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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [NO] Lofoten + Rago August '09 und eine Prise Chaos



Fjaellripan
11.10.2009, 20:13
Auftakt.

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Alles strahlt in einem tiefen, klaren Blau: der wolkenlose Himmel, das nahezu glatte Meer, die ferne Bergkette, die schärenreiche zerklüftete Küste nahe Bodø. Wir können es kaum fassen. Das Nordmeer wirkt so gar nicht rau und unberechenbar. Wir hauen uns in die Sonne und entspannen uns mit der Gewissheit in drei Stunden am Ziel zu sein – Moskenesøya, eine schroffe Insel draußen im Nordmeer, oberhalb des Polarkreises, ein kleines Gebirge, das steil mitten aus dem Meer aufragt.
Wir stimmen Lobsänge auf das Wetter an, da wird merken wir, dass es dunkler geworden ist. Um uns bricht eine Unruhe los, die Temperatur sinkt binnen Minuten um gefühlte 15 Grad, eine steife Brise hebt an die Gesellschaft zu verscheuchen. Müde reib ich mir die Augen, wie kann dat sein? Johannes hechtet zur Reling. „Seenebel hart Steuerbord!“ Stirnrunzelnd werfe ich ein Blick Richtung Lofotwand, die im Abendlicht leuchtend vor uns liegt, nur das wir das nicht sehen. Stattdessen ist da eine weiße Wolkenwand, die auf dem Wasser zu schwimmen scheint und wie eine Welle auf uns zurollt. Das Gehirn rattert, wo das denn plötzlich herkommt, und schon legt sich der Dunst wie ein Schwamm über uns. Die Wohnmobil-Opas und Bikini-Girls trollen sich, schlagartig ist das Oberdeck leer, nur einer von der Schiffsbesatzung versucht Ordnung in das zurückgelassene Gewirr von Liegestühlen zu bringen.
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Der Nebel scheint Zeit und Raum zu schlucken. Ich lehn mich wieder zurück.Wenn man nach oben guckt sieht man Wolkenfetzen, die über uns her rasen. Eine Gestalt löst sich aus dem Grau und steuert auf uns zu. Ein Typ aus Rostock, der schnacken will. Ob uns denn nich kalt is. Alter, wir wollen Outdoor-Urlaub machen, wenn wir dat nich aushalten, können wir uns ja gleich in den Maschinenraum verziehen und als blinde Passagiere so lange zwischen Lofoten und Festland hin und her gondeln, bis in zwei Wochen unser Zug zurück fährt. Nee nee… Der Mensch runzelt die Stirn, man sieht ihm förmlich an, was er denkt: Wie kann man so bekloppt sein und zwei Wochen draußen verbringen und durch die Gegend watscheln…
Nun ja, die Lofoten sind nun mal nicht das Trekkinggebiet Skandinaviens, doch gerade das ist es, was uns reizt, die Kombination aus steilen, schroffen Bergen, wie man sie im Fjäll nicht findet und dem gewaltigen Nordpolarmeer. Eigentlich hatte ich die Lofoten bei der Reisplanung zunächst ausgeklammert, weil ich an vielen Stellen gelesen hatte, dass sie von Touristenmassen überschwemmt sind, die durch die vielen Tunnelverbindungen zwischen den Inseln leichten Zugang haben. So sollte es zunächst auf die Vesterålen gehen, aber weil uns die Landschaft auf den äußeren Lofoten doch beeindruckender erschien und das äußere Lofotengebiet viele Wandermöglichkeiten auf engerem Raum bietet, als die weitläufigen Vesterålen haben wir uns dann doch anders entschieden.

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Die Ankunft. 5.08.09
Wie Jona im Wal, werden wir vom höhlenartigen Schiffsrumpf in die Freiheit gespieen. Wir klopfen die Beine wach, die sich nach 40 Stunden nur widerwillig aus ihrem Urlaub zurück melden. Zwischen einer Flut aus Kühlschränken, Omakutschen und Motorrädern stoßen wir vor und erkunden Neuland. Die Landschaft haut uns um. Denn durch den Nebel konnten wir nicht schon stundenlang vorher auf die Lofotwand gucken und uns an diesen Anblick gewöhnen. Wir freuen uns wahnsinnig endlich hier zu sein. Wir werfen einen Blick zurück: Der Seenebel klebt hartnäckig auf dem Wasser, an Land aber ist es klar und wolkenlos. Letztes Sonnenlicht malt die Gipfel golden. Da es schon nach neun ist, beschließen wir erst mal ein Nachtlager zu suchen. Selbiges finden wir unweit von Sørvågen in der Nähe des Einstiegs zum Wanderweg Richtung Munkebu. Wir suchen ein Plätzchen, an einem rauschenden Bach, wo keine Heerschar krakeelender Möwen Rabatz macht, und weihen Johannes Trangia-Kocher mit Tomatencremesuppe und Nudeln ein.

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Rollende Rucksäcke. 6.08.09
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Am nächsten Morgen stellen wir fest, dass der Nebel an Land gekrochen ist. Doch bis elf hat er sich wieder zum Wasser verzogen und bis zum Nachmittag hat er sich schließlich ganz aufgelöst. Das Resultat ist strahlender Sonnenschein und Hitze – man glaubt es kaum, denn als wir vor zwei Tagen in Norddeutschland gestartet sind, war es dort so kalt, dass man eine Jacke brauchte. Wir danken dem Golfstrom und setzen uns in Bewegung – Richtung Å. Dort sind wir auch recht schnell, nach etwa 45 Minuten Marsch. Wir schlagen sogleich den Weg Richtung Stokkvika ein und lassen Å Å sein. http://www.langtan.de/outdoor/bericht08.jpg[/IMG-L]
Der Weg schlängelt sich entlang des Sees Åvatnet durch ein Tal. Er ist gut markiert und mit zahlreichen Kletterhilfen ausgestattet. So ist es auch kein Wunder, dass schon bald die Schar an Wanderern zunimmt. Gegen eins erreichen wir den Sandstrand am Ende des Sees. Wir hauen uns hin und besprechen unseren Plan. (Auf dass ihn keiner nachmachen möge…)
Wir hatten uns im Voraus überlegt, dass wir, um den vielzitierten Massen an Tagestouries zu entweichen, die Pfade verlassen und in abgelegene Gebiete vorzudringen…
Johannes guckt skeptisch auf die Bergkette, die uns umgibt. „Bissen steil, wa?“
Nun ja, man kann es ja mal versuchen. Von hier jedenfalls kann man nicht einschätzen, wie steil das wirklich ist. Wir sehen den „offiziellen“ Weg zur Stokkvika, der im Zickzack in den Hang gefurcht ist und punktförmige Homo sapiens, knapp oberhalb der Baumgrenze. Linkerhand eröffnet sich ein breites Tal und zwischen den Gipfeln Gjerdtindan und Mannen ist der Bergkamm in etwa genauso hoch und so steil wie am Stokkvika-Pass. Der Plan ist zur Gjerdvika herüber zu steigen um an der Westküste entlang zum alten Siedlungsplatz Refsvika und zur Südspitze Hell vorzudringen.

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Unser Entdeckergeist gibt keine Ruhe. Ein wenig skeptisch bin ich doch angesichts der steilen Berge. Klar hab ich vorher Karten gewälzt und Höhenlinien studiert, aber wenn der Flachlandbewohner schließlich davor steht, muss er feststellen, dass die eigene Vorstellungskraft nicht sehr weit reicht. Tatsächlich sind diese Berge überhaupt nicht zu vergleichen mit allem, was ich von Skandinavien kenne.
Nun ja, dann wird’s halt noch etwas abenteuerlicher. Also die Rucksäcke geschultert um sich die Sache aus der Nähe zu besehen. Der Weg durch das dichte Birken- und Weidengestrüpp ist recht beschwerlich, Spalten zwischen den moosbewachsenen Felsblöcken werden frech vom Heidekraut passiert, Diesteln zerkratzen unsere in abgezippten Hosen steckenden Beine und Kriebelmücken (von denen ich immer noch Narben hab) lauern uns auf. Die Sonne brennt, kein Lüftchen weht. So ergießen sich schon bald Sturzbäche in die Augen und die untrainierte Pumpe rast wie nach einem Marathonlauf. (Ja ja, schon hart das alles.:cry:)
http://www.langtan.de/outdoor/bericht10.jpg[/IMG-R][IMG-R]http://www.langtan.de/outdoor/bericht11.jpg[/IMG-R] Ich dreh mich um wo Johannes bleibt und seh ihn perplex auf seine blutüberströmte Hand gucken. Tatsächlich hat er sich an irgendeiner Pflanze nur einen kleinen Schnitt zugezogen, aber der Blutdruck tut sein Übriges. Vergeblich versuchen wir Pflaster an der Hand zu befestigen, doch das Blut löst sie immer wieder am. Was soll’s, Wunden heilen an der frischen Luft eh am Besten…
Wir gelangen auf einen kleinen plateauförmigen Teil des Tales und sehen zum Bergkamm hoch. Wir sehen zwei Möglichkeiten für eine Überquerung und wählen einen Einschnitt links im Berg Gjerdtindan.

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Der Anstieg folgt der einer Exponentialkurve und wir arbeiten uns mit Händen und Füßen voran. Der Hang ist mit Gras bewachsen, dazwischen liegen Geröllfelder. Im Abenteuerfieber bemerken wir kaum, dass es nun so steil ist, dass normales Gehen gar nicht mehr möglich ist. Auf etwa 5/600 Meter Höhe wird unser Tatendrang jäh gebremst durch eine senkrechte Felswand. Die ist zwar nicht hoch und gut zerklüftet und trocken, aber bei einem Blick zurück, wird uns mit einem Mal schwindlig. Der Hang geht so steil runter, dass der kleinste Ausrutscher dazu führen würde, dass man ungebremst 300 Meter eine mit spitzen Felsen durchsetzte Wiese herunter kullern würde. Die Felswand wäre vermutlich ganz lustig, wenn an ihrem Fuß ein Fleck ebene Erde wäre und keine zentnerschweren Rucksäcke an unseren Schultern zerren würden.
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So fällt dann die Entscheidung zur Umkehr auch nicht schwer, zudem hatten wir ja noch eine andere Wegmöglichkeit entdeckt. Doch wir müssen feststellen, dass das Herunter eine weitreichende Problematik ist: soll es nicht sehr schnell und verlustreich von Statten gehen muss man scheiß vorsichtig sein. Ein Glück haben wir gute Schuhsohlen und es ist alles trocken, aber es ist trotzdem der reinste Horror. Das Festhalten ist viel schwieriger als Bergauf, man kann viel schlechter sein Gleichgewicht halten, noch dazu mit Rucksack. Einige „trittsichere“ Steine sind beim Aufstieg „verloren gegangen“ und die grasbewachsenen Stellen erweisen sich als Rutschpolster. Also sind wir zunächst gezwungen über ein Geröllfeld zu tappen. Bei jedem Schritt lösen sich Steine und scheppern lautstark hinunter. An einer glatten felsigen Stelle ist erst mal Sense. Bergauf sind hier noch Trittmöglichkeiten gewesen, doch selbige Steine haben sich durch unseren Aufstieg am Felsen gelockert und es ist unmöglich irgendwo Halt zu finden. So langsam bekommen wir es mit der Angst zu tun.
[IMG-R]http://www.langtan.de/outdoor/bericht18.jpg[/IMG-R]Johannes setzt seinen Rucksack ab und will ihn langsam runter rutschen lassen um freier agieren zu können. Der Rucksack rutscht auch das kleine Stück, allerdings stoppt er nun nicht am nächst besten Stein, sondern schlägt einen Purzelbaum, rollt munter über Stock und Stein und bleibt etwa 40 Meter weiter liegen. Ein nervöses Lachen entwischt uns. Johannes kriecht auf allen Vieren rückwärts den Felsen herunter. „Ich roll meinen Rucksack jetzt zu dir runter.“ Der Rucksack rollt und nimmt schnell Fahrt auf. Er verfehlt den Reisekumpel um etwa fünf Meter und macht stattdessen Salto Mortale an einem schanzenartigen Felsvorsprung. Scheppernd schlägt er fünf Meter weiter unten auf, mit dem Deckel voran, wo Fotoapparate und der Audiorekorder verstaut sind… „Hast gewonnen, deiner ist noch zehn Meter weiter.“ Aber zum Lachen ist uns nicht. Irgendwie sah es so gar nicht wie ein Rucksack aus, was da hinab gestürzt ist. Diese anschauliche Demonstration von Meister Gjerd lässt sich nicht verdrängen und uns zittern die Knie, als wir bei den Rucksäcken ankommen. Bei der ersten Inspektion lassen außer ein paar Kratzern am Gewebe des Rucksacks erstaunlicherweise keine Schäden entdecken. Ich mach ein Foto und eine Audioaufnahme. Geht.
Den Rest des Steilhangs rutschen wir auf dem Hintern Stück für Stück über den Rasen.
[IMG-L]http://www.langtan.de/outdoor/bericht16.jpg[/IMG-L]Am Plateau angekommen, finden wir einen kleinen Bach vor und erfrischen unsere verkrusteten Kehlen. Die zweite Pass-Möglichkeit lassen wir mal ganz schnell sein.
Als wir wieder am Sandstrand ankommen, ist es schon spät und die Tagestouristen sind weg. Wir entledigen uns der schweißtriefenden Klamotten und beruhigen unsere (wirklich) zahlreichen Schrammen und Stiche im kühlen Nass. Herrlich. Das Wasser ist entgegen aller bisherigen Erfahrungen mit klaren Bergseen gar kein Meer feiner spitzer Eisnadeln, sondern einfach angenehm.
Wir schlagen unser Lager auf dem Strand auf. Johannes meldet Schaden: Knäckebrot zerbröselt, Eier zerquetscht (Hühnereier), Plastetasse hat nen Riss. Letzteres wird mit einem Stück Draht geflickt. Sonst scheint alles ok. Später merke ich, dass meine analoge Spiegelreflex manchmal spinnt, aber die Bilder, die sie gemacht hat sind in Ordnung. Die Zeltstange fand es, wie sich heraus stellen wird, auch nicht so lustig mit einer Steinkante zu kuscheln, aber es ist kein Schaden erkennbar.
Der Versuch das Abendessen auf dem Feuer zu kochen um Brennstoff zu sparen scheitert an fehlendem Wind und Brennmaterial. Während ich hartnäckig das räucherige Astgewirr anblase, hat Johannes schon längst seinen Trangia aufgebaut. Immerhin ist das Wasser im Topf vom „Lagerfeuer“ schon etwas warm geworden, als ihn der Koch übernimmt, aber auch entsprechend gewürzt.
Bei einer Brokkolicremesuppe mit Gabelspagetti genießen wir die Stille und das Nicht-Mehr-Vorhandensein von Fraßfeinden (der stechenden Sorte). Ja, uns geht’s wahrhaftig gut!
[IMG]http://www.langtan.de/outdoor/bericht17.jpg

Scrat79
11.10.2009, 22:22
Genial!
Helden auf Tour. ;-)
Hoffe das es bald weiter geht.
Richtig schön geschrieben. :D

Ari
11.10.2009, 22:52
Schließe mich an, fängt gut an.


...steilen, schroffen Bergen, wie man sie im Fjäll nicht findet... - das halte ich für ein Mißverständnis. Fjell = Gebirge, das gibt es in viele Varianten und steile Berge gibt es nicht nur auf den Lofoten.

thueringer
12.10.2009, 09:33
Soweit ganz nett. Allerdings würde mir im Traum nicht einfallen, die ohnehin schon
spärliche Vegetation - dazu in einem Anfall von Selbstüberschätzung - zu zertrampeln,
um denen „zu entweichen“, die doch nichts anderes tun, als ich selbst!
Sorry, aber da fehlt mir jegliches Verständnis. Zumal man eigentlich wissen sollte,
wie lange es dort oben braucht, bis derartige „Naturverbundenheit“ wieder ausgebügelt ist.

Coenig
12.10.2009, 12:22
Soweit ganz nett. Allerdings würde mir im Traum nicht einfallen, die ohnehin schon
spärliche Vegetation - dazu in einem Anfall von Selbstüberschätzung - zu zertrampeln,
um denen „zu entweichen“, die doch nichts anderes tun, als ich selbst!
Sorry, aber da fehlt mir jegliches Verständnis. Zumal man eigentlich wissen sollte,
wie lange es dort oben braucht, bis derartige „Naturverbundenheit“ wieder ausgebügelt ist.

Halte ich doch fuer arg ueberzogen. Ich darf also nur vorgegebenen Wegen folgen oder wie darf ich Dich verstehen? Selbstueberschaetzung kønnte hingegen in diesem konkreten Fall passen ;-)

thueringer
12.10.2009, 13:27
Nein ;-) Aber ich finde, wo es Wege gibt, sollte man sie auch benutzen.
Wenn jeder querfeldein latschen würde – eben gerade in stark frequentierten
Gegenden - bleibt nicht viel von der grandiosen Landschaft übrig.

Coenig
12.10.2009, 14:30
Nein ;-) Aber ich finde, wo es Wege gibt, sollte man sie auch benutzen.
Wenn jeder querfeldein latschen würde – eben gerade in stark frequentierten
Gegenden - bleibt nicht viel von der grandiosen Landschaft übrig.

Da gibts keinen Weg. Und da geht normal auch keiner lang...

hosentreger
12.10.2009, 15:39
Da gibts keinen Weg. Und da geht normal auch keiner lang...

Man könnte auch formulieren: " ... und da geht auch kein Normaler lang!"

Aber zum Bericht zurück: Mach' endlich weiter mit der spannenden Beschreibung und lass' Dich hier nicht in müßige Diskussionen verwickeln:ignore:!!!

hosentreger
(der gerade versucht, seine Bescheibung der diesjährigen Alpendurchwanderung "Von hinter München bis vor Venedig" zu Papier zu bringen...)

Fjaellripan
12.10.2009, 17:13
Uiui, das geht ja gleich los hier mit den Diskussionen. Hab mir schon gedacht, dass die Aktion unter Vernünftigen nicht auf Gegenliebe stoßen würde.
@thueringer: Zu deinem Trost: Wir haben uns nach dieser "Erfahrung" nur noch an "offizielle" Wege gehalten, wobei es diese in dem Maße auf den Lofoten nicht gibt.
Anzumerken wäre vielleicht noch, dass es sicherlich jedem schon mal passiert ist, dass er aufgrund unzureichender Markierungen vom Weg abgekommen ist und querfeldein laufen musste. Wenn du also den ökologischen Schaden minimieren willst, geh nicht wandern. Ich denke es verursacht wesentlich mehr Schaden, wenn du mit dem Auto oder gar Flieger in den Urlaub fährst.
Im Übrigen schildere ich unsere Begebenheit, die ja im Grunde ziemlich peinlich ist :roll: damit andere sie nicht nachmachen. Aber ich will jetzt nicht irgendwelche Argumente an den Haaren herbei ziehen um mich zu rechtfertigen.



- das halte ich für ein Mißverständnis. Fjell = Gebirge, das gibt es in viele Varianten und steile Berge gibt es nicht nur auf den Lofoten.

Hast natürlich recht. Ich korrigiere mich und sage: ...die man im schwedischen Fjäll (Wo ich bisher vorrangig unterwegs war) nicht findet.

thueringer
12.10.2009, 17:15
Na wenn`s da keinen Weg gibt, hab ich ihn wohl missverstanden :cool:


Wir hatten uns im Voraus überlegt, dass wir, um den vielzitierten Massen an Tagestouries zu entweichen, die Pfade verlassen und in abgelegene Gebiete vorzudringen…

...und auch nichts gesagt :ignore:

thueringer
12.10.2009, 17:21
Klar bin ich schon vom Weg abgekommen :cool: öfter als mir lieb ist!
Klang nur irgendwie "geplant". Wie gesagt, hab da offensichtlich was
missverstanden :-?

Fjaellripan
12.10.2009, 17:33
Klar bin ich schon vom Weg abgekommen :cool: öfter als mir lieb ist!
Klang nur irgendwie "geplant". Wie gesagt, hab da offensichtlich was
missverstanden :-?

Schon gut, deine Kritik war berechtigt, wie gesagt...

BubiBohnensack
12.10.2009, 17:50
Hehe, die Erfahrung, dass querfeldein auf den Lofoten nicht unbedingt immer zum Ziel führt, musste ich dieses Jahr auch machen :)

Bin gespannt wie es weitergeht. Vor allem, weil sich unsere Reiseziele ja scheinbar sehr gut gedeckt haben!

Fjaellripan
12.10.2009, 17:58
@ Vincent: Seid ihr zufällig am 9.08. in Kvalvika gewesen? Meine dich da gesehen zu haben...

BubiBohnensack
12.10.2009, 19:19
8.8. auf 9.8. :)

Das ist ja scary - bist schon der zweite, der mich entdeckt haben will :)

Fjaellripan
12.10.2009, 21:54
Ja, Alter, du bist bekannt wie'n bunter Hund. Der felsige Mittelteil vom Strand, wo man sich die Kette hochziehen muss. Sach bloß, du hast auch da deine Nacht verbracht. vom achten zum neunten war's etwas ungemütlich, nich wahr? :cool:

Fjaellripan
12.10.2009, 22:04
So, bei dem zahlreichen Feedback, bin ich gleich motiviert weiter zu schreiben. So, das musste mal gesagt werden.:D

Der Postkartenblick. 7.08.09
Nachts nahm ich im Halbschlaf die von gelegentlichen Schnarchern durchbrochene Geräuschkulisse leichten Regens auf der Plane wahr. Irgendwie krieg ich bei dem Geräusch immer gleich Horrorvorstellungen von tagelangem Dauerregen (der ja an der Atlantikküste gelegentlich vorkommen soll). Bin wohl noch nicht geheilt von einigen Erlebnissen. Aber wir werden gnädig behandelt: Dieses und auch die kommenden Male fiel der Zeitpunkt des obligaten Niederschlagspensum stets auf die Nachstunden. So sorgt die sich alsbald durchsetzende Sonne für eine rasche Trocknung des Zelts am nächsten Morgen.
http://www.langtan.de/outdoor/bericht19.jpg[/IMG-L]Nach dem Frühstück rappelten wir uns wieder auf mit der Absicht es heute mit dem offiziellen Weg zur Westküste zu versuchen. Dabei wurden wir mal wieder gründlich verarscht, von unserer Wanderkarte. Mit morgendlicher Kraft voran ging es auf den Trampelpfad, der links an einer Hütte und dann am Seeufer entlang führt. Nun leitet uns die gestrichelte Linie den Hang hoch. Da sind auch einige Trampelpfade, aber wirklich viel begangen wirkt keiner davon. Na gut, die Karte wird’s wissen. Wir klettern wieder mal los während sich das Dickicht förmlich um uns schließt. Schließlich ist nichts mehr zu machen: Ich häng mit dem Rucksack zwischen zwei Birken fest, Johannes ist gar nicht mehr zu sehen, nur ein Rascheln und Knacken. Ja, schön.
Der Abstieg ist dann immerhin recht bequem, da uns zahlreiche Vegetationskörper als lebende Kletterhilfen zur Verfügung stehen.
Zurück auf dem Pfad, entdecken wir dann auch den richtigen Abzweig. Aber wir haben jetzt auch keine Lust mehr, wollen mal wieder raus aus diesem Tal.

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Gegen Mittag sind wir in Å. Wir nehmen nicht den Weg rechts zur Straße, sondern folgen einem Pfad rechts auf den Felsen hinauf und uns eröffnet sich ein faszinierender Blick an der fast senkrechten Lofotwand entlang Richtung Hell, mit Varøy im Hintergrund. Das Wetter ist wieder so hochsommerlich, dass ich mein T-Shirt ins Wasser schmeiße und nass anziehe, es aber nach zwei Stunden wieder trocken, ähm wasserfrei, ist. Die Möwen kreisen über dem schwarzblauen Wasser 50 Meter unter uns. Wir genießen den Blick und pfeifen uns ein fettes Stück Wurst rein.

http://www.langtan.de/outdoor/bericht22.jpg http://www.langtan.de/outdoor/bericht21.jpg
Der Parkplatz von Å ist gepflastert von Liegestühlen, die halbnackte alte Frauen enthalten. Räusper… Wir entern die Touristinformation, weil wir ein Eis haben wollen. Ein auf Mittelalter machender Flötenspieler versucht mit zarten Klängen Geld in seinen Hut zu locken, doch auch schrillere Töne führen nicht zur gewünschten Aufmerksamkeit. Mit einem teuren Klumpen aus der Tiefkühltruhe im Rachen besehen wir uns den Busfahrplan. Wir denken heut ist ein guter Tag für den Reinebringen. Der nächste Bus fährt erst in zweieinhalb Stunden, bis dann sind wir dicke zu Fuß in Reine.
Unterwegs versuchen wir es ein paar Mal mit Trampen, was aber keine Beachtung findet. In Sørvågen machen wir wieder den Abstecher am See lang, ein Weg, der im Winter beleuchtet und im Wanderführer als Tour auch für Alte und Klapprige empfohlen wird.
http://www.langtan.de/outdoor/bericht23.jpg[/IMG-R]In Moskenes, wo die Möwen Haus und Hof besiedeln und noch auf den kleinsten Felsvorsprüngen und Fensterbrettern nisten, besahen wir uns diese leicht zu entdeckende Spezies und nahmen ihr Gekreisch auf – das typische Lofotengeräusch. Hinter Moskenes führt die E10 durch zwei Tunnel. Für Wanderer stehen die alten Straßen zur Verfügung. Da haben wir auch mal Ruhe vor den motorisierten Konsorten. An der zweiten dieser Straßen befindet sich der Aufstieg zum Reinebringen, welcher im Übrigen auch kein offizieller Weg, da nicht markiert und beschildert, ist. Ein Geheimtipp ist das aber natürlich schon lange nicht mehr und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass das erste Stück aus einem fünf Meter breiten Streifen blankgelatschten Stück Fels besteht. Bei Regenwetter ist hier bereits Schicht im Schacht, aber momentan sieht alles gut aus. Der Lofotensommer scheint sehr trocken gewesen zu sein. Viele Bäche sind ausgetrocknet und manchmal ist das natürliche Getränkeangebot stark reduziert.
Nun ja, es ist bereits auf den Abend zugeht, machen wir uns schon mal Gedanken über unser Nachtlager. Hier ist überall mindestens ein Anstieg von 60˚ und das Zelt ist als Hängematte nicht geeignet, meint der Hersteller. Da unsere Rucksäcke auch keine Fliegen sind und der Weg scheinbar allen Definitionen von steil gerecht zu werden scheint, verzichten wir auch darauf vincent-like auf dem Gipfel zu kampieren. Stattdessen wenden wir uns dem beschaulichen Reine zu, das uns mit Felsenfräsmaschinen, Presslufthämmern und Baggerschaufelgeschepper begrüßt. Alter, die Schweine kloppen uns den Reinebringen weg! Eile ist geboten. Wir steigen einen Hang unweit des Ortes auf und gelangen in einen kleinen Talkessel mit einem klaren See. Wir errichten flugs das mobile Heim, schmeißen unseren Krempel rein und stopfen alle Wertsachen in unsere glücklicherweise zahlreich vorhandenen Hosentaschen, die dann wie dicke Beulen die Gehorgane übersähen.
http://www.langtan.de/outdoor/bericht24.jpg[/IMG-L]Die Reiners sind immer noch dabei an ihrem Berg zu klöppeln, als wir am Wanderpfad starten. In einer schweißreichen halben Stunde dampfen wir nach oben. Obwohl es bereits spät ist, rennen hier immer noch allerhand Hominidae rum. Der Weg war stellenweise stark erodiert und auf dem staubtrockenen, leicht schottrigen Boden ist Trittsicherheit eine Rarität. Oben eröffnete sich uns der von zahlreichen Bildern bekannte Blick, nicht mehr und nicht weniger. Wir nehmen uns eine Stunde Zeit und genießen den Blick auf sämtlichen Stellen des Bergkamms. Ein paar Japaner finden es offenbar cool Luftsprungbilder zu machen, mit dem 500-Meter-Abgrund im Rücken. Joah, wem der Nervenkitzel nicht reicht… Zwei blonde Skandinavierinnen präsentieren ihre bergsteigtrainierten langen Beine… ach ja einen von zackigen Bergen umgebenen Fjord, einen über mehrere Schären verteilter Fischerort und die weite Meeresbucht mit Festlandsküste in der Ferne gibt’s auch noch zu sehen.
Achtung, Bilderflut...

[IMG]http://www.langtan.de/outdoor/bericht26.jpg http://www.langtan.de/outdoor/bericht25.jpg http://www.langtan.de/outdoor/bericht27.jpg http://www.langtan.de/outdoor/bericht28.jpg http://www.langtan.de/outdoor/bericht29.jpg http://www.langtan.de/outdoor/bericht30.jpg
Auf dem letzten Drittel des Abstiegs schauert es leicht, der uns etwas Abkühlung schenkt und die Erde wunderbar riechen lässt. Gegen zehn sind wir am Zelt und völlig k.o. Wir nehmen ein Bad und kochen uns was, während sich die Dämmerung einstellt, die sich jedoch hier im Norden nicht in Dunkelheit verwandelt. Als ich später noch mal am Hang entlang gehe um das mitternächtliche Reine zu fotografieren, entdecke ich seltsame Schilder.
Johannes reinigt grade den Kochtopf, Flocken getrockneten Fetts tanzen im Wasser. „Du, das ist Trinkwasser hier, zelten und baden verboten.“ Er wirft mir einen stirnrunzelnden Blick zu, guckt auf die Essensreste im Wasser, guckt auf die zahlreichen Möwenschisse am Ufer, räuspert sich und packt sein Geschirr zusammen.
Trotz der morgendlichen Gefahr eines Reiner-Lynchmobs packen wir uns hundemüde ins Zelt und hoffen selbiges nicht auf einer Gassirunde von Reiner platziert zu haben.

[IMG]http://www.langtan.de/outdoor/bericht31.jpg

Fjaellripan
14.10.2009, 20:28
Ein Strand für uns. 8.08.09
Gelyncht werden wir nicht, dafür beregnet – wieder mal. Das Zelt muss nass und in Hektik verstaut werden, denn unten im Dorf steht schon unser Boot bereit.

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Tiefhängende Wolken drängen in den kleinen Talkessel als wir recht eilig den Hang hinunter stürmen. Das Reinefjord-Linienboot ist bereits mit einer Schicht Mensch überzogen. Für zusammen 110 Krönchen entern wir die Meute. Die Dynamik der humanen Ansammlung treibt uns zur Fahrerkabine. Jemand weist nach oben auf das Dach. Wir fläzen uns hin und freuen uns des Ausblicks, da weist uns ein Wutschnauben im Nacken auf sicherheitstechnisches Fehlverhalten unsererseits hin. Offenbar sollten wir nur unser Gepäck hier oben verstauen.
Wir krallen uns an der Reling fest, während das überladene umfunktionierte Fischerboot an lofotentypischen Pfahlbauten und steilen Felswänden vorbei zieht.

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Der erste Halt ist Vindstatt und zu unserer Freude taumelt hier bereits der Großteil der Besatzung von Bord. Wir wollen nach Kirkefjord am Ende des rechten Fjordarms. Von beiden Stationen kann man Sandstrandbucht an der Westküste erwandern, bei letzterer hat man aber zudem die Möglichkeit eine Tour Richtung Selfjord anzuschließen.
http://www.langtan.de/outdoor/bericht036.jpg[/IMG-L]Außer uns geht nur noch ein Pärchen in Kirkefjord von Bord, der Rest brettert wieder nach Reine zurück.
Erwartungsgemäß setzt sich die Sonne wieder durch und brutzelt uns die Haube. Wir eiern dann auch erst mal recht schlapp los, auch wegen Muskelkaters von der Kraxelei gestern. Zudem ist recht schnell klar, warum die Tagestouristen lieber von Vindstatt los tingeln, ist die dort zu überquerende Bergflanke doch um einiges flacher. Nun ja, wir wollen ja keinen Oma-Urlaub. Oben angekommen eröffnet sich uns dann auch ein prächtiger Ausblick auf den Ort unseres Begehrs.

[IMG]http://www.langtan.de/outdoor/bericht037.jpghttp://www.langtan.de/outdoor/bericht038.jpg
Das breite gletscherausgefräste Tal ist an der Sohle recht sumpfig und von kristallklaren Bächen durchzogen – Adern der Landschaft, deren leckeres Blut wir trinken. Das Land ist von einer üppigen Flora bedeckt, dere Zusammensetzung deutlich die Spuren extensiver Beweidung zeigt. Allerdings hat hier vermutlich seit einem halben Jahrhundert keine Kuh mehr gegrast, solang zumindest ist dieser Ort nicht mehr besiedelt. Gebäudereste sind auch keine mehr aufzufinden – meist wurden die Siedlungen an der Yttersia, der „Außenseite“ der Insel, nach der Aufgabe komplett abgebaut. Es fasziniert mich, dass hier ein Ort ist, an dem der Mensch an der Wildheit der Natur gescheitert ist. Jetzt jedoch wirkt alles friedlich und die garstigen Winterstürme scheinen zeitlich ziemlich weit weg zu sein.
http://www.langtan.de/outdoor/bericht039.jpg[/IMG-R]Der Strand beginnt allmählich - der Bewuchs lockert sich immer mehr auf bis weite weiße Sandflächen vor uns liegen, von buckelartigen Büscheln von an diesen Extremstandort speziell angepassten Pflanzen durchsetzt und mit Strandgut besprenkelt, Denkmale für den globalen Einfluss des Menschen. Erst nähern wir uns vorsichtig – große Eisenkugeln liegen verstreut und der Kumpel fühlt sich an Seeminen erinnert. Doch als wir sie genauer in Augenschein nehmen, stellen wir fest, dass es sich offensichtlich um Ballastkugeln von Grundschleppnetzen handelt. Weiter gen Seeschlag kommen dann auch andere Wirtschaftkreisläufe ins Spiel, so Relikte der chemischen Industrie und Computer-Hardware. :grrr:
http://www.langtan.de/outdoor/bericht040.jpg[/IMG-L]Abgesehen davon ist es einfach herrlich und genau das, was wir uns von den Lofoten erhofft haben und noch viel besser. Allein diese grünblaue Wasserfarbe hätte ich in der Intensität nie für möglich gehalten. Die Farben und Kontraste der Landschaft auf den Lofoten beeindrucken mich immer wieder auf’s Neue. Das lässt sich mit Fotos nur unzureichend wieder geben.

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Wir sind völlig allein am Strand. Zwei Zelte haben wir unterwegs im Tal in der Nähe des Bachs gesehen, die verlieren sich in der Landschaft. Ansonsten ist keine Sau hier – Horseid ist die abgelegenste Bucht Moskenesøyas, die noch zu Fuß erreicht werden kann – also für uns normalsterbliche flügellose Wesen zumindest (meine Hochachtung denen, die es nach Hell geschafft haben…). Wir genießen den Strand. Zum Baden ist es nun allerdings leider zu frisch, auch rechne ich damit, dass später noch Möglichkeit dazu bestehen wird (aber da täusch ich mich). Während Johannes wohlgenährt am Strand ratzt, durchstreife ich die Gegend und sichte Austernfischer und Brandseeschwalben. Letztere bezichtigen mich des Hausfriedensbruchs und beschließen aufgrund der Abwesenheit der Exekutiven Selbstjustiz zu betreiben. Die Folge sind Scheinangriffe im Tiefflug, mit denen sie alsbald auch ihre gewünschte Wirkung erzielen.
Später fassen wir einen Fehlentschluss – wir wandern weiter. Ein Hierbleiben scheint aufgrund der frühen Stunde und der erst wenig zurück gelegten Tageskilometer unser Ego nicht zu zu lassen, obgleich wir uns sicherlich hätten beschäftigen und einfach mal entspannen und genießen können. Aber nein, der Geist ist rastlos getrieben von der Unvernunft und der Gier möglichst viel zu sehen. Manchmal denke ich, was man alles verpasst, wenn man aus Angst was zu verpassen, durch die Gegend hetzt. Nun gut, visuell war der Rest des Tages auch durchaus großartig, aber physisch ist es eine ganz große Scheiße.
Der Pass zum Selfjord ist wieder mal verdammt steil und als wir mit Stöhnen und Ächzen endlich oben ankommen, fängt der Spaß erst an. Über einen Kilometer führt der Weg quer zum Hang und ist an vielen Stellen abgerutscht oder verschüttet, so steil ist es. Die Vorstellung auf eine Rutschpartie gefällt uns gar nicht, zumal der 500 Meter weiter unten liegende Arm des Selfjords nicht der ist, wo der Wanderweg weiter führt. Auch war auf der Karte kaum auszumachen, dass man noch einen zweiten Bergkamm überqueren musste, um schließlich auf der anderen Seite wieder steil hoch zwei abzusteigen. Der Talkessel ist mit einem wilden Dickicht aus Birken, Weiden und Farn zugewuchert, welches mit Stellen großblockigem Geröll durchzogen ist. In der Mitte liegt ein kleiner See, der spiegelblank daliegt. Mittlerweile gieren wir nach Wasser, da unsere Flaschen bereits beim Aufstieg geleert werden mussten (um Gewicht einzusparen und in der Annahme, auf der anderen Seite gäbe es Wasser – nun ja). Allerdings sind alle Sümpfe ausgetrocknet und fließend Wasser ist schon gar nicht auszumachen. Auch ist es schon recht spät und Zeltmöglichkeiten sind auch nicht wirklich gegeben. Doch Bequemlichkeiten gehören in den Alltag und so nehmen wir dann auch heldenhaft die Knott- und Kriebelmückenschwärme hin, die sich nun aus dem Gestrüpp erheben. (Nein, ganz so hart waren wir dann doch nich, wir haben ziemlich gejammert.:p) Na ja, wenigstens ein Teil der Natur liebt uns und wie viele kleine Nadelnstiche spüren wir die Küsse der kleinen Mandibeln.
So ist es sich verständlich, dass wir noch weiter racken bis an eine Stelle, wo der Talkessel sich zum Selfjord hin öffnet und wo der Bewuchs weniger dicht ist. Johannes, der sich weigert, die venösen Abgaben freiwillig an die hiesige Bevölkerung zu leisten, schnürt sich zu, bis er einem Terroristen gleicht. Dann kochen wir unsere Suppe mit leichter Knott-Würzung. „Wenn doch nur ein wenig Wind wehen würde!“, flucht Johannes, öffnet die zugeschnürte Kapuze einen spaltbreit, schiebt sich die Soße hektisch zwischen die Kiemen, verbrennt sich die Zunge und flucht noch mal. Na dann gute Nacht.

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Alohatrekker
14.10.2009, 21:26
Wow so einen tollen Reisebericht habe ich lange net mehr gelesen. Insbesondere die Fotos sind klasse. ;) Ein Reisziel mehr auf meiner Liste xD
Wie war den eure Reiseroute und welche Karten habt ihr benutzt und welche würdet ihr empfehlen?
Hoffe auf eine baldige Fortsetzung

mfg Alohatrekker

Fjaellripan
15.10.2009, 20:46
Wir haben die Turkart 1:100 000 vom DNT dabei gehabt. Die ist aber allenfalls zur groben Orientierung geeignet. Zum Wandern absolut nicht. Das wusste ich natürlich, dass der Maßstab nicht ausreicht, aber in der Geobuchhandlung konnte ich keine bessere bekommen. Es gibt gute topografische Karten im Maßstab 1:25 000, allerdings hätte ich da für Moskenesoya bereits drei Kartenblätter gebraucht und die waren auch nicht vorrätig. Das Problem der oben erwähnten Karte ist, dass viele Wanderwege nicht (Flakstad-Pfad) oder falsch eingetragen sind. Allgemein ist die Orientierung kein Problem, da das Gebiet überschaubar und voller markanter Gipfel ist. Die Wege sind gut erkennbar, allerdings sind in einigen Gebieten (um die Munkebu) sehr viele Trampelpfade, sodass man leicht auf einen falschen Weg geraten kann.
Eine gute online Karte ist hier (http://www.geodataonline.no/inatur/website_se/Kart.aspx?width=1000&%20height=800&token=dcUkWgoJ1pNMnPbtSpHCImxrSlK4gYB7QjQ51sutnCKIjumOnTY3kS2LNP3aqgm%20OVDfchAv9lgeOzPNLvh2L1g||) zu finden (wenn du die noch nicht kennst).
Wir sind zahlreiche Pfade gelaufen, bisher kamen im Reisebericht der Pfad von A zur Stokkvika und ein Teil der Moskenesøy-Durchquerung (http://wiki.outdoorseiten.net/index.php/Moskenes%C3%B8y-Durchquerung) vor.

Fjaellripan
15.10.2009, 23:46
Urgewalten. 9.08.09
Akustische Impression (http://www.langtan.de/outdoor/audio1.mp3)
Am nächsten Morgen weht ein wenig Wind. Und wenig später weht noch ein wenig mehr Wind. Als peitschende Windböen am Zelt zerren, ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Ich mach noch eine sarkastische Bemerkung bezüglich Johannes Windwunsch gestern. „Aber wenigstens ist es trocken!“ Zack – Prasselnder Regen setzt ein. Klasse. Wir verspüren vorerst keinen Wunsch nach draußen zu torkeln und mapfen in der Höhle.

http://www.langtan.de/outdoor/bericht44.jpg
Allen uns gefälligen Regeln lässt der Regen diesmal nicht nach und so kommt die volle Regen-Montur zum Einsatz. Der in Intervallen herab wehende Regen und die Böen laden auch nicht wesentlich zum Verweilen ein und so sind wir recht schnell unten am Selfjord, wo der Wanderweg an einem Gehöft in eine Schotterstraße übergeht. Die Wolken rasen dahin und vereinzelt erscheinen Lichtlöcher. Na bitte, es geht doch!
Auf dem Schotterweg geht es recht schleppend voran. Die Strecke streckt sich streckenweise dahin und die Landschaft ist weniger reizvoll. Knapp vorm Einstieg zum Kvalvika-Weg, kommt ein Auto von hinten heran und stoppt. Ein Norweger streckt seinen Kopf aus dem Fenster und fragt, ob er uns ein Stück mitnehmen soll. Nett, aber gerade jetzt ist es nicht nötig, ist der Wanderweg ja schließlich schon in Sichtweite.
Der Wanderweg schlängelt sich über Schafweiden dahin. Die mit kleinen Baumgruppen, Seen und Felsblöcken durchsetzten Wiesen sind ein idyllisches Beispiel ästhetischen Kulturlands. Die über uns dahin rasenden Wolkenlöcher malen auf den Wiesen, Gipfeln und schroffen Klippen, heben mal das eine, mal das andere Detail der Landschaft hervor, markieren Linien, zeichnen Flächen, im ständigen Wechsel. Ein Fotografen-Eldorado.

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Hier sehen wir die einzige Schutzhütte auf unserer ganzen Reise, ein grasbewachsenes, hübsch anzusehendes Hüttchen, das als Unterschlupf, aber wenig taugt, es zieht wie Hechtsuppe. Ein paar scheue Schafe beäugen uns kritisch. Wir gehen weiter zur Schlucht, wo der Weg sich über große Felsblöcke zwischen Bergflanken und einem kleinen klaren See hindurch quetscht.


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Wir erreichen den westlichen Strand von Kvalvika. Die Bucht ist offener als Horseid und wirkt in dem wilden Wetter heute auch wesentlich unwirtlicher. Der erste Punkt hat auch ein wesentlich höheres Müllangebot zur Folge. Der Strand ähnelt stellenweise einem Schrottplatz und nach einigen Schritten barfuß im Sand detektieren die Fußsohlen klebrige Feuchtigkeit. Ein Blick hinter eine Düne offenbart seltsame unbeschriftete Kanister und Plasteflaschen und die Läuferchen werden rasch wieder verpackt. Wir entern den Strand seitlich rollend eine hohe Düne hinab und gehen zum Seeschlag vor. Doch dieser Strandabschnitt wird von einer großen Schar Seeschwalben-Miliz bewacht, die auch sogleich mit Krakeel einschreitet.
Also halten wir uns nicht lang auf, sondern folgen weiter dem Weg. Da grad Flut ist, führt dieser über einige größere Felsen, die den Kvalvika-Strand quasi zweiteilen. Einige Kletterhilfen erleichtern die Kraxelei, dennoch ist der Abschnitt recht abenteuerlich.

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Der andere Strand ist nicht so stark verseucht. Hier befindet sich auch der alte Siedlungsplatz. Ein Keller ist noch zu entdecken, auch die Stellen ehemaliger Kartoffelfelder sind noch zu erahnen. Die sanft welligen Dünen sind mit einem golfplatzartigen Rasen bedeckt, der stellenweise auch stark erodiert ist. Hinter jedem Fels lugen die weißen Köpfe der Übeltäter hervor – Schafus norvegicus.
Am alten Siedlungsplatz befindet sich ein kleines Informationsschild, Bänke, Feuerstellen, Trinkwasserauffangbecken, ein aus Strandgut errichteter Spielplatz und ein Geocache. Eine Gruppe von Tagestouristen tingelt umher, zieht aber schon bald wieder von dannen, nachdem sie noch ausgiebig einen riesigen Walknochen beglotzt haben. Eine Frau spricht uns an, sie war auch auf der Reinefähre. Ungläubig starrt sie uns an, als ihr klar wird, dass wir zu Fuß hier her gekommen sind.
Wir beschließen hier zu bleiben, obwohl es erst kurz nach drei und ziemlich windig ist. Eine gute Entscheidung. Das Zelt wird in einer grabenartigen Mulde errichtet, nachdem der Lagerplatz soweit möglich von Schafscheiße befreit ist. Manche der Wiederkäuer haben jedoch offenbar Verdauungsprobleme und produzieren steinharte Bällchen, die am Boden festkleben, da ist nichts zu machen.
Jetzt fehlt noch ein ordentliches Lagerfeuer. An Brennmaterial mangelt es wirklich nicht, schwieriger ist es da schon, Steine für die Abgrenzung der Feuerstelle zu finden. Bald brutzelt die Suppe und ein Tee und unseren Magen mit Wärme füllend schauen wir auf das rauschende Meer. Durch die Wolkendecke brechende Strahlen gleiten über das grüne, aufgewühlte Nordmeer, von hohen Steilen Klippen eingerahmt – ein gigantischer Anblick. Nur die gezimmerten Bänke stören die Wirkung der Naturgewalten etwas. Verheizen!


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Am Abend beschließen wir spontan den Felsen Ryten zu besteigen, der sich rechterhand 543 Meter fast senkrecht aus dem Meer erhebt. Der Steig ist wesentlich weiter als gedacht, aber das bereuen wir zu keiner Minute, denn nun eröffnet sich der wahrscheinlich unvergesslichste Anblick, der uns stark beeindruckt und tief berührt. Die Sonne steht tief, doch die Wolken sind zu dicht für einen Sonnenuntergang, den wir uns erhofft hatten. Stattdessen zeigt sich ein viel beeindruckenderes Schauspiel: Durch ein Loch der tief über dem Ozean hängenden Wolken tasten tiefgelbe Sonnenstrahlen über das Wasser, fließen auf uns zu und besprenkeln schließlich das pechschwarze Meer tief unter uns mit Goldfunken. Der Wind peitscht uns in die Haare, zwei Raben schweben im Aufwind der Klippe. Hier ist die Natur in ihrer Urkraft, fließt mit Wucht in unsere Sinne und gibt uns das Gefühl grenzenloser Freiheit. Eine halbe Stunde stehen wir da. Schweigend. Sturmgepeitscht.


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Als wir wieder am Strand ankommen, ist das Meer zurück gewichen, der Wind hat sich beruhigt. Lang sitz ich noch auf den schwarzen Klippen, lasse das Rauschen in mich fließen, betrachte die Gischt, die bei jedem Brecher in die Höhe spritzt. Und bin zutiefst glücklich.

BubiBohnensack
16.10.2009, 01:18
Der Blick vom Ryten hinab ist schon atemberaubend! Sehr, sehr atemberaubend!
Ich habe mich unglücklcherweise auf dem Weg hinauf ein wenig verlaufen und musste querfeldein über Geröllfelder marschieren. Unlustig. Der Ausblick hingegen entschädigt für jede Mühe.

P.S. Ich meine mich tatsächlich schwach an deinen langhaarigen Kumpanen erinnern zu können. Dachte aber, ihr hättet dort inmitten der Felsenformation gezeltet? Da habt ihr ja schon ordentlich Weg in den Beinhen gehabt, als wir uns getroffen haben - ich war gerade maximal 5 Minuten unterwegs ;)

Fjaellripan
16.10.2009, 14:51
:D Bin schon gespannt, wie es bei dir weiter geht!

bergzwerg61
17.10.2009, 08:25
Möcht auch wissen, wie es weitergeht!
Schöner Bericht, gut geschrieben.

Ari
18.10.2009, 14:11
Ich meine mich tatsächlich schwach an deinen langhaarigen Kumpanen erinnern zu können - auf die Gefahr hin, dass ich schon wieder daneben liege - ich dachte fjaellripan wäre der "langhaarige Kumpan".

Fjaellripan
21.10.2009, 23:36
On the road again. 10.08.09
Der abgeflaute Wind und die ungemein beruhigende Soundkulisse des Meeres lassen uns gut schlummern. Und so werden wir erst gegen halb zehn wach, als die Sonne auf unser Zelt scheint. Unser Zeltnachbar, ein Franzose, ist längst über alle Berge, nachdem er anscheinend seine Drohung vom Vortag wahr gemacht hat und im Nordatlantik Baden gegangen ist.
Da nun auch wieder die Tagestouries lawinengleich über den Pass quellen, ziehen wir es vor, alsbald selbigen anzusteuern (natürlich nicht, bevor wir uns ein opulentes Mahl reingezogen haben). Der Wanderweg ist schnell abgelaufen, kurz vor der Straße kommen wir allerdings wieder mal vom rechten Weg ab, von einem Schafspfad in die Irre geleitet. Die Konsequenz ist einen kleinen Abhang zur Straße und einen Weidezaun zu überwinden. Das war dann auch schon der Trek des Tages, denn jetzt folgen 25 km Gewatschel auf Asphalt. :grrr:
Zum kleinen Fischerort Fredvang und dann über die zwei Bogenbrücken, das ist noch ganz spaßig – kaum Verkehr und schöne Landschaft. Die Brücken sind von einem Spalier Laternenmasten flankiert, jeder mit eigener Möwe, die provozierend mit dem Hinterteil wackelnd, eine Schiet-Kaskade androht. Der Weg ist gepflastert mit einem zerfetzten Gliedmaßen und aufgebrochenen Leibern diverser Meeresbewohner. Das lenkt unsere Aufmerksamkeit auf unsere knurrenden Mägen. Auf einer kleinen Insel zwischen den Brücken, verlassen wir kurz den Asphalt um hinter einem kleinen Hügel mit schönem Blick über die Küste Mittag zu essen. Hinter dem Wall lieben sich gerade zwei, nun gut, dann ein bisschen weiter nach Süden. Hier steht die erste und einzige Kiefer, die ich auf den Lofoten sehe. Das Wasser strömt durch die Landenge, von den Gezeiten getrieben. Wir beobachten eine Ente, die unbeirrt vorwärts paddelt und rückwärts schwimmt. Das Wasser ist wieder türkis und kristallklar. Wahnsinn.
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Nach der zweiten Brücke sind wir nun auf Flakstadøya, der zweiten Lofoteninsel, die wir im Rahmen dieser Tour besuchen. Nun heißt es wieder Asphalt kauen – auf der E10. In Wellen schreddern Kühlschränke und Buskonserven an uns vorbei und keiner macht Anstalten uns mitzunehmen. Warum auch – sind ja genügend andere da, die das machen können. Macht aber keiner. So bleibt uns nix anderes übrig, als Abgas schnüffelnd by foot nach Ramberg zu gelangen. Dort wollen wir unsere Vorräte aufstocken, was wir denn auch tun. Von Ferne schon zeugt ein Riesenfelsen mit leichtem Überhang von der Herkunft der Ortsbezeichnung. Hier scheint mal was Großes gegen gerammt zu sein.
Johannes lässt den Tourie raus und holt sich eine Ansichtskarte in der Touristinfo um seinem Bruder einen Geburtstagsgruß zu verpassen. Ich seh mich im Minipris um und stelle rasch fest, dass die Geschäftsleiter einen guten Sinn für Ironie haben, was zur raschen Dämpfung der Konsumfreudigkeit führt. Immerhin haben wir mal wieder was Frisches zwischen den Hauern.
Wir wackeln wieder zurück bis zum Abzweig nach Nesland. Bei jedem vorbei kommenden Fahrzeug lüften wir die Daumen, doch mittlerweile geht der Tag zur Neige, Touries sind hier keine unterwegs und die Einheimischen werfen den zwei haarigen unrasierten Pennern aus Deutschland nur einen missmutigen Blick zu. Die zehn Kilometer ziehen sich enorm in die Länge. Etwa ab der Hälfte geht die Straße in eine Schotterpiste über, die kaum den Anschein erweckt, dass sie noch irgendwo hin führt. Die Landschaft ist geprägt von langweiligem baumlosen Weideland mit zerstreuter Bebauung. Auch die den Fjord umgebende Berglandschaft ist nicht sonderlich spektakulär. Gegen Ende dann jedoch kann man auf die schroffen Berge der Küste von Moskenesøya gucken und in der Ferne leuchten die Festlandberge in der Abendsonne, während über uns eine graue Brühe klebt.
Nesland ist ein hübsches Örtchen zwischen runden Klippen, das allerdings nur von Möwen bevölkert zu sein scheint, welche sogleich zum Geschrei anheben. Allerdings zeugen zahlreiche Einschusslöcher im Ortsschild von den wilden Tragödien und Ehedramen die sich hinter den Kulissen dieser Idylle abspielen.
Am Ende der Straße geht der Wanderweg ab und mit müder Freude endlich wieder richtiges Land unter den Füßen zu haben gehen wir ein Stück, bis wir außer Sichtweite der Häuser sind. Wir sind fix und fertig. Fließend Wasser ist nirgendwo zu finden, doch wir entdecken eine Trinkwasserleitung und folgen ihr, bis wir an den Bach gelangen.
Es ist 21 Uhr und, äh sagte ich schon dass wir völlig fertig sind?! Mit letzter Kraft wird das Zelt aufgestellt, reichlich schief, und noch was gekocht – Spätzle mit Champignoncremesuppe, die viel zu plürrig wird. Das Zelt steht uneben und drei Sorten Stechinsekten arise from the ground, weil der Wind völlig abgestorben ist.
Aber geht schon, geht schon!
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BubiBohnensack
22.10.2009, 13:47
Oha! Wollt ihr weiter nach Nusfjord?

Fjaellripan
22.10.2009, 15:06
Jo! Sach bloß den seiter auch gelaufen.

BubiBohnensack
23.10.2009, 16:59
Nene, aber ich glaube meine Eltern haben mir mal davon vorgeschwärmt :)

Fjaellripan
23.10.2009, 21:22
Ironie?

Fjaellripan
27.10.2009, 17:59
Lebertran. 11.08.09
http://www.langtan.de/outdoor/bericht54.jpg[/IMG-R]Der heutige Tag ist geprägt amphibischer Luftqualität. Wir sind unterwegs auf dem landschaftlich recht schönen, aber heut reichlich grauen Pfad nach Nusfjord. Die Felsen, auf denen wir uns bewegen sind von der Eiszeit rund abgeschliffen und verwittert, somit bildet die hiesige Landschaft einen Kontrast zu den vorangegangenen Touren, die von schroffen steilen Klippen und zackigen Gipfeln geprägt waren. Zudem ist dieser Weg weit weniger frequentiert als die Wege auf Moskenesøya und dem geneigten Historiker oder Geologen bieten sich einige Attraktionen. Das erste sind die Trollkessel, von der ewigen Brandung rund ausgeschliffenen Höhlungen im Fels, die oftmals noch murmelartige Steinbrocken enthalten. Davon sehen wir aber nix. Das verwitterte Holzschild weist auf einen hyperbelartigen blanken Felsabhang, der bei dem Geniesel ein idealer Ort ist Aquaplaning zu erleben. Eine große Gruppe grauhaariger Gestalten mit bunten Regenüberzügen über ihren faustgroßen Rucksäcken lässt sich davon nicht beirren und verschwindet aus unserem Sichtfeld. Wenig später bekrabbeln sie den Geröllstrand, trotz Mangel an Vibram-Sohlen unversehrt. Dennoch belassen wir die Trollkessel an Ort und Stelle und nutzen die Gunst der Stunde um menschenfrei den Weg fortzusetzen.
Der Weg ist leicht gängig – zunächst. Nach einem mit hunderten Steintürmchen übersäten Felsplateau führen uns die roten Markierungen geradewegs auf ein großes Geröllfeld mit gewaltigen scharfkantigen Felsblöcken, zwischen denen man sich lustig einklemmen kann, wenn man einen falschen Schritt tut. Auch ist es sicherlich wenig lustig für unsere Stiefel auf messerscharfen Kanten zu balancieren. Doch auch diese Hürde meistern wir heldenhaft und so kommen wir in ein kleines grünes Tal. Dort treffen wir auf eine schnaufende dreiköpfige Familie. Ob es denn weit sei nach Nesland und schwer. „Very heavy, you even have to climb over sharp rocks and slippery stones. Very very heavy!“ Die drei sind schneller wieder in Nusfjord als wir beide…
[IMG-L]http://www.langtan.de/outdoor/bericht55.jpg[/IMG-L]Tief hängen die Wolken an den Flanken der umgebenden Berge als wir in das historische Nusfjord hinab steigen. Der Ort steht unter Unesco-Kulturschutz, denn die Siedlungsstruktur entspricht noch weitgehend dem Lofoten-Fischerdorf, das es einst war, und die Hälfte der Gebäude ist noch aus der Zeit erhalten, als hier Stockfisch und Lebertran wie am Fließband produziert wurden. Entsprechend ist der Ort ein regelrechter Magnet für Tagestouristen. Verständlich, denn malerisch ist der Ort auf jeden Fall. Im stärker werdenden Regen essen wir auf dem kurvigen Steg Mittag und rümpfen die Nase über ein protziges Motorboot, dessen stiernackiger solariumgebräunter neureicher Norweger sein dickes Kind an Bord zerrt und den Motor aufheulen lässt. Doch [IMG-R]http://www.langtan.de/outdoor/bericht56.jpg[/IMG-R]es finden sich auch historische Kutter und Boote, die von Johannes, der Bootsbauer ist, fachmännisch begutachtet werden. Der Regen malt Kreise ins Hafenbecken, auf dessen Grund man Krabben und Seesterne miteinander ringen sehen kann. Eine Gruppe Taucher fährt ein, vom wilden Gekreisch der allgegenwärtigen Möwen begrüßt. Während sie ihre Ausrüstung an Land schleppen, steht eine am Historischen offenbar völlig uninteressierte Oma mit großen Augen da und fragt (auf Deutsch!): „Sagen Se mal, was passiert denn, wenn Se mit dem Schlauchboot über einen Felsen fahren?“ Als sie von den Froschmännern ignoriert wird, ruft sie entrüstet: „Die hören mir überhaupt nicht zu!“
Wir flüchten vor unseren Landsleuten in die Lebertranfabrik und die anderen historischen Gebäude. Der Reisekumpel ist nur schwer wieder aus dem Bootsschuppen rauszukriegen, wo er optisch an einem historischen Fischerboot mit wikingerartig weit nach oben gebogenen *komplizierter nautischer Begriff* klebt.
Doch auch dieses Liebesspiel hat einmal ein Ende und wir verlassen das Dorf auf der Straße. Dabei bemerken wir, dass wir als Wanderer vom Süden kommend elegant ein Kassenhäuschen umgangen sind, das hier den massenhaft aus Blechkarossen purzelnden Konsorten 50 Kronen abverlangt.
Nach einem Stück auf der Straße, knapp nach Fjordende und einer Aquakultur, biegt der Wanderweg wieder ab und geht ziemlich steil und quer durch die Botanik den Berg hoch. Stellenweise ist der Pfad abgebröckelt und [IMG-R]http://www.langtan.de/outdoor/bericht57.jpg[/IMG-R]ausgewaschen, anderswo sind komfortable Schotterwälle aufgeschüttet. Dem mit Mühe hochgearbeiteten Stück folgt wieder ein Abstieg bis auf Meeresniveau, wo ein, zwei Häuser unter der Ortsbezeichnung Kilan und einige Kühe knietief im Schlamm stehen. Der Wegweiser nach Napp lenkt uns über die aufgeweichte Wiese und wieder einen Hang hoch. Als wir den Bergkamm überquert haben, ist wieder jegliche Zivilisation verschwunden und wir sind allein mit einigen Dutzend Schafen, die der Ökologie dieses Gebietes arg zusetzen. Ansonsten ist die Gegend recht hübsch und so ganz anders als auf Moskenesøya. Und der recht gut markierte Weg ist, wie gesagt sehr gering frequentiert (bis nach Napp, wo wir am Nachmittag des nächsten Tages eintreffen, läuft uns niemand anderes über den Weg), Geheimtipp also!
Auf der anderen Küstenseite, mit Blick auf die nächste Lofoteninsel, suchen wir einen Zeltplatz, was sich als äußerst schwierig erweist, da zum Einen der heutige Regen lang nicht gereicht hat um die ausgetrockneten Bachläufe wieder zum Sprudeln zu bringen und zum Anderen das Gebiet um den Weg größtenteils aus nacktem rau zerschurftem Fels besteht, was wir Zelt, Isomatte und Rücken nicht abverlangen können. Letztendlich lassen wir uns auf einer Klippe mit Meerblick nieder. Der leichte Bewuchs bietet den Heringen noch etwas Halt. Als Wasserquelle dient ein Rinnsal, das sich mit viel Phantasie sogar etwas in Bewegung befindet. Als Schöpfstellen dienen zwei vom Sickerstrom gefüllte Becken im Fels, von denen eins von vier aufgedunsenen schrumpligen Fußflatschen in Schuhform verseucht wird. Aber das muss sein, denn die Läuferchen fangen nach zehn Stunden Einweichzeit bedenklich zu jucken an. Nach dem genüsslichen Geplansche (man ist ja schon mit wenig zufrieden) reißt auch noch der Himmel auf und die felsige Bucht wird von der schwachen Abendsonne betupft. Allerdings wird es dadurch, dass es aufklart, auch schnell recht kalt, als die Sonne verschwunden ist. Aber wir haben erst mal ne warme Suppe im Rachen und nachdem wir das andere Wasserbecken mit Zahnpasta verseucht haben, kriechen wir in die warmen Schlafsäcke.
[IMG-L]http://www.langtan.de/outdoor/bericht58.jpg[/IMG-L] [IMG]http://www.langtan.de/outdoor/bericht59.jpg

jeskodan
28.10.2009, 09:28
kleiner einwurf nochmal zum ersten Beitrag.

Ist es nicht normal in abgelegenderen Gegenden keinen Weg zu haben/ einen theoretischen Weg zu haben der praktisch nicht existiert ( bei großformatigen Karten etc findet man ja oftmals eingezeichnete Passmöglichkeiten hat aber keinen weg drüber, sondern muss vor Ort entscheiden ob das möglich ist).

es gibt da gerade im Osten schon einen Haufen gegenden wo es keinen echten weg gibt, schließlich ist der orientierrungssinn und kompass ja auch zu irgendwas gut. oder seid ihr alle nur auf wegen unterwegs?

BubiBohnensack
11.11.2009, 21:48
Wann geht das hier weiter? :)

Fjaellripan
14.11.2009, 11:19
Steinzeitrelikte. 12.08.09
Still liegt das Meer da, graue Wolken hängen darüber und senden leichte Schauer hinab. Zwei Seeadler kreisen über der stillen menschenleeren Landschaft. Unsere Blicke folgen den majestätischen Vögeln, die es hier noch zahlreich gibt. Auch botanisch gibt’s hier einiges zu entdecken, so wächst zwischen den Felsen Sonnentau, eine kleine fleischfressende Pflanze.
Der Tag heute ist wieder recht amphibisch, obwohl sich heute im Gegensatz zu gestern die Ergüsse auf gelegentliche Schauer beschränken.
Kurz nach dem Lagerplatz passieren wir ärgerlicherweise drei ordentliche Bäche, einer davon sogar mit duschtauglichem Wasserfall. Das sollte nicht das letzte Mal sein, dass wir wegen Trinkwassermangel auf irgendein Rinnsal zugreifen müssen und dann feststellen, dass nicht weit ein Bach zu finden ist. Hier hätte eine Karte mit entsprechendem Maßstab nicht geschadet…
Trotz allem, der Weg ist landschaftlich recht schön und wir sind allein unterwegs, sieht man mal von den sämtlichen wolligen Gefährten ab, die auf eine zweibeinige Begegnung nicht sonderlich viel Wert legen. Zudem ist der Pfad gut markiert und im Allgemeinen leicht gangbar mit einigen spaßigen Ausnahmen: An einer Stelle muss man sich, seitlich an die senkrechte Felswand gestemmt, an einer Kette über einen Abgrund hangeln. Anderswo quetscht man sich unter niedrigen Felsvorsprüngen hindurch, was sich mit dickem Rucksack, der dazu neigt überall hängen zu bleiben, ganz besonders gut macht. Zum Teil läuft man auf schrägen, unbewachsenen Felsflächen, deren Oberfläche hier jedoch in sehr feine scharfkantige Strukturen verwittert ist, die der Sohle auch bei Nässe Halt gibt, aber auch sehr schnell Löcher in die Ausrüstung reißt (wie bei den oben erwähnten Felsvorsprüngen). Einmal führen die Wegmarkierungen in einen natürlichen Tunnel etwa 10 m weit unter gewaltigen Felsblöcken hindurch. Hier ist ein gewaltiger keilartiger Fels vom Berg abgesplittert und die darunter liegenden Klippen gerammt, sodass diese aufgespalten wurden. Eine gute Abkürzung, denn so spart man sich mühselige Kraxeleien.

http://www.langtan.de/outdoor/bericht60.jpg
Wir folgen dem Verweis zur Storbåthellaren. Nach einer kleinen Verirrung finden wir die Höhle, die im Grunde ein gewaltiger Felsüberhang ist. Der Ort wurde bereits zur Jungsteinzeit als Unterkunft genutzt wurde und später als Bootsschuppen diente, daher der Name. Noch später diente der Ort als Liebesnest, aus der Zeit stammt der Rosenstrauch am linken Rand der Höhle. Noch später kam ein Survivalfreak, baute sich ein Bett aus Reisig und versuchte sich mit Feuersteinen pyromanisch zu betätigen, musste jedoch einsehen, dass derartiges Wissen im Laufe der Jahre verloren gegangen ist, was sich aus der Streichholzschachtel ableiten lässt, die eingängige archäologische Begutachtungen zu Tage fördern. Noch später krabbeln zwei norddeutsche Wandersleut in den feuchten Winkeln umher und beschließen vorerst keine Rast einzulegen. Wenig später regnet’s. Da wir bereits im Versuch auf direktem Wege wieder auf den Wanderweg zu gelangen ein gutes Stück an der Steilwand linkerhand der Höhle empor gekraxelt sind, pausieren wir auf einem sehr schmalen Felsvorsprung und werfen uns ne Wurst ein. Glücklicherweise ist hier auch ein leichter Überhang sodass an den Fels gelehnt nur die Regenhosen nass werden. Wir fühlen uns ganz wie ne brütende Dreizehenmöwe und genießen den Blick über die Bucht, schnabbeln was weg und dann hat’s auch schon wieder aufgehört zu regnen.
Wir passieren eine kleine, nur durch einen schmalen Zulauf mit dem Meer verbundene Bucht mit Kiesstränden. Durch die Gezeiten kommt es zu einem stetigen Strom durch die bachartige Enge, mal in die eine, mal in die andere Richtung – ein Paradies für filtrierende Arten, wie Miesmuscheln, die hier massenhaft gedeihen. Uns gefällt der Ort so, dass wir trotz der frühen Stunde, beschließen zum paradiesisch anmutenden Strand vorzudringen und dort zu zelten, denn wir haben nicht mehr so viel für die nächsten Tage geplant und schleppen uns zudem heute recht schlaffimäßig dahin. Doch daraus wird nichts, denn wir müssen feststellen, dass keiner der Strände ohne waghalsige Klettereien zu erreichen ist.
So setzen wir den Weg fort. Bei einem isolierten Gehöft ohne Weg- und Stromanbindung sind besonders viele Trampelpfade der Schafe im üppigen Grünland, sodass wir in die Irre geleitet werden und in einen runden, sumpfigen Talkessel geraten. So sehen wir zwar wieder ein paar schöne Ecken, müssen aber wieder lange suchen, bis wir den Weg gefunden haben. Wer also den Weg gehen möchte, tut gut daran sich immer am Gehöft zu halten und nicht ins kleine Tal abzubiegen!
Aus diesen Gründen und auch unserer gemächlichen Gangart sind wir trotz der weniger als 10 km langen Strecke erst spätnachmittags in Napp. Wir rasten auf einem Felsen oberhalb des Ortes, beobachten die einlaufenden Kutter, fressen Schoko und überlegen die weitere Reiseplanung. Nach einigem Geeier beschließen wir zurück nach Sørvågen zu fahren, den Wanderweg zum Hermanndalstinden zu machen und dann Freitach zum Festland zurück zu fahren um das Wochenende im Rago Nationalpark zu verbringen. Soweit die Theorie. In der Praxis rächt sich die Kurzfristigkeit der Reiseplanung in allen Punkten. Punkt 1: Busabfahrt in Napp 17.30. Als wir das an der Haltestelle lesen, ist es 17:35. Gut, peace Alter, gehen wir halt zurück in die Botanik und kochen uns ein Süppchen. Kommt nämlich noch ein Bus um 21:15.
Wieder zurück am Felsen, kommt schon so was wie ein heimatliches Gefühl auf. Aber die Erkundungen nach Trinkwasser gestalten sich wieder mal schwierig. Nun ja, das Zeug soll eh gekocht werden. Der Weg quert ein sumpfiges Wollgrashabitat, in dem einige Kollegen von Schafus norvegicus ein Tretbad nach Kneipp vornehmen. Der Anblick eines trollartigen haarigen Norddeutschen vertreibt sie rasch und ich nehme eine große Kelle Brühe.
Jede Skepsis verfliegt als die flockige Lache mit Mononatriumglutamat geschwängert wird, das jeden Moorgeschmack vertreibt.
Als wir rückzu den Weg mal leicht variieren, laufen wir prompt wieder zwei original Bächen über’n Weg. Arghh… Zu unserem Verdruss beginnt es auch wieder heftig zu schauern, sodass unser Flanieren über die Hafenpromenade in einer Flucht in die Betonkapsel des Busshålplats endet. Die restliche dreiviertel Stunde verbringen wir mit dem Memorieren der Briefkastennamen und rhythmischen Trommeleinlagen mit dem Hinterkopf auf selbigen.
Der Bus kam nach Plan und wir verspüren das fremdartige Gefühl, das einen befällt, wenn man nach Tagen Outdoorwanderns in einem rasanten motorisierten und hochgeheizten Gefährt über die Pisten gleitet und die schroffen Berge, an denen man tagelang entlang gewandert ist, im Zeitraffer einer Slideshow gleich vorbei ziehen.
Zehn nach Zehn sind wir in Sørvågen und steigen zum See auf, wo wir unser Zelt aufbauen und müde in die Kissen sinken.

Fjaellripan
14.11.2009, 15:11
Der Hermann. 13.08.09
Wir wollten den Tag nutzen und standen beizeiten auf, zumindest, was man in unserem Alter in der Freizeit als beizeiten bezeichnet. Der Wanderweg zur Munkebu ist jedenfalls schon hochfrequentiert, kein Wunder, dies ist der meistbegangenste Weg der Lofoten und das Wetter verspricht auch mal wieder ein paar Sonnenstrahlen. Wir lassen Zelt und Gepäck vertrauensvoll vor Ort und springen nun ganz frei und energiegeladen voran. Bald laufen wir wieder einigen dieser unsäglichen Schilder über den Weg, wonach der See als Trinkwasserreservoir der hiesigen Gemeinde dient und nicht als Zeltplatz. Doch wir wollen unseren Plan nicht aufgeben und nutzen noch mal die Gutmütigkeit der Nordmänner schamlos aus.
So ganz ohne Gepäck fliegen wir geradezu über die Piste, werden jedoch schon bald von einer großen Gruppe laut schnattender Franzosen ausgebremst, von denen es auf den Lofoten seltsamerweise zu wimmeln scheint. Franzmann für Franzmann arbeiten wir uns voran und preschen an einer Gabelung zügig vorbei. Dumm gelaufen: So übersehen wir den Verweis auf die Munkebu und geraten wieder mal auf die falsche Fährte.
Als wir eine Brücke überquert und uns des geringen Betriebs erfreut haben, fallen uns beim Umwenden die zahlreichen menschlichen Raupen auf dem Bergkamm auf und flitzen wieder zurück. Die Franzosen haben sich bereits ein ganzes Stück hochgeschraubt und sind immer noch lautstark am Quasseln, als wir zum Zweiten an ihnen vorbei preschen. Das ist hier oben um einiges erleichtert, denn hier ist nun Kalfjäll und weniger steiles Gelände. Oben rennen wir einmal im Kreis und besichtigen im Schnelldurchlauf die verschiedenen mit hechelnden Menschen reich bestückten Aussichtspunkte. Von hinten schieben die nächsten an, fließbandartig ergießen sich neue Massen auf den Gipfel, wir wetzen weiter. Um zwölf sind wir an der Munkebu. Kurz durchgeschnauft, einen Blick über das zerklüftete Tal geworfen und den Hermann ins Auge gefasst, der am anderen Ende der Schlucht aufragt wie ein riesiger Haizahn. Weiter.

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Obwohl wir nicht ernsthaft den Berg als Tagesziel erwägen, wollen wir doch mal sehen wie weit wir kommen. Schließlich wird als Ausgangspunkt für eine Besteigung die Hütte empfohlen. Der nicht abreißende Strom aus Tagestouristen lässt auch unsere Rast kurz werden. Nun geht’s erstmal steil bergab, sehr steil bergab. Hier haben sich schlicht und ergreifend wieder mehrere Wegvarianten herausgetrampelt. Wir wählen die mit der höchsten Schwierigkeitsstufe, den Spaß lassen wir uns nicht nehmen – nein, im Ernst: Man sollte schon genau gucken, welchem Pfad man folgt. Der Weg ist nicht überall markiert und man gerät schnell auf Trampelpfade, die in riskanten Klettereien enden. Nun gut, wir überleben’s und sind auf einigen Metern ebenen Bodens, bevor es wieder steil bergan geht. Bis auf ein Päärchen läuft uns jetzt keiner mehr über den Weg. Am Krokvatnet, dem höchstgelegenen See, kräuselt frischer Wind das Wasser. Schneefelder säumen das Tal und die Vegetation ist nur noch sehr spärlich. Noch einer kurzen Stärkung gilt es wieder einen kleinen Berg zu überwinden, bis wir dann am Fuße des höchsten Bergs der äußeren Lofoten stehen. Wir beide wissen, was im Kopf des anderen vor sich geht: Vor vier Jahren hatten wir versucht, den Dovrefjell-Nationalpark an einem Tag zu durchqueren mit Besteigung des Snøhetta. Kurz vorm Gipfel hatten wir umkehren müssen, und uns später immer wieder gestichelt deswegen.
Wir sehen uns kurz an um zu sehen, dass wir uns einig sind: Den schaffen wir!

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Nun geht das Abenteuer erst richtig los, denn der Weg ist wirklich nichts für Schwindelfreie. Gelegentlich gibt’s auch ein paar Kletterhilfen, die aber nicht mehr sehr vertrauenserweckend sind. An einigen sehr schmalen Graten ist der Ausblick atemberaubend, aber man muss zusehen, dass man nicht vom Anblick überwältigt wird, denn gleich neben dem Pfad geht’s mehrere Hundert Meter senkrecht runter. Die Steinhäufchen markieren den Weg über die Südflanke des Hermanndalstinden, die von einem riesigen Geröllfeld bedeckt ist. Der Blick nach oben offenbart ein Ärgernis: Der Hermann hüllt seine Glatze schamvoll im Wolkendunst. Aber unser Ergeiz tritt uns in den Arsch und wir krabbeln weiter. Noch ein Blick zurück und das gewaltige Panorama optisch eingesaugt, dann tauchen wir ab in den Nebel. Feine Tröpfchen schwirren umher. Sie werden immer größer. Es regnet. Die Felsblöcke sind jetzt verdammt rutschig. Am Ende des Geröllfelds ragen steile zerklüftete Felsen auf. Hier kommen wir nur noch mit beiderseitiger Hilfe weiter. Spätestens hier ist’s kein Trekking mehr. Die Nässe und schlechte Sicht erschwert das Ganze noch. An einigen Stellen müssen wir umkehren und es woanders probieren, da wir an den glatten Felsen keinen Halt finden. Recht plötzlich aber finden wir uns auf einigen Felsblöcken wieder, wo es nicht mehr höher geht. Wir sind erstaunt, aber das ist tatsächlich der Gipfel – ein spitzer Zacken der im Wolkendunst aufragt, drapiert mit einer tibetischen Gebetsflagge. Nicht wenig Euphorie wallt auf, die fehlende Sicht ist uns im Moment ziemlich egal. Es ist 15:30. Wir klettern über die Felsblöcke und finden zwei Ansätze eines Gipfelbuches, die jedoch trotz verschiedener robuster Techniken nicht dem eisenharten Klima dieses fremdweltlichen Außenposten der Erdenhülle standhalten konnten. Der Hermann duldet keine menschlichen Verewigungen, jegliche menschliche Präsenz verweht im Wind, verschluckt der Schnee, zermalmt der Fels.
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Es ist ganz still, eine surreale Stimmung. Kaum ein Windhauch ist zu spüren, doch knapp über uns rasen die Wolken dahin durch die Felsspalten strömt wirbelnder Nebeldunst. Nach dem obligatorischen Freudenschrei und der Audioaufnahme warten wir noch eine Weile, doch trotz gelegentlich aufblitzenden Fetzen blauen Himmels über uns klart es nicht auf. Wir pfeifen uns den Belohnungserdnussschokoriegel rein und treten den Rückweg an.
Es wird zunehmend ungemütlich. Hatten wir vormittags heftig geschwitzt, frieren wir nun trotz sämtlicher Lagen Kleidung zunehmend. Als großer Fehler sollte sich erweisen, dass ich keinen Schal mitgenommen hatte…
Trotzdem lassen wir es uns nicht nehmen gelegentlich länger zu verweilen und die wahnsinnigen Ausblicke über die wilde, zerklüftete Landschaft zu genießen, über deren Bergkämme sich die Schauerwolken schieben, die intensiven Farben, den Nordwind im Gesicht.

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Die letzten Ab- und vor allem der letzte Anstieg vor der Munkebu gehen dann noch mal mächtig in die Knochen. An der Hütte treffen wir noch zwei Franzosen, denen wir erklären müssen, dass es fernab der Munkebu und an den Seen mit Zelten sehr schlecht aussieht und hier man hier oben auch überall dem rauen Wetter ausgesetzt ist. Das arme Mädel sieht etwas unglücklich aus, aber die beiden verschwinden dennoch in Richtung Krokvatnet.
Das Zelt steht noch! Die Plane flattert im Wind, als wir um 20:30 im Tal ankommen. Die heftigen Schauer nehmen zu und wir verziehen uns mit der rasch gekochten Brokkolicremesuppe ins Zelt.


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Pax
18.11.2009, 23:16
Mal weitermachen hier!

Mir läuft bei dem Bericht das Wasser im Munde zusammen, ich will nämlich Sommer 2010 für einen Monat (wieder) auf die Lofoten.. kann's gar nicht erwarten! Wahrscheinlich hab ich bis Januar 2010 sämtliche Planung abgeschlossen xD

Super Bericht, schöne Bilder! Alles andere wäre auf den Lofoten auch seltsam.. für mich der Himmel auf Erden. Mit ein paar Störenfrieden ;-)

Ach ja, hab ich's schon erwähnt? Mehrhabenwill!

EDIT:

Das mit den Audioaufnahmen ist eine super Idee! Wurde von mir bisher immer wieder aus Gewichtsgründen verworfen... was ich vlt überdenken sollte. Tolle Sache!

Fjaellripan
19.11.2009, 10:22
Das mit den Audioaufnahmen ist eine super Idee! Wurde von mir bisher immer wieder aus Gewichtsgründen verworfen... was ich vlt überdenken sollte. Tolle Sache!

Danke, für das Feedback. Ich benutze einen Digitalrekorder, der nicht viel mehr wiegt, als eine Tafel Schokolade. Nahm das Ding eigentlich mit um Geräusche für Filme aufzunehmen, aber die zwischenzeitlichen Momentaufnahmen und Statements sind eine schöne Erinnerung und gute Ergänzung zu Tagebuchaufzeichnungen.

Lofotenmäßig kommt nicht mehr viel (nur noch ungutes :grins:), aber es bleibt trotzdem spannend, da wir noch einen Abstecher in den Rago-Nationalpark bei Fauske machten, der ein schöner Kontrast zur Insellandschaft darstellt.

Meer Berge
19.11.2009, 17:04
Ja, wirklich ganz toller Bericht über eine wunderschöne Landschaft! Wirklich lesens- und sehenswert! Möchte ich mir auch gerne einmal ganz direkt ansehen.

Gruß,
Meer Berge

BubiBohnensack
28.11.2009, 18:54
möp möp!

Pax
28.11.2009, 19:51
Ja schon, was denn los hier?
Jetzt nimm dir mal ein Beispiel an meiner Alpenüberquerung, da stell ich schön gestreut aber regelmäßig den nächsten Tag rein, um mir ein Maximum an Aufmerksamkeit zu erschleichen xD

Will wissen wie's weiter geht!

Fjaellripan
29.11.2009, 10:17
Jo, kein Stress. :p Zeit ist momentan etwas knapp. Ich hoffe es wird im Laufe der Woche was.
Danke für euer Interesse!

BSS
29.11.2009, 19:28
Es gibt gute topografische Karten im Maßstab 1:25 000, allerdings hätte ich da für Moskenesoya bereits drei Kartenblätter gebraucht und die waren auch nicht vorrätig.

oha. es gibt 1:25000er Karten? ich hab leider bisher nur welche 1 zu 50 000 entdecken können. Würde mir aber liebend gerne mal so eine 25er angucken. Hättest Du mal einen Link, sofern es die im Internet gibt? oder ne Beschreibung in welchen Läden man die finden könnte (globetrotter?)? wäre super.

ansonsten, toller Bericht :) und ebenso wundervolle Bilder.
bin mit großer Wahrscheinlichkeit nächstes Jahr im Sommer mit zwei Freunden erst in Nordschweden und abschließend noch eine Woche auf den Lofoten.

Fjaellraev
29.11.2009, 19:51
oha. es gibt 1:25000er Karten? ich hab leider bisher nur welche 1 zu 50 000 entdecken können. Würde mir aber liebend gerne mal so eine 25er angucken. Hättest Du mal einen Link, sofern es die im Internet gibt? oder ne Beschreibung in welchen Läden man die finden könnte (globetrotter?)? wäre super.
Habe mal kurz gesucht, weil es mich selbst etwas erstaunt hat. Von Ugland IT die jetzt die offiziellen Karten rausgeben sind sie schonmal nicht, ich vermute mal einen lokalen Herausgeber und dann sieht es mit vorher in D anschauen wohl eher düster aus...
Die Geobuchhandlung (http://www.geobuchhandlung.de/) in Kiel (Ansonsten der Masstab in D) hat auf jeden Fall auch nichts in der Richtung im Sortiment.

Gruss
Henning

Fjaellripan
30.11.2009, 11:10
oha. es gibt 1:25000er Karten? ich hab leider bisher nur welche 1 zu 50 000 entdecken können. Würde mir aber liebend gerne mal so eine 25er angucken. Hättest Du mal einen Link, sofern es die im Internet gibt? oder ne Beschreibung in welchen Läden man die finden könnte (globetrotter?)? wäre super.


Hast recht, ich meinte die 1:50000 topografischen Karten, die es für Skandinavien flächendeckend gibt.
1:25000er gibt's nur für bestimmte Gebiete. Vielleicht noch mal der Geobuchhandlung mailen, die haben eigentlich den Überblick, was Nordeuropa kartentechnisch angeht.

BSS
30.11.2009, 14:31
danke für die Antworten bisher.
hab nochmal ein wenig geforscht... hier gibt es eine gute Übersichtskarte auf der man auch erkennen kann, welche 1:50000 karten es (insbesondere) für die Lofoten gibt.
Zumindest werde ich mir wohl zum Sommer 3 Karten (Lofotodden, Moskenesoy und Leknes) zulegen
Leider haben die ihren Sitz in England.
http://www.stanfords.co.uk/stock/norway-50k-topographic-survey-maps/series-grid.html?location_id=1746

Fjaellripan
30.11.2009, 16:29
Die Karten kriegst du auch in der Geobuchhandlung oder vor Ort.

Zum Planen vorab kannst du auch diese Karte (http://kart.statkart.no/adaptive2/default.aspx?gui=1&lang=2) verwenden, ist auch sehr genau (1:25000 möglich) und du kannst angeben, was du angezeigt haben willst.

rudolf
30.11.2009, 22:22
Das habt ihr ganz (Toll?) gemeistert wenn mann überlegt dass der Weg nur ein wenig rechts von eure Rute geht und auch nicht ohne ist.
Mit den großen Rücksack sind Lofoten nicht so einfach zu schafen auch wenn die Berge sooo groß sind.

Fjaellripan
01.12.2009, 15:32
Welchen Weg meinst du?

rudolf
01.12.2009, 19:10
Welchen Weg meinst du?
Ich meine den Weg vom Ägvatnet bei Ä ,eure erste Berg auf den Lofoten,
es geht ein Pfad auf den Kam, vom See es ist auch nicht einfach aber man
kommt sicher hoch ,ist auf der Karte gezeichnet,wie schon gesagt mit dem großen Gepäck haben wir es auch nicht versucht,wir sind ende Juli da gewesen und hatten volle Sone.
Gruß Rudolf

Fjaellripan
03.12.2009, 00:19
Das ist wohl der Weg zur Stokkvika, der als offizieller Pfad existiert. Wir wollten aber zur Refsvika, wo es die Höhlenmalereien gibt.

Shirkan
03.12.2009, 10:25
habe lange nicht hier ins Forum geschaut, aber dieser Bericht muss ich mir heute abend genauer durchlesen. Hab ihn eben nur überflogen und festgestellt, dass ihr wohl unsere Artijek im Wiki zur Moskenesoya-und Flakstadoya-Durchquerung gelesen habt und zum Teil nachgegangen seid. Cool. :cool:

Ich schreibe demnächst mehr. Meine Tour auf den Lofoten war eines der genialsten Dinge die ich bislang gemacht habe. Schön zu sehen, dass diese Gegend auch andere interessiert :)

Gruß
Sebastian

Fjaellripan
03.12.2009, 11:04
Jo, danke noch mal an der Stelle für deinen Wiki-Artikel. Hat uns sehr geholfen.

Fjaellripan
06.12.2009, 14:40
Crash. 14.08.09
Sintflutartige Regengüsse und starke Windböen gestalten die Nacht etwas unruhig. Glücklicherweise habe ich gelernt auf mein kleines Zelt zu vertrauen und kann mich etwas entspannen. Um die erste Fähre zu erwischen, machen wir uns beizeiten auf. Dann geht die Scheiße los: Beim Abbau des Zelts bricht eine Stange und haut durch den Einfuhrgang. Mit der mitgelieferten Reperaturhülse lässt sich die Stange glücklicherweise schienen und das Loch im Zelt wird notdürftig mit Klebeband geflickt. Das Gewebe reißt glücklicherweise nicht weiter auf.
Gegen zehn sind wir am Fähranleger, wo schon einige Leute warten. Allerdings müssen wir feststellen, dass heute die Nebensaison beginnt und jede zweite Fähre gestrichen ist. Das heißt Warten bis 14 Uhr. Voll bekackt, denn so können wir vergessen, abends im Rago zu sein.

- Datenverlust-
Die nächsten erbärmlichen 30 Stunden habe ich aus meinem Urlaubsgedächtnis gelöscht.

Der Stand der Dinge. 15.08.09
Ein kristallener Vorhang flattert vor dem Lichtloch am Ende des kleinen höhlenartigen Tunnels, in dem es nach totem Staub riecht. Wir stehen bewegungslos auf dem Asphalt, getrennt von der wahren Welt, verharrt in einer zwischenweltlichen dumpfen künstlichen Realität. Die zwei fließenden Gestalten rücken vor, zögernd zunächst, dann entschlossen. Wir halten den Atem an, die Nasenspitze tangiert die weltliche Sphäre, der Rest rückt nach und taucht wieder ein ins Naturgeschehen. Welcome to the real world.
Wir sind auf der Straße nach Nordfjord. Der Busfahrer hat uns netterweise am Tunneleingang abgesetzt und so sind es nur noch fünf Kilometer bis zum Wanderweg. Der Regen strömt, wie die ganzen Tage nicht, der Widerstand der Sympatex-Membran ist gebrochen und ein Rinnsal fließt über den Rücken. Dann irgendwann ein verwittertes Schild in einer kniehohen Strauchschicht. Krächzend weise ich den Reisekumpel darauf hin – meine Stimme verabschiedet sich zusehends.
Steil hinauf geht’s, zunächst auf einem Forstweg, dann ein Trampelpfad, der aufs Hochplateau führt. Die Temperatur sinkt weiter bis auf gefühlte 5°C und die Luftfeuchtigkeit liegt bei gesättigten 100% und wabert als kalter Nebel durch den Wald. Desöfteren kreuzt der Weg eklige Starkstrommasten, die bedrohlich knistern. Irgendwie hab ich meine Zweifel, ob die Luft noch ihrer Isolatorwirkung nachkommt.
Im lichten Kiefernwald oben finden wir eine ebene Stelle, Wasser ist ja auch genug da. Das Zelt ist immer noch feucht und die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Trocknung sind leider nicht gegeben. Ein kleines Handtuch, das sich bisher erfolgreich gegen Wasser gewehrt hat, kommt zum Einsatz um die Schlafsäcke nicht direkt in die Nässe packen zu müssen. Wir kriechen mit klammen Sachen in die Klammen Säcke und der eisige Dunst zieht durch die Lüftungsgitter und macht alles noch klammer. In der Nacht friere ich mächtig, meine Halsschmerzen verschlimmern sich und die Stimme geht ganz flöten.

Fjaellripan
06.12.2009, 14:41
Rest gibt's die nächsten Tage. Dann auch wieder mehr Bilder!

biabir
08.12.2009, 14:16
"- Datenverlust-
Die nächsten erbärmlichen 30 Stunden habe ich aus meinem Urlaubsgedächtnis gelöscht. "


Das klingt ja ungemein dramatisch. Eigentlich treibt mich meine Neugier zu einer Nachfrage. Aber ich reiße mich zusammen und möchte nicht in der scheinbar tiefen Wunde bohren!?!

Fjaellripan
08.12.2009, 14:37
Bei Gelegenheit vielleicht noch mal, ist aber eigentlich zu peinlich. :roll::ill:

Fjaellripan
09.12.2009, 16:23
Der krönende Abschluss. 16.08.09
„Tomorrow you’ll wake up in Rago with beautiful sunshine.”, sagte die Dame in der kleinen Touristinfo von Fauske und weist auf das Sonnensymbol in der Wetterprognose. Motivation für den letzten Tag. Und, verdammt, die Frau hat Recht! Mit einem pfeifenden Gegrunz äußere ich mich und Johannes übersetzt: „Geil!“ So, jetzt gucken wir erst mal, wo wir sind. Der Blick flattert über ein tiefes Tal mit schroffen Granithängen auf der gegenüberliegenden Seite, die das wolkenlose Blau des Himmels scharf abgrenzen.


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Alles wird zum Trocknen ausgebreitet und wir lassen es ruhig angehen. Dann geht’s weiter auf dem Wanderweg zum Rago Nationalpark, der sich in einen reißenden Bachlauf verwandelt hat. Welch Wunder, wir kommen schon bald ins Schwitzen und ich nehme mir vor bei der nächsten Rast die geplagten Füße ins Wasser zu halten. Am frühen Nachmittag erreichen wir die Klippe gegenüber dem Wasserfall, wo sich ein atemberaubender Blick über das schroffe Tal eröffnet, in dem sich türkis der Fluss schlängelt.


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Nach ausgiebigem Einsaugen der visuellen, akustischen und taktilen (Windhauch) Reize geht es weiter zur Hängebrücke über dem Wasserfall, wo auch die Grenze des Nationalparks ist. Nach dem obligatorischen Hängebrückenwippen wird gespeist und geknipst, was der Akku noch hergibt. Das Spiel des Wasser ist wunderschön anzusehen. Das Wasser strömt aus dem unglaublich kristallklaren Litlverivatnet, bricht sich in fast statisch wirkenden Skulpturen am Fels und donnert dann mit hoher Geschwindigkeit die glatte Wand hinab.
Inzwischen haben sich Wolken vor die Sonne geschoben und es wird wieder kühler. Nach einigem Geeier verwerfe ich den Plan vom Fußbad um keine ökologische Katastrophe auszulösen.
Wir gehen den Weg ein Stück zurück und steigen dann an der Bergflanke westlich des Sees auf um oben auf den Linné-Pfad zu stoßen, der uns zurück nach Lappelva bringen soll. Es ist noch mal ein mächtiger Anstieg, der in die Knochen geht und dadurch erschwert ist, dass wir uns den Weg selbst suchen müssen. Die Steigung ist aber moderat, zumindest mit den Lofoten verglichen. Allerdings gibt es dieses entmutigende Phänomen, dass nach jedem kleinen Hang, der erklommen ist, sich ein nächster auftut. Aber die Aussicht im Abendlicht weit über das umgebende Fjäll zu blicken, spornt uns noch mal an und so stehen wir schließlich am höchsten Punkt einer Hochebene namens Svenskhammaren. Hier oben plätschern kristallene Bäche durch blanken Stein, Schnee und Eis. Nur wenige winzige Pflanzen, wie der Gletscherhahnenfuß, wachsen und blühen hier in Geröllspalten. Zwei Rentiere springen mit Leichtigkeit übers Gelände. Das Gipfelpanorama ist gigantisch. In der Ferne ist sogar der Atlantik zu sehen. Über einem gewaltigen vergletscherten Bergmassiv in der Ferne hängen Schauerwolken. Alles ist unglaublich still, das goldene Abendlicht taucht die gefurchte, schwer durchdringliche Gebirgslandschaft in warme Farben.


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Es ist schon spät, als wir uns schließlich aufraffen, müssen wir doch noch bis nach Lappelva. Der Linné-Pfad ist schwer zu finden, da er kaum begangen wird. Er ist teilweise mit aufrechten, spitzen Felsplatten markiert, für die man im Geröll-Gelände erst mal einen Blick entwickeln muss. Dazwischen lassen sich manchmal überwachsene, pfadartige Strukturen erahnen. Zwei mal geraten wir auf tauende Schneefelder, deren Tragkraft wir nicht ganz trauen, die sich jedoch auch nicht umgehen lassen. Den Weg verlieren wir dabei völlig aus den Augen, finden ihn aber später wieder. Es geht recht schnell wieder bergab. Die Knie ärgern sich über die Strapazen, aber das sollte es nun auch das letzte Mal für diese Reise sein.
Unter der Baumgrenze ist der Weg etwas besser ausgetreten. Hier scheinen sich auch öfter Jäger zu bewegen. Allerdings gibt’s auch keine Markierungen mehr. Wir kommen auch hier mehrmals vom Weg ab und verstricken uns in einige steile Kraxeleien, die sich hier jedoch durch die vielfältigen Griffmöglichkeiten in Form von Bäumen absichern lassen. Mit dem letzten Abendlicht, das über die Fjordhänge streicht, kommen wir in Lappelva an, wieder Meeresniveau. Wir sind ziemlich k.o. und die Zeltmöglichkeiten sind begrenzt: Das Fjordufer ist mit dichtem Dickicht oder Schilfwiesen flankiert. Kurzerhand packen wir das Zelt an eine kleine ebene Stelle mit Gras neben dem Wanderweg und dem rauschenden Lappelv, eben groß genug für unser kleines Zelt.
Während es dunkel wird, sitzen wir auf den Steinen am Bach, kochen eine fette Snabb-Makaroner-Pampe, patschen mit den Füßen im Eiswasser und sind einhellig der Meinung, dass die Tour heute ein großartiger Abschluss für unsere Reise war.

Rückkehr. 17.08.09
Wegen der Halsschmerzen schlaf ich recht schlecht. Wir haben den Wecker auf 7 Uhr gestellt, damit wir den ersten Bus erwischen – zur Sicherheit. Unsere Verkehrsmittel-Erlebnisse in den letzten Tagen waren zu ungut, als das wir uns auf den Mittagsbus verlassen, mit dem wir normalerweise den Zug locker erreichen würden. Wenn wir den Anschluss verpassen, wär das höchst fatal und würde nachhaltige finanzielle Konsequenzen mit sich führen, da dann unsere ganzen billigen Minipris-Tickets verfallen würden, da alle Anschüsse flöten gehen.
Die Sonne lacht uns zum Abschied zu. Traurig, bei so einem Wetter abzufahren, das passiert mir irgendwie immer… :( Leichter Nebel hängt über den Weiden. Die zweieinhalb Kilometer Straße nach Megården sind schnell zurück gelegt. Unter der Brücke am Fjordufer wird erst mal gefrühstückt. Ölschlieren und Müll treibt auf dem Wasser, pausenlos donnern LKWs über die E6. Das war’s…


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Fjaellripan
09.12.2009, 16:27
Ich hab grad bemerkt, dass die Bilder nicht in Originalgröße ausgegeben werden, also ggf. die Bilder im extra Browserfenster öffnen. Die Bilder sind alle bei www.langtan.de/outdoor/bericht(01-80).jpg

Fjaellripan
16.12.2009, 22:43
So, ich habe einige Bilder noch mal durchs Bildbearbeitungsprogramm gejagt. Vielleicht gefällt's ja dem ein oder anderen.


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biabir
28.12.2009, 14:20
hei fjellripan,

da habt ihr ja wirklich noch eine versöhnliches Ende gehabt. Euer Bericht macht richtig los gleich mal los zu fahren. Aber wir müssen noch bis Juni warten. :(

Das Bildbearbeitungsprogramm ist sein Geld auch wert. ;-)

vg
biabir