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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Wandern ohne Schlaf



absolut-egal
12.05.2006, 13:40
Meine Erfahrung zeigt dass drei Tage durchgelaufen werden kann, allerdings ist dann ein Erschöpfungsgrad erreicht der unbedingt Schlaf erfordert um zu klarem Denken zurückzukehren.

Du meinst drei Tage, d.h. 72 Std. ohne (größere) Pause gehen? Wow. Wie kommt man dazu, so etwas zu machen? Und wird man nicht spätestens nach 36 Std., oder so, echt eingeschränkt in der Denkfähigkeit?

absolu-egal

Chalk2
12.05.2006, 20:22
Hi,

Wie komm ich dazu? Durch die Bundeswehr, dort war ich rund Zwei Jahre als Grundausbilder Tätig. Diese Form der 72 Stunden Durchschlageübung waren in meiner Einheit ein Teil des Abschlusstests für Rekruten gegen ende der Grundausbildung. Daher hatte ich das Vergnügen dies alle 3 Monate zu wiederholen.

Ja, warum? Ich glaub die Frage hab ich mir jedes Mal gestellt. Und ich denke genau darum geht es, die Selbstmotivation soll gestärkt werden, den eigenen Schweinehund niederringen.

Und natürlich die Grenzerfahrung, solch ein Marsch ist eine Herausforderung für Führer und Mannschaft, man muss immer Mittel und Wege finden die Motivation so hoch zuhalten dass sich die Gruppe untereinander Selbstmotiviert, sich gegenseitig Hilft und Stärkt.

Man geht davon aus das die Mehrzahl der Menschen 72 Stunden ohne schlaf auskommen kann und noch in der Lage ist planvoll zu Handeln. Allerdings liegt diese grenze in der Praxis für jeden unterschiedlich, mit der Zeit entwickelt man einen Blick für die Symptome und kann entsprechen Handeln (Gepäck abnehmen, kurze Rast, Koffeintabletten ausgeben, manchen reicht schon eine Zigarette).
Wenn ich mit 12 Mann loslaufe kommen regulär 6 davon an. Wobei auch Gruppen dabei waren die noch weiter gelaufen währen. Ist bei einem Körperlich gesunden Menschen nur eine Frage der Motivation. Wenn auf der einen Seite ein Soldat mit blutig gelaufenen Füßen sich noch einen weiteren Tag Quälen kann, und auf der andern Seite beim kleinsten wewehchen ein Krankentransport angefordert werden muss, dann liegt die Sache auf der Hand.

Zu den Symptomen, es beginnt meist mit „vorsich hin brabbeln“ das hört sich an als würde man Beten. Wenn man die Person anspricht reagiert diese meist erst nachdem man sie Berührt. Wiegender bis Schwankender gang, Laufen mit geschlossenen Augen (kann im Wald furchtbar wehtun) und Abschließend Halluzinationen, wobei das eher selten auftritt, einmal habe ich einen Felsformation im Nächtlichen Nadelwald für ein Mehrfamilienhaus gehalten. Ein Soldat versuchte Patronenhülsen aufzuheben die Kieselsteinen waren, wenn Halluzination auftreten sollte man klarstellen ob die Person unbedingt weitermachen möchte oder besser Rausgeholt werden will, in jedem Fall muss dieser Person ein Charakterstarker Begleiter zugewiesen werden.

Nach Erfolgreichem durchstehen dieser Übung, und dem dringend benötigtem Ausschlafen, bietet sich als Erzieherische Maßnahme ein Riesen Saufgelage an bei dem das erlebte nochmals Durchdiskutiert werden kann.

Chalk2

-EDIT-
Hier nochmal ein Paar Bilder
http://www.webspace-invasion.com/chalk2/Images/durchschlageuebung11.JPG
http://www.webspace-invasion.com/chalk2/Images/durchschlageuebung13.JPG
http://www.webspace-invasion.com/chalk2/Images/durchschlageuebungHIBA120.JPG
am ende gings nochmal über die Hindernissbahn :)

Thorsten
12.05.2006, 20:50
Die Sache mit den Halluzinationen habe ich bei ähnlicher Gelegenheit auch schonmal erlebt.
Wer das nicht kennt, sollte es sich nicht unbedingt schlimmer vorstellen als es in Wirklichkeit ist.
Hat nichts mit ausrasten oder Delirium zu tun.

Man sieht halt zwischendurch mal irgendwelche Sachen, die nicht vorhanden sind; merkt es aber normalerweise selbst.

So waren wir mal nach gut 60 Stunden ohne Schlaf bei ständiger Bewegung ganz flott auf einer kleinen Landstraße unterwegs, als der Verteidigungskollege vor mir einen kleinen Schlenker um ein nicht vorhandenes Hindernis machte.
Da stand halt eine Cola-Flasche auf der Straße, die er nicht umrennen wollte.

Ich selbst marschierte wenig später an einem Bauernhof vorbei: Wirtschaftsgebäude, Stall, Silo, Gülletank, alles was dazugehört.
Mal kurz zur Seite geschaut und plötzlich war er weg.
War ebenfalls nur eingebildet.

So ging es den meisten von uns, aber irgendwie hat es Spaß gemacht.
Man wusste, daß einem das Hirn einen Streich spielt und hat die Sache mit Humor genommen.
Sowas ist halt ein kurioses und nicht alltägliches Erlebnis.

Fritsche
16.05.2006, 10:13
Schon interessant was manche Leute aushalten!

Wenn ich längerfristig unter 8h Schlaf habe, werde ich krank, kurzfristig liegt die Grenze bei 5h....

Und die erwähnten Halluzinationen bei Schlafentzug kann ich bestätigen: nach 2 Nächten hintereinander mit ca 4-5h Schlaf habe ich beim Autofahren auf einer Bundesstraße eine Kreuzung gesehen, auf der mir jemand die Vorfahrt nehmen wollte. Vollbremsung hingelgt, um den Unfall zu vermeiden - und groß gestaunt als da gar keine Kreuzung war...

Waldhoschi
16.05.2006, 10:24
Einige Kulturen verwenden das schlaflose Marschieren übrigens auch für Meditationen. Ist sehr interessant. Sollte jeder mal ausgetestet haben.

Wulf
16.05.2006, 10:47
Die bei "Herr der Ringe" können sogar drei Tage am Stück ohne Schlaf rennen und am Ende immernoch kleinste Spuren interpretieren....

Aber beim Bergsteigen hört man ja auch immer wieder davon wie sich die Menschen ohne Schlaf puschen. Habe gerade erst einen Artikel über zwei Slowenen am Great Trango gelesen, die acht Tage unterwegs waren ohne sich je mehr als ein paar Stunden Schlaf zu gönnen...

Thomas
16.05.2006, 11:47
Ich denke, es macht einen riesigen Unterschied, ob man 3 Tage lang jede Nacht zwei Stunden schläft oder ob man sie komplett durchwacht.

sULoZ
30.05.2006, 19:20
Kann ich alles voll nachvollziehen. Wenn ich hin und wieder mal ne Nacht durchmache geht es mir genauso. Ziemlich verwirrt, als ob ich was geraucht hätte. Liegt einzig und allein an unserem Gehirn. Wir brauchen Schlaf um Erlebnisse (und sei es nur das alltägliche Geschehen) zu verarbeiten. Wenn ich mich zwanghaft dem nötigen Schlaf entziehe, sehe ich nach einer durchgemachten Nacht viele von den Dingen wieder, die am Vortag passiert sind. Mein Gehirn MUSS das Erlebte verarbeiten.

Hierzu vier interessante Thesen von Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Schlaf):
Die Regenerative Hypothese besagt, dass Schlaf schlichtweg der Erholung der Organe dient. Dafür spricht, dass nach dem Schlaf viele Körperfunktionen besser funktionieren als nach einer langen Wachphase. Jedoch sind auch im Schlaf nicht alle Körperfunktionen ausgeschaltet: Schaltet jemand das Licht an, so melden die Augen Helligkeit; gibt es ein Geräusch, so melden die Ohren dieses.

Die Adaptive Hypothese besagt, dass Schlaf grundsätzlich nicht der Erholung dient, sondern genetisch bezüglich seiner Länge programmiert ist, um ein ökologisches Gleichgewicht zu erhalten. Demnach schlafen und dösen große Raubkatzen ca. 18 Stunden am Tag, nicht um sich von den sechs Wachstunden zu erholen, sondern um eine „Überweidung“ ihres Jagdgebietes zu vermeiden. Den Beutetieren wird somit eine Chance gegeben, sich zu vervielfältigen und zu erhalten.

Die Kalibrations-Hypothese besagt, dass Schlaf dazu dient, die einzelnen Körpersysteme wieder in einen Ablaufrhythmus zu bringen. Es kann davon ausgegangen werden, dass nach ausreichendem Schlaf alle Organe und sonstigen Körperfunktionen entsprechend dem ihnen auferlegten inneren Programm zu laufen beginnen, aber dabei über den Tag hin unterschiedliche Geschwindigkeiten und Unregelmäßigkeiten erfahren. Schlaf rekalibriert dann quasi alle Systeme wieder und stellt sie faktisch auf Null.

Die Psychische Hypothese bezieht sich auf die Tatsache, dass wir im Schlaf Erlebnisse der Wachphasen verarbeiten. Das Gehirn wird bei dieser Verarbeitung von überflüssigen Informationen „gereinigt“. Auch hilft der Schlaf, neue Erfahrungen einzuordnen und positive wie negative Erfahrungen in Form von Träumen zu verarbeiten. Psychologen schätzen, dass ein Mensch nach zu langer Zeit ohne ausreichenden Schlaf gefährdet ist, dem Wahnsinn zu verfallen.[/url]

ice
31.05.2006, 02:55
Wesentlich schwieriger als die körperliche Leistungsfähigkeit, hab ich die geistige Leistungsfähigkeit bei längerem Schlafenzug empfunden. Der Körper macht schon irgendtwie mit (Läßt sich mit genügend Motivation irgendtwie auf laufen, klettern oder sonstwas programieren.) Nur der Kopf macht nicht mehr so mit. Hab festgestellt, daß es nach Schlafenzug sehr schwierig ist komplexere Denkvorgänge zufriedenstellend zu lösen.

Das apathische Verhalten das Chalk2 beschrieben hat tritt bei vielen Personen auch schon nach Körperlicher oder streßgebundener Überforderung ein.

asmeisne
31.05.2006, 08:18
Ich habe schon mehrfach in meinen Bergwander-Urlauben 3 Tage hintereinander ohne Schlaf verbracht, aber eher unfreiwillig. Es lag mehr daran, dass mein Zimmergenosse die ganz Nacht laut geschnarcht hat.

Trotzdem habe ich auf unseren doch recht langen Touren (10-12 Std. Gehzeit) nie eine Einschränkung gespürt, im Gegenteil, ich war fit und
euphorisch wie nie im Alltag.

Während ich in unserer Zivilisation in Deutschland bereits nach einer durchgemachten Nacht fix und alle bin, habe ich in den Bergen anscheinend endlos Energie.

Für mich gibt es ganz offenbar eine weitere Energiequelle des Menschens, dessen wir uns nicht bewußt sind, aber die wir in der Natur offenbar leichter anzapfen können.

Grüße

Andreas[/ot]

Markus K.
31.05.2006, 12:38
In meiner Ausbildung hatte ich einen Nebenjob im Kino in Kehl. Das Kehler Kino macht am Wochenende und an Feiertagen immer eine Doppelnacht, d.h.
Wer will kann sich 2 Filme nacheinander anschauen.
Der Letzte Film endet meistens gegen 2.30 oder 3.00 Uhr morgens, danach müssen noch 3 Sääle geputzt und gesaugt werden. In der Regel war man morgens gegen 5 Uhr fertig.

Ich habe erstmal am Freitag von 8.00 - 17.30 Uhr normal gearbeitet. Danach von 19.00 - 5.00 Uhr im Kino. Anschliessen zum Bäcker, nach Hause duschen und mit Eltern nach Freiburg Bekannte besuchten. Abends nach Hause und gleich wieder ins Kino zur Nächsten Doppelnacht. Wieder nach Hause und auf den Zug nach Allensbach am Bodensee bringen lassen. Dort angekommen, Zelt aufgebaut und erstmal den Sonntag verratzt.

Zwischendurch hatte ich Ruhephasen von 1-2h, in denen ich nicht schlafen konnte weil ich zu aufgedreht war. Habe natürlich viel Kaffee und Cola getrunken. Und ich hatte auch Phasen, bei denen ich gedacht habe ich falle gleich um.
Ich habe das Problem, dass die Konzentration ab und zu stark nachgelasse n hatte und ich zu stolpern und zu taumeln anfing. Allerdings nur für ein paar Minuten

Gruss Markus

winter
31.05.2006, 12:46
Körperliche Erholung muss nicht gleich Schlaf bedeuten.
Pausen von 1h, wo getrunken und gegessen wird, lassen die Erholungsphase wieder etwas verschieben.
Wach im Biwak, ohne Schlaf führt auch zu Erholung.

Wie seht ihr das?

Cheers

sULoZ
31.05.2006, 19:05
Körperliche Erholung muss nicht gleich Schlaf bedeuten.
Pausen von 1h, wo getrunken und gegessen wird, lassen die Erholungsphase wieder etwas verschieben.
Wach im Biwak, ohne Schlaf führt auch zu Erholung.

Wie seht ihr das?

Cheers

Es macht mit Sicherheit einen Unterschied ob man ständig wandert respektive arbeitet oder ob man zwischendurch mal ne Pause machen kann. Bin allerdings dennoch der Meinung, dass der Körper keinen Schlaf braucht, sondern lediglich das Gehirn. Für die Muskeln würde IMHO eine schlaflose Auszeit von ein oder zwei Stunden genügen, für das Gehirn jedoch nicht.
Ich würde in so einer Pause keine 3 Sekunden überlegen, sondern sofort einschlafen, wenn ich ne schlaflose Nacht hinter mir habe. Pause definiere ich jetzt mal als Auszeit, Stillstand. Das gilt natürlich nicht, wenn der Krieg ausgebrochen ist...

Kanem
31.05.2006, 21:37
Ich habe schon mehrfach in meinen Bergwander-Urlauben 3 Tage hintereinander ohne Schlaf verbracht, aber eher unfreiwillig. Es lag mehr daran, dass mein Zimmergenosse die ganz Nacht laut geschnarcht hat.
In so einem Fall kann es sein, dass man erstaunlich lange schläft, nichts davon mitbekommt und hinterher denkt, man sei die ganze Nacht wachgelegen...

derMac
31.05.2006, 22:51
Es gibt auch Menschen, die kommen http://www.3sat.de/nano/astuecke/06851/index.html]ganz (http://www.3sat.de/3sat.php?[url) ohne Schlaf[/url] aus.

Mac

Markus K.
02.06.2006, 10:44
Habt Ihr das Problem nicht, dass wenn Ihr stark übermüdet unterwegs seid, wandert oder läuft, dass die Konzentration nachlässt und ihr über die eigenen Füße stolpert oder kleine Absätze stolpert?

Gruss Markus

Anna Jones
24.06.2006, 22:56
Ich bild mir schon Sachen ein, wenn ich einfach nur so müde bin. 24 Stunden ohne Schlaf brauch ich dazu gar nicht.

z.B. vor einigen Tagen: Nachts mit dem Auto von der Stadt nach Hause gefahren, schon etwas müde gewesen. Am Gehsteig steht ein Fußgänger mit weißen Hosen. Leider wars kein Fußgänger, sondern nur so ein brusthoher heller Stromkasten....

pfadfinder
25.06.2006, 01:02
Hoffentlich sehe ich dann nicht mehrere Kreuzungen,wo gar keine sind,wenn ich nach Bonn durchfahren will!!!-Aber man merkt doch schon noch,wenn man spinnt,oder?? :shock: :sleep:

MfG

frank.draeger
25.06.2006, 08:53
Meine Erfahrung nach ist das reine Gewöhnungssache.

Ich weiß noch genau was ich für Probleme hatte als ich damals im Rettungsdienst mit 24h Schichten begann. Konzentrationsschwierigkeiten, fehlerhafte Wahrnehmungen usw. So wie ihr das oben beschrieben habt. Nach einigen Monaten war dann aber vom normalen Biorythmus nur das absinken der Körperthemperatur in den frühen morgenstunden übrig geblieben und ich habe im Anschluss an viele Schichten noch einen normalen, freien Tag verlebt um Abends normal ins Bett zu gehen. Am Anfang hab ich das noch versucht mit Vormittags schlafen, nach der Schicht, um aber das gleiche Problem wie viele meiner Kollegen zu bekommen, dass ich danach nur noch Kopfschmerzen hatte. Nach dieser Zeit hat mein Körper über ein Jahr gebraucht um wieder einen "normalen" Biorythmus zu bekommen.

Wärend der NAcht waren monotone Tätigkeiten immer die Schwierigsten, wie z.B. Fahrzeug putzen. Sobald wieder "Action" da war, in welcher Form auch immer war man dann voll da. Daher mein Tip, wenn Durchmachen, dann richtig Gas geben und irgendwie den Verstand am Arbeiten halten.