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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [NO] Worin suchen wir? - Immer in uns. / Der etwas andere Reisebericht



Issoleie
19.08.2008, 23:17
Land: Norwegen
Reisezeit: 01.07. - 18.8.2008
Region/Kontinent: Nordeuropa

Ich melde mich einmal wieder zu Wort, einmal mehr mit einem Reisebericht.
Doch erwartet nicht die übliche Form. Ihr werdet hier keine Wegbeschreibungen finden, keine Informationen, mit der ihr eure Tour planen könnt (die Gebiete sind bekannt). Wohl werdet ihr anderes finden, das mag noch schöner sein.

Folgend wird in hoffentlich recht regelmäßig unregelmäßigen Abständen, doch stetig, ein Teil und ein nächster meiner Aufzeichnungen der vergangenen Reise erscheinen, manche kennen wohl die vorigen. Stellt Fragen, wenn ihr welche habt. Kommentiert, wenn euch danach ist. Was hier stehen soll, ist dafür gedacht, dass es gelesen wird, ist kein persönliches Tagebuch und kein abgeschlossenes Werk hier an diesem Orte und soll keinen von mir irgend erwünschten Formen entsprechen. Daher werden die Bilder der Landschaft auch unabhängig vom Text erscheinen, lose, doch beschriftet - beides steht dieses Mal sehr für sich selbst. Ein paar mehr Fotos gibt es wie üblich hier:

http://picasaweb.google.com/Marks.Florian/SoloJotunheimenRondaneDovrefjell2008?feat=directlink

Vielleicht meldet sich der ein oder andere, dem ich begegnet, es waren ein paar und mich würde es freuen. Daher auch folgend mein Gesicht, man mag sich dann erinnern. Ja, richtig: Der schon etwas verwildert aussah, der so lange unterwegs war, das war ich. Vielleicht lesen es andere, die mir vertraut, die mögen dann denken: So ist er, oder sie sind ganz befremdet, ich war es ja selbst am Anfang. Doch lest nur, lest selbst.


http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SKswVLmN0mI/AAAAAAAABcA/spuFcWK1c94/s640/_DSC2164.JPG
Mein Gesicht (so sah es am Ende aus - alles recht...)


http://lh4.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SKssbZCLktI/AAAAAAAABao/dd9xDL86vHE/s640/_DSC1132.JPG
Mein Rucksack (01.07. und so sah das am Anfang aus...)


http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SKsrpGWZYWI/AAAAAAAABaA/0v-ZSVgEqUM/s640/_DSC1133.JPG
Meine Stiefel (..., da war noch alles sauber und fein)





2.7.

Warum nur spreche ich in meinen Gedanken so viel Englisch zu mir selbst? Ganz entschieden muss das aufhören! sollte jedenfalls doch auf die Themengebiete beschränkt sein, die ich mit der Sprache verbinde. Das sind nicht nur Liedtexte, die mir da beikommen und dann erst nach etlichen Wiederholungen in einen anderen übergehen, es sind vielmehr die kurzen Kommentare, inneren leisen Ausrufe oder Gedankenketten, ganz selbstverständlich, ohne auch nur irgendwie gefunden werden zu müssen. Dann wäre das ja hervorzuheben und sicher auch positiv zu bewerten. Das Tragische aber ist doch die schleichende Verdrängung meiner schönen Muttersprache, ist doch dieses Fragmentarische. Tragisch sage ich und will es doch sogleich berichtigen, ja mit den Worten, die hier geschrieben werden, selbst das Tragische angreifen und mich zum Erfinder, zum Mechaniker, Steuermann meines Ich und der sprachlichen Welt um mich machen und dieser anmaßenden, stillen Entwicklung entgegenwirken, die mich in bloßen Stücken treiben lässt.

Diese Worte sind geradezu Befreiung von den Ketten des heutigen Tages, Erholung von einem wortlosen Zustande, in dem es nichts Ganzes gab, keine große Überlegung. Einem Zustand, in dem alles unzureichendes Werk war, immer wieder kraftlos die Leere durchbrechend, die sich in mir ausgebreitet hatte.

Ich schreibe und ich komme zu mir. Ich will entdecken und entschlüsseln, ganz natürlich, ungezwungen. Ich hoffe, ich kann einmal wieder genießen und naiv die Seele fliegen lassen.


Unter einer Brücke wache ich auf. Ich weiß, wo ich bin, das besorgt mich nicht. Doch bin ich voller Unruhe, voller Zweifel. Ich habe Angst, Angst vor mir, Angst, nur mit mir zu sein, ohne Ausweg, ohne Ablenkung. Noch fühle ich mich wie vor einer Prüfung, die ich nur um meinetwillen bestehen muss. Muss! denn diesen Weg habe ich gewählt und dachte bisher, eine gute Wahl getroffen zu haben, die einzig möglich. Muss, weil etwas sein muss, weil es so notwendig ist, dass ich einmal recht anständig durchgerüttelt werde, um doch zu schauen, was aus diesen Teilen so werden kann. Also packe ich mich selbst und als ich noch so unter der Brücke liege, da hoffe ich, mich auch recht wohl greifen zu können und selbst dabei dann noch so viel Kraft zu haben, mich auch zu schütteln.

Der Bus bringt mich von der Stadt zum Startpunkt nahe den Bergen, von dem es direkt losgehen kann. Auch schaue ich der kommenden Zeit nun mit Freude entgegen, ich erwache langsam, es beginnt in mir, sich zu regen, zu hüpfen und tanzen und drängt mich. Die Situation hat sich ja nicht verändert, jetzt aber weiß ich: es beginnt. Ich laufe wieder, ja, ich habe einen Weg, habe Freiheit ringsherum.

Die Umgebung ist so wunderbar, in mir aber ist es eng, ganz zugeschnürt. Formelhaft, voraus weisend versuche ich, mir eine Richtung zu geben, den ganzen Tag über geht das. Kenne deinen Weg. Gehe ihn, doch lasse dir Zeit. Gehe deinen Rhythmus, sei ruhig in dir. Höre nicht vor dem Ziel auf, doch gönne dir Pausen. Wisse, wann es zu viel wird, höre in dich hinein. Du kannst über deine Kräfte hinausgehen, allein durch deinen Willen kannst du weiter. Unterscheide gut, was der Anstrengung wert ist.

Es geht bergauf. Mein halbes Körpergewicht trage ich auf dem Rücken und weiß, dass es zu schwer ist, weiß aber auch, dass ich schaffen kann, was ich mir vornehme. Der ganzen Grundlage, dem Zweck meiner Reise gerecht werdend wähle ich einen unbegangenen Pfad. Es zieht sich der Anstieg. Immer wieder bleibe ich kurz stehen, um ein wenig Kraft für die nächsten Schritte zu sammeln. Endlich vor mir der Pass. Nein, da herauf zu kommen ist auf gerade Wege unmöglich. Ich weiche auf die Seitenflanke aus. Groß und lose liegen dort die Geröllblöcke vor mir, stürze ich jetzt, werde ich wohl so schnell nicht wieder aufstehen und wirklich habe ich wohl auf keiner Tour so gebangt, unbeschadet durchzukommen, den einen Fehler zu vermeiden. Ich habe keine Kraft mehr, jeder Schritt ist eine Überwindung, doch ich kann nicht gehen, wie es am angenehmsten, sondern wie jedes weitere Stück aufwärts möglich ist. Nur motiviert davon, endlich oben anzukommen, schaffe ich es hinauf, bin müde und völlig verdurstet.

Der Blick geht jetzt die Runde, streift die langen kahlen Flächen, steigt hinab in die Täler. Vollkommen niedergeschlagen, geradezu erbost sehe ich das Kar unter mir. Üppig hatte ich die Vegetation erwartet, den idyllischen Zeltplatz erhofft. Nun sehe ich Geröll überall, den See von Schnee umrahmt, noch teilweise bedeckt. Kaum noch gelange ich vom Pass hinunter, zu steil ist der Steinhang. Mein Tritt ist unsicher, wackelig, die Motivation am Boden. Doch ich gehe weiter, weiter. Einen Zeltplatz muss ich schließlich irgendwo finden, kann hier ja nicht bleiben. Der Hang bietet mir bald festeren Grund, zu moorig ist das Flussufer, das sich zweihundert Meter unter mir in die Länge zieht. Einige Male strauchle ich jetzt, falle, kann nicht mehr. In einer letzten Kraftanstrengung stolpere ich einen Geröllhang hinab, erreiche schließlich einen Platz am Rande des Flusses, wo ich mein Lager aufschlagen kann.
Ja, der Anfang war ein schwerer. Doch leicht hatte ich mir die Reise ohnehin nicht vorgestellt, zumindest nicht im Geiste. Ich werde mich an mich gewöhnen müssen. Ich werde mir Zeit lassen, werde ruhig meinen Weg weiter gehen in der Gewissheit, stark zu sein, hoffentlich stark genug.

> Spranget – Verkilsdalen via Rondvassbu
16km; 980m hoch; 830m runter

Impressionen des Tages:

http://lh4.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SKssmR-HcyI/AAAAAAAABbA/v10vRWFOyZI/s400/_DSC1138.JPG
Blick zu dem Hauptmassiv Rondanes von Spranget aus, andere Flussseite gegenüber der Straße, Einstieg der meisten Wanderer


http://lh6.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SKssqBXWJII/AAAAAAAABbM/hR2PsZ_hN94/s640/_DSC1140.JPG
Rondvatnet umrahmt von Rondhalsen Svartnuten; im Hintergrund Digerronden


http://lh3.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SKssuIPTY2I/AAAAAAAABbU/sSVYtBux__U/s640/_DSC1144.JPG
Jotulhogget


http://lh3.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SKssyFq3qBI/AAAAAAAABbc/wZYROqYkoj0/s640/_DSC1152.JPG
Blick von Hoggbeitet aus nach Osten


http://lh6.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SKss10Mnl1I/AAAAAAAABbk/wfvooL0o4M8/s640/_DSC1154.JPGBrakdalsbelgen, darunter Verkilsdalsbotn



3.7.

Rede! ja, rede immer weiter zu dir, zu einem andern kannst du nicht. Tatsächlich habe ich angefangen, klar darüber zu werden, dass ich ganz ausschließlich nur mit mir bin und das ich mir nicht entgehen kann.

Ich wache auf im Nichts. Mein Kopf ist noch nicht im vollen Bewusstsein, die Glieder sind schwer. Wieder dämmriger Schlaf. Ich warte im erhitzten Zelt, warte auf ein Weckerklingeln, darauf, dass mir jemand lese zuruft, aufzustehen, einen guten Morgen wünscht. Nichts. Ich bin in der Einsamkeit, bin weit ab von allen. Ein wenig Sicherheit: die morgendliche Routine, der Lagerabbau, der schon heute besser als erwartet abgewickelt wird. Stünde jetzt nicht dieser kolossale Rucksack direkt vor mir auf dem Boden, schwer schon, wenn man ihn betrachtet, mir wäre recht fröhlich zumute.

Gleich zu Beginn drückt das Gewicht, die Schritte sind schwer. Langsam wird es offensichtlich, wie viel länger es braucht, sich den eigenen Weg zu suchen, die grobe Richtung, die schon ermittelt ist, genauer umzusetzen, mit kleinen Schritten zu füllen. Das Tal ist an seinem Beginn grüner, ausgedehnt streckt sich der Fluss über die Ebene, doch immer wieder hindern Blockfelder am leichteren Vorankommen, streifen dichte Sträucher unsanft die nackten Beine. Auch heute brennt die Sonne, rot glüht die Haut an den ausgesetzten Stellen.

Noch Beschwerden, Unwegsamkeiten und der ständig neuen Suche, wie am besten voranzukommen, habe ich es endlich geschafft und bin erleichtert, den markierten Pfad sich hell abzeichnend unter mir liegen zu sehen. Zurück zum Gewöhnlichen, zum Gemäßigten. Natürlich Sicherheit, natürlich das beruhigende Gefühl, etwas Etabliertem folgen zu können. Zu was bin ich bereit? Erinnere ich mich nicht klar an die Wahl des Autors Henry David Thoreau in seinem Gedicht, als die Scheide zweier Wege liegt, einer ausgetreten, der andere unbegangen?

Ich biege ab, seitlich den Hang hinauf, grob Richtung Norden, wie die Karte den besten Weg vermuten lässt. Neue Abdrücke hinterlässt jeder meiner Schritte, frei wähle ich den Pfad erneut. Außerhalb kreise ich weit über mir und sehe zu, wie es recht wunderbar über die weiten einsamen Flächen voran geht. Ich bin weiter. Ich fange an, die richtigen Fragen zu stellen, frage, forsche überhaupt. Ich wundere mich nicht mehr nur über die Situation, in der ich bin, wundere mich jetzt auch über mich selbst. Immer wieder schweife ich ab, kann mich nicht an etwas festklammern, die Themen schweifen lose durch meine Gedanken. Vorerst aber soll es so genügen, vorerst reicht ein Anfang.

Der Weg nimmt meine Aufmerksamkeit wieder voll in Anspruch. Es geht abwärts, geht hinab ins Tal. Ein langes Schneefeld erleichtert mir einen guten Teil der Mühe und dann suche ich wieder nach den besten Möglichkeiten, voranzukommen. Um Hindernisse kommt man aber nicht immer herum. Also Schuhe aus, Socken eingesteckt und Schuhe wieder an: Auf der anderen Seite des Flusses steht das Wasser noch immer knöcheltief in den Stiefeln. Schmerzhaft geht es den Flusslauf folgend weiter. Die Vegetation auf dieser Höhe ist kräftig und bald sind meine Schienbeine und Waden zerschrammt und aufgerissen. Ich sehne den nicht mehr weit entfernten Fahrtweg an, hoffe, bald wieder bequemer wandern zu können. Nicht zu frühe habe ich ihn erreicht, brauche etwas Erholung. Die kann ich hier aber nicht finden, denn unzählige Stechfliegen stürzen sich bei jeder kleinsten Pause auf meine Beine, setzen sich auf die blutigen Stellen und beißen auch neue kleine Wunden in die Haut.

Erneut neigen sich meine Kräfte unerwartet früh dem Ende entgegen. Zwar laufe ich wieder auf markierten Wegen, auf denen es sich wieder leichter geht, Pausen sind mir aber nicht vergönnt und die Sonne drückt weiter schwer. Fern aber ist das Ziel nicht mehr und bald liege ich nach einem Bade in der Wärme und ruhe den erschöpften Körper aus. Der Abend vergeht geschäftig, ich erkunde die Umgegend, während langsam die Sonne immer tiefer sinkt und die Landschaft in warmes Licht taucht.

Ich liege im Zelt, zu viel sind die Mücken nun geworden und das gestern noch erworbene Spray nicht zur Abwehr vorgesehen. Gründlicher hätte ich lesen sollen und hoffe auf baldige Ergänzung. Es drängt mich, als ich so liege und diese Worte schreibe und ich muss schauen, mit wem ich es zu tun habe. Ich fühle mich bereit und unzweifelhaft, es ist da nicht nur eine Stimme, ein inneres Ich, das mit mir ist: Ich sehe mich.

> Verkilsdalen – Storrvatnet via Haverdalsaeter
18km; 465m hoch; 445m runter

Impressionen des Tages:

http://lh6.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SKsr6gkIsrI/AAAAAAAABag/p5Wm2WaZ89g/s640/_DSC1160.JPG
Abendstimmung am Storrvatnet



4.7.

Wann ich es endlich schaffe, den Gedanken, ständigen Kommentaren, eine positive Richtung zu geben, das ist mir heute noch nicht unklar. Natürlich weiß ich längst, dass die momentanen Anstrengungen meine Kräfte übersteigen, das aber immer zu wiederholen, ist sehr wahrscheinlich nicht der richtige Weg, neuen Mut zu fassen. Recht eigentlich betrachte ich noch alles als eine zu überwindende Herausforderung. Ich bin noch nicht zur Ruhe gekommen, kann kaum aufgehen in der weiten Landschaft hier, wie ich es so ersehne. Mein Rhythmus besteht darin, vorwärts zu kommen, bis ich nicht mehr kann, um mich dann erschöpft zu setzen und es weiter zu versuchen.

Ich habe mich nun immer mehr damit abgefunden, mit mir zu sein, nur mit mir. Allein, mögen es die Umstände sein, die schwierigen Bedingungen, oder die ungewohnte neue Situation, ein richtiges Gespräch will einfach nicht aufkommen, kaum ein gescheiter Monolog sich entfalten. Doch ist es wohl nicht nur Hoffnung, jeden Tag schreite ich weiter fort, finde etwas Neues. Es ist die Methode, die Art und Weise, wie ich mich auf dieser Reise an etwas heranwagen muss, die mir heute bewusst wird und eine hilfreiche Grundlage geben soll.

Zwar wird es mir mit mir langsam immer vertrauter, allein ich merke, wie angenehm es doch unter Menschen sein kann. Wie leicht es mir doch wird, als ich zum ersten Mal wieder Plaudere. Schon der Morgen hat es verkündet, entlockte das erste Lebenszeichen. „Hej“; „Hej“, ich bin noch, bin noch auch außer mir, bin für andere ebenso, wenn auch nicht genauso. Dann geht es wieder weiter. „How long did you need so far?“ Ich schleppe mich. Immer wieder geht es hoch, geht es runter. Nein, für Weiterwanderer ist das hier nichts. Ich verstehe die anderen nun besser. Kleine Rucksäcke, leichter Schritt, wohl ein Wohnmobil an der nächsten Straße oder die Hütte am Ende der Wanderung in Erwartung. Immer wieder sehe ich mich auch am Strand liegen, erinnere mich, nicht lang zuvor eben da noch für einen Tag mit meiner Liebsten gewesen zu sein, wünschte fast, es währte noch immer. Jedenfalls in der Konsequenz, in Anbetracht der bisherigen Strapazen, ändere ich meine Pläne, soweit sie überhaupt gereift waren. Ich werde zum Tagesausflügler.

Wie weit ist es noch? Ein Hügel, ein nächster. Jetzt nur noch bergab. Nein, erneut ein Anstieg. Mit dem vielen Gewicht auf dem Rücken gewinnen die Höhenmeter mehr an Bedeutung, während die Entfernung weitestgehend auf ein zu bewältigendes Maß fixiert werden können. Die Landschaft, die ich hier bisher kennen gelernt habe, bietet erstaunlicherweise nur allzu selten die Möglichkeit, nach Belieben sein Zelt aufzuschlagen. Wasser ist knapper als erwartet. Der Untergrund zieht sich meist weit steinbesetzt oder dicht bewachsen. Es ist anders, als ich es in Erinnerung habe, anders, als ich es vom letzten Jahr noch aus anderer Gegend kenne.

Vor dem geplanten Ziel finde ich aber doch noch einen Platz für das Lager. Noch oberhalb der Häuser, der Straße und der gestörten Ruhe setze ich mich. Nachrichten flitzen durch die Netze der Mobiltelefone. Sorgenvoll lese ich von unerwarteten Komplikationen zu Haus, die meine nahe Zukunft beeinflussen und ganz werde ich zurückgeholt, soweit ich mich bisher von solchen Problemen losreißen konnte. Ich hoffe, alles best möglich klären zu können, hoffe auch, es hier bald leichter zu haben.

Ich liege im Zelt, erneut vertrieben von Mücken, die vor ihrer unaktiven Zeit am frühen Abend noch einen Großangriff starten. Ich liege und bin ein weiteres Mal am Ende des Tages kraftlos. Verheerend fällt die Untersuchung des Körpers aus. Zwar habe ich ab dem Mittag die Beine durch lange Hosen geschützt, doch sind die Kniekehlen von Brandblasen, dick und voll Flüssigkeit, überzogen, die Kratzer und Schürfungen an den Schienbeinen hingegen wenigstens verschorft. Drei Blasen muss ich auch an den Füßen aufstechen, um morgen hoffentlich schmerzfreier laufen zu können. Beunruhigt betrachte ich die Hüfte, die durch die dauernde Belastung auf beiden Seiten wund ist – zu hager bin ich da für das Gewicht auf dem Rücken – und wohl schwer verheilen wird. Ich hoffe, ich werde mich bald erholen.

> Storrvatnet – Hageseter via Grimsdalshytta
20km; 840m hoch; 1090m runter

Symion
21.08.2008, 09:00
Schöne Bilder und sehr eindrucksvoll geschrieben.
Bist du Philosoph?:D

Issoleie
21.08.2008, 17:20
5.7.

Dieses ewig währende Schreiben. Kaum kann man in sich ankommen, kaum auf sich besinnen. Da kommt eines aufs andere und gerade hier sollte es doch möglich sein, einfach nur dazusitzen, vielleicht ab und an dabei etwas zu denken, vielleicht nicht. Das werden mir noch die liebsten Tage sein, an denen gar nichts gemacht wird. Dann kann man sitzen und dabei vielleicht etwas denken, vielleicht nicht und sicht sich später auch einmal etwas zu tun, weil man auch das wieder machen möchte. Das ist dann produktive Ruhe, die man wohl nur an wenigen Orten finden kann, wohl nur in bestimmten Situationen.

Heute ist es zum ersten Mal so weit und irgendwann musste ich das ja auch tun. Ich verlasse mich vollkommen auf die Liebenswürdigkeit anderer, stehe und strecke meinen Daumen am Straßenrand nach oben. Naja, ein wenig schnell wird hier schon gefahren… viele sind auch vol… warten gehört dazu. Mein Arm streckt jetzt weiter oben. Leere Autos, Platz für viele Mitfahrer. Die schweren rollen vorbei und der Staub wird mit entgegen geblasen. Eine Stunde warte ich – ich kenne das Gefühl noch nicht – dann der Beschluss, zu Fuß zu gehen und eventuell dabei noch aufgenommen zu werden. Der Rucksack ist geschultert, als voll beladen ein Auto aus dem Seitenweg kommt. Irgendwie bekomme ich mich und das große Gepäckstück noch hinein, man hätte es nicht vermutet, dann geht es trotz eingeschränkter Verständigung vollauf froh und in guter Stimmung im Auto los.

Bald betrete ich den Dovrefjell-Nationalpark. Es sind solche Momente, die das Erleben hier besonders werden lassen, gleichfalls durch das andere Erleben erst selbst besonders sind. Momente wie der, wenn man aus dem Wald aufsteigt, die letzten Bäume hinter sich lässt und leicht der Wind einem wieder in das Gesichte weht. Wenn man dann auch zurückblicken kann und tief sich die Täler ziehen. Wenn man auf den kahlen Hängen läuft und voll und frisch, so lebendig, der Wind nun bläst und man ebenso wie er laut lachen muss.
Zum ersten Mal begegnen mir wieder viele Wanderer, seit ich sie gleich am ersten Tag hinter mir gelassen habe. Leicht sind sie alle bepackt, beneidenswert, zum Teil in größeren Gruppen unterwegs, geführt und wenig beneidenswert, um die so berüchtigten Moschusochsen der Gegend zu sehen. Ich sehe sie auch ohne Führer, direkt auf den Pfad hat sich ja eines dieser riesigen, imposanten Tiere gelegt. Ich bin weniger beunruhigt, als ich vermutet hatte und sogar schon näher, als jegliche Hinweise es raten; der Bursche ist ruhig und friedlich. Weit entfernt auf der anderen Seite des Flusses ist eine Gruppe zu sehen, alle in dem kleinen Gebiet, in dem sie vornehmlich erwartet werden. Es wird wohl die einzige Begegnung mit ihnen bleiben, weiter führt jetzt auch mein Weg.

Erneut wird mir die Strecke heute lang, auch wenn der Tag tatsächlich ein leichterer ist. Mehr aber habe ich nun dieses wohl tuende Gefühl, mich voll auf die Reise einlassen zu können. Die Hütten sind erreicht, bald auch abseits ein Platz für das Lager gefunden. In mir es aber unruhig, recht eigentlich weiß ich schon, wie ich mich entscheiden werde und suche noch nach Gründen, das auch untermauern zu können. Nach dem alltäglichen Bade klaube ich meine Sachen zusammen und gehe zu der Anlage zurück. Weniger sind es tatsächlich die Häuser, die ich suche, als vielmehr die Menschen, die hier sind. Hier bin ich zwar für mich, bin aber doch nicht einsam und etwas in mir braucht dieser Tage noch das nähere Gefühl zu anderen. Genau das war es, was mir vorher schon klar war, dass ich nicht hätte entfernt sitzen können und auf die Szene schauen und auch dabei auf mich selbst, das wäre mir recht trostlos geworden.

Für eine Weile kann ich sitzen, während wieder das schöne Licht des späten Abends die Landschaft streichelt. Langsam komme ich in mir an. Was zuvor noch lose, strukturlos, gewinnt nun an Form. Die Gedanken ordnen sich. Ich führe ein inneres Gespräch.

> Hageseter – Reinheim via. E6 und Kungsvoll
14km; 630m hoch, 170m runter

Impressionen des Tages:

http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SK2FlEHbKcI/AAAAAAAABtY/loaBMSn6a7g/s640/_DSC1165.JPG
E6 bei Hageseter

http://lh3.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SK2FovpL09I/AAAAAAAABtg/ApS5RTp0JaM/s640/_DSC1167.JPG
Moschusochse am Eingang des Dovrefjell von Kungsvoll aus

http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SK2Ftj3xqzI/AAAAAAAABto/v3T823rGPug/s640/_DSC1172.JPG
Nachmittag bei Reinheim, der Zeltplatz am Fluss wurde ja doch nicht genutzt



6.7.

Unsicherheit, nahe an der Angst. Dieses beklemmende Gefühl im Magen, Gedanken, die kraftlos umherschweifen. Dieses Gefühl, dass die Kraft nicht ausreicht, dass man ganz verloren ist. Es lässt nicht nach, wird mit jeder weiteren Frage stärker. Hilfe kann da von innen nicht mehr kommen.

Noch scheint die Sonne, obschon dick die Wolken auf den Graten über den fernen Tälern liegen. Vielleicht schaffe ich es bis zum Gipfel, warte dort ein wenig und blicke dann auf die Landschaft. Heute kann vieles passieren. Schwer nur kann ich mich entscheiden, auf den Versuch lasse ich es aber schließlich ankommen und ziehe lost, leicht bepackt nur für den Tag.

Ich komme schnell voran, bin aber noch nicht weit, als auch ein anderer, mit mir gestartet, aufschließt. Er ist Amerikaner und die Verständigung fällt leicht. Munter ist das Gespräch, während wir gemeinsam den Aufstieg fortsetzen. Es gelingt mir gut, mit ihm zu plaudern, viel verlernt habe ich an Zwischenmenschlichem wohl noch nicht. Ein ordentliches Stück sind wir schon gekommen, doch müssen wir die Köpfe auch nicht mehr nach oben richten, um nach der Wetterlage Ausschau zu halten. Wir stehen inmitten der immer dicker heranziehenden Wolken. Ebenso wie ich schätzt er die Situation ein, dass nur der Weg zurück der einzig sinnvolle ist. Wir müssen nichts erzwingen, nicht etwas beweisen.

Schon sind sitzen wir wieder unten in der Hütte, als der Regen einsetzt. Tief ziehen die Wolken nun auch auf unserer Höhe vorbei, die Temperatur fällt und scharf bläst der Wind. Der Tag zieht dahin, Schnee fällt. Das Wetter wird bis zum Abend nicht freundlicher und drückt auf das Gemüte, mehr vielleicht aber auch diese Stimmung in den Räumen, die kann ich selten leiden. Inzwischen sind auch die unverbesserlichen Wanderer vom Gipfel wieder da, die uns noch am Mittag entgegenkamen und den Weg fortsetzten, als wir schon zurückgingen. Ich fühle mich hier immer unwohler, bin vollkommen rausgerissen aus dem bisherigen Prozess. Ich wieder, wieder zu mir zu finden, während es in mir enger und enger wird, leer zugleich, unerträglich.

Impressionen des Tages:

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Blick auf den Snohetta


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Blick hinunter von S-O-Flanke Snohetta, Wanderung mit Amerikaner



7.7.

Man kann doch nicht immer nur warten. Kann doch nicht hoffen, dass alles auf einmal wieder besser wird, von sich. Dabei dann noch die Trauer um das Vergangene, ein Zurücksehnen. – Ich ward so ganz und gar, so plötzlich und unerwartet aus der Reise gerissen, vornehmlich wohl der inneren, ohne Zweifel aber auch aus dem bisherigen Rhythmus, herausgerissen durch die Umstände, sodass ich nun antriebslos, voller leerer Gedanken – Unruhe, wenn sie denn einen Inhalt haben – dass ich also im Nirgendwo treibe. Es braucht Veränderung. Ganz entschieden muss ich mich entschließen und so das Nächste anpacken, dass es als Richtiges und Bestes gelten kann.
Der Wind treibt weiter Regen über die Hänge, ungemütlich war die Nacht und ist weiter auch der Morgen. Ich setze mich in die Hütte und weiß, wie gefährlich das für mich ist. Das war es schon immer, denn es führt in Versuchung, macht ängstlich. Diese Behaglichkeit, auch Sicherheit, will ich kaum mehr missen, wenn sie einmal versucht. Draußen ist rau das Wetter und es fällt schwer, dem wieder guten Mutes zu begegnen, fällt schwerer mit jeder weiteren verstreichenden Minute. Die anderen ziehen weiter, allein ich bleibe und fühle mich elend.

Benötigt ist nur eine Entscheidung, ein vollendeter Satz. Je länger ich sitze, desto deutlicher wird der Beschluss und es fehlt nur noch, ihn mit einem Ausrufezeichen am Ende zu besiegeln. Es muss weitergehen! Ich darf einfach nicht wie gelähmt hier verharren, muss fort, nicht, um unbedingt etwas Neues zu finden, fort vielmehr, um vorerst das alte abzuschütteln. Laut soll es tönen; ich atme noch, mein Geist kennt noch Richtung und meine Beine wissen noch, sich zu bewegen, meine Hände, zu packen.

Das Wetter ist jetzt weniger erschreckend, der Weg, der vor mir liegt, ein kurzer. Nur hinter dem Hügel suche ich Schutz, mein Versteck vor den Erfahrungen des gestrigen Tages. Der Rucksack trägt sich leichter, es machen die Schritte Freude, als ich am späten Nachmittag aufbreche. Noch immer hängen die Wolken tief im Tal und als der Wind mich kalt anbläst, da weiß ich wieder, wo ich bin und habe rechten Gefallen, in der Kälte des geliebten Nordens umherzuziehen.

Zwischen den Häusern mit dem Zelt Schutz zu finden, hatte ich gehofft. Nun aber gar ganz in der Wärme zu sitzen, daran ward nie gedacht. Vormals im Besitz des norwegischen Militärs wird die Anlage nun für den Ausbau für die touristische Nutzung vorbereitet. Von zwei Dänen, die das gerade organisieren, werde ich freundlich empfangen, richte es mir in der Notunterkunft recht häuslich her. Der Abend ist schon angebrochen, als alles bereitet und ich freue mich an der Ruhe und dem knisternden Feuer im Ofen.

Allein es soll mir nicht vergönnt sein, mich ganz nach innen zu richten, fließend einzutauchen in das Irgendwo der mich umgebenden Natur. Wann werde ich sie finden diese so ersehnte Distanz, diese vollkommene Ruhe. Das Telefonat nach Hause ist unvermeidlich, ist notwendig. So notwendig, wie es in den nächsten Tagen sein wird, einen Internetzugang zu finden. Es sind selbst geschaffene Probleme, eine Lehre mehr, die ich hier erfahre. Eine, auf die ich gern verzichtet hätte, die mich verärgert. Nein, eingetaucht bin ich hier noch lange nicht. War ich schon bis zu den Knien im Wasser, muss ich jetzt wieder den ersten Fuß hineinstecken, doch ist er ja noch nass. Langsam nur schüttle ich das Unerreichbare ab, schiebe es auf und versuche, erst zum richtigen Zeitpunkt darauf zurückzukommen, wenn ich auch handeln kann. Bis dahin werde ich weiter versuchen, mehr von der Stille zu hören.

> Reinheim – Snoheim
6km; 235m hoch; 105m runter

Impressionen des Tages:

http://lh3.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SK2F2rRD_CI/AAAAAAAABuA/wz9kaNKvMfo/s640/_DSC1186.JPG
Gemütlich und häuslich vergeht ein Abend in der Notunterkunft bei Snoheim



P.S.: Tatsächlich werde ich in Kürze das Studium der Philosophie und Germanistik beginnen. Die Reise war als Bruch davor gedacht, Altes hinter mir zu lassen und Neuem zu begegnen und mitten darin mich selbst zu erfahren, wie ich es vorher noch nie getan.

Sternenstaub
21.08.2008, 20:49
sehr schöne Eindrücke, die Bildlichen im Foto, aber auch diejenigen im Text festgehaltenen.
ich freue mich auf mehr. :-)

NRWStud
21.08.2008, 20:55
sehr schöne Eindrücke, die Bildlichen im Foto, aber auch diejenigen im Text festgehaltenen.
ich freue mich auf mehr. :-)

ich auch, sehr schöne Fotos, wirklich gut gelungen und sehr schöne Motive, vorallem das der Notunterkunft ist mal eine schöne Abwechslung und ein gelungener Bericht.Es ist wirklich ein etwas anderer Reisebericht ;-) Nur weiter so....

LG

Chris

Issoleie
22.08.2008, 01:38
Schön, ermunternde Worte zu hören, da geht es doch gleich weiter:D

8.7.

Wie sehr man doch in Kontakt kommt, ist man erst einmal allein. Geradezu scheuen kann man die andern, sind sie um einen allüberall und die Ruhe wird einem so geliebt und besonders. Ist dann aber das Wort an einen gerichtet, kennt man denjenigen normalerweise ja schon, ist´s ein vertrautes Gesichte. Zieht man allein aber umher, ist selten auch einer nur nahe, da wird´s so ganz anders und auf den Kopf gestellt. Es ist wohl zum Lachen, dass ich herkam, das eine zu suchen und finde gern auch immer dabei wieder das andre.

Es gibt der Morgen weniger an Hoffnung, als ich vermutet. Die Nacht war unruhig und auch als der Tag schon jung hereinbricht, bringt das Bette mir wenig Entspannung, wird nur wieder aufgesucht, weil Zeit genügend verbleibt. Lose streichen die Wolken über den Himmel, das Haupt meines zu besteigen gewünschten Bergen ist auch noch immer verhüllt. Ich warte ab, breche dann schließlich aber noch am Vormittage auf und versuche mein Glück, länger will ich nicht warten.

Noch bin ich nicht weit hinauf, als die Lücken zwischen den Felsbrocken beginnen, von feinem weißen Schnee gefüllt zu sein. Deutliche Spuren hat das Wetter der letzten zwei Tage hinterlassen. Vorsicht ist bald geboten, nicht von den glatten, schrägen Steinen zu rutschen. Ich vermeide jeden Schritt in den Schnee, der bald schon mehr wird, weite Teile bedeckt und tiefer den Fuß einsinken lässt. Frisch sind die Spuren, die ich hinterlasse, der erste bin ich, der heute den Berg hinaufgeht. Wenig mehr als zwei Stunden brauche ich zur Spitze, der höchsten hier in der Umgebung. Unweit über mir ziehen die Wolken, doch frei ist der Blick, schweift über die Hänge, Täler, wandert zu den Gipfeln, die in der kommenden Zeit Ziel mir noch sein werden, sie liegen noch Tage entfernt. Laut ist der Ruf, er bricht sich an den steilen umgebenden Felswänden. Es hat sich das Warten gelohnt und ich freue mich recht an der so beeindruckenden Aussicht, an diesem ebenso erhabenen Gefühl, das sich gewaltig in der Brust ausbreitet, wenn man einen Gipfel bestiegen hat, zumal dies der erste der Reise. Jedoch lädt der Ort nicht zum Verweilen. Tief von dauerhaftem Schnee eingehüllt ist die Kuppe, es weht ein kräftiger Wind. Der Abstieg ist durch die Umstände noch etwas gefährlicher, als es der Weg hinauf anstrengend war. Gut und ohne Zwischenfalls komme ich jedoch voran, freue mich recht über zwei Unterhaltungen mit mir entgegenkommenden Wanderern. Doch habe ich das Gefühl, selbst immer der zu sein, den es nach längerem Austausch verlangt.

Wieder an den Hütten, komme ich erneut ins Gespräch und auch dieses Mal soll es zum Guten mir helfen. Nicht lange und ich fahre im Auto die Straße in Richtung der nächsten Hütte hinab, die ich für den morgigen Tag zu laufen geplant hatte. Mit recht großem Dank verbleibe ich und suche mir einen Zeltplatz am Flusse. Den erhofften Internetzugang gibt es hier nicht; unglücklicherweise ist er ausgefallen. Ich hoffe auf morgen früh und ärgere mich unterdessen weiter über die nächsten verhängnisvollen Leiden der Tour, so hat man immer was. Ist es nicht genug, dass mein Körper völlig geschunden ist, auch die Ausrüstung zeigt ungewohnte Schwächen. Der einzige Schutz, auf den ich mich so verlassen hatte, der einzige, den ich habe, wird dem Vertrauen nicht gerecht: Es versagt der Reißverschluss des einen Zelteingangs den Dienst. Gerade kann ich ihn noch behelfsweise schließen, wenn wohl auch nur bis zum nächsten Aufbau, die Nutzung aber ist jetzt eingeschränkt, viel schlimmer aber: die Sicherheit obendrein. Glücklichere Zeiten mögen mich ereilen. Bis dahin bleibt mir, die beklagenswerten Dinge auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Es sollte einiges doch bald einfacher werden, will ich die Reise ruhig genießen können.

> Snohetta Stortoppen 2286m
12km; 830m hoch
danach Lager bei Hageseter

Impressionen des Tages:

http://lh6.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SK32IB7YlAI/AAAAAAAACRc/y6hh73HoBtk/s640/_DSC1188.JPG
Gamle Snoheim, Gedenksteine, dahinter Snohetta


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Aufstieg zum Gipfel; die vorigen Tage waren kalt...


http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SK32Ms0BFCI/AAAAAAAACRs/KUJ8RlPe2jk/s640/_DSC1194.JPGBlick von Snohetta nach S-O


http://lh3.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SK32PKvxkhI/AAAAAAAACR0/ziuol5hmr9s/s640/_DSC1206.JPG
Lager bei Hageseter



9.7.

Ließe man sich doch bloß die Sinne nicht so vernebeln von all diesem Banalen und bliebe der Gedanke doch fest bei dem wahrhaft Schönen und den Dringlichkeiten des Lebens. Kommt die nächst gute Ablenkung, das leichte Gesäusel nicht den meisten gerade recht, um ganz die Aufmerksamkeit einzunehmen, gleichfalls in angenehmer Leere den Verstande lassend, auf das man sich nur ganz erhole von diesem Leben mit seiner Schwere, das bald ganz und gar die Zeit so angenehm vergeht als eine Belanglosigkeit mehr. Wendet man sich aber den Fragen zu, der Suche nach dem wirklich Wertvollen, und ist noch nicht vollkommen erschöpft schon von diesem Wechsel, dann wird der Kopf doch in Bälde voll und schwer. Erst wenn man entdeckt hat, dass dieses erschöpfend Schwere die ganze Tragweite der Gedanken nur ist und den wahren Reichtum auch ausmache, dann wohl lernt man zu lieben das tiefe Gespräch, sei es mit anderen, mit sich gar oder ganz mit dem lebendigen Leben.

Also ziehe ich los, die Verbindung nach Hause durch Netz und Signal und allen den Kabeln und dem Piepen auch am heutigen Morgen beraubt. Erneut geh ich nun den Pfad, den bekannten, nur was vormals Beginn mir war, ist jetzt mir das Ziele. Es hatte den Weg ich erst begonnen und gut kam ich auch schon voran, da seh ich noch einen andern, mir im Blicke da vorn auf den Hang und ist er auch leicht bepackt, kommt ich ihm langsam, doch sicher immer näher. Als neben mir er dann steht und ich neben ihm, fängt munter das Gespräch an. Sind wir beide doch auch auf den Beinen im gleichen Tempo, geht es also weiter von nun an zu zweit. Als hätte ein jeder für Wochen kein Wort geredet und bräuchte auch im Kopfe neue Gedanken zum Wälzen, da geht so weiter die Unterhaltung.

Die Länder ziehen vorbei, die Menschen, das Leben und mehr noch; von hier geht es in die Geschichte und auch wieder zurück. Politik, Gesellschaft, Philosophie, Religion. Allgemein wird gesprochen und auch im Privaten und schnell geht darunter der Weg so dahin. Es ist doch, mag ich sie auch nicht selten mit Freude auch schelten, die englische Sprache, der Menschen bald gemeinsame Mundart, ein so großer Segen in dem, was sie zu leisten und wie sie verbindet.

Wärmend scheint die Sonne, als bei den Hütten wir sitzen und ruhig den noch jungen Nachmittag genießen, da werde ich gar zu Kaffee und Waffel eingeladen. Hatte zuvor mein Begleiter noch Anfahrt aus dem Süden noch wenig geschlafen, holt jetzt er das nach und ich kann mich ganz dem Homer widmen. Wichtiger aber ist eines: Zwar muss ich länger versuchen und warten auch mit Geduld, doch als Zeit schon verstrichen ist, noch weiter wurde da auch geplaudert, da habe ich doch endlich noch das so dringlich Benötigte am Computer abschicken können, dem heute nicht mehr zu Ersetzenden. So recht viel leichter wird es mir jetzt sein, kann ich mich doch auf das Hiesige besinnen und in einer anderen Welt sich weiter alles drehen lassen, umher schieben, verwalten, richten und martern. Ich aber fühle mich jetzt gar befreit und recht froh in der Brust.

Bis in den frühen Abend führen wir weiter das Wort miteinander. Mich führt der Weg aber wenig noch weiter; zum Fluss steige ich noch ab, dessen Ufer seicht und grün sind. Zwar bin ich bei weitem alleine hier nicht, die Ruhe soll das mir heute aber trotzdem nicht stören. Frisch umspült mich das Wasser, kaum steht das Zelt. Warm ist noch die Sonne, warm auch das goldene Licht auf den Wiesen und es zieht mich noch einmal fort zu den schönen Plätzen in der Umgebung. Mir schmeckt heute die Abendmahlzeit besonders. Noch länger sitze ich auf der kleinen Bank am Wasser, dem vorbei fließenden, und auch meine Seele geht so umher. Voll kann ich die Reise nun wieder aufnehmen, es hat mich heute das Schöne wieder angelächelt und innen, sich weit ausbreitend, hat mein Herz zurück gelacht.

> Hageseter – Grimsdalshytta
14km; 525m hoch; 535m runter

Impressionen des Tages:

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Abendstimmung am Grimse hinter Grimsdalshytta (wie folgende)


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http://lh3.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SK32hMLZ_NI/AAAAAAAACSg/IYDXKc4MODk/s640/_DSC1229.JPGLager an der Grimse, Blick auf Weg Richtung Doralseter




10.7.

Sich einen Moment besinnen, Ruhe gönnen, ach wie wichtig das doch ist. Ein Schritt und dann ein Atemzug und einmal verharren bei dem Schönen, das überall herum wohl zu finden nicht schwer ist. Dann auch wird ein Moment so lange und wie viel länger gar im Herzen. Zieht man aber weiter dann, da hat man Zeit sicher nicht verloren. Darum geht es kaum und mag man auch so rechnen, was nun hätte man weiters gemacht, das aufwiegen könnte das stille Gespräch mit dem wahrlich Schönen und Durchdringenden, das ewig noch klingen mag im Innern der Brust? Zieht man also dann weiter, bleibt jedes Neue auch ein neuer Moment und es ist auch weiter so: Ein jeder Schritt der ist zusammen mit einem Atemzug und man kann wohl wissen, was damit gemeint ist.

Ich steige aus dem Zelt, die Sonne scheint prächtig und will ich den Eingang dann schließen, da ist im Nu dann auch dieser nicht weiter mehr zu gebrauchen. Ein Zelt wohl habe ich, ein großes, was aber nutzen zwei Eingänge mir nun, wenn nicht mehr verschließend sie schützen oder den Eintritt, den schnellen, sie nimmer gewähren. Ach, nun sind es gar beide und groß sind Not und Ärger, die zu mir sich so schnell gesellten. Da wird wohl vieles hin- und wieder auch zurückgedacht und es bleibt ein ganz miserables Ergebnis.

Doch ist auch der Spruch, der schlaue, ein wahrer und gut tut´s wohl, mein Leid nun zu klagen. Hat sich ja der Genosse im Wandern, der gute Norwegermann, zu mir wieder begeben, es steht uns beiden derselbe Weg ein weiteres Mal bevor. Da wird milder langsam der Geist, da wird Zerstreuung – die beste wohl, nicht die leichte, es ist hier umgekehrt – wohl tuend gefunden. Der Pfad ist ein steiler und sicher ist: Auch dieser geht besser zu zweien, auch wenn ich langsameren Schrittes unterwegs bin. Ist´s jedenfalls die eigene Kraft in den Gliedern oder gar nur der Begleiter im Rücken, ich fühle mich famos, es gleitet der Weg so fort. Oft aber bleiben wir stehen, es vermag der andere nicht ebenso wie ich und schön auch ist die Sicht, weit fliegt der Blick über die Hänge und ergötzt sich an grünen Tälern. Allein in munterem Wechsel geht es hinauf und hinunter im Großen. Bald hemmt den Schritt des Begleiters auch noch ein falscher von denen, zu viel Belastung auf einmal, das Gelenk des Fußes schmerzt ihn nun. Doch weiter kann´s gehen, die schroffe Schlucht ist schließlich erreicht, die mächtige, große. Nur einmal hinab noch, doch ganz ohne Hast, die Hütten liegen nun vor uns. Zuvor schon oftmals gesehen, frage ich hier Deutsche nach einer Idee, denn Rat kann ich brauchen. Wie froh und leicht wird´s mir da endlich, als flüssig sich wieder der Reißverschluss meines Zeltes bewegt, der arge, der Sorgenbereiter. Da kann ich wohl ganz und gar ohne Nöten und Schwierigkeiten die Tage, die kommenden, angehn. Vorerst aber nur noch hinunter, erneut zum Flusse, der geräuschvoll durch´s Tal sich zieht. Zwar stehen lose dort die Bäume und Mücken fliegen im Schwarm auch herum, doch freier ist es als bei den Häusern. Früher Abend ist es auch heute wieder, als ich das Lager errichte und nach frischem Bade zum Ruhen mich setze.

Viel Sorgen hatt ich bis hierher, die wollten nicht aufhörn und eines kam auf das andre. Alles bin ich aber los jetzt, hab zum Guten wohl jedes gelöst. Dankbar denk ich zurück an freundliche Hilfe, die oft ich erfahren und auch an die lieben Personen selbst, die verschiednen, erinner ich gern mich. Da mag wohl vieles passiert sein, das unruhig gestört hat die Ruhe. Jetzt kann ich voll wohl wieder eintauchen und auch wieder sprechen mit dem einen, der immer noch bei mir und der sich oft annimmt wie ganz ich selbst und sich auch so anfühlt. Ich freue mich drauf, freue mich auf das Kommende.

> Grimsdalshytta - Doralseter
16km; 855m hoch; 735m runter

Impressionen des Tages:

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Rast auf der Gravhoe gemeinsam mit Begleiter


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Doralsglupen



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Doralsglupen, Blick Richtung S mit Digerronden und Smedhamran

Issoleie
22.08.2008, 19:45
11.7.

Wie dringlich es doch ist, die Zeit zu und nehmen, nur sich zu lassen, das Müde aufzuwecken und neue Kraft auch aufsteigen zu fühlen. Da soll ruhig auch bleiben die Zeit, auszuruhen und erschöpft sich hinzulegen. Dann eben kann man sich sammeln und weiter schreiten und fühlen, wie alles sich wieder regt vor Freude und Erwartung. Und was da kommt nach der Pause, wenn der Moment nun da ist, Neues zu schauen, da kann man diesem wohl stark auch begegnen und braucht es ängstlich nicht scheuen.

Warm scheint die Sonne auf das Zelt und wenig kann mich nur halten. Früher als gewöhnlich ich´s pflege, sitze ich munter schon draußen. Los nun könnte ich, doch es ist mir schade um die alte Verbindung. Erst noch sollte sich richtig verabschiedet werden vom Gefährten beim Wandern. Mur ist es wichtig und kann dann auch angemessen beenden eines der vielen Kapitel auf dieser Reise. Muss ich auch warten und aufschieben den Aufbruch, manches – wohl wisse man, was – lohnt sicher die Geduld und nicht immer kann man beschleunigen, das Erhoffte zu erreichen. Da will ich schließlich aber doch schon aufbrechen, es ist später Vormittag, länger als gedacht erscheint er nicht, der Norweger, sonst früh auf den Beinen. Ich gehe des Weges schon gebührliche Strecke. Vom Hang aus blicke ich noch einmal zurück und werde der roten Kappe gewahr, der hellen Hose, die entfernt am Zelt zu erkennen jetzt sind. Froh wird´s mir da, das unruhige Gefühl schwindet schon, es war ja noch etwas unvollendet. Zurück nun, es kostet mich wenig der Mühe und am Lagerplatze treff ich ihn also. Es wird noch ein wenig geplaudert, das sind wir so ja gewohnt, zuschicken wird ich ihm Fotos und Grüße, sobald ich wieder daheim und im Guten trennen sich also, abgeschlossen, die Wege.

War blau noch der Himmel zuvor, ziehen Wolken, graue und dicke, jetzt über die Berge. Leicht bepackt nur treibt´s mich voran, es ist der Tag, einen Gipfel zu besteigen. Der auch rückt näher und sieht er recht angenehm auch aus, der Anstieg ist am Schluss doch ein schwerer. Ist auch die Eile nun nicht mehr vonnöten, stabil bleibt das Wetter, so brennt der Schweiß doch in den Augen. Zuvor noch habe ich so einen Berg kaum bestiegen, der wild und steil an den Kräften – kurz zwar nur und sie sind mir ja auch genug – zehrt und gute Schritte auch erfordert. Es lohnt der Mühe gewisslich. Wie erheben sich da nicht weit entfernt gewaltig die anderen Riesen, strecken sich lang die kahlen Flächen und ziehen so fort in die Weite, die blaue. Nichts gibt´s da nur Dinge, die zu erwarten sich lohnen, für andre ist auch Anstrengung so wertvoll.

Da bin ich beim Lager wieder, erfrischt nach kaltem Bade und setzt auch leicher Regen ein, es sind nur wenige Tropfen, die auch kommen mir nicht in die Quere, wahrlich genieße ich nun, im Innern des Zeltes mich ruhiger Entspannung zu widmen. Es fesselt die Lektüre und muss auch die Seele baumeln, so vieles war bisher geschehen. So vieles auch, was da noch kommen mag, da wird es mir manchmal ganz anders. Denk ich daran, wohin der Weg mich noch führt und was mir wohl begegnen wird, das kann mich kräftig aufwühlen und mein Inneres umher treiben. Doch also ich heute so über die Hügel ging und auch bei der Mahlzeit am Abend, kommt es mich wieder an: Geliebtes Skandinavien, ich habe dich wieder.

> Hogronden 2118m
18km; 1165m hoch

Impressionen des Tages:

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Blick auf Hogronden und Midtronden


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Gipfel Hogronden; im Hintergrund Rondslottet und Storronden



12.7.

Wie wohl es doch tut, recht freundlich zu plaudern. Einsam wahrlich bin ich hier nicht, bei weitem noch nimmer alleine. Ich habe zwar die Ruhe für mich, doch sind da auch immer noch andre, zu schwatzen in sorglosem Tone. Nicht einzig sind es die Themen, von vielem wohl noch ganz hinten, doch Austausch als Selbstzweck genügt schon. Da bleibt der Mensch, will es mancher auch leugnen, ein soziales Wesen, schon immer war er´s. Bei manchen nun verweilt man länger, andere auch ziehen vorbei und sind bald verschwunden. Allein also bin ich nicht, doch warum nicht einsam? Sind doch immer welche, sei es der kleine Teil nur, denen Sympathie man schnell entgegenbringt. Zeigen auch welche Interesse am eigenen Sein und das ist wohl dringend vonnöten. Mehr aber bin da auch selbst ich, bin frei und ohne Hader bei mir, dass es ganz voll wird im Innern. Seien auch noch so viele um einen, ohne sich selbst kommt niemand wohl aus.

Ich wache auf, als Tropfen klopfend auf das Zelt fallen. Dicke Wolken ziehen den Himmel entlang, unterbrochen von blauen Flecken. Eine kurze Pause nutze ich und mache mich auf den Weg, guter Dinge, mit Kraft in den Beinen. Da ziehen die Hänge recht schnell dahin, im Tale schreite ich fort und fort. Wie ich´s von mir von den Reisen zuvor gewohnt bin, komme heut ich das erste Mal voran. Ausdauernd bleibe ich dazu, keine Pause mir gönnend. Unterbrochen wird der Schritt nur bei einigen Begegnungen, da halte ich kurz und schwatze.

Mitten hindurch geht es nun heute zwischen den höchsten Bergen im teilenden Tale. Nicht selten regnet es kräftig. Dann aber, in glänzender Schönheit erstrahlend schimmern die Hänge, sie werden von der Sonne beschienen, während noch Schleier feiner Tropfen in der Luft schweben, sie mehren den Schimmer. Es ist das richtige Wetter für solche Landschaft.

Kühl aber wird´s mir, als an den Hütten schließlich ich stehe und ein weiteres Mal lange schwatze, warte, bis der Regen sich legt und einen Platz für das Lager ich also suchen kann. Eine rechte Weile dauert´s, es ist schon der Nachmittag herein gezogen. Seit dem Morgen habe ich nichts mehr gegessen, so war ich im Wandern gefesselt. Auf denn also jetzt! der Himmel reißt auf und es scheint strahlend die Sonne, die warme. Wie schön ist es am See dann, abseits der Hütten, da kann ich ruhen. Für morgen wird schlechter noch das Wetter erwartet, so hab ich es gehört, doch wen wird es stören, der da vorbereitet ist und auch das Raue hier schätzen weiß in Skandinavien. Frisch also! es sollen kommen die Tage.

> Doralseter – Björnhollia
20km; 520m hoch; 660m runter

Impressionen des Tages:

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Rondslottet und Storronden von Langglupdalen aus


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Langglupdalen; Blick nach Osten



13.7.

Beachtlich, wie bei großer Herausforderung der Mut einem doch wächst und von Kraft die Glieder erfüllt sind, der Geist auch, bereit, hellwach bleibt und sieht schon das Ferne. Wie da aber auch gleichfalls schwächlich wird der Körper, ermattet der ganze Wille, so doch gewisslich die Aufgabe eine kleine sein wird. Psyche und Physes, wer will sie schon getrennt nennen, sie sind ja Eines im Ganzen. Ist es also doch zweifelsohne das Beste – groß ist diese Tugend – Nächstes als höchste Bestimmung zu sehen und jeder Aufgabe voll entgegenzutreten, jede zuerst sei die größte. Das also hält hoch den Willen, der alles vermag zu leisten. Wen wird man da nicht ehren, der so schaffen kann und wie viel mehr gleich erblüht einem selbst da das Gemüte, in solchem Eifer begriffen, spürend die eigene Stärke. Da soll man also nicht messen mit eitlem verschiedenem Maße, was wohl noch ansteht. Umgekehrt wird es richtig, denn Mühe wird dann erst nicht alles mehr in gleicher Weise bereiten und das eigene Fehlen und Schwächeln das Herz betrüben.

Ich wache auf und freue mich ordentlich, nichts zu hören von Regen, herabfallend nieder auf´s Zeltdach. Noch ist ruhig der Himmel, obgleich schon die Wolken drohen, grau und schwer liegen sie über den Hängen. Schnell wird alles bereitet, zur Hütte geht es zum Frühstück vor dem Marsch, dem eignen zwar, doch gemütlich auf der Bank und fern der Mücken am See. Da hole ich also die stärkende Mahlzeit gerade hervor, kaum halt ich sie in Händen und setze mich hin, da geht es allüberall hernieder in kräftiger Weise, es war ja so vorausgesagt. Es drängt dann nicht mehr, in eiliger Art den Rucksack zu schultern und auf dann zu brechen. Ich weiß nicht, liegt es an mir, oder sind es die andern, schon wieder unterhalt ich mich länger. Da wird sich am Ende noch vorgestellt, die Hand gereicht und doch geht es dann weiter, hinein in den Regen.

Nicht sparsam kommt es also vom Himmel, ich stapfe voran, hinauf die Hänge des Tales. Fast hab ich es aber erwartet, es wird der leichte Tag mir schwerer und schwerer. Zwar hält sich schließlich beständig ein klarer Streifen über mir, allein die Frische fehlt heut den Gliedern. Verleidet soll mir dadurch aber der Tag gewisslich nicht sein und die Strecke ist ja kurz, da kann ich auch länger brauchen. Ruhig also geh ich da vor mich hin mit allerlei im Kopfe und mag so recht, hier und woanders nicht zu sein. Das Wetter bleibt freundlich – wer hätt es gedacht – es zeigt gar die Sonne ihr strahlend Gesicht. Fast ist es mir ungeheuer, doch den letzten Teil lauf ich in kurzer Kleidung, die Kniekehlen vertragen wohl auch wieder eine Weile das Licht.

Da bin ich nun wieder an bekanntem Ort, der vormals Beginn mir war der Tage auf meiner Reise. Sicher ist die Stelle gefunden, an der das Zelt nun für länger stehn soll, kaum auch aufgebaut das Lager und gewohnt erfrischt, als schon die Wolken heranziehen, in Dunkel und Nässe die Landschaft schnell tauchen. Ich also liege und widme mich ganz der Lektüre, nicke auch für wenige Minuten ein, wie manchmal zuvor in den letzten Zeit. Wechselt sich Sonne und Regen nun ab in munterem Spiele, ist lange doch schön am frühen Abend das Wetter. Da kann ich noch einmal umherziehn und sitzen am rauschenden Flusse. Es wird so ruhig mir im Herzen und da erst merke ich wieder, wie sehr ich doch ebenfalls die Zeit hier für mich brauche, Momente stiller Gespräche. Da weitet sich ganz aus die Freude in meiner Brust, tief und kräftig. Liege ich später dann im Zelt, im weichen Schlafsack, und genieße gemütlich das Abendmahl, während draußen nun unaufhörlich und prasselnd der Regen auf alles hinabfällt, da überkommt mich voll und warm das Gefühl von Heimatlichkeit.

> Björnhollia – Rondvassbu
12km; 430m hoch; 150m runter

Impressionen des Tages:

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Bei Rondvassbu; See durch Hügel verdeckt


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Lager am Store Ula bei Rondvassbu


http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SK9R6T6kaJI/AAAAAAAACd8/z3lM2QdFolo/s640/_DSC1306.JPGBlick über den Rondvatnet (wie folgende)


http://lh4.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SK72n3qKFKI/AAAAAAAACY8/ZWnSKFtgWKc/s640/_DSC1308.JPG
...hier mit den DNT-Hütten Rondvassbu


http://lh6.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SK9SBYRx7RI/AAAAAAAACeM/7Tm-XeH-LRY/s640/_DSC1319.JPG

Rajiv
22.08.2008, 19:59
Ganz großes Dankeschön für deinen Bericht!
Steckt ja verdammt viel Mühe drin.
Ist schön zu lesen und die Bilder sind auch so zahlreich, daß man locker den ganzen Abend mit Norwegen-Bilder anschauen verbringen kann.

Rajiv

Jaerven
22.08.2008, 21:14
Es gibt leider nur 5 Bewertungssterne.
Würde noch einen 6ten daranhängen wollen ;-)

Sternenstaub
22.08.2008, 22:37
1stern5sterne

so macht man das järven ,) )
more to come?

Issoleie
23.08.2008, 01:35
Da kommt schon noch mehr...



14.7.

Ruhe in sich, wahrhafte Ruhe. Wie schweift da nicht immer abgelenkt der Blick gewöhnlich vom einen zum andern und sprint auch der Gedanke unstet umher. Da ist es wohl kaum auch noch möglich, nicht die Runde zu machen, oder irgend beschäftigt zu sein. Zuhören. Ja, zuhören, wie leise das Wasser plätschert oder der Wind über die Hänge streift. Zuhören, wie ein Vogel fliegt oder eine Wolke zieht. Wie die Welt atmet, manchmal so kräftig, dass alles sich regt, oder auch leise, ganz ruhig. Verweile doch! Wenn Momente nicht mehr enden. Wenn in Wellen sich sanft die Halme des Grases neigen und man schließt die Augen, immer noch ist da dieses Bild und alles umgibt einen vollkommen. Ruhe in sich, schöne Tochter des Glückes, und still träumen.

Es ist der Tag, bei mir selbst anzukommen. Noch ziehen die Ausläufer der Schlecht-Wetter-Front über die Berge und es ist nach Wandern mir nicht zumute. Ich bin nicht überdrüssig der Bewegung, jedoch verlangt alles in mir, einmal nichts zu tun. Da spüre ich auch keine Scham, bin doch aber froh, weite Ausblicke heute nicht zu verpassen.

Eines aber treibt mir noch im Kopfe herum, drückend und etwas beklemmend. Schon wieder ist es das, nicht zu wissen, was sein wird, ganz ohne Idee dem Kommenden zu begegnen, was ich schwierig zu werden vermute. Also nehme ich die Karten zur Hand, abschätzen muss ich die Route der nächsten Zeit. Da wird´s mir auch leichter, als die ich gefunden, eine Vorstellung von habe, wie weiter ich will. Bis zu einem Punkte musst ich da sicherer werden, denn teilend wird kommen das Treffen mit meiner Schwester und auch ihrem Freund, das wird ein Einschnitt und da werde ich dann auch in bekannter Gegend umerherziehn.

Nun aber will ganz ich bei mir sein und verdrießlich soll das mir nicht werden. Weit wird da die Seele und ich lache aus tiefem Innern. Ja, recht froh ist mein Gemüte, da bracht es nicht mehr, als was ich hier habe und in meinem Herzen. Es geht mir zwar gut auch im Zelte, doch gern und drängend muss ich auch immer von neuem hinaus, es regnet nur selten. Homer hat zu erzählen geendet, gibt mir Raum jetzt für klare Gedanken und die Feder selbst in der Hand. Nein, ich brauche wahrlich viel mehr nicht, auch wenn es nicht immer so sein wird, das ist mir bewusst. Dafür aber bin ich auf Reise und auf dem Wege zu vielem.

Noch einmal muss ich doch dann die Stiefel schnüren, es ist ja draußen gerade so schön. Da geh ich umher, froh im Gemüt während sich langsam die Sonne versteckt, hinter den Bergen verschwindet. Lange schaue ich da über den See, den weiten, von Felsen umstandnen. Nur kurz ist der Aufstieg, doch lässt er die große Lust wachsen, bald wieder zu wandern. Lauft aufschreien möchte ich, so ist mir zumute.

Impressionen des Tages:

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Einmal mehr der Rondvatnen, einmal mehr eine andere Stimmung, die hat sich ständig verändert



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Jotulhogget von oben, der Kaldbekken fließt in den Rondvatnet und wird auch zum Store Ula



15.7.

Selbst bestimmen, was machen man möchte, das sollte man verfolgen. Aus den eigenen Wünschen heraus das nächste Ziel ableiten und dies dann verfolgen. Schwerlich kann´s gut sein, gedrängt in eine Richtung werden, nach den Umständen nur noch zu handeln und nicht nach Bedürfnis und Lust der Seele. Ist so weit es gekommen, da wird es wahrlich schwer, mit Freude die eigne Brust zu erfüllen. Aktiv bleiben, rege im Geiste und Herzen und hören was beide brauchen.

Betrübt bin ich wahrhaftig, als aus dem Schlaf ich erwache. War gestern Abend der Himmel noch blau und fiel das weiche Licht der Sonne auf die Hänge, so hat es sich nun zum Schlechten wieder gekehrt. Die Gipfel sind verhangen und undurchdringlich die Wolken. Kräftig weht der Wund, treibt den Regen, immer wieder fallend, gegen das Zelt. Da kann ich nicht einmal hinaus mich setzen und schweifen lassen den Blick, mich fallen lassen und aufgehn in dieser schönen Natur. Zum Nichtstun bin ich gezwungen, doch ist es positive, erfüllende Ruhe nicht, gar träge und unwohl fühle ich mich. Es wäre das Wetter, ein dickes Buch zu lesen, doch nicht einmal das habe ich mehr. Nein, verlitten ist mir dieser Tag. Da möchte ich vor lauter Langeweile fast schon schlummern.

Schon Nachmittag ist es, als ich warm Sonnenstrahlen auf dem Zelt spüre. Har gerade davor es nicht fleißig geregnet; nun ist die Landschaft verwandelt. Schon stürze ich raus, da wird nicht lange gezaudert. Wie im Wahnsinn laufe ich los, es fliegt der Weg unter den Füßen dahin. Kaum aber kann ich die tolle Raserei lange durchhalten, das ist mir klar, hat eben nicht müde der Körper lang gestreckt noch gelegen und war nicht bereit zu großer Bewegung. Ich achte kaum drauf, fort geht es geschwind, auch wenn nicht gar mehr so närrisch. Erreicht ist bald schon der Gipfel und wie wunderbar macht der Blick da die Runde. Schroffe Berge, weite Täler, es zieht sich ein weiteres Mal bis in die Ferne. Wenige Aussichten waren mir bisher so schön wie diese. Allein, verweilen kann ich nicht unbegrenzt, der Wind friert meinen Körper, auch wenn ich eigentlich schützend gekleidet. Da kann ich die Finger kaum mehr benutzen, steif sind sie und kraftlos. Hinunter nun also, da bin ich kaum schneller, das wäre auch schwerlich möglich.

Früher Abend ist schon hereingebrochen, als bei dem Zelte ich wieder stehe. Ein Bad, das muss sein, und es fühlt sich gut an, sich noch einmal bewegt zu haben. Ruhiger ist mir wieder nun die Brust, erfüllt und zufrieden. Doch soll ich noch in Ärger verfallen, schon wieder steht offen das Zelt, funktionslos ist der Reißverschluss. Diesmal ist weniger noch zu retten, es muss der eine den andern ersetzen, jedoch ich bange um den Rest der Reise. Gibt es nicht schon genügend, mit dem man das Gemüte bewegen kann, weit Wichtigeres und Schönes?

> Veslesmeden 2015m
10km; 900m hoch

Impressionen des Tages:

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Ich glaube ich kennt den Blick nun auch ganz gut, aber schön und anders ist er ja immer



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Storsmeden und Veslesmeden


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Blick vom Veslesmeden in Smedbotn


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Austre Smedhamran


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Brücke über den Store Ula bei Rondvassbu



16.7.

Beschlüsse fassen und diese verfolgen, sich dieser sicher sein im Innern. Da gibt es dann kein langes Zaudern mehr und Hadern mit der Entscheidung, nicht jedenfalls, bevor der Weg betreten wurde und man gegeben sein Bestes. Ruht also mit Sicherheit in einem, was zu tun man gedenkt, da soll man feste stehn und nicht mehr schwanken. So wie man aber nicht zu lange zu warten braucht, ist vorschnelle Eile auch gar nicht vonnöten. Nur zur richtigen Zeit soll ausgeführt werden, was vorher beschlossen, geduldig soll man drauf warten. Spürt man aber, es ist nun so weit, da war man schon vorher bereit und kann jetzt wohl das Kommende anpacken.

Das gleiche Siel wie die Tage zuvor ist auch am heutigen Morgen zu beobachten: Dich hängen die Wolken. Da will die Lust so recht nicht aufkommen, loszuziehen zum Gipfel, dem höchsten der umragenden Berge. Doch bin ich mir sicher, den nicht missen zu wollen, bin ich doch so lange jetzt hier schon. Wahrlich, der soll heute noch bestiegen werden. Doch kann ich auch warten, wurde es die Tage später doch immer noch schöner am Himmel. Auf also geht´s zu den Hütten, der Strom dort kommt mir gelegen. Warm ist es drinnen, ich bleibe auch eine Weile. Weilen aber könnt ich allzu lang hier gewiss nicht. Ein Kommen und Gehen herrscht hier, ein reges Treiben, wie soll man denn da noch Ruhe in sich finden und das genießen, was das Leben in der Natur so besonders macht. Mag es auch noch so komfortabel hier sein, es hält mich länger nicht drinnen.

Bin ich wieder am Zelte, da will auch dort ich lange nicht bleiben. Es zieht mich los, es ist der richtige Zeitpunkt. Am frühen Nachmittag breche ich also auf, der Weg ist anfangs nicht schwierig. Bald aber sind noch schneller als ich die Wolken, von denen kommt´s munter hinab. Kalt sind aber die Tage, die Höhe tut den Rest und so bleibt Nässe nur Schnee und der stört mich wahrlich wenig. Also hinauf, ich hoffe ja auf klareren Himmel. Wirklich, da hab ich noch des Weges vor mir, da ist mir der schon gegeben und weit geht da auch schon der Blick über die Landschaft. Das volle Gefühl das bleibt wohl, steht man da oben, das ist doch immer besonders. Allzumal hier, ist doch wieder der höchste Gipfel in der Umgebung erreicht. Da geht man hierhin und dorthin, zu sehen ist ringsherum nur Schönes, so weit. Verdient ist dann aber die Pause. Da ruht alles im Innern und man ist sich so sicher, warum man so wandert und Berge besteigt. Es wird noch gegessen, das muss sein, und dann geht es wieder hinab. Nein, ewig kann man hier nicht rasten, der Wind sagt einem, warum.

Auch heute ist alt schon der Tag, als zum Lager ich wiederkehre. Gewohnt erfrischt sitze ich wieder und genieße die letzten Strahlen der Sonne, die schwach noch über die Hänge scheint, bevor um Schatten sie mich zurücklässt. So schön ist´s aber, noch sitzen zu können und sinnen, schön auch, ganz unmittelbar die Natur noch um sich zu haben, das ist doch was andres. Wie ganz und gar angekommen man sich doch fühlt, war man zuvor recht toll unterwegs. Da kommt wahrlich alles irgendwo an und ich bin´s ganz auch bei mir. Da hab ich es auch wieder, dieses einfache Leben auf Reisen, den Rhythmus, den ruhigen. Sicher ist es, dass diese letzten drei Tage doch ganz und gar heilsam waren und so viel weiter mich brachten, wohin auch immer ich gehe.

> Rondslottet 2178m
via Vinjeronden 2044m
12km; 1275m hoch

Impressionen des Tages:

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Aufstieg zum Vinjeronden, hier schon beim Abstieg und guten Wetter


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Blick vom Vinjeronden auf Rondslottet


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Eines der vertrautesten Motive der Tour

Issoleie
23.08.2008, 23:54
17.7.

Ich bin ein Seiltänzer über dem Abgrund. Auf der einen Seite wird die schmale Linie gehalten von den Dingen, die ich hinter mir gelassen habe, wenigstens distanziert, die gleichfalls aber in mir sind und darum nicht schwinden. Der andere Pfeiler, an dem hoch das Seit befestigt, ist das Leben hier draußen, das einfache, dieser eigene Rhythmus der Natur. Wie sehr freute ich mich gar, wenn beide zur Sicherheit dienten, doch ach, ich schwanke, auch wenn ich nicht falle. Nein, allzu anders ist´s gar, die Spannung entsteht erst durch beide. Wäre eine der Seiten nicht, es gäbe keinen Abgrund, den tiefen, und ich müsste nicht balancieren. Wahrlich, kaum weiß ich, wohin mich wenden. Da hilft kein Zaudern und Jammern, das wohl noch am geringsten Kam ich doch auch gerade hierher, begab ich mich auf die Reise, um genau dieses zu haben, nun, ähnlich jedenfalls ist es richtig. Hab ich doch fast erwartet, genau in solch schwindelnder Höhe zu stehen, hab es gefürchtet. Jetzt muss ich zaubern, da muss sich etwas verwandeln, ein neues Sein muss folgen. Gedanklich ist vorgezeichnet schon jetzt das Bild, das Ziel. Die beiden Seiten die bleiben, doch soll die Mitte bald sein eine Säule. Kein Seit ist da mehr gezogen, voll Spannung, verbunden sind beide recht feste. Sich gleichend, in Waage, da schweben sie nun und stark stehe ich, wo beide mittig sich treffen.

Heute also geht es weiter, ich verlasse den Ort, an dem ich nun länger geweilt und wo es mir lieb war, doch sicher ist es so richtig. Weit bedeckt ist der Himmel eben auch an diesem Tage, das soll mich aber weiter nicht stören. Am Anfang noch auf der festen Straße geht es voran, der Menschen sind viele hier, da hör ich schon auf zu grüßen. Bald aber biege ich ab und nicht weniger leicht gehen die Schritte. Denk ich zwar, recht gemütlich zu wandern, komme doch ich zügig voran und es macht erhebliche Freude, auch wieder mit Rucksack zu gehen, der jetzt ideal von Gewicht. Hinab geht es in waldige Regionen, die Abwechslung ist erfrischend. Da durftet es rundherum, die Wiesen und Sträucher und Bäume, so würzig ist die Luft hier.

So aber geht es leider nicht fort, was folgt, sind Häuser und Straßen. Natürlich: Auch hier von Einsamkeit keine Rede. Das war mir schon vorher bewusst, ein Blick auf die Karte genügte. Nun aber ist es hier ja eben nicht so arg, dass es mir sehr lästig werden müsste und zwar nicht begeistert, doch ohne Verdruss geht es weiter mit unruhigen Gedanken im Kopf. Allzu viel aber ist dann doch das Hotel, im Sommer zwar mit weniger Gästen, wie´s scheint, trotzdem aber reicht schon das mächtige Bauwerk und ein Blick da hinein, dass schief mein Mund sich verzieht. Ich bange schon um den Platz für das Lager und weiß kaum, wohin es nun gehen soll.

Dort, wo ich gehofft ihn zu finden, ist dann jedoch die richtige Stelle. Badeplatz nennen es die Norweger und bauen auch gleich ein Häuschen für die Toilette, Umkleideräume und dazu auch zwei Tische und Bänke. Nun, ist es auch neben der kleinen Straße, mit Gebührt und Schranke zu befahren, es soll mir hier gefallen. Kalt sind noch immer die Tage und wie man hört noch sinken sollen die Grade, ich aber liege den Nachmittag, hinein bis in den späten Abend, im Schlafsack eingepackt draußen und schaue auf´s Wasser recht lange: ein weiter Schritt hin zur Waage, der dringlich gesuchten.

> Rondvassbu – Orvillingen
19km; 210m hoch; 510m runter

Impressionen des Tages:

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Zubringerstraße nach Rondvassbu; Blick richtung S


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Ich verlasse den Nationalpark Rondane


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Es gibt noch jemanden, den ich immer spiegelnd mir gegenüber habe, der ist ich



18.7.

Ach, wenn Not ist, da soll man ruhig fragen nach Hilfe und nicht nur alleine versuchen. Wahrlich, findet sich doch immer ein Ausweg, sei es auch nicht das glücklichste Ende, das man erhoffte. Eröffnen sich stets doch neue Möglichkeiten, trifft man auf verschiedene Menschen und dem wird dann häufig die Hand auch gereicht, der selbst die eigene ausstreckt. Wie sonst hat der Mensch es wohl so weit geschafft, jeder für sich nur schwerlich.
Als die Zeilen ich schreibe, weiß kaum ich mehr, wo es heute begann, nur mühsam kriege ich alles zusammen. Frisch aber, der Morgen ist schon angebrochen, doch Eile ist nicht geboten, denn kurz soll der Tag heut nur werden. Bleibt mir doch keine andere Wahl, gehe ich immer auf Straßen. Zwar schreiten die Füße zügig, viel schwerer ist´s aber, die richtige Strecke zu finden, es gibt der Wege so viele hier, der kleinen. Ein Dorf ist erreicht, das angepeilt war, soweit ging alles ja ordentlich. Da kann ich endlich nun auch einmal abzweigen und Fußpfade nutzen, viel stiller.

Das ist mir nun deutlich lieber und kein Mensch mehr rings herum. Eine Weile gemütlich durch den Wald, dann kommt das Moor. Ja, was für eines das ist, das will also gar nicht mehr enden. Den Pfad hab ich lange schon verloren, der war nicht mehr wirklich markiert. Umso anstrengender geht es also fort, alleine wähle ich die richtigen Schritte. Viel genutzt wird der Weg hierdurch wohl ohnehin nicht, im Winter ist es sicher schöner. Gestörte Ruhe ist bestimmt auch die Elchkuh nicht gewohnt hier, dafür kriege ich sie zu sehen. Weit fort läuft sie mit dem Jungtier, auch ich gehe dann schließlich meines Weges. Freudig erreiche ich endlich das Ende, es ist Zeit vergangen, da sehe ich und sehe nicht mehr die Karte, die dringlich gebrauchte. Wirklich, fort ist sie. Doch ohne Bemühen lass ich nichts zurück; die Brille hatte ich am ersten Tag ja auch weit hinter mir gefunden. Also auch dieses Mal geht es zurück, doch wer kennt schon den Weg, den er im Moor gegangen. Die Suche ist verzweifelt, bis zum Beginn gehe ich fort, dann drehe ich um. Stärker beginnt es nun zu regnen, die schützende Kleidung ist natürlich beim Rucksack. Schnell also muss ich zurück, es findet sich auch nirgends die Karte.

Da bin ich doch recht verzweifelt. War es mit Überblick doch schon mühselig genug, in dieser Gegend die richtigen Wege zu wählen, wird jetzt das Ganze noch schlimmer. Bis zur nächsten kleinen Siedlung ist weiter es aber nicht kompliziert; wenngleich der Weg auch matschig, erkennt man nun die Spur, die am häufigsten genutzt wird. Genau weiß ich bald aber nicht, wo ich mich befinde und so winke ich einem Mann, den durch ein Fenster ich im Hause sehe. Der kommt auch heraus und wenngleich er kein Englisch kann und wir uns kaum zu verständigen wissen, wird meine Misere doch klar und er versteht, wo ich weiter hin will. Seine Karte aber gibt wenig Aufschluss, zum Wandern ist die nicht geeignet und so fährt er mich gar mit dem Auto. Da aber, wo gedacht, ist der See, der Ziel mir sein sollte, nicht zu erreichen und also geht weiter die Fahrt, hinab schon bis zur großen Straße, die Norwegen durchmisst. Da ist auch die größere Stadt Vinstra nicht mehr fern und also lauf ich nun dorthin, wollte am nächsten Tag ich ja eh da sein.

Die Schnellstraße war zwar bedenklich, doch komme gut ich an. Schon wieder plaudere ich länger mit einem, bevor zur Zugstation und der Information in der Halle es geht. Die aber hat geschlossen, nur der Warteraum ist zugänglich. Von dort aus also noch einmal weiter, der Einkauf für die nächsten Tage wartet. Alles im Rucksack, sitze ich wieder in der Halle für die auf Züge Wartenden. Da will ich die Nacht über ich auch bleiben und ruhe erst einmal aus vom ganzen Trubel. Spät erst werde ich gewahr, dass selbst die Halle nicht nächtens zugänglich und also muss ich wieder weiter.

Recht will es mir in der Stadt nicht gefallen und obschon es früher Abend, breche noch einmal ich auf. Ein wenig soll es noch in Richtung der Berge gehen, natürlich muss ich wieder auf der Straße stapfen. Was hilft es, ich sollte mich jedenfalls sputen. Mit geringer Hoffnung strecke ich den Daumen aus, jedes Mal, wenn ein Auto von hinten naht. Welch großes Glück! da hält einer auch an, welch große Freude. Schon wieder können wir uns nur mühsam verständigen, doch ist die Fahrt so gut, die Strecke wäre weit und schwer sonst geworden. Jedenfalls, ich komme am Ziel an.

Da bin ich nun also und weiß noch immer nicht wohin. Groß steht das Hotel vor mir, allein es ist weit zum Wasser. Erneut also entlang auf der Straße, das wird heute länger noch dauern. Schon ist es noch acht Uhr, es beginnt, recht kräftig zu regnen. Nun, es hat keinen Zweck, ich schlage das Lager auf, finde eine Nische am Rande des Fahrwegs. Da habe ich zwar kein Wasser, das muss mal nur mit dem Rest gehen, doch ich brauche endlich einen Platz, wo ich ankommen kann für heute, war doch schon alles aufregend genug.

> Orvilingen – Fefor

Impressionen des Tages:

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Autofahrt Richtung Fefor am Einstieg in die Region Huldresheimen



19.7.

Es ist soweit, ich bin an einem Punkt angelangt, wo es durch die Gedanken nagend sich zieht, die Reise abzubrechen. Gut ist, dass ich dies schreibe, wird ja die ganze Konsequenz erst bewusst, sprech ich von „Reise“ und nicht „Tour“. Ist doch das, was ich hier tue, weit mehr als das Vorhaben, zu Wandern und schöne Dinge zu sehen. Bedeutete der Abbruch nicht Aufgabe, sich mir so ganz zu nähern, das ist es ja, was ich hier suche. Wäre es ja Eingeständnis, nicht die Kraft aufbringen zu können, das auch wider Schwierigkeiten zu schaffen, mindestens jedenfalls Mangel an Willen.

Ich habe unruhig geschlafen und wache mit wirren Gedanken auf. Der Mangel an Wasser, den ich am Abend deutlich spürte, hat sich bis in die Träume gedrängt und gaukelte dort eine Lösung des Problems vor, auch andere schwere Gesichter kamen hinzu. Jedenfalls, alles bleibt gleich, knapp ist das Wasser, das kann ich nicht ändern. Ich breche also auf, während tief und dicht die Wolken hängen. Hier gibt es nur die Schotterstraße, der ich nun folge und bald auch beschließe, diese bis zum Ziel nicht zu verlassen. Zwar könnt ich einen Abstecher ins Fjell machen, doch lohnt das heute der Mühe nicht, ich will nur schnellstmöglich zu schöneren Gegenden. Nun ist es aber doch wenig reizvoll, auf fester Schotterstraße zu gehen, wenn auch schnell, und Freude will ich recht nicht haben.

Da bin ich ein gutes Stück schon unterwegs, als der Beschluss gefasst ist. Länger muss ich zwar warten, doch das erst Auto hält tatsächlich, ein weiteres Mal bitte ich, aufgenommen zu werden. Diesmal können wir auch munter reden und wie es so kommt, ich ändere all meine Pläne, nun, verwerfe jedenfalls die gemachten, neue habe ich noch nicht. Direkt geht es jedenfalls jetzt nach Jotunheimen, dem letzten Nationalpark meiner Reise, den ich erst in etlichen Tagen zu erreichen geplant hatte. Die Fahrt ist schön, die Norweger so nett, die laden mich auch zu sich nach Hause, wenn ich einmal in der Gegend in nächsten Jahren sein sollte. Ich denke wohl, es war die richtige Entscheidung, mit ihnen zu gehen. Da stehe ich nun am Rande der Berge und muss mich erst einmal fassen und neu die nächste Zeit überdenken.

Dann der Schwenk, noch einmal will ich in eben erst verlassene Region, doch deren schöneren Teil. Ich folge dem unmarkierten Weg, der sich aber schnell verliert, und stehe bald da und bin geschafft von der Suche nach besten Tritten, so schwer ist´s mir gerade, hier voranzukommen. Unsicher bin ich, ein ganz ungewisses Gefühl überkommt mich einmal mehr. Nein, die falsche Richtung habe ich gewählt, die Region dort in meinem Blickfeld ist keine gute, etwas sagt mir, das würde mir nicht bekommen. Also wieder zurück, besser spät als gar nicht mehr.

Am großen See gehe ich entlang, nun in Richtung der Berge, und hoffe, bald mein Lager aufschlagen zu können, den Tag würde ich gerne beenden. Da muss ich aber noch weiter, als ich gehofft, finde schließlich aber doch am frühen Abend einen Platz. Es will mir aber nicht wohler werden, schlimmer wird es mit jeder Minute, es ist nicht gut um mich bestellt. Kaum kann ich sagen, was mir da solche Sorgen bereitet, dumpf und formlos ist die Beklemmung. Ganz langsam erst wird mir später besser, ich versuche redlich, gut mir zuzureden. Ist Zeit vielleicht das ängstigende Moment, dieses Gefühl, zu viel noch vor mir zu haben und das auch für ein zu kleines Gebiet. Ich kann ja frei walten. Das gerade wird das Beste sein, das gibt mir ein wenig Erleichterung: Die vielen Tage, die mir noch bleiben, die also werde ich reichlich gemütlich angehen, wie im Grunde ja auch schon bis hierher ich es getan. Das sehe ich jetzt aber bestimmt nicht mehr ein, nur weil auf Wanderung ich bin, auch ständig umherzuziehen. Nein, ganz anders will ich es machen, da soll das Zelt mir Hütte werden und fest oft an einem Platz stehen. Da bleibe ich dann, schaue die Gegend ein wenig an oder sitze einfach nur da und bin den Rest in Gedanken, dafür bin ich ja fortgezogen. Ich hoffe recht, das wird mir so noch zum Glücke, denn gewisslich brauch ich Erleichterung.

> Fefor – Bygdin

Impressionen des Tages:

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Bygdin, Einstieg von der Reichstraße 51 (wie folgende)


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Issoleie
24.08.2008, 13:00
Noch halte ich das Tempo durch, mal schauen, wie lange noch.


20.7.

Nicht immer braucht es einen klugen Gedanken. Da ist es manchmal wohl besser, die Dinge auf einen zukommen zu lassen und zu schauen, wie dann mit ihnen man umgeht. Das ist dann nicht selten auch leichter, als den Kopf sich zu erhitzen und dabei vor lauter Grübeln ganz den Tatendrang zu verlieren und zuzusehen und wissen, wie der Muter weiter schwindet, je länger man hofft, einen recht guten Einfall zu haben. Nein wahrlich, manchmal weiß man gar nicht mehr, wie die Dinge schließlich in rechtes Licht gerückt wurden und was man am Ende getan, dass ein Weg im ganzen Wirrwarr nun zu sehen ist.

Es prasselt auf das Zelt nieder, als ich langsam aufwache. Eine Pause kann ich nutzen, um das Lager abzubauen, dann bin auch ich sehr bald sehr nass. Ich laufe und weiß nicht so recht, wo ich heute noch landen werde und noch immer ist mir im Innern unwohl. Ich kann nicht genau bestimmen, was mir da auf der Seele lastet und also schwerlich dagegen was tun. Ist das Wetter zwar zum Fürchten, so ist mir aber doch schon etwas leichter als am Tage zuvor. Es ist gut, einfach losgegangen zu sein und gut auch, das am Vorabend entwickelte Bewusstsein als feste Stütze zu haben. Ganz gemächlich will ich sie also angehen, die kommende Zeit, und beschließe mein nächstes Ziel.

An den Hütten, wo sich die Wege auch scheiden, flüchte ich aber vorerst schnell ins Warme. Es wird mir vom geplanten Weg abgeraten, es könnte dort heute gefährlich werden, zu schlecht sei das Wetter. Wirklich, das ist es und da bleibe ich vorerst nun hier, weiter kann ich auch morgen. Erst spät hole ich das Zelt hervor und suche nach einem Platze. Als ich schon umher bin, erfahre ich doch, dass im großen Umkreis gebührenpflichtig die Übernachtung und gleichfalls auch nur ganz unschöne Plätze benutzt werden dürfen. Das aber will ich beides nicht haben. Schon wieder also ändern sich meine Pläne, es geht in Richtung der Berge, ich wähle eine andere Route für die nächsten Tage und will doch aber erst einmal sehen, wo mein Lager ich aufschlagen kann.

Noch ist der Nachmittag nicht weit vorangeschritten und es sind hinter mir auch die Hütten noch in Sicht, da finde ich vor dem Aufstieg eine Wiese, bei der also will ich bleiben. Der anhaltende Regen und die Ungewissheit, was da noch kommen mag, gestalten es wenig attraktiv, noch weiter zu ziehen und ich bin es so auch zufrieden. Ja, als im Zelt ich da liege, wird es mir innerlich recht gut, da fallen ungewisse Sorgen von mir ab, ich werde ruhiger.
Zum Abend kommt sogar kurz die Sonne noch einmal zwischen den Wolken hervor, sie scheint direkt in mein Herz. Ja, da lacht das Gemüte, da gehe ich über die Wiesen und rufe und drehe mich im Kreis. Auch das Abendessen kann ich draußen genießen, wie viel schöner das doch ist. Wie viel freundlicher auch die Umgebung da wirkt, es ändert sich ja so vieles. Vielleicht also ist ja der Großteil der Sorgen, der schweren, dass ich recht stark erzittere vor der Gewalt der Natur, wie ich dem so vollkommen ausgeliefert bin, beginne ich, in ihr zu leben. Das wirkt dann ja auch vielfach bedrohlicher, zeigt sich das Wetter schroff und wird so vieles dann härter. Ist man noch alleine unterwegs, ist´s gar so anders und ich kenne es ja noch nicht, das merke ich dieses Mal aber deutlich. Alleine mit mir; ich werde schon gut noch weiter kommen, werde die Zeit mir auch eine schöne sein lassen.

> Bygdin – Nybue hinter Torfinnsbu
10 km; 100m hoch; 100m runter

Impressionen des Tages:

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Nybue am Bygdin



21.7.

Wie sehr, wahrhaftig, braucht man das, dass so ganz die Seele einmal wieder lachen kann. Dieses schöne Gefühl, wenn nach einer Phase des seelischen Darbens, wo Zweifel und Angst so machtvoll sind, dieses Gefühl einen trifft, dass dies alles abgeschüttelt werde. Ja, man schüttelt wirklich die Glieder und den Kopf und lässt dabei das Herz hüpfen. Ganz aus dem Innern lacht man dann hinaus und fortdauernd ist voll Freude das Gemüt. Ja, wie sind die Sorgen vergessen und man fühlt sich rundherum wohl und glaubt nicht, das könnte jemals wieder anders sein.

Früh wache ich auf, mir ist warm. Recht warm, tatsächlich! Wie gut das doch tut und ein kurzer Gang vor das Zelt verspricht einen schönen Tag. Da kann ich sogar die kurze Kleidung anziehen; ach, wie sehr hat sich doch alles gewandelt. Also los! heute wird es wieder anstrengender, es geht über die Berge zum Ende des Sees, des großen, an dem ich gerade ja noch bin. Ich nehme kein Boot, gehe nicht den Weg zur nächstens gelegenen Hütte, um dort die Tage zu weilen. Nein, weiter will ich, etwas entdecken, neues sehen und mich bewegen. Frisch auf!

Wie erwartet ist der Weg anstrengend, doch sind die Beine kräftig und halten gut Schritt mit einem vorwärts drängenden Mute. Das brauch ich so sehr, nur mir selbst heute zeigen, dass sich doch etwas in mir noch regt und dass ich etwas schaffen kann. Zwar war ich zuvor nicht träge, doch gab es da andere Hürden zu nehmen und jetzt tut es gut, auch zu spüren, wie der Körper noch kräftig schaffen kann. Das macht ihn nicht müder, immer lebendiger werd ich dabei.

Weiter geht es aufwärts und schon erreiche ich Schneefelder, auch die Seen sind noch dick bedeckt. Allein, das Weiß will mich kaum tragen, mühsam komme ich voran, breche oft ein und falle auch mal. Wo ich hier aber bin, entschädigt sicher für die Mühe. Steil ragen rechts die gewaltigen Gipfel auf, links ziehen sich endlos die Kämme, in Blau sich verlierende Weiten. Hinauf auf den Pass und alles liegt unter mir, im Rücken wie auch noch vor mir, da, wo ich noch hin will. Es ist erst Mittag, als ich dort sitze, noch lange kann der Tag so schön weitergehen.

Schon weit bin ich vorangekommen, weiter ist´s durch Schnee und Nässe gegangen und unter mir sehe ich schon den blauen See. Kaum habe ich es heute mehr erwartet, da treffe ich eine Wanderin, sie hat auch zwei Hunde. Ein ganz seltsames Gefühl gibt mir das Gespräch, das dieses Mal sie länger führend will als ich. Es stört der Rauch der Zigaretten, gleich mehrfach holt sie eine hervor, ungewohnt und so gar nicht passend steigt er in die Nase und lässt mich schnell beiseite treten. Noch nie aber habe auch so was ich von andern gehört, die Frau ist sehr in Ängsten. Schon einmal wohl ist knapp dem Tode sie entronnen, als fortgerissen sie das Wasser, das gewaltige. Nun hat so große Furcht sie davor, die arme, und vor der Natur der Berge gehörig Respekt. Möge allen eine solche Erfahrung erspart bleiben, angemessene Ehrfurcht ist wohl genug und trotzdem kein schlechter Ratgeber.

Ich aber bin weiter munteren Sinnes, auch ist der Weg nicht mehr lang. Da liege ich also bald nach dem Bade und da ist es wieder, dieses herrliche freie Gefühl, unbekleidet in der weiten Natur zu liegen und den Wind über die Haut streifen zu spüren, während die Sonne sie wärmend bescheint. In dieser Weise, ganz fein ist das Verhältnis, dazu in solcher Umgebung, wo will ich das anders finden als hier. Da kommen auch gleich Erinnerungen an vergangene Male, als in der Natur ich gelebt für den Sommer und ganz wunderbar fühlt sich das an; mich können heute auch die andern nicht stören, die unweit hier ebenso zelten.

Wahrhaftig, viel mehr hätte ich heute nicht wünschen können, vieles Kam gerade zum richtigen Zeitpunkt, wo ich es recht nötig brauchte. Ich bin wieder zurückgekehrt, zu mir und den Dingen um mich, bin ganz zurückgekehrt.

> Torfinnsbu – Fondsbu
21km; 745m hoch; 745m runter

Impressionen des Tages:

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Langedalen


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Langedalstjernet (wie folgende)


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...im Hintergrund Langedalstinden und Kvitskardtinden/Kvitskardoksle


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Es lag noch mehr Schnee, als ich vermutet hatte


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Lager bei Fondsbu...


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...hinten Eidburgarden Hogfjellshotell und DNT-Hütte


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Namenloser Wasserlauf aus dem Vennisstoldalen



22.7.

Ich gewinne Abstand zu den in Deutschland gelassenen Dingen. Momentan habe ich wohl rechten Abstand zu vielem. Diese beiden Tage, so sehr Wandern, geben kaum daneben Platz für andere Gedanken. So ganz bin ich im Rhythmus und voll sind die Eindrücke. Das begrüße ich alles, ja es tut mir außerordentlich gut. Es distanziert das Zurückgelassene. Das ist der erste Schritt. Dann ist es möglich, so tief alles zu beschauen und herauszufinden, wie es sich doch verhält mit dem eigenen Leben. Da will noch weiter ich hin, das soll als nächstes kommen auf meiner Reise. Jetzt aber ist mir´s froh im Gemüte, da ist es mir auch lieb, was ich habe.

Es ist heute Wetter zum Wandern. Leicht geht der Wind, dünn hängen die Wolken am Himmel und lassen die Sonne, drückend bei vollem Scheine, nur wenig hindurch, mild aber sind die Temperaturen. Also geht es los mit frischem Mute, wenngleich die Beine auch nicht mehr ganz frisch sind. In die Höhe gelange ich trotzdem schnell, da wird die Landschaft schroff. Felsen reihen sich aneinander, Schnee bedeckt die Wege und erschweren das Vorankommen und immer geht es hinauf und hinunter, von beidem nicht wenig. Viele überhole ich, mit manchen lässt sich gut reden. Auch heute schwitze ich recht ordentlich, doch die Anstrengung hat einiges, das ich so gerne habe. Da wird der Kopf dann auch ganz frei und doch verfällt man nicht in Trägheit oder Verdruss im Leeren, es ist gar belebend. Das Gefühl dann auch, bald anzukommen und sich zu erfrischen. Ein weiteres Zwischenziel davor noch zu schaffen, dann erst einmal die wohl verdiente Pause, nur, um wieder weiterzustreben. Zwei Pausen nur mache ich erneut und bin fast da.

Kurz zuvor noch passiere ich aber das schon bekannte Gelände der Hütten am Hang mit der roten Brücke, war ich doch zwei Jahre zuvor hier. Da muss ich recht voll lachen, was für ein leichtes Gefühl das ist. So lieb wird einem alles und man grüßt jede einzelne Stelle leise für sich in Gedanken. Ich gehe noch weiter, einen noch viel schöneren Ort kenne ich doch. Da rauscht das Wasser und weich ist die Wiese. Schon schaue ich auf das eigene Werk von vor zwei Jahren; der Steg aus Steinen ist recht gewachsen, es haben ihn andere ausgebaut, den damals wir begonnen. Den Baum dort kenne ich auch noch genau, das Zelt stand damals nicht weit vom jetzigen Platz, wenige Schritte entfernt nur. Ja, wie schön ist es doch, anzukommen. Vieles wird da ruhig in der Brust und ich genieße heute auch lange die einsame, friedliche Umgebung, sitze bis spät in den Abend und höre der Natur zu.

> Fondsbu – Storebrui hinter Skogadalsboen
24km; 720m hoch; 980m runter

Impressionen des Tages:

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Slotafjellet mit Uranostinden im Hintergrund


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Urdadalsvatnet mit Uranostinden


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Issoleien, die Fjellblume


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Ausruhen an der Storebrui


http://lh3.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLE6TQakj3I/AAAAAAAACmw/4qqjO8WfFBs/s640/_DSC1478.JPG
Lager an der Storebrui Nähe Skogadalsboen, da stand ich schon vor zwei Jahren

sZabo
24.08.2008, 17:57
wow, macht richtig Laune in deinem Reisebericht zu lesen und die wunderschönen Bilder anzusehen! 5 Sterne :grins:

SwissFlint
24.08.2008, 23:36
Ich finde das spannend.. da darf man einfach so in das Innerste eines anderen Menschen schauen...

(und tief in mir regt sich der kleine profane Normalo und fragt sich, warum jemand sich nicht einige Wochenenden vor einer Tour einläuft.. warum jemand nicht eine Tour wählt wo man mit weniger Gewicht durchkommt oder grundsätzlich so wandert, dass weniger Gewicht nötig ist... und wundert sich... - aber.. ich wundere mich bei jedem Reisebericht hier.. ist also eher allgemein das wundern.. )

Issoleie
25.08.2008, 17:49
So ist das mit der Literatur, manchmal weniger, manchmal mehr.

Zum Gewicht, auf das du ja besonders eingehst - habe ich das so sehr hochstilisiert? - doch aber auch noch ein Satz. Mir fällt es meist doch schwer, etwas unkommentiert zu lassen, ich weiß ja auch nicht, wie dein Beitrag gemeint war. Jedenfalls war das wohl im Großen und Ganzen sehr in Ordnung. Ich weiß nicht, wie es dir geht, bei mir ist es egal, wie sehr ich mich vor einer Tour einlaufe. Ich bin nun einmal dünne gebaut, da merke ich einen Rucksack immer am Anfang stärker. Ich bin fit gewesen, jedenfalls auf gutem normalen Niveau. Sicherlich kann ich den auch schon mehrere Tage in Deutschland rumtragen, aber das macht es dann auch nicht, außer Eingewöhnung davor und dann aber in öder Umgebung (man achte auf meinen Wohnort). Wäre ich für zehn Tage unterwegs auf Reise, vielleicht machte ich es dann. Und dass ich da "durchgekommen" bin, ist doch auch nirgends anders zu lesen. Ich wusste halt nicht mehr, dass man in diesen Gebieten halt keine 25km ständig am Tag läuft, jedenfalls nicht mit gefülltem Weitwanderrucksack.

Nun, wie auch immer. Ich weiß nicht, wie weit du gelesen hast, aber diese Tour war so unglaublich schön, dass ich keine Entscheidung bereue. Wie auch immer, ich will mich nicht verteidigen, aber vielleicht kann man ja das ein oder andere nicht nur verwundert anschauen, sondern auch verschiedene Dinge anfangen, im Gespräch zu verstehen. Warum sonst sollte man wohl auch solche Berichte lesen, wenn nicht aus Interesse an anderer Leute Erfahrungen und Erleben.

Besten Gruß
Florian,
der sich doch jetzt mal dringend auf die Suche nach Flints Reiseberichten macht;-)

SwissFlint
25.08.2008, 18:35
@Florian
also.. ich bin in der Jugendzeit gewandert und ab 15 geklettert.. später dann mit Rucksack (habe nie mehr als 8-12 kg getragen) mehrere Monate durch Amerika (Kanada bis Argentinien) und viele Flugreisen (Vater war bei Swissair).. später Bauernhof umgebaut und dann Campen.. und jetzt meist eher mit Auto und Tagestouren.

Früher haben wir uns ganz klar im Frühjahr eingelaufen um im Sommer fit zu sein..
Heutzutage bin ich eine alte Frau, die ihre Grenzen leider nur zu gut kennt.. also keine schweren Rucksäcke mehr (4 Bandscheibenvorfälle wegen Beruf) und dafür jetzt ohne Stundenrast mehrere Stunden durchlaufen kann, was früher dafür nicht ging.
Im Moment laufen wir den Steinen nach.. und haben Tschechien bereist:
http://forum.outdoorseiten.net/showthread.php?t=25869

edit: ich kann nicht so schön schreiben wie du.. zwar gehen mir die schönsten Sätze im Kopf rum im Moment, aber dann zuhause wirds immer sehr zügig... ich würde wohl besser ein Dictaphon mitnehmen.. hast du jeden Abend aufgeschrieben?

Issoleie
25.08.2008, 19:50
23.7.

Das nun ist es. Lange habe ich gebraucht, hatte es fast erreich und wurde immer wieder zurückgeworfen. Vieles war da, was von außen auf mich eindrang, vieles, was aus mir heraus beklemmend wirkte. Habe ich nicht wahrlich gerungen, dann wieder alles auf mich zukommen lassen. Jetzt ist es einfach da. Zuvor gab es schon Momente des vollen Genusses, die haben den Ausblick und zeigten das Ziel. Das Bauwerk ist vollendet, es ist dem Bilde gleich, der Waage. Ich befinde mich in der Mitte und es bereitet wenig Mühe, zwischen den beiden Enden zu stehen, die vormals mich schwanken machten. Ich bin also vollends angekommen. Doch wo? Nicht am Schlusspunkt, es geht immer weiter. Damit kann ich jetzt produktiv walten, da will noch mehr ich finden, wo ich doch beide Seiten so recht gut beisammen. Mir soll es aber auch heilsam sein und erfrischend erneuern.

Der Himmel zeigt sich wie die Tage zuvor. Hatte ich noch damit geliebäugelt, einen Ruhetag extra hier zu haben auf der schönen Wiese, einmal alles recht ordentlich zu waschen und pflegen und mich auch lang auszustrecken und von der Sonne bescheinen zu lassen, ist das jetzt alles schnell vergessen. Weiter geht es. Vielleicht ist es auch ganz richtig so. Zwar spüre ich noch immer die Beine und weiß auch, ich kann nicht ewig so wandern, doch bin ich gerade ebenso im richtigen Rhythmus; das ist das Wandern selbst und auch der Tage Verlauf.

Erneut kenne ich den Ort, der heute erreicht werden soll. Zwar hab ich dort noch nicht übernachtet, doch vorbei bin ich schon gegangen. Das trofft jetzt wohl auf alle Hütten im Nationalpark zu und auch die Wege sind mir vertraut. Dieser, den jetzt ich beschreite, ist allerdings mir neu, es ist einer der wenigen und darum will ich ihn erkunden. Nun, also auf, durch üppiges Grün geht es noch oben, dem Tal folgend schreite ich dahin. Das ist mir auch recht angenehm, es lässt sich hier gut wandern. Zwar ist die andere Richtung schöner, da sieht man mehr noch, doch soll es auch so mir gefallen, scheint doch zudem sogar manchmal die Sonne in das Gesicht.

Der Aufstieg ist angenehm, ich komme gut voran. Nur ein Signal für das Mobiltelefon, das soll ich einfach nicht haben, brauche ich es doch dringend, da wichtige Nachricht ich erwarte. Da hole ich es noch so oft hervor, es will sich nicht finden und als dann einmal ein Ton zu hören aus der Tasche, hole geschwind ich´s hervor. Ja, das war zu schnell, denn schon liegt es immer Wasser und will nun gar nichts mehr sagen. Wahrlich, sehr viel vorsichtiger muss ich werden, hab am Morgen ich doch schon die Flasche an den strömenden Fluss verloren. War es da mir noch weiter zum Lachen zumute und hab ich Durst nicht gelitten; wenngleich auch die ich nicht gerne misse, ist jetzt mir doch sehr viel verzagter das Gemüt. Das soll mein Tag heut nicht sein, manches Mal will mir einfach nicht viel gelingen, das zieht sich dann so weiter. Gut ist´s, dass innerlich ich gerade sehr heiter und ausgeglichen. Zwar hab ich wirklich kein gutes Gefühl bei der ganzen Geschichte, doch werde ich nicht verzagen und fallen. Noch nicht.

Weiter also über die Felsen, von Stein zu Stein, aufwärts gehr es in angenehmer Weise. Entfernt siehr man schon die Hütten dicht an den Hang geschmiegt, den steilen, da geht es noch hin. Früher Nachmittag ist es, als ich sie erreiche und nach einer Suche um Geröll finde ich auch den geeigneten Ort für das Lager auf der anderen Seite des Flusses, abseits der Menschen. Es ist draußen aber ungemütlicher, als ich erwarte und so bleibe ich vorerst im Zelt, es fallen mir heute gar die Augen zu.

Der Abend ist frisch erst hereingebrochen, da lockt mich noch einmal die Sonne hinaus. Wenngleich sie auch nicht dauerhaft scheint und wärmend ihr Licht schickt, bleibe ich auf den Steinen sitzen und blicke lange in die Ferne. Wer will wissen, was da alles noch kommen mag, liegt so vieles doch auch schon zurück. Wo andere ihre Reise schon beendet, wenn überhaupt sie so lange gedauert, habe ich noch einmal und mehr der Tage. Vom letzten Jahr ist es schon bekannt, wie es ist, wenn lange Zeit man in der Natur lebt. Zwar ist recht vieles diesmal ganz anders, doch wird mir nicht komisch bei dem Gedanken und weiß ich, welch gutes Gefühl, welch anderes Sein es wird, wenn die Zeit vergeht, wenn viele Morgen man aufwacht und in den Himmel schaut und viele Abende zu Nächten werden, an denen man daran denkt, was nicht alles geschehen und gesehen.

> Storebrui – Olavsbu
16km; 735m hoch; 125m runter

Impressionen des Tages:

http://lh4.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLLua-fKXxI/AAAAAAAACpk/91qdtzFqrqo/s640/_DSC1481.JPG
Store Raudalseggje


http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLLugrnYkZI/AAAAAAAACps/WoueFYadScs/s640/_DSC1483.JPGLager bei Olavsbu


http://lh6.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLLujGJLVfI/AAAAAAAACp0/EzPmyBOwH1s/s640/_DSC1491.JPG
Store Raudalseggje im Abendlicht



24.5.

Wie es so ganz ruhig in einem wird, ist man an einem Punkt, wo ich nun bin. Nicht leer ist´s, nur vollkommen ruhig. Wirklich, würde nicht noch etwas passieren, was mich da wieder herausholt, ich könnte meine Aufzeichnungen jetzt in endloser Schleife stehen lassen. Die Gedanken gehen weiter, auch die Wanderung dauert fort und doch bleibt alles sehr gleich, gleich schön, in Waage. Schwerlich ist es die Routine oder Mangel an Eindrücken, welche die Wogen der Seele glätten. Ich kann nicht bestimmen, woher das kommt, es ist nur tief in mir. Dann aber weiß ich auch wieder nicht, wie mir das gefallen soll, ob ich es nicht gar brauche, in ständiger Bewegung zu sein. Ja, es ist mir etwas Fremdes, nicht Höhen und Tiefen in buntem Wechsel zu haben. Auch das wird sicher wieder kommen, da brauche ich wohl nicht lange zu warten und also ist zu genießen nun dieses Gefühl.

Länger als gewöhnlich liege ich im Schlaf. Sobald die Augen aber offen, greifen die Hände zum Mobiltelefon. Das war über Nacht in einer Tüte voll Reis vergraben. Wie unheimlich nützlich es doch ist, vom Wissen anderer selbst zu profitieren, hier etwas zu erfahren, dort etwas anderes. Ja wirklich, da wird sich noch jemand freuen, der dies hier liest und sich bei Gelegenheit noch daran erinnern. Geradezu selbst sollte man versuchen, sich für einige Stunden in Reis zu legen, wer weiß, was Gutes dabei geschieht. Nun, was es auch sein mag, das Gerät jedenfalls ist wieder voll in Funktion, das erleichtert mich doch deutlich.

Also es wartet der Weg und ich gehe voran mit schnellem Schritt. Eben sind die Pfade, spärlich von Geröll durchzogen, breit, da häufig genutzt. Wolkenlos zeigt sich der Himmel, von dem die Sonne heiß auf mich scheint. Ich gehe und gehe, da gibt es keine Rast, so leicht fällt es mir heute. Zwei Mal aber halte ich wieder, da gibt es nette Leute zum längeren Plaudern. Viel los ist hier jetzt aber ohnehin, komme ich doch mit jedem Schritt den beliebten Hütten näher. War mir zuvor Gesellschaft immer noch angenehm, hat sich das in den vergangenen Tagen doch gewandelt. Liegt es am inneren Befinden oder der Vielzahl an Menschen, die hier gerade unterwegs sind, jedenfalls ist es mir alleine recht lieb. Angenehm bleibt es zwar, mit manchen in Kontakt zu kommen, in Maßen aber soll es mir genügen. Alles darüber ist nicht, schöne Gesellschaft zu pflegen denn vielmehr nebeneinander sein und das sich gegenseitig nehmen, was viele hier wohl suchen.

Sei es, wie es nun ist, ich gehe noch weiter als bis zu den Hütten, die schon am frühen Nachmittag erreicht. Schon über den Tag habe ich mich auf den Platz für das Zelt gefreut. Der ist zwar belegt, doch eine Uferzunge weiter schlage ich mein Lager am so vertrauten hellblauen See auf, der sich lang zwischen den steilen Bergen zieht. Da liege ich nun in der vollen Hitze unbekleidet dahin, auch so vergeht ein Tag, vergeht angenehm. Die Wäsche hängt frisch auf der Leine und ich stelle mich für morgen auf einen Tag der Rast ein, ist wieder auch solches Wetter ja erwartet.

Allein, ganz und gar wohl soll mir nicht werden, habe ich doch nun seit zehn Tagen keine Nachricht von der Liebsten, da ist etwas mir ganz ungeheuerlich. Ja, es treibt mir immer wieder durch die Gedanken, überall gar durch und durch, das will mich noch verzehren. Keine Möglichkeit gibt es, etwas zu erfahren, ach, wie hilflos man sich doch fühlen kann und beschränkt im Unternehmensdrang, soweit hier draußen. Wie sehr muss man sich da zu guten Gedanken mahnen, wie schwer fällt das auch manchmal.

> Olavsbu – Gjendebu
16km; 100m hoch; 515m runter

Impressionen des Tages:

http://lh6.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLLunWCi_lI/AAAAAAAACp8/2HVQITlHhY4/s640/_DSC1494.JPG
Grisletjonnen


http://lh4.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLLuq7nyReI/AAAAAAAACqE/OAbIygfkcKk/s640/_DSC1496.JPG
Gjende von Vesledalen aus



25.7.

Einfach ausruhen. Ja, hat man genug geschafft, soll es verkehrt nicht sein, sich lang auszustrecken und auch einmal anständig zu gähnen. Da treibt die Seele so vor sich hin, da entspannt der Körper. Gut tut es beiden. Wer will nun zimperlich sein, recht verschwenderisch kann man damit walten, so viel eben, wie es einem bekommt, wird jeder doch nach anderem Maßstab bestimmen, wann es die richtige Menge.

Ich will in der Natur sein, schauen, wie es mit mir ist. Dafür ist es hier richtig und so soll es mir auch damit genug sein. Man denkt ja auch sitzend noch immer am besten, also setze ich mich. Heiß brennt auch heute wieder die Sonne hinab, es ist der rechte Tag für eine Pause. Da soll gar nicht viel getan werden, das muss nicht sein. Nur die letzte Wäsche wird noch aufgehangen, hier und dort ein wenig gemacht und damit ist es schon gut. Es sind auch die restlichen Tage im Kopf überflogen, da bin ich doch froh, so viele noch zu haben, die reichen gerade für alle die Sachen, die ich noch sehen will; entspannt geht es trotzdem aber weiter und wer weiß schon, was ich nicht alles wieder ändern werde von all den Plänen, ging es bisher doch recht bunt zu.

In der Sonne kann ich nicht lange liegen, auch hab ich Angst um die Haut, bin ich doch mit schlechten Erfahrungen auf der Reise beladen und wohl auch mit zu schwacher Schutzcreme unterwegs. Wirklich, das sind Zustände hier, da fühle ich mich wie am Strande. Zwar plätschert der See mehr, als dass man die Wellen rauschen hörte und das Gras ist auch ein wenig feucht, sonst aber fehlt nicht viel. Jedenfalls suche ich mir andere Orte, wo ich mich aufhalten kann, gehe auch kurz zu den Hütten.

Hat es mir doch so lange die Gedanken immer ein wenig beschwert, nun endlich die Erleichterung durch Nachricht von der durch viele Länder entfernten Liebe. Da fällt vieles noch von mir ab, es ist nichts geschehen, was mit Kummer bereiten muss. So sehr lacht mein Gemüt wieder, alles ist mir so leicht. Was wird da wohl wieder als nächstes kommen, worum ich mich sorgen muss, gab es bisher doch fortwährend etwas. Fast warte ich ja darauf, werde wohl aber kaum enttäuscht sein, es nicht zu finden. Nun, lasse ich also die Seele los, sie wird sich schon einen Ort suchen.

Es ist alles bereitet, früh will ich, muss ich morgen losziehen. Der Tag hat mir doch recht gut getan, auch wenn es ja ohnehin ausgezeichnet um mich bestellt ist. Wirklich, so froh bin ich von ganzem Herzen, diese Reise begonnen zu haben. Ich bin gespannt, wohin sie mich noch führt.

Impressionen des Tages:

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Haushalt am Gjende


http://lh6.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLVrPo2mOAI/AAAAAAAACxo/QNKZG_BrmSw/s640/_DSC1508.JPG
Ruhe am Gjende


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Hoch weht die Fahne für viele Norweger an diesem Tag - die Hütte hat 117 Betten und 217 Gäste über Nacht


http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLLuzut8SGI/AAAAAAAACqc/i7LZ0Y003Fg/s640/_DSC1514.JPG
Ein angenehmer Tag naht sich angenehm Ende

Issoleie
26.08.2008, 00:30
Ja, ich habe jeden Abend schon während der Reise alles aufgeschrieben. Das gehört bei mir auch zu einem Wandertag dazu, ist ein ganz eigener Teil davon, evtl. werde ich aber auch einmal versuchen, es anders zu machen. Deine Frage hätte jedenfalls zu keinem andern Zeitpunkt besser gepasst als hier – siehe 26.7. Meine erste Testtour 2006 über den Rennsteig, hier auch zu lesen, habe ich nur mit Notizen durchgeführt. Danach habe ich doch recht lange gebraucht, überhaupt mit dem Bericht anzufangen. So geht das jetzt flott, wenn man wieder in der Stadt ist, wo es ja immer was zu tun gibt, dies und das; in der Natur hat man Zeit, oder besser: gibt es keine Nöte mit und in der Zeit. Was aber dabei herauskommt, schreibt man so während der Reise, ist ja auch ganz und gar anders, als schriebe man es später, es wären zwei unterschiedliche Berichte. Mein Stil zum Beispiel ist dieses Mal ja auch nicht im Ganzen bleibend, nach Homer gab es nur noch metrisch gebundene Worte, ganz leicht habe ich die hier aber zensiert. Solche Dinge machen es aber auch unmittelbarer, was nicht für jede Art Bericht gut ist, zu diesem aber sicher passt.





26.7.

Geneigter Leser, ich lasse die klugen Worte, denn wer so weit schon gekommen, der ist wohl schon ganz voll damit und kann es nicht mehr anhören dieses Gedankengewälze. Da ließe sich vieles sicher noch finden, doch auch ich bin es einmal müde. Ich komme doch wirklich auf die fixe Idee, ganz mit den Worten zu enden und zu schauen, was dann geschähe. Und doch ist es nicht auszudenken, was damit alles wegfiele und ich ängstige mich ja geradezu davor. Was hörte da nicht alles auf. Das geht bis in die tiefsten Verhältnisse von Sprache und Denken, gegenseitige Verbündete sind´s ja. Wirklich, es muss, muss weitergehen, da kann nun jeder denken, was er möchte. Ich bringe es also nicht über mich, hier nun aufzuhören. Wer aber gerne versuchen möchte, wie das nun wäre, der soll doch bitteschön die Lektüre nun beiseite legen und nicht mehr anrühren. Doch wär es das Gleiche? Lange, Leser, bist auch du nun mit mir unterwegs und durch so manches gezogen. Das ist eine Leistung. Wer dabei auch einen Blick zurück zu sich selbst gewagt hat, der hat schon Gutes erhalten und so mag nun jeder seine Beweggründe haben, du, geschätzter Leser, und ich: Es kann noch ein Weilchen fortdauern.

Weiter geht es mich manchem, wieder zeigt sich von blauer Klarheit der Himmel, als ich zum frühen Morgen aus dem Zelt steige. Ja, ungewohnt früh ist es und doch aus reinem Luxus. Habe ich es zwei Jahre zuvor noch verschmäht, nutze ich heute die Möglichkeit und schicke meinen Rucksack alleine per Schiff zur nächsten Hütte, denn steil wird heute der Weg und ich nehme ein wenig der Mühe von mir. Da fliegt bald der Schritt, auch wenn am Anfang ich mich noch nicht so frisch fühle. So ist das nach Zeiten der Ruhe, da muss man erst wieder anständig in Bewegung kommen.

Habe ich erwartet, auf gar Mengen von Wanderer zu stoßen, die ich zuvor noch beim Weg zurück zu den Hütten am Morgen gesehen, überhole ich zwei nur, dann bin ich ganz allein in der Höhe. Wie schön das doch ist und so friedlich. Ich kenne die Pfade, durch beeindruckende Berglandschaft führen sie, unter einem liegt hellblau und klar der See, der lange. Hier will es mir so recht gefallen und frohen Mutes geht es voran.

Da kommen mir schon die ersten entgegen, noch ist es später Vormittag. Ach, bin ich weit also gekommen, sehe auch den letzten Gipfel, bevor es hinunter wieder geht. Bald bin ich gar dort bei den Häusern, die den See in zwei gleiche Längen teilen und da ist auch mein Rucksack. Den setze ich auch gerne noch einmal auf, schon geht es weiter ohne Pause. Ja, es treibt mich heute wieder vorwärts. Weiter geht es auf vertrauten Pfaden, die mir lieb sind. Der Platz für das Lager schwebt mir schon vor, dem sehe ich mit Freude entgegen.

Wahrlich, da bin ich, ein ordentliches Stück auch gelaufen, doch ist es gerade erst früher Nachmittag. So viele Menschen sind hier, den schönen Ort kennen wohl auch andere und er ist ja auch nicht zu weit von dem Einstieg in den Nationalpark gelegen. Nun, was macht es, auch ich lege mich in die Sonne, etwas abseits, wie ich es hier mag. Da lasse ich es mir wieder gut gehen und die anderen ziehen auch fort zurück zu den Häusern und Autos, als ich noch so viel der Zeit habe.

Ruhig vergeht sie, zieht leise ihren Weg. Mir geht es weiter wunderbar mit lachendem Herzen, einer weiten Seele und Frieden durch und durch. Gerne nehme ich die Feder zur Hand, da gibt es so vieles, so vieles, was den Weg zu diesem Bericht nicht findet, den du, Leser, noch weiter verfolgst, wie es scheint, so wie ich ihn weiter niederschreibe, wie es scheint. Anderes ist es auch Wert, dafür Worte zu finden, das aber soll an dieser Stelle nicht zu finden sein, woanders steht es auf geduldigem Papier. Ja, so von ganz innen bin ich froh, dass diese Worte wieder gefunden. Das schon alleine ist genug erreicht für die Reise und doch gibt es Wunderschönes mehr noch, was ich hier finde und in mir behalte. Bald möchte ich zerspringen, so voll ist´s mir.

> Gjendebu – Hamnsanden vor Gjendebu via. Memurubu
18km; 990m hoch; 990m runter

Impressionen des Tages:

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Memurutunga, im Hintergrund der Gjende (wie folgende)


http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLMtWDpNF9I/AAAAAAAACrY/D67CGFXiHbc/s640/_DSC1531.JPG
...Blick hinunter zum Gjende


http://lh4.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLMtZ0L5ILI/AAAAAAAACrg/5NuVhZxFU8U/s640/_DSC1532.JPG
...Sjugurdtinden im Vordergrund


http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLMtdudrCxI/AAAAAAAACro/BILY5WC-CGA/s640/_DSC1544.JPG
Memurubu


http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLMtkzLqpZI/AAAAAAAACr4/XuTXV0iFXvw/s640/_DSC1550.JPG
Gewohnter Blick dieses Tages am Hamnsanden: Liegen


http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLMtnqEHVBI/AAAAAAAACsA/z9l_eKk3KS0/s640/_DSC1551.JPG
Noch ein gewohnter Blick: Das Boot fährt ständig...



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In der Pfütze gehen alle baden, unverständlich, wenn man fast ein Meer daneben hat


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Still ist es hier am Abend



27.7.

Wahrhaft so aufgeregt wie eine alte Frau, die zum Kaffee Gäste erwartet, bin ich, bekomme doch auch ich bald Besuch. Da werde ich wieder in Kontakt mit mir vertrauten Menschen kommen. Schon am heutigen Abend ist es soweit, wenig früher sogar als geplant. Da freue ich mich drauf, doch unterbricht es auch den Rhythmus, verändert ganz enorm das Leben, das ich hier gerade habe. Und es bringt mich auch in Gedanken dem Zurückgelassenen sehr viel näher, ich wundere mich über das, was ich zu Hause nenne und was es daran auch ist, das diese leise Sehnsucht in mir hervorruft. Ja, bin ich hier draußen in der Natur, gibt es wohl manches, was dann so schön erscheint und das man auch vermisst. Ist man dann wieder dort, wünscht man sich doch auch so oft zurück hierher und sehnt sich nach dem einfachen Leben. Schwerlich kann man immer beides haben, das bleibt verwehrt und es mag auch gut so sein, dass beides für sich bleibt und sich gegenseitig dadurch so besonders macht, überhaupt vielleicht erst schafft im inneren Drängen der Brust.

Jedenfalls sitze ich heute viel und lasse die Gedanken kreisen, während weiter die Sonne heiß brennt und sich die Familien am Kieselstrand niederlegen. Dort sitze ich mitten drin und sehne mich selbst auch so nach der Liebsten, ist heute doch auch ein besonderer Tag. Es vergeht die Zeit ja immer und sie zeitigt so vieles. So vieles, was da immer geschieht und eins nach dem andern immer kommen lässt.

Recht eigentlich warte ich heute nur ab, bis die bekannten Gesichter erscheinen. Es gehen die Menschen um mich herum schon wieder fort von hier, nur ich bleibe sitzen. Am Abend, dem späten, erwarte ich erst die beiden, doch da ist der Tag noch nicht zu neige gegangen, als sie hinter den Büschen hervorkommen. Ja, das ist was. Ganz ungewohnt und seltsam fühlt es sich an, auch wenn die Worte leichter hervorkommen, als ich gedacht. Dies und Das gibt es da, es fliegt die Zeit nun dahin. Heute wird ein Feuer entzündet, das hatte ich mir bisher erspart, denn ein Feuer ist etwas Geselliges, da hätte zu einsam ich mich doch dann gefühlt. Jetzt aber passt es vortrefflich und flackert bis in die Nacht.

Nun, es ist schon eigenartig, wie anders mir doch ist, bin ich nun nicht mehr alleine. Die Ruhe gibt es nicht mehr, wenngleich sie auch in mir noch nicht gänzlich verschwunden. Ich weiß noch nicht, was sie bringen werden, die nächsten Tage gemeinsam unterwegs. Gespannt war ich darauf, das hat sich nun gelegt, die Aufregung ist verflogen, die alte Frau bin ich nicht mehr. Noch weiß ich nicht, wer ich bin zu anderen, war ich lange doch nur jemand für mich.

Impressionen des Tages:

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Warten


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Der Abend mit den beiden ist lebendig. Copyright Schwesterchen, analog.



28.7.

Wie ganz notwendig es doch wird, ist man nicht nur für sich, auf andere sich einlassen und einstellen zu können. Welche Kunst, die nicht wenige wohl auch gut beherrschen mögen, dabei die eigenen Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen und in Einklang mit denen der Mitmenschen zu bringen, sodass jeder sich selbst leben kann und nicht von einem Gefühl der Reduktion und Zensur eingeengt ist. Wie sehr trifft man auf diese Prüfung im kleinen Alltäglichen und kann sie bis in globales Denken gar ausweiten oder mehr noch in metaphysische Höhen verlagernd treiben. Was ist das doch auch für eine Umstellung, war man zuvor Ich-bezogenes Sein gewöhnt und muss nun ungleich Schwierigeres lösen. Wie viel mehr Anstrengung und Willen verlangt es doch auch, betrifft dieser Umbruch nicht nur einen zeitlich kleinen Abschnitt, den man zuvor genommen, sondern müssen da gar eingeschliffene Muster, dazu auf einer ganz anderen Ebene, niedergerissen werden.

Ich habe es hier noch vergleichsweise leicht und doch muss ich viel balancieren und die zuvor gesammelte Ruhe in den Umgang mit der neuen Situation stecken. Es ist aber auch eine lohnenswerte Erfahrung und ich mache sie gern. Das beginnt am Morgen, da ist der Rhythmus schon anders. Das Wetter bleibt freundlich und heiß. Wenn es auch so mehr fordert, freut es mich doch reichlich für die beiden temporären Wandergenossen. Bevor es losgehen kann, müssen wir aber noch zum Auto, das dauert zwar eine Weile, doch die erhaltenen Dinge lohnen der Mühe.

Schon Mittag ist es bald, da gehen wir noch auf die Berge gemächlichen Schrittes, der ist mir so doch recht fremd. Die Strecke ist keine lange, bald schon sind wir am See, dem ruhigen, der nur durch wenig Fels am Sturz in die Tiefe gehindert wird. Da also schlagen wir das Lager auf, sitzen eine Weile gemütlich. Dabei soll es aber nicht bleiben, leicht bepackt nun geht es weiter zu den Hängen am anderen Ufer, die pfadlos zu erreichen. Viel des Weges schaffen wir zwar nicht, doch ist das weiter nicht schlimm, hier gibt es ja so viele wunderschöne Orte und weit geht überall der Blick.

Zurück schlagen wir eine Runde, doch als wir da sind, sind auch andere am See, allein ist man hier wahrlich nicht, das ist doch manchmal recht schade, speziell, wenn man schon zu mehrt unterwegs, ist das selten willkommen. Doch lassen wir es uns trotzdem ganz ordentlich gut gehen, da gibt es auch reichlich und mehr noch zum essen. Langsam also zieht der Abend dahin, angenehm, doch nicht so ruhig, wie von vordem ich es gewohnt. So also gibt es immer etwas Neues, da wechselt vieles ständig und wohl bekommt mir auch die Unterbrechung noch gut, das mag ich später vielleicht noch alles begreifen.

> Hamnsanden – Bessvatnet
6km; 375m hoch; 20m runter

Impressionen des Tages:

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Bald ist der Gjende nur noch von oben zu sehen...


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...und ist von dort immer wieder schön


http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLMuOKIVXqI/AAAAAAAACtY/GubAS7Kd4FU/s640/_DSC1611.JPG
Am Bessvatnet schlagen wir das Lager auf, im Hintergrund die Besshoe als Blickfang


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Leicht bepackt auf die Hänge


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Schön ist jeder kleine Ort für sich


http://lh4.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLMupeSXr4I/AAAAAAAACuU/AElISxE6Ne0/s640/_DSC1635.JPG
Bessfjellet


http://lh4.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLMu0rImP0I/AAAAAAAACus/xN_sHJD8G4E/s640/_DSC1651.JPG
Der Bessvatnet, der ruhige


http://lh4.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLMu6D0AFRI/AAAAAAAACu8/adwjQ1a0_Kw/s640/_DSC1662.JPG
Schwesterchen...


http://lh6.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLMvB9WnhrI/AAAAAAAACvU/Q4X-_-lEHFg/s640/_DSC1673.JPG
...mit Hannes


http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLMvIGGFJlI/AAAAAAAACvk/DsDvVZwBXPA/s640/_DSC1679.JPG
...und Brüderchen. Ein geselliger Abend vergeht

casper
26.08.2008, 12:43
Klasse Reisebericht, sehr schöne Bilder und auf eine ganz eigene Art geschrieben!
Da merkt man den Pöten :bg:
http://smiliestation.de/smileys/Schilder/36.gif (http://smiliestation.de/)5sterne

Corton
26.08.2008, 17:06
Wow, tolle Bilder! :cool: Und auch ein sehr schickes Zelt! Ich nehm an, Ihr wart mit dem Kaitum zufrieden. (?) Ist das die 2er Version?

zahl
26.08.2008, 19:53
@flaubosch
selten so einen faszinierenden bericht über eine tour gelesen. du hast mich berührt. gruß, zahl.


@corton
nicht nur bilder anschauen. lesen. dann wüsstest du auch, dass die reißverschlüsse an beiden eingängen kaputt gingen. ;-)

Issoleie
27.08.2008, 18:11
Danke für die netten Kommentare.
Corton, dein unermüdliches Interesse am Kaitum habe ich ja im andern Thread vielleicht etwas stillen können, oder weiter schüren;-)
So, ein bisschen gibt es noch vom Bericht.



29.7.

Akzeptieren, wenn die Dinge nicht wie gedacht ablaufen und nicht fest an einer Vorstellung halten, kostet einiges an Überwindung der eigenen Eitelkeit, in der man sich sehr an das Ideal selbst entworfener Vorstellungen verlieren kann. Das wird nur zur Schwierigkeit, sobald etwas unangenehmer als erwartet wird, sobald das Reale dem Idealen hinterherhinkt und nicht es überflügelt. Ein gelassener Umgang mit der Situation und sich ist da gefragt, da helfen keine Beschwerden und kein Selbstmitleid. Der Gründe kann man da noch so viele suchen, das wird ja nichts ändern. Das Tatsächliche, was einem also gegeben, wird nur wieder schöner, wenn man es als neue Vorstellung übernimmt und dem vorigen Wunsche nicht nachtrauert. Da lässt man sich also darauf ein, hat alles doch seine eigene glänzende Seite.

Nein wirklich, so wenig geheuer ist mir jenes, dass ich es immer wieder erwähnen muss, wenngleich ich solche Zeiten in der Region ja auch kenne. Doch auch heute ist der Himmel wolkenlos, alle sind sie wieder verschwunden, die gestern Abend noch zahlreich über die Landschaft zogen. Darauf hatte ich für die gemeinsamen Tage auch so gehofft und also ist es am besten. Früh werde ich da immer wach, doch tue ich hier und dort noch allerlei, da die beiden noch im Zelte. Ja, der Rhythmus ist schon ein anderer zusammen.

Also geht es dann los, hinauf zu dem Pfad, dem schmalen, der die Seen teilt, viel begangen ist er und berühmt. Wir kommen schräg darauf zu, schon sieht man zahlreich die anderen Wanderer. Ein gutes Stück sind wir schon gegangen, schneller war auch das Tempo, als ich es erwartet, da lohnt schon der Aufstieg: Unter uns zieht sich in hellem Blau der See, der lange, durch die Berglandschaft, steil fallen die Hänge zu ihm hinab. Da ist die lange Pause schön und dann geht es wieder gemächlicher weiter. Für mich aber nicht ewig, denn also schon weiter wir fort sind, wird erst der Verlust des Messers bemerkt und ich also im Laufschritt zurück, die anderen gehen weiter. Es ist zwar nicht meines, doch habe ich Lust, ein wenig mehr Anstrengung zu haben und finde auch rechten Gefallen daran, so über die Hänge zu rennen, vorbei an all den Menschen. So dauert es kürzer auch, da bin ich wieder zurück und gemeinsam geht es nun weiter, das Messer ist ebenfalls mit dabei.

Wirklich, es ist verständlich, dass so viele den Pfad hier gehen, die Aussicht ist doch herrlich, sind wir ja auch in der schöneren Richtung unterwegs. Besonders freut es mich auch für meine beiden Gefährten; auch ich genieße zwar sehr solche Momente, habe die aber oft und kenne das Gefühl, für die aber ist es jetzt noch ganz einmalig. Das lassen wir uns auch von den etlichen Leuten nicht verargen, weiter geht es, nun steil hinab erst, und immer neu und reich sind die Perspektiven auf die ungewöhnliche Stelle. Ja, es lohnt der Mühe hier, auch wenn meine Schwester zu kämpfen hat, je länger der Tag wird, zum Schluss geht es doch nur mühsam und schleppend voran.

Doch irgendwann ist jedes Ziel erreich, da weiß man, was geschafft wurde und in Erinnerung bleibt dann das Wunderbare. Nach einem Bad fühlt man sich auch gleich anders und so kann ruhig und nett der Abend die Runde machen, da wird sich noch angenehm unterhalten. Es ist der letzte Abend zu dritt, morgen schlage ich wieder allein mein Zelt auf. Früher als die Tage zuvor gehen wir zu Bett, ich liege noch lange, schreibe und lasse die Gedanken ziehen.

> Bessvatnet – Memurubu
12km; 785m hoch; 1150m runter

Impressionen des Tages:

http://lh4.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLXxKnPIDdI/AAAAAAAAC54/IdlD2fq3Q-E/s640/_DSC1697.JPG
Besseggen,...


http://lh4.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLV32GcmMwI/AAAAAAAAC1w/WEOQxRk4SB8/s640/_DSC1720.JPG
Eine Richtung ist steiler, dafür wohl aber auch schöner



http://lh4.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLV32GcmMwI/AAAAAAAAC1w/WEOQxRk4SB8/s640/_DSC1720.JPG
Allein ist man da sich selten,...


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...es sei denn, man sucht sich kleine abgelegene Orte


http://lh3.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLV36UP8yBI/AAAAAAAAC2A/LHH2-QZtjg0/s640/_DSC1732.JPG
Alles einmal anders sehen



30.7.

Abschied ist so vieles. Da geht etwas von einem, oder man selbst zieht fort. Abschied ist immer auch mit einem ganz melancholischen Gefühl verbunden, das kann bis zur Trauer werden. Etwas ist dann nicht mehr und vielleicht wird man es vermissen, jedenfalls ist der Moment des Abschieds ein Verlust. Man nennte es nicht ebenso, Abschied, wäre es nicht der Verlust von etwas Schönem, Lieben. Zwar ist das schon vorher bekannt und man ist vorbereitet, innerlich, auf diesen Moment oder auch die Phase, doch wird es dadurch nicht immer leichter, das geht manchmal nicht. Ruhiger wird es dadurch, gefasster ist man, aber Verlust bleibt es ja. Abschied gibt jedoch gleichfalls auch die Möglichkeit, Neuem zu begegnen, wieder für anderes bereit zu sein. Da gibt es wohl eine Zeit des Übergangs, des Sich-Sammelns, um das Vergangene loslassen zu können. Dann aber kann es frisch weitergehen, sicher auch neuen Abschieden entgegen.

Wir versuchen, den Tag früh zu beginnen, denn ich will heute noch weiter. Der Himmel ist klar und mit entspanntem Schritt folgen wir dem Seeufer, kommen langsam wieder dem Auto näher, das die beiden weiter bringen wird und in dem mein Essennachschub. Vor uns quellen bald die Wolken auf, ziehen sich dunkel zusammen. Blitze durchziehen immer wieder den Himmel und Donner schmettert zwischen den Berghängen, während auf uns weiter die Sonne scheint. Mir aber wird es ganz anders, recht unwohl innerlich. So sehr wurde ich durch den Besuch aus dem bisherigen Verlauf der Reise genommen, da fällt es mir schwer, mir den Neueinstieg vorzustellen. Die vielen Tage liegen noch vor mir, schwer wird der Rucksack wieder sein und das Wetter will meinen Mut auf die Probe stellen. Es schwirrt erneut der Gedanke der Rückkehr durch meinen Kopf, stark zwar, doch bin ich gefestigt, er ist mir bekannt. Ich kann damit umgehen und weiß in mir ganz sicher, was zu tun ist.

Nun, zurück geht es jedenfalls, doch anders heute einmal wieder, auf gleichem Weg und erneut auch im Laufschritt. Schon wieder wurde etwas zurückgelassen, das hat viel Wert, besonders auch ideellen, und wird bestimmt nicht aufgegeben. Die erste Suche bleibt erfolglos, also komme auch ich noch einmal mit und wirklich werden wir fündig, da ist die Freude groß. Allein, viel Zeit ist schon verstrichen, ich wollte schon deutlich weiter sein. Das hilft nicht, es wird nicht mehr anders gehen.

Wir belohnen uns für alles Zurückliegende der letzten zwei Tage mit einem Eis, das schmeckt so und gibt dieses Gefühl, sich etwas Gutes zu tun. Schnell geht es noch bis zum Auto, wo der Rucksack wieder voll wird, groß und schwer. Doch kann ich noch ein gutes Stück auf der Straße mitfahren, eingezwängt, doch sehr froh, machen die beiden doch noch einen Umweg und nehmen mir so viel Mühe ab. Ja, dort stehen wir also, es biegt mein Weg ab zu den Bergen, jeden führt es nun zu andern Dingen, die warten. Also fallen die letzten Worte, das ist schon recht seltsam. Dann gehe ich, wieder allein, winke noch einmal aus der Weite.

Mich drängt es vorwärts und schon wird mir auch das Gemüt wieder leichter. Die schweren Wolken zeigen sich freundlicher, der Weg ist besser zu finden, als ich vermutet. Ich spüre die Kraft in den Beinen, da ist auch der Rucksack nicht so drückend, wie erwartet, auch wenn erneut das halbe Körpergewicht auf mit lastet. Jedoch komme ich gut voran, gehe wieder in meinem Rhythmus, meiner Weise, und das ist wahrhaft befreiend und leichter. Ja, mir wird es wirklich ganz lebendig in der Brust, da wird alle Sorge fortgespült, auch wenn es wieder der Umstellung auf die neue, doch bekannte Situation bedarf; ich weiß nicht, wie lange ich dafür brauchen werde.

Es ist schon die Abendzeit herein gezogen und ich hoffe, bald den Lagerplatz zu erreichen, auch wenn ich unsicher bin, wo der sein soll. Doch findet sich einer, der ist mir lieb und weiter muss es heute nicht gehen. Ich will ankommen, mich sicher fühlen und baue also das Zelt auf. Gerade ist das Essen gekocht, als leichter Regen niederfällt, also setze ich mich hinein. Zwar hört es bald schon auf zu tröpfeln, doch ist es mir innen auch gemütlich. Da gibt es auch so viel noch zu beschauen und sortieren, was Neues ich da nun wieder habe und der Tag wird alt, neigt sich dem Ende. Ich brauche es wieder ein bisschen ruhiger, da muss sich einiges in der Seele setzen. Dafür habe ich ja jetzt wieder Zeit, Zeit für mich, mit mir – viel Zeit.

> Memurubu – Gjendesheim
10km; 290m hoch; 290m runter

> Gjendesheim – Svarthamabue (Leirungsdalen)
6km; 225m hoch; 100m runter

Impressionen des Tages::

http://lh4.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLV39zOr_OI/AAAAAAAAC2I/K3-ykwoAYWY/s640/_DSC1737.JPG
Das Nordufer des Gjende ist reich an blühender Vegetation

31.7.

Wie gut es doch ist, sich so einiges anzueignen. Das kann ganz verschiedenes sein, so lange es nur verinnerlich wird. Das mag auch nur ein Gefühl sein oder ein Moment. Dieses ist dann Teil der Seele, schlummert tief in einem und wird nicht vergessen. Wenn dann die Zeit gekommen, – man muss es gar nicht bemerken – erwacht es wieder und man kann wohl auch staunen, wie bekannt einem das ist und wie leicht es fällt. Schnell fühlt man sich dann, als wäre es nie fort gewesen, als hätte man es die ganze Zeit über gehabt. Sei es auch etwas Belastendes, dann weiß man immerhin bestens, wie damit umgehen. So wird man innerlich reicher und kann ruhiger erwarten, was da kommt. Jedoch, es kann wohl auch die Intensität mindern, da sind die Erlebnisse weniger frisch und packend, es ist ja alles schon gewesen, vertraut nun. Bei mir ist das so weit aber nicht und jedenfalls findet man schneller wieder auf Pfade, die schon einmal betreten, weiß man doch, wie sie aussehen.

Wolkenverhangen ist der Himmel am Morgen, doch stehen sie hoch und sind dünn. Lange überlege ich nicht, sondern packe an, was zuvor geplant. Das Zelt bleibt stehen und ich breche leicht bepackt in der Frühe zu einer Bergtour auf. Es gibt keinen Weg, dem ich folgen könnte, den muss ich mir selber suchen und mache das auch in bester Weise. Es ist wunderbar, frei die Schritte zu wählen, geht es doch durch angenehmes Gelände Die Beine tragen gut und schon steigt vor mir der Gipfel in die Höhe. Den will ich hinauf, das hatte ich mir vorgenommen. Schnell bin ich auch oben, gerade Mittag ist es. Der Aufstieg war leicht und hat sich gelohnt, denn schön sieht man von hier oben besonders den vor zwei Tagen gelaufenen Weg, im Hintergrund weit die schneebedeckten Berge, neben mir auch sich mehrfach teilende Flüsse, die in einem See münden, grün ist das Delta.

Dort oben sitze ich nun und genieße die Ruhe, die habe ich schon wieder in mir gefunden und so froh bin ich darum. Mochte ich auch kurz am Vortag in ein kleines Loch gefallen sein, gestolpert eher nur, schnell habe ich mich wieder aufgerichtet und stehe wieder, wie ich vor der Unterbrechung getan. Darum ist es mir auch sehr lieb, dass ich für einige Tage etwas anderes hatte, nur fürchtete ich ja, das Bisherige zu verlieren. Nun ist es aber noch immer da, hatte nur Pause.

Da der Tag noch so jung und das Wetter aufgeklart ist, beschließe ich, noch weiter zu gehen. Über die Kämme gelangt man zur nächsten Spitze, die höher noch ist. Doch auch die soll nur Zwischenstation sein, es wartet der nächste Gipfel. Zu dem ist steil der Aufstieg, da muss man schon auf den Füßen zu stehen und die Arme zu nutzen wissen. Gut komme ich aber oben an und habe fantastische Aussicht, imposant stürzen die Felswände in die Tiefe. Hier bleibe ich lange und hatte ich zuvor noch erwartet, niemandem zu begegnen, steht auf einmal hinter mir ein Wanderer, mit dem ich mich kurz noch unterhalte, bevor er weiter zieht und ich wieder allein bin. Ich bleibe noch; ja, heute genieße ich wirklich die Stille, noch mehr als sonst vielleicht, wenn ich laufe.

Doch soll es mir für jetzt genug sein, ich brauche nicht noch einen weiteren Gipfel, strebe nach keinen Leistungen und habe doch schon alles gefunden, was ich hier suchte. Entspannt geht es zurück, weiter in selbst bestimmter Richtung. Da machen die Schneefelder sich gut, gibt es nicht nur eine große Rentierherde zu sehen, sondern ist der Abstieg auch leichter. Am Nachmittag erreiche ich das Zelt, als schon dicke Wolken über den Bergen stehen. Eine ganze Weile sitze ich noch draußen, während der Wind stärker wird und Donner zu mir herüber kracht. Regen setzt ein, jedoch kein starker, und über mir bleibt es auch ruhig.

Den Abend über bleibe ich im Zelt, unstabil ist jetzt das Wetter und angenehm verbringe ich die Zeit. Sehr zufrieden bin ich da, wie sich alles bisher entwickelt. Zwar weiß ich nicht, ob ich noch so viel der Ruhe bedarf, wie ich sie noch vor mir liegen habe, doch schaue ich dem Kommenden zuversichtlich entgegen.

> Bukkehamaren 1910m
Kvassryggen 2071m
Hogdebrotet 2226m
13km; 1230m hoch

Impressionen des Tages:

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Der Grat, der (v.r.n.l.) Bukkehamaren, Kvassryggen und Hogdebrotet verbindet

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Auf dem Hogdebrotet; im Hintergrund Besshoe und Besseggen


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Ausläufer des Hogdebrotet


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Bequemer kann ein Abstieg nicht sein


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Stengelloses Baumkraut, immer ein Farbtupfer in felsigen Gegenden


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Beruhigend, bei herannahendem Donner eine verfallene Hütte neben sich stehen zu haben

bergzwerg61
27.08.2008, 19:09
Abschied ist so vieles. Da geht etwas von einem, oder man selbst zieht fort. Abschied ist immer auch mit einem ganz melancholischen Gefühl verbunden, das kann bis zur Trauer werden. Etwas ist dann nicht mehr und vielleicht wird man es vermissen, jedenfalls ist der Moment des Abschieds ein Verlust. Man nennte es nicht ebenso, Abschied, wäre es nicht der Verlust von etwas Schönem, Lieben. Zwar ist das schon vorher bekannt und man ist vorbereitet, innerlich, auf diesen Moment oder auch die Phase, doch wird es dadurch nicht immer leichter, das geht manchmal nicht. Ruhiger wird es dadurch, gefasster ist man, aber Verlust bleibt es ja. Abschied gibt jedoch gleichfalls auch die Möglichkeit, Neuem zu begegnen, wieder für anderes bereit zu sein. Da gibt es wohl eine Zeit des Übergangs, des Sich-Sammelns, um das Vergangene loslassen zu können. Dann aber kann es frisch weitergehen, sicher auch neuen Abschieden entgegen.

Du solltest Schriftsteller werden, Dein Bericht ist wunderbar!

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Issoleie
28.08.2008, 01:48
1.8.

Ein Monat ist um. Einen Monat bin ich nun schon auf Reise und die hat mich weit geführt. Ich habe langsam den Bezug zu dem anderen Leben verloren, dem in der Stadt, unter Menschen und mit lauter Dingen um einen herum. Ich weiß nicht mehr, wie das dort ist, die ganzen Gewohnheiten, auch die vielen schlechte. Ich bin jetzt ganz fern davon und bin darum sehr froh im Herzen. Plötzlich kommt mir die verbleibende Zeit hier nur noch so kurz vor – das hat sich schnell gewandelt –, dann bin ich schon wieder fort. Fort sage ich und bin es ja recht eigentlich gerade. Jetzt habe ich das andere, Besondere. Den Bruch, den ich erhoffte, habe ich, will ihn doch so gerne auch mit hinüber nehmen und das normale Leben, etwas konservieren. Ein Monat Auszeit, da fällt so einiges ab. Das muss ich mir wohl hier als solches bewahren, immer wieder diese Ruhepause haben zu können, die Unterbrechung vom Gewohnten, das wird auch andere Male noch wichtig sein, wird es immer bleiben. Ich weiß wohl, ich brauche die Stadt und das Leben dort, das hat manches zu bieten, das gibt es hier wahrlich nicht. Hier aber soll es mir immer besonders sein, da will ich mich gar nicht richtig dran gewöhnen. Mir ist es vertraut, das ist gut so, ich finde schnell hier her. Ein Monat auf Reise, fast merke ich jetzt erst, wie wichtig das schon war.

Die Nacht habe ich unruhig verbracht, Träume zogen ihre Bahnen, immer wieder lag ich im Halbschlaf. Weiter geht es also heute, zurück zu den Hütten und Menschen. Mehr noch als zuvor spüre ich den Rucksack, denn ich ziehe nicht in großer Aufbruchstimmung los, habe auch einen weiteren Weg vor mir als zuvor, da ich das Tal betreten. Das zeigt bald seine volle Schönheit, ist mir wohl das liebste der ganzen Region. Hier sind nicht viele Wanderer, man ist doch ganz für sich und um einen wirkt es sehr ursprünglich. Die Hänge sind grün und oft ziehen sich sanft die Wiesen am Flussufer entlang. Das Wasser rauscht, fließt dann wieder gemächlich und breit neben den Pfaden. Im Hintergrund ragen die hohen Berge auf, gewaltig, doch freundlich sehen sie aus, fallen die Felswände auch zu beiden Seiten ab. Ja, es bereitet wahre Freude, hier entlang zu gehen.

Am Ende führt der Weg noch einmal hinauf, da wird die Gegend schroffer. Doch bin ich nur hoch, um gleich wieder steil zu viel begangenen Pfaden zu kommen. Der Pfad hinunter ist gefährlicher und der Rucksack drückt. Da habe ich es dann geschafft, ein anderes Tal zeigt sein Gesicht und ich komme wieder gut voran. Hier treffe ich auch andere Wanderer, doch scheint mir die Stimmung oft kühl und abweisend zu sein. Die viel begangenen Strecken, oder die Zeiten, wo mehr Menschen man trifft, das sind doch immer die, wo selten nur ein freundliches Wort gewechselt wird, da meidet man einander.

Ich muss noch einmal hinab, steiler fast noch als zuvor heute schon. Das wird die letzte Anstrengung sein, doch ist sie auch wirklich sehr fordernd, besonders mit dem enormen Gewicht auf dem Rücken. Vorsichtig ist jeder Schritt, aber ich kann den Sturz nicht verhindern, falle jedoch zum Glück nur im Sand und komme, mühsam zwar, wieder auf die Beine. Dann sind bald die bekannten Hütten erreicht. Ich hatte einen anderen Zeltplatz geplant, jedoch ist es mir an vertrauter Stelle dann doch am schönsten.

Genau wie eine Woche zuvor steht das Zelt, das hat hier schon etwas Persönliches. Wie angenehm es auch ist, im See zu schwimmen, dem lang gestreckten, und sich nicht nur im Fluss zu waschen. Noch eine Weile sitze ich draußen, dann ziehen dick die Wolken heran. Wieder grollt der Donner, dann setzt Regen ein, der lange währt. Die Tropfen prasseln auf das Zelt – so angenehm ist das Geräusch – und ich schlummere für einige Minuten ein. Der Abend gehört dann aber wieder den bekannten schönen Dingen, nachdem ich mit schweren Gliedern erwacht. Da wird noch gegessen, geschrieben und länger auch noch gedacht an so allerlei, während es weiter immer wieder angenehm auf das Zelt klackert.

> Svarthamarbue (Leirungsdalen) – Gjendebu
16km; 565m hoch; 785m runter

Impressionen des Tages:

<a href="http://picasaweb.google.com/Marks.Florian/SoloJotunheimenRondaneDovrefjell2008/photo#5239342022578477074"><img src="http://lh6.ggpht.com/Marks.Florian/SLXhz3CRGBI/AAAAAAAAC4Q/l46i--PudiI/s800/_DSC1789.JPG" /></a>
Leirungsdalen, Munken Mugna im Hintergrund


http://lh6.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLXhz3CRGBI/AAAAAAAAC4Q/BcrmJo1eph0/s640/_DSC1789.JPG
Svartdalsbandet mit Blick in das Svartdalen nach Norden


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Gjende: Die Abende werden dunkler; tief hängen die Tage die Wolken



2.8.

Noch bin ich nicht am Ende der Reise; nein, dass bin ich wirklich nicht. Geradezu muss ich aber aufpassen, mich manchmal daran erinnern, dass ich hier nicht bloß der Wanderung wegen bin, auf keiner reinen Tour. Es ist kein schlechtes Zeichen, dass ich diesem Gefühl auch sehr nahe bin. Ich kann loslassen und mich auf den Weg besinnen, das einfache Leben in seiner reinsten Weise hier spüren, dieses besondere Wanderleben. Doch will ich dieses Mal ja mehr, stärker die Auseinandersetzung, die ruhige, mit mir suchen. Das habe ich auch schon wahrlich viel getan, doch ist es noch unabgeschlossen. Da ist noch ein Letztes zu beschließen, kann noch weiter gehen, als bisher schon. Mitunter ist das auch anstrengend, ist kein selbstverständlicher Prozess hier. Es würde vielmehr leichter fallen, alles beiseite zu schieben, natürlich nicht alle Gedanken, doch diese Suche in mir. Ich kann nicht erwarten, in Eile jede Antwort auf die gestellten Fragen zu finden und es mag wohl richtig sein und gut, wie weit ich bisher gekommen. Vollendet soll die Reise auf natürliche Weise werden, so natürlich, wie auch die Suche ist. Nichts ist da, was beschleunigt werden könnte, nicht erzwungen. Schon stand ich ja davor, alles aufzugeben, weil ich mich nicht stark genug fühlte, das Schwere, Ungewisse fürchtete. Jetzt bin ich noch immer hier mit mir und all den Gedanken, beides soll auch bis zum Schluss ganz da sein.

Regentropfen fallen leise auf das Zelt, ich hatte es so erwartet. Nicht unlieb ist mir die Pause, die mir das gibt. Kommt sie nun etwas früher oder später, jetzt auch nehme ich sie gern. Zwar habe ich gar nichts zu tun, doch soll mir auch das nicht schlecht bekommen. Diese verflossenen Tage braucht man doch manchmal ebenso wie die schaffensreichen, die Zeit zeitigt ja ohnehin alles. Der Platz hier isst mir angenehm, da bleibe ich gerne auch länger und etwas findet sich ja immer.

In aller Ruhe lasse ich den Morgen dahin ziehen, es ist nicht der Tag für große Aktivitäten und Pläne. Zu den Hütten geht es einmal dann, dort sitze ich für eine Weile. Ja, recht doll treibt es lange in mir herum, so vieles bewegt da ein Buch in meinem Gemüte. Wirklich, das wird mir so lange, lange noch in Gedanken bleiben, vielleicht mein ganzes Leben. Kaum ein Wort verstehe ich da, bin ja des Norwegischen nicht mächtig, doch spricht es auf ganz andere Weise auch zu mir. Schon bin ich wieder im Zelt, da denke ich daran, das die Tage noch einmal anzuschauen, auch wenn ich das Bewegendste – für mich – nicht weiter ergründen muss denn nur in mir.

Immer wieder kommt es nass vom Himmel und ich bin doch ein wenig betrübt, die letzten Tage so selten noch lange draußen gesessen haben zu können, um den Blick gehen zu lassen und die Gedanken ziehen, oder einfach nur der Natur zuzuhören. Wirklich, ich darf nicht klagen, das Wetter war mir bisher wohl gesinnt, doch hatte ich mich daran schon gewöhnt und es war mir lieb so das so schön zu haben.

Ausgeruht bin ich aber wahrlich. Das Zelt ist groß und bequem, besonders allein, der Schlafsack ist warum und reichlich das Essen. Ja, ich würde gerne Gipfel besteigen, hoffe sehr, das auch in den nächsten Tagen machen zu können, da sollen noch einige kommen. Hier ist nicht die Gegend, weite Strecken zu wandern, da machten mir Wolken und Regen weniger aus, doch bange ich ein wenig um die Aussichten, die ich mir hier erhoffe auf den hohen Punkten. Ich fühle mich gut, das zählt am meisten, der Rest wird sich schon noch zeigen, hat er es bisher doch auch immer.

Impressionen des Tages:

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Ruhetag ist Essenstag: Mmmmmmhh.


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Ein weiterer Abend am Gjende in ruhig trübem Wetter



3.8.

Wie wichtig es doch ist, sich etwas vorzunehmen. Hat man Aufgaben noch vor sich, auf die man sich auch freuen kann, wird der Geist rege, es wartet alles in einem, gespannt, bald etwas anzupacken. Hat man die nicht, fehlt einem der Plan, wohin man noch will, in solche Trägheit kann man da leicht fallen. Nicht zum Fürchten sollte das vor einem Liegende sein, sonst wird man noch vor allem Mut verlassen und getraut sich gar nicht, voranzuschreiten, zu beginnen. Kennt man aber die einzelnen kleinen Punkte, da lässt sich wohl leichter hinter jeden ein Häkchen zu machen und bald sieht man, was schon alles hinter einem liegt.

Wirklich, für hohe Berge ist heute nicht das Wetter, hängen doch tief die Wolken auf den Gipfeln. Zwar ist es trocken, doch alles andere als stabil. So recht will mich die Lust nicht packen, im Zelt ist es jedoch nun langsam ebenso wenig angenehm, ich muss wieder etwas tun. Eine Möglichkeit habe ich mir ja offen gelassen. Die ist zwar weniger spektakulär, reizvoll aber sicher auch und das Richtige für diesen Tag: Der Hausberg soll bestiegen werden, ; nicht hoch, aber trotzdem mit schöner Aussicht und heute als einer der wenigen Gipfel noch unterhalb der Wolkendecke.

Ich lasse mir Zeit, denn für den aufstieg werde ich kaum lange brauchen, eher einen Ausflug mag ich es nennen. Früher Mittag ist es, als ich dann aufbreche. Wie erwartet bin ich auch schnell am Ziel, blicke über den lang gestreckten See, in der anderen Richtung über die weiten Flächen, darauf viele Wasser verteilt sind, in den Tälern strömen die Flüsse. Leichter Nieselregen setzt ein und der Wind frischt auf, doch bleibe ich noch eine Weile oben sitzen. So freundlich ist das Wetter aber nicht, dass ich sehr lange noch unterwegs sein möchte. Ich gehe einen alternativen Abstieg hinunter, wähle mir selbst den Weg, wie es mir am schönsten erscheint. Den verkürze ich aber, kenne ja auch schon den restlichen Teil, der dann wieder auf markierten Pfaden führt.

Am frühen Nachmittag erreiche ich die Hütten, wo ich mich auch eine Weile setze. Wieder dann am Zelt, will ich so recht da nicht hinein und weil es gerade länger trocken ist, setze ich mich ans Wasser, endlich einmal. So einiges geht mir durch den Kopf, eine Idee aber drängt sich immer stärker in den Vordergrund. Noch einmal soll der restliche Weg umgeplant werden, da habe ich etwas vor, das mich vor Herausforderungen stellt, noch mehr verlangt und auch geben kann; so habe ich es gern. Also geht es später noch einmal zu den Hütten, dort liegt ja dieses Buch noch, das ist mir jetzt von Nutzen, gebrauche ich doch jetzt es auch nach seiner Bedeutung und habe ich dabei gerade keine anderen Gedanken. Ja, das sieht nach etwas Gutem aus, was da am Ende herauskommt, ich freue mich darauf. Mag nur auch das Wetter freundlich werden, es sollen doch Gipfel bestiegen werden.

In Ruhe vergeht noch der weitere Abend, während es lange auf das Zelt heruntertropft; man weiß nie, wann es wieder beginnt. Noch bin ich mir unsicher, was der morgige Tag bringen wird, vielleicht geht es weiter.

> Gjendetunga 1516m
9km; 545m hoch


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Gjendetunga


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Gipfel Gjendetunga mit Blick nach Osten


http://lh5.ggpht.com/_j0xxp4ATBd0/SLXiM314DGI/AAAAAAAAC5M/n33itpWEKMU/s640/_DSC1808.JPG
Ausgetretene, viel begangene Wege um Gjendebu



Eine Anmerkung außerhalb des Berichtes will ich noch machen. Dieses Buch, was mir so auf viele Weise bedeutungsvoll wurde, ist von Julia aus dem Forum und ihrem Mann Morten geschrieben. Einige kennen es vielleicht schon, ich nicht, Julia macht ja auch keine eigene Werbung. Deshalb mache ich das hiermit, denn dieses Buch ist es wert, beworben zu werden. Ich kann es tatsächlich jedem ans Herz legen, der besonders Jotunheimen liebt und seine Berge. "Norges Fjelltopper over 2000 Meter", sie alle werden mit Aufstiegsmöglichkeiten beschrieben, wunderschöne Bilder und Wissenswertes darum gibt es natürlich außerdem. Ich kann sagen, dass es der beste Führer für Reisen in die Natur ist, den ich bisher gesehen habe, was noch nicht sehr vieles bedeuten mag, aber ganz und gar ehrlich gemeint ist und sich wohl auch so schnell nicht ändert. Wer Freude daran hat, auf Gipfel zu steigen, das vorwiegend ohne Kletterausrüstung, dem wird dieses Buch mehr als nützlich sein und ein wahrer Schatz werden, da wurde sehr viel geschaffen. Das also am Rande als persönliche Empfehlung und mit bestem Gruß, ich wollte es sagen. Es hätte auch einen eigenen Thread verdient, aber ich habe so im Gefühl, dass es den in naher Zukunft durchaus noch geben kann, ich hab es ja einigen schon während der Reise in die Hände gegeben, Deutsche kennen es wohl kaum.

Issoleie
28.08.2008, 12:18
4.8.

Im Wandel bleibt ja alles stets und doch auch das Gleiche. Es fließt vom Einen ins andere; dort gibt es eine Verzweigung, hier eine Biegung. So reich und von Vielfalt ist das uns Umgebende, was gibt das nicht für Möglichkeiten, gibt aber auch Hindernisse und Veränderungen, auf die zu reagieren ist. Wer will da von einem klaren Weg sprechen, den kann es ja gar nicht geben. Wohl kann man sich an Prinzipien orientieren, die eigene Weise haben, wie im Flusse man schwimmt – das soll auch gut sein –, doch kann man nicht erwarten, einem gemessenen Kurse immer zu folgen. Freude kann man daran finden, oder es wird zur Last, ändern kann man es aber sicher nicht, damit muss man sich arrangieren.

Es geht wieder los, weiter ziehe ich, baue das Lager ab. Den Gipfel, den ich mir vorgenommen hatte, werde ich nicht mehr besteigen, das Wetter verwehrt es. Ich komme erst später von den Hütten fort, bei denen noch eine Pause eingelegt wird, bevor dann die Wanderung richtig beginnt. Das tut mir auch gut, wenngleich auch häufig Regen leicht niederfällt, die Wolken auch schwer auf den Bergen liegen. Der Weg führt ja heute durch das Tal, mich soll das also nicht sehr stören.

Wollte ich eigentlich gemütlicher vor mich hin gehen, langsamen Schritts, komme ich doch bald wieder in Schwung und bin gewohnt flott unterwegs. Auch wenn mir das so recht nicht gefallen will, ist dies also mein Rhythmus, den kann man schwer nur verändern und sollte es vielleicht auch besser nicht versuchen. Wenigstens kommt man so ins Gespräch, werden doch viele überholt. Mit den ersten laufe ich auch ein Stück gemeinsam, es sind ja Landsleute und von denen habe ich bisher noch keine getroffen. Noch einmal sehe ich heute gar welche und wieder fallen angenehme Worte.

In mir ist aber nicht viel Ruhe, kaum gibt es Pausen. Ich muss zu den Hütten, Näheres über die nächsten Tage erfahren, vielleicht einmal mehr die ganze Tour auf den Kopf stellen, die bisherige Planung vollständig verwerfen. Das Wetter macht mir weiter zu schaffen und tatsächlich erfahre ich, angekommen, nichts Gutes. Soweit man vorhersagen kann, wird es nämlich damit nicht besser, da ist die Enttäuschung groß, ganz unwohl ist mir. Noch ein wenig gehe ich dann schließlich weiter, kenne ja in der Umgebung noch den besten Zeltplatz, denn hier werde ich ja ohnehin erst einmal bleiben, wie auch immer alles noch wird. Nicht viel später sitze ich wieder in den Hütten, habe so eine Möglichkeit im Kopf. Denn die beiden Deutschen, die zuletzt ich getroffen, wollen ja mit dem Auto noch zu einem andern Ort, wo es sich gut wandern lässt und auch besser im Regen, da könnte ich vielleicht mit. Hier will ich kaum bleiben, die Täler kenne ich doch und Gipfel sind mir bei diesem Wetter wenig reizvoll. Doch es scheint, ich habe kein Glück, der beiden Weg führt leider vorerst nicht in die von mir erhoffte Richtung. Da bleibe ich nun also hier, es wird sich zeigen, was das mir noch bringt.

Die Tage werde ich schon noch irgendwie nutzen, wohl ist der ein oder andere Berg auch noch möglich. Ganz glücklich bin ich gerade aber nicht damit, so schnell gehen sie dahin, die schönen Pläne, auf die ich mich so gefreut hatte. Jedenfalls bleibe ich für länger jetzt wohl an diesem Ort hier, wie auch immer das alles noch wird. Die Feder habe ich ja noch, um sie in die Hand zu nehmen, Seiten gibt es noch genügend. Ich bin nicht verzagt, so viel hat mir bisher die Reise schon gegeben, so viel gelehrt und innerlich bin ich ganz fest.

> Gjendebu – Leirvassbu
20km; 680m hoch; 280m runter

Impressionen des Tages:

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Gjende; Nieselregen hüllt die Landschaft ein


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Hellerfossen



5.8.

Ein herrliches Gefühl, wenn Dinge vorangehen, etwas geschieht. So voll wird es dann einem, so reich von all den Eindrücken. Da mag man etwas schaffen, auf etwas stoßen oder sich einfach nur ganz lebendig fühlen. Alles kommt dann zusammen, eines auf´s andre, es wird immer mehr und mehr. Ein regelrechtes Hochgefühl bekommt man, das will nicht mehr enden und steigert sich noch mit allem, was dazu gewonnen wird, es ist wie ein Rausch. So freundlich begegnet einem dann auch die Welt, durch die man kraftvoll und lachend lustwandelt. Mutig, von Zufall zu sprechen, sein Glück kann man selbst ja beeinflussen, so viel dazu beitragen, dass es zu einem findet. Glück oder Zufall, mit solch einem Gemüte ist es doch eins.

Blaue Flecken sind in der Wolkendecke zu sehen. Das Wetter ist nicht gut, reicht aber allemal, um etwas anzupacken. Die Sachen für die Gipfelbesteigung sind schnell gepackt, dann geht es auch schon los. Kalt sind die Tage, der Wind bläst scharf ins Gesicht, doch macht das Wandern rechte Freude. Den Berg, der am See vor dem Zelt spitz aufragt, den habe ich schnell bestiegen, gerade ist es erst Mittag. Ganz allein bin ich dort oben, obwohl es doch ein gerne bestiegener Gipfel ist. Ich kann entspannen, Zeit für mich haben, alles aufnehmen, was an einem höchsten Punkt zu einem kommt. Der Wind hat abgeflaut und richtig gemütlich ist es mir auf der kleinen Fläche, ich überlege, noch länger hier zu bleiben, um erst später zum Zelt zurückzukehren.

Doch treibt es mich vorwärts. Zwar ist der fernere Gipfel wolkenumnebelt, doch macht mir das gerade nichts. Dahin will ich, zwei weitere hohe Höhen besteigen. Auf geht es also mit gutem Schritt. Kurz habe ich noch ein Treffen, ein mir so ganz liebes, – wirklich was einem da manchmal geschieht – das führe ich aber am Nachmittag fort. Dann geht es auch wieder weiter. Steil ragen die Spitzen vor mir auf und habe ich die eine nun geschafft, treffe ich unerwartet noch einen anderen Wanderer, den habe ich schon am Morgen gesehen. Bis zum letzten Gipfel geht es dann gemeinsam voran. Und schon wieder solch beeindruckende Aussicht dort, davon ist wohl schwerlich genug zu bekommen. Ja, wie gut fühle ich mich, das heute alles gemacht zu haben, musste ich doch gestern noch bangen, irgend etwas mir zu suchen, womit ich gerne die Zeit dahin ziehen lasse. So etwas nun, da lacht mein ganzes Gemüt.

Zu angenehmer Stunde bin ich wieder beim Zelt und frisch dann auch bei den Hütten. Die erhoffte und verabredete Begegnung finde ich dort wieder. Wie es so geht, treffe ich die Mutter, gleichfalls auch Schwiegermutter, der Autoren des schon genannten Buches. Mit nettem Gespräch ist das verbunden und ich weiß gar nicht, was mit immer geschieht, wie alles so kommt. Da sitze ich eine Weile nun im Warmen, am Abend erst gehe ich zurück zum Zelt, voll die Brust mit den schönen Dingen dieses Tages.

Da aber verweile ich erneut nicht lange, sitze nur kurz noch auf den Steinen, genieße die Mahlzeit, dann breche ich noch einmal auf. Wieder sind es die Hütten, zu denen ich gehe, da gibt es am späten Abend noch Bilder von den umliegenden Bergen zu sehen. Alle werde ich von denen ja nicht besteigen, den blauen Bilderbuchhimmel habe ich auch nicht und ohnehin sind gute Fotografien noch immer einen Blick wert. Also sitze ich wieder im Warmen, umgeben von allerlei Menschen. Überall sind da Stimmen, viel ist los und ich fühle mich doch recht fehl. Da ist jeder wohl gekleidet und gut frisiert, auf den Tischen stehen leere Weinflaschen und Tassen, darin wohl warme Getränke waren, eine Schale mit Erdnüssen, manche haben ein Eis in der Hand. Die Präsentation beginnt und je länger sie dauert, desto unlustiger wird mir. Das geht hier nicht darum, Schönes zu zeigen, ist eher touristisch, wenn überhaupt, angelegt. Zwar wird in Norwegisch erzählt, doch scheinen auch die meisten andern wenig Gefallen an dem Ganzen zu finden und ich bin froh, dann bald wieder fort zu sein, noch eine Weile im Schlafsack zu liegen. So geht ein schöner Tag gedämpft zu ende, wird aber keinesfalls verdorben. Hier gibt es immer etwas, das mag als nächstes gerne kommen.

> Kyrkja 2032m
Langvasshoe 2030m
Visbretinden 2234m
15km; 1440m hoch

Impressionen des Tages:

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Von Kyrkja aus Blick in das Visdalen


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Kyrkja und Tverrbottindane/Tverbytthornet


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Wandergefährte auf dem Visbretinden



6.8.

Bewegung tut gut, da gibt es nichts. Mag sie sportlich motiviert sein oder zur Erholung, Bewegung um irgendwo hin zu gelangen oder einfach nur draußen zu sein. Ist sie auf einen bestimmten Teil des Körpers begrenzt, ist es schnelle oder langsame Bewegung, dauert sie oder währt sie nur kurz. Das ist alles ganz gleich – Bewegung tut gut. Auf viele Weise wird man das spüren. Der Körper wird aktiviert und mag er auch erst Ermüdung zeigen, bald sind die Glieder ganz frisch und voller Kraft fühlt man sich. Doch auch der Geist wird dabei so wach, lebendig ist es in einem und auch so ausgeglichen ruhig und frei, da beschwert einem nichts mehr das Herz. Noch viel häufiger sollte man das nutzen, was man alles dadurch erhält. Jeder noch seinem Maße, das ist ja verständlich, doch Nichts ist wohl schwerlich nur irgendein Maß. Auf also, in Gedanken sollte man das immer behalten.

Ganz gemächlich wollte ich den Morgen verstreichen lassen, als ich dann aber Sonnenstrahlen auf das Zelt fallen spüren, der Himmel sich locker zeigt, breche ich doch schon am Vormittag auf. Ein weiterer Gipfel wartet, der sollte nicht schwer zu besteigen sein. Nicht lange und es fällt Nieselregen auf mich herab, hart geht der Wind. Vom höchsten Punkt, der noch lange vor mir liegt, sehe ich nichts mehr, der ist von dichten Wolken verhüllt. Doch ist für später ja das Wetter besser angekündigt und ohnehin will ich da hoch, das sehe ich heute eher sportlich. Ich habe schlicht keine Freude daran, diesen Tag im Zelt zu verbringen, will etwas tun.

Der Aufstieg ist beschwerlich. Ich suche mir selbst den Weg, doch nirgends findet man hier einen sicheren Tritt, denn nass und rutschig ist das Geröll. Einmal dann am Ende noch steil und mit etwas Klettern, dann steh ich oben. Da ist nichts zu sehen, die Wolken sind dicht. Ich habe einzig das gute Gefühl der Gipfelbesteigung, mehr ist da nicht. Doch meint das Wetter es gut mit mir und ich bin auch geduldig. Bald nach dem Regen reißt der Himmel etwas auf und man kann die Umgebung sehen, wenn auch nicht weit. Das soll mir reichen, ich bin zufrieden und mache mich auf den Weg hinab.

Schon bin ich wieder fast im Tal, als gänzlich auch die Sonne hervorkommt und da ist es mir so lieb, dazusitzen und zu rasten, lange in der Gegend umherzuschauen, ist das Tal hier doch eines meiner liebsten. Recht froh im Herzen und mit aller Ruhe gehe ich langsam zurück zum Zelt, setze mich heute auch nicht mehr für eine Weile in die Hütten. Kaum bin ich da, beginnt der Regen, schon habe ich ihn ja kommen sehen. Im munteren Wechsel geht der Tag auf diese Weise dahin, mal sitze ich draußen, mal muss ich dann wieder hinein, es wird hier nie langweilig. Auf den Steinen am See verbringe ich den Abend. Auch wenn es kalt ist, genieße ich das doch sehr und meine Brust ist voll Freude, die Seele so ruhig.

> Stetind 2020m
13km; 770m hoch

Impressionen des Tages:

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Nicht immer gibt es weite Aussichten vom Gipfel, oder schöne darauf;-)


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Gravdalen


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Gravdalstjornene; im Hintergrund (v.l.n.r.) Tverrbottindane, Kykja, Visbretinden


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Lager am Leirvatnet mit der markanten "Kirche" immer im Blick


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Am Abend freundliches Posieren und am frühen Morgen leuten sie einen wach


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Einmal noch die Kyrja, einfach zu schön

Issoleie
29.08.2008, 00:17
7.8.

Zeit soll man sich für seine Pläne nehmen, davon auch nicht zu knapp. Nie weiß man doch, was hindernd noch dazwischen kommt, was die Planung vereitelt. Da ist man nicht in Bedrängnis, muss nicht klagen und trauern. Ruhig kann man bleiben und sich schon freuen, gespannt sein, das vor einem Liegende bald anzupacken, es kann ja später getan werden, wenn die Umstände passend.

Ich wache auf und bleibe noch lange liegen. Die heutige Wanderung ist erst für den späten Nachmittag hinein in den Abend geplant, da soll das Wetter gut sein und ich freue mich schon auf das schöne Licht. Voller Tatendrang ist es aber schon in mir, es ist diese sich aufbauende Spannung vor einem erwarteten Ereignis, leichte Ungeduld, kaum will man warten. Im Zelt ist es mir noch gemütlich, da also bleibe ich und schreibe so allerlei, lasse die Gedanken ziehen. Draußen bedecken zwar die Wolken dicht den Himmel, doch bleibt es trocken. Es wäre die richtige Zeit, loszugehen, doch soll es ja klarer noch werden. Nun, wenigstens setze ich mich auf die Steine, da ist es schon früher Nachmittag. Ja, es ist doch etwas ganz anderes, direkt die Landschaft vor sich zu haben, den Wind zu spüren, den kühlen Boden. Eins sein, sich ganz der Natur geben und ganz die Natur in einem spüren, dabei so ruhig sein, so frei.

Langsam gehe ich zu den Hütten, um dort noch kurz zu sitzen und dann aufzubrechen. Leichter Nieselregen tropft gegen das Fenster, ich nehme das lieb gewonnene Buch zur Hand. Aus der Kürze wird eine Weile, wird ein halber Tag. Es will nicht aufhören zu regnen, immer ärger wird es, lasten die Wolken jetzt doch schwer auf den Hängen, haben sich dort fest gezogen. Ach, wie ungern ich doch jetzt hier bleibe, hoffe ja lange noch, den Himmel sich aufklaren zu sehen. Nein, das wird heute nichts mehr und ich bleibe sitzen. Erst lese ich lange, die fremde Sprache entschlüsselt sich, zwar mühsam, doch tut sie es, verständig wird da einiges. Wohl aber bleibt man in einer Hütte nicht für sich, anders ist es als beim Zelt. Also plaudere ich so nett mit zwei Frauen in der Muttersprache, das tut ja auch manchmal gut. Es ist schon Abend, als ich noch mit einem Tschechen in Kontakt komme, doch will ich nun langsam wieder zurück zu der mir vertrauten Behausung, auch endlich die Mahlzeit einnehmen. Der neue Bekannte geht mit mir, stellt auch sein Zelt in der Nähe auf. Mir aber ist jetzt Zeit für mich die liebste und es beginnt auch wieder zu regnen, da gehe ich hinein.

Wahrhaftig sind der Tage nun nicht mehr viele. Ich weiß kaum, wie die verbleibende Zeit gescheit nutzen. Wie ich es mache, wird es verkehrt, wird es auch so richtig und wunderschön zugleich. Mein Herz wird die Richtung schon weisen, das ist gewiss. Bisher erging es mir doch auch so gut, habe ich wohl in einer Weise immer richtig entschieden. Sicher, vieles hätte anders auch kommen mögen, vielleicht wäre es nicht schlechter gewesen. Doch kann ich ja kaum mehr wünschen, als ich bis hierhin erhalten. So viele Menschen habe ich getroffen, die mir lieb waren, und ich hoffe, von einigen noch einmal zu hören, wenn auch nur kurz. So viel habe ich auch gesehen und werde es in mir bewahren. So viele Gedanken gab es, an die ich mich noch erinnern werde. Von allem gab es so viel, doch in angenehmster Weise, das reichte gewisslich, zu teilen. Mir ist es aber sehr lieb, dass ich so reich innerlich bin, so reiches die Reise gegeben und dass ich es habe und auch in anderer Weise andere was davon haben mögen. Wahrlich, mehr kann ich nicht wünschen.



8.8.

Wirklich fühlt sich das nicht wie ein besonderer Tag an, als ich aufwache und es lange regnet. Doch ist ja das Wetter einmal mehr besser erwartet, wenn die Mittagszeit vorüber und so liege ich noch eine Weile, habe ich doch kaum gestern einschlafen können. War es der Mangel an Bewegung, ich weiß es nicht, alles ging mir da durch den Kopf, die Gedanken schweiften zu dem normalen Leben, zu dem, was mich in der kommenden Zeit erwartet, was ja viel Neues ist, und auch zu weit entfernten Möglichkeiten. Was es da nicht alles gab, das mich so beschäftigt hat, mir war es ganz unruhig. Jetzt liege ich also noch und weiß nicht recht, was anfangen.

Also packe ich die Sachen und gehe zu den Hütten. Doch auch da sitze ich nun ohne wirkliche Idee. Die geplante lange Wanderung ist schwer möglich, zu wechselhaft ist für heute die aktuelle Wettervorhersage, die gestern noch ganz anders klang. Also soll es erst am Nachmittag zu einer kleineren Runde losgehen. Mir aber ist aller Tatendrang verloren gegangen, so vollkommen ohne Motivation sitze ich auf dem Sofa, tue mir selbst auch ein wenig leid. Immer schlimme soll das Wetter die nächsten Tage werden und auch gerade den heutigen Tag habe ich mir ja schön gewünscht. Draußen geht hart der Regen gegen das Fenster, dann scheint wieder warm die Sonne herein und die Zeit vergeht. Nein, so soll es nicht bleiben, so werde ich heute nimmer mehr fröhlich.

Ich kaufe mir ein Eis, fühle mich schon mehr nach Geburtstag. Irgend etwas muss es da ja geben, was speziell ist. Dann aber soll es auch losgehen, ich will länger nicht warten und hoffe, bei gutem Wetter auf dem Gipfel zu stehen. Anfangs aber geht es im Regen voran, mir ist das gerade sehr gleichgültig; es geht voran, das zählt. Der Weg macht Spaß, für den ersten Gipfel suche ich mir die steilsten Felsen, habe rechte Lust, ein wenig zu klettern. Ja, die Sonne ist hervorgekommen, mir geht es wieder gut. Ganz und gar geht es mir gut, wie mein Gemüt da lacht. Ich genieße die Pause, während die Sonne warm mein Gesicht bescheint. Dann geht es noch einmal weiter, hinunter und hinauf, es wartet ja der höhere Gipfel. Da bin ich schnell und ebenso schön ist es, hier zu sitzen.

Über das Schneefeld, das große, geht es bequem hinab in einer Runde. Noch habe ich des Weges vor mir, als erneut kräftiger Regen hinab fällt. Wieder macht mir das die Wanderung nicht schlecht. Viel zu wunderbar und voll ist es doch in der Brust. Ich pflücke eine Blume, mir hier die liebste, Issoleien, und es ist mir ein anderes Sein. Ja, wie fühle ich mich da neu geboren, wie verändert sich da etwas tief in mir, da kommt nun alles gerade zusammen. So schön, so schön! Nun ist mir der Tag doch noch ein besonderer geworden und es passt der Verlauf ja so sehr zu mir. Blühe! ja, das ward mir gegeben, so bin ich genannt, ach was meint das nicht alles für mich.

Das Bad ist der beste Abschluss dieser kurzen heutigen Reise, des Weges. Doch kann ich draußen nicht bleiben, erneut regnet es länger. Der Abend ist schon hereingebrochen, als ich einmal mehr zu den Hütten gehe. Das soll aber nicht dauern, mir ist es dort auch nicht sehr angenehm, solches Treiben herrscht da. Doch setze ich mich lächelnd auf ein Sofa und esse noch einmal ein Eis, das gönne ich mir. Wieder draußen, kann ich noch die Nachrichten von mir lieben Menschen empfangen. Ist man schon allein, ist das doch etwas sehr Schönes, gerade heute. Zurück geht es, da setze ich mich auf die Steine. Erst spät gibt es Abendessen, reichlich mehr dazu, ich lasse es mir wahrhaft gut gehen. Das beendet in angenehmer Weise noch den Tag, bevor ich noch liege und die Gedanken ziehen lasse, so glücklich.

> Hogvagltindane 2066m
Rundtour über Vestre H. 1967m
14km; 920m hoch

Impressionen des Tages:

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Das Wetter gibt sich alle Mühe, spannend zu sein; im Hintergrund Tverbottindane und Kyrkja


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Midtre Hogvagltindane (wie folgendes)


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Heute gibt es alles und es wird immer schöner



9.8.

Ich sich ganz sicher sei, die eigene Kraft in der Brust spüren, wirkliches Vertrauen in die eigene Stärke haben, wie gut wird dann das meiste gelingen. Von innen heraus lachend kann man den Dingen begegnen und braucht nicht zurückschrecken, nicht verzagen. Wie wird man da Ruhe ausstrahlen, von der noch andere profitieren können. Noch mehr gewinnt man selbst aber mit jedem weiteren Schritt an Mut und Sicherheit, da können auch größere Aufgaben noch folgen, dafür ist man dann bereit. Allein Erfahrung macht schon vieles aus. Erfahrung, Aufgaben zu meistern, Erfahrung aber auch mit einem selbst. Ja, gut ist es, sich ganz zu kennen, zu wissen, wie man reagiert, zu wissen, wie man sich fühlt und zu wissen, was man vermag. So Großes und Schönes kann man dann also beginnen und erleben und frohen Gemütes immer vorangehen.

Mein Rhythmus ist ein sehr anderer geworden, hat sich vielleicht auch nur der Wetterlage angepasst, vielleicht braucht der Körper nach über einem Monat auf Reise auch langsam mehr Schlaf. Jedenfalls werde ich wieder später munter, doch ist ja noch Zeit genug. Noch ist der Himmel verhangen, tief ziehen die Wolken über die Hänge und bedecken die Gipfel. Eine Weile bleibe ich noch liegen und gehe dann in gewohnter Weise zu den Hütten. Allein der Wetterbericht ist es jedes Mal wert, auch in dem Buch zu lesen. Ansonsten bin ich hier doch immer sehr unruhig, ist es ja auch eher das Warten auf den Beginn der Wanderung, was mich hält. Sehr spät will ich heute aber nicht los und breche also kurz nach der Mittagsstunde auf.

Wie fast alle Gipfel, besteige ich auch heute pfadlos die Höhen. Langsam gewöhne ich mich an dieses unbekannte Gefühl, was gerade allein leicht zu Unsicherheit wird, werde routinierter. Mir geht es gut, ich fühle mich kräftig und bereit. Steil geht es aufwärts, die Steine der Blockfelder sind oft wackelig oder rutschig. Dann bin ich aber oben und treffe auch einen mir schon von gestern bekannten Wanderer mit seinem Kollegen, das sind immer nette Begegnungen. Wir klettern noch kurz zusammen über die heikelste Passage zum Hauptgipfel, dann führt mich mein Weg wieder alleine weiter, die beiden kommen ja von dort, wo ich noch hin will.

Das geht auch noch fort, immer folge ich dem Grat, bis der vierte der höchsten Punkte erreicht. Leicht ist es mir gefallen und es ist erst später Nachmittag. Ich überlege also nicht lange und tue, was ich mir vorgenommen hatte. Es geht also noch nicht zu dem Lager zurück, sondern hin zum letzten Gipfel führt mein Weg. Da kann ich auch viel klettern, mach das vielleicht wieder einmal mehr als notwendig, doch habe ich so rechte Freude und bin auch so froh, am Ende oben zu stehen, liegt doch einiges hinter mir und rundet der letzte, der siebente 2000-Meter-Punkt, die heutige Wanderung doch so wunderbar ab, allein schon wegen der Zahl. Die soll auch zu mir nun passen, denn fühlt sich meine Seele so vollständig an, da hat sich ja vieles getan. Mir wird es hier auch fast immer lieber, doch gibt es ja einiges auch wieder, wenn ich zurückkehre.

Erst einmal geht es jetzt aber nur bis zum Zelt, das ist die letzten Tage ur richtigen festen Behausung geworden und so lieb ist mir es jedes Mal, dort wieder anzukommen. Diese wenigen Dinge, die es da gibt, alle auch so nützlich. Der warme Schlafsack dazu, der macht es noch so gemütlich. Leicht, doch stark, das Dach und immer die frische Luft, der Blick hinaus auch. Ankommen und als ersten in den See springen, den kühlen und erfrischenden, wann kann man das sonst schon. Ankommen und auf den Steinen sitzen, während die Sonne scheint und der Wind bläst. Der Blick geht die Runde und neben einem plätschert leise und sanft, doch lebendig, der Bach, manchmal hört man die Glocken der Schafe. Ankommen und wissen, was Schönes gerade erst hinter einem liegt und noch so voll das ganze Herz macht, wissen. Was man geschafft hat, wenn die Glieder noch etwas schwer sind. Ankommen ganz und gar und die Seele ist so ruhig und alles fühlt sich gut an.

Lauter kleine angenehme Dinge kann man dann noch tun, oder man tut auch nichts, das wird hier ja auch zu etwas. Am späten Abend dann das warme Essen, wie gut das ist und wie es belohnt. Vielleicht noch ein Stück Schokolade oder mehr, man lässt es sich schon ordentlich hier gehen, da kann keiner meckern. Dann liegt man und denkt so alles und die Nacht bricht an, langsam wird es dunkler. Der kleine Bach plätschert weiter, vielleicht fallen auch klopfend Regentropfen auf das Zelt. Man schließt die Augen, ein weiterer schöner Tag geht zu Ende und man schläft ein.

> Tverbottindane: Vestre 2113m + P. 2110m
Store 2161m
Midtre 2151m und 2106m
Sore 1646m und 1971m
Tverrbytthornet 2102m + P. 2035m
13km; 1550m hoch

Impressionen des Tages:

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Kletterpartie in der Höhe, Abrutschen wenig ratsam, zum Glück bin ich selbst auch gut rüber; Passage zum Hauptgipfel des Vestre Tverrbottinden


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Band zum Store Tverbottinden


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Kennt man ja langsam, einfach ein Blickfang


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Grat zum Tverrbytthornet


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Leirvassbu vor Stehoe und Stetinden


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Leirvatnet, im Hintergrund Midtre Hogvagltindane

Issoleie
31.08.2008, 01:44
10.8.

Wie ganz ist man körperlich, fühlt sich so sehr, wenn Schmerz einen trifft. Das Bewusstsein ist dann voll auf einen selbst gerichtet, da ist nur Ich. Manche sagen, der Schmerz ist die intensivste Empfindung und durch ihn lernen wir das erste Mal das eigene Selbst kennen. Alles gibt sich dem hin, alles wird Schmerz. Das mag im großen Maßstab gelten, doch trifft es nicht immer. Die heile Seele kann stark bleiben, wenig beeindruckt vom äußeren Einwirken. Mag man da erwidern, dann sei es Schmerz nicht, sage ich doch, ich fühle ja beides.

Der Morgen ist verregnet, ich lasse mir wieder einmal Zeit. Die Mittagsstunde rückt schon langsam näher, da breche ich auf. Es geht fort von hier zu anderen Orten, nachdem ich so lange geblieben und mir die Zeit eine schöne habe sein lassen. Ja, hier war es mir lieb und wird es auch bleiben und sicher werde auch wieder ich hier sein. Der letzte Teil der Reise beginnt, noch weiß ich nicht, wie die Pläne umgesetzt werden können, es hängt alles vom Wetter ab. Die folgenden Wege kenne ich, doch sollen die mich dieses Mal nur zu ein paar weiteren Gipfeln führen, ein paar sollen zum Ende noch kommen. Erzwungen muss jetzt aber nichts mehr werden, vielleicht klingt ja auch alles sehr ruhig ab.

Kaum bin ich erst losgegangen, stürze ich bitterlich. Schmerz lass nach! unseliger Freund der Verzweiflung. Die Wunde ist genau auf dem Knie, das wurde schwer erwischt. Der Stoß war gewaltig, auf eine Steinkante bin ich gefallen. Ich kann mich nicht aufrichten, bleibe liegen. So kraftlos ist mir auf einmal, auch leichte Übelkeit spüre ich aufkommen. Zum Glück fällt kein Regen, ich übereile nichts, sammle mich langsam. Das Knie schmerzt fürchterlich. Ich will es nicht sehen, doch streife ich die Hose hoch. Tief sieht die Wunde nicht aus, nicht sehr, das Schlimmste wird wohl die Prellung bleiben. Bald komme ich wieder auf die Beine, ich kann also noch stehen, auch alles bewegen. Nur dieser Schmerz. Ich spüre etwas Feuchtes, muss mich nun erst einmal verarzten. Ich habe alles dabei und als es getan ist, fühle ich mich langsam besser. Das Knie wird warm, Adrenalin fließt durch meinen Körper. Es kann weitergehen.

Der Rucksack sitzt wieder auf den Schultern, da kommen zwei Wanderer an, die gehen in meine Richtung. Ein Paar aus Norwegen, wir unterhalten uns, ich schildere meine Lage. Zwar hatte ich es nicht geplant, doch gehen wir gemeinsam weiter, das ist mir gerade auch sehr lieb und wohl vernünftig. Nicht lange und ich glaube schon, wieder schneller gehen zu können, bleibe aber noch bei den beiden, mit denen das Gespräch so nett ist. Der Weg ist nicht schwierig, es geht gemächlich durch das Tal, doch spüre ich langsam deutlich die Verletzung, nachdem die körpereigenen Schmerzlinderer nachlassen und das Knie auch länger belastet wird. Nein, schneller kann ich heute wirklich nicht laufen, das ist ja aber auch gar nicht nötig.
Also geht es zusammen mit den beiden weiter. Wie gut das jetzt ist und wie es mich auch auf andere Gedanken bringt, ablenkt. Will man es, kommt man leicht in Kontakt, der ist oft angenehm und stets wird mir hier freundlich begegnet, offener auch manches Mal, als man es erwarten kann. Allerlei Themen gibt es doch immer, trifft man auf Unbekannte und viel wird auch nun geredet.

Nachmittag ist es, als wir die große Anlage erreichen und ich bin froh, nicht weiter zu müssen. Die beiden bleiben und wir verabschieden uns auf freundlichste Weise, im Falle, dass wir uns nicht noch einmal begegnen. Ich aber gehe noch ein wenig weiter, am Ufer des Flusses, der kräftig durch das Tal strömt, schlage ich mein Zelt auf, als leichter Regen vom Himmel fällt. Es tut gut, auszuruhen, mehr brauche ich jetzt nicht. Ich bin müde und weiß nicht, wie es weitergehen kann. Mein Knie aber spüre ich gerade nicht, liegen also kann ich, das mag wohl noch hilfreich für die nächsten Tage sein. Doch wie es mich immer so treibt, überlege ich schon, früh zu schlafen und zeitig aufzuwachen, da soll das Wetter dann recht schön sein und der höchste Berg Nordeuropas ragt doch neben meinem Zelt auf. Ich will ja also sehen, wie arg es um mein Knie steht.

> Leirvassbu – Spiterstulen
14km; 140m hoch; 435m runter

Impressionen des Tages:

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Visdalen Richtung Spiterstulen



11.8.

Meine Gedanken, die ruhigen, haben ein Ende gefunden. Nichts ist da mehr nach innen gerichtet, ich frage nicht mehr nach mit selbst, suche nicht mehr. Alles ist fort. Unklar springe ich vom einen zum andern, kaum etwas ist davon wirklich bedeutungsvoll. Es sind diese Umstände, die mir so viel wegnehmen. Es ist diese letzte Woche. Sieben Tage und man ist ganz im Rhythmus der Reise, der Kopf wird frei, alles fühlt sich leicht an. Dann kann es wahrlich kaum besser sein. Dann kommen die letzten sieben Tage und einem wird klar, dass die Reise ein Ende haben wird wie jede Reise und das Gefühl vergehen wird, das Leben in der Natur, das natürlich Leben, geht ebenfalls vorüber. Was gibt es nicht alles, an das man da denken kann, was einen bald erwartet. Freudig schaut man dem auch entgegen, zugleich aber weint die Seele. Wie ganz verhasst mir dieses gerade ist. Ich warte, warte. Wo ist es hin dieses schöne Gefühl, wie wurde es gestohlen. Vielleicht dort ganz tief in mir – suche! – ja, da mag es sein. Gewöhnen muss ich mich jetzt schnell daran, wie sie sich anfühlt diese letzte Phase. Ich bin hier nicht allein, um die ganz ungenutzt geschehen zu lassen und dann unfertig fort zu gehen.

Die Nacht war schrecklich. Ich habe unruhig geschlafen und als ich einmal hinaus musste, wollte ich schier verzweifeln, so hat das Knie geschmerzt. Einen Berg besteigen! von wegen. Der Morgen ist regnerisch und mir ist schon klar, dass es heute nirgends hingeht. Ich weiß nicht einmal, wo es überhaupt noch hingehen kann und also liege ich, liege. Die Zeit vergeht, das tut sie ja fast immer und mir ist das gerade sehr recht. Ich kann den Gedanken keine Richtung geben, liege, liege. Dabei bin ich nicht einmal krank, nur verletzt, doch ich liege nur, liege. Mir fehlt es an Motivation, an Möglichkeiten. So trostlos wird es mir, während ohne Unterbrechung der Regen fällt und scharf der Wind gegen das Zelt drückt.

Ein dumpfes Ploppen mischt sich zwischen die bekannten Geräusche, als hätte ein Vogel meine Behausung übersehen, und wäre dagegen geflogen und sie wackelt ja auch. Nichts ist zu sehen, ich bereite mein Brot für die nächsten Tage vor. Gerade ist der Kocher angeworfen, da ist mir doch etwas seltsam. Stangenbruch! jetzt kenne ich also auch dieses Geräusch. Ein Ersatzsegment habe ich, gerade pausiert der Regen, es geht alles schnell und ohne Probleme. Das Zelt steht wieder gewohnt stabil, ich liege.

Für eine Weile geht es dann zu den Hütten, später Nachmittag ist es schon. Die beiden von gestern Bekannten finde ich hier nicht, vermute ihr Zelt aber nicht weit entfernt. Da ist mir zu bleiben jedoch nun sehr unlieb, das hat hier alles, nur keinen Charme. Die Wunde verarzte ich noch neu, Sorgen erregend sieht sie nicht aus. Dann gehe ich zurück und da gibt es dann viel zum Denken. Mein Vater fragt nach Abbruch der Tour, er würde es organisieren und übernehmen. Ach, was komme ich in Versuchung, es ginge mir damit gerade wohl besser. Ich finde keine Antwort und bin mir unsicher, was beide Varianten mir geben. Wären die Kosten nicht hoch, ich ginge jetzt wohl. Ich schreibe noch einmal nach Hause, um mehr Informationen zu erhalten, alles besser überdenken zu können. Die Nachricht ist verschickt, da weiß ich ja fast schon wie ich mich entscheiden werde. Der Tag wird alt, ich bereite mein Abendessen schon zu, als das Mobiltelefon klingelt. Ich spreche mit meinem Vater, der hilft mir viel, sähe es auch gerne, wenn ich gleich käme.

Doch ich werde bleiben, das wird mir mit jeder verstreichenden Minute richtiger so. Vielleicht werde ich hier nichts weiter mehr tun, als im Zelt zu liegen, wirre Gedanken dahin ziehen zu lassen und abzuwarten. Das soll mir gleich sein, ich breche jedenfalls die Reise nicht vorzeitig ab, das habe ich schon zuvor nicht getan und sicher ist auch jetzt der Zeitpunkt dafür nicht gekommen. Irgendwie geht es weiter, geht ja immer alles weiter. Ich habe schon so viel Überraschendes hier erlebt und kann nicht sagen, was noch alles geschieht: Wie oft war ich nicht schon an diesem Punkt.

Impressionen des Tages:

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Das Zeltleben muss man es manches Mal schon sehr gemütlich haben, um es darin lange aushalten zu können...


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...nicht immer ist es ja draußen auch schön...


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...richtig heimisch wird es da.


12.8.

„Jetzt erst recht!“ und dabei leise lächeln. Wer freut sich nicht heimlich daran, noch einmal etwas anzupacken, als alles schon beendet schien, alle Möglichkeiten fort waren oder vertan. „Jetzt erst recht!“ sagt der Aufgegebene, sagt der hoffnungslos Verlorene.

Ich hatte mir etwas vorgenommen mit dieser Reise und daran habe ich mich festgebissen. Ich habe sie nicht abgebrochen, weil ich ja immer wusste, dass sie eines richtiges Endes bedarf, eines, bei dem man erhobenen Hauptes sagen kann: „Das war es, das war richtig“. Dazu gibt es diesen Trotz in mir, der macht es schwer, etwas aufzugeben. Ich kann mich auch einmal durchkämpfen, das ist dann halt so, doch bin ich dann immerhin wo angelangt. Ein Abbruch machte mich nachgiebig, der nächste folgte dann sicher. Ich befinde mich in keiner Notlage, es spricht nicht gegen jedwede Vernunft, hier zu bleiben. Dann gibt es auch noch mehr als das: Es ist der Ehrgeiz, der vorantreibende. Den brauche ich auch, dann geht es mit besser, ich weiß, wohin. Herausforderung, Abenteuer, voll Sehnsucht schaue ich euch entgegen, voll Mut und Willen. „Jetzt erst recht!“, sage ich da und lächele leise mit funkelnden Augen.

Das soll heute noch ein Glanzstück werden und ich würde es nicht versuchen, ohne an das Gelingen zu glauben. Danach mag Ende sein, vielleicht kann ich kaum mehr laufen, doch ist es das wert. Da oben war ich schon einmal, ich kenne den Weg. Zu Nordeuropas höchstem Punkt will ich hinauf, das sollte ich schaffen können. Alleine deswegen soll es mir recht sein, nicht abgereist zu sein, mehr will ich gar nicht mehr, vermag es auch nicht. Danach kann alles ruhig ausklingen, jetzt aber soll es noch einmal tosen.

Der Tag ist weitestgehend trocken erwartet, doch hängen die Wolken dicht und liegen am Morgen auf Häuptern der umliegenden Bergriesen, verschlagen ruht noch die Landschaft. Ich gehe trotzdem früher los, als es in der letzten Zeit zur Gewohnheit geworden, weiß ja nicht, wie lange ich brauche. Also hinauf, das Knie ist frisch verbunden. Der Schmerz aber ist schon am Anfang deutlich zu spüren. Ich beuge kaum das Bein, da muss das eine zusätzlich leisten, was das andere nicht schafft. Wirklich, ich muss mich in guter Verfassung befinden, so geht es voran, viele bleiben gar hinter mir zurück. Ein großer Schritt, auf die Stücke gestützt, ein kleiner folgt, nur nachgezogen. So lässt es sich aushalten, wenngleich auch nicht völlig schmerzlos und wenn auch das eine Bein viel zu arbeiten hatten. Weiter, weiter, es treibt mich voran, kaum will ich rasten.

Schon sehe ich die kleine Hütte, noch entfernt zwar in den Wolken, doch ist es ja fast geschafft. Ein paarwenige Schritte, die fallen jetzt auch nicht mehr schwer, dann stehe ich also da. Nach zwei Jahren ist wieder das Dach Norwegens erreicht und so gut ist dieses Gefühl, heute zwar ganz anders als damals, doch so gut. Gewohnt viele Menschen stehen herum, das soll mich jetzt nicht sehr stören. Hier ist nichts zu sehen, ich stehe in den Wolken, doch bin ich auch nicht der Aussicht wegen hier, darum ist auch das mir kein Ärger. Ich habe es geschafft, das zählt am meisten. Viel Zeit lasse ich mir, ich will nicht gleich wieder hinunter. Fast eine Stunde verbringe ich auf dem Gipfel, bin sogar für kurz dort allein. Ich habe es erwartet: Der Himmel klart auf, in höhere Regionen steigen die Wolken. Zwar kenne ich es anders, doch ist die Sicht mir für jetzt genug, da hat auch das Auge noch was und nicht nur das Herz.

Dann aber hinunter, ich weiß ja noch nicht, wie das geht. Viel schlimmer ist es nicht, tut zwar etwas mehr weh und sieht wohl alles andere als elegant aus, doch komme ich wieder gut voran. Einiges ist auch schon geschafft, als das Knie sich sogar langsam an die Bewegungen gewöhnt, doch ist der Körper nun schon müde von der Belastung. Schon vor zwei Jahren bin ich in keiner guten Verfassung den Berg hinunter und mir ist es von daher bekannt, den letzten Teil weniger genießen zu können. Immerhin, es ist getan. Wohl wenige Gipfel hätte ich so besteigen können, dieser ist glücklicherweise ein sehr leichter. Ich bin mir nicht im Klaren, ob der Körper so viel geschafft hat oder der Wille, aber wie es auch immer ist, bin ich froh im Gemüte über die bewältigte Herausforderung.

Wahrlich, mir geht es ganz und gar gut, habe ich ja bisher die Entscheidungen so getroffen, dass man wohl sagen kann, es war das Richtige, war schön und hat viel gegeben. Mir werden heute auch die Gedanken klarer, die Seele ist ruhiger und der Kopf wieder freier. So kann ich mit gutem Mute den letzten Tagen entgegenblicken, auch die sollen mir jetzt noch die richtigen werden. Schon weiß ich, wie ich alles hier vermissen werde.

> Galdhopiggen 2469m
Keilhaustopp 2355m
Svellnose 2272m
10km; 1500m hoch

Impressionen des Tages:

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Visdalen Richtung S


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Galdhopiggen Top von Svellnose aus


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Beweisfoto, das gab es vor zwei Jahren nicht


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Sogar dort ist es manchmal ruhig


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Visdalen mit dem markanten Blickfang Styggehoe

Issoleie
31.08.2008, 12:30
Zum Abschluss noch ein letztes Mal ein größerer Schwung.



13.8.

Wie wichtig Motivation doch ist, so vieles ist damit zu schaffen. Dazu wird es nicht zur reinen Arbeit, was man zu tun hat, das wird dann mit viel Freude gemacht. Ein motivierendes Moment sollte man sich immer suchen, das kann für jeden ja etwas anderes sein. Je enger es mit der Tätigkeit verbunden, desto leichter fällt dann die Aufgabe, unmittelbar ist die seelische Belohnung damit doch verbunden. Der Kopf soll sich nicht anstrengen müssen, um gedanklich das eine mit dem anderen zu verbinden, da fehlt das Gefühl und auf das kommt es hierbei an. Nicht geht alles nur leichter von der Hand, wohl schafft man auch manches, was vorher kaum möglich, so vieles spielt dann mit rein.
Regen fällt am Morgen auf das Zelt. Ich habe keine Lust, aufzustehen, habe keine Lust, zu wandern. Der Körper fühlt sich erschöpft an, nicht minder das Gemüt. Mir ist es langsam genug, besonders unter den Bedingungen. Mein Knie schmerzt noch immer und wird wohl bis zum Ende auch nicht mehr damit aufhören. Viel ist ja nicht mehr, doch haben die letzten Tage nur noch wenig an sich, was mich sehr reizt, was zu schaffen große Freude bereitet. Ich beende keinen Weg, der noch zu vervollständigen ist, wie das bei der letzten Tour der Fall war, bin in meinen Möglichkeiten limitiert. Mir fehlt auch die Sonne und das Gefühl, wenn sie einem warm auf die Haut scheint, mir fehlt es, ruhig vor dem Zelt sitzen zu können und der Natur zuzuhören. Es geht für mich nur noch darum, die Reise schön zu beenden, doch muss ich dafür nicht mehr laufen. Mir geht es nicht schlecht, nur ist es langsam genug.
Ich beginne den Wandertag spät, doch ist die Strecke ja auch nicht sehr lang. Am Aufstieg spüre ich, dass viel Kraft gerade nicht in mir steckt, der Körper bereitet sich auf Erholung vor, in mir ist es nicht auf Anstrengung eingestellt. Das steile erste Stück ist bald geschafft, dann geht es über Steine und oft muss ich mich zur Vorsicht ermahnen. Der Weg zieht dahin, ereignislos und ohne große Abwechslung. Nur ein Mal spreche ich länger mit einem Landsmann, er ist in meinem Alter. Dann geht es weiter, der letzte Teil wartet, ist aber nicht mehr schwierig. Von weitem sieht man schon die Häuser, die groß im Tal liegen, da will ich sicher nicht bleiben.
Ich bin froh, anzukommen und das Lager aufzuschlagen. Die gewohnte Erfrischung und ich setze mich noch eine Weile vor das Zelt, mehr wegen des ruhigen und freien Gefühls, denn sehr angenehm ist es draußen gerade nicht. Immerhin ist es trocken, doch lange kann ich nicht auf den Steinen bleiben, so kalt ist es. Der Schlafsack ist mir lieb, ich dämmere vor mich hin, bin heute müder als sonst und schlafe auch früh am Abend ein.

> Spiterstulen – Glitterheim
15km; 600m hoch; 325m runter

Impressionen des Tages:

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In der Nebellandschaft gibt es immer wieder auch Farbe


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Für manche das Symbol für Skandinavien schlechthin: "Wollgras"...


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...man kann verstehen, warum


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Hotell im Fjell



14.8.

Das Schreiben ist ganz zur Gewohnheit geworden, zum festen Bestandteil des Alltags, des Lebens hier. Ich nehme jeden Tag wieder die Feder zu hand und schreibe meine Zeilen. Meist ist der Abend schon heran gebrochen. Ich sitze auf Steinen und Blicke auf einen See, liege im Zelt im warmen Schlafsack, einen Arm aufgestützt, seitlich das Buch. Die Sonne scheint noch für eine Weile über die Hänge, warm ist ihr Licht, oder der Himmel ist wolkenverhangen und ein kalter Wind bläst, wahrscheinlich regnet es auch. Jeden Abend nehme ich wieder die Feder zur Hand. Ich warte auf die Zeit, das Abendessen zuzubereiten oder es ist auch schon genossen, dann liegt wohl noch der letzte Rest der Tagesration vor mir, ein Riegel, einige Stücken Schokolade. Jeden Tag nehme ich wieder die Feder zur Hand. Auch wenn ich noch keine Idee habe, was zu schreiben ist und womit anfangen. Manchmal will ich gar nicht beginnen, manchmal kommt so rechte Freude auf. Jeden Tag ein paar Zeilen, jeden Tag geschieht etwas und der Seiten sind schon viele.
Wie gewohnt wache ich in den frühesten Morgenstunden auf, wie gewohnt drehe ich mich noch einmal um und schlafe weiter. Der Nieselregen hat aufgehört, da beschließe ich, aufzubrechen, heute geht es einmal wieder zeitiger los. Es ist ein befreiendes Gefühl, im Trockenen das Lager abbauen zu können und schnell bin ich fertig. Der Wanderung schaue ich mit Zuversicht entgegen, Freude wäre wohl zu viel gesagt, doch geht es mir gut damit. Die letzte längere Strecke mit Rucksack wartet auf mich, die ist immer auch besonders. Voran also, der Weg wird ja ein schöner.
Ich bi n gemütlicher als gewöhnlich unterwegs, das liegt nicht allein am Knie. Teilweise schlendere ich fast vor mich hin, ich will den Wandertag genießen. Noch bin ich nicht weit, da überhole ich zwei gestern schon gesehene Deutsche und nach meiner Frühstückspause gehen wir auch ein Stück gemeinsam und plaudern nett miteinander, bis die Wege sich trennen. Den See, der blau unter mir liegt, kenne ich schon, doch geht es dieses Mal an einem anderen Teil von ihm entlang, er liegt ja weit gekrümmt zwischen den Bergen. Dem Ufer folge ich lange und, wie es sich als Rhythmus während der ganzen Tage ergeben, auch ohne Pause. Die nächste ist erst am frühen Nachmittag, da fängt es gerade an zu regnen. Das hört auch nicht mehr auf, doch ist der letzte Abschnitt schneller geschafft, als ich vermutet und bald schlage ich mein Lager auf.
Der Regen dauert fort und fort, erfrischt wird sich trotzdem, die Zeit vertrieben. Wie die Tage zuvor schon bin ich schrecklich müde, ich könnte eine ganze Zeit wohl durchschlafen. Selbst Hunger will ich so recht nicht haben. Ich bestehe nur noch ganz aus Wandern und Ruhen, letzteres gerade wohl mehr. Ein Tag bleibt, der soll noch einmal fordern und alles recht anständig beschließen, danach kann ich mich erholen. Es ist heute nicht mehr viel zu tun, ein später Nachmittag wird zum Abend, während ich da liege und ein paar Gedanken durch den Kopf ziehen. Wirklich, das Ende ist abzusehen, die Heimat ist schon nahe. Ich möchte nicht sagen zu nahe, noch habe ich hier beides in gutem Maße. Doch fürchte ich ja fast, wieder zurückzukehren, so lange habe ich jetzt schon etwas so anderes. Ja, ich denke viel an das Kommende und es macht ja auch Freude, von hier alles zu beschauen und ganz verschiedenem entgegenzublicken. Wäre ich nur nicht so müde, manch anderes könnt ich da wohl noch bedenken.

> Glitterheim – Bessvatnet
18km; 570m hoch; 570m runter

Impressionen des Tages:

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Russvassbue


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Nicht nur in der Ferne gibt es Besonderes



15.8.

Nur zu warten, bringt nie etwas Gutes. Untätig zu bleiben, während man hofft, dass bald etwas geschieht oder auch genau das gewünschte Ereignis eintritt, gibt wohl wenig, was Anlass zur Freude ist. Manches Mal, man ahnt es nicht, verhindert schlicht das bloße Abwarten, leer ja, selbst die Erfüllung des erwarteten Gegenstandes und man weiß kaum, wie lange noch hoffen und ausharren. Wie viel macht man sich damit kaputt, wie viel verliert man an Schönem, was es wer ist, zu tun. Dieses Phänomen mit der Zeit wird dann so offenbar, die verging doch ganz sicher schon einmal schneller. Ist man aber geschäftig und lässt es sich gut gehen, wie plötzlich ist das dann da, worauf man gewartet und recht eigentlich ja eben nicht gewartet, man hatte ja anderes. Und mag es auch nicht eintreffen, so ist doch immerhin angenehm die Zeit vergangen, das hätte sie ja ohnehin getan. Dann kann man sich freuen, was nicht alles geschehen und weniger schwer fällt es, das nicht Erhaltene zu vergessen oder aufzuschieben.
Ich kann nicht sagen, wo der See endet und der Himmel beginnt, noch die umgebenden Hänge ausmachen, die doch sicher irgendwo in diesem Wolkengewaber sein müssen. Die Luft ist von feinen Tropfen durchzogen, alles hier ist nass. Ich bleibe liegen, immer wieder fällt Nieselregen auf das Zelt. Ich hatte ja eingeplant, einen Tag schlechtes Wetter noch vorübergehen zu lassen, doch hätte ich gern den Gipfel, den letzten, heute bestiegen und jetzt weiß ich nicht einmal, ob es überhaupt noch möglich ist, so grausig sieht es da draußen aus.
Ich will mir die Zeit jedoch keine schlechte, untätige werden lassen, dafür sollen die letzten Tage nicht sein. Die Feder liegt heute lange in meiner Hand, einige Ideen, die lange schon in mir gären, sollen nun fest gehalten werden, anderes kommt dazu.
Die ganzen vergangenen Tage ziehen durch meine Gedanken, an jeden einzelnen vermag ich mich noch genau zu erinnern. Das Leben in der Natur bleibt mir immer fest bewahrt, noch die letzten Jahre wüsste ich gut zu rekapitulieren. Ja, hier sammelt man einzig, sammelt Eindrücke, lebt für die ewig dauernden Momente, des Augenblickes Ewigkeit. Darum ist es mir hier so lieb und besonders, hier kann ich das in reiner Weise, da ist keine Ablenkung, keine Hast. Gefühl und das Bild in der Seele, wenn alles eins wird, das bleibt und wird nicht mehr genommen. Kehrt man dann zurück, ist noch alles voll in einem und erst langsam gewöhnt man sich wieder an das andere Erleben, seltsam fühlt es sich an. Schließt man aber die Augen, sind da noch immer all die schönen reichen Momente, Jahre später sind sie noch dort.
Noch immer weiß ich nicht, wie die letzten Tage, zwei sind es ja nur noch, aussehen werden. So sehr ändert sich hier alle s immer fort und ist nicht vorher zu sagen. Soll es ungewiss bleiben, ich bin mir sicher, es wird mir schön sein. Ich verabschiede mich allmählich von Plänen und Ansprüchen, die ich noch stellte. Trauere ich dem Verpassten nicht nach, wie klar und viel ruhiger wird dann das Gemüt. Ich brauche Platz in mir, einen großen Raum, um alles hier vorübergehen zu lassen und abzuschließen, voll und reich und schön.

Impressionen des Tages:

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Bessvatnet in den Wolken



16.8.

Wenn es nicht vieles gibt oder nicht mehr, muss man sich das Wenige gut werden lassen. Anders als „mit wenigem begnügen“ soll es sein. Jedes einzelne Kleine wird zu einem kostbaren Besonderen. Ja, ganz kann man sich doch darin begeben, wird es von anderen Dingen nicht überschattet oder will man zu etwas neuem gleich weiter. Ganz reich wird dann dieses wenige, ist darauf die Aufmerksamkeit einzig gerichtet. Weniges verbleibt noch, meint auch zusätzlich weiteres. Es meint: Etwas nähert sich dem Ende; es meint: Genieße den Rest. Nach jenem Wenigen also hört etwas auf zu sein und diese spezielle Phase erlaubt auch einen neuen Umgang mit den paar Dingen, die noch verbleiben. Jedes gewinnt da an Wer für sich, ohne einen anderen Zweck, ohne etwas Folgendem. Schlafen mag da zum Schlafen um seiner selbst Willen werden und nicht zu Erholung für Kommendes. Essen zum Essen und nicht zur Stärkung. Etwas geht also mit wenigem zu Ende, weniges also verbleibt noch. Nun ist es doch schade, schon ganz die nahenden Dinge nach den jetzigen zu überdenken und dabei alles hier fast zu vergessen. Belohnt wird der sicherlich, der es schafft, noch den Rest voll zu genießen, rein und undurchdrungen.
Der heutige Morgen sieht wenig besser aus als vorige, der Gipfel, nicht weit liegt er ja entfernt, ist von dichten Wolken umschlossen. Ich habe keine Lust, bis in den frühen Nachmittag zu warten und schauen, ob das Wetter nicht freundlicher wird, das habe ich zuvor lange genug, bin nicht mehr hoch motiviert, die Höhe zu besteigen. Ich stelle mich auf Ruhe ein, körperliche besonders. Mir ist es zu anstrengend, einer eventuellen und eher unwahrscheinlichen Möglichkeit ständig entgegenzublicken, da finde ich keinen Frieden mit. Ein Ort ist mir ja bekannt, den mag ich lieber, dahin soll es gehen, da will ich am Ende bleiben, wie ich es kenne.
Der Weg hinab fühlt sich ungewohnt an, als hätte ich das Laufen verlernt. Holprig sind die Schritte, der Körper wird durchgerüttelt. Auch der Rucksack liegt gar seltsam am Rücken, ganz leicht. Für mehr Bewegung habe ich ihn lockerer gestellt, doch vermisse ich da ja ganz das Gefühlt, das so bekannte und in seiner Weise auch immer irgendwie liebe: eine steife Last, fest auf den Hüften, eng liegt sie an. Habe ich den letzten Tag nicht viel gesehen, tut es jetzt gut, bald wieder den Blick über Täler, Hänge und Bergspitzen gleiten zu lassen. Der Weg ist nur ein Stück. Kaum habe ich begonnen, liegt er auch schon vor mir, der See, der lang gestreckte, liebe. Ich bleibe nicht bei dem vielen Trubel, den Autos und Booten und Häusern. Wieder einmal gehe ich zum Steinstrand, hier habe ich auch vor zwei Jahren die Tour ruhig ausklingen lassen.
Da bin ich, der Tag ist noch jung. Eine Weile liege ich im Zelt, während immer wieder leichte kurze Schauer fallen. Dann kommt die Sonne hervor, Sonne! und wie schön es ist, sie auf der Haut zu spüren. Wie warm sie auf mich scheint, als ich ganz leicht bekleidet am Wasser liege und das Gefühl genieße; wie lange konnte ich das nicht. Ewig bleibt sie nicht, der Himmel ist ja noch immer mit Wolken durchzogen. Später Nachmittag ist es und ich will nicht hinein, bliebe noch auf den Steinen sitzen, doch wird es immer kälter, der Wind frischt auch auf. Also hinein in den Schlafsack, der muss ja nicht immer im Zelt sein, draußen macht er sich ebenfalls gut. Bis in den Abend bleibe ich am See, auch das fühlt sich wieder einmal gut an und ist so ruhig. So war es ja oft, so soll auch alles hier langsam zu Ende gehen: ruhig und mit weitem und freiem Gefühl in der Brust.

> Bessvatnet – Hamnsanden
6km; 30m hoch; 410m runter

Impressionen des Tages:

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Abendstimmungen am Hamnsanden...


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...sind jedes Mal ähnlich schön, sind jedes Mal für sich besonders



17.8.

Schöne Dinge brauchen den richtigen Zeitpunkt. Dann können sie sich voll entfalten. Erst dann werden sie, wie man es vielleicht seit langem schon gehofft oder sich in Gedanken mit so viel Freude vorgestellt hat. Der richtige Zeitpunkt kann nie genau vorhergesagt werden. zwar ist eine ungefähre Planung möglich, doch weiß man erst zu dem bestimmten Moment, wie der sich anfühlt, ob richtig oder nicht. Ist es aber so weit und passt eines zum andern, geht alles auf und man lacht und freut sich am vollkommen Schönen und kann es besser nicht wünschen. Manch einer mag so weit gehen, in aller Konsequenz gar das Erleben ganz fallen zu lassen, wenn die nicht recht zusammenfinden wollen, die beiden Teile. Wer will es verurteilen und könnte anders reden, als dass da einer auf der Suche nach Besonderem ist, nach perfekten Momenten. Andernfalls geht so vieles verloren und wird dann nicht wiedergeholt werden können. Wie wird man sich da später noch grämen und leise Vorwürfe machen und daran denken, was nicht hätte sein können, hätte man gewartet.
Die Nacht ist klar und kalt. Als ich hinausgehe, bricht der früheste Morgen gerade an und Nebelschleier liegen auf dem See, das Gras ist von Tau beperlt und glitzert weiß. Noch einmal bin ich draußen, jetzt sind ein paar wenige Stunden schon vergangen und die Sonne steigt vorsichtig über die Berge, ich leichtem Blau zieht sich der Himmel über mir. Ich lege mich erneut hin, doch kann ich nicht mehr schlafen, mir geht es durch und durch. Alles in mir ist voll Erwartung und so frisch, eine angenehme Spannung. Ja, so soll es werden und so ist es richtig, was gibt es nicht immer hier neues.
Gerade ist der Morgen stattlich geworden, die Sonne beginnt, warm über die Landschaft zu scheinen, da geht es los, ich breche auf. Der Abschluss soll heute vollzogen werden, es fehlt noch die Vervollkommnung der Reise. Der letzte Gipfel wartet. Hinauf über die Hänge, noch muss ich ja hin gelangen. Wie fliegt der Schritt, kraftvoll geht es voran, weiter, weiter. Am See entlang, am glatten, da stand vor kurzem ja noch mein Zelt, vergeblich hatte ich abgewartet. Jetzt soll es gelingen, heute stimmt alles daran. Ich stehe am Fuße des Berges, inzwischen sind tief die Wolken herangezogen, tief stehen sie, verhangen ist das Haupt des Alten da vor mir. Weiter geht es, hoch über die Steine, der Weg ist nicht steil. Wie gut ich mich fühle, selbst das Knie behindert nicht mehr die gewohnten Schritte, auch wenn ich es häufiger spüre. Am Ende, schon ist der Gipfel zu erahnen, werde ich langsamer, wie viel geht da durch meinen Kopf und erfasst das Gemüt.
Dann stehe ich oben. Laut schallt es aus meiner Brust durch die Landschaft, drei Mal muss es hinaus, so voll ist mir. Vollendung, kostbare Veredlung des Schönen. Wahrlich, alles fühlt sich so richtig an und wunderbar, was hätte es mehr geben können. Unzählbar ist das Erlebte, so reich habe ich erfahren. Alles kommt hier und jetzt zusammen, heute wird es ein Ganzes. Acht Nachrichten habe ich am 8.8.2008 erhalten, wie gut hört sich das doch an. Die Drei und Sieben, was sind es nicht für besondere Zahlen, die haben auch alles auf der Reise geformt. Sieben mal sieben Tage ist es in allem, sieben Wochen genau. Die dritte Tour war es dieses Mal, das passt wohl. Ich befinde mich auch dem einundzwanzigsten Punkt über der besonderen 2000-Meter-Marke, da fällt das Rechnen jetzt auch nicht schwer. Mein Alter ist auch dasselbe geworden. 8.8. und sieben, war wirklich alles nur Zufall, mir wird ganz anders zumute.
Lange bin ich oben allein, das soll mir lieb sein. Doch geht es schließlich wieder zurück, ich will ja auch am Zelt noch ein wenig Zeit verbringen, scheint doch immer mal die Sonne zwischen den Wolken hervor und passt es ja auch in meine Gewohnheiten. Später Nachmittag ist es, als ich ankomme und lange noch am Sandstrand sitzen bleibe. Noch einmal springe ich in den See. Unter der Oberfläche gleite ich, von lauten kleinen Stichen wird die Haut im kalten Wasser bedeckt, für einen Augenblick bleibt die Zeit stehen. Wie sehr werde ich dieses Gefühl vermissen. Wie sehr genieße ich jetzt also noch auch diesen Tag. Der Abend wird erneut kalt und gemütlich liege ich noch im Schlafsack.
Wie lacht meine Seele, denke ich an alles Zurückliegende, kaum kann ich es fassen, so groß ist alles und wie ganz und gar reich fühle ich mich im Innern. Ja, ich habe heute etwas vervollkommnet, das mag ich kaum begreifen und schöner hätte es nicht sein können. Ich habe etwas abgeschlossen und ewig wird es mir bleiben. Immer weitere Reisen werden kommen, werden anders sein. Vielleicht sind sie dann nicht weniger schön, doch bleibt mir diese eine besonders, wohl eine von vielen besonderen. Zum richtigen Zeitpunkt, vollständig, findet sie jetzt ihr Ende.

> Besshoe 2258m
22km; 1375m hoch

Impressionen des Tages:

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In der Nacht wird es feucht und kühl am Gjende


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Weg Richtung Bessegen und Bessvatnet mit Blick über den Gjende


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Der Gipfel der Besshoe


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...ein letztes Mal ganz oben



18.8.

Abgesang:

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Ein letzter schöner Morgen, dann ist es vorbei...

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...und darauf...


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...und darauf...


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...kann man sich wieder eine ganze Zeit lang freuen

Julia
04.09.2008, 21:08
Hallo Florian,
nun muss ich Dir endlich auch hier zu Deiner tollen Tour gratulieren und mich für den aussergewöhnlich feinen Bericht bedanken. Es war immer sehr spannend, zu raten wo Du gerade unterwegs warst, und abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen hab ich auch immer richtig getippt ;-). Ich habe das Lesen und die Bilder sehr genossen und auch so ein paar Fotolokationen gefunden, die wir für die neuen "Fjelltopper over 2000 meter" mal ausprobieren müssen :cool:.

Ich beneide Dich um die Zeit, die Du hattest. Wenn man mit so etwas buchmässig arbeitet, werden es meist nur rasche Touren, d.h. Tagestouren (zum Teil sehr lange) und sehr wenige Übernachtungstouren. So einfach einen ganzen Monat in Jotunheimen zu verbringen, sich einfach treiben zu lassen und zu sehen, was der Tag bringt, das würde ich gern einmal erleben. Andererseits hat man auf "Diensttouren" immer ein abgestecktes, konkretes Ziel, sei es ein Ort oder ein Fotomotiv. Sich auf einer Langtour immer neu zu motivieren, stelle ich mir als eine grosse Herausforderung vor, von der ich nicht wüsste, ob ich ihr gewachsen wäre.

Zu der Jotunheimen-Serie muss ich eigentlich noch anmerken, dass da der Band 1 (Bygdin, Gjende & Besseggen) auf den meisten (eigentlich allen) der von Dir besuchten Hütten in der Bibliothek auch zu finden hätte sein müssen...

RSous
05.09.2008, 07:38
Wow! Danke fürs teilen!

Issoleie
26.11.2010, 11:14
Entschuldigung an alle, die den Bericht in der Zwischenzeit mal lesen wollte und denen leere Links zu den Fotos zugemutet wurden. Ich habe alle wieder erneuert und der Text wird wieder bildreich begleitet.

bergzwerg61
12.12.2010, 15:30
Danke für die Info. Ein guter Anlass, den gesamten Bericht wieder einmal zu lesen.

Für mich einer der besten hier im Forum.