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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [ES] Via de la Plata - 1.000 Kilometer Spanien pur (+ Fotos)



Werner Hohn
23.05.2007, 01:04
Region/Kontinent: Südeuropa
Land: Spanien
Reisezeit: Ende Februar bis Ende März 2007


http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/via.jpg

Warum eigentlich auf die Via de la Plata, auf diese uralte Handels- und Heerstraße über die schon Kelten und Römer, später die Mauren und viel später die Spanier gezogen sind?

Eroberer, Rückeroberer, Händler, Abenteurer und nicht zuletzt die Kämpfer für den wahren und einzigen Glauben - für welchen Gott auch immer – haben diesen Weg für ihre Zwecke angelegt, ausgebaut, genutzt und beschrieben. Im Mittelalter dann zogen Pilger über diese alte Route nach Santiago de Compostela, zum Grab des Apostels Jakobus.
Ein Jakobsweg also, wie viele andere in Europa? Nein, denn die großen Pilgerströme hat die Vía de la Plata nie gesehen. Der große Andrang hat sich immer auf die Routen im Norden Spaniens konzentriert, dort war der Weg frei. Das Land im Süden und Westen des spanisch-portugiesischen Teilkontinents durch welches die Via führt, war über Jahrhunderte im Besitz der Mauren und kam somit als natürlicher Pilgerweg nicht in Betracht. Nach der Rückeroberung Spaniens flaute die Pilgerbewegung nach Santiago de Compostela langsam ab und kam schließlich beinahe zum Erliegen. Nur vereinzelt wurden auf der Via de la Plata Pilger gezählt.

Das hat sich bis zu den heutigen Tagen nicht groß geändert. Während auf dem Camino francés, dem spanischen Pilgerweg, das Zählwerk in guten Jahren die Hunderttausender-Marke locker überspringt, ist auf der Via de la Plata von Massenandrang noch nichts zu spüren und es wird vermutlich so bleiben.
Vielleicht liegt das an den extremeren klimatischen Bedingungen (besonders im Sommer), auch sind wegen der geringeren Anzahl der Unterkünfte manchmal lange Etappen erforderlich, oder an der mit beinahe 1.000 km um gut und gerne 230 km längeren Gesamtdistanz, und nicht zuletzt mag die sehr einsame und oft raue Region nahe der Grenze zu Portugal viele Wanderer/Pilger davon abhalten sich auf diesen Jakobsweg zu begeben. Möglich ist aber auch das es einen ganz profanen Grund gibt: vielleicht ist die Vía de la Plata nicht „in“.

Warum also? Genau aus diesen Gründen. Und in Zeiten des Massentourismus war ich auf der Suche nach dem ursprünglichen Spanien, oder einer Ecke Spaniens, die sich noch nicht des Profit willens so weit nach den Vorstellungen der Urlauber verbogen hat, dass sie austauschbar geworden ist.
Ein Land wie es Norman Lewis in „Die Stimmen des alten Meeres“ und ganz besonders Cees Nooteboom in seinen Reisegeschichten „Der Umweg nach Santiago“ (kein Pilgerbuch) beschreiben. Auf der Vía de la Plata, auf dieser alten, unmodernen und dank neuer Medien wieder bekannten Pilgerroute, hoffte ich das alles zu finden.

Zudem ist die Strecke mit knapp 1.000 Kilometer lang genug um mindestens 4 Wochen unterwegs zu sein. Klimatisch passt dieser Jakobsweg auch wunderbar. Wenn es auch noch sehr früh im Jahr war (Februar 2007), auf ausgiebige Schneefälle wollte ich mich nicht einstellen – obwohl, es hat schon Jahre gegeben, in denen wegen Schnee ein Weiterkommen auf der Via nicht möglich war. Meine Hauptsorge galt dem Regen, genauer dem Dauerregen, denn irgendwann regnet es auch in einem der trockensten Regionen Europas. Laut Wetteraufzeichnungen leider im Februar und März.

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Spain2.png

Quelle für die Karte: Spanische Wikipedia (http://es.wikipedia.org/wiki/Imagen:Spain.png), Verlauf von mir

Alle Namen (bis auf Martín) sind geändert.

Andalusien

1. Tag: Sonntag, 25. Februar 2007 Anreise und Premiere
Etappe: keine
Tageskilometer: 0 Gesamtkilometer: 0

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Sevilla - Das Erbe maurischer Kultur, Die Mauer des Palast Reales Alcázares


Um es kurz zu machen: Mit Air Berlin von Köln-Bonn über Mallorca nach Sevilla. Dank frühem Flug komme ich schon gegen Mittag in Sevilla an. Die Flughafenhalle kann mit ihrer Größe und Baustil mit jedem deutschen Kleinstadtbahnhof konkurrieren. Dafür dreht mein Rucksack schon Kreise auf dem Gepäckband. Erst mal umschauen wie wir in die Stadt kommen und einen Stadtplan besorgen.

Wir? Ja, ich habe mich zum ersten Mal für so eine Tour mit jemanden verabredet, den ich nicht kenne. Michael, nicht ganz 30 Jahre alt und nach handwerklicher Ausbildung nun Student, und ich haben uns übers Internet verabredet. Zufällig reisen wir am gleichen Tag an.
Das reicht aus um die ersten Tage auf der Via gemeinsam anzugehen. Als eingefleischter Alleinwanderer oder wenn doch, dann mit meiner Frau, bin ich mal gespannt wer da kommt. Mit fast 50 Jahren bin ich 20 Jahre älter – mal sehen, wie es ausgehen wird.

Es kommt ein großer, sogar sehr großer Mann. Neuer Rucksack, neue Wanderhose, so gut wie neue Wanderschuhe, neuer Pilgerführer und einen neuen noch jungfräulichen Pilgerausweis hat er dabei. Wandererfahrung (wenn man von den kurzen Spaziergängen zum Einlaufen der Schuhe absieht) hat er keine, dafür den Willen diesen Weg bis zum Ende zu gehen und eine gute Portion Optimismus. Weil er auch bis Ostern durch sein muss (das Studium geht weiter), passt es auch in dieser Hinsicht.

Mit dem Bus fahren wir in die Stadt und zu Fuß weiter zur Jugendherberge. Unzählige Orangenbäume, die hier wie Unkraut am Straßenrand und in den Parks stehen, hängen voll reifer Früchte. Uns ergeht es wie wohl den meisten Leuten aus den kühleren Regionen Europas: Ob man die essen kann? Obwohl überreif, essen sollte man die nicht, so deuten wir die Geste eines Passanten, als Michael sich eine Orange pflücken will. Später erfahre ich, dass der überwiegende Teil der Orangen dieser Region nicht für den Verzehr geeignet sind. Die Lebensmittel- und Pharmaindustrie (u. a. Vitamin C in konzentrierter Form) sollen die Hauptabnehmer der Früchte sein.

Zum Glück ist die Jugendherberge nicht voll, denn obwohl Michael gebucht hat, liegt keine Reservierung vor. Auf mein Glück bauend, bin ich ohne Reservierung angereist. Man findet immer was. In der Not tut’s auch ’ne Absteige. Die Jugendherberge gehört aber zu den besseren Häusern dieser Art.

Nachmittags ist Stadtbesichtigung angesagt. Zudem wollen wir schon den ersten Kilometer der Via de la Plata hinter uns bringen. Morgen früh können wir dann direkt zum Stadtrand gehen und ohne Umweg die Wanderung nach Norden beginnen. Kurzer Blick in den Stadtplan und dann los. Alles kein Problem. Nur die Sonne, die steht da, wo sie um diese Uhrzeit, bei der Gehrichtung nicht stehen sollte. In der richtigen Annahme, dass sich wegen uns der Lauf der Gestirne nicht geändert hat, stellen wir fest, dass wir uns verlaufen haben. Weil ich mir die Navigation durch die Stadt untern Nagel gerissen hab’ („ ... als Ex-Segler und Vielautofahrer kein Problem!“) schaue ich mir das Blatt mal genauer an. Stimmt doch alles, bis ich den Nordpfeil entdecke. Die Karte ist nicht nach Norden ausgerichtet. Wir schaffen’s dann doch noch zur Altstadt. Mit einen stilgerechten Menü bei der amerikanischen Bulettenbude mit dem großen ‚M’ im Namen, eröffnen wir die kulinarischen Wochen, die vor uns liegen.

Danach geht es in die Altstadt. Weil Sonntag und dazu der Tag sich mittlerweile dem Abend nähert, ist beinahe alles geschlossen. Uns steht eh nicht der Sinn nach Museumsbesuchen und Kultur. Nachdem wir die Das-muss-man-gesehen-haben! abgehakt haben, geht’s auf die Suche nach den gelben Pfeilen, der Markierung der Via der la Plata. Wir werden noch unzählige sehen, aber der erste Pfeil ist ein Muss. Weil das Westportal der Kathedrale wegen Bauarbeiten nicht zugänglich ist (hier nimmt die Vía ihren Anfang) finden wir die erste Markierung an einem Laternenpfahl. Versteckt zwischen allerlei Zettel sind wir mehrmals daran vorbeigelaufen. Jetzt gibt es nur noch eins: den Pfeilen hinterher bis zur Brücke am Rio Guadalquivir, den wir morgen überqueren werden. Wir sind uns einig, dass auch das sein muss. Wenn schon die kompletten 1.000 Kilometer bis nach Santiago de Compostela, dann auch die ersten 1.000 Meter in der Innenstadt von Sevilla. Wir wollen noch einen Stempel der Kathedrale für unsere Pilgerausweise. Leider findet gerade ein Gottesdienst statt. Den Stempel sollen wir uns nach dessen Ende holen. Ein Stempel der Jugendherberge tut es auch, beschließen wir und machen uns auf den Rückweg.

Duschen, noch etwas quatschen und beschnuppern, dann ins Bett – das war der erste Tag. „Eigentlich nicht schlecht“, so mein erstes Resümee.

2. Tag: Montag, 26. Februar 2007 Endlich unterwegs!
Etappe: Sevilla – Guillena
Tageskilometer: 25 Gesamtkilometer: 25

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Vor-guillena.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/500/Furt.jpg
Hinter Santiponce, Die Furt vor Guillena


Wie jedes spanische Frühstück, auch das in der Jugendherberge ist bis auf den Kaffee nicht der Rede wert. Brot aus dem Toaster, Marmelade, süßes Törtchen und Butter – das war’s.
Noch mal ein kritischer Blick in den Rucksack, dann geht es endlich los. Immer am Ufer des Rio Guadalquivir entlang eilen wir der Brücke entgegen. Wir eilen wirklich. Mich treibt die Vorfreude auf die kommenden Wochen. Noch mehr treibt Michaels unglaubliche Schrittlänge, die, zusammen mit seinem schnellen Schritt, mich beinahe ans Fliegen bringt. Wenn ausreichend Pausen gemacht werden, stört es mich eigentlich nicht. Wir gehen mindestens 6 Kilometer in der Stunde. Weil er aus Gewohnheit nicht anders gehen kann, wird er es wohl durchhalten. 1.000 km geteilt durch 6, schon auf den ersten Metern fange ich mit dem Rechnen an …

Am Flussufer vor der Brücke hausen Obdachlose in Zelten und aus Sperrmüll gebauten Hütten. Auf den ersten Blick idyllisch, der zweite wirft Fragen auf von was die hier in Spanien leben? Der Tagesatz für Obdachlose ohne festen Wohnsitz wie bei uns in Deutschland, wird in Spanien unbekannt sein. Oder rekrutieren die andalusischen Großgrundbesitzer aus dieser Gruppe einen Teil ihrer Saisonkräfte? Größere Lager dieser Art habe ich schon vor Jahren zwischen den unendlichen Plastikgewächshäusern rund um Almeria an der Mittelmeerküste gesehen. Dort hausten illegale afrikanische Emigranten die, weil erpressbar und ohne fürsorgende Hand, für einen Hungerlohn dafür sorgten, dass in den wohlhabenden Regionen Europas billiges Gemüse auf den Tisch kommt. Nach Unruhen Ende der neunziger Jahre hat sich deren Situation zum Glück etwas verbessert. Schon an der Brücke habe ich den Gedanken an diese Problematik wieder verdrängt. Die Vorfreude auf die Wanderung überwiegt.

Michael braucht noch Geld. Während er sich am Geldautomaten vergnügt, fällt mir ein älter Mann mit einem kleinen Lederrucksack auf. Na, der wird doch wohl nicht? Ein kleines gelbes Buch (Wegführer aus dem Outdoorverlag) in seiner Hand sagt mir, dass er auch auf dem Weg ist. Es handelt sich um einen Holländer, der die Via de Plata gehen will. Er braucht nur noch einen Pilgerstempel aus einer nahen Bar. Zusammen mit seiner Frau hat er sich in einem Hotel in der Nähe einquartiert, und geht die ersten Etappen als Tagesetappen. Nach drei Tagen wird seine Frau zurück fliegen, und er wird mit einem großen Rucksack unterwegs sein. Angeblich ist er schon zu Fuß von Bonn nach Rom und von Holland nach Santiago de Compostela gegangen. Ich glaub’ ihm kein Wort. Er sieht eher nach einem Stempeljäger aus, der in der Heimat damit angeben will, dass er auf der Via de la Plata unterwegs war. Michael ist da anderer Meinung.

Die Vorstädte von Sevilla reißen uns nicht zu Stürmen der Begeisterung hin. Aus der Ferne grüßt das Gelände der Expo ’92 (Weltausstellung). Von der Brücke über dem schiffbaren Seitenkanal des Rio Guadalquivir sieht es so aus, als würden die ehemaligen Austellungsbebäude langsam verfallen. Als Angler fällt Michael sofort auf, dass es im Kanal Ebbe und Flut gibt. Wir sind etwas erstaunt. So weit im Inland? Bis uns einfällt, dass Sevilla im Mittelalter einen bedeutenden Hafen mit Anschluss an den Atlantik besaß, von dem ein Großteil der Schiffe ausliefen ohne die die Eroberung Lateinamerikas höchstwahrscheinlich anderes verlaufen wäre. Heute hat der Fluss seine Mündung weit in den Atlantik vorgeschoben. In der Stadt hatte ich nie das Gefühl in einer Hafenstadt zu sein, obwohl die Ladekräne sichtbar waren, denke ich auf der Brücke.

Viel wichtiger ist jedoch, dass sich das Gefühl des Unterwegsseins einstellt. Meist dauert es einige Tage bis dieses ungewohnte Gefühl da ist. Heute ist es schon am ersten Tag da. Es ist mehr als Freude und gute Laune. Ein innerliches Vibrieren, eine freudige Anspannung auf das Neue, Unbekannte, auf das was alles in den kommenden Wochen passieren wird. Das Alltagsleben, bestimmt von bürgerlichen Vorstellungen, von Banken und Versicherungen, von der Straßenverkehrsordnung, von der fälligen Reparatur am Auto, dem Wohlergehen der erwachsenen Kinder (die können ganz gut für sich sorgen), der Alltagspolitik, das alles wird nach wenigen Tagen bei mir zur Nebensache, das meiste belanglos. Wenige, dafür um so wichtigere Dingen treten in den Vordergrund. Wie wird das Wetter? Wie ist der Weg? Wo gibt es was zu essen? Wo schlafe ich heute Nacht? Mehr brauche ich nicht. Genug Zeit und Raum für andere Gedanken, Wünsche, Träume und Hoffnungen. Meditatives Gehen, neben der Lust an der Bewegung, der sportlichen Herausforderung und dem Kennenlernen neuer Menschen und Länder, sind einige der Gründe, die mich immer wieder auf lange Wege treibt.

Bis hinter Santiponce ziehen sich die Vororte. Hier empfehlen beide Wanderführer den Besuch der Ruinenstadt Itálica. Wie in allen Ausgrabungsstädten des untergegangen römischen Imperiums gibt es auch hier Steine zu sehen. Und wie so oft soll die Größe des Amphitheaters (hier 25.000) die ehemalige Bedeutung der Stadt dokumentieren. Dass hier zusätzlich noch zwei bedeutende römische Kaiser geboren wurden, kann uns auch nicht zu einem Besuch bewegen. Wir wollen bis zum Nachmittag in Guillena sein. Und hinter Santiponce soll endlich der Abschnitt durch die Städte und Dörfer hinter uns liegen. Ackerland und Ackerwege versprechen die Bücher. Ein klein bisschen Abenteuer soll es auch noch geben.

Bücher lügen nicht. Wie versprochen haben wir nun endlich breite Ackerwege unter den Füßen. Kein Verkehr, kein Lärm, auch keine Kurve. Immer geradeaus durch welliges Gelände. Um diese frühe Jahreszeit ist noch nicht erkennbar was hier in wenigen Wochen wachsen wird. Schnell gehen muss es auf alle Fälle. Im Sommer wird das hier alles verbrannte Erde sein. Bewässerungsanlagen sind jedenfalls nicht zu sehen, oder noch nicht.
Irgendwann kommt das versprochene kleine Abenteuer. Ein Furt muss überquert werden. Im Sommer kann man hier höchstwahrscheinlich trockenen Fußes durch gehen. Jetzt steht das Wasser bedeutend höher, wie hoch können wir wegen der trüben Brühe nicht erkennen. Wenn wir hier durch wollen, muss die Hose auf jeden Fall runter. Erstmal umsehen. 50 Meter weiter rechts wächst ein Baum so schräg übers Wasser, dass wir da, gelenkig wie wir sind, ohne große Umstände auf die andere Seite kommen.

Nachmittags treffen wir in Guillena ein. Der erste Weg führt zum einzigen Hostal. Alles voll, nix zu machen, lautet die freundliche Auskunft die wir am Tresen erhalten. Also Notunterkunft. Der zweite Weg führt uns ins Rathaus und der dritte zur Policía Local. Hier gibt es den ersten Stempel. Ungefragt drücken uns die Jungs den in den Pilgerausweis. Die kennen das überhaupt nicht anders. Wenn man den nicht haben will, wird man wohl in die Analen der Polizeistation eingehen. Später auf dem Weg sollte ich das noch öfter feststellen. Die Verbindung Mensch, Rucksack, Unterkunft, lies fast jeden zum Stempelkissen greifen.

Die Männer schließen uns die Notunterkunft auf. Im Pilgerführer steht was von der Sporthalle. Das man im Umkleideraum schlafen muss wird nirgends erwähnt. Für zwei Wanderer reicht der Platz aus, dass wir keinen Klo haben ist das einzige Manko. Die Polizisten können den Schlüssel nicht finden. Fürs kleine Geschäft ist das kein Problem. Aber das andere ... hinter den Büschen am Sportplatz? Die Bar fällt jedenfalls aus. Die macht früh zu.

Bei der Suche nach einem Lebensmittelladen treffe ich noch zwei Männer mit Rucksack. Hubert (69) und Marco (Anfang 40), Vater und Sohn kommen aus Belgien. Der Vater ist, wie wir bald erfahren, aus religiösen Gründen auf der Via unterwegs, der Sohn nimmt es eher sportlich. Die beiden gehen bis Salamanca. Für mehr reicht die Zeit nicht.
Wir gehen erstmal auf ein Bier oder Kaffee in eine Bar. Ohne dass wir es wollen, werden wir von einem Liebhaber des Stierkampfs in eine Diskussion verwickelt. Obwohl niemand von uns etwas gegen den Stierkampf gesagt hat, fängt der Spanier an, das Töten der Tiere aus Spaß zu verteidigen. Er verdient sein Geld als Fotograf. Unter anderem mit Bildern von den Stierkämpfen. Dem Spanier muss das ewige Meckern am Volksvergnügen ja mächtig an die Nieren gehen, wenn er es schon im Voraus verteidigt. Mir ist die Sache mit dem Stierkampf egal. Die mitteleuropäische Massentierhandlung ist auch nicht humaner.

Zum Abendessen in der Notunterkunft gibt es ein Livespiel der alten Herren auf dem angrenzenden Sportplatz bei Flutlicht. Etwas eng geworden ist es jetzt doch im Umkleideraum. Zum Glück hat Marco den Schlüssel für den Toilettenraum organisieren können. Die erste Etappe fordert ihren Tribut: Wir schlafen alle wie ein Stein.


3. Tag: Dienstag, 27. Februar 2007 Die erste Pilgerherberge
Etappe: Guillena – Castilblanco de los Arroyos
Tageskilometer: 18 Gesamtkilometer: 43

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Dehesa, Störche auf dem Kirchturm von Castilblanco de los Arroyos


Schon früh sind wir alle wach. Die erste Nacht von vielen, hoffe ich. Schlecht geschlafen habe ich nicht. Einzig das Lattenrost der Sitzbank, die als Bett erhalten musste, hat für eine Druckstelle gesorgt. Mich wundert, dass ich davon nicht wach geworden bin. Es tut richtig weh.
Nebenan schiebt der Wirt laut scheppernd das Gitter der Bar zur Seite. Für uns das Signal zum Kaffee. Herrlich! An der Theke hocken Männer vor einer Tasse Kaffee und warten auf den Bus, der sie zur Arbeit bringen wird. Michael und ich warten darauf, dass die beiden Belgier ihr ausgiebiges Frühstück beenden und dann geht es los.

Die heutige Etappe ist mit 18 km einigermaßen kurz, man könnte auch mittags starten. Aus einem unerfindlichen Grund haben wir es denoch eilig. Wir starten gemeinsam, aber Michael und ich lassen schon nach wenigen Metern Vater und Sohn hinter uns. Die für uns noch ungewohnten Kakteen, die zwischen Ort und Gewerbegebiet den Weg begrenzen, lockern das etwas langweilige Bild auf. Also wenn man jetzt auf der Stelle mal ganz dringend hinter die Büsche müsste, das dürfte Probleme geben! Dass der Weg anfangs nicht besonders schön ist, stört uns weiter nicht. Das wir den ersten Tag ohne Schwierigkeiten gemeistert haben, und die Freude am Unterwegssein macht das wett. Hinter einer schmuddeligen Gewerbehalle, aus der ein widerlicher Gestank dringt, wird auch die Umgebung besser.

Zudem steht die erste nennenswerte Steigung seit Sevilla an. Wir gehen durch eine noch junge Olivenbaumplantage. Ohne die schwarzen Wasserleitungen, die tatsächlich jeden Baum bewässern, hätte die Anpflanzung schon den ersten Sommer nicht überlebt. Die Zahl der Olivenbäume geht in die Tausende. An jeder Parzelle gibt ein kleines Schild Auskunft über die Anzahl der Bäume und die Sorte.

Am Gatter einer privaten Dehesa (beweidete Eichenlandschaft) ändert sich der Bewuchs schlagartig. Um uns sind grüne Wiesen, unter Korkeichen grasen Kühe und Kälber. An den Rändern kleiner Bäche und Tümpel wuchern Gräser und Sträucher um die Wette. Im Gegenlicht der Morgensonne wirkt die noch taunasse Hügellandschaft, als hätte sie jemand gerade erst erschaffen.
Wegen der ständigen Beweidung wirken viele Dehesas wie eine große Parklandschaft. Die Steineichen stehen in einem so großen Abstand, dass sich darunter eine geschlossene Wiesenlandschaft ausbreiten kann. Die Kühe, in Andalusien und der Extremadura sind es oft auch Schweine, verhindern das Hochkommen neuer Bäume und Sträucher. Im Sommer leiden auch die Dehesas unter der Gluthitze Südspaniens, dann ist alles braun und verbrannt. Jetzt aber, ganz früh im Jahr, ist noch alles grün. Vom bevorstehenden Wassermangel ist noch nichts zu sehen. Wie alle Paradiese, ist auch dieses endlich. Wir müssen auf eine Landstraße, die uns nach Castilblanco de los Arroyos bringt.

Den Schlüssel für die Herberge gibt es an der Tankstelle, in der Herberge knöpft und eine freundliche Frau 2 Euro für die Übernachtung ab und trägt die Nummern unserer Pässe ein. Für uns ist das alles noch ungewohnt. Wenn’s weiter so einfach ist eine Unterkunft zu finden, werde ich dabei bleiben, beschließe ich. Hin und wieder wollte ich auch mal in einem Hotel übernachten, so war meine Vorplanung. Und wenn es mal gar keine Übernachtungsmöglichkeit geben sollte, na ja, für diese Fälle ist ein Zelt im Rucksack. Wenn’s aber immer so einfach ist eine Pilgerherberge zu finden, wird das im Packsack bleiben.

Das ist sie also: meine erste richtige Pilgerherberge, nicht so eine Notunterkunft wie letzte Nacht. Ganz schön groß, relativ sauber, zwei Duschen, eine große Terrasse und ein richtiges Pilgerbuch.
Nach dem Duschen wird das durchgeackert. Ob es daran liegt das hier das erste Buch der Via ausliegt? Die Leute sind sehr mitteilsam. Viele lassen sich seitenlang über die ersten zwei Tage auf der Via oder über ihre Beweggründe aus. Wer gut zeichnen kann, hinterlässt ein Bild vom Weg (auf ein paar kann ich die Dehesa wiedererkennen) oder sogar einen kurzen Comic. Viele klagen übers Wetter: Im Frühjahr und Herbst über sintflutartigen Regen, der, wie man den Schilderungen entnehmen kann, meist über Tage anhält, oder über die Hitze im Sommer. Andere wiederum klagen über die Einsamkeit. Gestartet wie wir (oder sogar im Winter) also außerhalb der „Saison“, die auf der Via de la Plata um Ostern beginnt, fehlt es schon am zweiten Tag an Gesprächspartnern.

Als wir nach der Dorfbesichtigung wieder in der Herberge eintrudeln, sind auch die Belgier da. Weil es eine so schöne und auch kurze Etappe war, haben die gleich vier Pausen gemacht. Marco und Hubert kommen dann ins Erzählen. Hubert ist im letzten Jahr den ganzen Camino francés gegangen. 5 Wochen war er unterwegs. Beachtlich für einen Mann von 69 Jahren. Die Via möchte er nicht alleine gehen. Deshalb ist sein Sohn Marco dabei. Da dessen Urlaub begrenzt ist, reicht es nur für die Hälfte der Strecke. 2008 soll der Rest bis Santiago folgen. Bevor er 70 wird, möchte er noch mal da gewesen sein.

Abends gehen wir alle in eine Bar. Wie es sich für Mitteleuropäer gehört, stehen wir schon kurz nach 19 Uhr im Lokal. Keine Chance! Vor 21 Uhr gibt es nichts Warmes aus der Küche. Wir begnügen uns mit den kalten Häppchen aus der Theke.

Bei der Rückkehr in die Unterkunft treffen wir auf den fünften Pilger oder Wanderer. Martín, so stellt er schnell klar, ist als Wanderer, der aber auf die Compostela scharf ist, unterwegs. Im Schnelldurchgang tauschen wir unsere persönlichen „Daten“ aus. Woher? Wie lange unterwegs? Bis Santiago oder nicht? Mit wem unterwegs? Martín wurde in Guillena die Unterkunft verweigert. Das Hostal war immer noch voll und die Polizei hat sich geweigert die Notunterkunft zu öffnen. Gezwungenermaßen hat er eine Etappe von 43 km machen müssen. Nicht schlecht für den ersten Tag! Schlecht für seine Füße. Vier dicke Blasen, zwei davon unter den Fußsohlen, lassen ihn mehr kriechen als gehen. Das Martín spätestens nach zwei Tagen aufgeben wird, halte ich im Stillen für ausgemacht, und freue mich ein ganz klein wenig darüber, denn Martín schnarcht.

Fernwanderer
30.05.2007, 13:33
Wann gehts weiter?
Die spannenderen Etappen kommen ja wohl noch oder?

Grüße
Fernwanderer

Werner Hohn
30.05.2007, 15:51
Hallo Fernwanderer,

wenn du auf Blasen, 50-km Etappen und Strecken durch die Berge wartest, dann wird's noch was dauern. Im Augenblick bin ich total verplant und in zwei Wochen geht's in den Urlaub nach Frankreich. Bis dahin will ich hier die 200-km Marke gerissen haben.
Parallel zum Tagebuch wartet auch noch der Wiki-Artikel darauf das er fertig wird.

Und viel wichtiger: Ich muss mich endlich mal kürzer fassen! Bei 1.000 km endet das sonst im Unendlichen.

Gruß, Werner

Rajiv
30.05.2007, 15:58
@Werner:
Hier ist doch genug Platz, deswegen brauchst du dich nicht kürzer fassen. Aber mir ist klar, daß die ausführliche Variante eine riesige Menge Zeit zum Schreiben verschlingt(deswegen verstehe ich es, wenn du "abkürzt").

Auf jeden Fall hast du mein Interesse geweckt und einen weiteren Leser dazugewonnen!

Rajiv

Werner Hohn
31.05.2007, 23:39
4. Tag: Mittwoch, 28. Februar 2007 Warum ist der Kerl mit den Blasen vor uns da?
Etappe: Castilblanco de los Arroyos – Almadén de la Plata
Tageskilometer: 30 Gesamtkilometer: 73

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Landstrasse.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Naturpark.jpg
Landstraße hinter Castilblanco de los Arroyos, Im Naturpark El Berrocal


30 km versprechen alle Wegbeschreibungen (der spanische ist mit 500 m weniger etwas geiziger) für die heutige Etappe. Das bedeutet mal wieder frühes Aufstehen. Michael klebt sich vorsorglich seine Fersen ab. Die ersten Druck- und Scheuerstellen machen sich nun doch bemerkbar. Martín sticht sich kurzerhand mit dem Korkenzieher seines Taschenmessers die Blasen auf. Jod drüber und Pflaster drauf, die spanische Methode!
Bei den Belgiern gibt es wie jeden Morgen zuerst noch ein Frühstück mit Marmelade aus dem Glas. Bei dem Gedanken an das spezifische Gewicht von Glas tun mit vorsorglich die Schultern weh. Auf ein ausgiebiges Frühstück, das nach 2 Stunden seine Verlängerung erfährt, wollen beide nicht verzichten. Obwohl Vater und Sohn ohne Zelt unterwegs sind, wiegen ihre Rucksäcke bedeutend mehr als unsere. Der eine schleppt das Essen, der andere den Kocher, die Töpfe und eine Spiegelreflexkamera mit 40 Diafilmen.

Gemeinsam geht es schon sehr früh los. Die erste Hälfte der Strecke ist Landstraße auf der sich schon nach wenigen Minuten die kleine Wandergesellschaft auseinander zieht. Michael und ich vorneweg, gefolgt von Martín der trotz Blasen gut mithalten kann, hintendran die Belgier. Nach gut 2 Stunden machen Michael und ich die erste Pause. Wenige Minuten später ist der Spanier auch schon da! Noch ein paar Minuten später zieht das Team aus Belgien an uns vorbei! Bei dem Tempo, das wir beide vorlegen, wundert uns das doch sehr. Am Eingang zum Naturpark (endlich ohne Landstraße) ziehen wir wieder mit den Belgiern gleich, die sich aber zum zweiten Frühstück niederlassen. Endlich wieder in Führung. Am alten Gutshof machen auch wir unsere Pause. Wer zieht erneut an uns vorbei? Martín mit den kaputten Füßen! Den haben wir zwar schnell wieder eingeholt, aber immer wenn wir eine Pause machen, holt er uns wieder ein. Erstaunlich, besonders wenn man bedenkt, dass er ausgesprochen langsam geht. Meist gehen wir dann ein kurzes Stück gemeinsam, für ein längeres Stück reicht es nicht. Er geht uns viel, viel zu langsam.

Seit Verlassen der Landstraße sind wir im Naturpark El Berrocal unterwegs. Kleine Sträßchen und Wege, manchmal auch ein zugewachsener Wiesenpfad, ein Turm für den Feuermelder, ein kleiner etwas abseits liegender See, Bäche die Wasser führen, grüne Wiesen - kurz Andalusien wie ich es noch nicht gesehen habe. In wenigen Wochen wird das Land hier so aussehen wie ich es in Erinnerung hatte: braun und verbrannt. Noch aber blühen sogar Feld- und Wiesenblumen.

Martín holt uns bei der fälligen Pause am Fuß des kurzen aber steilen Anstiegs, der uns von Almadén de la Plata trennt, zum letzten Mal ein. Er wird die Führung für heute nicht mehr abgeben. Wir machen mal wieder Pause. Unser hohes Gehtempo macht sich so nicht bezahlt, denke ich.

Im Ort treffen wir auf den Vorstand der Asociación de Amigos del Camino de Santiago Via de la Plata, die Freunde der Via de la Plata. Noch sind meine lange verschütteten Spanischkenntnisse (es ist eh nur ein Grundwortschatz) nicht wieder zum Leben erweckt. Zu unserem Glück und zur Freude der Spanierinnen vom Verein (es sind nur Frauen in den Autos) ist eine Englischlehrerin darunter. Die erklärt uns zuerst den Weg zur Herberge und dann den Anlass, der sie in dieses Nest verschlagen hat. Jedes Jahr um diese Zeit fährt der Vorstand aus Sevilla hierher, um an der Stelle, an der der Gründer des Vereins gestorben ist Blumen niederzulegen.

José Luis Salvador, so sein Name, war der Mann der in jahrelanger, geduldiger Kleinarbeit seine Idee von der Wiederbelebung der Via de la Plata als Pilgerweg am Leben hielt und letztendlich wahr werden ließ. Gegen Widerstände vieler Landbesitzer und Kommunen fand er einen gehbaren Weg nach Norden. Er malte die ersten gelben Pfeile auf die sich noch heute alle verlassen, und er starb beim Malen eines gelben Pfeils an einem Herzinfarkt.

Warum wird dieser Mann in keinem deutschsprachigen Pilgerführer erwähnt? Und warum ebenfalls nicht, dass diese Bücher auf dem Originalhandbuch des Vereins zur Vía aufbauen? Ein deutscher Autor hat mit Sicherheit nicht den Weg ausgetüftelt.

Frisch geduscht sitzt Martin schon vor der Herberge. Anmelden, Stempel holen, den kleinen Obolus entrichten, unter die Dusche und Wäsche waschen. Routine stellt sich ein. Später trudeln auch die Belgier ein.
Vor 21 Uhr gibt es mal wieder kein Abendessen, für uns zu spät. Der kleine Lebensmittelladen freut sich über ein gar nicht so kleines Zusatzgeschäft, und wir stellen zum ersten Mal fürs gemeinsame Abendessen die Stühle vor die Herberge in die Sonne.

Martín will wissen wie weit wir am nächsten Tag gehen wollen. Auf seine Füße zeigend ist ihm sehr an einer kurzen Strecke gelegen. In El Real de la Jara gibt es eine Herberge, meint er. Das wissen wir anderen auch. 16 km sind uns zu wenig für den Anfang. Michael hat zwar nun auch die erste Blase an der Ferse, kommt aber sehr gut damit klar. Die Belgier wollen genau wie wir das gute Wetter ausnutzen und bis nach Monesterio gehen. Martín verdreht bei dem Gedanken die Augen und versucht mich zu überzeugen, dass wir mehr als genug Zeit haben. Theoretisch haben Michael und ich bis nach Ostern Zeit. Wir könnten also langsam machen. Aber das gute Wetter, der Spaß an den langen Etappen (jedenfalls bei mir) und die Gesellschaft der Belgier sprechen dagegen. Und wer will schon in der Osterwoche, während der Semana Santa (Heilige Woche), auf spanischen Pilgerwegen unterwegs sein? Da trifft sich halb Spanien! Wir jedenfalls nicht. Wenn wir dem Massenandrang gegen Ende der Tour ausweichen wollen, müssen wir etwas Tempo und Strecke machen - jedenfalls am Anfang. Nachdem Marco, der nach zwei Jahren Reisen in Südamerika ganz gut mit der Landesprache klar kommt, Martín das verklüsert hat, ändert der sein morgiges Ziel auf Monesterio. Wenn ihm auch die Blasen unter den Fußsohlen höllische Schmerzen bereiten, alleine möchte er auf keinen Fall gehen. Weil sonst niemand um diese Jahreszeit auf der Vía de la Plata unterwegs ist, hat er keine andere Wahl. Diese Nacht nimmt er zwei Kopfkissen und siehe da, es hilft: Martín schnarcht in dieser Nacht nicht.

Vorher muss er noch erklären warum er uns immer wieder überholt hat und vor uns in der Herberge war. Es ist ganz einfach: Er macht nur eine Pause, egal wie lang die Etappe ist. Weil er nicht frühstückt, ist nach circa 2 Stunden die erste und meist auch einzige Pause des Tags fällig. Ansonsten geht er sein Tempo. Langsam, Schritt für Schritt, das Tempo bestimmen die Schmerzen in den Füßen. Nach einer Pause sei der Wiederanlaufschmerz so groß, dass er bereitwillig aufs Rumsitzen verzichtet.

5. Tag: Donnerstag, 1. März 2007 Ein Hut muss her
Etappe: Almadén de la Plata - Monesterio
Tageskilometer: 36 Gesamtkilometer: 109

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Grenzburg.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Grenzburg2.jpg
Ruine an der Grenze zur Extremadura


Zwanzig nach sieben, noch ist der Tag nicht voll da, vom Dorf ganz zu schweigen, wieder sind wir gemeinsam unterwegs.
Weil es Streitereien wegen des Wegverlaufs gibt, die mittlerweile vor den spanischen Gerichten gelandet sind, wollen wir über die Landstraße nach El Real de la Jara. Einmütig warnen beide deutschsprachigen Wegbeschreibungen vor dem zwar schönen, aber leider auch privatem ersten Teilstück der heutigen Etappen. Die Besitzer einer Finca sind der Ansicht, dass es ihr Privatgrund sei und haben den Weg gesperrt. Angeblich unterstützt ein großer freilaufender Hund, der zudem noch recht bissig sein soll, ihren Standpunkt. Bis zur Klärung der Situation, so die Einheimischen, sollten Wanderer auf der Straße bleiben. Als Einheimischer wäre ich auch dieser Meinung. Warum Ärger mit dem Grundbesitzer, der im Ort wohl nicht ganz ohne Einfluss ist, Ärger riskieren. Uns ist es egal. Die landschaftlich schönere Strecke kommt eh nach kurzer Zeit auf die Landstraße.

Am Ortsrand streunen einige halbwilde Hunde zwischen den Hallen herum. Das werden doch wohl nicht die ... Erstmals hole ich meinen Trekkingstock aus dem Rucksack. Die anderen denken ebenso. Über das Zusammentreffen mit Hunden unterwegs verschwende ich in der Regel keine großen Gedanken. Entweder sie beißen oder sie beißen nicht, ändern kann man eh nichts. Die Hunde hier sind friedlich und suchen das Weite sobald sie uns bemerken. Schon seltsam, wie sich die Panikmache in den Pilgerbüchern (im Internet wurde auch gewarnt) und die Auskunft der Leute im Ort aufs eigene Verhalten auswirken.

Zwischen den Bäumen hält sich um diese frühe Uhrzeit noch der Bodennebel, der bald von der Kraft der Frühjahrssonne aufgelöst wird. Ohne dass ich es merke, verliere ich beim Fotografieren die Lesebrille. Mir fällt das erst bei der Pause hinter El Real de la Jara auf. Zurück und suchen? Viel zu weit und zu ungewiss wo es genau passiert ist. Es war zwar nur die billige Reservebrille mit der ich unterwegs in die Wegbeschreibung gucke, ärgerlich ist es doch. Ab jetzt muss das Lesen im Wanderführer ohne Brille funktionieren. Anfangs geht es so leidlich, später wird’s immer besser mit dem Lesen ohne Brille. Die teure bleibt im Rucksack. Wenn ich die auch noch verliere, bin ich aufgeschmissen.

In El Real brennt die spanische Sonne, obwohl noch nicht mal Mittag ist, schon wieder vom wolkenlosen Himmel. Meine Glatze braucht dringend Schutz. Michael will seinen Rucksack erleichtern indem er das erste Paket nach Hause schickt und macht sich auf die Suche nach der Post. Ich steuere das Geschäft mit dem Hausrat und Gartenartikel an. Im Schaufenster liegen Baskenmützen (was mich doch sehr wundert) und grüne Hüte aus Stoff. Meine Vorstellung bewegt sich eher im Bereich eines Strohhutes, ein Sombrero der meinem Kopf den nötigen Sombra (Schatten) verschaffen soll, muss hier doch zu haben sein. Leider gibt es nur das was im Schaufenster liegt. Baskenmütze fällt aus, es bleibt nur der grüne Rentnerhut. Mannomann! Damit in die Öffentlichkeit? Was soll’s! In der Not frisst der Teufel Fliegen. Bewehrt mit der Hutmode der 1960er Jahre verlasse ich den Laden und treffe prompt auf die zwei Belgier. Während wir in einer Bar einen Kaffee trinken und dabei auf Michael warten, zieht Martín vorbei. Das alte Spiel vom Vortag. Irgendwann findet sich auch Michael wieder und wir zwei ziehen weiter, die Extremadura lockt.

Extremadura

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Mann-Hut-Stein.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Extremadura.jpg
Mann mit Hut, Extremadura - grün und blau


Auf diese Region freue ich mich schon seit der Planung. Dünn besiedelt, unendliche Weiten, sowie verstreut liegende kleine Dörfer locken zum Glück keine Heerscharen Touristen an - trotz UNESCO-Welterbestätten in Mérida und Cáceres. Und Störche gibt es hier wie Sand am Meer. Die Kirchtürme sehen aus als seien diese Vögel die wahren Herrscher übers Haus unter ihnen.
Die wahren Herrscher auf dem Land sind, wie in Andalusien auch, die Großgrundbesitzer. Wenige, meist alte Familien, haben das Land nach der Vertreibung der Mauren unter sich aufgeteilt. Das Sagen auf den riesigen Latifundien haben meist die Gutsverwalter. Nur wenige Eigentümer leben das ganze Jahr auf ihrem Besitz, die meisten bevorzugen Sevilla, Salamanca oder Madrid.
Nebenbei bemerkt, diese unwirtliche und schon immer arme Region, war die Heimat einiger der größten Menschenschlächter die im Mittelalter Lateinamerika für die spanische Krone erobert haben. Hernán Cortes (eroberte Mexiko) und Francisco Pizarro (eroberte Peru) dürften nicht ganz unbekannt sein.

Hinter El Real de la Jara ist es dann soweit. Eine Ruine thront über dem Grenzflüsschen das Andalusien und die Extremadura trennt. Die Belgier sind auch wieder da. Natürlich müssen Bilder gemacht werden. Nicht nur von Ruine mit den Storchennester, auch der erste Granitquader muss gebührend festgehalten werden. Ab hier werden diese Steine uns durch die Extremadura begleiten.

Noch ist die Landschaft wie bisher auch. Steineichen, Steinmauern, Zäune, Wiesen, Schweine, Kühe, gelegentlich ein bäuerliches Anwesen. Nichts Besonderes, die ideale Umgebung um vor sich hin zu dösen. Irgendwann lässt Michael den Satz fallen, dass ER morgen früh um 6 Uhr starten möchte. Danach bin ich wach. Er möchte eine ganz lange Etappe gehen. Das schöne Wetter und so. Beim Zustand seiner Ferse kommen mir Zweifel ob das zu schaffen ist und hellhörig geworden bin ich auch. Endet heute unser gemeinsamer Weg? Ausgemacht war nichts. Einfach Losgehen und sehen wie lange es hält. Michael will die Vía unbedingt alleine gehen. Große Lust auf eine Solowanderung habe ich nicht unbedingt. Wir treffen zwar jeden Abend auf dieselben Leute, aber in den wenigen Tagen habe ich mich an den Kerl gewöhnt. Na mal sehen was noch kommt.

Vor der Autobahnbaustelle treffen wir wieder mal auf Martín. Er will wissen ob die Belgier noch hinter uns sind. Als Alleinwanderer will er nicht das Schlusslicht sein und er braucht die Gewissheit, dass er abends auf die anderen trifft. Wir, die jetzt vor ihm sind, könnten ja weiter gehen. In der Hinsicht können wir ihn beruhigen. In Monesterio ist an diesem Tag Schluss.
Spontan beschließe ich bis dorthin bei Martín zu bleiben. Die Anpassung an sein Gehtempo kommt beinahe einer Vollbremsung gleich. Jetzt, auf den letzten 4 oder 5 km müssen wir auch noch über die Autobahnbaustelle und im Anschluss auf dem Seitenstreifen der viel befahrenen N-630, den Berg hinauf bis nach Monesterio.
Am Ortseingang wartet Michael auf uns. Wir wollen in die Herberge. Leider ist die geschlossen worden. Warum? Die Hotelbesitzer werden vermutlich schon vorsorgen. Wenn in einem halben Jahr die Autobahn eröffnet wird, fällt das Städtchen in einen tiefen Dornröschenschlaf. Die LKW-Fahrer, die heute die preiswerten Hotels belagern, werden dann ausbleiben. Warum soll man also die Konkurrenz einer kostenlosen Pilgerherberge dulden? Pilger, die noch ein Nebengeschäft sind, werden dann zur höchst willkommenen Einnahmequelle. Verständlich. Wir ziehen ins erste Hotel am Ortsrand. Später kommen noch Hubert und sein Sohn dazu. Die haben eine Französin im Schlepptau. Die Frau ist in „falscher“ Richtung unterwegs. Sie geht von Zafra nach Sevilla.
Nach dem obligatorischen Rundgang durch den Ort gibt es abends zusammen mit den Belgiern das erste Menú del día. Bis auf den Preis (8 Euro) war es nicht so toll. Seit Stunden im Topf warm gehalten und im Akkord serviert.

So wie es aussieht, hat sich nach fünf Tagen eine kleine Gruppe gefunden, die zwar getrennt geht, abends in der Unterkunft aber immer wieder zusammen kommt.
Völlig ungewohnt ist das geheizte Hotelzimmer. Michael ist sich noch nicht sicher wie es am nächsten Tag bei ihm weiter geht. Zusammen mit mir, alleine weiter oder wegen der Blase an der Ferse einen Pausentag einlegen, diese Optionen hält er sich offen. Sicher ist nur, dass ich am nächsten Morgen wieder unterwegs sein werde.

Hexe
01.06.2007, 12:21
schön geschrieben und schöne Bilder, bitte weiter so....

Hoaxter
01.06.2007, 12:42
Werner, mach Dir keine Sorgen wegen dem Hut, die Wahl hast Du schon sehr stilsicher getroffen. :bg:

Gruesse,
Sven

Werner Hohn
01.06.2007, 21:22
@ Hexe Wenn marcus mir Zeit lässt. :ignore:

@ Hoaxter Der beste Kauf meines Lebens! :bg:

Werner

Werner Hohn
03.06.2007, 00:33
6. Tag: Freitag, 2. März 2007 Deutsch-Spanische Partnerschaft
Etappe: Monesterio – Calzadilla de los Barros
Tageskilometer: 28,5 Gesamtkilometer: 137,5

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Schweine1.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Fuente_de_Cantos.jpg
Schwarze Schweine, Fuente de Cantos



Der Wirt hatte uns den Tipp gegeben vor sieben Uhr zu frühstücken, später sei die Bude voll mit Fernfahrern. Also wieder früh raus. Michael bleibt aber liegen. Er kann sich immer noch nicht festlegen wie es mit ihm heute weitergeht. Ruhetag oder kurze Strecke? Von der superlangen Etappe, die er am Vortag noch ins Auge gefasst hatte, ist jedenfalls nicht mehr die Rede. Die Blasen an den Füßen. Eins ist aber sicher, heute trennen wir uns. Wir werden per SMS in Verbindung bleiben.
Michael wird die Vía alleine gehen (das hat er sich wohl von Anfang an vorgenommen, dass er das schaffen wird, bin ich mir sicher) und ich werde mal sehen bei wem ich hängen bleibe. Allzu groß ist die Auswahl ja nicht.

Als ich in die jetzt übervolle Bar des Hotels zurückkomme, sitzt Martín am Tisch und verarztet seine Blasen mit Jod und Pflaster. Er fragt nach meinem Begleiter. Oh je! Die Frage habe ich verstanden, aber das Problem mit dem Sprechen. Wenn Spanier nicht zu schnell sprechen, verstehe ich ihre Sprache ganz gut, aber selber sprechen, da wird’s eng. Vor gut 15 Jahren habe ich mal 3 Semester Spanisch an der Volkshochschule gehabt. Im Gegensatz zu einigen anderen Sprachkursen waren diese gar nicht mal so schlecht. Oft arten die Fremdsprachenkurse der VHS in Kaffeekränzchen aus; dank eines engagierten Dozenten konnte ich damals einiges lernen. Dabei halfen jede Menge Urlaubsreisen mit der Familie. Für den Urlaub an den Küsten und Tourizentren hat’s immer gereicht, die liegen jedoch auch schon wieder ein Jahrzehnt zurück.
Also, wie soll ich ihm die Situation erklären? Nach fünf Tagen in diesem Land sind wenigstens einige rudimentäre Sprachkenntnisse wieder da. Mit „Michael hoy no camino. Michael hoy hotel.“, ist das Wesentliche schon mal klar. Alles Weitere werde ich auf dem Weiterweg erklären, Zeit haben wir mehr als genug. Zum Glück biegt Marco um die Ecke und sorgt für etwas mehr Aufklärung. In Martíns Gesicht sieht es so aus als hätte er auf solch eine Gelegenheit gewartet.
Im Rausgehen verabschieden wir uns noch hastig von der Französin, die in die Gegenrichtung weiter geht (weil die Vía nur in Nord-Süd-Richtung markiert ist, ist das gar nicht mal so einfach), und ich renne schon auf den ersten Metern meinem neuen Partner davon. Das kann ja heiter werden. Wenn seine Füße wieder in Ordnung kommen, so hoffe ich, wird sich auch das Tempo erhöhen. Vorerst geht es langsam weiter. Zwei Dinge sind aber jetzt schon sicher: Sollten der Spanier und ich zusammenbleiben, dann werden sich meine Kenntnisse des landestypischen Idioms wieder erholen und vielleicht werde ich endlich mal das langsamere Wandern verinnerlichen. Vorgenommen hatte ich mir beides. Das erste Punkt fiel der Faulheit, der zweite der Gewohnheit zum Opfer.

Die Landschaft ist wie gestern Morgen auch. Auf grünen Wiesen, die von alten Steinmauern umfriedet sind, stehen locker verteilt Kork- und Steineichen, gelegentlich versperrt ein Gatter unseren Weg. Der Hingucker sind zweifellos die schwarzen Schweine, deren einziger Lebenszweck das faule Rumliegen zu sein scheint. Die Lieferanten für einen der besten Schinken Europas dürfen hier noch Schwein sein. Kein Mastfutter, kein enger, überfüllter Stall mit Spaltboden, kein Kunstlicht. Faul unter den Bäumen liegen, hin und wieder Eicheln, Gras, Kräuter und Dreck fressen, sich im Schlamm der Kuhlen suhlen und dabei stinken wie eine Sau, ein Bild, das ich bei uns schon lange nicht mehr gesehen habe. Natürlich gibt es auch hier Massentierhaltung, den besten und auch teuersten Schinken der iberischen Halbinsel liefern aber die Schweine aus fast freier Wildbahn. Seit Tagen hält der Schinken (meist frisch vom Knochen geschnitten), in Verbindung mit dem allgegenwärtigen weißen Brot, meine tägliche Kalorienzufuhr auf einem hohen Level.

Nach gut zwei Stunden ist die große Pause fällig. Und ich bin froh drum, irgendwie bin ich geschafft. Anstrengend sind nicht Tempo oder Höhenmeter (sind eh nicht nennenswert), die Unterhaltung, besser gesagt, der Versuch einer Unterhaltung strengt extrem an. Der plötzlich Umstieg von der gewohnten Muttersprache auf Fremdsprech geht zwar nicht in die Beine, macht den Kopf aber müde. Mein Begleiter spricht zwar schön langsam - seine eigentliche Muttersprache ist Mallorquin, der Dialekt der Insel Mallorca - das Spanische, genau genommen castellano, kastilisch – die Hochsprache Spaniens, ist auch für in eine Art Fremdsprache, in der er sich nicht jeden Tag unterhält. In den letzten Tagen konnte ich mehrfach beobachten, dass er bei Gesprächen mit Einheimischen nicht immer auf Anhieb verstanden wurde, es sei denn er sprach schön langsam und artikuliert. Das ist mein Glück. Mit einem spanischen Begleiter, der mit dem landesüblichen maschinengewehrartigen Sprachgewitter über mich hergefallen wäre, hätte ich schon lange kapituliert. Es ist auch so anstrengend genug mit den wenigen Worten, die bei mir noch präsent sind, eine halbwegs verständliche Unterhaltung zu führen. Dazu kommt die ungewohnte Aussprache. Das R muss gerollt werden und die Buchstaben am Wortende wollen auch ausgesprochen werden (für mich als Wortendeverschlucker eine kleine Tortur). Von den vielen Lauten, die eine lispelnde Aussprache erfordern ganz zu schweigen. Das Rollen und das Lispeln muss sein, fällt das weg, versteht selbst Martín so gut wie nix. Für die Frühstückspause schlage ich eine sprachliche Auszeit vor.

Im Schweigen versunken, finden uns die deutsch sprechenden Belgier vor. Mann, tut das gut! Die beiden haben Michael getroffen. Ganz langsam sei der unterwegs gewesen - die Schmerzen in den Füßen. Er wolle bis nach Fuente de Cantos (immerhin gut 20 km) und in der dortigen Herberge bleiben. Schön dass er wieder auf dem Weg ist. Wir anderen planen mit Calzadilla de los Barros, etwa 8 km weiter.

Die Belgier packen zur Pause den Kocher aus, für Martín und mich das Signal zum Aufbruch. Schlagartig ändert sich nun die Landschaft. Die Wiesen und Bäume weichen einer hügeligen Ackerlandschaft. Felder so weit das Auge reicht. Kaum ein Baum oder eine Mauer für den gelben Markierungspfeil. Schön übersichtlich ist es hier. Wenn wir auch langsam gehen, wir sind früh dran, in Fuente de Cantos reicht es für eine Pause in einer Bar. Der anschließende Weiterweg über eine breite Schotterstraße nach Calzadilla de los Barros ordne ich ohne Bedenken in die Kategorie „Trostlos“ ein. Ein paar stinkende, teils an verfallende Ruinen erinnernde landwirtschaftliche Anwesen, langweilige Felder, eine breite und staubige Schotterstraße, die als Rennbahn für Traktoren dient. Na ja, man kann nicht alles haben. Dafür scheint mal wieder die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. Und bis Calzadilla de los Barros ist es ja auch nicht mehr weit.

In der Gemeindeverwaltung gibt es den Schlüssel für die Herberge. Wir können den Rucksack da lassen und machen uns auf den Weg zum Ortsrand. Dort an der Landstraße gibt es ein Fernfahrerrestaurant das offen hat. Danach ist Warten angesagt. Die Gemeindeverwaltung hat bis 17 Uhr zu und damit kommen wir nicht an unsere Rucksäcke. Pünktlich macht der Bürgermeister die Tür auf und mit den Belgiern geht es zur außerhalb gelegenen Unterkunft.

Abends machen Hubert und ich uns auf den Weg zur Kirche im Ort. Das bedeutet einen zusätzlichen Weg von beinahe 2 km hin und später wieder zurück, aber in der Kirche gibt es ein sehenswertes dreiteiliges Altarbild im Mudéjar-Stil. Angeblich soll um 19 Uhr eine Messe stattfinden. Weil die Kirche verrammelt ist, so gut wie jede Kirche in dieser Region ist verschlossen, sind wir auf den Pfarrer angewiesen, doch der will nicht kommen. Wo kein Pfarrer, da keine Messe; die Tür zur Kirche bleibt zu. Hubert und ich machen uns unverrichteter Dinge auf den Rückweg zur Herberge. Wenn man mal was für die kulturelle Bildung tun will.


7. Tag: Samstag, 3. März 2007 Der Tag endet mit einer faustdicken Überraschung
Etappe: Calzadilla de los Barros – Los Santos de Maimona
Tageskilometer: 28 Gesamtkilometer: 165,5


http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Ziegen.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Zafra.jpg
Ziegen im Weinfeld, Zafra



Vater und Sohn aus Belgien wollen Zafra besichtigen. Das heißt für alle früh aufstehen. Wir, also der Rest, könnten zwar noch liegen bleiben, denn obwohl wir immer noch langsam unterwegs sind, brauchen wir für 28 km nicht den ganzen Tag. Die Zeit, die wir für die Stadtbesichtigung benötigen werden könnten wir locker rauslaufen. Die Etappeneinteilung mit nur einer, maximal zwei Pausen kommt mir dabei entgegen. Wenn ich alleine auf Wandertour bin, halte ich es schon immer so. Man ist halt früher am Ziel. Was sich jetzt geändert hat ist die Geschwindigkeit. Es dauert zwar etwas länger, dafür komme ich aber ausgeruht an.

Wir könnten also, wenn wir wollten noch, im warmen Schlafsack bleiben, aber wir brechen schon die ganze Woche gemeinsam auf. Warum heute Morgen eine Ausnahme machen?

Weit vor sieben Uhr sind wir schon unterwegs. Im Ort schläft noch alles. Wie abgesprochen werfen wir den Haustürschlüssel der Herberge durch ein offenes Fenster der Gemeindeverwaltung. Noch im Ort fängt sie an, die Pfeilesucherei im Dunkeln. Mit zwei lichtschwachen Stirnlampen nicht unbedingt das größte Vergnügen. Aber wie jeden Tag, irgendwann wird es auch heute wieder hell.

Irgendwie ist bei mir die Luft raus, die Motivation ist im Keller. Das grüne, weite Tal durch das wir anfangs wandern, geht in eine langweilige Felderlandschaft über. Wenn der Weinanbau nicht wäre, der für ein bisschen Abwechslung sorgt, könnte man von landwirtschaftlicher Einöde sprechen. Weil es leicht hügelig ist, fehlt zudem meist der weite Blick übers Land.

Hubert und sein Sohn machen heute Morgen vor uns Pause. Martín und ich haben nichts mehr im Rucksack. Wir brauchen unbedingt einen Laden und den finden wir in Puebla de Sancho Perez. Klein, eine Theke, zwei Kühltruhen, dahinter eine nicht mehr ganz junge Frau und hinter ihr alte Regale bis zur Decke. Sie hat frisches Brot, Schinken, den sie vom Knochen runter schneidet und Cola, dazu zwei Äpfel. Mehr brauche ich mal wieder nicht. Martin ist mit ungefähr der gleichen Bestellung dabei. Die Frau freut sich trotzdem. Noch hat die Pilgersaison nicht begonnen und ihr kleines Geschäft ist weit von der Dorfmitte entfernt wo es größere Läden gibt. Da sind Pilger ein gern gesehenes Zusatzgeschäft.
Nach der Pause stehen die letzen Kilometer bis Zafra an. Auch hier gibt die Landschaft nicht viel her. Einzig die Wegführung zwischen den Bahngleisen, mit gelegentlichen Überquerung der selbigen, sorgen für eine gewisse Abwechslung. In Deutschland undenkbar. Wanderer mit Rucksack, die im Bahnhofsgelände auf offiziellem Weg die Gleise überqueren. Hier stört sich niemand daran.

Zafra, so steht es in den Pilgerführern ist eine Besichtung wert. Da waren sich die deutschen und spanischen Ausgaben einig. Martín und ich auch. Natürlich wollen wir die Innenstadt besichtigen. Nur genau wie bei mir, ist auch bei ihm eine gewisse Unlust spürbar. Körperlich fehlt uns nichts, bis auf Martíns Blasen. Seine Motivation ist genau wie meine auf einen niedrigen Stand gesunken. Wir beschließen Zafra sich selbst zu überlassen. Das neue Ziel ist Los Santos de Maimona, etwas mehr als 4 km weiter auf der Vía de la Plata.

Wir müssen zur Políca Local, die irgendwo im Ort versteckt ihr Gebäude hat. Bis wir das gefunden haben ist Mittag. 6 Euro wollen die sehr freundlichen Polizisten von jedem. Wie es sich gehört werden die Pässe kopiert, dann gibt es den Schlüssel. Sollten wir am nächsten Tag in aller Frühe aufbrechen, sollen wir den durch den Spalt der Eingangstür werfen. So einfach ist das hier. Wir bekommen noch einen Tipp wo es ein gutes und preiswerte Mittagessen gibt und schon sind wir entlassen.

Der Speiseraum in der „Bar Rosa“ ist noch nicht geöffnet. Wir sind willkommene Beute für die Dauergäste an der Theke. Woher (Martín wird wegen seines Akzents meist für einen Franzosen gehalten)? Von wo? Bis wohin? Wie lange? Natürlich sind alle Experten. Von hier nach Santiago – zwei Wochen, maximal drei. Als ich schüchtern etwas von 1.000 km einwende, wird das mal schnell mit dem Argument, dass man nicht alles zu Fuß gehen muss, beiseite gewischt. Doch wo die Via hier im Ort verläuft, kann keiner sagen. Damit gleichen sie den meisten Thekenexperten - und das weltweit. Um halb drei, zur besten spanischen Mittagszeit, ist die Küche so weit. Wir können essen. Bis wir damit durch sind, sind die Geschäfte geschlossen. Dass Samstag ist haben wir mal wieder vergessen. Die Tankstelle am Weg zur Unterkunft hilft uns aus dem Dilemma. Wasser, Limo, Kekse, Schokolade – die Standard-Notfallversorung der meisten Wanderer/Pilger.

In der Unterkunft die tägliche Routine: Duschen, Wäsche waschen, Tagebuch schreiben, der allabendliche Blick in die Wegbeschreibung was der nächste Tag so bringt. Marco und sein Vater kommen später am Abend auch noch. Die haben sich für Zafra Zeit genommen. Die Bilder ihrer Digiknipse zeigen, dass wir was verpasst haben. Wenigsten ein Anlass mal wieder hier her zu kommen.

Wir rätseln wo Michael steckt. Mit den Blasen an den Füßen wird er vermutlich kurze Etappen gehen. Weit gefehlt. Wir hätten an Martín denken sollen. Obwohl dessen Füße immer noch schmerzen, geht der problemlos längere Etappen.
Die SMS, die Michael mir sendet, macht klar, dass wir falsch liegen. Er hat uns überholt! In einem Gewaltmarsch ist er von Fuente de Cantos bis nach Villafranca de los Barros durchgegangen. Gut und gerne 45 km. Er ist schon um 5 Uhr in der Früh gestartet und hat uns, vermutlich als wir uns aus den Schlafsäcken schälten, überholt. Martín hat ihm schon vor Tagen aufgrund seines hohen Tempos den Spitznamen „Michael Schumacher“ verpasst, den wird er jetzt nicht mehr los werden.

Neben der Dorfjugend gibt sich noch die Polizei die Ehre und als es dunkel ist liegen alle, sogar Martín, der ganz scharf auf den Fernseher (ein wahrer Luxus für eine Herberge) war, in den Stockbetten. Morgen steht für uns ebenfalls eine Marathondistanz an.


8. Tag: Sonntag, 4. März 2007 Langstreckentraining
Etappe: Los Santos de Maimona - Torremejía
Tageskilometer: 43 Gesamtkilometer: 208,5


http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Villafranca2.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Kiche_Villafranca.jpg
Villafranca de los Barros



Wieder sind wir vor Sonnenaufgang auf den Beinen. Rot geht die Sonne über den Hügeln auf. „Morgenrot, schlecht Wetter droht“ mit der Wetterregel aus Deutschland versuche ich Hubert auf einen Wetterumschwung einzustimmen. Mit seinem lapidaren Kommentar „Das Wetter versteht hier kein Deutsch“, sollte er recht behalten. Früh am Morgen ist es mal wieder kalt, sobald die Sonne aufgeht, wird das Thermometer wieder an der 25-Grad-Marke kratzen.

Hubert und Marco haben entgegen der gestrigen Planung ihr Tagesziel geändert. Sie steuern jetzt Almendralejo, gut 4 km neben der Vía, an. Hubert will sich mit seinen fast 70 Jahren keine Etappen von 40 und mehr Kilometer zumuten. Das kann ich nachvollziehen, schade ist es aber doch. Ich freue mich jeden Tag über das Eintreffen der beiden in der Unterkunft. Mein Spanisch macht zwar Fortschritte, nur, es wäre Vermessenheit von einer Unterhaltung zu reden. Der Meinungsaustausch mit den Belgiern, besonders mit Hubert, ist ein liebgewordener Abschluss des Tages geworden. Na mal sehen was Martín davon hält. Er hält nicht viel davon. Ihm liegt das Städtchen zu weit vom Weg weg. Eine Herberge gibt es da auch nicht. Wir bearbeiten ihn solange, bis er einstimmt. Wir werden uns per SMS im Zentrum verabreden.

Bevor es so weit ist müssen wir erst mal aus dem Ort raus finden. Gar nicht so einfach. Ein Autofahrer gibt uns den Tipp wo wir wieder auf die Pilgerroute treffen. Die Landschaft, die nun folgt ist geradezu prädestiniert für eine lange Wanderung. Leicht wellig, fest und breit sind die Wege, die durch Haine mit jungen Olivenbäumen und endlosen Feldern mit Rebstöcken, die sich hinter der nächsten Hügelkuppe ins Unendliche fortzusetzen scheinen, führen. Sollen wir doch bis zum ursprünglich geplanten Etappenziel durchgehen? Die Entscheidung wird fürs Erste auf die lange Bank geschoben. Am Abzweig nach Almendralejo werden wir uns entscheiden.

Vorerst landen wir in einem kleinen Lebensmittelladen in Villafranca de los Barros. Wir haben Glück gehabt. Es ist Sonntag und da hat auch in Spanien so gut wie jeder Laden zu, jedenfalls auf dem Land. Schnell bin ich mal wieder als Deutscher identifiziert; und schon erfahre ich wo die halbe Verwandtschaft im ach so fernen Alemania das Geld verdient mit dem die andere Hälfte der Familie hier am Leben gehalten wird. Auch bei der anschließenden Frühstückspause auf dem Kirchplatz werde ich schnell ins richtige Land eingeordnet. Meist fragen ein paar neugierige Kinder woher wir kommen. Uns wurde es auf Dauer zu langweilig direkt darauf zu antworten. Ganz so einfach wollen wir es den Kindern nicht machen. Jeder von uns spricht ein oder zwei belanglose Sätze und die Kinder sollen dann raten woher wir kommen. Bei mir ist das schnell klar, Martíns Herkunft wird mal wieder in allen Ecken der spanisch sprechenden Welt vermutet. Wenn den Kindern aufgeht, dass er aus Mallorca kommt, können sie es nicht fassen, dass dort eine „Fremdsprache“ gesprochen wird. Warm geworden, trauen sich die Jungs an der Kirche von Villafranca noch mehr zu fragen. Wir müssen aber weiter. Beim Aufbruch zeigen wir ihnen ihre nächsten Opfer – Hubert und Marco biegen um die Ecke.


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Endlos - Weinreben und Landschaft im Tierra de Barros



Am Ortsrand beginnt es nun, jenes Lehmland (so die wörtliche Übersetzung von Tierra de Barros), bei Regen passt auch die Übersetzung Schlammland. Geografisch gesehen befinden wir uns schon länger im Lehmland, ab hier ist es aber das was ich mir darunter vorgestellt habe. Schnurgerade Reihen mit Weinreben ziehen sich links und rechts des Weges bis zum Horizont dahin. Ich bin dankbar für jeden Baum und jeden Busch. Ein verfallener Brunnen, ein Traktor der über den breiten Hauptweg rattert, ein Stein mit dem gelben Markierungspfeil, viel ist es nicht, man muss halt die Ansprüche runterschrauben. Jetzt, so früh im Jahr sind die Rebstöcke nach dem Schnitt noch sehr klein, später im Sommer oder sogar im Frühherbst wenn die Weinlese ansteht, mag diese Landschaft ihre Reize haben. Im Augenblick ist sie langweilig. Jeder Abzweig wird mit Dankbarkeit begrüßt, sogar die dunklen Regenwolken am Himmel. Wir hoffen das uns der Regen nicht erwischen wird. Wenn es hier richtig regnet, dann werden wir den Lehm nicht mehr von den Schuhen bekommen, vermuten wir. Stur traben wir nach Norden. Unsere Gespräche, wenn man es so nennen will, haben wir schon lange eingestellt. Es ist nicht die physische Belastung des Gehens, die Monotonie der Monokulturen in Verbindung mit dem geraden und breiten Weg geht uns aufs Gemüt. Heute ist eine zweite große Pause fällig.

Im Straßengraben hockend fällt die Entscheidung. Wir gehen durch bis Torremejía. Die am Horizont auftauchende Silhouette von Almendralejo mit rauchenden Industrieanlagen, sieht nicht besonders einladend aus. Marco und sein Vater werden mit einer SMS benachrichtigt und wir nehmen die letzen 10 km in Angriff. Es wird ziemlich öde. Wie gehabt, ein breiter und schnurgerader Weg dessen Eintönigkeit durch eine parallel verlaufende Hochspannungsleitung noch verstärkt wird. Heute wollen wir mal auf Nummer sicher gehen und telefonisch nachfragen ob die private Herberge in Torremejía um diese Jahreszeit schon geöffnet hat. Hat sie nicht! Es soll ein Hostal geben. Wir lassen uns überraschen. In meinem Rucksack steckt ein Einmannzelt. Es reicht wirklich nur für einen Erwachsenen, versuche ich meinem Begleiter klar zu machen. Ihm ist es egal, er pennt zur Not auch unter dem Vordach eines Hauses. Wir haben uns umsonst Gedanken gemacht. Das Hostal ist nicht geschlossen und hat ein sauberes Zimmer zu einem akzeptablen Preis. Das voll geheizte Zimmer (für die Spanier ist alles unter 20° Winter) nimmt uns fürs Erste den Atem. Wir sind mehr als eine Woche unterwegs und den Annehmlichkeiten einer Heizung oder der hier allgegenwärtigen Klimaanlagen, längst entwöhnt. Wenn es kalt oder dunkel wird kriechen wir in den Schlafsack. Am frühen Abend gibt es doch noch Regen. Mit dem Regen kommen die Belgier an. Auch sie waren vom Anblick Alemendralejos nicht begeistert, zumal wenn man 4 km Umweg machen muss.

Abends treffen wir uns auf ein Bier und einen Kaffee in der lauten Bar. Wir sind uns einig, dass die Marathonstrecke so schlimm nicht war. Sogar unser Senior fühlt sich immer noch fit.
Einige Fußballspiele auf dem Großbildfernseher nehmen wir noch mit; und dann geht es gegen 23 Uhr ins Hotelbett, für uns gänzlich ungewohnt. Normalerweise schnarchen wir um diese Uhrzeit schon lange. Der Schlafsack kann diesmal im Rucksack bleiben.

Für morgen früh hat der Wetterbericht wieder Sonnenschein versprochen.
Von Michael kommt noch eine SMS. Er ist schon in Mérida und wird dort einen Ruhetag einlegen. Seine Füße brauchen Erholung, zudem ist er auf Shoppingtour. Wir werden uns morgen also sehen. Ich bin mal gespannt.

marcus
03.06.2007, 14:15
Im Rausgehen verabschieden wir uns noch hastig von der Französin die...




:shock: Ach, von sowas enthälst du uns die bilder vor...wart nur ab :gosche:

:bg: :wink:

Sam
03.06.2007, 15:55
Danke für den schönen Wanderbericht. Vor allem die emotionalen Eindrücke machen den Bericht lesenswert (den Schracher loswerden etc.).

jasper
03.06.2007, 17:16
Ja, da werde ich mal wieder neidisch. Sollte echt mal gucken, dass ich selber meinen Arsch hoch bekomme und loslaufe!

MfG,

jasper

Harry
03.06.2007, 21:41
Hmmm, ich will auch wieder los. Hätt ich doch nur mehr Urlaub.
Fernweh und Sehnsucht kommen da wieder hoch wenn man das liest.
Viele Ereignisse und Erlebnisse usw. sind glaube ich auf den Caminos gleich.
Bei mir sahs auf dem Küstenweg mit den Geschichten ähnlich aus.
Vierer Gruppe plus Wanderpilgerbewacherschmusehund, breite endlose Wege und sonst nichts, sinkende Motivation bei scheiss Wetter und dann mittags die Bar mit viel Rotwein.

Nur weiter so.
Der Hut geht doch, wir hatten die abgezipten Hosenbeine auf dem Kopf nach einer Flasche Rotwein.

Gruss Harry

Werner Hohn
05.06.2007, 11:01
Danke für die Blumen.

@ marcus Auch auf die Gefahr hin das ich jetzt einen Leser verliere :wink:, dass war's mit den Frauen. Der Rest ist eine reine Männersache gewesen.

@ Jasper Die Vía ist eine ideale Fahrradstrecke. Es gibt nur wenige Stellen wo man aus dem Sattel muss.

@ Harry Der Hut geht sogar mit nach Frankreich. Gibt es von dir einen Reisebericht? Es muss ja kein langer werden, eine kleine Zusammenfassung und ein paar Bilder würden schon reichen. Wäre bestimmt interessant, der CdN wird ja nicht so häufig begangen. Planst du schon einen neuen Camino?

So, hier ist jetzt Pause. In 2 Minuten fahre ich nach Grebenhain und am Donnerstag geht es für 3 Wochen nach Frankreich. Danach gibt es die Fortsetzung.

Hasta luego, Werner

Werner Hohn
30.07.2007, 22:50
9. Tag: Montag, 5. März 2007 Halbtagswandern
Etappe: Torremejía - Mérida
Tageskilometer: 16,5 Gesamtkilometer: 225

http://fotos.outdoorseiten.net/data/28/Roemerbruecke-M.jpghttp://fotos.outdoorseiten.net/data/500/Diana-Tempel1.jpg
Mérida - Römerbrücke und der Tempel der Diana



Obwohl es bis Mérida nicht sonderlich weit ist, sind wir alle um 8 Uhr schon wieder unterwegs. Im Zimmerpreis war das Frühstück nicht drin und sogar für eine Tasse Kaffee verlangt der Wirt einen Aufschlag. Wir sind in dem Punkt anderer Meinung und ziehen von dannen.
Nach dem Regen gestern Abend ist es heute früh kühl und feucht. Bis zur ersten und einzigen Pause bleiben die zwei Belgier bei uns. Ein ausgebranntes Autowrack ist der ideale Pausenplatz – Sitzplatz und Tisch in einem. Nach der Rast drücken Martin und ich mal wieder aufs Tempo. Besondere Herausforderungen oder Schwierigkeiten hat die heutige Strecke nicht zu bieten, wir könnten den Tag mal gemütlich angehen, aber für Mérida mit seinen römischen Hinterlassenschaften (Tempel, Brücke, Theater) habe ich mir einen halben Tag Wanderauszeit vorgenommen. Und ich freue mich auf das Wiedersehen mit Michael. Der kuriert in der Pilgerunterkunft seine Blasen.

Je näher Martín und ich der Stadtgrenze kommen, desto öfter versucht er mich auf eine Verlängerung der Etappe einzustimmen. Nach einem kurzen Rundgang durch Mérida will er bis Aljucén weitergehen. Mir steht der Sinn jedoch nach Besichtigung, Stadtbummel und Abhängen. Als er erkennt, dass ich in Mérida bleiben werde, äußert Martín die Befürchtung, dass ich mit Michael die Tour fortsetzen könnte. Daher also weht der Wind! Das ist der Grund warum er die Etappe verlängern will. Damit würden wir höchstwahrscheinlich ein Treffen mit Michael vermeiden. Es dauert bis ich ihn davon überzeugt habe, dass wir beide am nächsten Morgen wieder gemeinsam auf der Piste sein werden. Ob mit Michael oder ohne ist egal. Eher ohne ihn, davon bin ich felsenfest überzeugt. Michael hat sich vorgenommen den Weg alleine zu gehen (jedenfalls den größten Teil) und wird das auch umsetzen. Wenn das leidige Sprachproblem nicht wäre, könnte ich das Martín in wenigen Minuten erklären, so dauert es bis zur alten Römerbrücke, die über den Fluss Guadiana in die Stadt führt, bis er mir halbwegs glaubt.
Martín, 9 Jahre älter als ich, hat sich mit 59 selbst in den Ruhestand geschickt. Seine Kinder sind schon lange keine Kinder mehr und studieren auf dem spanischen Festland, und seine Frau ist ganz froh wenn sie ihn mal für einige Wochen vom Hals hat.
Er hat zur richtigen Zeit auf der Ferieninsel Mallorca in Immobilien investiert und lebt nun ganz gut davon. Er klagt zwar ständig, dass der Staat ihm nichts übrig lässt, diese Art von Klagen dürften weltweit aber gleich lauten, am Hungertuch nagt er jedenfalls nicht. Im letzten Jahr ist er in 3 Wochen von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela gegangen. Nicht schlecht für den kompletten Camino francés. In diesem Jahr ist es die Vía de la Plata die er sich vorgenommen hat.

Es ist schon seltsam. Vor wenigen Tagen habe ich darauf spekuliert, dass Martín wegen seiner Blasen aufgibt und damit das Thema Schnarchen erledigt ist. Heute, nach einer guten Woche gemeinsamen Wanderns, bin ich froh, dass wir gemeinsam unterwegs sind. Das Schnarchen hat er im Griff. Zwei Kopfkissen oder Matratzenkeile wirken Wunder. Wenn gar nichts hilft, warte ich ein Schnarchpause ab und bin weg im Tiefschlaf. Das wichtigste ist aber, dass wir zusammen passen. Wir haben ungefähr die gleiche Art zu Wandern. Früh los, nur wenige Pausen und wir beide benötigen auch keine permanente Unterhaltung. Unser Sprachproblem ist somit eigentlich keins, eher ein Pluspunkt. Genau wie ich, ist er nicht als Pilger unterwegs. Er legt allerdings gesteigerten Wert auf den Erhalt der Compostela. Mit der Pilgerurkunde, die es in Santiago am Ende der Tour geben wird, kann man in der spanischen Gesellschaft noch immer einen guten Eindruck machen. Mit zwei dieser Urkunden erst recht, so glaubt er. Mein Eindruck ist, dass er Spaß am Vagabundenleben auf Zeit hat und dass unter dem Deckmantel des Pilgerns ganz gut verstecken kann.

Gegen Mittag sind wir in der Pilgerherberge am Ufer des Guadiana. Michael ist nicht da, kommt aber wohl jeden Augenblick zurück, so die Auskunft des Hospitalero. Duschen, Wäsche waschen (die nachher an der Uferpromenade in der Sonne hängt) , dann esse ich endlich die rote, scharfe Wurst die mit ihrem Gewicht seit über 100 km als eiserne Reserve auf meinen Schultern lastet. Vater und Sohn aus Belgien sind mittlerweile auch eingetroffen und verlängern die Wäscheleine um ein paar Meter.
Als Michael endlich eintrudelt machen wir uns auf den Weg. Das historische Mérida wollen wir uns ansehen. Leider, daran hat mal wieder niemand gedacht, ist Montag und montags sind in beinahe ganz Europa die Museen zu, in Spanien sogar die Ruinen. Ein Blick übern Zaun muss reichen.

Für den nächsten Tag ist mal wieder ein Start in der „Großgruppe“ angesagt. Martín und ich wollen nach Alcuéscar, Michael ebenfalls und die „dos belgas“ haben vor in Aljucén den Tag zu beenden. Nachdem sie den Preis für die dortige Unterkunft erfahren (42 Euro), ändern die ihren Plan und werden auch bis Alcuéscar pilgern.

10. Tag: Dienstag, 6. März 2007 Nur ein Weitwanderweg?
Etappe: Mérida - Alcuéscar
Tageskilometer: 38 Gesamtkilometer: 263

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Wasserleitung.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/3mann.jpg
Mérida - die römische Wasserleitung, 3 Männer



Eins wird sich auf dieser Tour wohl nicht mehr ändern: wir starten mal wieder im Morgengrauen. Weil Michael noch zur Post muss, wird er später starten. Bei seinem hohen Gehtempo wird er uns alle mit Sicherheit einholen, auch wenn die Post erst um 8.30 die Pforten öffnet.

Schon nach wenigen hundert Metern ist Fotopause angesagt. Noch im Dunkeln stehen wir vor der römischen Wasserleitung, dem Aquädukt Los Milagros, über das die Stadt vor ewigen Zeiten mit Wasser versorgt wurde. Wenn wir gestern schon gewusst hätten, dass die gut erhaltene Ruine so nahe an der Pilgerunterkunft steht, hätte der Fototermin bei strahlendem Sonnenschein stattgefunden. So landen einige Scherenschnittaufnahmen auf den Speicherkarten der Kameras. Die zahlreichen Störche, deren Nester das Bauwerk krönen, bleiben davon unbeeindruckt. Sie dürften auf unzähligen Bilder verewigt worden sein.

Martín, Hubert, Marco und ich bleiben bis zum römischen Stausee von Proserpina (von hier floss das Wasser übers Aquädukt nach Mérida), der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, zusammen. Nach der Frühstückspause geht es getrennt weiter. Hubert und Marco lassen es gemütlicher angehen. Hubert braucht mit seinen fast siebzig Jahren öfter eine ausgiebige Pause. Martín und ich trotten mal wieder vorneweg. Treffpunkt: das Kloster von Alcuéscar.

Seit Mérida hat sich die Landschaft geändert. Die weiten, zum Teil etwas öden Ebenen der letzten beiden Tage werden hier von einer leicht welligen Graslandschaft abgelöst. Baumgruppen sorgen für Schatten, glatt geschliffene Felsen, die vereinzelt in der Gegend rumliegen, regen zur Besteigung an und die breiten Wirtschafts- und Wiesenwege gehen immer öfter in einen schmalen Pfad über. Kühe, Schweine, Schafe, gelegentlich mal ein Hund und die wahren Herren dieser Ecke Spaniens, die Störche, heben unsere Stimmung gewaltig. Meinem Begleiter sind die letzten Tage auch etwas fad vorgekommen – jedenfalls was die Landschaft betrifft. Wenn es so bleibt, da sind wir uns einig, könnten wir uns damit abfinden.

In Aljucén steht endlich mal die Tür der Kirche offen. Wegen Vandalismus, das ist jedenfalls meist die Begründung, sind alle Kirchen geschlossen. In den kleinen Dörfern besteht wohl kaum die Gefahr von Vandalismus, eher ist es Bequemlichkeit, die dafür sorgt, dass die Türen verschlossen bleiben. Zumal Pfarrer auch im katholischen Spanien nicht gerne auf dem platten Land Dienst schieben oder auch viele Pfarreien wegen Priestermangel unbesetzt bleiben müssen. Zwei Gemeindearbeiter benötigen für ihren Hochdruckreiniger den unvermeidlichen Strom und haben kurzerhand das Verlängerungskabel in die Kirche gelegt.
Kühl und dunkel ist es drinnen. Nackter, unverputzter Stein, ein paar Reihen Holzbänke, eine schlichte Kanzel – ebenfalls aus Stein - sowie ein sehr schlichter Altar. Diese Kirche wirkt sehr aufgeräumt. Die wenigen noch hier lebenden Anwohner des Ortes werden kaum dieses Haus füllen können.

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Kirche_Aljucen.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/Aljucen-Naturpark.jpg
Kirche in Aljucén, Hinterm Gatter nach rechts



Auf dem Weiterweg springe ich noch in die Ortsapotheke, ich brauche noch Aspirin (mein täglich Brot) und bleibe überrascht stehen. Auch in Spanien sind die meisten Apotheken gut ausgestattet, nicht nur mit Medikamenten, auch die Ladenbauer können sich in den meisten Geschäften der Pillendreher austoben. Diese Apotheke besteht aus einem Raum von ca. 3 mal 3 Meter dessen Wände von billigen Stahlregalen umstellt sind und einer billigen Theke. Mehr ist nicht! Die Apothekerin muss meine Verwunderung bemerkt haben und versucht mir zu erklären, dass so nahe an der Stadt Mérida (16 km) ihr Berufsstand einen schweren Stand hat. Die Leute fahren für den Arztbesuch in die Stadt und holen sich die Medizin danach direkt vor Ort. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Aspirin, hier natürlich Aspirina, hat sie aber genug an Lager.

Die dunklen Regenwolken, die am Nachmittag aufziehen, sorgen dafür dass die spanisch-deutsche Pause kurz ausfällt. Wir haben die Hoffnung Alcuéscar noch vor dem Regen zu erreichen. Michael, der noch zur Post in Mérida musste, hat uns mittlerweile eingeholt. Er hat nicht nur die beiden Pilger aus Belgien überholt, er berichtet von einem neuen Mitwanderer, der in Mérida dazu gekommen ist und ebenfalls ins Kloster will. Mit ihm sind es jetzt schon 6 Leute! Langsam wird’s voll auf der Vía. Wir schaffen es noch vor dem Regen bis ins Kloster.

Im Kloster kümmert sich ein Hospitalero um uns. Jeder bekommt eine kleine Zelle zugewiesen, in denen früher Mönche gewohnt haben. Weil auch dieses Kloster nicht ausreichend Nachwuchs hat und somit viele Zellen leer stehen, ist diese Etage zur Pilgerherberge umgewidmet worden. Da es sich um die oberste Etage handelt – einen Aufzug gibt es natürlich nicht – soll schon einige Pilger zu böswilligen Kommentaren verleitet haben, erzählt uns der Hospitalero. Die Gasflasche der Heizung ist leider leer und in den Mauern steckt noch die Kälte des Winters, so kommt es mit vor. Na ja, die Duschen sind heiß und das Abendessen kostenlos. Man muss sich nur anmelden.

Zwischenzeitlich sind Marco mit seinem Vater und der Spanier eingetroffen. Auf den letzten Kilometern hat der Regen die drei noch erwischt. Hubert, der Senior unserer Truppe nimmt es mit Humor und verschwindet unter der heißen Dusche um seine Lebensgeister wieder zu wecken.
Bei dem Spanier handelt sich um einen 50jährigen Marathonläufer aus Barcelona. Die mehr als 700 Kilometer bis Santiago de Compostela will er in weniger als drei Wochen schaffen. Wir haben da unsere Zweifel.

Michael, Hubert und ich gehen noch zur Messe im Kloster. Für Michael und mich ist es die erste spanische Messe. Ich bin mal gespannt, nicht nur weil der Gottesdienst in erster Linie von geistig und körperlich Behinderten (das Kloster betreut und beherbergt eine große Gruppe) besucht wird, noch mehr bin ich auf mein Erleben gespannt. Aufgewachsen und erzogen im rheinischen Katholizismus, ergänzt um eine frühjugendliche Karriere als Messdiener, habe ich der katholischen Kirche schon lange abgesagt und besuche zu Hause nur noch die „Pflichtveranstaltungen“ wie Taufe, Hochzeit und Beerdigungen.

Während des Gottesdienstes habe ich ausreichend Zeit mir Gedanken über mein Tun zu machen. Ist es heuchlerisch, besonders Hubert gegenüber der tiefgläubig ist, oder ist es ein Tribut an die Vía de la Plata, die ja bei Licht betrachtet als Jakobsweg, also als Pilgerweg zu einem christlichen Apostel, angesehen wird? Das letztere gibt höchstwahrscheinlich den Ausschlag. Wie auf vielen anderen Weitwanderwegen bin ich hier auch nur als Wanderer unterwegs. Spirituelle Erfahrung oder eine Auszeit um mir über mein Leben Klarheit zu verschaffen, geschweige die Suche nach dem Sinn des Lebens sind nicht mein Ding.
Nach Aussagen andere Pilger und Wanderer, die sowohl den Camino francés wie auch die Via gegangen sind, fehlt auf Letzterem die spirituelle Komponente größtenteils. Laut Hubert und Martín - beide waren im letzten Jahr auf dem Camino francés unterwegs (der eine als tiefgläubiger Pilger, der andere als Wanderer, der sich eine Auszeit genommen hat) - ist das hier nichts anderes als eine lange Wanderung auf alten römischen Wegen. Wenn man so will eine Tour durch ursprüngliche, einsame Landschaft und längst vergangene Geschichte.

Warum mache ich mir überhaupt Gedanken darum? Eventuell ist das der Unterschied zwischen Pilgerweg und Weit- oder Fernwanderweg. Warum kommt man ans Nachdenken über Gott, Glauben und Kirche oder auch deren Gegenteil? Sind es gläubige Mitwanderer, die Geschichte als Pilgerweg die auf dieser Route liegt, oder ist es das Ziel der letzten Etappe – Santiago de Compostela? Die nächsten 700 Kilometer werde ich genügend Zeit haben mir dazu die passenden Gedanken zu machen.

Ob mit Martín oder ohne - der könnte ja ab Morgen zu seinem Landsmann wechseln, mit Sicherheit ohne die beiden Belgier. Schade! Ich habe mich an die beiden gewöhnt. Das allabendliche Gespräch mit dem „Alten“ ist einer der kleinen Höhepunkte des Tages. Es ist aber nicht zu ändern: Vater und Sohn wollen nur bis Salamanca und haben nun ein mehr als ausreichendes Zeitpolster. Der Lohn der langen Etappen. Ausschlaggebend ist aber, dass sich Hubert in seinem Alter jetzt etwas schonen will. Den Gedanken mich den beiden bis Salamanca anzuschließen lasse ich schnell wieder fallen. Vater und Sohn sind als 2/3-Familie aufeinander eingespielt und brauchen keine weitere Begleitung. Martín könnte mit dem anderen Spanier weitergehen. Damit wäre sein Problem, dass er auf keinen Fall alleine unterwegs sein will, gelöst. Aber eigentlich gefällt es mir bei ihm. Nach fast 300 Kilometer habe ich mich an den Kerl gewöhnt.

Vorerst gilt es die Nacht zu überstehen. Es ist so saukalt im Kloster, dass ich dankbar zu den Decken greife die er Hospitalero vorsorglich aufs Bett gelegt hat. Der leichte Daunenschlafsack ist an seinem Limit. Weil mein Zimmerchen am engen Innenhof liegt, der vom Uhrturm mit seiner Glocke überragt wird, habe ich das zweifelhafte Vergnügen im halbstündigen Rhythmus vom Glockenschlag zu profitieren.


11. Tag: Mittwoch, 7. März 2007 Windstärke 8 auf grüner Wiese
Etappe: Alcuéscar - Cáceres
Tageskilometer: 38 Gesamtkilometer: 301

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/gruenland.jpg
Die Extremadura - ungewohnt grün ...



Bis auf die beiden Belgier stehen alle um 7 Uhr an der Klosterpforte – vergebens. Wir hätten noch ein Nickerchen machen können. Die Tür ist verschlossen und ein Pförtner oder Mönch lässt sich nicht sehen. Die Schlüsselsammlung am Schlüsselbrett wird zwar von den beiden Spaniern durchgetestet, doch ohne Ergebnis. Nach einer halben Stunde kommt ein Mönch mit einem Sack warmen Brot und schließt die Tür von außen auf. Nach seinem breiten Grinsen zu urteilen, sind eilige Pilger in diesem Kloster nicht ganz unbekannt. Das wird auch der Grund sein, warum ausgerechnet der Schlüssel für die Eingangstür nicht am Brett hängt.

Draußen hat der Regen immer noch das Kommando. Das erste Mal seit Beginn der Wanderung in Sevilla bin ich in Regenklamotten unterwegs. Heftiger Nordwestwind jagd die Tropfen waagerecht durch die Luft. Nach einer knappen Stunde erinnert sich der Wettergott daran, dass er für Spanien besseres Wetter im Regal hat. Es wurde auch Zeit! Die wenigen knöcheltiefen Bäche sind über Nacht so weit angeschwollen, dass wir an einem Bach nur in Teamarbeit trockenen Fußes rüber kommen. Auf Schuhe und Socken aus, mit anschließendem Waten, hat keiner von uns Lust. Bei der Frühstückspause haben Sonne und blauer Himmel wieder das Sagen. Nur der Wind legt noch ein paar Stundenkilometer drauf. Sobald wir aufs freie Feld kommen, haben wir Mühe uns auf den Beinen zu halten.

Der neue Spanier aus Barcelona ist mit Laufschuhen unterwegs, deren Fersenunterteile aufgeschnitten sind. Keine Ahnung was das bringen soll, bei den nassen Wegen in die wir oft knöcheltief einsinken, ist das mit die schlechteste Schuhwahl. Ständig läuft ihm Wasser von hinten in den Schuh. Die Treter passen aber hervorragend zur hautengen Laufhose. Aber flott ist er unterwegs, sogar Michael, unser von allen anerkannter Schnellgeher, ist zu langsam für ihn. Zum Ausgleich macht der „Katalane“, so nennen wir ihn (seinen Namen haben wir alle sofort wieder vergessen), oft Pause und bleibt so immer in unserer Nähe. Er scheint nicht auf Martíns Wellenlänge zu schwimmen. Martín ist ein eher ruhiger Vertreter der iberischen Halbinsel, während der Katalane zum unentwegten Reden neigt. Selbstverständlich verstehe ich von seinem maschinengewehrartigen Spanisch kein Wort. Ich glaube nicht, dass ich das bedauern werde.

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... hier auch


Schon weit vor Mittag sind wir nur noch zu dritt unterwegs. Michael macht mal wieder eine ausgiebige Pause und wurde dann bis zum Abend nicht mehr gesehen.

Das Wetter ist klasse: Sonnenschein, frischer kalter Wind, blauer Himmel mit einigen Wolken, dazu ein schöner Weg der überwiegend durch Wiesen führt. Die um diese Jahreszeit noch grünen Wiesen sind übersät von den ersten Frühlingsblumen, und selbst die kleinsten Rinnsale führen Wasser. Erinnert irgendwie an eine nordische Hochebene – wenn die Stein- und Korkeichen nicht wären.
Auf der Landebahn des regionalen Flugclubs heben wir fast vom Boden ab. Der Wind ist so stark geworden, dass wir um jede Deckung durch Büsche, Hecken und Bäume froh sind. Heute Mittag, an der historische Römerstraße mit den alten Meilensteinen, hielt sich der Wind noch zurück, hier oben spüren wir seine volle Kraft. Ich kann mich mit meinem vollen Gewicht gegen den Sturm legen ohne dass ich umfalle.


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Störche in Cáceres



In Valdesalor machen wir in einem Gasthaus für Lkw-Fahrer Pause. Nach längerer Zeit ist mal wieder ein Menu del día angesagt. Wegen Stromausfall dauert es bis das Essen auf dem Tisch steht. Zeit, in der wir uns ausgiebig beschnuppern. Wir beschließen die nächsten Tage zusammenzubleiben – vorerst.

Pünktlich zum Start für die letzten Kilometer nach Cáceres legt sich der Wind etwas. Am späten Nachmittag trudeln wir in der Stadt ein. Auf der Suche nach der Herberge werden wir so oft in die Irre geschickt – nicht mit Absicht, die Leute wollen uns mit aller Gewalt den richtigen Weg zeigen, sogar wenn sie nicht wissen wo die Jugendherberge der Stadt ist – dass wir uns die geplante Besichtigung sparen können. Es ist schon Abend als wir in der Jugendherberge eintreffen. Mit 17 Euro für die Nacht im Dreibettzimmer ist es bis jetzt die teuerste Herberge am Weg - Hotels ausgenommen. Das städtische Haus kann es aber locker mit einem Hotel aufnehmen. Frisch renoviert, geheizt und extrem sauber ist es das Geld wert. Michael hat ein Einzelzimmer und ist ziemlich platt. Er wird am nächsten Tag nur eine kurze Etappe gehen. In Casar de Cáceres wird für ihn nach 11 Kilometer Schluss sein.


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Cáceres - Altstadt



Martín, der Katalane und ich wollen durch bis Cañaveral, etwas mehr als eine Marathondistanz. Auf dem Flur treffen wir noch drei Katalanen, die hier ihre Pilgerwanderung nach Santiago de Compostela starten. Für den Anfang wollen die auch nur bis Casar de Cáceres. Ob 11 km nicht etwas wenig ist für die erste Etappe? Von Hubert und Marco bekomme ich eine SMS. Inhalt: Sind in Valdesalor, schlafen im Sitzungssaal des Gemeinderats! Schön! Abends vermisse ich beide Belgier sehr. Und noch schlimmer: der Neue schnarcht extrem!

Hexe
31.07.2007, 08:40
* der Neue schnarcht extrem!

Pfeifen hilf da... kommt aber wohl zu spät der Tipp:ignore::grins:
Schöner Bericht, bitte weiter schreiben

Grüßli aus dem Westerwald

Hexe

Werner Hohn
31.07.2007, 15:43
Tach Hexe,

wir haben eine bessere Lösung gefunden. :sleep: Erfahrung mit Schnarchern?

Grüße vom Westerwaldrand (da wo die kalten Winde in warmen Südwind übergehen)

Werner

carola_trekking
01.08.2007, 11:02
schön das der Bericht wieder weitergeht - sehr schön geschrieben und schöne Bilder dazu! macht Spaß zu lesen (gestern abend hab ich dann auch endlich mal die Spanienkarte daneben gelegt, um zu sehen, wos überhaupt langgeht)

Werner Hohn
01.08.2007, 20:10
Danke für den Wink ... Mir ergeht's bei den Touren in Nordeuropa meist auch so.

Auf die Schnelle hab' ich eine Skizze mit dem Streckenverlauf hochgeladen. Ganz oben, beim ersten Beitrag. Hilft eventuell weiter.

Werner

carola_trekking
02.08.2007, 08:37
super, was ein Service ;-)
wobei, für einen Kartenfreak wie mich muss es schon die große Spanienkarte sein, ich will ja möglichst jeden Ort finden :bg:

Werner Hohn
14.08.2007, 15:25
12. Tag: Donnerstag, 8. März 2007 Zum Feierabend ein Dreckloch
Etappe: Cáceres - Cañaveral
Tageskilometer: 44 Gesamtkilometer: 345

http://fotos.outdoorseiten.net/data/28/ca1.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/tajo-stausee.jpg
Hinter Casar de Cáceres, Tajo-Stausee



Der Katalane hat die Nacht im Tiefschlaf verbracht. Martín und ich dagegen sind froh, dass wir wenigstens einige Stunden Schlaf hatten. Das Schnarchen des neuen Mitwanderers war grauenhaft! Dank vorsorglicher Lebensmitteleinkäufe hatten wir alle einige Kilos mehr im Rucksack, als wir uns frühmorgens auf dem Weg zur Stierkampf-Arena machten. Wie so oft wenn man kleinere oder auf größere Städte verlässt, sind wir am Anfang mal wieder auf den Einfallstraßen, die um diese frühe Uhrzeit nur von wenigen Berufspendlern bevölkert sind, unterwegs.
Schon gestern hatte sich das Landschaftsbild geändert. Die aufgelockerten Wälder mit Steineichen waren zurückgeblieben, jetzt drückte die offene Wiesen- und Waldlandschaft der Landschaft ihren Stempel auf. Unserem neuen Begleiter sind Martín und ich natürlich mal wieder zu langsam. Er wird in Casar de Cáceres auf uns warten. Uns ist das nur recht, so können wir ungestört unser gewohntes Tempo gehen.

Casar de Cáceres ist bekannt für einen nur hier hergestellten Käse. Für meine beiden Spanier bedeutet das Großeinkauf! Eingedenk der Tatsache, dass ich schon einige Kilos in Lebensmittel zusätzlich im Rucksack habe, verzichte ich auf diesen Einkauf. Brot, Wurst und Käse werden mir bis zum Etappenziel reichen - ja, mit Sicherheit sogar noch einige Tage mehr! Schon kurz hinter der Ortsgrenze sind die beiden meiner Meinung, und beschließen ihre doch mittlerweile großen Vorräte bei einer ausgiebigen Frühstückspause zu verkleinern.

Nach der Pause verkündet der Katalane, dass wir beide mal wieder zu langsam für ihn seien und zieht im Marathonstil ab. Martín und ich sind eigentlich ganz froh über seine Entscheidung. Obwohl ein Landsmann von Martín, wird auch er nicht warm mit dem Neuen, dieser Eindruck drängt sich mir jedenfalls auf. Sogar seinen Namen haben wir mittlerweile wieder vergessen. Mein Fall ist der Mann ebenfalls nicht.

Heute ist einer dieser Tage, die obwohl ohne großartige Höhepunkte verlaufen, in Erinnerung bleiben. Ich weiß nicht warum, vielleicht liegt es an dieser ruhigen unaufgeregten Landschaft oder daran, dass wir beide, ohne uns groß darüber zu verständigen, schweigend nebeneinander herlaufen. Das ist die schöne Seite mangelnder Sprachkenntnisse: man hat einen Grund zum Schweigen.

Am Tajo-Stausee müssen wir mal wieder auf eine angeblich stark befahrene Autostraße, doch wie schon so oft in dieser Ecke Spaniens, der Verkehr hält sich in Grenzen. Einzig der Windzug, der durch vorbeidonnernde LKWs verursacht wird, sorgt auf der Brücke dafür, dass ich meinen Hut fester in den Nacken drücken muss. Doch auch das überlebt er. Das war’s dann auch schon, mehr hat die in den Pilgerführern als gefährlich beschriebene Strecke nicht hergegeben. Zugegeben: Wenn man auf der Brücke auf einen pennenden Autofahrer trifft, hat man als Fußgänger schlechte Karten.
Zum Glück verläuft der Weiterweg nach Cañaveral wieder über einsame verlassene Feldwege. Als wir am späten Nachmittag in dem Nest eintreffen, wartet am Ortsrand schon unser dritter Mitwanderer auf uns. Als Marathonläufer ist er schon lange da, so lange, dass er fast schon zu den Ureinwohnern zählt, gibt er augenzwinkernd zu verstehen.

Auch hier sind am späten Nachmittag nur alte Leute unterwegs, die uns zum Hostal, wo es den Schlüssel für die Herberge gibt, lotsen. Es handelt sich um ein leerstehendes Haus, das von der Gemeinde für Wanderer und Pilger zur Verfügung gestellt wird. Treppe hoch, Tür aufschließen, umsehen – Schock! Die Bude ist ein Drecksloch. Das Badezimmer wurde montagelang nicht gereinigt. Seifenreste, Klopapierreste, Haare, all diese unappetitlichen Hinterlassenschaften unserer Vorgänger/innen, sowie die leere Gasflasche, die das Wasser erwärmen soll, lassen in mir den Gedanken aufkeimen, dass heute die erste Katzenwäsche der Wanderung fällig ist. Beim nächsten Blick in die Küche, wo uns der Schimmel aus alten Töpfen entgegen springt, uns ein alter Kühlschrank erwartet neben dem ein überquellender Mülleimer steht, dessen Gestank vom undefinierbarem Inhalt herrührt, ist klar, dass wir hier nicht essen werden. Das alte Wohnzimmer ist wenigstens soweit sauber, dass wir uns zutrauen aus unseren Plastiktüten zu essen.
Einen Vorteil hat diese Herberge aber, hier gibt es drei Schlafräume. Der Katalane als Weltmeister im Schnarchen wird ein eigenes Schlafzimmer haben! Die Matratzen sind in einem so erbärmlichen Zustand, dass ich einige Zeit darauf verwende sie nach unerwünschten Mitschläfern abzusuchen. Erstmals kommt meine Isomatte zum Einsatz.
Beim obligatorischen Rundgang im Dorf, werden wir von einigen alten Frauen darüber aufgeklärt warum es in der Herberge so aussieht wie es aussieht: Im letzten Jahr müssen drei „Pilgerinnen“ hier die Sau rausgelassen haben. Während einer Schlechtwetterperiode, die sie zwang mehrere Tage hier zu verbringen, sollen in der Herberge Gelage stattgefunden haben, an denen auch einige der noch hier im Ort lebenden jungen Männer nicht ganz unschuldig gewesen sein sollen. Die Mädels sollen bei der Abreise eine Riesensauerei hinterlassen haben, so die Gerüchteküche. Die Frauen die ehrenamtlich die Herberge reinigen und in Schuss halten, haben sich dann für die Zukunft geweigert dies weiterhin zu tun. Ganz besonders, nachdem sie beim Blick in die Spendendose auf deren blanken Boden sahen. Die drei Damen hatten „vergessen“, die von allen erwartete freiwillige Spende zu hinterlassen – ganz besonders nach einem mehrtätigem Aufenthalt. Wahrheit oder Ausflucht der etwas beschämt dreinblickenden älteren Damen des Ortes?


13. Tag: Freitag, 9. März 2007 Fürsorgliche Bevormundung
Etappe: Cañaveral - Carcaboso
Tageskilometer: 40 Gesamtkilometer: 385

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/galisteo1.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/dehesa2.jpg
Galisteo, "Wasserweg" im trockenen Spanien



Ohne die berühmte Träne im Knopfloch, wir waren froh dieses Etablissement ohne unerwünschte „Mitwanderer“ zu verlassen, machen wir uns im Schein der Stirnlampe auf den Weg nach Norden. Sobald es hell genug ist macht der Katalane sich wieder aus dem Staub. Diesmal dauert es aber nicht lange bis wir wieder auf ihn treffen. Eine etwas komplizierte Wegführung, die in seiner spanischen Wegbeschreibung nicht näher erklärt wird, lässt es ihm ratsam erscheinen auf uns zu warten. Martín, der mittlerweile auch auf die deutsche Wegbeschreibung vertraut, ist dies nicht so ganz recht. Er war der Meinung, dass wir den erst nach einigen Stunden wieder sehen.

Heute sind es wieder Stein- und Korkeichenwälder, die an unserem Weg liegen. Ereignislos zieht sich der Weg meist an einem Zaun entlang. Ein kurzes Schwätzchen mit einigen Arbeitern, die eben diesen Zaun reparieren, ist die einzige Abwechselung. Gegen Mittag wird’s aber wieder spannender. Schon von weitem können wir einen einzelnen Menschen erkennen, der offensichtlich pilgert. Trotz der großen Entfernung erkennen wir nämlich einen langen Pilgerstab in seiner Hand. Weil Bernard, so sein Name, sehr, sehr langsam ist, haben wir ihn schnell eingeholt. Er ist genau wie wir in Sevilla gestartet, aber zwei Wochen früher und lässt sich, wie schon gesagt, Zeit. Nicht dass er jede Sehenswürdigkeit am Weg mitnimmt, nein, der Franzose geht einfach langsam und macht viele Pausen. Versehen mit einem unerschütterlichem Gottvertrauen ist er mit einem Minirucksack unterwegs, in dem sogar der Schlafsack fehlt. Er verlässt sich darauf, dass er in jeder Unterkunft eine Decke vorfindet. Im Gespräch erwähnt er, dass er mit einem Deutschen unterwegs ist. Der kann nicht weit vor uns sein. Weil wir kurz vor Galisteo sind, werden wir den Deutschen wohl dort treffen. Meine beiden spanischen Mitwanderer haut diese Auskunft nicht so sehr aus ihren Wanderschuhen, mich schon eher.

Von der letzten Anhöhe vor Galisteo haben wir ungehinderten Blick auf die von den Mauren errichtete zinnengekrönte Stadtmauer, an dessen Fuß die Bar Los Emigrantes steht. Wir haben nur noch gut zwei Stunden bis zu unserem heutigen Etappenziel und wollen hier zu Mittag essen. Es ist zwar noch zu früh für das spanische Mittagessen (noch keine 14 Uhr), aber dieses Geschäft lässt sich die Wirtin nicht entgehen und öffnet für uns den Speiseraum. Wie in vielen spanischen Bars, deren Böden meist vor Dreck strotzen, ist der separate Speiseraum peinlichst sauber. Hier treffen wir auch auf den anderen Deutschen. Gerd, auch um die fünfzig, ist genau wie wir alle in Sevilla gestartet und hat unterwegs den Franzosen getroffen, mit dem er seit einigen Tagen unterwegs ist. Im Gegensatz zu Martín und mir gehen die beiden tagsüber getrennt und treffen sich erst abends in der Herberge wieder. Bernard, der Franzose, findet sozusagen jeden Abend ein gemachtes Bett vor.

In der Zwischenzeit ist auch Bernard eingetroffen und es wird unser erstes gemeinsames Essen. Auf dem Camino francés ist das gemeinsame Essen mit fremden Pilgern an der Tagesordnung, hier jedoch in dieser menschenleeren Weite ist das schon etwas Besonderes. Gerds erste Handlung besteht darin, dass er mit seine Sonnencreme über den Tisch reicht. Auch wenn es hier tagsüber nicht mehr so warm wird wie in Andalusien, so hat die Sonne es doch geschafft, dass die Haut an einigen Stellen in meinem Gesicht in Fetzen hängt. Er tut zwar nicht weh, aber es sieht unschön aus.

Nach dem ausgiebigen Mittagessen ziehen wir alle noch eine Ehrenrunde durch Galisteo und machen uns dann auf den Weg nach Carcaboso. Ereignislos zieht sich der Weg zu dem Ort mit der besonderen Pilgerunterkunft.

Señora Elena, die Besitzerin der Bar Ruta de la Plata, vermietet auch Zimmer an Pilger und Wanderer. Ihre wirklich herausragende, ja man kann beinahe schon sagen bevormundende Unterbringung ihrer Gäste, hat ihren Niederschlag schon in einigen Pilgerführern gefunden. Mich schickt sie zuerst einmal in die Apotheke, ich soll mir eine Sonnenmilch zulegen. Und das sofort! Martín wird in einem mütterlichen Ton belehrt, wie er die Wäsche zu waschen hat und wo er sie aufhängen soll. Ich weiß jetzt schon, dass Martín etwas falsch machen wird. Natürlich hat er seine Wäsche nicht richtig ausgewrungen, „so werden die Strümpfe, T-Shirts und die Unterwäsche bis morgen nicht trocken“, macht sie ihm beim Kontrollgang ziemlich deutlich klar und zeigt ihm wie es nach ihrer Vorstellung sein sollte. Hinter ihrem Rücken stehend kontrolliere ich verstohlen noch mal meine Wäsche, ob sie ihren hohen Ansprüchen genügen kann. Danach werden wir noch mehrfach gefragt, ab wir ausreichend Decken haben und werden aufgefordert die Räume so zu verlassen wie wir sie vorgefunden haben – extrem sauber. Auf die Nachfrage nach einem Restaurant gibt Elena uns zu verstehen, dass wir im Supermarkt einkaufen und hier zu Abend essen sollen, weil das hiesige Restaurant nicht gut sei. Den schüchternen Einwand von Martín, dass wir das selber ausprobieren wollen, fegt sie vom Tisch. Mittlerweile sind der Katalane, der uns mal wieder davongelaufen war, Gerd und Bernard auch da. Mit Mühe und Not und unter Aufbietung seines ganzes spanischen Mannesstolzes kann Martín Señora Elena davon überzeugen, dass der Katalane ein eigenes Zimmer braucht.

Wir haben uns schon gewundert wo der Katalane ist. Wir dachten er sei auf dem Weg zum nächsten Ort. Er teilt uns aber mit, dass er mit seiner Familie telefoniert habe, und hier seine Tour nach Santiago de Compostela nach nur drei Tagen beenden wird. So richtig traurig sind Martín und ich nicht darüber.
Zum ersten Mal seit vielen Tagen sitzen wir mal wieder in einer größeren Runde um einen Tisch. Es tut gut mal wieder mit anderen Menschen zu sprechen, auch wenn man dafür längst verschüttete oder rudimentäre Fremdsprachenkenntnisse bemühen muss.
Am nächsten Morgen werden wohl zwei Zweiergruppen starten.


14. Tag: Samstag, 10. März 2007 Auf alten Viehtrieben und römischen Wegen
Etappe: Carcaboso – Aldeanueva del Camino
Tageskilometer: 39 Gesamtkilometer: 424

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/dehesa1.jpg
Steineichen-Dehesa



Alle, auch der Katalane, stehen morgens vor der Tür und machen sich auf den Weg. Der Katalane zur nächsten Bushaltestelle, Gerd und der Franzose müssen noch zum Bäcker, nur Martín und ich ziehen sofort los. Vorher hat Señora Elena jedem 2 € für einen Kaffee und einen schäbigen Keks abgeknöpft. Zur ersten - und heute als einige der wenigen Ausnahmen nicht einzigen - Pause sitzen wir bei strahlendem Sonnenschein in einer wunderschönen Eichen-Dehesa, umgeben von Stieren und Kühen. Es ist sehr selten, dass der Pilgerweg über Wiesen führt auf denen Stiere weiden. Es sind jedoch mit Sicherheit keine Kampfstiere. Diese Tiere sind zu kostbar, als dass Fremde Zutritt zu deren Weiden hätten. Hinzukommt dass Kampfstiere sich nicht an Menschen gewöhnen sollen, sonst würden sie zu zutraulich und damit für die Arena wertlos.

Martín und ich nehmen zwar wahr, dass wir durch eine saftiggrüne Landschaft ziehen, in der das Wasser noch auf den Wiesen steht, aber uns steht mehr der Sinn nach Tratschen. Dass der Katalane familiäre Gründe nur vorgeschoben hat, ist unser beider Vermutung. Welcher spanische Mann bricht wegen seiner volljährigen, verheirateten Tochter eine dreiwöchige Wanderung ab, es sei denn sie ist gerade von einer Brücke gesprungen oder bringt Drillinge zur Welt. Und nichts davon hat er erwähnt. Der Menschenmangel, ganz besonders der Frauenmangel, so vermuten wir, hat ihn wohl dazu veranlasst aufzugeben. Unterwegs in hautengen Laufleggins und auch sonst in einem modischen Outfit, war uns schon aufgefallen, dass das Hauptaugenmerk unseres Mitwanderers dem leider (oder zum Glück) hier fehlenden Teil der weiblichen Erdbevölkerung galt. Ganz besonders fiel uns das bei den allabendlichen Runden durch den Etappenort auf. Nicht nur, dass er sich in Schale warf, nein, bedingt durch die hautenge Hose, konnte er auch das was viele Männer als ihr wichtigstes Körperteil betrachten effektvoll in Szene setzen. Seine Schilderungen von den Erlebnissen der letztjährigen Wanderung auf dem Camino francés bestätigten das von uns gehegte Vorurteil zusätzlich. Im Gegensatz zum gestrigen Tag haben Martín und ich heute genügend Gesprächsstoff. Von einem richtigen Gespräch kann bei mir aber immer noch keine Rede sein, obwohl wir schon zwei Wochen unterwegs sind. Martín jedoch gibt sich Mühe und was viel wichtiger ist, der Vormittag geht rum.

Als wir an den Cañadas Reales (königlicher Weideweg) kommen, sind wir sicher, dass wir mit unserer Vermutung richtig liegen. Wir waren schon mehrfach auf solchen Weidewegen, die früher ganz Spanien durchzogen, unterwegs. Dieser Weideweg hier ist jedoch ein Prachtstück. Noch heute ist er in voller Breite über eine Länge von mehreren Kilometern erhalten. Zwischen den hier mehr als 70 Meter voneinander entfernten Weidezäunen marschierend kann man gut nachvollziehen wie der alljährliche Viehtrieb von Norden nach Süden vonstatten ging. Weil diese großen Viehtriebswege immer wieder von land- und machtgierigen Großgrundbesitzern beschnitten und zum Teil sogar unterbrochen wurden, stellte das spanische Königshaus die wichtigsten Strecken unter ihren Schutz. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass einige Wege bis heute erhalten geblieben sind. Den meisten ist es allerdings schlecht ergangen: Verschwunden unter Autobahnen, Nationalstraßen oder einverleibt von den hier immer noch tonangebenden Großgrundbesitzern erinnert man sich erst seit Neuerem wieder an dieses alte spanische Kulturgut. Da wo dieser Weideweg endet steht der Torbogen von Cáparra. Von Cáparra, einer ehemaligen römischen Siedlung, ist nur dieser Torbogen erhalten geblieben, umsäumt von einigen Fundamenten. Lange Zeit vergessen in der Weite der extremadurischen Landschaft, finden nur wenige Touristen hierhin. Für uns einer der wenigen Orte, in denen wir auf Kultur machen. Die Rucksäcke bleiben unter dem Torbogen stehen und wir machen uns auf Besichtigungstour. Sorge, dass die uns hier geklaut werden müssen wir uns nicht machen, dies ist ein Land mit ehrlichen Leuten. Dummerweise haben wir unsere Rücksäcke so geschickt unter den Torbogen gestellt, dass kein Tourist ein Foto machen kann ohne dass diese nicht mit angebildet werden, was uns einige böse Blicke einbringt.


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Cáparra - der römische Torbogen, Gehöft in der Dehesa



Auf den letzten Kilometern zu dem heutigen Etappenziel erleben wir noch ein kleines Wunder: Wir treffen auf eine große spanische Wandergruppe. Für diese Region mehr als außergewöhnlich. Fürs erste haben wir einen gemeinsamen Weg. Genug Gelegenheit für die Wanderer uns beide auszuquetschen. Einige Kurzetappen der Vía sind ein paar schon gegangen, die ganze Strecke aber noch nicht, was jetzt natürlich nachgeholt werden muss.
Weil auch hier mal wieder der Autobahnbau ins Landschaftsbild eingreift und der Pilgerweg mal wieder verschwunden ist, gehen wir auf Nummer sicher und bleiben die letzten Kilometer nach Aldeanueva del Camino auf der nicht mehr befahrenen alten Nationalstraße.

Als Gerd und Bernard eintreffen, haben wir schon die Wäsche gewaschen und den ersten Rundgang durch den Ort hinter uns. Die beiden wollen morgen eine etwas kürzere Etappe gehen. Martín und ich planen aus alter Gewohnheit und weil es uns Spaß mach mal wieder eine längere Strecke über 40 Kilometer. Es ist unser letzter gemeinsame Abend, weshalb Bernard, Martín und ich ins Restaurant zu einem letzen gemeinsamen Abendessen aufbrechen. Gerd bleibt lieber in der Herberge, er will sich ausruhen.


15. Tag: Sonntag, 11. März 2007 Auf dem Weg zu einer Legende der Vía de la Plata
Etappe: Aldeanueva del Camino – Fuenterroble de Salvatierra
Tageskilometer: 43 Gesamtkilometer: 467

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Bei Calzada de Béjar



Aldeanueva del Camino befindet sich noch im Tiefschlaf als Martin und ich uns auf den Weg machen. Weil die Vía de la Plata mal wieder über eine Verkehrstraße geführt wird, haben wir uns mit Absicht für diesen frühen Aufbruch entschieden. Bis Baños de Montemayor hält sich der Verkehr wegen der frühen Stunde auch schön in Grenzen. Größeren Andrang, und zwar einen Menschenauflauf, gibt es vor einer Bäckerei in diesem Städtchen mit dem gekrönten Kirchturm. Es wird eine lokale, in fett gebackene Spezialität verkauft. Martín, schon wieder völlig ausgehungert, reiht sich ans Ende der Schlange an. Ich mache mich auf den Weg zu dem kleinen Lebensmittelladen.

Es bewahrheitet sich mal wieder der alte Satz, dass man nicht hungrig einkaufen soll, denn als ich ihn wiedersehe, trägt er eine große Papiertüte in der Hand. Das Fett hat sich schon durch die dünne Tüte gearbeitet. Na, das kann ja heiter werden, mit Sicherheit wird es Schwerstarbeit für unsere Mägen. Der steile Anstieg zur Provinzgrenze zwischen der Extremadura und der zentralspanischen Provinz Kastilien und Leon bis rauf 900 m, ist entsprechend mühevoll.


Kastilien und León



Hier oben sind wir endlich auf der spanischen Hochebene, der Meseta, und im angeblichen Herz Spaniens. Im heutigen Kastilien, bestehend aus den drei autonomen Gemeinschaften Kastilien la Mancha, Madrid und eben aus Kastilien und Leon hat das Hochspanische, die Sprache die von fast 30% der Weltbevölkerung gesprochen wird, ihren Ursprung. Und hier ist das politische Herz Spaniens – nicht nur heute, auch schon im frühen Mittleralter. Von Kastilien ging die christliche Rückeroberung der spanischen Halbinsel aus.
Wirtschaftlich mag es den drei Regionen in etwa gleich gut gehen. Kastilien und León, eine der größten Regionen des Landes, jedoch zählt hier im Westen an der Grenze zu Portugal, immer noch zu den ärmeren Landschaften Spaniens. Der Streifen zwischen Salamanca, Zamora mit meist kleinen oder kleinsten Dörfern - wie immer die alle heißen - ist geprägt von Landflucht und von den unvermeidlichen Großgrundbesitzern. Die beiden Städte Salamanca und Zamora wirken wie ein Magnet auf die Landbevölkerung. Wer dort kein Auskommen findet, geht zur Not auch in die weite Feld. Viele Familien Südamerikas haben ihre Wurzeln hier in dieser Region. Die Folge ist, dass die Dörfer nur noch von alten Menschen bewohnt sind oder sogar leer stehen.
Hier oben auf der großen spanischen Hochebene, der besagen Meseta, die sich über fast ganz Zentralspanien ausbreitet, werden die Kampfstiere für die Arenen Südspaniens gezüchtet. Und hier findet man eine der schönsten und lebendigsten alten Städte Spaniens - Salamanca!

Saukalt kann es hier im Winter werden. Eisige Winde aus der nördlichen Hemisphäre können in kalten Jahren so viel Schnee mitbringen, dass weite Gebiete für Tage unpassierbar sind. Diese Wettersituation ist zwar selten, es kann aber schon mal vorkommen. Uns verspricht der Wetterbericht zwar kalte, dafür aber trockene und sonnige Tage.

Abrupt hat sich jedoch der Bewuchs geändert. Die Kork- und Steineichenwälder Andalusiens und der Extremadura haben schlagartig knorrigen, uralten, um diese frühe Jahreszeit noch ohne ihre Blätter dastehenden Eichen und Buchen Platz gemacht. Die Wiesen sind hier oben auf gut 900 m auch nicht mehr so grün wie weiter unten im Süden. Moosbewachsen, auch uralt, oft von Buchen- und Eichenhecken überwuchert, zeugen die Feldsteine der Trockenmauern von längst vergangenen Zeiten, in denen meist Tagelöhner und abhängige Bauern für die Großgrundbesitzer schufteten.

Ein „Herrenreiter“ der uns hinter Puerto de Béjar beinahe über den Haufen reitet, und uns dabei keines Blickes würdigt, scheint zu bestätigen, dass sich einiges aus der alten Zeit bis in die Gegenwart gerettet hat.
Wir sind so früh in Calzada de Béjar, dass wir den Gedanken an ein Ausweichquartier (hier gibt es eine gute private Herberge), welches wir uns gestern vorsorglich ausgesucht hatten, beiseite schieben und nach einem Schwätzchen mit einigen Omas weiterziehen.

In Valverde de Valdelcasa, in Valdelcasa, alles kleine Ortschaften an unserem weiteren Weg, überall das gleiche Bild: Alte, steinalte und ein paar nicht mehr ganz so junge Menschen sitzen in der wärmenden Nachmittagssonne und freuen sich, dass der Winter vorbei ist. Oft sehen wir noch ganz alte Häuser aus grauen Feld- oder Granitsteinen dieser Region, die noch bewohnt sind. Wenn ich mir ausmale, wie kalt es darin im Winter ist, läuft es mir den Rücken runter. Wenn ich das richtig überblicke, sitzt hier so gut wie niemand alleine vorm Fernseher. Jedenfalls nicht heute, an einem Sonntag. Oma und Opa sitzen in kleinen Grüppchen beisammen und schwatzen.

Ein paar Kilometer vor Fuenterroble de Salvatierra weisen viele gelbe Markierungspfeile auf eine Umleitung der Vía hin. Weil es im letzten Ort einen ziemlichen Pfeil-Wirrwarr gab, sind wir beide misstrauisch und gehen auf der alten Route weiter. Die Wegbeschreibung im Pilgerführer macht's möglich, denn vorsorglich wurde die alte Markierung entfernt. Wir hätten uns an den neuen Pfeilen orientieren sollen! Die alte Route endet in einem überfluteten Weg, Durchkommen nicht möglich.

Seit der letzten Pause, wir aber noch eine gute Stunde bis zum heutigen Ziel, brennt der rechte kleine Zeh etwas. Anhalten und nachsehen? Ach was, wir sind ja gleich da! Gegen 18:00 Uhr sind wir dann endlich in der von allen gelobten Herberge von Pfarrer Don Blas.

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Herberge von Don Blas in Fuenterroble de Salvatierra



Martín, der als Spanier von ihm gehört haben müsste, zuckt nur mit den Schultern. Der Mann ist ihm unbekannt, ebenso seiner Wegbeschreibung aus dem Jahr 2001. Da steht auch nix drin. Ihm ist es auch egal wer eine Herberge betreibt, Hauptsache er hat ein Dach überm Kopf und eine Dusche. In den deutschsprachigen Wander- und Pilgerführern wird der Mann als Engel der Pilger, beziehungsweise als Legende der Vía beschrieben.
Er ist jedenfalls nicht da und sonst auch niemand. Wir springen erstmal unter die Dusche und gehen danach in die Bar, einige Meter weiter die Straße hoch und kaufen in dem dazugehörenden Miniladen (2 x 3 m) fürs Abendessen ein. Dass heute Sonntag ist und der Laden eigentlich geschlossen ist, stört niemand.
Als wir zur Herberge zurückgekommen, sind zwei Männer da, die uns einladen von den Vorräten zu essen. Dann sind sie verschwunden. Wir machen uns über den Schinken und die Wurst aus der Vorratskammer her. Waren diese Vorräte gemeint, oder das Obst in der Kiste und der Inhalt des Kühlschranks? Wurst und Schinken schmeckten jedenfalls sehr gut. Kein Wunder in einem Land in dem zwar nicht Milch und Honig fließen, mit Sicherheit aber Wurst und Schinken!
Abends dann kommt er, Don Blas, zwei dürre Sätze, ein Griff in den Kühlschrank (den meinten also die zwei Männer) und schon steht unser Abendessen auf dem Tisch. Er will uns noch den Pilgerstempel geben, das haben wir schon selbst erledigt, und schon ist er wieder verschwunden. Das war er also! Ich kann den Mann ja verstehen. In dem einen Pilgerführer bekommt er fast einen Heiligenschein, in dem anderen wird von einem gemeinsamen Abendessen gesprochen. Nicht nur bei mir werden diese Aussagen zu einer erhöhten Erwartungshaltung geführt haben. Und der Pfarrer wird wohl auch keine Lust und auch keine Zeit haben, so gut wie jeden Abend in fremder Runde ein gemeinsames Abendessen abzuhalten. Besonders weil nicht jeder als Pilger unterwegs ist und sein Hauptaugenmerk gilt ganz offensichtlich seiner Gemeinde. Der von Gemeindemitgliedern ausgemalte Gemeinschaftssaal des Pfarrhauses (unsere Herberge) zeugt davon.

An diesem Abend darf ich das machen, was ich schon seit mindestens acht Jahren nicht mehr gemacht habe: ich muss eine Blase aufstechen! An meinem kleinen Zeh blüht eine winzig kleine Blase. Das war also das brennen, von heute Nachmittag. Das kleine Bläschen wird der fällige Tribut an die großen und langen Etappen der letzten paar Tage sein und der Tribut an meine Leichtwanderschuhe, besser Freizeitschuhe. In der Größe ist das Dilemma nicht weiter der Rede wert - hoffe ich.


16. Tag: Montag, 12. März 2007 Schinden für einen Pausentag
Etappe: Fuenterroble de Salvatierra – Salamanca
Tageskilometer: 52 Gesamtkilometer: 519

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Blick zurück in Richtung Fuenterroble de Salvatierra



Ausnahmsweise ist heute ein Tag, an dem wir uns Zeit lassen können. Wir sind der Meinung, dass wir in den letzten Tagen genug große Etappen zurückgelegt haben und wollen heute nur bis nach Morille. Bis dahin sind es nur etwas mehr als 30 Kilometer, für unsere Verhältnisse ein Spaziergang. Als die Herbergstür hinter uns ins Schloss fällt, ist es schon weit nach acht, aber bitter kalt. In der Nacht hat es gefroren, die Wiesen sind dick mit Reif bedeckt und auf den Pfützen hat sich eine Eisschicht gebildet. Weil ich nur mit zwei dünnen Sommerhosen unterwegs bin, habe ich zwangsläufig alle an. Darüber kommt noch die Regenhose. Ich hab mal wieder vergessen, dass wir auf knapp 1000 Meter sind und dass auch in Zentralspanien noch Winter ist. Anfangs müssen wir mal wieder über einen fast 100 Meter breiten Weideweg, der nach der alltäglichen Frühstückspause in einen steilen Bergpfad übergeht. Einer der wenigen wirklich steilen Strecken der letzten 500 Kilometer. Oben auf dem Pico de la Dueña steht neben den neuen Wahrzeichen unserer Zeit – der Kamm wird von Windkraftanlagen gekrönt – klein und unscheinbar das uralte Cruz de Santiago. Angeblich liegt hier auf gut 1100 Meter die Hälfte der Gesamtstrecke hinter uns.

Für mich wichtiger ist jedoch, dass mein rechter kleiner Zeh höllisch weh tut. Ich müsste mal nach ihm sehen, aber dafür eine extra Pause einschieben? Das würde ja bedeuten, dass ich gegenüber Martín ins Hintertreffen gerate. In den ersten Tagen unserer gemeinsamen Wanderung war Martín so langsam, dass ich hin und wieder mal eine Pause einschieben konnte, in der Martín weiterging. Sollte sich dies jetzt umgekehrt haben? Nach mehr als zwei Wochen wandern ist natürlich auch bei Martín ein gewisser Trainingseffekt feststellbar. Jedenfalls hat sich sein Tempo beträchtlich erhöht. Wenn ich jetzt eine Pause einschiebe um meinen Zeh zu verarzten, wird er mich zwar fragen, ob er warten soll, eher würde ich mir aber die Zunge abbeißen als ihn zum Warten aufzufordern. So kommt es dann auch. Ich mache Pause und Martín zieht von dannen. Er ist es gewohnt, dass ich ihn schnell wieder einhole. Aus der winzig kleinen Blase ist ein dicker Brummer geworden. Dies bedeutet aufstechen, ausdrücken und weiter. Nach jeder Pause, das weiß ich jetzt schon, muss ich mich erstmal an den Anlaufschmerz gewöhnen. Der kleine Zeh liegt wie wohl bei jedem Menschen dummerweise in der Knickfalte des Wanderschuhs und wird so mit jedem Schritt zusätzlich malträtiert. Nach wenigen 100 Metern lässt der Schmerz nach und ich kann mich daran machen Martín, dessen Vorsprung inzwischen beträchtlich gewachsen ist, wieder einzuholen.

Weil es heute nur eine kurze Etappe werden soll, machen wir heute ausnahmsweise eine zweite Pause. Unter einem Baum liegend, es ist mittlerweile wieder sehr warm geworden, kommt bei uns der Gedanke auf, ob wir wirklich nur bis Morille gehen sollen. Wir haben erst Mittag, in spätestens zwei Stunden werden wir in dem kleinen Nest mit der Pilgerherberge sein. Unsere Planung sah vor, dass wir morgen gegen Mittag dann in Salamanca eintreffen würden. So hätten wir dann einen halben Tag für die Stadtbesichtung. Bei uns keimt der Gedanke auf, dass wir, trotz meiner Fußprobleme, diese Strecke auch heute noch schaffen können. Aufkommende Zweifel wegen der Länge der zusätzlichen Strecke zerstreut mal wieder der deutsche Wanderführer. Da steht was von 17 Kilometern, in Martíns spanischer Ausgabe von 23 Kilometern. Uns beiden ist klar, dass die deutsche Angabe falsch sein muss, aber wie das nun mal so ist im Leben, hin und wieder muss man sich auch mal selbst bescheißen. Um halb drei sind wir in Morille und hier fällt endgültig die Entscheidung: Wir gehen durch, dadurch gewinnen wir einen ganzen Pausentag für Salamanca! Gegen 18 Uhr, so reden wir uns ein, werden wir in der Stadt sein.


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Cruz de Santiago, Steinmännchen vor Salamanca



Auf der Anhöhe hinter Morille sehen wir zum ersten Mal in der Ferne die Silhouette der Stadt. Und schon wieder bescheißen wir uns. Wir wissen beide, dass es in der Zeit nicht zu schaffen ist. Wie zu erwarten sind wir gegen 18 Uhr nicht in Salamanca, sondern auf der Höhe von Miranda de Azán. Noch immer liegt die Stadt in weiter Ferne. Für uns hält dieser Tag mehrere Premieren bereit: Nicht nur, dass wir zum ersten Mal mehr als 50 Kilometer gehen, die 500-Kilometermarke überschreiten, nein, zum ersten Mal gibt es auch drei Pausen. Es ist schon fast neun Uhr abends als sich die Herbergstür für uns öffnet.

Der Hospitalero ist überrascht uns so spät noch zu sehen und meint wir wären erst gegen Mittag in Morille losgegangen ... Nach ein paar Worten der Aufklärung, kapiert er, dass wir bei Pfarrer Don Blas in Fuenterroble gestartet sind. In der Herberge sind noch zwei Finnen und ein Spanier, der mit dem Fahrrad unterwegs ist. Der sieht so aus, als sei er der letzte Überlebende der längst vergangenen Hippiekultur. Wegen Rückenschmerzen muss er hier leider seine Tour beenden.

Abends kommt dann noch eine Studentin, die Deutsch und Englisch studiert, und gemeinsam mit dem Hospitalero tratschen wir noch bis fast Mitternacht. Wie nicht anders zu erwarten dreht sich alles um das Thema Pilgern. Als ich den Spaniern erzähle, dass das Pilgerbuch eines deutschen Entertainers die Millionenauflage überschritten hat, schütteln sie ungläubig mit dem Kopf. Dass Deutsche in den letzten Jahren sehr aufs Pilgern abfahren, ist auch in Spanien angekommen, dass es aber solche Ausmaße angenommen hat, verwundert doch sehr.


17. Tag: Dienstag, 13. März 2007 Salamanca – ein Traum!
Etappe: Ruhetag in Salamanca
Tageskilometer: 0 Gesamtkilometer: 519

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Casa de Las Conchas (Muschelhaus), Kathedrale



Einen ganzen Tag für eine der schönsten Städte Spaniens. Weil wir alle offiziell nur eine Nacht in der Herberge bleiben dürfen, schmeißt uns alle der Hospitalero in aller Herrgottsfrühe aus dem Haus. Er hat heute seinen letzten Tag, und später kommen die Betreiber für die Endabnahme, so erzählt er uns. Die Rucksäcke deponiert er in seinem Zimmer. Am Nachmittag dürfen wir wieder erscheinen. Dann wird er uns „neu“ aufnehmen.

Was zunächst ärgerlich ist, stellt sich nun als Glücksfall raus. Die Stadt gehört uns und der aufgehenden Sonne. Zunächst noch graubraun, taucht die Morgensonne den Sandstein in ein rotgold leuchtendes Farbenbad. Dass um diese frühe Uhrzeit so gut wie kein Mensch unterwegs, ist erhöht den Reiz zusätzlich. Als die Hauptpost öffnet herrscht auf den Straßen dann das übliche Treiben einer Großstadt.

Auf die Post muss ich, weil ich endlich mein Zelt zurück nach Deutschland schicken will. Ursprünglich hatte ich vor hin und wieder im Zelt schlafen, ja hin und wieder auch in einem Hotel oder Hostal zu übernachten. Doch weil es so schön praktisch und billig ist und alle Herbergen, bis auf eine Ausnahme, in einem akzeptablen bis guten Zustand waren, ist daraus nichts geworden. Und für die zweite Hälfte der Strecke wird sich daran auch nichts ändern, im Gegenteil: Ab Galicien wird es mit den Herbergen noch besser.


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Universität, innen und außen



Der Rest des Tages ist ausgefüllt mit Besichtigungen, Besorgungen, Rumgammeln. Wir zigeunern durch die wunderschöne Altstadt, machen mal einen Abstecher in die Uni, oder springen mal kurz in ein Museum. Kurz, es tut gut mal wieder in einer Stadt zu sein.
In Salamanca gibt es fast alles zu kaufen, nur keine brauchbaren Wanderschuhe. Die Blase an meinem Zeh habe ich meinen weichgelaufenen Freizeitwanderschuhen zu verdanken. Die sind in der Zwischenzeit so formstabil wie ein luftleerer Fußball. Aber wie gesagt, in Salamanca gibt es alles ... Also müssen die alten Schuhe noch etwas halten. Am Nachmittag sind wir wieder an der Herberge und warten jetzt gemeinsam mit dem Hippie-Spanier von gestern Abend darauf, dass diese geöffnet wird. Zwei Polizisten kommt dies wohl alles spanisch vor. Mit dem Ergebnis, dass sie unsere Pässe sehen wollen. Bei Martín ist alles ok, dann kommt der Hippie-Spanier an die Reihe. Mit einem süffisanten Grinsen reicht er den Polizisten einen etwas seltsamen Ausweis. Sekunden später stehen beide stramm. Wie uns der Spanier später erklärt, ist er, obwohl er aussieht wie ein Hippie und weit über 50 ist, Oberst der spanischen Polizei. Zwar schon länger ohne festen Bezug zu irgendeinem Dienstplan (so eine Art bezahlte Dauerdienstbefreiung), aber immer noch Oberst und somit im Zweifelsfall Vorgesetzter unserer beiden fleißigen Polizisten. Dann bin ich an der Reihe. Und da die beiden dem Anschein nach zeigen wollen wie fleißig sie sind, starten sie eine Anfrage sogar über Europol. Was sich natürlich länger hinzieht. Nach gut 20 Minuten habe auch ich das Prozedere überstanden und wir dürfen gehen. Weil wir am nächsten Tag wieder früh los wollen, liegen wir an diesem Abend weit vor Mitternacht im Bett.

Hier liegt nun mehr als die Hälfte des Weges hinter mir. Salamanca - das wollte ich auf alle Fälle erreichen. Bei einem Abbruch vor der Zeit, hätte ich mit der zurückgelegten Strecke ganz gut vor mir bestehen können. Eins ist jedoch sicher: Trotz Fußproblemen wird es weiter nach Norden gehen. Und noch etwas ist sicher: Ich werde mich nicht in meinem Bekanntenkreis melden und sagen, was ich gerade mache oder wo ich im Augenblick bin. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, dass in Salamanca die erste Postkarte im Briefkasten landet oder die erste SMS fällig ist. Bis auf meine Frau und meine Kinder (mit denen stehe ich in täglichem Kontakt) kann sich der große Rest der Welt in dem Glauben wiegen, dass ich auf Camping/Rucksack/Kurzwandertour an der spanischen Mittelmeerküste bin.
Es gefällt mit etwas aus der Welt gefallen zu sein. Dabei soll es fürs Erste bleiben!


18. Tag: Mittwoch, 14. März 2007 Highway to hell?
Etappe: Salamanca – El Cubo de la Tierra del Vino
Tageskilometer: 34 Gesamtkilometer: 553

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Bei Calzada de Valdunciel, Herberge/Kirche in El Cubo de la Tierra del Vino



Die Straßen der Stadt, die gestern Nachmittag noch von Horden junger Leute bevölkert waren, sehen heute morgen nur zwei einsame Wanderer und die Männer der Stadtreinigung. Im Gegensatz zum Weg nach Salamanca hinein (bis an den Stadtrand durch offenes Land und Feldwege) müssen wir hier auf den Seitenstreifen der Nationalstraße, die auch den beziehungsreichen Namen „Ruta de la Plata“ trägt. Jedenfalls künden überdimensionale Schilder davon. In der einschlägigen Pilgerliteratur (mein Pilgerführer macht darin keine Ausnahme) und in den verbreiteten Pilgerberichten wird immer wieder von den mörderischen Bedingungen für Wanderer auf den Nationalstraßen berichtet. Da kann man von mutwilligen Lkw-Fahrern lesen, deren Freizeitvergnügen im Abdrängen von Pilgern besteht und von Autofahrern, die unachtsam sind und somit den Wanderer angeblich gefährden sollen. Entweder liegt es an meiner etwas lockeren Sicht auf diese Dinge oder daran, dass ich den Großteil meines Arbeitslebens hinter einem Lenkrad verbracht habe, als gefährlich oder sogar lebensbedrohend würde ich dies nicht bezeichnen. Man kann natürlich das Pech haben, dass man es genau anders erlebt. Hier und heute ist es jedenfalls nicht so. Das Ausweichen in den Graben oder den lebensrettenden Sprung hinter die Leitplanke bleiben uns erspart. Im Gegenteil: Fast alle Lkw-Fahrer hupen oder grüßen freundlich und auch die Pkw-Fahrer bilden darin keine Ausnahme. Es ist nicht der schönste Abschnitt der Vía, meist führt er über offene durch unendliche Felder geprägte Landschaft, es ist auch kein Weg zum Paradies, aber mit Sicherheit auch kein Weg zur Hölle.

In Calzada de Valdunciel ist dann mal wieder mein rechter Fuß fällig. Die eine Blase ist nun nicht mehr allein, an der Ferse hat sich eine zweite gebildet, die Schonhaltung macht’s möglich. Weil es halt so praktisch ist und wir eh Pause haben, erledigen wir direkt unseren Tageseinkauf.

Es ist wie in so vielen Dörfern durch die wir in den letzten Tagen gekommen sind, als Fremder drängt sich der Eindruck auf, dass es außer Rathaus und Kirche keine weiteren Einrichtungen gibt. Man muss sich durchfragen und dann steht man meist vor einer ganz normalen Haustür hinter der sich ein Bäcker, ein Metzger oder ein kleiner Lebensmittelladen verstecken kann. Dieses Nest macht darin auch keine Ausnahme. Nach dem Woher und Wohin ruft die Verkäuferin im Lebensmittelladen ihren gut 20 jährigen Sohn herbei. Stolz erzählt sie, dass er letztes Jahr in Deutschland im Urlaub war. Meine Vermutung nach der Fußball-WM wird verneint, der junge Mann hat eine klassische, ich würde sagen ein Alte-Leute-Besichtigungstour hinter sich: Schloss Neuschwanstein, Brandenburger Tor, Rheintal ... Seine drei Kumpels, die mit waren, waren genauso begeistert wie er. Bei mir wirft das dann doch ein paar Fragezeichen auf.
Vor El Cubo de la Tierra del Vino drücken wir noch mal aufs Tempo, denn von weitem leuchtet, wie wir vermuten, ein neuen Einkaufszentrum. Je näher wie kommen, desto mehr Einzelheiten können wir erkennen: Ein sehr großer Parkplatz, dies war wohl unser Anhaltspunkt für ein Einkaufszentrum, ein hoher, sehr hoher Zaun, mehrere Wachtürme und zum Schluss die vergitterten Fenster weisen eher auf ein Gefängnis hin. Ein kleines Schild am Eingang beseitigt alle Zweifel. Es handelt sich um eine neue Jugendstrafanstalt.

Heute gibt es mal wieder eine besondere Herberge. Der ehemalige Pfarrer von El Cubo de la Tierra del Vino hält in seiner Kirche zwei Räume für Obdachlose bereit. Den Pfarrer gibt es nicht mehr, die Übernachtungsräume haben ihn jedoch überlebt. Nach langer Zeit findet sich in dieser Pilgerherberge mal wieder ein brauchbares Pilgerbuch. Für die letzte Nacht hatten sich zwei Deutsche eingetragen, die mal probieren wollen, wie das mit dem Pilgern so ist, so steht es jedenfalls in dem Buch. Sie wollen von Salamanca nach Zamora pilgern. Die mit Abstand beschissenste Strecke der gesamten 1000 Kilometer.
Völlig ungewohnt durchblättert Martín hektisch das Pilgerbuch. Normalerweise interessieren ihn diese nicht sonderlich. Irgendwann wird er dann auch fündig und erzählt mir aufgeregt warum ihn das Buch diesmal so interessiert. Im letzten Jahr war sein Nachbar aus Mallorca auf der Vía unterwegs. Aus gesundheitlichen Gründen hat der hier das Handtuch geschmissen, und er hat sich hier in dem Pilgerbuch verewigt. Ich kenne Martín inzwischen so gut, dass ich mit vorstellen kann, dass ab hier jeder weitere Meter für ihn zu einem persönlichen Triumph über seinen Nachbarn wird.

Fürs Abendessen verziehen wir uns in einen nahe gelegenen kleinen Park, der mit Geldern der EU gefördert wurde. Genutzt wird der Park von fast niemandem. Im Sommer meiden die Leute den Park wegen der Hitze, im Winter sitzen die alten Leute vor ihren warmen Öfen. Man kann oft sehen, dass in diesen abgelegenen Regionen mit EU-Geldern (meist weist auch ein kleines Schild auf diesen Geldgeber hin) völlig unsinnige Kleinprojekte gefördert wurden. Vom kleinen Teich, auf dessen Grund eine erbärmliche Pfütze daran erinnert was er mal werden sollte, über überdimensionierte Zufahrtsstraßen für einige Gutshöfe bis hin zu den der prallen Mittagssonne ausgesetzten betonierten und mit schmiedeeisernen Bänken dekorierten Dorfplätzen. Es steht Geld zu Verfügung, das weg muss, aber der Landflucht wird damit kein Einhalt geboten. Das Geld wäre besser in Betreuungsprojekte für alte Leute und für die wenigen Jugendlichen angelegt. Für uns ist dieser Park jedoch ein idealer Pausenplatz. Und weil sich keine Obdachlosen blicken lassen, sofern es in dieser Gegend überhaupt welche gibt, gehört die Kirche diese Nacht uns alleine.

Ach ja, Wein gibt es hier schon lange nicht mehr. Der Ortsname verspricht zwar ein Land voller Eimer und Kübel mit diesem Getränk, doch eine Ungezieferplage hat schon vor Generationen alle Rebstöcke vernichtet. Dabei ist es geblieben.

Werner Hohn
24.08.2007, 22:08
19. Tag: Donnerstag, 15. März 2007 Ich bin dann mal auf Arbeit, und Spanien – Deutschland 0 : 1
Etappe: El Cubo de la Tierra del Vino - Zamora
Tageskilometer: 31 Gesamtkilometer: 584

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Höhepunkte: Pause im Graben, Grasweg, Am Ortsende schon wieder namenlos


Völlig unerwartet fängt dieser Tag mit einer Pause an und das auch noch mit einer längeren. Es geht schon auf halb acht zu, doch von Morgendämmerung ist noch nichts zu sehen. Draußen ist es immer noch stockfinster. Zum ersten Mal auf dieser Wanderung bremst uns dichter Nebel aus. Sogar im fahlen Licht der Straßenlampe können wir kaum etwas erkennen, von Sonne gar nicht zu reden. Gegen diese Suppe hat die keine Chance. Für Zamora haben wir einen halben Tag Stadtbesichtigung eingeplant, gegen Mittag wollten wir eigentlich in der Stadt am Rio Duero eintrudeln. Gegen neun Uhr ist es endlich soweit. Der Weg ist, wenn auch schemenhaft, erkennbar. Hin und wieder taucht eine altes Andreaskreuz aus dem Nebel auf (anfangs sind wir in der Nähe einer Bahnlinie), zur Pause im Straßengraben ist es immerhin so hell, dass wir erkennen können wo wir sind.

Besondere landschaftliche oder kulturelle Reize hat die Route nach Zamora nicht. Einige Dörfer mit menschenleeren Straßen, weite Felder, mal ein Schafstall, mal ein streunender, abgemagerter Hund. Nix was uns beide aus den Schuhen kippen lässt. Der landschaftliche Höhepunkt ist der kurze Trampelpfad durch ein kleines Feuchtgebiet. Immerhin wächst hier mannshohes Gras, oder irgendwas in der Art.
Martín erledigt vom Handy aus ein paar Geschäfte auf den Balearen, tritt, wenn ich das richtig verstehe (er spricht dabei grundsätzlich mallorquin) einem Handwerker verbal gehörig in den Arsch, und erklärt anschließend seiner Frau in dürren Worten, dass es uns beiden fantastisch geht. Das ist dann doch etwas übertrieben. Es geht uns weder gut noch schlecht. Wir sind einfach da und haben etwas Langeweile.

Wir sind bald drei Wochen unterwegs. Jeden Tag das gleiche Bild: Aufstehen. Nach dem Wetter sehen. Rucksack auf. Gehen. Pause. Gehen ... Wandern ist zur Routine geworden. Wenn die Strecke keine Höhepunkte bietet, drängt sich schon mal der Vergleich mit einem Arbeitstag auf. Nicht unbedingt ein schlechter. Man reißt ihn halt so runter, wie man einen Stapel Arbeit runterschafft. Nicht besonders motiviert, Lust kommt aber auch nicht auf. Die Arbeit muss halt gemacht werden! Abends hat man den Tag meist schon wieder vergessen und freut sich aufs Füße hochlegen. So ist es heute. Damit es nicht zu langweilig wird, sehe ich beim Gehen zwei kleine Speicherkarten durch und schaffe dabei etwas Platz für neue Bilder. Man kann ja nie wissen.

Der Höhepunkt des Tages kommt von ganz anderer Seite. Der Sieg Deutschlands über Spanien - und das endgültig! Das wird mir jedenfalls später versichert. Martín ist mit einer spanischen Wegbeschreibung aus dem Jahr 2001 unterwegs, ich mit einer deutschen von 2006. Misstrauisch war er, den Kopf hat er mehr als einmal geschüttelt, immer wieder hat er meine Angaben (er kann das Buch natürlich nicht lesen) anhand seiner Kopien überprüft. Er wollte nicht verstehen, dass in so einem kleinen Buch, das zudem noch aus einem anderen Land kommt, mehr und bessere Infos stehen als in seinem. Nicht nur, dass die Wegbeschreibung beutend besser ist, am meisten ärgert ihn, dass in dem deutschen Wanderführer mehr Herbergen aufgeführt sind. Und das noch mit genauer Wegbeschreibung durch die Städte und Dörfer bis zur Herbergstür. Ganz besonders letzteres wurmt ihn von Anfang an. Er war erst überzeugt wenn wir vor der Herbergstür standen. Zur Sicherheit, hauptsächlich jedoch um mir zu zeigen, dass er dem Buch nicht traut, hat er sich zusätzlich im Ort durchgefragt.


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Zamora



Auf der Brücke übern Rio Duero mache ich ihm klar, dass wir nach meiner Wegbeschreibung zur Herberge gehen werden. Bei seiner Fragerei wird nämlich nichts rauskommen. Offiziell gibt es in Zamora keine Pilgerherberge und weil der Jakobsweg in dieser Stadt nicht unbedingt als touristischer Heilsbringer betrachtet wird (viele Bewohner wissen, dass es die Vía de la Plata hier gibt, aber das war’s auch schon), werden uns die Leute nicht helfen können. Dass es im Studentenwohnheim einige Pilgerzimmer gibt, sofern das nicht voll belegt ist, steht aber in meinem Buch. In Martíns Schwarte findet sich darüber keine Zeile. Etwas widerwillig trottet er hinter mir drein. Ab der Brücke habe ich nur noch Augen für die Straßennahmen und die Angaben im Buch. Bloß nicht verlaufen und hoffentlich ist das Wohnheim nicht voll belegt! Der Triumph soll vollständig sein! Trotzdem hält Martín vorsorglich Ausschau nach einem preiswerten Hotel. Erst als wir die Anmeldung und den Zimmerschlüssel im Studentenwohnheim in der Hand halten, kapituliert er. Wir werden in Zukunft nach meinem Buch gehen! Der Katalane, jener der uns nach drei Tagen wieder verlassen hat (das liegt schon unendlich weit zurück), hat das schon nach wenigen Stunden erkannt und sein spanisches Buch nicht mehr aus dem Rucksack geholt. Martín hat 600 km für diese Erkenntnis gebraucht. Nicht nur, dass er in einem Ort mit einem deutschen Bürgermeister wohnt, nein, ab morgen geht er auch nach einem deutschen Buch. Das machen wir schon seit Wochen so, zugegeben hat er das bis heute jedoch nicht. Etwas verletzter Nationalstolz spielt da sicher mit.

Nachmittags gönnen wir uns eine verkürzte Stadtbesichtigung. Für das höchstwahrscheinlich bekannteste Fotomotiv der Stadt, die Mühlen im Fluss, haben wir nach dem verspäteten Aufbruch leider keine Zeit mehr. Außerdem nervt die Blase am rechten Zeh gewaltig. Es dauert immer länger bis der Anlaufschmerz überwunden ist. Zudem gewöhne ich mir langsam eine Schonhaltung an, deren Folgen bekannt sind: Irgendwann wird’s woanders weitergehen mit den Blasen. Noch ist keine zweite Blase zu sehen. Hoffentlich bleibt es dabei.

Im Studentenwohnheim gibt es kostenloses Internet. Als die Jungs (es sind keine Frauen da!) endlich beim Abendessen sind, kann ich einen freien Rechner ergattern. Ein Blick in die E-Mails, in diverse Foren, ein Kurzbericht im Forum für die Via; und in einem Aufwasch besorge ich Martín den Rückflug nach Mallorca: Air Berlin am 30. März.
Den Termin für meine Rückreise will ich noch nicht festlegen. Eine der ganz großen Vorteile, wenn nicht sogar der eigentliche Beweggrund dieser langen Wanderung, war das völlige Fehlen von Zeitdruck - bis jetzt. Das war gut so und soll auch so bleiben. Gut 400 Kilometer haben wir noch vor uns bis Santiago de Compostela. In 15 Wandertagen kann man das ganz gemütlich machen – jedenfalls wir. Wir rechnen sogar nur mit 14 Tagen. Trotzdem, ich habe keinen Bock auf einen festen Termin. Eher bin ich bereit einen höheren Flugpreis zu zahlen oder die Rückfahrt mit dem Europabus anzutreten.
Martín geht ab morgen jedenfalls auf Zeit. Und ich? Ich werde mit ihm gehen und wie es aussieht seinen Zeitplan locker halten können. Es sei denn meine Füße sind gegenteiliger Meinung. An diesem Abend sieht es nicht danach aus.


20. Tag: Freitag, 16. März 2007 Unendliche Weiten
Etappe: Zamora – Granja de Moreruela
Tageskilometer: 40 Gesamtkilometer: 624

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Platz genug



Aufgeräumt, übersichtlich, ordentlich, alles Attribute mit der sich die Landschaft beschreiben lässt, in der wir uns heute bewegen. So ganz anders als am vorigen Tag schaut's hier nicht aus, aber hier ist es bedeutend spannender und schöner. Gestern, das war ein eher unaufgeräumtes Klein in Klein, der große Überblick wollte sich nicht einstellen. Heute sind es die riesigen Felder und Wiesen auf denen nur ganz selten ein Strauch oder Baum überlebt hat und die wenigen Dörfer - die oft in einer Mulde verschwinden - durch die die Landschaft für mich spannend wird. Das hier ist keine dieser monotonen Ebenen, die dann irgendwann vom Horizont verschluckt werden. Langgestreckte Senken, walbuckelige Hügel bieten dem Auge Widerstand und halten deshalb eine erwartungsvolle Spannung aufrecht. Sogar die nahe N-630 mit ihrem Verkehrslärm stört heute nicht.

Angefangen hatte der Tag mit einer kleinen Meinungsverschiedenheit mit dem Wachmann des Studentenwohnheims. Der wollte uns perdu so früh nicht gehen lassen! Wir mussten ihm erst unsere Quittung unter die Nase reiben und uns in seiner Ausgangsliste eintragen, bevor er uns widerwillig aus dem Haus lies. Der Blick in die Ausgangsliste erklärte uns dann auch woher das nächtliche Türschlagen und Gerenne auf dem Flur stammte: Minutiös wurde festgehalten wer wann mit wem hier durch musste. In einem deutschen Studentenwohnheim eine schätzungsweise unbekannte Form der Kontrolle.
Ab Roales del Pan, in dem es trotz des Namens kein Brot gibt, dafür einen „Betonkünstler“ der neben unzähligen Tieren auch zwei moderne lebensechte Rucksackpilger in seinem Vorgarten stehen hat, sind wir dann endlich in dieser Menschenleere unterwegs.


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Drei stehen noch



Eins nervt allerdings gewaltig, und das schon seit unserem frühen Aufbruch, am linken Fuß brennt der kleine Zeh, am rechten Fuß tut die Ferse weh. Bei der Frühstückspause in Montamarta wird aus der Vermutung Gewissheit – nun werde ich mit drei Blasen unterwegs sein. Die alte, am rechten Fuß, hat sich zu allem Überfluss mit Blut gefüllt. Der Apotheker freut sich sichtbar über ein einträgliches Zusatzgeschäft. Ein Satz Blasenpflaster in allen Größen, sowie eine Großpackung Aspirin werden mich nun begleiten. Ganz unbekannt scheint das Fußproblem in dieser gottverlassenen Gegend nicht zu sein. Für die Einheimischen hat der Apotheker bestimmt nicht das komplette Sortiment an Lager. Gut verarztet und bepflastert – vorsorglich habe ich alle kritischen Stellen an beiden Füßen getapet – und in der Hoffnung das es bei den drei Blasen bleibt, machen wir uns auf den Weg zur Kapelle am Ricobayo-Stausee, die hoch überm See thront.

Trockenen Fußes können wir über den Grund des Stausees gehen. Es sieht nicht so aus, als hätte hier in den letzten Jahren Wasser gestanden. Leider ist die Kapelle verrammelt, dafür ist die Burgruine Castrotorafe sperrangelweit offen. An den spärlichen Mauerresten dieser einst großen Burganlage des Santiago-Ordens lässt sich schwerlich eine verschließbare Tür anbringen.


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Ruine von Castrotorafe, Ruine ohne Namen, Die Neue



Im Pilgerführer steht was von der schlimmsten Unterkunft der ganzen Via de la Plata, trotzdem bin ich mehr als froh als wir am späten Nachmittag in Granja de Moreruela eintreffen. Zu unserem Glück hat sich die Unterkunftssituation seit Drucklegung des Buches bedeutend verbessert. In Zeiten, in denen sogar gestandene Autofahrer vom Pilgern reden, hat hier jemand die Zeichen der Zeit erkannt und eine Bar mit privater Pilgerunterkunft eröffnet. Neu, sauber, preiswert. Uns beiden passt das wunderbar in den Kram. Und wie fast immer sind wir alleine in der Herberge. Unser einziges Gesprächthema an diesem Abend sind meine Blasen. Martín, dessen Blasen seit hunderten Kilometern keine Probleme mehr machen, ist fassungslos. Ich auch! Mit der ein oder anderen Blase habe ich schon gerechnet, aber drei? Jetzt bin ich froh, dass ich gestern keinen Rückflug gebucht habe. Zur Not kann ich einige Ruhetage einschieben; mein Begleiter sieht das gezwungenermaßen nicht so locker. Für ihn würde das bedeuten, dass er alleine nach Santiago gehen muss. Begeistert ist er von diesen Aussichten nicht.

In Granja de Moreruela teilt sich die Via in eine Route über Ourense und eine gerade Strecke nach Astorga. Die letztere führt zum Camino francés, dem eigentlichen Jakobsweg, und über den weiter nach Santiago de Compostela. Das ist auch der Verlauf der historischen Via de la Plata.
Die meisten gehen von hier den Mozarabischen Jakobsweg (der von Granada kommt) über Ourense, deshalb wird diese Route im allgemeinen Sprachgebrauch als die eigentliche Via bezeichnet. Wie auch immer, wir beide gehen über Ourense. Ob wir morgen bis Tábara (nur 26 km) oder bis Santa Croya de Tera (gut 50 km) gehen, machen wir vom Zustand meiner Füße abhängig.


21. Tag: Samstag, 17. März 2007 Der Tag der Leiden
Etappe: Granja de Moreruela - Santa Croya de Tera
Tageskilometer: 50 Gesamtkilometer: 674

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Rio Esla, Am Abzweig in Granja



Um es kurz zu machen, wir sind in Santa Croya de Tera gelandet. Trotz der 50 km sind wir relativ früh eingetrudelt. Meine Füße zieren jetzt allerdings zwei zusätzliche Blasen. Fünf Stück sind es schon.
Nur neun Stunden waren wir für diese Strecke, die zugegebenermaßen nicht sonderlich schwierig ist, unterwegs. Und es war mal wieder ein richtiger Arbeitstag, man könnte auch sagen ein Arbeitssieg. Ob ich für die nächste Etappe noch arbeitsfähig bin werde ich morgen früh sehen.

Angefangen hatte der Tag an der Sandsteintafel, die auf den Abzweig des Mozarabischen Jakobswegs bzw. auf den Beginn des Camino Sanabrés hinweist. Die Sohlen meiner Wanderschuhe sind mittlerweile so dünn, dass ich jeden einzelnen Stein spüre. Wenigstens höre ich nach einigen Kilometern mit dem Humpeln auf, jedoch nicht lange. Abwechselnd melden sich beide Füße mit neuen Druckstellen. Für mich heißt das: Tape und Blasenpflaster! Weiterlaufen und hoffen, dass es schon gut geht, wie an den vorhergehenden Tagen, kommt nicht mehr infrage. Folglich steigt auch die Zahl der täglichen Pausen sprunghaft an. Nicht nur eine große am Morgen wie bisher, nun wird ein Stopp eingelegt wenn's unten brennt.

Wenn heute auch die Blasen meine Hauptbeschäftigung sind, die Landschaft kann ich immer noch genießen. Hinter dem Fluss Esla wird der Weg ausgesprochen schön. Nicht nur, dass er durch eine malerische Landschaft führt, dieser Abschnitt hat die heute angeblich so begehrte Premiumwanderweg-Qualität. Ein schmaler Trampelpfad führt am Ufer entlang und dann, da wo die Schlucht sich weitet, zur Anhöhe hinauf von der wir eine herrliche Aussicht auf das im Morgennebel weich gezeichnete Umland haben. Leider kann der weitere Weg über Faramontanos de Tábara nach Tábara das nicht halten. Es sind wieder die schon seit Tagen vertrauten breiten Wege, nur das hier die landschaftlichen Höhepunkte fehlen. Allerdings quetscht sich zwischen die Ebenen heute schon mal ein kleiner Hügelzug oder ein Tal.

In Tábara stellt sich dann die Frage ob wir hier in die Herberge gehen, oder ob wir noch mal eine komplette Tagesetappe dran hängen. Schmerzen habe ich schon an meinen Füßen - die ich aber ganz gut ertragen kann - es ist aber erst Mittag. Zeit genug hätten wir. Nach einem Rundgang durch den Ort fällt die Entscheidung: wir gehen nach Santa Croya de Tera. Ob ich über diese Entscheidung am Abend noch glücklich seine werde? Blasenpflaster und Tape habe ich seit meinem letzten Apothekeneinkauf mehr als genug.


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Bodegas in Faramontanos de Tábara, Kloster in Tábara



Ereignislos zieht sich unser Weg nach Norden. Einzig die Pilgerunterkunft in Bercianos de Valverde reißt uns aus der Lethargie des Gehens. Das ist kein Dreckloch mehr, das ist eine Müllkippe. Beim Blick durchs Fenster kommen wir zu dem Entschluss, dass wir hier auf gar keinen Fall übernachten würden. Jedes Notlager unter einem Baum ist dieser Halde vorzuziehen. Das scheint auch der Eigentümer unserer heutigen Herberge sich gedacht zu haben. Auf dem bewaldeten Höhenzug hinter dem Ort baut er eine überdachte Notunterkunft. Eine quadratmetergroße Werbetafel verspricht deren baldige Fertigstellung. Dummerweise verbinden Martín und ich das Versprechen der Tafel mit dem baldigen Ende unserer heutigen Etappe. Doch leider dauert es noch mehr als zwei Stunden, die sich qualvoll in die Länge ziehen, bis wir in der Unterkunft sind.

Die Eigentümer der „Casa Anita“, Anita und Domingo haben vor Jahrzehnten in Deutschland gearbeitet und führen eine der besten Herbergen am Weg. Obwohl wir völlig überraschend für Domingo eintrudeln, überschlägt er sich vor Hilfsbereitschaft. Er nimmt sich sogar Zeit für ein Abendessen mit uns (er brät einen Riesenbatzen Fleisch im Kamin) und versorgt uns mit den Neuigkeiten der Via. Dabei erfahren wir, dass er zum Freundeskreis der Vía de la Plata gehört und morgen, am Sonntag, Pfarrer Don Blas (den mit der Herberge aus Fuenterroble) auf einem Treffen eben jenes Vereins sehen wird.

Domingo gibt sich sichtbar Mühe uns für diesen Abend das Gefühl des Zuhauseseins zu vermitteln. Leider trifft er auf wenig aufmerksame Zuhörer. Wir sind beide platt und ausgebrannt. Die letzten beiden Stunden bis zur Unterkunft waren eine furchtbare Quälerei. Ich bin erledigt wie schon seit Jahren nicht mehr. Zu allem Überfluss schmerzt der linke Fuß höllisch. An ein Auftreten ist nicht zu denken. Zudem habe ich das Gefühl, dass ich leichtes Fieber habe. Da ist wohl eine Entzündung im Anmarsch.

Später kommt dann noch der Chef der jahrhundertealten Laienbruderschaft Cofradía de los Falifos, die in Rionegro del Puente eine neue Herberge betreibt. Er will uns überreden, dass wir morgen dort übernachten. Mit 26 km wäre das eine handliche Etappe, wir wollen jedoch durch bis Mombuey, das ist nur 10 km weiter.


22. Tag: Sonntag, 18. März 2007 Nach 700 Kilometern wieder alleine
Etappe: Santa Croya de Tera - Rionegro del Puente
Tageskilometer: 26 Gesamtkilometer: 700

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Adobe-Häuser in Olleros de Tera, Herberge in Rio Negro del Puente



Schon auf der Brücke, die Santa Croya de Tera mit Santa Marta de Tera verbindet, habe ich die Schnauze voll. Mein linker Fuß schmerzt höllisch. An ein vernünftiges Auftreten, geschweige schmerzfreies Gehen, ist überhaupt nicht zu denken. Am liebsten möchte ich sofort in die Herberge von Domingo und Anita zurückkehren und einen Ruhetag einlegen. Obwohl es heute Morgen wieder saukalt ist, läuft mir vor Anstrengung der Schweiß den Rücken runter. Dabei sind wir noch keine 500 m gegangen. Das kann ja heiter werden! Bis zur Kirche im Ort am anderen Flussufer haben sich wenigstens meine Kreislaufprobleme gelegt. Ich will wenigstens noch die älteste Jakobus-Figur der gesamten Vía de la Plata mit eigenen Augen sehen. Das muss schon sein, wo doch jeder Bericht und alle Pilgerführer ausdrücklich darauf hinweisen. Ob es an der Figur liegt, oder daran, dass ich mich langsam doch etwas eingelaufen habe, das Gehen ist nicht mehr ganz so schmerzhaft.

Auf den ersten 11 km bis Calzadilla de Tera wird mir wieder schmerzhaft klar, dass dieser Tag schlimmer werden wird als der vergangene. Beinahe alle halbe Stunde muss ich mich um meine Füße kümmern. Mal ist ein Blasenpflaster verrutscht, dann wiederum meldet sich eine neue Druckstelle die versorgt werden will, oder die Schuhe, die ich schon seit Tagen nicht mehr vernünftig binden kann, sitzen zu locker oder zu fest.
Obwohl Sonntag ist, gelingt es uns in Calzadilla de Tera eine Ladenbesitzerin zu überreden extra für uns ihr Geschäft zu öffnen. So toll wie sie erwartet hat, ist unser Einkauf dann doch nicht. Mir ist das alles egal. Bei mir fällt sogar das Frühstück aus. Mich interessieren nur noch meine Füße! Während Martíns Frühstückspause entferne ich alle alten Verbände und Pflaster und verarzte mich komplett neu. Kein Tape oder Pflaster soll diesmal eine Falte oder eine Blase werfen. Zusätzlich erhöhe ich meine Asprindosis um die pochende Entzündung im Zaum zu halten.

In Villar de Farfón wiederholt sich das ganze Spiel. Martín mache ich klar, dass er bis Mombuey schon mal vorgehen soll. Bei mir kann das heute länger dauern. In Erinnerung an seine erste Woche (da wurde er von Blasen gequält) sagt er, dass er bei mir bleiben wird. Die sehr schöne Strecke am Stausee entlang bis hierhin habe ich vor Schmerzen schon nicht richtig mitbekommen, von dem noch schöneren Abschnitt über die Hochebene nach Rio Negro noch weniger. Mir stehen die Tränen in den Augen, mit Sicherheit sind es keine Freudentränen.

Für mich steht nun endgültig fest, dass ich in Rio Negro bleiben werde, und das gleich für mehrere Tage. Meine Füße brauchen unbedingt Erholung. Die Herberge ist fast neu und wurde uns gestern Abend wärmstens ans Herz gelegt. Weil mein Begleiter seit Zamora einen festen Rückreisetermin hat, werden wir uns wohl oder übel trennen müssen. Wir doktern zwar noch etwas an seinem Zeitplan rum, letztendlich haben wir aber keine andere Wahl: Martín muss, obwohl er noch einen oder zwei Tage Luft hat, weiter. Die zwei Tage Spielraum muss er sich in Reserve halten für schlechtes Wetter oder andere unvorhersehbare Ereignisse. Nach 700 km fällt uns beiden in der Abschied schwer. Ich bin noch nie mit jemand anderem eine so lange Strecke gemeinsam gewandert. Bei ihm ist es genauso. Uns beiden steckt ein dicker Kloß im Hals und bei mir drängt sich auch noch eine Träne in den Augenwinkel. Wir machen es kurz und schmerzlos. Mitten auf dem großen Dorfplatz von Rio Negro del Puente schütteln wir uns die Hand, drehen uns um, und jeder geht seines Weges. Martín die knapp 10 km nach Mombuey und ich die wenigen Meter zur Herberge.

Die ist fast neu und in einem klasse Zustand, sogar Elektroheizung gibt es hier. Um mich abzulenken und nicht trübselig zu werden, erkundige ich zuerst die Umgebung. Eine Kirche, ein vergitterter kleiner Lebensmittelladen, zwei Kneipen/Bars und ein in die Jahre gekommenes Rathaus. Frisch renoviert, fällt die Pilgerunterkunft etwas aus dem Rahmen. In der Bar Palacio melde ich mich vorsorglich fürs Abendessen an. Weil es sich um eine ganz normale Bier/Kaffee/Fernsehbar handelt kann man hier in der Regel nicht essen. Es lohnt sich nicht mehr für die wenigen noch hier wohnenden Menschen die Küche offen zu halten. Sollte jedoch ein Wanderer oder Pilger hier hängen bleiben, stellt einem die Frau des Eigentümers gerne solide spanische Hausmannskost auf den Tisch. Obwohl ich noch keine Stunde im Ort bin, weiß jeder, dass ich Probleme mit meinen Füßen habe. Und von den Männern, die am Tresen stehen, werde ich folglich ausgiebig bedauert. Na ja, die Besitzerinnen des Lebensmittelladens und der Bar betreuen auch die Herberge. Ehrenamtlich versteht sich. Bei den wenigen Menschen im Ort sind Neuigkeiten schnell rund.

Spät am Abend trudeln noch zwei alte Bekannte ein: der finnische Opa und sein Enkel. Mit beiden hatten wir kurz in Salamanca gesprochen, heute kommen sie aus Santa Marta de Tera. Sie hatten in der dortigen Herberge übernachtet. Ohne das wir es wussten waren wir nur wenige hundert Meter voneinander untergebracht. Die beiden gehen genau wie Martín mit dem spanischen Buch von 2001. Darin steht kein Wort von der „Casa Anita“, in der wir die letzte Nacht verbracht haben. Besonders der Enkel freut sich über die Abwechslung. Mit noch nicht mal 20 Jahren ist es für ihn natürlich nicht ganz einfach wochenlang mit einem mehr als 50 Jahre älteren Mann unterwegs zu sein - auch wenn es sein Opa ist. Einem Familienmitglied kann man schlecht entrinnen, zumal er der restlichen Familie versprochen hat, den alten Mann bis zum Schluss zu begleiten.

Auch für mich ist es ein Glücksfall, dass die beiden heute hier eingetroffen sind. Das lenkt mich vom Trübsalblasen und vom Selbstmitleid ab. Außerdem lohnt es sich jetzt die Waschmaschine anzuschmeißen. Anhand meiner Wegbeschreibung aktualisieren wir noch ihr Buch. Der Rest des Abends ist ausgefüllt mit dem Austausch von Erinnerungen, guten und schlechten Erfahrungen auf der Via und dem Labern über Gott und die Welt. Die beiden wollen morgen weiter nach Cernandilla. Bis dahin sind es zwar nur 20 km, eine Tour über deren Länge ich mir vor zwei Tagen nicht den Kopf zerbrochen hätte, im Augenblick jedoch eine utopische Entfernung. Den Gedanken mit den beiden Finnen morgen früh aufzubrechen, verscheuche ich direkt wieder. Ich werde mindestens drei Tage in dieser Herberge bleiben, nehme ich mir fest vor. Die Entzündung muss erst ausheilen, vorher ist an ein Weiterkommen nicht zu denken.


23. Tag: Montag, 19. März 2007 Zuhause im Nirgendwo
Etappe: Rionegro del Puente (Ruhetag)
Tageskilometer: 0 Gesamtkilometer: 700

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Rionegro del Puente



Junge, Junge! Die beiden Finnen lassen sich aber Zeit. Die wollen doch heute weiter - oder doch nicht? Erst gegen halb neun wühlen die sich aus den Schlafsäcken. Martín und ich haben uns um diese Uhrzeit meist die ersten Gedanken über den passenden Platz für die Frühstückspause gemacht. Mir soll es recht sein. Ich gehe heute nicht weit, höchstens bis zur Bar. Und weil ich schlecht geschlafen habe, das Brennen und Pochen im Fuß ist erst gegen Morgen erträglich geworden, habe ich heute mal keine Probleme mit dem Ausschlafen.

Die beiden machen sich auf den Weg zum Lebensmittelladen. Vergeblich wie sich rausstellt. Der macht erst gegen 10 Uhr auf. Okay, dann eben in die Bar auf einen Kaffee und die Zeit totschlagen. Meinen Einwand, dass es nur 2 Stunden bis Mombuey sind und dort alles was das Pilgerherz begehrt zu kaufen gibt, lehnt der Ältere ab. Ohne Kaffee und Frühstück geht er keinen Meter. Um halb elf haben die zwei es endlich geschafft. Mann-o-Mann! Aber wie sagt der Kölner: „Jeder Jeck ist anders.“

Ich mach mich dann auch mal auf die Runde. Kaffee in der Bar und das Essen für heute Abend bestellen, weiter zur anderen Bar (hat aber noch zu) und zum Schluss in den Laden neben der Herberge. An der Wursttheke treffe ich eine Frau aus Deutschland, die schon seit dreißig Jahren hier wohnt, und ihr Geburtsland nicht wieder betreten hat. Dank Satellitenfernsehen spricht sie immer noch sehr gut Deutsch. Es sei aber auch höchste Eisenbahn gewesen, meint sie, sonst hätte sie die Sprache verlernt. Ansonsten fühlt sie sich hier pudelwohl und denkt nicht mal im Traum daran ihre Zelte abzubrechen. Die große weite Welt braucht sie nicht, wenn es sie doch mal überkommt, hat sie mehr als 50 Fernsehkanäle. Seitdem es die Herberge gibt, verirrt sich immer öfter auch die weite Welt in dieses Nest – wenn auch meist nur für eine Nacht. Sie weiß natürlich schon längst, dass ein fußkranker Pilger aus ihrer alten Heimat sich für ein paar Tage in diesem Nest einquartiert hat.

Gegen Mittag kann ich mich endlich überwinden meinen Füßen eine gründliche Inspektion und Reparatur zukommen zu lassen. Alles muss runter. Kein Pflaster, kein Tape, kein noch so teures von der Werbung hochgelobtes Produkt kommt da in Zukunft dran. Nur Luft, Alkohol und Jod. Wenn es zu arg scheuern sollte, wird ein einfaches Pflaster drüber geklebt. Es ist die spanische Methode: tagsüber Jod, nachts Luft damit die Blasen austrocknen können.

Bis auf zwei gehen die Blasenpflaster, die angeblich eine innige Verbindung mit der Blase eingehen sollen, fast von alleine ab. Die beiden hartnäckigsten werden solange mit Alkohol bearbeitet bis nichts mehr davon übrig ist. Anschließend werden alle Blasen mit einer Nadel aufgestochen (sofern das nicht schon geschehen ist) und gründlich ausgedrückt. Schon nach einer halbe Stunde steht in den meisten wieder die Brühe. Also wieder von vorne. Wo geht die Flüssigkeit eigentlich hin wenn ein Blasenpflaster als Sperre davor ist? Auf der großen Stufe vor dem Eingang der Unterkunft in der warmen Sonne sitzend, wird der Vorgang bis zum Abend noch mehrfach wiederholt. Selbst nach Stunden suppen die noch. Aber ich habe jetzt Zeit. Vorsorglich habe ich schon mal für 3 Nächte bezahlt.

Es ist schon komisch. Ich fühle mich hier sauwohl. Es gibt so gut wie keinen Verkehr, das Nest ist beinahe ausgestorben. Geschäfte in den ich aus Langeweile sinnlos Geld ausgeben könnte gibt es auch nicht. Touristisch hat Rionegro nichts zu bieten. Höhepunkt ist das halbstündige Gedudel einer an Big Ben erinnernden Melodie, die von der Rathausuhr kommt. Das Gedudel höre ich schon seit Wochen. Ganz Kastilien-León hat sich dem Anschein nach auf diese Melodie geeinigt. Würde die Vía de la Plata nicht hier entlang führen, kein Mensch käme auf die Idee diesen Ort zu besuchen. In einem regulären Reiseführer werde ich Rionegro del Puente vergeblich suchen. Kurz, das hier ist der oft zitierte "Arsch der Welt".

Und an diesem "Arsch der Welt" bin ich gut aufgehoben. Es ist vergleichbar mit, sich wie zu Hause fühlen. Neben der neuen, sauberen und warmen Pilgerherberge liegt das hauptsächlich an den Menschen. Sie geben mir das Gefühl hier willkommen zu sein, und dass im Notfall jemand da ist, der sich um mich kümmern wird oder zur Hilfe kommt. Es kann ja sein, dass alles pure Einbildung ist (so gut ist mein Spanisch immer noch nicht), wenn ja, dann ist das auch egal. Mir geht es heute ausgesprochen gut. Zur Not kann ich mich auch eine Woche oder länger hier verkriechen, bis ich wieder schmerzfrei laufen kann.

Abends meldet sich Gerd (der mit dem Franzosen unterwegs ist) per SMS. Er ist in Richtung Benavente unterwegs (also auf der eigentlichen Vía) und wird in 2 Tagen Astorga am Hauptweg erreichen. Sein Begleiter Bernard wird dann wohl oder übel alleine unterwegs sein müssen. Der geht, genau wie alle anderen, über Ourense. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Bernard mich hier noch antreffen wird.
Einer wird mich auf alle Fälle hier noch antreffen. Michael ist in der Herberge in Calzadilla de Tera und wird morgen Mittag hier vorbeikommen. Per SMS verspricht er mir eine Suppe frisch aus der Tüte, dafür aber auf seinem neuen Kocher, zu kochen. Wir schicken uns zwar jeden Tag eine SMS mit unserem Standort und einigen Neuigkeiten. Aber das letzte Mal gesehen haben wir uns in Cáceres, bei Kilometer 300. Beinahe in einem anderen Leben. Langsam wird mir bewusst, dass alle an mir vorbeiziehen. In ein paar Tagen werde ich die alleinige Nachhut sein.


24. Tag: Dienstag, 20. März 2007 Zu Tode betrübt und himmelhoch jauzend
Etappe: Rionegro del Puente – Mombuey - Cernadilla
Tageskilometer: 19 Gesamtkilometer: 719

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Hochebene vor Mombuey, Kirchturm und Detail in Mombuey



Der Gedanke mit der Nachhut geht mir am nächsten Morgen nicht mehr aus dem Kopf. Wenn ich hier wirklich drei Tage bleibe, vielleicht noch länger, werde ich alleine auf weiter Flur sein. Sicher, den Franzosen und die beiden Finnen werde ich wieder einholen können. Martín und Michael, mit beiden bin ich seit Anfang der Tour mehr oder weniger gemeinsam unterwegs, werden auf und davon sein. Martín ruft jeden Abend an und will wissen wie es mir geht und wann ich nachkomme. Gestern war er schon in Requejo. Nach anderthalb Tagen hat er schon mehr als 54 km Vorsprung. Und Michael wird spätestens heute Nachmittag hier in Rionegro sein, mir die versprochene Suppe kochen, und dann weiterziehen. Wenn Bernard auch durch ist, wird sehr wahrscheinlich niemand mehr kommen. Um diese Jahreszeit ist auf der Via tote Hose.
Wegen der „toten Hose“ bin ich eigentlich auf diesem Jakobsweg gelandet. Überfüllte Wanderrouten auf denen sich die Wanderer oder Pilger gegenseitig in die Hacken treten und schon beim morgendlichen Start der Run auf die nächste Unterkunft losgeht, meide ich nach Möglichkeit. Aber so ganz alleine?
Da ist zunächst der sportliche Ergeiz, der den Gedanken an das heutige Weitergehen aufkommen lässt, und zum anderen muss ich mir langsam eingestehen, dass ich mich in den letzten drei Wochen an den Inselbewohner gewöhnt habe. Den letzten Ausschlag gibt ein Telefongespräch mit Martín, der ausnahmsweise mal morgens anruft, und sagt dass er heute bis A Gudiña gehen wird. In der dortigen Herberge kann er zwei Tage auf mich warten. „Offiziell“ gibt er an, dass er sich an die präzise deutsche Wegbeschreibung gewöhnt hat. Vermutlich geht es ihm aber ähnlich wie mir. Mehr als 700 km gemeinsamen Wanderns hinterlassen nun mal bei den meisten Menschen Spuren. Zugeben wird er das aber nie.

Um 11 Uhr stehe ich im Laden und verabschiede mich von der Besitzerin. Sie hat mich die 10 Meter zwischen der Herberge und ihrem Geschäft heranhumpeln sehen und schüttelt nur den Kopf. Mit diesen Füßen würde ich es nicht bis Mombuey schaffen, meint sie zum Abschied. Insgeheim geht sie davon aus, dass sie mich schon heute Nachmittag wieder sehen wird.

Schon nach weniger als einem Kilometer hätte ich am liebsten kehrt gemacht. Der eine Tag Ruhe hat nichts gebracht. Überhaupt nichts! Ich tröste mich, dass ich mir für die kurze Strecke wenn es sein muss 8 Stunden Zeit lassen kann. Die noch nicht mal 48 Stunden Pause in Rionegro verklären sich schon jetzt zu einem Paradies. Ich könnte jetzt gemütlich in der Sonne sitzen und das schmerzfreie Leben genießen. Anderseits ist es für mich wichtig wieder unterwegs zu sein, sogar wenn dabei noch nicht mal 10 km rausspringen. Wenn es sein muss, kann ich in den nächsten Tagen die Streckenlänge um die 10 bis 15 km halten. Hauptsache wieder in Bewegung! Bis Lubian reiht sich eine Herberge (wenn manchmal auch als Notunterkunft) an die andere. Notfalls gibt es auch Hotels oder Hostals. Das sind die Überbleibsel aus besseren Zeiten, als der Fernverkehr noch auf der N-525 unterwegs war. Heute nimmt die Autobahn den Verkehr auf.

Zwei Stunden später stehe ich nach elender Quälerei vor der Herberge in Mombuey. Es dauert noch mal eine halbe Stunde bis ich, nach einigen Missverständnissen mit Gang zum Rathaus und zum Bürgermeister, endlich den Schlüssel in der Hand halte und mich ausruhen kann. Ich kann nicht behaupten, dass ich eine wesentliche Verbesserung in Sachen linker Fuß merke. Eher das Gegenteil. Ich brauche unbedingt neue Schuhe mit harten Sohlen, die es aber auch hier nicht gibt. Außerdem ist mir schweinekalt. Fast genau so dringend brauche ich eine richtig warme Jacke oder Pullover. Der eine altersschwache Radiator der Herberge wird es nicht schaffen die Temperatur um mehr als 3 Grad zu heben.

Zwischenzeitlich ist Michael hier eingetrudelt und zieht nach kurzer Unterhaltung weiter. Ich kann ihn ja verstehen, auch ich hätte keinen Bock schon mittags die Etappe zu beenden – jedenfalls nicht mit gesunden Füßen. So schnell wie er gekommen ist, ist er auch wieder verschwunden.

Ich plündere noch den Aspirin- und Jodvorrat der Apotheke und mache mich auf die Suche nach einem offenen Klamottenladen, denn mittlerweile ist der Ort in die Siesta gefallen. Die Eigentümerin des einzigen Bekleidungsgeschäfts sieht mich herumirren und schließt für mich die Ladentür auf. Zehn Minuten später verlasse ich den Laden wieder und bin stolzer Besitzer einer superdicken Fleecejacke. 22,50 mit Ausverkaufs-, Pilger-, Mitleids- und „Mädchen“rabatt. Angeblich ist es eine Frauenjacke. Solange die warm hält, ist das mir egal. Viel wichtiger ist, dass die Frau mir von der neuen Herberge in Cernadilla erzählt hat, und dass auf dem Padornelo-Pass Schnee liegt. Na ja, noch bin ich auf 900 m und wenn es in diesen kurzen Etappen weitergeht, werde ich den auf gut 1300 m liegenden Pass erst in einer knappen Woche erreichen.


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Noch ist alles im Winterschlaf, Etwas Farbe in der grauen Steinwelt



Das die Herberge in Cernadilla ganz neu ist, sogar eine Heizung soll es dort geben, ganz im Gegensatz zu der hiesigen Unterkunft, in deren dicken Granitmauern noch die Kälte des Winters steckt, lässt mir keine Ruhe. Wahrscheinlich ist Michael da gelandet. Ich könnt ja hinhumpeln, oder? Fünf Minuten später liegt der Schlüssel im Briefkasten und ich bin wieder unterwegs.

Der zweite Teil des Tages entwickelt sich so wie ich es zwar erträumt habe, aber mit der Erfüllung dieses Traums niemals gerechnet hätte: Die Schmerzen im linken Fuß sind wie weggeblasen! Nur die zahlreichen Blasen tun noch weh, das kann ich aushalten, daran kann ich mich gut gewöhnen. Der dumpfe pochende Schmerz im Fuß, der mir die Tränen in die Augen getrieben hat, der hat sich verabschiedet. Hoffentlich kommt er nie wieder. Eine SMS von Michael bestätigt, dass er in Cernadilla ist, und ich erinnere ihn mit der Antwort an die versprochene Suppe.
Als ich eintreffe ist er doch überrascht, dass ich es bis hierhin geschafft habe. Nicht nur er.

Die neue Herberge ist klein, schnuckelig und gemütlich warm. Meine neue, dicke Fleecejacke werde ich nicht brauchen, sogar als Kopfkissen ist sie zu dick. Von Martin kommt noch die Bestätigung, dass er in A Gudiña ist und dort zwei Tage auf mich warten wird, länger auf gar keinen Fall.
Wenn meine Füße sich so gut halten wie auf den letzten 10 km, kann morgen die Aufholjagd beginnen. 76 km sollten trotz der zwei Pässe kein Problem sein. Die Füße müssen allerdings auch meinen Optimismus teilen.


25. Tag: Mittwoch, 21. März 2007 Die Aufholjagd kann beginnen
Etappe: Cernadilla - Requejo
Tageskilometer: 35 Gesamtkilometer: 754

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Häuser und Kirche in Palacios de Sanabria



Nun also mit Michael, mit dem ich diese lange Wanderung vor Wochen im warmen Andalusien begonnen habe. Unser letzter gemeinsame Start liegt schon Wochen zurück. Im Kloster von Alcuéscar war das, da war auch noch der Katalane dabei. Es wird unsere letzte Gelegenheit sein gemeinsam in den Tag zu starten. Er wird davonziehen. Meine Füße sind nicht in der Lage sein hohes Tempo zu halten, zudem will er eine superlange Etappe gehen. Ich plane vorsichtshalber mit Puebla de Sanabria als heutigem Etappenziel. Das würde bedeuten, dass ich morgen weit mehr als 50 Kilometer gehen muss, wenn ich Martín noch einholen will. Mehr ist heute mit Sicherheit nicht drin.

Wie erwartet zieht Michael schon nach wenigen Kilometern das Tempo an und ist schnell hinter der nächsten Biegung verschwunden. Was soll´s! Das war klar. Der Mann kann einfach nicht langsam gehen. Warum sollte er auch?
Ich werde eh kurz die Vía de la Plata verlassen müssen, in Palacios de Sanabria soll es ein Schuhgeschäft geben. Zwar höre ich nach kurzer Einlaufzeit mit dem Humpeln auf, auch bringe ich schon wieder ein brauchbares Tempo zustande, aber neue Schuhe müssen unbedingt her. In Palacios soll es welche geben. Oder war es in Puebla? Kann sein, dass ich die Apothekerin in Mombuey falsch verstanden habe. Oder war’s gar nur ein Schuster? Schon kurz hinterm Abzweig nach Palacios de Sanabria fängt mich ein Autofahrer ab. In der Annahme, dass ich mich verlaufen habe, will er mir unbedingt den richtigen Weg zeigen. Nach umständlicher Aufklärung warum ich hier rumstapfe, klärt er mich lachend auf, hier gibt es weit und breit keinen Schuster, geschweige denn ein Schuhgeschäft. Immerhin noch früh genug, so hält sich der Umweg in Grenzen.

Der kleine Umweg bringt mich direkt nach Otero de Sanabria und seiner alten Kirche, über deren Eingang zur Sakristei eine eindrucksvolle bunte Holzschnitzerei an die Qualen des Fegefeuers mahnen soll. So schlimm kann das Fegefeuer nicht sein, jedenfalls nicht, wenn ich dieser Darstellung Glauben schenken darf. Auf alle Fälle war alleine schon die Schnitzerei diesen kleinen Umweg wert. Früher führte die Via direkt hier vorbei (alte, langsam verblassende gelbe Pfeile sind noch zu sehen), die neue Strecke berührt den Ort nur noch am Rande. Leider werden deshalb die wenigsten Wanderer in Zukunft in den Genuss dieser Darstellung kommen.
Otero de Sanabria ist wie viele Orte hier im äußersten Westen Kastilien-Léons am Aussterben. Jede Menge verfallender Häuser legen davon ein eindrucksvolles Zeugnis ab. Die steinernen Grundmauern werden noch viele Jahre stehen. An Dachstühlen, Umrandungen und Anbauten aus Holz ist der Lauf der Zeit nicht spurlos vorüber gegangen. Allzu oft künden nur noch verfaulende Reste, die sich hinter den Granitmauern verstecken, von einst intakten Häusern. Selbst bei einigen noch bewohnten Gebäuden ist ein Großteil der Bausubstanz verfallen. Die überwiegend alten Bewohner schaffen es anscheinend gerade noch, ihre unmittelbar zum Wohnen benötigten Zimmer in Schuss zu halten.
Bei uns würde man sagen, dass es eine strukturschwache Gegend ist, für Spanier ist das hier eines ihrer Armenhäuser. Man hängt es nicht an die große Glocke, aber es gibt noch mehr davon in diesem Land, das einen Teil seines Glücks über lange Jahre in einem überbordenden Tourismus gesucht hat. Zaghafte Renovierungen an leider nur sehr wenigen Häusern, lassen hoffen, dass die Menschen dieses Landstrichs ihre Tradition und damit auch ihre Gebäude für erhaltenswert halten. Das immer mehr Geld hierhin fließt, kann man an einigen neuen, dafür allerdings meist gesichtslosen, Häusern erkennen.


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Puebla de Sanabria



Es ist noch kein Mittag, als ich unterhalb der mächtigen Burg von Puebla de Sanabria stehe. Was tun? Hier sollte für heute Schluss sein. Zunächst suche ich nach einem Schuster. Der war es also, den die Apothekerin in Mombuey gemeint hatte. Leider ist der Besuch für die Katz. Er hat nur sehr wenige Schuhe vorrätig, und die sind ohne Ausnahme zu klein. Der Spanier an sich lebt auf relativ kleinem Fuß, meint er. Mit meiner in Mitteleuropa eher durchschnittlichen Schuhgröße 43, stoße ich hier an den alltäglichen Rahmen. Ich werde mit meinen alten, ausgelatschten Tretern weiter gehen müssen. Seit zwei Tagen klappt das ganz gut. Warum also nicht? Und weil das alles wieder läuft wie am Schnürchen, beschließe ich, dass es heute noch weiter geht. Bis nach Requejo, am Aufstieg zum Padornelo-Pass, sind es noch knapp 3 Stunden. Vor wenigen Tagen noch undenkbar, heute Mittag schon wieder die normalste Sache der Welt. Wenn wider Erwarten meine Füße doch schlapp machen, werde ich mich mit Schlafsack und Isomatte irgendwo ins Grüne legen und abwarten.

Das ist dann doch nicht eingetreten, die Füße haben durchgehalten. Ich bin in der Herberge in Requejo gelandet. Die ist im Keller einer Apotheke. Einen Schlüssel gibt es nicht, anmelden muss man sich auch nicht, noch nicht mal einen Kasten für eine Spende gibt es. Dafür gibt es so gut wie nagelneue Betten und Matratzen. Damit es nicht des Guten zu viel wird, ist der Keller ungeheizt, dank der frühen Jahreszeit also kälter als kalt, und eine Wand ist klitschnass. Schimmel so weit das Auge reicht. Leider ist das nahe Hostal voll belegt und im noch näheren Hotel rührt sich auf mein Klingeln keine Menschenseele. Ich muss hier wohl oder übel die Nacht verbringen.

Michael, den ich weit vor mir auf dem Padornelo wähnte, kommt abends auch noch. Er hat mal wieder eine seiner großen Pausen gemacht, dabei habe ich ihn unbemerkt überholt. Beide sind wir überrascht uns hier zu sehen. Ihm ist das Loch allerdings eindeutig zu kalt und zu nass, er will’s im Hotel versuchen. Eine SMS von ihm bestätigt, dass er es geschafft hat. Man muss nur lange genug den Finger auf der Klingel halten.

Vermummt in zwei Hosen und zwei Fleecejacken (endlich kommt die neue zu Ehren) spiele ich mit dem Gedanken des Umzugs. Soll ich auch aus dieser vor Kälte und Nässe starrenden Notunterkunft ausziehen? Das Hotel ist bestimmt geheizt. Doch der Keller der Apotheke hat einen ganz großen Vorteil: ich kann gehen wann immer ich will und am nächsten Morgen will ich sehr früh los, nach Möglichkeit noch vor Anbruch der Morgendämmerung. Das Hotel ist um diese Uhrzeit bestimmt noch verschlossen. Meine heutige Unterkunft nicht, oder?
Mit Schrecken fällt mir auf, dass alle Fenster vergittert sind (der Keller war in besserer Zeit das Medikamentenlager), in der Alutür steckt ein funktionstüchtiges Sicherheitsschloss, die Apotheke über mir ist nach Geschäftsschluss verlassen. Kurz, ich bin der einzige Mensch im Haus. Was ist, wenn nachts jemand kommt und die Tür abschließt? Immerhin ist über mir eine Apotheke. Dass sich im Keller jemand aufhält, weiß nur die Frau aus der Bar, bei der ich meine Einkäufe gemacht habe. Zur Sicherheit verklebe ich das Schloss mit Panzertape und klemme meinen Trekkingstock so zwischen Türgriff und Rahmen, dass er auf alle Fälle scheppernd auf den Steinboden fällt, wenn jemand an der Tür rüttelt um sie trotz des verklebten Riegels zu verschließen.
Es ist wichtig, dass ich morgen in aller Herrgottsfrühe unterwegs sein kann. Bis A Gudiña, jenseits zweier Pässe, wird's sonst eng.

Werner Hohn
09.09.2007, 18:09
26. Tag: Donnerstag, 22. März 2007 Steine und Steine
Etappe: Requejo – A Gudiña,
Tageskilometer: 44 Gesamtkilometer: 798

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Dopingsteine



Gestern, vor dem Einschlafen war ich mir noch nicht sicher welchen Weg ich heute Morgen nehmen soll, die offizielle Route oder die alte Strecke. Beide führen zum Padornelo hinauf. Zweifellos ist die erste Variante schöner, sie führt durchgehend über schmale und steile Trampelpfade zum Pass. Die halboffizielle Strecke nimmt den Seitenstreifen der N-525, auf der seit Bau der Autobahn so gut wie kein Verkehr ist, besonders so früh am Morgen. Als ich um 6 Uhr vor der Tür stehe (das Klebeband am Schloss habe ich natürlich wieder entfernt), nimmt mir die Dunkelheit die Entscheidung ab. Bei dem wenigen Licht kann ich die Markierungspfeile nur sehr schlecht erkennen, und für großartige Suchaktionen nach dem richtigen Weg, habe ich heute keine Zeit. Das bedeutet, ab auf den Seitenstreifen.

Spätestens als die Sonne aufgeht und die kahlen Laubbäume und Bergkuppen mit einem kupferfarbenden Licht überzieht, bin ich sicher, dass es die richtige Entscheidung war. Zumal der tiefe Talgrund, in dem ich mich, wenn ich den Hauptweg gegangen wäre jetzt aufhalten würde, noch im Dunkeln liegt. Als dann auch noch der Tunnel auf der Passhöhe hinter mir liegt, nur zwei Autos waren in den letzten anderthalb Stunden unterwegs, bin ich wieder auf der Originalroute.

Hinterm Padornelo gehe, stolpere, rutsche, fluche und freue mich zugleich über die herrlichen alten Verbindungswege über die die Via de la Plata jetzt geführt wird. Fluchen und Stolpern wegen der kindskopfgroßen Steine, den tiefen ausgewaschenen Furchen, in denen das Wasser fließt, freuen, weil es meinen Füßen wider Erwarten gut tut; und weil es ein wunderschöner Weg ist. Bis Lubián geht das so.

Das erste bewohnte Haus in Lubián ist die Pilgerherberge. Im Vorbeigehen registriere ich, dass mir die Wäsche, die auf dem Balkon hängt, irgendwie bekannt vorkommt. Die sieht finnisch aus. Rundrum sind alle Rollladen unten, die Haustür ist verrammelt, aber durch lautes Klopfen wird auch der müdeste Pilger wach. Es sind tatsächlich der Opa und sein Enkel aus Finnland, die mich vor 3 Tagen in Rionegro eingeholt und anschließend überholt haben. Bei der Antwort auf meine Frage warum sie um 10 Uhr, bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel noch im Bett liegen, fällt mir die Kinnlade runter. Den beiden Männern vom Polarkreis ist es in Spanien zu kalt! Außerdem braucht der Opa mal wieder eine längere Pause zum Erholen.

Insgeheim bewundere ich ja den Enkel. Weil er seiner Familie versprochen hat bei seinem Opa zu bleiben, egal was kommt, passt er sich klaglos an dessen Tempo an. Ausgestattet mit einem MP3-Player, mehr hat er nicht zur Ablenkung, hat er schon eine 6-tägige Pause (sein Opa hatte 6 Blasen an den Füßen) am zweiten Tag ihrer Pilgerschaft in Castilblanco de los Arroyos überstanden. Nur wer schon mal in diesem Nest war, kann nachvollziehen, was das bedeutet: kein Radio, kein Fernseher, kein Internet, kein Buch, keine Zeitung die er lesen konnte, noch nicht mal eine Sehenswürdigkeit mit der er sich die Zeit totschlagen konnte. In einigen anderen Nestern entlang der Route wurde das noch mehrmals wiederholt - wenn auch nicht mehr für 6 Tage. Drei Wochen vor mir gestartet, werden sie auch mit Sicherheit drei Wochen nach mir in Santiago ankommen. Wäre ich an der Stelle des Enkels, ich hätte meinen Opa schon lange in Richtung Heimat verfrachtet. Diese Geduld zu einer scheinbar nicht endenden Pilgerschaft hätte ich nicht. Vielleicht unterscheidet sich auch dadurch mein Wandern vom Pilgern.

In Lubián an der Grenze zu Galicien, taucht er dann endlich auf, der erste von einem galizischen Bildhauer gestaltete Markierungsstein. In ganz Galicien stehen diese Steine an den Pilgerwegen, wobei keiner dem anderen gleicht. Am meisten freue ich mich aber auf den ersten galizischen Kilometerstein. Bis dahin muss ich mich aber noch gedulden, davor liegt noch der Pass von A Canda.


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Galicien: Steine und Regenwolken


Galicien


Lange Zeit vergessen, dazu noch das Armenhaus Spaniens, das ist Galicien. Grün, bergig, nass - alles Attribute die auf diesen Landstrich passen. Galicien ist die feuchteste Ecke Spaniens. Es regnet nicht jeden Tag, aber wenn, dann ausgiebig und in großen Mengen. Die Wetterküche auf dem nahen Atlantik sorgt für steten Nachschub.
Viele, unendlich viele Menschen sind von hier in die Neue Welt ausgewandert. Eine Familie sollte bekannt werden: die Familie Castro. Der Vater von Fidel Castro, dessen Namen untrennbar mit der Insel Kuba verwoben ist, stammt aus Galicien.
Die Küsten sorgen hin und wieder für Schlagzeilen, wenn mal wieder ein Tankerunglück in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerät.
Ansonsten ist hier nur noch Santiago de Compostela - nach Rom vielleicht das bedeutendste Pilgerziel der Christen – von Bedeutung. Das Pilgern ist in Galicien in den letzten Jahren ein so bedeutender Wirtschaftsfaktor geworden, dass die Regionalregierung die Einrichtung, die Pflege und den Erhalt der alten Pilgerwege mit bedeutenden Mittel fördert. Überall im Land sind Pilgerherbergen wieder in Stand gesetzt worden, oder, sehr oft sogar, neu gebaut worden. Sie zählen zu den besten, saubersten und meist auch schönsten Pilgerherbergen in Spanien. Zudem sind die Unterkünfte kostenlos, was nicht heißen soll, dass Spenden nicht gerne gesehen werden.

Mittags, nach einem kleinen Umweg über die ganz alte Passstraße, bin ich oben. Ein paar Schneereste unter den Kiefern erinnern ans Wetter der vergangenen Tage. Mir soll’s egal sein. Eine Pause, eine sehr ausgiebige Pause auf einer Granitbank und das satte Gefühl einer unglaublichen Befriedigung, dass werde ich für immer mit diesem Pass verbinden. Nun bin ich in Galicien, ab hier ist es nur noch ein Katzensprung, weniger als 230 Kilometer. Zur Not hüpfe ich die auch auf einem Bein.

Am meisten freue ich mich über den ersten richtigen Kilometerstein mit Muschel und kleinem Messingschild, auf dem die Entfernung bis Santiago steht. Der erste Stein ist uninteressant, der zeigt die Entfernung über Verin an der portugiesischen Grenze an, der zweite, eine halbe Stunde später, ist meiner. „212 km Por Laza“ steht da. Für den weiteren Weg gibt das die zweite Luft. In unregelmäßigen Abständen kommt ein Stein nach dem anderen. Sogar mit drei Stellen hinterm Komma, also bis auf den Meter genau.

Die grünen Bäume und Wiesen der Extremadura und die weiten, übersichtlichen Ackerflächen der Meseta liegen nun endgültig zurück. Ab hier wird die Landschaft kleinteiliger, der Blick reicht oft nur bis ins Tal und zu den Berghängen. Der Frühling hat es noch nicht bis hierher geschafft. An den Buchen und knorrigen Eichen ist noch kein grünes Blatt zu sehen. Alles ist grau und braun. Die Natur ist noch immer im Winterschlaf. Für Farbtupfer sorgen nur die grünen Wiesen und der meist blaue Himmel. Der hat sich auch gewandelt. Ganztägig blau ist er nicht mehr. Nun mischen sich immer häufiger graue Regenwolken dazwischen.

Zum Ausgleich gibt es schöne Wege, sehr schöne Wege sogar. Die breiten, schnurgeraden Wirtschaftswege haben ausgedient. Steine, Felsen, Rinnen, Wurzeln, Lehm und Wasser, jede Menge Wasser, daraus sind die Wege nun. Meist eingefasst von alten Mauern, hat das Wasser keine andere Möglichkeit. Es bleibt auf den Wegen, bis sich irgendwann eine Lücke oder ein Durchgang auftut.
Es gurgelt, es sprudelt, es plätschert an allen Ecken, es läuft aus allen Wiesen. Wasser, überall Wasser. Sehr oft helfen nur große Granitplatten, Trittsteine aus Granit oder Stege aus Granit über die tiefen Tümpel und Rinnsale. Hier ist alles aus diesem harten Stein der die Zeiten überdauern wird. Martín hat mich telefonisch vorgewarnt. Ich soll die N-525 nehmen, das sei bedeutend einfacher. Seinem Rat bin ich zum Glück nicht gefolgt. Um nichts in der Welt möchte ich diesen Weg missen. Selbst ein kleiner Regenschauer kann meine Begeisterung für Weg und Landschaft keinen Dämpfer verpassen.

Kurz vor A Gudiña, in O Cañizo treiben zwei Frauen zwei Kühe über die Dorfstraße. Als ich zum Überholen ansetze, bitten die mich das zu unterlassen, die Kühe würden mir folgen. Dann eben nicht. Nach wenigen Metern wird klar warum. Überall im Ort öffnen sich die Stalltüren und die Kühe trotten auf die Straße. Alle laufen der führenden Kuh mit der Glocke hinterher. Bis zum Ortsausgang ist eine kleine Herde von 25 Stück Vieh beisammen. Dort werden sie vom Dorfhirten übernommen und zur Weide geführt. Bei uns im Westerwald hat der letzte Dorfhirte sein Handwerk vor 40 Jahren an den Nagel gehängt, in diesem Winkel Europas findet anscheinend immer noch ein Mensch sein Auskommen mit dieser Arbeit.


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Bei O Pereiro



Nachmittags bin ich am Ziel, A Gudiña, hier wartet Martín auf mich. Prompt laufen wir uns auf der Straße übern Weg. Großes Hallo, Freude auf beiden Seiten, ab zur Herberge, unter die Dusche, Etappen planen (es bleibt bei unserer ursprünglichen Einteilung), schnell in die Bibliothek und rein ins Internet. Ich kann nun auch meinen Rückflug buchen: 30.März mit Air Berlin. Zufällig ist das genau der Flug der Martín nach Mallorca bringt (Air Berlin fliegt so gut wie alle Flüge von und nach Spanien über Mallorca). Wir werden also unsere gemeinsame Wanderung im Flieger ausklingen lassen.

Später kommt auch noch Michael. Es sieht danach aus, als ob wir drei nun mehr oder weniger zusammen bleiben werden. Die Etappenlänge wird ab heute durch die galizischen Herbergen vorgegeben. Lange Strecken von 40 und mehr Kilometern gehören ab morgen der Vergangenheit an. Es sei denn, Wetter oder Gesundheit machen uns einen Strich durch die Rechnung.

Fjaellraev
09.09.2007, 19:02
Ich könnte es eigentlich jedes Mal schreiben wenn du einen neuen Teil online stellst ;-) - Wahnsinn!
Beachtliche Tour, Hammerbilder und super Text :p

Gruss
Henning

Werner Hohn
09.09.2007, 20:07
Hallo Henning,

danke für die Blumen, aber ich bin froh wenn's hinter mir liegt. Dann noch das Korrekturlesen inn der ausgedruckten Version (am Bildschirm klappt das nicht), und gut ist's.

Gruß, Werner

Fernwanderer
09.09.2007, 22:55
Die spannenderen Etappen kommen ja wohl noch oder?
Da sind sie, oh Mann was für eine "Pilgerfahrt". 5sterne1sternhttp://foolstown.com/sm/appl.gif

Deine Route ist übrigens per Michelinkarte (http://www.viamichelin.de/viamichelin/deu/dyn/controller/Karten) ganz gut zu verfolgen.

Grüße
Fernwanderer

Werner Hohn
10.09.2007, 15:50
Noch besser geht es mit Google Maps. Die Furt vor Guillena (http://maps.google.de/maps?f=q&hl=de&geocode=&q=Guillena&sll=51.124213,10.546875&sspn=12.867186,29.882813&ie=UTF8&ll=37.494516,-6.048934&spn=0.001983,0.003648&t=h&z=18&om=1) auf der ersten Etappe (2. Tag) kann man sogar aus dem Weltraum gut erkennen. Ich stehe übrigens neben dem Silo mit dem langen Schatten, und mache gerade das Bild. ;-)

Gruß, Werner

Werner Hohn
11.09.2007, 14:51
27. Tag: Freitag, 23. März 2007 Dörfer, Dörfchen, geschundene Kreaturen
Etappe: A Gudiña - Laza
Tageskilometer: 36 Gesamtkilometer: 834

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Da hinten ist Portugal



Rechts Martín, links ich, so wie wir es schon seit Wochen gemacht haben. Er hat seinen Stock in der rechten Hand, ich in der linken. So kommen wir uns nicht ins Gehege. Nach 100 km des Alleinwanderns habe ich mich schon längst wieder auf meine Art des schnellen Gehens eingeschossen. Nun also wieder runter mit dem Tempo, es wird wieder gemütlicher werden. Warum nicht? Über viele Tage hat das in der Vergangenheit gut geklappt, und treiben müssen wir uns nicht mehr. Der verbleibende Rest ist locker machbar. Sollte es wider Erwarten doch eng werden mit unserem Zeitplan, gibt es eben eine Doppeletappe. Das wir solche Etappen draufhaben, haben wir uns mehr als einmal bewiesen. Vorgesehen ist das jedoch nicht.

Anfangs ziehen dichte Wolkenfelder über die Kammstraße (wir sind immer noch auf 1.000 m), weil’s noch dunkel ist, stört uns das nicht weiter. Später, hoffen wir, werden sich die Wolken verziehen, denn meine Wegbeschreibung spricht von herrlichen Fernsichten übers galizische und portugiesische Bergland. Als die Sonne dann endlich aufgeht, lösen sich im Nu die Wolken auf und wir haben wieder unseren strahlend blauen Himmel. Die Sicht über die Berge ist wirklich beeindruckend. Womit wir das verdient haben? Wir wissen es nicht und wollen es auch nicht wissen. Was wir mit Sicherheit wissen: Wir gehören zu einer verschwindend kleinen Minderheit in Spanien, die sich über gutes Wetter freuen kann.

Seit Tagen hat der Wetterbericht Hiobsbotschaften für dieses sonnenverwöhnte Land. Auf den Balearen Wind und Regen. An der Mittelmeerküste vertreibt Starkwind auch den hartnäckigsten Badegast vom Strand. Im Baskenland und in Navarra (Nordspanien) schüttet es wie aus Eimern, das Wasser spült die Straßen weg. In den Bergen nördlich von Léon und Astorga sind 30 cm Schnee gefallen, sogar in den Bergen um Madrid soll es geschneit haben. Überall in Spanien schlägt das Wetter Kapriolen, nur bei uns nicht. Auf allen Wetterkarten haben die Symbole für Wolken, Wind und Regen das ganze Land fest im Griff - bis auf einen kleinen Landstrich ganz im Nordwesten. Für das südwestliche Galicien haben die Meteorologen keine andere Möglichkeit, es kommt das Symbol für Sonnenschein auf die Karte. Hier muss es um diese Jahreszeit regnen, schneien, stürmen. Das Wetter hat keine andere Wahl, es muss! Alle Aufzeichnungen, jede Statistik, jegliche Erfahrung, so gut wie jeder Reisebericht, alle sagen, dass man hier im März Scheißwetter hat – ohne Ausnahme.
Michael, der zwischenzeitlich auf uns aufgelaufen ist, Martín und ich, wir können es bestätigen: Alles Quatsch! In Galizien ist der Himmel blau, die Mittagsonne warm und Regen fällt auch im Frühjahr so gut wie nicht. Wir sind zwar noch nicht lange in dieser Region, um genau zu sein erst einen Tag, aus unerfindlichen Gründen sind wir alle der Meinung, dass es so bleiben wird.

Zur Bestätigung setzt Michael sich mal wieder in die Sonne zu einer seiner obligatorischen großen Pausen. Für uns Gelegenheit davon zu ziehen. Wir werden ihn am Abend wieder treffen.

Das was der Kammweg, besser Kammstraße, am Morgen versprochen hat, hält er fast den ganzen Tag. Fernsichten, Aussichten, Wind und Sonne, kein Autoverkehr, nur moderate Anstiege, zum Schluss ein langer Weg hinunter nach Laza. Dazwischen ein eindrucksvoller, gut gefüllter Stausee (es muss hier also doch regnen), Dörfer und Ansiedlungen. Es sind kleine, kleinste, allerkleinste Dörfer. Manchmal nur drei, vier Häuser, manchmal etwas größer.
Einige Dörfer tragen das Wort „Venda“ in ihrem Namen, das Äquivalent zum spanischen „Venta“, dem Wort für Ausschank, Verkauf. Kaufen oder sich ein Bier ausschenken lassen kann man hier schon lange nicht mehr. Auf der Piste, auf der wir uns bewegen, waren in lange vergangen Zeiten Händler und Reisende unterwegs. Die Reisenden der damaligen Zeit konnten sich in den Rasthäusern notdürftig verpflegen. Bei dem einen Wirt gab es Wurst und Käse, bei dem nächsten Brot - damals, heute ...
Spätestens als in der ersten Hälfte des vergangen Jahrhunderts die Bahnlinie Vigo – Ourense - Puebla de Sanabria (einspurig und ohne Oberleitung bis heute) ihren Betrieb aufnahm, begann nach einem letzten Aufblühen während des langwierigen Bahnbaus, der wirtschaftliche Untergang der Herbergen. Die ehemaligen, nun ohne Bewohner auskommenden Häuser (der Bahnbau hat so lange gedauert, dass es sich gelohnt hat feste Steinhäuser zu bauen) der Bahnarbeiter würden, könnten sie, bestimmt von den längst vergangenen Zeiten schwärmen. Es ist niemand mehr da, der sich nach getaner Arbeit vor die Haustür setzt, um den Betrieb auf dem Bahnsteig der „Estación de Castrelo do Val Verin“ zu betrachten. Er müsste auch lange warten. Kein Zug, kein Auto, noch nicht mal ein potentieller Passgier ist zu sehen. Nach Abzug der unzähligen Arbeiter verlagerte sich der Verkehr auf die Bahnstrecke mit ihren unzähligen Tunneln, und die Zeit läuft seitdem an diesem Landstrich vorbei.


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Stausee, Flechten, Bauer in Laza



Das gleiche Bild wie seit Wochen schon, aber intensiver. Die Menschen hat es nicht gehalten in dieser Einsamkeit und wirtschaftlichen Not des spanisch/portugiesischen Grenzlandes. Bis zum Nachmittag treffen wir nur auf einen jungen Menschen. Zum Ausharren verdonnert, freuen sich die wenigen Alten über die Abwechslung die wir in ihren Alltag bringen. Niemand dreht uns den Rücken zu, keiner schimpft über unliebsame Pilger und niemand holt die Hühner oder Hunde von Straße. Warum auch? Autoverkehr, welcher dieses Bezeichnung verdient, gibt es nicht, und die wenigen Passanten müssen sich mit dem Tierleben abfinden.

In Galicien sehe ich endlich mal wieder Katzen. Seit Wochen begleitet uns Hundegebell oder es läuft uns einer übern Weg, aber Katzen ... Fehlanzeige. Im großen Rest Spaniens sind die anscheinend verpönt. Hunde dagegen gibt es bis zum Abwinken. Hier, in Andalusien, in Kastilien-León, von der Extremadura nicht zu reden, überall laufen Hunde durch die Gegend. Anfangs habe ich noch beobachtet wie sich die Tiere verhalten. Nach Tagen hat das nachgelassen, ich habe mich dran gewöhnt. Sie gehören dazu. Ein Dorf ohne freilaufende Hunde? Ein Bauernhof ohne Hund an der Kette oder im Zwinger, gelegentlich auch freilaufend? Sie gehören dazu, wie das tägliche Brot. Für die Spanier auf dem Land sind das Nutztiere. Besondere Pflege, Zuwendung oder Liebe kann der Hund nicht erwarten, eigentlich kein Tier.
Es sind Nutztiere, die den Hof bewachen, früher die Ziegen- und Schafherden in Zaum hielten oder zur Jagd abgerichtet wurden. Für letzteres noch immer. Bei der überbordenden Jagdleidenschacht der spanischen Männer ist es nicht verwunderlich, dass es in den Dörfer aus sehr vielen Häusern, Hütten bellt, knurrt oder erbarmungswürdig jault. Sogar der oft mit viel Aufwand abrichtete Jagdhund darf in der Regel nicht auf besondere Zuwendung hoffen. Ich weiß nicht mehr wie viele Tiere ich an zu kurzen Ketten, in verdreckten, der prallen Sonne schutzlos ausgesetzten Zwingern, oder ohne den kleinsten Wassernapf gesehen habe. Irgendwann schaut man nicht mehr hin. Wenn man die Spanier darauf anspricht, gibt es garantiert böse Widerworte. Hunde stehen ganz unten in der Mitgefühlhierarchie, weit hinterm Pferd oder sogar dem Kampfstier.
Aus diesem Reservoir kommen die freilaufenden halbwilden Hunde. Meist streunen sie um die Dörfer rum. Teils geduldet, teils gejagt. Es sind geschundene Tiere. Die Angst in ihren Augen kann jeder sehen, man muss nur hinschauen. Die tun nichts. Es reicht mal eben für ein kurzes Bellen gegen den Fremden, dann ziehen die schon ihren Schwanz ein und trotten davon. Wenn doch mal einer seinen ganzen verbliebenen Mut zusammennimmt und nicht von unserer Seite weichen will, müssen wir uns nur nach einem Stein bücken. Mehr nicht, das reicht. Die Hunde kennen die Bewegung und deren schmerzhafte Folgen. Noch bevor die Hand am Boden ist, ist der erste verschwunden. Spätestens wenn man den Arm zum Wurf ausholt, gibt auch das letzte Tier Fersengeld. Woher die viel verbreitete Angst vor Hunden auf den Pilgerwegen stammt? Keine Ahnung. Von den Freilaufenden habe ich mich jedenfalls nicht gefürchtet. Einzig die wenigen Hunde, die ein festes Revier als ihr Eigen betrachten (Bauernhof, einsamer Stall), konnten sich schon mal wild aufführen. Aber das ist bis jetzt nur einmal passiert.

Wir treffen gerade noch pünktlich zum Ende der galizischen Mittagszeit in Laza ein. Halb drei ist fast schon zu spät. Die Köchin zaubert für uns trotzdem noch einen Topf Linsensuppe, ein deftiges Gulasch, Bratkartoffel, Salat und einen Korb Brot auf den Tisch. Leider, leider, dass müssen wir später feststellen, hat das Essen erhebliche Nachwirkungen. Nein, nicht die Linsen. Vollgefressen, müde und schlapp wird der letzte halbe Kilometer bis zur Herberge zur Qual.

Am späten Nachmittag wieder das Übliche: Duschen, Wäsche waschen, Michael trifft ein, die Runde durchs Dorf, der fällige Einkauf, einen Blick auf die morgige Etappe und ins ausliegende Pilgerbuch, den Hintern in den Sessel (die Herbergen in Galicien sind ausgesprochen komfortabel eingerichtet), die Füße hoch, Feierabend. Ich glaube, ich werde das in Zukunft vermissen. Kann ich bis in alle Ewigkeit so weitermachen?


28. Tag: Samstag, 24. März 2007 Ein Muschelsammler und ein rostiger Blechkasten
Etappe: Laza – Xunqueira de Ambía
Tageskilometer: 33 Gesamtkilometer: 867

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Rückblick nach Laza



Auch an diesem Morgen schaut der Himmel über Galicien wieder auf zwei dick verpackte Wanderer, die schon im Morgengrauen weiter ziehen. Wir können einfach nicht anders, Martín und ich lieben das frühe Losgehen. Michael lässt es gemütlicher angehen. Er wird die Herberge verschließen und den Schlüssel durchs Fenster der Protección Civil werfen, dann nachkommen, uns einholen, evenutell überholen und doch nach uns im Tagesziel eintreffen. Bisher war's so, und es wird sich auch nicht mehr ändern.

Zur Routine geworden ist es, dieses frühe Loswandern, und trotzdem hat es seinen Reiz nicht verloren. So früh am Morgen ist die Welt nur für uns da. Es ist meist niemand da, der sie uns streitig machen will. Hier oben im Nordwesten Spaniens, wo das feuchte Atlantikklima die Oberhand gewonnen hat, fehlt meist sogar die Sonne, der wir aber gerne einen Teil unserer Welt abtreten würden. Spätestens wenn die ersten Einheimischen durchs Dorf ziehen oder mit dem alten Traktor aufs Feld raus fahren, ist auch die Sonne wieder dabei. Der dünne Nebelschleier, der sich am längsten noch zwischen den kahlen Bäumen an den Rändern der Bäche hält, leistet noch am heftigsten Widerstand. Wenn der verschwunden ist, dann kommt die Zeit des blauen Himmels, der weißen Schönwetterwolken und als Krönung oft noch ein frischer Nordwestwind.

Heute morgen stehen mal wieder ein paar Höhenmeter an, und die sogar nach oben. Bevor wir den Anstieg angehen, müssen wir noch ein Schwätzchen halten – eigentlich nur ich. Und das „müssen“ ist wörtlich zu nehmen, denn das „Schwätzchen“ findet auf deutsch statt. In Tamicelas ruft uns ein alter Bauer ein „Guten Morgen!“ vom Feld aus zu. Aha, mal wieder ein ehemaliger Gastarbeiter. Da kann man nicht einfach nach einem flotten Gruß weiter gehen. Ich jedenfalls nicht.
Erstaunlich viele der Alten waren vor zwanzig, dreißig Jahren in Deutschland zum Arbeiten. Die Spanier blieben meist nicht lange. Nur wenige Jahre bis das Haus, die Anschaffung für die Landwirtschaft oder die Aussteuer in der Heimat bezahlt war. Von diesen Menschen wurden wir dann oft mit einem „Guten Tag. Wie geht es?“ begrüßt. Oft ist es uns passiert, dass zwar mühsam, aber stolz, mit den wenigen Wörtern Deutsch die noch präsent waren, eine Unterhaltung in Gang kam. Als Spanier stand Martín dann immer etwas belämmert abseits und fragte sich mehr als einmal, warum das halbe Land vor langen Zeiten in Deutschland zum Arbeiten war. Noch mehr verwundert war er über die positiven Erinnerungen an die Jahre in der Fremde. „Muss ja ein Paradies gewesen sein, damals bei euch!“ habe ich mehr als einmal gehört. In dem Punkt habe ich meine Zweifel. Aber mit der Zeit verblassen in der Erinnerung wohl die schlechten Tage. Höflichkeit und Freundlichkeit gegenüber dem Fremden, werden das Ihrige dazu beigetragen haben, dass die Schilderungen so positiv ausfielen.

Beim nächsten Gespräch hat Martín dann wieder die Oberhand, jedenfalls sprachlich. Zusammen mit Michael sind wir in der Pilgerbar „Rincón de Peregrino“ in Albergaría gelandet. Deren Besitzer hat es mit seiner Bar in alle Pilgerführer und in viele Reiseberichte geschafft – außer in die spanischen. Martín ist der Schuppen völlig unbekannt. Der geschäftstüchtige Inhaber nagelt, sofern vom Gast gewünscht, eine Jakobsmuschel mit dessen Namen an die Decke seiner Bar. Auch wenn sich der Andrang auf der Vía in Grenzen hält, es ist schon beachtlich, was da an Kalkgehäusen unter der Decke hängt. Ab heute ist natürlich auch mein Name dabei. Es ist ein Stück Pilgerfolklore, und für den Wirt ein Garant für ein sicheres, wenn auch geringes Einkommen. Es wird wohl keiner hier reingehen, ohne wenigstens einen Kaffee oder ein Bier zu trinken. Wenn es in meinem Fall auch der schlechteste Kaffee der letzten 800 km ist. Bitterer, verkochter Filterkaffee der Stunden in der Kanne ausharren musste. Ich habe ihn erlöst.


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Soutelo Verde - Dachboden mit Maiskolben - In der Pilgerbar



Der bärtige Wirt will mir unbedingt noch die Muscheln mit den Namen einiger bekannter Pilgergrößen (meist Autoren von Pilgerführern) aus Deutschland zeigen. In steh in solchen Fällen immer wie ein Idiot rum. Soll ich anerkennend nicken, auf meinen Pilgerführer klopfen ...? Es interessiert mich nicht die Bohne.

Der schöne Abstieg nach Vilar de Barrio nährt in mir die Hoffnung, dass unser Weg durch die Hügellandschaft am nördlichen Horizont gehen wird. Wie das nun mal so ist mit der Hoffnung, sie kann trügerisch sein. Wir müssen mitten durchs platte, langweilige Bauernland, durch meist langweilige und gesichtslose Dörfer und sind froh, als endlich die Herberge von Xunqueira de Ambía auftaucht. Alternativ hätten wir die Unterkunft in Vilar de Barrio als Etappenziel wählen können. Aber 20 km für einen ganzen Tag? Und was macht man mit der gewonnen Freizeit? Besonders in Villar?

Zudem hat mich die Herberge in Xunqueira wie ein Magnet angezogen. Die Kiste hat einen Architekturpreis gewonnen. Die „Blechkiste“, das war sofort klar nachdem ich das erste Bild gesehen hatte, muss ich unbedingt sehen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Wunderschön! Endlich hat sich mal jemand getraut etwas gegen den allgemein bevorzugten Postmodernengemütlichkeitserkersprossenfensterrundbogenkitsch, der sich wie ein Seuche durch halb Europa zieht, zu bauen. Der oder die Architekten haben sich das im Verbund mit der galizischen Regionalregierung getraut. Nicht nur in dieser Gegend fällt das Haus aus dem Rahmen. Außen ein rostiger Blechkasten, erinnert mich das Haus sofort an die rostigen, riesigen Stahlplastiken des Amerikaners Richard Serra. Innen nicht sonderlich gemütlich, aber zweckmäßig. Leider ist die Hütte innen total vergammelt. Entweder wegen baulicher Mängel (fehlende Isolierung zwischen Metallhaut und Wand?) oder falsche Lüftung, vielleicht auch beides, jedenfalls fällt die Farbe in großen Placken von den Wänden.
Zudem ist’s ziemlich dreckig. In der Küche finden wir nur dreckige Gammeltöpfe, der Mülleimer quillt über und stinkt wie eine Güllepumpe, die Duschen schreien ebenso nach einer Grundreinigung. Wegen mangelndem Pilgeraufkommen im Winter, hat das Haus vermutlich seit Monaten keinen Putzeimer mehr gesehen. Aber von außen ist diese Herberge ein Hit, höchstwahrscheinlich nicht für alle, für mich schon.

Abends gibt es für uns drei noch eine Premiere. Zum ersten Mal treffen wir auf Radpilger! Ein Pärchen aus Kanada gibt sich die Ehre. Die machen die ganze Vía in drei Wochen, danach bleiben noch ein paar Tage für den Rest Europa. Weil die zwei keinen großen Wert auf unsere Gesellschaft legen (oder wirken wir schon wie ein altes, in starren Regeln verfangenes Team?), sitzen mal wieder die üblichen Verdächtigen zusammen: M, M und W. Dass wir noch auf anderer Pilger, Wanderer, Radfahrer oder sogar auf Reiter treffen ist unwahrscheinlich. Einen Tag vor uns sind eine junge Frau und ein junger Mann aus Deutschland (das wissen wir von Martín, der hat sie in der Herberge in A Gudiña getroffen), die erst vor wenigen Tagen in Puebla de Sanabria ihre Pilgerschaft begonnen haben, sagen uns die Eintragungen in den Personenlisten. Sollen wir uns anstrengen um die noch einzuholen? Wofür sollen wir uns schinden? Also doch ein „altes“ Team? Team, trotz Michael der alleine geht, und uns meist erst am Nachmittag wieder trifft? Nee, wir haben Zeit! Wir gehen jetzt nach festem Terminplan, es sei denn ...


29. Tag: Sonntag, 25. März 2007 Ungewissheit in Ourense
Etappe: Xunqueira de Ambía - Ourense
Tageskilometer: 21 Gesamtkilometer: 888

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Getreidespeicher, Das letzte Storchennest



Und weil uns neben besagtem Terminplan auch die Länge der Tagesetappen bekannt ist, haben wir uns heute auf eine kurze Strecke eingestellt. Seit langen mal wieder problemloses Halbtagswandern. Wir wollen gegen Mittag in der kleinen Stadt am Rio Miño sein. Mit der Kathedrale und den heißen Thermalquellen übt Ourense einen gewissen touristischen Reiz auf mich aus. Es gibt mal wieder was zu sehen.
Wider Erwarten kommen wir nicht so richtig in die Pötte. Mir sagt die Strecke nicht so richtig zu. Keine Ahnung warum. Wir bewegen uns durchgängig auf kleinen und kleinsten Kommunalsträßchen, auf denen an einem Sonntagmorgen so gut wie kein Autoverkehr herrscht, und auf denen wir deshalb ganz gut vorankommen müssten. Aber irgendwo hängt es. Manchmal hat man das ja bei den kurzen Etappen. Man muss sich nicht unbedingt ins Zeug legen und vertrödelt deshalb die gewonnene Zeit. Das ist es aber auch nicht. Als wir endlich die hässlichen Außenbezirke von Ourense erreichen ist schon längst Mittag. Nach unserer Planung wollten wir um diese Uhrzeit schon in der Herberge sein.

Warum Martín nicht so richtig in die Pötte kommt, hat ernstere Gründe. Als er mir eröffnet, dass er sich beschissen fühlt, fange ich an mir wirkliche Sorgen zu machen. Er ist krank, sagt er. Dann muss es ihm wirklich sehr schlecht gehen, sonst würde er das nicht sagen. Sein Stolz würde das einfach nicht zulassen, so gut kenne ich ihn nach den Wochen des gemeinsamen Unterwegsseins. Er will nur noch eins: In die Herberge und sich ausruhen.

Als wir die gegen halb drei erreichen sie natürlich verschlossen. Zum Glück hängt ein Zettel mit einer Telefonnummer an der Tür. Wenig später taucht die Hospitalera auf und lässt uns nach genauer Anweisung ins Haus. Martín haut sich direkt aufs Bett, und ich erhalte von der Herbergsfrau die strenge Anweisung niemanden ins Haus zu lassen. Wirklich niemand! Bis 16 Uhr ist die Herberge geschlossen. Punkt! Kaum ist sie weg, steht Michael vor der Tür. Was will man machen? Ich kann den Kerl doch nicht draußen lassen, während ich es mir unter der heißen Dusche gemütlich mache.

Für Martín soll ich Äpfel besorgen. Er braucht unbedingt Äpfel, sonst nichts. Bei meinen Hinweisen auf Arzt und Krankenhaus gibt er mir zu verstehen, dass er mich nicht versteht. Mein Spanisch sei miserabel. Äpfel helfen bei ihm immer. Na dann.

Als ich wieder in der Pilgerherberge bin ist Martín weg, dafür ist die Hospitalera da. Er habe sich ein Taxi bestellt und sei zu einem Arzt gefahren, eröffnet sie mir. Danach gibt es einen heftigen Anschiss weil ich Michael hereingelassen habe. Sch...., das hatte ich schon wieder vergessen. Meine eilends vorgebrachten Gründe (Pilger, Freund, Deutscher, fremd im Land) finden kein Gehör. Wenn sie sagt die Tür bleibt zu, dann bleibt die Tür auch zu! Na das kann ja noch heiter werden.

Da wir nicht wissen bei welchem Arzt Martín ist, können wir nichts anderes tun als abwarten. Am Abend bin ich zurück von der Stadtbesichtung und er ist immer noch nicht da. Langsam mache ich mir Sorgen. Unsere Hospitalera, die, wie sich nun rausstellt, viel freundlicher und hilfsbereiter ist als angenommen, rät mir zu weiterer Geduld. Ich soll mal zum Abendessen gehen, dabei drückt sie mir einen Zettel mir einer Adresse in die Hand.


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Ourense - Plaza Mayor, Kathedrale



Der Zettel führt mich zu einer kleinen Bar ganz in der Nähe der Herberge. Hier kann man essen? Hinterm Tresen der Wirt, vorm Tresen niemand, an einem der wenigen Tische sitzen vier alte Männer und spielen Domino. Donnernd hauen die Rentner die Steine auf den Tisch. Aha, immerhin gibt es hinterm Raumteiler einige gedeckte Tische. Viel Auswahl habe er nicht, erklärt mir der Wirt. Als Vorspeise gibt es spanischen Schinken frisch vom Knochen geschnitten mit Melone. Für den Hauptgang kann er nur Rinderfilet und Bratkartoffeln anbieten. Die Nachspeise ist wie üblich: ein Pudding, ein Becher Yoghurt aus dem Kühlregal oder Obst, dazu eine Flasche Wein oder Wasser. Ja, dann nehme ich das doch alles – bis auf den Wein.

Der Schinken ist der Hammer, die Melone ist frisch, der Hauptgang ist lecker und macht satt, auf den Nachtisch verzichte ich. Dafür nehme ich den bei mir mittlerweile obligatorischen Kaffee. Als ich zahlen will, weiß der Wirt nicht so richtig wie viel er mir abknöpfen soll. Ich habe viel zu wenig gegessen, eröffnet er mir, normalerweise verlangen seine Stammkunden beim Hauptgang einen heftigen Nachschlag, und denen berechne er 10 Euro. Verschämt fragt er mich, ob ich mit 7,50 Euro einverstanden sei. Wer kann da widersprechen.

Zurück in der Herberge kommt langsam Licht ins Dunkel um Martín. Immerhin weiß die Hospitalera jetzt wo er steckt. Martín ist von dem Arzt, den er aufgesucht hat, ins Krankenhaus gesteckt worden. Mehr konnte sie noch nicht in Erfahrung bringen. Es dauert noch mehr als eine Stunde bis sie die Abteilung raus hat, in der er liegen soll. Wieder eine Stunde später wissen wir, dass er heute noch entlassen wird. Endlich positive Nachrichten. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Als Martín dann kurz vor Mitternacht auftaucht, erklärt er warum wir ihn nicht erreichen konnten. Im Krankenhaus ist er komplett ausgezogen worden. Alle seine Sachen, natürlich auch das Mobiltelefon, wurden weggeschlossen und er auf ein Einzelzimmer gelegt. Das Zusammenspiel von fehlender Wäsche (noch nicht mal eine Unterhose habe man ihm gelassen) und mehreren Infusionen, die in seine Armvenen steckten, habe es ihm unmöglich gemacht uns zu benachrichtigen. Woran er erkrankt sei, oder warum ihn der Arzt direkt ins Krankenhaus eingewiesen hat, kann oder will er uns nicht erklären. Ich vermute er will es nicht, nur soviel gibt er preis, dass die Ärzte ihn für mehrere Tage behalten wollten, und dass das Krankenhaus sehr modern sei.
Er wurde auf eigenen Wunsch und auf eigenes Risiko entlassen und hat eine schriftliche Erklärung abgeben müssen, dass er eine Begleitung hat. Als Pilger waren Behandlung und Aufenthalt für ihn kostenlos, die Verwaltung hat noch nicht mal nach seiner Versicherung gefragt, nur nach dem Pilgerausweis.

Mich interessiert es schon gewaltig was die Ursache für seinen „Schwächeanfall“, so drückt er sich aus, war. Vielleicht ist es auch besser, wenn wir einen oder zwei Tage Pause machen, biete ich ihm an. Er meint nur „Morgen geht es weiter, es war nichts.“

Den halben Tag hatte ich in Gedanken schon an mehreren Szenarien gearbeitet: Es sind nur noch gut 110 km bis Santiago, die können wir wenn die Gesundheit uns keinen Streich spielt zur Not in zwei Tagen runterreißen, und unser Flug geht erst in einer Woche. Zeit und Entfernung sind nicht das Problem. Sollte Martín länger ausfallen, so würde ich mich für ein paar Tage in der Stadt einquartieren und auf seine Genesung warten. Das Angebot lehnt er ab. Wie gesagt: „Es war nichts, und morgen geht es weiter.“ Schön, dann gehen wir. Im Grunde habe ich nichts anderes von ihm erwartet. Entweder er liegt im Krankenhaus oder wir gehen. Die morgige Etappe ist ja auch nicht sonderlich lang.


30. Tag: Montag, 26. März 2007 Das Ende naht
Etappe: Ourense - Cea
Tageskilometer: 19 Gesamtkilometer: 907

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Alte Getreidespeicher in Viduedo



Mal sehen wie Martín sich heute anstellt. Vermutlich überhaupt nicht. Wenn es sein muss, wird er die Zähne zusammenbeißen und ohne Klagen nach Cea gehen. Schon am Stadtrand wird er gefordert: Es geht steil den Berg rauf. Der „Camino Real“, auf dem wir die Stadt verlassen, nimmt die Falllinie um den Talkessel zu verlassen. So sehr ich Martín auch beobachte, ein Unterschied zu den Tagen vorher kann ich nicht feststellen, er geht sein Tempo wie immer. Keine Spur davon, dass er vor noch nicht mal einem halben Tag im Krankenhaus lag, weil er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Entweder war’s wirklich nur ein leichter Schwächeanfall, oder die haben ihm in der Klinik ein Dopingmittel verabreicht.

Es geht mal wieder durch die Vororte. Im Unterschied zu gestern, da waren einige hässliche Industriegebiete dabei, sind das hier reine Wohngebiete. Fast alles neue Häuser von denen jedes vierte zum Verkauf steht. Dabei sind die neuen Häuser noch nicht mal billig. Zwischen 200.000 und 350.000 Euro muss man schon hinlegen. Es ist paradox: Hier steht ein neues Haus nach dem anderen zum Verkauf und auf dem nahen Land verfallen die alten Steinhäuser, weil niemand mehr da ist, der sie bewohnen will. Die Ursache liegt hauptsächlich an der wohl nicht mehr umkehrbaren Landflucht, ist aber auch eine Folge des vom Staat gewollten Immobilienbooms. Die Zinsen sind zwar relativ hoch, aber eindrucksvolle Steuergeschenke machen das wieder wett. Neben dem Tourismus ist der überbordende Bauboom einer der Hauptmotoren, die das hohe spanische Wirtschaftswachstum am Laufen halten. Noch, denn irgendwann wird diese Immobilienblase platzen.
Martín ist in seinem Element. Spanische Immobilien, damit kennt er sich aus. Und ich bin endgültig beruhigt. Wenn er bei dem Anstieg Luft für langatmig Erläuterungen hat, dann kann es ihm nur gut gehen. Bis zur Bar in Tamallancos bin ich in die Feinheiten des hiesigen Immobilienmarktes eingeweiht. Zeit für eine Pause, vom Gehen und auch von Hauskauf und -verkauf.

Obwohl wir uns nur einen Steinwurf von Ourense entfernt haben, ist das hier schon wieder eine ganz andere Welt. Wir sind wieder auf dem Land. Und so schaut die Bar auch aus: Eine lange Theke, die schon bessere Zeiten gesehen hat, darauf die chromblitzende Kaffeemaschine älteren Baujahrs, daneben drei Zapfhähne. In einem Verkaufsrondell setzen uralte Musikkassetten spanischer Interpreten langsam Staub an. Davor eine erkleckliche Anzahl abgewetzter Barhocker. Drei blankgescheuerte Resopaltische, deren bleistiftdünnes Stahlgestelle, genau wie die der Stühle, seit Jahrzehnten der Schwerkraft trotzen komplettieren die Einrichtung. Die Wände strahlen in einer undefinierbaren, dafür abwaschbaren Farbe. Hinter einer Trennwand aus Glas führt die Eigentümerin der Bar noch einen kleinen „Supermercado“. Hauptsächlich verstaubte Konserven, Schokolade, Süßigkeiten, zwei Sorten Wurst, Käse und Brot breiten sich auf 2 mal 3 Metern Verkaufsfläche aus. Genau das was wir noch brauchen.

Während wir noch unschlüssig vor dem Regal stehen, zapft die Wirtin Martíns alkoholfreies Bier und ich warte auf die Kaffeemaschine. Ich bin mal wieder der erste Gast, der einen Kaffee haben will. Macht nichts. Man muss nur Geduld haben bis die vorsintflutliche Anlage Wasser und Mechanik aufgeheizt hat.

Zeit und Geduld haben wir. Nach Martíns langer Erläuterung sitzen wir einfach nur da und schauen mangels anderer Barbesucher auf das Leben jenseits der offenen Eingangstür. Ja, wenn es da mal was zu sehen gäbe. Ein paar Autos eiern um die Kurve an der Bar, auf der langen Gerade kündigt sich ein Holztransporter durch das Kreischen der Bremsen an. Hoffentlich halten die Bremsen was der Lärm verspricht. Wenn nicht ... die Verlängerung der Gerade führt zu unserem Tisch. Nachher werden auch wir auf dieser langen Gerade unterwegs sein. Noch nicht, gleich erst. Es hat noch Zeit für den zweiten Kaffee. Ein bisschen dösen, blinzelnd den Wolken hinterher sehen und dabei dem Geräusch des zischenden, brodelnden Kaffeeautomates lauschen. Man könnte Überlegungen anstellen ob man sich darüber ärgern soll, dass wir mal wieder einen Kilometer am Rand einer Nationalstraße entlang wandern müssen. Man könnte, man muss aber nicht, und ich werde auch nicht.

Nach wochenlangem Unterwegssein ist es beinahe gleichgültig ob’s mal wieder für kurze Zeit an einer Straße entlang geht. Über Menschen die sich darüber aufregen, dass es auf einer Weitwanderung, meinetwegen auch auf einer Pilgerschaft, gelegentlich über Autostraßen oder über breite, schnurgerade, befestigte Wirtschaftswege geht, werde ich mich wahrscheinlich immer wieder wundern.
Was wären die alten halsbrecherischen Dorfverbindungswege Galiciens ohne die kleinen Autostraßen der Region? Was die uralten, von knorrigen Eichen begrenzten Wiesenwege Kastiliens, ohne die lärmenden Straßen der wenigen Städte? Wo könnte sich der Blick so unendlich weiten, wie auf einem Weg unter dem alles versprechendem Horizont der Meseta? Würde man noch nach Wochen von den schattigen Wegen der Kork- und Steineichen-Dehesas der Extremadura träumen, wenn die staubigen, verlassenen Dorfstraßen fehlen würden? Und der allererste richtige Weg, jener lange, gerade, schattenlose, von leergeräumten Feldern begrenzte Feldweg, der zur Furt bei Guillena führt, also der vom ersten Wandertag, ganz da unten bei Sevilla, erinnert man sich später noch daran, ohne das stundenlange Gehen durch die andalusische Hauptstadt mit ihrem brausenden Verkehr?

Bei dem Gedanken an einen paradiesischen 1000-Kilometer-Weg über einsame, schmale, traumhafte, naturnahe Pfaden läuft mir ein Schauer des Entsetzens den Rücken runter. Das Paradies hat einen großen Nachteil: es ist langweilig! Es fehlt der Kontrast, die Abwechslung, die Aufregung, und es fehlt das Aufatmen wenn es geschafft ist.


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Cea - In der Herberge, Kirchturmspitze



Für solche Gedanken hat man Zeit in einer namenlosen spanischen Bar am Rand der N-525. Ich werde sie vermissen, diese Bar und all die anderen Bars auf dem Lande, die morgens vor Sauberkeit blitzen, und vor deren Tresen sich mittags der Dreck häuft. Und ich werde die Via de la Plata vermissen, diesen Weg durch ein Spanien, das mir hier wie aus der Zeit gefallen scheint. Als wir uns wieder auf den Weg machen wird mir plötzlich bewusst, dass das bald alles vorbei ist. Für mich jedenfalls: Es sind keine 100 km mehr bis zur Rückkehr ins normale Leben.

Es geht nun schnell. In Viduedo steht ein Haufen alter galicischer Getreidespeicher, hinter Casasnovas holen wir uns auf einem überfluteten Waldweg nasse Füße und kurz vor Cea treffen wir auf Michael. Der sitzt mitten auf dem Weg und wartet auf uns. Obwohl er später gestartet ist, noch einkaufen war, die längere Variante gegangen ist (von Ourense nach Cea gibt es zwei Wege, die sich auch kombinieren lassen) hat er uns mal wieder überholt.

Gemeinsam geht’s in die erste Bar in Cea. Bevor wir zur Herberge gehen, wollen wir noch ein warmes Essen. Die junge Bedienung erfasst schnell wen sie vor sich hat und rät uns zu einem Schnitzel mit Pommes. Wir hätten es uns ersparen sollen. Schmeckt nicht, zu teuer und unfreundlich dazu.

Mit dem Hospitalero, den wir im Lokal getroffen haben, geht’s in die Pilgerherberge. Das Haus ist der Hit. Ein uraltes, von mächtigen Granitquadern getragenes galicisches Wohnhaus wurde von der Regionalregierung zur Pilgerherberge umgebaut. Nach kurzer Einweisung sind wir uns selbst überlassen. Wir sind zu dritt in einem Haus, das in der Hauptsaison auch schon mal mehr als 60 Menschen Unterkunft bietet. Platz haben wir genug. Ungestört können wir es uns in den Sessel bequem machen. Es ist niemand da der uns den Platz streitig macht. Die Vorstellung, dass hier mehr als ein Dutzend Menschen rumwieseln könnten, erinnert mich daran wie privilegiert wir sind. Wir können mehrere Betten belegen, uns in der Küche und am Tisch ausbreiten, brauchen keine Schlange vor der Dusche (es gibt nur zwei) stehen und müssen uns nicht aufregen, wenn nachts jemand zur Toilette geht und dabei dank Bewegungsmelder ungewollt das Licht einschaltet. In aller Ruhe kann ich die ausliegenden Pilgerbücher mit den Kommentaren lesen. Einige Namen in den Büchern und den ebenfalls ausliegenden Listen sind mir aus dem Internet bekannt. Die Vielschreiber aus dem Netz waren alle schon mal hier – na ja, fast alle.

Am meisten sind die Spanier vertreten. Cea ist der erste Etappenort für die Pilger, die in Ourense ihre Pilgerschaft beginnen. Die Strecke von Ourense bis Santiago de Compostela reicht für die begehrte Pilgerurkunde - die 110 km sind eigentlich schon 10 zuviel.


31. Tag: Dienstag, 27. März 2007 Die lindgrüne Essenshöhle
Etappe: Cea – Lalín-Bendoiro-Laxe
Tageskilometer: 32 Gesamtkilometer: 939

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Langsam wird's grün



Bis gestern Abend waren wir noch unschlüssig welchen Weg wir heute gehen sollen: den direkten (und auch etwas kürzeren) oder die offizielle Route übers Kloster Oseira. Wenn’s mir auch schwer gefallen ist, wir haben uns für die direkte Route, die ebenfalls markiert ist, entschieden. Somit bleibt das wirklich sehenswerte Kloster weiter auf meiner Liste der Orte die ich mal besuchen möchte. Wie ich die Sache mit der Liste einschätze, wird das wohl eher nichts. Im Lauf der Jahrzehnte ist die besage Liste ins Unendliche angewachsen.
Wir hatten das Kloster schon für den gestrigen Tag als Alternative im Hinterkopf. Durch unser Trödeln wurde es aber so spät, dass wir froh waren in Cea die Füße hochlegen zu können.

Und heute übers Kloster? Nur für einen Stempel? Reinspringen, Stempel abholen, ein Stapel Fotos auf der Speicherkarte ablegen und weiter? Nee, muss nicht sein. Und nur die 9 km bis zum einsam gelegenen Zisterzienserkloster, und dann dank frühem Feierabend genügend Zeit für eine ausgiebige Besichtigung? Dafür wären wir einen Tag länger unterwegs und müssten den halben Tag opfern, den wir als Puffer mitschleppen. Der Hauptgrund ist wohl eher, dass wir uns innerlich schon aufs Ende eingestellt haben. Wichtig ist nur noch das Ankommen in Santiago. Und so ein Kloster, mein Gott ja, man kann es ja nachholen ... irgendwann wenn’s einen mal wieder in die Ecke verschlägt.

Ausnahmsweise startet Michael mit uns beiden. Junge, das hatten wir schon lange nicht mehr. Als es hell genug ist um die Markierung auch ohne Stirnlampe zu erkennen, gibt er Gas. Er bleibt sich treu. Bei der Frühstückspause im Wartehäuschen einer Bushaltestelle ist er wieder da. Nach der Umleitung, auf die wir wegen des allgegenwärtigen Autobahnbaus geschickt werden, ist er wieder weg. In Castro Dozón treffen wir ihn wieder, diesmal in Begleitung. Er hat einen gleichaltrigen Deutschen, der seine Wanderung in Ourense begonnen hat, aufgegabelt. Ich glaube, darauf hat er seit Wochen im Stillen gehofft. Endlich mal los von den Alten. Alle Mitwanderer oder –pilger mit denen er es im letzten Monat zu tun hatte, waren 50 +. Zum Teil sehr viel „+“.

In unserem heutigen Etappenort gibt es zwar eine neue Herberge, aber weit und breit nichts Gescheites zu essen. Der Gedanke an ein aufgeschnittenes Brot, das mal schnell untern Toaster geschoben wird, lässt uns seit Mittag nach einen brauchbaren Restaurant oder einer Bar Ausschau halten. In Estacion de Lalin, einem Nest das die Vía nur am Rande streift, ist es dann soweit. Die erste Bar erfüllt unsere Kriterien bei weitem nicht, das Restaurant, 100 m weiter, dagegen voll und ganz. Der Parkplatz vorm Haus platzt aus allen Nähten. Ein untrügliches Zeichen für gute Küche. Diesmal sind es keine Lkw, hier stehen nur Pkws der Mittel- und gehobenen Mittelklasse. Das Essen kann nur gut sein!

Als ich die verschrammte Alutür öffne, bleibt mir die Luft weg, und das im Wortsinne. Die Luft im Speiseraum besteht aus purem Zigarettenqualm. Im Sonnenlicht, das sich nur mit Mühe einen Weg durch die Scheiben bahnen kann, ballen sich atemberaubende Qualmwolken bis unter die Decke. Mein erster Gedanke: Nur raus hier, das überlebst du nicht. Martín hat aber schon den einzigen freien Tisch entdeckt und steuert den zielstrebig an. Also dann, ich seh’ es mal sportlich. Immerhin war ich auch mal Raucher, vor vielen Jahren hätte ich mich hier pudelwohl gefühlt.

Die Wände sind grün, lindgrün und erstrahlen in dem speckigen Ton zu der nur abwaschbare Farbe nach vielen Jahren fähig ist. Bei dem seltsam gesprenkeltem Braun, das die gusseisernen Heizkörper verschönert, brauche ich schon länger. Erst ordne ich das Muster einer mir unbekannten Maltechnik zu, dann wieder einer rachitischen Spritzpistole der siebziger Jahre. Es dauert seine Zeit bis sich der Schleier vor meinen Augen lichtet und den Rauch aus dem Gehirn vertreibt. Von wegen Maltechnik oder Sprühpistole. Das fleckige Braun sind dicke Nikotinablagerungen!

Die Tische haben mindestens 30 Jahre auf dem Buckel, schließe ich beim Anblick der rostenden, vielfach übermalten dünnen Tischbeine. Die Tischdecke kommt von der Endlospapierrolle, aber es gibt Servietten aus Stoff. Neu ist nur der Fernseher, der in einer Ecke unter der rauchigen Decke hängt und lautstark durch den Raum dröhnt, auf den aber niemand achtet. Der bis an den Anschlag aufgedrehte Fernseher, eine zugegebenermaßen nervige Angewohntheit aller spanischen Bars und Restaurants. Es ist laut hier, ziemlich laut. Neben dem Fernseher sorgen laute, zum Teil über mehrere Tische geführte Gespräche, das ständige Rufen nach der Bedienung, die schrille Glocke aus der Küche für einen gleichbleibend hohen Lärmteppich. Am Nachbartisch spielen drei Handwerker Karten und donnern ihre Karten mit einer solchen Vehemenz auf die dünne Tischplatte, dass man sich Sorgen um diese machen müsste. An der Theke steht ein Bauer und unterhält sich lautstark mit dem unsichtbaren Gegenüber.

Es wird was dauern, meint die Bedienung, und macht dabei eine ausholende Handbewegung. Wir haben Verständnis. Kaum ist ein Platz leer, schon geht die Tür auf und ein neuer hungriger Gast nimmt Platz. Die scheinen sich alle zu kennen. Ungefragt nehmen die meisten an einem Tisch Platz und beginnen ein Gespräch mit ihrem Nachbarn. Allerdings verstehen wir kein Wort, die sprechen alle Galizisch. Die Zusammensetzung der Gäste ist hochinteressant und würde so manche Frauenrechtlerin die Zornesfalte auf die Stirn treiben. Im Lokal sind nur Männer - ausnahmslos. Ich sehe alle Altersklassen, und an ihrer Bekleidung gut auszumachen, auch verschiedene Gesellschaftsschichten. Nach einiger Zeit fällt mir auf, dass es so ganz ungezwungen doch nicht zugeht. Die besser gestellten Herren haben schon ihre eigenen Tische und werden auch prompt bedient. Die Bedienung ist die große Ausnahme in diesem Raum: Sie ist die einzige Frau im Raum. Sie ist die Besitzerin und schmeißst den Laden. Vater und Mutter stehen in der Küche und verausgaben sich an der bodenständigen Küche Galiciens.


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Das ist im Winter immer grün, Beides wird hier nicht mehr benötigt



Das ist keine Küche die besondere Feinheiten liebt. Sie ist derb, die Köche wissen, dass Fett ein guter Geschmacksträger ist, und die Gäste lieben es, wenn die Fleischportion den größten Anteil stellt. Hier gehört der Knochen noch zum Gulasch und zum Braten, Fettaugen auf den Suppen zeugen von guten Zutaten, in den Würsten geben Fleisch, Fett (gelegentlich auch Knorpel) und scharfe Gewürze ihr Bestes. Es ist die Art des Kochens, die von der Oma auf die Mutter und weiter auf die Tochter gegeben wird. Noch gibt es viele solcher bodenständiger Küchen in Spanien, trotz des alldurchdringenden Gesundheitswahns, und auch zum Hohn auf die EU-Richtlinien.

Es gibt auch noch den genuinen Ziegen- und Schafskäse vom Bauern um die Ecke, bei deren Genuss längst vergessene Geschmackserinnerungen wieder belebt werden. Die knallrote Wurst, die keinem Einheitsgeschmack Tribut zollen muss, dafür aber den Menschen der Region schmeckt, hat immer noch ihren festen Platz in den Verkaufstheken. Der Höhepunkt ist aber der Jamón Ibérico für den die halbwilden schwarzen Schweinen ihr Leben lassen müssen. Dagegen schmeckt jeder andere Schinken wie Pappe. Egal ob aus dem Schwarzwald, Parma oder sogar der spanische Serrano-Schinken (der vom normalen Schwein stammt). Alles das hat unter dem oft gleichen Namen schon längst Einzug in die Theken der großen spanischen Supermarktketten gefunden. Aber wie groß war meine Enttäuschung beim Biss in die Wurst oder beim Riechen am Käse. Alles Einheitsbrei, bestimmt für den genormten Geschmack Europas.

El Cubo de la Tierra del Vino, das Nest da unten zwischen Salamanca und Zamora, wird nicht nur wegen des langen Namens oder der Kirche, deren Vorraum als Unterkunft dient, einen Ehrenplatz in den Erinnerungen erhalten, auch die Oliven im kleinen Lebensmitteladen gehören dazu.
Ob wir den Oliven wollen, will die Besitzerin von uns wissen. „Warum nicht“, denke ich und sehe mich nach den Olivendosen um. Die hat sie nicht gemeint. Sie deutet auf den Eimer zu ihren Füßen. Da sind die nach eigenem Rezept eingelegten Oliven drin. Bei dem Eimer handelt es sich um einen ehemaligen Kanister für Olivenöl. Der ausgefranste Rand erinnert eher an ein Haifischmaul als an eine Dose. Da hat jemand sich mit einer Blechschere ausgetobt. Bei uns ein klarer Fall für die Gewerbeaufsicht. Ganz so scharf sind die Zacken aber dann doch nicht. Ein dicker, schwarzer Rand aus Öl, Essig, Gewürzen und weiß der Teufel was, entschärft die Angelegenheit. „Oh Mann! Das kann ich nicht essen!“, ist mein zweiter Gedanke. Der erste hat leider zugestimmt – bevor ich den Kanister gesehen habe. Zwei Kellen Oliven wechseln den Platz vom Blech in die Plastiktüte. Gut so, da kann die ganze unappetitliche Sache unauffällig im Müll verschwinden. Neugierig wie die Dinger denn schmecken, habe ich eine vorsichtig probiert. Es war der Hammer! Keine Ahnung was die Frau da alles reinkippt, ich will es auch nicht so genau wissen, es waren die besten Oliven, die ich bis jetzt gegessen habe.

Hier im Restaurant haben wir uns mit der Bestellung mal wieder an die Empfehlung der Bedienung gehalten: Bohnensuppe, Rinderbraten mit Bratkartoffeln und Gemüse. Wir sind immer gut damit gefahren. Die Frage nach einer Speisekarte kann man sich ruhig ersparen. In einer Bar gibt es die meist eh nicht, und in einem Restaurant hat die oft nur eine Alibifunktion. Es sein denn man ist in einer Touristenregion unterwegs. Davon sind wir hier aber meilenweit entfernt. Entweder man bestellt das Menú del día, und erhält dann meist ein ordentliches Essen, oder man richtet sich nach dem Tipp der Bedienung.

Was die Frau uns schließlich auf den Tisch stellt ist richtig gut. Kein Vergleich zum Essen gestern in der Bar in Cea. Dass ich mir zum Nachtisch einen Kaffee bestelle, ist der einzige Fehler. Martín ist schlauer, er nimmt die Erdbeeren mit Sahne, die er am Tisch hinter meinem Rücken gesehen hat. Eine Riesenportion frische Erdbeeren mit einem Berg Sahne. Man könnte neidisch werden, wenn die Rechnung nicht wäre. Die frischen Erdbeeren werden sich bestimmt da niederschlagen. Tja, wie man sich irren kann. Martín zahlt genau wie ich 9 Euro.

Am späten Nachmittag sind wir in der Pilgerherberge, erhalten mal wieder eine Einweisung von der Frau, die das Haus betreut und wir sind wieder alleine. Später kommen unsere jüngeren Mitwanderer. Mit vier Leuten sind wir fast eine Großgruppe.

Als es dunkel ist liegen wir alle in den Etagenbetten. Es ist in den letzten Wochen selbstverständlich geworden dieses frühe Schlafengehen und das frühe Aufstehen. Unsere einzige Sorge gilt dem Wetter. Der Wetterbericht hat für den nächsten Tag Regen versprochen – und das durchgehend. Aber das wurde uns für heute auch versprochen. Gereicht hat’s nur fürn kurzen Schauer. Bis heute hatten wir unglaubliches Wetterglück. Warum nicht auch auf den letzten 50 Kilometern?

Werner Hohn
13.10.2007, 01:17
32. Tag: Mittwoch, 28. März 2007 Vom Besaufen im Regen
Etappe: Lalín-Bendoiro-Laxe – Vedra-Susana-Santiaguiño
Tageskilometer: 35 Gesamtkilometer: 974

http://fotos.outdoorseiten.net/data/28/32-2.jpg
Gehöft in Santiaguiño



Schon eine knappe Stunde nachdem wir unterwegs sind wissen wir es: Die Wettervorhersage für heute ist ein Volltreffer. Diesmal ist es kein Regenschauer, nein, heute lernen wir Galicien von der nassen Seite kennen. Und mal nicht nur eben so. In der Nacht hat es schon wie aus Eimern gegossen. Beim frühmorgendlichen Aufbruch fällt zum Glück kein Tropfen aus dem konturlosen grauen Himmel. Für uns das Startsignal.

Schon nach einer Stunde stecken wir in Poncho und Regenhose. Wie es aussieht wird es dabei bleiben. Nach einer weiteren Stunde wechseln wir freiwillig von der Vía auf die Nationalstraße. Auf den Feld- und Wiesenwegen versinken wir bis über die Knöchel im Schlamm. Martín mit seinen Halbschuhen leidet besonders. An ein vernünftiges Vorankommen ist nicht zu denken, dann lieber durch die haushohen Gichtfontänen, die die Lastwagen hinter sich herziehen.
Das ist dann auch der Zeitpunkt an dem ich das Gefühl habe, ich könnte auch barfuß gehen. Dass meine Wanderschuhe mit einer wasserdichten Membran versehen sind, verkündet nur das kleine Etikett eines bekannten Herstellers, meine Füße verkünden, dass sie im Wasser stehen. Zum Glück sind Poncho und Regenhose dicht. Hinter Silleda können wir wieder auf die Vía de la Plata. Glücklicherweise wird die Route jetzt über kleine Sträßchen oder befestige Waldwege geführt.

Eigentlich sollte ich mich über das beschissene Wetter ärgern, wider Erwarten macht es Spaß, nein, es ist toll! Das hier wird der erste Tag, an dem man sich von morgens bis abends übers Wetter ärgern könnte. Ein Tag, an dem der Gedanke an ein Hotel mit einer bullernden Heizung zum vorzeitigen Abbruch führen könnte.

Genau das hatten Martín und ich uns gestern Abend vorgenommen. Wenn es zuviel wird mit dem Regen, suchen wir spätestens in Silleda ein Hotel und starten am nächsten Morgen um 6 Uhr zur letzten Gewaltetappe bis Santiago de Compostela. Doch ich denke nicht im Traum daran. Zum ersten Mal seitdem wir uns getroffen haben und gemeinsam gehen, werde ich mich nicht an unsere Absprache halten. Ich werde durchgehen bis zu dem Ort mit dem langen Namen. Vedra-Susana-Santiaguiño, ein Kaff im Nirgendwo, ein Kaff in das sich nie ein Fremder verirren würde, wenn da nicht die letzte Herberge vor Santiago de Compostela wäre. Das ist es aber nicht was mich treibt, auch das nahe Santiago nicht.

Martín muss das gespürt haben. Bei unser einzigen Pause in einer halb abgebrannten Bar (zielsicher hatten wir die schäbigste von zweien angesteuert) an der Landstraße nach Silleda, gibt er mir zu verstehen, dass er mich verstanden hat. Ich hab’s mit keinem Wort gesagt. Mein Verhalten ist aber unmissverständlich: Erstmals bleibe ich nicht bei ihm. Ich bin immer 50 bis 200 Meter vor ihm und erstmals gehe ich mein Tempo. Es geht ihm an die Nieren, das ist unübersehbar. Er war nicht ohne Grund vor wenigen Tagen im Krankenhaus, und die 9 Jahre, die er mehr auf dem Buckel hat, machen sich ebenfalls bemerkbar. Es ist gemein von mir, aber das ist mein Tag.

http://fotos.outdoorseiten.net/data/28/32-3.jpghttp://fotos.outdoorseiten.net/data/28/32-1.jpg
Die Herberge in Santiaguiño. Irgendwo am Wegrand



Es gibt solche Tage, da spür ich, dass es ein besonderer Tag wird. Seltene Tage des Glücks. Tage an denen ich mich noch Jahre später besaufen kann. Das sind jene raren Tage, die eine Keil in die bürgerliche Existenz schieben und die Tür zu einem anderen Leben einen Spalt weit öffnen. Tage, die den Traum vom Unterwegssein, vom sorglosen Leben, vom Wohlfühlen in der Fremde und den Geruch der Freiheit in sich tragen. Es sind allerdings auch Tage, die ganz tief im Innern bohren und für eine stete Unruhe sorgen, bis ich wieder den Rucksack packe und losziehe.

Es ist eine Auslaufen, wie eine Ehrenrunde auf dem Sportplatz, nur das da niemand ist, der die Hände zum Applaus hebt. Ich brauche heute niemand der applaudiert. Heute nehme ich Abschied von der Vía de la Plata, von der Route an der ich ein Spanien gefunden habe, welches ich schon in den Geschichtsbüchern wähnte. Es ist mein Abschied von den großartigen, beschissenen, langweiligen, aufregenden, nervenaufreibenden, unendlich weiten, rauen, einsamen, den Menschen klein machenden Landschaften am westlichen Rand Europas.

Es ist ein Abschied von einem Weg, der süchtig machen kann, man muss sich nur darauf einlassen. Auf die Ungewissheit, auf die Fremde, auf das Ausgeliefert sein, oft aufs Alleinsein, ja, hauptsächlich muss man sich auf die Einsamkeit einlassen wollen und können - sogar wenn man nicht alleine ist.

Heute ist auch Platz für all die Menschen am Weg, die uns geholfen haben, denen wir gleichgültig waren, die uns freundlich gesonnen waren, die uns bevormunden wollten, die uns bewirtet haben, die selbstlos waren, ja sogar für den, der mich beschissen hat. Es ist jedoch kein Abschied von den wenigen Menschen, die mit mir unterwegs waren. Um diese Jahreszeit waren es so wenig, dass ich ihre Namen so schnell nicht vergessen werde, und ich habe das Gefühl, dass die mich noch lange begleiten werden – und sei es nur in den Träumen.

Abends sind wir wieder alleine in der Herberge, denn Michael ist in Silleda ins Hotel gegangen (er hat noch Zeit, sein Rückflug geht später) und der andere Deutsche taucht auch nicht auf. Die Heizung ist bis zum Anschlag aufgedreht, ideal um die Nässe und Kälte aus dem Körper zu vertreiben. Heute Abend gibt es mal wieder kalte Küche. Eine Bar oder gar Restaurant gibt es hier nicht. Das Essen haben wir von Ponte Ulla bis hier hoch geschleppt – wie üblich mal wieder in viel zu großen Mengen.

Es wird ein stiller Abend. Auch Martín hängt seinen Gedanken nach, schaut sich meine Fotos an, versucht durch die Reste des deutschsprachigen Wanderführers zu steigen. Er sieht sehr zufrieden aus. Kein Wunder, er wird der erste Mensch aus seinem Heimatort sein, der Santiago de Compostela innerhalb eines Jahres über zwei unterschiedliche und zudem komplett gelaufene Pilgerwege erreicht hat. Oder werden es sogar drei Wege innerhalb 12 Monaten? Er hat da so eine Idee ... 1.800 km von Lyon aus, in diesem Herbst. Im November könnte er Santiago erreichen. Ich sag es doch: Es gibt Tage an denen man sich besaufen kann, und das ganz ohne Alkohol - sogar Martín.

Die neue Herberge von Santiaguiño ist der ideale Ort für einen stillen Abschied von der Vía de la Plata. Soll man diesem Weg mehr Besucher wünschen? So wie auf dem Hauptweg, auf dem sich die Massen ballen? Oder soll die Vía so bleiben wie sie ist? Ich bin da mal ganz egoistisch. Sie soll so bleiben wie sie ist, denn so wie ich sie vorgefunden habe gefällt sie mir. So wie es jetzt ist, ist es „meine“ Vía de la Plata und das soll sie auch bleiben.

hikingharry
13.10.2007, 15:14
Es gibt solche Tage, da spür ich das es ein besonderer Tag wird. Seltene Tage des Glücks. Tage an denen ich mich noch Jahre später besaufen kann. Das sind jene raren Tage die eine Keil in die bürgerliche Existenz schieben und die Tür zu einem anderen Leben einen Spalt weit öffnen. Tage, die den Traum vom Unterwegssein, vom sorglosen Leben, vom Wohlfühlen in der Fremde und den Geruch der Freiheit in sich tragen.
Es sind allerdings auch Tage die ganz tief im Innern bohren und für eine stete Unruhe sorgen, bis ich wieder den Rucksack packe und losziehe.


Wunderschön geschrieben, das kann ich so richtig gut nachempfinden.

Danke für Deinen Bericht.

Gruß hikingharry

Werner Hohn
15.10.2007, 13:22
Das ist der einzige Absatz/Satz den ich fast wörtlich aus meinem Tagebuch übernommen habe. Um ehrlich zu sein, dieser Tag war einer der wenigen an denen ich das Tagebuch mit ganzen Sätzen gefüllt habe. Ich bevorzuge bei meinen Aufzeichnungen Stichworte.

So, jetzt noch der Rest, damit das hier endlich zu einem Ende kommt.

Gruß, Werner

Werner Hohn
15.10.2007, 17:44
33. Tag: Donnerstag, 28. März 2007 Irgendwie muss man ein Ende finden
Etappe: Vedra-Susana-Santiaguiño – Santiago de Compostela
Tageskilometer: 17 Gesamtkilometer: 991

Bei den Kilometerangaben muss mir ein kleiner Fehler unterlaufen sein. 980 km trifft eher zu.

http://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/33-2.jpghttp://www.outdoorseiten.net/fotos/data/28/33-1.jpg
Santiago de Compostela



Das wird er also werden, unser letzter Tag auf diesem Jakobsweg. Er lässt sich ausgesprochen gut an: es regnet nicht. Sollten wir am letzten Tag mal wieder Glück mit dem Wetter haben? Verdient hätten wir es ja, schon aus dem Grund, weil wir immer schönes Wetter hatten. Das Regenwetter von Mittwoch sollte uns wohl nur daran erinnern, dass es auch anders geht.

Zuerst gibt es noch etwas Eukalyptuswald (diesen Baum hätte man ruhig da lassen sollen, wo er heimisch ist) der aussieht als wäre jemand mit einem großen Gebläse durchmarschiert. Danach kommen wir allmählich in den Einzugbereich der Pilgermetropole. Völlig zersiedelt ist die Landschaft nun. Ein Nest nach dem anderen. Mal nur zwei, drei Häuser, mal ein kleines Dorf. Dazwischen etwas Wald, einige Felder. Erstaunlich ist nur, dass wir nicht viel vom Verkehr mitbekommen. Kleine und kleinste Landstraßen machen es möglich.

Und irgendwann sind wir da, von der letzten Anhöhe vor Santiago sehen wir zum ersten Mal die Kathedrale. Ist das der Zeitpunkt für Gefühlausbrüche, für Empfindungen die sich für immer in die Erinnerung einbrennen werden? Wenn ich den Erzählungen vieler Pilgerberichte vertrauen soll, auch die Autorin meines Wanderführers muss es so empfunden haben, sollte das jetzt mit mir geschehen. Ist es aber nicht. Ja okay, da ist es also unser Ziel. Mehr war’s nicht. Meine Ankunft war gestern. Heute, das ist halt das Stück, das ich noch gehen muss, um zu einem geographischen Ende zu kommen. Es waren unsere allerletzten Kilometer von vielen. Haben die sich von den anderen unterschieden? Nein, eigentlich nicht. Vielleicht bin ich schon zu oft irgendwo angekommen, vielleicht will ich überhaupt nicht angekommen?

Gegen Mittag sind wir da. Es ist noch nicht viel los. Ein paar vereinzelte Pilger vom Camino francés, einige Touristen, ansonsten „Tote Hose“. Unser erster Weg führt nicht in die Kathedrale, wir wollen ins Pilgerbüro, da können wir unsere Rucksäcke unterstellen. Auch da ist nichts los. Die Frau am Computer freut sich, dass sie mal wieder Pilgerpässe von der Vía in ihrer Hand hält; und ehe ich mich versehe halte ich meine Pilgerurkunde in den Händen. Und was für eine Enttäuschung! Kein einziges Wort kann ich lesen. Natürlich, ich hätte es mir denken können, die katholische Kirche greift für so was natürlich auf „ihre“ Sprache zurück. Alles in Latein, sogar mein Name.

Mit der Urkunde ist das so’ne Sache. Brauche ich die überhaupt? Sicherlich nicht. Da bedeuten mir die Stempel im Pilgerausweis schon mehr. Anfangs habe ich drüber gelächelt, wollte es nicht. Für mich hatte das den muffigen Geruch der Stempelstellen an deutschen Wanderwegen, oder der Stocknägel auf die meine Eltern früher immer so scharf waren. Wie das nun mal so ist, Meinungen könnten sich ändern. Schon an unserem ersten Etappenort wurde mir ungefragt der Stempel in den Pilgerpass gedrückt. So ging es dann weiter und irgendwann habe ich mich dran gewöhnt. Und irgendwann habe ich mich über jeden Tagesstempel gefreut, nicht nur als Nachweis, schließlich weiß ich auf welcher Strecke ich unterwegs war, an so manchem Stempel hängt eine kleine Geschichte oder ruft Erinnerungen wach. Aber die Urkunde? Nein, ich glaub die brauche ich nicht, die wird im großen Karton untertauchen müssen.

Anschließend der obligatorische Gang zur Kathedrale. Hier ist mehr Betrieb. Es sind viele Pilger vom Camino francés in der Kirche. Auf dem Hauptweg muss ja mächtig was los sein. Wir suchen uns noch eine Unterkunft (wegen der nahen Osterwoche mit großem Pilgeransturm sind alle Pilgerherbergen zwecks Renovierung geschlossen) und danach holen wir unsere Rucksäcke im Pilgerbüro ab. Hier ist Halligalli. Vorm Tresen hat sich eine lange Schlange gebildet. Ein Spanier, Lehrer wie Martín mitbekommt, hält den Verkehr auf. Er will circa 40 Pilgerurkunden für eine Schulklasse. Angeblich ist er mit den Kindern von Sarria bis hierher gepilgert. Leider nehmen ihm das die Leute hinterm Tresen nicht ab. Es fehlen jede Menge Stempel und die Kinder sehen aus, als wären sie soeben aus dem Bus entstiegen. Die Unterhaltung wird dann laut, und dann noch etwas lauter, bis wir dann gehen. Was fürn Aufwand für ein Stück Papier. Das ist der Moment an dem ich mich mal wieder glückliche schätze mit einem Spanier unterwegs zu sein. Ohne Martín hätte ich kein Wort verstanden.

Mit all unserer Erfahrung, oder war es nur Faulheit, haben wir uns ein schäbiges Hostal ausgesucht, das zudem noch in der Straße mit den meisten Kneipen der Altstadt liegt. Wie eine schmale und hohe Altstadtgasse als Resonanzkörper zweckentfremdet werden kann, wird uns in der Nacht eindrucksvoll demonstriert. Bis zum Morgengrauen machen wir beide kein Auge zu.


34. Tag: Freitag, 30. März 2007 Der langweiligste Tag der letzten Wochen
Etappe: keine
Tageskilometer: 0 Gesamtkilometer: 991



Zeit, davon haben wir heute genug. Logisch, es steht keine Etappe an, auch die Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten haben wir uns gestern zu Gemüte geführt. Aus Langeweile drehen wir unzählige Runden. Hier ein Kaffee, dort ein Kaffee; dazwischen mal - Abwechslung muss sein - Interesse heuchelnd durch einen den vielen Läden, deren Regale von unsäglichem Pilgerkitsch überlaufen. Wir erkunden wo der Bus zum Flughafen abfährt, völlig überflüssig, wir werden ein Taxi nehmen. Dann alles wieder von vorne. Kaffee, Pilgerkitsch ...

Dann ist es soweit. Wir gehen in die Pilgermesse. Vor der Kathedrale treffen wir auf Gerd den wir das letzte Mal vor 500 km gesehen haben. Gerd ist dem historischen Verlauf der Vía de la Plata gefolgt und in Astorga auf dem Camino francés gestoßen. Wir staunen bei seinen Erzählungen von übervollen Herbergen und schlechtem Wetter.

Tja, dann die Pilgermesse. Wenn ich es genau nehme, habe ich hier nichts zu suchen. Weder war ich aus religiösen Motiven unterwegs, noch gehöre ich einer Kirche an, ich war noch nicht mal auf der Suche nach was auch immer. Und trotzdem, sogar ein bekannter Pilgerführer empfiehlt die Pilgermesse den Pilgern ohne religiösen Hintergrund (also den Wanderern) als würdigen Abschluss.

Würdig? Bei mir kommen da Zweifel auf. In meiner Kindheit war ich Messdiener, erzogen wurde ich in einem katholischen Elternhaus und lebe immer noch in einem christlichen Umfeld. Von einer Messe, und sei es eine Pilgermesse, in einer katholischen Kirche habe ich eine bestimmte Vorstellung.
Aber das hier? Während der Messe werden die Türen der Kirche verschlossen, nur gemerkt habe ich davon nichts. Ein steter Fluss von Neugierigen zieht durchs Kirchenschiff. Wo kommen die alle her? Aus allen Ecken und Bänken blitzt es. Als der Pfarrer am Altar steht, sehe ich vor lauter in die Höhe gehoben Fotoapparaten nichts mehr. Ein Spanier mit mehreren Apparaten um den Hals und in der Hosentasche liegt fast vor dem Altar und wechselt hektisch von einer Kamera auf die nächste. Hinter mir erhält eine asiatische Reisegruppe wortreiche und laute Erklärungen.
Der „Höhepunkt“ ist zweifellos erreicht, als der Pfarrer bekannt gibt, welche Gruppe hier seine Pilgerung beendet. Früher wurden noch die Namen vorgelesen, heute reicht es immerhin noch für eine allgemeine Erwähnung im Stil von „Eine Gruppe von 5 Personen aus XY ...“. Als eine Gruppe Niederländer, die den kompletten Weg von den Pyrenäen gegangen ist, erwähnt wird, reißen die im Stil eines Siegers ihre Arme nach oben. Das ist das Startsignal für alle anderen. Immer wenn eine Gruppe erwähnt wird: Arme nach oben winken, rufen, klatschen. Es sind an diesem Tag viele angekommen, trotz früher Jahreszeit. Als die zahlreichen Gruppen aus Sarria dran sind reicht es uns, wir gehen. Das ist keine Messe, das ist eine folkloristische Veranstaltung.

Mir fällt dann ein, dass wir zwei Dinge vergessen haben: Um während der Messe erwähnt zu werden, muss man im Pilgerbüro Bescheid sagen, und wir haben beide nicht das Pilgerritual vollzogen: jenes Berühren einer bestimmten Säule mit den Händen und dem Kopf, als Zeichen das der Weg beendet ist.

Wir sind froh als wir im Flugzeug sitzen und auf dem Weg nach Mallorca sind. Laut Flugplan habe ich dort zwei Stunden Aufenthalt, in denen mir Martín seine Familie vorstellen will. Leider haben wir jede Menge Verspätung. Nahtlos muss ich von einem Flugsteig auf den nächsten wechseln. Es reicht noch nicht mal für einen richtigen Abschied. Es ist wie Wochen zuvor in Rio Negro del Puente: wir geben uns die Hand, drehen uns um und gehen.

Wädi
17.10.2007, 16:41
Hallo Werner

Erst einmal möchte ich Dir gratulieren für das Durchhaltevermögen für Weg und Bericht. Und ich möchte Dir danken für die ausführliche Beschreibung des Weges. Ich habe seit Anbeginn Deinen Bericht aufmerksam verfolgt und mich immer wieder sehr gefreut wenn es weiter ging.

Ich möchte die Via im nächsten Januar/ Februar gehen. So waren mir vor allem Deine wettermässigen Beschreibungen wichtig. Du hast viel erlebt und wirst das dank Deinem Tagebuch auch nicht so schnell vergessen. Vielleicht werde ich auch versuchen meine Eindrücke in einem Tagebuch festzuhalten.

Gruss,

Werner Hohn
23.10.2007, 22:19
Aha, eine/r (?) der stillen Mitleser. Man hofft drauf und hört leider nie was von ihnen.


[...] Ich möchte die Via im nächsten Januar/ Februar gehen. So waren mir vor allem Deine wettermässigen Beschreibungen wichtig.
Bitte nicht vergessen: Wir hatten unverschämtes Glück mit dem Wetter. In der Regel ist es nass und kalt. Es kann sogar schneien.

[...] Du hast viel erlebt und wirst das dank Deinem Tagebuch auch nicht so schnell vergessen. Vielleicht werde ich auch versuchen meine Eindrücke in einem Tagebuch festzuhalten.

Gruss,
Genau, die ganze Arbeit habe ich mir wegen des Vergessens gemacht. Nach Jahrzehnten schaut man auf die Bilder, und immer öfter fehlt was.

Sollte es von dir ein öffentliches Tagebuch geben, lass von dir hören.

Die gröbsten Fehler sind nun raus - hoffe ich. Und einen Sack Kommas habe ich auch noch verteilt.

Gruß, Werner

Fernwanderer
24.10.2007, 21:14
Da ich anderweitig (http://forum.outdoorseiten.net/showpost.php?p=300108&postcount=15) lobend als Motivationscoach erwähnt worden bin, will ich mal die Blumen auch abschließend an meinen gelehrigen Schüler weiterreichen. :cool:
Meine persönliche Wertung mit
5sterne1stern
hatte ich ja schon abgegeben. Ein bischen detaillierter hieße das:
Du hast sehr schön die Stimmung auf so einer Tour eingefangen. Während man zuerst quasi mit dem Fallschirm aufschlägt und ein wenig desorientiert und genervt ist, gewinnt das ganze laufend an Zug und Ziel. Höhen und Zwischentiefs, tieferes Verständnis für die Umgebung und Kontakte unterwegs reichern dann das an was vorher eher nervig oder belanglos war und verwandelt es in interessante und berührende Eindrücke. Echt genial wie Du Dein verfrühtes Finale beschreibst und dann unplanmäßig aus der Tour "herausfällst" und Dich im Alltag der Termine wiederfindest.
So liest man nicht nur mit, sondern war ein bischen dabei auf der Via de la Plata.

Meinen Glückwunsch zu diesem Bericht
Fernwanderer

Werner Hohn
25.10.2007, 21:30
Danke schön!

Gruß, Werner

PS Es hat mehr geholfen als du dir vorstellst - vermutlich.

Radicle
01.01.2008, 19:01
Hallo Werner.
Auch ich habe in deinem Reisebericht 'geblättert' und finde ihn ebenfalls gelungen. In diesem Jahr werde auch ich - vorraussichtlich in Begleitung - den Jakobsweg wandern und frage mich, wieviel Geld du ungefähr ausgegeben hast? Ich denke, wir werden eher den Weg von Saint-Jean-Pied-De-Port nach Santiago de Compostela wandern.. vielleicht noch weiter zum Kap Finisterre. Mich interessiert jetzt, wieviel Geld ich für diese Reise zurücklegen sollte.. natürlich ohne große Hotelbesuche o.Ä.
Ich danke euch im vorraus und hoffe, dass ihr mir ungefähre Richtwerte zukommen lassen könnt. Ansonsten wünsche ich euch allen noch viel Spaß und viele schöne Erfahrungen beim Wandern.
Schöne Grüße,
Klara.

Werner Hohn
02.01.2008, 12:48
Hallo Klara,

deine Frage ist schnell beantwortet: 1.000 Euro.
Darin sind neben den Kosten für Essen und Trinken und die Spenden in den Herbergen (3 - 20 Euro), auch die Kosten für 2 Übernachtungen in einem Hostal, 1 neue Jacke, 1 Hose, 1 Speicherkarte für die Kamera und das Porto für ein Paket nach Deutschland enthalten. Die Kosten für die An- und Abreise sind nicht mit drin.
Das meiste ist fürs Essen in Bars/Restaurant drauf gegangen.

Vermutlich bewegen sich die Kosten auf dem Hautpweg auch in diesem Rahmen.

Gruß, Werner

sven_2007
02.01.2008, 15:01
Hallo Klara,

mit meinem Beitrag möchte ich nur Werner Hohns Angaben untermauern:

Wenn Du Dich ohne größere Voraberfahrung auf den Camino Francés begibst, mußt Du heute nach Meinung erfahrener Pilger von ca. 28,00 € pro Tagesetappe ausgehen. Da die Strecke SJPdP nach Santiago de Compostela in 33 Etappen unterteilt ist, kämst Du nach dieser Rechnung auf 924,00 €.

Mit einem Paket zurück Richtung Deutschland (und darum wirst auch Du vermutlich nicht herumkommen!) kämst Du bei dieser Rechnung auf ca. 1.000,00 € für Deinen Pilgerweg.

Mein letzter Camino Francés liegt schon etwas länger zurück, weshalb ich meine etwas jüngeren Erfahrungen vom Camino del Norte beisteuere.
Übertragen auf den Hauptweg hieße dies, daß Du bei 779,5 Kilometern für die Gesamtstrecke (und vorausgesetzt, Du übernachtest nicht regelmäßig in spanischen Paradores) mit ca. 1,17 € / Kilometer auf spanischen Pilgerwegen rechnen müßtest.

1,17 € / km * 779,5 km = 912,02 € + das obligate Rückpaket und wieder bist Du bei Werner Hohns 1.000,00 €.

Kilometer-Angaben und Etappen-Zahl habe ich den folgenden empfehlenswerten Links entnommen:

http://www.mundicamino.com

http://caminodesantiago.consumer.es

Viel Spaß bei Deinen Vorbereitungen

Philipp

Radicle
03.01.2008, 15:39
Hallo!
Ich danke euch.. nun kann ich mich schon etwas besser auf die Reise vorbereiten. Das mit den Etappen verstehe ich noch nicht so ganz: Stehen die in dem Reiseführer, damit man sich sicherer sein kann, am Abend eine Unterkunft zu haben?..ich denke, die Etappen variieren wohl nach Lust und Laune, aber dies ist ein Richtwert an dem man sich orientieren kann, oder?
Ich wollte zurück fliegen.. aber könnte man die Hinreise nicht auch per Mitfahrerzentrale starten, oder wäre dies unüberlegt?
Wie man bei Werner gesehen hat, sind Spanischkenntnisse nicht unbedingt notwendig. Doch du konntest sicherlich trotz deiner sprachlichen Unsicherheit anfangs immernoch besser Spanisch sprechen als ich. Wird dies sehr hinderlich sein?
Und noch eine letzte Frage:
Ist das doof, meine Fragen hier zu stellen?..ist ja schliesslich ein Wanderbericht. Wenn ja: wohin? ;)
Lieben Gruß,
Klara.

Werner Hohn
03.01.2008, 19:51
Hallo!
Ich danke euch.. nun kann ich mich schon etwas besser auf die Reise vorbereiten. Das mit den Etappen verstehe ich noch nicht so ganz: Stehen die in dem Reiseführer, damit man sich sicherer sein kann, am Abend eine Unterkunft zu haben?..ich denke, die Etappen variieren wohl nach Lust und Laune, aber dies ist ein Richtwert an dem man sich orientieren kann, oder?

Es gibt zwei deutschsprachige Reiseführer für den Camino francés. Unter uns gesagt, es gibt noch mehr, aber die beiden nachstehenden sind die Platzhirsche.

1. den aus dem Conrad-Stein-Verlag (Outdoor-Verlag) Deren Wegführer für die Jakboswege sind nicht immer nach Etappen aufgeteilt. Da können auch schon mal Strecken von nur 4 km extra beschrieben sein. Die Herbergen tauchen dann im Wegverlauf auf.

2. den aus dem Bergverlag Rother. Der ist nach Etappen aufgebaut. Wenn du die Wanderführer aus diesem Verlag kennst, wird dir alles vertraut vorkommen. Am Anfang alle Unterkünfte, Infrastruktur, Besonderheiten, usw. Danach die Wegbeschreibung.

Bei beiden kannst du die die Etappen einteilen wie es dir passt.

Vermutlich ist der aus dem Bergverlag im Augenblick das bessere Buch. Der aus dem Conrad-Stein-Verlag soll aber bald in einer Neuauflage (neuer Autor?) erscheinen.

Eigentlich benötigst du kein Buch. Auf dem Camino francés kann man sich so schnell nicht verlaufen. Stichwort Pilgerautobahn. Allerdings fehlen dir ohne Buch alle Infos rund um den Weg.
Die aktuellste Herbergsliste hat immer Jochen Schmidtke auf der Seite vom Freundeskreis der Jakobuspilger Hermandad Santiago Paderborn (http://homepages.uni-paderborn.de/pilger/). Er bietet sogar einen Download (http://homepages.uni-paderborn.de/pilger/Download.html) an. Und das ohne Mitgliedschaft!


Ich wollte zurück fliegen.. aber könnte man die Hinreise nicht auch per Mitfahrerzentrale starten, oder wäre dies unüberlegt?
Wenn Zeit für dich keine Rolle spielt, ist eine Mitfahrerzentrale überlegenswert. Vielleicht findest du auf der Seite www.jakobus-info.de und in deren drei Pilgerforum sogar eine Mitfahrgelegenheit.


Wie man bei Werner gesehen hat, sind Spanischkenntnisse nicht unbedingt notwendig. ... Wird dies sehr hinderlich sein?
Nö, hindert nicht. Ich stelle jetzt einfach mal die nicht überprüfte Behauptung in den Raum, dass 85 % aller Pilger aus dem Ausland kein Spansich sprechen; und die kommen alle durch.

Als Beispiel muss "Michael", der Mensch der mit mir in Sevilla gestartet ist, herhalten. Gestartet ist der mit Null Sprachkenntnissen, Unterwegs hat es sich einen kleinen Wortschatz fürs Begrüßen, Verabschieden, Danke und Bitte zugelegt. Viel mehr war es nicht. Und trotzdem ist der die Vía fast komplett alleine gegangen. Er hat sich überall mit Händen und Füßen durchgeschlagen. Sei es auf der Polizei weil er eine Unterkunfte brauchte, sei es im Fotoladen beim Kauf einer Kamera. Sogar die wenige Stunden später fällige Reklamation wegen der falschen Speicherkarte hat der alleine geregelt.

Wie du siehst, alles kein Problem.


Und noch eine letzte Frage:
Ist das doof, meine Fragen hier zu stellen?..ist ja schliesslich ein Wanderbericht. Wenn ja: wohin? ;)
Lieben Gruß,
Klara.
Nein ist nicht doof. Das ist ja auch der Sinn der Wanderberichte. Einzig, dass in vielen Reiseberichten sehr viele Bilder hochgeladen werden müssen (dieser macht ja auch keine Ausnahme), macht es für einige etwas langwierig.

Alternativ könntest du auch im Forum für die Reisevorbereitung Europa posten.

NACHTRAG: Wenn noch mehr Fragen kommen, können wir auch einen Mod bitten, das Ganze ab deiner ersten Frage abzutrennen und in obiges Forum zu verschieben. Es geht dann eventuell schneller.

Gruß, Werner

laurita_alemana
07.01.2008, 22:44
Hallo,

hier kommen gleich noch ein paar Fragen ;)

Ich bin 2006 nach Santiago auf dem Camino francés gelaufen, allerdings im August/September. Jetzt zieht mich die Via de la Plata an, und demzufolge habe ich Deinen Bericht mit großem Interesse gelesen.
Ich plane auch Ende Februar loszulaufen, habe jedoch nur 3 Wochen Zeit und rechne damit ungefähr bis Salamanca zu kommen. Nun verunsichert mich die Jahreszeit noch etwas, weil ich wie gesagt nur das Sommerwandern kenne.
Könntest Du vielleicht nochmal genau auflisten, was genau Du an Ausrüstung (genauer gesagt an Kleidung) mit hattest? Ich glaube das wäre eine wertvolle Orientierungshilfe für mich, weil ich mir einiges auch neu kaufen muss, und ich mich einerseits aus Geld- aber vor allem auch aus Gewichtsgründen nicht mit zu vielen Dingen eindecken möchte, die ich dann nicht brauche.
Konkrete Fragen zur Kleidung wären:

1. Lange Funktionsunterwäsche (Hose und Hemd) unter einer normalen (Sommer)-Trekkinghose? Wenn ja, ein oder 2 Paar?
2. Ich habe mir jetzt eine Softshell gekauft und einen Fleece. Reicht ein Fleece oder braucht man einen zweiten zum Wechseln?
2. Poncho oder Regenjacke und Regenhose?

Und dann noch zum Schlafsack. Ich habe bei Globetrotter einen Schlafsack mir ausgeguckt mit einem Komfortbereich von 7 ° und Gewicht 740 g.
Meru Kolibri Down (http://www.globetrotter.de/de/shop/detail.php?mod_nr=zr_20601&k_id=0501&hot=0&GTID=c3bc7bf487abf515e0e56e2ac806f510a31)
Reicht das vom Temperaturbereich auch in den ungeheizten Herbergen? Oder evtl. noch ein Inlet dazu oder einen ganz anderen Schlafsack?

Einerseits fasziniert mich die Einsamkeit des Weges zu dieser Jahreszeit andererseits muss ich gestehen habe ich auch großen Respekt davor, da ich alleine gehen werde. Bin zwar auch auf dem Camino Francés alleine unterwegs gewesen, aber wenn man dort nicht alleine gehen will, muss man dies ja auch nicht. Auf der Via sieht das ja schon anders aus, und als Frau ist das vielleicht auch noch mal was anderes, obwohl ich in Sicherheitshinsicht eigentlich keine Bedenken habe. Dann kann ich ja nur hoffen, dass die paar Hansels die da auch unterwegs sind in Ordnung sind ;)

Für alle Antworten und Tipps bin ich dankbar!

Werner Hohn
08.01.2008, 14:48
...
Ich plane auch Ende Februar loszulaufen, habe jedoch nur 3 Wochen Zeit und rechne damit ungefähr bis Salamanca zu kommen. Nun verunsichert mich die Jahreszeit noch etwas, weil ich wie gesagt nur das Sommerwandern kenne.
Könntest Du vielleicht nochmal genau auflisten, was genau Du an Ausrüstung (genauer gesagt an Kleidung) mit hattest? Ich glaube das wäre eine wertvolle Orientierungshilfe für mich, weil ich mir einiges auch neu kaufen muss, und ich mich einerseits aus Geld- aber vor allem auch aus Gewichtsgründen nicht mit zu vielen Dingen eindecken möchte, die ich dann nicht brauche.
Kein Problem. Das ist meine Standardausrüstung für alle Ecken Mittel- und Südeuropas. Dass ich immer ein Zelt mitschleppe, ist 'ne schlechte Angewohnheit. Auf der Vía ging das allerdings in Salamanca per Post zurück. Man benötigt es wirklich nicht.

Rucksack Deuter ACT 40 Lite 1.630
Zelt Vaude Hogan 1.520
Isomatte (Noname) 5 mm 170 immer außen an der Seite
Schlafsack Yeti Pound 570
Inlett (Seide) 150

Regenjacke Marmont PreCip 350
Regenhose Marmont PreCip 242
Poncho 380

Klamotten 900
Fleecejacke (Noname 9 Euro) 343
Badelatschen Deichmann 190

Hygiene/Medizin 800

Handy/Foto/Ladegeräte 700
PET-Flasche 45
Stirnlampe Petzl Zipka 58
Tasse/Besteck (Titan/Lexan) 90
Kleinkram 300
Sitzkissen 5 mm 24
Karten/Wanderführer 350
Eiserne Reserve (Futter) 400
-----------------------------------------
ca. 9.100 Gramm


Konkrete Fragen zur Kleidung wären:

1. Lange Funktionsunterwäsche (Hose und Hemd) unter einer normalen (Sommer)-Trekkinghose? Wenn ja, ein oder 2 Paar?
Lange Unterwäsche hatte ich nicht mit. Im Süden bin ich locker mit einer normalen Trekkinghose von Alpine Lowe ausgekommen. Auf der Kastilischen Hochebene war es morgens so kalt, dass ich direkt mit zwei Trekkinghosen übereinander losgezogen bin. Dafür habe ich einfach meine Reservehose zweckentfremdet. Dabei handelt es sich um eine dünne superleichte (225 gr.) Sommerhose aus DRYLON von Salwea. Die trocknet schon, wenn jemand das Wort Heizung ausspricht.
Oder ich habe die Regenhose drüber gezogen, besonders praktisch und wohltuend bei dem starken Wind den wir öfter hatten.
Spätestens zur Frühstückspause gegen 10 Uhr war ich nur noch mit einer Hose unterwegs, sogar in den Bergen Galiciens.

Als Unterwäsche hatte ich 2 Baumwohlunterhosen und eine aus Kunstfaser mit. Sogar die aus Baumwolle habe ich immer trocken bekommen. Es wurde allerdings auch nur dann gewaschen, wenn wir früh am Etappenort waren.

Ein Hemd war nicht im Rucksack, dafür zwei Poloshirts von KiK für 4,95 aus einer Kunstfaser/Baumwoll-Mischung.


2. Ich habe mir jetzt eine Softshell gekauft und einen Fleece. Reicht ein Fleece oder braucht man einen zweiten zum Wechseln?
An deiner Stelle würde ich die Softshell mitnehmen. Ich hatte nur eine dünne Fleecejacke aus Polartec 100 mit. In der Sonne war die in einer guten Stunde trocken. Im Süden hat die ihren Zweck voll erfüllt. Tagsüber wurde es dort immer 20 - 25 Grad warm.
Im Norden war die Jacke aber viel zu dünn. Tagsüber war es so warm, dass ich im Poloshirt gelaufen bin, doch für den Abend war das nichts. In Mombuey habe ich mir eine superdicke Fleecejacke aus 2 x 300 Fleece gekauft. Es gibt nichts besseres für winterkalte Herbergen!


2. Poncho oder Regenjacke und Regenhose?
Ich würde für Poncho und Regenhose plädieren. Einmal kannst du die Hose bei Kälte gut gebrauchen, und dann nützt dir der Poncho alleine bei viel Wind nichts. Der weht dauernd hoch. Um diese Jahreszeit würde ich mich auf Wind einstellen.


Und dann noch zum Schlafsack. Ich habe bei Globetrotter einen Schlafsack mir ausgeguckt mit einem Komfortbereich von 7 ° und Gewicht 740 g.
Meru Kolibri Down (http://www.globetrotter.de/de/shop/detail.php?mod_nr=zr_20601&k_id=0501&hot=0&GTID=c3bc7bf487abf515e0e56e2ac806f510a31)
Reicht das vom Temperaturbereich auch in den ungeheizten Herbergen? Oder evtl. noch ein Inlet dazu oder einen ganz anderen Schlafsack?
Der müsste schon langen. Bei mir geht immer ein Seideninlett mit. Es hält den Schlafsack sauber, lässt sich schnell mal durchs Wasser ziehen und erweitert den Einsatzbereich des Schlafsacks um ca. 3 Grad.

Mein Yeti Pound kommt bei weitem nicht an die Werte ran, die für den Kolibri angegeben werden.

Bis auf 3 oder 4 Nächte habe ich immer nur mit einer Unterhose bekleidet gepennt. Richtig saukalt war es nur in der Herberge von Don Blas, Cañaveral und Requejo. Dort habe ich mit voller Montur gepennt.


Einerseits fasziniert mich die Einsamkeit des Weges zu dieser Jahreszeit andererseits muss ich gestehen habe ich auch großen Respekt davor, da ich alleine gehen werde. Bin zwar auch auf dem Camino Francés alleine unterwegs gewesen, aber wenn man dort nicht alleine gehen will, muss man dies ja auch nicht. Auf der Via sieht das ja schon anders aus, und als Frau ist das vielleicht auch noch mal was anderes, obwohl ich in Sicherheitshinsicht eigentlich keine Bedenken habe. Dann kann ich ja nur hoffen, dass die paar Hansels die da auch unterwegs sind in Ordnung sind ;)
...
Also einsam wird es werden! Am zweiten Tag kommst du in die erste richtige Herberge mit einem Pilgerbuch. Die Klagen über die Einsamkeit des Weges im Winter nehmen darin einen großen Raum ein - und das schon am zweiten Tag. Noch heute betrachte ich es als großen Glücksfall, dass ich auf Martín getroffen bin. Vermutlich hätte ich sonst auch in dem ein oder anderen Pilgerbuch meinen Frust über die menschenleere Weite Innerspaniens ausgelassen.

Tja, wie man das als Frau sehen kann/soll/muss? Die Hansels die mir unterwegs übern Weg gelaufen sind waren durch die Reihe in Ordnung. Egal ob die wenigen Mitwanderer oder die Menschen am Weg. Als Ausländer wird man eh freundlicher behandelt. Bei spanischen Pilgern sind die Spanier nicht so freundlich und tolerant. Martín hat das mehr als einmal verwundert zur Kenntnis genommen.

Auf der Seite von R. Joos, dass ist der Autor der aktuellen Pilgerführers für die Vía aus der Outdoorreihe, via-de-la-plata.de (http://via-de-la-plata.de/), findest du einen sehr ausführlichen Erfahrungsbericht zweier Frauen von einer Winterpilgerung. Die beiden sind aber "nur" bis Cácers gegangen. Da wird es noch nicht so richtig kalt.

„Yeti“ - Zwei Studentinnen alleine unterwegs auf der Via de la Plata - Ein Tagebuch mit Fotogalerie

Links auf Erfahrungen klicken und dann nach unten scrollen.

Und beim Netzwerk Weitwandern (http://netzwerk-weitwandern.de/Wanderberichte_E.htm#E02) gibt es den Bericht von Prof. Georg Rückriem, "Weitwandern in Spanien: Die Ruta de la Plata.
Der Bericht ist schon etwas älter, beschreibt aber immer noch ganz gut die Verhältnisse auf der Vía, auch, dass er wegen Schnee die Tour einmal abbrechen musste. Achso, einfach die Fußnoten überlesen, dann wird es flüssig.

Wenn mich nicht alles täuscht, hat sich hier im Forum eine Frau angemeldet, die ebenfalls die Vía de la Plata im Frühjahr 2007 gegangen ist. Und zwar im März. Vielleicht liest sie das hier und meldet sich.

Gruß, Werner

aitrob
12.01.2008, 22:05
Hi!
Nachdem er lange auf meiner TODO-Liste stand, habe ich jetzt endlich mal deinen Bericht gelesen...so konnte ich immerhin alles am Stück lesen.
Tja, was soll ich sagen...der beste Reisebericht, den ich bisher gelesen habe!

Wenn's nach mir ginge, könnte ich mich jetzt gerade in den Zug setzen und zum Ausgangspunkt meiner Tour auf dem E4 fahren...muss halt leider vorher noch die Diplomarbeit fertigschreiben.

Grüße,
Bela

Werner Hohn
13.01.2008, 11:06
Dankeschön.

Um deine geplante Tour übern E4 beneide ich dich wirklich. Aber das habe ich an anderer Stelle ja schon mal erwähnt.

Bonne Route!

Werner

aitrob
13.01.2008, 23:26
Hoffe nur, dass ich dann die Geduld habe, so einen ausführlichen Wiki-Artikel zu schreiben wie du...

Bela

benedikt j.
21.01.2008, 15:42
Der Bericht hat mich mehrere Stunden vom Lernen abgehalten. Und ich bereue es kein Stück!
Ein super Bericht, der den Leser durch deinen guten Schreibstil förmlich mit auf die Reise nimmt. Und irgendwie fühlt man sich nach dem Bericht als Teil der Reise.

Großes Lob (muss ja auch sein für die Mühen des Schreibens, ich hoffe die Blasen an den Fingern halten sich in Grenzen ;-) )

mfg bene

outdoorfeelinggermany
21.01.2008, 19:58
auch von mir noch mal diie lorbeeren ! ein wirklich sehr schöner bericht, habe ihn nun bis zum ende durchgelesen und ich glaube meine freundin ist auch schon fast durch !
tja und nun fahren wir selbst hin, aber mit dem rad...
vielen dank, bin schon sehr gespannt und zähle schon die tage, flüge habe ich heute schon gebucht!

liebe grüße, tobi

Werner Hohn
21.01.2008, 22:24
Danke Leute. Es war anstrengender als das Wandern, bedeutend anstrengender.

@ benedikt j. Blasen an den Fingern gab es keine, aber eine Sehnenscheidenreizung am Unterarm.

@ Tobi Wann fliegt ihr eigentlich?

Gruß, Werner

outdoorfeelinggermany
22.01.2008, 16:30
moin werner wir fliegen am 18. märz und werden am 9.april wieder zurück fliegen !! sogar etwas mehr als 2 wochen :grins:
nur muss langsam mal mein neues fahrrad eintrudeln... warte schon seit november, soll aber angeblich im februar kommen... :motz:

wie sieht es eigentlich in spanien mit gaskartuschen aus ?

viele grüße, tobi

Werner Hohn
22.01.2008, 19:56
Gaskartuschen benötigt ihr eigentlich nicht. Es sei denn ihr wollt unter freiem Himmel pennen.

In den Herbergen stehen Gas- oder Elektroherde die von jeder/m benutzt werden können. Um die Jahreszeit werdet ihr meist alleine in den Herbergen sein, sogar ganz ohne Hospitalera/o. Nach kurzer Einweisung, wenn überhaupt, seit ihr euer eigener Herr. Ausnahme sind nur die Unterkünfte in den größeren Orten wie Salamanca, usw.

In vielen Häuser fehlen allerdings die Töpfe oder sind in einem saumäßig verdreckten Zustand. Also Alutpof mitnehmen.

Wenn ihr doch Gaskartuschen kaufen wollt, die gibt es in den Outdoor/Jagd- und Eisenwarengeschäften. In den Städten führen auch Sportgeschäfte (deportes) gelegentlich Gaskartuschen. Outdoorgeschäfte gibt es nicht viele. Wenn dann nur in Sevilla, in Zamora (mit Sicherheit, weiß aber nicht wo :( ) in und in Salamanca gegenüber der Hauptpost. Am Ortseingang von Mombuey gibt es einen kleinen Werkzeug/Baumarkt. Dort habe ich die blauen Kartuschen gesehen. Da seit ihr aber fast schon in Galicien mit seinen super Herbergen. Dort werdet ihr mit Sicherheit auf dem Herd kochen. Nur Töpfe fehlen in denen öfter.

Bei www.campingaz.de/ findest du eine Übersicht mit ausdruckbaren Plänen.

Über "Wo gibt's ...." und "City, area ..." kommst du zum Ziel. Rechne zur Sicherheit aber mit Stechkartuschen.

Bei 2 Wochen müsst ihr ganz schön in die Pedale treten. Bei der Planung für den nächsten Tag würde ich an euerer Stelle darauf achten, ob es steil und unwegsam wird. Dann empfiehlt sich das frühzeitige Ausweichen auf reguläre Straßen.

Gruß, Werner

eifelwalker
23.01.2009, 07:18
Hallo Werner!

Obwohl Dein Bericht ja schon etwas älter ist, möchte ich mich für die überaus "lebendige" Beschreibung Deiner Reise herzlich bedanken.

Ich habe selten einen solch ausführlichen und detaillierten Bericht gelesen, der einem das Gefühl gibt, selbst dabei gewesen zu sein. :D

Chapeau!

Leider ist es mir aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich, solch eine lange "Wanderung" zu unternehmen. Umso mehr freue ich mich über solche Reiseberichte wie den von Dir, der es durchaus wert wäre, einem noch breiteren Publikum zur Verfügung gestellt zu werden!


Liebe Grüße
Rainer

laurita_alemana
24.01.2009, 12:31
Hallo Werner!

Vielen Dank auch noch einmal von mir, für deine ausführlichen Tipps, auch wenn das jetzt schon ein Jahr her ist. Aus mehreren Gründen konnte ich mein Vorhaben letztes Jahr nicht realisieren, und hab dann (auch aus Frustration) nicht mehr hier vorbeigeschaut. Aber dieses Jahr ist es soweit, und wie so oft beim Camino fügen sich die Dinge, habe ich doch dieses Jahr wirklich die 6 Wochen Zeit die Via bis nach Santiago zu laufen. Also, deine Tipps haben mir sehr geholfen, und auch deine Berichte habe ich jetzt wieder mit großer Freude gelesen.

Liebe Grüße

Laurita

Werner Hohn
04.02.2009, 20:51
Danke euch beiden.

Ich hab' gesehen, dass Imgeshack langsam anfängt die Fotos zu verschlampen. Da muss ich wohl wieder mal neu hochladen. :motz:

Laurita, viel Spaß, den Rucksack hast du ja schon gepackt, wie ich sehe. :grins:

Was immer es ist, Rainer, vielleicht geht es auch auch mit an deine Gesundheit angepassten Etappen. Aber das ist Kaffeesatzleserei meinerseits.

Grüße, Werner

laurita_alemana
23.05.2009, 11:19
So, wenn auch mit ein "wenig" Verspätung wollte ich doch noch einmal kurz vorbeischauen. Fast 2 Monate ist meine Ankunft in Santiago nun schon her, nach 40 Tagen Wanderung auf der Vía. Es war eine wunderschöne Zeit, und ich hatte mit dem Wetter sogar noch mehr Glück als Werner, auch wenn ich mir das vorher gar nicht vorstellen konnte. Hatte eine halbe Stunde Nieselregen, ca. 4 Tage bewölkt mit teilweise recht starkem Wind, und die restliche Zeit nur Sonne. Beim einlaufen in Galicien Mitte März hat das Thermometer an den 30° gekratzt.
Insgesamt waren ein paar mehr Leute unterwegs als 2007, aber größtenteils waren wir nie mehr als zu zweit oder zu dritt in den Herbergen, und die letzten 100 km hatte ich ganz für mich alleine, also quasi das Gegenteil vom Camino francés ;)
Die letzte Etappe wurde bei Nacht gemacht, so war ich um halb 8 Uhr morgens in Santiago, und hatte die Kathedrale für fast eine halbe Stunde ganz für mich (bis auf die Putzfrau :grins:) und hab so diesmal auch in Santiago einen würdigen Abschluss gefunden.
Beeindruckt haben mich auf dem Weg neben der Landschaften vor allem die vielen, vielen hilfsbereiten und aufgeschlossenen Menschen. Als alleinlaufende 21-jährige hat man da vielleicht aber auch noch mal nen extrabonus ;)
So jetzt warte ich nur, dass sich meine Füße hoffentlich bald endgültig erhohlen, denen haben die 1000 km leider nicht so gut getan, aber der Orthopäde ist recht zuversichtlich dass sie sich wieder regenerieren. Und dann auf zu neuen Ufern :D
Danke nochmal für alle Tipps hier, sie haben mir wirklich weiter geholfen.

Werner Hohn
25.05.2009, 21:13
Na, die 1.000 km auf der Via am Stück war doch die Verschiebung um ein Jahr wert. Jedenfalls bilde ich mir ein, das aus deinen Zeilen rauszulesen.

Dass das zeitige Frühjahr eine klasse Zeit für diese Strecke ist, bleibt aber unter uns. ;-) Der meiste Regen kommt nun mal im April oder Anfang Mai. Aus unerfindlichen Gründen wollen dann alle dahin.

Gute Besserung für deine Füße. Vermutlich hast du vor, die weiterhin zu "quälen".

Werner

equipman
26.05.2009, 14:19
Wie hat sich den deine Marmot Precip Regenhose bislang bewährt (nicht nur auf dem Via de la Plata bezogen) ?

laurita_alemana
26.05.2009, 14:34
Habe mir ja auch die Marmot Precip besorgt, aber da ich auf der Via insgesamt genau eine halbe Stunde Regen hatte, und seit meiner Rückkehr auch noch nicht im Regen unterwegs war kann ich zu der Regenhose "leider" noch keine Auskunft geben ;)
War ja versucht in Salamanca das Regenzeug nach Hause zu schicken, aber besonders mit Galicien im Sinn war mir das doch zu riskant. Naja, hätte ich es nach Hause geschickt, hätte es bestimmt die ganze restliche Zeit geschüttet :grins:

Werner Hohn
26.05.2009, 20:20
Wie hat sich den deine Marmot Precip Regenhose bislang bewährt (nicht nur auf dem Via de la Plata bezogen) ?

Meine habe ich ein paar Jahre mitgeschleppt, die meiste Zeit natürlich im Rucksack. Bei Regen und Kälte getragen, na, ich vermute um die 700 km. Eigentlich war die Hose bis zum Schluss dicht, bis auf die Stellen, wo Druck aufs Material kam. Kritisch war Bereich des Beckengurts oder wenn eine Kamera die Hose von innen ausbeulte.

Vermutlich hat der Beschichtung das ewige Rollen, Stopfen, Falten, Knittern auf Dauer zugesetzt.

Werner

Der Wanderer
26.05.2009, 22:53
Wie hat sich den deine Marmot Precip Regenhose bislang bewährt (nicht nur auf dem Via de la Plata bezogen) ?

Meine hat nach ca. 500km angefangen, sich in die Einzelbestandteile zu zerlegen, d.h. an diversen Schweißnähten ist die Hose eingerissen, und vor allem hat sich die Beschichtung großflächig gelöst.
Sofern du die Hose beim Wandern nicht wie ich dauerhaft anhast, dich nicht oft auf felsigen Untergrund setzt und beim Wandern z.B. durchs Fjäll Gamaschen anhast, kann die Hose durchaus einige Jahre durchhalten.
Negativ ist auch die recht geringe "Wassersäule", bei Regen sollte man sich nicht längere Zeit hinsetzen, sonst bekommt man einen nassen Po. Also auch fürs Paddeln mit Kanadier nicht geeignet.

hcbukowski
05.01.2011, 20:14
"...Spirituelle Erfahrung oder eine Auszeit um mir über mein Leben Klarheit zu verschaffen, geschweige die Suche nach dem Sinn des Lebens sind nicht mein Ding."

Hallo Werner,
erst einmal vielen Dank für den interessanten, lebhaften und informativen Bericht (TOP-Fotos).
Werde die Via Ende Februar 2011 starten und freu´ mich schon riesig. Nur befürchte ich, daß ich nicht die Einsamkeit / Ruhe auf dem Camino haben werde wie Ihr. Viele suchen nach Alternativen zum Camino Francés.

Zu deiner o.g. Äußerung: Menschen pilgern nicht unbedingt auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, oder um Karheit über Zukünftiges zu erhalten. Pilgern oder generell Wandern macht den Kopf frei für das Wesentliche und begünstigt eben nebenbei auch diese Dinge. Wer bin ich? Was will ich? Was... auch immer.
Mir jedenfalls hat die Pilgerei auf dem Camino Francés geholfen, in Ruhe und mit Abstand zu allem, eine Entscheidung zu treffen, die mein künfiges Leben (hoffentlich auch weiterhin) positiv beeinflußt.

Im Grunde sehe ich das Pilgern auch eher sportlich / herausfordernd, aber etwas ist dann doch ganz anders.

Nochmals Dank für den Prima Bericht. Werde sofort weiter lesen. ;-)

Gruss
Volkmar

Werner Hohn
05.01.2011, 22:51
Hallo Volkmar,

das ist ja mal ein Zufall. Erstmals seit 2007 treffe ich in einer Woche Martin, meinen Partner von der Via 2007, und schon wird der Bericht ausgegraben.

Du magst richtig liegen mit deiner Ausführung übers Pilgern, aber ich schreibe ja über mich. Wenn ich meine Erlebnisse vom Camino francés und dem Caminho Português aus dem Jahr 2008 (http://www.outdoorseiten.net/forum/showthread.php?25366-PT-ES-Drei-Caminos-und-ein-Vorspiel-im-Sand) Revue passieren lasse, kann ich mich an Tausende Gründe fürs Pilgern erinnern. Und ja, etwas ist anders, sogar für so sture Wanderer wie ich einer bin. Ich weiß nur noch nicht was es ist.

Die ganz große Ruhe ist auch auf der Via de la Plata vorbei. So voll wie auf DEM Camino war es sogar im Heiligen Jahr auf der Via nicht. Immerhin haben sich von den 270.000 Menschen, die 2010 auf spanischen Pilgerwegen unterwegs waren, nur 14.200 für die Via de la Plata entscheiden. 2007, als ich unterwegs war, waren es allerdings 10.000 weniger.

Die aktuellen Zahlen haben die Jakobusfreunde Paderborn. (http://www.jakobusfreunde-paderborn.eu/Statistik.htm)

Ende Februar wird es vermutlich auch 2011 einsam sein. Ich wünsche die viel Glück mit dem Wetter. Immerhin bin in nicht der Einzige, der mit dieser frühen Jahreszeit sehr gute Erfahrungen gemacht hat.

Lass von dir hören, wenn du wieder im Land bist.

Grüße, Werner