen sind. Aus irgendwelchen Gründen wird dann auch die „Ware“ bevorzugt mitten auf dem Wanderweg abgesetzt und irgendein geheimer Stolz verbietet es anschließend auch, das Resultat seiner Anstrengungen irgendwie zu verdecken. Es muss dahinter einen tieferen Sinn geben…soll uns doch keiner erzählen, dass in den ganzen Familienkutschen neben Zelt, Grillgut und Bier nicht auch noch ein kleines Schäufelchen Platz finden würde? Nun ja, andere Länder, andere Sitten, reisen bildet, usw.


[IMG-R]http://img4.imageshack.us/img4/269/karpaten20k.jpg[/IMG-R]Pünktlich zum Abendessen kamen wir dann bei der ersten, sehr schönen Berghütte (die heißen hier Cabanas) an, bezogen für nicht einmal 10 Euro unseren sehr gemütlichen Privat-Schlafsaal und konnten hier zwischen 20 Stockbetten wählen. Nach einer Katzenwäsche am Waschbecken gab es lecker Hähnchenfilet mit Kartoffelbrei und Gurkensalat (leider verstanden wir die Speisekarte noch nicht so gut und mussten uns daher etwas überraschen lassen). Dazu gab es diverse Kraft-Tees und, um unseren ersten halben richtigen Wandertag auch gebührend zu feiern, zum Abschluss ein paar Wodkas. Zwar waren wir nur 9 km gelaufen, aber wir waren nach diesem ersten Tag frohen Mutes und fühlten uns auch spätestens nach dem 3. Wodka gut gerüstet für alle Abenteuer, die da so kommen würden. Den Soundtrack zu diesem perfekten Einstieg lieferte eine Truppe jugendlicher Rumänen, die auf der Veranda Bob Dylan klampften.

paddel
19.10.2009, 06:15
Das hört sich ja schon sehr interessant an. Bin gespannt wie's weiter geht.

Peer
19.10.2009, 18:05
Hammer Sache! Rumänien ist auch ein Ziel, dass mich ausserordentlich reizt.

Und die Seite ist ja mal auch eine coole Sache, grad für mich als Görlitzer.

Grüße

Schmetterling
24.10.2009, 14:15
So, hier gehts endlich weiter mit dem Bericht, danke für eure Geduld...

3. Tag: Cabana Padina – Leaota Kamm (Vf. Duda Mare) (ca. 5 Gehstunden)

[IMG-L]http://img29.imageshack.us/img29/1649/karpaten23k.jpg[/IMG-L]Nach einer frischen wie gleichsam er-frischenden Nacht stiefelten wir früh um 7 voller Tatendrang in den Speisesaal – nur um festzustellen, dass die Küche erst ab 9 Uhr besetzt ist. Nun gut, da wir nicht auf leckere Omeletts verzichten wollten warteten wir eben. Um kurz vor zehn standen wir dann endlich auf der Piste und folgten den detaillierten Beschreibungen unseres Wanderführers Uli. Der Pfad war tatsächlich gut zu finden und einige Markierungen gab es auch. Die Sonne lachte und es lief sich fast wie von selbst.
[IMG-R]http://img29.imageshack.us/img29/9504/karpaten24k.jpg[/IMG-R]Auf der ersten Anhöhe erwartete uns die erste große Hundeprobe: hier standen ein paar Hirtenhütten und die wachsamen Hunde hatten uns schon von weitem gewittert und schlugen Alarm. Wir hatten vorab schon so einiges von diesen Hirtenhunden gehört, z.B. dass sie in den Karpaten faktisch eine viel größere Gefahr als die Bären darstellten. Daher standen wir zunächst etwas unschlüssig herum, zumal der Weg direkt durch das Hunderevier zu führen schien. Unsere Geduld (oder Feigheit?) wurde schließlich belohnt: Rettung nahte in Form der israelischen Reisegruppe, die wir schon am Vortag an der Seilbahn getroffen hatten. Zusammen mit einem rumänischen Guide wanderten sie ebenfalls mehrere Tage durch die Karpaten. Unsere erste Begegnung mit anderen Langstrecken-Wanderern! Die Israelis ließen sich dann auch nicht so leicht einschüchtern wie wir und gut geschützt erklommen wir einen weiteren Sattel, den höchsten Punkt unserer heutigen Etappe. Im Sattel stand eine kleine Salvamont-Schutzhütte (das ist der hiesige Bergrettungsverein) und uns erwartete ein gigantischer Ausblick auf die nördliche Vorgebirgs-Ebene und unsere weiteren Etappen. Nördlich von uns erhob sich der Königstein ganz unschuldig wie ein Walfischrücken aus der Ebene und in der Ferne konnten wir schon das Fogarasch-Gebirge ausmachen. Ein erhebendes Gefühl, zu wissen, dass wir das alles zu Fuß erobern würden!
Soweit wollten die Israelis aber nicht und so trennten sich unsere Wege an dieser wichtigen Weggabelung. Die Israelis stiegen von hier aus ins Tal hinab und nach einer kurzen Müsliriegel-Stärkung brachen auch wir wieder auf - und verloren prompt unsere Markierung. Die gut markierten Wege führten alle ins nördliche Vorland. Wir dagegen würden das Bucegi-Gebirge nun verlassen und das Leaota-Massiv betreten. Da auf dieser Route mangels Hütten kaum einer wandert, werden die Strecken nicht mehr markiert und man muss sich den Weg selbst suchen. Das ist aber (zumindest bei gutem Wetter) nicht sehr schwer, da die Berge eher runden Grashügeln gleichen und man gut auf Sicht einfach dem Kamm folgen kann. Außerdem wird der Wege zum Teil auch von den Hirten genutzt und ist an manchen Stellen dementsprechend ausgetreten.
[IMG-L]http://img194.imageshack.us/img194/3443/karpaten25k.jpg[/IMG-L]Auch wir stießen nach unserer kurzen Querfeldein-Odyssee bald wieder auf den Weg und damit auch auf unsere erste Schafherde. Sobald uns die Hunde entdeckt hatten, rasten sie bellend und geifernd auf uns zu. Zweite Hundeprobe. Diesmal musste es wohl ohne Israelis klappen. Zwar hatte der Hirte die Situation erkannt und schrie auch wie am Spieß, aber das schien die Viecher nicht sonderlich zu stören. Wir hielten uns an den Ratschlag, sie einfach zu ignorieren (auch wenn es zugegebenermaßen schwerfällt) und marschierten so souverän wie möglich einmal quer durch die Schafherde. Und das half tatsächlich: zwar sprangen die Hunde wild bellend und Zähne fletschend um uns rum, ließen dann aber auch schnell wieder ab sobald wir die imaginäre Demarkationslinie überschritten hatten. Mit Stolz geschwellter Brust marschierten wir anschließend den hier sehr breiten Kammweg entlang. Da wir uns nun (fast) an die Hunde gewöhnt hatten, durchquerten wir die nächsten paar Schafherden ohne großen Zeitverlust und konnten sogar ein paar unserer Zigaretten an den Mann bzw. an den Schäfer bringen. Bei diesen Gelegenheiten bedauerten wir jedoch sehr, nicht rumänisch zu sprechen, um uns ein wenig mit ihnen zu unterhalten. Es waren allesamt sehr herzliche Menschen.
Der Weg führte weiterhin direkt auf dem Kamm entlang und wir überquerten unzählige kleine Hügel, was unzählige kleine und anstrengende Auf- und Abstiege bedeutete. Wir kamen jedoch erstaunlich gut voran, nur Wasser gab es tatsächlich recht wenig. Zwar plätscherten unter uns viele kleine Bäche, aber erstens müsste man weit absteigen und zweitens waren die Quellen wegen der vielen Schafe ziemlich verunreinigt. Ohne die vorzüglichen Beschreibungen von Uli hätten wir die wenigen kleine Quellen in der Nähe des Weges vermutlich nicht gefunden.
[IMG-R]http://img199.imageshack.us/img199/8412/karpaten29k.jpg[/IMG-R]Wir entspannten uns zunehmend und gaben uns den herrlichen Ausblicken nach Norden und Süden hin. So eine Kammwanderung hat schon was Tolles! Etliche kleine Hügel später und im schönsten Abend-Sonnenschein erreichten wir schließlich unseren Übernachtungshügel. Wir verbrachten eine Ewigkeit mit der Suche nach einem einigermaßen windgeschützten, ebenen, geraden und nicht zu sehr mit Schafkütteln übersäten Zeltplatz. Letzteres ist hier wegen der Masse an Schafen fast unmöglich. Schließlich fanden wir eine kleine Stelle, die gerade eben groß genug für unser Zelt war. Dass wir dabei offenbar mitten auf dem „Weg“ lagerten, merkten wir erst, als abends ein Typ mit seinem Pferd einmal quer durch unser Lager schlurfte.
Nach der Katzenwäsche an einer Quelle und einem etwas mühsamen Wasserschöpfen kochten wir unser erstes Abendmahl – Nudeln mit Tomatensuppe. Sehr lecker! Leider hatte uns der Reiter seine ganzen Fliegen dagelassen, so dass wir nur mit diversen Verrenkungen und Armfuchteleien den Nudelhappen auch ohne Fliege darauf zum Mund führen konnten.
Erschöpft vom Tag und der Fliegenschlacht berauschten wir uns noch ein wenig am herrlichen Ausblick. Wir mussten jedoch prompt ins Zelt flüchten, kaum dass die Sonne weg war. Mein Gott, war das kalt hier oben!

peter-hoehle
24.10.2009, 14:37
Sehr schöner Anfang.
Bitte weiter schreiben und Bilder nicht vergessen.
:popcorn: :popcorn: :popcorn:

Gruß Peter

Schmetterling
24.10.2009, 14:52
4. Tag Leaota-Kamm – Podu Dambovitei (ca. 9 Stunden)

Heute würden wir die luftigen Höhen der Karpaten erst einmal wieder verlassen und ins nördliche Vorland absteigen. Von dort aus würden wir dann in den nächsten Tagen den Königstein und das Fogarasch-Massiv in Angriff zu nehmen.

[IMG-R]http://img5.imageshack.us/img5/1521/cimg0074kl.jpg[/IMG-R]Wie es die Abendkühle bereits angedeutet hatte, sank die Nachttemperatur auf ein recht „kuscheliges“ Niveau. Es fiel uns daher ziemlich schwer, die Schlafsäcke zu verlassen um den langen Abstieg anzugehen. Irgendwann krochen wir doch noch nach draußen, verspeisten unsere erste abgepackte Müsli-Ration und huldigten schließlich ausgiebig die warme Sonne, deren Strahlen uns kurz vor dem Aufbruch doch noch erwischten. Der Weg führte weiter auf dem Kamm entlang und damit über gefühlte tausend kleine Hügel. Aber da die Aussicht nach Norden und Süden so gigantisch war, merkten wir das ständige Auf und Ab kaum. Ein paar Hügel, Schafherden und geifernde Hundemeuten später sollten wir bei der „Curmătura Fiarelor“ einer blauen Markierung in Richtung Norden folgen und vom Kamm in die Vorebene absteigen. Leider hatte unsere Wanderkarte gerade an dieser Stelle eine dämliche Infobox, so dass wir nicht wussten, wo genau die blaue Markierung abzweigen würde. Und anders als noch gestern hatte es heute auch überhaupt noch gar keine Wegmarkierung geben, egal in welcher Farbe. Auch das GPS war hier nur von beschränkter Hilfe.


[IMG-L]http://img5.imageshack.us/img5/7003/karpaten26a.jpg[/IMG-L]Nach mehreren Schlenkern und Ratespielen landeten wir auf irgendeiner anderen Markierung, die uns laut Karte einen riesigen Umweg bescheren würde. Aber wir dachten uns, lieber einen Umweg machen als den Weg überhaupt nicht zu finden. So stiegen wir durch einen schönen Nadelwald ca. 1000 Höhenmeter ab, pflückten uns unterwegs ein paar Blaubeeren und kamen schließlich am Fuß der Berge in einem kleinen Dorf an. Auf den Wiesen waren die Familien wie zu alten Zeiten mit Heuwenden beschäftigt und alte Männer versuchten interessiert, ein Gespräch mit uns anzufangen. Wir konnten uns sogar nützlich machen, indem wir einen Gaul einfingen, der aus seiner Koppel ausgebüchst war. Die Wegmarkierung war da schon längst wieder verschwunden und so bedurfte es noch ein paar gestenreicher „Unterhaltungen“ bis wir schließlich den Fluss fanden, den wir bis zu unserem Tagesziel folgen sollten. Da nun alles klar schien, machten wir – es war mittlerweile schon 3 Uhr Nachmittags, erstmal Mittagspause.
Kurz vor dem Aufbruch kamen wir dann doch nochmals auf die Idee, die Karte etwas genauer anzusehen. Uns wurde bald klar, dass wir noch gute vier Stunden Gehzeit vor uns haben würden, was angesichts der fortgeschrittenen Stunde keine tolle Aussicht war. Es war heiß hier unten im Tal und der lange Abstieg hatte mich ganz schön geschlaucht. Gegen halb vier brachen wir auf und folgten etwas unmotiviert dem Fluss. Als sich der Weg in ein schlammiges Flussbett verwandelte, das von Holzfuhrwerken völlig aufgewühlt war, sank meine Lust noch mehr. Das nächste Dorf konnte ich im halben Hitze-Delirium gar nicht mehr richtig genießen, obwohl die kleinen Holzhäuser mit den Heumieten davor einfach idyllisch waren. Der Weg führte immer im enger werdenden Tal entlang und verlief teilweise im Flussbett. Anfangs konnten wir noch am Rand entlang laufen, teilweise mussten wir aber auch im Wasser waten. Ich wurde immer kaputter, die Füße taten weh, mein Kopf pochte, aber wir hatten keine Zeit für eine Pause mehr. Selten kamen wir durch kleine Siedlungen, wo wir nach dem Weg fragten. Unser Ziel wollte einfach nicht näher kommen und das Laufen im Bachbett ging auch nicht wirklich voran.

[IMG-R]http://img5.imageshack.us/img5/3324/karpaten33k.jpg[/IMG-R] Endlich kamen wir auf eine richtige Piste, so dass wir schneller vorwärts kamen. Wir würden allerdings gerade so mit der Dunkelheit ankommen. Uli schrieb, dass in dem Dorf 1997 ein Hotel im Bau war. Wir hofften inständig, dass es inzwischen fertig sein würde… Die Aussicht auf ein Bett und eine Dusche waren - selbst nach nur zwei Tagen Wanderung - sehr verlockend! Wir schleppten uns gerade um eine weitere Kehre, als die Rettung in Form eines Pickups von hinten heranbrauste. Ich streckte reflexartig den Daumen raus und siehe da, er hielt an und wir durften auf die Ladefläche klettern. Mit einem kleinen schlechten Gewissen wegen diesem offensichtlichen Wander-Betrug genossen wir die kurze Fahrt vorbei an netten Häuschen und durch eine enge Schlucht. Die netten Rumänen setzten uns sogar direkt an einer (der inzwischen sehr zahlreichen) Pensionen ab. Unser Gönner ließ es sich dann auch nicht nehmen, seinen „Fahrgästen“ auch noch einen guten Preis beim Pensionsbesitzer auszuhandeln. Es war zwar kein nettes Holzhäuschen sondern ein eher schmuckloser Betonklotz, aber Balkon und warme Dusche waren im Moment eh das wichtigste. Und nach einer umfassenden Säuberungsaktion fraßen wir uns einmal quer durch die Speisekarte des Pension-Restaurants. Trotz der kleinen Weichei-Aktion mit dem Pickup hielten wir es für angebracht mit einer Flasche echt rumänischen Weins auf unsere erste Etappe anzustoßen.

Schmetterling
24.10.2009, 15:09
Weil ich im Text nicht so viele Bilder unterbekomme, gibts jetzt hier noch ein paar extra mit Kommentaren.
Dummerweise sind Andreas' Bilder von den Anfangstagen von meinem Rechner verschwunden. Ich lade einfach nächste Woche noch ein paar hoch.


http://img188.imageshack.us/img188/4329/cimg0077k.jpg
Die kleinen Punkte am Hang ist schon die nächste Hundemeute...


http://img26.imageshack.us/img26/9614/karpaten27k.jpg
Nichmal in Ruhe essen kann man, ohne dass man angebettelt wird



Und noch ein bisschen Landeskunde:


http://img18.imageshack.us/img18/3740/karpaten36k.jpg
Aufwendig verzierte Regenrinne



http://img18.imageshack.us/img18/1736/karpaten37k.jpg
Auf dem Land wird immer noch sehr schön mit Holz und Schnitzereien gebaut

peter-hoehle
24.10.2009, 15:28
sehr schön.weiter so :popcorn: :bg:

Gruß Peter

Gassan
24.10.2009, 16:46
Schön mal zu sehen, dass Leute sich für meine Berge interessieren.

Reisebreicht ist sehr fein geschrieben und ich erkenne das meiste wieder.

weiter so. freu mich auf den nächsten Teil :)

Das einzige was ich euch raten würde. Geht nächstes mal wenn ihr das Bucegimassiv von Busteni aus in Angriff nehmt, zu Fuß hoch. Es lohnt sich wirklich. Der Aufstieg auf Caraiman ist wirklich sehr schön und innerhalb von ca. 5 Stunden in lockerem Tempo ohne Problem zu schaffen

Schmetterling
01.11.2009, 18:11
So, da sind wir wieder!
Da wir unter der Woche gerade viel Stress haben, dauert es leider ein bissel länger mit den Berichten...
Gassa, schön einen Experten mit an Bord zu haben! Das mit dem Aufstieg haben wir uns auch gedacht, als wir so mit der Gondel nach oben schwebten. Leider hatten wir nicht damit gerechnet und waren dadurch sehr spät unterwegs an dem Tag. Beim nächsten Mal kneifen wir sicher nicht mehr!

Schmetterling
01.11.2009, 18:25
Jetzt aber weiter mit den Berichten. Die nächsten beiden Tage werden leider etwas textlastig...



5. Tag Bran
Wir wollten auf unserer Reise auch der Kultur etwas Zeit einräumen und planten einen Ausflug nach Bran ein, wo das angebliche Dracula-Schloss stand. Natürlich hatten wir es verbummelt, uns gleich am Abend vorher nach dem Bus zu erkundigen und so warteten wir nach einer ausgedehnten Wasch- und Frühstücksaktion ewig an der Straße, bis uns ein so genanntes Maxi-Taxi mitnahm, ein Kleinbus. Mit dem überraschend komfortablen Bus überquerten wir einen der wichtigsten Karpatenpässe nach Norden, genossen die wahnsinnig schöne Aussicht auf die kleinen Dörfer, auf die Berge und – und auf unsere künftigen Touretappen. In Bran erwartete uns dann der totale Touri-Nepp. Das Schlösschen hatte natürlich in Wahrheit so gut wie gar nix mit Dracula zu tun, sondern diente vielmehr als Abwehr gegen die Türken, die eben diesen Pass alle paar Jahre überquerten, um die Dörfer in Siebenbürgen zu plündern und niederzubrennen. Zuletzt diente Schloss Bran aber als Sommerresidenz für Maria, der rumänischen Königin. Zu ihrer Zeit wurde der Bau zu einem sehr romantischen Sommer-Schlösschen umgebaut und heute halten die alten Mauern kaum noch den Besuchermassen stand. Wir wurden aber relativ gut durch alle Räume geleitet, die mit sehr gut aufbereiteten Informationen über die gesamte Königsfamilie ausgestattet waren. Nachdem wir erfolgreich durch die kleinen Gänge, über enge Wendeltreppen und verschachtelte Zimmer geschoben worden waren und auch einen Gang über den riesigen Souvenier- und Dracula-Kitsch-Markt hinter uns gebracht hatten, leisteten wir uns noch zwei Madonnen-Amulette bei einer alten Frau. Ein wenig Hilfe von oben würde uns sicher nicht schaden…
Zum Abschluss enterten wir dann den „Wolf-Supermarkt“. Andreas hatte Bran aus seinem letzten Besuch von vor zehn Jahren als kleines Kaff ohne jede Attraktionen in Erinnerung und war dementsprechend skeptisch gewesen, ob wir hier unsere Lebensmittelvorräte würden auffüllen können. Doch das hatte sich zum Glück geändert und heute sprudelte das kleine Dorf über mit Touristen und all dem dazu gehörigen Kitsch. Wir konnten unsere gesamten Lebensmittel-Wünsche befriedigen und damit die Rucksäcke endlich auf das eigentliche Startgewicht bringen. Unsere Einkaufsliste war so kalkuliert, dass die Nahrungsmittel nun für die nächsten 6-7 Etappen reichen würden, bis wir die Hälfte des Kammweges hinter uns gebracht hatten.
Abends gönnten wir uns ein letztes fulminantes Mahl in unserer Pension, um Kraft für den morgigen Tag zu sammeln – der Überquerung des Königsteins.


http://img4.imageshack.us/img4/7957/img2608ku.jpg
Das Schlösschen Bran mit riesigem Touri-Markt



http://img5.imageshack.us/img5/6565/img2609k.jpg
Der arme Dracula wird ganz schön ausgeschlachtet hier...


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Andi's letztes Eis - wer weiß, wann das nächste kommt.



6. Tag Brasov
Heute wollten wir den Königstein in Angriff nehmen und hatten hierzu den Wecker extra auf 6 Uhr früh gestellt. Aber bevor es losgehen konnte, stand uns noch ein banger Moment bevor: wir mussten einmal kräftig an Andis Schuhsohle zerren… Aber der Reihe nach: die Sohlen gaben schon seit zwei Tagen Anlass zur Sorge, da sich der Gummirand an der Seite Millimeter um Millimeter vom Leder löste. Die Meindls hatten zwar schon vor der Abreise diesbezüglich ein paar wage Andeutungen gemacht, aber wir hatten das Problem recht bald wieder aus den Augen verloren bzw. es gar nicht erst als ein solches erkannt. Um für den „worst case“ gewappnet zu sein, hatte Andi kurz vor der Abreise dann doch nochmals in diversen Foren recherchiert und daraufhin eine Tube Sekundenkleber eingepackt. Gestern Abend konnten wir dann die Angelegenheit nicht mehr schönreden und leimten den mittlerweile klaffenden Spalt in Andis Meindls mit einer Schicht Alleskleber. Und nun war es soweit: wir würden die Zivilisation für die nächsten 10 Tage verlassen, genossen noch einmal die schöne Dusche, entspannten uns noch einmal auf dem schönen WC, schnürten die Schuhe, pro forma erfolgte besagter Testgriff zur Sohle – und das Drama war perfekt! Der Sekundenkleber-Tipp war irgendwie Mist, die Sohle ließ sich ganz leicht abziehen. So konnte man vielleicht noch einen Königsstein überwinden, aber so schnell, wie sich das Gummi in den letzten Tagen gelöst hatte, würden sie auf dem Fogarasch-Kammweg definitiv den Geist aufgeben. Dies war eindeutig ein Notfall, der nach professioneller Hilfe verlangte: ein original rumänischer Schuster musste her! Noch waren wir nahe an Brasov, in den Bergen würde uns so etwas noch viel mehr Zeit kosten... Die Entscheidung war also gefallen: wir mussten noch einen Ruhetag opfern!

Per Auto-Stopp ging’s zurück nach Brasov. Bei der Touristeninfo erkundigten wir uns nach den ortsansässigen Fachmann für Schuhfragen und standen mit einer selbst gezeichneten Strassenkarte kurze Zeit später in einer kleinen Seitengasse vor einem Schusterladen. Das Ladeninnere war vollgestopft mit Schuhen jeglicher couleur und jeden Alters. Und zwischen all dem Leder und noch viel mehr Plastik, saß er, der Schuster! Und was für ein Schuster - wie aus dem Bilderbuch: weißer Bart, speckige Schürze, Kippe im Mundwinkel, Hammer in der Hand und fachkundige Augen hinter Flaschenboden-Brillengläsern: dieser Mann war ganz offensichtlich eine Instanz in Sachen Schuhe; wenn einer den Meindls auf die Schnelle helfen konnte, dann er. Mit eindeutigen Gesten demonstrierte Andi ihm das Maleur. Hoffnung keimte in uns auf, als er murmelnd die Sohlen inspizierte; dann sah er uns prüfend an, schniefte kurz, und meinte dann verächtlich „Degradatia!“ Das Wort verstanden wir auch ohne Sprachführer. Die Show war gelaufen, der Meindl war beim Fachmann mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Das war’s! Weiteres Jammern war im Übrigen zwecklos, denn wir waren an einen waschechten Rumänen geraten waren: Deutsch, Englisch, Russisch, Spanisch – wir versuchten alles, womit wir bislang in Rumänien Erfolg hatten, aber in diesem Schuster hatten wir unseren Meister gefunden. Es blieb dabei: „Degradatia, degradatia!“
An dieser Stelle sei nochmals kurz daran erinnert, dass wir uns ja gewisse Sorgen über den Versorgungsgrad in der Karpatengegend gemacht hatten. Aber was nun folgte, war Europäische Union in Reinform: keine 10 Minuten nach dem niederschmetternden Urteil des Schusters fanden wir uns nämlich im „Expert Outdoor“ Shop wieder, seines Zeichens Meindl-Vertragshändler! Das Touristenbüro hatte uns noch die Adresse mit auf den Weg gegeben. Wir hatten uns nicht viel Hoffnungen gemacht, aber nun standen wir Primus-Kochern, Gaskartuschen, Millet-Kleidung, Kletterausrüstung und eben Meindl-Schuhen gegenüber! An der Beratung könnte man zwar noch ein bisschen feilen, aber egal: die Wahl fiel schnell auf ein nagelneues Paar Meindl-Engadin. Der habe sogar „Memory Foam“, sagte die Verkäuferin nicht ohne Stolz. Andreas fragte sie, was das sei, woraufhin die Verkäuferin mit Inbrunst die englische Beschreibung auf der Meindl-Packung vorlas. Aha, dann war ja alles klar.
Der Rest vom Tag war dann rasch beendet: mit den neuen Schuhen an den Füssen ging´s auf die Post, wo wir in perfektem Englisch alles Wissenswerte über den Paketversand nach Deutschland erfuhren. Die alten Meindl Island machten sie also alleine auf den weiten Rückweg nach Deutschland, wir tranken uns noch ein letztes Mal quer durch die Kaffee-Karte eines netten Cafes, nahmen ein Maxi-Taxi zurück nach Podu Dambovitei und morgen würde es also endlich los gehen. In diese Nacht träumte Andreas vom Schuhe-Einlaufen und ich dachte an all die Situationen, in denen ich mich kopfschüttelnd über Leute lustig gemacht hatte, die mit nagelneuen Schuhen eine große Tour absolvierten und sich die Füße wund liefen. Nun würde er auch dazu gehören.
Übrigens fragten wir auch im „Expert Outdoor“ Store wieder nach der Versorgung mit Lebensmitteln, insbesondere ab dem Balea-See, der „Halbzeit“ des Kammweges. Wir hatten den See fest in unsere Lebensmittelplanung mit aufgenommen. Da die Dame den Weg nach eigener Aussage x-Mal pro Jahr wandert, maßen wir ihren Angaben ein gewisses Gewicht bei. In diesem Fall betraf dies die folgende Aussage: am Balea-See gibt es nix zu kaufen. Es gäbe zwar die Passstraße, dazu Hotels und Touris, aber anscheinend keine Chance, irgendjemandem irgendetwas Essbares abzukaufen: die Hirten bräuchten ihren Käse selber… Wie sich später herausstellen sollte, muss die gute Frau den Balea-See stets bei Nebel oder Schneetreiben mit Sichtweiten unter 3 m passiert haben oder high gewesen sein. Aber dazu später mehr… Uns blieb erstmal zu hoffen, dass es uns doch gelingen würde, was Essbares aufzutreiben. Wir beschlossen sicherheitshalber mal, mit etwas weniger Essen auszukommen.

Schmetterling
06.11.2009, 22:17
7. Tag Podu Dambovitei – Plaul Foii (13 Stunden)

Um von Podu Dambovitei zum Fogarasch-Massiv zu kommen, muss man einmal den Walrücken des Königstein queren. Dabei gibt es mehrere Pässe – man kann aber auch außenrum gehen. Wir sind ja keine Weicheier, entschieden uns aber für den niedrigeren Pass und damit den kürzeren Weg. Ein Glück! In dem Glauben, dass wir es laut Uli mit einem gut machbaren 7 Std. Tag zu tun haben würden, waren wir morgens erst um acht auf der Piste. Die letzten drei Wander-Etappen bis nach Podu Dambovitei waren für uns zum Aufwärmen gewesen – ab heute würde es in die richtig hohen Berge gehen. Unsere Rucksäcke waren gut gefüllt, um die nächsten Tage bis zum Transfogarasch-Pass zu kommen, der Halbzeit der Kammwanderung.
Zum Glück ahnten wir nicht, welche Quälerei uns heute erwarten würde und so nahmen wir die ersten 10 km auf einer Piste gut gelaunt in Angriff. Wir kamen zügig voran, es ging durch eine nette Schlucht und einem kleinen Dörfchen mit wunderschön verzierten Holzhäuschen. Wir philosophierten über die Tatsache, dass die Leute hier auch während Sowjetzeiten solche netten Häuser gebaut hatten, während in Ostdeutschland alles in einem Einheitsgrau gestrichen wurde. Nach 2 Std. erreichten wir unsere erste Zwischenstation – Rudaritsa. Ein nettes Tal mit den üblichen Wild-Campern sowie einer Cabana, wo wir erstmal eine Cola tranken und unsere Wasservorräte auftankten. Von hier aus würde es 3 Std. lang knapp 1000m nach oben auf den Kamm des Königsteins gehen. Wir bogen auf den kleinen Wanderpfad und ächzten die ersten Höhenmeter senkrecht nach oben. Rumänen kennen keine Serpentinen. Wir stöhnten und schwitzten unter unserem Gepäck, aber es ging dann doch erstaunlich gut. Langsam, aber kontinuierlich kämpften wir uns hoch und waren sehr froh über unsere Trekkingstöcke, die doch einen guten Teil des Gewichts abnahmen. Da es durch eine netten Buchenwald ging, war es glücklicherweise nicht ganz so heiß. Nach einer guten Stunde erreichten wir eine erste kleine Anhöhe mit einigen Sennhütten. Vor uns ragte der steile Kamm des Königstein auf. Da sollten wir hoch. Zunächst verließ uns aber unser Führer. Die Beschreibung war etwas wirr und wir konnten die Abzweigung unseres Weges hinauf auf den Pass nicht finden. Am Himmel drohten schon einige Gewitterwolken, da wir aber noch nicht wussten, was ein Gewitter in den Bergen bedeuten kann, machten wir uns keine Sorgen und suchten weiter nach dem Weg. Mit Hilfe von Andreas gutem Gespür und nach einigen unbequemen Metern querfeldein fanden wir ihn dann schließlich. Er war ausgezeichnet markiert. Wir machten uns an den endgültigen Anstieg nach oben. Erst durch den Wald und dann im Stich über Grasmatten (Rumänen kennen ja keine Serpentinen). Wir kämpften uns tapfer nach oben, in freudiger Erwartung auf ein ausgedehntes Mittagessen auf dem Grat. Hinter uns hatten wir eine grandiose Aussicht auf sanfte Hügel und den dort niederrauschenden Regen. Obwohl die Wolken links und rechts von uns immer dunkler wurden, blieben wir wunderbarerweise verschont. Mit der letzten Kraft erreichten wir endlich den Kamm, nach bisher ca. 5 Gehstunden. Nach unseren Berechnungen sollten es von hier aus noch lockere 2 Stunden bis zur Hütte sein. Dementsprechend entsetzt waren, als der Weg auf einem der seltenen Schilder mit 4,5 – 5,5 Std. angegeben war. Es war schon halb drei und wir waren ziemlich kaputt vom Anstieg. Nennenswerte Pausen hatten wir bisher auch nicht gemacht. Vor lauter Schreck konnten wir nicht einmal den tollen Ausblick genießen. Aber Jammern hilft nix, wenn man mitten auf einem Gebirgskamm steht. Wir verkürzten unsere Mittagspause auf eine halbe Stunde, mümmelten ein paar Müsliriegel und machten uns an den Abstieg. Wenn wir ohne große Pausen weiterlaufen würden, müssten wir es vor Einbruch der Dunkelheit schaffen… Und das mit den noch vollen Rucksäcken!
Langsam machten wir uns an den doch sehr furchterregend wirkenden Abstieg senkrecht nach unten. Runtergehen ist mit diesem Gepäck noch sehr viel schlimmer als hoch. Der Weg wurde so steil, dass wir kraxeln mussten. Teilweise musste Andreas ohne Rucksack nach vorne klettern, um mir die Tritte zu zeigen, da ich nichts sah. Unsere Stecken behinderten uns ständig, aber wir wollten sie nicht wegstecken, da wir sie zwischendurch immer wieder brauchten. Auf dem letzten Wegstück nach unten wurde es dank loser Erde und kleiner Steine so rutschig, dass wir trotz vieler Latschen zum Festhalten die Hälfte auf dem Hosenboden zurück legten. Kurz, es war eine Schinderei, besonders mit dem Gepäck. Nach gefühlten Stunden kamen wir endlich an die Stelle, von wo aus der Weg erstmal Höhenlinien parallel an der Wand entlang führte. Dort gab es wieder ein Schild, das immer noch 4,5 Stunden angab. Wir fluchten, inzwischen war es schon nach vier und die Kletterei hatte viel Kraft gekostet. Wir schleppten uns weiter. Der Höhenlinien parallele Weg ging hoch und runter. Jedes Mal, wenn es nach oben ging, sackten meine Beine fast unter mir weg. Immer häufiger stolperte ich über meine Füße. Die Felswand, an deren Fuß wir entlang gingen war imposant, wir konnten den Anblick allerdings nicht mehr richtig würdigen. Nach einer halben Ewigkeit kamen wir an eine erste Abzweigung nach unten. Vor uns türmten sich nun richtig schwarze Wolken auf. Nachdem wir feststellten, dass sie schnell näher kamen, beschlossen wir, hier abzusteigen und damit den längeren Weg bis zur Hütte in Kauf zu nehmen. Ein Gewitter direkt unterhalb der Wand wäre lebensgefährlich und so konnten wir wenigstens im Wald weiter gehen. Wir eilten nach unten, während die Wolken heranrasten. Wir erreichten gerade so den Wald und hatten uns die Ponchos über gezogen, als auch schon die Welt unterging. Hagel, Donner und Blitze – das Gewitter war direkt über uns und es krachte ohrenbetäubend. Mein erstes Gewitter in den Bergen und mein erstes, das tatsächlich direkt über mir war. Ich fand es sehr beängstigend und war froh, im Wald einigermaßen vor den Blitzen geschützt zu sein. Im nunmehr strömenden Regen hasteten und rutschten wir nach unten. Es schüttete fast 2 Stunden lang. Teilweise war der Weg von umgefallenen Bäumen versperrt – ein Sturm hatte den halben Wald umgelegt und bescherte uns einige Kletterei. Unsere Schuhe schwammen und wir waren bald völlig mit Schlamm eingedeckt. Wenigstens war der Weg gut markiert und wir mussten uns darüber schon keine Sorgen machen. Schließlich hörte es auf zu regnen und wir gönnten uns an einer Quelle 5 min Pause. Die letzten Stunden bis zur Hütte waren die reinste Qual. Es ging kontinuierlich bergab – insgesamt wieder 1000 Höhenmeter nach dem Pass. Allmählich wurde es dämmrig. Unsere Füße taten einfach nur noch unglaublich weh. Ich war kurz davor, mich einfach hinzusetzen und zu streiken. Meine Zehen fielen fast ab vor Schmerz und die Knie waren nur noch Butter. Ich konnte mich nur noch durch die Stücke aufrecht halten. Irgendwie ging es doch noch immer weiter – es ist unglaublich, was man alles kann, wenn man muss. Noch einer Unendlichkeit und mit dem letzten Tageslicht erreichten wir das Tal und die Forststraße. Alles war bevölkert von Campern, die sich nach dem Regen wieder aus den Zelten wagten und uns begeistert grüßten. Wir schleppten uns mit letzter Kraft zur Hütte und stellten fest, dass es eher ein Hotel war. Drinnen High Life und die Hiobs-Botschaft, dass sie ausgebucht seien. Am liebsten hätte ich mich vor die Theke geworfen und geheult. Ich hatte keine Lust auf Campen, auf eine harte Matratze und keinen Platz für unsere durchweichte Kleidung. Die Rettung nahte in Form eines jungen Rumänens, der uns zu einem Bekannten begleitete, der sein Haus voller Matratzenlager hatte. Ein Paradies! Wir sauten das ganze Zimmer mit unseren nassen und völlig verschlammten Klamotten ein, bekamen gerade noch so etwas zu essen und fielen todmüde ins Bett. Wir verfluchten unseren Führer, das Gebirge und den ganzen Urlaub. Vielleicht hätte aber auch ein kritischer Blick auf die Landkarte geholfen. Ein bisschen stolz waren wir aber auch. 13 Stunden ohne nennenswerte Pausen sind schon eine ganz nette Leistung. Der Kammweg, von dem alle behaupten, er sei anstrengend, konnte nur noch ein Klacks dagegen sein.



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Eine nette Schlucht für den Start


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PET-Flaschen-Sammelstelle


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Die allgegenwärtigen Camper


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Kleine gymnastische Übung, bevor es auf den Königstein geht


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Der Walrücken des Königsteins - da müssen wir drüber


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Der Blick zurück


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Die nächsten Gewitterwolken sind im Anmarsch


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Die andere Seite des Königsteins


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Scheiß Kraxelei mit Rucksack


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Das hätten wir schonmal überlebt


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Zum Glück sind wir da rechtzeitig vor dem Gewitter weggekommen...


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Der Königstein von hinten



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Irgendwo war da wohl mal ein Weg

Schmetterling
06.11.2009, 22:27
8. Tag Plaul Foii – Rudaritsa (2 Std.)

Nichts geht mehr, alles schmerzt. Wir konnten heute unmöglich weiter gehen, zumal die Etappe mit 9 Std. angegeben war und uns der Aufstieg auf den Fogarasch-Kamm bevorstand. Wir schliefen aus, nahmen eine kalte Dusche und frühstückten bis nachmittags. Gestern hatten wir am Feuer vor unserer Unterkunft schon einen urigen Rumänen kennen gelernt, der nach Australien geflohen war. Also inzwischen ein Australier mit rumänischer Abstammung. Er hatte auch vor, über den Fogarasch zu gehen, allerdings erst am nächsten Tag. Er machte ganz den Eindruck eines Profis – wallende Mähne, stechender Blick und ein riesiger Dolch an der Hüfte. Zudem hatte er auch das Hubba Hubba-Zelt, was ihn mir gleich sympathisch machte. Wir hätten uns gerne seiner Erfahrung anvertraut, zumal uns das Fogarasch einen ziemlichen Respekt einflößte. Wir wussten nicht, wie schwierig der Weg werden würde (alle dürftigen Infos sprachen von „sehr anstrengend und schlimm für die Knie“), ob es überhaupt genug Wasser gab (jemand sagte uns, dass alle Quellen nur temporär waren), ob wir es finden würden, usw. Wir hatten uns jedoch entschlossen, heute gegen Abend noch die nächsten zehn Kilometer auf der Forststraße bis nach Rudaritsa - einer Forststation – zu gehen und uns damit den nächsten Tag etwas zu verkürzen.
Gut gestärkt und mit den Bestandteilen einer Schlachtplatte, einer zusätzlichen Packung Nüsse sowie einer Flasche Honig – alles Geschenke von unserem Hüttenwirt – zogen wir am späten Nachmittag los. Der Königstein zeigte sich ganz widerwärtig unschuldig im schönsten Sonnenschein. Die Forstraße verlief ziemlich eben immer entlang eines Baches. Ich hasse Forststraßen, mir wird hier nach wenigen Minuten todlangweilig und außerdem war ich doch noch sehr ausgelaugt von gestern. Aber irgendwann hatten wir es geschafft und wir konnten unser Zeltchen im Vorgarten der Forststation aufbauen.
Wir hatten uns nach einigen Diskussionen mit dem australischen Rumänen darauf geeinigt, die Lebensmittel trotz der Bärengefahr hier im Wald im Zelt zu lassen. Wir hatten Angst, dass sie uns sonst von den Hirten oder Forstarbeitern geklaut werden würden. Zwei Tage später erfuhren wir, dass während der Nacht wohl tatsächlich ein Bär an der Forststation gesehen wurde…



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Ruuuuuhetag!


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Jaja, jetzt tut er so unschuldig...


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Unser Nachtlager

Schmetterling
08.11.2009, 15:43
9. Tag Rudaritsa – Berivoiu Mare (6 Std.)

Gegen neun Uhr standen wir ausgeruht und voller Tatendrang auf der Piste. Der erste Abschnitt folgte einem Seitental auf bequemer Forststraße. Aber irgendwann endete die Schonfrist und wir bogen auf das rote Band ein, der Markierung, die uns nun über den gesamten Kamm begleiten sollte. Ein kleiner Trampelpfad – gekennzeichnet durch ein paar uralte und kaum noch lesbare Schilder – bog nach links ab und führte steil nach oben. Mehr oder weniger senkrecht, ohne Serpentinen. Die rumänischen Wanderfreunde sind da weniger zimperlich als wir verweichlichten Mitteleuropäer. Laut Uli „verlangt der Aufstieg von Wanderern mit Gepäck alles ab“. Das hatte uns doch etwas Sorge bereit, aber am Ende war’s gar nicht so schlimm. Immer schön langsam und gleichmäßig ging es durch einen wunderschönen Buchenwald schön schattig nach oben. Bald erreichten wir Nadelwald und einen ersten Seitenkamm, dem wir nach einer kleinen Müsliriegel-Pause immer höher folgten. Es ging zwar die meiste Zeit durch den Wald, die Sonne heizte aber trotzdem schon ziemlich stark. Wir überquerten einige kleinere Gipfel, was jedes Mal wieder einen kleinen Abstieg bedeutete. Schließlich erreichten wir ziemlich durchgeschwitzt die obere Waldgrenze und genossen eine Weile die fantastische Aussicht auf die Welt unter uns. Ein Stück weiter wies uns ein Wegweiser zu einer Quelle. Die erste Quelle des Tages hatte ich leider verpasst, was mir ziemliche Sorge bereitet hatte, da ich nicht sicher war, ob jede Quelle auch Wasser führen würde. Die ausgeschilderte Quelle führte dann zum Glück tatsächlich Wasser (wenn es auch aus einem sehr kleinen Pool quoll) und mit unseren tollen Berghaferln füllten wir unsere Wassersäcke und pumpten auch gleich prophylaktisch unsere Mägen voll.
Weiter ging es immer nach oben über holprige Grasmatten und der Wind wurde nun im offenen Gelände immer stärker. Wir überquerten wieder einige Gipfel mit den bekannten Auf- und Abstiegen und passierten schließlich die 2000m-Grenze. Allmählich türmten sich neben mir die ersten Gewitterwolken auf, was mich sehr beunruhigte. Andreas lies sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen und so machten wir erstmal Mittag und trockneten das Zelt. Allerdings wehte ein ziemlich kühler Wind, so dass wir relativ zügig wieder aufbrachen. Und dann rumpelte es auch schon über uns, was mich augenblicklich in Panik versetzte. Andreas konnte mich jedoch überzeugen, noch weiter zu laufen, so dass wir noch einen weiteren kleinen Gipfel überquerten. Oben stand ein Hirte mit seinen Schafen, was mich wieder beruhigte. Schließlich muss der ja wohl wissen, wann es Zeit wird, von hier oben zu verschwinden. Wir überschritten noch einen weiteren Gipfel und stiegen hinab in den nächsten Sattel. Vor uns wartete nun der letzte Anstieg hinauf zum Berivoiu Mare, auf dessen Hochplateau in 2300m Höhe sich ein Refugio des Salavamont befinden sollte: unser heutiges Tagesziel. Doch über dem Berivoiu Mare türmte sich eine drohende, pechschwarze Wand auf. Der Wind wurde noch einmal stärker und auch von Süden wälzten sich nun schwarze Wolkenmassen heran. Wir beschlossen, dass es diesmal wirklich an der Zeit war, Schutz zu suchen, und zwar möglichst schnell. Das ist gar nicht so einfach bei runden Grashügeln mit sanft eingeschnittenen Tälern. Wir verließen augenblicklich den Kammweg und stolperten über die Grashubbel eilig nach unten und machten an der erstbesten Latschenkiefer halt. Der Wald war inzwischen zu weit unten und damit außer Reichweite für uns. Andreas hatte sich zum Glück vorher noch informiert, was man bei Gewitter tun muss. Während die ersten Tropfen vom schwarzen Himmel fielen packten wir zunächst uns und anschließend unsere Rucksäcke wasserdicht ein, duckten uns unter die Äste der Latschenkiefer und machten es uns so gut es ging gemütlich. Vor uns türmte sich das Gewitter mit bedrohlichem Grollen über einer hohen Felswand. Es grummelte und krachte – tiefe mächtige Töne, die bis tief ins Mark gingen. Einige Blitze zuckten auf. Plötzlich zeigte Andreas entsetzt nach unten ins Seitental und wir sahen, dass das Gewitter sich auch aus dieser Richtung heranwälzte. Die Blitze schlugen unterhalb von uns ins Tal ein. Und plötzlich fühlten wir uns neben unserer Latschenkiefer alles andere als sicher. Wir packten ein letztes Mal allen Mut zusammen, nahmen unser Gepäck und stolperten voller Panik noch weiter nach unten, wo wir von oben bereits eine kleine Erdmulde erspäht hatten. Ich warf meinen Rucksack hinein, kauerte mich darauf und stellte beide Füße dicht nebeneinander auf den Boden. Das hatte mir Andreas noch eingeschärft. Kurze Zeit später rollte sich auch Andreas neben mir auf seinem Rucksack zusammen – er hatte noch rasch unsere Trekkingstöcke einige Zehner-Meter weiter bergabwärts deponiert. Kaum saßen wir, brach um uns die Hölle herein. Blitze zuckten, und nahezu zeitgleich krachte ohrenbetäubend der Donner. Panik ergriff mich und ich hielt mir mit aller Macht Augen und Ohren zu und duckte mich auf meinen Rucksack. Ich wollte nicht sehen, wie nahe die Blitze einschlugen. Es dauerte Ewigkeiten und ich war wie erstarrt.
Nach einer halben Stunde (und gefühlten 5 Stunden) war es endlich überstanden und auch der Regen hatte aufgehört. Wir beschlossen, nicht mehr zum Refugio zu laufen, sondern gleich hier unten zu bleiben. Es gab Quellen und einen netten See, wo wir uns waschen konnten. Nach ewiger Sucherei fanden wir denn auch ein ebenes und kaum verschissenes Plätzchen für unser Zelt. Als wir gerade unser Süppchen kochten, sahen wir zwei Gestalten vom Kammweg zu uns herabwanken. Es war unser australischer Freund – völlig am Ende – mit seinem Kumpel. Unter viel Flucherei bauten sie ihr Zelt auf. Sie waren erst gegen Mittag bei Plaul Foii gestartet, hatten keine richtige Pause gemacht, waren vom Gewitter völlig durchnässt und er hatte die Füße voller Blasen. Im Laufe des Abends beschloss er dann leider, dass er am nächsten Tag wieder umkehren würde. Trotz guter Argumentation unsererseits konnten wir ihn nicht umstimmen. Schade, wir hätten ihn gerne an unserer Seite (oder hinter uns als Sicherheit) gewusst. Da er für seine 10-tägige Tour einen beachtlichen Jägermeistervorrat eingepackt hatte (den er nun ja nicht mehr brauchen würde), verlief der weitere Abend dieses Gewitter-Tages im wahrsten Sinne des Wortes noch feucht-fröhlich, bis uns schließlich gegen 9 Uhr abends die unerträglichen Knitzen ins Zelt jagten.
Im Zelt lasen wir noch einmal Andreas’ Gewitterartikel mit Verhaltensregeln und den möglichen Folgen bei einem Blitzschlag durch. Mannomann! Ich hatte jetzt echt Schiss vor mehr solchen Erlebnissen. Gleichzeitig waren wir auch stolz auf uns: 1500 Höhenmeter geschafft, willkommen Fogarasch!



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Lecker Frühstück


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Fogarasch, wir kommen!


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Der Beginn des roten Bandes


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Da gehts hoch


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An der Waldgrenze


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Zelttrockenmaschine


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Einer der vielen Schäfer


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Gleich kommts Gewitter



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...überstanden...



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Irgendwo da unten war unser Schlafplatz...

Schmetterling
08.11.2009, 15:54
10. Tag Berivoiu Mare – Zarnei Refugio (ca. 4 Std.)

Da ab Mittags die Gewitterwahrscheinlichkeit steigt, wollten wir nach dem gestrigen Erlebnis heute nur die 4 Stunden bis zum Zarnei-Refugio durchlaufen, das wohl neu und sehr nett sein sollte. Ein zweites Draußen-Erlebnis bei Gewitter würde ich nicht überstehen. Trotzdem kamen wir mal wieder später los als geplant und mussten dann auch noch eine gute halbe Stunde aufsteigen, bis wir wieder unseren Kammweg erreicht hatten. Guter Frühsport. Als wir kurz darauf das Refugio auf dem Hochplateau des Berivoiu Mare entdeckten, waren wir doch froh um unser Erdloch von gestern Nachmittag: Die Hütte war ein altes rostiges Teil, das völlig exponiert auf der weiten Ebene des Plateaus stand. Da hätten wir ja erst recht Todesängste ausgestanden!
Kaum war es 11 Uhr geworden, brauten sich in der Ferne auch schon wieder diverse Gewitterzellen zusammen. Mir war das alles gar nicht geheuer – schließlich gab es ja keine Garantie, dass es bis mittags halten würde. Wir hatten schon vor der Tour gewusst, dass August der denkbar ungünstigste Monat in diesen Bergen ist, da es gerade in den Karpaten zu heftigsten Gewittern und Wetterumschwüngen kommen kann. Wenn man sich die exponierte Lage dieses Gebirgszuges ansieht, versteht man auch warum. Und nachdem wir nun erfahren hatten, wie sich so ein nettes Gewitter anfühlt – und wie schnell es losgehen konnte – wurde uns doch etwas mulmig. Zu unserer Beruhigung sagten wir uns immer wieder, dass wir ja innerhalb eines knappen Tages wieder im Vorland sein könnten.
Wie auch gestern hatten wir heute auf unserem weiteren Weg nach oben einige kleinere Gipfel zu überqueren, wo es absolut keinen Schutz gab. Vor jedem sendeten wir einen kritischen Blick nach oben in den Himmel, bevor wir den Anstieg im Eilschritt (oder was eben mit diesem Gepäck möglich war) in Angriff nahmen. Pause machten wir nur kurz, um uns einen Müsliriegel zwischen die Zähne zu schieben. Das war irgendwie so gar nicht, was ich mir unter Bergwandern vorgestellt hatte. Ich hatte von stundenlangen Mittagspausen geträumt, wo man Ewigkeiten die Ausblicke genießen konnte. Aber das bleib uns wetterbedingt leider auch auf dem Rest der Tour verwehrt. Vor lauter Hast nahmen wir uns kaum Zeit, die tolle Aussicht nach Norden und Süden zu genießen. Der Weg war bis auf die dauernden Auf- und Abstiege nicht schwer zu laufen und so wäre die Strecke ohne das Gewitter im Rücken ein wahrer Genuss gewesen. Am frühen Nachmittag kamen wir denn auch beim Refugio im Zarnei-Sattel an. Es war tatsächlich eine neue, aus Stahl gebaute Biwakschachtel mit zwei großen Pritschen, die zur Not wohl für 10 Leute reichen würden. Sie löste einen traurigen Blechhaufen ab, der einige Meter entfernt stand und wohl früher mal die Bezeichnung Refugio verdient hatte. Das Ding war aber heute ein genauso trauriger Anblick wie der Berg an verrosteten Konservendosen, der sich in Wurfweite der Eingangstür aufgetürmt hatte.
Bisher waren wir noch kaum anderen Wanderern begegnet und auch hier in unserem Edel-Refugio schienen wir die Einzigen zu sein. Wir fragten uns so langsam, ob außer uns denn niemand den Kammweg wandert. Wir richteten uns häuslich ein, machten Tee und setzten uns voller Erwartung vor die Hütte. Tatsächlich hatten sich links und rechts von uns vielversprechende Gewitterzellen gebildet. Wir freuten uns drauf, mal einem Gewitter bei seiner Entstehung zusehen zu können, um dann kurz vor knapp in die sichere Hütte fliehen zu können. Doch es geschah nichts. Wir schliefen eine Runde, aßen noch mal was, suchten eine Quelle, zu der man ein ganzes Stück absteigen musste, trockneten das Zelt, doch es blieb ruhig. Die Wolken wurden immer dicker, ab und zu grummelte es, dann nahmen sie wieder ab. Enttäuscht kochten wir am Abend unseren Reis-Suppen-Pframpf, den wir uns buchstäblich mit letzter Kraft reinwürgen mussten. 200g Reis pro Person sind wohl doch ganz schön viel, wenn man nur einen halben Tag läuft. Kurz vor der Dunkelheit kamen dann doch noch zwei rumänische Pärchen und es wurde recht kuschelig in unserer kleinen Hütte. Leider hatten die Herrschaften keine großen Ambitionen, sich mit uns zu unterhalten. Die ganze Truppe hatte Blasen an den Füssen und v.a. die Mädels hatte es schlimm erwischt, da sie nagelneue Schuhe und völlig offene Fersen hatten. Apropos neue Schuhe: Andreas’ neue Meindls waren übrigens seit unserer krassen Tour über den Königsstein super gut eingelaufen – ganz ohne Blasen. So etwas nennt man wohl zwangseinlaufen…oder deutsche Wertarbeit…oder einfach nur Dusel.
Unser Wanderführer Uli hatte übrigens einst auf dem Zarnei-Sattel das schlimmste Gewitter seines Lebens erlebt: Flammenwände, Sintflut, Weltuntergang. Wir witzelten noch, dass uns heute Nacht vielleicht dasselbe passieren würde…und man sollte immer aufpassen, was man sich wünscht! Da wir morgen, aus Angst vor den nächsten Gewittern, wieder möglichst früh aufbrechen wollten krochen wir bereits gegen neun Uhr in unsere Schlafsäcke und versiegelten die Ohren mit Ohropax. Somit wussten wir nicht, wie lange eigentlich schon der Weltuntergang tobte, als wir gegen Mitternacht aufwachten: die Blitze zuckten mit der Frequenz eines Stroboskops durch das kleine Bullauge des Refugios; Wände und Pritschen der Hütte vibrierten unter den heftigen Seitenwinden, die über den Sattel jagten. Das trotz Ohropax ohrenbetäubende Trommeln des Regens auf dem Dach wurde nur noch vom Krachen des Donners übertroffen. Der Regen wurde immer heftiger und ich verkroch mich in der hintersten Ecke meines Schlafsacks. Ulis Erlebnis war wohl doch kein Einzelfall gewesen... Der Regen wurde heftiger und heftiger und heftiger und schwoll schließlich zu einem lauten Brüllen an, zwischen dem sich immer wieder krachend der Donner entlud. Mich ergriff nun echt die Angst, ich kniff die Augen zu und hielt mir mit beiden Händen und mit aller Macht die Ohren zu. Es half nichts. Draußen ging die Welt unter. Die Blitze kamen dicht hintereinander, eigentlich war es ein einziger Dauerblitz. Es tobte ein Orkan und die ganze Hütte bebte und vibrierte weiterhin bis ins Fundament. Ich war mir sicher, dass wir gleich alle davon fliegen würden. Schreckensstarr lagen wir alle da, es war das Schlimmste, was ich je erlebt hatte. Ich schwor mir, dass ich am nächsten Morgen beim kleinsten Grummeln fluchtartig dieses Gewitter-Gebirge verlassen würde. Ich wollte nicht mehr. Nach einer Ewigkeit wurde es etwas weniger und ich tastete nach Andreas’ Hand.



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Eine der wenigen Quellen direkt am Wegesrand



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Der Zarnei-Sattel



http://img5.imageshack.us/img5/4046/img2672k.jpg
Das ist wohl das alte Refugio... mit der dazu gehörigen Müllhalde


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Das sieht doch schon bedeutend besser aus


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Irgendwo hier muss eine Quelle sein...

Buck Mod.93
08.11.2009, 16:07
Sehr schöner Bericht und tolle Bilder 5sterne




http://img10.imageshack.us/img10/4046/img2672k.jpg
Das ist wohl das alte Refugio... mit der dazu gehörigen Müllhalde





Ach Quatsch das is das Zelt von Becks:bg:

Meer Berge
08.11.2009, 17:36
Sehr interessanter und stimmungsvoller Bericht! In dieser Weltecke war ich auch noch nicht. Klingt aber verlockend!

Danke!
Meer Berge

Harry
08.11.2009, 20:43
Klasse Bericht.
Rumänien steht bei uns auch an. Vielleicht schon nächstes Jahr.
nur noch nicht klar ob mit Rucksack oder Radl.
Karpatenwilli und deinen genannten Reisebericht habe ich schon zur Vorbereitung vorher gesehen.
Welche Informationen, Bücher, Karten habt ihr noch zur Reisevorbereitung genommen und wonach seid ihr gelaufen?
Hast du mehr Fotos von den Schutzhütten?

Goettergatte
08.11.2009, 20:55
Vielen Dank für den schönen Bericht, irgendwann werde ich auch mal dort landen,
schon allein wegen der vielen Kirchenburgen die es dort gibt:grins:

Gassan
09.11.2009, 17:55
Weiter so, will mehr lesen :)

Schmetterling
09.11.2009, 20:33
Schön, dass euch unsere Berichte gefallen!


Klasse Bericht.
Rumänien steht bei uns auch an. Vielleicht schon nächstes Jahr.
nur noch nicht klar ob mit Rucksack oder Radl.
Karpatenwilli und deinen genannten Reisebericht habe ich schon zur Vorbereitung vorher gesehen.
Welche Informationen, Bücher, Karten habt ihr noch zur Reisevorbereitung genommen und wonach seid ihr gelaufen?
Hast du mehr Fotos von den Schutzhütten?

Können wir echt nur empfehlen. Beides hat seine Reize, Rad und Zelt. Wir würden gerne auch nochmal irgendwann mit dem Rad hin, um die Dörfer und die Menschen kennen zu lernen und ein paar der tollen Kirchenburgen abzuklappern.
An Infos hatten wir außer Karpatenwilli und Uli nichts nennenswertes - nur so ein paar Bruchstücke aus dem Netz, die aber nicht nützlich waren. Bücher hatten wir auch nicht. Deswegen haben wir uns auch an Ulis Beschreibungen gehalten. Karten haben wir im Voraus bestellt. Ich bin gerade nicht zu Hause, schau aber morgen abend mal wegen dem Verlag (da gibts wohl riesige Qualitäts-Unterschiede). Ich hab auch noch ein paar Tipps von anderen Rumänen wegen anderer schöner Ziele. Muss ich auch zu Hause mal kramen.
Hier noch einen Link auf eine Rumänien-Karte fürs GPS, da ist zumindest das rote Band vom Fagarasch drauf: http://openmaps.eu/downloads/Romania

Wegen Schutzhütten: wir haben eigentlich alle fotografiert, an denen wir direkt vorbei kamen und stellen sie auch in die Berichte - schon allein um die Qualitäts-Unterschiede zu zeigen. Ich würde mich nicht auf die verlassen, allerhöchstens für den absoluten Notfall. Viele sind (bis auf die im Zarnei-Sattel) ziemlich heruntergekommen und leider vermüllt. Außerdem sind im Sommer viele Wanderer unterwegs und die guten Hütten sind meist schon besetzt, wenn man ankommt.

Gassan
09.11.2009, 20:43
Nur zur Info.

Dimap macht recht brauchbare Karten zu sehr vielen Massiven in den Karpaten.
http://www.mapfox.de/WG_901.php

Mir haben sie bisher immer geholfen.

Zu den Hütten: Ich mag die meisten nicht, aus einem unerfindlichen Grund. Hab bisher lieber bei den hirten übernachtet.

Schmetterling
09.11.2009, 21:05
Ja, bei mapfox haben wir unsere Karten auch bestellt. Uns hat dann die Frau im Trekkingladen von Brasov eine Karte von Belalpien empfohlen, die etwas besser war. Unter anderem waren hier alle Quellen gut eingezeichnet.

Schmetterling
09.11.2009, 21:19
So, jetzt ist mir der Computer abgestürzt, na toll, waren wohl doch zu viele Fotos.... Also, zweiter Versuch:

11. Tag Zarnei-Sattel – Valea Rea (7 Std.)

Zitat Uli: "Mit dem Beginn dieser Etappe dringen wir eigentlich erst richtig in das Fogarascher Gebirge ein, denn erst hier beginnen die Felsregionen. Dieser heutige Abschnitt ist wohl mit der landschaftlich schönste der gesamten Tour über den Kamm dieses Gebirges und es wäre zu wünschen, daß das Wetter mitspielt, denn Sie sollen doch die Schönheiten dieses Gebirges in vollen Zügen genießen können."

Eigentlich wollten wir gegen fünf aufstehen, um die heutige 7-Stunden-Tour möglichst vor dem nächsten Gewitter beenden zu können. Von diesem ambitionierten Plan nahmen wir jedoch nach der sehr unruhigen Nacht wieder Abstand. Draußen tobte außerdem immer noch gut hörbar der Wind und auch der Wetterbericht machte nicht wirklich Lust auf’s Aufstehen: einer der rumänischen Jungs hatte uns gestern noch gesagt, dass es heute recht „windy“ zugehen würde und es erst morgen wieder „nice“ wird.
Laut Uli würden wir heute in die eigentliche Felsenregion des Fogarasch vorstoßen und uns würde nach dem ersten Aufstieg eine Gratüberquerung blühen. Ich hatte nicht wirklich Bock, bei diesem Sturm mit meinem 20-Kilo-Rucksack über einen Grat zu balancieren. Der Wind würde mich schlicht und einfach hinunterwehen. So zögerten wir das Aufstehen noch ein wenig hinaus. Schlussendlich konnte Andreas mich dann doch noch überreden und wir stiefelten nach einem eisigen Frühstück im Windschatten der Hütte los. Die rumänischen Pärchen drehten sich da gerade noch mal in ihren Schlafsäcken um. Die Mädels waren das erste Mal in den Bergen und dann gleich so was…
Seit gestern war es also merklich kälter geworden. Wir führten das nächtliche Inferno daher darauf zurück, dass wohl eine Kaltfront durchgezogen sei und dass uns zumindest heute kein Gewitter mehr drohte. Höchstens Regen - was mit unseren Ponchos immer noch ziemlich doof geworden wäre: Wind, Regen, Grat, Rucksack und Poncho sind eben keine guten Zutaten für eine fröhliche Bergwanderung. Zunächst ging’s aber erstmal hoch. Mal wieder Frühsport. Wir mussten uns mit den Stöcken gegen den Wind stemmen und ich sah mich schon auf allen Vieren über den Grat kriechen. Bald flachte jedoch der Pfad wieder ab und es ging im Windschatten eines Gipfels weitgehend eben über Grasmatten hinweg. Und als sich dann auch noch ein herrlicher Ausblick hinaus in das Siebenbürgener Land auftat waren die Qualen der letzten Nacht schon wieder fast vergessen und die gute Laune kehrte langsam zurück. Und schließlich sahen wir die Sache so: mit etwas Pech hätten wir die letzte Nacht ja auch im Zelt verbringen können, und das wäre erst richtig doof gewesen. Wir dachten lieber nicht daran, wie wir wohl nach so einer Zeltnacht ausgesehen hätten… Die Antwort auf diese unausgesprochene Frage lieferten uns dann übrigens zwei Jungs, die uns weniger später völlig übernächtigt entgegengetappst kamen. Auf unsere mitfühlende Nachfrage nach der letzten Nacht antworteten sie : „Yeah, we kind of freaked out, but we survived…“. Wir fragten auch sie nach dem Wetterbericht und jetzt waren’s schon 2 Tage „windy“ und erst übermorgen würde es „nice“ werden.
Der Grat selbst erwies sich dann als Pipifax, da der Weg nicht genau auf dem Grat entlang führte sondern etwas unterhalb verlief – noch dazu auf der dem Wind abgewandten Seite. Unsere Laune stieg dadurch noch mehr, zumal wir eine grandiose Aussicht auf die Etappen unserer nächsten Tage hatten: die richtig hohen Gipfel der Süd-Karpaten. Wir genossen den Sonnenschein, die Aussicht und den tollen Weg. Nur der nach wie vor starke Wind nervte auf die Dauer.
Nach wenigen Stunden erreichten wir Fereastra Mare ein steil abfallendes Stück der Nordflanke des Fogarasch-Gebirges. Die Kante fällt hier nahezu senkrecht in die Tiefe ab und man kann schier endlos in die nördliche Ebene hinausschauen. Ganz tief unter uns sahen wir die Hütte, die wir im Falle eines Gewitters zum Notfall-Tagesziel gemacht hätten. Da uns von der Hütte aber noch 800 (!) Höhenmeter trennten und es dazu recht kalt war, beschlossen wir weiter zu gehen, da es heute wohl keine Gewitter mehr geben würde. Zudem hatten wir auf den letzten Kilometern plötzlich jede Menge anderer Wanderer getroffen, die allesamt auch nicht sonderlich besorgt schienen. Das gab uns wieder Mut.
Für den Nachmittag dieser Etappe versprach uns Uli vier anstrengende Gipfel, wobei wir jeweils bis zu 200 Höhenmeter Auf- und Abstieg zu überwinden hätten. Wir hatten von den anderen Wanderern ein paar recht brauchbare Zeitangaben erhalten und konnten es somit das erste Mal seit einigen Tagen wieder etwas ruhiger angehen lassen. Fast schon gemütlich stiegen wir die einzelnen Gipfel empor und genossen oben die wahnsinnige Aussicht. Das ist der Grund, warum ich nie außerhalb der Berge wandern will: bei der irren Aussicht vergisst man alle sonstigen Gefahren und Qualen und auch die Rucksäcke trugen sich fast schon von selbst. Aber da vom Horizont dann doch irgendwann graue Regenwolken langsam näher kamen, fiel zumindest die Mittagspause erneut recht kurz aus. Und ich hatte mich so aufs stundenlange Träumen in den Bergwiesen gefreut! Aber nass werden ist auch doof. So erreichten wir unser Ziel schon gegen vier Uhr – zwar trocken, aber dafür im dichten Nebel. Wir wollten unterhalb des Moldoveanu campen, mit über 2500 m der höchste Gipfel Rumäniens. Im Sattel stand mal wieder eine Biwakschachtel, doch als wir die Tür öffneten, schlug uns miefige Luft entgegen und Augenpaare von ca. 15 dicht gedrängten Wanderern starrten uns an. Wir schlugen das freundlich gemeinte Angebot für eine kurze Rast aus und stiegen lieber gleich an den See hinab, der tiefblau unter uns glitzerte. Hier unten gab es auch wieder genügend Quellen und uns dämmerte nun auch, was es mit den diversen Steinkreisen auf sich hat, die man hier öfters in der Landschaft findet: das waren Zeltplätze! Über die Jahre haben wohl unzählige Wanderer quasi mit den Füßen abgestimmt und an strategisch und topographisch günstiger Stelle kleine Windschutzmauern aus Steinen errichtet. Die Halbkreise waren gerade groß genug für ein klassisches Wanderzelt und markierten ebene und trockene Stellen. Der Boden außerhalb dieser Kreise war nämlich durch die Beweidung oftmals so holprig, dass da an Schlafen nicht zu denken wäre.
Da wir recht früh dran waren hatten wir noch freie Auswahl und suchten uns den am wenigsten zugeschissenen Kreis aus. Wir wuschen uns und die Wäsche, kochten und genossen die Abendsonne, die die Wolken wieder vertrieben hatte. Es ist schon irre, wie schnell sich hier das Wetter änderte. Der Ausblick ins Tal vor uns war einfach mal wieder zum Dahinschmelzen und wir waren aufs erste mit dem Fogarasch-Wetter versöhnt.
Nachts wurde ich dann doch wieder von einem Grummeln geweckt, was mir das Mark gefrieren ließ. Wo kam denn jetzt schon wieder ein Gewitter her? Ich hörte, wie sich Andreas Ohropax in die Ohren steckte und sich entschlossen umdrehte. Na toll. Jetzt musste ich alleine aufpassen. Unser Zeltplatz war nicht blitzsicher und im schlimmsten Fall mussten wir es verlassen. Und wir wussten ja jetzt, wie schnell es gehen kann. Aber glücklicherweise blieb das Grummeln in weiter Ferne. Dafür fing es „nur“ an zu regnen.




http://img4.imageshack.us/img4/6524/img2689ka.jpg
Der Blick auf den Zarnei-Sattel (links); an dem See da unten haben tatsächlich ein paar arme Hunde letzte Nacht gezeltet...


http://img4.imageshack.us/img4/8203/img2693k.jpg
Der gruuuselige Grat



http://img5.imageshack.us/img5/6633/cimg0142ky.jpg



http://img5.imageshack.us/img5/4678/cimg0145k.jpg
Der Blick auf die heutige Etappe: der Weg verläuft am rechten Rand, der Berg in den Wolken ist der Moldoveanu, an dessen Fuß wir campen werden



http://img5.imageshack.us/img5/7900/img2701ki.jpg
Der Blick vom Fereastra mare (großes Fenster) nach Norden

Schmetterling
09.11.2009, 21:25
Und noch'n paar Fotos hinterher:



http://img4.imageshack.us/img4/4070/img2709k.jpg

Der Weg führt nahe der Kante und beschert so viele tolle Ausblicke


http://img4.imageshack.us/img4/6149/cimg0149k.jpg
Diese Rippen stehen uns noch bevor...


http://img4.imageshack.us/img4/8343/img2710k.jpg
Blick in Richtung Süden auf einen der vielen kleinen Seen


http://img4.imageshack.us/img4/9592/cimg0157k.jpg
Man beachte die Schafe hinten an der Kante - oder sind's doch Lemminge?


http://img4.imageshack.us/img4/961/img2720kh.jpg
Die Biwakschachtel am Valea Rea; wir sind dann doch lieber zum See abgestiegen, der im Hintergrund hochblitzt


http://img4.imageshack.us/img4/8895/img2727k.jpg
Nachtlager im Steinkreis...


http://img4.imageshack.us/img4/9788/cimg0175kn.jpg
... mit tollem Ausblick

Burnfoot
13.11.2009, 20:31
Spannender Reisebericht und toll geschrieben.

Wir freuen uns schon auf die Fortsetzung. :):):):)

Lieben Gruß

Heike

Schmetterling
15.11.2009, 21:20
12. Tag Valea Rea – Cabana Podragu (4 Std.)

Auch am Morgen regnete es und beim Blick nach draußen empfing uns eine dicke Suppe. So durften wir mal das Frühstücken und Einpacken im Zelt üben, was doch ziemlich umständlich ist. Als wir gerade so am Müsli-Mümmeln waren, fing es draußen plötzlich wie auf Kommando an zu Blöken und ein Rascheln und Trappeln näherte sich unserem Zelt: der Hirte aus dem Tal trieb seine Schafe hinauf auf die Weide und musste dabei einmal den „offiziellen“ Wanderer-Campingplatz überqueren. Einige Schafe warfen dabei neugierige Blicke in unser Zelt und blökten uns ein ganz persönliches „Bääääh“ in die Müslischale.
Beim Loslaufen nieselte es dann immer noch leicht und ich verfluchte den Kraxen-Poncho, der sich dauernd um meine Beine wickelte: es gab nämlich erstmal wieder Frühsport mit einem steilen Aufstieg zurück auf den Kammweg, direkt gefolgt vom Aufstieg auf den Moldoveanu, dem höchsten Gipfel Rumäniens. Auf diesem Abschnitt wimmelte es auch wieder vor Wanderern und von der Flanke des Berges aus hatten wir einen tollen Blick auf die Ausmaße unseres „Campingplatzes“: überall bewegten sich bunte Ponchos und packten langsam ihre noch bunteren Zelte zusammen. Wir erkundigten uns bei einigen Wanderkollegen nach dem Wetterbericht und die Tendenz schien dahin zu gehen, dass es morgen wieder „nice“ werden sollte. Sehr schön, das machte uns Hoffnung.
Wir nahmen es daher als ein gutes Omen, dass wenig später der Nieselregen eine Pause einlegte. Auch den wirklich sehr steilen Anstieg zum Moldoveanu hatten wir bald hinter uns. So langsam machte uns das Fehlen sämtlicher Serpentinen nichts mehr aus, machten wir doch auf diese Art ordentlich Höhenmeter! Auf einem Nebengipfel des Moldoveanu ließen wir unser Gepäck am Wegweiser stehen und machten einen kurzen Abstecher hinüber zum Gipfel. Der Grat zwischen den beiden Gipfeln war nicht ganz ohne und selbst ohne Gepäck waren einige Passagen recht gewagt. Aber wir waren noch nie auf dem höchsten Berg eines Landes gewesen und so einfach, quasi im Vorbeigehen, würde es so schnell auch nicht mehr passieren.
Der Berggott war uns gnädig und belohnte uns für unsere Kraxel-Bemühungen mit einem wolkenfreien Gipfel – alles andere als eine Selbstverständlichkeit, bei der Suppe, in der wir heute morgen unser Zelt abgebaut hatten. Zwischen den zerzausten Wolkenfetzen konnten wir nun einen kurzen Blick auf die Südseite des Gebirges erhaschen, die sehr viel sanfter abfällt als der Nordhang. Auch der Ausblick auf die nächsten Etappen im Westen war mal wieder sehr erhebend. Nach einem kurzen Gipfelfoto wackelten wir über den Grat zurück, holten unser Gepäck ab und stiegen auf der anderen Seite wieder hinab. Der Abstieg war, wie immer, sehr qualvoll. Der Untergrund hatte sich ordentlich mit Wasser vollgesogen und war dementsprechend rutschig. Ich verhedderte mich dauernd mit den Stöcken und hatte Angst, irgendwann mal ganz darüber zu stolpern und in hohem Bogen in den Abgrund zu fliegen.
Etwas später trafen wir dann die ersten (und einzigen) Deutschen auf unserer Tour. Sie hatten sich aus Magdeburg und Berlin hierher nach Rumänien verirrt und unternahmen nun einen kleinen Tagesausflug auf den Moldoveanu. Die anderen Wanderer, die wir bisher getroffen hatten, waren leider eher wortkarg gewesen, und so blubberten wir die beiden Landsmänner ziemlich voll und es entwickelte sich ein sehr nettes Wanderer-Gespräch. Wir verabredeten uns für den Abend auf einen Schnaps in der Podragu-Hütte, wo die beiden ihr Lager aufgeschlagen hatten. Da sie nur einige Stunden zuvor dort aufgebrochen waren konnten sie uns beruhigen: der weitere Weg dorthin würde sehr entspannt verlaufen, ohne viel Auf und Ab. So schritten wir munter aus und staunten weiterhin über die Massen an anderen Wanderern, die uns nun entgegen kamen. Und in was für abenteuerlichen Ausrüstungen die Leute teilweise unterwegs waren! Das Schuhwerk vieler Wanderer gehörte eigentlich ins Büro, auf die Bowling-Bahn oder an den Strand (Flip-Flops!). Dem Regen trotzten einige mit Plastikplanen und ziemlich luftigen Regenjäckchen. Viele der Mädels marschierten scheinbar ohne zu Murren in ihren Hotpants und Stoffturnschuhen durch den Nieselregen. Und das durchaus umfangreiche Gepäck wurde zum Teil in Sporttaschen über der Schulter getragen. Wir kamen uns plötzlich doof vor, weil wir monatelang an unserer Ausrüstung rumgefeilt hatten, um ja kein unnötiges Gramm mitzuschleppen. Andererseits wunderten wir uns langsam auch nicht mehr über die ganzen Kreuze am Weg, die an verunfallte Wanderer erinnerten. Die meisten sind mitten im Sommer ungekommen: erfroren oder vom Blitz getroffen.
Leider fiel die Mittagspause wegen des kalten Windes mal wieder flach. So kamen wir recht zeitig am Podragu-Sattel an und konnten unten schon die Hütte inmitten vieler Seen heraufblinzeln sehen. Hach, ein schöner Anblick! Wir machten uns an den langen Abstieg und freuten uns auf ein leckeres Essen und ein nettes Bett. Die Podragu-Hütte ist die höchstgelegene Hütte in diesem Teil der Karpaten und auch die einzige, die man vom Kammweg aus einigermaßen gut erreichen kann, d.h. ohne ewig absteigen zu müssen. Insgeheim hegten wir auch die Hoffnung hier vielleicht unsere Vorräte etwas auffrischen zu können.
Endlich war auch dieser Abstieg geschafft und wir enterten die Hütte. Drinnen war highlife: die Küche hatte gerade aufgemacht und ein buntes Nationengemisch aus Slowaken, Tschechen, Polen, Rumänen und Engländern machte sich in diesen Augenblicken über die ersten Teller Suppe her. Die stämmige und freundliche Hüttenwirtin brachte uns mehr oder weniger ungefragt auch je einen Teller und wir vertilgten in Null Komma Nix eine der leckersten Gemüsebrühen, die wir je hatten. Wie hungrig wir nach den letzten Tagen wirklich waren, merkten wir erst, als wir auch den zweiten Teller Suppe problemlos hinuntergeschlungen hatten und sich erst ganz allmählich ein leichtes Völlegefühl einstellte. Bei Andreas gab’s dann zur Feier des Tages sogar noch ein Dosenbier zum Nachtisch, das, zusammen mit allen anderen Essensvorräten, übrigens mit Eselkarawanen aus dem Tal heraufgeschafft wird!
Während des Abstiegs zur Hütte hatten wir ein paar sehr hübsch gelegene Steinkreise (=Zeltplätze!) entdeckt, die sich um die Pordraguhütte scharten. Da einige von ihnen sehr idyllisch an kleinen Karseen lagen ließen wir den Schlafsaal der Hütte links liegen und bauten doch wieder uns er Zelt auf. Dabei bemühten wir uns um die Nachbarschaft zu einem Jack Wolfskin-Zelt: denn wer sonst, wenn nicht unsere beiden deutschen Wanderkollegen würde sich hier oben mit Jack-Wolfskin-Ausrüstung outen? Wieder mal musste der Zeltplatz von allerlei tierischen und auch menschlichen Ausscheidungen gereinigt werden. Danach gab’s große Waschaktion mit Bioseife im Karsee und anschließend große Trockenaktion – fast all unsere Textilien waren auf die eine oder andere Weise feucht von den Abenteuern der letzten Tage und so klatschten die Klamotten auf die großen Steine, die noch von der Nachmittagsonne warm waren. Unser Treiben blieb leider den Transporteseln nicht verborgen, die fortan an Allem knabbern wollten was irgendwie bunt und lecker aussah. Spät am Abend tauchten dann tatsächlich die beiden Deutschen beim Jack-Wolkskin-Zelt auf und mit reichlich einheimischen Spirituosen ließen wir diese Etappe ausklingen.




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Persönlicher Weckdienst



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Frühstück im Zelt



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Hier hatten wir doch gestern noch den netten Ausblick!



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Auf zum Moldoveanu



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Ooben!



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Blick nach Süden


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Blick auf die nächsen Etappen, das wird ja ganz schön felsig...


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Mal wieder ein sehr schöner Weg (falls man ihn überhaupt erkennt)

Schmetterling
15.11.2009, 21:42
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Irgendwo da unten links ist die Podragu-Hütte



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Der lange Abstieg zum Bier



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Die Podragu-Hütte



http://img137.imageshack.us/img137/8329/cimg0215k.jpg



http://img410.imageshack.us/img410/8873/img2778k.jpg
Große Trockenaktion



http://img514.imageshack.us/img514/2920/img2782k.jpg
Mal wieder ein schöner Zeltplatz



http://img514.imageshack.us/img514/2237/img2784k.jpg
Knuutsch




http://img514.imageshack.us/img514/411/img2772k.jpg
Lecker Suppe

Gassan
16.11.2009, 12:26
Wieder mal sehr schön geschrieben. Was ich mich aber die ganze Zeit frage, du meinst wiederholt dass es in Rumänien keine Serpentinen gibt. Ich für meinen Teil kenne es gar nicht anders bzw. habe keinen Vergleich mit den Alpen und meine von meiner Seite aus, dass die Wege doch eigentlich schon oft genug in Serpentinen entlanggehen.
Ist denn da der Unterschied in den Alpen so groß? Ich meine es muss schon wirklich auffallend sein, sonst hättest du es nicht mehrmals betont.
Würd mich mal interessieren ob das wirklich so ist? Sind in den Alpen mehr Serpentinen?

Sternenstaub
16.11.2009, 20:54
ich freue mich immer, wenn bei diesem guten Bericht es wieder weiter geht.

Ich würde gern 5sterne vergeben, das geht aber leider nicht.

Kathigruß

Schmetterling
17.11.2009, 13:30
Schön, dass es euch gefällt! Das motiviert so richtig zum Schreiben. Leider kommen wir fast nur am Wochenende dazu, deswegen wird es sich noch ein bissel ziehen. Der nächste Tag steht schon in den Startlöchern, aber da mein Internet seinen Geist aufgegeben hat, kann ichs nicht hochladen. Aber Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude...

Zu den Serpentinen: Also, es ist ja nicht so, dass es überhaupt keine Serpentinen gibt. Bei der Mehrheit der Aufstiege gibts natürlich schon welche. Uns ist es nur bei ein paar sehr langen und sehr steilen Anstiegen aufgefallen, dass es eben brutal im Stich nach oben geht. Das bleibt dann halt hängen. ;-) In den Alpen ist uns das so noch nicht passiert. Wobei wir auch noch nicht soo oft dort waren und mit bedeutend leichterem Gepäck. Bei der nächsten Alpentour werden wir mal verstärkt drauf achten und dann berichten.

Schmetterling
21.11.2009, 18:45
13. Tag Cabana Podragu – Balea See (6 Std.)

Am morgen: Nebel. Wie sollte es auch anders sein. So langsam gewöhnten wir uns fast daran. Die Nachfrage bei tschechischen Wanderkollegen ergab die Aussicht, dass das Wetter morgen wieder „nice“ wird. Okay, warten wir’s ab. Das Frühstück fiel reichhaltig aus: da die Hüttenwirtin offiziell keine Nahrungsmittel einfach so als Proviant verkaufen wollte, musste jeder von uns eben 3x Frühstück bestellen, damit wir genug Brot und Schmelzkäse für die nächsten Tage zusammenbekamen. Hier sei nochmals an die Versorgungslage am Balea-See erinnert: laut Wanderexpertin in Brasov würde es dort ja so gut wie nix zu kaufen geben…
Am Nebentisch saß ein Pärchen, das wir heute noch öfters treffen sollten. In recht rustikalen Armeeklamotten saßen sie vor ihren Sardinenbüchsen und löffelten diese offenbar blank, also ohne Kaffee, Brot oder sonst irgendetwas, hinunter. Aufgefallen waren uns die beiden nicht nur wegen ihrer martialischen Kleidung sondern auch wegen den überdimensionalen Jagdmessern, mit denen sie zuvor sehr geschickt und ohne einen Tropfen zu verschütten die Dosen aufsäbelt hatten.
Pünktlich zum Aufbruch fielen dann wieder die ersten Regentropfen und wir streiften die Ponchos über. Und da auch an diesem Morgen wieder ein steiler Aufstieg auf dem Programm stand, wurden die Ponchos nicht nur von außen, sondern auch von innen herrlich feucht. Lecker! Übrigens verließen wir nun das rote Band und gingen einen Umweg über das „blaue Band“, da das Rote Band auf den nächsten Kilometern recht happig werden sollte und insbesondere bei Nässe zu meiden sei. Uns hatten verschiedene Leute gewarnt und der Name des Abschnittes („Drei Schritte bis zum Tod“) versprach auch nix Gutes. Das Kampf-Pärchen, das kurz nach uns aufgebrochen war, ließ das Blaue Band übrigens links liegen…
Obwohl wir nicht auf dem Kamm liefen (oder gerade deswegen?) waren die ersten Stunden des Tages ein einziges quälendes Auf und Ab: es ging von einem Kar ins nächste, immer über Schutthalden und stets durch dichten Nebel. Und natürlich stets im Stich nach oben. Mal regnete es mehr, mal weniger, aber so richtig aufhören tat es leider nie. Gegen zwölf Uhr mittags schleppten wir uns die letzte große Karwand hinauf und standen dann wieder auf dem eigentlichen. Wir glaubten nun, das schlimmste überstanden zu haben, als uns ein anderes rumänisches Pärchen auf die Attraktionen des nächsten Streckenabschnitts einschwor: der Weg, den sie gerade gekommen waren, sei demnach hochgradig Steinschlag-gefährdet! Der Regen hätte sämtliche Bäche anschwellen lassen und da der Weg unterhalb einer Felswand verlaufen würde sollten wir größte Vorsicht walten lassen und uns vor allem beeilen! Na gut, machen wir halt mal wieder keine Mittagspause. Wer braucht auch schon Pausen. Tatsächlich schossen nun unzählige kleine und größere Bäche von oben den Weg herab bzw. der Weg hatte sich in einen Fluss verwandelt. Verunsichert blickten wir nun abwechselnd auf den Weg, um im Schlamm nach guten Tritten zu suchen, sowie die Felswand hinauf, um dem drohenden Steinschlag auszuweichen. Dort wo der Weg erdig war, hatte sich der Untergrund wieder einmal so richtig schön vollgesogen und mehr als einmal retteten uns die Treckingstöcke vor einem Abflug in die Pampa. Meine Lederschuhe schwammen schon lange, da ich kein Gore Tex hatte. Ich begann, Andreas um seine Membran zu beneiden.
Als wir so eine Weile an der Felswand entlang getrabt waren und wir wieder einmal kurz davor waren, die Karpaten und überhaupt den ganzen Urlaub zu verfluchen, riss dann doch plötzlich die Nebeldecke auf und durch Wolkenschwaden hindurch taten sich einmal mehr atemberaubende Blicke in die umliegende Bergwelt auf. Kurz darauf stellte der Regen dann gänzlich seinen Betrieb ein. Nur schrecklich kalt bleib es.
Dann kam uns eine rumänische Großfamilie entgegen: Vater, Mutter, sowie ein gefühltes Dutzend Kinder. Allesamt mit kurzen Hosen, Stoffschuhen, Sporttaschen und dünnen Plastik-Not-Ponchos. Die Truppe war nass bis auf die Haut. Der Vater fragte uns, wie weit es noch bis zur Podragu-Hütte sei. Wir antworteten wahrheitsgemäß, dass es noch gut 4 Stunden sein würden. Horror flackerte daraufhin in seinen Augen auf und sein ungläubiges „No“ wurde von heftigem Kopfschütteln begleitet. Da sein englischer Wortschatz recht überschaubar war, versuchten wir dann noch den Kindern auf Englisch klar zu machen, dass sie unbedingt beim Abzweig dem „Blauen Band“ folgen sollten - und ja nicht dem Roten Band...Heftiges Nicken und “yes, yes, yes…“ - wir hatten nicht das Gefühl, dass sie uns verstanden hatten und mit einem mulmigen Gefühl ließen wir die Turnschuhtruppe von dannen ziehen.
Langsam schwanden uns nun die Kräfte. Zwar hatte der Regen aufgehört, aber die Feuchte war tief in unsere Kleidung gekrochen und hatte uns über die letzten Stunden langsam aber kontinuierlich ausgekühlt. Wir machten Rast, um die letzten Brote zu essen und uns mit Energieriegeln nochmals für den letzten Abschnitt aufzuputschen. Hier wurden wir auch wieder von unserem Kampf-Pärchen eingeholt. Ihre Armeehosen waren zwar vollgesogen, die Nasen rot, aber die Stimmung bei beiden beeindruckend gut. Allerdings gaben sie zu, dass sie auf dem Roten Band große Schwierigkeiten gehabt hatten. Dann fragten wir sie noch, ob sie die Großfamilie gesehen hätten. Ja, das hätten sie, und zwar gerade in dem Moment als sie sich daran machten, die ersten gefährlichen Felsen des Roten Bandes zu erkraxeln. Leider hatte unsere Blaue-Band-Empfehlung also nichts geholfen und auch die Beiden konnten sie nicht umstimmen. So blieb uns nur noch, der Truppe im Stillen alles Gute zu wünschen.
Zum Balea-See war es nun nicht mehr weit: noch an einem kleinen See vorbei, noch einmal mehr oder weniger senkrecht 100 Höhenmeter ein Schuttfeld hinauf und dann lag er auch schon vor uns im Tal: der Vergnügungspark des Balea-Sees! Durch den Nebel konnten wir drei große Hotels, zahllose Autos sowie das beeindruckende Band der Transfagarasch-Straße ausmachen. Die Straße überquert die Karpaten an dieser hohen Stelle (ca. 2000 m) in endlosen Windungen und war eines der typischen Mammutprojekte aus sozialistischen Zeiten: sie wurde nur für Touristen gebaut. Sämtlicher Warenverkehr nutzt die anderen, niedrigeren Verbindungsstraßen östlich und westlich.
Musik und Motorenlärm drang an unsere Ohren. Irgendwo dort unten würde es für uns gleich eine heiße Dusche geben und ein wohlverdienter Ruhetag würde auf uns warten. In einer letzten heiklen Rutschpartei schlitterten wir 200 Höhenmeter über einen matschigen Schuttfächer hinunter - und hatten wenig später die Gewissheit, dass alle Hotels restlos ausgebucht waren. Es war Freitag, Feriensaison und noch dazu hatten wohl auch andere Kammwanderer beschlossen, heute mal nicht im Zelt zu schlafen. Unsere Stimmung sowie unsere gefühlte Köpertemperatur sanken auf den Nullpunkt, der Rucksack schmerzte und die laute Popmusik nervte. Unser Uli hatte noch von rückgängigen Touristenzahlen gesprochen, doch davon war heute nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil, hier war Rummel ohne Ende und einige neue Hotels waren im Bau.
Aber auch hier war uns wieder der Berggott hold: das rumänische Kampfpärchen hatte erfolgreich Rabatz geschlagen und durfte nun einen nagelneuen Hotel-Anbau beziehen, der eigentlich noch gar nicht eröffnet war. Und hier fand sich zum Glück auch für uns noch ein Zimmer: und zwar eines mit nagelneuer und kochendheißer Dusche und einer funktionierenden Heizung! Nach 5 Minuten hatten wir uns auch schon häuslich eingerichtet: Wäscheleinen und Klamotten waren kreuz und quer durchs Zimmer gespannt und die Schuhe auf die heiße Heizung platziert (jaja, gar nicht gut, aber dieses hier war ein Notfall). Wir duschten ausgiebig, reinigten unsere schlammüberzogene Regenkleidung (die armen Putzfrauen!) und verzehrten gleich darauf im Restaurant Holzfällersteaks und Hähnchenbrust. Dabei bescherte uns der Berggott drei Portionen: da meine Hähnchenbrust innen noch roh war, ließ ich es zurück gehen (ist ja sonst überhaupt nicht meine Art, aber heute hatte ich Hunger). Beim Warten auf die neue Portion mümmelten wir das übrige Gemüse und die Pommes schon mal auf, nur um auch die neuen, extra großen Portion, gierig zu vertilgen. Im Gehen warfen wir dann noch einen gierigen Blick auf die Snackauswahl hinter der Theke: dort hatten gab es die Auswahl zwischen 8 verschiedenen Sorten Milka-Schokolade, dazu Snickers, Mars, Lions etc. Doch das war nur ein kleiner Einblick in das Sortiment des Shopping-Paradieses am Balea-See…
Mit vollen Bäuchen ließen wir die letzten Tage Revue passieren und waren schon mächtig stolz auf uns. In unseren Vorbereitungen hatten wir uns immer vorbehalten, hier abzusteigen, aber nun ging es uns tatsächlich prächtig. Von Aufhören keine Rede – im Gegenteil, wir wollten am liebsten gar nicht mehr aufhören!





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Mal wieder Suppe zum Frühstück


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Das gibt stramme Wadeln - einer der vielen kleinen nervigen Aufstiege



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Hier gabs sogar noch Schneereste




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Mit den Ponchos kann man wenigstens nicht verloren gehen


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Zurück auf dem roten Band - der Weg ist jetzt eigentlich ein Fluss


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Hach ja, Mistwetter kann ja auch ganz nett sein...

Schmetterling
21.11.2009, 18:52
Hm, ich kann die Bilder grad nicht mehr hochladen. Den Rest gibts dann halt später....

Libertist
24.11.2009, 00:52
Schöne Bilder... Rumänien ist in der Tat ein tolles Land. Wie lief es sich denn so mit Poncho?

falk66
11.12.2009, 09:03
Hallo Karpatenwanderer,

ist ja ein sehr schönr Bericht von einer faszinierneden Wanderung und vor allem mal eine Art Rückmeldung zu Ulis Reiseführer. So scheint das Teil auf meiner Seite ja irgendwie Sinn zu machen :p, wenn auch die Infos leider nicht mehr auf dem neuesten Stand sind.
Und auf den Fotos sind ja auch einige Änderungen in den Karpaten zu erkennen. Neue Biwakschachteln, ich glaubs kaum.
Was die Königstein-Etappe betrifft, kommt mir die Zeitangabe auch recht kurz vor, da muss ich noch mal mit Uli Kontakt aufnehmen, kann mich erinnern dammals auch länger gelaufen zu sein. Zieht sich ja ewig vom Funduri zur Plaiu Foii Hütte (oder heute wohl besser Berghotel??)

Grüße
Falk

paddel
11.12.2009, 10:21
Super Bericht !!! 5sterne


Wie lief es sich denn so mit Poncho?

Das würde mich auch mal interessieren. Irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl wenn ich die An- und Abstiege sehe und mir vorstelle da flattert noch so ein Teil um meine Beine.

Schmetterling
11.12.2009, 16:44
Sorry an alle, dass sich das mit den Berichten etwas zieht gerade! Aber dieses Wochenende wollen wir wieder ran und vor Weihnachten alles hochgeladen haben.

Also das mit den Ponschos ist tatsächlich - gelinde gesagt - suboptimal. Wir hatten ihn auch nur einmal über längere Zeit an und da mussten wir weder richtig kraxeln noch wehte Wind. Die anderen Male hab ich halt doch nur meine alte und nicht mehr dichte Precip-Regenjacke angezogen und wurde eben nass. Wir hatten echt sau Duesel mit dem Wetter. Nächstes Mal wollen wir uns dann auch richtig gute Jacken anschaffen. Nur nach Zelt, Schuhen, Rucksack und Kleinkram war das nicht mehr drin.

@Falk: Kennst du Uli? Dann richte ihm bitte viele herzliche Grüße von uns aus! Wir fanden seinen Bericht wunderbar und ohne ihn wären wir sicher nicht losgelaufen. Wir hatten uns schon überlegt, ihn ausfindig zu machen, um unsere Hilfe für eine Überarbeitung seines Berichts anzubieten. Das mit Plaul Foii kann auch meine Schuld sein, dass ich was Falsches gelesen habe. Ich hab mich hinterher nicht mehr getraut, in den Bericht zu schauen, weil ich mich so über (oder meine) unsere Dusseligkeit geärgert habe.
Und die Hütte ist inzwischen echt ein Berghotel. An dem Wochenende war auch ein ganzer Schwung Banker zur Teambuilding-Maßnahme oder so da...

falk66
11.12.2009, 17:24
Ja ich kenne Uli, seit über 20 Jahren und er hat mir damals die Karpaten näher gebracht. Viele Teilmassive sind wir gemeinsam gelaufen. Nächstes Jahr wollen wir wieder mal in die Südkarpaten, vorausgesetzt man ist noch fit genug ;-)

Gruß
Falk

Gassan
11.12.2009, 18:07
An dem Wochenende war auch ein ganzer Schwung Banker zur Teambuilding-Maßnahme oder so da...

Oh ja... Rumänische Stadtmenschen sind viel schlimmer als deutsche, das ist der selbe Schlag, die auch auffem Bucegi mit der Drahtseilbahn hochfahren in Stöckelschuhen und Anzug und Krawatte da herumstolpern und nachher bei ihren Freunden behauptne sie haben dne Berg bezwungen:roll:

Schmetterling
12.12.2009, 17:10
So, jetzt gehts endlich weiter. Danke für eure Geduld.

Als erstes schulde ich euch ja noch ein paar Bilder vom Tag zum Balea-See:




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Das Paradies naht!



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Blick auf die Serpentinen der Transfagarasch-Straße



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Noch ein letzter doofer Abstieg


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Die Cabana Balea - hier wollten wir eigentlich übernachten, nur leider war sie voll



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Selbsterklärend...

Schmetterling
12.12.2009, 18:17
14. Tag Balea-Lac – Capra-See (ca. 4 Std.)

Nach einer sehr schönen Nacht in einem herrlich weichen Bett freuten wir uns so richtig auf ein ausgiebiges Frühstück, bei dem es anfangs etwas Irritationen gab: Der Manager hatte uns gestern erzählt, es sei im Preis nicht enthalten, unseren rumänischen Freunden wurde jedoch das Gegenteil erzählt. Da wir den Preis für das Zimmer sowieso für unverschämt hoch hielten, behaupteten wir an der Theke einfach selbstbewusst, dass uns das gestern so gesagt wurde. Das Personal schaute etwas irritiert, aber da wohl kein Verantwortlicher greifbar war, füllten wir uns einfach ganz schnell die Teller.
Der Aufwand hatte sich gelohnt, das Frühstücksbuffet hatte es in sich: eine Riesentafel, voll mit Sachen, die man als Bergwanderer in den Karpaten als letztes vermuten würde: frische Tomaten und Gurken, Käse und Wurst, Rührei…und frittierte Speckwürfel! Das merkte Andreas aber erst würgend, als sich schon eine Handvoll davon in den Mund geschoben hatte. Er dachte, dass es Kartoffelecken wären...
Mit gut gefüllten Bäuchen beschlossen wir, hier doch keinen Ruhetag zu machen, sondern noch einen halben Tag bis zum Capra-See zu laufen. Das Zimmer war teuer, winzig klein und hatte nur ein Mini-Fensterchen. Wenn es einen großen Balkon mit Liegestühlen und schöner Aussicht gehabt hätte, wären wir ja gerne noch geblieben, aber so… Außerdem ging uns nach Tagen der Einsamkeit dieser Ferienrummel hier oben mit lauter Popmusik-Beschallung gehörig auf den Keks. Wir freuten uns auf ein paar letzte nette Tage oben in den Bergen.
Also brachen wir mittags wieder auf – ausnahmsweise mal bei strahlendem Sonnenschein. Das Wetter war also zu guter Letzt doch noch „nice“ geworden. Ach ja, und wie war das jetzt: Es gibt am Balea See nichts zu kaufen, richtig? Nun, wir stürzten uns ins Getümmel und mussten anschließend Folgendes in unseren Rucksäcken verstauen: ein Glas Honig, 3 verschiedene Sorten Käse, 1 Speckschwarte, 1 Laib Brot, 4 Salamis, 1 Glas frische Blaubeermarmelade, ein paar Äpfel sowie 1 Flasche Karpaten-Beeren-Likör. Auch Pemmikan in Gläsern hätte es gegeben. Und da Einkaufen bekanntlich hungrig macht verzehrten wir anschließend noch einen Mega-Hamburger an „Toni’s“ mobiler Burger-Bude und spülten das Ganze mit einem Schoko-Bananen-Crepe hinunter.
Bevor es endgültig los ging holten wir uns bei der nahe gelegenen Salvamont-Hütte noch einen Wetterbericht für die nächsten Tage ab. Der Dialog mit dem Bergwart lief ungefähr so ab: Hallo! Wie wird das Wetter? – Nicht gut, aber auch nicht schlecht…Aha. Wie sieht’s denn mit Gewitter aus? – Na ja, kann schon passieren…Und Regen? – Naja, heute vielleicht, aber morgen wird’s dann wahrscheinlich „nice“! So so…
Mit schweren Mägen und noch schwereren Rucksäcken schleppten wir uns erstmal wieder einige hundert Höhenmeter nach oben, um aus dem Baleatal herauszukommen. Diesmal auch mit Serpentinen. Während des Aufstiegs begleitete uns - neben zig feisten Tagestouristen - noch die herrliche Geräuschkulisse der zivilisierten Bergwelt: schwere Motorräder, die mit ihrem meist ungarischen Personal die Serpentinen der Transfagarasch-Strasse hinauf- und runterjagten. Dazu kam das Gekreische der rumänischen Jugend, die sich mit einem Flying-Fox in 10m Höhe quer über das Baleatal schwang. Der letzte Auswuchs der Zivilisation war dann nach einer Stunde Aufstieg eine Wanderin, die mit einem Elektroschocker herumfuchtelte, um die bereits wieder omni-präsenten Hirtenhunde von ihrem kleinen Stadt-Wauzi fernzuhalten.
Nachdem wir wieder den Hauptkamm erreicht hatten führte der Weg erst einmal eine zeitlang eben über herrliche Matten genau nach Westen. Wir wurden uns bewusst, dass uns nur noch drei Nächte hier oben bevorstanden und wurden fast ein bisschen wehmütig. Wir beschlossen, die letzten Tage noch mal so richtig zu genießen und hofften, dass das Wetter uns ein bisschen dabei helfen würde. Die Grasmatte verschwand alsbald und machte einem Grat Platz, der uns etwas auf das Gekraxel vorbereitete, das uns in den nächsten Tagen blühen sollte. Vom höchsten Punkt unserer heutigen Etappe, sahen wir auch schon den Capra-See in der Sonne glitzern, unser heutiges Tagesziel. Dahinter erhob sich das sehr felsige Massiv des Negoiu, dem höchsten Gipfel in diesem Teil der Karpaten. Leider zogen just in dem Moment auch schon wieder die Wolken auf. Dies sollte der letzte Blick auf diese Berge gewesen sein. Mit dem Abstieg an den See mussten wir dann noch etwas warten: eine Horde der jugendlichen Hotpant- und Turnschuh-Fraktion arbeitete sich gerade schnaufend und irgendwie wenig begeistert die Flanke des Berges empor.
Gegen 18 Uhr erreichten wir den Zeltplatz am Capra-See. Zu spät. Der große Campingplatz-Check-In war bereits über die Bühne gegangen und die Top-Lagen waren bereits überbaut. Überhaupt, so stellen wir uns das Everest-Basecamp vor: überall, wo es auf ein paar Quadratzentimetern annährend eben war, stand nun ein buntes Zelt. So viele Wanderer hatten wir in den letzten Tagen noch nie auf einem Haufen gesehen. Für uns blieb dann nur noch der Platz im Einzugsbereich der öffentlichen WC-Anlage – d. h. in der Nähe eines Steinfeldes. Das war uns genau so peinlich wie den armen Wanderern, die jetzt ja nicht mehr so ohne Weiteres… Das bringt uns auf ein weiteres Problem auf dieser Tour: die Erledigung gewisser Bedürfnisse an den abendlichen „Campingplätzen“. Erstens musste man mitunter endlose Wege zurück legen, um einen blickgeschützten und sicheren Platz zu finden. Ein paar andere Wanderer hatten keine Scheu noch bei Tageslicht dem Ruf der Natur nachzukommen. Einen hatten wir heute schon auf der Suche nach Wasser mit heruntergelassenen Hosen hinter einem großen Felsbrocken entdeckt. Wir warteten dann doch lieber auf den Schutz der Dunkelheit. Aber auch dann gestaltete sich die Suche nach, ähäm, einem unbesetzten losen Stein ganz schön langwierig. Besonders das Papier dauert wohl Jahre, bis es aufgelöst ist….
Nachdem es heute mal keine Quelle in Reichweite gab, füllten wir unsere Source-Flaschen im See und konnten unser Gewicht nun auch endlich um ein paar Micropur-Pillen erleichtern.
Wie schon in den nächsten Tagen wurde es abends glücklicherweise wieder klar und wir hatten einen wunderschönen Blick auf das Kartal vor uns. Überall herrschte geschäftiges Treiben, aber da es wirklich sehr kalt war, verschwand jeder so schnell wie möglich im Zelt. Auch wir kuschelten uns bald mit einer Flasche heißen Wassers in den Schlafsack.




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Kleine Auswahl des Shopping-Angebots



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Kleine Stärkung für die nächste Etappe


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Abschied vom Touri-Rummel



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Es geht wieder sanft über Grasmatten


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Endlich mal wieder kraxeln

Schmetterling
12.12.2009, 18:25
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Da leuchtet schon der Capra-See und dahinter wartet einiges an Kletterei


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Ganz schöner Betrieb


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Im Hintergrund die hiesige Biwakschachtel



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Mal wieder ein toller Ausblick...


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...doch da lauert auch schon der Nebel

falk66
14.12.2009, 18:47
Da ist ja am Bulea-See richtig was los. Mir scheint aber fast, Bergwanderer scheinen nicht mehr die rechte Zielgruppe dort zu sein. Auf unserer Tour stand noch die alte Hütte. Hab damals Brot und Bier dort geholt und zum Capara-See geschleppt, an dem ihr tags zuvor vorbeigelaufen seid. Der See des Folgetages unterhalb des Negoi ist der Caltzun-See.
Bin nun noch auf die Negoi-Etappe gespannt ;-)


Grüße
Falk

Schmetterling
06.01.2010, 19:04
Ich wünsche allen ein schönes und abenteuerreiches neues Jahr! Nachdem wir uns über Weihnachten eine computerfreie Zeit gegönnt haben, geht es hier auch endlich wieder weiter.
Falk, vielen Dank für den Hinweis. Es ist natürlich der Caltun-See. Auf die Negoi-Etappe waren wir auch sehr gespannt... Hier ist sie:


15. Tag Caltun-See – Refugio Scara (ca. 6,5 Std.)

Die Nacht verlief ruhig und lautlos. Wie in den Nächten zuvor war wieder dicker Nebel aufgezogen, der alle Geräusche zu schlucken schien. Da uns heute eine schwere Etappe mit viel Kletterei bevorstand, brachen wir schon in der Morgendämmerung das Zelt ab und machten uns bei Sichtweiten von unter 10 m auf den Weg zur „Strunga Dracului“, der Drachenschlucht! Der Name war in der Tat gut gewählt: als wir nach einer knappen Stunde am Fuße der kamin-artigen Drachenschlucht standen, erschauderten wir vor den zackigen Felsen, die sich über unseren Köpfen nahezu senkrecht nach oben wanden. Das ganze Ausmaß des „Drachens“ war wegen des Nebels nicht zu erkennen, aber wir wussten, dass es nun einige Höhenmeter ziemlich gerade nach oben gehen würde.
Dieser Kamin ist anscheinend die schwierigste Kletterpassage auf dem gesamten Karpatenkamm. Junge Rumänen hatten uns vor einigen Tagen gewarnt, dass wir die Schlucht auf keinen Fall bei schlechtem Wetter gehen sollten! …. In einem solchen Fall solle man dann lieber eine längere, aber einfachere Ausweichroute nehmen. Auf dem ganzen Herweg hatten wir dann gerätselt, ob Nebel „schlechtes Wetter“ ist. Wir beschlossen dann aber, uns wenigstens den Einstieg mal anzuschauen. Der sah zunächst recht gut aus: viele Griffe und Stahlseile zum Festhalten. Noch einmal sahen wir andächtig den Zacken hinterher, wie sie hoch über unseren Köpfen im Nebel verschwanden. Wir zögerten kurz…doch das Abenteuer lockte uns – und schließlich ist Hochklettern meist auch gut machbar.
Es stellte sich dann bald heraus, dass die feuchten Felsen ein Klacks gegen das Problem unserer schweren Rucksäcke waren. Kletterpassagen mit 20 Kilo-Rucksäcken sind wirklich nicht einfach. Freundlicherweise hatte man vor vielen Jahren ein paar Ketten angebracht, an denen wir uns hin und wieder entlang hangeln konnten. Es gab immer auch super gute und viele Griffe im Fels, so dass man die Kette nicht wirklich braucht. Ich fand es einfacher, mich am Fels festzuhalten, als mich an der rutschigen Kette hochzuhieven. Dennoch kamen wir nicht umhin, einige Male die Rucksäcke abzusetzen und sie separat im Teamwork über die schwierigsten Passagen zu wuchten. Dabei mussten wir wiederholt auf allen Vieren über den rutschigen Stein kriechen und unsere Kleidung bekam dadurch auch endlich mal einen abenteuerlichen Look verpasst. Und auch unsere Rucksäcke haben heute noch etliche Schleifspuren von dieser Aktion. Da ich nicht wirklich groß bin, waren einige Tritte einfach zu riesig und einmal hatte ich mich so blöd verstiegen, dass Andi mich von oben am Rucksack hochziehen musste. Ich war dann doch froh, dass wir die einzigen hier waren…. Wir kamen langsam voran, es machte aber einen riesigen Spaß. Und wir konnten nicht so ganz verstehen, wieso so eine Panik verbreitet wird. Soo schlimm wars nicht. Aber da die Karpaten ansonsten technisch überhaupt nicht anspruchvoll sind, ist diese Strecke im Vergleich natürlich schon heikler.
Zu guter Letzt fing es dann auch noch an richtig zu regnen, aber da wussten wir zum Glück schon, dass es nicht mehr weit sein könnte ..und zack war auch schon der schwierigste Teil der Karpaten vorbei: der Schlund öffnete sich und wir standen ganz unvermittelt auf einem Schotterfeld. Dann noch mal 20 Minuten entspanntes Gehen und wir standen auf dem Negoiu, dem zweithöchsten Berg Rumäniens, von dem man laut Uli eine herrliche Aussicht nach Siebenbürgern und auf den Karpatenkamm haben soll. Das stimmt wahrscheinlich auch. Leider konnten wir nur die herrliche Rundumaussicht auf den Nebel genießen.
Beim Abstieg trafen wir auf eine slowakische Ausgabe der Hotpant- und Turnschuhfraktion. Sie sahen ganz und gar nicht glücklich aus und fragten uns mit hoffnungsvollen Blicken, ob wir ihnen etwas Wasser geben könnten. Auf der Hütte hätte man ihnen heute Morgen etwas von einer Quelle erzählt, die sich hier in der Nähe befinden sollte. Daraufhin hatten sie sich mit 2 1l-Flaschen (für 5 Personen!) auf den Weg gemacht. Der Nebel hatte dann sein Übriges dazu beigetragen, dass die Quelle verschollen blieb. Zum Glück hatte Andreas heute Morgen mehr Wasser als sonst in seinen Rucksack gepackt und so konnten wir uns etwas an dem herrlichen Wohltäter-Gefühl laben, als wir der Truppe ihre Flaschen füllten. Da es recht kalt war, hatten wir davon auch wenig getrunken und freuten uns überdies über den unerhofften Gewichtsverlust in unserem Gepäck.

Nun folgte das sog. „Kirchendach“: ein felsiger Sattel, über den man den Nachbargipfel vom Negoiu erreicht. Auch hier waren wir vorgewarnt worden, dass es nun etwas kraxeliger zugehen würde. Trotzdem waren wir überrascht, als wir wenig später mit unseren Rucksäcken über diverse Felsplatten robben mussten. Zu allem Überfluss setzte auch wieder der Regen ein. Mit den Ponchos war die Angelegenheit dann noch wackeliger und an sich harmlose Passagen wurden nun zu waghalsigen Aktionen mit langem Suchen nach dem perfekten Fußtritt. Dieser Teil zog sich ewig hin und dank Regen und Kälte fielen mal wieder alle Pausen flach. Ich verlor so langsam wirklich alle Lust bei der stundenlangen Kraxelei über Blockhalden und auf rutschigen und schmierigen Pfaden und träumte mich an den Strand von Mallorca in ein All-inclusive-Hotel. Scheiß Idee, dieser Urlaub! Ein großer Dank geht hier an unseren virtuellen Reiseführer Uli, da wir aufgrund seiner Beschreibung die schlimmste Schluß-Passage des Kirchendachs umgehen konnten. Das war uns nur Recht, weil wir ungefähr auf der Mitte des Kirchendachs zwei Tschechen (mit Turnschuhen) trafen, die diese Passagen kurz zuvor hinter sich gebracht hatten. So hätten sie ihre Rucksäcke zum Teil separat abseilen müssen, weil einige Abschnitte so anspruchsvoll gewesen waren.
Ulis „Schleichweg“ ersparte uns dies zum Glück und auf einem schmalen Trampelpfad ging es nun eine matschige Wiese senkrecht hinauf. Inzwischen waren wir beide völlig abgekämpft. Aber wie jedes Mal, wenn uns in den Karpaten die Lust zu verlassen drohte, hatte auch dieses Mal wieder der Berggott ein Einsehen: als wir das Kirchendach hinter uns gebracht hatten und den nächsten großen Gipfel erklommen hatten, ließ der Regen wie auf Kommando nach und die Wolken gaben die Sicht frei auf eine ziemlich geile Aussicht in das Flache siebenbürgische Land und auf Nebelfetzen-umwehte Nachbargipfel. Und vor allem auf den recht sanften weiteren Weg über Grasmatten. Wir hatten den schwierigsten Teil der Karpaten überstanden!
Hier oben kam uns ein älteres Ehepaar entgegen: v.a. der Mann war bereits ziemlich K.O. und beklagte sich über Kälte und Müdigkeit. Unsere Nachfragen ergaben, dass sie den größten Teil der Tagesetappe noch vor sich hatten: sie wollten über das Kirchendach zum Negoiu und dann auch noch die Drachenschlucht hinunter. Da uns die beiden Leid taten, versuchten wir den Weg so rosig wie möglich zu beschreiben…
Als „Dankeschön“ übernahmen wir von ihnen den nassen Hund, der ihnen anscheinend seit dem Morgen vom Refugio aus gefolgt war. Nachdem ich ihn mit ein paar Zipfeln meiner Gipfel-Feier-Wurst gefügig gemacht hatte, lief er mit uns über die Grasmatten bergab und ließ seine alten Herrchen allein über das Kirchendach krabbeln. Vielleicht, so dachten wir uns später, macht er die Tour ja auch jeden Tag so: mit einer Partei bis zum Kirchendach, und von dort mit der erstbesten Gegenpartei zurück. Und dazwischen solange nerven, bis irgendein Krümel abfällt.
Der nun folgende Abschnitt war wieder geprägt von herrlichen Grasmatten und damit fest in der Hand der Schafe und ihrer Hirten. Das Ehepaar hatte uns gerade erzählt, dass die Hänge hier sanft genug ansteigen, dass der Bär des Nachts herauf kommt und sich hin und wieder ein Leckerbissen gönnt. Daher schied dieser erste Sattel zum Schlafen aus und wir machten uns auf zum zwei Stunden entfernten Refugium. Die Schafherden wurden wie gehabt durch eine Vorhut aus kläffenden und knurrenden Hunden angekündigt. Doch fühlten wir uns diesmal sicher, hatten wir doch nun unsere Privat-Bulldogge dabei, die uns wegen besagter Wurstzipfel ja noch einen Gefallen schuldig war. Naja, das Ende vom Lied war dann das, dass die Töle uns im Angesicht von 5 kläffenden Hirtenhunde anscheinend nicht mehr kennen wollte. Erst ein paar gezielte Pfiffe des Hirten brachten das Rudel von ihrer Mordlust ab und wir entrichteten dankbar das Schutzgeld in Form von Zigaretten an den Hirten. Die Judastat unseres vierbeinigen Begleiters aber vergaßen wir nicht und konnten ihn zum Glück bei der nächsten uns entgegen kommenden polnischen Truppe „entsorgen“.
Das Refugio ließ zum Glück nicht mehr lange auf sich warten. Wir waren 6 Stunden fast ohne Pause gekraxelt, ziemlich nass und einfach nur noch müde. Das Refugio war recht enttäuschend – eine große Hundehütte aus Blech. Außen mit Seilen am Boden verankert (damit sie nicht wegfliegt?) und innen zusätzlich mit Tonnen von Müll beschwert. Wir machten uns erstmal einen Tee und überlegten, ob wir hier bleiben oder noch 3 Stunden weiter bis zum nächsten See laufen sollten. Obwohl die Stimmung überhaupt nicht heimelig war, entschlossen uns, zu bleiben. Warum sollten wir uns in den letzten Tagen noch hetzen. Wir suchten in der nun wieder dichten Nebel-Suppe nach einem freien Zeltplatz – die meisten waren auch hier bereits belegt. Aber es gab noch einen letzten freien Steinkreis den wir – nun schon geübt – von Konservendosen, Essensresten und anderen undefinierbarem Zeugs (bzw. wollten wir nicht genauer drüber nachdenken) säuberten. Das Hubba-Hubba-Zelt war schnell aufgespannt und wir wollten uns gerade vor der depressiven Nebelstimmung in den warmen Schlafsack flüchten – als plötzlich die Sonne „aufging“. Von einer Sekunde auf die andere hatte die Sonne den Wolken den Laufpass gegeben und deckte nun den Platz um das Refugio mit herrlich intensiver Höhenstrahlung ein. Keine zwei Minuten später waren bereits alle aus ihren Zelten hervor gekrochen und fingen nun damit an, jeden freien Flecken um das Refugio mit irgendeiner Art feuchter Kleidung zu belegen – alle wollten sie nun schnell ihre Sachen trocknen, bevor das Karpatenwetter erneut zuschlagen würde. Auch wir rissen uns buchstäblich die nassen Klamotten vom Leib und konnten nur zwei Stunden später alles wieder schön trocken einpacken. Außerdem nahmen wir das Kaiserwetter zum Anlass, quasi den „Sonntagsbraten“ aus unserem Proviant zu kochen: den Hirschtopf vom Globi mit einer Globi-Mousse au Chocolat zum Nachtisch!





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So langsam gewöhnen wir uns an den allmorgendlichen Nebelaufbruch...



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Der Einstieg in die Drachenschlucht



Ein paar Eindrücke aus der Drachenschlucht:

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Geschafft, das ist das obere Ende



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Unser nächster höchster Berg, der Negoiu (2535 m)

Schmetterling
06.01.2010, 19:21
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Mühsam gehts übers Kirchendach


http://img339.imageshack.us/img339/9674/cimg0264k.jpg
Wer hat bloß den Weg durch diese Spalte gelegt!


http://img339.imageshack.us/img339/7207/img2897k.jpg
Wer kann bei diesem Blick schon widerstehen...


http://img339.imageshack.us/img339/9981/cimg0266k.jpg
Aussicht nach Norden


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Refugio Scara

http://img229.imageshack.us/img229/3908/img2915k.jpg
Trauriger Anblick des Zeltplatzes...


http://img215.imageshack.us/img215/4016/cimg0267k.jpg
...der sich wie immer relativiert, sobald die Sonne rauskommt


http://img215.imageshack.us/img215/7028/cimg0269k.jpg
Mal wieder allgemeine Trockenaktion


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Wozu Wanderstöcke nicht alles gut sind...

Gassan
06.01.2010, 20:24
Ach ja die Strunga Dracului, Da hatten wir letzten Sommer auch unseren Spaß mit.

Allerdings mit der besonderen Schwierigkeit, dass wir auch noch den Hund der uns schon 5 Tage folgte, da irgendwie durchschleusen mussten :D

ProgHippie
09.01.2010, 22:09
fantastischer bericht, danke!

werde sonst auch mal was zum retezat schreiben...

falk66
10.01.2010, 09:12
Sehr, schön. Ja das mit dem Schleichweg erspart einem doch noch ein paar Unannehmlichkeiten. Wir entdeckten ihn damals leider erst vom Serbota-Gipfel. Und dort hockte genau so ein Hund, das war vor 16 Jahren!

Gruß
Falk

Asterixhuetchen
11.01.2010, 22:54
Schöner Bericht, Danke!!

Schmetterling
17.01.2010, 13:54
Danke für eure netten Rückmeldungen!

@ProgHippie: Ja, bitte schreib was drüber! Die osteuropäischen Ziele sind hier echt unterrepräsentiert.

So langsam neigt sich unsere Reise dem Ende:

16. Tag Refugio Scara – irgendein Sattel am Fuß des Tătaru (ca. 7 Std.)

Der übliche Nebel schlug erst in der Nacht wieder zu und so machten wir uns erneut bei Sichtweiten unter 10m an eine der letzten großen Etappen. Laut Beschreibung ließen wir diverse Gipfel links (im Nebel) liegen und machten, da es ja nichts zum Sehen gab, gutes Tempo. Auch der letzte Blick zurück auf die hohen Gipfel blieb uns leider verwehrt. Schade, wir hätten so gerne einen letzten Blick zurück geworfen, um Abschied zu nehmen! Zwar hat es durchaus was für sich, wenn man in so einer Nebelwatte vor sich hinstapft, die Luft riecht sehr intensiv und frisch, alle Geräusche werden ein bisschen gedämpft und man fühlt sich sonderbar behütet und die Freude, wenn man durch ein paar Nebelfetzen hindurch mal einen kurzen Blick auf das grüne Tal unter einem oder den grauen Berg über einem erhaschen kann ist natürlich doppelt so groß, als wenn man diese Aussicht die ganze Zeit über gehabt hätte.
Dennoch, Laufen im Nebel ist auf Dauer echt langweilig und die Tatsache, dass heute der letzte Tag in dieser Nebelsuppe sein würde, beflügelte unsere Schritte. Schon bald unterschritten wir die 2000 m-Grenze. Plötzlich kamen uns innerhalb von einer Stunde eine stattliche Anzahl an Wandergruppen entgegen – Rumänen, Slowaken, Tschechen, Ungarn. Alle waren frohen Mutes und die meisten wollten immerhin bis zur Plaul Foii wandern. Wir taten unsere Pflicht, stellten im Gespräch die Wanderung als so angenehm wie möglich dar und versprachen schönes Wetter ab dem nächsten Tag. Skeptische Blicke konnten wir aber ob der zahlreichen Hotpants, Turnschuhe und Plastiktüten auch dieses Mal nicht ganz verbergen. Vielleicht sind wir aber auch bloß westeuropäische Weicheier, denen immer noch der Schock ihres ersten Berggewitters in den Gliedern steckt. Jedenfalls beneideten wir sie nicht wirklich um die vor ihnen liegenden Etappen und um den Nebel.
Für uns ging es hingegen unaufhaltsam immer weiter bergab. Ich muss gestehen, dass ich mich über jeden Meter freute, den wir weiter nach unten kamen. Die letzten Tage hatten wir fast ständig gefroren und auch heute war es wieder so kalt, dass ich meine langen Unterhosen anziehen musste. Der Regen trug auch nicht gerade zur guten Laune bei. So stolperten wir weiter durch den dichten Nebel und stellten uns vor, was wir alles sehen würden, wenn wir was sehen könnten. Mittags gabs endlich mal wieder was Richtiges zu essen – ein Stückchen Käse und Wurst statt der ewigen Müsliriegel und Schokolade. Aber auch heute fiel die Pause wegen der Kälte sehr kurz aus. Immerhin ließ sich der Weg über die weiten Grasmatten sehr angenehm gehen und unsere Rucksäcke waren auch bedeutend leichter geworden.
Irgendwann durchbrachen wir endlich die untere Grenze der Nebeldecke, das Gras wurde höher und die Luft deutlich wärmer. Bei einer herrlichen Fernsicht hinaus auf Siebenbürgen schritten wir weit aus, überlegten uns kurz ob wir uns zur Feier des Tages aus den hier zahlreich wachsenden Düngerlingen (Pilze auf Kuhfladen mit z.T. interessanten Nebenwirkungen) am Abend ein Pilzeintopf kochen sollten, entschieden uns dann doch dagegen und liefen weiter mit herrlich froher Stimmung über saftig grüne Matten, die nun immer wieder von kniehohen Sträuchern durchsetzt waren! Was für eine Vegetationsvielfalt nach den vielen Tagen ohne Strauch und ohne Baum! Und erst diese Aussicht! Unsere Stimmung stieg sprunghaft an und wir schwebten förmlich. Auch unsere letzte Schafherde kreuzten wir mit Bravour.
Kurz vor Ende der Etappe kreuzte eine große und anmutige Herde aus Wildpferden unsere Bahn.
Heute hatten wir etwas Schwierigkeiten, den von Uli empfohlenen Zeltplatz zu finden und so musste Andi eine ganze Weile nach Wasser suchen. Das Nachtlager schlugen wir schließlich auf einer herrlichen Aussichts-Weide direkt an der Gebirgskante nach Norden auf von wo aus wir nach Sonnenuntergang am Horizont bereits die Lichter unseres ultimativen Ziels, Sibiu, aufleuchten sehen konnten. Wir wussten nicht, was überwog – Freude und Stolz darüber, es tatsächlich geschafft zu haben oder die Trauer, die letzte Nacht in der wunderbaren Einsamkeit vor uns zu haben. Wir genossen bei diversen Tees und Süßen Momenten (das Zeug muss schließlich weg!) ein letztes Mal die Aussicht, bevor uns die Kälte in die Schlafsäcke trieb.
Leider machte Andreas an diesem Abend doch noch meinen heimlichen Albtraum wahr und demolierte unser Hubba Hubba Zelt. Er hatte es in den letzten Tagen schon öfters auf eher tollpatschige Weise diversen Härtetests unterzogen, aber heute war es dann endlich so weit: gegen den stark blasenden Wind wollte er unbedingt eine dieser schicken Steinmauern um unser Zelt errichten; einer der Brocken kullerte dann von der Mauer herab und begrub eine Ecke des Zelts unter sich. Die Folge waren eine verbogene Stange und ein Riss im offenbar doch recht dünnen Stoff des Außenzelts. Naja. Die Stange konnten wir zum Glück leicht wieder gerade biegen und der Riss lässt sich ja vielleicht noch flicken.



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Schnell nochmal die Aussicht nach Norden genießen, bevor uns wieder der Nebel verschluckt



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Noch sind wir unter den Wolken


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Der Avrig-See, den wir gestern nicht mehr erreicht haben



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Suppe, Suppe, Suppe


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Von hier soll man angeblich einen letzten Blick zurück auf die richtig hohen Gipfel haben...



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Lecker Mittagessen vom Balea-See



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Die habens alle noch vor sich


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Langsam nähern wir uns der unteren Wolkengrenze


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Herrlich, endlich wieder ungetrübte Aussicht!



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Unsere letzte Schafherde



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Der letzte schöne Zeltplatz - mal wieder mit toller Aussicht

Schmetterling
17.01.2010, 14:54
Der letzte Tag!

Aussichtsweide - Turnu Rosu (ca. 4 Std.)

Der Morgen brachte ein letztes Shake-Hands mit einer Schafherde, die auf ihrem Weg hinauf zur Bergweide neugierige Blicke ins Zelt warfen. Da wir heute nur eine kurze Strecke hatten, schliefen wir mal so richtig ausgiebig aus und ließen uns ewig Zeit mit dem Abbauen, jeden Moment auskostend. Die Sonne schien - aber nur bei uns! He, he! Der Karpatenkamm in unserem Rücken hatte wie üblich sein Wolkenmäntelchen angelegt und wir dachten an all die tapferen Wandersleute, die sich in diesem Augenblick durch die Suppe tasten würden und dass wir bis gestern selber eine dieser tapferen Wandersleute gewesen waren. Ein erster Anflug von Stolz überkam uns und beschwingt marschierten wir nun hinab Richtung Turnu Rosu, der Endstation unserer Wanderung. Beschwingt auch deswegen, weil uns ein starker und eiskalter Sturm fast umwehte. Die Karpaten wollten uns den Abschied wohl leicht machen…
Der erste richtige Baum, ein verkrüppeltes braunes Etwas, wurde von Andreas herzlich und ausgiebig umarmt. So schlimm war es also schon geworden mit dem Vegetations-Entzug! Wir schossen tausend Bilder vom Tal, hatten vergessen wie schön grüne Bäume sein können und wie herrlich es ist, auf lauschigen Wegen im Sonnenschein auszuschreiten. Schon bald gelangten wir an die Kante und der endgültige Abstieg begann. Schon bald tauchten wir ein in den Nadelwald und nahmen Abschied von der Aussicht und den Bergen. Ich hatte Angst davor gehabt, die ganzen Höhenmeter nach unten zu müssen, weil ich Absteigen einfach nur qualvoll finde. Aber der Weg zog sich sanft dahin, schon bald durch einen lauschigen Buchenwald führend. Es wurde warm, die Sonne lachte und wir haben das Dahinschreiten nie so sehr genossen! Es war einfach nur genial! Bald konnten wir auch zum ersten Mal seit Tagen die kurzen Hosen auspacken, die sich irgendwo in die hintersten Ecken der Rucksäcke verkrümelt hatten. Fröhlich gaben wir Tipps an diverse Wanderkollegen, die uns entgegen kamen und versprachen für oben gutes Wetter – man will sie ja nicht gleich beim ersten Anstieg demotivieren… Einer Gruppe aus Tschechen blickten wir ungläubig hinterher, da der eine tatsächlich eine Axt (sicher ein gutes Kilogramm schwer) hinten an seinen Rucksack gebunden hatte. Wir sagten ihm nicht, dass er nur noch die nächsten Stunden etwas zum Hacken finden und die nächsten 10 Tage das Beil mehr als einmal verfluchen würde. Vielleicht war’s aber auch gegen die Bären gedacht. Oder zum rasieren. Wer weiß das schon…
Schließlich erreichten wir tatsächlich so etwas wie den Fuß der Karpaten: nach einem letzten heftigen steilen Abstieg wurde es ganz plötzlich flach und eine breite Fahrstrasse führte nun die letzten 5 km nach Turnu Rosu, von wo aus wir den Zug nach Sibiu nehmen wollten. Die Sonne brannte mittlerweile ganz schön herunter und bei der Ansicht eines kleinen Baches flogen auch schon unsere Wanderschuhe und Socken in alle Richtungen davon und wir stellten uns bestimmt eine Viertel Stunde in den kühlen Bach und genossen einfach das angenehme Gefühl, dass es nun bald geschafft sein würde. Nebenbei wuschen wir uns so gut es ging, um die Katzenwäsche der letzten Tage etwas zu kompensieren. Und ganz nebenbei ging auch die Schwellung in unseren Füssen ein wenig zurück. Ich glaube mich zu erinnern, dass wir sogar die letzten Wurstzipfel vom Balea See im Wasser stehend verputzten.
Die Fahrstrasse brachte uns ziemlich schnell der Zivilisation näher. Diese kündigte sich zunächst in Form eines Klosters an, an dem wir andächtig inne hielten und unseren Madonnen-Amuletten sowie dem Heiligen Wem-Auch-Immer dankten, dass sie uns auf dieser doch nicht immer ganz ungefährlichen Wanderung beschützt hatten. Alles war gut gegangen.
Bald darauf schlenderten wir durch die romantisch verträumten Gassen von Turnu Rosu und bewunderten die abenteuerlichen Gefährte, die hier unterwegs waren. Wir hatten eigentlich vorgehabt, hier eine letzte Nacht zu verbringen, um nicht gleich dem Trubel einer großen Stadt ausgesetzt zu sein. Nach eine ausführlichen Besichtigung mussten wir allerdings feststellen, dass es hier nichtmal ansatzweise eine Unterkunft gab. So schlenderten wir notgedrungen zum Bahnhof, der – wie das gesamte Dorf – ziemlich ausgestorben war. Mit seinen riesigen Ausmaßen erinnerte er an längst vergangene Zeiten, als hier wohl noch regerer Verkehr geherrscht hat. Im verwaisten Warteraum stand ein mächtiger Kachelofe, der von den klirrend kalten Wintern erzählte. Nach einigem Suchen fanden wir so etwas wie einen Fahrplan und stellten fest, dass wir noch zwei Stunden Zeit hatten, bis der nächste Zug nach Sibiu fahren würde. Was nun kam, können sich viele von Euch denken: wir stürmten die einzige Kneipe am Ort und bescherten ihnen das Geschäft ihres Lebens: wir kauften mehr oder weniger ihren gesamten Vorrat an Chips, Cola und Bier auf und verputzten diesen im „Biergarten“ an der Dorfstrasse. Dabei betrachteten wir schweigend und zufrieden diese herrlich idyllische Landschaft mit ihren unglaublich freundlichen und entspannten Menschen und stellten fest: das Leben ist schön!
Zwei Stunden später saßen wir mit gefüllten Bäuchen im Zug und zuckelten gen Sibiu. So lange wie möglich genossen wir einen letzten Blick auf den Karpatenbogen, der natürlich dicht mit Wolken verhüllt war und gedachten all der Wanderer, die sich nun durch den Nebel kämpften. Nach einer zweistündigen Fahrt kamen wir in Sibiu an, suchten uns eine nette Pension, enterten das nächste Restaurant, fraßen uns einmal durch die Speisekarte, tranken eine Flasche rumänischen Weins, genossen ausgiebigst eine Wellness-Dusche mit Rundum-Wasserstrahlen und fielen glücklich in das weiche Bett!



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Guten Morgen!



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Da gehts heute runter



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Der Blick zurück - Wolken!


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Die letzten Meter auf dem Kamm


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Pferde - eine schöne Abwechslung von den ganzen Schafen



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Der erste Baum!


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Der Wind war echt stark - man beachte das Handtuch

Schmetterling
17.01.2010, 15:15
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Da vorne an der Kante ist endgültig Schluss mit dem Kammweg


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Ist das nicht ein idyllischer Waldweg!



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Herzlichen Dank an all unsere Schutzgeister!



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Einmarsch nach Turnu Rosu



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Disco Total - hier steppt am Wochenende der Bär



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Der Bahnhof in Turnu Rosu


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Auch die Wartehalle ist verwaist



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Der letzte Blick zurück auf die Karpaten



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Fondue und rumänischer Wein zum Abschied, das ham wir uns verdient!

peter-hoehle
17.01.2010, 15:53
@Schmetterling

Ein sehr sehr schöner Bericht :popcorn:,der bestimmt
sehr viel Arbeit gemacht hat.Danke dafür.
Der Bericht ist 5sterne wert.mindestens

Gruß Peter

paddel
18.01.2010, 19:38
Vielen Dank für diesen absolut spitzenmäßigen Reisebericht! 5sterne5sterne5sterne

Schmetterling
19.01.2010, 21:56
Vielen Dank für die Blumen!

Ja, es kostet viel Zeit, aber es macht auch viel Spaß, da man die Tour quasi noch einmal laufen darf.

Hier gibts noch einen kleinen Nachschlag:


Epilog und Fazit

Da wir unsere ganzen Reservetage nicht benötigt hatten, hatten wir noch gemütliche drei Tage Zeit, die wir in Sibiu verbrachten. Wir nutzten die Zeit, uns die verlorene Pfunde mit dem sehr leckeren rumänischen Essen sowie in diversen Cafes wieder anzufuttern (was uns leider auch gut gelang...), alle Ecken dieser wirklich wunderschönen Stadt zu besichtigen, uns über die Geschichte von Siebenbürgen zu informieren und uns zum Abschied einen neuen Haarschnitt verpassen zu lassen (ist schließlich schön billig hier). Die Stadt ist - genauso wie Brasov - wirklich empfehlenswert. Sehr schön renoviert, aber mit noch genügend urigen Ecken. Einen Tag widmeten wir auch einem Besuch in Sighisoara, was ebenfalls sehr schön ist, wenn auch etwas überlaufen. Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir einen weiteren weißen Fleck unserer Landkarte tilgen konnten. In diesen Tagen entstand auch der Wunsch, das nächste Mal mit dem Fahrrad zu kommen, um Land und Leute besser kennen zu lernen. Das mit dem wild campen dürfte hier ja kein Problem sein! Mal sehen, irgendwann...

Und hier noch ein kleines Fazit:

Ausrüstung: Da wir uns wirklich ewig vorbereitet hatten, hatten wir nichts wirklich Überflüssiges dabei. Bis auf die leidigen Ponchos kann fast alles genau so wieder mit auf Tour. Aber dass Ponchos und Berge nicht zusammen passen, wussten wir ja auch schon vorher. Unsere persönlichen Highlights waren die Stöcke (nie mehr ohne mit so viel Gepäck!), die Source-Wasserbeutel (super klein, wenn man sie nicht braucht und super praktisch, wenn man Wasser transportieren will), die Berghaferln (einfach universell einsetzbar), Gamaschen und das inzwischen heißgeliebte Hubba Hubba-Zelt (ein kleines leichtes Raumwunder).
Verbesserungswürdig ist neben den Ponchos noch der Kocher. Der Primus Omnifuel ist doch etwas überdimensioniert. Nächstes Mal gibts nen kleinen Gaskocher. Die Globi-Blaubeersuppe war auch irgendwie bäh (pappsüß, oder vielleicht wars auch nicht kalt genug). Andi meinte noch, dass ein Leatherman wohl doch besser gewesen wäre als das Taschenmesser. Ich kann mich da jetzt an keine Situation erinnern, aber er sucht ja schon langen einen Grund, sich einen zu kaufen... Ach ja, die Schufrage für abends ist auch noch geklärt: Tevas sind viel zu schwer, Flip Flops irgendwie total scheiße, wenn man Socken anziehen will und die 3 Euro-Schaumschlappen aus dem Woolworth waren auch ziemlich lebensgefährlich... Also wenn hier noch jemand Tipps hat, immer her damit!

Anspruch: Der Kammweg wurde in all den spärlichen Informationen immer als "sehr anstrengend", "sehr belastend für die Knie" beschrieben. Das stimmt schon, es war dann aber als nur halb so schlimm wie befürchtet. Der Weg ist technisch (bis auf eine Etappe) nicht anspruchsvoll und in dieser Hinsicht nicht mit den Alpen zu vergleichen. Die Schwierigkeit liegt eher darin, dass man Zelt und Essen mitnehmen muss (die Hütten sind meist unerreichbar weit unten), dass man viel Wasser schleppen muss (bei uns waren es immer 2-3 Liter) und dass es tatsächlich ständig hoch und runter geht. Dazu kommt auch das extrem unberechenbare Wetter mit seinen blitzartigen Umschwüngen. Dafür hat man bei schönem Wetter eine fantastische Sicht! Vielleicht liegt die obige Beschreibung auch daran, dass der Durchschnittswanderer den Haupt-Kammweg in 4-5 Tagen zurück legt. Wir haben uns neun Tage dafür Zeit gelassen und es nicht bereut. Soll ja schließlich Urlaub sein!
Das Wasser war eigentlich nie ein Problem: an jeder "Campingstelle" gibt es irgendwo Wasser und oft hat jemand auf die Schutzhütte einen Pfeil in die entsprechende Richtung gepinselt. Etwas absteigen muss man allerdings meistens.

Müll: Leider gibt es sehr viele Müllberge da oben. Immerhin sind es meist Müllberge, d. h. der Müll wird an einer zentralen Stelle aufgetürmt. Trotzdem sehen diese riesigen Haufen verrostender Konservendosen nicht schön aus. Überhaupt haben wir uns gefragt, warum die Leute Konservendosen mit da hoch schleppen. Dieses Gewicht! Aber wir sind optimistisch, dass mit steigenden Touristenzahlen sich da was tun wird. Dauert eben ein Weilchen. Ein "Müllproblem" anderer Art ist das Nichtvorhandensein von Klos. Das macht mir an sich nichts aus und es ist ja auch logisch. Aber führt dazu, dass an manchen gut besuchten Übernachtungsplätzen jeder einzelne lose Stein "besetzt" ist. Was man da tun könnte, weiß ich auch nicht. Zumindest das Papier könnte man ja verbrennen.

So, jetzt aber genug gelästert! Alles in allem war es eine tolle Einstiegstour in unser künftiges Wanderleben. Mal sehen, was die Zeit noch alles bringt.

falk66
22.01.2010, 13:51
Es hat mir Freude gemacht den Bericht zu lesen, vor allem war es mal eine super Rückmeldung auf Ulis Wanderführer, müsste man direkt dazupacken :D
Zwar scheint sich einiges geändert zu haben, aber dann auch wieder doch nicht.
Vielen Dank

Falk

Vegareve
22.01.2010, 14:41
Toll, Berichte von Deutschen über meine Heimat zu lesen:p. Letzten Sommer war ich auch auf dem Negoiu. Balea See-Zone habe ich vermieden, nach allem was da gebaut wurde...

Was ich (für euch) Schade finde ist, dass ihr, dem Plan nach, nicht den ganzen Kamm des Königststeins gemacht habt. Ist ja auch kein Weg mit 20 Kilo Gepäck zu machen, viel zu exponiert. Aber sehr schön, Königsstein ist mein lieblings Berg, man muss es nur in Ruhe und leichter erkunden.

Was die Serpentinen betrifft: ich war viel mehr in die Karpaten als in die Alpen unterwegs, aber es kann schon was dran sein. Die Rumänen sind ja allgemein direktere Menschen:p, es ist tatsächlich so, dass man in Rum. schneller Höhenmeter gewinnt, weil der Weg nicht so viele Schleifen macht. Mir ist auch lieber so, in Südtirol haben wir mal 4 Stunden für 1200m Abstieg gebraucht:roll:.

p.s. Für Karpatenliebhaber auch sehr zu empfehlen ist der Retezat Massiv (Nationalpark).

Vegareve
22.01.2010, 14:45
Ach ja, noch zwei Sachen:

1. in Bucegi habt ihr mit den Bären mächtig Glück gehabt, gerade in den letzten 2, 3 Jahren ist es vermehrt zu Unfällen/Attacken/Tode gekommen. Zelten in Bucegi gilt jetzt schon fast als lebensmüde:bg:. Ich hoffe, das wird sich bald beruhigen (sie versuchen, die Bären in anderen Regionen umzusiedeln:o).

und 2. sorry für die Müllberge und und und, es gibt auch immer Gründe, sich für seine Landsleute zu schämen.

volx-wolf
22.01.2010, 14:53
Sehr schöner Bericht - da werden Erinnerungen wach!

Danke!!!


Vor allem auch für die Ausführlichkeit der Schilderungen.

btw: Habt Ihr Eure Tour per GPS aufgezeichnet und würdet die Daten hier evtl. einmal hochladen. Weniger zum konkreten "danach laufen", als mehr, um damit in google earth "zu spielen".

@vegareve
Ich glaube, dass hat wenig mit Deinen "Landsleute" zu tun.
Die Dosen dort sind/waren rumänisch, deutsch, tschechisch und polnisch beschriftet. Die Umweltschweine kommen aus ganz Europa.
Wobei ich, als ich das letzte Mal im Fagaras war, den Eindruck hatte, dass in den letzten Jahren weniger neuer Müll dazugekommen ist - es also eher alter Unrat war.

Gassan
22.01.2010, 17:03
und 2. sorry für die Müllberge und und und, es gibt auch immer Gründe, sich für seine Landsleute zu schämen.

Ja so wie die Hanswürste die dann "la iarba verde" fahren ihren ganzen Kackplastikmüll da lassen und ihr Auto im Bach waschen.

Ich hab mich schon mal mit so einem geprügelt...:bg:

Schmetterling
22.01.2010, 20:10
Schöön, so viel Rückmeldung, danke!!

Ich würde ja gerne gleich meinen Senf zu euren Kommentaren geben, aber das muss leider bis nächste Woche warten. Ich muss packen, weil ich die nächsten drei Tage im Pfälzer Wald lustwandeln will...

Vegareve
22.01.2010, 20:25
Ich hab mich schon mal mit so einem geprügelt...:bg:

Ich hoffe, Du hast gewonnen ;-)

Schmetterling
27.01.2010, 21:15
Hallo!
Bin heil von meiner Pfälzer Power-Walking-Tour zurück.

@ Vegareve
Ja, den Königsstein hätten wir gerne noch mitgenommen. Wir hatten auch extra einen Tag dafür eingeplant, um ihn in einer (langen) Tagestour zu begehen. Leider ging uns durch die Schuh-Geschichte ein Tag verloren und als wir dann in Plaul Foii waren, waren wir so kaputt, dass wir auf die extra Tour verzichten mussten.

Die serpentinenlosen Wege haben wir nach ein paar Tagen auch zu schätzen gelernt: man kommt halt trotz Schneckentempo verdammt schnell nach oben.

Wegen der Bären haben wir gehört, dass die nur im Bucegi sind. Wir haben da aber nicht gezeltet, sondern auf dem Leaota-Kamm. Da die beiden Gebirgszüge aber ineinander übergehen, weiß ich nicht, ob die Bären nicht rüberwandern. Anscheinend sollen die wirklich wilden Bären ja auch gar nicht das wirkliche Problem sein, sondern die, die da sind, wo sich die Touristen ballen. Und im Leaota wars ziemlich einsam. Vielleicht hatten wir auch nur Anfänger-Dusel…


@volx-wolf
Ich hab grad gemerkt, dass die Google-Earth-Datei zu groß ist, um sie anzuhängen. Gibts da noch andere Möglichkeiten? Ansonsten schicke ich sie jedem, der sie haben will, per PN.

Der Track ist eider, leider erst ab Podu Dambovitei. Ab da hatte Andi nämlich den Trick raus, wie man das GPS startet, ohne die alten Tracks zu löschen…


Bei dem Müll hatten wir auch den Eindruck, dass es vor allem alte Dosen sind. Die da weg zu bringen würde auch eine schöne Stange Geld kosten. So rosten sie halt vor sich hin.

Gassan
27.01.2010, 21:46
Wegen der Bären haben wir gehört, dass die nur im Bucegi sind. Wir haben da aber nicht gezeltet, sondern auf dem Leaota-Kamm. Da die beiden Gebirgszüge aber ineinander übergehen, weiß ich nicht, ob die Bären nicht rüberwandern. Anscheinend sollen die wirklich wilden Bären ja auch gar nicht das wirkliche Problem sein, sondern die, die da sind, wo sich die Touristen ballen. Und im Leaota wars ziemlich einsam. Vielleicht hatten wir auch nur Anfänger-Dusel…




Schon nur am Königsstein, so klein er auch ist leben ca. 40 Bären. Das ganze kannst du dann auf ein großes Massiv wie das Fagaras hochrechen. Bären sind da unten wirklich so gut wie überall.

Wafer
07.03.2011, 12:18
Hallo Schmetterling.
Toller Bericht! Ich finde es sehr gut, dass die Karpaten thematisiert werden. Gerade die Gebirge in Osteuropa sind sehr schön, ursprünglich und weitgehend unbekannt.

Ich war im September 2010 im Fogarasch (Făgăraş) und Paltinisch (Păltiniş) unterwegs und war angenehm von Wegzustand und Infrastruktur überrascht. So war ich als Basislager unter anderem in der Freizeitanlage und Fischzucht Albota (http://www.albota.sobis.ro) das übrigens über eine ausgezeichnete Küche verfügt. Der Besitzer ist Deutscher und hat seine Homepage auch auf Deutsch mit ein paar Tourenvorschlägen bereitgestellt. Hier im Bild ist der Blick über die Fischzucht mit den separaten Unterkunftshäuschen hinauf ins Arpasel-Tal mit dem Hauptkamm des Fogarasch zu sehen.
http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/500/Blick_ber_Albota.jpg (http://www.outdoorseiten.net/fotos/showphoto.php?photo=25001&title=blick-ueber-die-fischzucht-von-albota&cat=500)
Die Wanderwege von dort aus sind zwar nicht so 'ausgetrampelt' wie in den Alpen aber trotzdem gut gepflegt und markiert. Wir sind z.B. von dort (590 m) das Arpasel-Tal hinter bis zu einer kleinen Schutzhütte auf ca. 1.600 m. Erst durch den Wald und dann über die Heidefelder. Im vergangenen Jahr waren einige Bäume auf den Weg gefallen, die beseitigt worden sind oder es wurden auch kleine Brücken gebaut wenn der Weg weggespühlt worden ist oder unpassierbar wurde.
[img-l]http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/500/Wanderweg_im_Aspertal.jpg[/img-l] (http://www.outdoorseiten.net/fotos/showphoto.php?photo=25003&title=gut-gepflegter-wanderweg-im-arpasel-tal&cat=500)
Das ist nun nicht gerade eine Hauptroute und trotzdem wirklich gut in Schuss!
Leider hat uns das Wetter zum Umkehren gezwungen. Eigentlich wollten wir noch über den Pass zum Balea-See (Bâlea Lac) aber es zogen Wolken auf die doch sehr gewittrig wirkten. Auf dem Rückweg wurden wir dann 'nur' nass. Aber das weiss man vorher leider nie. So sind wir dann auf dem Weg zum Paltinisch noch mit dem Auto zum Lac hochgefahren und sind auf den Grat hoch um uns den Weg auch von dieser Seite an zu sehen. Auch hier waren die Wege gut gepflegt. Die Ausicht von dort war gewaltig. Dadurch, dass die Südkarpaten nicht sehr breit sind und eigentlich nur aus dem einen schmalen Kamm bestehen ist die Panoramasicht unvergleichlich.
[img-l]http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/500/Strasse_zum_Balea_Lac.jpg[/img-l] (http://www.outdoorseiten.net/fotos/showphoto.php?photo=25002&title=blick-vom-balea-lac-nach-norden&cat=500)
Hier der Blick vom See über die Strasse nach Norden.

Der Paltinisch liegt etwas westlicher und gehört auch noch zum südlichen Karpatenbogen. Er kommt vom Charakter her eher nach dem Schwarzwald. Hier gibt es Bereiche, die durchaus schon die Zeichen der Zeit erkannt haben und ihre Liftanlagen von Doppelmayr aufrüsten lassen. :-(
Bei Wanderungen dort haben sich immer ein paar Hunde bei uns eingefunden, die uns begleitet haben. Gefährlich war von denen aber keiner (was nicht heißt, dass das immer so ist!). Anspruchsvoll waren die Wanderungen hier weniger. Aber Landschaftlich deswegen nicht uninteressanter. Mehrtagestouren sind - wenn gut geplant - auch hier gut machbar. Es gibt immer wieder Hotels und Pensionen weil das Gebiet unter anderem auch von Sibiu über die Strassenbahn nach Răşinari oder auch mit dem Auto gut zu erreichen ist und sich daher eine touristische Infrastruktur entwickelt hat. Zum Warmlaufen oder ausklingen lassen wenn man noch ein paar Tage 'über' hat ideal geeignet.

So, dass mal soweit von meiner Seite. Ich hoffe es werden sich noch viele finden, die in den Karpaten ihren Spaß finden!

Gruß Wafer

slownick
05.06.2011, 23:21
Hey Freunde, ich möchte mich am 18.06. auch auf die Kammwanderung entlang des roten Bandes begeben. Ich Plane eine 6 Tages-Tour. Ich dachte ich steige von Avrig aus ein (per Anhalter zum Fuß der Berge) und dann eben Start der Tour und hinauf auf den Kamm. "Oben" angekommen Richtung Osten, um dann auf Höhe des Stadt Fagaras am 6. Tag wieder abzusteigen.
Ist dies möglich in der Zeit und gibt es dort auch jeweils Wanderweg auf und ab vom Kammweg?
Anbei ein Screenshot, wie ich mir das gedacht habe:
http://www.imagerise.com/out.php/t1238174_Bildschirmfoto20110529um16.03.55.png (http://www.imagerise.com/show.php/1238174_Bildschirmfoto20110529um16.03.55.png.html)

Und welche Karte sollte ich dafür kaufen?
Ich finde leider nur Karten im großen Maßstab ab 1.60000, wie diese hier mit sogar 1:70000 http://www.mapsofbalkan.com/shop/product_info.php?products_id=80

Besten Dank
Nico

volx-wolf
06.06.2011, 08:02
Ja, Wanderwege zum und vom Kammweg gibt es genügend, besonders nach Norden hin.

Wanderkarten kannst Du z.B. in Sibiu/Hermannstadt auf dem Marktplatz in der Schillerbuchhandlung kaufen.
Oder direkt beim Verlag in Ungarn: www.dimap.hu Sie versenden schnell und zügig nach Deutschland, kostet allerdings 10,-€ Versandgebühr.

Einen Überblick über die Wanderwege kannst Du Dir auch auf einer der vielen im Netz stehenden Wanderkarten vom Fagaras verschaffen (hier bspw. (http://www.land-streicher.de/muntii_nostri_dateien/muntii_fagaras_gebirge_klein.jpg)).

Richtung Fagaras kommst Du, wenn Du z.B. über die ehemalige Cabana Urlea nach Breaza absteigst und dann den Bus nach Fagaras nimmst. Aber natürlich auch, wenn Du schon früher nach Norden absteigst.

Allerdings gebe ich Dir zu Bedenken, dass dort oben noch Schnee liegt, gewisse Erfahrungen damit also vorausgesetzt
Hier eine Webcam vom Lacul Balea und der Cabana Balea (http://www.jurnalul.ro/webcam/b-lea-lac-49.html) auf ~2000m, d.h. noch immer 500-900m unterhalb des Kamms.

tiwaz
15.10.2011, 20:50
Ich bin Ende September auch das rote Band entlang des Fagaras zusammen mit 5 Freunden gewandert und es war unbeschreiblich schön. Der Weg ist ausgezeichnet markiert und wir hatten noch dazu super Wetter.
Jeweils zu zweit hatten wir ein Zelt mit, und jeder hat für sich 3 Liter Wasser tragen müssen, weil einige Quellen durch den wenigen Regen ausgetrocknet waren.
Hirten und Schafe waren zu dem Zeitpunkt nicht mehr unterwegs und wir waren bei den Übernachtungen fast immer unter uns. Bären haben wir keine gesehen und uns auch nicht sonderlich darauf eingestellt, bis auf einen extra wasserdichten Essensbeutel, den wir beim Zelten in Waldnähe 50 m von uns rausgelegt haben.
Durch das vertrocknete Gras waren alle Berge kahl und optisch aus nackten Fels. Als ich jetzt deine Bilder nocheinmal angesehen habe, war ich erstaunt wie grün es dort sonst ist. Wir sind das Band in die andere Richtung gegangen und wohl ein paar Tage vor uns ist die Drachenschlucht im untersten Drittel komlett eingestürzt. Von oben wussten wir es noch nicht und dann wurde das Gelände immer schwerer und es kam ein mulmiges gefühl als wir nur über Felsschollen kletterten. Dann waren die aufgetürmt zu ende und unter uns sah man aus Erde und Staub einzelne Kettenreste herausgucken, und noch einige riesen Felsstücke mit Rissen 30 m über uns als Überhang hängen. Wir haben die nerven zusammengenommen und sind ruhig wieder hoch gestiegen und waren dann heilfroh wieder draußen zu sein.
Die Dracului ist damit Geschichte.
Die Umgehung dauert nur 10 min länger und wird sicher bald als rotes Band markiert.

Wir haben mit vielen Pausen und frühen Zeltaufschlagen 6 Tage zur Überquerung der Hauptkämme gebraucht. Ab 25 kg kann ich nur Stöcke empfehlen, denn es sind sehr lange Abstiege durch Felsen und Geröll dabei. Zelten ging immer wunderbar.

Gruß

volx-wolf
15.10.2011, 23:20
Oh ha!!!

Aber gut zu wissen.

Danke!

Vegareve
16.10.2011, 19:13
Oh, das wäre aber sehr schade, so eine berühmte Passage nicht mehr zu haben. Aber mal abwarten.


Edit: tatsächlich, die Strunga Dracului ist gesperrt, 2 riesige Felsen sind über die Route abgestürzt. Es ist wirklich das erste Mal dass ich von solch "Stein"fall in den Karpaten höre.....(und das im Sommer)

Abt
17.10.2011, 11:38
Wegen falschem Textbausteinen von mir herausgenommen. Seltsam seltsam!
Alibotusch

sarel79
28.02.2012, 19:11
Hallo Schmetterling, ich habe Euern Bericht bevor ich diese Seite entdeckt habe als PDF Version gelesen und war begeistert. Wir wollen es dieses Jahr genauso machen und deshalb wollte ich fragen, ob Du vielleicht eine Liste hast, mit den Dingen welche ihr dabei hattet an Ausrüstung?? Es wäre voll super. Wenn du so etwas hast, könntest du Mir dann eine EMail schreiben auf die private Nachricht


Lieb Grüße und danke für den tollen Bericht.

Grüßle aus Böblingen Sarah

ToniBaer
04.07.2012, 19:03
Finde es immer wieder schön diesen tollen Bereicht zu lesen. Danke. 5sterne

Ein paar kleine Frage hätte ich aber auch noch. Weiß zufällig jemand, wie die Handy-Netzabdeckung in dem Gebiet ist? Wenn nicht permanent, wie lang sind die Abstände dazwischen (nur ganz ganz grob)? Hat eventuell jemand aktuelle Informationen zur eingestürzten strunga dracului?

Viele Grüße
Toni

jakobh1
25.07.2012, 19:39
Möchte bald die gleiche Strecke nachlaufen. Könnt ihr mir sagen welche Karten ich für das "Rote Band" benötige? Die Seite wurde ja schonmal gepostet, ist aber etwas unübersichtlich. Vielleicht kann mir jemand helfen der die Strecke schon gegangen ist.

Edit:
Habe jetzt doch noch etwas gefunden. Kann ich davon ausgehen das die Karte "Carpathians' bend (five mountains)" ausreicht?

http://www.dimap.hu/webshop.html

Abt
25.07.2012, 20:21
Möchte bald die gleiche Strecke nachlaufen. Könnt ihr mir sagen welche Karten ich für das "Rote Band" benötige? Die Seite wurde ja schonmal gepostet, ist aber etwas unübersichtlich. Vielleicht kann mir jemand helfen der die Strecke schon gegangen ist.

Edit:
Habe jetzt doch noch etwas gefunden. Kann ich davon ausgehen das die Karte "Carpathians' bend (five mountains)" ausreicht?

http://www.dimap.hu/webshop.html

Fagarasch und Bucegi, evtl noch Königstein Karten bekommst du bei Mountainmaps
http://www.mapsofbalkan.com/shop/index.php/cPath/5_39

Die haben aber bald Betriebsurlaub, wie ich gerad erfahre.

volx-wolf
25.07.2012, 20:40
Möchte bald die gleiche Strecke nachlaufen. Könnt ihr mir sagen welche Karten ich für das "Rote Band" benötige? Die Seite wurde ja schonmal gepostet, ist aber etwas unübersichtlich. Vielleicht kann mir jemand helfen der die Strecke schon gegangen ist.

Edit:
Habe jetzt doch noch etwas gefunden. Kann ich davon ausgehen das die Karte "Carpathians' bend (five mountains)" ausreicht?

http://www.dimap.hu/webshop.html

Nimm lieber die einzelnen Karten für die drei Gebirge, insbesondere da bei der 5er der Fogarasch nicht dabei ist.

jakobh1
25.07.2012, 20:50
Nimm lieber die einzelnen Karten für die drei Gebirge, insbesondere da bei der 5er der Fogarasch nicht dabei ist.

Danke euch beiden für die Hilfe. Nach welchen "Gebirgsnamen" muss ich denn suchen bzw. wie heißen sie auf rumänisch (Bucegi Gebirge, Leaota Massiv, Fogarascher Gebirge) ?

Stein
25.07.2012, 21:42
Ich plane die Route in 3 Wochen anzufangen. Ich habe die "Fagaras Mountains" Karte. Im Westen ist noch Racoita drauf (dh. die 7km bis Turnu Rosu sind nicht eingezeichnet) und im Osten ist noch Lacul Pecineagu drauf. Dort ist es relativ weit(70km) bis nach Brasov. Also braucht man noch eine zusätzliche Karte im Osten. Aber gut das ich das Thema lese, jetzt weiß ich wenigstens, dass ich da noch Kartenmaterial brauche.

Was mich aber äußerst schockiert sind die 17 Tage die der Reisebericht umfasst. Im Wiki stand etwas von 11-12 Tagen. Ich hoffe diese Angabe ist einigermaßen korrekt. Vielleicht muss ich auch die faule Gondelabkürzung nehmen :)

Grüße Matthias

Edit: Ich sehe das eigentliche Rote Band fängt bei Tag 6 an. Insofern stimmen die Angaben doch überein.

Edit2: Alle Karten bitte unbedingt selber kontrollieren. Ich habe gerade in meine Buch geblättert und es scheint als gehen die auch noch weiter westlich als die Karte.

Abt
25.07.2012, 22:28
Schmetterling ist ja noch im Forum aktiv. Dort fragen kostet nichts.

Wir hatten da so etwas im "Komm Mit" gelesen, da ist jemand angeblich den Weg über alle 2500er im Winter in 21 Tagen von Sinaia bis Herculesbad gegangen. Wie auch immer, da muss m.M. nach logistische Ünterstützung dabei gewesen sein, sonst ist das nicht zu schaffen. Das war aber unser Vorbild, als wir über das Bucegi in drei Tagen, über die Dorfstraße von Bran nach Zarnesti und dann in sieben Tagen über den Fagaraschkamm gegangen sind. Wir sind wegen des Wetters aber jedes mahl hunderte Meter zu den Hütten abgestiegen, was uns besonders im Ostteil der Fagarasch-kammtour an unsere Leistungsgrenze gebracht hat.
Also Zarnesti--Forsthaus Rudaritza--Hütte Urlea--Hütte Simbata--Hütte Podragul--Hütte BileaLac--Hütte Surul--Olttal. Die Negoihütte konnten wir auslassen, da wir über das Kirchdach gegangen sind. Dann haben wir das Projekt abgebrochen wegen mangelnder Ausrüstung, fehlender Motivation und schlechtem Wetter.

SavinKuk
29.07.2012, 09:05
In die Karpaten will ich auch unbedingt mal. Euer Reisebericht macht Lust auf mehr. Vielleicht schaffe ich es im kommenden Jahr.

jakobh1
31.07.2012, 11:50
So, Karten sind bei mir angekommen. Schaut ganz gut aus :).

Hat zufällig jemand das "Rote Band" als GPS Tour? Schmetterling war wohl die letzten Wochen nicht mehr hier im Forum.

Stein
31.07.2012, 17:38
Auf gpsies.com kannst du mal guck. Ich weiß nicht genau was du mit rotem Band meinst, aber passt die?

http://www.gpsies.com/map.do?fileId=ymoqqbajvhlrvbrr&referrer=trackList

Welche Karten hast du den jetzt genau?

Schmetterling
06.08.2012, 17:14
Tut mir leid, ich hatte den Faden noch nicht abonniert, deswegen hab ich die neuen Einträge gar nicht mitbekommen. Die letzten drei Wochen war ich auch noch im Urlaub (Berichtchen kommt bald...).

Ich bin noch völlig gejatlagt, werde mich die nächsten Tage aber mal darum kümmern, eure fragen zu beantworten.

Faden ist jetzt auch noch abonniert.