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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [BO] Alleine auf dem Rio Manuripi



pcschröda
02.11.2007, 19:38
Land: Bolivien
Reisezeit: September 2006
Region/Kontinent: Südamerika

Hallo Forenleser,

Ich hatte ja während den Vorbereitungen zu meiner Expedition vor über einem Jahr hier im Forum ein paar mehr oder weniger sinnvolle Fragen gestellt, wie zum Beispiel die, ob und wie man in Bolivien eine Waffe bekäme und ob man sie im Dschungel überhaupt benötigt. Wer sich daran noch erinnern kann oder wen eine Dschungelflusstour ohnehin interessiert, der kann ja mal in meinem Bericht schmökern. Hier ein erster Auszug aus meinem Journal auf www.dieweltvonunten.de.



"Der erste Versuch, diese Expedition zu beschreiben, ging zusammen mit allen Fotos verloren, als ich in British Guyana ausgeraubt wurde. Dies ist der zweite Versuch – ohne Bilder.


Alles fing damit an, dass ich in den Dschungel wollte. Und im Dschungel braucht man eine Waffe, dachte ich. Ich hielt mich gerade in Trinidad auf, der Hauptstadt der Region Beni in Bolivien, und machte mich folglich dort als erstes auf die Suche nach etwas geeignetem. Es gab einen einzigen Jagd- und Angelladen direkt an der Plaza, doch dort konnte man mir nicht weiterhelfen. So entschloss ich mich, mein Glück in Santa Cruz zu versuchen, einer der grössten und modernsten Städte Boliviens und früher bekannt als einer der Hauptumschlagsplätze des bolivianischen Kokains, das bis in die sechziger Jahre hinein ein ganz normales Handelsgut gewesen war. Nachdem ich mich in einer preiswerten Unterkunft eingemietet hatte, machte ich mich gleich auf die Suche. Ich fand mehrere Waffenschmieden, doch alles, was ich dort gezeigt bekam, waren alte, bleischwere Colts oder ausrangierte Polizeiwaffen, Kaliber .38. In Bolivien ist nur das .22er Kaliber für Privatpersonen zugelassen. Für die grössere Munition muss man spezielle Quellen “konsultieren”, was sich im Preis niederschlägt. Rund ein Dollar pro Kugel soll das nächstgrössere Kaliber kosten. Da ich noch nichtmal die geringste Übung mit irgendeiner Art von Waffe hatte, wollte ich natürlich ein paar Pakete Munition verschiessen, um das Gefühl für die Waffe und fürs Zielen zu bekommen. Blieb mir also eigentlich nur das überall erhältliche und preiswerte Kleinkaliber. Ob es für den Dschungel das Richtige war, darüber war ich mir nicht so ganz sicher. Der Hotelwirt, mich aus den Augenwinkeln etwas argwöhnisch betrachtend, gab mir Hinweise auf mögliche Bezugsquellen. Die grossen Märkte, auf denen von der DVD-Raubkopie über das gefälschte Designerhemd bis zur einen oder anderen herrenlosen Faustfeuerwaffe alles zu bekommen ist, waren seiner Meinung nach die beste Adresse.

Mittlerweile hatte ich mich auch mit der örtlichen Polizei in Verbindung gesetzt, um die Erfordernisse für den Erwerb eines Waffenscheines zu klären. Niemandem auf der Polizeistelle schien sehr viel daran gelegen, einem Ausländer, einem Gringo, einen Waffenschein auszustellen. Ich solle, so hiess es, erst eine temporäre Aufenthaltsgenehmigung einholen, bei der Immigracion, dem Einwohneramt. Dort eröffnete man mir, welche Dokumente hierzu nötig waren, so zum Beispiel Aids-Test und Interpol-Registerauszug. Mir war klar, dass das Beschaffen dieser Dokumente Zeit und Geld im Übermass benötigen würde, und da man auch nach erneuter Rücksprache bei der Polizei und dem genauen Darlegen meiner Gründe (Schutz vor grösseren Tieren) nichts von einem Waffenschein ohne “tarjeta de residencia temporal” wissen wollte, hakte ich den offiziellen Weg einfach ab. Ich hatte es versucht. Wiedereinmal zeigte es sich, dass der legale, offizielle Weg in Bolivien voller bürokratischer Stolpersteine war, während der Weg durch die Grauzone oder schlicht durchs Illegale meist problemlos funktionierte. Nun waren eben die Märkte und die Waffen ohne Papiere dran.

Mercado Central, Cachipachi de los Pozos, ich klapperte sie alle ab, ohne fündig zu werden. Mittlerweile waren seit meiner Ankunft in Santa Cruz mehrere Tage vergangen, und ich verlor zunehmend die Hoffnung, noch einen passenden Revolver für mich zu finden. Denn ich wollte einen Revolver – die Gründe, die Rüdiger Nehberg in einem seiner Bücher zum Thema “Revolver oder Pistole” aufgeführt hatte, schienen mir sehr einleuchtend. Etwas, aber nicht allzu sehr demoralisiert entschloss ich mich, nach Trinidad zurückzukehren. Irgendwo zwischen Santa Cruz und dem Pando würde sich etwas passendes ergeben, davon war ich überzeugt.
Der Bus fuhr am Abend, und ich hatte noch einige Zeit, um ein paar Dinge zu besorgen. Auf dem Rückweg aus der Innenstadt sprach mich jemand auf der Strasse an: ein hagerer Typ mit Schnauzbart, Herkunft europäisch. Er hiess Rainer und es stellte sich heraus, dass ich einem Landsmann begegnet war, seit zwölf Jahren lebte er in Bolivien und kannte hier, so er selber, “jeden”. Ob ich etwas zum Rauchen wolle. Nein danke, ich hatte keinen Bedarf. Aber ob er wisse, wie ich an einen kleinen 22er Revolver kommen könne? Er versprach mir, sich in seinem Bekanntenkreis umzuhören, und wir verabredeten uns für nachmittags um vier an einer Strassenecke. Kurz nach vier erschien Rainer und tischte mir eine seltsame Geschichte auf: sein Bekannter habe die Waffe, könne sie aber nicht persönlich vorbeibringen. Ich solle ihm einfach das Geld geben, und wir würden uns erneut zur Übergabe treffen. Ich machte ihm klar, dass daran gar nicht zu denken war. Ich schlug vor, er solle die Waffe holen, während ich im Hotel wartete. Im Hotelzimmer könnten wir dann auch die Bezahlung abwickeln. Doch das war ihm wieder nicht recht – sein Bekannter würde die Waffe nur gegen Bares herausrücken. So entschlossen wir uns nach einigem Gerede, zur Wohnung des Bekannten hinauszufahren. Wohl war mir dabei nicht, schliesslich verliess ich die Gegend um das Hotel und begab mich in unbekanntes Gelände. Rainer winkte einem Taxi, und wir fuhren über die grosse Avenida hinaus in einen der Randbezirke. Auf dem halbleeren Parkplatz eines Supermarktes hielten wir an. Selbstverständlich musste ich das Taxi bezahlen. Zudem hatte ich mit Rainer abgemacht, ihn ebenfalls für seine Beschaffungskünste zu entschädigen."

Viele Grüße,

Michael

AtzeAtari
02.11.2007, 22:50
:o *kopfschüttel*

SwissFlint
02.11.2007, 22:58
mitschüttel...
ich war in Bolivien... echt.. warum Waffe????
wer Waffe hat bekommt überall auf der Erde schneller ein Messer in den Bauch als man mit den Augen klappern kann...

edit: ich habe auf deiner HP weitere Seiten gelesen...

Wer Waffe tragen möchte, sollte wenigstens darin geübt sein, aber du schreibst ganz klar, dass du erst schiessen lernen musstest..

In Bolivien sollte man ganz einfach nix auf sich tragen in den Grossstädten... keine Brille, kein Schmuck, keine Uhr und nach Möglichkeit kein Geld... also alles lieber im Hotel lassen (dort ist uns nie etwas weggekommen)
Wird man von Strassenbanden umzingelt, dann sofort Blick auf den Anführer.. ihm einfach ruhig in die Augen schauen.. ganz leicht auf ihn zugehen.. immer in die Augen... und weg war die Bande und keine kam mehr wieder...

libero
03.11.2007, 00:56
seltsamer einstieg für nen reisebricht... :o

hikingharry
03.11.2007, 14:28
Ich denke, der Einstieg ist so seltsam, weil es der erste Tag des Reiseberichts ist, und irgendwie gehört das halt dazu.

Und er schreibt ja:"Und im Dschungel braucht man eine Waffe, dachte ich." (Hervorhebung von mir)

Also sehe ich ihm das mal nach. Außerdem habe ich den Rest der Story auf seiner Webseite gelesen, ganz gut geschrieben finde ich und durchwegs wert zu lesen. Schade, das es keine Fotos gibt.

Ansonsten sehe ich das mit dem Waffentragen so wie 'Trommeln'.

Gruß hikingharry

Rio
03.11.2007, 15:19
wow :wohoo::wohoo:
das ist super fürn drehbuch :bg:

Andreas L
03.11.2007, 19:57
Lest euch seinen Bericht ganz durch, bevor ihr urteilt (Tip an die, die das noch nicht gemacht haben). Er hat eine sehr extreme Tour durchgezogen - alleine noch dazu und seine Überlegungen was die Schusswaffe angeht, kann ich nachvollziehen.
Für mich käme es nicht in Frage, auf eine Tour eine Schusswaffe mitzunehmen - eher würde ich dann auf die Tour verzichten, wenn ich denken würde, dass es ohne nicht geht.
Aber seine Überlegungen und wie er mit dem ganzen umgegangen ist - das verstehe ich schon. Und sehr gut geschrieben ist der Bericht (und seine anderen) ebenfalls. Wenn auch leider nicht konsequent ausgearbeitet. Da wäre sehr viel mehr möglich.
Andreas

frot
03.11.2007, 23:03
bin grad auf seite 14 :o hammer geschichte. ließt sich wie ein abenteuer roman.
bei soner aktion kann ich das mit der schusswaffe auch verstehen.

libero
04.11.2007, 00:36
ist der komplette bericht auf der website? dann les ich den auch mal.

Rio
04.11.2007, 01:07
hab auch alles durchgelesen :D
sagte ja schon: super drehbuch...