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Werner Hohn
27.06.2008, 17:10
Land: Portugal, Spanien
Reisezeit: April, Mai, Juni 2008
Region/Kontinent: Südeuropa

Das Erstellen dieses Reiseberichts wird sich wieder über Wochen hinziehen. Den Versuch einen langen Bericht an einem Stück zu schreiben, um den dann fertig in einem Rutsch hier reinzustellen, habe ich schon lange aufgegeben. Das wird nie was. Dafür bin ich zu faul. Ich brauche die tägliche Mahnung eines Fragments, den Tritt in den Hintern. Etwas Geduld bitte, es wird schon werden.

Für alle Berichte gilt: Die Namen sind geändert.



Drei Caminos und ein Vorspiel im Sand

Camino Francès - Camino a Fisterra - Caminho Português


Sandkastenspiele I

Irgendwann im Herbst 2007 bis Dienstag, 15. April 2008


Fotos tragen oft das Saatgut für eine Reise mit sich. Reiseberichte auch. Hin und wieder sogar Bücher. Bei mir sind es jedoch meist Fotos. Natürlich, denn dafür werden sie schließlich gemacht. Reiseträume, Sehnsüchte, Verlangen, Unruhe sind meist die Folge. Es müssen nicht immer professionelle Bilder sein. Gelegentlich sind es die eigenen Bilder, sogar wenn die grottenschlecht sind.

Meine Portugalbilder waren 1997 entstanden. Als die Abzüge nach dem Urlaub aus dem Labor kamen, stand sofort fest, da müssen wir noch mal hin. Die Bilder vom Cabo de São Vicente waren extrem unscharf, so war die Küste nur mit viel Phantasie zu erkennen. Der Rest war auch nicht viel besser. Kamerafehler.

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Spain3.png[/img-r] Mit der Qualität der Fotos konnte das Wetter im Mai '97 an der Atlantikküste locker mithalten. Kälte, Wind und Regen vertrieben uns nach wenigen Tagen an die warme spanische Küste. Wiederkommen wollten wir auf alle Fälle. Sicher. Ganz sicher! Portugal hatte uns gefallen. Die unscharfen Fotos verschwanden im Karton, damit ebenfalls der Gedanke ans Wiederkommen. Er lebte zwar immer wieder auf. Irgendwann, bestätigten wir uns oft, fahren wir wieder nach Portugal. Ja, irgendwann! Irgendwann ist nahe dran am nie.

Ein Franzose hat Portugal wieder Leben eingehaucht. Im März 2007 lief mir auf der Vía de la Plata Bernard über den Weg. Der erzählte von seiner Wanderung, nein, bei ihm war's eine Pilgerung, von Sagres im Süden Portugals nach Santiago de Compostela. Mehr als 1.000 Kilometer Einsamkeit. Sofort waren die unscharfen Fotos wieder da.

Bei der Planung wurde schnell klar, es wird ein kleines Abenteuer werden - jedenfalls die Strecke im Süden des Landes. Wandern ist in Portugal so populär wie bei uns Synchronschwimmen. Markierte Wanderwege gibt es nicht. Wanderkarten, Wegbeschreibungen, ein Netz preiswerter Unterkünfte? Alles Fehlanzeige. Dafür ist das Netz der portugiesischen Campingplätze dicht gewebt. Bis Lissabon sollte es keine Probleme mit der Unterkunft geben. Von der Hauptstadt weiter über Fatimá und Coimbra nach Porto. In der Hafenstadt am Douro beginnt der markierte Caminho Português, der in Santiago de Compostela in Galicien endet. Ab Porto wollte meine Frau dabei sein. Die Wochen davor sollten mir alleine gehören.

Meist über kleine Landstraßen, manchmal über Küstenpfade, vielleicht mal quer durch die Pampa, meinetwegen, wenn nicht anders möglich, auch über den Seitenstreifen einer Nationalstraße wollte ich ohne festen Plan nach Norden gehen. Mit den Militärkarten sowie den Satellitenbildern von Google sollte das möglich sein.

Wie ein Schneekönig habe ich mich gefreut. Endlich mal wieder auf eigene Faust wandern. Kein vorgegebener Weg, keine Markierung, die mich führt, keine Unterkunft, die erreicht werden muss. Jeden Morgen neu entscheiden wie es weitergeht. Treiben lassen und übers Land streichen. Sich nach niemanden richten müssen. Seit langer Zeit auch mal wieder mit Zelt und Kocher. Freiheit also.

Am 16. April würde ich nachmittags in Faro an der sonnigen Algarveküste landen und dann zu Fuß nach Westen bis zum Cabo de São Vicente gehen und mich dort nach Norden wenden. Soweit die Planung.

Rot: Camino francés und der "Strandspaziergang"
Blau: Camino fisterra
Gelb: Caminho Português

*Die Karte der Iberischen Halbinsel stammt aus der spanischen Wikipedia (http://es.wikipedia.org/wiki/Imagen:Spain.png), der Wegeverlauf von mir.

Portugal - Das bequeme Strandleben

Mittwoch, 16. April 2008 Sonne, Sand und Wind


Seeluft, der Geruch von Seeluft dringt nach dem Öffnen der Flugzeugtüren in die Kabine. Draußen empfängt mich Sonne, Wind und eben der Geruch frischer Seeluft. Wer in Faro landet, landet fast am Strand. Morgens mal eben einfliegen, nur mit der Badehose unterm Arm, und mit dem letzten Flug am Abend wieder in die Heimat zurück - hier wäre das möglich, schießt es mit durch den Kopf.

Ich will jedenfalls an den Strand. Allerdings habe ich mehr Gepäck dabei als eine Badehose. Beim Einchecken ist die Waage bei 12 Kilo stehengeblieben. Dazu kommen noch 2 Liter Wasser und etwas zu essen. Die Tankstelle, hinter der ich zum Strand abbiege, hat alles damit ich nicht verhungere..
Zeit für ein Sonnenbad habe ich keine. Ich will zum Campingplatz bei Quarteira, der um 19 Uhr die Pforten dicht macht. Mir bleiben ziemlich genau 3 Stunden für gut 14 Kilometer, 11 davon leider über den Strand. Es sieht nach Arbeit aus.

[img-r]http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/P7H.jpg[/img-r] Ding-Ding-Ding-Ding. Schon von weitem ist das ununterbrochene Schlagen der Flaggenleinen an den Alumasten zu hören; ebenso das laute Knattern ausgefranster Werbefahnen im Wind. Starkwindgeräusche! Als ich am Strand der Illha de Faro nach Westen abbiegen will, bleibt mir die Luft weg. Mehr Wind und fliegender Sand als mir lieb ist. Hier komme ich auf keinen Fall schnell genug voran. Es bleibt nur der Weg durch die Feriensiedlung und als dieser endet, weiter über einen schmalen Betonpfad durch die Fischersiedlung.
Dicht an dicht drängen sich kleine ärmliche Häuschen aneinander als wollten sie sich gegenseitig Halt geben vor dem hier meist wehenden Wind. Zwischen flatternder Wäsche stehen neben rostenden Fahrrädern, verfaulenden Möbeln und allerlei Fischerutensilien meist alte Fischerkähne im Schlick der landwärts gerichteten Lagune.
Ärmlich gekleidet Frauen, ein Schwarm Kinder und jede Menge streunender Hunde, es sieht aus wie in der Dritten Welt. Nur die in schreienden Farben daherkommenden Motorroller - Autos passen hier nicht hin, was aber eher an der fehlenden Zufahrstraße liegen dürfte - mildern den Eindruck.

Später muss ich doch runter an den Strand. Der Wind hat sich zum Glück abgeschwächt. Zwar reißt er immer noch Schaumfetzen von den brechenden Wellenkämmen, donnern immer noch die Wellen an den Strand, der Sand bleibt jedoch liegen. Innerhalb kurzer Zeit bin ich von oben bis unten mit einer feinen Salzschicht bedeckt. Besonders schmerzhaft werde ich daran erinnert, wenn ich mir den Schweiß aus den Augen reiben will. Das brennt wie Feuer. Später ist auch der Rücken dran. Irgendwie ist das Salz zwischen Kleidung und Haut gekommen.

Trotzdem ist der Abend schön, denn der Strand gehört mir. Niemand ist zu sehen. Kilometer um Kilometer sauberer Sandstrand. Nur Muscheln, Steine und Sand, gelegentlich ein Auftriebskörper, der sich von einem Fischernetz losgerissen hat oder ein sonnengebleichtes Stück Holz. Links die donnernde Atlantikdünung, rechts Dünen, die später von einer piniengekrönten Steilküste abgelöst werden. Die untergehende Sonne treibt zur Eile, denn auf dem Campingplatz wird niemand extra für einen späten Wanderer länger bleiben.

Bevor ich den Campingplatz erreiche, versperrt mir ein mehr als 5 Meter breiter Bach den Weg. Der mündet hier ins Meer. Auf den Satellitenbildern ist der nicht zu sehen (stammen wohl vom Sommer) und in der Wegbeschreibung im Wanderbuch fehlt der auch. Etwas ratlos bleibe ich stehen. Schuhe aus und waten, oder, tief ist der Bach ja nicht, einfach so durch? Rechts reicht ein Golfplatz bis an den Strand. Die werden doch bestimmt eine Brücke über den Bach haben. Ein Sicherheitsmann, wahrscheinlich hat der mich schon länger beobachtet und mit meiner Reaktion gerechnet, verweigert mir mit einer ummissverständlichen Handbewegung den Zutritt. Dann doch einfach durch. Schuhe aus? Schuhe an? Egal, fällt aus, dauert zu lange. Tief ist der Bach wirklich nicht, doch der Sand ist so weich, dass das Wasser bis weit über die Knöchel steigt. Hoffentlich versteht der Sicherheitsmann kein Deutsch.

Schon an der Rezeption ist die Hose wieder trocken. Kurz vor Feierabend trudel ich auf einem der besseren Campingplätze Portugals ein. Zelt aufbauen, die Dusche kalt laufen lassen, eine Runde übern Platz, danach ein fulminantes Abendessen mit den Tankstellenvorräten und ab in den Schlafsack.
Morgen geht es weiter. Eigentlich geht es morgen Früh erst richtig los. Vier oder fünf Tage immer nach Westen, fast immer am Strand der Algarve entlang. Ich weiß nur nicht, ob ich mich drüber freuen soll.

Donnerstag, 17. April 2008 Strandurlaub


Beim Einschlafen gestern Abend hat es sich schon angedeutet. Zum ersten Mal fange ich eine lange Wanderung mit einem Pausentag an. Das ist wirklich eine Premiere. Bisher war das immer anders. Dem ersten Wandertag wurde entgegengefiebert. Langes Ausschlafen war immer mit dem Makel des Faulenzens behaftet und somit tabu.
[img-l]http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/P2Q.jpg[/img-l] Und heute? Ich will nicht! Nicht aufstehen! Nicht den Kram packen und im Rucksack verstauen! Den will ich überhaupt nicht mehr tragen! Da bin ich mir sicher. Von einem Tag auf den anderen, nur getrennt durch eine Nacht, hängt mir das Wandern zum Hals raus. Oder? Das kann doch nicht sein! Einfach so von jetzt auf direkt? Umgekehrt hat man von solchem Verhalten ja schon mal gehört. Das oft bemühte Beispiel vom Mann, der nur mal Zigaretten holen wollte und erst Jahre später wieder auftauchte. Oder die Aufgabe des Arbeitsplatzes, um am nächsten Morgen mit dem Rad nach Indien aufzubrechen. Vermeintliche Aufbrüche in die Freiheit.

Das hier aber? Abbrechen und ab nach Hause? Plötzlich nagt der Zweifel. Ganz leise, kaum wahrnehmbar, aber immerhin. Weitwandern mache ich schon seit Jahren. Das soll jetzt vorbei sein? Nie mehr den Rucksack packen. Nie mehr übers Wetter fluchen. Nie mehr voller Vorfreude in die Planung stürzen, die bei mir meist kurz ausfällt. Was kommt nun? Pauschalurlaub, gar Kreuzfahrten?

Im Augenblick hilft das auch nicht weiter. Fürs Erste verordne ich mir einen Urlaubstag. Wenn mir das Wandern am nächsten Tag immer noch zum Hals raushängt, wird abgebrochen.

Eine Holländerin rettet den Tag. Vermutlich hat sie mir meine Konfusion angesehen. Vielleicht war sie aber auch nur neugierig auf den Mann, der sich mit seinem Minizelt in der Nachbarschaft ihres Wohnwagens niedergelassen hat. Drei, vier Fragen zum Woher und Wohin und schon sitze ich mit einer Tasse Kaffee in der Hand im Vorzelt ihrer mobilen Unterkunft, die eigentlich ihrem Lebenspartner gehört. Neben ihren "Alterskrankheiten" , so nennt er es, schlagen sich die Beiden hier den Winter um die Ohren. Eigentlich sind sie beim Packen. Morgen geht es wieder für einige Monate nach Holland. Der Wohnwagen steht, wie die meisten anderen hier auch, das ganze Jahr auf dem Platz. Ein alter Kleinwagen macht die Ausstattung komplett. Auch der wird seine Heimat nie wieder sehen. In Zeiten der Billigflieger fährt niemand mehr mit dem Auto. Das Teuerste an der ganzen Reiserei zwischen Holland und der Algarve sei immer das Taxi zum Flughafen.

Jan und Fred (das ist sie) füllen mich bis zu den Ohren mit Kaffee ab, stopfen noch ein paar Brote hinterher, legen als Nachtisch noch einen Haufen Tipps und Ratschläge für das Urlaubsleben an der Algarve dazu, und schon ist es Mittag. Und ich bin eigentlich wieder guter Dinge, denn heute mache ich Urlaub!

Fürs Baden, sogar fürs Bad in der Sonne ist es viel zu kalt und zu windig. Also die Strandpromenade rauf. Zwischendurch einen Kaffee, ein Eis, ein Kuchen. Die Strandpromenade wieder runter. Buh, schon eine Stunde rum. So wird das nichts. Dann mal ab durch die Hinterhöfe der potthässlichen Touristenhochburg. Hier spielt sich tatsächlich etwas Alltagsleben ab. Vorne zum Strand raus hat gähnende Leere die Oberhand. Hinten findet ganz normales Leben statt. Immerhin lässt sich so die Zeit totschlagen.

Morgen werde ich wahrscheinlich den Rückflug buchen, denn den Rucksack und das Wandern habe ich nicht vermisst. Als wolle das Wetter mir zustimmen, öffnet der Himmel abends seine Schleusen und Petrus legt noch ein oder zwei Windstärken drauf. Mich stört das nicht. Ich werde bald wieder weit weg sein, und mit solchen Wetterverhältnissen wird mein Zelt spielend fertig - wenn es richtig aufgebaut wird.

Freitag, 18. April 2008 Erlebnisurlaub


[img-l]http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/P5H1.jpg[/img-l] Mein Zelt lebt! Wenn ich mich vom Rücken auf die Seite drehe, folgt es mir. Nur sieht es dabei merkwürdig schief aus. Drehe ich mich wieder zurück, steht auch das Zelt wieder gerade. Dass es mir dabei am rechten Arm klebt ist ebenfalls neu. Draußen schüttet es immer noch. Und der Wind hat noch ein Beaufort zugelegt, nach dem Knattern des Außenzelts zu urteilen sogar zwei. Jetzt leuchtet mein gelbes Innenzelt hell auf und mein rechter Arm ist nass. Oh Gott, mein Zelt macht Flugversuche.
Schnell, schnell! Rein in die Hose, Regenjacke drüber und raus. Tatsächlich: Innen- und Außenzelt werden nur noch von einem Hering gehalten. Wo sind die verdammten Heringe? Jetzt bin ich dankbar für die helle Beleuchtung auf dem Platz. Die Heringe sind nicht weit geflogen. Ich brauche einen Stein, nur woher? Lag unterm Olivenbaum nicht einer? Tatsächlich, da liegt er. Erstaunlich, woran man sich in der Not erinnert.
Scheiße! Als ich mich bücke, gerät der Wind unter die Regenjacke und schiebt das Stück Plastik über Kopf, so dass ich nichts mehr sehe. Verdammtes Ultralight-Gedöns. Nicht bücken, hinhocken!
Innerhalb weniger Minuten ist das Zelt sturmsicher vernagelt. Die Heringe stecken nun tief im steinhartem Boden. Die zusätzlichen Abspannleinen werden erstmals nicht als Wäscheleinen missbraucht, sondern strecken sich dem Sturm entgegen.

Beruhigend und auch schön, so ein Zelt in stürmischer Nacht. Warum nicht direkt so? Faulheit und ein gewisser Hang zum "Et hätt noch immer jot jejange." Warum die leichten Alunägel im harten Boden verbiegen? Es reicht doch, wenn die 2 cm tief im Boden stecken. Abspannleinen? Noch nie gebraucht. Und überhaupt. Der Zeltplatz ist von drei Seiten abgeschirmt. Mauer, Wohnwagen und ein Sanitärgebäude halten den Wind schon ab. Ja und dann fällt in China der berühmte Sack Reis um und in Portugal macht der Sturm eine Drehung. Nennt man, glaube ich Trog.

Warum habe ich mich überhaupt angezogen? In noch nicht mal einer Minute war ich vollkommen durchnässt. Es ist 2 Uhr nachts. Ich hätte splitternackt rausstürmen sollen. Wer soll mich um diese Uhrzeit beobachten? Und so unansehnlich bin ich nun auch wieder nicht - hoffe ich. Zudem ist bei dem Sauwetter niemand draußen, denn die Camper in ihren Mobilheimen schlafen sicher wie in einer Burg.


Am Morgen scheint die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Vom Sturm ist nicht mehr als eine steife Brise geblieben. Bestes Wanderwetter. Trotzdem, es steht es nun endgültig fest: Ich habe keine Lust mehr am Wandern. Genauer am Weitwandern und dessen Besonderheiten. Es bleibt dabei. Ich werde nie mehr eine längere Rucksackwanderung machen. Das Rumlatschen mit Last auf dem Rücken, das Suchen und Hoffen auf einen Schlafplatz, die Ungewissheit wie der nächste Tag aussieht, der bange Blick zum Himmel ob sich das Wetter noch hält, das Unterwegssein, kurz alles was mich am Weitwandern so fasziniert hat, ich brauch's nicht mehr. Mit dem Wetter letzte Nacht hat das nichts zu tun, im Nachhinein hat der nächtliche Einsatz sogar Spaß gemacht. Es ist einfach so. Ich hör auf. Fertig, aus, vorbei!

Als ich meiner Frau ankündige, dass ich nach Hause komme und ihr die Gründe dafür nenne, ist die so überrascht, dass sie mir vorschlägt, ich soll bis Ende Mai Campingurlaub machen. Dann kommt sie ja eh nach Porto. Jetzt bin ich der Überraschte. Nein, kommt nicht in Frage. Innerhalb einer Stunde hat sie mir einen relativ preiswerten Rückflug für den nächsten Tag gebucht. Immerhin.

Ich brauche jetzt jemand der mich mit Kaffee versorgt. Die Holländer sind weg. Deren Rolle übernimmt Mary. Mary ist Ende 50, kommt aus England und hat sich im letzten Herbst auf den Weg gemacht, um, wie sie es nennt, "das größte Abenteuer meines Lebens" zu bestehen. Ihre erste Reise ohne Mann, dafür aber mit umgebautem Kombi, der als Camper herhalten muss. Ihr Reiseziel: Europa, also das Festland, der Kontinent.

Mit einem Pott Kaffee in der Hand sitze ich auf der Mauer, die meinem Zelt letzte Nacht den Schutz verweigert hat und höre Mary zu. Mary ist eine Frau, die, wenn sie warm geworden ist, einem ihre ganze Lebensgeschichte erzählt.
Mehr als 30 Jahre Ehefrau, Hausfrau, Mutter, dann Oma, Mädchen für alle und alles, dann Witwe. Drei Wochen später war sie weg. Der umgebaute Kombi stand beim Gebrauchtwagenhändler zwei Straßen weiter. Die englische Post hat ihren vier Kindern vier identische Postkarten mit identischem Text zugestellt. Inhalt: Bin mit dem Auto nach Europa unterwegs. Bleibe länger weg. Habe kein Telefon mit. Löst eure Probleme allein. Mary, Mutter und Ex-Mädchen für alle und alles.

Seitdem erlebt und lebt Mary ihr Abenteuer, denn Mary war nie weg. Sie fällt von einem Schock in den nächsten, von einem Staunen zum anderen. So habe sie nie einen Gedanken daran verschwendet, dass "die" in Europa auf der falschen Seite fahren. Jetzt im April, sie ist schon Monate unterwegs, hat sie sich immer noch nicht daran gewöhnt. Zwei kleine Unfälle hat es deshalb schon gegeben. Oder die Sprache. Englisch, Mann, Englisch wird doch auf der ganzen Welt gesprochen. In Belgien, über das sie in Europa eingefallen ist, ging es ja noch. In Frankreich war Schluss mit dem Sprachverständnis. Spanien war auch nicht besser. Was für ein Theater als Mary vergisst, wo sie ihr Auto abgestellt hat. In einem kleinen spanischen Städtchen hat sie nur einkaufen wollen; danach hat Mary ihr Auto nicht mehr gefunden. Die Polizei in Villafranca de los Barros hat sie schließlich in eines ihrer Autos verfrachtet und ist solange durch die Straßen gefahren, bis sie ihre Karre entdeckte.
Ich staune, nicht nur über die Schusseligkeit und das Beharrungsvermögen dieser Frau, nein, ich kenne das spanische Nest. In Villafranca de los Barros war ich im März 2007, die Vía de la Plata läuft da durch.
Nun ist Mary an der Reihe mit dem Staunen. Ich bin der Erste, der dieses Nest kennt. Als ich ihr sage, dass ich vermutliche einer der Wenigen bin, der einschätzen kann, wie schusselig man sein muss, um in diesem Nest sein Auto nicht wiederzufinden, muss sie schallend lachen.

Mary will noch bis zum Sommer an der Algarve bleiben, hier kommt sie mit ihrer Muttersprache ganz schön weit, und dann spontan entscheiden wohin es geht. Genaue Vorstellungen hat sie nicht, bis auf eine: England wird nicht das nächste Ziel. Wenn sie sparsam mit der Witwenrente und den Ersparnissen umgeht, kann die Reise noch sehr lange dauern.

Um mir die Zeit zu vertreiben, mache ich einen Spaziergang am Strand entlang bis kurz vor Albufeira. Für die fast 20 Kilometer brauche ich nicht mehr an Ausrüstung als eine kleine Wasserflasche und mein Portemonnaie. Es gibt genügend Bars am Strand. So macht das Wandern Spaß. Sonne, Wind und leichtes Gepäck. Hier eine Tasse Kaffee, in der übernächsten Strandbar ein Fruchtsaft oder ein Eis. Mit dem Bus geht es stressfrei wieder zurück.

Das abendliche Resümee fällt positiv aus: Ein gelungener Urlaubstag.


Samstag, 19. April 2008 Zurück auf Los


Heute geht es endlich heim. Vor Tagen hätte ich mich darüber geärgert, jetzt freue ich mich unbändig. Natürlich könnte ich mit Bus oder Taxi zum Flughafen fahren. Jedoch, ich bin zu Fuß hier angekommen, also gehe ich auch zu Fuß wieder zurück. Was soll ich auch sonst mit dem Tag anfangen?

Mein Flug geht zwar erst nach 16 Uhr, trotzdem will ich früh los. Um halb acht stehe ich vor der verschlossenen Rezeption. Nur ein Wachmann ist da, der gegen die Müdigkeit ankämpft. Noch keine Saison, meint er, und tippt das Schild mit den Winteröffnungzeiten an. Oha, vor 9 Uhr wird das nichts. Gelegenheit für eine ausgiebige Betrachtung des Himmels über Portugal. Sieht aus wie zu Hause: blau mit weißen und hellgrauen Wolken. Vermutlich wird es ein schöner, wenn auch windiger Tag werden.
Die Frau, die mir den Pass aushändigt, ist gegenteiliger Meinung. Nach ihrer Erfahrung wird der Tag kalt - na ja, für Südländer bestimmt - und regnerisch werden.

Sie sollte Recht behalten. Am Strand bläst der Wind schon wieder kräftig und reißt Schaumfetzen von den Wellenkämmen. Vom Meer drängen schwarze Regenwolken so schnell an Land, dass ich es nicht schaffe rechtzeitig unter den Poncho zu kommen. Scheiß Wind. Einmal bläst der den Poncho zu einem Ballon auf, um ihn dann wieder zu einem unförmigen Stück Kunststoff zu knüllen. Ich bin mal wieder von Kopf bis Fuß nass. Nicht ganz. Die Füße sind noch trocken, und damit das so bleibt, ziehe ich diesmal beim Furten die Schuhe aus. Geht doch!

Als ich wieder die Fischersiedlung erreiche, hat die Sonne schon lange die Wolken vertrieben. Es könnt ein perfekter Tag werden. Ich könnte ja noch bleiben, überlege ich bei einem Kaffee, und mache mich dann doch recht zügig an die letzten Kilometer zum Flughafen. Bloß nicht schwach werden.


Sandkastenspiele II


Sonntag, 20. April 2008 bis Sonntag, 27. April 2008


[img-r]http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/P3Q1.jpg[/img-r] Sonntag: Wieder Einleben muss ich mich diesmal nicht. Kaum weg, schon wieder da. Meine Nachbarn haben überhaupt nicht gemerkt, dass ich weg war. Und das soll was heißen! Da ist aber noch der Flug, der meine Frau Ende Mai nach Porto bringen soll. Jetzt treibt mich zwar nichts mehr nach Porto, aber meiner Frau fehlt noch ein Jakobsweg in ihrer Sammlung. Tuifly hat noch einen preiswerten Platz für den selben Flug frei, den ich dann sofort buche.

Montag: Bis auf das Auspacken des Rucksacks ist wieder Alltag eingekehrt. Nur aus Neugierde und weil es so einfach ist, schaue ich im Netz nach dem Wetter in Portugal. Angenehme 20 bis 23 Grad und Wind aus Westen in Stärke 3 bis 4. Ich hätte direkt an die Westküste fahren sollen. Na ja, nun ist es zu spät.

Dienstag: Die Westküste ist immer noch im Kopf. Wenn ich die Algarve streiche und in Lagos anfange, dazu für ein paar Tage aufs Tempo drücke ... Mal sehen ob Tuifly, denn an die bin ich nun wegen der dann fälligen Umbuchung gebunden, einen preiswerten Flug nach Faro hat. Am besten innerhalb der nächsten Woche. Tuifly hat: 169 Euro.

So bescheuert kann man doch nicht sein, beschließe ich, und verscheuche den Gedanken wieder. Wenn ich meiner Frau damit komme ...

Mittwoch: Der Gedanke ist wieder da. Eigentlich war der die ganze Nacht da. Tuifly lockt immer noch mit 169 Euro. Ich glaub ich mach's. Seit gestern ist der Frust übers Wandern wie weggeblasen. Kann man so blöd sein? Man kann!
Bevor ich den Flug buche, muss ich aber mit meiner Frau sprechen. Ein Anruf auf der Arbeit wäre in dem Fall wahrscheinlich äußerst kontraproduktiv. Besser ist es auf den Nachmittag zu warten. Von Angesicht zu Angesicht lassen sich solche Dinge besser erklären. Das war leider ein Irrtum. Ungläubiges Staunen, gepaart mit dem Finger der zur Stirn wandert, gefolgt von einem kategorischen "Nein", sind die Folgen meiner Bemühungen. Zehn Minuten später kommt das Okay.
So schnell kann das gehen: Vom Vormittag auf den Nachmittag sind alle Flüge nach Faro ausgebucht. Der nächste bezahlbare Flug geht erst am 5. Juni. Das ist viel zu spät. Und nun?

Der einzig bezahlbare und vom Zeitrahmen passende Flug den Tuifly im Augenblick anbietet führt nach Bilbao. Bilbao? Camino del Norte? Einfach umplanen? Warum nicht? Der Camino del Norte kommt nicht in Frage, wenn dann auf den "richtigen" Camino auf [i]den Jakobsweg. Jubel, Trubel, Heiterkeit auf dem Trampelpfad der Welt. Angeblich, wenn man den Berichten glaubt, ist das da so. Ich war noch nicht da, ich wollte da auch nie hin. Von einer Sekunde auf die andere freue ich mich drauf. Dass viele Pilger angeblich Probleme damit haben ein Bett zu ergattern, stört mich nicht. Immerhin bin ich so gut zu Fuß, dass ich den meisten weglaufen werde. Und vor dem Pennen unterm freien Himmel habe ich keine Angst.

Donnerstag: Eine Wegbeschreibung für den Camino Francés ist seit heute in meinem Besitz. Vor ein paar Jahren hätte das Büchlein extra bestellt werden müssen, heute fehlen diese Bücher in keinem Buchladen.

Freitag: Rucksack packen und vor der Katze verstecken. Die wird immer fürchterlich nervös, wenn sie gepackte Rucksäcke sieht. Alleinsein mag Lissy überhaupt nicht. Bei 7,5 Kilo bleibt die Waage stehen. Der 40-Liter Rucksack ist mal grade zu Hälfte gefüllt, der Kram könnte auch ins Daypack passen. Da packe ich doch lieber meine auf 1,40 Meter abgeschnittene und mit Rundecken versehene 5 Millimeter Notfallmatte dazu. Die lässt sich schön falten und wird ganz unten verstaut.

Samstag: Die endgültige Planung steht nun auch. Am 29. April werde ich in Pamplona starten und alleine bis Santiago gehen. Geschlafen wird nach Möglichkeit nur in Herbergen. Von Santiago werde ich mit dem Bus nach Porto fahren und dort am 28. Mai meine Frau treffen. Am nächsten Tag werden wir gemeinsam über den Caminho Portugûes nach Norden, bis Santiago, gehen. Von da weiter über den Camino Fisterra das Ende der Welt erreichen. Macht zusammen etwas mehr als 1.000 Kilometer. Soweit die Planung.

Sonntag: Nix besonderes. Ich freu mich mal wieder wie ein Schneekönig.

SwissFlint
27.06.2008, 17:37
irgendwie traurig...
bin aber gespannt wies weitergeht...

Harry
27.06.2008, 20:44
Hallo Werner,
schön wieder von Dir lesen zu dürfen.

Schade. Oder vielleicht war es ja auch gut so. Ich weiß es nicht. Wird sich zeigen.
So kann es gehen wenn einem die Motivation oder Lust flöten geht.

Du hast an der Portugaldurchquerung lange geplant oder nicht?
Aber sag niemals nie....
Den Virus wird man glaube ich nicht wieder los. Hoffe ich doch zumindest


Zitat:
Scheiße! Als ich mich bücke, gerät der Wind unter die Regenjacke und schiebt das Stück Plastik über Kopf, so dass ich nichts mehr sehe. Verdammtes ultralight Gedöns. Nicht bücken, hinhocken!


Hammer, :bg: da musste ich ja lachen und konnte es mir gut vorstellen.


Aber ähnlich war es bei meinem ersten Urlaub diesen Jahres auf Sardinien auch.

Gruss

Harry

bergzwerg61
27.06.2008, 21:06
um den dann fertig auf einen Rutsch hier reinzustellen, habe ich schon lange aufgegeben. Das wird nie was. Dafür bin ich zu faul. Ich brauche die tägliche Mahnung eines Fragmentes, den Tritt in den Hintern. Etwas Geduld bitte, es wird schon werden.

Schon dieser Anfang ist außerordentlich sympathisch, das bisher erzählte auch, bin neugierig auf mehr....

Rainer Duesmann
28.06.2008, 08:47
Hallo Werner,
willkommen im Club. Auch mir machte ein "Motiationstief" hervorgerufen durch schlechte Physis im April einen Strich durch die Wanderechnung. :bg:
Ich brach meine geplante Rest West-Highland-Way/Kintyre-Way Wanderung nach dem WHW ab, buchte den Rückflug eine Woche vor und kehrte heim.
Es dauerte bei mir eine Woche bis der Entschluß feststand: Ich will wieder hin und zuende bringen was ich angefangen habe! :motz:
Meine Frau grinste nur bei meiner Beichte und sagte: "Da hab ich schon mit gerechnet..." ;-)

Jetzt gehts also im September wieder für eine Woche zum Kintyre-Way und ich bin wieder glücklich am planen (und joggen! Nie wieder ohne ausreichende körperliche Vorbereitung auf Tour!).

Ich kann Dich also bestens verstehen. Du solltest Dir allerdings überlegen ob Du die ursprünglich geplante Tour doch nicht noch mal machst. Sonst bleibt da immer so ein fieser Gedanke im Hinterkopf: Hätte ich doch... :grins:

Ich freue mich schon auf Deine Vorsetzung.

Beste Grüße,
Rainer

Werner Hohn
29.06.2008, 17:56
...
Du hast an der Portugaldurchquerung lange geplant oder nicht?
Aber sag niemals nie....
Den Virus wird man glaube ich nicht wieder los. Hoffe ich doch zumindest

Aber ähnlich war es bei meinem ersten Urlaub diesen Jahres auf Sardinien auch.

So viel Planung war es nicht. Ich hab zwar früh angefangen, dann aber gemerkt, dass es nicht viele Infos gibt und es dabei bewenden lassen.

Vor deinem Wetterpech auf Sardinien habe ich gelesen. Trekkingforum oder?


Schon dieser Anfang ist außerordentlich sympathisch, das bisher erzählte auch, bin neugierig auf mehr....
Bis Ende der Woche werde ich wohl wieder was gebastelt haben.


...

Ich kann Dich also bestens verstehen. Du solltest Dir allerdings überlegen ob Du die ursprünglich geplante Tour doch nicht noch mal machst. Sonst bleibt da immer so ein fieser Gedanke im Hinterkopf: Hätte ich doch... :grins:

Ich freue mich schon auf Deine Vorsetzung.

Beste Grüße,
Rainer
Aha, ich wusste doch, dass noch ein Reisebericht fehlt, besonders einer mit schönen Fotos aus dem Norden der Insel. Mach mal hinne! ;-)

So viel Zeit wie in den letzten beiden Jahren, werde ich in den kommenden vermutlich nicht mehr haben. Wenn es hoch kommt maximal 4 Wochen am Stück. Die große Portugaldurchquerung wird noch etwas warten müssen.

Aber damit Portugal diesmal nicht wieder in der Versenkung verschwindet, werden meine Frau und ich Anfang Oktober nach Faro fliegen, dort in den Zug nach Lagos steigen, und die Atlantikküste bis Lissabon hochgehen. Soweit unsere Planung. Die Flüge sind jedenfalls schon gebucht.

Grüße, Werner

Juno234
30.06.2008, 09:43
Schön geschrieben, Werner :)
Es grüßt der faule Juno/Reinhard, der immer noch mit der Via de la Plata zugange ist :bg:

Nicki
30.06.2008, 16:20
Sehr schön geschrieben- macht richtig Spaß.....

Gruß Folko

KuchenKabel
30.06.2008, 21:18
Echt klasse geschrieben! Als bekennender Lesemuffel muss ich doch gestehen, dass mich dieser Bericht sofort gefesselt hat. Deshalb: Weiter machen! Und zwar zügig bitte :bg:.

Werner Hohn
06.07.2008, 20:34
Camino Francés – Der Trampelpfad der Welt

Montag, 28. April 2008 Rucksäcke zählen
Etappe: keine
Tageskilometer: 0 Gesamtkilometer: 0
Unterkunft: Herberge „Jesús y María”, der Jakobusgesellschaft von Navarra in der ehemaligen Jesuitenkirche aus dem 17.Jh.

http://fotos.outdoorseiten.net/data/28/Altstadt_Pamplona.jpg http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/e1-h.jpg
Pamplona - Altstadt und Herberge "Jesús y Maria"


Ob es der Trampelpfad der Welt ist, steht auf dem Flughafen der nordspanischen Küstenstadt Bilbao noch nicht fest. Erste Anzeichen deuten jedoch darauf hin. Wenn ich die Rucksäcke auf dem Gepäckband als Maßstab nehme, wird es sicherlich darauf hinauslaufen. Während des Fluges habe ich nur vier Wanderer, meinetwegen auch Pilger, gezählt. Völlig überraschend spuckt das Gepäckband jedoch überwiegend Rucksäcke aus. Die Rucksäcke liegen so dicht auf dem Band, da ist Zählen zwecklos. Große und kleine, alte, neue, überwiegend ganz neue. Vermutlich hat der Großteil der Rucksäcke noch keinen Kilometer Frischluft geschnuppert. Es sind so viele, dass ich prompt den falschen Sack vom Band abgreife, was sich aber schnell klärt.

Im Bus nach Pamplona stellt sich dann raus, dass der Großteil heute noch weiter will. Entweder bis nach Roncesvalles in den Pyrenäen, oder sogar bis Saint-Jean-Pied-de-Port in Frankreich. Das ist der „offizielle“ Startpunkt des Caminos. In Saint-Jean muss man anfangen, wenn man den ganzen Camino machen will, werde ich noch im Bus belehrt. Von mir aus, soll jeder machen wie er will. Ich fange in Pamplona an. Streng genommen fängt eine Pilgerung nach Santiago an der eigenen Haustür an, alles andere ist weder Fisch noch Fleisch. Vermutlich werde ich mir mit dieser Einstellung nicht besonders viele Freunde auf dem Weg machen. Das Gesicht meines Gegenübers spricht jedenfalls Bände.

Zu viert, der Rest ist uns irgendwie durch die Lappen gegangen, landen wir am späten Nachmittag in der Herberge. Junge, Junge! 140 Betten in einem Raum der sich über zwei Etagen erstreckt. Sauerstofftechnisch und akustisch wird das bestimmt ein Erlebnis.

Rosi, Anfang 50 und eine "Kerkeling-Pilgerin", will sich aus verständlichen Gründen diese und auch alle anderen Herbergen nicht antun. Ich helfe ihr bei der Suche nach einem Zimmer und wir verabreden uns für den nächsten Morgen. Wir werden gemeinsam losziehen.

Außerhalb der wilden Fiesta Anfang Juli, wenn mehr oder weniger besoffene Spanier und Touristen sich ein Wettrennen mit Stieren liefern, gibt sich die Großstadt am Fuße der Pyrenäen fast kleinstädtisch. Die Altstadt lässt mich jedenfalls vergessen, dass Pamplona eine der größten spanischen Industriestädte und die Hauptstadt Navarras ist.
Leider muss ich gegen 22 Uhr 30 wieder in der Herberge sein, denn dann wird die Tür verschlossen. Raus kann man zu jeder Zeit, hinein nur, wenn man jemanden hat, der einem die Tür öffnet. Das kannte ich bisher nicht. Auf der Vía de la Plata hatten wir den Schlüssel, oder das Haus war immer offen.

Bei Licht betrachtet, war es ein einfacher aber schnöder Anfang, denke ich, als ich dem internationalen Schnarchkonzert lausche und wegen Sauerstoffmangels nicht einschlafen kann. Irgendwas fehlt. Nur was? Vielleicht, das Abenteuerliche oder das Einzigartige.

Dienstag, 29. April 2008 Aus meiner Haut kann ich nun mal nicht raus
Etappe: Pamplona – Puente la Reina
Tageskilometer: 28 Gesamtkilometer: 28
Unterkunft: Herberge des Priesterseminars

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Ehemaliger Adelspalast bei Guendulán, Puerto del Perdón


Rosi hole ich wie abgesprochen um halb neun vor ihrem Hostal ab. Um diese Uhrzeit sind wir bei den Letzten, die sich auf den Weg aus der Stadt machen. Völlig überraschend holen wir Christiane und Sebastian noch innerhalb der Stadtgrenzen ein. Ja Leute, es bringt nichts, wenn man früh aufsteht und die gewonnene Zeit in einer Bar wieder hergibt. Die beiden kennen wir aus dem Bus und aus der Herberge. Wir werden wahrscheinlich für heute zusammenbleiben. Abgesprochen haben wir das nicht, aber für den Anfang stimmt die Wellenlänge und zudem freue ich mich über ein bisschen Unterhaltung.

Wenn hier schon Andrang wie beim Sommerschlussverkauf ist, kann ich mir auch die passende Begleitung raussuchen. Und genau hier beginnt für mich das kleine Abenteuer. Einzigartig ist es eh. Mit vielen anderen Menschen wandern, eventuell über mehrere Tage, das war für mich nicht vorstellbar. Mit einer Person, meist meine Frau, oder wie im letzten Jahr 900 km mit Martín, einer spontanen Bekanntschaft vom Weg, dass macht mir Spaß. Aber das hier wird wirklich eine Premiere: Wir sind zu viert. Altersmäßig reicht das von Ende zwanzig bis Mitte fünfzig. Der gemeinsame Nenner, der uns zusammen gebracht hat, ist die Anreise und das Ziel. Wir wollen alle nach Santiago.

Christiane war schon im letzten Jahr dort, allerdings auf einer verkürzen Strecke und muss diesmal nicht unbedingt Santiago erreichen. Wenn’s hinhaut ist’s schön, wenn nicht, na ja. Sebastian ist genau wie Rosi blutiger Anfänger und hat mehr Gottvertrauen als Wandererfahrung. Rosi hat überhaupt keine und wird zwischendurch mal den Bus nehmen. Sie ist in dem Punkt ganz realistisch. Alles zu Fuß wird sie niemals schaffen. Es liegt nicht nur an mangelnder Kondition, gesundheitlich ist die Frau auch nicht ganz auf der Höhe. Rosi ist sogar ein ganzes Stück weit davon entfernt, jedenfalls weiter als die meisten auf dem Weg.

Nach nur drei Stunden beende ich das Gruppenexperiment. Es funktioniert nicht. Ich kann das nicht. Da wird hier ein Umweg gemacht weil jemand noch Wasser oder ein Brot braucht; dann taucht ein Fotomotiv auf, das nach einem Gruppenfoto schreit. Dabei mag ich Fotos mit Menschen vor Landschaften nicht. Entweder Landschaft, Gebäude oder Mensch. Alles kann nicht im Mittelpunkt stehen. Als nächstes wird eine Pause angeregt, meist nach kurzem Aufstieg, oder um auf die unvermeidlichen Nachzügler zu warten. Kurz, wir kommen nicht voran.

Wie oben schon geschrieben: schon nach drei Stunden habe ich mich aus dem Staub gemacht. Ich will und kann das nicht. Für eine Wanderung von knapp 30 Kilometer brauche ich keine fünf Pausen. Eine reicht vollkommen – wenn überhaupt. Auch muss ich mein Tempo gehen können, und das ist nun mal etwas höher als bei vielen.

Mit Rosi war das so abgesprochen. Uns war klar, das ich ihr davonlaufen werde. Nur gemeinsam aus der Stadt raus, dann würde sie schon klarkommen. Sebastian und Christiane lasse ich bei einer Pause zurück. Die zwei wollen auf Rosi warten, die am Aufstieg zum Perdón-Kamm weit zurück gefallen ist.

Und hier, kurz vor dem Nest Zariquigui, beginnt meine Wanderung. Endlich kann ich mein Tempo gehen. Endlich kann ich mir den Frust über die abgebrochene Portugal-Tour von der Seele laufen. Die latent schwebende Wut, die sich über den ganzen Morgen langsam aufgestaut hat, lässt sich jetzt wunderbar in Grund und Boden laufen. Nein, die Wut kommt nicht von den Dreien, die kommt vom Massenandrang.

Das ist hier wie beim Volkswandertag, die ich meide wie die Pest. Wie Ameisen, mal alleine, mal als Paar, oft als Gruppe ziehen die Pilger, und als solche verstehen sich fast alle hier, übern Camino. Bis auf zwei Spanier, die ohne Gepäck unterwegs sind, überhole ich alle. Spanier, natürlich meine Landsleute, viele Franzosen, Engländer und Asiaten. Man hört es beim Grüßen oder sieht es ihnen an woher die Menschen kommen Es ist unbeschreiblich wer hier alles unterwegs ist. Auf der Passhöhe Puerto del Perdón zähle ich fast dreißig meist erschöpfte Wanderer, die sich hier auf immerhin 800 Meter den kühlen Wind um die Nase wehen lassen.

Ohne Pause weiter. Gehen, einfach nur gehen. Mit niemanden reden müssen, ein paar kurze Stopps für ein Foto oder den Schluck aus der Wasserflasche. Irgendwann verraucht dann auch meine Wut. Immerhin bin ich ein Teil dieses Herdenauftriebs, was mich erwartet wusste ich ja schon im Voraus.

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Eunate


Eunate ist das Paradies, denn Eunate liegt nicht am Camino Francés, jedenfalls nicht am Hauptweg. Nur wer den Aragonesischen Weg nimmt und am Somport-Pass startet kommt hier direkt vorbei. Das machen zum Glück nur wenige, die 4 Kilometer Umweg, das Verlassen des Navarrsichen Weges, der Hauptroute, schrecken ab. Die große Masse kommt nun mal über den Navarrischen Weg, somit über Pamplona und lässt folglich Eunate links liegen.

Eunate, das ist eine kleine romanische Kirche, die einsam und abgelegen inmitten von Feldern und Weinhügeln liegt, deren Ursprung immer noch nicht ganz geklärt ist. Weder sind die Bauherren bekannt, noch der Anlass warum ausgerechnet hier, weitab vom Schuss, dieses Bauwerk errichtet wurde.
Mir soll es egal sein, denn Eunate gehört nur mir alleine. Nach einer kurzen Besichtigung, groß ist das Kirchlein ja nicht, auch zähle ich nicht zu denen, die andachtsvoll vor jedem romanischem Bogen verweilen, lege ich mich auf die Wiese.

Es ist ruhig hier. Keine Gerede, keine Stöckeklappern, kein Radfahrer, der mit lautem Ruf auf sich aufmerksam macht. Nichts! Wenn auf der nahen Straße nicht hin und wieder ein Auto vorbeifahren würde, wären das Zirpen der Grillen und gelegentliches Vogelgezwitscher die einzigen Geräusche. Über allem ein blauer Himmel, der von ein paar weißen Wolken aufgelockert wird. Hier könnte man länger bleiben. Ich weiß nicht ob ich eine halbe Stunde oder eine ganze auf der Wiese gelegen habe. Es hat jedenfalls gereicht, um mich mit dem Tag und Weg zu versöhnen – jedenfalls für den Rest des Nachmittags.

In Obanos treffe ich wieder auf den Hauptweg. Ab jetzt gibt es keinen Aragonesischen Weg oder Navarrischen Weg mehr. Hier beginnt der eigentliche Camino Francés. Von hier sind es nicht ganz 700 Kilometer bis Santiago. Vermutlich werden die nächsten Tage so werden wie der erste: Voll und laut, dafür aber internatonal. Die Bettenbelegung der Herberge in Puente la Reina ist so international wie die Vollversammlung der Vereinten Nationen. Wenn man kein Menschenfeind ist, wird es bestimmt nicht langweilig.

„He du, ja du!“ ruft eine Frau quer durch den Garten der Herberge. Sie meint tatsächlich mich, denn sonst steht niemand in Rufrichtung. Die Ruferin hört auf den Namen Maria, ist etwas älter als ich und will ebenfalls nach Santiago. Wohin auch sonst.

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Puente la Reina


Maria und ich haben den Camino gemeinsam gemacht (hier passt das Wort) ohne ihn zusammen zu gehen. Von den vielen hundert Kilometern zwischen Puente la Reina und Santiago de Compostela sind wir noch keine fünf Kilometer Seit’ an Seit’ gewandert. Wir haben oft in unterschiedlichen Herbergen genächtigt; sind immer zu unterschiedlichen Zeiten in den Tag aufgebrochen; aus verschiedenen Töpfen satt geworden und haben fast immer ganz andere Menschen getroffen. Wir sind noch nicht mal gemeinsam angekommen, sie war einen Tag vor mir am Ziel. Na ja, eigentlich nur eine Stunde. Und trotzdem: Wir waren meist zusammen unterwegs.
Vermutlich hat Maria mir den Camino gerettet. Nicht, dass sie das ahnt oder gar weiß, und erfahren muss die Frau das auch nicht. So, damit verschwindet Maria fürs Erste wieder in der Versenkung. Sie wird wieder auftauchen, wenn es sonst nichts zu erzählen gibt, dann aber „am Stück".

schlafsack
07.07.2008, 13:27
Auch wenn ich nicht wirklich ein "Südmensch" bin, muss ich sagen, dass dein Bericht an den Prototypen eines optimalen Reisebrichts nah herankommt. Persönlich, witzig, mit Bildern, kurz, einfach gut. Bitte lass die Pause bis zum nächsten teil nicht so lang werden, bittebitte.

hannes

outdoorfeelinggermany
07.07.2008, 15:33
Sehr schön Werner der Bericht gefällt mal wieder, der Schreibstil ist super!! Und nochmal vielen Dank für dein Mitbringsel ;-)
Aber der Camino frances scheint ja tatsächlich ne ziemliche "Autobahn" zu sein...

Liebe Grüße, Tobi

KuchenKabel
07.07.2008, 17:02
Der Beschnitt deiner Fotos gefällt mir immer besser. Passt zum Textfluss und verschönert das Gesamtbild ungemein!

carola_trekking
08.07.2008, 15:40
super geschrieben, macht unheimlich Spaß zu lesen!

Deine Beschreibung der Menschenmassen ist sehr gut. Wir sind damals am Somport- Pass gestartet. Die ersten Tage waren ein wundervolle Wanderung - bis uns in Puenta la Reina der Schock der Massen ereilte!

Alfadis
08.07.2008, 16:00
Auch mir gefällt dein Schreibstil sehr gut, es macht richtig Lust auf mehr!

Ich warte schon gespannt auf die Fortsetzung.

Werner Hohn
13.07.2008, 11:49
Danke für die Blumen. Es wird trotzdem nur langsam hier voran gehen. Zurzeit habe ich einen 10 bis 12 Stunden Arbeitstag, da fehlt schon mal die Motivation.

Werner

Werner Hohn
13.07.2008, 11:51
Mittwoch, 30. April 2008 Lauter Überraschungen
Etappe: Puente la Reina – Los Arcos
Tageskilometer: 42 Gesamtkilometer: 70
Unterkunft: „La Fuente - Casa de Austria” der Österreichischen Jakobusbruderschaft

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Cirauqui, Kloster Irache



Nur der Widerhall meiner Schritte ist in der langen Gasse zu hören. Es sind tatsächlich nur meine Schritte, denn alle anderen sind schon weg. Die Gasse führt zur Brücke der Königin, über die Puente la Reina verlassen wird. Obwohl der Zeiger der Uhr die Sieben schon hinter sich gelassen hat, ist um diese Zeit von den Einheimischen noch nichts zu sehen. Die meisten werden noch im Bett liegen, was man von meinen Mitbewohnern in der Unterkunft nicht behaupten kann.
Die ersten waren schon vor 5 Uhr auf den Beinen, um nach geräuschvollem Packen ihres Rucksacks ihrem Tagesziel entgegen zu eilen. Nur, wo mag das liegen? Wenn ich mich gestern Abend nicht verhört habe, wollen die meisten bis Estella. Mein Gott, das kann doch nicht wahr sein, bis zu dem Städtchen am Rio Ega sind es keine 22 Kilometer. Wollen die alle zu den Öffnungszeiten der Geschäfte (meist zwischen 9 und 10 Uhr) schon da sein. Vermutlich habe ich zum ersten Mal den Start zum „Bettenrennen“ erlebt. Davon habe ich einiges gelesen, meist im klagenden, ablehnenden Ton. Die Front der Neinsager soll ja groß sein, aber eine Absage wegen Teilnehmermangel hat es noch nicht gegeben.
Nur, wo sind die Leute jetzt? Die müssten alle vor mir sein. Auf weiter Flur bin ich alleine unterwegs. Einzig ein halbes Dutzend Spargelstecher, die gegen den drohenden Sonnenaufgang um die Wette arbeiten, sind zu sehen, sonst weit und breit keine Menschenseele.

Das frühe Losgehen hat auch seine Vorteile. So früh am Morgen ist es noch schön kühl und die Erde sieht wie frisch gewaschen aus. Doch der Kraft der Sonne werden Tau und die kühle, frische Luft nicht lange widerstehen können. Immerhin ist das hier Spanien.

Trotzdem die Frage bleibt: Wo sind die vielen Pilger, Radfahrer, Wanderer, Urlauber? Immerhin waren die Herbergen in Puente la Reina fast voll, die wenigen Hostals angeblich auch. In Mañeru dann endlich zwei Franzosen im Schneckentempo. Auf dem schönen Weg, der durch die Wiesen und Weinberge nach Cirauqui hinauf führt, bin ich wieder alleine. An der Bäckerei im mittelalterlichen Städtchen werden Tische und Stühle in die wärmende Sonne geschoben; jedoch sitzt keiner meiner Kollegen von gestern Abend hier bei einem Kaffee. Der steile Aufstieg im Zickzack durch den Ort muss für ein kleines Wettrennen mit einer alten Frau herhalten. Beinahe hätte ich verloren, der Duft der warme Brote in ihrer Einkaufstasche hat zu sehr abgelenkt.
Aha, an der Brücke aus dem Mittelalter wieder ein Wanderer, kurz darauf noch jemand. In Lorca sitzen vier auf der Mauer vor der Dorfkirche und drei Holländer wollen schon jetzt in die Herberge (und werden abgewiesen). In Villatuerta überhole ich Maria mit ihrem Begleiter, die beinahe 3 Stunden vor mir gestartet sind. Viel mehr ist nicht. Es tröpfelt nur so vor sich hin, obwohl es Pilger regnen müsste. Sitzen die alle in den Bars bei Cafè con Leche und Bocadillo?

Noch vor Mittag bin ich in Estella. Nach einen kurzen Stadtrundgang bin ich der Meinung, dass das Städtchen so toll nicht ist, um den ganzen Nahmittag hier zu vertrödeln und ändere mein Tagesziel auf Villamayor de Monjardín am Fuß des 900 Meter hohen gleichnamigen Hügels.

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Die Weinquelle // Vor Los Arcos


Sogar am kostenlosen Weinbrunnen, der Brunnen wird vom Weingut des Klosters Irache unterhalten, bin ich alleine. Nun bin ich aber wirklich platt. Hier, wo der Wein in Strömen, in Wahrheit ist es noch nicht mal ein Rinnsal, aus der Wand fließt, an diesem Ort, zu dem alle wollen, von dem jeder erzählt, hier an dieser Wand, die Tag und Nacht von einer Webcam belästigt wird, also wirklich, hier ist niemand. Nur ich. Toll, ein kostenloser Weinbrunnen nur für mich! Klasse, ich trinke seit Jahren keinen Alkohol mehr. Nie, sogar dann nicht, wenn er kostenlos aus der Wand einer spanischen Weinkellerei rinnt. Aber auch an Menschen wie mich wurde gedacht, denn aus dem zweiten Hahn läuft kaltes Trinkwasser.

Kühl ist es auch in der mächtigen romanisch-gotischen Kirche des Klosters. Der Kirchenraum kommt ganz ohne Schmuck und Ornamente aus und beeindruckt deshalb umso mehr. Nur nackter unverputzter Stein, dessen Konturen, die dort, wo das Licht der kräftigen Mittagssonne hinfällt, hell aufleuchten. Doch in den schattigen Ecken ist es bitterkalt, da braucht es schon einen Rundgang durch den Kreuzgang in dessen Innenhof sich die Wärme staut, um die Gänsehaut zu vertreiben. Außer mir ist niemand im Kloster, nur ein junger Mönch der mich durchgewunken hat.

Es ist ein schöner und einsamer Weg bis Villamayor de Monjardín. Weil die Sonne unbedingt zeigen muss, zu welchen Leistungen sie im kommenden spanischen Sommer fähig sein wird, bin ich nach dem steilen Anstieg schweißgebadet und beschließe trotzdem mein heutiges Etappenziel noch mal zu ändern. Es ist erst 2 Uhr und das Höhenprofil in meinem Wanderführer verspricht für die nächsten 12 Kilometer bis Los Arcos einen einfachen Weg.

Hinter Villamayor de Monjardín ändert sich die Landschaft schlagartig. Ein breites, sanft gewelltes Tal nimmt den Camino auf. Durch wogende, um diese Jahreszeit noch saftig grüne Getreidefelder, geht es nach Westen. Es ist schön hier. Das Auge findet Halt an den Hängen der Hügel links und rechts des Weges und kann doch in die Ferne schweifen.

Hier sind dann endlich mehr Mitwanderer unterwegs. Viele sind es immer noch nicht, aber immerhin. Beim Kaffee, den ein geschäftstüchtiger Engländer aus seinem Wohnmobil raus verkauft, natürlich gegen Spende, er wird jedoch sauer, wenn die Spende zu niedrig ausfällt, machen sich einige Holländer Sorgen um den Schlafplatz für die Nacht. Deren Sorgen teile ich nicht. Woher sollen die Leute kommen, die mir das Bett streitig machen sollen?

Donnerwetter! Ich bekomme das letzte Bett in der „Casa de Austria“ in Los Arcos, und das auch nur, weil jemand seine Reservierung nicht wahrgenommen hat. Dann erlebe ich eines der Wunder des Caminos: Obwohl einem die Wege tagsüber oft alleine gehören, platzen am Abend die Refugios aus allen Nähten. Meine Begleiter von vorhin kannten das schon, denn die hatten das schon vor Pamplona erlebt. Nach der österreichischen Herberge ist die belgische dran. Als die wegen Überfüllung ihre Pforten schließt, werden die Pilger an die Hostals und Hotels weitergereicht. Ein Bus mit Touristen, die immer nur ein paar Kilometer des Weges gehen, verschärft die Situation zusätzlich. Wanderer die abends kommen müssen den Bus nach Logroño nehmen. Die Alternative wäre das Schlafen unter freiem Himmel.

Zu denen die den Bus nehmen müssen, gehört ein altes Ehepaar aus Norwegen, das ich vor Villamayor getroffen hatte. Die beiden sind mit ihren Nerven fertig. Morgen werden sie ihren Camino abbrechen. Beide sind schon über 70 und wollen sich das Wettrennen nicht zumuten.

Welch' eine Überraschung! Nun bin ich mittendrin im berühmten Bettenrennen. Oder sollte das hier die große Ausnahme gewesen sein und das Gerede ist nur Panikmache? Irgendwie werde ich den letzten Gedanken nicht los, denn in den Bus nach Logroño steigen noch keine 15 Rucksackträger. Die zehnfache Menge hat im Ort eine Unterkunft gefunden und bevölkert nun die Bars und Restaurants.


Donnerstag, 1. Mai 2008 Die Ellbogengesellschaft gibt sich ein Stelldichein
Etappe: Los Arcos - Logroño
Tageskilometer: 29 Gesamtkilometer: 99
Unterkunft: Albergue de Peregrinos de Logroño (Gemeindeherberge)

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Sonnenaufgang hinter Los Arcos


Was für ein schöner Morgen. Wie ein lichter, kaum wahrnehmbarer Schleier liegt dünner Nebel auf dem Land und verhindert, dass die aufgehende Sonne die Landschaft in harten Konturen zeichnet. Noch ist alles ganz weich, unscharf gezeichnet. So könnte jeder Morgen anfangen. Offensichtlich bin nicht nur ich dieser Meinung. Immer wieder bleiben die Menschen stehen und schauen sich um, einige machen schon jetzt ihre erste Pause, um das Unwirkliche dieser frühen Stunde auszukosten. Am gemächlichen Aufstieg ins kleine Dorf Sansol hat die Sonne die Oberhand gewonnen. Klar und grün liegen die Felder vor uns.

Wortfetzen aus der halben Welt schwirren durch die Luft, denn an diesem Morgen sind viele unterwegs. Ein unaufhörlicher Strom zieht Richtung Logroño. Obwohl ich mich zur Nachhut rechne, bin ich von Menschen umgeben. Ohne Unterlass überhole ich Männer und Frauen; gelegentlich Einzelwanderer, dann wieder eine kleine Gruppe, sehr oft Paare. Meist sind es zwei Männer oder zwei Frauen, die sich gefunden haben. Gemischt sind wenige unterwegs, als ob der Camino einer Beziehung nicht gut tut. Vermutlich ist die Zusammensetzung aber nur Zufall. Ein paar Stunden weiter kann das wieder ganz anders aussehen.

An der kleinen achteckigen Kirche Santo Sepulcro in Torres del Rio rennen alle vorbei. Auch hier wieder unverputzter Stein mit wundervoller Steinmetzarbeit an Säulen und Kapitellen. Die Frau mit der Schlüsselgewalt knöpft mir einen Euro ab, drückt mir ein Faltblatt in die Hand, donnert krachend den Stempel in meinen Pilgerausweis und will mir was erzählen. Aus ist es mit der Ruhe und ich weg.

Mittags mache ich in Logroño vorzeitig Schluss. Ursprünglich wolle ich noch 2 bis 3 Stunden gehen, aber zum Einen stecken mir die 40 Kilometer von gestern in den Knochen und zum Anderen reiht sich vor der noch verschlossenen Herberge ein Rucksack neben den anderen. Kurzentschlossen stelle ich meinen ans Ende der Schlange und harre der Dinge die da kommen werden. Es geht locker zu, denn wir alle haben einen sicheren Schlafplatz und den ganzen Nachmittag Zeit für eine, wenn auch wenig aufregende Stadt. Mein Rucksack ist die Nummer 45 in der Reihe. Als die Herberge eine Stunde später öffnet, sind es schon 100. Die Gemeindeherberge hat jedoch nur 96 Betten. Schon sind die ersten hämischen Kommentare zu hören.

Später setzt sich das fort. Das Lockere, Entspannte von heute Mittag ist wie weggeblasen. Beim Wäschewaschen mokieren sich die Spanier über den Riesenandrang der Deutschen. Die wiederum hoffen, dass nach den Feiertagen die Spanier verschwunden sind, damit die „uns“ die Betten nicht wegnehmen. Ununterbrochen geht das so weiter. Meckern, Maulen, Besserwissen. Einigen Frauen für die wegen Überfüllung kein Platz mehr ist, werden sehr unschöne Kommentare nachgeschickt. Immerhin leise, aber ich sitze direkt daneben, und ich bin entgegen der Vermutungen meiner Banknachbarn kein Spanier.

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Sansol // Rucksäcke vor der Herberge in Logroño


Am nächsten Tisch sitzt eine Runde, die sich das Buch von Kerkeling vorgenommen hat. Da wird akribisch nach Fehlern gesucht, und natürlich auch gefunden. Dann wird bezweifelt ob der Komiker überhaupt auf dem Weg war, sogar seine Autorenschaft wird in Frage gestellt. Da sitzen sie, die Besserwisser und die Alleskönner, Männer, es sind tatsächlich nur Männer in meinen Alter, die sich kein X für ein U vormachen lassen und nichts Besseres zu tun haben, als sich endlos über ein Buch auszulassen. Himmel Gott noch mal. Ich bin auch kein Freund von der Schwarte, aber muss man sich wirklich ernsthaft darüber echauffieren? Das Buch beschreibt eine Wanderung, die vor sieben Jahren stattfand. Seitdem hat sich sehr viel geändert; und mit Sicherheit hat der Autor sich hier und da kleine schriftstellerische Freiheiten genommen.

Auf einer Bank im Schatten sitzen zwei junge Mädchen aus Korea und bewachen ihre Wäsche, die in der Sonne brutzelt. Ja, wirklich, aus Angst die könnte geklaut werden, werfen die ein Auge auf die paar Klamotten. Mädels, wer soll sich an Wäsche eurer Größe vergreifen?

Andere hecheln ihr Berufsleben rauf und runter und unweigerlich taucht die Frage nach dem Beruf des Gegenüber auf. Die Folge ist, dass lautstark der meist langweilige Arbeitsalltag erklärt wird. Heldentaten gegen den Chef machen die Runde und selbstverständlich sieht sich jeder als Leistungsträger, der die Firma am Laufen hält. Mann, Frau, könnt ihr nicht ohne die Arbeit?

Der Ölpreis, die Krankenkassen, die Politik, kurz, der ganze Alltag aus der Heimat haben viele unbemerkt mit in den Rucksack gesteckt. Hoffentlich bleibt der ganz Müll, jetzt wo er ausgepackt ist, auch hier zurück.

Das Pflegen der Vorurteile feiert fröhliche Urstände, denn am nächsten Tisch wird mal wieder auf die Spanier eingedroschen, verbal, was sonst. Was haben die denn hier zu suchen? Und überhaupt, wo die auftauchen ist es immer laut. Die feiern bis nach Mitternacht; und viel schlimmer, die halten sich gegenseitig die Betten frei.
Dafür stehen die Deutschen viel zu früh auf, sind zu laut (immerhin eine Gemeinsamkeit), zu diszipliniert und nehmen uns Spaniern die Betten weg, höre ich von der anderen Seite. Auch Spanier können sich endlos über ihre Nachbarn auslassen.

Dass ist das große, alles verbindende Thema, der angebliche Mangel an Betten. Vermutlich ist das auch die Ursache für die schlechte Laune. Der größte anzunehmende Unfall der einem Pilger der Gegenwart zustoßen kann, ist, dass er kein Bett in einer Herberge bekommt. Hotels, Hostals, Pensionen? Nä, auf keinen Fall, da schläft man als Pilger nicht! Warum eigentlich nicht? Und eine Nacht unter freiem Himmel? Bloß nicht drüber nachdenken. Überwiegend sind hier Leute unterwegs, die das kleine Abenteuer suchen. Aber bitte mit Rückversicherung, wie beim Pauschalurlaub. Das geht so weit, dass gar nicht mal so wenige am nächsten Tag den Bus nehmen wollen, um den Weg aus der Stadt raus zu überbrücken; und wenn es warm wird kann man ja auch die halbe Etappe mit dem Bus fahren. Damit wäre dann auch gesichert, schon am Mittag ein Bett zu bekommen.

Einfach aufs Geradewohl loslaufen und sich vom Tag überraschen lassen, dass können die Wenigsten. Der gestrige Abend in Los Arcos, wo die Herbergen schnell überfüllt waren, hat seine Spuren hinterlassen. Niemand gönnt seinem Nächsten ein Bett. Wer früh in der Herberge ist, wird schon mal pauschal als Bus- oder Taxifahrer verdächtigt.

Die Herberge hat einen schönen Innenhof, in dem man entspannen oder neue Menschen kennenlernen könnte. Vermutlich sind viele nette Menschen im Haus untergebracht, nur ich habe das Pech, dass die im Augenblick nicht da sind, wo ich gerade bin. Oder bin ich mal wieder nur auf das Negative fixiert? Will ich unbedingt meine Vorurteile über den Camino francés bestätigt sehen?

Beim Einschlafen in einem mal wieder völlig gegen die frische Nachtluft verriegelten Schlafsaal fällt mir auf, dass ich seitdem ich den Rucksack aufs Bett geworfen habe, mit niemanden geredet habe.


Freitag, 2. Mai 2008 Wer redet kommt auch ans Ziel
Etappe: Logroño - Azofra
Tageskilometer: 38 Gesamtkilometer: 137
Unterkunft: Albergue de Peregrinos de Municipal de Azofra (Gemeindeherberge)

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Friedhofsportal in Navarrete // Gegensätze // Altstadt Nájera



Mit dem Menschenauflauf werde ich mich abfinden müssen. Weil ich auch heute wieder zu den Letzten gehöre, die sich auf den Weg machen, werde ich vermutlich viele auf dem Weg wiedersehen, denn alle sind vor mir.
Einige Punkte sprechen eindeutig dafür: Mein Wandertempo ist viel höher und ich mache nur eine Pause – wenn’s sein muss auch mal eine zweite. Die große Masse bewegt sich im mehr oder weniger gleichen Tempo, macht auch öfter am Tag Pause beim obligatorische Café con Leche, trifft also überhaupt nicht auf die große Masse und wundert sich nachmittags wo die Leute alle herkommen.

Am Stadtrand höre ich mit dem Zählen auf, das bringt nichts. Dreißig sind es bis hierher schon. Ein Ehepaar aus Norddeutschland schüttelt auch nur den Kopf und wir haben für ein paar Minuten Gesprächsstoff. Später hält ein Österreicher einige Meter mit, abgelöst wird er von einem französischen Ehepaar. Die übliche Frage nach dem Woher, damit ist sowohl das Heimatland, der Startpunkt der Wanderung sowie der heutige Start gemeint. Das scheinen die Standardfragen zu sein. Fragen, von denen man sich einfangen lassen kann, auf die vielleicht ein längeres Gespräch folgt. Anderseits sind diese Fragen so selbstverständlich, dass man nach kurzer Antwort weiterziehen kann ohne den Gegenüber zu verletzen.

Zusammen mit einer Norwegerin wundere ich mich über das Portal, das uns den Zugang zum Friedhof von Navarette versperrt. Viel zu groß und viel zu aufwändig für einen kleinen Friedhof. Eine spanische Mitwanderin klärt uns auf. Das ist das ehemalige Portal des Pilgerhospitals von San Juan de Acre. Wir hätten auch in unsere Bücher schauen können, aber wenn’s einem so nett erklärt wird ... wofür hat man denn Mitpilger.

Auf einigen Strecken treten sich die Menschen fast in die Hacken, auf anderen sieht man weit und breit niemanden. Eine junge Koreanerin wird überholt. Langsam, mürrisch, trotzig schlappt sie dahin. Kein Gruß, nichts. Junge ist die schlecht gelaunt. Die gehört bestimmt zu der koreanischen Schulklasse, die auf dem Weg sein soll. Laut Gerüchteküche gehen die Schüler auf eigene Faust, nur jeweils ein Lehrer und eine Lehrerin halten die lockeren Zügel.

Gerüchte! Was man nicht alles erfährt, wenn man mit den Menschen redet. Jemand erzählt, dass sich der Umweg über Ventosa lohnt. Nun dann, einfach mal nachschauen. Ventosa ist wie alle Dörfer hier: Klein, ein Dorfplatz, ein Brunnen, ein paar Sträßchen, auch die Bar fehlt nicht und eine Herberge. Lohnenswert? Keine Ahnung, jedenfalls eine Abwechslung zur monotonen Staubpiste neben der Nationalstraße.

Als ich wieder auf die Hauptroute stoße, laufe ich Hermann über den Weg. Hermann kommt aus dem Allgäu, ist über dreißig, oder auch nicht, schafft in einem Krankenhaus, ist begeisterter Hobbygärtner, macht „so etwas“ zum ersten Mal und hat sich auf bemerkenswerte Weise auf den Weg vorbereitet. Hermann hat seinen Garten mit der Hand umgegraben, schließlich gibt das Muskeln an Schulter und Rücken.
Hermann passt. Er ist der Typ von denen die Welt mehr braucht. Hermann gehört zu den Menschen, die die Welt völlig locker sehen. Er hat nur ein Problem, Hermann baut Spargel im Allgäu an, und darüber macht er sich einen Kopp. Denn damit gehört er einer Minderheit an. Seine größte Sorge gehört dem Spargel, zur Erntezeit wird er nicht in seinem Garten sein. Andere Sorgen treiben ihn im Augenblick nicht um.

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Vor Azofra // Notunterkunft in Azofra



Das er in Los Arcos seinen Personalausweis verloren und nur dank eines aufmerksamen Einwohners wiederbekommen hat, nimmt er als gottgegeben hin; ebenso, dass er sein Credencial, den Pilgerausweis ohne den er kein Bett in einer Herberge bekommt, weg ist, stört ihn nicht. Irgendwie hat er erfahren, dass sein Ausweis in der Herberge von Logroño sein soll. Das stimmte schon, weil er aber einen Tag zu spät ist, hat die Finderin Hermanns Pilgerausweis mitgenommen und will den in Nájera in der dortigen Herberge zurück lassen. Hermann ist also auf dem Weg nach Nájera, genau wie ich.

Immerhin kann das Städtchen am Fluss Najerilla neben einer kleinen Altstadt mit einem sehenswerten Kloster aufwarten. Beides will ich mir ansehen. Für einen Nachmittag wird’s schon reichen. Auf der Brücke ändere ich mal wieder meine Planung. Es geht weiter nach Azofra, denn die Unterkunft hier öffnet erst um 16 Uhr. Wohin mit dem Rucksack? Vor der Herberge lassen, oder während der Besichtigung mitschleppen? Beides passt mir nicht. Na dann eben weiter. Hermann muss zur Herberge, um dort seinen Pilgerausweis abzuholen. Schade, er ist ein netter Kerl.

In der Altstadt findet ein historischer Markt statt. Klasse, ich dachte schon ich müsste bis Azofra hungern. Das Kloster ist leider verrammelt. Warum überrascht mich das schon nicht mehr? Vermutlich, weil beinahe jede Kirche und Kapelle hier verschlossen ist. Für einen Pilgerweg ist das schon seltsam.

Nicht nur die Landschaft ändert sich nach dem Aufstieg, der aus der Stadt rausführt, plötzlich bin ich alleine unterwegs. Nicht ganz, aber fast. Mal wieder eine Koreanerin, auch die ist in einem eigentümlichen Trott unterwegs. Immerhin grüßt sie zurück, wenn auch mürrisch. Die letzte halbe Stunde bleibe ich bei einem Spanier hängen. Schweigend, sogar träumend, so kommt es ihm vor, ziehen wir durchs hügelige Ackerland. Der Blick über die Weinreben bis zu den mehr als 2.000 Meter hohen schneebedeckten Bergen, die aus der kastilischen Hochebene ragen, ist genug Unterhaltung.

Um 2 Uhr sind wir da. Verwundert stelle ich fest, dass ich 38 Kilometer ohne Pause gegangen bin, ich das letzte freie Bett im Ausweichquartier bekomme und das einige Leute, die gestern in Logroño waren, vor mir eingetroffen sind. Sie sind einen großen Teil der Strecke mit dem Bus gefahren. Immerhin machen sie kein Geheimnis draus. Der moderne Pilger fährt halt gelegentlich Bus. Warum nicht, mir ist’s egal.

Wir sind zu zehnt in der ehemaligen Schule, die als Ausweichquartier dient. Wir, das sind ein paar Deutsche, eine Holländerin, ein Ire und ein Südkoreaner. Zusammen mit meinen Landsleuten sitze ich abends beim Pilgermenu und quatsche über die Arbeit, die Politik, den Ölpreis und den Müll, den man aus der Heimat mitschleppt. Hermann ist auch da und endlich hat er seinen Pilgerausweis wieder. Vermutlich hat er nie daran gezweifelt.

Angekommen? Noch nicht ganz, aber es wird.

Coenig
13.07.2008, 14:39
Hast Du eigentlich schon einmal überlegt ein Buch zu schreiben? Genau diese Art der Reiselektüre habe ich mehrfach erfolglos in Buchläden gesucht...

KuchenKabel
13.07.2008, 14:42
[...]bin ich nach dem steilen Anstieg scheißgebadet[...]
Das hoffen wir mal nicht :bg:.
Trotzdem: Weiter so!

Werner Hohn
13.07.2008, 16:41
Das mit dem "schei....." war nur ein Test. Wollte mal sehen ob es gelesen wird. ;-) Nee, danke für den Hinweis. Ich schieb's mal aufs Alter. Irgendwann werden dann auch noch die anderen Fehler verschwinden.

Ein Buch? Hm, ich weiß nicht. Es sind jede Menge Bücher übern Jakobsweg im Handel, und wer es nicht schafft eine Verlag zu finden, macht es als Book on Demand. Wem das noch zu teuer ist, der bastelt sich eine HP oder bietet ein PDF an.

Werner

cd
13.07.2008, 17:09
Wollte mal sehen ob es gelesen wird. ;-)
Aber natürlich wird das gelesen!

Ich finde diesen Bericht echt genial, toller Schreibstil, toll zu lesen, herrlich.
Außerdem finde ich es sehr interessant, zu lesen, wie es auf "dem" Jakobsweg so zugeht.
Weiter so, ich freue mich auf die Fortsetzungen! :D

chris

paddel
13.07.2008, 17:58
Aber natürlich wird das gelesen!

Ich finde diesen Bericht echt genial, toller Schreibstil, toll zu lesen, herrlich.
Außerdem finde ich es sehr interessant, zu lesen, wie es auf "dem" Jakobsweg so zugeht.
Weiter so, ich freue mich auf die Fortsetzungen!

Das kann ich nur bestätigen.

Super Bericht!!!

BlaesFevrier
13.07.2008, 23:13
Daß ich Dein "Geschreibsel" (http://forum.outdoorseiten.net/showpost.php?p=336559&postcount=15) für die Sahnestücke unserer Reiseberichte halte, hab' ich ja schon mal gesagt. Die anderen hier scheinen da auch meiner Meinung zu sein.
Aber Lust, den Weg auch zu laufen, machen mir Deine Zeilen nicht. Im Gegenteil: Du klingst - besonders im aktuellen Abschnitt - überwiegend eher sehr frustriert, kann das sein?

Werner Hohn
14.07.2008, 14:07
Ja, stimmt. Obwohl ich damit gerechnet hatte, war ich am Anfang doch sehr frustriert. Weniger tagsüber, eher abends in den Herbergen. Bergwanderer die viel in überfüllten Hütten übernachten können das eventuell nachvollziehen.

Gut, dass das so rübergekommen ist; hoffentlich kommt der Rest auch so rüber, denn es geht nicht so weiter.
Ein kleines vorgezogenes Fazit: Es war eine "Super Jeile Zick" um einen Kölner Bänkelsänger zu zitieren.

Werner

hotdog
14.07.2008, 14:31
Bemerkenswert, dass deine Bilder die Überfüllung nicht widerspiegeln. Wie lange musstest du an deinen Motiven ausharren bis kein Mensch mehr ins Bild gelatscht ist? Ich bin dafür immer zu ungeduldig...:roll:

Schöne Lektüre übrigens. Danke!

Juniper
19.07.2008, 21:55
Ich kann mich den anderen nur anschließen, Werner: ein toller Bericht !

Das der Camino ziemlich überfüllt ist, habe ich im Sommer 2003 auch so empfunden. Wir mussten damals mal einen Tag "gegen den Strom" wandern (hatte meinen Geldbeutel am Schlafplatz liegen lassen:b3ss8l3r:) und uns sind innerhalb der ersten 4 Stunden über 100 Leute entgegengekommen. Danach habe ich aufgehört zu zählen...

Werner Hohn
20.07.2008, 13:44
@ hotdog

Ich musste mich nur um 90° drehen, denn abseits des Weges geht niemand. Es kommen aber noch ein paar Fotos die den Andrang verdeutlichen.

@ Juniper

Aha, noch jemand der den Camino kennt. Es sind doch mehr in diesem Forum als gedacht. Bist du den ganzen Weg gegangen?

Vielen ist der Andrang immer erst am Nachmittag, in der Herberge aufgefallen. Weil fast alle das gleiche Tempo gehen, bekommt man beim Gehen den Anstrum überhaupt nicht mit.
Da ich nun mal zu denen gehöre, die auf solch einfachen Wegen relativ flott unterwegs sind, zudem mache ich fast nie eine Pause, habe ich jeden Tag das Feld von hinten aufgerollt und hat so einen guten Eindruck von der Konkurrenz.
Man geht aber nicht den ganz Tag im Pulk. Das verläuft sich relativ schnell. Spätestens an der zweiten Bar hat man alle überholt und ist beinahe alleine unterwegs.

Bis es hier weiter geht, wird es noch was dauern. Im Augenblick kann ich fast keine Zeit dafür abknappsen.

Werner

Werner Hohn
26.07.2008, 22:31
Samstag, 3. Mai 2008 Weites Land und ein unverhofftes Wiedersehen
Etappe: Azofra – Viloria de Rioja
Tageskilometer: 30 Gesamtkilometer: 167
Unterkunft: Refugio Acacio & Orietta

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/vil-berge-q-jpg.jpg
Meseta und Berge


Grüne Getreidefelder, die sich im Wind wiegen, dazwischen eine Staubpiste und in der Ferne die schneebedeckten Gipfel der Sierra de la Demanda. Keine Zäune, keine Mauern, von Wäldern ganz zu schweigen engen die Landschaft ein. Gelegentlich ein Baum mitten auf dem Feld, ein paar kümmerliche Sträucher am Wegesrand, roter Mohn, ein Zistrosenbusch, der in voller Blüte steht, hin und wieder ein gelber Pfeil, eine einsame Scheune, ein bröckelndes Wegkreuz - mehr Abwechslung wird dem Auge nicht geboten.
Hinter einem Hügel schiebt sich die Spitze eines Kirchturms hervor um den sich einige lehmbraune, verwitterte Häuser drängen. Kaum aufgetaucht, verschwindet das Dorf schon wieder hinter der nächsten Biegung, als wolle es sich vor den Fremden verstecken.

Gemächlich schlängelt sich die Piste durch die Felder, nimmt in sanften Kurven die nächste Anhöhe, fällt dann plötzlich steil in die flache Senke, um dann schnurgerade in der Ebene auszulaufen. Bis sich das Ganze wiederholt, Kilometer um Kilometer.

Ich bin auf der Meseta, auf der Hochebene die fast die ganze Iberische Halbinsel bedeckt, unterwegs. Es gibt Menschen, die wollen hier nicht hin, für die ist die Meseta eine Zumutung und nehmen folglich den Bus. Stundenlanges Gehen in vermeintlich monotoner Landschaft wirkt auf viele abschreckend. Auf mich nicht, ich will hierhin, und das wegen dieser angeblich monotonen Landschaft. Meditatives Gehen, seinen Gedanken freien Lauf lassen, nirgendwo kann man das besser als auf dem Weg durch die Meseta, ganz besonders um diese frühe Tageszeit.

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/vil-weg-q.jpg
Endlose Wege in der Meseta


Eigentlich sollte ich mich bei meine Mitschläfern aus der alten Schule bedanken, denn ich wollte viel später los. Gestern Abend hatte Jenny, die Frau kommt aus Holland und denkt praktisch, den Vorschlag gemacht; dass, wenn wir nur 10 Leute in der Notunterkunft sind, uns auch auf langes Ausschlafen einigen könnten. Leider hatte sie nur in mir einen Gleichgesinnten gefunden. Folglich irrten die Ersten wieder vor 6 Uhr mit ihren Taschenlampen durch den ehemaligen Klassenraum. Für Jenny ein gefundenes Fressen und Anlass für einen nicht sonderlich schmeichelhaften schriftlichen Kommentar an der Schultafel über die „bescheuerten“ Deutschen, immerhin auf Holländisch.

Jetzt, Stunden später, bin ich den Frühaufstehern dankbar. In Santo Domingo de la Calzada bin ich zwar so früh, dass ich die Kathedrale mit dem berühmten Hühnerkäfig verschlossen vorfinde, dafür laufen mir aber Hahn und Huhn in einem Weidenkorb übern Weg. Ein Mann bringt die Tiere in ihre „Unterkunft“, in die Pilgerherberge. Das Federvieh wird regelmäßig ausgetauscht und kann sich in der Pilgerunterkunft von den Strapazen des Kirchenlebens erholen.

Irgendwo zwischen der ehemaligen Bischofsstadt und Grañon laufe ich auf Marius auf und bleibe bei ihm hängen. Marius ist halb so alt wie ich, wohnt in Rheinhessen, will nur bis Astorga, denn den Rest bis Santiago hat er im letzten Jahr schon kennengelernt. Er weiß genau wo er heute hin will. Marius will nach Viloria de Rioja, dort soll es eine gemütliche und stimmige Herberge geben, die zudem auch sehr gepflegt sein soll. Unter „stimmig“ kann ich mir zwar nichts Genaues vorstellen, aber im Internet wird die Unterkunft anscheinend übern Klee gelobt. Mir soll’s auch egal sein, denn ich will nach Belorado, mindestens.

Marius hat nicht zuviel versprochen. Außen Schrott, innen Top. Frisch renoviert, sauber und was viel wichtiger ist, nur 16 Betten. Marius bleibt, ich auch. Belorado fällt aus. Wir haben die freie Bettenwahl, was um die Mittagszeit nicht weiter verwunderlich ist. Bei Orietta, sie ist aus Italien, und Acacio, er stammt aus Brasilien, die beiden betreiben die Herberge, hängt der Haussegen schief. Er surft nur im Internet, was ihr überhaupt nicht passt, denn die Arbeit bleibt an Orietta hängen. Solange hier nicht die Teller fliegen , soll es uns egal sein.

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/vil-gruen-q.jpg
Meseta und Hügel


Aber was macht man um diese Uhrzeit in einem Nest mit dreißig Häusern? Duschen, Wäsche waschen, eine Tasse Kaffee, Pilger gucken, fertig. Beim obligatorischen Rundgang durchs Dorf erfahren wir, dass es hier vor Jahren zwei Bäcker, einen Metzger und die obligatorische Bar gab. Sogar die gibt es nicht mehr. Eine freundliche Bewohnerin, die zusammen mit ihrem Schäferhund auf der Straße in der Sonne sitzt und uns das alles erzählt, spendiert Marius eine Dose Bier und mir ein Glas Wasser. Weil ihr das Glas Wasser doch zu schäbig vorkommt, bekomme ich zusätzlich eine Orange. Freundliches Spanien.
Und dann? Rumlungern vor der Herberge, was sonst. Weil kein anderer da ist und mir gerade danach ist, drücke ich Marius meine komplette Lebensgeschichte ins Ohr. Da er sich nicht sonderlich wehrt, die meiner Kinder direkt hinterher. Zeit totschlagen in der spanischen Provinz.

Nach und nach treffen unsere Mitschläfer für die Nacht ein. Ein altes Ehepaar aus Hamburg die gesundheitsbedingt nur Teilstrecken zu Fuß gehen; Paul, ein Deutscher der in Spanien lebt und Franco, ein Spanier aus Madrid. Es ist kaum zu glauben, die Herberge ist noch nicht mal zur Hälfte belegt. Woanders rennen die Leute damit sie ein Bett bekommen und hier kann man sich ausbreiten.

Als letzte, kurz vor dem gemeinsamen Abendessen, kommt noch Maria mit der niemand gerechnet hat. Orietta streckt still und heimlich Reis und Bohnen, schmeißt ein paar Salatblätter zusätzlich in die Schüssel und freut sich über einen zusätzlichen Gast. Wir anderen freuen uns aufs gemeinsame Abendessen. Immerhin ist das Essen warm, und eine Alternative haben wir hier nicht. Gut gelaunt, aber etwas einsilbig sitzt Franco mit am Tisch. Natürlich reden wir alle in unserer Muttersprache, die nun mal nicht die Seinige ist. Fremd im eigenen Land, sagt er mir, komme er sich an einigen Tagen auf dem Camino vor.

Maria, die Frau, die mich in Puente la Reina mit „He du, ja du!“ angesprochen hat, würde ich nie wiedersehen. Darauf hätte ich mein gesamtes Bargeld und die PIN-Nummer der Bankkarte verwettet. Nun sitzt sie hier mit uns am Tisch und freut sich übers Essen und vermutlich auch, dass sie mich eingeholt hat. Nicht weil sie mich toll findet, eher weil sie gezeigt hat zu was sie fähig ist. Heute ist sie 43 Kilometer gegangen, gestern waren es 32, macht zusammen 75. Unglaublich! Solche „Und wenn ich dabei hopps gehe, ich schaff das schon“-Etappen kenne ich nur von meiner Frau.


Sonntag, 4. Mai 2008 Leise Landschaften
Etappe: Viloria de Rioja - Agés
Tageskilometer: 36 Gesamtkilometer: 203
Unterkunft: Albergue San Rafael (Gemeindeherberge)

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/ages-vil-q.jpg?900 http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/ages-schuhe-h.jpg
Kirchentür in Villambistia,Schuhregal in Agés


Der Tag beginnt still, fast lautlos. Heute ist Sonntag, vielleicht liegt es ja daran. Wohl nicht, jedenfalls nicht nur. Auch nicht an der Wanderroutine, die sich unweigerlich eingeschlichen hat. Ebenfalls nicht am einsam gelegenen Startort, immerhin bleibt der „Massenstart“ heute Morgen aus.

Es ist die Landschaft. Ruhig, lautlos, wie hinter einer dicken Scheibe. Klar, auch an einem Sonntag fahren Autos, laufen schwatzende Pilger über den Jakobsweg, knattert ein Roller mit abgesägtem Auspuff durch Belorado, das in der sonntäglichen Halbnarkose dahindämmert.

Es ist tatsächlich die Landschaft. Diese Landschaft schreit nicht, brennt sich nicht für Tage und Wochen in die Erinnerung ein.
Nicht mehr groß und weit, wie am vorigen Tag. Bewaldete Hügel blockieren die Sicht in die Ferne. Kein Blick mehr auf die hohen Gipfel im Süden. Kleinteilig, ja kleinlich, unspektakulär zeigt sich das Land hier. Sicher, anfangs sind die Felder noch groß, die Wiesen ebenfalls. Aber kein einzelner freistehender Baum fesselt den Blick, denn baumbestandene Bachläufe durchschneiden die Blickachse. Kaum wird der Wegverlauf sichtbar, verschwindet die staubige Ackerstraße zwischen grünen Hecken. Diese Landschaft ist leise, alltäglich. Mehrmals bleibe ich stehen um mich umzudrehen; denn kaum durchwandert, schon wieder vergessen.

Sogar die Fernsicht beim Aufstieg von Villafranca Montes de Oca in die nördlichen Ausläufer der Oca-Berge, immerhin mehr als 1.100 Meter hoch, ist unspektakulär. Die Kombination aus frühsommerlichen Mittagsdunst und kahlen, beinahe schwarzen Laubbäumen erinnert eher an altbekannte Blicke in dunkle Täler deutscher Mittelgebirge, als ans heitere, lichtdurchflutete südliche Europa.
Spanien hat heute sein Alltagsgewand an, nicht passend für einen Sonntag mit strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen. Unaufgeregt wie ein Spaziergang zwischen Mittagessen und Kaffee in heimischen Gefilden.

Einzig die Feuerschneise, Panzerpiste, Motocross-Rennbahn, was auch immer, jedenfalls grauenvoller als die vielgeschmähten Waldautobahnen unsere Region, bleibt in Erinnerung. Himmel Gott noch mal. Kilometer um Kilometer zieht sich die gut 20 Meter breite Feuerschneise, denn das ist sie tatsächlich, nach Westen. Gibt es wirklich keine Alternative?

Und San Juan de Ortega mit seinem Kloster bleibt in Erinnerung. Vielleicht wegen der Piste, wahrscheinlich aber, weil es plötzlich da ist. Ohne Vorwarnung. Eben habe ich noch mit einer Spanierin gesprochen, die sich am Kloster abholen lässt, ihre freien Tage neigen sich dem Ende zu, da waren wir noch im Wald, und jetzt stehen wir am Rand einer großen Lichtung aus der die typischen Türme spanischer Kirchen in den Himmel wachsen. Bis zum UNESCO-Weltkulturerbe hat es das Kloster nicht gebracht, vermutlich noch nicht mal in die gängigen Reiseführer, aber es reckt sich aus diesem Tag hinaus.

San Juan de Ortega, Agés oder Atapuerca, in einem der drei Nester wird der Tag heute enden. Ganz gegen meine Gewohnheit habe ich mir vorgenommen auf keinen Fall weiter als Atapuerca zu gehen. Denn danach kommt schon Burgos, und das will ich mir ansehen. Dafür brauch ich einen halben Tag - mindestens. Also, eines der drei Nester wird’s werden. Nester sind es tatsächlich. Atapuerca hat etwas mehr als 200 Einwohner, Agés noch keine 60 und San Juan de Ortega, ein Weiler der nur aus einem alten Kloster sowie ein paar Häusern besteht, noch weniger. In allen Orten gibt es jedoch eine Unterkunft, sprich eine Pilgerherberge. Das reicht vollkommen, um die Käffer ins Bewusstsein der pilgernden Weltöffentlichkeit zu rücken.

Es wird dann Agés. Warum? Es war einfach da und die Gemeindeherberge hatte noch ein paar Betten frei. Mehr braucht’s nicht. Nachmittags quillt der winzige Ort vor Pilgern über, sodass die Nachzügler weitergeschickt werden. Maria gehört auch dazu. Vermutlich ist sie die Letzte die in Atapuerca noch ein Bett bekommt. Zwar auf dem Flur, aber immerhin.

Und ich? Das Kirchlein besichtigen, sonst gibt es nichts; danach der Versuch einer Wandergruppe aus Belgien die Einsamkeit der Vía de la Plata nahezubringen; im Windschatten eines Getränkeautomats der Wäsche beim Trocknen zusehen; beim gemeinsamen Abendessen in der Bar, mangels Alternative sind alle da, muss die Vía noch mal ran. Eine Dänin, eine Deutsche und ein Österreicher sind dankbare(?) Zuhörer meiner wehmütigen Erinnerungen.

Bleausard
26.07.2008, 23:56
Hallo Werner,

freue mich, wenn Du in Burgos ankommst, denn ab dann werde ich Dir gedanklich auf Schritt und Tritt folgen können ;)

Mach weiter so, halte durch, es liest sich großartig und so toll, dass ich mein eigenes Tagebuch, an dem ich ca. eineinhalb Jahre gesessen habe, bzw. noch sitze (bin sozusagen da gerade mal nach ca. 90 Din A4 Seiten in Santiago angekommen) wohl wegwerfen werde.

Jens

jasper
29.07.2008, 08:05
Hallo Werner,

kann mich dem als eifriger Mitleser nur anschließen! Weiter so!!!
Ich begehe den Jakobsweg auch jeden Morgen ca. 100 Meter, wenn ich mit dem Hund raus gehe! :bg:

MfG,

Jasper

heron
29.07.2008, 12:02
Hallo Werner

Ein ausserordentlicher Lesegenuss!

Die Bilder und dein Bericht zur Meseta sind jedoch das einzige, was mir Lust auf den "Weg" machen würde. Und solche Landschaften gibts ja glücklicherweise auch anderswo.

danke für das Vergnügen und ich warte gerne auf die Fortsetzungen - wenn sie denn kommen.

gx
sabine

BubiBohnensack
29.07.2008, 12:15
Joho Werner,
der Jakobsweg ist weder konzeptionell noch landschaftlich mein Fall, dennoch schaue ich hier jeden Tag rein und hoffe auf eine Fortsetzung. Denn dein Reisebericht ist prosaisch von so hoher Qualität, dass ich nicht wie so häufig von außen, distanziert deine Odyssee verfolge, sondern -wie in einem guten Roman- mich richtiggehend mit dem Herrn Wanderer identifiziere.
Absolut top!

SwissFlint
29.07.2008, 18:54
Wie soll ich das jetzt formulieren...
Pilgerweg... ich bin nun perplex, wie die Leute das anzugehen scheinen.. gehen die nie beten? Sie gehen nicht den ganzen Weg zu Fuss von zuhause aus.. aber warum gehen sie ihn denn überhaupt?

Ich habe Nachbarn, die jedes Jahr 3 Tage den Jakobsweg laufen.. immer wieder ein Stück weiter... das kann ich verstehen.. aber das was du erzählst.. das verstehe ich nicht..:o

Werner Hohn
29.07.2008, 22:11
Danke Leute, so viel Lob liest man natürlich gerne.

Jens, bei mir würde das auch so lange dauern wenn ich nur für mich, bzw. meine Familie schreiben würde. Öffentlich, im Forum, entsteht immer ein gewisser Druck - auch wenn es nur langsam voran geht. Also, wie wär es? Stell deinen Bericht rein.

Für deinen Hund, jasper, kommt noch was. Er muss sich aber noch ein paar hundert Kilometer gedulden. Dann treffe ich auf Lili, ein sehr erstaunliches junges "Mädel", die in Begleitung ihrer "Mutter" unterwegs war.

heron, sie werden kommen. Es stimmt schon, es gibt schönere Weg und schönere Landschaften, aber nirgendwo sonst gibt sich die Welt so locker und unverkrampft die Hand. Sogar ich als vorsätzlicher Camino-Miesepeter war überrascht.

An dich Jan Vincent und deinen Kumpel habe ich unterwegs mehrmals gedacht. "Oh, jetzt jemand mit einer Videokamera!" Der Jakobsweg wäre ein lohnendes Ziel für Männer die mit einer Videokamera umgehen können. Weniger die Landschaft, eher die Typen und das was einige von sich geben.

SwissFlint, natürlich sind auch einige "echte" Pilger unterwegs. Darunter einige sehr erstaunliche, mit teils unglaublichen Geschichten, die hier jedoch nicht ausdrücklich in Erscheinung treten werden. Sie sind aber in der Minderzahl.

Sinnsucher, Esoterikspezialisten, Krishnajünger, usw. laufen da auch rum. Die Masse sind einfache Wanderer, so wie ich. Allerdings geht die Masse heute Pilgern. Ich war einer der Wenigen, der ausdrücklich als Wanderer unterwegs war.
Wenn ich das jetzt vertiefe, nehme ich mir die Themen für die nächsten Tage.

Werner

Bleausard
10.08.2008, 13:49
Hallo Werner,
vermutlich hast Du recht. Aber wie gesagt ich bin jetzt auch "angekommen". Mal sehen, vielleicht stelle ich Teile davon ein. Aber erst wenn ich aus Kanada zurück bin (Oktober). Müsste ja auch ein wenig ändern (wegen Recht am Bild etc...).

Jens

Werner Hohn
11.08.2008, 17:14
Montag, 5. Mai 2008 Stadt, Land, Kirche und eine unerfreuliche Geschichte
Etappe: Agés - Burgos
Tageskilometer: 20 Gesamtkilometer: 223
Unterkunft: Herberge „Santiago y Santa Catalina” über der Capilla de la Divina Pastora

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/5-5-Kreuz-q.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/5-5-kath2-h.jpg
Pass vor Burgos / Kathedrale


So grau und dunkel kann Spanien sein. In der Nacht hat es ausgiebig geregnet. Nebel, wenn auch nicht sonderlich dichter, liegt über den Feldern. Das kräftig leuchtende Frühjahrsgrün, das mich seit Beginn der Wanderung begleitet, hat einer farblosen und kraftlosen Herbstvariante weichen müssen. Sogar das Holzkreuz am kleinen Pass, der über eine verbuschte Hochebene führt - an schönen Tagen ist es bestimmt eine weithin sichtbare Landmarke - reckt seine Balken sehr spät in den kaum wahrnehmbaren Himmel.
Das ist der erste Morgen, seitdem ich unterwegs bin, an dem die Sonne nicht zu sehen ist. Noch nicht. Denn schon beim Abstieg vom kleinen Hochplateau leuchtet in der Ferne Burgos überraschend im hellen Sonnenlicht auf. Und das ist erst der Anfang. Innerhalb weniger Minuten - fast sieht es so aus, als wolle uns die Sonne demonstrieren, zu was sie hier im Süden fähig ist – ist der Nebel verschwunden und Spanien leuchtet wieder in den gewohnten Farben.

Nur die in schlammige Lehmpisten verwandelten Wege erinnern noch an den Regen der vergangenen Nacht. Und dieser Lehm hat es in sich. Zäh, unglaublich klebrig und sagenhaft schwer. Nach nur wenigen Schritten haftet unter den Sohlen ein kiloschwerer Brocken dieser graubraunem Pampe, die bei jedem Schritt eine innige Verbindung mit dem Feldweg eingehen will. Vermutlich ist das eine nur hier vorkommende Mischung, extra für den Camino, witzelt eine Amerikanerin, die sich in Trekkingsandalen mehr schlecht als zügig durchs Gelände quält.

Fürs langsame, genussvolle Quälen habe ich heute keine Zeit, denn ich gehe ein imaginäres Rennen gegen vermutlich mehr als zweihundert Mitbewerber. Zum ersten Mal ist es mir nicht egal, wann ich in der Herberge eintreffe, denn für Burgos soll es eine ganz bestimmte sein. Entweder ich schaff’ es bis Mittag bis zur Tür der Herberge „Santiago y Santa Catalina”, die über einer kleinen Kapelle mitten in der Altstadt liegt, oder Burgos fällt wegen „Wandertrieb“ aus.
Am anderen Ende der kastilischen Metropole gibt es zwar noch eine Pilgerunterkunft, aber dann bin ich beinahe schon an der Stadtgrenze, und wie ich mich kenne, würde ich dann doch weiter gehen. Zurück gehe ich nicht gerne und wenn ich schon mal so weit bin ...?

Erster, noch vor 11 Uhr! Klar doch, meine „Mitbewerber“ haben es mir auch zu einfach gemacht. Vor jeder Bar am Weg standen Rucksäcke und legten Zeugnis darüber ab, wer drinnen bei Milchkaffee und belegtem Brot die Zeit verrinnen lässt. Vermutlich bin ich einer der Wenigen, der unbedingt in diese Herberge will, viele werden ins Hotel gehen. Burgos ist ja groß und bietet reichlich Alternativen.

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/5-5-Kath-q1.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/5-5-koffer-h.jpg
Burgos - Kathedrale und der Koffer des spanischen Nationalhelden


Weil die Herberge nur über achtzehn Betten verfügt, ist innerhalb kürzester Zeit die Rucksackschlange vollzählig. Zur Begrüßung gibt es neben einer Belehrung übers richtige Pilgern, den Betreiber kann man ruhigen Gewissens in die Schublade „Pilgerurgestein mit Abneigung gegen Touristenwanderer“ einordnen, ein Gitarrenkonzert mit klassischer spanischer Gitarrenmusik.
Trotz, eigentlich weil, der Herbergsvater die Freundlichkeit nicht erfunden hat, ist es schön hier. Achtzehn Betten verteilt auf fünf Deutsche, zwei Frauen aus Frankreich, je ein Ehepaar aus Brasilien und Norwegen, ein junger Mann aus Mexiko und sechs Spanier verhindern das in den großen Herbergen oft erlebte Treffen der „Landsmannschaften“.

Die zentrale Lage mitten in der Altstadt, nur wenige hundert Meter sind es bis zur Kathedrale und nur ganz wenige Schritte bis zu den Bars, Kneipen und Restaurants, lässt sich mit Geld nicht bezahlen. Vermutlich nimmt er deshalb nur 5 Euro für die Nacht, oder steckt doch der uralte Pilgergedanke des Helfens, Schützens und Unterkunft geben dahinter?

Und endlich kann ich unter verschiedenen Restaurants wählen, kann mal wieder einen Blick in eine richtige Speisekarte werfen! Was hängt mir das immergleiche, einfallslose „Menu de peregrino“ in den allgegenwärtigen Bars, die sich aufs Abfüttern der Pilger eingeschossen haben, zum Hals raus. Schon das alleine ist Anlass genug den Wandertag mittags in Burgos zu beenden.

Rosi, die Frau mit der ich in Pamplona gestartet bin, läuft mir über den Weg. Das ist ja mal eine Überraschung. Gesundheitsbedingt fährt sie viel mit dem Bus, aber Rosi hatte ich schon lange wieder vergessen.
Gemeinsam besichtigen wir die Kathedrale. Natürlich, die muss man besichtigen, egal ob Christ oder Tourist. Immerhin steht die Kirche auf der Welterbeliste der UNESCO, ragt aber nicht nur deshalb aus einer Reihe stattlicher Bauten aus dem Stadtbild heraus. Die „Catedral Santa Maria“ ist riesig, strahlt nach der Renovierung im reinsten Sandsteinweiß und ist beeindruckend. Leider kommen die Ausmaße im Innern nicht richtig zur Geltung, denn der groß geratene Chorbereich macht alles wieder klein. Da kann noch jeder Fremdenführer oder jedes Begleitblatt auf die Vierung hinweisen. Hier, und nur hier, soll sich die wahre Schönheit und Größe dieser Kirche zeigen. Leute, Fremdenführer, Begleitblattschreiber! Seit ihr schon mal im Kölner Dom gewesen?
Ärgerlich ist nur, dass die Spanier Eintritt für eine Kirche nehmen. Typisch Spanien. Entweder die Kirchen sind verschlossen, oder sie halten die Hand auf. Geld und Religion gehören in Spanien schon seit alters her zusammen.

Vor der Herberge treffe ich am Abend noch Jenny, die Holländerin aus der Herberge in Azofra, sowie Barbara, die war auch mit uns im ehemaligen Klassenzimmer und Tanja. Die drei Frauen erzählen, dass sie kurz vor Burgos von einem Mann sexuell belästigt wurden.
Weil Barbara und Tanja gemeinsam unterwegs waren, konnten sie den Mann, der mit heruntergelassener Hose und eindeutiger Handarbeit aus einem Auto stieg, in die Flucht jagen.
Jenny, die alleine unterwegs ist, musste sich wenig später schon wehren, denn diesmal wurde der Mann - offensichtlich derselbe - sehr zudringlich, beinahe schon gewalttätig.

Für die drei Frauen hat an diesem Montag der Camino, oder die Vorstellung vom Camino, seine Unschuld verloren. Oder wie Jenny es ausdrückte: „Mein Camino ist kaputt!“

Dienstag, 6. Mai 2008 Ein Klassiker feiert Wiederauferstehung: Die Bettenjagd
Etappe: Burgos - Hontanas
Tageskilometer: 30 Gesamtkilometer: 253
Unterkunft: Albergue Municipal (Gemeindeherberge)

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/6-6-hornillos-h.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/6-6-hont-q.jpg
Vor Hornillos del Camino // Am Ziel aller Sehnsüchte


Vermutlich hat sich unser Herbergsvater genau das vorgestellt, was er auf seiner Runde entlang der Stockbetten nun zu sehen bekommt. Bis auf drei oder vier Leute sind alle schon weg. Dabei hatte er uns doch gestern Abend eindringlich aufgefordert, nicht vor 8 Uhr loszugehen. Ohne Kommentar stapft er missmutig die Treppe zum Obergeschoss hinauf und wird nicht mehr gesehen. Wenn’s ihm nicht passt, so fragen wir uns, warum tut er sich das an und macht seinen Kontrollgang? Will er täglich seine Meinung bestätigt sehen, dass es keine wahren Pilger mehr gibt? Nun ja, unzählige Male wird er erlebt haben, dass die Menschen eigene Vorstellungen vom Pilgern haben, und die Zukunft wird auch nichts anderes bringen, egal wie missmutig er seine Ansprachen abhält oder schweigend seinen Kontrollgang macht.

Burgos – Santiago, dass sind keine 500 Kilometer mehr. Diese Strecke passt auch in den dreiwöchigen Jahresurlaub, denken bestimmt viele; und so sieht es heute Morgen auch aus. Jede Menge unbekannte Gesichter sind zu sehen. Meist gibt schon von weitem der große vollbepackte Rucksack das erste Indiz, später, beim Näherkommen beseitigt der Blick auf die saubere Hose und die lehmfreien Schuhe die letzten Zweifel. Es wird noch voller werden, das steht unumstößlich fest. Den deutschen Feier- und Brückentagen im Wonnemonat Mai sei’s gedankt.

Noch kämpfen die meisten mehr mit der drückenden Hitze, dem ungewohnten Rucksack, denn mit der angeblichen Bettennot. Immerhin haben einige schon etwas davon gehört. Erstaunlich ist nur, dass die das schon vor ihrer Abreise wussten. Ist auch kein Wunder. Es soll ja Leute geben, die nichts besseres zu tun haben, als ihre tagesfrischen Erlebnisse jeden Abend übers Internet zu verbreiten. Das große Angstthema Betten oder keine Betten nimmt in deren Beschreibungen einen breiten Raum ein. Angst, Grauen und eben der Kampf ums tägliche Überleben verkaufen sich immer gut – und sei es nur der vermeidliche Kampf ums Bett.

Das ist dann doch komisch, wenn man von einem Mann aus Süddeutschland, der den ersten Tag unterwegs ist, detaillierte Infos über die jeweilige Bettensituation in den verschiedenen Orten erhält. Er ist ziemlich enttäuscht, als ich ihm klar mache, dass ich noch immer ein Bett gefunden habe, noch nie draußen schlafen musste, ja, noch nicht mal auf dem Flur oder in einer richtigen Notunterkunft. Meinen Nachsatz, es liege wohl daran, dass ich ziemlich flott unterwegs bin und schon mittags mein Tagespensum runtergespult habe, nimmt er als Bestätigung seiner Meinung. Ja, rennen wolle er nicht, er will auch am Abend noch ein Bett in der Herberge. Tja, da wird er wohl oder übel einige Mal draußen schlafen müssen oder den allseits beliebten Taxidienst in Anspruch nehmen müssen.

Dieser Meinung sind auch Gustavo und Toschi. Seit Hornillos del Camino bin ich mit den beiden unterwegs. Gustavo ist Spanier, lebt aber in Deutschland und ist Fan des FC Schalke 04. Neben persönlichen Gründen, wer hat die hier nicht, ist er für eben diesen Fußballverein nach Santiago unterwegs. Unübersehbar hängt neben der Muschel ein Schalke-Emblem am Rucksack. Ende kommender Saison muss die Schale endlich auf Schalke landen, meint er, und schaden wird es bestimmt nicht, wenn er in seine Beweggründe für die Pilgerung den Verein mit einschließt.
Er hat, obwohl mit dem Land vertraut und seiner Sprache mächtig, alles bis ins Kleinste durchgeplant. Sogar das Hotel für die Rückreise ab Bilbao ist schon gebucht.

Toschi kommt aus dem Osten der Republik. Vielleicht Berlin oder Umgebung. Tonfall und Schnauze lassen keine anderen Schlüsse zu. Toschi hat das ganz spontan gemacht. Auch so ein Kerkeling-„Opfer“. Buch gelesen und entschieden, diesen Weg muss er gehen. Irgendwo hat er einen dreißig Jahre alten Außengestellrucksack aufgetrieben, im Baumark ein Monstrum von Schlafsack erstanden, dazu eine Luxus-Isomatte, ein Sekundenzelt und schon konnte es losgehen.
Saint-Jean-Pied-de-Port, den vermeintlichen Startort des Jakobsweges, hat er nach einer teuren Taxi-Odyssee von Pamplona aus im Morgengrauen erreicht. Dann konnte es endlich losgehen. Hurra, Jakobsweg! Nach zwei Tagen hat er sein Zelt einfach irgendwo stehen gelassen. Lehrgeld, welches jeder zahlt, speziell wenn man einen uralten Rucksack sein eigen nennt, der das ganze Gewicht nur auf die Schultern verteilt. Ob die schwere Isomatte dem Zelt folgen wird, ist noch nicht entschieden. Die könnte zum meist nachgefragten Ausrüstungsgegenstand mutieren.

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/6-6-hont2-h.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/6-6-hont3-q.jpg
Hontanas // Hauptstraße


Toschi redet viel. Wirklich. Den Kerkeling kann er auswendig nacherzählen, wenn dann noch Zeit ist schiebt er ohne Mühen die „Herr der Ringe“-Filmtrilogie nach. Sollte der geneigte Zuhörer keine Zeichen des Missfallens von sich geben, kann er auch noch mit einer ausführlichen Inhaltsangabe der Star Wars Filmreihe auftrumpfen. Für Toschi alles kein Problem. Seltsam, es nervt nicht.

Wo die beiden sich gefunden haben, wissen sie schon nicht mehr so genau. Seitdem sind sie mal mehr, mal weniger gemeinsam unterwegs. Im Augenblick mal wieder mehr. An diesem Mittag hänge ich mich einfach mal dran, denn es wird bestimmt unterhaltsam.

Es ist heiß, drückend und diesig geworden. Sogar die Landschaft macht bei diesem Wetter schlapp. Mal wieder typische Mesetalandschaft aus endlosen grünen Getreidefeldern. Ein Land wie ein Ozean. Kaum ein Baum, kaum ein Strauch, hie und da mal eine Wegkreuzung. Das war’s schon. Die Herberge San Bol ersparen wir uns. Dreihundert Meter abseits des Weges, nein, muss nicht sein. Wir sind froh, als endlich dieses verdammte Kaff aus einer Senke auftaucht, in das wir wollen. Hontanas liegt so gut versteckt, dass sogar der Kirchturm erst am Ortsrand sichtbar wird.

Natürlich bekommen wir einen Schlafplatz in der Gemeindeherberge. Aber dann geht es los. Ameisengleich zieht es die Leute nach Hontanas. Die beiden privaten Hostals winken schon lange zur Gemeindeunterkunft durch. Wer bei den Privaten nicht reserviert hat, ist chancenlos.
Schon früh werden die ersten Pilger mit dem Taxi in den nächsten Ort geschickt. Als der Strom der Neuankömmlinge nicht enden will, wird die erste Notunterkunft, später auch die zweite, aufgeschlossen.
Wir sitzen auf der Straße und schauen uns das Schauspiel an. Jenny, die Holländerin, kommt und wird per Taxi in den nächsten Ort verfrachtet. Schön, dass sie trotz ihres gestrigen Erlebnisses wieder unterwegs ist. Am Empfang der Pilgerunterkunft versucht jemand mit einen Stapel Pilgerausweise für sich und seine Wandergruppe Betten zu reservieren. In einer von der öffentlichen Hand geführten Herberge sollte ihm das hoffentlich nicht gelingen. Später kommt ein älterer Mann und verkündet, ihm könne der Trubel nichts anhaben, denn in seinem Rucksack stecke ein Leichtzelt der 1000-Euro-Klasse. Er sei für jeden Notfall gerüstet, und nimmt dann doch das Taxi ins 10 Kilometer entfernte Hotel, womit er bei den interessiert lauschenden Zaungästen Erstaunen auslöst. Wie mag der Notfall definiert sein, bei dem er sein Zelt auspackt?
Wer noch später kommt, wird in einer Garage untergebracht. Darunter ist ein junger Deutscher, der an diesem Morgen vor Burgos gestartet ist, und von einer Herberge zur nächsten weitergereicht wurde. Nach mehr als 50 Kilometern freut er sich über jeden Schlafplatz, auch wenn es eine Matte in einer offenen Garage ist.

Wie nicht anders zu erwarten, ist die Jagd um die Betten mal wieder das Thema des Abends. Anders als noch vor Tagen wird diese Problematik heute ganz unterschiedlich gesehen. Vielen Neuankömmlingen treibt es die Sorgen-, bei einigen sogar die Zornesfalten ins Gesicht. Wir, die schon länger unterwegs sind, haben uns daran gewöhnt und sehen das alles etwas lockerer.

Einig sind wir uns allerdings darüber, dass, wer sich die Zeit fürs Blümchenzählen oder Vogelstimmenlauschen nicht nehmen lassen will, gut zu Fuß sein muss oder seine Etappen verkürzen sollte. Als Alternative sehen wir nur einen gut gefüllten Geldbeutel oder die Kreditkarte. Die Hotels am Weg – sofern es welche gibt - lassen sich ihre Dienste ganz gut bezahlen. Nennt sich Angebot und Nachfrage. Wirtschaftsfaktor Jakobsweg. Viele wollen es nicht wahrhaben, aber so ist es nun mal.

paddel
12.08.2008, 22:33
Wirtschaftsfaktor Jakobsweg
Naja, beim Lesen kam mir durchaus der Gedanke ob ich nicht da runter ziehen sollte und ein Hostel am Jakobsweg eröffnen:bg:

Ansonsten: Weiterhin super geschrieben, hoch interessant und klasse Fotos!

Grüße!

Werner Hohn
12.08.2008, 23:28
Haben wir uns auch überlegt. Aber wenn der Erfolg kommt, kommen auch die Einheimischen. Dann musst du als Ausländer teilen, oder dein Leben wird nicht ganz einfach. Alternativ bleibt nur noch eine Pilgerherberge, die auf Spendenbasis betrieben wird. Allerdings bleibt da nichts hängen. Da braucht es schon Freiwillige die gegen Kost und Logis mitarbeiten.

Die Fortsetzung komm noch diese Nacht.

Werner

Werner Hohn
13.08.2008, 00:59
Mittwoch, 7. Mai 2008 Wiederholungen
Etappe: Hontanas – Boadilla del Camino
Tageskilometer: 30 Gesamtkilometer: 283
Unterkunft: Private Herberge „En el Camino“

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Castrojeriz


Vor mir läuft ein Wäschesack. Sogar ein Wäschesack für Kinderwäsche. Jedenfalls lassen die Motive keinen anderen Schluss zu. Doch der Sack wird nicht von einem Kind geschleppt, sondern von Roberto, einem ausgewachsenen Brasilianer und der ist jenseits der 50. In seinen winzigen Rucksack passt nun mal nicht alles rein, und da hat er sich kurzerhand irgendwo einen Wäschesack zugelegt, der nun prallgefüllt an seinem Rucksack baumelt. Ein kurzer Gruß – und vorbei.
Ein paar Schritte davor, Maurice, Franzose, auch 40 plus. Drahtig, sympathisch, einsprachig, aber damit ist er hier nicht allein, und wie die meisten Franzosen mit leichtem Gepäck unterwegs. Drei, vier Worte – und vorbei.
Etwas weiter der deutsche Stammtisch. Mann, die nun wieder! Die wähnte ich weit hinter mir. Vermutlich sind die Frührentner mal wieder Bus gefahren. Ich ahne schon, was kommt wenn ich auf deren Höhe bin. Meckern, Vergleichen, Besserwissen. Stammtisch eben. Die habe ich jetzt schon ein paar mal getroffen und immer war es so. Heute morgen will ich mir das nicht wieder anhören. Da hilft nur eins: Das ohnehin nicht niedrige Tempo noch weiter erhöhen und lautlos anschleichen, damit die Jungs sich erst gar nicht auf mich einstellen können. Hurra, es klappt! Die Vier sind so überrascht, dass ich noch nicht mal eine Erwiderung auf meinen kurzen Gruß bekomme.

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Hinter Castrojeriz


Davor zwei pralle Hintern, die von viel zu engen Jeans in Form gepresst werden. Über jedem Hintern schwebt ein zu großer Rucksack mit der obligatorischen Muschel. Von der hoch oben am Deckelfach befestigten Isomatte baumelt typischer Pilgerkitsch, ein Minikalebasse aus Plastik. Das, und die noch in Originalfolie verschweißte Isomatte deuten auf Spanierinnen hin. Letzte Zweifel zerstreut der unaufhörlich Redeschwall der beiden. Dass sie dabei die Breite der ganzen Straße beanspruchen, ist offenbar selbstverständlich. Die reden und reden, und ich versteh’ fast nix. Maschinengewehrartiges, raues Spanisch. Die Spanierinnen kriegen noch nicht mal mit, dass wir unter dem gotischen Torbogen der Klosterruine San Antón durchlaufen. Ihr Redeschwall stoppt jedenfalls nicht für eine Sekunde und ihre Köpfe drehen sich auch nicht zu den Torbögen hoch.

Wir alle sind auf der Landstraße zwischen Hontanas und dem alten Pilgerort Castrojeriz unterwegs. Und da steigen schon die Ersten aus und suchen eine Herberge. Wir sind erst 10 Kilometer unterwegs, sprich grade mal 2 Stunden, aber bei einigen sind die Erlebnisse des gestrigen Tages noch so frisch, dass sie sich schon jetzt um eine Unterkunft bemühen. Anderen steckt, weil es für sie die erste war, die lange Etappe von gestern in den Knochen. Nun ja, die erste Euphorie ist bei einigen Neuankömmlingen verflogen. Schön, bleibt wo ihr wollt, ich muss nur noch über den Pass hinter Castrojeriz und dann bin ich wieder allein in der Weite der Meseta unterwegs.

Wie man sich irren kann. Ja, die Weite, die ist da. Unweigerlich gibt die Weite den Blick auf den Weg frei. Wie Ameisen ziehen die Menschen über die staubigen Feldwege ihren Tageszielen entgegen. Bei denen vor mir kann ich noch die Rucksackmarke erkennen, dann nur noch die Farbe der Kleidung. Immer mehr verlieren sich die Details, bis nur noch schwarze Punkte übrig bleiben, die vom Mittagsdunst verschluckt werden.

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Sogar die Meseta verschwindet im Mittagsdunst. Wenn auch heute eine große Landschaft mit viel Raum, so doch kein Anfang, kein Ende, nichts Festes, nichts Bestimmtes. Der Himmel diffus, weich, obwohl hell, lichtlos, kraftlos. Die Farben stumpf, ohne Glanz. Das Land steht, bewegt sich nicht, kein Wind, nicht mal ein Hauch streicht über die Felder. Der Horizont hat seine Grenze verloren. Kein Punkt, keine Linie, kein Übergang vom Land zum Himmel. Land und Himmel, Erde und Luft verschwinden in der Ferne in einem Nichts.

Heute darf man nicht in die Ferne schauen. Heute ist ein Tag fürs Nahesehen. Dann sind die Farben wieder da. Fast unmerklich bewegen sich die Ähren, und wenn man nur bis zur nahen Kuppe schaut, ist auch der Horizont wieder da.

Ich soll da mal rein sehen, hat die Frau zu mir gesagt, und dabei auf den schäbigen Eingang, der eine ebenso schäbige Mauer durchbricht, gezeigt. Ja, so muss das Paradies aussehen. Jedenfalls für Pilger. Grüner gepflegter Rasen, Pool (um diese Jahreszeit noch abgedeckt), saubere Wege, malerisch verteilte Blumenkübel, Terrasse, Sonnenschirme und ein freundlicher Besitzer. Klar hat er noch ein Bett. Die meisten sind schon reserviert, aber einen Schlafsaal hält er immer frei für die die einfach so reinschneien. Eine Tradition, die er beibehalten will, erklärt er. Ich bleibe und bereue es schon bald.

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Im Pilgerabseits - Melgar de Yuso


Wahrscheinlich hätte ich mich an jedem anderen Tag hier wohl gefühlt, doch heute ist es die falsche Unterkunft. Die Herberge ist tatsächlich ein Traum. Fünf Sterne Plus - mindestens. Und trotzdem es passt nicht!
Jenny, ist da. Marius, der mich ins Refugio von Viloria de Rioja gelockt hat, ebenfalls. Schön. Aber der Rest? Viel Schickimicki. Modisch auf der Höhe der Zeit. Bunt, grell, alle Farben, die sich die Marketingstrategen für diese Outdoorsaison haben einfallen lassen. Verspiegelte Sonnenbrillen, knatschbunte Treter, Badehandtücher am Pool, Sonnencreme, Gelächter, gute Laune, eiskaltes Bier. Kurz: Urlaubsstimmung wie beim Pauschalurlaub. Überflüssig zu erwähnen, dass mein Rentnerclub von heute früh auch noch eintrudelt. Schlau und organisiert wie die nun mal sind, wussten sie von dieser Herberge und haben reserviert. Auf dem Rasen am Pool gibt es dem Anschein nach nur Einen, der per Zufall hier gelandet ist, und das bin ich.

Ich hätte weitergehen sollen. Weiter nach Fromista mit seiner herrlichen romanischen Kirche. Noch weiter, bis in den Abend. Irgendwo in den kleinen namenlosen Nestern gibt es immer ein Bett. Und warum nicht? Bequemlichkeit? Das sichere Bett für die Nacht? Eh schon vor dem Zeitplan? Vermutlich alles. An Boadilla del Camino kann es nicht gelegen haben. Tot, leblos. Einzig die drei Pilgerunterkünfte sorgen für etwas Leben.

Maria ist in der einfachen Unterkunft in der alten Schule untergekommen. Zwölf Betten, beengt, die Sanitäranlagen nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Dafür ruhig, ursprünglich. Niemand trumpft auf. Kein grüner Rasen, nur ein grauer betonierter Schulhof. Spät am Nachmittag öffnet nebenan die Bar, die von einigen Bewohnern betrieben wird. Luxus, Moderne? Fehlanzeige. Die Einrichtung stammt noch aus der Franco-Ära.

Werner Hohn
20.08.2008, 00:13
Schön geschrieben, Werner :)
Es grüßt der faule Juno/Reinhard, der immer noch mit der Via de la Plata zugange ist :bg:
:bang: Junge, was hat das gedauert, bis der Groschen gefallen ist. Reinhard? Welcher Reinhard ist auf der Via unterwegs? Dabei wolltest du nur auf die andere hinwiesen.

Schön dass es dich noch gibt.

Grüße, Werner

Werner Hohn
20.08.2008, 00:13
Donnerstag, 8. Mai 2008 Ein paar Kilometer nur für mich
Etappe: Boadilla del Camino – Carrion de los Condes
Tageskilometer: 26 Gesamtkilometer: 309
Unterkunft: Albergue Espíritu Santo im Konvent der „Hijas de la Caridad de San Vicente de Paul” (Nonnen)

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/8-5-kanal-q.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/8-5-kanal2-h.jpg
Canal de Castilla


Heute morgen ist es so einsam, dass ich mich frage, ob ich mich nicht verlaufen habe. Aber ein gelber Pfeil, der durch das hohe Schilf fast verdeckt wird, beseitigt auch diese Zweifel. Richtig gezweifelt habe ich dann doch nicht. Immerhin gibt das Kanalufer den Weg vor. Nun ja, seit ich das Tor der Luxusherberge hinter mir gelassen habe, bin ich alleine auf dem Weg. Das ist in den letzten Tagen so selten geworden, da können schon mal Zweifel aufkommen. Bis Fromista überhole ich nur Maria, die mal wieder vor sich hintrödelt.

Wenn die Vorstellungen der Planer Wirklichkeit geworden wären, sollten auf dem Canal de Castilla Schiffe unterwegs sein. Geplant war die Wasserrinne als schiffbarer Handelsweg auf dem die Ernte von den endlosen Feldern zu den Märkten gebracht werden sollten. Dafür hat’s nun doch nicht gereicht. Heute, nach 200 Jahren immer noch unvollendet, bewässert er eben diese Felder, und dient Fröschen und Vögel als willkommener Lebensraum.

Fromista kündigt sich durch riesige Getreidesilos an. Fromista ist Treff- und Kreuzungspunkt einiger Fernstraßen. Fromista ist auch Treffpunkt fliegender Arbeitsvermittler, die ihre tageweise beschäftigen Arbeiter in den Bars aufsammeln. Fromista ist hässlich.

Fromista ist herrlich, denn Fromista beherbergt einer der schönsten kleinen Kirchen Spaniens. Die 1.000 Jahre alte Kirche San Martín zählt zu den Meisterwerken romanischen Kirchenbaus. Unverputzter Sandstein, zwei Rundtürme, eine Vierungskuppel. Steinerne Fratzen, Teufel, Dämonen und Tiere bilden den Abschluss der Dachsparren. Es sind mehrere Hundert. Wenn die da oben alle aufpassen, wird diese Kirche noch weitere 1.000 Jahre stehen.

Fromista ist doch hässlich, denn die Kirche ist verschlossen. Vor lauter Wut mache ich auf dem Absatz kehrt und ziehe weiter. In der Baustelle hinter dem Ort fällt mir ein, dass ich nicht ein einziges Bild von der Kirche gemacht habe. Umkehren? Auf diesem Weg bin ich noch nie umgekehrt, heute Morgen auch nicht.

Bei uns undenkbar, aber hier stört sich niemand daran, dass wir alle durch die Brückenbaustelle stapfen. Rucksackträger neben Schutzhelmträger, wenn das ein heimischer Sicherheitsbeauftragter sehen könnte.
Und dann, wie auf Kommando sind alle wieder da. Das auch noch auf einem der monotonsten Abschnitte der letzten Woche. Schnurgerade geht es immer neben der Straße auf einem separatem Weg nach Westen. Die Monotonie wird durch die an jeder Feldzufahrt aufgestellten Betonstelen - gleich in vierfacher Ausführung (die sollen verhindern, dass die Bauern sich des Pilgerwegs bedienen) - noch verstärkt. Nichts wie weg hier, nur wohin?

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/8-5-Villa-q.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/8-5-stelen-h.jpg
Villalcázar de Sirga, Betonstelen vor Carrion de los Condes


Eine Nebenroute, die in Población de Campos abzweigt, ist die Rettung. Nicht das sich hier ein verwunschener Traumpfad auftut, oder die Landschaft sich in einem anderen Gewand zeigt. Ein ganz normaler auf die Maße europäischer Landmaschinen zugeschnittener Feldweg reicht aus, damit sich meine Stimmung merklich hebt.
Laut Skizze im Wanderführer werde ich diesem Weg mehr als 6 Kilometer folgen. Immer geradeaus, dabei einen ganz leichten, kaum wahrnehmbaren Bogen nach links machen, einmal links auf eine Brücke abbiegen und am anderen Bachufer die ursprüngliche Wanderrichtung wieder aufnehmen. Zum Schluss noch ein Schlenker nach links, der mich zurück zur Hauptroute führen soll. Höhepunkt wird der Ort Villovieco sein, sonst nur Felder und im Süden die Straße mit dem separiertem Pilgerweg. Traumpfade werden anders beschrieben.

Vermutlich wäre diese Route an jedem anderen Tag nur ein langweiliger Feldweg gewesen, den man am besten schnell hinter sich bringt. Feldwege wie diesen gibt es ungezählte in Europa. Auf diesen Wegen bin ich aber nicht, ich bin hier und hier passt er. Ich bin allein, nur zwei frische Fußspuren im feuchten Sand zeugen von Leben. Vor mir sind also noch welche. Sie müssen weit voraus sein, denn zu sehen ist niemand. Tatsächlich niemand, vor mir nicht und hinter mir auch nicht. Sollte den anderen 400 Meter Umweg zu viel sein?

Natürlich ist das hier nicht das Paradies. Aber gelegentlich reicht es schon nicht da zu sein, wo die anderen sind. Absetzen vom Pulk, Ruhe haben, mitten auf dem Weg stehen und in Richtung Sonne pinkeln - kleine Freiheiten.
Am Wegrand ein moderner, doch schon schäbiger, den Bedürfnissen der Großlandwirtschaft angepasster Bauernhof. Doch eine Storchenfamilie fühlt sich hier offensichtlich wohl. Villovieco, das Nest mit dem Namen, der an Italien erinnert, ist genauso nüchtern. Nüchterne Häuser, teils Hütten gleich, die alle nach einer Renovierung schreien. Ein Pilger als Scherenschnitt aus Blech soll vermutlich eben diese halten. Doch wohin? Die Bar am Sportgelände, deren handgemalte Werbeschilder seit geraumer Zeit Cafè und Bocadillo versprechen, ist schon lange geschlossen. Für wen sollte die auch aufmachen? Pilger verirren sich trotz guter Markierung nicht oft hier hin. Ich brauch’ die Bar auch nicht. Ein Stein im Schatten der Bäume, die hier das Bachufer säumen, tut’s auch.

Unweigerlich zeichnet sich hinter den Feldern das Ende meiner kleinen Auszeit ab. Bunte Rucksäcke ragen über hochstehenden Getreideähren, die die Stimmen nicht aufhalten können. Schon auf dem gemeinsamen Weiterweg nach Carrion de los Condes verklären sich diese wenigen Stunden – es waren mal eben zwei – und wirken noch bis zum Einschlafen nach.

In Carrion de los Condes ist für viele Schluss. Nicht für den Weg im ganzen. Viele wollen sich die Meseta nicht mehr antun und nehmen folglich den Bus nach Leon. Der Fernbus, der an der Bar hält – wie passend -, füllt sich in wenigen Minuten bis zum letzten Sitzplatz mit Menschen aus aller Welt. Vielleicht haben einige vor der Abfahrt noch einen Blick aufs Pilgerdenkmal gegenüber geworfen. Wie beinahe alle neuen Pilgerdenkmale am Weg, stellt es einen heroischen blickenden und energisch ausschreitenden Pilger der Vergangenheit dar. Klar doch, was sonst!

Ich komme im Nonnenkonvent unter, wie siebzig andere auch. Darunter sind Roberto, der Brasilianer mit dem Wäschesack und Maurice, der Franzose. Da haben sich wohl zwei gefunden. Den beiden fällt auf, dass wir schon seit Tagen dieselben Etappen gehen. Na, mit der Beobachtung sind sie nicht alleine.

Der Tag morgen fängt mit einer 17 Kilometer langen Geraden an. Passend für ein kleines Rennen zwischen Brasilien, Frankreich und Deutschland schlägt Roberto im Spaß vor. Kann er haben!

KuchenKabel
20.08.2008, 14:51
Sparen wir uns das Lob bis zum Schluss und du kannst darin baden :bg:. Wie immer ist jeder Abschnitt sehr lesenswert und ich bin gespannt, wie es weiter geht.

Werner Hohn
23.08.2008, 22:30
Freitag, 9. Mai 2008 Männerspiele – Das große Rennen
Etappe: Carrion de los Condes - Sahagún
Tageskilometer: 40 Gesamtkilometer: 349
Unterkunft: Albergue municipal La Trinidad, Gemeindeherberge in einer ehemaligen Kirche

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/9-5-ledigos-q.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/9-5-pfeil-h-neu.jpg
Ledigos // Verlaufen unmöglich


Immer geradeaus, vom Ortsrand des Kleinstädtchens bis nach Calzadilla de la Cueza, einem Bauerndorf in der Weite der Tierra de Campos. 17 Kilometer stur geradeaus, keine Kurve, kein Schatten, kein Dorf, keine Kneipe, kein Berg, kein Tal, nichts. Nur Felder und ein breiter Feldweg.
Diese Gerade hat beinahe schon Legendenstatus. Jede Wegbeschreibung weist drauf hin, fast jeder der sie unter seinen Füßen hatte, erzählt davon.
Aber ganz gerade ist sie nicht, denn es gibt zwei, wenn auch unmerkliche Knicke. Und ganz leicht wellig ist die Gerade auch. Geschäftstüchtige Einheimische stehen schon mal am Wegesrand und verkaufen kalte Getränke aus dem Kofferraum heraus. Mit Schatten geizt der Weg tatsächlich, trotz der wenigen Bäume die in letzter Zeit gepflanzt wurden. Die Bäumchen schaffen nicht mehr als den sprichwörtlichen Tropfen auf den heißen Stein.
Die ganz große Herausforderung ist diese Gerade durch einer der Kornkammern Spaniens heute nicht mehr. In früheren, einsameren Zeiten, als Pilger hier allein übers Land zogen, mag manch einer über den nicht weichen wollenden Horizont geflucht haben.

Heute morgen sowieso nicht. Gestern Nachmittag und letzte Nacht hat es kräftig geregnet, von einem Kampf gegen die Hitze kann nicht die Rede sein kann. Vom Kampf gegen die Einsamkeit schon gar nicht. Heute ist mal wieder Massenstart. Warum ich an manchen Tagen alleine unterwegs bin, an anderen wiederum nicht, wird mir wohl für immer eine Rätsel bleiben. Ich treffe jede Menge bekannte Gesichter, viele davon schon nicht mehr namenlos und geschichtslos, aber meine beiden Kontrahenten, die mir ein Rennen angeboten haben sind nicht darunter.

Der Franzose und der Brasilianer haben einen klassischen Frühstart hingelegt. Groß kann deren Vorsprung nicht sein, denn so spät bin ich nicht dran. War eh nur Spaß, oder? Bei mir nicht. Da sitzt ein Stachel im Fleisch, der zur Eile antreibt. Zudem, was soll ich heute auch machen? Ein bisschen Sport zwischendurch kann nicht schaden. Ich höre schon die frotzeligen Kommentare zum Abschluss des Tages, wenn ich die nicht einhole.

Am Ende der Geraden in Calzadilla de la Cueza bin ich so früh, dass sogar die Bar noch geschlossen ist. Doch schon werden die Spuren des vergangenen Tages beseitigt, denn gleich werden die ersten Pilger einfallen. Mir soll’s recht sein. Hab’ keine Zeit. Ich bin auf der Suche nach zwei Männern, die zusammen mehr als 100 Jahre alt sind und die mir davonlaufen.

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/9-5-taubenhaus-q.jpg
Taubenhäuser bei Moratinos


Weiter, immer nur weiter. Mal wieder auf einem langweiligen Weg neben einer Landstraße. Der große Pulk liegt hinter mir, allmählich sollte ich auf die Beiden auflaufen. Doch nichts! Wo stecken die? Eine Abkürzung gibt es hier nicht, in einer Bar drücken die sich auch nicht rum. Sollte deren Vorsprung wirklich so groß sein?
Ein Einzelwanderer. Maurice? Rucksack und Figur könnten passen. Nein, weiter. Ein Pärchen. Sind sie das? Nein, schon von weitem als Mann und Frau zu erkennen. Die Stimmen die aus der Bar in Ledigos bis auf die Straßen dringen? Nein, auch nicht, Spanier. Das graue Hemd, das vor der neuen Herberge in Terradillos de los Templarios auf der Leine im Wind flattert, könnte das nicht Maurice gehören? Schnell reinspringen und nachschauen. Nein, noch kein Gast da, nur die Hospitalera, das Hemd flattert schon seit einigen Tagen im Wind.

Dann, am Ortsrand sind sie da. Beide hocken im Schatten einer rissigen Lehmwand und ruhen sich aus. Robertos Schuhe liegen im Gras, Maurice wühlt im Rucksack. Die Chance für mich. Ein kurzer Gruß, ein breites Grinsen, kein Nachfragen, kein Absprechen, kein Wort.

Neustart. Aufspringen, dabei den Rucksack überziehen, ist bei Maurice eins. Roberto braucht länger bis er in den Schuhen steht. Das bekomme ich aber schon nicht mehr mit. Beim Blick zurück sehe ich nur noch den Franzosen. Mehr Tempo. Kein Blick mehr für die leicht hügelige Landschaft. Keine Zeit für eine Fotopause. Die Kamera auf Dauerbild stellen und hoffen, dass etwas Brauchbares dabei hängen bleibt.
Nach links, rauf auf die autoleere Landstraße, wieder nach rechts, wieder auf einen Feldweg. Aus dem Grund einer Senke ein leichter Anstieg auf einer Kuppe. Hoffentlich ist der Anstieg nur kurz. Auf Steigungen lasse ich immer meinen Vorsprung. Geschafft, ich habe meinen Vorsprung sogar ausbauen können. Das macht leichtsinnig. In Moratinos nehme mir die Zeit für ein paar Fotos; zwei Taubenhäuser auf der Wiese, ein Hügel mit Bodegas (Erdkeller), ein Lehmhaus mit blauen Fenstern. Ein kurzer Augenblick nur, der dann doch zu lang war. Maurice ist wieder da. Himmel, ist der schnell!

Doping, es hilft nur noch Doping. Im Rucksack steckt noch eine Dose Cola, die richtige, das Zeug in der roten Dose. Wenn ich das um diese Uhrzeit runter kippe, werde ich in der kommenden Nacht kein Auge zu machen. Egal, meine Beine sind so müde, mein Kreislauf denkt nur ans Runterfahren, ohne die Cola geht’s nicht. Runter damit! Es wird keine 10 Minuten dauern, dann läuft mein Körper ohne Murren wieder auf Hochtouren.

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/9-5-sahgun-q.jpg
Sahagún - Kirche San Lorenzo


In San Nicolás wirkt das Zeug schon, trotzdem bleibt Maurice dran. Eine große Scheune nimmt mir die Sicht auf ihn, aber wenn ich Maurice nicht sehen kann, kann der mich ebenfalls nicht sehen. Laufen! Rennen! Richtig schnelles Rennen mit Rucksack, auch wenn es verpönt ist. Ich brauche Vorsprung um jeden Preis, denn es kommt noch eine Stelle, die über Sieg oder Niederlage entscheidet.
Als ich aus dem Sichtschatten der Scheune raus bin, hat sich der Abstand nur unwesentlich verringert – wenn überhaupt. Aha, Maurice denkt in denselben Kategorien.

Zu allem Überfluss ballen sich tiefschwarze Regenwolken am niedrigen Himmel. Bloß nicht!. Jetzt nicht! Die Regenklamotten stecken im Rucksack. Keine Zeit für einen Stopp. Natürlich fängt es an zu regnen. Im Gehen muss der Rucksack runter vom Rücken. Regenjacke, Regenhose und Regenhülle für den Rucksack, alles muss raus. Bis auf die Regenhose wird alles während des Gehens übergezogen. Ein Blick zurück bestätigt, dass Maurice das alles auch im Gehen kann.

Rüber über die letzte Anhöhe vor Sahagún und dann weiter entlang der Straße. Noch mal ein kurzer Blick über die Schulter und dann der Schreck. Mann, Roberto hat zu Maurice aufgeschlossen. Der Brasilianer muss alles gelaufen sein.
An der Geraden liegt der Knackpunkt, der über Sieg oder Niederlage entscheidet, denn es gibt zwei Varianten. Wer’s eilig hat, bleibt auf dem Weg neben der Straße und erspart sich so mindestens 600 Meter. Der eigentliche Camino macht kurz vor der Stadt einen Schlenker nach Norden und nimmt dabei die Kapelle Virgen del Puente mit und ist somit einen halben Kilometer länger.

Und nun stecke ich im Dilemma. Nehme ich den längeren Weg, habe ich verloren, denn so groß ist mein Vorsprung nicht. Gehe ich den direkten Weg, werden die beiden vermutlich den an der Kapelle nehmen, weil sie dann eine schöne Erklärung fürs Eintreffen nach mir haben.

Im Selbstgespräch appelliere ich an den Sportsgeist der beiden und nehme den längeren Weg. Wie vermutet, wollen meine Verfolger den Sieg nicht geschenkt, denn sie folgen mir, überholen mich sogar, lassen es aber wieder zu, dass ich aufschließe. Ich achte dann darauf, dass ich ihnen nicht weglaufe. Der heutige Tag wird keinen Sieger haben. Gemeinsam, sogar nebeneinander treten wir durch die Eingangstür der Herberge.

Unentschieden. Morgen geht es weiter. Morgen wird es aber auch einen Sieger geben.

Samstag, 10. Mai 2008 Alles trostlos
Etappe: Sahagún – Mansilla de de las Mulas
Tageskilometer: 38 Gesamtkilometer: 387
Unterkunft: Albergue municipal (Gemeindeherberge)

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Technik im Nirgendwo


Es hätte die erste perfekte Nacht werden können. Keine Schnarcher, die einen aus dem Schlaf reißen, und das bei mehr als fünfzig Mitschläfern im Raum über der Kirche; niemand, der beim nächtlichen Gang aufs Klo über einen Rucksack stolpert; Frischluft wie schon lange nicht mehr, denn an die Fenster kommt, weil dicht unterm Dach, niemand ran. Ich weiß das ganz genau, denn dank des koffeinhaltigen Aufputschmittels von gestern Nachmittag, habe ich die halbe Nacht nicht geschlafen. Erst gegen Morgen bin ich eingeschlafen.

Der Regen, der am vergangen Tag nur als Schauer daherkam, hat in der Nacht Anlauf genommen, und so wie es aussieht, wird er uns über den Tag begleiten. Maurice und ich sind drauf eingestellt, Roberto natürlich nicht. Warum auch, in Spanien regnet es nie. Ein kurzer Blick ins Treppenhaus, ob wir alleine sind, und schon hat er einen herrenlosen Kinderregenschirm, also eigentlich einen kinderlosen Schirm, von dessen trostlosen Dasein in der dunklen Ecke unter der Treppe erlöst. Jetzt hat er neben seinem Wäschesack für Kinderwäsche auch noch einen Regenschirm für Kinder.

Nass, dunkel, unausgeschlafen, beste Voraussetzungen für den Schlussspurt. Wir drei sind alleine unterwegs. Alleine in den dunklen Straßen Sahagúns, in denen unsere Schritte trotz Regens von den Häuserwänden widerhallen. Alleine auf dem Weg neben der Autostraße, und immer noch alleine als es hell wird. Seit dem Start unter der Tür der Herberge bin ich in Führung und ich habe nicht vor die wieder abzugeben. Immer 300, 400 Meter vor den beiden bleiben, habe ich mir vorgenommen. Sollten die Jungs ihr Tempo erhöhen, werde ich mitziehen, sollten die langsamer werden, werde auch ich langsamer, dann kann ich mich erholen. Das ist aber überhaupt nicht nötig. Roberto und Maurice sind zwar flott unterwegs, aber das Tempo vom vergangenen Tag schlagen die nicht mehr an. Müde, kaputt? Ich tippe aufs Wetter. Dem Südfranzosen und dem Südamerikaner macht das mitteleuropäische Schmuddelwetter zu schaffen.

Das ist mitteleuropäisches Standard-Herbstwetter. Es ist kalt geworden und aus endlos grauem Himmel fällt Regen, der keine Ende zu nehmen scheint. Schon bald steht das Wasser auf der Wegspur knöcheltief. Runter vom Weg, rauf auf den Asphalt, denn auf dem lässt sich gut gehen.

Die vielen Taxis, die in unsere Richtung unterwegs sind, decken uns mit Gischt ein. Ich habe noch nie so viele Taxis gesehen, wie an diesem Regenmorgen. Meist mit schwarz verklebten Scheiben, transportieren sie vermutlich Wanderer bis kurz vor die Herberge. Einige werden auch gleich die ganze Strecke bis León genommen haben. Gehört habe ich schon öfter davon, von diesen Vans und Kleinbussen mit schwarzer Folie auf den hinteren Scheiben. Angeblich wollen die Leute nicht erkannt werden, die den Camino auf diese Art machen. Und angeblich soll das ein einträgliches Geschäft sein. Wenn dem so ist, dann verdienen die Besitzer heute nicht schlecht. Es muss wohl so sein, wie es die Gerüchte verbreiten, denn nach kurzer Zeit kommen die Autos leer zurück.

Der Weg passt zum Wetter und das Wetter passt zur Landschaft. Monotones Gehen neben oder auf einer langweiligen regennassen Straße, welche die Landschaft in links neben der Straße und rechts neben der Straße teilt. Schlammbraune Felder mit klinkerroten Pumpenhäuschen. Eine Berieselungsanlage, deren Ausleger an ein Tentakel erinnert. Zerzauste Pappeln mit Kronen so licht, dass sie der Sonne keinen Schatten abtrotzen werden. In den Niederungen meist Tümpel, die sich im Schilf verstecken. Hin und wieder Bänke und Tische aus Beton, für Wanderer die einen Rastplatz suchen. Eine Bahnlinie zerschneidet die Gegend in vor dem Bahndamm und hinter dem Bahndamm. Langweilig, trostlos.

Monoton, wenig aufheiternd. Ein Weg, der den Blick zu Boden sinken lässt. Zum Unkraut, zum sichtbaren Pfusch am Straßenbau, zu den Pilgergrüßen die mit Farbe auf den Randsteinen oder auf der Straße hinterlassen wurden.

Das wirft Fragen auf. Wer nimmt einen Pott Farbe mit auf den Camino? Warum lassen die Leute sich fahren? Wann hört der Regen auf? Warum tue ich mir diese Landschaft an? Und die wichtigste Frage überhaupt: Wo sind meine Gegner?

Ja, wo stecken Maurice und Roberto? Bis Mittag, da hat der Regen aufgehört, sind die mir wie ein Schatten gefolgt. Ein weißer Regenschirm und ein wehender Poncho. Jedes Mal, wenn ich mich umgeblickt habe, war dieses Bild zu sehen. Sollten die aufgegeben haben? Unwahrscheinlich.

In der Gemeindeherberge klärt sich dann alles auf. Maurice trifft kurz nach mir ein und erzählt, dass Robertos Fußgelenk dick angeschwollen ist. Technischer Defekt, kommentiert er Robertos Malheur, der dann auch erst am frühen Abend eintrifft. Ein fader Sieg, der diesen Namen nicht verdient hat.

Die Herberge wird voll werden, so voll, dass Wolf, ein deutscher Hospitalero, mir erlaubt für Maria ein Bett zu reservieren. Dass soll was heißen, denn das wird überhaupt nicht gerne gesehen. Aber die alten Hospitaleros, dazu gehört Wolf ohne jeden Zweifel, haben ein Herz für Langsamgeher. Schnellgeher wie Maurice, Roberto und ich, kommen nicht so gut bei den Herren der Hütten an. Dabei geht Maria haargenau dieselbe Strecke wie wir, macht also auch keinen auf geruhsames und beschauliches Pilgern. Im Gegenteil, geruhsam können wir, die Schnellgeher, die Nachmittage ausklingen lassen.
Als Maria am Abend eintrifft sind tatsächliche alle Betten belegt. Dank Wolfs Gutmütigkeit und meinem Schlafsack auf einem freien Bett, ist Marias Schlafplatz gesichert.

Rainer Duesmann
23.08.2008, 22:47
Staun.

Sicherlich nie mein Ding, aber genauso sicher: Respekt!

Rainer

Werner Hohn
23.08.2008, 22:53
Staun.

Sicherlich nie mein Ding, ...

Rainer
Das hätte ich dir Anfang April ohne jeden Einwand unterschrieben.

Werner

Rajiv
23.08.2008, 23:19
Interessanter Aspekt, daß man sich gewissermaßen "ein Rennen liefert".
Ist mir so eigentlich noch nie passiert, vermutlich weil es landschaftlich immer so reizvoll war (oder andere interessante Sachen am Wegesrand rumstanden), daß ich da die Priorität immer den "Sehenswürdigkeiten" eingeräumt hätte und den "Wettkampf" zurückgestellt hätte.

Na gut, wenn es auf 'nen Gipfel geht und die letzten Höhenmeter anstehen und man den Abstieg auf der gleichen Route wie den Aufstieg bewältigen will/muß, dann lasse ich mich auch mal hinreißen und latsche etwas schneller. Da siegt dann doch irgendein Gefühl; wollte mir letztes Jahr dann auch nicht nehmen lassen, daß ich an diesem Tag der erste Wanderer war, der den Gipfel vom Pic du Midi de Bigorre erreicht; aber da konnte ich diverse Sachen auch auf dem Abstieg mir in Ruhe ansehen.

Mal abwarten, wenn ich mich doch mal für 'nen einigermaßen flachen Fernwanderweg begeistern kann, dann lasse ich mich da vielleicht auch etwas "krabbeln".

Der "Rennbericht" ist einfach herrlich zu lesen! Wieder ein Kompliment dafür! Haste feingemacht!

Rajiv

paddel
24.08.2008, 08:26
Wiedermal GENIAL! Habe mich gerade köstlich amüsiert. :bg:

Werner, hast du schonmal überlegt einen Ultramarathon oder ähnliches hinzulegen ;-)

lor3nz
24.08.2008, 19:24
Mensch Werner,

Du bringst ganz neue Aspekte in meine Überlegungen:
Ich bin den Weg im Jahr 2000 (vor dem Öffnen der Pforte) gegangen, als es noch nur ein paar Bücher und keine Wettrennen gab. Die paar Wochen damals haben mich nachhaltig verändert.

Deine Beschreibung macht Lust den Weg als sportliche Unternehmung nochmal anzugehen ;-)

Danke für den Bericht!
Markus

Werner Hohn
26.08.2008, 16:11
Pfingstsonntag, 11. Mai 2008 Verpasste Gelegenheiten
Etappe: Mansilla de de las Mulas - León
Tageskilometer: 19 Gesamtkilometer: 406
Unterkunft: „Albergue de las Carbajalas“ im Monasterio de Benedictinas Sta. Mª de Carbajal (Benediktinerinnenkloster)

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Friedhof // Manche Wege sind hart



Mansilla – Leon. Kurz, knackig, noch nicht mal ein halber Tag zu Fuß. Was bleibt? Nichts, oder fast nichts. Eine Storchenfamilie auf dem Turm einer Kapelle, ein ummauerter Friedhof, eine Bar mit dem deutschen Namen „Viel Glück“. Hoffnung oder Warnung? Industriegebiete – natürlich. Am Stadtrand die Zentrale einer Bank, schon ansehlicher – war nicht anders zu erwarten.
Wieder Fußwege, die nur ein Unkrautstreifen von der Straße trennt. Hochbordige Bürgersteige versprechen Schutz vor Verkehr, der heute, am Sonntagmorgen nicht eingefordert werden muss. Eine vierspurige Schnellstraße soll überquert werden. Eindeutig zeigen die Pfeile zur anderen Straßenseite. Die Schnellstraße hat alles, was eine Schnellstraße ausmacht, sogar eine Mittelleitplanke, aber Sonntag sei Dank, keinen Verkehr. An einem Werktag, womöglich während des Berufsverkehrs, möchte ich diese Straße nicht überqueren müssen.

An einem Sonntag verschluckt auch eine Stadt wie León nicht jeden, sogar dann nicht, wenn der zu Fuß in die Stadt kommt. Zur Orientierung genügt mir eine Gruppe französischer Pilger, die weit vor mir sind. Warum die Führung nicht mal anderen überlassen; das Kümmern um den Weg, das ständige Ausschauhalten nach den in den großen Städten nur spärlich vorhandenen gelben Pfeilen?
Die Franzosen machen es gut. Ohne Umweg endet deren Führung mitten im Zentrum, direkt am noch verschlossenen Tor der Klosterherberge. Natürlich haben die mich schon lange bemerkt. „Deutschland benötigt nun mal einen Nachbarn, der zeigt wo es langgeht“, meinen die Vier, und bieten gut gelaunt weitere Hilfe an.

In León könnte man zwei volle Tage verbringen, denn hier hat es nicht nur Pilger hingezogen. Früher schlug hier eines der vielen Herzen Spaniens und mancherorts sind immer noch Reste davon zu finden.

Die römische VII. Legion war hier und hat der Stadt den Namen da gelassen. Das war zu erwarten, wo waren die Römer nicht? Immerhin haben die Besatzer den Spaniern auch die Sprache da gelassen.
Der katalanische Architekt Gaudi hat einen seiner neogotischen Paläste im Herzen der Stadt hochziehen dürfen. Heute residiert darin eine Bank. Klar, wer hat sonst die Kohle, um den Bau in Schuss zu halten.
Die Knochen des heiligen Isidor, Bischof von Sevilla(!) und einer der bedeutendsten Schriftsteller, Kirchenleute und Übersetzer des frühen Mittelalters, wurden Anfang des 11. Jahrhunderts hierhin verschleppt. Da war der Heilige schon ein paar hundert Jahre tot. Damit er was hermacht, hat man ihm eine eigene Kirche spendiert, die „Real Basilica De San Isidoro“ – immerhin königlich. Und seit 2001 ist Isidor von Sevilla Schutzpatron des Internets. Ob’s ihn freut?
Alfons VII. war vor 800 Jahren auch da, und hat sich hier zum Imperator ausrufen lassen. Anders gesagt, er hat sich das gesamte damals verfügbare spanische Reich untern Nagel gerissen.

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Kathedrale von Leon


Und heute bin ich da, nur von mir wird nichts bleiben. Nur mein Name, den der Hospitalero ins Pilgerbuch eingetragen hat. Schon beim Umblättern zur nächsten Seite wird der in Vergessenheit geraten sein. Noch ehe die mit engen Linien überzogen Seiten der großen Kladde von den Rändern her mit dem Vergilben anfangen, werde ich dem namenlosen Staub der Geschichte anheimfallen. Tröstlich ist nur, dass ich dabei nicht alleine sein werde. Im Buch stehen die Namen einiger Menschen, die mir in den letzten Tagen ans Herz gewachsen sind. Vielleicht nicht fürs Leben, aber für diese Tage.

Duschen, die Faltblätter vom Touristenbüro studieren, kurz mit Bekannten vom Weg quatschen, ein längeres Gespräch mit dem alten Hospitalero, der endlich ein Opfer unter all den Ausländern gefunden hat, und schon ist Mittag vorbei und die Sonne macht sich hinter Wolken unsichtbar. Himmel, León läuft mir davon! Woher soll ich die Zeit für das alles nehmen?

Wenigstens die Kathedrale, diese gotische Bischofskirche, diese Orgie aus Stein und Glas. Hauptsächlich Glas. Fenster so groß und hoch, dass sie eigentlich unter dem Glas- und Bleigewicht zusammenbrechen müssen. Papst Johannes XXIII. hat diese Kirche auf einen griffigen Satz reduziert: „Dieses Gebäude besitzt mehr Glas als Stein, mehr Licht als Glas und mehr Glauben als Licht.“ Der hat bestimmt Sonne bei seinem Besuch gehabt, anders kann er nicht zu dieser Erkenntnis gelangt sein. Na, für den letzten Teil wird auch sein Glaube gelangt haben.
Also, für die Fenster, fürs Spiel der Farben braucht’s Sonne, viel Sonne. Noch scheint die, fragt sich nur wie lange noch.

Vergebens, als Maria und ich eintreffen, hat sich der Himmel mit dunklen Regenwolken zugezogen. Im Innern der Kirche leuchten nur die Steine des hohen Deckengewölbes. Schummeriges Kunstlicht macht es möglich. Die Fenster brauchen die Kraft des Sonnenlichts. Die Künstler längst vergangener Zeiten hatten nur das Licht der Sonne, und auf deren Kraft und Lauf sind die bunten Scheiben in den Fenstern abgestimmt. Nichts, die Sonne will heute nicht mehr. Das endgültige Aus kommt von einem Sicherheitsmann, der mich aus der Kathedrale weist. In einer Seitenkapelle hat eine Messe geendet, man will nun schließen!

Aus, vorbei. Ich verpasse nicht nur die Kirche, auch alles andere. Sinnlos aber gemütlich vertrödeln wir den Nachmittag. Es ist mal wieder so weit: Das Unterwegssein, das Gehen bis zum Horizont und dann noch ein Stück weiter ist wieder mal zum Tages- und Lebensinhalt geworden. León wird warten müssen, wie so viel alte spanische Städte mit ihren alten Kirchen, trotzigen Burgen und oft abweisenden Mauern.

Die Herberge im Kloster der Benediktinerinnen ist einer der wenigen Unterkünfte am Camino mit nach Geschlechtern getrennten Schlafsälen. Unten die Räume der Frauen, oben die der Männer. Nachmittags quillt das Untergeschoss über, während wir oben noch einen ganzen Raum frei haben. Überrascht vom Andrang der Frauen, stimmen die Nonnen nun einer gemischten Belegung zu. Es soll jedoch mindestens eine Bettenreihe frei bleiben, damit Männlein und Weiblein wenigstens optisch getrennt sind. Grenzland, ohne genauen Zuständigkeitsbereich, sozusagen.


Pfingstmontag, 12. Mai 2008 Ein Feiertag am Rand der Nationalstraße
Etappe: León – Hospital de Órbigo
Tageskilometer: 36 Gesamtkilometer: 442
Unterkunft: Albergue Parroquial de Peregrinos "Karl Leisner"

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Im Páramo von León



Auf Jeff laufe ich noch innerhalb der Stadtgrenzen auf. Er kommt aus Kanada und findet wie alle Kanadier immer und überall Anschluss. Jetzt eben bei mir. Oder ich bei ihm? Egal, Hauptsache ich habe Begleitung auf dem öden Weg durch die Vorstädte Leóns. Mich wundert, dass Jeff alleine unterwegs ist, denn seit mehreren Tagen habe ich ihn immer nur in Begleitung einer etwa gleichaltrigen Irin gesehen. Meine Nachfragen quittiert er Bob Marley zitierend mit „No Woman No Cry“.

Und dann, Jeff ist schon lange in einer Bar am Stadtrand verschwunden, bin ich auf dem falschen Weg unterwegs. Nicht dass ich auf einem ganz falschen Weg abgebogen bin, aber hier wollte ich nicht hin. Es gibt mal wieder eine der so häufigen Alternativrouten, die eingerichtet wurden, um die Menschen von den Wegen neben den Nationalstraßen fern zu halten, und die oft auch durch schönere Landschaften führen.

Wie man auf den falschen Weg geraten kann? Na ja, ist ganz einfach. Wenn das Geschäft zu sehr leidet, greifen die Betreiber konkurrierender Pilgerherbergen schon mal zum Farbeimer und übermalen die gelben Pfeile. Zumal wenn die Route geändert wurde. Früher am Weg, heute im Abseits, gleich leere Kassen. Außerdem, ein wenig Faulheit, sich treiben lassen war auch dabei. Warum sich groß Gedanken machen, wenn es auch ohne geht?

Wir waren zu viert und standen unschlüssig an der Weggabelung hinter Virgen del Camino. Ein Norweger, ein Franzose, Maria und ich. Links oder geradeaus? Man müsste nur mal in die Wegbeschreibung schauen. Maria macht’s nie, die anderen machten ebenfalls keine Anstalten sich ins Buch zu vertiefen. Ich schon, und ich war der Meinung, dass, wenn wir über Villar de Mazarife gehen wollen, hier nach links müssen. Ach was soll’s, ist doch egal, beide Wege kommen in Hospital de Órbigo wieder zusammen, und ich rannte einfach den anderen hinterher, die sich keinen Deut um meine Ausführungen geschert hatten.


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San Martin del Camino



Das ist jetzt die klassische Pilgerroute entlang der Nationalstraße. Nicht nur dass der Weg dem historische Verlauf folgt, früher, und damit meine ich vor wenigen Jahren, ging es direkt über die Straße nach Santiago. Heute gibt es einen separten Weg neben der Straße nur für uns, also für Menschen, die zu Fuß unterwegs sind.
Es dauert nicht lange, dann bin ich alleine unterwegs. Vermutlich wird sich daran heute nichts mehr ändern, denn der Blick auf die Wegskizze macht deutlich, dass ich bis zum heutigen Ziel immer an der Nationalstraße bleiben werde. Das werden sich die wenigsten antun wollen und folglich der schöneren Strecke folgen.

Ich muss hier nicht bleiben. Jede größere Stichstraße nach Süden würde mich nach drei, vier Kilometer auf die reizvollere andere Route bringen. Es wäre so einfach. Nur nach links abbiegen und der Straße folgen bis ein gelber Pfeil wieder nach Westen zeigt. Doch ich bleibe.

Heute ist der Tag der Nationalstraße, der Carretera N-120, der ich mehr als 25 Kilometer folgen werde. Auch gehört dieser Tag den Straßendörfern mit den langen Namen, die sich lange bevor die ersten Dächer über den Horizont wachsen, durch himmelhochstrebende Wassertürme ankündigen. In Valverde de la Virgen haben Störche den Kirchturm okkupiert. Von sonstigem Leben keine Spur. Nur der Verkehr auf der Straße und ich. Vor einem Haus in San Miguel del Camino steht auf einer Bank eine Schale mit Bonbons für Pilger auf dem Weg nach Santiago. Daneben ein Notizblock, man soll einen Gruß oder Wunsch hinterlassen, verkündet ein handgeschriebenes Pappschild. Ich hinterlasse einen Wunsch, den um schönes Wetter. Was soll ich mir sonst auch wünschen? Wortlos, weil grußlos, wen soll ich auch grüßen, geht es weiter durch den Ort.

Am Ortsrand von Villadangos del Páramo hat neue Kunst, die nicht nur entfernt an eine Panzersperre erinnert, einen Platz gefunden. Ein alter Mann in ausgetretenen Hausschuhen überquert langsam schlurfend die Nationalstraße. Er braucht dafür unendlich lange. Stillstand. Keiner hupt, keiner kurbelt das Seitenfenster seines klimatisierten Vehikels runter, um zur Eile anzutreiben.
San Martín del Camino, ein paar Häuser mehr, auch hier wieder die obligatorische Pilgerherberge, eine Bushaltestelle aus einem Guss, wenn auch Kunststoff, aber sie passt zum Ort. Auf dem öden Dorfplatz zwei Frauen, die mir den Weg zeigen. Ich muss weg von der Nationalstraße, für ein paar hundert Meter durch eine der Seitenstraßen, sozusagen durch den Hinterhof der Magistrale. Wäsche hängt reglos von der Leine, und wird von der Hitze, die sich vor den Hauswänden staut, zu Brettern verarbeitet. Aufgebockt harrt ein rostiger Peugeot der Dinge die kommen werden. Nebenan werkelt ein altes Ehepaar an einem Traktor, der dem Schrottplatz näher zu sein scheint als dem Feld.


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Bushaltestelle in San Martín del Camino


Zwischen den Dörfern der Páramo von León, eine landwirtschaftliche Einöde. Den an seine Erträge denkenden Bauern mag der fruchtbare Boden freuen. Fürs Auge ist das hier nichts. Flach, kein Anstieg, kein Abstieg, kein Punkt, an der dem der Blick hängen bleibt. Einige Wiesen, viele noch unbestellte Felder, über deren Erde zinkfarbene Wasserleitungen führen. An Feldgrenzen schwarz-weiße Metallschilder, der Hinweis aufs private Jagdgebiet. Hecken, Wäldchen umzingelt von Brachland mit wintergrauem Gras. Stallungen, in der Sonne blitzende Getreidesilos vor schmucklosen Bauernhöfen.

Zeit in Hülle und Fülle, genug für Betrachtungen des spanischen Lkw-Fernverkehrs. Das Speditionsgewerbe in Spanien floriert allem Anschein nach. Groß, PS-stark, meist neu und viel zu schnell sind die Fahrzeuge unterwegs. Die Werbung auf den Planen verspricht alles. Heute noch hier, morgen schon dort und übermorgen ganz woanders. Was auch immer, wohin auch immer, wann auch immer. Leere Versprechungen, welche die Fahrer mit Inhalt füllen müssen.

Ach, Pfingstmontag, ein arbeitsfreier Feiertag? Nein, im erzkatholischen Spanien nicht. In diesem Land, das Landschaften Raum gibt, in denen ein mittelalterlicher Großinquisitor jeden Augenblick mit seinem Gefolge um die Ecke biegen könnte, sind kirchliche Feiertage keine Mangelware, aber meist sind das Arbeitstage. Weihnachten geht noch. Schenken, die große Lotterie, die Kinder, die Familie. Aber an Ostern, speziell in der Osterwoche, befindet sich das Land im Ausnahmezustand. Dann ist Spanien so katholisch, dass einige fliehen.

Ansonsten sind's Dorfheilige, die Heilige des Stadtviertels, der Schutzpatron der Kirche, die vielen Heiligen, die ihre schützende Hand über Fischer, Handwerker und alles und jeden halten sollen, die lokal einen viel größeren Stellenwert haben. Manchmal gibt es ein bescheidenes Feuerwerk, sehr oft Unmengen Knallkörper, die in den engen Straßen einen Lärm wie der sprichwörtliche Weltuntergang entfachen, eine Strohpuppe wird abgefackelt, die inbrünstige Prozession, eine Messe, die einmal im Jahr die Kirche füllt, der Priester gibt seinen Segen, der kirchliche Teil kommt an sein Ende und dann ... ja, dann endlich, hat das Weltliche hat die Oberhand. Es wird gefeiert. Rotweinflaschen, Paellapfannen, Süßgebäck an langen Tischen unter bunten Sonnenschirmen. Im Morgengrauen endet mal wieder einer der vielen Feiertage, die keinen großen Widerhall in den Kalendern finden. Vom restlichen Land ganz zu schweigen.


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Brücke und Innenhof der Herberge in Hospital de Órbigo



Ganz zum Schluss Hospital de Órbigo, mit seiner langen Steinbogenbrücke um die sich eine der vielen Legenden um den Jakobsweg ranken. Ritter, Frauen, Kämpfe, Mut und all die Geschichten drumherum. Stoff aus dem heute die Gemeinde ihre Werbung macht.

Die Unterkunft ist schön. Ein kleiner, ruhiger, bunt bemalter Innenhof, hinten raus eine Wiese, ein Radiosender spielt klassische Musik. Die meiste Zeit sitze ich daneben und lausche der Musik. Musik, die ich zu Hause nicht hören würde. An diesem Pfingstmontag hätte ich mir keinen schöneren Ausklang wünschen können.


Dienstag, 13. Mai 2008 Fußgänger
Etappe: Hospital de Órbigo – Rabanal del Camino
Tageskilometer: 39 Gesamtkilometer: 481
Unterkunft: „Refugio Gaucelmo“ der britischen „Confraternity of Saint James“ (Jakobsbruderschaft)

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Ehemaliger Bischofspalast in Astorga // Der "Aufstieg"



Vorbildlich! Tatsächlich, die beiden Mädels verhalten sich vorbildlich. Ganz leise haben sie sich ihr Zeug geschnappt und auf Zehenspitzen aus dem Zimmer geschlichen. Es ist niemand wach geworden. Jetzt packen sie draußen im stockfinsteren Innenhof ihre Rucksäcke. Sie haben eine Bank gefunden, auf der das ganz kommod vonstatten geht. Plastiktüten rascheln, obligatorisches Stöhnen übers Rucksackgewicht, die typischen Geräusche, die nur Plastikverschlüsse machen wenn sie einschnappen, fertig. Nicht ganz, denn eine Pilgermuschel fällt klappernd auf den Steinboden und wird unter wortreicher Anleitung „Mach sie diesmal bombenfest, ohne bist du kein Pilger“, wieder am Rucksack befestigt. Noch etwas Pilgertratsch; die Frage nach Zigaretten schwirrt über den Hof. Das metallische Klicken eines Feuerzeugs bestätigt, dass die Suche nicht ohne Erfolg war. Erste Rauchschwaden vermischen sich mit der frischen Morgenluft und ziehen durchs geöffnete Fenster.

Es reicht! Es reicht wirklich, denn die Bank steht vor unserem Fenster und das ist weit geöffnet. Mein Kopf ist noch nicht mal einen Meter von der Bank entfernt, von der es im schönsten Schwäbisch zu uns hereinschallt.
Wir sind alle wach. Da hat man endlich einen Schlafraum mit nur sechs Betten. Jeder hat sich schon beim Zubettgehen als Nichtschnarcher auf die eigene Schulter geklopft, und alle waren sich einig, dass man nur bei geöffnetem Fenster vernünftigen Schlaf findet. Kurzum: Perfekt.

Und dann das. Warum reißt keiner von uns, in dem Fall ich, denn die beiden Mädels sind schließlich meine Landsleute - die anderen kommen aus Venezuela, der Schweiz und den USA - die Klappe auf und jagt die beiden wenn nicht zum Teufel, dann doch wenigstens auf die Straße? Nein, leise grummelnd, mittlerweile sind alle wach, stehen auch wir auf. Die Schwäbinnen merken was sie angerichtet haben, denn als ich den Kopf aus dem Fenster stecke, sehe ich nur noch ihre Rucksäcke von hinten im Zwielicht der Morgendämmerung verschwinden. Pilgern kann ganz schön anstrengend sein, ganz besonders wenn man wandernd unterwegs ist.

Für heute haben die Jakobswegplaner wieder zwei Routen geschaffen. Mal wieder eine entlang der Straße und eine schönere, über ein einsames Hochplateau vor Astorga. Feldwege, Wiesenwege, Trampelpfade und Erdpisten führen über die waldige Hochebene.
Es ist nass und ungemütlich kalt geworden im Sommerland Spanien, besonders hier oben auf der ungeschützten Hochebene. Ob auf Dauer die grauen Regenwolken die Oberhand gewinnen werden ist noch nicht ganz entschieden. So schnell gibt sich der Sommer doch nicht geschlagen. Blauer Himmel und weiße Wolken lassen Hoffnung keimen. Jedenfalls bis zum nächsten Regenschauer. Fast tausend Meter über dem Meer, dazu ein Wetterumschwung und schon haben Regen- und Fleecejacke das T-Shirt abgelöst. Spanien macht Nordeuropa Konkurrenz.


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Castrillo de los Polvazares



Der alte Franzose, vor Astorga laufe ich auf ihn auf, will tatsächlich heute noch bis Rabanal del Camino. Meine Güte, warum? Der Mann ist im Zweiten Weltkrieg geboren, trägt einen Rucksack der Größe XXL auf seinem breiten Rücken, dem jedoch ein Bauch gleicher Größe entgegenwirkt. Meinen Hinweis aufs sehenswerte Astorga und die vielen Herbergen der Stadt, wischt er mit einen lakonischen „Ich kann keine Kirchen und Mauern mehr sehen!" zur Seite. „Gehen, einfach nur gehen, das mache ich nun schon seit Wochen, mehr will ich nicht“, schiebt er nach. Vor zwölf Wochen ist er im Pariser Becken gestartet und hat all seine kulturellen Ambitionen nach und nach am Wegesrand gelassen. Zusammen mit der warmen Winterkleidung, seiner schlechten körperlichen Verfassung, der Sorge ums tägliche Wohlergehen, nicht zuletzt seine romantische Vorstellung vom Wandern in die Ferne. Frühstücken unterm Baum, Mittagessen in einem guten Restaurant, der Nachmittagskaffee auf einer sonnendurchfluteten Terrasse, das weiche Bett in einem guten Hotel, all das hat weichen müssen für die Freude am zu Fuß gehen, das langsame Vorankommen im Unbekannten. Nur das ist ihm wichtig geworden. Alles andere hat er sich abgewöhnt oder kann warten, bis er wieder in seinem alten Leben Fuß fassen muss.

Ich will auch nicht ihn Astorga bleiben, aber einfach so durch eine 2.000-jährige Stadt sprinten, nur um in Bewegung zu bleiben? Zu Fuß gehen und etwas von der Kulturgeschichte links und rechts des Caminos mitnehmen, sollte doch vereinbar sein. Nicht jede Ruine, jedes noch so unbedeutende Kirchlein oder jedes der unzähligen Pilgerkreuze am Weg ist ein Innehalten wert. Astorga aber ist mehr.

Doch was sich bei mir schon in León angekündigt hat, findet nun in Astorga seine Fortsetzung. Meine Erinnerungen an das so sehenswerte Astorga? Nicht viel: ein lebhafter Markt, der Geldautomat im Eingang einer Bank, eine Runde fürs obligatorische Foto um den neogotischen Bischofspalast, sowie eine hastige halbe Runde durch die Kathedrale. Bis auf den Stopp am Geldautomaten gab es kein Halten, kein Pausieren, kein Flanieren. Alles zusammen hat noch nicht mal eine Stunde in Anspruch genommen. Vorne den Berg hoch in das Städtchen rein, hinten über das Ausfallsträßchen wieder raus. Sogar die Pause habe ich erst auf einer Bank am Stadtrand gemacht.

Astorga ist eine schöne Stadt, aber Astorga wird warten müssen. Weil diese Stadt nicht alleine auf einer langen Liste steht, werde ich irgendwann die Rücksitze meines Autos umlegen, den freien Platz mit zwei Isomatten und Schlafsäcken auffüllen, mich hinters Lenkrad klemmen, meine Frau wird es sich auf dem Sitz daneben gemütlich machen, und dann werden wir all die Städte, Burgen, Klöster und Kirchen besuchen, die zu weit im Abseits liegen um sie zu Fuß zu erreichen oder die dem Unsteten, der Unlust am Stillstand geopfert wurden.

Das ist nicht nur bei mir und dem Franzosen so. Einige mehr machen das auch so. Gelistete, zu Tode beschriebe Sehenswürdigkeiten, Oasen der Kultur, Geheimtipps, diese Handelsware aller Reiseführer, verwunschene Orte, die man gesehen haben muss, die Treffpunkte der Welt, in denen man sich angeblich blicken lassen muss, um mitreden zu können, all das gerät bei dieser Art des Reisen zur Fußnote. Am Anfang einer langen Fußreise nehme ich noch vieles mit, irgendwann kommt der Punkt an dem das Unterwegssein, genauer das Unterwegsein zu Fuß, das einzige ist was zählt. Noch nicht einmal Wandern im eigentlichen Sinne. Wandern hat etwas von schönen Wegen durch berauschende Landschaften, von Brotzeit und Einkehr, von „Im Frühtau zu Berge ...“, den „klappernden Mühlen am rauschenden Bach“. Zu Fuß gehen ist anders, ohne Wurzel sein, eine kleine, kostbare Zeit ohne Heimat, mit dem Tag zufrieden sein, egal ob auf einem der Traumpfade dieser Welt, oder auf dem Seitenstreifen einer staubigen Industriestraße in den Hinterhöfen Europas. Nicht viele bevorzugen diese Art des Reisens, aber einige sind es schon. Tagediebe mit einem leichten Hang zum Taugenichts.

Jene Unlust, gar Ablehnung, die mich vor wenigen Wochen zum sofortigen Abbruch meiner Wanderung durch Portugal getrieben hat, ist wie weggeblasen. Vermutlich war es auch nie wirklich da. Ich bin wieder unterwegs.


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Bei Rabanal del Camino



Berge, keine unbezwingbaren, aber immerhin Hügel, welche diese Bezeichnung verdient haben, erwarten mich hinter Astorga. In einem unendlich lang gezogenen, dazu noch schnurgeraden Weg geht es unmerklich bergauf. Müde wird man davon nicht.

Mittags stehe ich unschlüssig vor der Herberge in Santa Catalina de Somoza. Hierbleiben oder nicht? Wie so oft auf diesem Weg nimmt ein völlig Fremder mir diese Entscheidung ab. Mit „Du willst doch wohl hier nicht schon aufhören!“ zieht Martin mich mit. Einfach so. Ich kenne Martin nicht, er war zwar gestern in derselben Herberge, jedoch das war’s auch schon.

Martin ist vor siebzig Tagen in Süddeutschland gestartet und seitdem ununterbrochen zu Fuß unterwegs. Es hat nicht wie so viele zwischendurch mal den Zug genommen oder sein Gepäck transportieren lassen. Er ist alles gegangen. 2.500 Kilometer. Von Süddeutschland zum Bodensee, weiter durch die Schweiz nach Genf, über die Grenze nach Frankreich bis nach Le-Puy-en-Velay, dann übern Aubrac nach Saint-Jean-Pied-de-Port am Fuß der Pyrenäen, dorthin, wo „der“ Jakobsweg angeblich beginnt. Jetzt ist er hier und hat heute seit langem mal wieder seine Frau dabei, die ihn gelegentlich auf dem Weg besucht. Die letzten Kilometer bis ans „Ende der Welt“ wird sie ihn begleiten.

Martin gehört zu denen, die „auf Santiago gehen“, deren Jakobsweg vor der eigenen Hautür begonnen hagt. Er ist ganz bewusst auf dem Weg dorthin. Das Ziel ist nicht austauschbar, so wie bei mir. Doch er gehört ebenfalls zu denen, die von Unrast getrieben die Freude am Gehen entdeckt haben. An die Zeit danach will er jetzt, da das Ende seiner Pilgerschaft absehbar ist, nicht denken.

Marita
09.09.2008, 14:46
Hast Du eigentlich schon einmal überlegt ein Buch zu schreiben? Genau diese Art der Reiselektüre habe ich mehrfach erfolglos in Buchläden gesucht...

Dem kann ich nur zustimmen! Vielen Dank fuer den tollen Bericht!

Wann geht es weiter?

Flachlandtiroler
09.09.2008, 17:54
Staun.
Sicherlich nie mein Ding, ...
Rainer
Das hätte ich dir Anfang April ohne jeden Einwand unterschrieben.

Werner
Bislang hat es bei mir noch nichtmal für den Klappentext von "Ich bin dann mal kurz..." gereicht (wahrscheinlich ist das auch gut so :roll:).
Ich hätte nicht gedacht das dieser Pilgerweg so lesenswert sein kann. 5sterne, weiter so!

Gruß, Martin

Werner Hohn
13.09.2008, 21:50
Mittwoch, 14. Mai 2008 Pilgergeschichten
Etappe: Rabanal del Camino - Molinaseca
Tageskilometer: 26 Gesamtkilometer: 507
Unterkunft: Albergue „Santa Marina”

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Rückblick nach Foncebadón


Und dann ist er doch da, der Anstieg. Es sind nur wenige hundert Höhenmeter, die überwunden werden müssen, die ziehen sich jedoch über so viele Kilometer hin, dass es so früh am Morgen keinem die Schweißperlen auf die Stirn treibt.
Es ist so kühl geworden in den Montes de León, dass der Atem kleine hauchfeine Wolken in die Luft entlässt. Triefende Taunässe hat sich über Felder und Wiesen gelegt, die im Gegenlicht der aufgehenden Sonne metallisch schimmern. Verfallene Stallungen, windschiefe Hütten, die Reste alter Begrenzungsmauern, eine von Büschen übergewucherte Quelle, lehmige Trampelpfade, all das gibt es hier oben auf beinahe anderthalbtausend Meter. Foncebadón, das bis vor wenigen Jahren nur aus Runinen bestand, war immerhin so wichtig für den mittelalterlichen Pilgerweg, dass hier ein spanisches Konzil abgehalten wurde. Lange Jahre nachdem der letzte Bewohner das Nest verlassen hat, kehrt heute wieder Leben zurück. Zwei Pilgerherbergen bieten Schutz und Unterkunft am Weg, der zum Pass hinauf führt. Die Calle Real gehört heute wieder den Pilgern und zwei träge in der Morgensonne dösenden Hirtenhunden.

Zum ersten Mal seit ich unterwegs bin, kann ich mich in die Pilger vergangener Zeiten hineinfühlen. Nicht so richtig, dafür trennt mich dann doch zu viel von den Menschen dieser Zeit, aber ein Hauch Gemeinsamkeit ist da. Die fünfhundert, achthundert oder noch mehr Jahre, die uns trennen, lassen sich nun mal nicht so einfach vom Tisch wischen. Ausrüstung, Unterkünfte, Sicherheit, ja sogar der Weg hat sich gewandelt, von der Rückreise gar nicht zu reden. Früher ging man alles wieder zurück, da gab es keine Billigflieger, keine Busse, die quer durch Europa fahren, nur der wieder viele Wochen, oft Monate zählende Marsch heim nach Frankreich, ins Heilige Römische Reich Deutscher Nationen, hoch ins kalte Skandinavien, einige weit, weit nach Osten.
Ungezählt jedoch sind die Pilger, die geblieben sind. Jene, die den Rückweg nicht mehr geschafft haben und in spanischer Erde verscharrt wurden, oder die von der Liebe gefesselt, vom Geschäft gebunden, auf der Flucht von der Heimat ferngehalten, den Weg zurück nicht mehr machen wollten. Nicht zu vergessen die Legionen, die in die Heere der katholischen spanischen Könige eingetreten sind, um das Land von der jahrhunderte dauernden Besatzung der Mauren zu befreien. Menschen aus ganz Europa, die nichts besseres zu tun hatten, als ihr Leben für eine fremde Krone zu opfern, das aber im Namen des selben Gottes.

Das war schon ein genialer Schachzug - vermutlich war es Zufall - den tiefgläubigen Menschen jener Zeit einen toten Apostel ins Nest zu legen, den es zu befreien galt. Warum sollte ein Bauer aus dem Frankenland seine zugige Hütte verlassen, ein Fischer vom windigen Kattegatt seinen Kahn am Ufer verrotten lassen, ein Hirte von den sonnenbeschienen Almen des Tessin die Herde im Stich lassen, ein ehrbarer Kaufmann vom Ufer der Budapester Donau sein einträgliches Geschäft aufgeben? Familienväter haben ihre Familie verlassen, ebenso Kirchenleute ihre Kirche, Söhne ihre Mütter, Männer ihre Geliebte, Väter ihre Söhne, Geldsäcke ihre Bankhäuser, Ritter ihre Burgen. Das alles wegen ein bisschen spanischen Bodens? Dem Glanz einer Krone, die nicht einer gesehen hat? Der Freiheit Europas? Pah, bestimmt nicht! Das sind Beweggründe für Hasardeure, Flüchtlinge, Lebensmüde, für Menschen, die nur einen Impuls brauchen, sich aus dem Staub zu machen – und sei er noch so fadenscheinig.

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Bei Manjarín


Otto Normalmittelaltler brauchte mehr. Etwas Höheres, etwas für später, ein Stückchen Himmel, einen sicheren Platz fürs Leben danach. Vielleicht brauchte er auch nur eine Handreichung, sowas wie eine Anleitung, um sich in die eigene Tasche zu lügen. Was hört sich denn besser an? Sich auf den Weg machen, das Grab eines Apostels von den Ungläubigen zu befreien, oder der spanischen Krone zu helfen ihr Reich zu vergrößern, indem man die Mauren wieder übers Mittelmeer nach Afrika jagt? Wenn’s dann auch noch die sündige Lebensbilanz verschönert, bestimmt der Kampf für den Glauben, für die Befreiung eines Grabes auf einem namenlosen Feld.
Die Sache mit dem Sternenfeld kam später, obwohl der vorchristliche Sternenweg ja schon lange bekannt war. Diese uralte Ritualroute nahe dem 42. Breitengrad musste nur wieder mobilisiert werden. Heute würde man das der Werbung überlassen, damals gab es etwas ähnliches. Die Legendenbildung rund ums heilige Grab schaufelte ohne Unterlass Menschen aus Zentraleuropa an den westlichen Rand der bekannten Welt.

Das Muster war so erfolgreich, dass Luther sich genötigt sah, gegen die Pilgerschaft zu wettern. Geholfen hat es nicht. Pilgern war eine Massenbewegung im späten Mittelalter. Pilgern beeinflusste den kleinen Mann genauso, wie die Politik und die Wirtschaft. Wo sich die Pilgerströme nicht alten, lang bekannten Handelsrouten bedienen konnten, wurde neue Wege geschaffen. Brücken, Klöster und Hospize entstanden. Infrastruktur entstand, der wir uns teils heute noch bedienen. Das Heer der Pilger, welches im Mittelalter dem Ruf der unsteten Pilgerschaft gefolgt ist, zählte nach Millionen. Erst als die ganze Iberische Halbinsel fest in spanischer Hand war, kam der Pilgerstrom zum Erliegen.

Das, was heute als Run auf den Camino bezeichnet wird, ist also nicht ganz neu. Das Vermitteln höherer Motive, auch scheinheiliger, auch nicht.

Oben auf dem Pass, auf mehr als 1.500 Meter, steht das Cruz de Ferro. Ein kleines eisernes Kreuz, das ein langer von Sonne und Regen ausgebleichter Baumstamm dem Himmel ein Stück näher rückt. Stamm und Kreuz, beide recken sich über einen mächtigen Steinhaufen. Noch so ein Mythos. Jeder Pilger soll einen Stein, den er von zu Hause mitgebracht hat hier ablegen, um damit symbolisch seine Sorgen los werden.
Brocken liegen hier, mein Gott, wer hat denn solchen Kummer, solche Sorgen, wer schleppt so eine Last mit sich rum? Vermutlich war’s die Kippmulde eines Lasters aus einem der nahen Steinbrüche.
Zwischen den großen Brocken aber die kleinen Steinchen. Viele tragen einen Namen, ein Datum, eine Inschrift. Auf einer flachen Schieferscheibe kann ich eben noch den Wunsch nach einer Heilung für die Schwester lesen. Ein paar Zettel mit Namen, meist schon im Auflösen begriffen, wenige Schuhe, einer mit Namen und Datum, Fahrradketten, Ritzel und Handschuhe liegen über den Hügel verstreut.
Am Fuß des Baumstamms ein gelbes Trikot auf dem sich eine ganze Gruppe verewigt hat, Pilgermuscheln, ein, zwei Fotos von vermutlich lieben Menschen, eine Postkarte, viele Zettel, Kleidungstücke, viele Wandersocken, ein Strauß verwelkender Blumen.
Nägel, Schnüre, Expandergummis, Reißzwecken, Klebeband und ein Kaugummi halten alles am Platz. Bis zum nächsten Wolkenbruch oder einem der hier häufig wehenden Stürme, die Platz machen für neue Erinnerungen, Bitten und Danksagungen.

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Das Cruz de Ferro


Am Steinhügel treffe ich auf ein französische Familie, die mit zwei Kindern und Maultieren unterwegs ist. Oh wie süß, wie romantisch, wie schön, was für eine schöne Erinnerung an die Kindheit, lassen sich die Zaungäste vernehmen. Ich weiß nicht. Ich habe mir die Gesichter der Kinder angeschaut. Selten haben ich solch Langeweile, Missmut und schlechte Laune in Kindergesichtern gesehen. Kinder finden es nicht toll, wenn sie den ganzen Tag alleine mit den Eltern sind. Kinder kotzt das wochenlange Gehen an, auch wenn sie zwischendurch auf dem Rücken der Mulis sitzen können. Kinder brauchen Kinder als Spielkameraden, keine alten Leute und auch keine Maultiere – mit Sicherheit nicht, wenn sich das Unternehmen über viele Wochen hinzieht.
Viele Umstehende vermuten, dass man mit Maultieren schneller voran kommt. Das Gegenteil ist der Fall, erklärt mir die Mutter. Tiere sind nicht so bescheuert wie Menschen. Mehr als 15 bis 20 Kilometer schaffen die nicht am Tag, sonst laufen sich die Maultiere unterm Packsattel wund. Auch dauert es, bis das Lager aufgeschlagen ist, denn nicht immer findet sich eine Unterkunft mit Platz für Vierbeiner. Die Familie schleppt ein großes Zelt, eine komplette kleine Küchenausrüstung, Kraftfutter für die Tiere und einige Spielsachen für die Kinder mit. Sogar ein Elektrozaun ist im Gepäck, denn nachts kann man die Maulesel nicht festbinden, jedenfalls nicht ohne Aufsicht.
Die Mutter ist begeistert, sie könnte das noch ein ganzes Leben so weitermachen. Die unter Fahrradhelmen versteckten kleinen Gesichter der Kinder sagen etwas anderes – mir jedenfalls.

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Manjarin


Etwas weiter noch ein verfallenes Bergdorf: Manjarín. Meist nur ein Einwohner und ein paar halbwilde Hunde unter Gebetsfahnen, Gebetsmühlen, Glöckchen. Davor ein Wegweiser in alle Welt. Firlefanz, Mummenschanz, Zirkus am Camino, Spinner, Lebenskünstler, Esoteriker, Dreckloch, urige Herberge, der letzte Tempelritter, ein Leben im Sinne alter Pilgertradition, Pilgerfeeling aus dem Mittelalter. Die Meinungen, Ansichten Vorurteile und Stimmungen geben sich hier ein Stelldichein.
Tomás hat sich vor Jahren in der Einsamkeit der Bergwelt niedergelassen und betreibt in den verfallenen Gemäuern seine Herberge. Seit dem Tag an dem er das erste Glas Wasser einem Pilger in die Hand gedrückt hat, teilt sich das Lager in Bewunderer und rigorose Ablehner. Wie dem auch sei, mein Fall ist das hier nicht, und das bestimmt nicht wegen der Unterkunft. Zweifelsohne jedoch ist Tomás eines der letzten Originale am Weg. Schon das ist Grund genug, ihm einen langen Atem zu wünschen.

Ich drehe eine Runde durchs Gelände, schmeiß einen Blick in eine Behausung, setze einen Fuß auf die „Terrasse“ und ziehe weiter. Das Ortschild, immerhin neu, hat ein Spanier mit dem handschriftlichen Zusatz „VIVA LAS HILTON“ ergänzt. Ich glaube den Schreiber zu verstehen, nicht nur wegen der Sauberkeit und dem Komfort des Hilton.

Vermutlich hat Tomás sich einer der schönste Plätze am Camino ausgesucht. Es ist wirklich schön hier und sehr einsam. Über die holprige Straße ruckelt nun selten ein Auto, wenn doch stört es nicht. Meist bin ich eh auf einem felsigen Pfad unterwegs, der anfangs über den Kamm führt, sich aber bald steil ins Tal senkt. Aus dem Tal leuchten im hellen Sonnenlicht die schwarzen Schieferdächer von El Acebo bis zum Kamm hinauf. Fragt sich nur wie lange hält die Sonne noch durch? Heute Nachmittag noch, meint eine alte Frau auf dem Dorfplatz von Riego de Ambros. Wenn ich mich beeile, komme ich noch im Trocknen bis nach Ponferrada.

Bis dahin bin ich dann doch nicht mehr gegangen. Nicht dass es entgegen der Vorhersage früher zu regnen anfing, auch hätte die Zeit noch locker gelangt, aber Molinaseca hat mir gefallen. Schon beim Blick über die Brücke kam der Wunsch nach dem Bleiben auf. Den letzten Ausschlag gibt die junge Dänin, die auf der Terrasse vor der privaten Herberge sitzt. Wir haben uns schon mehrmals getroffen, zum letzten Mal gestern Abend in der Herberge von Rabanal del Camino. Wegen einer Entzündung am Fuß hat sie das Taxi genommen, und freut sich jetzt über Gesellschaft. Sie wird hier warten bis die Gemeindeherberge öffnet und dann dorthin umziehen. Die 7 Euro, die sie in der niegelnagelneuen privaten Unterkunft zahlen müsste, sind ihr zuviel. Ich bleibe in der neuen Herberge, denn die 8 Kilometer bis Ponferrada kann ich morgen auch noch gehen. Ich sollte sowieso meine Etappen verkürzen. Wenn das so weitergeht, bin ich viel zu früh in Santiago.

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Unterwegs in den Montes de León


Molinaseca ist schön. Ein klarer Gebirgsbach rauscht unterhalb des Kirchenhügels durch die Rundbögen der Steinbrücke. Im Sommer kann man hier wunderbar baden. Zwei enge Sträßchen, die von alten, schmalbrüstigen Häusern flankiert werden, ein paar Bars, ein, zwei ausgebuchte Hotels, die offensichtlich ganz gut vom Pilgergeschäft leben, eine winzige Bäckerei, deren Inhaberin die Zeichen der Zeit erkannt hat und das Angebot um Obst und Getränke erweitert hat.

Gesellschaftlicher Höhepunkt, Treffpunkt der Jugend und Pilger, der Wanderer, Bus- und Hotelurlauber ist der Lebensmittelladen. Klein, niedrig, eine Theke in L-Form, über die einem der Besitzer und seine Tochter die verlangte Ware reichen. Einkaufswagen, Selbstbedienung ist hier nicht. Eine Batterie nackter Neonröhren an der Decke, versucht Licht ins Halbdunkel zu bringen. Vergebens. Man müsste die kaputten Röhren austauschen. Die winzigen Fenster sind mit staubbedeckten Waren aus lokaler Fertigung zugestellt, die sich erfolgreich dem Tageslicht entgegenstemmen.

Jeff, der Mann aus Kanada, ist auch da. Er hat sein Taschenmesser verschlampt und braucht jetzt ein neues. Natürlich gibt es hier alles, sogar das, was man nicht sieht. Der Mann hinterm Tresen zieht eine der unzähligen Holzschubladen hinter sich auf und reicht Jeff ein Taschenmesser. Sein Blick macht unmissverständlich klar, dass er stolz auf sein Sortiment ist. Widerrede zwecklos. Erstaunt, auch etwas zweifelnd, dreht Jeff den Gegenstand in seiner Hand. Zusammengeklappt ist das Messer kürzer als sein kleiner Finger. In Kanada gibt es so etwas nicht, er will ein größeres Messer, soll ich dem Mann hinterm Ladentisch übersetzen. Fehlanzeige. Das oder keins, wird uns klar gemacht. Fürs Brotschneiden taugt es allemal, wird demonstriert. Das aber erst, nachdem die Schraube die als Gelenk zwischen Klinge und Griff fungiert, mit zwei kräftigen Hammerschlägen gerichtet wurde.
Ich gönn’ mir ein Kilo Kirschen. Aus Cáceres, da sollen die besten Kirschen der Welt herkommen, meint die Tochter. Ich will’s ihr gerne glauben, denn im letzten Jahr war ich in Cáceres. Allerdings schwärmen die da unten mehr von ihrem Käse.

Ich sagte schon: Molinaseca ist schön. Nicht nur das Ortsbild oder die Landschaft, auch die geschäftstüchtigen Einwohner tragen dazu bei.

hikingharry
14.09.2008, 12:25
Wieder mal ein DANKE für die Fortsetzung. Wirklich sehr gut beschrieben, so gut vorstellbar. Vielleicht sollte ich mal alle deine Berichte ausdrucken, und in einem Zug durchlesen.

Gruß hikingharry

Peet
14.09.2008, 13:44
Ich finde Deinen Bericht super geschrieben und verfolge ihn mit Freuden. Vielen Dank für die Mühe, die Du Dir machst. Wirklich ein sehr guter Bericht.

(Eigentlich muss kein Buch mehr geschrieben werden, man nehme den ganzen Reisebericht und lasse ihn drucken. ;-) )

Werner Hohn
21.09.2008, 18:32
Donnerstag, 15. Mai 2008 Wasserspiele im Bierzo
Etappe: Molinaseca – Villafranca del Bierzo
Tageskilometer: 32 Gesamtkilometer: 539
Unterkunft: Albergue municipal de peregrinos (Gemeindeherberge)

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Templerburg im Ponferrada


Es gibt Bilder, die haben seit vielen Jahren einen festen Platz in meinem Kopf. Nicht, dass ich die immer vor Augen habe, aber beim passenden Stichwort sind sie da. Bei mir gehört eine Burg dazu, besser, das Bild von der Burg schlechthin.
Ein grüner Hügel, der von einem uneinnehmbaren Wall umgrenzt wird. Mächtige, zinnengekrönte Ecktürme bewachen die strategisch wichtigen Punkte. Zierlichere Rundtürme überragen die Brücke, deren Schutz sie gewährleisen sollen. Bruchsteine, Rundbögen, Zinnen, Fahnen. Eine Festung passend für die Ritter aus Artus' Tafelrunde, für Richard Löwenherz, für Barbarossa, für die Ritter vergangener Kindertage. Vor Jahren habe ich mir ein Buch übern Jakobsweg gekauft. Ein richtiges, keine hastige Wegbeschreibung. Ein großes, buntes Buch voll mit Erläuterungen zur Geschichte und Kultur. Und voll mit Bildern von Kirchen, Kreuzen, Häusern, Landschaften. Das Buch habe ich nicht mehr, auch die Bilder sind nicht mehr in meinem Kopf.

Bis auf eins, die Aufnahme der Templerburg von Ponferrada. Eine Burg in einsamer Landschaft unter blauem Himmel auf grüner Wiese. Immer wenn das Stichwort Jakobsweg fällt, habe ich diese Burg vor Augen. Keine Pilgermuschel, keine Kirche, nicht die Meseta, immer nur diese Burg. Schutz und Orientierung gebend, liegt diese Festung auf einem sanften Hügel in weiter Landschaft fern von Verkehr und Hektik. Vorstellungen und „Erinnerungen“ an einen Ort, an dem ich noch nie war.

Staunend stehe ich am Fuß der Burgmauer. Alles da, genau so wie ich es seit Jahren im Kopf habe. Genau so. Okay, das Wetter ist schlechter als auf dem Bild, es regnet. Dafür kann das Bild aber nichts. Nur eine Kleinigkeit ist anderes. Die Burg liegt mitten im quirligen Zentrum der Industriestadt Ponferrada. Nur ein schmaler Grünstreifen trennt die Burg von der mehrspurigen Innenstadtstraße, auf dem sich der morgendliche Berufsverkehr keinen Deut um meine zerstörte Illusion kümmert. Das holländische Ehepaar hat sich das auch anderes vorgestellt. Nicht so extrem anders als ich, anders eben. Vielleicht burgbergiger. Ebenso der Typ aus Neuseeland, der mit uns an der Ampel steht und auf Grün wartet, und dann doch den Weg abkürzt.

Daran hätte ich mir ein Beispiel nehmen sollen. Die verregnete Altstadt ist um diese Uhrzeit noch menschenleer und so toll auch wieder nicht. Das restliche Ponferrada ebenfalls nicht. Austauschbare kostenoptimierte Nutzarchitektur. Eine Industrie- und Verwaltungsstadt eben.

Die Oma vom Vortag hat mit ihrer Wetterprognose nicht daneben gegriffen. Regen, mal mehr, mal weniger. Unterbrochen wird er von so kurzen Pausen, dass es nicht lohnt sich mühsam aus den Regenklamotten zu schälen. Dabei sollen angeblich die Berge rund um den Bierzo, die die Landschaft zwischen den Montes de León und dem Höhenzug der Galicien vom Rest Spaniens trennen, den Regen abhalten.

Trotz, oder wegen des Regens, sind einige alte Omas unterwegs. Fast immer dunkel gekleidet, den Regenschirm untern Arm geklemmt, ziehen die Alten mit uns mit - halten sogar mit. Nein, die sind nicht auf dem Camino unterwegs, sie biegen am Friedhof vom Weg ab, springen beim nächsten Bäcker rein oder schleppen einen alten, knorrigen Rebstock, der im Feuer enden wird nach Hause. Regenwetter, Altfrauenwetter?

Sicherlich Schadenfreudewetter. Ich bin mal wieder auf eine Gruppe Buspilger aufgelaufen. Obwohl die ganz gut zu Fuß sind, denn welche Reisegruppe wartet schon gerne auf Fußlahme, sind die immer nur die schönsten 5 bis 10 Kilometer zu Fuß unterwegs, dann wartet schon wieder der Bus.
Am letzen Anstieg vor Villafranca del Bierzo öffnet der Himmel seine Schleusen. Und wie der die öffnet. Erst ein paar dicke Tropfen, dann ein kurzes Innehalten - als wolle jemand Vorwarnen – und dann Wasser, Wasser, Wasser. Das ist kein Sturzbach, keine Dusche am Maximalanschlag, da oben muss ein Damm gebrochen sein. Innerhalb weniger Minuten läuft das Wasser knöchelhoch über die abschüssigen Feldwege. Von den Dächern fällt das Wasser als geschlossener Vorhang zu Boden. Durch die Ritzen, Fugen und Löcher der alten Steinmauern schießt die Brühe auf Wege und Straßen.

In den Regenklamotten stecke ich ja schon seit dem zeitigen Aufbruch. Ich muss also nur ein paar Reißverschlüsse zuziehen, die Kapuze über Kopf streifen, und schon kann ich mich dem wohligen Gefühl hingeben, das entsteht, wenn sich kaltes Regenwasser zwischen Rucksack und warmen Rücken einen Weg sucht.
Anders, sogar ganz anders, schaut das bei meinen Begleitern aus. Glücklich ist, wer eine Regenjacke hat. Aber nicht lange. Nach wenigen Minuten sucht sich die Nässe einen Weg vom Saum übers dicke Futter nach innen. Wasser, welches diesen Weg nicht nimmt, landet auf der triefenden Baumwollhose, die jedoch blitzartig einen feuchten Verbund mit der Unterwäsche und den Strümpfen eingegangen ist. Regenschirmbesitzer sind plötzlich zu gefragten Menschen geworden. Bis zu den Schuhen reicht auch dessen Schutz nicht. Tänzelnd suchen einige einen halbwegs trockenen Platz fürs leichte Schuhwerk. Vergebens. Freizeitschuhe, Alltagsschuhe und Turnschuhe zeigen, warum sie eben diese Bezeichnung tragen.
Gut, meine Füße sind auch nass, aber daran habe ich mich gewöhnt, und wissen müssen die das ja nicht, aber alles darüber ist trocken. Gutgelaunt, mit einem wohligen Gefühl, das nicht nur vom Wasser, das über Rücken rauscht kommt, biege ich zur Herberge ab. Schadenfreudewetter!

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Unterwegs im Bierzo


Ein Netz aus improvisierten Wäscheleinen spannt sich durch unseren Schlafraum, so dass kaum ein Durchkommen ist. Ponchos, Jacken und Rucksackhüllen versprerren zusätzlich den Weg zum Bett. Ich muss suchen, bis ich ein trockenes Fleckchen Zimmerboden finde, auf dem ich den Rucksack abstellen kann. Rund um die schwach glimmende Glut im offenen Kamin bilden Stühle einen engen Halbkreis. Auf den Lehnen ein Durcheinander von nassen Socken aller Couleur. Nahe an der heißen Asche dampfen hochschäftige schwere Wanderschuhe einträchtig neben leichten Laufschuhen vor sich hin. Gelegentlich wirft jemand einen Blick ins Zimmer, wendet vielleicht seine Strümpfe, holt das Paar Schuhe, das zu nahe an der Glut steht etwas zurück und geht wieder.
Im Kaminzimmer ist es ruhig, sogar nachdem die Hospitalera das Feuer neu entfacht hat und sich immer mehr Leute hier treffen bleibt das so. Lesen, leise mit einem Mitmenschen vom Weg plaudern, den dampfenden Schuhen beim Trocknen zusehen und dabei auf besseres Wetter hoffen.

Geschäftiges Treiben herrscht dagegen auf den Fluren und in den Zimmern, denn der Regen treibt schon früh die Menschen in die Unterkunft. In der Küche sind alle verfügbaren Herdplatten in Betrieb. Heißes Wasser für ein warmes Getränk wollen an diesen regnerischen Tag schließlich alle haben. Der Kaffeeautomat unter der Treppe spuckt ohne Unterlass Heißgetränke aus. Die vielen Bildchen versprechen leckere Getränke, internationale Kaffeespezialitäten und Hochgenüsse für den Gaumen: Kaffee mit und ohne, Cappuccino, Espresso, heiße Schokolade, heiße Brühe. Stimmt haargenau. Internationaler Einheitsgeschmack aus Plastik und Aromastoffen. Aber heiß ist die Brühe, da lügen die Bildchen nicht. Mehr braucht an diesem Tag keiner.

Jedes Mal, wenn sich die Türen zu den Duschen öffnen, zieht eine feuchtwarme Wolke durchs Haus, wo sie sich mit der nasskalten Luft vermischt. Jeder Neuankömmling bringt einen neuen Schwall Feuchte mit. Feuchte, die von Rucksackhüllen, von Regenhosen, von Schirmen und Ponchos tropft und auf dem Boden Pfützen hinterlässt. In einer Ecke lagert ein Berg nasser Putzlappen, aus dem sich ein Rinnsal den Weg zur Tür sucht. Den Kampf gegen das Wasser hat die Hospitalera schon lange aufgegeben. Nachmittags kann die Luftfeuchte in der Herberge von Villafranca del Bierzo locker mit der außerhalb des Hauses mithalten.

Bis die Sonne rauskommt. Schnell runter ins Städtchen. Sich umschauen, Leute treffen, in der Sonne sitzen, faulenzen, vorher aber ein spätes Mittagessen. Natürlich hat die Bar einen Speiseraum, meint die Frau hinterm Tresen, und zeigt dabei um die Ecke nach hinten. Und was für einen. An den Wänden dunkelroter Stoff, der von schwarzem ehemals hochglänzendem Holz umrahmt wird. Überall verspielte Leuchter, deren schwaches Licht sich in stumpfen Spiegeln bricht. Die Hocker vor der langen mit Kunstleder bespannte Theke sind unbesetzt. So wie das hier aussieht, war das früher eine richtige Bar. Keine Kaffeebar, so eine Bar, so was für richtige spanische Männer, mit Öffnungszeiten von Sonnenuntergang bis zum ersten Tageslicht. Die beiden Schotten, sonst ist kein Gast da, sind auch der Ansicht, aber das Essen soll gut sein.

Nachmittags wieder hinunter in die Stadt. Diesmal versorgt mit einem Einkaufszettel und klaren Anweisungen: „Du kennst dich ja schon aus!“ oder „Und ausgeruht bist du auch!“, freundliche, nicht ablehnbare Bitten und Aufforderung, der man sich schlecht entziehen kann, na ja, auch nicht will. Vermutlich das Los vieler Frühankömmlinge.

Am Abend mal wieder eine rein deutsche Runde – wie so oft in den letzten Tagen. Der Amerikaner, der mit seiner Tochter unterwegs ist, hat sich schnell verzogen, ebenso die Portugiesin. Das anfängliche Bemühen, das Palavern mit Händen und Füßen, das Blättern in Miniwörterbüchern, das Dolmetschen untereinander, all das hat sich abgestumpft. Reden aus dem Bauch raus, ein schneller Witz, Gefühle vermitteln, dass kann man am besten nun mal in der Muttersprache. Sogar Menschen, die mehrsprachig aufgewachsen sind, wollen nicht immer nur dolmetschen, auch die wollen sich nur unterhalten. Folglich bleibt in den Unterkünften meist jede Nation unter sich. Schade. Zum Ausgleich gibt es aber immer wieder die Treffen auf dem Weg, da funktioniert das immer wieder aufs Neue. Unterwegs können viele Menschen Unterhaltungen führen, auch wenn sie nicht ein Wort der Sprache des Gegenüber beherrschen. Na klar, Unterhaltung ist etwas hoch gegriffen, aber wer will, kommt mit der flüchtigen Bekanntschaft vom Weg ins Gespräch. Zeit, sich auf den Gegenüber einzulassen, ist genügend da. Für Alleinwanderer sowieso.

So wird es mal wieder typisch deutsch. Wir sind mal wieder zu laut, so laut, dass eine Gruppe junger französischer Pilger, das sind tatsächlich Pilger, nach ihrem Abendessen unter missbilligenden Blicken den Speiseraum verlässt.
Wir wälzen mal wieder Probleme. Die haben sich im Laufe der letzten Wochen aber gewandelt. In den Wochen des Unterwegsseins steht nun nicht mehr die große weite Welt im Mittelpunkt. Die dreht sich auch ohne uns weiter. Die kleinen Geschichten und Begegnungen vom Weg, die Sorgen und Erlebnisse des eigenen Lebens füllen jetzt unsere Köpfe und liefern Stoff für die Abende.
Die Ehe- und Lebenskrisen, der ganz persönliche Ärger auf der Arbeit oder mit den Nachbarn, die schmerzvolle Trennung vom Partner, von den Kindern, die Angst wie es nach dem Verlust der Arbeit weitergeht machen jetzt die Runde.
Ich soll auch mal was von mir erzählen, kommt’s über den Tisch. Ja, was? Ich kann nur von einer heilen Welt berichten. Sorgenfrei, problemfrei und aus Spaß an der Freud auf dem Weg unterwegs. Ich bin nicht hier, um meinen Sorgen und Problemen eine Auszeit abzuringen.

Zum Schluss noch ein kurzer Blick über die Rucksackschlange im Flur. Das gibt es wahrscheinlich nur in den Herbergen kurz vor dem Aufstieg zum Cebreiro. Rucksäcke, die fertig gepackt auf den Abtransport in aller Frühe warten, kenne ich nur aus Hotelhallen. Der Aufstieg nach O Cebreiro soll so anstrengend sein, dass viele ihre Rucksäcke transportieren lassen. Weicheier! Es gibt da noch einen Weg, der ebenfalls dorthin führt und der noch anstrengender sein soll. Der „Camino duro“, der harte Weg, aber der soll nur was für erfahrene Wanderer sein.

Freitag, 16. Mai 2008 Zurück für die Höhenflüge
Etappe: Villafranca del Bierzo - La Faba
Tageskilometer: 25 Gesamtkilometer: 564
Unterkunft: Herberge des Stuttgarter Jakobusvereins „Ultreia“

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Villafranca del Bierzo am frühen Morgen


Nebel, der aus Tälern steigt. Junge Knospen und frisches Grün an den Bäumen, der Winter ist auch hier oben endlich vorbei. Zwischen den Bäumen lugt ein graues Dorf hervor. Ein breiter Wirtschaftsweg führt schnell, weil eben, durch einen lichten Kastanienwald. Wenige, meist verwitterte gelbe Pfeile an alten Bäumen und verfallenden Zäunen geben die Richtung vor. Ein halb unter Farn verstecktes Steinmännchen fordert zum Abbiegen auf einen kaum sichtbaren Pfad auf. Durchs Herbstlaub des alten Jahres stöbert schnüffelnd ein Hund. Von weitem grüßt winkend ein alter Mann. Versteckt hinter einem mächtigen Baum, habe ich den glatt übersehen. Rüber gehen und ein paar Worte wechseln? Nein, nicht denken müssen, nicht reden wollen. Alleine bleiben. Nur die Bilder und Stimmungen wirken lassen.

Steine bilden Wege. Hügel trennen Täler. Bäume wachsen zu Mauern. Lichtungen öffnen Horizonte. Höhen schaffen Ausblicke. Wind bringt Geräusche. Nebel schafft Stimmungen. Oben sein erzeugt Glücksgefühle. Weitsicht macht frei.

Eine imaginäre Grenze überschreiten und Alltägliches neu sehen. Nicht real erleben. Nicht vergleichen mit verstaubten Bildern im Kopf. Nicht beurteilen mit geraden, genauen Messlatten. Nicht einordnen in abgegriffene Schubladen.
Neues muss man fühlen, dem Alltäglichen entziehen. Mit Kribbeln im Bauch, mit summenden Hummeln im Arsch und heißem Kopf. Erlebnislandschaften für den Kopf, nicht für den Verstand. Träumen und Gehen gehören ebenso zusammen wie Denken und Gehen.

Unterwegssein für einen Moment ohne Verstand, nur für die Stimmung, fürs Leben im Augenblick, fürs Dasein in einer kleinen überschaubaren Welt. Erinnerungen bunkern für die schlechten Tage. Schnipsel, Fragmente, Augenblicke, mehr wird nicht bleiben, mehr soll nicht bleiben. Nur kurze, intensive Erinnerungen, mehr Gefühle als Erinnerungen an Wege, die zu lang sind fürs Erinnern. Und ebenso Erinnerungen für neue, für unbekannte Wege.

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Talblicke


Vermutlich kann ich so lange Wege ohne solche Momente nicht gehen, nicht, wenn ich mir keine Gewalt antun möchte. Ich brauche diese Momente als Bollwerk gegen das tägliche Warum, das Runterzählen der Kilometer und manchmal gegen die Einsamkeit im Kopf.

Und vermutlich brauchen solche großen Wege wie dieser Jakobsweg, diese kleine Wege wie den hier. Wege mit kleinen Geschichten, die einen Ruf vor sich hertragen, an denen man sich messen kann, mit denen sich ein wenig angeben lässt, über die sich einvernehmlich stöhnen lässt. Die lärmenden Wege durch die ach so grauenvollen Vorstädte, für die man besser den Innenstadtbus nehmen soll. Die Wege am Rand todbringender Fernstraßen, in deren Gewimmel das Taxi zum Glück des Pilgers nicht auffällt. Die staubigen, lehmigen Pisten durch die nicht enden wollenden Ebenen, deren Distanzen nur im Zug auf ein erträgliches Maß schrumpfen. Eben Wege, die Entschuldigungen und Ausreden mitliefern.

Der „Camino duro“, der harte Weg und der folgende Anstieg zum Cebreiro gehören dazu. Über den Cebreiro müssen alle. Wer’s bequem haben will, lässt sich den Rucksack hochfahren. Und wer es noch bequemer haben will, der fährt bis La Faba mit dem Auto und "macht" nur die letzten 4 Kilometer zu Fuß. Sozusagen fürs kleine Poesiealbum, darin stand auch nie die Wahrheit. Übern „Duro“ muss man nicht, man kann, sofern man will. Viele wollen nicht, denn die Alternative unten im Tal ist zu verlockend. Wozu 500 Höhenmeter rauf auf nicht ganz 1.000 m stiefeln, wenn man zum Schluss doch wieder bei den anderen im Tal landet? Quälen nur für ein bisschen Aussicht und Landschaft?

Mein „Camino Duro“ war anders. Kein Quälen, kein Schleppen und kein Mühen. Meiner hat Bilder geschaffen, steht oben und er wird einen kleinen Ehrenplatz bekommen. Kein Denkmal, nur eine kleine Nische, an der ich gelegentlich Halt machen kann.

Dabei hätte ich den beinahe verpasst. Obwohl fest geplant, hatte ich den Abzweig übersehen. Es hat eine viertel Stunde gedauert, bis mir auffiel, dass ich den Weg durchs Tal genommen habe. Umkehren?
Seit dem Start in Pamplona bin ich noch nie umgekehrt und zurück gegangen. Ich mag das nicht. Eher ertrage ich den Lärm der Fernstraßen, die Öde ausgedehnter Industriegebiete oder die Häuserschluchten der Vorstädte, als auf dem Absatz kehrt zu machen und alles noch mal zurück zu gehen. Heute muss ich zurück. Warum ist mir selber nicht ganz klar, denn so toll wird der andere Weg auch nicht sein. Also alles wieder zurück! Mindestens eine halbe Stunde für die Katz’.

Ich blicke in erstaunte Gesichter und höre Fragen ob man noch auf dem richtigen Weg sei. Keine Sorge Leute, ihr seid alle auf dem richtigen Weg, nur ich bin mal wieder auf dem falschen. Nicht nur ich. Gotthilf, ein nicht mehr ganz junger Pilger vom Niederrhein, schließt sich mir an. Der will auch unbedingt auf den „Duro“. Alles zurück bis zur Brücke in Villafranca del Bierzo. Hier muss er sein, der Aufstieg in luftige Höhen. Etwa das Betonsträßchen hoch? Ein Autofahrer bestätigt unsere Vermutung. Mittlerweile sind wir zu viert, denn zwei aus unserer Runde von gestern Abend, die sich jedoch den Rucksack auf den Pass fahren lassen, schließen sich uns an.

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Auf der Hochebene am "Camino duro" // Tafel an der Kirche von La Faba


Tatsächlich, es geht steil nach oben, nicht so steil wie bei mir hinterm Haus, dafür dauert es länger. Gotthilf bleibt als erster zurück - das Alter. Ein Zeit lang halten die beiden ohne Rucksack mit, dann bin ich alleine. Und dann beginnt mein „Camino duro“.

Später treffe ich unten im Tal auf Mechthild und bleibe bei ihr hängen. Wir sind uns schon öfter übern Weg gelaufen, sind uns also nicht mehr so ganz fremd. Sie will heute nur noch bis La Faba kurz unterhalb des Cebreiro. Ich will heute noch übern Pass und wenn es gut läuft noch ein oder zwei Stunden weiter.

Einen Café con Leche und zwei Stunden später lande auch ich in La Faba. Mechthild bleibt, Maria wird auch noch kommen, die Herberge ist in Ordnung, eine dunkle Regenwolke drängt, Zeit habe ich in Massen und der Anstieg aus dem Tal hier rauf war anstrengender als der „Camino duro“. Warum also weiter übern Pass?

Die Herberge ist im ehemaligen Pfarrhaus innerhalb des ummauerten Kirchenbezirks untergebracht. Sanierte Bruchsteinmauern, akkurate Schieferdächer, über die sich die Kronen alter Laubbäume ausbreiten, ein Kirchturm mit neuer Glocke. Ein Bild von einem Kirchlein, das sich unter den nahen Pass zu ducken scheint, doch weit ins Tal hinunter schaut.

La Faba hat nur noch 20 Einwohner, eine Bar, zwei Pilgerherbergen und einen „Laden“, dessen Angebot in ein Billy-Regal passen würde. Einheimische kaufen hier nicht. Niemand zahlt diese Preise und vermutlich werden die Bewohner des Dorfes auch keinen Bedarf an Fertigsoßen und ähnlich Überflüssigem haben.
Ich brauche das auch nicht, denn am Abend werde ich in der Gemeinschaftsküche von einer brasilianischen Gruppe zum Mitessen aufgefordert. Die haben richtig gekocht. Nudeln mit mehreren Soßen. Als die Gruppe fertig ist, räumen sie ihre Teller und Besteck ab, spülen alles und sind verschwunden. Der letzte Esser spült die fünf Töpfe und das Kochgeschirr ... auch auf dem Camino gibt es nichts umsonst.

Maria ist mal wieder unter den Nachzüglern. Macht nichts, denn auch sie bekommt noch ein Bett. Und Maria ist etwas stolz, weil sie ist ebenfalls den „Camino duro“ gewäglt hat. Es sei eine spontane Entscheidung an der Abzweigung gewesen. Oha, noch mal Glück gehabt. Heute in der Früh war mir nicht klar, warum ich zurückgehen sollte. Jetzt weiß ich es. Nicht auszudenken, welchen Spott ich über mich ergehen lassen müsste, wenn ich den Weg zurück gescheut hätte.


Samstag, 17. Mai 2008 Eine Stocksymphonie in Galicien
Etappe: La Faba - Triacastela
Tageskilometer: 25 Gesamtkilometer: 589
Unterkunft: Private Herberge „Complexo Xacobeo“

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Im Morgengrauen der letzte Blick auf Kastilien-León



Kurz hinter La Faba hat’s angefangen, jenes wolkenverhangene Land aus Regen und Nebel am Ende der Welt. Jenes Land, in dem sogar die grauen Steinmauern der Häuser den Schutz schieferschwarzer Dächer suchen. Das Land hochragender Wälder und ungezählter Wasserläufe, über das sich ein meist regendunkler Himmel spannt. Ein oft graues, kaltes, meist ein nasses, trotzallem ein schönes Märchenland. Galicisches Märchenland. Bei diesem Wetter manchmal ein mythisches Märchenland.

Dann reißt der Himmel auf, und Galicien ist grün, so grün, als hätte die Natur bei der Erschaffung dieses Fleckens nur diese eine Farbe gehabt. Etwas Blau hat die Natur auch noch irgendwo gefunden. Für den Himmel, damit die Sonne einen Platz findet, um all das Grün zum Leuchten zu bringen. Für das Leuchten regennasser Schieferdächer, die dann aus dem Tal hoch blitzen. Für Wassertropfen, die im scharfen Licht eines einsamen Sonnenstrahls, der einen Weg ins Dunkel der Wälder gefunden hat, funkeln. Für Wasserläufe, die sich durchs hohe Gras grüner Wiesen kämpfen. Auch eine galicische Märchenwelt. Bei diesem Wetter aber nüchterner.

An diesem Morgen ist Galicien nass und kalt und ungemütlich. Nebel steigt aus den Tälern, wabert über den Pass und taucht die Wälder rund um den Cebreiro in unwirkliches Licht. Schlammige und steile Pfade führen hinauf nach O Cebreiro, dem ersten Ort Galiciens. Dunkle Steinmauern, die dunkle verlassene Sträßchen eingrenzen. Darüber eine dunkle Kirche, bewacht von einem weißen Hund. Sanierte Steinhäuser mit rechten Ecken, geraden Wänden, polierten Dächern, behauenen Fensterstürzen. Einige pallozas, jene runden urtümlichen Bauernhäuser aus mythischer keltischer Vorzeit, bieten heute neben musealer Anschauung gut betuchten Wanderern stilvolle Bleibe und Schutz vor den wechselhaften Launen des Wetters. O Cebreiro geht es offensichtlich gut. Ein bewohntes Museum. Der Ort lebt heute von Tagesausflüglern und Pilgern. Erstere wollen meist den Gral, den Heiligen Kelch von Galicien, sehen und bei Letzteren rückt ab hier das baldige Ende des Caminos in die tägliche Gedankenwelt.

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Im Nebel am Cebreiro


So um die 150 Kilometer sind es ab hier noch bis ins Ziel. „So viel noch!“ oder „Nur noch das bisschen?“, das sind die unterschiedlichen Blickwinkel auf das was noch kommt. Spätestens hier fängt das erneute Einteilen, das endgültige Vermessen der Kilometer an. Einige werden nun trödeln können, während andere aufs Tempo drücken müssen.

Tick, tick, tick, tick. Da ist es wieder, das eindringliche Geräusch, das mich seit Beginn dieser Wanderung begleitet. Mal lauter, dann wieder leiser, manchmal unhörbar. Aber wenn es da ist, dann immer leicht scheppernd, blechern. Metallbewehrte Spitzen moderner Trekkingstöcke auf hartem Asphalt machen solche Geräusche. Kurz, flüchtig, regelmäßig wiederkehrend wie ein Uhrwerk. Oft störend, gelegentlich nervend, aber der tägliche Klang dieses Weges. Man muss es hinnehmen, wie das Wetter oder die Herbergen.

Tick, tick, tick, tick. Kurz war es weg, nun ist es wieder da. Sehen kann ich niemanden, nur hören. Doch heute Morgen ist das keine Lärm. Das Geräusch, diesen Rhythmus, ja fast schon den Klang der Stöcke kenne ich. Das ist hohe Kunst, die nur ein eingespieltes Team zustande bringt. Viele, viele Kilometer waren nötig für diese Symphonie für acht Trekkingstöcke. Es ist perfekt: Acht Stöcke im Einklang. Acht Spitzen die absolut gleichmäßig aufgesetzt werden, die wie eine klingen. Da hängt keiner nach, stochert im eigenen Takt durchs Land, oder lässt gar gedankenlos einen seiner Stöcke übern Teer schleifen. Kein großes Gerede, von Geschwafel ganz zu schweigen. Wenn, dann nur wenige Worte wegen des Streckenverlaufs oder einer knappen Anweisung wie „Wir bleiben auf der Straße!“. Fast schon Befehlston.
Ich mag die Kerle, die da oben über mir zum Pass von San Roque eilen. Natürlich bleiben sie auf der Straße. Tempo machen um jeden Preis. Seit Tagen treffe ich sie immer wieder. Mal bleiben wir ungewollt für ein kurzes Stück beieinander, mal trennt sich unser Weg schon nach ein paar eiligen Minuten. Wenn möglich, nehmen die immer die Straße, es geht da schneller voran und angeblich soll man da besser gehen können.
Man trifft sie oft, diese Trupps Stöcke schwingender Pilger, die sich meist gemeinsam auf den Weg gemacht haben und nach Möglichkeit immer zusammen bleiben. Stoßtrupps nenne ich die für mich. Einer gibt das Tempo und die Richtung vor, der Rest folgt mit klappernden und fliegenden Stöcken.

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Regenwetter


Über mir auf der Straße, das ist die hohe Schule der Stockgänger. Die sind in internationaler Besetzung unterwegs, und haben sich sogar unterwegs erst gefunden. Keine Generalprobe zu Hause, kein Abstimmen des Tempos, kein Aussuchen nach Schrittlänge. Vier Männer die wenig Gemeinsames haben. Alter, Größe, Sprache, Schrittlänge, Gepäck, nichts passt zusammen. Das Wirrwarr dreier Sprachen, das Tempo des Jüngsten, nichts lässt auf einen Einklang schließen. Und doch, sie sind perfekt und das nicht nur heute. Immer wenn ich sie höre, höre ich den Klang einer Symphonie für acht Trekkingstöcke. Tick, tick, tick – es klingt wie ein Stock.

Ablenkung für einen unspektakulären Regentag, der trotz deutscher Schulklasse in der Herberge ruhig ausklingt. Ein Abend der seit vielen, vielen Kilometern erstmals wieder am Rechner und im Internet endet. Keine aufregenden Neuigkeiten aus der Welt der geschwätzigen Foren und den aus Bits und Bytes geschaffenen Briefkästen. Die Welt vermisst mich nicht und das schon seit Los Arcos. Das war bei Kilometer 70. Beruhigend.

Sonntag, 18. Mai 2008 Miese Laune und ein Junkie
Etappe: Triacastela - Ferreiros
Tageskilometer: 31 Gesamtkilometer: 620
Unterkunft: Albergue de Ferreiros (Xunta-Herberge, Unterkunft der Regionalregierung)

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Hütte im Regen // Hof im Regen


Regen, Nebel, Wind und tief hängender Himmel. Abscheuliches Wetter für Regenjackenautisten wie mich. Wasserdicht einmümmeln, Kapuze dicht ziehen und von der Welt abschotten. Mit gesenktem Kopf, dabei im eigenen Saft garend, vor sich hintrotten ohne einen Blick für die Welt da draußen.
Die Welt da draußen riecht. Die riecht nicht nach frischer Frühlingsduft und auch nicht nach der Frische eines reinigenden Sommerregens. Die Welt da draußen riecht nass und muffig. Der vor sich hinmodernde Bauernhof, den ich durchqueren muss riecht nicht, der stinkt bestialisch. Das ist nicht der Geruch von Kuhscheiße und Gülle. Irgendwo im dunklen, kaum mannshohen Stall verfault ein totes Tier. Kein Mensch lässt sich blicken, nur helles, wütendes Hundegebell dringt aus dem oberen Geschoss. Nase zu und durch. Noch weiter einsinken ins gedankenlose Dahintrotten. Bloß nicht dem Scheißwetter um mich herum mehr Aufmerksamkeit schenken als nötig.

Ein Laut, ein Ruf verschafft sich Zugang in meine geschlossene Welt. Trotz des monotonen Geprassels, den Regentropfen auf Plastikkapuzen verursachen; trotz der Gedankenbarriere, die mich von der Umwelt abschottet. Am Abzweig, den ich vor Sekunden passiert habe, steht einer der ruft und winkt. Ist das nicht der Koreaner, den ich eben erst überholt habe? Klar doch! Ist dem etwas zugestoßen, oder warum winkt der so heftig? Nun ja, dann mal die paar Meter zurück. Ihm ist nichts zugestoßen, ich hätte mich beinahe verlaufen. Wir müssen hier rechts, klärt er mich auf. Und er sei Japaner, kein Koreaner, fügt er angesauert hinzu. Hoppla, mein erster Japaner und der ist dann auch noch schlecht gelaunt. Sind die doch nicht immer nur höflich? Anfangs hielt ich alle Koreaner für Japaner, bis ich aufgeklärt wurde, dass das alles Südkoreaner seien. Seitdem ist jeder Asiat für mich ein Koreaner. Bei dem Wetter hier oben am fast tausend Meter hohen Alto de Riocabo sowieso.

Regenwetter, Mieselaunewetter. Die miese Laune hält auch noch an als ich Sarria erreiche, immerhin bei Sonnenschein. Es noch keine 12 Uhr. Grade mal Mittag und ich spiele mit dem Gedanken, für heute Feierabend zu machen, denn am Jakobsweg, der mitten durch Sarria führt, reiht sich Herberge an Herberge. Warum nicht Schluss machen für heute? Eine SMS-Runde mit Maria verscheucht auch diesen Gedanken. Tritte in den Hintern lassen sich heutzutage auch auf digitalem Weg austeilen. Dann mal weiter.

Hinter Sarria fangen die letzen 100 Kilometer an. Wer als Fußgänger die Pilgerurkunde haben will, muss den Weg ab hier zu Fuß zurücklegen. Sarria und alles was danach kommt, hat sich darauf eingestellt. Ab hier fällt man fast im 2-Stundentakt von einer Herberge in die nächste. Für die meisten Spanier, seit Neuestem auch für viele meiner Landsleute, ist das hier ein Muss. Mal eben 4 bis 6 Tage auf den Camino und dann in Santiago anstellen für eine Pilgerurkunde. Macht sich immer gut, so ein Papier. Den Spaniern verschönert die Urkunde den Lebenslauf, sogar bei Bewerbungen wird das Papier gerne gesehen, und die anderen haben was zum Vorzeigen, zum Erinnern. Oder doch nur ein Stück Papier fürs Passepartout hinter Glas? Zeigen, dass man dabei war, dass man den Camino gemacht hat?

Mittags, hinter Sarria, ist der Camino jedoch menschenleer. Bis auf ein spanisches Ehepaar treffe ich niemanden. Wo stecken die Massen? Nur eine große Gruppe Radfahrer - die für die Urkunde 200 Kilometer machen müssen – ist unterwegs. Die Jungs hier machen das an einem Sonntag. In aller Früh in Ponferrada gestartet, werden sie gegen Abend Santiago erreichen und sich am Pilgerbüro in die lange Schlange einreihen. Ein perfekter Sonntag! Man tut etwas für die Gesundheit, das berufliche Vorankommen und fürn Pastor daheim.

Schlagartig sind alle wieder da. Musste ja so sein. Zuerst mal wieder zwei Busse mit Kurzstreckenpilger. Direkt zwei! Mindestens siebzig Leute werden auf einen Schlag auf den Weg losgelassen. Eine Busladung Deutschland, eine Busladung Vereintes Königreich. Das Bildungsbürgertum unterwegs auf dem Camino. Die Internationale der Oberstudienräte und Theaterabobesitzerinnen vereint unter dem Zeichen der Jakobsmuschel. Natürlich nehmen die diesen Weg. Genau hier ist der historisch, so richtig historisch, nicht mal so ungefähr und vielleicht. Zwischen den Weilern und Höfen finden sich noch jede Menge alter Verbindungswege, die schon zu römischen Zeiten existierten, und darüber wird der Jakobsweg geführt. Steinige, knorrige, enge Wege zwischen alten Mauern, beschattet von uralten Bäumen. Sicher, diese Wege hat jeder Jakobswegreiseveranstalter im Programm, die kann niemand auslassen. Das Eintauchen in die Geschichte des Pilgerwegs. Eins werden mit dem Camino. Den Atem der Vergangenheit spüren. Auf den Spuren der Vorgänger pilgern. Irgendwas in diese Richtung.

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Nach dem Regen


Papperlapapp! Nach dem Dauerregen der letzten beiden Tage sind die Wege so überflutet, dass sich alles auf die Trittsteine drängt. Es staut sich an den Engstellen. Es staut sich ebenso an den Kreuzen und Kapellen. Alles wartet geduldig, ist auf nervige Art freundlich, lässt, wenn erforderlich, dem Nachbarn den Vortritt.

Nur einer ist nicht freundlich, ist sogar richtig schlecht gelaunt – ich. Ich habe heute meinen Extratag für beschissene Laune. Ich will nicht zu jedem freundlich sein, schon überhaupt nicht, wenn mir einer „Avanti! Avanti!“ hinterher ruft. Mann, wir sind hier nicht in Italien! Mit ist es wurscht, was die Leute von mir denken. Wie ein Schnellzug, der einen auf dem Nebengleis abgestellten Güterzug überholt, ziehe ich vorbei. Platsche durchs Wasser, drängel mich zwischen die Reihen, drücke von hinten aufs Tempo , schiebe mich zwischen schwatzende Paare, maule die Laute von der Seite an. Unfreundlich, unhöflich, mies gelaunt. Gottfried, der vom „Camino duro“, ist auch wieder da. Der hält mit. Warum? Keine Ahnung! Vielleicht auch sein schlechter Tag?

Zwischen den Buspilgern tummeln sich jede Menge neue Gesichter mit großen, nagelneuen Rucksäcken. Aha! Da sind sie also, die Jäger der letzen hundert Kilometer. Von einer Bar in die nächste, dann weiter zur nächsten Herberge. Die brauchen keinen Kaffee und auch noch kein Bett. Die wollen Stempel für den Pilgerausweis. Zwei pro Tag würden für diese Kurzstrecke reichen. Bei den meisten sehe ich mehr. Stempeljäger im Kampf gegen die Jungfräulichkeit des Pilgerpasses.

Ob das Bett unter meinem noch frei ist, hat Heinrich gefragt. Sicher doch, denn noch liegt da nichts drauf; und ich bevorzuge als einer der Wenigen die obere Etage. „Schön, dann schlafe ich in diesem Bett zum vierten Mal“, freut er sich und knallt seinen von der Sonne gebleichten Rucksack auf das Bett der Pilgerherbege von Ferreiros.

Heinrich wird im nächsten Jahr 70. Heinrich ist ein Junkie! Keiner von der Sorte die Spritzen oder Pfeifen braucht oder sich anderweitig den Kopf zudröhnen. Auch braucht er seinen Stoff nicht jeden Tag, aber abhängig ist Heinrich trotzdem. Hochgradig abhängig! Heinrich ist ein Camino-Junkie. Einer, der spätestens nach einem Jahr wieder auf den Camino muss. Es ist egal, ob auf den hier oder einen seiner nicht so bekannten Brüder. Hauptsache Camino. Heinrich ist schon dreimal den Hauptweg gegangen, war auch schon auf dem Camino del Norte unterwegs und kommt nun von der Vía de la Plata aus dem Süden Spaniens hoch. Er hat nicht wie alle anderen die Hauptroute über Ourense genommen. Er ist nach Astorga hoch gegangen, damit er auf den Hauptweg kommt. Noch mal ein paar Etappen auf dem Jakobsweg gehen. Noch einmal in Erinnerungen schwelgen, denn dieser hier wird sein letzter sein, denn allmählich wird er zu alt dafür.

Man trifft sie gar nicht mal so selten, diese Junkies der Caminos. Meist fallen sie nicht sonderlich auf. Einige gehen jedes Jahr für ein paar kurze Wochen auf den Weg, nur mal wieder ein paar Etappen machen. Andere gehen immer wieder den kompletten Camino, immer nur den Hauptweg. Dann gibt es die, die jeden spanischen Camino mal unter den Füßen gehabt haben wollen. Ehemalige Berg- und Weitwanderer sind genauso dabei, wie Hausfrauen, die einmal im Jahr ihre Familie im Stich lassen und sich den Weg gönnen. Ebenso Pilger, Sinnsucher, Drückeberger, Camino-Pioniere und Realitätsflüchtlinge.
Vernünftige Erklärungen hat niemand zur Hand. Vielleicht ein Schulterzucken, ein verlegenes Lächeln oder „Weil er nun mal da ist!“. Wieder wird man bei der Ankunft in Santiago seinen Lieben versprechen, dass es der letzte Camino war und schon dabei wissen, dass man im nächsten Jahr erneut losziehen wird. Junkies eben.

Heinrich gehört auch dazu, auch wenn diesmal endgültig Schluss sein soll. Sein von der harten Sonne Südspaniens verbranntes Gesicht, in dem sich die Haut an Nase und Ohren löst, spricht Bände.

Sollte es einen Himmel geben mit einem Petrus, der vor dessen Tor wacht, sollte Petrus neben dem Eingang zum Paradies und der Pforte zur Hölle, noch eine dritte Alternative anbieten können. Ein kleines unscheinbares Türchen, dass wieder runter auf die Erde nach Spanien führt. Ein Türchen direkt auf die Pilgerwege, eine Bonusrunde nur für die Camino-Junkies.

Werner Hohn
03.10.2008, 18:10
Montag, 19. Mai 2008 Ist das der Camino?
Etappe: Ferreiros – Palas de Rei
Tageskilometer: 32 Gesamtkilometer: 651
Unterkunft: Private Herberge „Buen Camino“

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Spanische Pilger mit leichtem Gepäck // Erlaubtes Hilfsmittel


“Ausziehen, du musst dich bis auf die Unterwäsche ausziehen.“, hat der gut 40-jährige Koreaner gesagt, der neben mir auf einem Bett sitzt. Vor ihm auf dem Boden sitzt eine junge Spanierin, die unschlüssig mit einem verlegenen Lächeln zu ihm hinauf schaut. Gespannt beobachten wir anderen die Szene. Drei spanische Männer, zwei spanische Frauen, eine sehr junge Norwegerin und ich. Der Koreaner spricht Englisch, ein Spanier dolmetscht. „Ich bin Priester, du musst dir keine Gedanken machen, und ich kann dir helfen.“, macht er ihr Mut. So beginnt der schönste Abend der letzten drei Wochen.

Der Tag war seltsam zerfasert, zerstückelt, als habe er nicht vor, sich in die Erinnerung zu drängen. Die zwei Stunden runter von Ferreiros zum Stausee von Belesar waren wie ein Gehen in Halbschlaf. Ruhig, verpennt. Gehen, weil man weiter muss, weil man an diesem Tag keine andere Wahl hat.
An der Brücke übern Miño, der wird hier zum See gestaut, habe ich ebenfalls keine Wahl gehabt. Ich musste hoch nach Portomarín, denn ich brauchte Wasser und etwas zu essen. Wer das nicht braucht, kann sich den Weg auf den Hügel sparen, es sei denn man will zur Kirchenburg der Johanniter. Mal wieder zu früh dran, für die Geschäfte. Eine freundliche Frau sperrt extra für mich ihren Supermarkt eine viertel Stunde früher auf. Nein, Brot hat sie noch nicht. Der Bäcker war noch nicht da. Es wird auch ohne gehen.

Wieder runter, wieder zurück. Über einen wackeligen Eisensteg zurück auf den Pilgerweg. Nun ist das scheinbar ein ganz anderer Weg. Lebendig, voll, schnell, gesprächig, geschäftig. Viele, viele spanische Pilger mit kleinem Gepäck, meistens Alte, die sich ihr Gepäck mit dem Auto zur Unterkunft fahren lassen. Besseres, bequemeres, erholsameres Pilgern. In dem Alter verständlich. Trotzdem auch die scheinen zu eilen. Am Straßenrand überfüllte Bars, die oft einen Extratisch für den Pilgerstempel, der zur Sicherheit mit einer dünnen Kette gesichert wird, aufgestellt haben. Selbstbedienung für die ganz Eiligen.

Auch die Namen der Dörfer scheinen es eilig zu haben. Auf den Ortschildern prangen keine langen Dorfnamen mehr, so wie in Kastilien-León, die dort oft schon die halbe Dorfgeschichte erzählen. Kurz sind die Namen hier, zumeist aus zwei, drei Silben bestehend. Manchmal so kurz wie die Dorfstraße der kleinen Weiler, die oft noch erstaunlich gut erhalten sind. Ein paar alte Häuser, die sich um eine meist romanische Kirche drängen. Ein verwittertes Steinkreuz markiert den Dorfplatz. An einer Häuserecke ein noch immer intakter Waschtrog, der sogar noch genutzt wird. Die kurzen Ortsnamen auf den weißen Schildern halten ihre Ankündigung nicht, denn eilig hat es hier niemand. Zeit hat für die Menschen hinter diesen Mauern eine andere Bedeutung. Die viele Zeit, die schon vergangen ist, und die wenige Zeit, die noch bleibt. Die Dörfer leben von den alten Frauen und den trägen Hunden. Letztere heben noch nicht mal den Kopf, wenn man vorbei geht.

Und nun bin ich hier in Palas de Rei, in der bis heute teuersten Unterkunft am Weg. 9 Euro wollte die Frau hinter den Zapfhähnen haben. Einsamer Rekord für ein Stockbett! Ein Missverständnis hat mich hier hin geführt. Ich hatte eine alte Frau nach der Gemeindeherberge gefragt, und deren Antwort falsch verstanden. Und im Schlepptau hatte ich den Koreaner, den vorgeblichen Priester, was mir da aber noch nicht bekannt war.

Wir kennen uns schon seit Tagen. Wir haben uns gelegentlich in den Unterkünften getroffen, oft auf dem Weg gesehen und noch öfter gegenseitig überholt. Groß geredet haben wir nie, nur ein paar Worte gewechselt. Er geht ebenfalls alleine, auch er zieht es vor, nur für sich zu gehen.
Groß, drahtig, einer dünner Bart rund ums Kinn, ein spärlicher Rest schwarzer Stoppelhaare auf dem Kopf, die von einem verwegen gebundenen Tuch verdeckt werden. Der könnte glatt aus einem billigen asiatischen Kung Fu-Film entsprungen sein. Modische Freizeitkleidung, ein schmaler Rucksack, leichte Laufschuhe, immer gut gelaunt. Sehen so die Männer der Kirche aus? Nein. Priester sehen anders aus, sind ernster, seriöser. Und doch, kommt nicht jeden Abend ein altes koreanische Ehepaar zu ihm? Und behandeln die ihn nicht beinahe ehrfürchtig, ihn, den viel Jüngeren? Sollte er doch Priester sein?

Die Frau vor uns auf dem Boden scheint keine Zweifel zu haben. Nach kurzem Zögern zieht sie sich bis auf die Unterhose und den BH aus und rutscht näher an den Mann ran, damit er sie besser massieren kann. Sie ist um die dreißig und gehört zu der Gruppe Spanier, mit denen wir auf einem Zimmer liegen. Die sind wie so viele jetzt auch nur die letzten 100 Kilometer für die Pilgerurkunde unterwegs. Heute ist ihr zweiter Tag, und dementsprechend kaputt sind alle. Die Frau vor uns auf dem Boden klagt über fürchterliche Verspannungen im Rücken; ein klarer Fall für asiatische Massagekünste. Es hilft, jedenfalls behauptet sie das, und fragt nach der Entlohnung, denn so selbstverständlich sei das ja wohl nicht.
„Nichts, überhaupt nichts“, bekommt sie als Antwort, und ein „Das ist der Camino!“ schiebt der Koreaner noch hinterher. Ungläubig, erstaunt wollen die Spanier das nicht akzeptieren und schleppen uns runter in die Bar. Wenigstens ein Glas Rotwein, ein Bier oder so, irgendwas wollen unsere neuen Bekannten zurückgeben.

Und sie wollen etwas haben, nein, erleben: jenes berühmte Camino-Feeling, die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft vermeintlich Gleichgesinnter. Also runter in die Bar. Ein Belgier und ein Ire finden auch noch den Weg an unseren Tisch. Je später der Abend wird, um so mehr erinnern sich alle an Reste ihres Schulenglischs. Spanische Sätze, durchmischt mit englischen Wörtern treffen auf englische Sätze, die mit spanischen Wörtern angereichert werden und wo das nicht reicht, helfen, Hände, Füße, Gesten und Mimik. Irgendwann fällt erneut der Satz „Das ist der Camino!“, wieder in Verbindung mit spontan geleisteter Hilfe.

Ist das wirklich der Camino? Macht das diesen Weg zu einem besonderen Weg? Nein! Zu allererst ist das eine abgedroschene Phrase. Vielfache Wiederholungen einen Schlagwortes, das dadurch nicht mit Inhalt gefüllt wird. Hilfeleistungen, Handreichungen, Unterstützung gibt es auch auf anderen Wegen. Hier macht es eben die Masse. Wo viele sind, lässt sich oft helfen. Aber viel öfter kann man wegsehen, vorbeigehen, denn es sind ja noch andere da.
So hat sich niemand dafür interessiert, dass wir Roberto, meinen „Gegner vom Privatrennen“, mit schmerzenden Gelenken in der Herberge von Mansilla de las Mulas verarztet haben - obwohl wir mitten auf der Treppe saßen. Einen Tag später saß er stundenlang mit kühlendem Eiswickel und hochgelegtem Bein mitten im Hof der Herberge in Leon. Vermutlich ist jeder der 150 Gäste an diesem Nachmittag an Roberto vorbeigegangen, ohne Hilfe anzubieten. Gefragt haben viele, aber helfen wollte niemand. Wie gesagt: Hilfe gibt es auch auf anderen Wegen. Selbstverständlichkeiten, die nicht mit einem Schlagwort belegt werden müssen.

Und den Apfel, den eine Frau über den Zaun reicht, das Glas Wasser, das aus einer kalten Flasche ausgeschenkt wird, den gut gemeinten Rat wegen des Wegverlaufs, den heißen Tipp für die Unterkunft, das kann man auf jedem anderen Weg erleben. Sogar noch eher als auf diesem Camino.

„Das ist der Camino!“ oder abgewandelt „Das ist der Weg!“ hört man auf anderen Wegen nicht. In all den Jahren, in denen ich zu Fuß unterwegs bin, habe ich das nie gehört. Nicht auf den Europäischen Fernwanderwegen, schon gar nicht auf den neuen Premiumwanderwegen, die mit erheblichem Marketing unter die Leute gebracht werden. Sogar nicht auf der Vía de la Plata im letzten Jahr, und das soll immerhin ein Pilgerweg sein.

Was ist also der Camino? Dass sich ein Frau inmitten einer Männerschar bis auf die Unterwäsche auszieht und sich massieren lässt? Eher nein. Vermutlich war auch ein bisschen Abenteuerlust dabei; oder das Gefühl, dass so etwas auf dem Camino alltäglich ist. Ja, es ist schon alltäglich, aber meistens suchen sich die Beteiligten eine ruhigere Ecke.

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Am Waschtrog // Klare Verhältnisse


Das Besondere an diesem Camino sind die Menschen. Nicht so Leute wie ich oder die unzähligen Gelegenheitspilger, die den Weg mal eben so machen. Menschen wie die vielen Problemwälzer, Sinnsucher und Realitätsflüchtlinge, die hier zuhauf zu finden sind. Menschen, die eben wegen ihrer Probleme auf genau diesem Weg unterwegs sind und freimütig darüber erzählen, habe ich sonst nirgendwo getroffen. Mal eben auf den Camino, als könne ein Weg Probleme lösen.

Die Mutter, die ihre zwei kleinen Kinder für 6 Wochen der Obhut der Verwandtschaft überlassen hat, damit sie zu sich findet. Sie erzählt das in einem Ton, als erwarte sie Bestätigung und Beifall. Sprachlos und ohne Abschiedsgruß bin ich weiter gegangen. Was hätte ich ihr sagen sollen? Das, was ich in diesem Augenblick wirklich gedacht habe?

Der Ehemann, der sich eine Auszeit von seiner Frau genommen hat, ohne deren Zustimmung. Er muss sich in Ruhe Gedanken über die „Beziehung“ machen. Der Kerl erzählt das, als erwarte er eine Rat. Zu was soll man raten? Ist seine Ehefrau überhaupt noch da, wenn er zurück kommt?

Der Holländer mit den verwirrenden Geschichten aus seinem Leben. Sein tägliches Anecken bei den Kollegen und der Ärger mit dem Chef. All das setzt sich im Privatleben fort. Bis ins kleinste Detail bekomme ich alles erzählt. Die gemeinsten Tricks und Finessen seiner Umwelt, die angeblichen Schikanen seiner Nachbarn und die sich daraus ergebende Einsamkeit sind Thema für einen ganzen Abend in einer Bar. Er sieht sein Verrennen, sein Festhalten am verzerrten Blickwinkel und kann doch nicht loslassen. Der Weg soll’s richten. Ermüdet von seinen wirren Sprüngen durch seine unverstandenen Sorgen, lasse ich ihn zurück. Selten war ich über das frühe Schließen der Herberge so froh. Ein vorgeschobener Grund zum Aufbruch.

Ja, dann gibt es noch die Pilger. Richtige Pilger mit einem Anliegen, mit einer Bitte, einige auch mit einer trotzigen Forderung. Die trifft man eher nicht auf Wegen wie dem Hermannsweg oder auf der Route von der Nordsee an den Bodensee. Die kann man hier treffen. Leider gehen sie fast unter in der Masse. Die meisten tragen ihr Pilgerdasein, ihre Beweggründe nicht offen zur Schau. An der Pilgermuschel, dem Zeichen der Jakobuspilger, lässt sich das ebenfalls nicht erkennen, die baumelt an so gut wie jedem Rucksack.

Pilger sind oft sehr leise. Vielleicht nur leise geworden unter all den geschwätzigen Muschelträgern. Ihr Anliegen, ihre Sorgen, ja sogar ihr Glauben ist nichts für den abendlichen Plausch in der Bar oder auf der Mauer vor der Unterkunft. Aber manchmal tut sich ein Fenster auf, fängt einer mit dem Erzählen an, selten laut, mehr für sich, gelegentlich wie ein Selbstgespräch. Hilfe und Rat erwartet niemand. Effekthascherei, damit man mal wieder im Mittelpunkt steht, ist allen fremd.

Der alte Mann aus Belgien, der jeden Meter, den er geht den Rosenkranz betet. Über seine Beweggründe wollte er nicht sprechen. Vermutlich konnte er auch nicht, denn für eine Antwort müsste er stillstehen, denn beim Gehen will er beten, nicht nur die Perlen durch die Finger gleiten lassen.

Da ist die Frau aus der Schweiz, die ihre Lebensgeschichte in wenige dürre, schmucklose Sätze verpackt. Sie will nur einem Wanderer, den sie noch keine 2 Minuten kennt, Widerrede geben. Warum? Vielleicht, weil trotz aller Differenzen etwas da ist was verbindet? Ohne spürbare Emotionen, nüchtern, fast hart, verschönt nur durch ihren kaum wahrnehmbaren Dialekt, erzählt die Frau die Geschichte ihres Lebens, eines Lebens, dessen Umstände besser im Mittelalter aufgehoben wären als im Heute. Eine Lebensgeschichte, die zu einer Frage herausfordert, die unbeantwortet bleiben wird.

Jenes alte Ehepaar aus dem Norden, das für eines ihrer Enkelkinder unterwegs ist. Zunächst zögerlich, als wollten sie das Thema Glauben und Religion aus dem Weg gehen, dann aber bestimmt und ohne Zweifel, erzählten sie von ihren Beweggründen.

Der junge Mann aus Südtirol hat die größte Enttäuschung seines Lebens hinter sich. Anfang des Jahres ist er nach Lourdes gepilgert. Natürlich in einem Bus voll mit Gleichgesinnten, vom Glauben bewegten Menschen. Es ist eine einzige Enttäuschung. Hinfahren um religiös zu sein. Zurückfahren um da gewesen zu sein. Die Massenabfertigung, das Durchschleusen durch die Grotte, die nicht enden wollende Reihe der Andenkenläden mit Devotionalien, die er nicht braucht. Wenn das Pilgern sein soll, dann ist jede Autobahn nach Rom ein Pilgerweg. Unter einer Pilgerfahrt hat er sich jedenfalls etwas ganz anderes vorgestellt. Auf der Rückfahrt hat eine Mitreisende vom Jakobsweg erzählt, da würde er all das finden, was er suche. Einen Tag später hat er sich Wanderschuhe und Rucksack gekauft, mit täglichem Training angefangen und aufs Frühjahr gewartet. Nach 4 Wochen auf dem Camino ist er mit sich im Reinen. Vielleicht auch, weil er nicht auf der Suche nach seinem Glauben ist. Er will nur mal beten, und wie es sich für eine Pilgerfahrt gehört nicht mit dem Hintern auf dem Sitz eines klimatisierten Reisesbusses. Beten, sagt er, kann man hier mit den Füßen.

Noch etwas ist das Besondere an diesem Weg. Genau genommen trifft das auf alle langen Wege zu, aber weil es hier für viele der erste lange Weg ist, verbinden das alle mit dem Camino.

Das ungewohnte lange Unterwegssein fordert Vieles. Vielleicht verlässt den ein oder anderen mal der Mut ob der nicht enden wollenden Kilometer, der drückenden Last auf dem krummen Rücken oder der mal wieder monotonen Landschaft. Von denen die durchhalten, werden einige verändert nach Hause kommen. Die haben gesehen und erlebt, wie wenig man zum Leben braucht. Wie wenig leben braucht. Materielles, das wofür man sich krumm legt, lässt sich auf Rucksackgröße reduzieren. Frei sein, ungebunden sein braucht wenig. Nur den ersten Schritt machen und losgehen. Der unnötige Ballast im Kopf löst sich schon auf – wenn man es zulässt.

Auch das ist der Camino. Das Loslassen, die Aufgabe eingeschliffener nie hinterfragter Gewohnheiten und Ansichten, um vielleicht Freiheit erleben – und sei es nur auf Zeit –, das gibt dieser Weg einigen Menschen. Manch einem wird es zur Sucht werden und sich immer häufiger aufmachen, um sich aus den Zwängen des Alltags zu lösen. Anfangs unbemerkt, dann immer mehr, bis man wieder loszieht. Der Auslöser kann eine Lappalie sein. Ein Wanderrucksack, den ein verschwitzter Wanderer durch die Stadt trägt, ein Buch, das jemand unachtsam auf dem Wühltisch der Buchhandlung hat liegen lassen.

Die Veränderungen, die wochenlanges Leben mit reduzierten Ansprüchen in vielen Köpfen bewirken, lassen sich nirgendwo so einfach erfahren wie auf diesem Weg. Aufbrechen um Ballast los zu werden. Auch "Das ist der Camino!".

Dienstag, 20. Mai 2008 Hundeleben
Etappe: Palas de Rei - Arzúa
Tageskilometer: 29 Gesamtkilometer: 680
Unterkunft: Herberge de Arzúa (Xunta-Herberge)

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Irgendwo an einer Gabelung // Lili


Auf Lili treffe ich nun schon den vierten Tag hintereinander, wenn man es ganz genau nimmt, sogar den fünften. Lili ist ein erstaunliches Mädel, jedenfalls für meine Begriffe. Noch kein Jahr alt, und schon kann sie auf eine Wanderung von mehr als 700 Kilometer zurückblicken. Lili hat sogar 70 Kilometer mehr auf dem Buckel als ich, denn sie ist in Saint-Jean-Pied-de-Port jenseits der Pyrenäen gestartet. Hin und wieder ist Lili schneeweiß, meist jedoch kommt sie in der Farbe des gerade durchwanderten Untergrunds daher. Das Mädel reicht mir noch nicht mal bis zur Kniescheibe. Lili ist ein West Highland Terrier, also eine dieser Hündinnen, die in der Regel auf warmen Decken und flauschigen Teppichen ihr Leben fristen. Lili ist trotz der vielen Tage, die sie unterwegs ist, noch immer putzmunter und kann es kaum erwarten, dass es weiter geht. Ihre „Chefin“, den Namen wollte sie nicht verraten, wenn, dann sei sie als „Mutter“ von Lili bekannt, gönnt sich mal wieder eine Kaffeepause. Pausen mag Lili überhaupt nicht, denn sie hat vor ein paar Tagen ein Zwangspause machen müssen.

Lili kenn’ ich nun seit Villafranca del Bierzo mit seiner Herberge im strömenden Regen. Einen Kaffee wollt’ ich mir ziehen, am Automat unter der Treppe. Während die Brühe blubbernd und dampfend den Weg in den Plastikbecher findet, habe ich Zeit mich umzusehen. Was liegt da eigentlich fürn Müll unter der Treppe? Im diffusen Halbdunkel der kleine Nische unter der Treppe lässt sich kaum etwas erkennen. Vielleicht eine alte Decke, ein vergessener Schlafsack? Und was ist der weiße Knäuel oben drauf? Sieht aus wie ein schmutziges Handtuch. Bei dem Licht kann man kaum was erkennen. Als ich den Kopf unter die Treppe stecke, bewegt sich das Handtuch, die vermeintlich alte Decke auch. So lerne ich Lili und ihre Begleitung kennen.

Weil Hunde nicht in spanische Pilgerherbergen dürfen, liegen die Beiden unter der Treppe. Das sei ein noch lange nicht selbstverständliches Entgegenkommen der Hospitalera gewesen, meint Lilis Begleiterin. Weil sie damit gerechnet hat, dass sie selten ein festes Dach über dem Kopf haben werden, steckt in ihrem Rucksack ein kleines Zelt, das die Beiden schon mehrmals vor einer Nacht unter freiem Himmel bewahrt hat. Damit Lili die lange Strecke durchhält, hat sie ein nicht ganz leichtes Paket mit Kraftfutter dazu gesteckt. Alles in allem mehr als 20 Kilo. Beachtlich, nicht nur weil sie eine Frau ist. Mir hätte ich das auf keinen Fall zugemutet. Und wo die überall schon gepennt haben. Unter alten Kirchendächern, in zugigen Schuppen, in nassen Eingängen und eben im Zelt. Für die Frau ist es der dritte Camino, für Lili der erste. Es wird dabei bleiben, denn so anstrengend hat sich die „Mutter von Lili“ das alles nicht vorgestellt.

Wegen Rückenschmerzen muss zwei Tage in Villafranca del Bierzo pausiert werden. Länger ist es auf keinen Fall möglich, denn der Rückflugtermin steht fest. Der Arzt hat ein Attest ausgeschrieben, damit die Frau mehr als einen Tag in der Unterkunft bleiben darf. Leider war da das Problem mit dem Hund. Ohne kein Problem, aber mit ..? Vermutlich lag es an den treuseligen Augen Lilis, welche die Hospitalera ihre Vorschriften großherzig auslegen ließ. Für die zweite Nacht bekommen die Rekonvaleszenten sogar ein Bett zugewiesen. Der Hund sei sauberer als die meisten Pilger!
Auch wenn der Rücken noch streikt, morgen müssen sie weiter. Der nahe Termin erlaubt keinen weiteren Tag zur Genesung. Versehen mit einem Packen Schmerzmittel und einem Satz Trekkingstöcke wird es schon gehen, meint die Frau.
Seitdem treffe ich jeden Tag auf den Hund und ihre Begleitung. Klein und weiß wie Lili nun mal ist, ist sie eine begehrtes Fotomotiv, und wird wahrscheinlich über die Festplatten der Welt verteilt werden. Eins ist jedenfalls sicher: Wenn Lili wieder in ihrer Heimat ist, hat sie bei ihren sozialen Kontakten einiges zu erzählen - auch wenn’s ihr die großen Kollegen bestimmt nicht abnehmen werden.

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Zeitsprung im Vorbeigehen


Sogar Rosi, die Frau vom ersten Tag und aus Burgos, treffe ich wieder. Sie winkt aus einer Bar rüber. Sieh an, auch sie hat es bis hierhin geschafft, wenn auch mit viel Bus fahren. Zugetraut habe ich ihr das nicht. Seit einigen Tagen ist Rosi mit gleichgesinnten Frauen unterwegs, die wie sie auch nur in Hotels und Hostals schlafen. Aha, neben den Gemeinschaften, die sich aus den Pilgerherbergen kennen, gibt es auch die aus den Hotels. Erstaunlich, dass es so wenig Berührungspunkte gibt. Erstaunlich ist auch, wie groß die Distanz zu Rosi geworden ist. Ein paar Tage haben gereicht, um die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beurteilen. Die drei Frauen leben immer noch im Hier und Jetzt, machen sich Sorgen und Gedanken um den Anschlussweg hinter Santiago obwohl sie den nicht gehen werden. Die angeblichen Überfälle und so. Mein Zeithorizont reicht bis zum heutigen Abend. Ein zufällig daherkommender Pilger mit Esel ist für mich willkommener Anlass, ja Ausrede, die Bar fluchtartig zu verlassen.

In der Schlange, die sich mal wieder vor dem Tor der Herberge gebildet hat, treffe ich Mechthild wieder, die Frau die mich nach La Faba gelotst hat. Kurz bevor die Herberge öffnet, reihen sich ans Ende der Schlange „meine“ drei Spanier ein.

Es sind wirklich meine Spanier. Vermutlich bin ich einer der ganz Wenigen, denen bekannt ist wie die pilgern. Ich weiß schon nicht mehr wo wir uns das erste Mal über den Weg gelaufen sind. Es muss schon eine Weile her sein. Seitdem aber immer wieder. Das letzte Mal war es gestern Nachmittag kurz vor Palas de Rei. So 2 oder 3 Kilometer vor dem Ort. Ich treffe die immer 2 oder 3 Kilometer vor oder hinter einem Ort, und immer ist ein silberner alter amerikanischer Van in der Nähe. Schwarz verklebte Scheiben und die Werbung als Camino-Taxi lassen keine Zweifel zu: Meine Spanier fahren Taxi und das jeden Tag. Gestern, an der Ortsgrenze von Palas, gab’s kein Entkommen, keine Ausreden mehr. Die Männer stiegen in dem Augenblick aus dem Auto, als ich völlig überraschend um die Ecke bog. Ausflüchte wie bei unseren bisherigen zufälligen Treffen würden nicht mehr ziehen.

Frank und frei wurde zugeben, dass sie den Camino mit dem Taxi machen. Das nicht mal eben an den Tagen, an denen sie keine Lust aufs Gehen haben, nein, jede Etappe zwischen den Pyrenäen und Santiago wird mit dem Auto gemacht. Wie so oft wurde die Idee mit der gemeinsamen Pilgerung aus ein Rotweinlaune heraus geboren und mit viel Pathos verkündet. Die Ernüchterung folgte schon am nächsten Tag. Mehr als 750 Kilometer quer durch Spanien gehen und dabei noch das Gepäck tragen? Undenkbar! Einer hatte schon mal was vom Rucksacktransport gehört. Wenn man die Rucksäcke per Taxi über den Camino verfrachten kann, warum dann nicht bei den Rucksäcken im Auto bleiben? Übers Internet war schnell ein Unternehmen, welches sich auf Camino-Transporte spezialisiert hat, gefunden. Weil das nicht ganz billig ist, mussten schwarze Kassen geöffnet werden. Seitdem fahren meine Spanier Auto. Morgens verlassen sie wie alle anderen auch die Unterkunft, um spätestens nach einer halben Stunde ihr Taxi am vereinbarten Treffpunkt vorzufinden. Der Tag wird irgendwie vertrödelt, bis es Zeit ist, sich mit dem Auto zum nächsten Zielort fahren zu lassen. Natürlich nicht ganz, die letzte halbe Stunde geht man zu Fuß. Dabei werden die Schuhe eingesaut, wenn erforderlich. Schwungvolle Videos werden gedreht, damit die Lieben zu Hause an den Mühen des Pilgerns teilhaben können. An heißen Tagen wird etwas Wasser aus der Flasche über den Rücken verteilt, man hat schließlich geschwitzt. Der ganze Aufwand für die Familie und Freunde, und für eine Urkunde aus leblosem Papier.

Jetzt stehen die Jungs am Ende der Warteschlange und machen geräuschvolle Dehnübungen. Niemand in der Schlange nimmt ihnen das Getue ab. Buspilger, werden viele denken. Dass es noch bequemer machbar ist, wissen die Wenigsten. Ich werde das auch keinem erzählen, immerhin habe ich das „meinen“ Spaniern hoch und heilig versprechen müssen.

Mittwoch, 21. Mai 2008 Noch kein Ankommen?
Etappe: Arzúa – Monte do Gozo
Tageskilometer: 36 Gesamtkilometer: 716
Unterkunft: Herberge auf dem Monte do Gozo (Touristen/Pilger-Komplex)

http://fotos.outdoorseiten.net/data/28/21-5-schuhe-h.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/21-5-flughafen-q.jpg
Denkmäler kurz vor Santiago - Nicht ganz bis ins Ziel, Flughafentechnik


Kilometersteine haben keine Seele, keinen Verstand und reden können die leblosen Betonstelen am Wegesrand auch nicht. Und trotzdem können sie antreiben, weil man es endlich hinter sich bringen will. Können sie abbremsen, weil man noch nicht ankommen will. Können sie einem die eigenen Geschichten vom Weg erzählen.
Kilometersteine gibt es auf allen galicischen Caminos, egal aus welcher Himmelsrichtung der Wanderer nach Santiago de Compostela eilt. Eine nüchterne Betonstele, kaum einen Meter hoch mit einer blauen Kachel mit gelber Jakobsmuschel im oberen Drittel, darunter die verbleibenden Kilometer bis Santiago, das sind die galicischen Kilometersteine. Zuverlässig verringern sie die Distanz, stutzen immer wieder neu die verbleibende Zeit zurecht.

Das Auftauchen des ersten Steins an der Regionalgrenze wird wahrscheinlich von jedem heiß ersehnt. Ein Aufatmen, nun ist es nicht mehr weit. Vielleicht eine Woche noch oder weniger. Dann kann man nicht mehr hinsehen, wenn immer wieder, manchmal alle viertel Stunde, ein neuer Stein auftaucht. Man wird ihrer überdrüssig, tröstet sich mit dem Wissen, dass die angegebenen Entfernungen schon lange nicht mehr stimmen. Der Weg wurde so oft verlegt, dass das alles nicht mehr stimmen kann. Jeder freut sich, wenn mal wieder das kleine Schild mit der Kilometerangabe fehlt. Es tut gut, nicht immer wieder erinnert zu werden wie weit es noch ist - oder nur noch ist.

Der 100-Kilometerstein wird von allen zur Kenntnis genommen. Übersät mit unzähligen Namen, Graffiti, Daten und natürlich mit der falschen Entfernungsangabe. Es ist ein kleines Stückchen weiter nach Santiago als hier angezeigt. Nicht viel, vielleicht eine halbe Stunde oder etwas mehr. Aber der Stein war immer hier, und weil es der mit der magischen Zahl ist, wird er auch bleiben. Es muss auch nicht so ganz genau sein. Die Entfernung die da steht ist nicht für die Füße, die ist für den Kopf.
Und die anderen Steine? Man will sie nicht mehr sehen und schaut doch zwanghaft hin. Im letzten Jahr was das anders. Auf der Vía de la Plata stehen diese Steine auch, da sind sogar noch beinahe alle Entfernungsangaben dran. Dort haben sie getrieben, haben gelockt, haben das Versprechen der baldigen Ankunft mit sich getragen.

In diesem Jahr ist etwas neu. Für mich sind die Steine wertlos. Eine Ankunft, die zugleich das Ende ist, wird es dieses mal nicht geben. Es wird weiter gehen. Weiter bis ans Ende der Welt und dort ist immer noch nicht Schluss. Es geht noch weiter, erneut auf einen Camino, der auch wieder in Santiago auf dem Platz vor der Kathedrale enden wird. Also noch kein Ankommen, noch kein Aufatmen, kein Ausruhen. Für mich sind die Entfernungen hier trügerisch.

Noch 80 Kilometer, dann 70, 60, 50. Unbemerkt fangen diese Steine an die erlebten Geschichten der vergangen Wochen zu erzählen, längst vergessen geglaubte Menschen wieder zu beleben. Noch nicht ganz angekomen und schon werden aus dem soeben Erlebten Geschichten. Und die Steine fangen an zu treiben. Auch mich. Heute wären das nur 41 Kilometer bis zum Ende des Caminos. Das kann ich heute noch schaffen bis Santiago, in die Stadt, in der ich vor einem Jahr schon mal zu Fuß angekommen bin. Es treibt kein sportlicher Ehrgeiz, nicht die Sehnsucht nach einer Stadt, die ich doch schon kenne, geschwiege ein Verlangen heute noch anzukommen.

Die puren Zahlen auf den Steinen treiben. Magische Zahlen. Keine magischen mathematischen Spielereien, keine wie auch immer geartete esoterische Deutung von Zahlen. Zahlen, die durch das Mitgehen mit ihnen, durch das Verkleinern der Zeit ein Eigenleben entwickeln. Immer kleiner, immer überschaubarer werden die Entfernungen. Erinnern zunächst an die Distanzen einer Tageswanderung, an einen Spaziergang. Schließlich werden die Zahlen einstellig, es ist nur noch eine Ziffer.

Weiter, eben mal den Berg runter, dem Nachmittag mal eben noch eine dreiviertel Stunde abringen? Nur noch 4 Kilometer bis zur Ankunft. Kann man das dann eine Ankunft nennen? Im vergangenen Jahr bin ich schon nicht in Santiago angekommen, da war meine innere Ankunft einen Tag früher. Heute wollt’ ich’s auch nicht, hab’s nicht erwartet und auch nicht verlangt. Das Ankommen ist immer der langweiligste Teil einer langen Reise. Und trotzdem fangen diese Steine, diese Zahlen an zu treiben, zu locken.

Maria, Mechthild, Gotthilf und ich waren uns einig, dass wir uns Zeit lassen können. Wir wollten nur bis zum Monte do Gozo, dem letzten Hügel vor Santiago de Compostela gehen. Gemeinsam wollten wir nicht gehen, uns dort oben treffen.Die letzten Kilometer wollten wir uns für den nächsten Tag aufsparen. Nach so vielen Tagen würden das doch nur Meter, keine Kilometer mehr sein. Ankommen nur um da zu sein wollten wir nicht. Ich wollte eh nicht ankommen. Nur morgen früh nach Santiago rein, mir die Pilgerurkunde für Nichtpilger abholen, ein paar Infos für den Weiterweg nach Finisterre besorgen, und dann schon wieder weg. Raus aus der Stadt, ans Ende der Welt.

Mechthild hat mich gebremst, ohne sie wäre ich weiter gegangen. Eine Stunde war ich schon unterwegs, als wir uns mal wieder über den Weg liefen. Mit „Werner, kann ich heute mit dir gehen?“, fing der bisher einzige Wandertag an, an dem ich nicht alleine gehen sollte. Es ist ein ganz anderes Gehen, wenn man nicht alleine ist. Die spanischen Männer schauen anders, sogar verdammt anders, sobald eine Frau daher kommt. Als alleinwandernder Mann war mir das noch nie aufgefallen. Ich gehe dann auch ein anderes Tempo, wenn jemand dabei ist. Immer versuche ich mich meiner Begleitung anzupassen, egal wie schnell die ist. Aber ich rede dann auch nicht viel mehr. Da muss ich passen.

Mechthild kenne ich schon ewig, zumindest nach Camino-Maßstäben. Nur Maria kenne ich noch länger. Vor Burgos bin ich Mechthild schon begegnet. Wir haben uns immer wieder aus den Augen verloren. Aber immer wenn das Vergessen die Oberhand gewinnen sollte, bog sie unverhofft um eine Ecke, kam aus einem Laden oder stand am Wegrand. Das vorletzte Mal hat sie mich nach La Faba gelotst, gestern Nachmittag saß sie auf der Stufe eines Hauseingangs in Arzúa. Heute waren wir eben gemeinsam unterwegs. Es war nicht der schlechteste Tag der letzten 3 Wochen. Und wie schon erwähnt, ohne Mechthild wäre ich bis nach Santiago durchgegangen.

So sitzen wir in der Küche der Unterkunft auf dem Monte do Gozo und warten auf Maria. Gotthilf ist auch mit uns angekommen. Unterhalb des monumental hässlichen Denkmals, das zu Ehren des Papstbesuchs über dem Hügel des Monte do Gozo thront, sind wir wieder auf Gotthilf gestoßen. Alle sind wieder beisammen, bis auf Maria. Eine SMS am Abend lässt unsere Vermutung Gewissheit werden: Maria ist in Santiago de Compostela.

Maria hat es gemacht. Sie hat es wohl so geplant, nicht weit im Voraus. Vermutlich gestern Abend oder heute während des Gehens. Sie geht ja immer alleine, bleibt immer hinter allen zurück. Gesagt hat sie nichts. Wahrscheinlich wollte sie alleine ankommen. Das Gefühl erleben, von dem so viele erzählen. Ja, welches Gefühl eigentlich? Maria ist jedenfalls am Boden zerstört. Nichts, rein gar nichts, hat sie empfunden. Nur pure Enttäuschung. Vielleicht sollte man doch innehalten und nicht durchrennen. Vielleicht sollte man gar nichts erwarten.

Werner Hohn
07.10.2008, 13:24
Nur noch 4 Kilometer bis Santiago de Compostela, dem ersten Zwischenziel, und trotzdem ist hier für die nächsten 3 bis 4 Wochen Pause.
Weiterschreiben werde ich auf jeden Fall, schon alleine, weil es jede Menge Lob gegeben hat. Es kommen dann noch gut 340 Kilometer. Stoff für eine Fortsetzung ist also genügend da.

Und ein Dankeschön an alle, auch wenn ich nicht auf jeden Beitrag ausdrücklich geantwortet habe. Immerhin hat's geholfen, mich an die verd..... Tastatur zu zwingen.

Im Augenblick freue ich mich auf die Wanderung durch den Süden Portugals, die morgen startet. Diesmal nicht alleine, meine Frau wird sich mit mir das Zelt teilen.

Werner

BlaesFevrier
07.10.2008, 13:49
Dann gute Reise. Bring neue Geschichten mit.

Sternenstaub
07.10.2008, 14:32
lieber Werner,
dein Bericht fasziniert mich jedesmal aufs Neue, wenn ich wieder ein Stückchen weiter lese. Und ich freue mich jedesmal über deine Art der Schreiberei.
Es ist sicherlich sehr spannend gewesen, das liest man ja, aber ich würde eine solche Reise niemals machen, ich glaube, das wäre für mich der absolute Horror
wünsch dir viel FReude auf eurer gemeinsamen Reise!

hikingharry
07.10.2008, 22:41
Wieder mal ein Danke für Dein Weiterschreiben. Und alles Gute für Eure Wanderung.

Gruß hikingharry

Werner Hohn
15.11.2008, 21:18
Donnerstag, 22. Mai 2008 Zwischenhalt
Etappe: Monte do Gozo – Santiago de Compostela
Tageskilometer: 4 Gesamtkilometer: 720
Unterkunft: Hostal in der Altstadt

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/22-5-ankunft.jpg
Ankunft ohne ein Ende


Es sind nur 4 Kilometer vom Hügel am Stadtrand bis zur Kathedrale in der Stadtmitte. Schnell mal eben runter, die Pilgerurkunde abzuholen und dann weiter an die Küste, die immer noch 3 Tageswanderungen weit weg ist. Wir sind ein kleines Grüppchen, Mechthild, Gotthilf und ich. Im morgendlichen Berufsverkehr schaut sich niemand nach uns um, keine Hand hebt sich hinter getönten Autoscheiben zum Gruß. Pilger, Wanderer, Menschen mit Rucksack gehören seit Jahren zum Stadtbild der Pilgermetropole.
Zielstrebig trödeln wir zur Puerta del Camino, dem Tor zum Camino. Hier beginnt die barocke Altstadt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört und in dessen Gassengewimmel sich die Kathedrale versteckt.
Wer über den Camino francés nach Santiago kommt, sieht die Kathedrale erst, wenn er an deren Rückwand steht. Von hinten ist die Kirche so unscheinbar, dass viele erst auf dem großen Platz vor dem Hauptportal realisieren, dass sie am Ziel sind.

Und dann stehe ich nach 2007 mal wieder vor dem Pilgerbüro und reihe mich in die kurze Schlange ein. Ganz vorne, sogar als Erster, steht der Koreaner, der sich vor Tagen als Priester ausgegeben hat. Dahinter viele zwar bekannte, jetzt schon fliehende Gesichter: mal wieder ein Schalke-Fan mit Wimpel am Rucksack, irgendwo sind wir uns kurz über den Weg gelaufen; der Franzose, der einen auf Krishna-Jünger macht und nicht direkt angesprochen werden will, man soll sich an seinen Begleiter wenden, dieses Pärchen kenne ich schon seit dem zweiten Tag; der Italiener mit der feisten Wampe und dem Minirucksack und viele, viele mehr. Seltsam, die Menschen, mit denen ich in den vergangenen Wochen oft nur einen kurzen Gruß im Vorbeigehen, ein erkennendes Nicken in der Warteschlange vor der Herberge oder noch weniger ausgetauscht habe, bedeuten mir an diesem Tag viel. Bis auf meine Begleiter von heute Morgen sowie Lili und ihre Begleitung sind das eigentlich Fremde für mich. Und trotzdem haben wir etwas Gemeinsames, verbindet uns einiges.

Es ist nicht nur der lange Weg. der hinter uns liegt. Vielleicht ist es auch das Wissen, dass in wenigen Stunden die kleine Freiheit enden wird, die uns am Laufen gehalten hat. Dass dem Ausbrechen aus dem Alltagstrott wieder das unweigerliche Einleben in eben diese Mühle folgen wird. Die Freiheit, das Loslassen und die Leichtigkeit im Kopf, all das soll hier enden? Der Freiraum, der sich am Anfang unbemerkt eingeschlichen hat, dann ungestüm seinen Platz zwischen all den verkrusteten Vorstellungen gefordert und bekommen hat, der zum lieb gewonnen täglichen Begleiter herangewachsen ist, wie lange wird dieses Stückchen Freiheit überleben? Der verplante und rundum abgesicherte Alltag ist ein zäher und geduldiger Gegenspieler. Vielleicht ist es dieses Wissen, eher ein diffuses Gefühl, das die Menschen vor der schweren Holztür des Pilgerbüros vereint.

Spontan entscheide ich mich fürs Bleiben. Weitergehen kann ich auch morgen noch. Das Ende der Welt läuft mir nicht weg. Meine Begleiter vom Weg jedoch, die werde ich vermutlich nie mehr sehen.

Maria, die es gestern nicht erwarten konnte und bis Santiago durchgegangen ist, läuft mir übern Weg. Sie ist immer noch enttäuscht von ihrer Ankunft. Nur enttäuschte Hoffnungen, verratene Erwartungen, über Tage herbeigesehnte und dann verrauchte Träume. Da war nichts, überhaupt nichts. Die Erlebnisse von unterwegs, die Begegnungen und Gespräche, die manchmal endlose Quälerei? War das alles für die Katz'? Eine Ankunft wie auf dem Bahnhof von Wanne-Eickel?
Oft ja. Manchmal aber braucht es seine Zeit, einen verwehenden Augenblick, damit man Ankommen, vom Erlebten der letzten Wochen zehren kann.

Santiago ist wie immer, obwohl das erst mein zweiter Aufenthalt in der Stadt ist. Pilgerurkunde abholen, diesmal die „Sporturkunde“, die Wanderer ohne religiöse Motive erhalten, Unterkunft suchen, Pilgermesse besuchen, dann auf dem Platz vor der Kathedrale rumlungern. Hier kommen sie alle an. Einzelgänger, Gruppen, Paare, Fußwanderer, Radpilger und Touristen. Bei mir drängt sich der Eindruck auf, je kürzer der Weg, umso lauter die Ankunft.

Auch der Platz vor der Kathedrale ist ein Grund, nach Santiago zu gehen. In der Hoffnung, unter den vielen Ankömmlingen bekannte Gesichter zu sehen, lungern hier alle rum. Wer mehrere Tage bleibt, wird immer wieder diesen Platz aufsuchen, und immer wird sein Blick hoffnungsvoll über die Gesichter der Neuankömmlinge streifen. Die Hoffnung aufs Wiedererkennen und nicht zuletzt um die Zeit ein wenig zu betrügen, treibt einen mehrmals am Tag hierhin.

Und doch ist Santiago nicht wie immer. Diesmal ist sogar die Pilgermesse anders. Nicht nur dass sie diesen Mittag sogar mir nahe geht, auch der ewige Zweifler in mir erhält einen kleinen Schlag auf die Nase. Am Beginn der Messe kündigt der Priester an, dass er den Pilgergottesdienst nicht alleine abhalten wird. Ihm werden zwei Priester, die den Camino komplett gegangen sind und heute beendet haben, zur Seite stehen. Der eine kommt aus Kanada, der andere aus Südkorea ...

Meer Berge
16.11.2008, 15:40
Puh - wie schön!

Danke,
Meer Berge

Werner Hohn
26.11.2008, 21:54
Camino Fisterra – Der Appendix aller Caminos

Freitag, 23. Mai 2008 Ungewohnte Begleitung
Etappe: Santiago de Compostela – Negreira
Camino francés: 720 km, Camino Fisterra: 23 km
Tageskilometer: 23 Gesamtkilometer: 743
Unterkunft: Herberge Negreira (Xunta-Herberge)

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/23-5-schirme-h.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/23-5-ponte_maceira-q.jpg
Beides sieht man oft hier // Ponte Maceira


Ans Ende der Welt wollen alle, sogar die, denen die Zeit davonläuft, die nehmen dann halt den Bus. Hauptsache man war am Ende der Welt. Das kann man nicht auslassen, wenn’s auch das mittelalterliche Ende der Welt ist. Schon lange weiß jeder, dass der westlichste Punkt des Europäischen Festlands in Portugal zu finden ist. Aber was soll’s.
Wer den Bus nicht nimmt, geht zu Fuß, und das sind jede Menge. Na ja, ein Mensch, der ein paar Wochen auf dem Camino unterwegs war, dem werden die letzten 90 Kilometer nicht mehr das Letzte abfordern. Das wird mehr ein Auslaufen, weil man die Zeit noch ein wenig hinausschieben möchte, oder weil es noch ein paar Tage bis zur Rückreise sind. Was soll man auch sonst tun. Einfach mit dem Gehen aufhören, mitten in einer Stadt?
Wer zu Fuß durch ganz Spanien gegangen ist, hat am Kap das Ende seiner Reise erreicht. Weiter geht es nicht mehr, hier muss man aufhören. Ein paar Rituale noch, ein letztes Mal die abendliche Runde mit vertrauten Gesichtern, danach ist Ende, Feierabend, Schluss! Am nächsten Tag noch die Busfahrt zurück nach Santiago, dann die Heimreise. Das war’s also.

Auf dem Camino Fisterra, von mir aus auch Camino Finisterre, wird nicht mehr gepilgert, hier wird gewandert. Am Ende wartet kein Heiliger, keine Kapelle, nur ein einfaches Kreuz. Dort steht ein Leuchtturm, der Seeleute vor den Gefahren der Küste warnen soll. Ein Restaurant, das Touristen die Qualen eines leeren Magens erspart. Natürlich, es ist ja ein erprobtes Geschäftsmodell, fehlen die Stände mit dem unsäglichen Nippes, den Postkarten, den unvermeidlichen T-Shirts auch nicht. Schlussendlich steht am Kap der Nullstein, ein Kilometerstein mit den Angabe 0,00 K.M. – leider bezieht sich das nur auf den Camino Fisterra. Schade, wirklich schade.

Weil die Regionalregierung das touristische Potential dieses von Mythen und Sagen umwobenen Kaps erkannt hat, gibt es seit einigen Jahren einen brauchbaren Wanderweg. In den letzten Jahren sind noch einige Herbergen dazu gekommen, die aber schon wieder aus allen Nähten platzen. Damit es nicht ganz so arg nach Tourismus aussieht, braucht der müde Wanderer zum Übernachten in diesen Häusern einen Pilgerausweis. Es muss aber der vom Pilgerbüro abgestempelte Ausweis eines Pilgerwegs sein. Mit einem jungfräulichen, so wird versichert, gibt es kein Bett. Na ja.

Da wollte ich hier nicht hin – noch nicht. Dieser Camino sollte erst in 3 Wochen fällig sein. Zusammen mit meiner Frau wollte ich den gehen. Aber was tun mit der Zeit, mit den freien Tagen, die ich mir erlaufen habe? Museen abklappern, schon nach Portugal fahren und mich an den Strand legen? Zweifelhafte Vergnügen nach 700 Kilometer Fußweg.

Nun bin ich also unterwegs auf dem Wurmfortsatz aller Caminos, die ja aus allen Richtungen auf Santiago zulaufen und hier einen gemeinsamen Abschluss finden. Und ich bin nicht mehr allein. Seit gestern Abend begleitet mich ein Regenschirm, und was für einer. Kein leichtes Nichts, dessen dürres Gestänge beim ersten Wolkenbruch schlapp machen würde. So einen wollte ich ursprünglich haben, aber die Frau hinterm Tresen des Haushaltwarenladens hat mir den ausgeredet. In Galicien, so meinte sie, braucht es was für die Ewigkeit, es regne ja auch ewig. Wer will da Widerspruch einlegen? Als die Ladentür scheppernd hinter mir ins Schloss fiel, hatte ich einen Trumm von Schirm in der Hand. Der wird mich sicherlich überleben. Galicische Wertarbeit, denn angeblich steht in dieser Region die größte Regenschirmfabrik Spaniens.

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Altes Stadttor in Negreira


Und noch eine neue Begleitung habe ich, die so neu auch wieder nicht ist: Maria ist dabei. Wir sind uns heute Morgen im triefenden Eukalyptuswald mal wieder über den Weg gelaufen. Wie oft eigentlich schon? Maria ist der einzige Mensch, der mich vom ersten Tag an begleitet. Ausgerechnet ihr hätte ich das niemals zugetraut. Maria hatte sich schon am ersten Tag einen Einwurf verdient:

„He du, ja du!“ ruft eine Frau quer durch den halben Garten der Herberge. Sie meint tatsächlich mich, denn sonst steht niemand in Rufrichtung. Die Ruferin hört auf den Namen Maria, ist etwas älter als ich und will ebenfalls nach Santiago. Wohin auch sonst.

Maria und ich haben den Camino gemeinsam gemacht (hier passt das Wort) ohne ihn zusammen zu gehen. Von den vielen hundert Kilometern zwischen Puente la Reina und Santiago de Compostela sind wir noch keine fünf Kilometer Seit’ an Seit’ gewandert. Wir haben oft in unterschiedlichen Herbergen genächtigt; sind immer zu unterschiedlichen Zeiten in den Tag aufgebrochen; aus verschiedenen Töpfen satt geworden; haben fast immer ganz andere Menschen getroffen und wir sind noch nicht mal gemeinsam angekommen. Sie war einen Tag vor mir am Ziel; na ja, eigentlich nur eine Stunde. Und trotzdem: Wir waren meist zusammen unterwegs.
Vermutlich hat Maria mir den Camino gerettet. Nicht, dass sie das ahnt oder sogar weiß, und erfahren muss die Frau das auch nicht. So, damit verschwindet Maria fürs Erste wieder in der Versenkung. Sie wieder auftauchen, wenn es sonst nichts zu erzählen gibt. Dann aber „am Stück.“

Nach 800 Kilometer Pilgerweg ist sie schon lange nicht mehr die Pilgerschnecke, als die sie sich gerne bezeichnet. Maria ist flott unterwegs, trotz zu kleiner Schuhe und den sich daraus ergebenden Problemen mit den Füßen. Ich glaube, es gab keinen Abend, an dem sie ihre Füße nicht verarztet hat. Beschissene, ungeeignete Klamotten hat sie auch, von denen sie einen Teil irgendwo vergessen hat. War nicht schade drum. Der zu große Rucksack - anfangs prall gefüllt, nun beinahe leer - verschwindet an diesem Morgen wieder unter einer schwarzen Mülltüte. Es schüttet, wie so oft in den vergangenen Tagen. Seit Tagen kennt das Wetter nur diese eine Stilrichtung.

Maria und ich haben einiges gemeinsam: wir sind beide jenseits der 50, schon viele Jahre verheiratet, haben Kinder, die keine Kinder mehr sind, Enkelkinder haben wir ebenfalls, und wir sind ohne unsere Ehepartner unterwegs. Da gehören die Gemeinsamkeiten schon auf. Das ist schon ein kleiner Kulturschock für mich, wenn ich nach wochenlangem Gehen ohne Begleitung plötzlich eben diese habe.
Maria hat eine Gesangausbildung, folglich kann sie singen, wovon sie ausgiebig Gebrauch macht. Nun gehöre ich zu den Menschen, die freudig 200.000 Kilometer mit einem Auto runtergespult haben, dessen Musikanlage stumm, weil kaputt war.
Es gibt ja dieses Vorurteil, dass Frauen gerne reden. Meine Begleiterin macht keine Anstalten, das zu widerlegen. Aber Maria ist aufmerksam, denn wenn ihr auffällt, dass mein Anteil unserer Unterhaltung sich bis auf ein Wort reduziert hat, fragt sie schon mal nach, ob sie zuviel rede. Natürlich folgt darauf eine Anstandspause. Trotz alledem war es ein schöner, unterhaltsamer Tag. So unterhaltsam, dass wir unsere Wanderung gemeinsam fortsetzen werden. Sie wird für Unterhaltung sorgen und ich für Schutz gegen das Sauwetter. Der Regenschirm ist so groß, da passen locker zwei drunter.

Warum, wie es ganz am Anfang steht, Maria mir den Camino gerettet hat? In den vergangenen Tagen hat es immer wieder Momente gegeben, da hätte ich am liebsten dem Camino den Rücken gekehrt. Einfach nach Süden abbiegen und zum Mittelmeer gehen. Einmal quer über die vielen Hochebenen Spaniens, aufs Geradewohl nach Süden. Zeit hätte ich genug. Kein Menschenauflauf, kein unaufhörliches Geplapper in den Unterkünften, keine Kegel-, Männergesang-, Nordic Walking- oder Sonst-was-Vereine. Nur ich und eine namenlose, menschenleere Straße, sonst nichts. Es war toll auf dem Camino, das wegen eben dieser Menschen. Die ganze Welt war unterwegs, aber manchmal war es zuviel. Der Impuls, all dem den Rücken zu kehren war in einigen wenigen Momenten so stark, dass nur der Gedanke an meine Antwort, die ich Maria auf ihre allabendliche SMS „Wo steckst du?“ hätte geben müssen, mich auf dem Camino gehalten hat. Gelegentlich braucht es nicht viel, damit ich dabei bleibe. Ein hauchdünner digitaler Faden reicht da schon.

Samstag, 24. Mai 2008 „Wenn jetzt ein Bus käme!“
Etappe: Negreira - Olveiroa
Camino francés: 720 km, Camino Fisterra: 57 km
Tageskilometer: 34 Gesamtkilometer: 777
Unterkunft: Gemeindeherberge (Xunta-Herberge)

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/24-5-trostlos1-qq.jpg
Graue Tage am Ende des Weges


Es ist noch dunkel als ich wach werde. Leises Rascheln hat mich geweckt. Der schwache Schein einer abgedunkelten Taschenlampe huscht über die Dachschräge, bleibt an einem Rucksack hängen, beleuchtet kurz ein Paar Badeschlappen und erlischt dann. Schemenhaft kann ich erkennen, wie sich ein Mann aus dem Zimmer schleicht. Aha, mal wieder einer, der sich Sorgen um die Unterkunft für heute Abend macht. Hier, in diesem Raum ist er mit dieser Sorge aber allein, die anderen schlafen noch alle. Ganz leise ist es um mein Bett herum, nur schwache Atemgeräusche aus der gegenüberliegenden Ecke sind zu hören.

„Werner, du kannst das Licht anmachen! Sind alle weg.“ schallt es laut aus eben dieser Ecke. Franz-Peter, auf den ich seit Tagen immer wieder treffe, liegt dort. Tatsächlich, bis auf uns beide sind alle weg. Ich kann es nicht glauben. Hört das denn nie auf?
Allerdings bin ich nicht darüber erstaunt, dass ich davon im Schlaf nichts mitbekommen habe. Mittlerweile stört mich das allnächtliche Schnarchen, das Laufen aufs Klo und das Packen der Rucksäcke im schwachen Schein einer Taschenlampe nicht mehr. Erst morgens, wenn ich eh aufwache, registriere ich diese typischen Herbergsgeräusche. In Santiago letzte Nacht hatte ich ein Zimmer für mich alleine. Darin war es zu ruhig. Lange habe ich wach gelegen, bis ich in den Schlaf gefallen bin.

Der Morgen ist dunkel und grau. Tiefhängende Wolken verhüllen die Anhöhen, Nebel wabert über die Felder. Als ständiger Begleiter feiner, kaum wahrnehmbarer Dauernieselregen, der sich im Stundentakt zum Wolkenbruch aufschwingt. Ein Morgen zum Grauen. Die Nässe, die Kälte kriecht in unsere Knochen, findet einen Weg in den Kopf, schlägt aufs Gemüt. So unwirtlich, so nass, so kalt haben wir beide uns den Abschluss des Caminos nicht ausgemalt. Ja, bestätigt uns ein Einheimischer, der lange in Deutschland gelebt hat, so nass, so kalt und auch so windig war schon lange kein Frühjahr mehr. Zur Bestätigung fallen wieder die Tropfen, die in wenigen Augenblicken einem Wolkenbruch weichen werden. Das läuft hier immer so ab. Erst ein paar dicke Tropfen, dann stürzt ein Ozean vom grauen Himmel hinab, der innert weniger Minuten Straßen und Wege in Bäche verwandelt. Es folgt wieder Nieselregen, Wind, Nebel, einen flüchtiger Fetzen blauen Himmels.

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/24-5-getreide2-qq.jpg
Hórreos (Getreidespeicher) in Olveiroa


Und immer wieder dieser grottenhässliche Eukalyptuswald. Profitorientiert hat man sich für eine schnellwachsende Sorte entschieden. Alles muss schnell gehen: Kahlschlag, mit dem Bulldozer drüber, Setzlinge pflanzen, höchstens zwei Dekaden warten, dann Ernte. Über grünem Farn schießen dünne Stämmchen in den Himmel. Die alte, abgeworfene Rinde hängt wie Hautfetzen am Baum, sammelt sich in den Astgabeln, bildet um die Wurzeln wirre Knäuel. Trauerflor, Baumfriedhof, Wälder nach der Apokalypse – Eukalyptuswälder.

Wir haben die Schnauze voll. Maria und mir hängt der Camino Finisterre zum Hals raus. Maria wollte den eh mit dem Bus machen, sollte also nicht hier sein. Mann, wir sind den Camino gegangen! Das reicht doch. Immer dieses noch weiter, noch ein Stück, noch eine Etappe. Wenn ich gestern in den Bus nach Portugal gestiegen wäre, Maria in den nach Finisterre ... ja, wenn jetzt ein Bus käme, vermutlich würden wir einsteigen. „Zwei Fahrkarten ans Kap bitte, und die für die Rückfahrt direkt auch“, dieser Satz wäre uns leicht gefallen. Ich könnte diesen Weg in drei Wochen nachholen. Und Maria steht’s bis oben, so richtig. Wir wären zu allem bereit. Aber ausgerechnet an so einem Tag gibt es keine Alternative. Wir können an Ort und Stelle weiter schmollen und versauern, nützen wird es uns nicht. Unser Klagen und Maulen wird niemand hören. Wir müssen sogar ranklotzen, wenn wir ein Bett in der Herberge haben wollen.

Wir schaffen es mal wieder, sind sogar unter den Ersten, die ihren Rucksack auf der Mauer an der Herberge abstellen. Noch zu, sogar noch ganze 2 Stunden. Marias Laune hat sich noch keinen Deut gebessert, sie will es auch nicht. Es gibt so Tage, da gefällt man sich in seiner schlechten Laune.

Das Refugio wird voll, so voll, dass Spätankömmlinge sich einen Schlafplatz in der Küche oder in einem der historischen Getreidespeicher suchen. Die Hospitalera schlägt die Hände überm Kopf zusammen und schaut weg. Laut Sicherheitsbestimmungen darf die Anzahl der Gäste die der Betten nicht übersteigen. Für die einzige private Unterkunft am Ort wird dieser Tag mal wieder mit einem satten Plus in der Kasse enden. Der geschäftstüchtige Inhaber erhöht kurzerhand den Preis fürs Doppelzimmer von 40 auf 60 Euro.

Versöhnlich klingt der Tag aus. Alle sind froh, eine Unterkunft gefunden zu haben, sogar die, die vom Hotelbetreiber übern Tisch gezogen wurden. Sogar Maria hat sich wieder beruhigt. Auch das Wetter hat sich beruhigt, jetzt da niemand mehr unterwegs ist, zeigt sich die Sonne wieder. Blauer Himmel, weiße Wolken, grünes Gras und granitgraue Steinhäuser. Galicien aus dem Reisekatalog.

Sonntag, 25. Mai 2008 Verpönte Rituale und eine Frau geht ins Wasser
Etappe: Olveiroa – Kap Finisterre
Camino francés: 720 km, Camino Fisterra: 90 km
Tageskilometer: 33 Gesamtkilometer: 810
Unterkunft: Hostal in Fisterra

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Küste bei Estorde


Die Augen schmerzen. Egal. Gleißend weißer Nebel umgibt uns. Lichtdurchfluteter Nebel, in dem sich schemenhaft nur die Umrisse der nahen Bäume zeigen, hat den Anfang gemacht. Später folgen die von Windrädern gekrönten Kämme der Höhenzüge und endlich der strahlend blaue Himmel. Das ist Spanien, genau deshalb sind wir hier. Kälte, Regen, Dunkelheit haben wir nicht gesucht, in den vergangenen Wochen aber jeden Tag vorgefunden. Ist das die Wende im Wettergeschehen, so nah an der großen Wetterküche auf dem offenen Atlantik?

Es tut gut, mal wieder ohne Regenjacke zu gehen, unterm Rucksack zu schwitzen, bei Anstiegen den Schweiß aus den Augen zu wischen. Es tut auch gut, wieder weiter als bis zur nächsten Regenfront schauen zu können. Wir wollen das Meer sehen. Auf jeder neuen Anhöhe halten wir Ausschau. Es dauert, das Meer will nicht. So lange sind wir schon unterwegs und dann will dieser Atlantik einfach nicht. Vorbei an einem stinkenden Kalk- und Zementwerk, einem Kirchlein in gottverlassener Heidelandschaft und schon wieder führt uns ein Weg zu einer Anhöhe hinauf. Und wieder, wie so oft heute Morgen, suchen die Augen den Horizont ab, tasten sich der vermuteten Küstenlinie entlang.
Ja! Das ist die Küste. Kaum wahrnehmbar hebt sich der graue Atlantik vom dunstigen Horizont ab. Wieder ein Schlenker, erneut eine Kuppe und schon ist das Meer unseren Blicken entschwunden.
Beim Abstieg nach Cee kann er nicht mehr davonlaufen. Nun gehört der Atlantik uns. Stahlblau schiebt sich sein Wasser ins Land hinein, prallt gegen die Felsen zerklüfteter Buchten, läuft müde auf dem Sand der menschenleeren Strände aus. Wir werden ihn nicht mehr loslassen, vielleicht kurz aus den Augen verlieren, ab nun wird er uns begleiten.

Raus aus Cee, über die Promenade hinüber nach Corcubión. Eine neue Anhöhe, eine Bucht, eine Wiese, ein paar Häuser, ein Sandstrand, darüber ein Hostal mit einer Terrasse unter Palmen, das ist die Playa de Estorde. Wasser, Sonne, Sand und blauer Himmel – Urlaub.
Zwei Gäste, Maria und ich. Zwei Riesenpötte Kaffee. Schön ist es hier. Übern Strand tollt ein Hund, das ablaufende Wasser zeichnet Rinnsale in den Sand, ein Mann zieht übern Strand. Eimer, Stiefel und Handschuhe weisen ihn als Krebssammler aus. Noch zwei Riesenpötte Kaffee. Noch ein wenig Urlaub. Unsere Pause fällt länger aus als üblich. Maria will an den Strand, will sogar ins Wasser. Ich nicht. Ich treibe zum Aufbruch, das soll endlich ein Ende haben. Die eintreffenden Gäste einer Familienfeier geben den entscheidenden Anstoß. Noch immer sind es 7 Kilometer bis Fisterra, noch mal 3 bis zum Kap.

Dann stehen wir endlich am Strand der geschwungenen Bucht, die bis nach Fisterra hinüber reicht. Ein Pfad hat uns hierher geführt. Endlos sind die letzten Meter bis zum Dorf, durchs Dorf und dann stehen wir vor der Herberge. Noch zu, dass wussten wir vorher. Angeblich kann man seinen Rucksack hier abstellen um sich die letzen Meter bis an das Ende der Welt nicht mehr so schwer zu machen. Die Tür ist zu, bleibt zu. Weiterziehen. Wir nehmen die Rucksäcke mit. Alles andere wäre ein Stilbruch.

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Kilometer 0,00 - Das Ende der Welt


Ein Sträßchen führt uns sachte aber stetig hinauf zum Granitsporn mit dem Leuchtturm. Das Sträßchen ist gerade so steil, dass man mehr mit dem Gehen beschäftigt ist als mit dem Ankommen. Für Maria sind es die letzen Schritte von mehr als 1.000.000 seit Saint-Jean-Pied-de-Port jenseits der Pyrenäen.
Und dann ist alles wie angekündigt: ein Reisebus, eine Nippesbude, das Restaurant, der Leuchtturm, der Nullstein, ein paar Touristen, die Feuerstellen wo die Pilger eines ihrer Kleidungsstücke verbrennen. Ein Schuh aus Bronze steht ganz vorne auf den Steinen. Das Ende der Welt, ein Schuh aus Bronze, sonst nichts?

Maria freut sich, will sogar ein Kleidungsstück verbrennen. Ist nichts draus geworden. Wir haben kein Feuer, auch weht der Wind viel zu stark. Ja, Maria freut sich, mehr ist es nicht, mehr zeigt sie jedenfalls nicht. Vermutlich ist die Erinnerung an ihre Ankunft in Santiago noch zu frisch.

Und ich? Ich werd’ es nie lernen. Ja, ich bin da. Und, was soll’s! Außerdem bin ich noch lange nicht am Ende meiner Wanderung angekommen. Keine Rituale? Keine Klamotten verbrennen? Die werden noch gebraucht. Nicht zusehen, wie die Sonne im Atlantik untergeht? Wie auf Bestellung hat sich die Sonne bei unserer Ankunft hinter einer dichten Wolkendecke unsichtbar gemacht. Zudem ist es noch viel zu früh für den Sonnenuntergang. Das obligatorische Bad im Atlantik wird das auch gestrichen? Natürlich. Es ist erst Mai, quasi noch Winter. Die Südländer wissen schon, weshalb sie nicht vor Juli ins Meer gehen.

Viel mehr als all die Rituale, die man hier befolgen soll, ja, mehr als die Ankunft, bringt der Nullstein in mir eine Saite zum Klingen. 0,00 K.M. steht auf einem kleinen Messingschild. Umdrehen und wieder zurück? Alles wieder zurück? Nicht wochenlanges Pilgern, diesmal monatelanges Wandern nach Osten bis an die Küsten eines fremden Meeres. Hier endet nicht der Camino Francés, das ist nur das Ende des Camino Fisterra. Hier endet aber auch der Europäische Fernwanderweg E3, oder er fängt hier an. Wie man will. Kein Schild, kein Hinweis, nichts weist hier am Ende der Welt darauf hin. Für mich würde hier ein neuer Weg anfangen. Einfach umdrehen und losgehen mit dem Atlantik im Rücken. Mehr als 8.000 km durch 10 Länder, zum Schluss ein unbekanntes Meer, das Schwarze Meer. Gibt es dort hinten auch ein Ende der Welt? Und wenn ja, wie sieht es aus? Mal sehen, wie lange der Nachhall der Saite anhält.

Maria will ins Wasser. Unbedingt. Dafür hat die Frau über 900 Kilometer einen Badeanzug im Rucksack mitgeschleppt. Am Dorfstrand springt sie in die winterkalten Fluten des Atlantiks, dreht ein paar Runden, taucht zwischendurch ab und bekommt so nicht mit, dass die Besucher des nahen Restaurants applaudierend hinter den Scheiben stehen.

paddel
27.11.2008, 07:08
Wie immer, sehr schön und anschaulich.

Kompliment an Maria, für den mutigen Sprung ins kalte Naß!


Einfach umdrehen und losgehen mit dem Atlantik im Rücken. Mehr als 8.000 km durch 10 Länder, zum Schluss ein unbekanntes Meer, das Schwarze Meer. Gibt es dort hinten auch ein Ende der Welt? Und wenn ja, wie sieht es aus? Mal sehen, wie lange der Nachhall der Saite anhält

Alleine beim Lesen spürte ich schon ein kribbeln im Magen :D

Freue mich jetzt schon auf die Fortsetzung!

Asparagus
28.11.2008, 20:30
Ein phantastischer Bericht! Ich habe erst letzte Woche Hape Kerkelings Buch gelesen und war recht begeistert davon; aber dein Bericht ist einfach toll und noch schöner! Ich habe vor Rührung regelrecht Gänsehaut und feuchte Augen bekommen...

Danke! Und: bitte, schreib weiter!

Werner Hohn
18.12.2008, 20:14
Spanisch-portugiesisches Zwischenspiel


Montag, 26. Mai 2008: Wir sind genug gewandert, gepilgert, gelaufen und gerannt. Für die Rückfahrt nach Santiago nehmen Maria und ich den Bus, und zwar den ersten. So wie wir denken jede Menge andere auch, denn schon in Fisterra füllt sich der Bus mehr als zur Hälfte. Es gibt ganz wenig Hartgesottene, vermutlich haben die auch zuviel Zeit, die denselben Weg wieder zurück gehen. Muss nicht sein.
In Santiago laufen Maria und ich prompt in die Fänge einer alten Frau, die uns ein Zimmer vermieten will. So ein altes spanisches Mütterchen hat bestimmt besseres im Sinn als zwei im Augenblick zur Bequemlichkeit neigenden Wanderern ein überteuertes Zimmer aufzuschwatzen. Doch, genau danach steht ihr der Sinn! Blöd, als wären wir noch nie in Santiago gewesen, laufen wir in ihre Falle. Kalt, leicht feucht, ein „Fenster“ aus 6 Glasbausteinen, eine Gemeinschaftsdusche auf dem Flur, das alles für 30 Euro die Nacht pro Person. Auf den südländischen Brauch des Handelns und Feilschens lässt sie sich nicht ein. Warum auch? Was soll’s. Ich steige am nächsten Morgen in den Bus nach Porto und Maria einen Tag später in den Bus nach Deutschland.

Dienstag, 27. Mai 2008: Abschiednehmen mag ich überhaupt nicht. Maria ist mit zum Busbahnhof gegangen und da drücken wir uns rum, bis mein Bus endlich abfährt. Einmal drücken, ein paar flapsige Sprüche hinterher und weg. Abschiede ...
Nach 3 Stunden bin ich in Porto, der Stadt am Douro, der hier in den Atlantik mündet.

[img-L]http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/porto-q.jpg[/img-L] Keine 2 Tage bleiben mir für Porto. Diese knappe Zeit werde ich auf keinen Fall mit stundenlangem Suchen nach einem billigen Zimmer vergeuden. In den letzten 5 Wochen habe ich so preiswert gelebt, da darf es zur Not auch etwas mehr sein. 34 Euro will das erste Hotel, ist aber angeblich komplett belegt. Ich soll ein Haus weiter gehen, dort habe die Hotelkette noch ein Haus, allerdings mit 3 Sternen und ein gutes Stück teuer sei es dort auch. Nein, auch hier ist alles voll. Auch hier bekomme ich den Tipp, ein Haus weiter zu gehen. Die Hotelkette ... allerdings haben die dort noch einen Stern mehr, und billig sei es dort auch nicht. Ah, schon mal gehört.

Nach wochenlangem Wandern nimmt man schon mal das Äußere eines Vagabunden an. Bei mir ist das immer so. Die Wäsche hat über lange Wochen nur Handwäsche erleben dürfen, der Bart wird unterwegs nicht geschnitten, die Schuhe sind staubig und die Flecken am Rucksack passen auch nicht so richtig zur Rezeption eines 4-Sterne Hotels.

Die beiden Damen hinterm granitverkleideten und messingglänzenden Tresen erklären mir ohne eine Miene zu verziehen, ihr Haus sei komplett belegt. Das sei bedauerlich, aber leider nicht zu ändern, meint die Jüngere, fügt aber hinzu, dass man in den Etagen 12 bis 14 ein paar größere und noch besser ausgestattete Zimmer hat, da wäre noch etwas frei. Preislich würden die wohl nicht zu meinen Vorstellungen passen. Wenn die wüsste, was ich mir so alles vorstellen kann. Wenig später stehe ich in der 12. Etage am Fenster meines Zimmers und überschlage, dass ich für die kommenden 2 Nächte mehr zahlen muss, als für alle Übernachtungen der letzten Wochen zusammen. Bei durchschnittlich 5 Euro für die Herbergen ist das aber kein Kunststück. Morgen sehe ich nach 5 Wochen meine Frau wieder, kann man das mit Geld verrechnen?

Die Altstadt Portos ist wunderschön. Leider ist es die morbide Schönheit des Verfalls. Viele Häuser, ganze Zeilen und Straßenzüge sehen aus, als würden sie beim Vorbeirumpeln der Touristenbusse in sich zusammenfallen. Notdürftig verdecken tennisplatzgroße Planen die schlimmsten Ruinen oder kündigen von baldiger Renovierung. Für Prestigeobjekte, für oft wunderschöne moderne Bauten, wurde in den vergangenen Jahren viel Geld ausgegeben, Geld, welches gut sichtbar in den Stadtkernen fehlt. Erst jetzt entdecken die Portugiesen den Wert ihrer historischen Innenstädte und den Geschichten darin.

Mittwoch, 28. Mai 2008: Meine Frau ist da! Morgen geht es los. Direkt am Anfang mit 36 Kilometer, direkt mit den beschissensten Kilometern der 235, die uns von Santiago de Compostela trennen. Meine Frau wird es angehen wie immer: kein Training, ein Uraltrucksack, in dem eine bleischwere Schwarte für abendliche Lesestunden steckt und dem Willen, das alles zu einem Ende zu bringen. Die macht das immer so. Planen, trainieren, vorbereiten? Alles Blödsinn, Männerkram.

Werner Hohn
20.12.2008, 14:24
Caminho Português – Endlich Urlaub

Donnerstag, 29. Mai 2008 Na ja, immerhin ein Anfang
Etappe: Porto - Rates
Camino Francés: 720 km, Camino Fisterra: 90 km, Caminho Português: 36 km
Tageskilometer: 36 Gesamtkilometer: 846
Unterkunft: Gemeindeherberge in Rates

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Unter Weinreben // Etwas knapp


Meter summieren sich zu Kilometern, Minuten zu Stunden. Nur langsam lichten sich die geschlossenen Häuserzeilen der Vorstädte, machen Platz für ein klein wenig offenes Land. Platz und Raum für flüchtige Blicke auf brachliegende Äcker, in deren Furchen sich der Müll sammelt; auf Bauruinen, die von rostigen Gerüsten umklammert werden; Platz für wirr und planlos in die Stadt laufende Hochspannungsleitungen. Porto will nicht enden.

Wir sind alleine unterwegs. Sollte es noch andere Wanderer hierher verschlagen haben, bedienen die sich bestimmt einer der vielen Buslinien, die nach Norden aus der Stadt rausführen. Wir nicht, auf keinen Fall. Wir nehmen handtuchbreite Seitenstreifen, schmale Bürgersteige, schäbige Industriewege und Asphalt, Asphalt, Asphalt.
Noch ein paar hässliche Industriegebiete mit noch hässlicheren Blech- und Betonhallen, mit ausufernden Schrottplätzen und kleinen Bars, vor deren Türen staubige rote Plastikstühle um Gäste werben. Weiter, weiter. Die Kilometer entlang der Einfallstraßen wollen nicht enden. Straßen, über die unaufhörlich Autos in die Stadt rollen, die sich hinter den langsamen Traktoren, den stinkenden Mofas kurz aufstauen, um bei freier Fahrt hektisch den Weg fortzusetzen. Hier draußen, im industriellen Speckgürtel, ist Porto austauschbar. Irgendwo in Europa muss ein Masterplan mit Gestaltungsvorschlägen für hässliche Stadtränder die Runde machen. Porto hat zugegriffen, zweifellos.

Porto ist zäh, unglaublich zäh. So schnell gibt die Stadt den Weg nicht frei. Noch eine Industrieansiedlung, noch eine Kreuzung mit einer Ampel, noch ein Autohaus, dann endlich: die geteerte Straße geht in ein kleines Kopfsteinpflastersträßchen über, wir sind raus, haben es geschafft, Porto liegt hinter uns. Dass wir uns dabei einmal verlaufen haben, war dank der spanischen Wegbeschreibung kein Problem. Immerhin war es abseits etwas ruhiger.

In Araújo ist das passiert. Auf einer Steinbank vor dem Kirchlein saßen zwei spanische Pilger, die in die Blasenpflege vertieft waren. Auf diesem Weg kann man nicht grußlos vorbeilaufen. Woher? Oh, in Lissabon gestartet. Wohin? Das hängt von den Blasen ab, wohl nicht mehr weit. Wie lange schon? Nicht ganz 4 Wochen, man lässt sich Zeit.
Kurz vor uns sollen zwei Deutsche sein, wenn wir uns beeilen, würden wir die einholen. Wollen wir das? Ja, und dann haben wir uns eben verlaufen und dabei unbemerkt unsere Landsleute überholt.

Die haben uns dann während der Kaffeepause wieder eingeholt. Meine Güte, die Welt ist klein. Die beiden Rentner kommen aus unserer Heimat. Später überholen wir noch zwei Deutsche, die kommen aus dem Pott. Dann zwei Frauen, die eine aus Frankreich, die andere aus Deutschland. Noch später eine Dreiergruppe, auch aus Deutschland. Wir alle sind heute in Porto gestartet, aber nur meine Frau und ich haben den Weg aus der Stadt zu Fuß gemacht. Der Weg der Deutschen? Wollen wir das überhaupt? Gemeinsam Unterwegs sein in einem fremden Land, aber mit unseren Landsleuten? Wir gehen zwar nicht zusammen, werden jedoch vermutlich jeden Abend in den Unterkünften immer wieder auf dieselben Leute treffen. Auf diesem Weg ist das anderes als auf dem Camino Francés, hier sind so wenige unterwegs, da kann man sich nicht aus dem Weg gehen. Trotz aller Sympathien, trifft das wirklich unsere Vorstellungen?

Ruhiger, „landschaftlicher“, schöner wird der Weg, je weiter wir Porto hinter uns lassen. Kopfsteinpflastersträßchen lösen sich mit Feldwegen ab. Immer öfter wandern wir durch Weinberge, gelegentlich auch unter Weinreben. Landschaftsbilder für den Prospekt einer Weinkellerei. Grüne, hochaufschießende Weinreben hangeln sich am Draht entlang und bilden ein Dach, das von grob behauenen Granitpfählen getragen wird. Verstreut namenlose Dörfer, die sich meist nicht weit von der Durchgangsstraße wegtrauen.

Wenn nur nicht dieser unselige Hang der Südländer zum Einzäunen und Ummauern des Eigenen wäre. Was mein ist, da kommt eine Mauer drum. Wenn’s zu groß ist, oder das Geld zu knapp, dann wenigsten ein Zaun. Wir finden das zum Kotzten. Immer und immer wieder müssen wir auf schmale Straßen, die beidseits von Steinmauern begrenzt werden. Wir sind schon glücklich, wenn noch Platz für einen Graben gelassen wurde. Besonders in den vielen nicht einsehbaren Kurven stehen wir mehr als einmal im Graben oder pressen uns dicht an die Mauer.

Versöhnlich zeigt sich der Abschluss. Eine kleinteilige Ackerlandschaft aus sanften mit Wein und Wald bewachsen Hügeln, Wiesen und Feldern nimmt den Camino auf. Endlich kein Verkehr, keine Mauer, kein Asphalt. Und endlich mal wieder eine Herberge. Nach 4 Nächten im Hotel und Privatzimmern habe die Herbergen vermisst.

Wie erwartet treffen nach und nach alle ein, die wir auf dem Weg getroffen haben. Nur das deutsch-französische Pärchen und die zwei Spanier mit den Blasen sind nicht gekommen. Dafür ein spanisches Ehepaar aus den Pyrenäen. Die beiden haben in Coimbra, der alten Universitätsstadt, angefangen und freuen sich, dass sie jemand zum Reden gefunden haben. Er jedenfalls.

Bis spät in die Nacht sitze ich mit den zwei Rheinländern aus meiner Heimat in der Küche und palavere. Das Rheinland in Bestform. Geschichten, Erzählungen, Erlebnisse mit einem Augenzwinkern. Geschichten, die so richtig wahr nur zwischen den Zeilen sind. Das wohlige Gefühl von Heimat macht sich breit. Bin ich, sind wir dafür bis an den Rand Europas gereist? Morgen müssen wir darüber reden, meine Frau und ich.

Die liegt schon lange im Bett. Es ist ihre erste Pilgerunterkunft. Das Bett ist ein altes Stockbett aus einer portugiesischen Armeekaserne. Etwas schmal und für die, die oben schlafen, etwas wackelig. Meine Frau hat den Tag klaglos überstanden. Nicht nur den Regen, der uns unter ein schützendes Vordach in Arcos gejagt hat, das innerhalb einer Viertelstunde in den Wassermassen versank. Auch die 36 Kilometer, die tatsächlich nicht zu den schönsten gehören – jedenfalls nicht die ersten –, hat sie klaglos überstanden. Frauen können das besser als Männer. Vermutlich.

Freitag, 30. Mai 2008 Im 190er Land
Etappe: Rates – Barcelos
Camino Francés: 720 km, Camino Fisterra: 90 km, Caminho Português: 52 km
Tageskilometer: 16 Gesamtkilometer: 862
Unterkunft: Hotel

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/30-5-beipereira-q.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/30-barcelos-h.jpg
Bei Pereira, Barcelos


Die junge Frau hinter der Glastheke der Bäckerei ist total überfordert, denn neben den Einheimischen haben sich die Gäste der Herberge für den morgendlichen Kaffee hier eingefunden. Nach und nach haben sich alle durch die klemmende Tür gequetscht und warten nur auf ihren Kaffee, ihr Brot oder darauf, überhaupt ihre Bestellung aufgeben zu können. Massenandrang, Stau, verursacht durch uns. Neun Menschen die ihren Kaffee mit Milch haben wollen, Menschen, die sich nicht auf den landesüblichen Kaffee, also schwarz, einstellen wollen. Neunmal wandern die Tassen unter die Milchdüse. Neunmal schäumt die heiße Milch mit gurgelndem, zischendem Geräusch in die Tassen. Neunmal wird die Milchdüse abgeputzt. Neunmal wandert die Frau von der Kaffeetheke zur Brottheke und gibt das Wechselgeld raus. Es staut sich, die ersten Stammgäste fangen an mit dem Kopf zu schütteln. Nicht über die junge Frau, über uns, über die Deutschen, die ihren Kaffee immer mit Milch haben wollen.

Sie müsste nur ein ganz klein wenig ihren Arbeitsablauf umstellen, etwa zwei Tassen gleichzeitig unter den Kaffeeauslauf stellen, und schon würde es laufen. Das hat sie noch nie gemacht, jeder kann das sehen, das wird sie auch nie machen. Wenn die Deutschen mehr Effizienz wollen, sollen sie den Kaffee schwarz trinken. Für die paar Touristen wird sie ihr Leben nicht umstellen. Sobald der letzte Drängler die Tür von außen hinter sich zugezogen hat, geht hier alles wieder seinen gewohnten Gang. Der Fernseher wird endlos laufen, die ein, zwei Gäste an der Theke werden diesem ihren Rücken zukehren und im längst erkalteten Kaffeesatz rühren.

Hier gehen die Uhren anderes, langsamer, trotz der immer noch nahen Industriestadt Porto, trotz EU und trotz moderner Architektur, die hie und da vom Anbruch der hektischen Zeit kündigt. An diesem Morgen kommt uns das sehr entgegen. Wir wollen nur bis ins nahe Städtchen Barcelos. Im Vergleich zum vergangen Tag ist das mal eben um die Ecke. Wir müssen nicht eilen, können uns Zeit lassen. Anhalten für Bilder und Eindrücke, die wir nur aus alten Filmen und verblassenden Fotos kennen.

Auf einer Wiese wird mit einem hölzernen Rechen das Gras zu niedrigen Heuhaufen geschichtet. Auf dem nächsten Acker ein Bild aus der Frühzeit des landwirtschaftlichen Maschineneinsatzes. Beaufsichtigt von einem alten Bauer, schieben Männer vorsintflutliche Sägeräte übers Feld. Immer nur eine Furche, immer wenn der metallene Sporn des Särads den Boden berührt, fällt ein Korn. Fünfzig Meter das Feld runter, fünfzig Meter wieder zurück, dann muss nachgefüllt werden. Bilder aus längst vergangenen Zeiten werden hier lebendig.

Die Männer sind mit dem Fahrrad fekommen, einer mit dem alten Moped, das am Feldrand steht. Nur der alte Bauer ist mit dem Auto aufs Feld gefahren. 190 E leuchtet es chromblitzend von der Heckklappe. Mindestens 20 Jahre hat der Wagen auf dem Blech und er ist erstaunlich gut erhalten. Man sieht diese Autos im nördlichen Portugal oft. Autos, die viele für den letzten echten Mercedes halten. Autos, die bis ans Ende der Zeit fahren werden. Bei uns will so was keiner mehr. Nicht zeitgemäß, Technik aus dem letzten Jahrtausend, nicht schnell genug, eben alt. In diese Landschaft passt der 190er. Wer weiß schon, wie die Autos alle hierhin gekommen sind. Gastarbeiter haben sich so was oft zugelegt, bevor sie Deutschland für immer den Rücken gekehrt haben. Was damals modern und auffällig war, wirkt heute wie mit der Landschaft verwachsen. Neuerungen, Veränderungen, Hektik, so scheint es, prallen von diesem Landstrich ab. Wenn, dann geht es langsam voran, auch dafür steht der alte Mercedes.

Mittags sind wir schon in Barcelos. Massig Zeit für ein kleines Städtchen, das sich herausgeputzt hat und auf kleine Großstadt macht. Abseits der Hauptstraße und der kurzen Fußgängerzone ist die Kleinstadt wie das umgebende Land. Ruhig und am Bestehenden festhaltend, sogar in den Neubauvierteln. Die massive festungsartige Mauer, die den mittelalterlichen Palast dos Condes vor dem Abstürzen in den Fluss Cávado bewahrt, hatte das schon beim Betreten der Stadt angekündigt: Wenn Veränderungen, dann behutsam. Das scheint auch das heimliche Motto der Partido Comunista Português zu sein. Im gepflegten Parteibüro mit angrenzender Bar für die Mitglieder sehen wir nur alte Menschen. Alte, die sich vermutlich noch lebhaft an die Diktatur Salazars und die Nelkenrevolution 1974 erinnern können. Jüngere sehen wir in den Geschäften der Fußgängerzone und auf dem großen Parkplatz, der für all die neuen Autos zu klein ist.

Samstag, 31. Mai 2008 Ein Tag auf dem Land
Etappe: Barcelos – Ponte de Lima
Camino Francés: 720 km, Camino Fisterra: 90 km, Caminho Português: 85 km
Tageskilometer: 33 Gesamtkilometer: 895
Unterkunft: Jugendherberge

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Weinland


Barcelos schläft noch, als die Hoteltür hinter uns ins Schloss fällt. Nur die Männer der Stadtreinigung sind schon bei der Arbeit. Wir sind früh gestartet, so früh, dass die Hotelküche noch nicht mal einen Kaffee für uns hat. Das lässt sich verschmerzen, denn Bars werden wir sicherlich genug vorfinden. Viel schmerzhafter als der fehlende morgendlich Kaffee wird die Sonne werden. Am Freitag hat das Wetter sich endlich daran erinnert, dass hier Südeuropa ist. Dass ich ein Fläschchen Sonnencreme schon viele hundert Kilometer in den Tiefen des Rucksacks mitschleppe, hatte ich beinahe vergessen. Urlaubswetter wie aus dem Bilderbuch.

Wetter für einen Ausflug aufs Land. Hügelig, fast schon bergig ist es um uns herum geworden. Grün ist die alles dominierende Farbe. Ackerbraune Felder und granitgraue Bauernhöfe drängen sich hie und da zwischen das leuchtende Grün der Weinberge und Wiesen. Zwischen moosbewachsener Steinmauer und dem unter hohen Gras kaum wahrnehmbaren Bachlauf, verengt sich der Weg zu einem schmalen Pfad, kommt bei den niedrigen alten Häusern eines namenlosen Weilers auf eine kurvige Dorfstraße, macht einen Bogen um den Dorfbrunnen, der schon lange kein Wasser mehr führt, und verschwindet am Ortsende im Wald, senkt sich in eine flache Senke, um nach einer kurzen Steigung in einem weiten Tal auszulaufen. Staubige Feldwege führen zu einem Brückchen aus dem Mittelalter. An der Brücke hat das Wasser einen kleinen Strand geschaffen. Schutzlos der Sonne ausgeliefert, flimmert die Hitze über dem Sand. Ein alter Mann mit Eimer und Angel sucht sich einen Platz im hohen Schilf des hier träge dahinfliesenden Rio Neiva. Das Tal ist etwas breiter geworden, nicht viel, aber die sonst so nahen Hügel sind nicht mehr so nah, wirken nicht mehr so hoch. Hinter der nächsten Biegung verschwindet der Weg erneut zwischen Weinbergen, wieder zwischen Granitpfählen, die ein grünes Dach aus Weinlaub tragen. In der Ferne schiebt sich ein weißer Kirchturm ins Bild, verschwindet nach ein paar Schritten wieder und ist plötzlich wieder da. Um dem Kirchplatz gruppieren sich schattenspendende Bäume, fordern steinerne Bänke zur Pause auf. Eiskalt ist der Stein.

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Auf dem Weg zur Arbeit


Noch mal ein Feldweg, in dessen breite Furchen die alten Feldbegrenzungsmauern zu stürzen scheinen. An einem verwitterten Kreuz blühen Plastikblumen um die Wette. In einer Hofeinfahrt trocknet Heu auf hohen Holzgestellen. Drei alte Frauen biegen mit einem Ochsenkarren um die Ecke. Laut schwatzend und fröhlich winkend setzen sie ihren Weg aufs Feld fort. Ein vergessener Heimatfilm, Anno 1960.

Ponte de Lima zehrt von den alten Geschichten, von Mauern und Steinen. Völlig unspektakulär, unaufgeregt ist das Städtchen. Eigentlich ist das ein großes Dorf. Doch wer auf eine Vergangenheit, die schon vor dem Jahre Null fußt, schauen kann, darf sich Stadt nennen. Restauriert, aufgeräumt, gefegt und geputzt drängen sich die alten Häuser um den Hügel, auf dem der Palast Paço do Marquês hoch über dem Fluss thront. Spannend hat die Neuzeit ihren Einzug ins mittelalterliche Stadtbild gestaltet: Ein wuchtiger und doch lichtdurchfluteter Betonkubus hat sich eine Bresche geschlagen und schwebt nun federleicht über den Pflastersteinen der alten Straße.

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Ponte de Lima: Paço do Marquêst // Die neue Zeit


In Ponte de Lima gibt es, wie gestern in Barcelos, keine Herberge, dafür aber eine neue moderne Jugendherberge. Im Treppenhaus kommt mir ein bekanntes Gesicht entgegen. Eine flüchtige Bekanntschaft vom Camino Francés, ein schon lange wieder namenloser Kanadier. Er geht in die umkehrte Richtung, von Santiago nach Porto. Hier geht das. Während wir den gelben Pfeilen nach Norden folgen, folgt er den blauen Pfeilen nach Süden, die erst in Fatimá, dem portugiesischem Wallfahrtsort, enden werden.
Nach und nach treffen unsere Mitwanderer der letzten Tage ein. Bis auf eine flüchtige Begegnung in Barcelos hatten wir die nicht mehr getroffen. Mangels preiswerter Alternativen ist die Jugendherberge einer dieser Sammelpunkte, an denen sich alle wiedersehen.

Sonntag, 1. Juni 2008 Notlügen
Etappe: Ponte de Lima - Rubiães
Camino Francés: 720 km, Camino Fisterra: 90 km, Caminho Português: 103 km
Tageskilometer: 18 Gesamtkilometer: 913
Unterkunft: Herberge

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Der Vorsprung wird schmelzen // Franzosenkreuz unterhalb des „Alto da Portela Grande“


Ein bisschen verlaufen haben wir uns an diesem Morgen, nicht viel, aber immerhin so viel, dass wir, eigentlich nur meine Frau, von den Gedanken an das, was uns nachher noch bevorstehen wird, abgelenkt werden. Ein Straßenköter begleitet uns eine ganze Zeit. Er gehört zu der Sorte, die mit herzerweichendem Blick um Fressen betteln oder nur mal so mitlaufen. Ob Hunde Langeweile kennen? Für uns sind das wieder ein paar Minuten die ablenken.

Dann ist es soweit. An einer Bushaltestelle biegen wir ab, verlassen, die ebene Landstraße. Endlich! Darauf habe ich seit Tagen gewartet, denn seit unserm Start in Porto blamiere ich mich jeden Tag aufs Neue. Wochen bin ich schon unterwegs, hunderte Kilometer zu Fuß liegen hinter mir, mein Rucksack ist so leicht wie noch nie, und trotzdem deklassiert mich meine Frau immer wieder jeden Tag neu. Wie ein Anfänger dem jede Kondition fehlt, hechele ich hinter ihr her. Der kurze Stopp für ein Foto sollte wirklich kurz sein, sonst ist sie weg. Eben mal in die Büsche pinkeln und dabei einen Blick über die Landschaft werfen? Lieber nicht, ich könnt sie verlieren. So geht das nun seit Tagen, es ist wirklich blamabel. Sie braucht nur ihren Kaffee in einer Bar und dann läuft sie ununterbrochen. Etwa 5 Stunden geht das so, dann kommt die Frage, ob ich denn heute wieder keine Pause machen will, natürlich im vorwurfsvollen Ton.

In der Ebene, im Flachland, im leicht welligen Hügelland der letzten Tage ist meine Frau unschlagbar. Aber wehe es kommen Steigungen. Heute kommt eine. Und was für eine! Der steilste und längste Anstieg zwischen Porto und Santiago. Ich habe einen spanischen Wanderführer. Neben tollen Skizzen sind da Höhendiagramme drin, furchterregende Höhendiagramme. Wilde Zacken haben uns die vergangenen Tage begleitet – im Buch wohlgemerkt. Dreißig, fünfzig, hundert Meter mussten wir rauf, zwanzig, vierzig, hundert Meter wieder runter. Höher als 200 Meter waren wir bis jetzt noch nie, und doch zeigt das Buch Höhendiagramme, die an eine Alpenüberquerung denken lassen.

Heute müssen wir von Meereshöhe auf 400 Meter rauf, aufs „Dach des Caminos“, wie es im spanischen Buch beschrieben wird. Das Höhendiagramm ist grauenvoll: fast senkrecht steigt die rote Linie vom Weiler Arco zum „Alto da Portela Grande“ hinauf. Wer das Diagramm sieht ist geneigt Seil und Haken einzupacken. Meine Frau kennt das Diagramm, sie weiß auch, dass das Kommende nichts anderes ist, als zweimal aus unserer Haustür raus und auf den Hügel dahinter. Mehr nicht.

Ja, dann geht es links in den „Berg“. Bald wird aus dem Asphaltsträßchen ein gepflastert Weg. Noch mal unter Weinlaub durch, wir sind auf einem Waldweg. Unten rauscht ein Bach, links und rechts am Wegrand steht mannshohes Farn, von weitem höheren wir Kirchenlieder aus Lautsprechern. Schon den ganzen Morgen begleiteten uns die Kirchenlieder. Vermutlich bewegt sich eine Prozession durch die kleinen Dörfer am gegenüberliegendem Hang. Nochmals ein kurzes Stück ebener Weg. Die Lieder verstummen, auf einem Stein im hohen Farn leuchtet ein gelber Pfeil, es geht richtig los, will sagen, es wird steiler.

Ein schmaler Pfad führt steil nach oben. Rutschig ist der Pfad. Die ausgetretene Spur ist sandig. Das Regenwasser hat eine tiefe Rinne hinterlassen, in der große graue Steine unseren Füßen Halt geben. Schon lange bin ich vorne. Meine Frau bleibt zurück, und es beginnt das seit Jahren eingeübte Spiel. „Du musst nicht warten, geh’ schon mal vor“, damit fängt es immer an. Gemacht habe ich das noch nie, wer weiß wie das endet. Später dann: „Können wir nicht wie andere auch, einen Faulenzerurlaub am Strand machen?“ Das ist schon deutlich gepresster. Nach mehreren Stopps kommt die alles entscheidende Frage: „Wie weit ist es noch bis oben?“ Das ist der kritische Punkt. Wenn’s noch was dauert bis „oben“, will sie belogen werden. Meine Frau bestreitet das vehement, aber das ist nur gekränkter Ehrgeiz. Ich laufe dann schon mal ein paar Schritte vor und berichte, dass der Weg flacher wird oder das ich durch die Bäume die Anhöhe sehen kann. Das muss nicht die Wahrheit sein, doch es hilft ungemein. Meine Frau weiß, dass sie an Steigungen von mir belogen wird, sie will das auch so, all ihrer Widerrede zum Trotz. Notlügen an Steigungen sind meine Spezialität, vielleicht kann ich irgendwann einen Nutzen daraus ziehen.

Endlich sind wir oben, wir haben sogar eine Pilgerin überholt, und ich kann mich erneut darauf einstellen, meiner Frau hinterherzurennen. Mein Vorteil endet hier oben auf der Anhöhe. Wir müssen runter vom Hügel, die Landschaft wird welliger, dann flacher, meine Frau ist wieder auf und davon. Es gibt nur diesen einem nennenswerten Anstieg bis Santiago. Leider, leider. Ich werde mich wieder blamieren, wieder hinter ihr zurückbleiben, sollte ich nicht aufpassen.

Montag, 2. Juni 2008 Wiederkommen?
Etappe: Rubiães - Tui (Spanien)
Camino Francés: 720 km, Camino Fisterra: 90 km, Caminho Português: 122 km
Tageskilometer: 19 Gesamtkilometer: 932
Unterkunft: Xunta-Herberge (Herberge der Regionalregierung)

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Blick zurück nach Portugal, nach Valença


Unten im Dorf, in Rubiães, in der Bar hinter der Brücke gibt es alles. Zur Straße raus fängt sie mit einem abgenutzten kleinen Schankraum an, der sich übergangslos in einen winzigen Laden fortsetzt. Auf dem Boden stehen Säcke mit Brot, Kartoffeln und dem in diesem Land allgegenwärtigem getrocknetem Kabeljau, dem Bacalhau. Deckenhohe, ehemals weiße Regale glänzen nach all den Jahren in einem undefinierbaren cremig speckigen Farbton, der an Uromas alte Waschkommode erinnert. Bis unter die Decke reicht die gestapelte Ware. Küchenwaagen, Essbestecke, Nachtischlämpchen, Tisch- und Bettdecken, Spielsachen, Werkzeuge, Lebensmittel, Getränke und vieles mehr hofft auf Käufer. Fast alles ist noch im Originalkarton verpackt. Vom unzähligen Zeigen und Hervorholen sind die Kartons abgegriffen, rissig und die Laschen ausgerissen. Wie oft mag eines der Familiemitglieder auf die schwere Eisenstehleiter gestiegen sein, um dann das dann doch nicht Passende wieder an seinen ursprünglichen Platz zurück zulegen? Hier gibt es Dinge, die sind 20 und mehr Jahre alt. Nur mit viel Phantasie kann man von den ehemals bunten, nun sonnengebleichten Bildchen der Kartons auf deren Inhalt schließen.
In der Luft liegt der Geruch von Seife, Käse, Wurst, Trockenfisch und Reinigungsmittel, der in Richtung Bar vom warmen Duft heißen Kaffees verdrängt wird.

Was Laden und Bar nicht fassen, findet im Hof Platz. Stacheldraht, Dünger, Schläuche, Kartoffeln, Schubkarren, Brennholz gehen ein buntes Durcheinander ein, dessen Chaos sich vermutlich nur den Alten aus dem Laden erschließt. Ein Zaun trennt den Hof vom Bauernhof, der gehört auch noch dazu. Aus dem Stall hört man das Muhen einer Kuh, weiter hinten ist ein Schweinekoben zu sehen, Hühner mühen sich durch abgrundtiefen Morast. Wie ein Fremdkörper aus ferner Zukunft steht unter einem Vordach ein edelstahlglänzender, vor Sauberkeit blitzender Milchcontainer. EU-Vorschriften werden dem seinen Platz hier beschert haben.

An diesem Morgen ist diese Bar der beste Platz für einen letzten Kaffee in Portugal. Noch einmal müssen wir über einen Hügel, nur 200 Meter hoch. Portugal verabschiedet sich zügig in Richtung Spanien. Der steile Abstieg vom Hügel geht nach und nach ins wellige Grenzland am Rio Mínho über, als wolle man es uns leicht machen, uns nicht mehr fordern. Portugal entlässt uns mit der Aufforderung bald wiederzukommen.

Wir werden wiederkommen. Die wenigen Tage haben genügt, um unsere Neugier wieder zu entfachen. Nicht in den Norden, nicht auf einen markierten und beschriebenen Weg. Der Süden soll’s werden, die einsame Atlantikküste abseits bekannter Routen. Im Herbst werden wir wieder im Land sein, wollen dort wieder ansetzen, wo ich vor ein paar Wochen abgebrochen habe. Für Portugal, da sind wir uns ganz sicher, brauchen wir keine vorgeplanten Routen, keine Unterkunftslisten und auch keinen der uns führt. Es genügt, wenn man sich auf die Menschen hier einlässt. Die schauen noch hin, wenn einer mit Rucksack die Straße entlang geht, nicht direkt, aber neugierig sind sie schon, und sie helfen, wenn erforderlich.

Wie zur Bestätigung spricht uns kurz vor der Grenze eine alte Frau an. Radebrechend, mehr mit Gesten und Mimik, kommen wir ins Gespräch. Woher? Nach Santiago? Ob wir die kleine Kirche besichten wollen? Nein, eigentlich nicht, wir sind keine Pilger. Ihr ist das egal, sie holt den Schlüssel und sperrt auf. Kann man das ablehnen? Zum Abschied schenkt sie meiner Frau ein Sträußchen bunter Frühjahrsblumen. Sie soll die Blumen bis Santiago mitnehmen.
Minuten später treffen wir erneut auf eine alte Frau. Wieder kommen wir mit Händen und Füßen, mit ein paar Brocken Spanisch ins Gespräch. Sie hat große Wäsche und nutzt den neu errichteten öffentlichen Waschplatz. Die Wäsche hängt zum Trocknen über einem Wiesenzaun. Auch hier wieder die Fragen. Nach Santiago würde sie nicht pilgern, wenn, dann nach Fatimá. Ihr Sohn sei schon dorthin gepilgert. Vor Jahren ist das gewesen. Wir verstehen nicht viel von dem was sie redet. Dass sie stolz auf ihren Sohn ist, lässt sich trotzdem unschwer raushören. Pilgern, egal in welche Richtung, hat bei den alten Menschen hier noch einen ganz anderen Stellenwert als nördlich der Grenze.

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Tui - die Kathedrale, Festung und Kirche


Die "Internationale Brücke", die Valença mit dem spanischen Städtchen Tui verbindet, bringt uns über den Rio Mínho nach Galicien. Einfach so, keine Kontrollen, keine Fragen, nichts. Vor Jahren hätten wir uns hier vermutlich ausweisen müssen, vielleicht wären unsere Rucksäcke durchsucht worden. Sicherlich hätten wir in einer Wechselstube die eine Landeswährung in die andere getauscht. Rituale, die heute in Europa zum Glück immer seltener werden. Heute ändert sich nur die Sprache, wenn man über die Brücke geht. Hurra, endlich verstehe ich, was die Leute sagen. Vieles, nicht alles. Es ist beinahe ein Heimkommen.

Spanien, Galicien, das Land der Herbergen und der Caminos, und das Land der endlosen Siestas. Mittags stehen wir vor der Herberge in der menschenleeren Altstadt Tuis. Ich muss telefonieren, damit die Hospitalera kommt. Schwein gehabt. Sie zeigt uns noch ein Restaurant mit bürgerlicher spanischer Küche, dann ist aber wirklich Schluss. Siesta! Wer jetzt noch kommt muss ein paar Stunden warten. Punkt.

Nachmittags sind unsere gelegentlichen Begleiter der vergangen Tage alle wieder da, es sind sogar noch mehr geworden. Und neue, zukünftige Begleiter haben sich eingefunden. Vier spanische Frauen beginnen hier ihren Camino. Es sind mal wieder die berühmten 100 Kilometer, die für den Erhalt der Compostela gefordert werden. Sogar ein Stückchen weiter ist es noch: 115 Kilometer trennen uns vom Pilgerbüro im Schatten der Kathedrale.

Spät abends sitzen wir mal wieder mit unseren Landsleuten zusammen. Alle haben Zeit bis zum Rückflug. Alle wollen ab jetzt nur noch kurze Etappen gehen. Meine Frau und ich haben nun ebenfalls Zeit im Überfluss. Wir könnten trödeln, uns jede einzelne Blume am Wegrand ansehen, morgen werden wir aber eine lange Etappe gehen. 30 Kilometer und mehr. Wir brauchen ein klein wenig Abstand.

Um 22 Uhr liegen alle in den Betten, bis auf die vier Spanierinnen. Die sitzen unten im Flur reden und lachen was das Zeug hält. Türen gibt es für jeden Raum, jedoch tragen die Wände keine Decke. Das Haus schallt wieder vom Lärm der Frauen. Die eiserne Regel der Pilgerherbergen ist uns anderen in Fleisch und Blut übergegangen: Um 22 Uhr geht das Licht aus, spätestens eine Stunde später ist Ruhe.

Weil die meisten Pilgerherbergen der Regionalregierung keine Lichtschalter haben, es läuft alles über Automatik, Personal ist nachts auch keins da, stehe ich um 23 Uhr vor dem Verteilerkasten und schalte den Damen das Licht aus. Das ist der Vorteil, wenn man in vielen galicischen Herbergen gepennt hat: man weiß wo die Verteilerkästen hängen.

Werner Hohn
01.01.2009, 18:23
Dienstag, 3. Juni 2008 Camino militar
Etappe: Tui - Redondela
Camino Francés: 720 km, Camino Fisterra: 90 km, Camino Portugués: 153 km
Tageskilometer: 31 Gesamtkilometer: 963
Unterkunft: Xunta-Herberge (Herberge der Regionalregierung)

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Hoffentlich geht sie nicht verloren // Eine Frage der Ehre?


Die beiden jungen Frauen sind fertig, fix und fertig. Unschwer können wir ihnen das ansehen. Beide sind in den Tarnklamotten der spanischen Armee unterwegs, beide tragen eine Pistole am Gürtel und ein Gewehr in der Hand. Komplettiert wird die Ausrüstung durch mittelgroße Rucksäcke, die nicht eben leicht aussehen.
Müde greift die mit den langen Haaren über die Theke am kleinen Empfang der Herberge. Sie weiß genau was sie sucht: den Stempel der Pilgerunterkunft. Die Mühe nach der Hospitalera zu suchen machen sie sich nicht. Die Frauen haben keine Zeit, denn sie sind Soldatinnen des spanischen Heeres und auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Sie wollen die Pilgerurkunde, vermutlich werden sie dies Stück Papier wollen müssen. Den Gewaltmarsch nach Santiago konnten sie nicht ablehnen. Befehl!

Es ist ein Gewaltmarsch. Für die 115 Kilometer zwischen Tui und Santiago haben sie 2 Tage Zeit, so lautet die Vorgabe. Es ist schon später Nachmittag, als die Beiden mit müden Beinen das Haus verlassen. Sie müssen weiter, unbedingt. Pausieren, sich draußen auf die Bank in der Sonne setzen, das geht nicht. Ihre Gruppe ist schon weit voraus, die beiden Soldatinnen bilden die Nachhut, eine ungewollte Nachhut. Mehr als 20 Kilometer liegen noch vor ihnen. Es wird spät werden. Die Dunkelheit der Nacht wird ihre erschöpfte Ankunft im Lager überdecken. Morgen werden sie erneut losziehen, wieder 50 Kilometer, wieder getrieben von ihrer Gruppe, die vollzählig die Kathedrale erreichen will. Soldatenehre? Befehl? Frauen-können-das-auch?

Den ganzen Tag waren uns Soldaten und Militärfahrzeuge begegnet. Beim morgendlichen Kaffee in einer Bar am Rand des großen Industriegebiets vor Porriño tauchten die ersten auf. Der Weg bis dorthin war schön, nicht ganz so gut markiert wie in Portugal, aber schön. Viele kleine Sträßchen, ein paar Waldwege durch schattigen Wald. Zersiedeltes Land. Dass Spanien wohlhabender ist als sein kleiner Nachbar, war unübersehbar, fiel uns sofort auf. Häuser, Autos, Straßen, alles war größer, neuer, moderner. Das große Industriegebiet lag vor uns. Getreu dem Grundsatz, dass Industriegebiete zwar nicht schön sind, aber man kann da wenigsten nicht verhungern und verdursten, waren wir in der Bar gelandet.
Die Soldaten auch. Es waren unsere ersten. Diese mussten nicht zu Fuß gehen, keine Waffen und Rucksäcke schleppen. Fahrende Mittlere Dienstgrade in gelöster Stimmung. Da stand die Truppe: breitbeinig in polierten Stiefel, in engen gebügelten Militärhosen, die mehr zeigten als verbargen, die Arme vor der Brust verschränkt, hin und wieder, wie zufällig, eine Handbewegung zum Griff der Pistole. Spanische Machos in Reinkultur, es war ja eine Frau in der Nähe. Gezwungen ungezwungen dazwischen, die Fahrer, noch jünger, noch kein Dienstgrad.
Wir haben uns nichts dabei gedacht. Militär eben, mangels Feind vor der Haustür auf der Suche nach Beschäftigung.

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Wird es Licht? // Für den eiligen Bäcker.


Auf der endlosen Gerade durchs Industriegebiet hatten wir die schon vergessen. Viel später erst, hinter Porriño, durch dessen Fußgängerzone wir mussten, wunderten wir uns über die vielen Jeeps und Motorräder, die mit Soldaten besetzt, uns den Weg streitig machten. Die Zeltlager und Verpflegungsstationen, die Lazarettzelte und Sanitätsfahrzeuge hatte ich noch als Übung abgetan, sogar als uns der erste Trupp Soldaten überholte. Sechs Männer in fleckiger Tarnkleidung und neongelber Warnweste, alle in voller Ausrüstung. Einer trug ein leichtes Maschinengewehr, das wohl reihum ging. Später wurden wir immer häufiger überholt. Immer 6 Leute mit leichtem Maschinengewehr. Da dämmerte der Verdacht, die sind auf dem Weg nach Santiago!

Jetzt, in der Herberge von Redondela wird aus dem Verdacht Tatsache. Dass die 115 Kilometer in 2 Tagen runterreißen kann ich nachvollziehen – aber mit Waffen auf einem Weg, den viele als Pilgerweg sehen?

Wir können uns Zeit lassen. Ab jetzt werden wir nur kurze Etappen gehen. Neue Mitwanderer haben wir auch. Eine portugiesische Studentin ist da, zwei spanische Frauen, die ob ihrer Riesenrucksäcke fix und fertig sind, die vier Frauen, die gestern Abend lautstark ihren Camino-Start gefeiert haben sind auch hier gelandet. Und Isabelle, die Französin vom ersten Tag, ist ebenfalls da. Wir sind ihr immer wieder begegnet. Schon am ersten Tag hat sie sich von ihrer deutschen Begleiterin getrennt. Auch in den Herbergen hat die Frau, die ihren Ruhestand mit Wandern verbringt, sich meist abseits gehalten. Isabelle hat es gerne ruhig, geht lieber ihren eigenen Weg. Es sieht ganz nach einem ruhigen, entspannten Abschluss aus.

rumtreiberin
02.01.2009, 00:16
Schon wieder so ein klasse Bericht von dir, da macht das Lesen Spaß. Auch wenn zu Fuß wandern nicht so wirklich meins ist. Deine Beobachtungen von Land und Leuten in Spanien erinnern mich oft an meine eigenen Beobachtungen. Weitermachen!!

Aber ich hab da mal eine Technik-Frage. Du editierst meistens deinen letzten Post und füllst auf bis dir vermutlich die Maximalzahl an Zeichen pro Posting ein Limit setzt. Das hat für mich als Leser den Nachteil daß ich jedesmal dein letztes Posting lesen muß und schauen ob ich das wirklich schon alles kenne oder ob da was dazugekommen ist. Für mich wäre es angenehmer, wenn jede Ergänzung des Berichts auch ein neues Posting wäre, dann ist der Anschluß leichter wiederzufinden, besonders wenn man neugierig ist und keine Lust hat zu warten bis der Bericht komplett ist und dann in einer "Rutsche" zu lesen. Hat das Dranstückeln für dich irgendwelche mir unbekannten Vorteile?

Werner Hohn
02.01.2009, 15:05
Vorteile? Jein.

Weil die meisten hier über "Neue Beiträge" nach neuen Posts suchen, habe ich eine kleine Chance meine Fehler auszubessern. Die Erweiterungen werden bei "Neue Beiträge" ja übersehen.

Die Berichte schreibe ich mit einer Textverarbeitung vor, schaue einmal drüber, dabei fliegen die ganz groben Schnitzer raus, und dann kommt der Text ins Forum. Da stecken dann immer noch jede Menge Fehler drin. Hauptsächlich Zeichenfehler, manchmal auch dicke Brocken, die ich übersehen habe, weil ich nur drüberschaue, nicht wirklich lese. Und ich lese dann immer das, was ich noch im Kopf habe, nicht was wirklich da steht. Durch das Anstückeln an den letzten Beitrag bekomme ich etwas zeitlichen Abstand. Und es eilt nicht ganz so sehr, weil der Beitrag so oft nicht angeklickt wird - dachte ich. Es ist erstaunlich, dass ich nur Stunden später Fehler entdecke, die ich vorher mehrmals überlesen habe.

Ursprünglich wollte ich die Beiträge vorschreiben, ein oder zwei Tage in Ruhe lassen und dann reinstellen. So habe ich auch angefangen. Aber beim Korrekturlesen finde ich keine Ende. Da wird hier neu formuliert, das könnte man auch noch reinbringen, usw. Das wurde eine Geschichte ohne Ende. So, wie ich das jetzt handhabe, ist es manchmal zwar blamabel für mich, aber es geht voran.

Die Berichte von Pamplona bis Finisterre habe ich vor Weihnachten durch den Drucker geschickt und dann korrigiert. Es war erstaunlich zu sehen, wie die Fehlerquote mit fortschreitender Uhrzeit zunimmt.

Früher :oldman:, bei der alten Software lag die Grenze bei 50.000 Zeichen, da war ich gezwungen immer wieder einen neuen Beitrag anzufangen. Bei der neuen Software bin ich in dem Punkt noch an keine Grenze gestoßen.
Damit das mit dem Editieren nicht zu unübersichtlich wird, bin ich dazu übergegangen, ab und zu einen neuen Beitrag anzufangen. Das ist dann auch Futter für die Suche nach neuen Beiträgen. So ganz lasse ich den Trefferzähler ja nicht aus den Augen. Niemand schreibt gerne nur für die Datenbank.

Bevor ich es vergesse: Sollte ich wieder mal einen Reisebericht in Tagebuchform über so eine lange Tour öffentlich ankündigen, bitte ich um Zwangssperrung in diesem Forum.

Grüße, Werner

BlaesFevrier
02.01.2009, 16:03
Och, mich stört das nicht. Ich lese die Beiträge auch gerne mehrmals und sehe dabei zu, wie sie sich verändern. So schlecht, daß man sie, wenn überhaupt, nur ein Mal lesen dürfte, sind sie ja schließlich nicht.

Aber mal was anderes. Mich wundert, daß das noch niemand erwähnt hat, deshalb muß ich das wohl mal loswerden: Ich finde Deine Fotos mindestens genau so geil wie Deine Schreibe. Sie sind auf den ersten Blick herrlich unaufdringlich. Aber allahseidank hast Du ein super Auge für Details und weißt kompositorisch immer genau darauf hinzulenken. Die Bilder sind nicht nur reine Illustration des bereits gesagten, sondern beinhalten immer noch irgendwie mehr (mir hat 's zum Beispiel das Schild mit dem "furzenden" Fußgänger sehr angetan; das sagt sehr viel über Deine Haltung gegenüber Deinen Weggefährten :ignore:). Gefällt mir.

hikingharry
02.01.2009, 20:22
Bevor ich es vergesse: Sollte ich wieder mal einen Reisebericht in Tagebuchform über so eine lange Tour öffentlich ankündigen, bitte ich um Zwangssperrung in diesem Forum.

Also ich würde Dich ja dann zur Zwangsweiterschreibung vergattern. :D :D

Und ich sage wieder mal danke, und freue mich auf die nächsten Beiträge.

Gruß hikingharry

Werner Hohn
10.01.2009, 21:21
Mittwoch, 4. Juni 2008 Am Meer und in der Stadt
Etappe: Redondela - Pontevedra
Camino Francés: 720 km, Camino Fisterra: 90 km, Camino Portugués: 171 km
Tageskilometer: 18 Gesamtkilometer: 981
Unterkunft: Hotel

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Bei Ponte Sampaio


Gestern Nachmittag waren wir schon am Meer gewesen. Es war eine Enttäuschung: Zuerst ein Kilometer Vorstadt, die in glühender nachtmittäglicher Hitze der Totenstille eines Friedhofs näher war als dem pulsierenden Leben südländischer Städte; dann ein gesichtsloser Sportboothafen mit Plastikbötchen, die hinter einer Steinmole Schutz fanden. Das war in der Bucht von Vigo. Unendlich lang zieht die sich ins Land hinein. Mit Meer, Wellen, Brandung hat das alles nicht viel zu tun. Hinter der Steinmole war ein winzig kleiner Strand. Zwischen Müll, faulendem Seetang, Plastik, Zweigen und Ästen hatten sich Besucher im Badedress niedergelassen.

Das Wasser hinter der Mole stand. Der Steinwall ist die perfekte Falle für alles, was die Flut mit Macht in die Bucht drückt. Bei ablaufendem Wasser, wenn die Ebbe einsetzt, landet der Dreck hinter der Mauer, staut sich auf, drängt rüber zum nahen Strand, bildet auf dem Wasser eine Dreckschicht, auf der man dem Anschein nach gehen kann. Träge, als würde eine schwere Last auf ihm liegen, blubberte das Wasser unter der Decke des schwimmenden Unrats auf den Sand.
Wir hatten Platz unter dem schattigen Vordach einer kleinen unscheinbaren Bar gefunden, Fassungslos schauten wir uns das Schauspiel an. Einen Espresso und eine eisgekühlte Limonade später waren wir weg. So hatten wir uns das Meer nicht vorgestellt.

Heute Morgen sind wir wieder am Meer. Wir stehen auf der alten Brücke die mit niedrigen Steinbögen die Mündung des Rio Verdugo überquert. Es ist Ebbe. Das Niedrigwasser hat einen breiten sauberen Strand freigelegt. Kein Mensch ist dort zu sehen. Im Schlick liegen bunte Kähne. Am gegenüberliegenden Ufer, am kurzen aber hohen Kai von Ponte Sampaio kontrolliert ein Mann im signalgrellen Überlebensanzug die langen Festmacher der im Wasser liegenden Boote. Netze, Angelruten, Laternen und Fischkisten zeigen, dass einige der Schiffchen noch immer für den Fischfang eingesetzt werden. Für den Lebensunterhalt wird das nicht langen, für eine Bereicherung des wöchentlichen Speiseplans schon. Und an guten Tagen wird ein Teil des Fangs seinen Weg auf einen Markt oder in die Küche der Fischrestaurants finden mögen.
Ganz am hinteren Ende der Bucht von Vigo ist keine Spur mehr vom wütend anstürmenden Atlantik; und der raue Wind, der die Touristen diesen Landstrich meiden lässt, hat, wenn er den langen Weg die Bucht hoch hinter sich hat, seine zerstörerische Kraft längst verloren. So haben wir uns das Meer am Ende der langen schmalen Bucht vorgestellt.

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Ebbe


Isabelle haben wir kurz vor der Brücke überholt – mal wieder an diesem Morgen. Obwohl wir die Französin immer nur für kurze Augenblicke sehen, ist sie immer in unserer Nähe, oder wir in ihrer. Ganz unauffällig, unaufgeregt ist sie, drängt sich nicht auf, sucht keine wirkliche Nähe. Weder will sie unterhalten werden, noch sucht sie Unterhaltung. Isabelle gehört zu dem Menschen, die keine Bühne brauchen, um sich in das Bewusstsein anderer zu drängen. Sie wird noch da sein, wenn Andere, Lautere sich lange wieder verflüchtigt haben.

Pontevedra haben wir uns auch anders vorgestellt. Genau genommen haben wir uns überhaupt nichts vorgestellt. Mittags sind wir da, stehen vor dem verschlossenen Tor der Herberge. Es wird noch 4 Stunden dauern, bis sich dieses Tor öffnen wird. Wir wollen nicht mit den Rucksäcken stundenlang durch die Stadt ziehen. Zu Stadtbesichtigungen gehört Muße, die Lust am Bummeln und die Leichtigkeit, die sich nur beim Treibenlassen mit der Menge einstellt. Rucksäcke sind da eher hinderlich. Kurzentschlossen suchen wir uns ein Hotel und entdecken Pontevedra.

Pontevedra gehört zu den Städten, denen in den Reiseführern meist nur ein kleiner Absatz eingeräumt wird. Das reicht wenigstens für die Aufnahme in den Ortsindex, damit hat es sich dann auch schon. Zu unserem nachträglichen Erstauen verirren sich nur wenige Touristen in diese Stadt. Pontevedra liegt direkt am salzigen Wasser des Atlantiks, aber ganz am Ende eines fjordähnlichen Einschnitts, einer sogenannten Ría. Das ist weit weg von der eigentlichen Küste, wir merken überhaupt nicht, dass das da draußen der Atlantik ist.

Die Altstadt ist wie aus dem Modellbaukasten. Geschrubbt, gewienert, poliert, renoviert, saniert steckt sie voller Leben und Geschäftigkeit. Zwischen die mehrstöckigen Granithäuser schieben sich immer wieder kleine versteckte Plätze, mit den für dieser Region typischen Steinkreuzen. Breite Einkaufsmeilen laufen sich in schmalen Gässchen tot. Spätnachmittags werden aus den großen Plätzen Flaniermeilen, wie sie nur der Süden kennt. In Scharen bevölkern die Menschen die Plätze, die Terrassen der Bars. Die Jungen bleiben in Bewegung, ziehen unstet weiter. Sehen und gesehen werden. Die Alten verbringen den Abend auf den Bänken, lassen das Leben an sich vorbei ziehen. Sie werden so lange dort sitzen bleiben, bis es trotz wärmendem Kissen zu kühl wird.
Pontevedra ist nicht so laut wie die Städte unten im Süden, wo das Leben gegen Abend explodiert. Pontevedra ist angenehm, hier kann man die Füße hochlegen, ausruhen.

Donnerstag, 5. Juni 2008 Müßiggang
Etappe: Pontevedra – Caldas de Reis
Camino Francés: 720 km, Camino Fisterra: 90 km, Camino Portugués: 195 km
Tageskilometer: 24 Gesamtkilometer: 1.005
Unterkunft: Hotel

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Des Rätsels Lösung // 15:00 Uhr - die Einkaufsmeile von Caldas de Reis



Im fahlen Zwielicht der Morgendämmerung verlassen wir die Stadt nach Norden. Vom lebhaften Gewimmel des gestrigen Abends ist nichts mehr geblieben, wir sind alleine unterwegs. In den schmalen Gassen, die zu Flussufer hinunter führen, hallen unsere Schritte von den hohen Mauern der alten Häuser wider. Ein Dieselmotor brummt durch eine versteckte Nachbarstraße, wird lauter und erstirbt. Das blecherne Schlagen ungedämmter Transportertüren wird in der morgendlichen Stille zu Kanonenschlägen verstärkt. Durch einen niedrigen Torbogen fällt gelblicher Lichtschein in die Gasse. In der Backstube wird schon gearbeitet. Schnell rein. Wärme und der Duft frisch gebackenen Weizenbrots empfängt mich. Heute noch bis Santiago?, fragt einer der Bäcker im mehlverstaubtem Unterhemd, möglich wäre das, fügt sein Nachbar hinzu. Ja, die Möglichkeit besteht durchaus. Wer will oder keine Zeit hat, kann die 65 Kilometer in einem Tag runterreißen.

Wir wollen nicht, wir haben alle Zeit der Welt. Uns trennen noch 3 kurze Etappen von Santiago und 6 Tage vom Rückflug in die Heimat. Die Vormittage werden wir fürs Vorankommen nutzen, die Nachmittage gehören den Etappenzielen. Berauschende Orte werden nicht dabei sein. Keine Festung, keine Kirche, kein nennenswertes Museum wird uns die Zeit stehlen können. Das was noch kommt, lässt sich im Vorbeigehen mitnehmen. Aha, mal da gewesen, mehr nicht. Es läuft aufs Rumlungern, aufs Totschlagen der Zeit hinaus. Wir werden neue persönliche Bestleistungen fürs Sitzen auf sonnigen Terrassen aufstellen können, unser Kaffeekonsum wird lange nicht mehr gekannte Höhen erklimmen. Und wir werden die Zeit haben, Dinge zu entdecken, die nur an solchen Tagen zu entdecken sind: rostende Blumenkübel unter wucherndem Unkraut, Mauerkronen mit Glasscherben, von Moos überwucherte Steinmetzarbeiten an mittelalterlichen Brücken und Granitkreuzen, rostende Nägel in morschen Holztüren erhalten an diesen Tagen ungewohnte Aufmerksamkeit. Solche Tage geben ohne Mühen ein Stück Zeit her für die Entdeckung des Belanglosen, für das, was im Alltag des Vorankommens meist keinen Raum findet.

Am späten Nachmittag sind wir in Caldas de Reis. Vielleicht, angeblich, wenn es sonst nichts gibt und was auch immer, soll es in einer Schule eine Pilgerunterkunft geben. Wir werden abgewiesen. Routiniert weist uns ein altes Mütterlein, die hinter einer niedrigen Glasscheibe die Pforte hütet, auf die nahen Hotels hin. Nach dem späten Mittagessen, mal wieder ein undefinierbares galicisch-fleischiges Regionalgericht, werden meine Frau und ich Eigentümer des Städtchens.

Caldas de Reis ist tot, mausetot. Niemand ist auf den Straßen zu sehen, sogar der Lkw-Verkehr ist beinahe zum Erliegen gekommen. Die Geschäfte in der Fußgängerzone sind verrammelt, einzig ein Laden mit asiatischem Nippes und Ramsch ist offen. Asiatischer Bienenfleiß durchbricht die Ruhe der allgegenwärtigen Siesta. Sogar Restaurants schließen, wenn der letzte Gast gegangen ist.
Mittagszeit ist Siestazeit, und der Mittag ist lang. Bis in den späten Nachmittag steht das Land still. Wer nicht muss, arbeitet nicht, großzügige Pausenregelungen und deren Auslegung machen das möglich. Beamte, Handwerker, Mediziner, Kaufleute, alle legen eine lange Pause ein, halten den Tag nur für sich an. Hinter geschlossenen Rollläden verschlafen die Menschen die Zeit, oder werden sobald der Sommer voller Wucht einsetzt, vor der alles lähmenden Mittagshitze dort Schutz suchen. Nur Bars, die Schmelztiegel südländischer Kommunikationskultur, sind offen, laden zum faulen Dösen bei einem Kaffee ein.

Längst sind unsere Tassen leer, der Kaffeesatz ist kalt geworden. Ein Kellner wird nicht kommen, niemand wird zum Zahlen auffordern oder eine neue Bestellung entgegennehmen wollen. Wir können hier hocken bis die Sonne unter geht. So lange werden wir nicht bleiben, nur bis wieder Leben Einzug ins Städtchen hält. Dann wird die spannende Stille, die wandernden Schatten der Palmen auf den Straße, dem Lärm des erneut einsetzenden Straßenverkehrs weichen. In den Geschäften werden ausgeruhte Kaufleute das Sonnenrollo hochziehen, Juweliere das quietschende Rollgitter beiseite schieben und die Bürgersteige werden sich wieder mit Menschen füllen. Die Siesta ist zu Ende. Schade.

heron
11.01.2009, 09:39
hallo Werner

danke wieder einmal - ich liiiebe diesen Roman in Fortsetzungen :).

Kleine feine Beschreibungen, Stimmung ohne ins aufdringlich-schwülstige abzurutschen, wie es so oft passiert, wenn jemand meint mehr desselben ist besser.
Grossartig!
gx
sabine

Peet
11.01.2009, 10:19
Hallo,

ich finde den Bericht auch weiterhin super. 1A geschrieben und ich freue mich immer neue Abschnitte zu lesen. Wenn Du mit schreiben ganz fertig bist würde ich Ihn trotzdem mal zu einem Verlag schicken. Gerade wo das Thema noch immer sehr begehrt ist und da, wie ich finde, der Bericht wirklich sehr gut ist. Ansonsten noch einmal vielen Dank für die Mühe die Du Dir hier machst.

Top! *Daumen hoch*

Grüße, Peter.

Werner Hohn
15.01.2009, 23:01
Freitag, 6. Juni 2008 Der dritte Zweitletzte
Etappe: Caldas de Reis - Padrón
Camino Francés: 720 km, Camino Fisterra: 90 km, Camino Portugués: 213 km
Tageskilometer: 18 Gesamtkilometer: 1.023
Unterkunft: Xunta-Herberge (Unterkunft der Regionalregierung)

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Am Ende eines Weges // Jakobus hinter Glas


Es sind immer die Nationalstraßen die den Weg vorgeben, nicht den ganzen Weg, aber einiges. Nicht, dass man direkt auf den großen Straßen gehen muss, das kommt mittlerweile nur noch selten vor, aber eine ist bestimmt immer in der Nähe. Mal rücken sie einem auf die Pelle, dann wieder sind sie zum Vergessen weit weg, aber da sind sie. Die Vía de la Plata hält sich an drei, vier dieser Fernstraßen, der Camino Francés wird von einem ganzen Strauß Autobahnen und Fernrouten begleitet, nur der Camino Portugués ist genügsamer. Sobald der Weg Spanien erreicht, hält der sich an die N-550. Die Pilgerrouten vergangener Zeiten waren meist gradlinig, führten ohne Umwege direkt zum Ziel. Wenn möglich, wurden Handelsrouten genommen. Diese versprachen Sicherheit und schnelles Vorankommen, Hilfe in der Not und Unterstützung durch die fahrende, reisende und pilgernde Gemeinschaft. Die Schönheit der Landschaft war zweitrangig, Wegführungen weit abseits der wenigen Straßen waren zu meiden. Pfade durch und über die Berge wurden nur da genommen, wo es keine Alternative gab. Der Verlauf der alten Pilgerrouten war optimiert auf ein Ziel: sicheres und möglichst schnelles Ankommen hatte Vorrang vor allem anderen.

Bei der Wiederbelebung der alten Pilgerrouten hat man sich daran gehalten. Nicht eine möglichst naturnahe Wegführung stand im Vordergrund, die Nähe zu den seit alters her bekannten Strecken war die Messlatte – zum Glück. Auf den Caminos bekommt jeder das Land zu sehen wie es ist, nicht wie eifrige Tourismusmanager es einem gerne vorgaukeln.

Seit Tagen treffen wir immer wieder auf die N-550. Es sind immer nur ein paar Meter die nicht stören, dann sind wir wieder auf kleinen Nebensträßchen unterwegs. Wenn man so will, durch die Hinterhöfe der Nationalstraße. Und seit Tagen ist das Land unglaublich zersiedelt. Kaum verschwindet das letzte Haus hinter einer Kuppe, tritt man aus dem Schatten des eines kleinen Tals ins Sonnenlicht, ist der nächste Ort schon da. Es ist ein passender Abschied von der Iberischen Halbinsel. Seit mehr als 6 Wochen bin ich nun hier, und ich bin in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Wieder mal ein vorletzter Wandertag vor Santiago. Es ist der nüchternste von allen.

Der auf der Via de la Plata Frühjahr 2007 wird vermutlich unerreicht bleiben, wird immer seine nagenden Erinnerungen ins Heute strecken. Dieser Tag damals war ein einziger Zeitraffer der schönsten und emotionalsten Momente aus 4 Wochen Davonstehlen aus der Gegenwart. Ein letztes Eintauchen in gestohlene Zeit, bevor das Häuten beginnt, um in unserer Gesellschaft bestehen zu können.

Der auf dem Camino Francés ist erst wenige Wochen her und doch schon am Verblassen. Bilder haben sich gehalten, Erinnerungen an Menschen, an Gespräche, Emotionen weniger. Es war eine Zeit in der Jetztzeit und bis auf sehr wenige Ausnahmen war es eine Zeit unter Menschen, die in eben dieser Zeit leben, die ihr gewohntes Leben fortgeführt haben, wenn auch zu Fuß. Eine Erinnerung wird sicher bleiben, vielleicht die beste von allen, die an einen wirklich internationalen, vielsprachigen Trampelpfad.

Heute der Tag ist ganz anderes, das ist wirklich der vorletzte Tag an dem wir unterwegs sein werden. Die drei Tage, die wir noch in Santiago verbringen müssen, zählen nicht, das wird auf ein Absitzen der Zeit hinauslaufen. Das ist der nüchternste aller vorletzten Tage und doch ist das der vielversprechendste aller vorletzten Tage. Über diesem Tag hängt eine Flüchtigkeit, ein Davonwehen, wie sie nur Tagen anhaften die man auf Reisen verbracht hat. Reisetage sind Tage ohne Wiederholungen. Die Möglichkeit Verpasstes nachzuholen besteht für uns nicht, wenn wir unstet zu Fuß unterwegs sind.

Wir werden das fortsetzen, nicht auf diesem Weg, nicht auf bekannten Wegen. In Portugal haben wir uns das schon vorgenommen, der Tag heute bestätigt das nur, hat die Erwartungen auf ein anderes Reisen verstärkt. Die nächste Zeit wollen wir Fußreisen machen, nicht jede Reise, aber oft. Wir wollen uns nicht immer nur auf die Empfehlungen, Wegbeschreibungen und Erfahrungen anderer verlassen. Wir wollen selbst entdecken wie die Welt aussieht, auch wenn es nur die staubige Dorfstraße eines vergessenen Kaffs ist.

Jedem Tag treffen wir auf die vier Spanierinnen, denen ich in Tui das Licht ausgedreht hatte. Vermutlich wissen die Frauen, dass ich gewesen bin. Das tut ihrer Laune keinen Abbruch. Ebenso wie Isabelle aus Frankreich und die Studentin aus Portugal sind die vier Frauen zu unserer festen Begleitung geworden. Als meine Frau und ich geduldig unter den Platanen am Ufer des Rio Ulla auf die Öffnung der Herberge warten, trudelt das Grüppchen ein. Die Herberge ist noch zu? Was, bis 16 Uhr! Die Damen betrachten das Bereitstellen spottbilliger Unterkünfte durchaus als Selbstverständlichkeit, Ebenfalls, dass die zu jeder Zeit offen sind. Resolut wird per Telefon die Hospitalera herbei zitiert. Man will schließlich etwas vom Nachmittag haben.

Padrón ist ein verschlafenes Städtchen. Der Legende nach soll hier die Barke mit dem Leichnam des Apostels Jakobus angelegt haben. In früheren Zeit haben hier viele Schiffe mit Pilgern angelegt, deren Passagiere dann nur noch wenige Kilometer Fußweg nach Santiago bewältigen mussten. Auch heute soll sich die kleine Stadt bei Pilgern großer Beliebtheit erfreuen, davon merken wir nichts. Na ja, vermutlich ist dieser Freitag der falsche Tag. Morgen, da fängt das Wochenende an, ist hier bestimmt mehr los.
In der Kirche steht eine Statue, die den Apostel Jakobus hoch zu Ross zeigt. Mit gefühllosem Blick schaut er auf die unter seinem Pferd kauernden heidnischen Mauren, denen er jeden Augenblick den Kopf abschlagen wird. Jakobus als Maurentöter, eine über lange Jahrhunderte bemühte Darstellung des Heiligen, auf die Spanien und die Kirche keinen großen Wert mehr legen dürften.

Samstag, 7. Juni 2008 Santiago – mal wieder
Etappe: Padrón – Santiago de Compostela
Camino Francés: 720 km, Camino Fisterra: 90 km, Camino Portugués: 237 km
Tageskilometer: 24 Gesamtkilometer: 1.047
Unterkunft: Hostal in der Altstadt

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Santiago in der Abenddämmerung


Wir haben es eilig, wie immer am letzten Tag. Zeit haben wir in Massen. Trödeln, bummeln, die wenigen Kilometer auf zwei Tage verteilen, alles wäre möglich. Wir wollen das nicht. Es ist vorbei, der kurze Urlaub meiner Frau, und meine längere Auszeit, die mich völlig überraschend dorthin gebracht hat wohin ich nie wollte.

Der letzte Tag einer Reise gehört nicht mehr ganz dem Urlaub. Langsam gilt es wieder Fuß zu fassen, sich auf das Alltägliche einzustellen. Die Familie rückt wieder in den Vordergrund, die Blumen auf der Fensterbank, das Auto, das scheinbar ewige Wiederkehren von Nichtigkeiten. Aber gut, dass es letzte Tage gibt, denn nur denen kann ein neuer erster Tag folgen. Immerhin ein Trostpflaster, wenn auch ein kleines.

Das ist meine dritte Ankunft zu Fuß in Santiago, immer über einen anderen Weg. Einmal bin ich zu Fuß aus der Stadt raus gegangen. Das war an dem Tag als ich ans Ende der Welt aufgebrochen bin, nach Finisterre. Das war der schönste Weg. Keine 2 Kilometer dauert es, dann ist man im Grünen, ist tatsächlich auf dem Land, und man hat dort den schönsten Blick auf die Stadt. Kein Fußweg in die Stadt rein kann da mithalten. Heute weiß ich das.

Mittags stehen wir im Pilgerbüro, für mich gibt es erneut die „Sporturkunde“, der Lohn fürs Ankreuzen von „Nicht religiös“. Diesmal gibt es kein Wiedersehen mit vielen Menschen vom Weg. Die paar die wir getroffen haben, werden in der Menge verloren gehen. Vielleicht sehen wir die vier Spanierinnen, die uns so zuverlässig begleitet haben, oder Isabelle, oder das spanische Ehepaar aus der ersten Herberge hinter Porto. Die Studentin aus Lissabon werden wir bestimmt treffen, die war seit Tui immer in unserem Tempo unterwegs.

Wir treffen sie alle. Die spanischen Frauen, die heute Abend laut fröhlich feiern werden, das Ehepaar aus den Pyrenäen, Isabelle aus Frankreich und natürlich die Studentin. Sie ist ein wenig enttäuscht. Der Weg ist zu kurz, kaum gestartet, schon ist man da. Wie ein Spaziergang im Park.

Bis Mittwoch haben wir noch Zeit. Die werden wir erschlagen müssen. Santiago ist nicht Rom oder London. Santiago ist noch nicht mal Köln. Santiago ist trotz der 150.000 Einwohner wie ein großes Dorf mit einer schönen aber überschaubaren Altstadt. Es dauert nicht lange, da kennt man jede Gasse, jeden Kitschladen und Menschen mit Rucksack kann ich auch nicht mehr sehen. Der schönste Teil der Stadt? Nach vier Aufenthalten vielleicht die Wege aus der Stadt raus - und sei es der zum Flughafen. Vermutlich ist das der Preis für die mehrmalige Ankunft.

eifelwalker
23.01.2009, 15:18
Wieder ein echter "Werner Hohn". :D

Auch diesen Reisebericht habe ich "verschlungen" wie einen fesselnden Roman.

Liebe Grüße
Rainer

tzrrl
19.07.2012, 23:44
Hallo Werner,

unglaublich wie toll dein Reisebericht zu lesen ist. Plane selber gerade den Weg durch Portugal (ab Porto) und das ist der erste Bericht der sich wirklich gut lesen lässt! Hab Dank dafür!

mariodejaneiro
13.09.2012, 18:54
Oh ha irgendwie erkenne ich mich in diesem agonistischen Gedanken beim Wandern stark wieder :bg::bg: